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Joseph-Nicolas-Pancrace Royer (1703–1755)


Ein Meister der galanten Tastenmusik und ein glanzvoller Vertreter der französischen Hofkultur


Joseph-Nicolas-Pancrace Royer wurde am 12. Mai 1703 in Turin geboren, als Sohn eines Offiziers im Dienst des Herzogs von Savoyen. Die Musik war zunächst lediglich ein Zeitvertreib für den jungen Royer, doch nach dem frühen Tod seines Vaters und dem Verlust jeglichen Erbes entschloss er sich, sie zu seinem Lebensinhalt zu machen. Es heißt, er habe in Turin bei Marc-Roger Normand (1663–1734), einem Verwandten von François Couperin (1668–1733), Unterricht erhalten – ein musikalisches Erbe, das sein weiteres Schaffen tief prägen sollte.


Um 1725 ließ sich Royer in Paris nieder, wo er eingebürgert wurde und als Cembalolehrer seinen Lebensunterhalt verdiente. Bereits in den 1720er Jahren komponierte er Musik für die populären Opéras comiques, etwa "Le Fâcheux veuvage" (1725) und "Crédit est mort" (1726), die auf Libretti von Alexis Piron (1689–1773) basierten und auf den Pariser Jahrmarktsbühnen großen Anklang fanden.


Sein offizieller Aufstieg begann 1730, als er laut Jean-Benjamin de Laborde zum Maître de musique an der Académie Royale de Musique berufen wurde – ein Amt, das mit der Uraufführung seiner ersten großen Oper "Pyrrhus" (1730) verbunden war. In den Folgejahren festigte Royer seine Stellung am Hof: 1734 wurde er zum Musiklehrer der königlichen Kinder ernannt, ein Jahr darauf übernahm er das Amt eines Maître de clavecin in der Musik der Chambre du Roi. 1735 sicherte er sich zudem ein exklusives Verlagsprivileg für seine Werke.


Seinen größten Bühnenerfolg feierte Royer mit dem ballet héroïque "Zaïde", reine de Grenade, das 1739 an der Pariser Oper uraufgeführt wurde. Die Musik wurde von der zeitgenössischen Kritik gelobt und mehrmals wiederaufgeführt – auch noch nach seinem Tod. Trotz späterer harscher Kritik durch Charles Burney (1726–1814), bleibt die Bedeutung von Zaïde für die Entwicklung des französischen Musiktheaters unbestritten.


Mit dem Ballett "Le Pouvoir de l’Amour" (1743) und der "Ode à la Fortune" (1746) – letzteres auf einen Text von Jean-Baptiste Rousseau (1671–1741) und von keinem Geringeren als dem Dauphin selbst uraufgeführt – zeigte Royer seine Fähigkeit, majestätische Repräsentationsmusik mit emotionaler Tiefe zu verbinden. 1748 wurde in Versailles sein einaktiges Opéra-ballet Almasis in einem privaten Theater der Marquise de Pompadour (1721–1764) präsentiert, die selbst die Hauptrolle übernahm.
Im selben Jahr trat Royer das Amt des Direktors des Concert Spirituel an – einer der wichtigsten öffentlichen Konzertreihen Frankreichs. Mit Energie und Innovationsgeist modernisierte er das Programm, initiierte bauliche Erneuerungen im Palais des Tuileries und brachte neben eigenen Werken auch die Musik von Komponisten wie Carl Heinrich Graun (1704–1759), Johann Adolf Hasse (1699–1783), Niccolò Jommelli (1714–1774), Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) und Jan Václav Antonín Stamic (1717–1757) zur Aufführung.


Auch geistliche Werke gehörten zu seinem Repertoire. So bearbeitete Royer das Stabat Mater von Giovanni Battista Pergolesi (1710–1736), überarbeitete Motetten von Jean Gilles (1668–1705) und veröffentlichte seine eigenen Kompositionen wie "Venite exultemus" (1751). Seine letzte bekannte Bühnenproduktion war "Prométhée et Pandore" (1752), eine Vertonung nach Voltaire (1694–1778), die jedoch wegen Voltaire selbst nie öffentlich aufgeführt wurde.


Royer verstarb überraschend am 11. Januar 1755 in Paris. Nach seinem Tod wurde er rasch vergessen, obwohl ihn Zeitgenossen wie Charles Philippe d’Albert, duc de Luynes (1695–1758) als außerordentlich kenntnisreichen Musiker und feinsinnigen Charakter würdigten. Jean-Baptiste Ladvocat, abbé de Fontenai (vers 1700–1772) hob seine kultivierte Spielweise auf Orgel und Cembalo hervor, während Évrard Titon du Tillet (1677–1762) ihn 1760 in das Supplément au Parnasse François aufnahm – ein spätes, aber verdientes Denkmal.


