Alessandro Ignazio Marcello (1673–1747)
Alessandro Ignazio Marcello wurde am 1. Februar 1673 in Venedig geboren und starb dort am 19. Juni 1747. Er war venezianischer Patrizier, Komponist, Dichter, Maler und Gelehrter. Als Angehöriger des hohen Adels der Republik Venedig verband er eine politische Laufbahn mit intensiver künstlerischer Tätigkeit. Seine musikalischen Werke entstanden nicht im Rahmen einer professionellen Musikerkarriere, sondern als Teil aristokratischer Bildung und Repräsentation; gleichwohl besitzen sie einen festen Platz in der Geschichte des venezianischen Spätbarocks.
Alessandro entstammte dem alten venezianischen Adelsgeschlecht Marcello (Zweig Ramo della Maddalena). Er war der älteste Sohn des Senators Agostino Marcello (1646–1741) und von Paolina Cappello (* vor 1650 – † 1726) aus dem Patriziergeschlecht Cappello (Zweig San Lunardo), Tochter von Girolamo Cappello († 1656).
Sein jüngerer Bruder war Benedetto Marcello (1686–1739), später bedeutender Komponist, Jurist und Musikschriftsteller.
Marcello erhielt seine Ausbildung in Padua, einem Zentrum humanistischer und juristischer Studien. Überliefert ist eine umfassende klassische Bildung. Eine formale musikalische Ausbildung bei einem professionellen Komponisten ist nicht dokumentiert. Die musikalische Unterweisung erfolgte maßgeblich im familiären Umfeld: Agostino Marcello war selbst musikalisch gebildet, spielte Violine und verfasste Verse; beide Elternteile legten großen Wert auf die humanistische und künstlerische Ausbildung ihrer Kinder.
Im Dezember 1690 wurde Alessandro Marcello in den Maggior Consiglio, das höchste politische Organ der Republik Venedig, aufgenommen. Zwischen 1700 und 1701 war er im diplomatischen Dienst der Republik tätig, unter anderem im Peloponnes und im östlichen Mittelmeerraum. Im weiteren Verlauf seines Lebens bekleidete er zahlreiche staatliche Ämter, darunter Mitgliedschaften im Consiglio dei Quaranta und in der Signoria. Belegt ist zudem seine Tätigkeit als Richter jener Behörde, die für die Regulierung der venezianischen Wasserwege zuständig war – ein zentrales Verwaltungs- und Technikfeld der Lagunenstadt.
Parallel zu seiner politischen Laufbahn entfaltete Marcello eine breite kulturelle Tätigkeit. Er veröffentlichte acht Bücher lateinischer Distichen, die 1719 unter dem Titel Ozii giovanili erschienen. Als Maler schuf er Fresken in den Familienresidenzen in Venedig und Stra sowie in der Kirche San Marcuola. Darüber hinaus beschäftigte er sich mit Philosophie, Mathematik und Mechanik. Belegt ist auch seine Tätigkeit als Sammler von Musikinstrumenten, die er in einer eigenen Galerie präsentierte.
Marcello war Mitglied mehrerer gelehrter Akademien, darunter der Accademia della Crusca und der Accademia degli Animosi. Unter dem arkadischen Namen Eterio Stinfalico war er Mitglied der Pontificia Accademia degli Arcadi. Dieses Pseudonym verwendete er auch bei der Veröffentlichung eines Teils seiner vokalen Werke, insbesondere seiner Kantaten.
In seinem Haus in Venedig veranstaltete Marcello regelmäßig private Konzerte. Obwohl er kein Berufsmusiker war, ließ er mehrere Werke im Druck erscheinen, darunter Instrumentalkonzerte, Sonaten und Kantaten. Sein kompositorischer Stil steht fest in der Tradition des venezianischen Spätbarocks: klare formale Anlage, prägnante Solopartien und ein kontrollierter Einsatz kontrapunktischer Mittel. Eine stilistische Nähe zu Antonio Vivaldi (1678–1741) ist erkennbar, eine persönliche Zusammenarbeit jedoch nicht belegt.
Besondere Bedeutung besitzt die Sammlung La Cetra, die um 1738 in Augsburg erschien und sechs Instrumentalkonzerte umfasst. Diese Werke gelten als späte, konzentrierte Ausprägung des venezianischen Barockkonzerts. Das Grove Music Dictionary hebt ihre formale Knappheit, die sorgfältige Ausarbeitung der Solopartien und den bewussten Umgang mit kontrapunktischen Techniken hervor.
Marcello komponierte zudem Kantaten unter dem Namen Eterio Stinfalico. Hinweise deuten darauf hin, dass diese Werke möglicherweise in Rom aufgeführt wurden, wo er zeitweise im Umfeld der Familie Borghese (römisches Adelsgeschlecht) verkehrte. Überliefert ist, dass sie von führenden Sängern der Epoche interpretiert wurden, darunter Farinelli (1705–1782) und Faustina Bordoni (1697–1781).
Sein bekanntestes Werk ist das Konzert d-Moll für Oboe, Streicher und Basso continuo, das um 1717 in Amsterdam im Druck erschien. Dieses Konzert wurde von Johann Sebastian Bach (1685–1750) für Cembalo solo transkribiert (BWV 974) und erlangte dadurch weite Verbreitung. Der langsame Satz (Adagio) erhielt im 20. Jahrhundert zusätzliche Bekanntheit durch seine Verwendung in Filmmusiken, insbesondere in Anonimo veneziano (1970); diese Rezeption ist historisch sekundär, belegt jedoch die anhaltende Wirkung des Werkes.
