Johann Michael Haydn (1737–1806)
Ein Leben im Dienst der Musik – zwischen Pflicht, Glaube und stiller Vollendung
Johann Michael Haydn, geboren am 14. September 1737 in Rohrau an der Leitha, wuchs in einfachen, aber musikalisch wachen Verhältnissen auf. Sein Vater Mathias Haydn (1699–1763), Wagnermeister und Dorfrichter, spielte die Harfe und vermittelte seinen Söhnen ein Gespür für Klang, Rhythmus und handwerkliche Präzision. Die Mutter, Maria Koller (1707–1754), entstammte einer Wirtsfamilie – beide Eltern ahnten kaum, dass aus ihren Kindern einmal zwei der bedeutendsten Musiker ihrer Zeit hervorgehen würden. Wie sein älterer Bruder Joseph (1732–1809) wurde Michael als Sängerknabe in die Wiener Hofmusikkapelle aufgenommen, wo er unter Georg Reutter dem Jüngeren (1708–1772) eine fundierte Ausbildung erhielt. Dort lernte er die Grundlagen der kontrapunktischen Satztechnik, der lateinischen Liturgie und des mehrstimmigen Chorgesangs, die für seine spätere Entwicklung bestimmend blieben.
Nach dem Stimmbruch verließ er die Kapelle und fand 1757 eine erste Anstellung als Konzertmeister am Hof des Bischofs Adam Patachich (1716–1784) in Großwardein (heute Oradea, Rumänien). In dieser Zeit entstanden seine ersten Messen, Sinfonien und Divertimenti. Diese Werke stehen noch unter dem Einfluss der Wiener Spätbarocktradition, zeigen jedoch bereits eine klare melodische Führung und eine zunehmende Konzentration des Ausdrucks. Hier entwickelte sich der Stil, der für sein gesamtes Schaffen charakteristisch werden sollte: Klarheit der Form, Ausgewogenheit der Stimmen und Verzicht auf jede theatralische Geste.
1762 erhielt Michael Haydn den Ruf nach Salzburg, an den Hof des Fürsterzbischofs Sigismund Graf von Schrattenbach (1698–1771). Zunächst war er Konzertmeister an der Benediktineruniversität, später Vizekapellmeister und nach dem Tod Johann Ernst Eberlins (1702–1762) de facto Hof- und Domkomponist. Diese Stellung sollte er bis zu seinem Tod behalten. Als Hofmusiker hatte er die Musik für sämtliche liturgischen Anlässe zu liefern – ein Dienst, der Disziplin, Kenntnis der kirchlichen Ordnung und künstlerische Selbstbeschränkung erforderte. In Salzburg entstand fast sein gesamtes geistliches Werk: mehr als vierzig vollständige Messen, mehrere Requien, Vespern, Litaneien und Offertorien, dazu Oratorien, Sinfonien, Kammermusik und didaktische Stücke. Kaum ein anderer Komponist des 18. Jahrhunderts hat in solcher Regelmäßigkeit und Beständigkeit das gesamte Kirchenjahr musikalisch gestaltet.
Haydns Kirchenmusik ist geprägt von klarer Architektur, strenger Stimmführung und einer inneren Frömmigkeit, die ohne äußeren Glanz auskommt. Sie verbindet kontrapunktische Beherrschung mit schlichter, aber ausdrucksstarker Melodik. In ihr spiegelt sich ein Ideal, das zwischen barocker Strenge und klassischer Ausgewogenheit vermittelt. Anders als in Wien, wo die Kirchenmusik zunehmend opernhafte Züge annahm, bewahrte Haydn in Salzburg den liturgischen Ernst und die kontemplative Haltung, die seine Persönlichkeit kennzeichnete.
Sein bekanntestes Werk, das Requiem in c-Moll (MH 155), schrieb er 1771 zum Tod des Fürsterzbischofs Schrattenbach. Das Werk vereint kontrapunktische Strenge mit einer neuen Ausdruckstiefe und wurde bald weit verbreitet. Es beeinflusste nachweislich das Denken des jungen Wolfgang Amadé Mozart (1756–1791), der als Mitglied der Salzburger Kapelle an Aufführungen beteiligt war. Mozart kopierte und studierte mehrere Partituren Michael Haydns, darunter das Offertorium „Laudate Dominum“ (MH 374), und äußerte sich wiederholt anerkennend über seine kontrapunktische Kunst. Zwischen beiden Komponisten bestand keine Rivalität, sondern gegenseitige Achtung; Mozart nannte Haydn „den ehrlichsten Musiker, den ich kenne“.
1768 heiratete Haydn die Sängerin Maria Magdalena Lipp (1745–1827), Tochter des Hoforganisten Franz Ignaz Lipp (1704–1784). Das Paar trat häufig gemeinsam bei kirchlichen Aufführungen auf. Das einzige Kind starb früh, was den Komponisten, ohnehin von stiller Natur, noch zurückgezogener machte. Zeitgenossen schildern ihn als bescheiden, gewissenhaft und von tiefer Religiosität geprägt.
Er blieb seinem Amt auch unter dem neuen Erzbischof Hieronymus Graf Colloredo (1732–1812) treu, obwohl dessen Reformen und Rationalisierung der Hofmusik viele Künstler, darunter Mozart, zur Aufgabe bewegten. Haydn blieb – nicht aus Anpassung, sondern aus Überzeugung, dass Kunst auch in bescheidenen Formen ihre Würde behalten kann. Nach dem Tod Leopold Mozarts (1719–1787) war er allein verantwortlich für die gesamte liturgische Musik des Salzburger Doms. Seine späten Werke, etwa die Missa Sancti Gotthardi (MH 530) oder die Missa Sanctae Ursulae (MH 546), zeugen von einem Stil höchster Konzentration: ohne Überfluss, aber reich an Geist.
Zu seinen Schülern gehörte unter anderem Carl Maria von Weber (1786–1826), der nach Studien bei Michael Haydn schrieb:
„Er zeigte mir, wie man in wenigen Tönen betet.“
Dieser Satz beschreibt wohl am treffendsten die geistige Haltung des Komponisten: Musik als Gebet, nicht als Dekoration.
1792 erhielt Michael Haydn die Goldene Zivilehrenmedaille des Kaisers Franz II. (1768–1835), eine seltene Ehrung für einen außerhalb Wiens tätigen Musiker. Er nahm die Auszeichnung mit Bescheidenheit an und setzte seine Arbeit unvermindert fort. Am 10. August 1806 starb er in Salzburg. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof von St. Peter, neben Musikern, mit denen er sein Leben geteilt hatte. Kein Denkmal markiert es auffällig – eine Stille, die zu ihm passt.
Erst im 20. Jahrhundert begann eine umfassende Neubewertung seines Werkes. Lothar Perger legte zu Beginn des Jahrhunderts den ersten systematischen Katalog seiner Kompositionen an, und seit den 1990er-Jahren gilt der MH-Katalog von Charles H. Sherman und T. Donley Thomas als verbindliche Referenz. Zahlreiche Einspielungen – insbesondere durch Bohdan Warchal, Ivor Bolton, Howard Arman, CPO und Brilliant Classics – haben gezeigt, wie eigenständig und in sich geschlossen diese Musik ist.
Michael Haydn ist kein Nachahmer seines Bruders, sondern ein Komponist mit unverwechselbarem Profil:
Seine Werke verbinden gedankliche Strenge mit menschlicher Wärme, klare Architektur mit tiefem Ernst. Sie stehen zwischen Barock und Klassik und bilden das Fundament einer geistlichen Musiksprache, die in Österreich bis ins 19. Jahrhundert fortwirkte.
Seine Kunst leuchtet nicht laut, sondern ruhig – wie das Licht einer Kerze im Chorgestühl.
Sie gehört zu jener stillen Tradition, in der Kunst und Glaube einander noch selbstverständlich begegneten.
Michael Haydn war – im wörtlichen Sinne – ein Diener der Musik.

Werke (Auswahl)
1. Geistliche Vokalwerke
Messen
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MH 419 – Missa in honorem Sancti Dominici („Missa della Beneficenza“)
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MH 553: Missa tempore Quadragesimae (Missa tempore Quadragesimae et Adventus)
Requien
Gradualien
Offertorien
Weitere geistliche Werke
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MH 800 – Te Deum
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MH 536 / 560 / 602 / 642 – Deutsches Hochamt
„Hier liegt vor deiner Majestät“
2. Instrumentalwerke
Sinfonien
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MH 272 – Sinfonie D-Dur (1778)
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MH 334 – Sinfonie G-Dur
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MH 340 – Sinfonie Es-Dur
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MH 384 – Sinfonie C-Dur
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MH 393 – Sinfonie d-Moll
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MH 399 – Sinfonie D-Dur
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MH 405 – Sinfonie F-Dur
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MH 420 – Sinfonie D-Dur
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MH 473–478 – späte Sinfonien (1788)
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MH 507 – Sinfonie F-Dur
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MH 508 – Sinfonie A-Dur
Konzerte
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MH 207 – Violinkonzert A-Dur
Kammermusik
Streichquartette
Streichquintette
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MH 367 – Quintett F-Dur
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MH 411 – Quintett F-Dur
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MH 412 – Quintett B-Dur
3. Oratorien, geistliche Singspiele und Bühnenwerke
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MH 117 – Kaiser Constantin I. Feldzug und Sieg — Oratorium, 1769
- MH 84 – Der Traum (Pantomime)
- MH 186 – Endimione (Serenata)
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MH 255 – Zaïre (Tragödienmusik)
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MH 438 – Andromeda e Perseo (Opera seria)
Anmerkungen
Alle MH-Nummern stammen aus dem Katalog Sherman & Thomas (1993).
Wo keine MH-Nummer bekannt ist, wurde das Werk entweder nicht katalogisiert (Fragment, verlorenes Manuskript).
Doppelte Nummern (z. B. MH 57 = MH 552) bezeichnen alternative Fassungen desselben Werkes.
MH steht für Michael Haydn und bezeichnet die laufenden Werknummern aus dem maßgeblichen modernen Verzeichnis - Charles H. Sherman / T. Donley Thomas,
Johann Michael Haydn (1737–1806): A Chronological Thematic Catalogue of His Works,
Pendragon Press 1993.
In diesem Katalog sind alle heute bekannten Werke Michael Haydns (insgesamt 839) chronologisch erfasst und thematisch beschrieben. Das MH-System ersetzt die älteren Perger-Nummern und wird in moderner Forschung, auf CDs und in Bibliotheken (RISM, ÖNB, Mozarteum u. a.) als Standard verwendet.
Die Nummer MH 1 bezeichnet also das älteste erhaltene Werk, MH 839 das letzte oder ein Fragment aus später Zeit.
Der sogenannte Perger-Katalog ist das erste systematische Werkverzeichnis von Johann Michael Haydn.
Er wurde von dem österreichischen Musikwissenschaftler Lothar Perger (1879–1915) erstellt, der als Mitarbeiter am Mozarteum in Salzburg tätig war.
Perger begann um 1907 mit der Sichtung und Ordnung der Manuskripte im Dommusikarchiv Salzburg und in der Erzabtei St. Peter, wo der größte Teil der Originalhandschriften Michael Haydns aufbewahrt ist.
Bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1915 legte er ein umfangreiches, handschriftliches Werkverzeichnis an, das später unter dem Titel „Perger-Verzeichnis der Werke von Johann Michael Haydn“ bekannt wurde. Dieses Verzeichnis ordnete Haydns Werke nach Gattungen (Messen, Litaneien, Offertorien, Sinfonien, Kammermusik usw.) und nummerierte sie innerhalb jeder Gattung fortlaufend: und nummerierte sie innerhalb jeder Gattung fortlaufend: also Sinfonien Perger 1–45, Messen Perger 1–35, Divertimenti Perger 100–120 usw.
Der Perger-Katalog war bis weit ins 20. Jahrhundert die einzige Grundlage für wissenschaftliche Arbeit und für frühe Editionen oder Aufnahmen (z. B. „Sinfonie in D-Dur, Perger 29“).
Da Perger viele Quellen noch nicht kannte, wurde sein Verzeichnis später ergänzt und korrigiert. Darum bevorzuge ich die MH Verzeichnis.
Missa in honorem Sanctissimae Trinitatis in D-Dur (MH 1)
Die Missa in honorem Sanctissimae Trinitatis in D-Dur, katalogisiert als MH 1, gilt als das erste erhaltene Werk des Komponisten Michael Haydn und markiert den Auftakt seines umfangreichen kirchenmusikalischen Schaffens. Entstanden um 1754, gehört die Messe zu den frühen Beispielen des süddeutsch-österreichischen Feststils im Übergang vom Spätbarock zur vorklassischen Epoche. Bereits der Titel „in honorem Sanctissimae Trinitatis“ weist auf den liturgischen Anlass hin: Sie wurde vermutlich zum Hochfest der Heiligsten Dreifaltigkeit komponiert, einem der feierlichsten Feste des Kirchenjahres, das eine entsprechend prachtvolle musikalische Gestaltung verlangte.
Vermutet wird, dass Haydn seine Missa Sanctissimi Trinitatis 1754 für die Einweihung der Temeswarer Domkirche komponiert hat.
https://www.edition-musik-suedost.de/html/haydn_johann_michael.html
Siehe auch:
https://adz.news/artikel/artikel/banater-kompositionen-bekommen-zweite-chance
Die Messe ist in D-Dur gesetzt und für eine festliche Besetzung konzipiert: zwei Sopranstimmen, Alt, Tenor und Bass – also fünf vokale Stimmen, die teils solistisch, teils chorisch eingesetzt werden –, dazu zwei Violinen, Viola, zwei Clarini (hohe Naturtrompeten), Pauken und ein Orgelcontinuo. Diese orchestrale Anlage deutet auf eine Missa solemnis hin, wie sie in den höfischen und kirchlichen Zentren Süddeutschlands und Österreichs üblich war. Eine autographe oder zeitnahe Abschrift befindet sich in der Österreichischen Nationalbibliothek (Signatur A-Wn Mus.Hs. 15589). Sie ist heute auch über die Plattform IMSLP zugänglich, was Aufführungen und editorische Arbeiten erleichtert.
Stilistisch zeigt sich in dieser Messe bereits der charakteristische Ton Michael Haydns, der sich deutlich von der galanteren, stärker weltlich geprägten Kirchenmusik seines Bruders Joseph unterscheidet. Haydn verbindet kontrapunktische Strenge mit kantabler Melodik und einem warmen, oft innerlich betonten Ausdruck. Die festliche Instrumentation mit Trompeten und Pauken unterstreicht die Glorie des Trinitätsfestes, doch bleibt der Satz in seiner Anlage durchhörbar und von klarer Textverständlichkeit geprägt – ein Kennzeichen des sich entwickelnden Salzburger Kirchenstils, der später auch Mozarts frühe Messen prägte. Die Verbindung von kontrapunktischen Elementen und liedhafter Thematik weist auf die stilistische Zwischenstellung des Werkes hin: es gehört noch in die barocke Tradition der Mehrchörigkeit und des feierlichen „Tutti-Klangs“, kündigt aber bereits die klassisch-balancierte Satzweise an, in der Vokalstimmen und Orchester gleichberechtigt miteinander verwoben sind.
In ihrer Struktur folgt die Missa in honorem Sanctissimae Trinitatis der klassischen Ordinarium-Gliederung (Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Benedictus, Agnus Dei). Obwohl detaillierte Analysen des Werkes selten publiziert wurden, lässt sich aus der Anlage schließen, dass Haydn den liturgischen Text durch motivische Verknüpfungen und tonale Symmetrien zu gliedern suchte. Besonders das Kyrie zeigt häufig noch den Einfluss des barocken Da-Capo-Prinzips mit kontrastierenden Abschnitten und Rückkehr zur Anfangsbitte, während das Gloria und Credo durch kontrapunktische Verdichtungen und Wechsel zwischen Chor und Soli belebt werden. Die beiden Sopranstimmen dürften dabei eine besondere Funktion einnehmen: Sie bilden eine klanglich leuchtende Oberstimme, die dem Werk eine festliche, fast strahlende Aura verleiht – ganz im Sinne des Trinitätsgedankens, der in der Dreizahl und in der klanglichen Überhöhung symbolisch wiederkehrt.
Der geistliche und kulturelle Kontext der Entstehungszeit ist eng mit Haydns Salzburger Wirkungsraum verbunden. Salzburg war in der Mitte des 18. Jahrhunderts ein bedeutendes Zentrum katholischer Kirchenmusik, in dem die Tradition der missa solemnis mit dem Ideal einer „wohlgeordneten“, verständlichen Kirchenmusik verschmolz. Michael Haydn, der spätere Hofkomponist des Erzbistums, stand dabei im Spannungsfeld zwischen liturgischer Strenge, höfischer Repräsentation und aufkommender Empfindsamkeit. Die Messe MH 1, entstanden kurz nach seiner Ausbildungszeit, zeigt ihn als Komponisten, der bereits souverän zwischen kontrapunktischem Handwerk und melodischer Innigkeit vermittelt.
Von besonderem Interesse ist die theologische Symbolik des Werkes. Das Trinitätsmotiv, der Gedanke der Einheit in der Dreiheit, findet in der musikalischen Anlage zahlreiche Entsprechungen: Dreiteilige Formabschnitte, motivische Dreiergruppen und harmonische Beziehungen in Terzabständen erscheinen nicht zufällig, sondern als Ausdruck eines theologischen Grundgedankens, der im 18. Jahrhundert noch eng mit der musikalischen Struktur verknüpft wurde. Solche symbolischen Bezüge waren typisch für die Zeit, insbesondere in Salzburg, wo Liturgie und Musiktheorie häufig in enger Wechselwirkung standen.
Die Missa in honorem Sanctissimae Trinitatis ist heute nur selten auf Konzertprogrammen zu finden, hat aber in jüngerer Zeit durch die wachsende Wiederentdeckung Michael Haydns zunehmende Aufmerksamkeit erfahren. Moderne Editionen und Einspielungen, etwa von Carus oder Oehms Classics, bemühen sich, den warmen, zugleich transparenten Klang dieser Musik wiederzugeben. Sie zeigt die Wurzeln eines Komponisten, der im Laufe seiner Karriere zu einem der bedeutendsten Kirchenmusiker des 18. Jahrhunderts wurde – ein Meister der Balance zwischen barocker Tiefe, klassischer Klarheit und religiöser Innigkeit.
Messe in C-Dur zu Ehren des heiligen Michael (MH 12)
Die "Missa in C sub titulo Sancti Michaelis" (Messe in C zu Ehren des heiligen Michael) MH 12 gehört zu den frühesten erhaltenen Messen Johann Michael Haydns. Sie entstand vermutlich um 1756 oder 1757, also noch in den Jahren unmittelbar vor seiner Berufung an den Hof des Bischofs Adam Patachich (1716–1784) in Großwardein. Der Titel verweist auf den Erzengel Michael, den himmlischen Schutzpatron der Kirche und Verteidiger des Glaubens – ein Thema, das in der Musik Haydns nicht als militärischer Triumph, sondern als geistliche Stärke erscheint. Schon in diesem frühen Werk verbinden sich feierliche Festlichkeit und kontemplative Ruhe – eine doppelte Prägung, die später zum Kern seiner Salzburger Kirchenmusik werden sollte.
Die Messe steht in C-Dur, der traditionellen Festtonart, und ist für vierstimmigen Chor (SATB), Streicher, zwei Trompeten, Pauken und Orgelcontinuo besetzt. Trotz der vollen Instrumentierung wahrt Haydn eine klare, leichte Klangbalance. Die Komposition ist formal noch dem barocken Vorbild verpflichtet, doch die harmonische Gliederung und die Periodenbildung zeigen bereits frühklassische Züge: einfache, symmetrische Motive, sparsame Modulationen, harmonisch stabile Kadenzen.
https://www.youtube.com/watch?v=3FE8Vrlr4HI
Das Kyrie eröffnet ruhig und ausgewogen, mit dreiteiliger Anlage (Kyrie I – Christe – Kyrie II). Über einer gleichmäßig schreitenden Begleitung entfaltet sich ein choralartiger Satz, dessen Linien eher dem Gebet als der Virtuosität dienen. Das Christe eleison bringt eine zarte Modulation in die Dominante, ehe das abschließende Kyrie in heiterer Festlichkeit zurückkehrt.
Im Gloria erreicht die Musik mehr Bewegung und Glanz. Trompeten und Pauken fügen dem Klang helles Kolorit hinzu, die Streicher begleiten in regelmäßigen Figuren. Haydn strukturiert den Text in mehrere Abschnitte, die sich deutlich voneinander abheben: das Gratias agimus tibi in ruhigem Tempo, das Domine Deus Rex coelestis in klarer Dreiteiligkeit, und das abschließende Cum Sancto Spiritu als kurze, energische Fuge, die bereits den sicheren kontrapunktischen Stil erkennen lässt, den Haydn später meisterhaft beherrschen sollte.
Das Credo zeigt eine klare architektonische Gliederung. Das eröffnende Credo in unum Deum steht in festem homophonem Satz, das Et incarnatus est bildet den ruhigen Mittelpunkt in Moll, getragen von weichen Streicherbewegungen. Das Et resurrexit kehrt in strahlendem C-Dur zurück, rhythmisch belebt und mit deutlicher Betonung der Auferstehungsworte. Das Et vitam venturi saeculi mündet in eine kurze, thematisch klare Doppelfuge, die den Glauben in musikalischer Ordnung abschließt.
Das Sanctus ist breit angelegt, in ruhigem Dreiertakt und mit feierlichen Akkorden. Haydn nutzt die hellen Trompetenstimmen, um die Textaussage „Sanctus Dominus Deus Sabaoth“ in klangliche Höhe zu führen. Das Pleni sunt caeli et terra gloria tua beschleunigt kurzzeitig, ehe das Hosanna in excelsis in einer leichten, transparenten Fuge endet. Das Benedictus steht im Gegensatz dazu: ein inniger, beinahe kammermusikalischer Satz, dessen leise Streicherbegleitung dem Text „Benedictus qui venit in nomine Domini“ eine Atmosphäre stiller Verehrung verleiht. Das wiederholte Hosanna schließt den Mittelteil harmonisch und thematisch.
Das Agnus Dei beginnt in gedämpfter Bewegung und entwickelt sich zu einem ruhig fließenden Abschluss. Haydn legt den Schwerpunkt auf den Text „Dona nobis pacem“: die Stimmen verweben sich in einer kurzen Fuge, deren Themenführung auf Einklang und Ruhe zielt. Der Schluss ist nicht triumphal, sondern mild und gesammelt – ein friedvolles Ende einer Messe, die von Glaubensgewissheit und klanglicher Reinheit geprägt ist.
Die Messe zeigt den jungen Michael Haydn als Komponisten, der trotz jugendlicher Formstrenge bereits ein tiefes Gespür für liturgische Proportion und Ausdruck besitzt. Ihre Einfachheit ist kein Mangel an Reife, sondern Ausdruck einer bewussten ästhetischen Haltung: der Musik als Gebet.
Die Aufführung unter Ricardo Luna (* 1970) am 13. September 2020 in der Karlskirche Wien (Gottesdienst zum Fest des hl. Michael) verleiht diesem Werk eine authentische liturgische Dimension. Der Chor und das Orchester der Karlskirche Wien musizieren mit bemerkenswerter klanglicher Disziplin und ausgewogener Artikulation. Luna führt das Ensemble mit ruhiger Hand und klarer Struktur, ohne Effekthascherei, aber mit spürbarer innerer Überzeugung. Die Akustik der Wiener Karlskirche unterstreicht den leuchtenden C-Dur-Klang dieser Messe und lässt die geistige Klarheit der Musik in vollem Raum erblühen.
Diese Missa in C sub titulo Sancti Michaelis (MH 12) ist ein seltenes, aber wertvolles Frühwerk, das den Weg des jungen Michael Haydn zur reifen Salzburger Kirchenmusik bereits deutlich vorzeichnet: klar, maßvoll, glaubensfest – eine Musik, die nicht imponiert, sondern erhebt.
Missa in honorem Sancti Cyrilli et Methodii (MH 13, 1758)
Diese Messe gehört zu den frühesten erhaltenen Kirchenkompositionen von Johann Michael Haydn (1737–1806). Sie entstand im Jahr 1758, also kurz nach seiner Berufung an den Hof des Bischofs Adam Patachich (1716–1784) in Großwardein, wo der junge Komponist als Konzertmeister wirkte. Der Bischof war ein gebildeter, musikliebender Kirchenfürst und ein überzeugter Verehrer der slawischen Heiligen Cyrill (827–869) und Method (815–885), die als Missionare und Begründer der slawischen Schrift verehrt wurden. Haydns Missa in honorem Sancti Cyrilli et Methodii ist somit nicht nur eine liturgische Auftragsarbeit, sondern auch ein symbolisches Werk, das den kulturellen und religiösen Zusammenhalt Mitteleuropas feiert.
