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Anonym

Confundantur superbi

Fol. 85v–87 — 4 Stimmen

Lateinischer Text:

 

Confundantur superbi,
quoniam iniuste in me iniquitatem operati sunt;
ego autem exercebar in mandatis tuis.
Fiant sicut pulvis ante faciem venti,
et angelus Domini coarctans eos.
Fiat via illorum tenebrae et lubricum,
et angelus Domini persequens eos.

 

Deutsche Übersetzung:

 

Zuschanden werden die Stolzen,
denn sie haben ohne Recht Unrecht an mir getan;
ich aber hielt mich an deine Gebote.
Sie sollen werden wie Staub vor dem Wind,
und der Engel des Herrn dränge sie zurück.
Ihr Weg sei Finsternis und Rutschbahn,
und der Engel des Herrn verfolge sie.

 

Die Motette Confundantur superbi gehört zu den anonym überlieferten Werken des Medici-Codex, einer der bedeutendsten Musikhandschriften der Hochrenaissance. Schon der Text verleiht ihr eine besondere Schärfe: „Confundantur superbi, qui me conterunt; ego autem servabo mandata tua“ – „Zuschanden werden die Stolzen, die mich bedrängen; ich aber will deine Gebote bewahren.“ Der Vers stammt aus Psalm 119 (Vulgata: 118,85f.), einem der längsten und am meisten meditierten Psalmen des Stundengebets. Er verbindet die Klage des Bedrängten mit dem entschlossenen Festhalten an Gottes Wort.

Musikalisch ist die Motette vierstimmig gesetzt. Sie beginnt mit einer ernsten, fast klagenden Imitation auf Confundantur superbi, die durch tiefe Lagen und enggeführte Intervalle die Bedrohung plastisch hörbar macht. In den folgenden Passagen steigert sich die Dichte der Polyphonie, sodass die Bedrängung des Beters auch im Klangraum erfahrbar wird. Ein deutlicher Kontrast entsteht beim zweiten Teil ego autem servabo mandata tua: hier hellt sich der Satz auf, die Stimmen treten klarer hervor, und in fast homophonen Wendungen wird die Entschlossenheit des Psalmwortes verdeutlicht.

 

Der Gesamteindruck ist geprägt von einem Wechsel zwischen dunkler Polyphonie und lichter Klarheit, der den inhaltlichen Gegensatz zwischen Stolz und Demut, Bedrängnis und Vertrauen musikalisch nachzeichnet. Damit ist Confundantur superbi ein schönes Beispiel für die Kunst der anonymen Meister im Medici-Codex: auch ohne namentliche Zuschreibung zeigt die Motette eine hohe kompositorische Qualität und eine subtile, Text nahe Gestaltung, die den Hörer unmittelbar in die spirituelle Aussage hineinzieht.

Anonym

Fiere attropos (2 pars) — mittelfranzösisch

Fol. 116v–119 — 4 Stimmen

 

Mittelfranzösischer Originaltext (nach Codex):

 

Fiere Attropos, par ta rigueur mortelle,
Tu as tranché le fil de ma jeunesse;
Je meurs, hélas! plein de douleur cruelle,
Privé suis de toute ma liesse.
Las! à jamais, ma joie est délaissée,
Et mon espoir est mis en désarroi;
Fiere Attropos, qui m’as tant oppressé,
De toi je me plains, las! et de mon sort.

Heutige französische Umschrift:
Fière Atropos, par ta rigueur mortelle,
Tu as tranché le fil de ma jeunesse;
Je meurs, hélas! plein de douleur cruelle,
Privé je suis de toute ma liesse.
Las! à jamais, ma joie est délaissée,
Et mon espoir est mis en désarroi;
Fière Atropos, qui m’as tant oppressé,
De toi je me plains, las! et de mon sort.

 

Deutsche Übersetzung:

 

Grausame Atropos, durch deine tödliche Strenge
hast du den Faden meiner Jugend durchschnitten;
ich sterbe, ach, voll grausamer Schmerzen,
beraubt bin ich aller meiner Freude.
Ach, für immer ist meine Freude verlassen,
und meine Hoffnung ist in Unordnung geraten;
grausame Atropos, die mich so bedrückt hat,
über dich klage ich, ach!, und über mein Schicksal.

Die Motette Fiere Attropos ist eine der ungewöhnlichsten Kompositionen im Medici-Codex und unterscheidet sich schon durch ihren Text von den meisten Stücken der Handschrift. Während die überwiegende Zahl der Werke lateinische liturgische oder marianische Texte vertont, steht hier ein mittelfranzösischer Text im Mittelpunkt – ein Hinweis auf den weltlichen, repräsentativen Charakter des Codex, der auch höfische Dichtung und Gelegenheitskompositionen einbezog.

Der Text beginnt mit der Anrufung der Schicksalsgöttin: „Fiere Attropos“ – „Grausame Atropos“, jene der drei Parzen, die nach der antiken Mythologie den Lebensfaden durchschneidet. Damit schlägt das Stück einen klagenden, elegischen Ton an, der auf Tod und Vergänglichkeit verweist. Wahrscheinlich handelt es sich um eine déploration, also ein Trauergesang, wie er im frühen 16. Jahrhundert häufig beim Tod eines Herrschers oder Mäzens komponiert wurde. Die Wahl des Französischen legt nahe, dass die Motette für einen höfischen Kontext bestimmt war, in dem sich humanistische Bildung (Bezug auf antike Mythologie) und politisch-dynastische Repräsentation verbanden.

Musikalisch ist das Werk in zwei Abschnitten (2 pars) angelegt, die dem Text entsprechend unterschiedliche Affekte entfalten. Der erste Teil hebt die Klage über die unerbittliche Atropos hervor. Er ist geprägt von dunklerer Harmonik, dichten Imitationen und einer gedrängten rhythmischen Faktur, die das Bild des abgeschnittenen Lebensfadens musikalisch nachzeichnet. Der zweite Teil weitet den Klang: hier treten oft homophone Passagen auf, in denen die Gemeinschaft der Singenden gleichsam ihre Trauer gemeinsam artikuliert. Die Zweiteiligkeit entspricht damit dem rhetorischen Verlauf von Klage und Resignation.

Die anonyme Vertonung zeigt hohe Meisterschaft: die Stimmen sind kunstvoll verwoben, doch bleibt die Textverständlichkeit gewahrt. Besonders eindrucksvoll ist die Art, wie der Komponist mythologische Symbolik in musikalische Ausdrucksformen übersetzt – die Schärfe des Todesrufes, die Wehklage der Zurückgebliebenen, die Ernsthaftigkeit des Gedenkens.

Damit nimmt Fiere Attropos im Medici-Codex eine Sonderstellung ein: es steht an der Schnittstelle zwischen sakraler Polyphonie und höfisch-humanistischer Kunstmusik, zwischen christlicher Déplorationstradition und antiker Bildsprache. In seiner Mischung aus französischem Text, elegischem Tonfall und polyphoner Raffinesse verkörpert es die kulturelle Vielfalt, die den Codex zu einem einzigartigen Dokument der Renaissance macht.

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