In seinen letzten Lebensjahren zog sich Alessandro Marcello zunehmend aus dem öffentlichen Leben zurück. Nach Jahrzehnten politischer Tätigkeit und kultureller Präsenz widmete er sich verstärkt der geistlichen Lyrik, ein Umstand, der auf einen bewusst kontemplativen Lebensausklang schließen lässt. Marcello verstarb am 19. Juni 1747 und erreichte mit 74 Jahren ein für seine Zeit bemerkenswert hohes Alter. Übereinstimmende Hinweise deuten darauf hin, dass er seine letzten Jahre auf einem Familiengut in der Nähe von Padua verbrachte. Als möglicher Bestattungsort wird in der Überlieferung häufig Paviola genannt, gelegentlich konkretisiert durch den Hinweis auf die zum Familienbesitz gehörende Villa Giusti; eine eindeutige archivalische Bestätigung hierfür liegt jedoch nicht vor. Sein Lebensende fügt sich damit in das Bild eines venezianischen Patriziers, der sich nach einem aktiven öffentlichen Wirken in die private, geistige Sphäre zurückzog.
Die Werke Alessandro Marcellos sind im kritischen Werkverzeichnis von der US-amerikanischen Musikwissenschaftlerin Eleanor Selfridge-Field (* 1940) erfasst und mit der Sigle S katalogisiert. Mehrere Kompositionen gelten als verloren, darunter Bühnen- und Kammermusik. Das erhaltene Œuvre ist überschaubar, jedoch stilistisch geschlossen und dokumentiert exemplarisch die musikalische Kultur des venezianischen Patriziats im frühen 18. Jahrhundert.

Werkverzeichnis der Kompositionen von Alessandro Marcello nach dem kritischen Katalog von Eleanor Selfridge-Field
I. Instrumentalkonzerte (erhalten)
Konzert für Oboe, Streicher und Basso continuo in d-Moll, S.D935
Erstdruck: Amsterdam, Jeanne Roger (tätig 1701–1722), 1717.
Früher fälschlich Benedetto Marcello (1686–1739) zugeschrieben.
Bearbeitet von Johann Sebastian Bach (1685–1750) als BWV 974.
La Cetra – Sammlung von sechs Konzerten (Augsburg, um 1738):
Concerto Nr. 1 in D-Dur, S.D936
Concerto Nr. 2 in E-Dur, S.D938
Concerto Nr. 3 in h-Moll, S.D937
Concerto Nr. 4 in e-Moll, S.D939
Concerto Nr. 5 in B-Dur, S.D944
Concerto Nr. 6 in G-Dur, S.D941
Concerto in G-Dur für sieben Blockflöten, Streicher und Basso continuo, S.D945
Concerto für zwei Oboen in F-Dur, S.D940
Concerto für zwei Oboen in A-Dur, S.D942
Concerto für Cembalo, doppelte Streicherbesetzung und Basso continuo, S.D934
II. Kammermusik
Sonate Nr. 1 in c-Moll, S.C919
Sonate Nr. 2 in D-Dur, S.D920
Sonate Nr. 3 in Es-Dur, S.D921
Sonate Nr. 4 in E-Dur, S.D922
Sonate Nr. 5 in e-Moll, S.D923
Sonate Nr. 6 in F-Dur, S.D924
Sonate Nr. 7 in g-Moll, S.D925
Sonate Nr. 8 in A-Dur, S.D926
Sonate Nr. 9 in A-Dur, S.D927
Sonate Nr. 10 in a-Moll, S.D928
Sonate Nr. 11 in B-Dur, S.D929
Sonate Nr. 12 in h-Moll, S.D930
III. Vokalwerke
12 Cantate di Eterio Stinfalico, erschienen 1708 bei Antonio Bortoli (um 1691–1744) in Venedig.
Die Kantaten sind im Werkverzeichnis von Selfridge-Field einzeln katalogisiert und alphabetisch nach ihren Textanfängen (Incipits) geordnet.
Zu den bekanntesten einzeln identifizierten Kantaten dieser Sammlung gehören:
Arder d’amore e non poterlo, für Sopran und Basso continuo, S.A901
In questo ameno e solitario, für Sopran und Basso continuo, S.I909
Infra notturni orrori (Serenata ad Irene), für Sopran und Basso continuo, S.I910
Quest’umile capanna, für Sopran und Basso continuo, S.Q913
Riposo di Clori (Sotto l’ombra), für Sopran und Basso continuo, S.S915
Veggio la bionda Dori, für Sopran und Basso continuo, S.V918
IV. Verlorene Werke (nach Selfridge-Field)
Im kritischen Werkverzeichnis von Alessandro Marcello sind neben den erhaltenen Kompositionen auch mehrere heute nicht mehr überlieferte Werke verzeichnet. Ihre Existenz ist quellenmäßig belegt, musikalische Materialien haben sich jedoch nicht erhalten:
Gli amanti fedeli, Pastorale (Bühnenwerk), verloren.
Zwei Sonaten für zwei Violoncelli und Basso continuo, verloren.
Sonate für Oboe und Basso continuo, verloren.
Diese Werke sind im Katalog erfasst, jedoch nicht musikalisch rekonstruierbar und daher ausschließlich als verloren bezeugte Kompositionen zu führen.
Hinweis zur Systematik der S-Nummern
Die S-Nummern stammen aus dem Werkverzeichnis der US-amerikanischen Musikwissenschaftlerin Eleanor Selfridge-Field (* 1940) und sind in ihrem Buch Venetian Instrumental Music from Gabrieli to Vivaldi (Oxford University Press, Oxford 1994) dokumentiert.
Das S. steht dabei schlicht für ihren Namen.
Der Buchstabe nach dem Punkt (z. B. S.D, S.C, S.A) gibt nicht die Tonart, sondern die Art der Überlieferung an:
S.D = Drucküberlieferung
Das Werk ist in einem zeitgenössischen oder frühen Druck erschienen
(z. B. Konzerte oder Sonaten, die im 18. Jahrhundert publiziert wurden).
S.C = keine bekannte Drucküberlieferung
Das Werk ist nicht im Druck erschienen, sondern nur handschriftlich oder aus anderen Quellen überliefert.