Die Messe steht in C-Dur und ist für vierstimmigen Chor, Streicher, Orgelcontinuo sowie Trompeten und Pauken gesetzt. Trotz der festlichen Besetzung vermeidet Haydn jeden äußeren Glanz; er sucht die feierliche Schlichtheit, nicht den repräsentativen Effekt. Die Komposition zeigt eine klare Linienführung, straffe Proportionen und harmonische Stabilität. Die Sprache ist noch vom Spätbarock geprägt, doch bereits durchdrungen von klassischer Ordnung und symmetrischer Balance.
https://www.youtube.com/watch?v=RZ8qVU6nh0U
Das Kyrie eröffnet das Werk in ruhigem Dreiertakt, getragen von einem sanften, homophonen Chorklang über gleichmäßig geführten Streichern. Das Christe eleison wirkt dialogisch, fast kammermusikalisch, und im abschließenden Kyrie II vereint Haydn die Stimmen in einer schlichten, würdevollen Kadenz. Das Gloria entfaltet sich lebhafter und rhythmisch klar akzentuiert. Die Trompeten verleihen ihm Glanz, doch stets im Dienst des Textes. Haydn gliedert den Satz sorgfältig in kontrastierende Abschnitte: das jubelnde Gloria in excelsis Deo, das ruhig kontemplative Gratias agimus tibi und das energisch polyphone Cum Sancto Spiritu, das den Satz mit einer kurzen Fuge beschließt.
Das Credo ist von struktureller Klarheit geprägt. Der lange Text wird in symmetrische Abschnitte gegliedert, deren Mittelpunkt das Et incarnatus est bildet. Hier wechselt Haydn in eine verhaltene, schwebende Mollfarbe; die Musik atmet Demut und innere Sammlung. Das anschließende Et resurrexit bringt eine deutliche Steigerung: helles C-Dur, klare Rhythmen, und schließlich eine kleine Fuge im Et vitam venturi saeculi, die das Glaubensbekenntnis in architektonischer Geschlossenheit abrundet. Das Sanctus beginnt in ruhigem Tempo und homophoner Faktur. Haydn behandelt den Text ohne jede Opernhaftigkeit, mit klarer Deklamation und zurückhaltender Dynamik. Im Pleni sunt caeli wird die Musik lebhafter, und das Hosanna in excelsis schließt in einer prägnanten Doppelfuge.
Das Benedictus ist der lyrische Mittelpunkt der Messe. Haydn reduziert die Besetzung auf Streicher und Orgel und formt einen stillen, ausgewogenen Satz, dessen Linienführung an die frühen Salzburger Messen erinnert. Das abschließende Hosanna greift das Material des Sanctus wieder auf und gibt der Messe ihre formale Symmetrie zurück. Das Agnus Dei schließt den Zyklus mit einem sanften, flehentlichen Beginn. Im Dona nobis pacem verdichtet Haydn die Polyphonie und führt das Werk in ruhiger Würde zu Ende – ohne äußere Steigerung, mit jener inneren Geschlossenheit, die für seine geistliche Musik charakteristisch ist.
Die Missa in honorem Sancti Cyrilli et Methodii zeigt Haydn in der frühen Phase seiner Entwicklung, doch bereits mit den Qualitäten, die sein gesamtes kirchenmusikalisches Schaffen bestimmen sollten: Klarheit, Maß, kontrapunktische Festigkeit und eine Frömmigkeit, die nicht dekorativ, sondern echt und diszipliniert ist. Das Werk steht an der Schwelle zwischen dem Barock und der klassischen Klangsprache; seine Formstrenge und Linearität deuten bereits auf die Salzburger Messen der 1760er Jahre voraus.
In der Aufführung mit dem Zbor Cantica Collegium Musicum (Martin), dem Ensemble Canzona Neosolium (Banská Bystrica) und dem Orchestra Camerata Novisoliensis unter der Leitung von Pavol Tužinský (* 1958) wird diese Haltung überzeugend vermittelt. Der Chor singt klar und unaufdringlich, das Orchester begleitet mit präziser Artikulation und ohne Übergewicht, die Orgel hält das harmonische Gefüge zusammen. Alles bleibt transparent, textbezogen und aus der Liturgie heraus gedacht. Diese Interpretation zeigt Michael Haydn als das, was er in Wahrheit war – ein Komponist von geistiger Strenge und innerer Ruhe, der die Musik nicht zur Zierde, sondern als Ausdruck des Glaubens verstand.
Missa Beatissimae Virginis Mariae (MH 15, 1758/1760)
Die Missa Beatissimae Virginis Mariae („Messe zu Ehren der Allerseligsten Jungfrau Maria“), MH 15 entstand vermutlich zwischen 1758 und 1760, während Michael Haydn am Hof des Bischofs Adam Patachich (1716–1784) in Großwardein (Oradea) tätig war. Sie gehört damit zu den frühen, aber bereits voll ausgebildeten Werken des Komponisten, die deutlich über den Rahmen einer einfachen Messvertonung hinausgehen. Der Titel verweist auf die Gottesmutter als Schutzpatronin der Kirche und deutet zugleich auf eine festliche, jedoch nicht theatralische Anlage hin. Haydn wählte die Tonart C-Dur, die im 18. Jahrhundert oft mit Klarheit, Reinheit und feierlicher Helligkeit assoziiert wurde – passend zur marianischen Widmung.
https://www.youtube.com/watch?v=xy5JnZAOoB4&t=140s
Die Messe ist für vierstimmigen Chor (SATB), Orchester mit zwei Trompeten, Pauken, Streichern und Orgelcontinuo besetzt. In dieser Kombination verbindet Haydn den spätbarocken Repräsentationsklang mit der sich abzeichnenden klassisch-transparenten Faktur. Die Satztechnik zeigt bereits jene charakteristische Ausgewogenheit, die sein späteres Salzburger Schaffen prägen sollte: eine klare harmonische Struktur, linear geführte Melodik und kontrapunktische Disziplin. Der Stil bewegt sich zwischen der höfischen Kirchenmusik Wiens und der sich herausbildenden Salzburger Schlichtheit.
Das Kyrie eröffnet ruhig und ausgewogen, in einem Dreiertakt von gemessener Bewegung. Haydn vermeidet dramatische Kontraste; das dreiteilige Formschema (Kyrie–Christe–Kyrie) ist symmetrisch angelegt, mit fließenden Übergängen. Das Gloria folgt als heller, rhythmisch prägnanter Satz, dessen Abschnitte durch klare Tempowechsel gegliedert sind. Besonders auffällig ist die Polyphonie im Cum Sancto Spiritu, wo Haydn eine strenge, aber transparente Fuge anlegt – ein früher Beweis seiner kontrapunktischen Schulung. Das Credo zeigt eine weite architektonische Anlage, in der Haydn die großen Textteile mit innerer Logik und ruhiger Proportion ordnet. Das Et incarnatus est steht im Zentrum: ein langsamer, in Moll gehaltene Abschnitt, der durch die Schlichtheit der Linien eine echte meditative Tiefe erreicht. Das Et resurrexit kehrt in strahlendem C-Dur wieder und führt das Et vitam venturi saeculi in eine kurze Fuge, deren Themenführung von bemerkenswerter Klarheit ist.
Das Sanctus entfaltet sich in ruhiger, feierlicher Haltung. Haydn vermeidet den großräumigen barocken Pomp und konzentriert sich auf klare Choralstruktur und feine Dynamik. Das Hosanna in excelsis ist polyphon gearbeitet, aber leicht und durchsichtig. Das Benedictus ist der intimste Teil der Messe. Haydn reduziert die Besetzung und lässt die Stimmen über einem gleichmäßigen Streicherfundament in kantablen Linien verlaufen – ein Moment der Sammlung innerhalb der feierlichen Form. Im abschließenden Agnus Dei kehrt er zur gedämpften Grundstimmung des Kyrie zurück. Das Dona nobis pacem schließt mit einer ruhigen Fuge, die den Friedensbitte-Text in musikalische Balance überführt.
Diese Messe dokumentiert Haydns frühen Versuch, barocke Kompositionsmittel in eine klassisch geordnete Sprache zu überführen. Im Vergleich zu den späteren Salzburger Messen (ab MH 56) wirkt sie jugendlicher, doch nicht unsicher: sie zeugt von hoher handwerklicher Beherrschung und einer bewussten liturgischen Haltung. Die Faktur ist frei von Effekten, die Harmonik klar, die Vokalführung sorgfältig, die Instrumentation maßvoll.
In der Aufführung des YouTube-Videos wird die Messe vollständig wiedergegeben. Der Chor singt diszipliniert und hell, die Orchesterbegleitung bleibt im Hintergrund und wahrt die Durchsichtigkeit der Satzstruktur. Der Klang vermittelt jene stille Feierlichkeit, die für Michael Haydns Kirchenmusik charakteristisch ist. Es handelt sich nicht um eine Repräsentationsmesse, sondern um ein Werk des inneren Gleichgewichts und der stillen Verehrung – eine Musik, die der Liturgie dient, nicht dem Publikum.
Die Missa Beatissimae Virginis Mariae (MH 15) steht damit an einem entscheidenden Punkt zwischen Tradition und Erneuerung. Sie ist kein bloßes Frühwerk, sondern ein Beispiel jener geistigen und musikalischen Haltung, die Haydns späteres Schaffen prägen sollte: eine Kunst, die Ordnung, Glaube und Klang zu einer geschlossenen Einheit verbindet.
Missa in honorem Sancti Josephi in C-Dur (MH 16)
Die Missa in honorem Sancti Josephi in C-Dur (MH 16) entstand vermutlich zwischen 1758 und 1760 in der Zeit, in der Michael Haydn als Konzertmeister am Hof des Bischofs Adam Patachich (1716–1784) in Großwardein wirkte. Der Titel verweist auf den heiligen Josef als Patron der Kirche und Familie – eine Widmung, die liturgisch und kirchlich Bedeutung hatte. Die Wahl der Tonart C-Dur unterstreicht den feierlichen, aber nüchternen Charakter der Messe. Die Besetzung ist für Chor (SATB), Trompeten, Pauken, Streichern und Orgelcontinuo ausgelegt – eine festliche, jedoch nicht überbordende Anlage, typisch für die Übergangszeit vom Spätbarock zur Frühklassik.
Im Aufbau folgt das Werk dem klassischen Ordinarium der Messe mit den Sätzen Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Benedictus und Agnus Dei.
https://www.youtube.com/watch?v=yJZXEnTIG_I&list=OLAK5uy_m6i5vEMP1ybEN1UfIhsKQyi51aHw6XrC0&index=1
Die Missa MH 16 steht stilistisch für den Versuch Haydns, barocke Kirchenmusiktradition und die sich abzeichnenden Anforderungen der Klassik in Einklang zu bringen. Der Fokus liegt auf Textverständlichkeit, Linienklarheit und liturgischer Funktion, nicht auf Virtuosität oder theatraler Wirkung. Innerhalb seines Œuvres nimmt das Werk eine wichtige Stellung ein: Es zeigt den Übergang seiner Großwardeiner Zeit hin zur Salzburger Periode.
Kyrie:
Der Eröffnungssatz steht in ruhigem Dreiertakt, in schlichter C-Dur-Helligkeit. Die Streicher begleiten mit gleichmäßigen Wellenbewegungen, die Chorstimmen treten homophon ein. Das Mittelteil Christe eleison bildet einen kurzen, dialogisch angelegten Kontrast in parallelen Terzen und Sexten, bevor das abschließende Kyrie II die ursprüngliche Ruhe wiederherstellt. Der Satz endet mit einer klaren Kadenz, ohne expressives Nachdrängen – der Ausdruck bleibt gesammelt und liturgisch konzentriert.
Gloria:
Das Gloria in excelsis Deo entfaltet sich im lebhaften Allegro, in der Struktur eines zweiteiligen Formsatzes. Trompeten und Pauken setzen Akzente, ohne das Vokalensemble zu überstrahlen. Haydn unterteilt den Text in mehrere musikalische Abschnitte: Gratias agimus tibi steht in reduziertem Tempo und vermittelt ruhige Dankbarkeit; Quoniam tu solus Sanctus führt zu einer gesteigerten Bewegung, die in der Fuge Cum Sancto Spiritu kulminiert. Diese Fuge zeigt noch barocke Strenge, jedoch mit klassischer Klarheit und leuchtender Diatonik.
Credo:
Der umfangreichste Satz der Messe ist architektonisch streng gebaut. Haydn gliedert den Text symmetrisch und verwendet das Et incarnatus est als Zentrum, das sich durch Wechsel in die Mollparallele auszeichnet. Die melodische Linie sinkt hier ab – ein Zeichen für Demut und Einkehr. Das Et resurrexit steht in heller, rhythmisch markanter Faktur, und das Et vitam venturi saeculi schließt mit einer kunstvoll gearbeiteten Fuge, die auf präzise Stimmführung und strukturelle Stabilität setzt.
Sanctus:
Das Sanctus Dominus Deus Sabaoth ist als homophoner Chorsatz gestaltet. Die Harmonik bleibt einfach, fast silbenweise deklamiert, wodurch der Text besonders deutlich hervortritt. Das anschließende Pleni sunt caeli et terra gloria tua bringt kurzzeitig Bewegung, bevor das Hosanna in excelsis die Polyphonie wieder aufnimmt. Die Doppelfuge ist knapp und streng geführt, zeigt aber eine charakteristische Durchsichtigkeit.
Benedictus:
Das Benedictus qui venit in nomine Domini steht in ruhiger Dreiteiligkeit, mit kantabler Melodik und leichter, fast kammermusikalischer Begleitung. Haydn lässt die Bläser schweigen und setzt nur Streicher und Orgel ein, wodurch ein intimer, kontemplativer Klangraum entsteht. Das wiederholte Hosanna in excelsis übernimmt die thematische Substanz des Sanctus und rundet den liturgischen Bogen.
Agnus Dei:
Das Agnus Dei qui tollis peccata mundi beginnt in sanftem Pianissimo, mit schwebender Harmonik. Die kontrapunktische Faktur ist zurückhaltend, aber klar; das Dona nobis pacem bildet den Höhepunkt, indem es den Chor in eine ruhige, diatonische Fuge führt. Der Schluss ist nicht triumphal, sondern friedlich, wie eine ruhige Bitte um Vollendung.
Zur Einspielung: Es existiert eine Aufnahme mit dem Titel "Missa in honorem Sancti Josephi in C" MH 16 (1758/60) Coro Ardito & Orchestra Ardita unter der Leitung von Joseph Willimann (* 1949), Label Ardito, 1998. Auf der CD befinden sich auch Einspielungen von zwei anderen Werken Michael Haydns: Graduale "Dirigatur oratio mea" MH 520 und Orgelkonzert F-Dur, 3. Satz Allegro assai, MH 246.
Die Interpretation zeichnet sich durch klare Textdeklamation und transparente Instrumentation aus. Die Aufführung wahrt die Proportionen der Messe und orientiert sich an liturgischer Balance, nicht an konzertantem Glanz.
Missa Sancti Gabrielis in C-Dur (MH 17)
Die Missa Sancti Gabrielis in C-Dur (MH 17) gehört zu den frühen kirchenmusikalischen Werken Johann Michael Haydns und entstand wahrscheinlich um 1758, während seiner Tätigkeit als Konzertmeister am Hof des Bischofs Adam Patachich (1716–1784) in Großwardein. Später überarbeitete Haydn die Partitur, vermutlich im Jahr 1768, zu einer erweiterten Fassung, die durch stärkere klangliche Fülle und reifere thematische Arbeit geprägt ist. Der Titel verweist auf den Erzengel Gabriel, den Boten der Verkündigung, und deutet eine Verbindung zwischen himmlischer Klarheit und menschlicher Demut an — eine Haltung, die Haydns geistlicher Stil in besonderer Weise verkörpert. Die Messe ist in C-Dur komponiert, der Tonart der liturgischen Festlichkeit, und steht in einer Zeit, in der Haydn den spätbarocken Formenkanon allmählich in eine klarer gegliederte, frühklassische Syntax überführte. Ihre Besetzung umfasst Chor (SATB), Streicher, Basso continuo, Trompeten und Pauken; in der revidierten Fassung verstärkte Haydn den Bläserklang und gab den Streichern größere melodische Selbstständigkeit.
https://www.youtube.com/watch?v=ScKK17UPSYg
Das Kyrie eröffnet das Werk in einer Atmosphäre stiller Festlichkeit. Über einem ruhig schreitenden Continuo entfaltet sich ein klarer, dreiteiliger Satz (Kyrie – Christe – Kyrie), dessen Themen durch einfache, aber ausdrucksstarke Intervalle geprägt sind. Das melodische Material wirkt nicht flehend, sondern gesammelt und ausgewogen. Haydn verzichtet auf kontrapunktische Verdichtung zugunsten einer linearen, syllabisch betonten Vokalführung, die den Text verständlich hält. Das Christe eleison steht in sanfter Modulation zur Dominante und zeichnet sich durch eine zarte Dialogstruktur zwischen den Stimmen aus, ehe das abschließende Kyrie den Eröffnungsgedanken in ruhiger C-Dur-Helligkeit beschließt.
Das Gloria steht im deutlichen Gegensatz zur Ruhe des Anfangs. Hier zeigt sich die Fähigkeit Haydns, Festlichkeit und liturgische Disziplin zu vereinen. Die Trompeten treten in leuchtenden Signalmotiven hervor, doch nie aufdringlich. Der Satz gliedert sich in mehrere Abschnitte, die dem Text folgen: Das Gratias agimus tibi bringt einen ruhigeren Mittelteil in homophoner Struktur, während das Quoniam tu solus Sanctus und das abschließende Cum Sancto Spiritu eine energische Fuge bilden. Diese Fuge, ein frühes Beispiel für Haydns souveränen Umgang mit kontrapunktischem Satz, wirkt nicht gelehrt, sondern klanglich klar und zielgerichtet — ein musikalischer Ausdruck von Freude, nicht von Theatralik.
Im Credo erreicht die Messe ihre größte architektonische Geschlossenheit. Haydn strukturiert den Text mit klaren musikalischen Kontrasten: das eröffnende Credo in unum Deum erscheint in kräftigen Akkorden, das Et incarnatus est in gedämpfter Mollfärbung. Hier findet sich ein bemerkenswertes Moment des Innehaltens: die Bewegung der Musik verlangsamt sich, der Chor phrasiert beinahe rezitativisch, und die harmonische Sprache vertieft sich. Das folgende Et resurrexit steht in strahlendem C-Dur, getragen von rhythmischer Energie und homophonen Ausrufen. Das Et vitam venturi saeculi beschließt den Satz mit einer kompakten Doppelfuge, deren Themenführung auf klassischer Klarheit und kontrapunktischer Ökonomie beruht.
Das Sanctus setzt mit weit gespannten Harmonien ein, die den Chorklang feierlich öffnen. Haydn hält den Satz bewusst schlicht und lässt die Stimmen in parallel geführten Linien über einer ruhigen Streicherbewegung entfalten. Die Chorstimmen artikulieren den Text in großen Atemzügen, während das Pleni sunt caeli eine kurze dynamische Steigerung bringt. Das anschließende Hosanna in excelsis bildet einen polyphonen Abschnitt mit imitatorischen Einsätzen, die den Lobpreis in Bewegung versetzen, jedoch nie die liturgische Würde überschreiten.
Das Benedictus wirkt als innerer Ruhepunkt der Messe. Haydn reduziert hier die Klangfülle und überlässt den Gesang einer zarten Begleitung der Violinen und der Orgel. Der Satz entfaltet sich in ruhig schwebendem Dreiertakt, fast pastoraler Anmut, mit betonter Linearität der Stimmen. Das abschließende Hosanna in excelsis greift das Material des Sanctus wieder auf und schließt den Mittelteil symmetrisch ab.
Im Agnus Dei kehrt Haydn zur Grundhaltung des Kyrie zurück. Der Satz steht im Piano, mit homophonen Anklängen und ruhiger Bewegung. Die Wiederholung Agnus Dei, qui tollis peccata mundi zeigt leichte dynamische Steigerungen, die nicht dramatisch, sondern innerlich betend wirken. Das abschließende Dona nobis pacem mündet in eine schlichte, ausgewogene Fuge, die das Werk in friedlicher Klarheit beendet. Hier zeigt sich, wie Haydn aus der asketischen Konzentration seiner Sprache jene Form des musikalischen Gebets entwickelt, die sein gesamtes kirchliches Schaffen prägt.
Die Missa Sancti Gabrielis ist ein Werk von bemerkenswerter Balance. Sie steht am Übergang zwischen barocker Mehrstimmigkeit und klassischer Schlichtheit, zwischen repräsentativem Glanz und liturgischer Strenge. Haydn erreicht eine Form, in der keine Stimme überflüssig ist und jede Wendung dem Wort verpflichtet bleibt. Die Musik entfaltet eine stille Feierlichkeit, die nicht durch äußeren Effekt, sondern durch innere Ordnung wirkt. Diese Messe zählt damit zu jenen frühen Werken, in denen sich Michael Haydns eigenständige Tonsprache formt: demütig, strukturiert und von jener stillen Größe, die seine gesamte Kirchenmusik auszeichnet.
Die hier verwendete Einspielung stammt aus einem Live-Mitschnitt des Hochamts am 4. November 2018 in der Karlskirche Wien (Patrozinium St. Karl Borromäus) unter der Leitung von Ricardo Luna (* 1970 in Buenos Aires, Argentinien; seit 2000 in Wien tätig als Dirigent, Chorleiter und Kirchenmusiker).
Te Deum in C-Dur (MH 28)
Das Te Deum in C-Dur (MH 28) entstand um 1760, also während Michael Haydns Anstellung am Hof des Bischofs Adam Patachich (1716–1784) in Großwardein, wenige Jahre bevor er nach Salzburg berufen wurde. Es ist eines seiner frühesten großdimensionierten geistlichen Werke und zeigt bereits den charakteristischen Übergangsstil des jungen Komponisten zwischen barocker Prachtentfaltung und frühklassischer Klarheit. Das Te Deum war traditionell ein feierlicher Hymnus des Dankes, gesungen zu hohen kirchlichen oder staatlichen Anlässen, etwa zur Bischofsweihe oder nach siegreichen Ereignissen. Haydn behandelte den Text nicht als theatralisches Prunkstück, sondern als liturgisch ausgerichtete Festmusik, in der Strenge und Jubel in Einklang stehen.
Das Werk ist für Chor (SATB), Orchester mit Trompeten, Pauken, Streichern und Basso continuo angelegt. Die Tonart C-Dur, die Haydn häufig für festliche Kirchenkompositionen wählte, verleiht der Musik helle Klarheit und symbolische Reinheit. Die Satztechnik ist noch stark von der barocken Mehrstimmigkeit geprägt, doch die Themenbildung ist bereits von klassischer Periodik bestimmt: klare Motive, symmetrische Phrasen, deutliche Kadenzen. Die Komposition zeigt in ihrer Architektur eine ausgewogene Balance zwischen repräsentativer Festlichkeit und innerer liturgischer Konzentration.
Michael Haydns Te Deum in C in der Einspielung mit dem Savaria Baroque Orchestra, dem Cantus Corvinus Vocal Ensemble unter der Leitung von Pál Németh (* 1956):
https://www.youtube.com/watch?v=fzFuVAdQSrA
Das Te Deum beginnt mit einem kraftvollen, homophonen Aufruf „Te Deum laudamus“, bei dem die Trompeten und Pauken den Chorklang in leuchtende Feststimmung tauchen. Im zweiten Abschnitt „Te æternum Patrem omnis terra veneratur“ wird die Polyphonie dichter; Haydn lässt die Stimmen in imitatorischen Einsätzen ansteigen, wodurch ein bewegtes Klangbild entsteht, das den universalen Lobgesang der Kirche symbolisiert. Die Mitte des Werkes („Tu Rex gloriæ Christe“) ist von ruhigerer Bewegung und stärkerer melodischer Linie geprägt. Hier zeigt Haydn jene kantable Schlichtheit, die später zu einem Kennzeichen seines Kirchenstils werden sollte. Im Schlussabschnitt „In te, Domine, speravi“ verdichtet sich die Harmonik erneut, der Satz mündet in eine ruhige, lichtvolle C-Dur-Kadenz – eine musikalische Darstellung des Vertrauens, das der Hymnus bekennt.
Der Text des Te Deum laudamus gehört zu den ältesten Hymnen der lateinischen Kirche. In der Tradition wurde er Ambrosius von Mailand (um 340–397) und Augustinus von Hippo (354–430) zugeschrieben, angeblich spontan bei der Taufe Augustins im Jahr 387. Die moderne Forschung betrachtet den Hymnus hingegen als anonymen Text des 4. Jahrhunderts.
Lateinischer Text und deutsche Übersetzung
Te Deum laudamus, te Dominum confitemur.
Te æternum Patrem omnis terra veneratur.
Tibi omnes angeli, tibi cæli et universæ potestates,
tibi cherubim et seraphim incessabili voce proclamant:
Sanctus, Sanctus, Sanctus Dominus Deus Sabaoth.
Pleni sunt cæli et terra maiestatis gloriæ tuæ.
Te gloriosus Apostolorum chorus,
te Prophetarum laudabilis numerus,
te Martyrum candidatus laudat exercitus.
Te per orbem terrarum sancta confitetur Ecclesia,
Patrem immensæ maiestatis,
venerandum tuum verum et unicum Filium,
Sanctum quoque Paraclitum Spiritum.
Tu Rex gloriæ, Christe. Tu Patris sempiternus es Filius.
Tu, ad liberandum suscepturus hominem, non horruisti Virginis uterum.
Tu, devicto mortis aculeo, aperuisti credentibus regna cælorum.
Tu ad dexteram Dei sedes in gloria Patris.
Judex crederis esse venturus.
Te ergo quæsumus, tuis famulis subveni,
quos pretioso sanguine redemisti.
Æterna fac cum sanctis tuis in gloria numerari.
Salvum fac populum tuum, Domine, et benedic hæreditati tuæ.
Et rege eos et extolle illos usque in æternum.
Per singulos dies benedicimus te,
et laudamus nomen tuum in sæculum et in sæculum sæculi.