Besonderes Ansehen genießt Royer heute durch sein 1746 erschienenes erstes (und einziges erhaltenes) "Livre de pièces de clavecin", das er „Mesdames de France“ widmete – seinen königlichen Schülerinnen. Die Sammlung zeigt Royers ganze stilistische Bandbreite: von zarten Charakterstücken wie L’Aimable, La Sensible und Les Tendres Sentiments bis zu virtuosen Bravourstücken wie "La Marche des Scythes", das aus seiner "Oper Zaïde" stammt.


In seinem "Avis" an die Spieler betont Royer, dass er bewusst eine abwechslungsreiche Ausdrucksskala anstrebe – von Innigkeit bis zu dramatischer Wucht – und alle Verzierungen sowie Fingersätze präzise markiert habe. Sein Cembalostil zeichnet sich durch Gesanglichkeit, klangliche Farbigkeit und eine Nähe zur theatralischen Rhetorik aus. Royer war kein bloßer Transkripteur seiner Bühnenwerke, sondern gestaltete die Themen neu, mit künstlerischer Freiheit und Raffinesse. Werke wie "Les Matelots", "Les Tambourins" oder "Le Vertigo" belegen dies eindrücklich.


Ein zweiter Band mit Cembalostücken wurde zwar nach seinem Tod erwähnt, ist aber bis heute verschollen – möglicherweise blieb er im Besitz seiner Witwe, der Sängerin Louise Geneviève Le Blond (1715–1770). 


Bühnenwerke


Opéras-comiques für die Jahrmarktsbühne


Diese frühen Werke entstanden für die Foire Saint-Laurent und Saint-Germain und zeichnen sich durch volkstümlichen Ton und eingängige Melodik aus.


"Le Fâcheux Veuvage" (1725)
Opéra-comique in einem Akt, Libretto von Alexis Piron (1689–1773)
Eine frühe Probe seiner Bühnenkunst, ganz im Stil der Pariser Jahrmärkte.


"Crédit est mort" (1726)
Opéra-comique auf ein weiteres Libretto von Alexis Piron
Satirisch und leichtfüßig – typisch für das Genre.
Tragédie lyrique
 
"Pyrrhus" (1730)
Tragédie lyrique in fünf Akten mit Prolog, Libretto von Jean Fermelhuis
Uraufführung: 26. Oktober 1730, Académie Royale de Musique (Opéra)
Royers erste großformatige Oper, inspiriert vom heroischen Stil Lullys und Campra.
 
Ballets héroïques und Opéra-ballets
 
Diese Werke vereinen Gesang, Instrumentalmusik, Tanz und dekoratives Bühnenbild im französischen Geschmack.
 
"Zaïde, reine de Grenade" (1739)
Ballet héroïque in drei Akten und Prolog, Libretto vermutlich von La Marre
Uraufführung: 5. September 1739, Opéra de Paris
Royers erfolgreichstes Werk; auch nach seinem Tod mehrfach aufgeführt. Daraus stammen bekannte Cembalo-Stücke wie "La Marche des Scythes".
 
"Le Pouvoir de l’Amour" (1743)
Ballet héroïque mit Prolog, Libretto von Charles-Hubert Le Fèvre de Saint-Marc
Uraufführung: 23. März 1743, Académie Royale de Musique
Musikalisch vielfältig – diente als Vorlage für Instrumentalsätze in den Clavecin-Stücken (Les Matelots, Les Tambourins).
 
"Almasis" (1748)
Opéra-ballet in einem Akt, Text von François-Augustin Paradis de Moncrif (1687–1770)
Uraufführung: 26. Februar 1748, Versailles (Privattheater der Madame de Pompadour)
Madame de Pompadour selbst übernahm die Hauptrolle.
 
"Myrtil et Zélie" (1750)
Pastorale héroïque mit allegorischem Prolog
Uraufführung: 20. Juni 1750, Versailles
Eine lyrisch-heitere Schäferidylle, typisch für das Spätbarock.
 
"Prométhée et Pandore" (Pandore) (1752)
Musikdrama nach Pandore von Voltaire, bearbeitet von Sireuil
Uraufführung: 5. Oktober 1752, im Salon des Herzogs und der Marquise de Villeroy
Eine geplante Wiederaufnahme 1754 an der Opéra scheiterte am Widerstand Voltaires.

Cembalomusik
 
"Pièces de clavecin" – Premier Livre (1746)
Druck erschienen 1746 in Paris, dem Geschmack „Mesdames de France“ gewidmet
Enthält 14 Stücke mit origineller Charakterzeichnung: "La Zaïde", "La Marche des Scythes", "Le Vertigo", "Les Matelots", "La Sensible", "L’Aimable", "Les Tendres Sentiments", "La Majestueuse L’Incertaine, u.a."
Stilistisch zwischen Rameau und Scarlatti, reich an Virtuosität und affektiver Nuance.
 