S.A = alphabetische Katalogisierung nach dem Textanfang (Incipit)
Diese Kennzeichnung betrifft vor allem Vokalwerke.
Die Einordnung erfolgt nach dem Anfangsbuchstaben des Textes, nicht nach Gattung oder Erscheinungsjahr.
Konzert für Oboe, Streicher und Basso continuo in d-Moll, S.D935
Das Konzert für Oboe, Streicher und Basso continuo in d-Moll nimmt innerhalb von Marcellos Œuvres eine Sonderstellung ein. Es ist nicht nur sein bekanntestes Werk, sondern zugleich eines der frühesten und eindrucksvollsten Beispiele für die eigenständige Behandlung der Oboe als Soloinstrument im venezianischen Konzert der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Der Erstdruck erschien 1717 in Amsterdam bei Jeanne Roger (tätig 1701–1722) als Teil der Sammlung 12 Concerti a Cinque und machte das Werk früh über Italien hinaus bekannt.
Das Konzert folgt der klassischen dreisätzigen Anlage (Allegro – Adagio – Allegro), doch ist die Gewichtung der Sätze ungewöhnlich. Während die beiden schnellen Rahmensätze von klarer formaler Disposition und prägnanter motivischer Arbeit geprägt sind, steht das Werk bis heute vor allem wegen seines langsamen Mittelsatzes im Zentrum der Rezeption. Dieses Adagio entfaltet über einem ruhigen, gleichmäßig schreitenden Bass eine weitgespannte, kantable Oboenlinie von außergewöhnlicher Ausdrucksdichte. Die Melodie wirkt dabei weniger virtuos als vielmehr gesanglich, beinahe introspektiv, und entfaltet ihre Wirkung durch kontrollierte Spannung, schlichte Ornamentik und eine bewusst reduzierte Harmonik.
Stilistisch verbindet Marcello hier venezianische Konzerttradition mit einem ausgeprägten Sinn für Formökonomie und innere Balance. Im Gegensatz zu zeitgenössischen, stärker effektorientierten Konzerten verzichtet er auf ausgedehnte Ritornellstrukturen oder demonstrative Virtuosität. Die Oboe ist nicht als brillantes Gegenüber des Orchesters gedacht, sondern als tragende Stimme, die in einen dialogischen, oft kammermusikalisch wirkenden Zusammenhang eingebettet ist. Gerade diese Zurückhaltung verleiht dem Werk seine zeitlose Wirkung.
Die besondere Bedeutung des Konzerts zeigt sich auch in seiner Rezeptionsgeschichte. Johann Sebastian Bach bearbeitete das Werk als Cembalokonzert BWV 974 und trug damit wesentlich zu seiner weiteren Verbreitung bei. Die lange Zeit verbreitete Zuschreibung an Benedetto Marcello ist heute quellenkritisch widerlegt; das Konzert gilt eindeutig als Werk Alessandro Marcellos und ist im Werkverzeichnis von Eleanor Selfridge-Field unter der Nummer S.D935 erfasst.
Insgesamt steht dieses Oboenkonzert exemplarisch für Marcellos kompositorisches Profil: eine Musik von klarer Struktur, kontrollierter Ausdruckskraft und großer innerer Geschlossenheit, die weniger auf äußeren Effekt als auf nachhaltige musikalische Wirkung zielt. Gerade darin liegt die anhaltende Faszination dieses Werkes, das bis heute zu den zentralen Stücken des barocken Oboenrepertoires zählt.
https://www.youtube.com/watch?v=zTYYdKGGUMw
I. Satz – Allegro (Andante e spiccato)
Der eröffnende Satz ist klar ritornellartig angelegt, verzichtet jedoch auf ausgedehnte Tutti-Passagen zugunsten einer konzentrierten thematischen Arbeit. Die Oboe tritt früh als eigenständige, tragende Stimme hervor und entfaltet ihr Material weniger durch Virtuosität als durch kantable Linien und präzise motivische Verdichtung. Der Satz wirkt dadurch geschlossen und ausgewogen, mit einer bewusst kontrollierten Dramaturgie.
II. Satz – Adagio
Das Adagio bildet den expressiven Kern des Konzerts. Über einem gleichmäßig schreitenden Basso continuo entfaltet die Oboe eine weit gespannte, gesangliche Melodie von großer innerer Ruhe und melancholischer Intensität. Die sparsame Harmonik und der Verzicht auf äußerliche Effekte verleihen dem Satz eine beinahe zeitlose Eindringlichkeit.
III. Satz – Allegro (Presto)
Der Schlusssatz greift den dialogischen Charakter des Konzerts erneut auf und führt ihn zu einer lebhaften, aber nie übersteigerten Schlusswirkung. Rhythmische Prägnanz und klare Periodik bestimmen den Verlauf, während die Oboe in enger Verzahnung mit dem Orchester agiert. Auch hier bleibt Marcello einer ästhetischen Haltung treu, die Eleganz und Maß über demonstrative Brillanz stellt.
CD- Vorschlag
Alessandro Marcello, 6 Concertos "La Cetra" (and) Concerto in D Minor for Oboe and Strings, Insieme Strumentale di Roma, Leitung Giorgio Sasso, Oboe Andrea Mion, Brilliant Classics, 2014, Tracks 1 bis 3 der CD:
https://www.youtube.com/watch?v=85NAG7za8dA&list=OLAK5uy_lihTWvXNiZSQZDJXCzTrEN08qlhJg5no8&index=1
La Cetra – Sammlung von sechs Konzerten (Augsburg, um 1738)
Die unter dem Titel La Cetra erschienene Sammlung von sechs Konzerten stellt einen zentralen Beitrag Marcellos zur europäischen Instrumentalmusik des frühen 18. Jahrhunderts dar. Der Druck erschien um 1738 in Augsburg und richtet sich damit bewusst an einen mitteleuropäischen, nicht mehr ausschließlich venezianischen Adressatenkreis. Schon diese Wahl des Erscheinungsortes verweist auf die weite Verbreitung und Wertschätzung italienischer Konzertkunst nördlich der Alpen.