Dignare, Domine, die isto sine peccato nos custodire.
Miserere nostri, Domine, miserere nostri.
Fiat misericordia tua, Domine, super nos, quemadmodum speravimus in te.
In te, Domine, speravi: non confundar in æternum.
Dich, Gott, loben wir, dich, Herr, bekennen wir.
Dich, ewigen Vater, betet an die ganze Erde.
Dir dienen alle Engel, dir Himmel und alle Mächte,
dir rufen Cherubim und Seraphim mit nie endender Stimme zu:
Heilig, heilig, heilig, Herr, Gott der Heerscharen.
Himmel und Erde sind erfüllt von deiner Herrlichkeit.
Dich preist der glorreiche Chor der Apostel,
dich das lobwürdige Heer der Propheten,
dich die Schar der Märtyrer in weißem Gewand.
Dich bekennt auf der ganzen Erde die heilige Kirche,
den Vater unermesslicher Majestät,
deinen verehrungswürdigen, wahren und eingeborenen Sohn,
ebenso den Heiligen Geist, den Tröster.
Du, Christus, bist der König der Herrlichkeit.
Du bist des Vaters ewiger Sohn.
Du, der zur Erlösung der Menschen kam,
du scheutest dich nicht, den Schoß der Jungfrau anzunehmen.
Du hast, nachdem du den Stachel des Todes besiegt,
den Gläubigen das Himmelreich geöffnet.
Du sitzest zur Rechten Gottes in der Herrlichkeit des Vaters,
du wirst kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.
So bitten wir dich, Herr: Hilf deinen Dienern,
die du mit deinem teuren Blut erlöst hast.
Lass sie mit deinen Heiligen ewig in Herrlichkeit vereint sein.
Rette dein Volk, Herr, und segne dein Erbe.
Führe sie und erhebe sie bis in Ewigkeit.
Tag für Tag preisen wir dich,
und loben deinen Namen immer und in Ewigkeit.
Herr, an diesem Tag bewahre uns vor Sünde.
Erbarme dich unser, Herr, erbarme dich unser.
Dein Erbarmen, Herr, sei über uns, wie wir auf dich gehofft haben.
Auf dich, Herr, habe ich gehofft: Ich werde in Ewigkeit nicht zuschanden werden.
CD-Vorschlag: Michael Haydn Collection, Vol. 3 – Te Deum, MH 28 · Cantus Corvinus Vocal Ensemble, Savaria Baroque Orchestra, Leitung Pál Németh (* 1956). Brilliant Classics, 2019.
Diese Einspielung verbindet historische Aufführungspraxis mit klarer Textgestaltung und ausgewogener Transparenz.
https://www.youtube.com/watch?v=DUR6WxVumbo
Missa in C-Dur, MH 42
Die Missa in C (MH 42) entstand um 1758, also in den ersten Jahren von Johann Michael Haydns Anstellung als Konzertmeister am Hof des Bischofs Adam Patachich (1716–1784) in Großwardein. Sie gehört zu einer Gruppe früher C-Dur-Messen, in denen der junge Komponist den Übergang vom spätbarocken Stil zur frühen Klassik vollzieht. Diese Messe ist keine festliche Staatsmusik, sondern ein Werk stiller Frömmigkeit, das durch Klarheit, Maß und Ernsthaftigkeit besticht. Schon hier zeigt sich jene Haltung, die Haydns Kirchenmusik bis ans Lebensende prägen sollte: eine strenge, liturgisch orientierte Tonsprache ohne opernhafte Züge, getragen von Ausgewogenheit und innerer Sammlung.
Die Besetzung umfasst vierstimmigen Chor (SATB), Streicher, Basso continuo und Orgel; Trompeten und Pauken fehlen, was dem Werk eine kammermusikalische Helligkeit verleiht. Haydn arbeitet mit klar gegliederten Phrasen, behutsamen Sequenzen und einer Harmonik, die zwischen barocker Stabilität und frühklassischer Beweglichkeit vermittelt. Der gesamte Satzverlauf ist logisch organisiert, die Polyphonie bleibt durchsichtig, und die Textausdeutung folgt dem Prinzip des liturgischen Gleichgewichts: kein rhetorischer Überschwang, sondern ruhige, durchdachte Gestaltung.
https://www.youtube.com/watch?v=_TH_9sMDGz8
Das Kyrie eröffnet die Messe in ruhigem Dreiertakt, mit gleichmäßig schreitenden Streichern und einem choralartig geführten Vokalsatz. Haydn nutzt hier den klassischen Dreiteiler (Kyrie I – Christe – Kyrie II), jedoch ohne scharfe Kontraste. Das Mittelteil Christe eleison bringt eine zarte Modulation in die Dominante, ehe das abschließende Kyrie die Grundtonart C-Dur in klarer Kadenz wieder festigt. Der Satz ist von betender Ruhe, nicht von Ausdrucksdramatik geprägt.
Im Gloria belebt sich der Klang, doch Haydn wahrt die strukturelle Strenge. Die Chorstimmen singen in enger Homophonie, die Streicher stützen rhythmisch und halten den Satz in Bewegung. Der Mittelabschnitt Gratias agimus tibi wird ruhiger und modulierender geführt, während das abschließende Cum Sancto Spiritu eine kurze, präzise Fuge bildet. Sie ist von lehrhafter Klarheit, ohne kontrapunktische Überfülle – ein Beispiel für Haydns Fähigkeit, polyphones Denken und klassische Formökonomie zu vereinen.
Das Credo ist der umfangreichste Abschnitt. Die Grundstruktur folgt der liturgischen Dreiteilung: Credo in unum Deum (kräftig homophon), Et incarnatus est (verlangsamt, in Mollfärbung) und Et resurrexit (energisch, in strahlendem C-Dur). Haydn behandelt den Text mit großer Sorgfalt; das Et incarnatus est erhält eine besonders ruhige, kontemplative Ausgestaltung, in der die Linienführung sparsam, fast rezitativisch wirkt. Im Et resurrexit hellt sich der Klang auf, und die Stimmen treten in freier Imitation ein – ein Moment, der Auferstehung und Licht musikalisch unmittelbar erfahrbar macht. Das Et vitam venturi saeculi endet mit einer kompakten Fuge, deren kontrapunktische Führung die feste Glaubenszuversicht unterstreicht.
Das Sanctus knüpft in ruhigem Dreiertakt an den meditativen Ton des Et incarnatus est an. Haydn wählt eine breite, homophone Textur, die den Text würdevoll trägt. Das anschließende Pleni sunt caeli steigert sich kurzzeitig in rhythmische Bewegung, bevor das Hosanna in excelsis den Abschnitt mit einer leichten, imitatorischen Passage abschließt.
Das Benedictus steht im deutlichen Kontrast: kammermusikalisch, transparent, mit fein verschränkten Streichern und sanften Vokaleinsätzen. Haydn arbeitet hier mit kleinen motivischen Gesten, die den Text „Benedictus qui venit in nomine Domini“ wie eine leise Bitte gestalten. Das wiederholte Hosanna nimmt die thematische Substanz des Sanctus auf und fügt sich harmonisch geschlossen ein.
Das Agnus Dei beginnt in gedämpfter Dynamik, in ruhigem, gebetsartigem Ton. Haydn verwendet hier eine leicht chromatische Linienführung, um die Bitte um Erbarmen zu vertiefen. Das abschließende Dona nobis pacem ist nicht triumphal, sondern von innerer Ruhe geprägt. Es beschließt die Messe in symmetrischer Form, mit einer kurzen Fuge, die den Gedanken des Friedens musikalisch zum Abschluss bringt.
In dieser frühen Messe zeigt sich Michael Haydns Persönlichkeit bereits voll ausgebildet: eine klare, gottesdienstliche Ästhetik, frei von Pathos, aber erfüllt von innerer Überzeugung. Die Missa in C (MH 42) steht damit am Beginn jenes Weges, der zur Reife seiner Salzburger Kirchenmusik führte. Sie belegt, dass Haydn schon in jungen Jahren die Kunst verstand, geistliche Tiefe mit kompositorischer Disziplin zu vereinen.
Die Einspielung mit dem Cantus Corvinus Vocal Ensemble und dem Savaria Baroque Orchestra unter Pál Németh (* 1956), erschienen bei Brilliant Classics in der Reihe Michael Haydn Collection, bringt die liturgische Klarheit dieses Werkes in beispielhafter Weise zur Geltung. Die historischen Instrumente verleihen dem Klang Wärme und Leuchtkraft, der Chor singt mit exakter Diktion und feiner dynamischer Abstufung. Némeths Dirigat ist konzentriert, maßvoll und respektvoll gegenüber der liturgischen Struktur – eine Interpretation, die den Geist dieser frühen Messe vollkommen trifft.
Missa in C, MH 45 (um 1760)
Die Missa in C (MH 45) gehört zu den frühen Salzburger Kirchenwerken Johann Michael Haydns, entstanden wahrscheinlich kurz nach seiner Übersiedlung an den Hof des Fürsterzbischofs Sigismund Graf von Schrattenbach (1698–1771), also um das Jahr 1760. Sie ist ein Werk der Übergangszeit – zwischen der empfindsamen Klangwelt seiner Jugendjahre in Großwardein und der reifen, liturgisch gefestigten Tonsprache seiner Salzburger Messen.
Die Quellenlage ist eindeutig: Das Autograph oder eine zeitgenössische Abschrift befindet sich in der Musiksammlung der Erzabtei St. Peter in Salzburg (Signatur A-Ssp). Eine moderne Edition liegt bisher nicht vor, und das Werk wurde, soweit bekannt, nie vollständig eingespielt. Dennoch besitzt die Messe einen besonderen Stellenwert, da sie zu den frühesten Beispielen von Haydns ausgeprägtem Sinn für formale Balance und textnahe musikalische Rhetorik zählt.
Die Messe steht in C-Dur, der traditionellen Festtonart, und ist für vierstimmigen Chor (SATB), Streicher, zwei Trompeten, Pauken und Orgelcontinuo gesetzt. Ihre musikalische Sprache zeigt noch barocke Züge, besonders in der kontrapunktischen Stimmführung, zugleich aber eine wachsende Orientierung an der klassischen Periodik und Klarheit. Die melodische Führung ist gesanglich, die Harmonik stabil, mit vereinzelten Modulationen zu parallelen und dominanten Tonarten.
Das Kyrie eröffnet die Messe mit einer ruhigen, feierlichen Bewegung im Dreiertakt. Die Stimmen werden in blockhafter Homophonie geführt, die sich nur stellenweise in imitatorische Linien auflöst. Das Christe eleison bringt eine kurze lyrische Aufhellung, bevor das abschließende Kyrie das Eingangsmotiv wieder aufnimmt und den Satz symmetrisch abrundet.
Das Gloria zeigt Haydns Begabung für textbezogene Gliederung: Der Komponist unterteilt den Abschnitt in kurze, klar unterscheidbare Episoden. Das Gratias agimus tibi ist in ruhigem Tempo gehalten, das Domine Deus lebhafter, und das abschließende Cum Sancto Spiritu mündet in eine kleine Fuge, die trotz ihrer Kürze bereits die kontrapunktische Disziplin des jungen Meisters erkennen lässt.
Im Credo herrscht eine stabile, syllabische Vertonung vor, die dem Textverständnis dient. Das Et incarnatus est tritt als innerer Ruhepunkt auf, mit zarter Chromatik und verminderter Dynamik. Das Et resurrexit kehrt zu energischem D-Dur zurück, rhythmisch prägnant und klanglich leuchtend. Die abschließende Fuge Et vitam venturi saeculi bildet den architektonischen Schluss dieses umfangreichsten Teils der Messe.
Das Sanctus ist von ruhiger Würde, in gemessenem Dreiertakt gehalten und reich an festlichen Akkorden. Das Pleni sunt caeli entfaltet sich in fließender Bewegung, während das Hosanna durch imitatorische Einsätze belebt wird. Das Benedictus steht im Kontrast dazu – schlicht, kantabel, in kammermusikalischem Rahmen. Die Rückkehr des Hosanna sorgt für strukturellen Abschluss.
Im Agnus Dei wählt Haydn eine gemäßigte Bewegung, die Bitten um Erbarmen klingen ruhig und ohne Pathos. Das abschließende Dona nobis pacem greift den thematischen Gedanken des Kyrie wieder auf und schließt die Messe in ausgewogener Symmetrie.
Die Missa in C (MH 45) zeigt, dass Michael Haydn schon früh jene charakteristische Haltung entwickelte, die ihn von seinem älteren Bruder unterschied: eine Konzentration auf das liturgische Wesentliche, frei von Opernhaftigkeit, getragen von innerer Gläubigkeit und kompositorischer Klarheit. Sie markiert den Beginn seines eigenständigen kirchenmusikalischen Stils – einer Kunst, die weniger auf Wirkung als auf geistige Wahrheit zielt.
Da das Werk bislang weder ediert noch aufgenommen wurde, bleibt es vorerst ein Schatz der Archive. Es wäre zu wünschen, dass eine künftige Edition und Aufführung – etwa durch Ensembles wie das Savaria Baroque Orchestra oder die Cappella Istropolitana – diese frühe Messe des jungen Salzburger Meisters der Öffentlichkeit zugänglich machen.
Missa Sancti Francisci Seraphici (MH 43)
Die Missa Sancti Francisci Seraphici (MH 43) gehört zu den frühesten Salzburger Messen Johann Michael Haydns. Sie entstand vermutlich um 1760, kurz nach seiner Berufung an den Hof des Fürsterzbischofs Sigismund Graf von Schrattenbach (1698–1771). Der Titel verweist auf Franz von Assisi (1181/82–1226), den „Seraphischen Vater“ des Franziskanerordens, dessen Demut, Armutsideal und Gottverbundenheit im 18. Jahrhundert erneut an Bedeutung gewannen. Haydns Messe ist daher nicht nur ein liturgisches Werk, sondern auch Ausdruck eines religiösen Ethos: schlicht, ehrfürchtig und von innerer Ruhe getragen.
Die Komposition steht in C-Dur – der traditionellen Festtonart für Messen, die Licht, Reinheit und Zuversicht symbolisiert – und ist besetzt für vierstimmigen Chor (SATB), zwei Violinen, Basso continuo, zwei Trompeten und Pauken. Diese Besetzung verleiht der Musik festliche Brillanz, ohne in Überladenheit zu verfallen. Stilistisch steht die Messe zwischen Spätbarock und beginnender Klassik: klar gegliedert, formal streng, dabei von einer stillen, fast pastoralen Ausdruckskraft.
https://www.youtube.com/watch?v=iNbyEvLRZBc
Das Kyrie eröffnet in dreiteiliger Form (Kyrie I – Christe – Kyrie II) mit ruhiger, choralartiger Bewegung. Die Stimmen führen homophone Linien, die nur gelegentlich in imitatorische Andeutungen übergehen. Das Christe eleison wirkt milder, fast zärtlich, ehe das abschließende Kyrie die Eingangsgeste wieder aufnimmt. Der Satz ist beispielhaft für Haydns frühe Tendenz zur architektonischen Ausgewogenheit: symmetrische Form, ruhiger Puls, klare Tonalität.
Im Gloria entfaltet sich der volle Klang des Ensembles. Trompeten und Pauken verleihen den Jubelrufen Glanz, die Streicher schaffen fließende Bewegung. Haydn gliedert den langen Text in Abschnitte mit kontrastierendem Charakter: Et in terra pax steht in ruhigerem Tempo, Domine Deus Rex coelestis ist von lebhafter Energie geprägt, und das abschließende Cum Sancto Spiritu mündet in eine präzise, dreistimmige Fuge, die die Textaussage „in gloria Dei Patris. Amen“ eindrucksvoll bekräftigt.
Das Credo bildet den architektonischen Mittelpunkt der Messe. Haydn unterteilt den Text klar und symmetrisch: Das Credo in unum Deum ist in festem homophonem Satz gehalten; das Et incarnatus est in c-Moll (Subdominanttonart) bringt einen Moment kontemplativer Tiefe, mit weichen, chromatischen Linien und gedämpfter Dynamik. Das Et resurrexit bricht in strahlendem C-Dur hervor, rhythmisch belebt und von jubelnder Bewegung getragen. Die abschließende Fuge Et vitam venturi saeculi ist kontrapunktisch streng, jedoch ohne akademische Schwere – ein überzeugendes Beispiel für Haydns Fähigkeit, polyphone Kunst und liturgische Funktion in Einklang zu bringen.
Das Sanctus steht in ruhigem Dreiertakt. Haydn eröffnet mit breiten, feierlichen Akkorden, die den Text „Sanctus Dominus Deus Sabaoth“ in klangliche Größe übersetzen. Das Pleni sunt caeli et terra gloria tua bringt mehr Bewegung, bevor das Hosanna in excelsis mit leichten, imitatorischen Einsätzen endet. Das Benedictus kontrastiert als lyrischer Mittelteil: kammermusikalisch, zart instrumentiert, getragen von ruhigen, gesanglichen Linien. Das wiederholte Hosanna führt das Werk zu einem harmonisch klaren Höhepunkt.
Das Agnus Dei beginnt mit sanfter, flehender Melodik. Die Chromatik und die dynamische Zurückhaltung verleihen dem Satz eine bittende Innigkeit. Das abschließende Dona nobis pacem wird in einer kleinen Fuge geführt, die – typisch für Haydn – in milder C-Dur-Leuchtkraft schließt. Kein triumphaler Schluss, sondern ein friedvoller, innerlich gefestigter Ausklang.
Diese Messe dokumentiert, dass Michael Haydn schon in jungen Jahren jene persönliche Tonsprache gefunden hatte, die ihn von seinem älteren Bruder unterschied. Während Joseph Haydn in seinen frühen Messen stärker auf dramatische Kontraste und orchestrale Pracht setzte, bevorzugte Michael die schlichte, glaubensnahe Ausdrucksform. Seine Musik ist weniger Theater als Gebet – weniger Effekt als Haltung.
Die Missa Sancti Francisci Seraphici (MH 43) ist somit eines der ersten reifen Zeugnisse seines kirchenmusikalischen Denkens. Sie verbindet die klassische Klarheit des Salzburger Stils mit einer tief empfundenen Spiritualität. Das Werk markiert den Übergang vom spätbarocken Formbewusstsein zur geläuterten Sprache der Frühklassik und gehört zu jenen Kompositionen, die das Fundament für seine späteren Meisterwerke legten: das Requiem in c-Moll (MH 155) oder die Missa in honorem Sancti Ruperti (MH 322).
Aufführungen und Aufnahmen
Eine vollständige Studioaufnahme der Messe existiert bislang nicht in gedruckter Form. Erhalten ist jedoch eine hochwertige digitale Einspielung aus der Reihe Michael Haydn Collection, Vol. 3 (Brilliant Classics, 2019) mit dem Savaria Baroque Orchestra, dem Cantus Corvinus Vocal Ensemble unter der Leitung von Pál Németh (*1956, Szombathely), in der Ausschnitte (Kyrie, Gloria) enthalten sind. Eine vollständige liturgische Aufführung wurde 2005 vom Zürcher Kammerorchester mit den Zürcher Sängerknaben unter Howard Griffiths dokumentiert (YouTube, Label Naxos/Brilliant).
Messe in C-Dur, MH 44 (Perger deest)
Die Messe in C-Dur (MH 44) entstand wahrscheinlich um 1760 – 1761, in der frühen Salzburger Zeit Michael Haydns, als er bereits Hofkomponist unter Fürsterzbischof Sigismund Graf von Schrattenbach (1698–1771) war. Der Zusatz „Perger deest“ bedeutet, dass dieses Werk im alten Perger-Katalog (1907) nicht verzeichnet war und erst in der modernen Gesamterfassung durch Charles H. Sherman und T. Donley Thomas (Catalogue of the Works of Michael Haydn, 1993) aufgenommen wurde. Das heißt: Das Werk war lange Zeit in Archiven bekannt, aber bibliographisch übersehen – also ein echtes Beispiel dafür, wie differenziert die Haydn-Forschung im 20. Jahrhundert nachgearbeitet werden musste.
Die Messe ist in C-Dur notiert und besetzt für vierstimmigen Chor (SATB), Streicher und Orgelcontinuo – ohne Trompeten und Pauken. Das deutet auf einen nicht-festlichen, sondern regulären liturgischen Gebrauch hin, vermutlich für die alltäglichen Hochämter in der Salzburger Dommusik oder für die Kapellenmusik in der Franziskanerkirche.
Stilistisch steht sie zwischen der schlichteren Missa Beatissimae Virginis Mariae (MH 15) und der farbigeren Missa Sancti Josephi (MH 16): eine Brückenkomposition zwischen Jugendstil und Reife. Der Satzverlauf zeigt, dass Haydn bereits eine klare musikalische Architektur anstrebte, die in seinen späteren Messen vollständig ausgebildet wurde.
Das Kyrie eröffnet ruhig und ausgeglichen, mit einer dreiteiligen Anlage (Kyrie I – Christe – Kyrie II). Die Linienführung ist schlicht, fast liedhaft, die Harmonik stabil. Das Gloria ist lebhafter, mit kurzen kontrastierenden Phrasen, die den Textabschnitten folgen. Besonders bemerkenswert ist das abschließende Cum Sancto Spiritu, das in einer kleinen Fuge endet – ein frühes Beispiel von Haydns Vorliebe, die Messe durch kontrapunktische Arbeit zu beschließen.
Das Credo ist syllabisch vertont, mit deutlicher Textverständlichkeit. Das Et incarnatus est bildet den zentralen Ruhepunkt in Moll, der durch gedämpfte Dynamik und weich geführte Streicher besonders hervorgehoben wird. Im Et resurrexit leuchtet das C-Dur erneut auf, rhythmisch lebendig und von energischer Akzentuierung getragen. Die Fuge Et vitam venturi saeculi am Schluss des Credo zeigt bereits die strukturelle Klarheit, die Haydn später perfektionierte.
Das Sanctus entfaltet sich in breiten, choralartigen Akkorden; das Hosanna wird mit freier Imitation gestaltet, während das Benedictus kammermusikalisch, beinahe pastoral wirkt. Das Agnus Dei bringt eine feierliche Rückkehr zur Ausgangsruhe: die Bitte Dona nobis pacem wird in einer sanften Fuge vollendet, die den friedlichen, ausgeglichenen Ton der ganzen Messe beschließt.
Diese Messe in C-Dur ist also kein Gelegenheitswerk, sondern ein sorgfältig gebautes liturgisches Stück, das Haydns Ideal einer „sachlichen Andacht“ beispielhaft verkörpert. Sie zeigt, wie konsequent er sich bereits um 1760 von der barocken Überfülle löste und jenen ruhigen, klaren Kirchenstil entwickelte, der später die Salzburger Kirchenmusik prägte – in bewusster Abgrenzung zu opernhaften Tendenzen seiner Zeit.
Die Messe ist vollständig im Manuskript in der Musiksammlung der Erzabtei St. Peter in Salzburg (Signatur A-Ssp) überliefert. Eine kritische Edition ist bislang nicht veröffentlicht; das Werk wurde bisher nicht eingespielt. Einige einzelne Sätze (Kyrie, Gloria) wurden in kirchenmusikalischen Aufführungen in Wien (Karlskirche, Leitung Ricardo Luna, 2019–2020) verwendet, doch keine vollständige Aufnahme liegt vor.
Das Fehlen einer modernen Edition erklärt, warum MH 44 im Konzert- und Tonträgerverzeichnis praktisch nicht auftaucht – sie bleibt derzeit ein „archivierter Schatz“ der Salzburger Kirchenmusik, der noch auf seine Wiederentdeckung wartet.
Missa Sanctae Crucis, MH 56 (um 1763)
Die Missa Sanctae Crucis (MH 56) ist eine der frühen Salzburger Messen Johann Michael Haydns und entstand vermutlich um 1763, also kurz nach seinem Amtsantritt als Hof- und Domkomponist unter Fürsterzbischof Sigismund Graf von Schrattenbach (1698–1771). Sie markiert eine wichtige Etappe in Haydns Entwicklung vom barocken Idiom seiner Jugendzeit hin zu jener ausgereiften, klassisch klaren Kirchenmusik, die seine Salzburger Jahre prägen sollte.
Der Titel „Sanctae Crucis“ (Heiliges Kreuz) verweist auf das liturgische Fest Inventionis Sanctae Crucis (Auffindung des Heiligen Kreuzes), das im Kirchenjahr als Symbol des Erlösungsgeheimnisses gilt. Entsprechend steht diese Messe in einem eher kontemplativen als triumphalen Charakter – festlich, aber von innerer Ernsthaftigkeit durchzogen.
Das Werk steht in C-Dur und ist besetzt für vierstimmigen Chor (SATB), zwei Violinen, Orgel und Basso continuo, ohne Trompeten und Pauken. Die sparsame Orchestrierung dient der Textverständlichkeit und unterstreicht die liturgische Funktion – keine Schaukomposition, sondern eine Messe für den realen Gebrauch im Salzburger Dom oder in einer Stiftskirche. (Tracks 23 bis 28)
Das Kyrie eröffnet in ruhiger Dreiteiligkeit. Der erste Abschnitt (Kyrie eleison) ist schlicht homophon gesetzt, die Linien fließen in gleichmäßiger Bewegung, getragen vom Orgelpunkt. Das Christe eleison steht in kontrastierender, lyrischer Gestaltung mit sanfter Mollfärbung, ehe das abschließende Kyrie wieder zur Festtonart zurückkehrt. Haydn schafft hier einen meditativen, ausgewogenen Anfang – ein stilles Gebet, das innere Sammlung an die Stelle äußerer Wirkung setzt.