Ein zweiter Band war offenbar in Vorbereitung, ist aber nicht erhalten geblieben.
 
Geistliche Werke und Konzertstücke
 
"Ode à la Fortune" (1746)
Komposition auf einen Text von Jean-Baptiste Rousseau (1671–1741)
Uraufführung: 25. Dezember 1746, Concert Spirituel, gesungen vom Dauphin selbst
45-minütiges Solowerk für Bassstimme – eine große vokale Rarität des 18. Jahrhunderts
 
"Sunt breves mundi rosae" (1750)
Bearbeitung eines barocken Motetts, ursprünglich von Giacomo Carissimi (1605–1674) oder Maurizio Cazzati (1616–1678)
Uraufführung: 1. November 1750, Concert Spirituel
 
"Requiem aeternam" von Jean Gilles (1668–1705), bearbeitet (1750)
aufgeführt im Dezember 1750, in aktualisierter Fassung durch Royer
 
"Venite exultemus" (1751)
Motette für Bariton, zwei Instrumente und Basso continuo
Uraufführung: 8. Dezember 1751, Concert Spirituel
Ein spätes, eindrucksvolles Werk zwischen französischem Grand Motet und kantablen italienischen Linien
 
"Stabat Mater" von Giovanni Battista Pergolesi (1710–1736)
nicht von Royer komponiert, aber 1753 im Rahmen der Querelle des Bouffons unter seiner Leitung aufgeführt – evtl. in bearbeiteter Fassung
 
Instrumentalmusik (nur bruchstückhaft erhalten)
 
Sonate (um 1740?)
nur in der Musikliteratur erwähnt, Noten nicht überliefert
 
Badine
Air für Violine
Enthalten im "Recueil d’airs pour violon seul" (Bibliothèque nationale de France)

 

Einige musikalische Beispiele...


"La marche des Scythes" - Cembalo Jean Rondeau (* 1991):

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=SMbBYR_lplE


Suite en do mineur, Cembalo Christophe Rousset (* 1961):

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=OwGOEjxG8IA
 
"Le Vertigo", Cembalo: Marco Mencoboni (* 1961):

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=8PxZSN-B6uI

 
Pièces de clavecin: Cembalo - William Christie (* 1944):

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=jFc3ALzurMg&list=OLAK5uy_mBAEkwlE2vtIfoRtBWBfpRnoDW2tFl7yY&index=3

 
Suite from 'Zaïde, reine de Grenade', ballet héroïque:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=CogMZgbdkaI

 
Diskografie
 
Opern und Bühnenmusik

 
Pyrrhus – Les Enfants d’Apollon, Leitung Michael Greenberg,
Alain Buet (Pyrrhus), Guillemette Laurens (Eriphile), Emmanuelle de Negri (Polixène),
Label Alpha, 2014 (2 CDs, Aufnahme Versailles 2012)
 
Surprising Royer – Orchestral Suites aus Pyrrhus, Zaïde, reine de Grenade, Le pouvoir de l’amour und Almasis,
Les Talens Lyriques, Leitung Christophe Rousset,
Label Aparté, 2023
 
Zaïde, reine de Grenade – Arien, Véronique Gens,
Les Talens Lyriques, Leitung Christophe Rousset,
Einzelausgaben und Streaming-Titel, 2006
 
Almasis – Auszüge, Ensemble Almazis, Leitung Iakovos Pappas,
Label Maguelone, 2022
 
Le pouvoir de l’amour – Suiten (auf Surprising Royer enthalten),
Les Talens Lyriques, Leitung Christophe Rousset,
Label Aparté, 2023
Cembalomusik (Pièces de clavecin, 1746)
 
William Christie, Cembalo,
Label Harmonia Mundi, 1981 (CD-Neuauflage 2007)
 
Christophe Rousset, Cembalo,
Label Decca/L’Oiseau-Lyre, 1993
 
Christophe Rousset, Cembalo (Neueinspielung),
Label Ambroisie/Naïve, 2007
 
Yago Mahúgo, Cembalo – Complete Music for Harpsichord,
Label Brilliant Classics, 2013–2014
 
Fernando De Luca, Cembalo – Pièces de clavecin (Paris 1746),
Label Da Vinci Classics, 2025
Anthologien mit Royer-Stücken
 
Jean Rondeau – Vertigo (Royer & Rameau),
Label Erato/Warner, 2016
 
Alexandre Tharaud – Versailles (mit Stücken von Royer, Rameau u. a.),
Label Erato/Warner, 2019
Vokalmusik
 
Ode à la Fortune (1746) – Guillaume Durand, Ensemble Almazis, Leitung Iakovos Pappas,
Label Maguelone, 2020 

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