Der Titel La Cetra – die antike Leier als Symbol edler, ausgewogener Musik – ist dabei programmatisch zu verstehen: Nicht Virtuosität um ihrer selbst willen, sondern Maß, Klarheit und affektive Durchdringung stehen im Zentrum. Der Titel La Cetra bedeutet wörtlich „Die Zither“ bzw. genauer die antike Leier (griechisch kithára, lateinisch cithara). Gemeint ist nicht ein konkretes Instrument im barocken Sinn, sondern ein hoch aufgeladenes Symbol.
In der Musik- und Literaturtradition der Antike wie auch der Frühen Neuzeit steht die Cetra für: harmonische Ordnung, maßvolle, edle Musik, Verbindung von Kunst, Geist und Affekt, poetische und moralische Autorität der Musik.
Die Leier ist das Instrument des Apolls, des Gottes der Musik, des Maßes und der Klarheit – im Gegensatz zu dionysischer, entfesselter Ekstase. Wer seine Musik La Cetra nennt, erhebt also einen ästhetischen Anspruch: Musik soll bewegen, aber beherrscht bleiben; sie soll glänzen, aber nicht blenden.
Die sechs Konzerte sind als Concerti a cinque konzipiert, mit Solovioline, zwei Violinen ripieno, Viola und Basso continuo. Formal folgen sie dem etablierten dreisätzigen Schema schnell–langsam–schnell, doch innerhalb dieses Rahmens entfaltet Marcello eine bemerkenswerte Vielfalt an Charakteren, Tonarten und Affekten. Der Solopart ist anspruchsvoll, jedoch stets in das Gesamtgefüge eingebunden; dialogische Passagen zwischen Solo und Tutti überwiegen gegenüber bloßer Selbstdarstellung. Stilistisch bewegen sich die Werke zwischen venezianischer Konzerttradition im Umfeld Antonio Vivaldis (1678–1741) und einer stärker konturierten, teilweise bereits galanten Kantabilität, wie sie im deutschsprachigen Raum besonders geschätzt wurde.
https://www.youtube.com/watch?v=Tm1VFimhi60
Das Concerto Nr. 1 in D-Dur, S.D936, eröffnet den Zyklus mit repräsentativem Glanz. Die Tonart D-Dur, traditionell mit Festlichkeit und Strahlkraft verbunden, bestimmt den Charakter des gesamten Konzerts. Der Kopfsatz zeichnet sich durch klar gegliederte Ritornellform und markante Unisono-Passagen aus, in denen das Tutti eine stabile architektonische Grundlage schafft. Der Solist entwickelt darüber elegante Figurationen, die weniger auf extreme Virtuosität als auf rhythmische Prägnanz und motivische Geschlossenheit zielen. Der langsame Mittelsatz steht in bewusstem Kontrast: lyrisch, gesanglich und von einer fast kammermusikalischen Intimität geprägt, wobei die Solovioline mit langen, atmenden Linien über einem zurückgenommenen Continuo schwebt. Das Finale greift den festlichen Grundton wieder auf, verbindet tänzerische Energie mit klarer formaler Balance und schließt das Konzert mit souveräner Leichtigkeit.
https://www.youtube.com/watch?v=_Thf7t9ORFU&list=OLAK5uy_lihTWvXNiZSQZDJXCzTrEN08qlhJg5no8&index=4
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https://www.youtube.com/watch?v=tQPRvOKn6sI&list=OLAK5uy_lihTWvXNiZSQZDJXCzTrEN08qlhJg5no8&index=5
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https://www.youtube.com/watch?v=515GXlkcODM&list=OLAK5uy_lihTWvXNiZSQZDJXCzTrEN08qlhJg5no8&index=6
Das Concerto Nr. 2 in E-Dur, S.D938, nimmt innerhalb der Sammlung eine Sonderstellung ein, da die Tonart E-Dur im Barock vergleichsweise selten verwendet wurde und besondere klangliche Anforderungen stellt. Marcello nutzt diese Farbe gezielt, um eine helle, beinahe schwebende Klangwelt zu erzeugen. Der erste Satz ist von fließender Bewegung und transparenter Textur geprägt; die Solovioline integriert sich organisch in das Tutti, ohne scharfe Kontraste zu suchen. Der langsame Satz entfaltet eine sanfte, fast pastorale Stimmung, wobei harmonische Feinheiten und subtile Dissonanzen für emotionale Tiefe sorgen. Im Schlusssatz kehrt eine lebhafte Motorik zurück, die weniger durch Dramatik als durch elegante Beweglichkeit besticht und dem Konzert einen heiteren, lichtdurchfluteten Abschluss verleiht.
https://www.youtube.com/watch?v=hx_Na68onkI&list=OLAK5uy_lihTWvXNiZSQZDJXCzTrEN08qlhJg5no8&index=7
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Mit dem Concerto Nr. 3 in h-Moll, S.D937, wendet sich Marcello einem deutlich ernsteren Affektbereich zu. Die Molltonart verleiht dem Werk eine nach innen gerichtete, stellenweise melancholische Grundhaltung. Bereits der Kopfsatz ist stärker kontrapunktisch gearbeitet als in den vorhergehenden Konzerten; das Wechselspiel zwischen Solo und Tutti wirkt hier gespannter, rhetorischer. Der langsame Satz bildet das emotionale Zentrum des Konzerts: eine klagende, ausdrucksstarke Sololinie entfaltet sich über einem ruhigen, harmonisch dichten Fundament. Hier zeigt sich Marcellos besondere Begabung für gesangliche Melodik und affektive Verdichtung. Das Finale löst die Spannung nicht vollständig auf, sondern behält eine gewisse Ernsthaftigkeit bei – ein bewusster Verzicht auf oberflächliche Brillanz zugunsten innerer Geschlossenheit.