Das Gloria entfaltet sich mit größerer rhythmischer Lebendigkeit. Der Chor beginnt homophon, doch bald öffnen sich die Stimmen in imitatorische Bewegung. Besonders das Gratias agimus tibi und Domine Deus zeigen Haydns Sinn für proportionale Gliederung. Der Abschnitt Cum Sancto Spiritu bildet den polyphonen Höhepunkt – eine kleine Fuge, prägnant, klar geführt, ohne Überladung, aber mit lehrhafter Präzision.
Das Credo ist formal der umfangreichste Teil. Haydn strukturiert den Text in drei symmetrische Abschnitte: Credo in unum Deum – Et incarnatus est – Et resurrexit. Das Et incarnatus est in c-Moll bildet das Zentrum: weich, chromatisch, mit subtiler Dynamik. Es zeigt den Komponisten als feinfühligen Ausdeuter theologischer Inhalte – Demut statt Pathos. Das Et resurrexit in C-Dur bringt neue Energie und Licht. Das Et vitam venturi saeculi schließt das Credo in einer kleinen, prägnanten Fuge, die sich in Haydns späteren Messen zu einem charakteristischen Stilmittel entwickeln sollte.
Das Sanctus eröffnet feierlich, in ruhigem Dreiertakt, mit weiten Klangräumen und reicher Harmonik. Das Pleni sunt caeli bewegt sich lebhafter, während das Hosanna in einer kurzen, hellen Fuge gipfelt. Das Benedictus steht im Kontrast: kantabel, fast kammermusikalisch, die Vokallinien schlicht, von sanfter Orgelbegleitung getragen. Das wiederholte Hosanna schließt in harmonischem Einklang.
Das Agnus Dei beginnt in zartem Pianissimo, mit ruhiger, flehender Geste. Haydn verwendet hier eine leicht chromatische Stimmführung, die die Bitte um Erbarmen eindrucksvoll unterstreicht. Das Dona nobis pacem bildet den Abschluss in fließendem Dreiertakt – ein stiller, friedvoller Ausklang, ohne äußere Pracht, aber voller innerer Balance.
Die Missa Sanctae Crucis ist somit ein Musterbeispiel für Haydns frühe Salzburger Kirchenmusik: formal geschlossen, textverständlich, von klarem liturgischem Sinn geprägt. Sie zeigt, dass Haydn bereits zu Beginn der 1760er Jahre die Ästhetik der Wiener Klassik vorwegnahm – durch proportionierte Satzstruktur, sparsame Mittel und in sich ruhende Klangsprache.
Sie steht am Übergang von den klein besetzten, noch barock gefärbten Werken wie der Missa Beatissimae Virginis Mariae (MH 15) zu den groß dimensionierten, orchestralen Messen der 1770er und 1780er Jahre. In ihrer inneren Ruhe und kompositorischen Geschlossenheit kündigt sie den Stil der späteren Missa Sancti Hieronymi (MH 254) oder der Missa Sancti Gotthardi (MH 530) bereits an.
Missa dolorum Beatae Virginis Mariae, a-Moll, MH 57 (MH 552)
Diese Messe gehört zu den eindrucksvollsten frühen Schöpfungen Michael Haydns. Sie entstand um 1756–1758, also während seiner Tätigkeit am Hof des Bischofs Adam Patachich (1716–1784) in Großwardein, und trägt den lateinischen Titel Missa dolorum Beatae Virginis Mariae – „Messe der Schmerzen der seligsten Jungfrau Maria“. Schon dieser Titel weist auf ihren besonderen Charakter hin: Es handelt sich nicht um eine festliche, sondern um eine meditative, fast kontemplative Komposition, die der Verehrung der Mater Dolorosa, der Schmerzensmutter, gewidmet ist.
Der ernste Grundton der a-Moll-Tonalität bestimmt das ganze Werk. Haydn verzichtet auf orchestralen Glanz und sucht stattdessen eine Ausdruckstiefe, die aus der Harmonik und der Linearität der Stimmen entsteht. Die Musik spricht von Schmerz, aber nicht von Verzweiflung; sie bewegt sich im Spannungsfeld zwischen barocker Affektsprache und der empfindsamen Innerlichkeit, die in der Mitte des 18. Jahrhunderts zunehmend an Gewicht gewann.
Kyrie. Der Eröffnungssatz steht ganz im Zeichen stiller Bitte und innerer Sammlung. Über einem ruhigen, fast unbewegten Bass entfalten die Stimmen kurze, flehende Motive. Das „Christe eleison“ hebt sich durch einen zarten Dialog der Oberstimmen ab, bevor das abschließende „Kyrie“ in gedämpfter Intensität zurückkehrt.
Gloria. Der Übergang ist bewusst schlicht gehalten. Statt triumphaler Festlichkeit wählt Haydn einen verhaltenen, fast pastoralen Duktus. Die kontrapunktischen Einsätze des „Laudamus te“ und „Gratias agimus tibi“ verraten den Einfluss seines Bruders Joseph, zugleich aber eine größere vokale Geschmeidigkeit. Der Satz endet mit einem ruhig gebeteten „Cum Sancto Spiritu“, das die Freude des Glaubens nicht in Jubel, sondern in Vertrauen verwandelt.
Credo. Dieser Satz zeigt Haydns kompositorische Disziplin in höchster Form. Die Anlage ist streng, beinahe litaneiartig. Beim „Et incarnatus est“ tritt die Musik in tiefes Piano zurück, die Harmonien werden schwebend, das Tempo verlangsamt sich. Die Kreuzigungsszene – „Crucifixus etiam pro nobis“ – erhält durch dissonante Vorhalte eine fast barocke Expressivität, die sich im abschließenden „Et resurrexit“ zu einem kurzen, leuchtenden Moment der Hoffnung wandelt.
Sanctus. Hier kehrt Haydn zu einer polyphonen Struktur zurück, die an Palestrina erinnert, ohne epigonal zu wirken. Die Stimmen verweben sich zu einem zarten Klangteppich, der das „Pleni sunt caeli“ wie einen leisen Chor von Engeln erscheinen lässt.
Benedictus. Dieser Satz bildet den lyrischen Mittelpunkt der Messe. Eine kleine Sopranlinie, von gedämpften Streichern begleitet, führt das „Benedictus qui venit“ mit fast kammermusikalischer Intimität ein. Das „Hosanna“ wird anschließend in zurückhaltender Fuge wiederaufgenommen.
Agnus Dei. Der Schluss der Messe ist ein Höhepunkt stiller Dramatik. Haydn lässt die Stimmen in einem sich steigernden Kanon flehen, bevor die Musik in einem langen „Dona nobis pacem“ zur Ruhe kommt. Kein Triumph, sondern ein mildes, resigniertes Licht beschließt das Werk – wie ein Gebet nach dem Schmerz.
Diese Messe, in ihren beiden Fassungen (MH 57 und MH 552), gehört zu den eindringlichsten Zeugnissen jener frühen Phase, in der Michael Haydn seine geistliche Sprache formte. Ihr Ausdruck ist nicht theatralisch, sondern echt religiös – getragen von Demut, klarem Formbewusstsein und einer tiefen Empfindsamkeit, die sie zu einem Schlüsselwerk seines Frühstils macht.
Erhalten ist die Partitur in Handschriften des 18. Jahrhunderts, unter anderem im Musikarchiv des Stiftes Göttweig und in der Österreichischen Nationalbibliothek (Mus.Hs. 16126). Eine allgemein zugängliche Aufnahme ist bislang nicht bekannt, doch zählt die Messe zu den bedeutenden liturgischen Werken des jungen Haydn, die eine Wiederentdeckung verdienen.
Trompetenkonzert Nr. 2 C-Dur MH 60 (Perger 34)
Das sogenannte „Clarino Concerto“ in C-Dur entstand 1763, kurz nachdem Michael Haydn seine Tätigkeit in Salzburg aufgenommen hatte. Das Autograph befindet sich im Benediktinerstift Göttweig. Im Perger-Verzeichnis wird das Werk ausdrücklich als Concerto per il Clarino bezeichnet – ein Hinweis auf die spezifische Klangästhetik und Virtuosität, die Haydn dem barocken Naturtrompetenspiel entlehnte, zugleich aber in den galanten Stil seiner Zeit überführte. Bis ins 20. Jahrhundert wurde das Werk fälschlich als Sinfonie geführt; erst der Trompeter und Musikwissenschaftler Edward H. Tarr (1936–2020) identifizierte es als Solokonzert und gab ihm den heute üblichen Titel Trompetenkonzert Nr. 2 in C-Dur, um es vom bekannteren D-Dur-Konzert MH 104 zu unterscheiden.
Die kompositorische Grundlage des Konzerts bildet Haydns eigenes Violinkonzert in G-Dur (MH 52), das er weitgehend in eine Trompetenfassung übertrug. Diese Überarbeitung ist keineswegs eine bloße Transkription: Haydn nutzte die Gelegenheit, um die charakteristische Brillanz und Strahlkraft der Clarino-Trompete auszuschöpfen und dabei die Möglichkeiten des Naturinstruments bis an ihre physischen Grenzen zu führen. Der Solopart verlangt ein außergewöhnliches Maß an Atemkontrolle, Flexibilität und Sicherheit im hohen Register. So erreicht die Trompete Töne, die weit über die Flötenstimmen hinausreichen – eine Seltenheit selbst im Repertoire des 18. Jahrhunderts.
Die Orchesterbesetzung besteht aus zwei Flöten, Streichern und Basso continuo, was eine helle, transparente Klangfarbe erzeugt, in der die Trompete wie ein funkelndes Oberlicht hervortritt. Die beiden Sätze sind ungleich, aber wirkungsvoll kontrastiert:
I. Adagio
Der erste Satz steht im charakteristischen Haydn’schen Cantabile-Stil und entfaltet einen fast vokalen Gesangston. Über einem ruhigen Streicherteppich spinnt die Solotrompete eine Linie von großer Eleganz und Ausdruckskraft. Der Satz wirkt wie ein feierlicher Einzug, von lyrischer Noblesse und klanglicher Reinheit geprägt. Trotz des Adagio-Tempos bleibt die Musik stets von innerer Spannung getragen; sie lebt von kleinen ornamentalen Gesten und einem diskreten Spiel zwischen Leuchten und Schweben.
II. Allegro molto
Im zweiten Satz bricht Haydn alle Zurückhaltung auf. Ein spritziges, tänzerisches Allegro entfacht den vollen Glanz des Clarino-Tons. Die Virtuosität des Solisten wird hier zur eigentlichen Formidee: schnelle Läufe, Sprünge, Triller und Passagen in schwindelnden Höhen schaffen eine fast akrobatische Brillanz. Die Trompete übernimmt den Part der Violine in einem barocken Concerto grosso, doch in einer neuen, klassisch ausbalancierten Syntax. Kurz vor dem Schluss eröffnet Haydn Raum für eine Kadenz, die in der von Edward H. Tarr herausgegebenen Fassung bis zu einem G über dem hohen C reicht – eine Extremhöhe, die selbst auf modernen Instrumenten nur selten realisierbar ist.
Im Kontext der Trompetenliteratur des 18. Jahrhunderts gilt dieses Konzert zu Recht als eines der schwierigsten überhaupt. Es markiert den Übergang vom barocken Naturtrompetenstil zur klassischen Solokonzertform und bleibt ein Prüfstein für Interpreten, die die Balance zwischen technischer Kühnheit und musikalischer Eleganz meistern wollen.
Eine der klanglich überzeugendsten Einspielungen bietet Franz Landlinger (Trompete) mit der Salzburger Hofmusik unter der Leitung von Wolfgang Brunner (1962). Die Aufnahme erschien 2014 bei cpo in der Reihe Michael Haydn – Complete Wind Concertos, Vol. 2 (Tracks 8 und 9). Sie verbindet historische Aufführungspraxis mit technischer Souveränität und lässt das selten gespielte Werk in seiner ganzen Leuchtkraft und Noblesse erklingen. Ahtung: auf der YouTube-Aufnahme der genannten CD ist das Trompetenkonzert irrtümlich als Nr. 1 bezeichnet, obwohl es sich tatsächlich um das Trompetenkonzert Nr. 2 in C-Dur, MH 60, handelt.
https://www.youtube.com/watch?v=1v0tEDFkhcs&list=OLAK5uy_nlAwnObCM8oUJdlUd0q5LdTO3yPZU0noA&index=8
Haydns Trompetenkonzert Nr. 2 in C-Dur steht damit exemplarisch für die Eleganz und Brillanz der Salzburger Jahre – ein funkelndes Kleinod zwischen barocker Tradition und klassischer Formklarheit, das seinem Schöpfer einen Platz unter den feinsten Instrumentalkomponisten des 18. Jahrhunderts sichert.
Sinfonie Nr. 7 in E-Dur (MH 65)
Die Sinfonie Nr. 7 in E-Dur (MH 65) gehört zu Michael Haydns frühen Salzburger Jahren und entstand wahrscheinlich um 1763 – 1765, also kurz nach seiner Berufung als Konzertmeister in den Dienst des Fürsterzbischofs Sigismund Graf von Schrattenbach (1698–1771). Sie zählt zu jenen Werken, in denen Haydn seine Sprache zwischen spätbarocker Formstrenge und dem sich abzeichnenden empfindsamen Stil ausbildet.
https://www.youtube.com/watch?v=Pg4EJobEygo
Der erste Satz, Allegro molto, eröffnet mit einem markanten, aufwärtsstrebenden Thema in unisono geführten Violinen, das sofort Energie und Vorwärtsdrang erzeugt. Charakteristisch ist die Verwendung von Synkopen und plötzlichen dynamischen Akzenten, die eine lebhafte rhythmische Spannung aufbauen. Haydn arbeitet hier mit einer klar gegliederten Sonatenform, deren Durchführung durch harmonische Kühnheit und kontrapunktische Verdichtung überrascht.
Das Andante in A-Dur bringt einen deutlichen Stimmungswechsel. Über einem ruhig schreitenden Bass entfaltet sich eine weitgespannte Kantilene der Violinen, gelegentlich von Bläserakkorden gestützt. Die Transparenz der Textur und der ausgewogene Dialog zwischen Ober- und Unterstimmen zeigen bereits die Reife des Salzburger Kirchenkomponisten, der auch im rein instrumentalen Satz auf vokale Ausdrucksqualität achtet.
Das abschließende Presto ist von tänzerischem, beinahe volkstümlichem Charakter. Hier zeigt sich die Nähe zur Wiener Frühklassik: klare Periodik, lebendige Wechsel von Haupt- und Nebenthema, dazu humorvolle, manchmal überraschende harmonische Wendungen. Besonders auffällig ist das Spiel mit Echo-Effekten, das dem Satz eine heitere Leichtigkeit verleiht.
Die Sinfonie Nr. 7 steht innerhalb von Haydns Werk für einen Übergang: Sie verbindet den noch barocken Satztypus mit der neuen klassisch-sinfonischen Logik, die in den 1770er-Jahren zur vollen Entfaltung kam. Ihr Ton ist hell, optimistisch und geprägt von jener handwerklichen Klarheit, die Michael Haydn von seinem Bruder Joseph unterscheidet, aber in denselben geistigen Horizont stellt.
Empfohlene Aufnahme
Johann Michael Haydn – Symphonies Nos. 5–8
Slovak Chamber Orchestra unter der Leitung von Bohdan Warchal (1930–2000)
Aufnahme: 1991, Bratislava, Slowakei
Label: Naxos / Brilliant Classics
Diese Einspielung überzeugt durch schlanken Streicherklang, präzise Artikulation und ein natürliches, unverfälschtes Klangbild. Bohdan Warchal, selbst Geiger und langjähriger Konzertmeister des Slowakischen Kammerorchesters, betont den leichten, tänzerischen Charakter und die klare Gliederung der Form, wodurch die jugendliche Frische dieser frühen Haydn-Sinfonien eindrucksvoll zur Geltung kommt.
Streichquartett B-Dur, MH 308 (P. 124)
Entstanden vermutlich um 1773 während Michael Haydns ersten Salzburger Jahre. Ein dreisätziges, klar disponiertes Quartett mit kammermusikalischer Ausgewogenheit. Das Andante commodo entfaltet einen mild fließenden, gesanglichen Ton, das Menuett bleibt elegant und unaufdringlich, das Rondo. Allegro bringt eine leichte, tänzerische Schlussgeste mit prägnanter Themenbildung.
CD Michael Haydn Six String Quartets, Constanze Quartet, cpo 2024, Tracks 1 bis 3:
https://www.youtube.com/watch?v=ll7RaYS-wY0&list=OLAK5uy_m4xeXrkPx3K6uF2jljZlsKDzJKvb-Nizc&index=2
Streichquartett Es-Dur, MH 309 (P. 118)
Komponiert um 1774, wahrscheinlich im Auftrag des Salzburger Hofes. Die langsame Eröffnung betont den kantablen, warmen Es-Dur-Klang und gibt den Mittelstimmen viel Raum. Das Menuett ist klar gebaut, ohne derbe Zuspitzung, und das Allegretto schließt mit bewegter, aber kontrollierter Lebendigkeit. Das Finale – Allegretto – mit deutlicher Sonatenrondostruktur – spiegelt den Einfluss Joseph Haydns, bleibt aber in der melodischen Linienführung weicher und lyrischer.
CD Michael Haydn Six String Quartets, Constanze Quartet, cpo 2024, Tracks 4 bis 6:
https://www.youtube.com/watch?v=MyKlpHz4vNw&list=OLAK5uy_m4xeXrkPx3K6uF2jljZlsKDzJKvb-Nizc&index=4
Streichquartett A-Dur, MH 310 (P. 122)
Ebenfalls um 1774 entstanden. Wahrscheinlich war dieses Werk, wie mehrere Quartette des Zyklus, für Erzbischof Hieronymus von Colloredo (1732–1812) bestimmt, dessen Hofkapellmeister Michael Haydn seit 1763 war. Ein helles, höfisches Quartett mit ruhigem Andante als Ausgangspunkt. Das Menuetto alla Francese betont den galanten Charakter mit fein akzentuierter Rhythmik, das Rondo bündelt die Elemente zu einem leichten, spielerischen Finale.
CD Michael Haydn Six String Quartets, Constanze Quartet, cpo 2024, Tracks 7 bis 9:
https://www.youtube.com/watch?v=UkHId1TcL9M&list=OLAK5uy_m4xeXrkPx3K6uF2jljZlsKDzJKvb-Nizc&index=7
Streichquartett g-Moll, MH 311 (P. 120)
Entstanden vermutlich um 1774/75. Es ist das einzige Mollquartett Michael Haydns und fällt durch seine emotionale Dichte und den herben Klang auf. Der Kopfsatz (Menuetto variazioni. Un poco allegro) wirkt gespannt und von Chromatik und motivischer Verdichtung geprägt, ohne opernhafte Geste. Das Andante grazioso bleibt zurückgenommen und introvertiert, das Menuetto mit Variationen nutzt ein tänzerisches Modell als Rahmen für feine Stimmverteilungen und kleine Charakterwechsel. Ausdrucksstark, aber klar innerhalb der klassisch-kammermusikalischen Sprache; keine gesicherte „Anlass“-Deutung.
Dieses Werk ist kein Ausdruck liturgischer Frömmigkeit, sondern ein Beispiel empfindsamer, introspektiver Kammermusik – eine leise, aber tief bewegende Stimme innerhalb Haydns Quartettproduktion.
CD Michael Haydn Six String Quartets, Constanze Quartet, cpo 2024, Tracks 10 bis 12:
https://www.youtube.com/watch?v=ejATHgmkAH8&list=OLAK5uy_m4xeXrkPx3K6uF2jljZlsKDzJKvb-Nizc&index=10
Streichquartett F-Dur, MH 312 (P. 119)
Satzfolge: I. Allegro moderato – II. Menuetto – III. Adagio – IV. Finale. Allegro.
Ein viersätziges, formal ausgewogeneres Quartett. Das Allegro moderato verbindet motivische Arbeit mit freundlichem Grundton, das Menuett bleibt transparent und unpathetisch. Das Adagio bildet den lyrischen Mittelpunkt mit ruhiger, gesanglicher Linie; das Finale. Allegro führt das Material mit lebendigem, aber nicht aggressivem Antrieb zu einem klaren Schluss.
CD Michael Haydn Six String Quartets, Constanze Quartet, cpo 2024, Tracks 13 bis 16:
https://www.youtube.com/watch?v=j1313HTOmiM&list=OLAK5uy_m4xeXrkPx3K6uF2jljZlsKDzJKvb-Nizc&index=13
Streichquartett C-Dur, MH 313 (P. 116)
Ein dreisätziges Werk mit leicht vorwärtsdrängendem Kopfsatz (Andante un poco allegro), der thematische Klarheit und dialogische Führung verbindet. Das Menuetto un poco allegro bleibt höfisch-prägnant, das Finale. Allegro fasst die Charakteristik der Quartette in kompakter Form zusammen: klare Periodik, durchsichtige Textur, kontrollierte Energie.
CD Michael Haydn Six String Quartets, Constanze Quartet, cpo 2024, Tracks 17 bis 19:
https://www.youtube.com/watch?v=FczRMadZPHQ&list=OLAK5uy_m4xeXrkPx3K6uF2jljZlsKDzJKvb-Nizc&index=17
Ouvertüre zu Rebekka als Braut, MH 76
Die Ouvertüre zu Rebekka als Braut (MH 76) gehört zu den selten aufgeführten Bühnenmusiken Johann Michael Haydns und entstand um 1766 in Salzburg, vermutlich im Umfeld des fürsterzbischöflichen Hoftheaters oder im Kontext des traditionsreichen Salzburger Schuldramas, das damals von Jesuiten und später vom Benediktinerstift St. Peter gepflegt wurde. Der zugrunde liegende Stoff – die aus Genesis 24 bekannte Geschichte der Rebekka, die durch göttliche Fügung zur Braut Isaaks wird – war im 18. Jahrhundert ein beliebtes moralisch-erzieherisches Thema. Er verband biblische Legitimität mit der Darstellung exemplarischer Tugenden wie Reinheit, Demut, Gehorsam und Gastfreundschaft. Damit erfüllte er alle Kriterien für ein geistliches Schauspiel im katholischen Salzburg, wo Dramen mit biblischem Sujet häufig zu kirchlichen Festen, Aufführungen in Ordensschulen und höfischen Gelegenheitsanlässen genutzt wurden.
https://www.youtube.com/watch?v=I7LjhScuhB4
Die Musik selbst ist als eigenständige Orchesterouvertüre erhalten und zeigt die typische dreiteilige Struktur einer klassischen Konzertouvertüre mit den Abschnitten Allegro – Andante – Allegro. Der eröffnende Allegro-Satz in C-Dur beginnt mit prägnanten Unisono-Passagen der Violinen, kräftigen Tutti-Akkorden und fanfarenartigen Motiven, die eine festliche, beinahe repräsentative Grundhaltung vermitteln. Haydn entwirft hier einen Klangraum, der die Würde des biblischen Stoffes widerspiegelt: ein musikalisches Bild für die göttliche Vorsehung, die die Begegnung zwischen Elieser und Rebekka lenkt. Die Verarbeitung des thematischen Materials, die klare Gliederung und die überraschend ausdrucksstarke Durchführung zeigen einen Komponisten, der den Übergang von spätbarocker Formstrenge zur frühen klassischen Syntax souverän beherrscht.
Im folgenden Andante – einem lyrisch gefassten Abschnitt in empfindsamem Stil – entfaltet Haydn eine weit gespannte, gesangliche Melodieführung, die von den Streichern getragen und gelegentlich durch Oboen und Hörner koloriert wird. Der Satz besitzt einen kontemplativen, beinahe pastoralen Charakter. Die klare Linienführung und der ruhige, atmende Aufbau lassen deutlich erkennen, dass Haydn auch im rein instrumentalen Satz jene vokale Prägung pflegt, die seine Salzburger Kirchenmusik später kennzeichnen sollte. Die Atmosphäre wirkt gesammelt, innerlich, frei von opernhafter Rhetorik – ein Stilmerkmal, das Michael Haydn von vielen seiner Zeitgenossen deutlich unterscheidet.
Das abschließende Allegro nimmt die Energie des Beginns wieder auf, jedoch mit einem deutlich leichteren, tänzerisch bewegten Charakter. Der Satz ist klar als Sonatenform erkennbar, mit einem hellen Hauptthema, einem kontrastierenden Seitengedanken und einer kleinteiligen Durchführung, in der Haydn die Motive in raschem Wechsel aufeinander bezieht. Besonders auffällig sind die Echo-Wirkungen zwischen den Streichern und den Bläsern sowie die kontrapunktisch belebten Begleitfiguren. Das Finale besitzt eine innere Frische und heitere Beweglichkeit, die den säkularen, bühnenbezogenen Charakter der Ouvertüre betont, ohne die geistliche Gravität des Sujets völlig zu verlassen.
Die Ouvertüre zu Rebekka als Braut steht damit an einer Übergangsstelle innerhalb von Michael Haydns Schaffen. Einerseits bewahrt sie die festliche Geste der barocken Kirchen- und Theatermusik, andererseits zeigt sie bereits die strukturelle Klarheit und Formlogik der Wiener Klassik. Sie dokumentiert eindrucksvoll Haydns Fähigkeit, dramatische Situationen ohne Worte musikalisch zu gestalten, und sie belegt gleichzeitig seine enge stilistische Verbindung zu den Salzburger kirchenmusikalischen Traditionen, die sein späteres Werk prägen sollten.
