Jean Mouton (um 1459–1522)
Jean Mouton (* um 1459 – † 30. Oktober 1522) war ein franko-flämischer Komponist der Renaissance und einer der führenden Vertreter der Generation nach Josquin Desprez. Er wirkte zunächst als Sänger und Kapellmeister in Nordfrankreich, später am Hofe des französischen Königs Ludwig XII. und Franz I., wo er eine einflussreiche Stellung als Komponist und Lehrer einnahm. Mouton war insbesondere für seine Motetten berühmt, die durch kunstvolle Imitationstechniken, klare Textverständlichkeit und eine ausgewogene Klangbalance geprägt sind. Auch seine Messen, die auf Cantus-firmus- oder Parodiemodellen beruhen, zeigen einen hohen Grad an kontrapunktischer Raffinesse. Als Lehrer prägte er Schüler wie Adrian Willaert, der wiederum als Begründer der venezianischen Schule eine zentrale Rolle in der europäischen Musikgeschichte einnahm. Moutons Musik, die zugleich feierlich, elegant und transparent wirkt, machte ihn zu einem wichtigen Mittler zwischen der polyphonen Strenge Josquins und dem repräsentativen Glanz der höfischen Musik des 16. Jahrhunderts.
Im Medici-Codex von 1518 sind sechs sichere Motetten und fünf unsichere Motetten des französischen Komponisten Jean Mouton enthalten:
1. Exalta regina Galliae
Fol. 55v–56 — 4 Stimmen
Lateinischer Text:
Exalta regina Galliae,
iubila mater Ambasiae.
Nam Franciscus tuus inclitus,
clara victor ducit fugat encænia,
frangit hostes et fugat agmina,
nulla regem turbant discrimina,
et fulgens candore niveo
primus cuncta subit pericula.
Deutsche Übersetzung:
Erhebe dich, Königin Frankreichs,
juble, Mutter von Amboise!
Denn dein berühmter Franziskus,
als leuchtender Sieger,
führt festliche Züge an und zerstreut sie,
zerschlägt die Feinde und vertreibt die Heere.
Keine Gefahren beunruhigen den König,
und strahlend im Glanz schneeweißer Reinheit
tritt er als Erster allen Gefahren entgegen.
Ein repräsentatives Gelegenheitsstück, das in enger Verbindung zu den politischen Ereignissen des französischen Hofes steht. Die Motette verherrlicht Franz I. als siegreichen Herrscher und verbindet dynastische Symbolik (Königin Frankreichs, Mutter von Amboise) mit triumphaler Klangpracht. Typisch sind festliche Akkordblöcke und homophone Passagen, die die verständliche Textverkündigung unterstützen.
2. Corde et animo Christo canamus gloriam
Fol. 56v–58 — 4 Stimmen
Track 9:
Lateinischer Text:
Corde et animo Christo canamus gloriam,
qui pro nobis natus est de Maria Virgine.
Hodie apparuit, quem praedixerunt prophetae;
venite, adoremus eum, quia ipse est Dominus Deus noster.
Deutsche Übersetzung:
Mit Herz und Sinn wollen wir Christus Lob singen,
der für uns aus der Jungfrau Maria geboren ist.
Heute ist erschienen, den die Propheten verkündet haben;
kommt, lasst uns ihn anbeten, denn er ist der Herr, unser Gott.
Ein Weihnachtsstück von eher innigem Charakter. Der Satz ist geprägt von schlichter Textverständlichkeit und einem fließenden imitatorischen Satz, der sich zur Huldigung des neugeborenen Christus steigert. Besonders auffällig ist die ruhige, andächtige Klangfarbe, die Moutons Sinn für ausgewogene Vokalpolyphonie zeigt.
3. Domine salvum fac (2 pars)
Fol. 58v–60 — 4 Stimmen
Ein königliches Gebet, das bei der Krönung von König Franz I. (* 1494 - † 1547) am 15. Januar 1515 gesungen wurde
Leteinische Text:
Domine, salvum fac regem,
et exaudi nos in die qua invocaverimus te.
Gloria Patri, et Filio, et Spiritui Sancto.
Sicut erat in principio, et nunc et semper,
et in saecula saeculorum. Amen.
Deutsche Übersetzung:
Herr, erhalte den König,
und erhöre uns am Tage, da wir dich anrufen.
Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist.
Wie im Anfang, so auch jetzt und allezeit
und in Ewigkeit der Ewigkeit. Amen.