https://www.youtube.com/watch?v=ZX3pv1Niuwc&list=OLAK5uy_lihTWvXNiZSQZDJXCzTrEN08qlhJg5no8&index=10
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Das Concerto Nr. 4 in e-Moll, S.D939, steht dem vorhergehenden Werk im Ausdruck nahe, wirkt jedoch bewegter und dramatischer. Der erste Satz ist von energischen Gesten und deutlichen Kontrasten geprägt; die Solovioline tritt hier selbstbewusster hervor, ohne jedoch den Rahmen des Ensembleklangs zu sprengen. Im langsamen Satz erreicht Marcello eine besonders eindringliche Klanglichkeit: reduzierte Begleitung, expressive Linienführung und eine harmonische Sprache, die den Affekt der Klage mit nobler Zurückhaltung verbindet. Der Schlusssatz bringt rhythmische Schärfe und tänzerische Elemente ins Spiel, bleibt jedoch im Grundton ernst und spannungsvoll.
https://www.youtube.com/watch?v=OjVRXi-S_vk&list=OLAK5uy_lihTWvXNiZSQZDJXCzTrEN08qlhJg5no8&index=13
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Das Concerto Nr. 5 in B-Dur, S.D 944, bildet einen bewussten Gegenpol zu den beiden Mollkonzerten. B-Dur steht hier für Wärme, Gelassenheit und eine gewisse pastorale Ruhe. Der Kopfsatz entfaltet sich in großzügigen Phrasen, mit klarer thematischer Arbeit und ausgewogenem Verhältnis zwischen Solo und Tutti. Der langsame Satz zeichnet sich durch eine schlichte, beinahe liedhafte Melodik aus, die durch ihre Zurückhaltung überzeugt. Im Finalsatz verbindet Marcello tänzerische Leichtigkeit mit formaler Klarheit; das Ergebnis ist ein Konzert von unaufdringlichem Charme und harmonischer Geschlossenheit.
https://www.youtube.com/watch?v=UrmEDtl_h2s&list=OLAK5uy_lihTWvXNiZSQZDJXCzTrEN08qlhJg5no8&index=16
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Den Abschluss der Sammlung bildet das Concerto Nr. 6 in G-Dur, S.D941, das noch einmal die repräsentative Seite der Sammlung betont. Der erste Satz wirkt offen und kommunikativ, mit deutlichen Ritornellstrukturen und einer Solostimme, die vor allem durch elegante Beweglichkeit glänzt. Der langsame Satz ist von ruhiger Kontemplation geprägt und erinnert in seiner Schlichtheit an vokale Vorbilder. Das Finale schließlich verbindet Schwung, tänzerischen Impuls und formale Klarheit zu einem souveränen Abschluss des Zyklus.
https://www.youtube.com/watch?v=aY_CRRaG2uI&list=OLAK5uy_lihTWvXNiZSQZDJXCzTrEN08qlhJg5no8&index=19
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https://www.youtube.com/watch?v=e3K7q8tzAug&list=OLAK5uy_lihTWvXNiZSQZDJXCzTrEN08qlhJg5no8&index=20
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https://www.youtube.com/watch?v=ugg0vz56mDA&list=OLAK5uy_lihTWvXNiZSQZDJXCzTrEN08qlhJg5no8&index=21
Insgesamt zeigt La Cetra Alessandro Marcello auf dem Höhepunkt seines kompositorischen Könnens. Die Sammlung vereint venezianische Tradition, melodische Erfindungskraft und formale Disziplin zu einer Musik, die weniger auf spektakuläre Effekte als auf dauerhafte Überzeugungskraft zielt. Gerade diese Verbindung von Eleganz, Ausdruck und struktureller Klarheit erklärt, warum La Cetra im deutschsprachigen Raum des 18. Jahrhunderts besondere Resonanz fand und bis heute als eines der geschlossensten und repräsentativsten Werke Marcellos gilt.
CD-Vorschlag
Alessandro Marcello; 6 Concertos "La Cetra", Insieme Strumentale di Roma, Leitung Giorgio Sasso, Brilliant Classics, 2014, Treacks 4 bis 21:
https://www.youtube.com/watch?v=_Thf7t9ORFU&list=OLAK5uy_lihTWvXNiZSQZDJXCzTrEN08qlhJg5no8&index=4
Concerto in G-Dur, S.D945
Das Concerto in G-Dur für sieben Blockflöten, Streicher und Basso continuo, S.D945, gehört zu den ungewöhnlichsten und klanglich reizvollsten Instrumentalwerken Marcellos. Es steht exemplarisch für jene Seite seines Schaffens, die jenseits des berühmten Oboenkonzerts d-Moll liegt und den experimentierfreudigen, farbenbewussten Instrumentalkomponisten erkennen lässt.
Die Besetzung ist bemerkenswert: Sieben Blockflöten bilden einen eigenständigen Solistenverband, meist in differenzierter Lage von Sopran- bis Bassinstrumenten, dem ein Streicherensemble und der Basso continuo gegenüberstehen. Anders als im klassischen Solokonzert mit einem einzelnen Virtuosen entsteht hier ein konzertierender Dialog zwischen einem vielstimmigen, kammermusikalisch verflochtenen Bläserchor und dem orchestralen Fundament. Marcello nutzt diese Konstellation nicht zur bloßen Klangfülle, sondern zu feinsinnig abgestuften Wechselwirkungen zwischen homophonen Blockakkorden, imitatorischen Einsätzen und solistisch hervortretenden Linien einzelner Flöten.