Eine überzeugende moderne Einspielung bietet das Slowakische Kammerorchester unter der Leitung von Bohdan Warchal (1930–2000), aufgenommen 1991 in Bratislava und veröffentlicht bei Naxos bzw. Brilliant Classics. Warchal zeichnet die formale Klarheit der Komposition präzise nach, betont den schlanken, durchhörbaren Orchesterklang und vermeidet jede übermäßige romantische Gewichtung. Dadurch tritt die klassische Balance zwischen Festlichkeit, Ausdruck und struktureller Geschlossenheit sehr deutlich hervor.
Der Traum, MH 84
Michael Haydn komponierte Der Traum (MH 84) am 7. Februar 1767 in Salzburg als höfisches Bühnenwerk, das zwischen Serenata, allegorischem Singspiel und Ballett angesiedelt ist. Es gehört zu jenen Gelegenheitskompositionen, in denen Haydn seine besondere Begabung zeigt, dramatische Situationen, Affekte und Charaktere mit knapper, präziser musikalischer Sprache zu gestalten, ohne den repräsentativen Rahmen des Salzburger Hofes zu verlassen. Der Titel ist dabei wörtlich zu nehmen: Der Traum folgt keiner realistischen Handlung, sondern entfaltet sich als allegorische Traumvision, wie sie im 18. Jahrhundert vor allem in höfischen Festmusiken geschätzt wurde.
Das Werk ist in zwei Akte gegliedert und verzichtet bewusst auf eine durchgehende opernhafte Handlung. Stattdessen begegnen sich symbolische Figuren, die weniger als dramatische Personen denn als Träger innerer Zustände erscheinen. Im Mittelpunkt steht die Prinzessin Amaryllis, deren Traum sie durch wechselnde seelische Situationen führt: Bedrohung, Empörung, Verwirrung, Sehnsucht, Erkenntnis und schließlich innere Ordnung. Musik wird hier zum eigentlichen Träger des Geschehens – nicht als Illustration äußerer Ereignisse, sondern als Ausdruck eines inneren Weges.
https://www.youtube.com/watch?v=4L9C9wC7MNE
Der erste Akt eröffnet mit einer festlichen Entrada (Allegro assai), die zunächst Glanz und Selbstgewissheit ausstrahlt. Doch diese Stabilität ist trügerisch. Bereits die folgenden Allegro-Sätze, scharf artikuliert und rhythmisch zugespitzt, lassen Unruhe entstehen. Ein empfindsames Andante wirkt wie ein erstes Innehalten, ein Moment des Zweifelns innerhalb des Traums. Michael Haydn arbeitet hier mit raschen Kontrasten, die weniger dramatische Aktion als vielmehr das Schwanken innerer Zustände hörbar machen.
Der emotionale Kern des ersten Akts liegt im **Accompagnato der Prinzessin („Carnefice empio“) und der anschließenden Arie („Andate perfido“). Amaryllis fühlt sich verfolgt und bedrängt, doch der Gegner bleibt unbestimmt. Die Bedrohung ist innerlich, nicht konkret. Das Orchester beteiligt sich aktiv an der Affektdarstellung, steigert Erregung und Empörung und macht deutlich, dass es hier um einen seelischen Konflikt geht. Die Arie ist ein Akt der Abwehr, ein Versuch, sich gegen das Zerstörerische zu behaupten.
Demgegenüber steht die grotesk-komische Figur Vitzle Putzle, deren Auftritt mit der Marcia turchesca und der Arie „Gil Ay hauta Kul“ eine bewusst verfremdete, exotische Klangwelt eröffnet. Das „Türkische“ dient hier nicht realistischer Charakterzeichnung, sondern ironischer Brechung. Bedrohliches kippt ins Lächerliche, Ernst in Karikatur – ein typischer Zug der Traumlogik. Die abschließende Marcia des ersten Akts wirkt weniger wie ein Abschluss als wie ein abruptes Weitergleiten des Traums.
Der zweite Akt intensiviert diese innere Dramaturgie. Die Entrada (Allegro molto) stößt das Geschehen erneut an und führt in eine Folge von Sätzen, deren rasche Wechsel zwischen Allegro, Andante und Presto ein inneres Schwanken zwischen Erregung und Beruhigung widerspiegeln. Besonders das Presto furioso markiert einen Höhepunkt der Unruhe: Die Musik ist scharf konturiert, vorwärtsdrängend, beinahe stürmisch – ein Moment seelischer Überforderung, bevor das Geschehen wieder zur Ruhe findet.
Einen Wendepunkt bildet die Canzone pastorale „O Amaryllis!“, gesungen von Damon und der Prinzessin. Damon ist keine realistische Bühnenfigur, sondern eine idealisierte Gegenkraft: Er steht für Maß, Natürlichkeit und innere Harmonie. Die pastorale Klangsprache, getragen von sanglichen Linien und transparenter Instrumentation, evoziert eine arkadische Welt – einen Traum im Traum, in dem sich Ordnung und Ausgleich ankündigen.
Mit dem Auftreten Merkurs erhält das Geschehen schließlich eine deutende Instanz. Als Götterbote und Allegorie der Vernunft spricht er im Rezitativ „Quid fugis insani“ den Menschen an, der vor Einsicht flieht. In der Arie „Ars illa palma“ formuliert er das aufklärerische Zentrum des Werkes: Wahre Größe, wahre Kunst und wahre Ruhe entstehen aus Erkenntnis und Selbstbeherrschung. Merkur benennt, was zuvor nur gefühlt wurde, und gibt dem Traum eine gedankliche Ordnung.
Der Ballo finale bündelt alle zuvor eingeführten Elemente noch einmal in tänzerischer Form. Sprache tritt zurück, Bewegung übernimmt die Funktion des Ausdrucks. Der Traum löst sich nicht durch dramatischen Sieg oder Strafe auf, sondern durch Harmonie. Ordnung wird nicht erzwungen, sondern wiedergefunden.
In der vorliegenden Einspielung gestalten Christiane Boesiger (Sopran, Prinzessin Amaryllis), Robert Holl (Bass, Vitzle Putzle und Damon) und Markus Forster (Countertenor, Merkur) ihre Rollen mit stilistischer Klarheit und deutlicher Textartikulation. Die Salzburger Hofmusik unter der Leitung von Wolfgang Brunner (* 1958) musiziert auf historischen Instrumenten mit feinem Gespür für Affekt, Dynamik und Agogik. So wird Der Traum als das erfahrbar, was er ist: ein eigenständiges, subtil konzipiertes Bühnenwerk Michael Haydns, in dem Musik nicht Handlung illustriert, sondern selbst zum Ort des Geschehens wird.
CD-Vorschlag
Michael Haydn, Der Traum, Salzburger Hofmusik, Wolfgang Brunner, CPO, 2002:
https://www.youtube.com/watch?v=jkvaLWEt0b4&list=OLAK5uy_nXwFlFZzf_bsjmLxB_NSP58djHK_fXH88&index=2
Missa Sancti Raphaelis, MH 87
Michael Haydn komponierte die Missa Sancti Raphaelis (MH 87) als festliche Messvertonung für den Salzburger liturgischen Gebrauch. Das Werk gehört zu jener Gruppe von Messen, in denen Michael Haydn seine besondere Fähigkeit entfaltet, feierliche Repräsentation, liturgische Zweckmäßigkeit und musikalische Verdichtung in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen. Die Messe ist nicht auf äußeren Effekt angelegt, sondern auf klare Textverständlichkeit, geistliche Sammlung und leuchtende Festlichkeit, wie sie für die Salzburger Kirchenmusik der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts charakteristisch ist.
https://www.youtube.com/watch?v=FmsaDcxSJw4
Das Kyrie eröffnet die Messe mit ruhiger Eindringlichkeit. Haydn vermeidet jede Überladenheit und formt aus dem dreiteiligen Text eine ausgewogene musikalische Bitte, deren feierlicher Ernst von lyrischer Milde getragen wird. Der Ton ist gesammelt und würdevoll, ohne schwer zu wirken; bereits hier zeigt sich Haydns Sinn für liturgische Angemessenheit und für die Balance zwischen Chor und Instrumenten.
Im Gloria weitet sich der musikalische Raum deutlich. Die Musik gewinnt an Bewegung und Glanz, ohne den Textfluss zu zersplittern. Michael Haydn strukturiert das Gloria in klar abgesetzte Abschnitte, die dem theologischen Aufbau des Textes folgen. Jubel und Lobpreis stehen im Vordergrund, doch immer bleibt die Linienführung übersichtlich und der Chorsatz durchsichtig. Besonders charakteristisch ist die Verbindung von feierlichem Schwung und kontrollierter Form, die das Gloria zugleich festlich und konzentriert wirken lässt.
Das Credo bildet das architektonische Zentrum der Messe. Haydn gestaltet das umfangreiche Glaubensbekenntnis mit großer formaler Übersicht, indem er zentrale Aussagen musikalisch hervorhebt, ohne den Fluss des Ganzen zu unterbrechen. Die Vertonung vermeidet dramatische Zuspitzung zugunsten einer ruhigen, überzeugenden Bekräftigung des Textes. Gerade diese Zurückhaltung verleiht dem Credo seine innere Kraft und seine liturgische Würde.
Im Sanctus verdichtet sich der Ausdruck erneut. Die Musik hebt sich gleichsam vom Boden der Messe ab und öffnet einen klanglichen Raum des Erhabenen. Das folgende Benedictus wirkt demgegenüber intimer und kantabler. Hier tritt der dialogische Charakter zwischen Solisten und Ensemble stärker hervor; die Musik scheint den Blick vom himmlischen Lobpreis zurück auf die menschliche Andacht zu lenken.
Das Agnus Dei beschließt die Messe mit einer Haltung stiller Bitte und innerer Sammlung. Michael Haydn verbindet hier Demut und Zuversicht in einer schlichten, aber eindringlichen musikalischen Sprache. Der Schluss verzichtet auf äußerlichen Glanz und setzt stattdessen auf ruhige Geschlossenheit – ein bewusster Rückzug in die geistliche Essenz des Messetextes.
In der überlieferten Aufführung zum Hochamt am Ostersonntag, dem 5. April 2015, gestalten Vokalsolisten und das Ensemble Wieden unter der Leitung von Ricardo Alejandro Luna (* 1970), der zugleich als Dirigent und Kantor wirkt, diese Messe mit liturgischem Ernst und stilistischer Klarheit. Die Interpretation stellt nicht den konzertanten Effekt in den Vordergrund, sondern versteht die Missa Sancti Raphaelis als das, was sie ist: gelebte Kirchenmusik, deren Stärke aus Maß, Ausgewogenheit und innerer Leuchtkraft erwächst. Gerade in dieser zurückhaltenden, konzentrierten Haltung wird Michael Haydn als eigenständiger Meister der sakralen Musik des 18. Jahrhunderts erfahrbar.
Trompetenkonzert D-Dur, MH 104
Michael Haydns Trompetenkonzert D-Dur (MH 104) gehört zu den repräsentativsten Instrumentalwerken seines Schaffens und steht exemplarisch für die festliche Klangkultur des Salzburger Hofes in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Das Konzert ist ganz auf die Naturtrompete in D zugeschnitten und nutzt deren strahlende, signalhafte Klangfarbe mit großer stilistischer Sicherheit. Virtuosität dient hier nicht dem Selbstzweck, sondern ist stets in eine klare, ausgewogene Form eingebettet.
Das Trompetenkonzert D-Dur ist in seiner Überlieferung nicht einheitlich. Der ursprüngliche Kern des Werks besteht aus zwei Sätzen Adagio und Allegro, wie er in mehreren historisch informierten Aufführungen überliefert ist. In späteren Fassungen erscheint das Konzert erweitert, mit abweichender Tempobezeichnung des Kopfsatzes Andantino sowie einem hinzugefügten Menuett als Finalsatz.
https://www.youtube.com/watch?v=KVl03AJyjNs
Der erste Satz eröffnet mit selbstbewusster Festlichkeit. Die Trompete tritt nicht als bloßer Effektträger auf, sondern wird in einen lebendigen Dialog mit dem Orchester eingebunden. Fanfarenartige Motive, klare Tonrepetitionen und weite Intervallsprünge prägen das Solopart, während das Orchester eine stabile, harmonisch transparente Grundlage schafft. Michael Haydn zeigt hier ein feines Gespür für Proportionen: Glanz und Struktur halten sich die Waage, der Satz wirkt energisch, aber nie überladen.
Der langsamen Mittelsatz bildet einen deutlichen Kontrast. Er gehört zu den eindrucksvollsten Momenten des Konzerts, da Haydn es versteht, der naturtrompetentypischen Klangbegrenzung eine überraschende Kantabilität abzugewinnen. Die Melodik ist ruhig, weit gespannt und von innerer Ruhe getragen. Anstelle virtuoser Brillanz tritt hier ein fast kontemplativer Ton, der die Trompete als gesangliches Instrument erfahrbar macht und dem Satz eine unerwartete Tiefe verleiht.
Der Finalsatz kehrt zur festlichen Grundhaltung zurück. Rhythmische Prägnanz, tänzerische Energie und klare Periodik bestimmen den Charakter. Die Trompete entfaltet noch einmal ihre ganze Strahlkraft, ohne die formale Geschlossenheit zu gefährden. Besonders auffällig ist die elegante Leichtigkeit, mit der Michael Haydn das Werk beschließt: Das Finale wirkt nicht triumphierend im pompösen Sinn, sondern heiter, souverän und von natürlicher Spielfreude geprägt.
Das Trompetenkonzert D-Dur zeigt Michael Haydn als einen Komponisten, der die idiomatischen Möglichkeiten seines Instruments genau kennt und zugleich über ein ausgeprägtes Gespür für musikalische Balance verfügt. Im Vergleich zu den bekannteren Konzerten seines Bruders Joseph Haydn oder späterer Werke der Wiener Klassik wirkt dieses Konzert weniger dramatisch zugespitzt, dafür umso geschlossener und stilistisch klar. Gerade diese Verbindung aus Festlichkeit, Maß und innerer Ruhe macht das Werk zu einem charakteristischen und hörenswerten Beitrag zur Trompetenliteratur des 18. Jahrhunderts.
CD-Vorschlag
Michael Haydn, Complete Wind Concertos, Vol. 1, Salzburger Hofmusik, Leitung Wolfgang Brunner (* 1958), Trompete Norbert Salvenmoser, CPO, 2014, Tracks 6 und 7:
https://www.youtube.com/watch?v=_xbOIIeCtA8&list=OLAK5uy_kdoqUDCdYE6_zeloGY0fW6I-j4zjovmJ8&index=6
Missa Sancti Nicolai Tolentini, MH 109
Michael Haydns Missa Sancti Nicolai Tolentini (MH 109) gehört zu den eindrucksvollen Salzburger Messvertonungen, in denen sich seine besondere Stellung innerhalb der süddeutsch-österreichischen Kirchenmusik des 18. Jahrhunderts exemplarisch zeigt. Das Werk ist dem heiligen Nikolaus von Tolentino († 1305) gewidmet, einem Augustiner-Eremiten, dessen Verehrung im katholischen Raum eng mit Fürbitte, Bußgesinnung und Hoffnung auf Erlösung verbunden war. Diese geistige Ausrichtung spiegelt sich deutlich im musikalischen Charakter der Messe wider.
Die Messe, komponiert 1768, ist festlich angelegt, ohne ins Monumentale zu streben. Michael Haydn verfolgt hier konsequent ein Ideal der liturgischen Angemessenheit, das sich aus Klarheit der Form, Textverständlichkeit und ausgewogener Affektdarstellung speist. Der geistliche Gehalt steht stets über äußerer Virtuosität; musikalischer Glanz dient der Verherrlichung des Textes, nicht dem Selbstzweck.
https://www.youtube.com/watch?v=ta3kZsNy2cE
Das Kyrie eröffnet die Messe mit gesammelt-ernster Haltung. Die Bitte um Erbarmen ist nicht dramatisch zugespitzt, sondern von ruhiger Eindringlichkeit getragen. Michael Haydn bevorzugt eine klare motivische Arbeit und eine ausgewogene Balance zwischen Chor und Instrumenten, wodurch sich bereits hier eine Atmosphäre konzentrierter Andacht einstellt.
Im Gloria hellt sich der Klangraum deutlich auf. Der Jubel des Textes wird durch bewegtere Rhythmen und eine lebendige Satztechnik getragen, ohne die innere Geschlossenheit zu verlieren. Charakteristisch ist die sorgfältige Gliederung der einzelnen Textabschnitte, die dem liturgischen Ablauf folgt und dem Hörer Orientierung gibt. Festlichkeit entsteht hier aus Struktur und Transparenz, nicht aus Übersteigerung.
Das Credo bildet das formale und geistige Zentrum der Messe. Michael Haydn gestaltet das umfangreiche Glaubensbekenntnis mit bemerkenswerter Übersicht. Zentrale Glaubensaussagen werden musikalisch markiert, ohne den Fluss des Ganzen zu hemmen. Die Vertonung vermeidet theatralische Effekte und gewinnt gerade daraus ihre Überzeugungskraft: Der Glaube wird nicht dramatisiert, sondern bekräftigt.
Im Sanctus verdichtet sich der Ausdruck erneut. Die Musik hebt sich gleichsam über das zuvor Erzählende hinaus und entfaltet einen feierlich-erhabenen Klang. Das anschließende Benedictus ist meist kantabler und intimer gehalten. Hier zeigt sich Michael Haydns feines Gespür für Kontraste innerhalb der Liturgie: Nach dem jubelnden Lobpreis folgt eine Musik der inneren Sammlung.
Das Agnus Dei beschließt die Messe mit ruhiger Demut. Die Bitte um Frieden wird nicht pathetisch gesteigert, sondern in eine schlichte, geschlossene musikalische Form gegossen. Dieser bewusste Verzicht auf äußerlichen Effekt verleiht dem Schluss eine besondere Eindringlichkeit und rundet das Werk geistlich wie musikalisch ab.
Die Missa Sancti Nicolai Tolentini zeigt Michael Haydn als einen Komponisten, der die liturgische Funktion der Messe stets mitdenkt und dennoch eine unverwechselbare persönliche Tonsprache entwickelt. Das Werk steht exemplarisch für jene Salzburger Kirchenmusik, die nicht auf dramatische Überwältigung zielt, sondern auf innere Leuchtkraft, Maß und geistige Tiefe. Gerade in dieser Verbindung von Zurückhaltung und Ausdrucksstärke erweist sich Michael Haydn als einer der bedeutendsten, lange unterschätzten Meister der sakralen Musik seiner Zeit.
CD-Vorschlag
Michael Haydn, Missa Sancti Nicolai Tolentini und Vesperae Pro Festo Sancti Innocentium, St. Albans Cathedral Girls Choir, Leitung Tom Winpenny (* 1983), Naxos, 2020, Tracks 1 bis 12:
https://www.youtube.com/watch?v=Huirkg4sElg&list=OLAK5uy_kBrCoo-T9hqByU6ArjvOqug5BcHUsNMJE&index=1
Missa Sancti Francisci Seraphici, MH 119 (Ib)
Michael Haydns Missa Sancti Francisci Seraphici gehört zu den repräsentativen Messvertonungen seines Salzburger Schaffens und ist dem heiligen Franz von Assisi († 1226) gewidmet, dem Ordensgründer der Franziskaner, dessen geistiges Ideal von Demut, innerer Sammlung und geistlicher Klarheit geprägt ist. Diese Ausrichtung spiegelt sich deutlich im Charakter der Messe wider. Das Werk wird im traditionellen Werkverzeichnis als MH 119 (Ib) geführt; in der erweiterten, quellenkritischen Zählung erscheint es zusätzlich unter MH 826. Beide Nummern bezeichnen dasselbe Werk und verweisen auf unterschiedliche Ordnungsstufen innerhalb der Michael-Haydn-Katalogisierung.
Die Messe entstand in Salzburg, wo Michael Haydn seit 1763 als Hofkomponist wirkte. Eine exakte Datierung ist nicht eindeutig überliefert; eine Entstehung um 1756 ist nicht belegt und gilt als unwahrscheinlich. Stilistische und quellenkundliche Kriterien erlauben jedoch eine Einordnung in die 1770er Jahre, also in jene Phase, in der Haydn seine reife, ausgewogene Sakralsprache voll ausgeprägt hatte. Die Komposition steht damit in unmittelbarer Nähe zu seinen bedeutendsten Messschöpfungen dieser Zeit.
https://www.youtube.com/watch?v=iV4PamtdAp4
Das Kyrie eröffnet die Messe mit ruhiger Würde und bewusst zurückgenommener Eindringlichkeit. Michael Haydn vermeidet dramatische Zuspitzung und gestaltet die Bitte um Erbarmen als gesammelt-ernste Anrufung. Die musikalische Faktur ist klar gegliedert, der Chorsatz durchsichtig, das Verhältnis von Stimmen und Instrumenten sorgfältig ausbalanciert. Bereits hier zeigt sich Haydns Ideal einer Liturgie, die durch Maß und Konzentration wirkt.
Im Gloria erweitert sich der Ausdruck zu festlicher Bewegung. Der Jubel des Textes wird durch lebendige Rhythmik und klare formale Gliederung getragen, ohne in Überfülle oder theatralische Effekte auszuweichen. Michael Haydn folgt dem theologischen Aufbau des Textes mit großer Sorgfalt und sorgt dafür, dass der musikalische Fluss jederzeit verständlich bleibt. Festlichkeit entsteht hier aus Struktur und Ordnung, nicht aus äußerem Prunk.
Das Credo bildet das geistige und architektonische Zentrum der Messe. Haydn bewältigt den umfangreichen Text mit bemerkenswerter Übersicht und innerer Geschlossenheit. Zentrale Glaubensaussagen werden musikalisch markiert, ohne den Zusammenhang des Ganzen zu stören. Der Ton bleibt bekräftigend und ruhig, getragen von einer Musik, die weniger überzeugen will als vielmehr bekennt.
Im Sanctus verdichtet sich der Klang zu feierlicher Erhabenheit. Die Musik hebt sich spürbar vom Vorhergehenden ab und öffnet einen Raum des Lobpreises. Das folgende Benedictus ist demgegenüber kantabler und intimer gehalten; es wirkt wie eine Rückwendung zur inneren Andacht nach dem großen, gemeinschaftlichen Ausruf des Sanctus.
Das Agnus Dei beschließt die Messe in ruhiger, konzentrierter Haltung. Die Bitte um Frieden ist von schlichter Eindringlichkeit geprägt und verzichtet bewusst auf spektakuläre Schlusseffekte. Gerade diese Zurücknahme verleiht dem Abschluss seine besondere geistliche Tiefe und rundet das Werk in geschlossener Form ab.
Die Missa Sancti Francisci Seraphici (MH 119 / MH 826) zeigt Michael Haydn als einen Komponisten, der liturgische Funktion, geistlichen Gehalt und musikalische Kunst in ein ausgewogenes Verhältnis bringt. Sie steht exemplarisch für jene Salzburger Kirchenmusik des späten 18. Jahrhunderts, die nicht überwältigen, sondern durch Klarheit, Maß und innere Leuchtkraft überzeugen will – und bestätigt Michael Haydns Rang als einen der eigenständigsten und substanzreichsten Meister der katholischen Sakralmusik seiner Zeit.
CD-Vorschlag
Michael Haydn Collection, Vol. 2, Missa sub titulo sancti Francisci Seraphici, MH 826, Hungarian Radio and Television Chorus und Liszt Ferenc Chamber Orchestra, Leitung Helmuth Rilling (* 1933), Brilliant Classics, 2019, Tracks 68 bis 78:
https://www.youtube.com/watch?v=utQpjC6-0HA&list=OLAK5uy_kk8oaKlMpEBwL1gyJZCTb1U4PukJEiHVo&index=68
Sinfonie Nr. 13 in D-Dur, MH 132
Die Sinfonie Nr. 13 in D-Dur (MH 132) gehört zu jenen Orchesterwerken, in denen sich seine eigenständige symphonische Handschrift besonders klar zeigt. Entstanden ist die Sinfonie in Haydns Salzburger Wirkungszeit, also in jener Phase, in der er sich als Hofkomponist nicht nur der Kirchenmusik, sondern zunehmend auch der Instrumentalmusik widmete. Eine exakte Datierung ist nicht überliefert; Stil und Anlage weisen jedoch eindeutig in die reife mittlere Schaffensperiode Michael Haydns.
Die Wahl der Tonart D-Dur ist dabei kein Zufall. Sie ist traditionell mit Festlichkeit, Klarheit und klanglicher Brillanz verbunden – Eigenschaften, die Haydn in dieser Sinfonie bewusst nutzt, ohne sie jemals ins Übermaß zu treiben. Wie so oft bei Michael Haydn verbindet sich repräsentativer Glanz mit formaler Disziplin und innerer Ausgewogenheit.
https://www.youtube.com/watch?v=ZijreRg4WlU
Der erste Satz (Allegro) eröffnet mit selbstbewusster, energischer Geste. Die thematische Arbeit ist klar strukturiert, die musikalischen Gedanken prägnant formuliert. Haydn setzt auf übersichtliche Motive, die logisch weitergeführt und variiert werden, statt auf dramatische Zuspitzung. Das Orchester wirkt geschlossen, transparent und dialogisch geführt; Bläser und Streicher sind sorgfältig ausbalanciert, sodass der Klang kraftvoll, aber nie schwerfällig erscheint.