Eine Huldigungs- und Gebetsmotette, die nachweislich bei der Krönung Franz’ I. 1515 erklang. Der Text ist ein klassisches Herrschergebet, dessen feierlicher Ernst durch klare, akkordische Strukturen und eine noble Schlichtheit unterstrichen wird. Die zweiteilige Form unterstreicht den liturgischen Charakter.
4. Nesciens mater virgo virum peperit
Fol.81v–82 — 4 Stimmen, bearbeitet als ein achtstimmiger Kanon, der als Meisterwerk der kontrapunktischen Technik gilt:
Lateinischer Text:
Nesciens mater virgo virum,
peperit sine dolore
salvatorem saeculorum.
Ipsum regem angelorum
sola virgo lactabat
ubera de caelo plena.
Deutsche Übersetzung:
Die Mutter, eine Jungfrau, die keinen Mann kannte,
gebärt ohne Schmerz
den Erlöser der Zeiten.
Diesen König der Engel
stillte allein die Jungfrau
mit Brüsten, vom Himmel erfüllt.
Moutons bekanntestes Meisterwerk, ein Paradebeispiel kontrapunktischer Kunst. Aus einem einzigen Kanon entfaltet sich eine achtstimmige, vollkommen ausgewogene Klangfülle. Inhaltlich verbindet das Stück das Wunder der jungfräulichen Geburt mit musikalischem Kunstwunder – eine idealtypische Renaissance-Synthese von Theologie und Kompositionskunst.
5. Peccata mea Domine sicut sagittae
Fol. 92v–94 — 4 Stimmen
Lateinischer Text:
Peccata mea, Domine, sicut sagittae infixa sunt mihi,
et confirmata sunt super me iniquitates meae.
Sed tu, Domine, miserere mei et sana me.
Deutsche Übersetzung:
Meine Sünden, o Herr, sind wie Pfeile in mich hineingeschossen,
und meine Missetaten lasten schwer auf mir.
Doch du, o Herr, erbarme dich meiner und heile mich.
Eine Bußmotette von inniger Expressivität. Mouton vertont den schmerzlichen Text mit eindringlicher Chromatik, engen Imitationen und einer dichten Klangwelt, die die Schwere der Sündenlast hörbar macht. Ein seltenes Beispiel für Moutons eher introvertierte, meditative Seite.
6. Per lignum salvi facti sumus
Fol. 94v–96 — 4 Stimmen
Lateinischer Text:
Per lignum salvi facti sumus,
per lignum mors destructa est,
et per lignum vita reddita est nobis.
Alleluia.
Deutsche Übersetzung:
Durch das Holz sind wir gerettet worden,
durch das Holz ist der Tod zerstört,
und durch das Holz ist uns das Leben zurückgegeben worden.
Halleluja.
Eine kurze, theologisch pointierte Motette, die das Kreuz als Heilszeichen preist. Der musikalische Satz ist klar, hell und symmetrisch gegliedert; besonders das abschließende „Alleluia“ bringt eine feierlich-erleichterte Klangwirkung. Ein Musterbeispiel für Moutons Fähigkeit, theologische Tiefe in einfache musikalische Gesten zu kleiden.
Jean Mouton – unsichere Zuschreibungen
1. In omni tribulatione et angustia
Track 10:
Folio: 79v–80 — 4 Stimmen
Zuschreibung: teils Mouton, teils Pierre Moulu (im Codex anonym)
Lateinischer Text:
In omni tribulatione et angustia,
succurre nobis, Domine Deus noster,
et per intercessionem beatae Mariae semper Virginis
et omnium sanctorum tuorum
a cunctis nos protege periculis.
Deutsche Übersetzung:
In aller Bedrängnis und Angst
komm uns zu Hilfe, o Herr, unser Gott,
und durch die Fürbitte der seligen Maria,
der immerwährenden Jungfrau,
und all deiner Heiligen
bewahre uns vor allen Gefahren.
Ein Bittgesang in Notlagen, vermutlich für private oder klösterliche Andacht bestimmt. Der Satz ist schlicht, eng imitatorisch und lässt sich stilistisch sowohl mit Mouton als auch mit Pierre Moulu in Verbindung bringen. Die ruhige Klanglichkeit verstärkt den Gebetscharakter.