Siehe auch: https://imslp.org/wiki/Concerto_for_7_Recorders_in_G_major%2C_S.D945_(Marcello%2C_Alessandro)
Formal folgt das Werk dem im frühen 18. Jahrhundert etablierten dreisätzigen Concerto-Modell mit einem ruhigen Eröffnungssatz (Andante), einem bewegteren Mittelsatz (Allegro) und einem raschen, tänzerisch geprägten Schlusssatz (Presto). Innerhalb dieser klaren Anlage zeigt Marcello große Sensibilität für Proportion und Klangbalance: Die langsamen Passagen leben von der warmen, fast vokalen Verschmelzung der Blockflöten, während die schnellen Sätze durch lebendige Rhythmik, kurze Motivwechsel und konzertierende Kontraste geprägt sind, ohne je in bloße Virtuosität um ihrer selbst willen abzugleiten.
https://www.youtube.com/watch?v=OgiDJoY531E
Stilistisch bewegt sich das Konzert zwischen venezianischer Mehrchörigkeit und der konzertanten Schreibweise des Hochbarock. Die sieben Blockflöten erinnern in ihrer Gruppierung an vokale Polychoralität, werden jedoch instrumental gedacht und idiomatisch geführt. Gerade diese Verbindung aus klanglicher Raffinesse, formaler Klarheit und ungewöhnlicher Besetzung macht das Concerto S. D945 zu einem singulären Werk innerhalb von Marcellos Œuvre.
Dass Alessandro Marcello viele seiner Kompositionen unter dem arkadischen Pseudonym Eterio Stinfalico veröffentlichte, verweist auf seinen aristokratischen Hintergrund und sein Selbstverständnis als gelehrter Dilettant im besten Sinne. Das Concerto in G-Dur für sieben Blockflöten ist ein besonders eindrucksvolles Zeugnis dieser Haltung: kein Effektstück für den schnellen Applaus, sondern ein subtil gearbeiteter Klangentwurf, der die Blockflöte als ernstzunehmendes Ensembleinstrument von außergewöhnlicher Ausdruckskraft präsentiert.
CD-Vorschlag
Concerti di Flauti, Telemann, Heinichen, Marcello, Amsterdam Loeki Stardust Quartet, Academy of Ancient Music, Leitung Christopher Hogwood (1941–2014), Decca Music Group Limited, 1994, Tracks 13 bis 15:
https://www.youtube.com/watch?v=L--kQJ03CsM&list=OLAK5uy_lm-iuWIQ8Jri9nGXgl4GNbLJPw2c7bnpw&index=13
Concerto für zwei Oboen in F-Dur, S.D940
Das Concerto für zwei Oboen in F-Dur, S.D940 von Alessandro Marcello gehört zu den charakteristischen Beispielen venezianischer Konzertkunst des frühen 18. Jahrhunderts. Besetzt ist das Werk mit zwei Solo-Oboen, Streichorchester und Basso continuo – eine Kombination, die dem Komponisten erlaubt, sowohl die klangliche Eigenart der Oboe als auch ihre dialogischen Möglichkeiten in besonderer Weise zur Geltung zu bringen.
Das Konzert folgt der klassischen dreisätzigen Form des barocken Instrumentalkonzerts. Die Satzfolge entspricht dem etablierten Modell einer schnellen Einleitung, eines langsamen, kantablen Mittelsatzes und eines abschließenden Satzes in wieder bewegterem Tempo. Die genauen Satzbezeichnungen variieren in den überlieferten Quellen und modernen Editionen; insbesondere der dritte Satz wird häufig als Andante geführt, was auf einen gemäßigten, fließenden Charakter hindeutet und weniger auf virtuose Brillanz als auf rhythmische Klarheit und formale Geschlossenheit zielt (Allegro–Larghetto–Andante ma non presto).
Stilistisch ist das Werk deutlich in der venezianischen Tradition verankert. Im Zentrum steht der kunstvoll geführte Dialog der beiden Oboen, die einander thematisch antworten, Motive übernehmen und variieren, ohne dabei in bloße Parallelführung zu verfallen. Marcello gestaltet diesen Zwiegesang mit großer Ausgewogenheit: Die Soloinstrumente treten sowohl gemeinsam als auch einander gegenüber auf, wobei ihr Zusammenspiel stets klar strukturiert und transparent bleibt. Das Streichorchester und der Basso continuo übernehmen dabei nicht nur eine begleitende Funktion, sondern rahmen die Solopassagen durch prägnante Tutti-Einsätze und sorgen für harmonische Stabilität sowie formale Gliederung.
Die Wahl der Tonart F-Dur verleiht dem Konzert einen warmen, hellen Grundcharakter, der der Oboe besonders entgegenkommt. Die melodische Linienführung ist von kantabler Eleganz geprägt, während die rhythmische Gestaltung lebendig, aber nie übersteigert wirkt. Virtuosität erscheint nicht als Selbstzweck, sondern ist stets in den Dienst des musikalischen Ausdrucks gestellt – ein Merkmal, das Marcellos Konzerte insgesamt kennzeichnet.
Das Concerto für zwei Oboen in F-Dur gehört zu den weniger bekannten, jedoch äußerst reizvollen Werken Alessandro Marcellos. Es zeigt ihn als feinsinnigen Gestalter dialogischer Konzertformen und erweitert das Repertoire für zwei Oboen um ein Werk, das durch stilistische Klarheit, ausgewogene Form und klangliche Raffinesse überzeugt. Gerade im Zusammenspiel historischer Instrumente entfaltet dieses Konzert seinen besonderen Reiz und belegt eindrucksvoll die Bedeutung Marcellos innerhalb der venezianischen Instrumentalmusik seiner Zeit.
Die Bezeichnung „Codex Marciano – Concerto XVI“ verweist auf die handschriftliche Überlieferung des Werks in einem Sammelmanuskript der Biblioteca Nazionale Marciana in Venedig. Das Concerto ist dort in der Sammlung Fondo Latino, Abteilung IV, unter der Signatur 573 überliefert.