Der langsame Satz (Andante in G-Dur) bildet einen deutlichen Kontrast. Hier zeigt sich Michael Haydn von seiner lyrischen Seite. Die Musik ist von ruhiger Kantabilität geprägt, mit fein gespannten Melodielinien und zurückhaltender Begleitung. Anstelle großer Affektausbrüche herrscht eine Haltung der Sammlung und des inneren Gleichgewichts. Gerade diese kontrollierte Expressivität verleiht dem Satz seine besondere Eindringlichkeit.
Im Menuett kehrt die Sinfonie zu einem höfisch geprägten Tonfall zurück. Der Tanzcharakter ist klar erkennbar, zugleich aber von jener Eleganz durchzogen, die Michael Haydns Instrumentalmusik auszeichnet. Das Trio setzt sich durch leichtere Textur und oft pastoral gefärbte Wendungen ab und sorgt für eine feine Binnenkontrastierung innerhalb des Satzes.
Das Finale (Allegro molto assai) beschließt die Sinfonie mit lebhafter Bewegung und heiterer Energie. Rhythmische Prägnanz und klare Periodik bestimmen den Charakter. Auch hier verzichtet Haydn auf vordergründige Virtuosität zugunsten geschlossener Form und natürlicher Spielfreude. Der Satz wirkt weder stürmisch noch demonstrativ, sondern souverän und von innerem Schwung getragen.
Die Sinfonie D-Dur MH 132 zeigt Michael Haydn als einen Komponisten, der die Sinfonie nicht als Experimentierfeld für Extreme versteht, sondern als Ort musikalischer Ordnung, Klarheit und Maßhaltung. Gerade in dieser Zurückhaltung liegt ihre Qualität. Das Werk steht exemplarisch für jene Salzburger Symphonik, die oft im Schatten des berühmteren Bruders Joseph Haydn steht, aber durch ihre handwerkliche Sicherheit, stilistische Eigenständigkeit und musikalische Noblesse uneingeschränkt überzeugt.
CD-Vorschlag
Michael Haydn, Symphonies 13 und 20, Notturno No 1, German Chamber Academy Neuss, Leitung Lavard Skou Larsen (* 1962), CPO, 2018, Tracks 1 bis 4:
https://www.youtube.com/watch?v=eCvOY0oTZYU&list=OLAK5uy_nNWdAeA4aCCWfckuk_qcgKGAMYj4WQFeM&index=2
Der büßende Sünder, MH 147
Haydns Oratorium Der büßende Sünder (MH 147) entstand 1771 in Salzburg und gehört zu den eindrucksvollsten, zugleich aber am wenigsten bekannten dramatisch-geistlichen Werken seines Schaffens. Es steht in der Tradition des deutschsprachigen Oratoriums des 18. Jahrhunderts, das sich zwischen geistlicher Andacht, moralischer Belehrung und szenisch gedachtem Ausdruck bewegt, ohne die Schwelle zur Oper zu überschreiten.
Im Zentrum des Werks steht nicht eine konkrete biblische Handlung, sondern ein allegorisch-moralischer Prozess: der Weg des sündigen Menschen von Verirrung und Schuld über Reue und innere Läuterung hin zur Hoffnung auf göttliche Gnade. Der „büßende Sünder“ ist keine individualisierte Figur, sondern eine allgemeine menschliche Gestalt, die stellvertretend für den Menschen steht. Das Oratorium ist damit weniger erzählend als betrachtend; es entfaltet einen inneren Weg, keinen äußeren Plot.
Musikalisch zeigt sich Michael Haydn hier als Komponist mit ausgeprägtem Gespür für dramatische Verdichtung und affektive Differenzierung. Bereits die überlieferte Ouvertüre macht deutlich, dass das Werk nicht als bloße Andachtsmusik gedacht ist. Sie verbindet ernste Grundhaltung mit gespannter Erwartung und weist auf den inneren Konflikt hin, der das gesamte Oratorium prägt. Haydn arbeitet mit klaren Kontrasten zwischen Dunkel und Licht, Unruhe und Beruhigung, Schuld und Hoffnung – nicht plakativ, sondern mit kontrollierter Ausdruckskraft.
Die Vokalnummern – Rezitative, Arien und Ensembles – dienen weniger virtuoser Selbstdarstellung als der Auslegung innerer Zustände. Rezitative haben oft reflektierenden Charakter und führen den Hörer gedanklich durch den Prozess der Selbsterkenntnis. Die Arien sind in der Regel von ernster, manchmal klagender, dann wieder tröstender Grundhaltung geprägt. Chorpartien übernehmen eine kommentierende und verallgemeinernde Funktion; sie verleihen dem individuellen Büßerweg eine gemeinschaftliche, beinahe liturgische Dimension.
Stilistisch steht Der büßende Sünder an der Schnittstelle zwischen barocker Oratorientradition und frühklassischer Klarheit. Die Textverständlichkeit ist hoch, die formale Anlage übersichtlich, die Orchestrierung wirkungsvoll, aber nie überladen. Gerade darin zeigt sich Michael Haydns Eigenständigkeit: Er sucht nicht die dramatische Überwältigung, sondern eine moralisch-geistige Überzeugungskraft, die aus Maß, Struktur und innerer Spannung entsteht.
Dass dieses Oratorium bis heute nicht als vollständige Gesamteinspielung vorliegt, hat mehrere gut nachvollziehbare Gründe, die nichts mit mangelnder Qualität zu tun haben. Zum einen ist die Überlieferungslage komplex. Das Werk ist nicht in einem einheitlich autorisierten Autograph überliefert, sondern in verschiedenen Abschriften und Quellen, die editorisch sorgfältig abgeglichen werden müssten. Eine kritische Gesamtausgabe, wie sie für eine moderne "Referenzeinspielung" Voraussetzung wäre, liegt bislang nicht in allgemein zugänglicher Form vor.
Zum anderen stellt das Werk hohe praktische Anforderungen. Es erfordert geeignete Solisten für deutschsprachige, textintensive Partien, einen stilistisch versierten Chor und ein Orchester, das sowohl dramatische Spannung als auch geistliche Zurückhaltung gestalten kann. Hinzu kommt, dass deutschsprachige Oratorien des 18. Jahrhunderts – abseits der großen Namen – im heutigen Konzert- und Tonträgermarkt nur selten realisiert werden, da sie sich schwerer programmieren und vermarkten lassen als lateinische Kirchenmusik oder bekannte Opernstoffe.
Schließlich ist Michael Haydn als Oratorienkomponist bis heute weniger erforscht und präsent als in seiner Kirchenmusik oder Instrumentalmusik. Die vorhandene Aufnahme der Ouvertüre zeigt jedoch eindrucksvoll, welches Potential in diesem Werk steckt und macht deutlich, dass Der büßende Sünder eine Wiederentdeckung verdient.
https://www.youtube.com/watch?v=6kXxt8PNFXs
So bleibt das Oratorium derzeit ein Werk für Kenner, dessen Bedeutung weniger durch diskographische Präsenz als durch seine innere Qualität bestimmt wird: ein ernstes, reflektiertes, musikalisch dicht gearbeitetes Zeugnis von Michael Haydns geistlichem Denken auf der Höhe seiner Salzburger Reifezeit.
Missa pro defuncto Archiepiscopo Sigismundo (Requiem in c-Moll, MH 150–155
Michael Haydns Requiem in c-Moll entstand in einer Phase tiefgreifender persönlicher und institutioneller Erschütterung. Am 16. Dezember 1771 starb der Salzburger Erzbischof Sigismund III. Christoph von Schrattenbach (1698–1771), unter dessen Regentschaft Haydn seit 1763 als Konzertmeister wirkte. Die Totenmesse wurde für die feierlichen Exequien am 1. Januar 1772 im Salzburger Dom komponiert und aufgeführt. Sie trägt daher die Bezeichnung Missa pro defuncto archiepiscopo Sigismundo und wird häufig als Schrattenbach-Requiem“ bezeichnet.
Doch dieses Werk ist nicht lediglich ein repräsentatives Auftragswerk höfischer Liturgie. Es entstand zugleich unter dem Eindruck einer privaten Tragödie: Im Januar 1771 war Haydns einziges Kind, Aloisia Josepha, im Säuglingsalter verstorben. Diese doppelte Trauersituation – der Verlust des geistlichen Landesherrn und der Tod der eigenen Tochter – verleiht der Komposition eine außergewöhnliche innere Dichte. Die Musik wirkt nicht opernhaft dramatisierend, sondern ernst, konzentriert, fast asketisch.
Die Besetzung ist festlich, jedoch bewusst kontrolliert: vier Solisten (SATB), vierstimmiger Chor, zwei Trompeten, drei Posaunen (überwiegend colla parte mit dem Chor geführt), Pauken, Streicher und Basso continuo. Die Posaunen verstärken insbesondere die dunkle Klangfarbe der Chorsätze und verleihen dem Werk eine archaische, an barocke Kirchenmusik erinnernde Gravität. Die Aufführungsdauer beträgt etwa 35 Minuten.
Michael Haydn: Missa pro defuncto Archiepiscopo Sigismundo (MH 150–155). In: Michael Haydn Collection, Vol. 2 (Brilliant Classics), YouTube-Tracks 79–85 (entspricht CD 15, Tracks 12–18 der physischen Edition):
https://www.youtube.com/watch?v=nkbto7DlvfQ&list=OLAK5uy_kk8oaKlMpEBwL1gyJZCTb1U4PukJEiHVo&index=79
Die Komposition folgt der klassischen liturgischen Ordnung der Missa pro defunctis.
Der Introitus „Requiem aeternam“ (Adagio, c-Moll, 4/4) eröffnet mit einer getragenen, fast schreitenden Bewegung der Streicher. Die punktierten Rhythmen und die harmonische Verdichtung erzeugen eine Atmosphäre würdevoller Sammlung. Besonders bemerkenswert ist die Verwendung des Tonus peregrinus im „Te decet hymnus“ – eine melodische Formel gregorianischer Herkunft, die Haydn in ein klassisches Tonsystem integriert. Diese Verbindung von modaler Tradition und empfindsamer Harmonik verleiht dem Satz seine charakteristische Spannung zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Das „Dies irae“ (Andante maestoso, 3/4) vermeidet äußerliche Theatralik. Stattdessen entfaltet Haydn eine streng proportionierte Dramaturgie.
„Quantus tremor“ arbeitet mit energisch aufsteigenden Figuren, die das Erschrecken musikalisch verdichten.
Im „Confutatis maledictis“ kontrastiert Haydn scharf zwischen homophoner Deklamation und imitatorischen Passagen – eine Satztechnik, die später im Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) in verwandter Weise erscheint.
Die Sequenz bleibt durchweg im c-Moll-Bereich verankert und wahrt dadurch eine tonale Geschlossenheit, die dem Werk eine fast architektonische Strenge verleiht.
Das Offertorium „Domine Iesu Christe“ (g-Moll) bildet einen zentralen strukturellen Höhepunkt. Hier zeigt sich Haydn als Meister kontrapunktischer Arbeit.
Der Abschnitt „Quam olim Abrahae“ ist als Doppelfuge angelegt. Das Fugenthema ist prägnant, rhythmisch markant und von einer klaren Intervallstruktur bestimmt. Seine Anlage – besonders die charakteristische Bewegung von aufsteigendem Intervall und rhythmischer Zuspitzung – weist eine auffällige Nähe zur entsprechenden Fuge im Requiem Mozarts auf. Die kontrapunktische Durchführung bleibt jedoch strenger und weniger opernhaft zugespitzt als bei Mozart; sie steht noch deutlich in der Tradition süddeutsch-österreichischer Kirchenpolyphonie.
Das Sanctus (Andante, c-Moll, 3/4) wirkt kompakt und feierlich. Haydn vermeidet große dynamische Kontraste und konzentriert sich auf eine würdige Homophonie.
Im „Benedictus“ (Es-Dur) hellt sich die Klangfarbe deutlich auf. Hier tritt die solistische Führung stärker hervor, und die Harmonik gewinnt an Transparenz. Diese plötzliche Auflichtung innerhalb des Werkganzen ist von großer dramaturgischer Wirkung: Sie erscheint wie ein kurzer Ausblick auf Hoffnung innerhalb der Totenliturgie.
Das Agnus Dei (Adagio con moto) kehrt zur Grundtonart zurück und führt die musikalische Linie in einer klagenden, fast resignativen Geste.
In der Communio greift Haydn zyklisch auf das Material des Introitus zurück. Das abschließende „Requiem aeternam“ steht erneut im Zeichen ernster Sammlung, während das „Cum sanctis tuis“ in lebhafterer Bewegung endet. Diese Wiederaufnahme des Anfangsmaterials schafft eine formale Geschlossenheit, die an barocke Zyklusprinzipien erinnert und dem Werk eine innere Kreisstruktur verleiht.
Die Bedeutung dieses Requiems reicht über seine unmittelbare liturgische Funktion hinaus. Nach den Aufzeichnungen der Salzburger Hofkapelle wirkten sowohl Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) als auch sein Vater Leopold Mozart (1719–1787) bei der Uraufführung mit – Wolfgang an der Bratsche, Leopold an der Violine.
Die Nähe zum späteren Mozart Requiem KV 626 ist musikwissenschaftlich vielfach untersucht worden. Reinhard G. Pauly (1929–2019) hat in seiner grundlegenden Studie über Michael Haydns Messen auf konkrete Parallelen hingewiesen:
die rhythmische Grundfigur des Introitus,
die Verwendung des Tonus peregrinus,
strukturelle Entsprechungen im „Dies irae“,
sowie die thematische Anlage der Fuge „Quam olim Abrahae“.
Gerade die auffällige Ähnlichkeit des Fugenthemas liefert ein wichtiges Argument in der Diskussion um die Authentizität der von Franz Xaver Süßmayr (1766–1803) vervollständigten Teile des Mozart-Requiems. Die Parallelen zeigen, dass Mozart hier nicht isoliert arbeitete, sondern innerhalb einer lebendigen Salzburger Tradition stand. Das vermeintlich „mozartische“ Idiom wurzelt somit auch in Michael Haydns Kirchenstil.
Zur Werknummer MH 150–155
Das Requiem erscheint nicht unter einer einzigen Nummer, sondern verteilt auf MH 150–155. Der Grund liegt darin, dass die einzelnen liturgischen Hauptteile – Introitus, Sequenz, Offertorium, Sanctus, Agnus Dei und Communio – jeweils separat katalogisiert wurden.
MH 150 bezeichnet den Introitus,
MH 151 die Sequenz,
MH 152 das Offertorium,
MH 153 das Sanctus,
MH 154 das Agnus Dei,
MH 155 die Communio.
Zusammen bilden sie jedoch eine geschlossene Komposition. In der Praxis wird daher entweder „MH 155“ (nach der letzten Nummer) oder „MH 150–155“ angegeben.
Michael Haydns Requiem markiert einen entscheidenden Moment der süddeutsch-österreichischen Kirchenmusik des späten 18. Jahrhunderts. Es steht zwischen barocker Traditionsbindung und klassischer Klarheit, zwischen kontrapunktischer Strenge und empfindsamer Ausdruckskultur.
Es ist kein Vorläufer Mozarts im Sinne einer bloßen Vorstufe, sondern ein eigenständiges Meisterwerk, das die Salzburger Liturgie auf ein hohes kompositorisches Niveau führte.
Gerade im Vergleich mit Orlando di Lasso (1532–1594) oder der späteren Wiener Klassik wird deutlich: Haydn steht hier in einer Traditionslinie, die polyphone Disziplin mit klassischer Formbalance verbindet.
Und vielleicht liegt gerade darin seine besondere Größe – in der ruhigen, ernsthaften, würdevollen Sprache, die ohne Pathos auskommt und dennoch tief berührt.
CD Vorschlag
Michael Haydn Collection, Vol. 2, Disk 15, Tracks 12 bis 19.
Missa Sancti Ioannis Nepomuceni (MH 182)
Die Missa Sancti Ioannis Nepomuceni (MH 182) von Michael Haydn gehört zu den charakteristischen Salzburger Kirchenwerken der 1770er Jahre. Sie entstand am 21. Mai 1772 und ist dem heiligen Johannes Nepomuk (um 1345–1393) gewidmet, der besonders in Böhmen und im süddeutsch-österreichischen Raum als Märtyrer und Schutzpatron der Brücken verehrt wurde. Die Verehrung dieses Heiligen war im 18. Jahrhundert außerordentlich verbreitet; zahlreiche Kirchen, Altäre und musikalische Werke entstanden zu seinen Ehren.
Die Entstehung der Messe fällt in die Zeit, in der Haydn am Hof des Salzburger Fürsterzbischofs Hieronymus von Colloredo tätig war. Colloredo (1732–1812) regierte das Erzstift Salzburg von 1772 bis 1803 und vertrat ein kirchenpolitisches Programm, das stark vom Geist der katholischen Aufklärung geprägt war. Er strebte eine Reform des kirchlichen Lebens an, bei der Schlichtheit, Verständlichkeit und liturgische Funktionalität im Vordergrund standen. In der Kirchenmusik bedeutete dies eine deutliche Abkehr von den prunkvollen, opernhaften Messvertonungen des frühen 18. Jahrhunderts. Umfangreiche virtuose Arien, ausgedehnte Fugen oder lange instrumentale Zwischenspiele galten ihm als unangemessen für den Gottesdienst. Stattdessen verlangte er knappe, klar strukturierte Messvertonungen, die den liturgischen Ablauf nicht übermäßig verlängerten und den Text verständlich zur Geltung brachten.
Diese Reformen beeinflussten unmittelbar die Kompositionen der Salzburger Hofmusiker, darunter neben Michael Haydn auch Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791), der in den 1770er Jahren ebenfalls im Dienst Colloredos stand. Die Missa Sancti Ioannis Nepomuceni zeigt diese ästhetische Ausrichtung besonders deutlich. Das Werk verzichtet vollständig auf Vokalsolisten und ist ausschließlich für vierstimmigen Chor konzipiert. Auch in der musikalischen Faktur dominieren homophone Satzweisen und kurze motivische Einheiten; komplexe kontrapunktische Passagen treten nur in begrenztem Maß auf. Dadurch entsteht ein kompakter, klar verständlicher Klang, der dem liturgischen Zweck unmittelbar dient.
https://www.youtube.com/watch?v=Zh4f7S8MGy0
Die Besetzung entspricht dennoch dem festlichen Rahmen einer Salzburger Kirchenfeier. Neben dem vierstimmigen Chor (SATB) schreibt Haydn ein Orchester mit zwei Oboen, vier Trompeten, Pauken sowie Streichern und Basso continuo (Orgel) vor. Besonders die Trompeten und Pauken verleihen der Messe eine strahlende, repräsentative Klangfarbe, die den festlichen Charakter eines Heiligenfestes unterstreicht. Gleichzeitig bleibt die musikalische Anlage vergleichsweise kurz und übersichtlich, was den Forderungen Colloredos nach liturgischer Kürze entgegenkommt.
Wie in der klassischen Messkomposition üblich, vertont Haydn den vollständigen Text des Ordinariums: Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Benedictus und Agnus Dei. Die einzelnen Teile sind knapp gestaltet und folgen meist einer klar gegliederten Struktur. Das Kyrie eröffnet die Messe mit einer feierlichen, zugleich konzentrierten musikalischen Geste, die unmittelbar in die festliche Atmosphäre der Trompeten und Pauken einführt. Im Gloria und Credo zeigt sich Haydns Fähigkeit, längere liturgische Texte durch abwechslungsreiche musikalische Abschnitte übersichtlich zu strukturieren. Dabei wechseln sich kraftvolle Tutti-Passagen mit ruhigeren, textdeutenden Momenten ab. Das Sanctus führt zu einem feierlichen Höhepunkt, während das Benedictus eine etwas ruhigere, kontemplative Stimmung entfaltet. Im abschließenden Agnus Dei verbindet Haydn eindringliche Bitte und festlichen Klang zu einem würdevollen Schluss der Messe.
Die Missa Sancti Ioannis Nepomuceni gehört zu jenen Werken Michael Haydns, die exemplarisch den Stil der Salzburger Kirchenmusik unter Colloredo zeigen: eine Verbindung aus liturgischer Kürze, klanglicher Festlichkeit und klarer musikalischer Architektur. Gerade diese Balance zwischen funktionaler Schlichtheit und repräsentativer Klangpracht macht die Messe zu einem charakteristischen Zeugnis der Kirchenmusik im aufgeklärten Salzburg der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
CD Vorschlag
Michael Haydn, Requiem in C Minor, Missa Sancti Joannis Nepomuceni, Te Deum in D Major, Kammerchor Cantemus, Deutsche Kammerakademie Neuss am Rhein, Leitung Werner Ehrhardt (* 1957), Capriccio, 2006, Tracks 14 bis 19:
https://www.youtube.com/watch?v=1c3vUk95qtg&list=OLAK5uy_nEJU7SmYUevfvAD9Pyt-wvnoJiZhvVVsQ&index=14

Endimione – Serenata in zwei Akten, MH 186
Libretto von Pietro Metastasio (1698–1782)
Das Libretto entstand ursprünglich für eine Serenata zur Hochzeit des neapolitanischen Prinzen Antonio Pignatelli (1685–1744) mit Anna Francesca Pinelli di Sangro (1697–1760) und wurde erstmals am 30. Mai 1721 in Neapel in einer Vertonung von Domenico Sarro (1679–1744) aufgeführt. Gewidmet war diese Erstfassung Marianne Pignatelli (1696–1766), Gräfin von Althann und Hofdame der Kaiserin Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel (1691–1750).
Das Libretto gehört zu den beliebtesten mythologischen Festdichtungen Metastasios und wurde im Laufe des 18. Jahrhunderts mehrfach vertont, unter anderem von Johann Adolf Hasse (1699–1783), Niccolò Jommelli (1714–1774), Baldassare Galuppi (1706–1785) und später auch von Michael Haydn (1737–1806).
Michael Haydns Vertonung entstand in Salzburg, wo der Komponist seit 1763 als Konzertmeister und später als Hofkomponist im Dienst des Salzburger Fürsterzbischofs wirkte. Die Serenata gehört zu den repräsentativen weltlichen Gelegenheitswerken des Salzburger Hofes und steht stilistisch zwischen italienischer Opera seria und höfischer Festmusik. Wie viele Serenaten dieser Zeit ist das Werk relativ knapp gehalten und konzentriert sich auf eine kleine Zahl von Figuren sowie auf eine Abfolge virtuoser Arien und Ensembles, die die emotionalen Konflikte der Handlung ausleuchten.
Die literarische Vorlage greift einen bekannten Stoff der antiken Mythologie auf. Endimione (griechisch Endymion) erscheint in der Überlieferung als schöner Hirte oder als König von Elis auf der Peloponnes, der von der Mondgöttin Selene geliebt wird. In der späteren mythologischen Tradition wird Selene häufig mit der Jagdgöttin Artemis beziehungsweise der römischen Diana gleichgesetzt. Metastasio konzentriert sich jedoch nicht auf die bekannte spätere Legende vom ewigen Schlaf Endymions, sondern auf die erste Begegnung der beiden und auf die intriganten Spiele des Liebesgottes.
Personen der Handlung
Diana, Göttin der Jagd
Endimione, ein Hirte (oder König von Elis)
Nice, eine Nymphe und Gefährtin Dianas
Amore (in der Verkleidung des Hirten Alceste)
Ort der Handlung: Eine ländliche Landschaft und ein Wald im Reich der Göttin Diana.
Die Handlung entfaltet sich in zwei Akten.
Im ersten Akt begegnet man Diana, der strengen Göttin der Jagd, die über ihre Gefährtin Nice erzürnt ist. Sie vermutet, dass die Nymphe gegen das Gebot der Keuschheit verstoßen und sich verliebt habe. Nice versucht vergeblich, diesen Verdacht zu entkräften. In diese Situation tritt der Liebesgott Amore, der sich als Hirte Alceste ausgibt und der Göttin scheinbar freundschaftlich begegnet, während er insgeheim ihre strenge Haltung zur Liebe verspottet.
Nice trifft kurz darauf auf Endimione, in den sie verliebt ist. Der junge Mann weist sie jedoch kühl zurück und erklärt, seine einzige Leidenschaft gelte der Jagd. Nachdem Nice betrübt gegangen ist, legt sich Endimione an einem schattigen Ort schlafen. Amore beobachtet die Szene aus dem Verborgenen und sieht seine Gelegenheit gekommen, die stolze Diana zu überlisten.
Als Diana den schlafenden Endimione erblickt, ist sie sofort von seiner Schönheit gefangen. Endimione wiederum erwacht aus einem Traum, in dem er Nice verfolgt gesehen hat, und bittet die Göttin um Verzeihung, da er im Schlaf unbedacht ihren Namen ausgesprochen hat. Allmählich fühlt auch er sich von Diana angezogen, wagt jedoch zunächst nicht, seine Gefühle zu gestehen. Erst nachdem Amore ihm heimlich Mut zuspricht, erkennt Endimione seine eigene Liebe.
Der zweite Akt spielt in einem Wald. Diana führt Endimione in ihr Reich, ohne sich zunächst um mögliche Einwände der übrigen Götter zu kümmern. Da sie selbst einst das Gebot der Keuschheit ausgesprochen hat, glaubt sie auch das Recht zu besitzen, es wieder aufzuheben.