2. Salva nos Domine vigilantes
Folio: 87v–88 — 4 Stimmen
Zuschreibung: uneinheitlich – in der Forschung Mouton, Willaert oder Josquin genannt (im Codex anonym)
Lateinischer Text:
Salva nos, Domine, vigilantes;
custodi nos dormientes,
ut vigilemus cum Christo
et requiescamus in pace.
Deutsche Übersetzung:
Errette uns, o Herr, wenn wir wachen;
behüte uns, wenn wir schlafen,
damit wir mit Christus wachen
und in Frieden ruhen.
Ein nächtliches Gebet um Bewahrung, das in den Komplet-Gesang eingebettet war. Der musikalische Satz ist von besonderer Sanftheit, fast wie ein Wiegenlied, mit weiten, fließenden Linien. Die Zuschreibung schwankt zwischen Mouton, Josquin und Willaert – was für die stilistische Nähe dieser Meister spricht.
3. Tua est potentia…
Fol. 96v–98 — 4 Stimmen
Zuschreibung: teils Mouton, teils Josquin Desprez (im Codex anonym)
Lateinischer Text:
Tua est potentia et regnum, Domine;
tu es super omnes gentes.
Da pacem, Domine, in diebus nostris,
quia non est alius qui pugnet pro nobis
nisi tu, Deus noster.
Deutsche Übersetzung:
Dein ist die Macht und das Königtum, o Herr;
du stehst über allen Völkern.
Gib Frieden, o Herr, in unseren Tagen,
denn es gibt keinen, der für uns kämpft,
außer dir, unser Gott.
Eine Herrscher- und Friedensmotette, inhaltlich eng mit Domine salvum fac verwandt. Der Klang ist feierlich, mit deutlichen Akkordsetzungen und markanten Imitationen. Die Zuschreibung an Mouton oder Josquin spiegelt die Bedeutung des Textes wider, der auf höchste politische Relevanz zielt.
4. Missus est Gabriel angelus (2 pars)
Fol.132v–138 — 4 Stimmen
Zuschreibung: uneinheitlich – Mouton oder Josquin Desprez (im Codex anonym)
Eine Vertonung der Verkündigungsszene, beliebt in liturgischen Kontexten.
Lateinischer Text:
Missus est angelus Gabriel a Deo
in civitatem Galilaeae, cui nomen Nazareth,
ad virginem desponsatam viro, cui nomen erat Joseph,
de domo David, et nomen virginis Maria.
Et ingressus angelus ad eam dixit:
Ave gratia plena, Dominus tecum;
benedicta tu in mulieribus.
Deutsche Übersetzung:
Der Engel Gabriel wurde von Gott gesandt
in eine Stadt in Galiläa namens Nazareth
zu einer Jungfrau, die einem Mann namens Joseph
aus dem Haus David verlobt war;
der Name der Jungfrau war Maria.
Und der Engel trat zu ihr hinein und sprach:
Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir;
gesegnet bist du unter den Frauen.
Eine Verkündigungsmotette, die den biblischen Dialog zwischen Engel und Maria klanglich nachzeichnet. Der Satz ist erzählerisch gegliedert, mit abwechselnd homophonen und imitatorischen Abschnitten. Die uneinheitliche Zuschreibung an Mouton oder Josquin zeigt die enge stilistische Verwandtschaft dieser beiden Komponisten.
5. Gloriosi principes terrae quomodo / Petrus apostolus
Folio: 140v–141 — 4 Stimmen
Zuschreibung: uneinheitlich – Mouton oder Erasmus Lapicida (im Codex anonym)
Zweites Buch Samule, Kapitel 1
Lateinischer Text:
Gloriosi principes terrae quomodo ceciderunt,
et interiit arma bellica,
et perierunt viri fortes.
Petrus apostolus et Paulus doctor gentium
intercedant pro nobis ad Dominum.
Deutsche Übersetzung:
Ruhmreiche Fürsten der Erde, wie sind sie gefallen,
und die Kriegswaffen sind zugrunde gegangen,
und die tapferen Männer sind umgekommen.
Der Apostel Petrus und Paulus, der Lehrer der Völker,
mögen für uns beim Herrn Fürsprache einlegen.
Ein Doppeltext-Motette mit Anrufung der Apostel Petrus und Paulus, zugleich ein Lamento über gefallene Fürsten. Der Satz wirkt pathetisch und ernst, mit kontrastreicher Textbehandlung. In der Forschung schwankt die Zuschreibung zwischen Mouton und Erasmus Lapicida.