Der Codex Marciano ist keine vom Komponisten autorisierte Druckausgabe, sondern ein archivalisches Quellenkonvolut, das mehrere Instrumentalkonzerte aus dem venezianischen Umfeld des frühen 18. Jahrhunderts enthält. Die römische Ziffer XVI bezeichnet dabei schlicht die interne Ordnungsnummer innerhalb dieses Manuskripts und hat keinen werkgeschichtlichen oder programmatischen Bedeutungsgehalt. Sie dient ausschließlich der Identifikation des einzelnen Konzerts innerhalb der Handschrift und belegt, dass das Concerto für zwei Oboen in F-Dur bereits früh in einer systematisch angelegten Sammlung venezianischer Konzertwerke tradiert wurde.
CD-Vorschlag
Alessandro Marcello, Concerto for oboe and strings in D minor, Unpublished Concertos and Cantatas from Codex marciano Lt. IV – 573 (= 9853), Venice Baroque Orchestra, Leitung Andrea Marcon (* 1963), ARTS Music, 1998 / 2006, Tracks 7 bis 9:
https://www.youtube.com/watch?v=-JVtz-3benQ&list=OLAK5uy_nVpAtz6XnqaLhXznZw_pkrwf51koFZAVk&index=7
Concerto für zwei Oboen in A-Dur, S.D942
Das Concerto für zwei Oboen in A-Dur, S.D942 gehört zu jenen Werken des venezianischen Spätbarock, die weniger durch äußerliche Virtuosität als durch stilistische Eleganz, formale Klarheit und ein fein austariertes Dialogprinzip bestechen. Während Marcellos Oboenkonzert in d-Moll – nicht zuletzt durch die berühmte Bearbeitung von Johann Sebastian Bach (BWV 974) – zu den meistgespielten Stücken des barocken Oboenrepertoires zählt, blieb das A-Dur-Doppelkonzert lange Zeit ein Werk für Kenner und Liebhaber der venezianischen Konzerttradition.
Das Konzert ist für zwei Oboen, Streicher und Basso continuo gesetzt und steht ganz im Zeichen des venezianischen Concerto-Stils des frühen 18. Jahrhunderts. Charakteristisch ist das ständige Wechselspiel zwischen den beiden Soloinstrumenten, die weniger als konkurrierende Virtuosen auftreten, sondern vielmehr einen gleichberechtigten musikalischen Dialog führen. Imitationen, Echoeffekte und parallel geführte Linien prägen den Verlauf der Solopartien und verleihen dem Werk eine kammermusikalische Transparenz, die deutlich von orchestraler Massivität abrückt.
Alessandro Marcello war ein venezianischer Patrizier und musikalischer Dilettant im historischen Sinne, also ein gebildeter Liebhaber und Kenner der Kunst. Einen Großteil seiner Werke veröffentlichte er unter dem Pseudonym Eterio Stinfalico, das er als Mitglied der Accademia degli Arcadi führte. Das A-Dur-Doppelkonzert wird häufig in diesem Zusammenhang als Teil seiner „akademischen“ Auseinandersetzung mit dem venezianischen Konzertstil verstanden: als bewusst stilreines, elegant proportioniertes Werk, das die idiomatischen Möglichkeiten der Oboe auslotet, ohne sie an die Grenzen des Virtuosenhaften zu treiben.
Formal folgt das Konzert der klassischen dreisätzigen Anlage. Der eröffnende Satz – in einigen Quellen und Aufnahmen als Andante spiritoso bezeichnet – verbindet lebhafte Bewegung mit tänzerischer Leichtigkeit und lebt vor allem vom imitatorischen Dialog der beiden Oboen. Die beiden Oboen imitieren sich gegenseitig (Echo-Effekte), was typisch für die venezianische Schule ist.
Der langsame Mittelsatz (Adagio) entfaltet einen gesanglichen, nahezu pastoralen Charakter; die Solisten sind hier häufig in Terzen oder Sexten geführt, was dem Satz eine besondere klangliche Geschlossenheit und Wärme verleiht.
Das abschließende Allegro schließlich zeigt sich als heiteres, rhythmisch prägnantes Finale, dessen tänzerischer Gestus an venezianische Opern- und Instrumentalsinfonien erinnert und den konzertanten Austausch der beiden Oboen noch einmal pointiert zuspitzt.
Siehe auch: https://imslp.org/wiki/Concerto_for_2_Oboes_in_A_major%2C_S.D942_(Marcello%2C_Alessandro)
In der älteren Überlieferung wurde das Werk nicht selten seinem Bruder Benedetto Marcello (1686–1739) oder gar Antonio Vivaldi (1678–1741) zugeschrieben. Erst die systematische Katalogisierung durch Eleanor Selfridge-Field (* 1940) ermöglichte eine sichere Zuordnung zu Alessandro Marcello, worauf auch das Sigel „S.“ in der Werknummer S. D942 verweist. Stilistisch unterscheidet sich das Konzert von Vivaldis Doppelkonzerten durch eine bewusst schlichtere, kantablere Melodik und eine Zurückhaltung im motorischen Drängen – Züge, die bereits in Richtung eines galanten Empfindens weisen, ohne den barocken Formrahmen zu verlassen.
Gerade in dieser Mischung aus formaler Disziplin, melodischer Eleganz und dialogischer Feinheit liegt der besondere Reiz des A-Dur-Doppelkonzerts. Es ist kein spektakuläres Schaustück, sondern ein kultiviertes, ausgewogenes Werk, das den venezianischen Konzertstil in seiner noblen, beinahe aristokratischen Ausprägung repräsentiert – eine echte Entdeckung für Hörer, die jenseits der allzu bekannten Barockwerke nach stilistischer Raffinesse suchen.