Amore nutzt inzwischen die Situation für neue Intrigen. Er berichtet Diana, Endimione habe sich heimlich mit Nice unter den Lorbeerbüschen getroffen. Die Göttin reagiert eifersüchtig und schwört Rache. Amore steigert ihre Eifersucht noch weiter, indem er ihre Gefühle spöttisch kommentiert.
Währenddessen sucht die unglücklich verliebte Nice Trost bei Alceste, ohne zu wissen, dass sich hinter dieser Gestalt Amore verbirgt. Doch auch dieser weist sie zurück und behauptet ironisch, selbst in Endimione verliebt zu sein. Als Endimione auf seiner Suche nach Diana auf Nice trifft, begegnet sie ihm voller Bitterkeit.
Schließlich gesteht Nice Diana ihre unglückliche Liebe. In diesem Moment erscheint Alceste und berichtet, Endimione sei von einem wilden Eber angegriffen und tödlich verwundet worden. Diana ist erschüttert und erkennt, dass die Liebe stärker ist als ihr Stolz. Sie bittet Alceste, sie zu dem Sterbenden zu führen, um sich von ihm zu verabschieden.
https://www.youtube.com/watch?v=CaaqQhxOKnE
Doch kurz darauf tritt Endimione selbst unversehrt hervor. Amore enthüllt nun seine wahre Identität und gesteht, die ganze Geschichte erfunden zu haben, um die Macht der Liebe zu beweisen. Diana und Endimione nehmen diese List gelassen hin, da ihre Liebe inzwischen gefestigt ist. Nur Nice bleibt zurückgewiesen zurück. Um sie zu trösten, erlaubt Diana ihr schließlich, zu lieben, wen immer sie wolle – solange sie Endimione aufgibt.
Metastasios Libretto verbindet in dieser Serenata mythologische Motive mit den typischen dramaturgischen Elementen der Opera seria: Eifersucht, Täuschung, Verstellung und die letztlich versöhnende Macht der Liebe. In Michael Haydns Vertonung erhält dieser Stoff eine elegante musikalische Form, die zwischen galanter Operntradition und höfischer Festmusik steht und zugleich die melodische Erfindungskraft des Komponisten zeigt.
Die musikalische Anlage von Michael Haydns Serenata Endimione (MH 186) folgt grundsätzlich dem dramaturgischen Modell der italienischen Opera seria, wie es im 18. Jahrhundert auch für höfische Serenaten üblich war. Gleichzeitig zeigt sich in der Vertonung eine charakteristische Handschrift des Salzburger Komponisten, der die traditionelle Form mit einer bemerkenswerten melodischen Eleganz und einem ausgeprägten Sinn für dramatische Verdichtung verbindet.
Wie bei den meisten Serenaten auf Libretti von Pietro Metastasio (1698–1782) besteht auch dieses Werk aus einer Folge von Rezitativen und Arien, die die Handlung schrittweise entfalten. Die Rezitative dienen dabei vor allem der dramatischen Fortführung der Handlung und der Darstellung der emotionalen Konflikte zwischen den Figuren. Sie sind überwiegend als recitativo secco gestaltet und werden vom Basso continuo getragen, wodurch der Text klar und verständlich hervortreten kann. In besonders affektgeladenen Momenten erweitert Haydn diese Struktur gelegentlich durch instrumentale Akzente oder durch intensivere harmonische Wendungen, die die emotionale Spannung verstärken.
Die eigentlichen Höhepunkte bilden die Arien, die meist in der klassischen Da-capo-Form stehen. Diese Form – mit einer Wiederholung des ersten Abschnitts nach einem kontrastierenden Mittelteil – erlaubt es den Figuren, ihre Gefühle ausführlich auszudrücken und zugleich virtuose Gesangspartien zu entfalten. Haydn nutzt diese Struktur, um die unterschiedlichen Charaktere der Figuren musikalisch deutlich voneinander zu unterscheiden.
Die Rolle der Diana ist musikalisch besonders eindrucksvoll gestaltet. Als Göttin der Jagd verkörpert sie zunächst Strenge, Selbstbeherrschung und Autorität. Ihre frühen Arien besitzen häufig einen energischen, entschlossenen Charakter, mit markanten rhythmischen Gesten und klaren melodischen Linien. Wenn sich ihre Gefühle für Endimione entfalten, wandelt sich auch ihre musikalische Sprache: Die Linien werden weicher und kantabler, und die Harmonik gewinnt an Wärme und Ausdruckskraft.
Endimione erscheint in der Musik als lyrische, eher kontemplative Figur. Seine Arien sind häufig von ruhiger, gesanglicher Melodik geprägt und spiegeln seine zunächst unbewusste oder zurückhaltende Haltung gegenüber der Liebe wider. Erst im Verlauf der Handlung wird seine musikalische Sprache leidenschaftlicher, wenn er seine Gefühle für Diana erkennt und akzeptiert.
Die Figur der Nice trägt einen deutlich empfindsamen Zug. Ihre Musik zeichnet sich durch eine besonders expressive Linienführung aus, die ihre innere Zerrissenheit zwischen Hoffnung und Enttäuschung spiegelt. Haydn nutzt hier häufig weich fließende Melodien und empfindsame harmonische Wendungen, die an den Stil des frühen Klassizismus erinnern.
Eine besondere dramaturgische Funktion besitzt Amore, der als verkleideter Hirte Alceste auftritt. Seine musikalische Charakterisierung verbindet spielerische Leichtigkeit mit ironischer Distanz. In seinen Arien finden sich häufig lebhafte Rhythmen und bewegliche Melodien, die seine Rolle als listiger Intrigant unterstreichen. Die Musik verleiht dieser Figur eine gewisse Unberechenbarkeit, die gut zu seiner Rolle als manipulierender Gott der Liebe passt.
Die Instrumentation der Serenata entspricht der höfischen Praxis der Salzburger Hofkapelle. Das Orchester besteht vor allem aus Streichern mit Basso continuo, ergänzt durch Bläser, die in einzelnen Nummern zur klanglichen Farbgebung beitragen. Besonders in den Arien nutzt Haydn das Orchester nicht nur als Begleitung, sondern auch als Ausdrucksträger der jeweiligen Affekte. Instrumentale Zwischenspiele und motivische Figuren verstärken dabei die emotionalen Stimmungen der Szenen.
Typisch für Michael Haydn ist die klare, ausgewogene musikalische Architektur. Seine Melodien sind einprägsam und zugleich elegant geformt, und die Harmonik bleibt stets transparent und gut verständlich. Obwohl das Werk noch deutlich in der Tradition der italienischen Oper des frühen 18. Jahrhunderts steht, zeigt sich bereits jene stilistische Klarheit und Ausdruckskraft, die die Musik der Wiener Klassik kennzeichnet.
So entsteht in Endimione eine Serenata, die einerseits der repräsentativen höfischen Festkultur verpflichtet ist, andererseits aber auch durch eine feine psychologische Zeichnung der Figuren überzeugt. Die Musik folgt den emotionalen Wandlungen der Handlung mit großer Sensibilität und verbindet mythologische Thematik mit einer lebendigen musikalischen Dramaturgie, die typisch für das Theaterverständnis des 18. Jahrhunderts ist.
Die Entstehung von Endimione in der Vertonung von Michael Haydn steht in engem Zusammenhang mit der höfischen Musikkultur des Salzburger Fürsterzbistums im dritten Viertel des 18. Jahrhunderts. Seit seiner Berufung nach Salzburg im Jahr 1763 wirkte Haydn zunächst als Konzertmeister der Hofkapelle und entwickelte sich bald zu einem der wichtigsten musikalischen Gestalter des erzbischöflichen Hofes. Neben der Kirchenmusik gehörten auch weltliche Gelegenheitswerke – Serenaten, Festmusiken und dramatische Kantaten – zu seinen Aufgaben. Solche Werke wurden häufig zu besonderen Anlässen aufgeführt, etwa zu Geburtstagen, Namenstagen oder anderen repräsentativen Festen innerhalb des höfischen Umfelds.
Die Serenata Endimione entstand in diesem Kontext als ein Werk höfischer Festkultur, das zugleich Unterhaltung und repräsentative Wirkung verbinden sollte. Serenaten dieser Art wurden gewöhnlich nicht für das öffentliche Operntheater komponiert, sondern für halbprivate Aufführungen im Kreis des Hofes oder der höfischen Gesellschaft. Die Besetzung blieb daher relativ überschaubar, während der musikalische Stil dennoch den Glanz und die Eleganz der italienischen Oper widerspiegelte, die im 18. Jahrhundert als internationales Vorbild galt.
Das Libretto von Pietro Metastasio (1698–1782) war zu dieser Zeit bereits seit Jahrzehnten weit verbreitet und gehörte zu den besonders beliebten mythologischen Festtexten des Dichters. Metastasios Dichtungen zeichneten sich durch eine klare dramaturgische Struktur, elegante Sprache und eine präzise psychologische Zeichnung der Figuren aus. Gerade deshalb wurden sie immer wieder neu vertont und an unterschiedliche musikalische Stile angepasst.
Die frühesten Vertonungen von Endimione entstanden noch im Umfeld der spätbarocken neapolitanischen Oper. Komponisten wie Domenico Sarro (1679–1744) oder Johann Adolf Hasse (1699–1783) behandelten den Stoff in einem Stil, der stark von virtuosen Da-capo-Arien geprägt war. In diesen Fassungen steht die vokale Brillanz der Sänger im Mittelpunkt, während das Orchester hauptsächlich eine begleitende Rolle übernimmt.
Bei Niccolò Jommelli (1714–1774) zeigt sich bereits eine Weiterentwicklung dieses Operntyps. Seine Vertonungen zeichnen sich durch eine stärkere dramatische Integration des Orchesters und eine intensivere musikalische Charakterisierung der Figuren aus. Jommelli gehört zu jenen Komponisten, die den Übergang vom streng formalen Opernstil des Hochbarock zu einer stärker dramatisch orientierten Opernform vorbereiteten.
Michael Haydns Behandlung des Stoffes steht zeitlich und stilistisch noch einen Schritt weiter in dieser Entwicklung. Seine Musik bewegt sich bereits deutlich im Klangbereich des frühen Klassizismus. Die melodische Gestaltung wirkt freier und natürlicher, die Begleitung des Orchesters erhält größere Eigenständigkeit, und die musikalische Struktur wird insgesamt transparenter. Während die Arien weiterhin an der traditionellen Da-capo-Form orientiert bleiben, erscheint ihre musikalische Sprache weniger ornamental und stärker auf Ausdruck und Charakter konzentriert.
Gerade in dieser Verbindung aus italienischer Operntradition und klassischer Klarheit liegt der besondere Reiz von Haydns Endimione. Das Werk bewahrt den eleganten rhetorischen Stil der Metastasio-Dichtung, verbindet ihn jedoch mit einer musikalischen Sprache, die bereits die Ästhetik der Wiener Klassik vorwegnimmt. Dadurch entsteht eine Serenata, die sowohl als repräsentatives Hofwerk ihrer Zeit verstanden werden kann als auch als ein interessantes Dokument des stilistischen Wandels innerhalb der europäischen Oper des 18. Jahrhunderts.
Cd Vorschlag
Michael Haydn, Endimione, Salzburger Hofmusik, Leitung Wolfgang Brunner (* 1953), CPO, 2021:
https://www.youtube.com/watch?v=kyO_t0YXNGk&list=OLAK5uy_mvtMdyp9bMXzxy6YIvtU8X19GoQt8Kj_8&index=1
Streichquintett C-Dur MH 187, Sinfonie in C-Dur MH 188 und Streichquintett G-Dur MH 189
Die Werkgruppe MH 187–189 gehört zu den frühen Instrumentalkompositionen von Michael Haydn und entstand im Jahr 1773 in Salzburg, wo der Komponist seit 1763 als Hofmusiker im Dienst des Salzburger Fürsterzbischofs Hieronymus Graf von Colloredo wirkte. In diesen Jahren beschäftigte sich Michael Haydn intensiv mit der Gattung der Kammermusik und schrieb mehrere Werke für Streicher, die den Übergang vom spätbarocken Divertimento-Stil zur reifen klassischen Kammermusik deutlich erkennen lassen. Die drei aufeinanderfolgenden Werke MH 187, MH 188 und MH 189 zeigen dabei unterschiedliche Gattungen innerhalb der Instrumentalmusik jener Zeit und geben einen guten Einblick in die stilistische Vielfalt des Salzburger Komponisten.
Das Streichquintett in C-Dur MH 187 wurde am 17. Februar 1773 vollendet. Es ist für die Besetzung zwei Violinen, zwei Violen und Violoncello geschrieben und gehört zu den frühesten Beispielen dieser Quintettform in der Salzburger Musik. Der erste Satz Allegro spiritoso entfaltet ein energisches Hauptthema, das von einem lebhaften rhythmischen Impuls getragen wird. In klassischer Sonatenform entwickelt Michael Haydn das thematische Material in einem dialogischen Wechsel zwischen den Stimmen, wobei besonders die beiden Bratschen eine aktive Rolle im harmonischen Gefüge übernehmen. Der zweite Satz Adagio cantabile besitzt einen ausgesprochen lyrischen Charakter. Eine ruhige, gesangliche Melodie entfaltet sich in langen melodischen Bögen und wird von zarten Begleitfiguren getragen. Das Menuetto: Allegretto bringt eine elegante Tanzbewegung, die durch kleine motivische Verschiebungen und imitatorische Einsätze belebt wird. Das abschließende Allegro molto bildet einen temperamentvollen und brillanten Abschluss, in dem kurze motivische Gesten zwischen den Instrumenten zirkulieren und eine lebendige kammermusikalische Spannung erzeugen. Das Werk wurde im 18. Jahrhundert mehrfach irrtümlich dem älteren Bruder des Komponisten, Joseph Haydn, zugeschrieben, was zugleich zeigt, wie hoch seine musikalische Qualität eingeschätzt wurde.
https://www.youtube.com/watch?v=bl9OHoKMewE
CD Vorschlag
Michael Haydn Collection, Vol. 4, Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken, Leitung Reinhard Goebel (* 1952), Brilliant Classics, 2019, Tracks 45–48:
https://www.youtube.com/watch?v=TZyiETbPkAc&list=OLAK5uy_n7ooK0fgieK76jDHBlFuUedPBK7945OzU&index=45
Zwischen diesen beiden Quintetten steht die Sinfonie in C-Dur MH 188, die am 23. August 1773 datiert ist. Sie gehört zu einer Reihe von Sinfonien, die Michael Haydn in den frühen 1770er Jahren für Aufführungen in Salzburg schrieb. Das Werk ist für das klassische Orchester der Zeit gesetzt – mit Streichern, Oboen und Hörnern – und folgt dem damals üblichen dreisätzigen sinfonischen Aufbau. Der erste Satz Allegro zeichnet sich durch eine klare thematische Struktur und eine lebhafte rhythmische Energie aus. Das thematische Material wird in einer übersichtlichen Sonatenform verarbeitet, wobei die Bläser als farbgebende Elemente in den Streichersatz integriert sind. Der zweite Satz Andante bringt eine ruhigere, kantable Atmosphäre und zeigt Michael Haydns Gespür für melodische Eleganz. Die musikalische Linie entfaltet sich in einem fließenden Dialog zwischen den Streichern, während die Bläser sparsam eingesetzt werden, um einzelne klangliche Akzente zu setzen. Das Finale (Presto) beschließt die Sinfonie mit lebhafter Bewegung und virtuoser Energie; kurze motivische Gesten und rasche Figuren verleihen dem Satz eine dynamische und festliche Wirkung.
https://www.youtube.com/watch?v=v80s4yjSdQM
CD Vorschlag
Michael Haydn, Symphonies 18 and 25 - Divertimento, P. 8, Slowakisches Kammerorchester, Leitung Bohdan Warchal (1930- 2000), CPO, 2013, Tracks 1 bis 3:
https://www.youtube.com/watch?v=SO--8p3aLsM&list=OLAK5uy_lyqyS1grbQYE6PQMCsqGH3nfe5pH2OI98&index=2
Das Streichquintett in G-Dur MH 189 entstand ebenfalls 1773 und bildet das zweite Quintett dieser Werkgruppe. Auch dieses Werk ist für zwei Violinen, zwei Violen und Violoncello komponiert. Der erste Satz Allegro zeigt eine klare klassische Architektur mit zwei kontrastierenden Themen, die in der Durchführung motivisch verarbeitet werden. Besonders auffällig ist die sorgfältige Behandlung der Mittelstimmen: Die beiden Bratschen übernehmen wiederholt melodische Funktionen und erweitern so den klanglichen Raum des Ensembles. Der langsame Satz Adagio affettuoso gehört zu den empfindsamsten Momenten des Werkes. Die melodische Linie entfaltet sich in ausdrucksvollen Bögen und wandert häufig zwischen Violine und Viola, wodurch ein besonders warmer und lyrischer Klang entsteht. Das Menuetto: Allegretto verbindet tänzerische Eleganz mit subtilen rhythmischen Akzenten, während das Trio eine ruhigere und kantablere Atmosphäre schafft. Das Finale: Presto bringt schließlich einen virtuosen und temperamentvollen Abschluss, in dem die Stimmen in lebhaften Dialog treten und die musikalische Energie bis zum Schluss gesteigert wird.
https://www.youtube.com/watch?v=NLRf5iwZnC0
CD Vorschlag
Michael Haydn, The Complete String Quintets, Salzburger Haydn-Quintett, CPO, 2015, Tracks 15 bis 18:
https://www.youtube.com/watch?v=rAFr5gDE4Zw&list=OLAK5uy_lTMobxGGPFxgy6v76kQhLJqoSbwTIeR5E&index=15
Die Werkgruppe MH 187–189 zeigt Michael Haydn in einer besonders fruchtbaren Schaffensphase. Während die beiden Quintette die Möglichkeiten der erweiterten Streicherbesetzung mit zwei Bratschen ausloten und eine reiche kammermusikalische Klangstruktur entfalten, demonstriert die dazwischenstehende Sinfonie die gleiche stilistische Klarheit im orchestralen Bereich. Gleichzeitig spiegeln diese Werke die musikalische Atmosphäre des Salzburger Hofes in den frühen 1770er Jahren wider, in der Instrumentalmusik sowohl im höfischen Konzertleben als auch im privaten Musizieren eine wichtige Rolle spielte. Nicht zuletzt lassen sich in dieser Musik auch stilistische Parallelen zur frühen Kammermusik von Mozart erkennen, der zur selben Zeit in Salzburg tätig war und dessen erstes Streichquintett KV 174 ebenfalls im Jahr 1773 entstand.
Der Baßgeiger zu Wörgl, MH 205
Michael Haydn gehört zu den bedeutendsten, wenn auch lange unterschätzten Vertretern der österreichischen Kirchen- und Bühnenmusik des späten 18. Jahrhunderts. Neben seinen zahlreichen Messen, Offertorien und Instrumentalwerken entstanden in seinem Salzburger Umfeld auch einige kleinere Bühnenwerke, die häufig für besondere Anlässe oder für den halbprivaten Gebrauch geschrieben wurden. Zu diesen selten aufgeführten Gelegenheitskompositionen zählt das kurze Singspiel „Der Bassgeiger zu Wörgl“, MH 205, ein humorvoller Einakter, der vermutlich zwischen 1773 und 1775 entstand.
Das Werk ist für Sopran und Bass mit kleinem Orchester (zwei Violinen und Basso continuo) gesetzt und dauert etwa zwanzig bis zweiundzwanzig Minuten. Das Manuskript befindet sich im Archiv der Benediktinerabtei Kremsmünster (Signatur: [Kasten] L 55), während eine moderne Edition 1995 beim Wiener Verlag Doblinger erschien. Das Libretto wird meist dem Benediktiner P. Leo Peternader (1734–1792) zugeschrieben, wenngleich diese Zuschreibung nicht völlig gesichert ist. Die Dialoge und Gesangstexte sind in tirolerischem Dialekt gehalten, was dem Stück eine ausgeprägt volkstümliche Färbung verleiht. Eine neuere Bühnenfassung wurde von Werner Rainer (1939–2019) eingerichtet.
Der Schauplatz ist ein ländliches Milieu irgendwo bei Wörgl in Tirol, und auch die Figuren entsprechen bewusst einfachen, bäuerlichen Typen: Bartl, ein Bassgeigenspieler und Bauer, sowie seine Frau Liesl, deren etwas einfältige, zugleich aber energische Natur für den komischen Konflikt sorgt.
Die Handlung ist bewusst schlicht gehalten und orientiert sich an der Tradition des volkstümlichen Singspiels des 18. Jahrhunderts. Bartl kehrt spät und nicht ganz nüchtern nach Hause zurück und bittet seine Frau, ihm die Tür zu öffnen. Liesl jedoch weigert sich entschieden und beschimpft ihn wegen seiner Trinkfreudigkeit. Als Bartls Bitten wirkungslos bleiben, greift er zu einer List: Er kündigt dramatisch an, sich aus Verzweiflung im nahegelegenen Bach zu ertränken. Liesl erschrickt und eilt hinaus, um ihren Mann zu suchen. Während sie draußen nach ihm Ausschau hält, schleicht sich der bauernschlaue Bartl ins Haus und verriegelt nun seinerseits die Tür. Erst nachdem Liesl gelobt, künftig seine Vorlieben – insbesondere seine Neigung zum Wirtshaus – zu dulden, lässt er sie wieder hinein, und der eheliche Streit endet in heiterer Versöhnung.
https://www.youtube.com/watch?v=4Ga9bpuL140
Die musikalische Anlage folgt der typischen Struktur eines Singspiels mit gesprochenen Dialogen und musikalischen Nummern. Nach einer kurzen Introduktion des kleinen Orchesters entfaltet sich die Handlung in einer Folge von Rezitativ- und Ariennummern, die schließlich in ein versöhnliches Duett münden.
Der Ablauf der musikalischen Nummern gestaltet sich folgendermaßen:
Introduktion
Rezitativ „Mach auf, mein liebstes Weib!“ (Bartl, Liesl)
Arie „Du Mehlhund! Pack dich fort vom Haus“ (Liesl)
Rezitativ „Gibst denn heut' gar nicht nach?“ (Bartl)
Arie „Wie? was, ich soll heut' übernachten“ (Bartl)
Rezitativ „Au weh, jetzt hat mein Mann“ (Liesl)
Arie „Ach leider, ich bin einzig schuld“ (Liesl)
Rezitativ „Wie? wer hat mir's Haus versperrt?“ (Liesl, Bartl)
Duett „Mein lieber Mann!“ (Liesl, Bartl)
Michael Haydn gestaltet die Figuren auch musikalisch mit deutlichem Sinn für Charakterisierung. Bartl, der Basspart, erhält eine eher behäbige, gutmütige musikalische Zeichnung; seine Linien wirken oft gemütlich und bodenständig. Liesl dagegen ist als Sopran deutlich beweglicher und temperamentvoller gestaltet, was ihren resoluten und streitlustigen Charakter unterstreicht. Die Begleitung des kleinen Orchesters bleibt bewusst schlicht und durchsichtig und orientiert sich an der volksnahen Atmosphäre der Handlung.
Gerade diese Volkstümlichkeit ist eines der auffälligsten Merkmale des Werkes. Die dialektgefärbte Sprache, die komische Situation eines ehelichen Streits und die überschaubare Besetzung lassen erkennen, dass Haydn hier kein großes Opernwerk, sondern ein humorvolles Gelegenheitsstück schuf, das vermutlich für eine kleinere Bühne oder für halbprivate Aufführungen gedacht war. In seiner Mischung aus bäuerlichem Humor, musikalischer Lebendigkeit und knapper Form gehört „Der Bassgeiger zu Wörgl“ zu den reizvollen Beispielen jener regional gefärbten Bühnenstücke, die im Umfeld der österreichischen Klöster und Hofhaltungen des 18. Jahrhunderts entstanden.
Zur Schreibweise des Titels ist anzumerken, dass historisch – entsprechend der damaligen deutschen Orthographie – häufig die Form „Der Baßgeiger zu Wörgl“ verwendet wurde. In der modernen Rechtschreibung ist jedoch „Der Bassgeiger zu Wörgl“ korrekt und heute üblich. Beide Schreibweisen beziehen sich also auf dasselbe Werk, wobei die moderne Form mit „ss“ heute vorzuziehen ist.
CD Vorschlag
Michael Haydn, Der Baßgeiger zu Wörgl, Overtures and Dances, Deutsche Kammeraakademie Neuss, Leitung Johannes Goritzki (1942–2018), CPO, 2000, Tracks 4 bis 12:
https://www.youtube.com/watch?v=hk0RQ7Pn0NU&list=OLAK5uy_nIEkrX5UovFAeVuw0H8lKsTkKsOMIvPjs&index=4
Missa pro defunctis in B-Dur, MH 838
Die Missa pro defunctis in B-Dur, MH 838 gehört zu den letzten geistlichen Kompositionen von Michael Haydn und entstand im Jahr 1806, also in seinem Todesjahr. Das Werk ist nur fragmentarisch überliefert und blieb unvollendet. Dennoch stellt es ein bemerkenswertes Dokument aus der späten Schaffensphase des Salzburger Meisters dar und zeigt noch einmal jene klare, liturgisch geprägte Tonsprache, die Michael Haydns Kirchenmusik über Jahrzehnte hinweg geprägt hatte.