Concerto für zwei Oboen in A-Dur, S.D942
CD-Vorschlag
Alessandro Marcello, Concerto for oboe and strings in D minor, Unpublished Concertos and Cantatas from Codex marciano Lt. IV – 573 (= 9853), Venice Baroque Orchestra, Leitung Andrea Marcon (* 1963), ARTS Music, 1998 / 2006, Tracks 13 bis 15:
https://www.youtube.com/watch?v=_GuYvdMh460&list=OLAK5uy_nVpAtz6XnqaLhXznZw_pkrwf51koFZAVk&index=13
Concerto G-Dur, S.D934
Das Concerto für Cembalo, doppelte Streicherbesetzung und Basso continuo in G-Dur, S.D934 gehört zu den bemerkenswertesten Instrumentalwerken Marcellos und nimmt innerhalb seines Œuvres eine Sonderstellung ein. Bereits die Besetzung weist auf einen bewusst erweiterten konzertanten Anspruch hin: Das Cembalo tritt hier nicht lediglich als Generalbassinstrument auf, sondern erscheint mit einer ausdrücklich notierten, eigenständigen Stimme, die deutlich über die reine Akkordstütze hinausgeht. Gleichwohl bleibt das Werk stilistisch im Spannungsfeld zwischen Solokonzert und konzertierender Ensemblepraxis verankert und vermeidet eine virtuose Solistenexponierung im späteren, hochbarocken Sinn.
Die doppelte Streicherbesetzung ist als klangliche Erweiterung zu verstehen, die an venezianische Mehrchörigkeit anknüpft, ohne zwingend ein streng antiphonales Prinzip vorauszusetzen. Zwar erlaubt die Anlage dialogische und kontrastierende Wirkungen zwischen den beiden Streichergruppen, doch dient diese Teilung vor allem der Verdichtung des Satzes, der klanglichen Staffelung und der differenzierten Artikulation harmonischer Prozesse. Ein eigenständiger Basso continuo bildet das tragende Fundament und bindet Cembalo und Streicher zu einem geschlossenen Klangorganismus zusammen.
Formal folgt das Concerto der etablierten dreisätzigen Abfolge Allegro – Adagio – Allegro, wie sie für venezianische Instrumentalkonzerte der Zeit typisch ist. Innerhalb dieses Rahmens zeigt Marcello jedoch eine ausgeprägte Vorliebe für kontrapunktische Arbeit und motivische Durchdringung. Die Textur ist stellenweise dichter, als man es von vielen zeitgenössischen Konzerten kennt; melodische Führung und harmonische Entwicklung greifen eng ineinander, ohne dass der musikalische Fluss an Klarheit verliert.
Gerade in dieser Verbindung aus struktureller Strenge, klanglicher Erweiterung und moderater solistischer Profilierung liegt der besondere Reiz des Werkes. Das Concerto S. D. 934 ist weniger als virtuoses Schaustück zu verstehen, sondern vielmehr als reflektierte, klanglich reich nuancierte Ausformung des venezianischen Konzertgedankens, in dem das Cembalo eine ungewöhnlich exponierte, zugleich aber in das Gesamtgefüge integrierte Rolle einnimmt.
Es existiert für das Concerto [G] à due Cori per il Cembalo. con Violini. Primo Coro Otto Violini. Secondo Coro Otto Violini. Con tutti i Bassi, S.D934 von Alessandro Marcello derzeit keine kommerziell verfügbare Einspielung auf den verbreiteten Streaming-Plattformen oder als CD-Veröffentlichung. Diese Einstellung in der Diskographie lässt sich plausibel erklären: Die Besetzungsanforderung des Werkes ist ungewöhnlich und aufwendig. Die Partitur verlangt faktisch zwei gleichwertige Streichorchestern (jeweils mit acht Violinen oder entsprechenden Stimmen), ein obligates Cembalo und den Basso continuo. Eine derartige doppelte Streicherbesetzung multipliziert Besetzungs- und Probenaufwand und hat damit höhere organisatorische und finanzielle Anforderungen als die typischen Barockkonzerte mit kleineren Ensembles.
Für diejenigen, die das Werk dennoch studieren oder einsehen möchten, ist die Partitur über einen wissenschaftlichen Online-Rezensionskatalog zugänglich; ein digitaler Zugriffspunkt ist beispielsweise der Alvin-Katalog:
https://www.alvin-portal.org/alvin/view.jsf?pid=alvin-record%3A181300&dswid=-5420
Sonaten für Violine und Basso continuo S.D919 - S.D930
Von Alessandro Marcello ist eine geschlossene Sammlung von zwölf Sonaten für Violine und Basso continuo überliefert, die 1738 in Augsburg erstmals im Druck erschien. Der Komponist veröffentlichte die Sonaten nicht unter seinem bürgerlichen Namen, sondern unter dem arkadischen Pseudonym Eterio Stinfalico. Als Verleger fungierte Johann Christian Leopold, einer der bedeutenden Musikverleger Süddeutschlands in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
Exemplare dieses Drucks befinden sich heute unter anderem in der Bayerischen Staatsbibliothek (Signatur: 4 Mus.pr. 370) sowie in der Österreichischen Nationalbibliothek.
Die Sammlung umfasst folgende Sonaten: A-Dur (S.D926), B-Dur (S.D929), h-Moll (S.D930), a-Moll (S.D928), E-Dur (S.D922), Es-Dur (S.D921), c-Moll (S.D919), e-Moll (S.D923), D-Dur (S.D920), g-Moll (S.D925), F-Dur (S.D924) und A-Dur (S.D927). Stilistisch stehen die Werke ganz in der Tradition der italienischen Hochbarock-Sonata da chiesa bzw. da camera und sind für Solovioline mit Generalbass (in der Regel Cembalo und Violoncello) konzipiert.
Bemerkenswert ist, dass diese Sonatensammlung bis heute offenbar nicht in einer kommerziellen Gesamteinspielung vorliegt. Weder in den gängigen CD-Katalogen noch in den großen Streaming-Archiven lässt sich eine vollständige Aufnahme der zwölf Sonaten nachweisen; auch Einspielungen einzelner Sonaten sind bislang kaum oder gar nicht dokumentiert. Die Sammlung gehört damit zu den gut belegten, editorisch gesicherten, aber klanglich noch weitgehend unerschlossenen Werken Alessandro Marcellos.