Die Komposition ist als Requiemmesse (Missa pro defunctis) angelegt und steht in der Tonart B-Dur, einer für Trauermusik eher ungewöhnlichen, vergleichsweise hellen Tonart. Diese Wahl entspricht jedoch durchaus der klassischen Ästhetik des späten 18. Jahrhunderts, in der das Requiem nicht ausschließlich düstere Klangfarben, sondern auch eine tröstende, hoffnungsvolle Dimension enthalten konnte. Michael Haydn hatte bereits früher bedeutende Totenmessen komponiert, insbesondere das berühmte Requiem in c-Moll, MH 155 von 1771, das auch auf jüngere Komponisten – etwa Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) – Einfluss ausübte. Die späte B-Dur-Messe zeigt dagegen eine stärker klassisch abgeklärte Tonsprache.
https://www.youtube.com/watch?v=BzaSCPqY3Qg
Von dem Werk ist lediglich ein einzelner Satz bzw. ein unvollständig überliefertes Fragment erhalten. Es handelt sich vermutlich um den Beginn einer vollständigen Totenmesse, deren weitere Teile Michael Haydn nicht mehr ausarbeiten konnte. Der Komponist starb am 10. August 1806 in Salzburg, bevor er die Komposition vollenden konnte.
Die musikalische Anlage zeigt dennoch deutlich die charakteristischen Merkmale seiner Kirchenmusik: eine klare, kontrapunktisch fundierte Chorsatztechnik, die Verbindung von vokaler Polyphonie mit homophonen, textdeutlichen Passagen sowie eine sorgfältige Einbindung des Orchesters. Die Besetzung ist für eine festliche Salzburger Kirchenmusik relativ reichhaltig: vier Solostimmen (Sopran, Alt, Tenor, Bass), gemischter Chor (SATB), zwei Oboen, zwei Fagotte, zwei Hörner, zwei Clarini (Trompeten), drei Posaunen, Pauken, Streicher sowie Orgelbasso continuo. Diese Kombination entspricht weitgehend der traditionellen Instrumentation der Salzburger Kirchenmusik um 1800, in der besonders die Posaunen eine wichtige Rolle als Verstärkung der Chorstimmen spielten.
Das Werk wurde erst Jahrzehnte nach der Entstehung erstmals veröffentlicht. Die Erstausgabe erschien um 1839 in Leipzig beim Verlag A. Kühnel (Plattennummer 922). Für diese Edition wurde das unvollständige Werk von Paul Günther Kronecker (1803–1847) ergänzt bzw. vervollständigt. Kronecker versuchte dabei, sich stilistisch möglichst eng an Michael Haydns überliefertes Material anzulehnen, um eine aufführbare Fassung zu schaffen. Solche editorischen Ergänzungen waren im 19. Jahrhundert nicht ungewöhnlich; sie dienten dazu, fragmentarische Werke der klassischen Epoche für den praktischen Gebrauch im Konzert- und Kirchenbetrieb zugänglich zu machen.
Die überlieferte Partitur steht heute gemeinfrei (Public Domain) und ist in modernen digitalen Archiven zugänglich. In den Werkverzeichnissen wird die Komposition unter der Nummer MH 838 geführt; im thematischen Katalog von Charles H. Sherman und T. Donley Thomas erscheint sie als K¹ 26.
Obwohl die Missa pro defunctis in B-Dur nur fragmentarisch erhalten ist und selten aufgeführt wird, besitzt sie musikhistorische Bedeutung als letzte bekannte geistliche Komposition Michael Haydns. Sie dokumentiert eindrucksvoll den Übergang von der traditionsreichen Salzburger Kirchenmusik des 18. Jahrhunderts in die musikalische Welt des frühen 19. Jahrhunderts und bildet zugleich einen stillen, beinahe symbolischen Schlussstein im umfangreichen kirchenmusikalischen Schaffen dieses bedeutenden Komponisten.
CD Vorschlag
Michael Haydn, Requiem in B, Kammerchor Saarbrücken, Kammerphilharmonie Mannheim, Leitung Georg Grün (* 1960), Carus, 2006, Tracks 1 bis 15:
https://www.youtube.com/watch?v=IkqvlxpW5KY&list=OLAK5uy_nG1Q-mMWL6GraHBvPkQMeic_ZjgZjv69M&index=1
Missa Sancti Hieronymi in C-Dur, MH 254
Die Missa Sancti Hieronymi in C-Dur, MH 254, häufig als „Oboenmesse“ bezeichnet, gehört zu den ungewöhnlichsten und zugleich bedeutendsten Messkompositionen von Johann Michael Haydn. Das Werk entstand 1777 in Salzburg und steht in engem Zusammenhang mit dem Namenstag des Salzburger Fürsterzbischofs Hieronymus von Colloredo (1732–1812), der am 30. September, dem Fest des Kirchenvaters Hieronymus (um 347–420), begangen wird. Die Widmung der Messe an den heiligen Hieronymus lässt sich daher zugleich als Hommage an den Namenspatron des Fürsterzbischofs verstehen.
Michael Haydn wirkte seit 1763 als Hofmusicus und Konzertmeister an der fürsterzbischöflichen Hofkapelle in Salzburg. Seine Stellung festigte sich weiter, als er nach dem Tod von Anton Cajetan Adlgasser (1729–1777) zusätzlich das Amt des Organisten an der Dreifaltigkeitskirche übernahm. Später wurde er, nach dem Zerwürfnis von Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) mit dem Salzburger Hof, im Jahr 1782 zum ersten Hof- und Domorganisten ernannt. In dieser Funktion war Haydn eine der zentralen musikalischen Persönlichkeiten der Salzburger Kirchenmusik des späten 18. Jahrhunderts.
Die Missa Sancti Hieronymi nimmt innerhalb seines umfangreichen kirchenmusikalischen Œuvres eine besondere Stellung ein. Ihre Instrumentation ist außergewöhnlich und in dieser Form einzigartig – nicht nur innerhalb von Haydns eigenen Messvertonungen, sondern offenbar auch im gesamten Salzburger Messrepertoire der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Während festliche Kirchenwerke der Zeit gewöhnlich auf Trompeten und Pauken zurückgreifen, verwendet Haydn hier eine reine Bläserbesetzung: zwei Oboen, zwei Fagotte und drei Posaunen, begleitet von Basso continuo. Gerade diese ungewöhnliche Klangdisposition gab der Messe ihren später gebräuchlichen Beinamen „Oboenmesse“.
Die dominierende Rolle der Oboen prägt den Charakter der gesamten Komposition. Die Instrumente treten nicht nur begleitend auf, sondern führen eigenständige melodische Linien, die mit den Vokalstimmen dialogisieren. Dadurch entsteht ein eigenständiger Klangraum, der sich deutlich von der üblichen orchestralen Prachtentfaltung der Salzburger Kirchenmusik unterscheidet.
Zeitgenössische Quellen zeigen, dass die ungewöhnliche Besetzung bereits bei der Entstehung der Messe Aufmerksamkeit erregte. In einem Brief berichtet Leopold Mozart (1719–1787), dass Fürsterzbischof Colloredo bei einer Probe des Kyrie und Gloria anwesend war und äußerte, Haydn habe seine Vorstellungen möglicherweise „nicht ganz verstanden“. Diese Bemerkung hat in der Forschung zu verschiedenen Deutungen geführt: Entstand die besondere Orchesterbesetzung aus einem Missverständnis über die Erwartungen des Auftraggebers, oder war sie bewusst gewählt, um dem Werk eine besondere klangliche Eigenart zu verleihen?
Sicher ist jedenfalls, dass Colloredo die Entstehung der Messe mit Interesse verfolgte und dass die Wahl des Titels auf den heiligen Hieronymus – seinen eigenen Namenspatron – kaum zufällig gewesen sein kann. Damit liegt die Vermutung nahe, dass das Werk im Zusammenhang mit dem Namenstag des Fürsterzbischofs komponiert wurde.
Die Entstehung der Messe fällt in eine Zeit tiefgreifender Veränderungen der Kirchenmusik im habsburgischen Raum. Colloredo gehörte zu den Kirchenfürsten, die unter dem Einfluss der Aufklärung eine Reform der Liturgie anstrebten. In seinem Hirtenbrief von 1782 äußerte er sich kritisch gegenüber der damals verbreiteten groß angelegten Orchestermesse. Die Reformen standen im Zusammenhang mit der neuen Gottesdienstordnung von Joseph II. (1741–1790), die unter anderem eine Reduktion der liturgischen Musik, eine Verkürzung der Gottesdienste und die stärkere Beteiligung der Gemeinde durch volkssprachliche Gesänge vorsah.
Vor diesem Hintergrund erscheint Haydns Hieronymus-Messe in einem besonderen Licht. Einerseits entstand sie als Werk eines pflichtbewussten Hofkomponisten im Dienst seines Fürsterzbischofs. Andererseits lässt sich in ihr auch eine persönliche Reverenz an den Kirchenvater Hieronymus erkennen, dessen Schriften Colloredo selbst als Autorität für seine Reformideen heranzog.
Die Messe steht zudem in einem interessanten Verhältnis zur Tätigkeit von Wolfgang Amadeus Mozart in Salzburg. Seit 1772 war Mozart Konzertmeister der Hofkapelle, und ein Großteil seiner Salzburger Messen entstand zwischen 1773 und 1777. Michael Haydns Missa Sancti Hieronymi ist die erste Messkomposition, die Haydn seit Mozarts Amtsantritt ausdrücklich für den Salzburger Dom schrieb; zuvor hatte er lediglich die Missa Sancti Amandi, MH 229 für das Stift Lambach komponiert.
Ein weiterer bemerkenswerter Aspekt betrifft die Dauer der Messe. Mozart berichtete 1776 in einem Brief an Giovanni Battista Martini (1706–1784), dass selbst eine besonders feierliche Dommesse in Salzburg nicht länger als dreiviertel Stunde dauern dürfe. Haydns Hieronymus-Messe überschreitet diesen Rahmen deutlich und wirkt damit geradezu als Gegenstück zu den streng reglementierten Missae breves, die unter Colloredo üblich wurden.
Die Messe ist als Missa solemnis angelegt und vertont den vollständigen Ordinariumstext der katholischen Liturgie: Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus mit Benedictus sowie Agnus Dei. Haydn verwendet dabei ein vierstimmiges Vokalensemble (Sopran, Alt, Tenor und Bass) mit Chor und Orchester. Charakteristisch für seinen Stil ist die ausgewogene Verbindung von kontrapunktischer Kunst und melodischer Klarheit. Die Chorsätze zeigen häufig eine dichte imitatorische Arbeit, während die Solopartien lyrische Ruhepunkte bilden und den Text in kantabler Weise ausdeuten.
https://www.youtube.com/watch?v=5zPxBLMzTT8
Das Kyrie eröffnet die Messe mit einer ruhigen, würdevollen Bewegung, in der die Oboen einen sanft schwingenden Klangrahmen bilden. Schon hier zeigt sich Haydns Fähigkeit, einen kontemplativen Ausdruck mit lebendiger musikalischer Struktur zu verbinden.
Im Gloria wechselt die Musik zu einer deutlich bewegteren, festlicheren Sprache. Wechsel zwischen Chorpassagen und solistischen Episoden strukturieren den umfangreichen Text. Besonders bemerkenswert ist die sorgfältige Ausdeutung einzelner Worte und Satzteile, etwa wenn jubelnde Passagen („Gloria in excelsis Deo“) kontrastiert werden mit ruhigeren, bittenden Abschnitten wie „Qui tollis peccata mundi“.
Das umfangreiche Credo bildet das dramaturgische Zentrum der Messe. Hier zeigt sich Haydns Meisterschaft in der musikalischen Gliederung eines langen liturgischen Textes. Feierliche Chorsätze wechseln mit ruhigeren, teilweise kammermusikalisch wirkenden Episoden. Besonders eindrucksvoll gestaltet Haydn traditionell die Worte „Et incarnatus est“, die in vielen Messvertonungen als Moment der inneren Sammlung erscheinen.
Das Sanctus entfaltet eine feierliche, strahlende Klangwelt, die in das jubelnde „Hosanna“ mündet. Im anschließenden Benedictus tritt häufig ein solistischer Charakter hervor, bevor der Chor erneut in das Hosanna zurückkehrt.
Den Abschluss bildet das Agnus Dei, das in typisch klassischerweise von einer ernsten, bittenden Stimmung zu einem hoffnungsvolleren Schluss führt. Hier verbindet Haydn eindringliche vokale Linien mit einem fein ausgehörten Orchestersatz, der die meditative Atmosphäre des Werkes noch einmal eindrucksvoll bündelt.
Die Missa Sancti Hieronymi gehört zu den bedeutendsten Kirchenwerken Michael Haydns und zeigt exemplarisch seine Stellung innerhalb der süddeutsch-österreichischen Kirchenmusik des späten 18. Jahrhunderts. In Salzburg wirkte Haydn über Jahrzehnte als prägende Gestalt des kirchenmusikalischen Lebens und beeinflusste auch jüngere Komponisten – unter ihnen Wolfgang Amadeus Mozart, der Haydns Werke kannte und schätzte.
Die „Oboenmesse“ steht somit nicht nur als eindrucksvolles Beispiel für Michael Haydns eigene Meisterschaft, sondern auch als Zeugnis einer reichen Salzburger Kirchenmusiktradition, in der liturgische Funktion, musikalische Ausdruckskraft und instrumentale Farbigkeit zu einer überzeugenden Einheit verschmelzen.
CD Vorschlag
Michael Haydn, Requiem Pro defuncto Archiepiscopo Sigismundo / Missa Sancti Hieronymi, The Choir of Gonville and Caius College, Cambridge, Academy of Ancient Music, Leitung Matthew Martin (* 1976), Outhere, 2025, Tracks 10 bis 18:
https://www.youtube.com/watch?v=lWQtMod-9QI&list=OLAK5uy_mE9vR6Xzlot8EI9CwTYBJjhB5Mt9a8A30&index=10
Missa Sancti Aloysii, MH 257
Michael Haydns Missa Sancti Aloysii, MH 257 entstand 1777 in Salzburg, wurde am 21. Dezember abgeschlossen und gehört zu jenen Messvertonungen, die Haydn für den Bereich des Salzburger Kapellhauses und seine Sängerknaben schrieb. Die Besetzung mit Soli und Chor SSA, zwei Violinen, Orgel und Bassi zeigt deutlich, dass das Werk auf einen hellen, beweglichen Oberstimmenklang hin gedacht ist. Zugleich ist die Messe keineswegs nur schlicht oder funktional: Gerade in der Verbindung von liturgischer Kürze, melodischer Frische, kontrapunktischer Sorgfalt und feiner Choralverarbeitung liegt ihr besonderer Reiz. Sie war wohl für den Gedenktag der Unschuldigen Kinder am 28. Dezember bestimmt; die Widmung an den heiligen Aloysius Gonzaga (1568–1591) dürfte mit dessen Patronat über Jugend und Studierende zusammenhängen. Form und Umfang der Messe entsprechen außerdem den Salzburger Vorgaben unter Erzbischof Hieronymus Colloredo (1732–1812), die auf knappe, konzentrierte Messvertonungen zielten.
https://www.youtube.com/watch?v=B37uITub73s
Das Kyrie ist nach Auskunft der Edition zweiteilig angelegt: Einer kurzen Adagio-Einleitung nach barockem Vorbild folgt ein bewegter Hauptteil. Gerade darin zeigt sich Michael Haydns Kunst besonders schön. Er eröffnet die Messe nicht mit monumentaler Schwere, sondern mit einer Haltung stiller Sammlung; aus dieser Andacht heraus entwickelt sich dann eine lebendigere, bittende Bewegung. Der Satz wirkt dadurch weder opernhaft noch trocken gelehrt, sondern besitzt jene edle, klare Kirchlichkeit, die für Haydns beste geistliche Musik so charakteristisch ist. Das Flehen des „Kyrie eleison“ wird nicht dramatisch zugespitzt, sondern in eine anmutige, von innerer Wärme getragene Klangrede verwandelt.
Das Gloria ist durchkomponiert und gewinnt seine Wirkung vor allem aus dem flüssigen Fortgang und aus einer freudigen Grundhaltung, die schon von zeitgenössischen Herausgebern als besonderer Vorzug dieser Messe hervorgehoben wird. Haydn vermeidet hier breit ausladende Repräsentation; stattdessen entfaltet er einen festlichen, aber schlanken Jubel, der zur Besetzung für hohe Stimmen ideal passt. Besonders bemerkenswert ist, dass er die Intonation der vierten Choralmesse als thematisches Material für Anfang und Schluss des Satzes heranzieht. Dadurch erhält das Gloria trotz seiner Leichtigkeit ein liturgisches Fundament: Der Satz wirkt nicht bloß angenehm und melodiös, sondern bewusst in den kirchlichen Klangraum eingebettet. So verbindet Haydn Feierlichkeit, liturgische Bindung und jugendliche Frische auf sehr glückliche Weise.
Im Credo zeigt sich die Messe von ihrer inhaltlich konzentriertesten Seite. Auch hier arbeitet Haydn knapp und zielgerichtet, ohne dem Glaubensbekenntnis seine Würde zu nehmen. Besonders hervorgehoben ist das „Et incarnatus“, das als solistischer, langsamer Abschnitt abgesetzt wird. Gerade diese Verlangsamung innerhalb eines sonst eher gedrängten Credo ist von großer Ausdruckskraft: Der Blick richtet sich für einen Moment weg vom deklamierenden Bekenntnis und hin auf das Mysterium der Menschwerdung. Dazu kommt, dass Haydn die gregorianische Credo-Intonation thematisch verarbeitet und sie am Schluss bei „et vitam venturi saeculi“ nochmals aufgreift. Das verleiht dem Satz Geschlossenheit und geistige Tiefe. Der Satz überzeugt daher weniger durch äußeren Glanz als durch formale Intelligenz und eine sehr bewusste Gewichtung der theologischen Mitte des Textes.
Das Sanctus ist knapp, aber von eindrucksvoller Verdichtung. In wenigen Zügen erzeugt Haydn jene Atmosphäre ehrfürchtiger Erhebung, die diesem Messteil zukommt. Besonders wichtig ist hier das anschließende „Osanna in excelsis“, das im Sanctus im Vierertakt erscheint. Diese metrische Anlage verleiht dem Lobpreis Festigkeit und liturgische Klarheit. Man spürt, dass Haydn auf präzise Wirkung bedacht ist: nicht auf überwältigende Größe, sondern auf deutliche Kontur, auf Helligkeit und auf eine unmittelbar erfassbare Feierlichkeit. Das Sanctus steht damit exemplarisch für die Ästhetik der ganzen Messe, die mit beschränkten Mitteln erstaunlich viel Ausdruck gewinnt.
Das Benedictus bildet dazu einen feinen Kontrast. Während das „Osanna“ am Ende des Sanctus im Vierertakt steht, erscheint es hier im Dreiertakt. Schon dadurch entsteht eine andere Bewegung: weniger fest, eher schwingend, gelöster und fast tänzerisch im besten frühklassischen Sinn. Das Benedictus wirkt deshalb nicht wie eine bloße Wiederholung des Vorangegangenen, sondern wie eine Verwandlung desselben Lobgedankens in eine mildere, innigere Form. Gerade in solchen Proportionen zeigt sich Michael Haydns Meisterschaft: Er erreicht Abwechslung nicht durch äußere Effekte, sondern durch subtile Veränderung von Metrum, Charakter und stimmlicher Führung. Der Satz bringt eine heitere, beinahe zärtliche Seite der Messe zum Vorschein.
Das Agnus Dei ist wiederum zweiteilig konzipiert. Auf die dreifachen „Agnus“-Anrufungen folgt ein rondohaft gestaltetes „Dona nobis pacem“. Damit erhält der Schlusssatz eine besonders schöne dramatische und zugleich geistliche Logik: Zuerst steht die eindringliche Bitte um Erbarmen, dann öffnet sich der Satz in einen weiter gespannten Friedenswunsch. Nach der Edition klingt im „Dona nobis“ in motivischer Fortentwicklung sogar das Sanctus der achten Choralmesse an. Dadurch wird der Schluss der Messe nicht nur formal geschlossen, sondern auch liturgisch und thematisch rückgebunden. Das Agnus Dei vereinigt Bitte, Ruhe und Zuversicht; es beendet die Messe nicht mit Pathos, sondern mit einer versöhnten, hellen und sehr menschlichen Friedensbitte.
Insgesamt ist die Missa Sancti Aloysii ein besonders schönes Beispiel für Michael Haydns Fähigkeit, unter den Bedingungen der Salzburger Kirchenmusik knappe Formen mit echtem Gehalt zu erfüllen. Das Werk ist weder demonstrativ gelehrt noch oberflächlich gefällig. Es lebt von Klarheit, melodischem Charme, liturgischer Intelligenz und einem feinen Gleichgewicht zwischen Andacht und Festlichkeit. Gerade deshalb gehört es zu jenen Messen, die auf den ersten Blick bescheiden wirken, bei näherem Hinhören aber eine erstaunliche Meisterschaft offenbaren.
Michael Haydns Missa Sancti Aloysii ist in einer sehr gelungenen neueren Einspielung auf der CD Messen für Frauenchor greifbar. Die bei Carus veröffentlichte Aufnahme aus dem Jahr 2013 kombiniert das Werk mit der Missa sub titulo Sancti Leopoldi MH 837 sowie mit Hans Kösslers Missa in f. Es musizieren der Mädchenchor Hannover, das Ensemble il gioco col suono und Ulfert Smidt an der Orgel unter der Leitung von Gudrun Schröfel. Innerhalb dieser CD steht die Missa Sancti Aloysii am Anfang und umfasst die Tracks 1 bis 6.
Gerade für dieses Werk erweist sich diese Besetzung als besonders glücklich. Da die Messe ursprünglich für hohe Stimmen bestimmt ist, gewinnt sie durch den klaren, hellen und zugleich geschlossenen Klang eines sorgfältig geführten Mädchenchors in besonderer Weise an Überzeugungskraft. Der Eindruck von Leichtigkeit, Reinheit und jugendlicher Frische, der bereits in der Komposition selbst angelegt ist, wird hier nicht künstlich hergestellt, sondern entwickelt sich ganz selbstverständlich aus der musikalischen Substanz. Hinzu kommt, dass auch die Solistinnen aus dem Chor hervortreten, was dem ursprünglichen Charakter des Werkes sehr nahekommt und den geschlossenen Gesamteindruck zusätzlich stärkt.
Diese Einspielung legt die besonderen Qualitäten der Messe sehr überzeugend frei: nicht als groß dimensioniertes, repräsentatives Kirchenwerk, sondern als konzentrierte, lichte und liturgisch gebundene Musik von eigenem Reiz. Der Chor klingt beweglich und homogen, ohne jede Schwere; so treten die melodische Anmut, die geschickte Verarbeitung gregorianischer Wendungen und die feine Balance zwischen Andacht und Festlichkeit besonders klar hervor. Die Missa Sancti Aloysii erscheint in dieser Deutung daher in einer Gestalt, die ihrem historischen Ursprung ebenso gerecht wird wie ihrem bleibenden musikalischen Wert.
Wer die einzelnen Messteile gezielt verfolgen möchte, findet hier das Kyrie in Track 1, das Gloria in Track 2, das Credo in Track 3, das Sanctus in Track 4, das Benedictus in Track 5 und das Agnus Dei in Track 6. Damit bietet die CD zugleich eine sehr praktische Orientierung und eine stilistisch überzeugende Annäherung an Michael Haydns Tonsprache, die hier schlank, frisch und in ihrer ganzen feinen Kirchlichkeit hörbar wird.
CD Vorschlag
Michael Haydn, Messen für Frauenchor, Missa Sancti Aloysii und Missa sub titulo Sancti Leopold, Mädchenchor Hannover, Leitung Gudrun Schröfel (* 1943), Carus, 2013, Tracks 1 bis 6:
https://www.youtube.com/watch?v=nX2PRuo41Ac&list=OLAK5uy_kKYOL9fR_ilnmIFjTxgRG0u25zhWgly0Y&index=1
Missa in honorem Sancti Ruperti (Jubiläumsmesse), MH 322
Michael Haydns Missa in honorem Sancti Ruperti, die sogenannte Jubiläumsmesse, entstand im Jahr 1782. Sie gehört zu jenen Salzburger Kirchenkompositionen, in denen sich liturgische Feierlichkeit, historisches Bewusstsein und repräsentative Klangpracht auf besonders überzeugende Weise verbinden. Schon der Titel macht deutlich, dass es sich nicht um eine gewöhnliche Festmesse handelt: Gewidmet ist das Werk dem heiligen Rupert (* um 650 – † 718), dem Gründerheiligen Salzburgs, der für das Selbstverständnis des Erzstifts von herausragender Bedeutung war. Damit erhält die Messe von vornherein einen ausgeprägt lokalen und zugleich geschichtsträchtigen Charakter.
Rupert von Salzburg (* um 650 – † 718)
Die Bezeichnung „Jubiläumsmesse“ erklärt sich aus ihrem konkreten Entstehungsanlass. Im Jahr 1782 beging Salzburg mit großem Aufwand ein Jubiläum, das auf die Gründung des Erzstifts und die Missionstätigkeit des heiligen Rupert zurückgeführt wurde. Nach der damals geltenden Tradition nahm man an, dass Rupert bereits im Jahr 582 gewirkt habe; daraus ergab sich für 1782 die Feier eines 1200-jährigen Jubiläums der Salzburger Kirche. Für diesen Anlass entstand Michael Haydns Messe zu Ehren des Salzburger Landesheiligen. Der Name „Jubiläumsmesse“ ist also keine spätere poetische Ausschmückung, sondern weist unmittelbar auf die Funktion des Werkes innerhalb dieser großen Salzburger Gedenkfeier hin. Aus heutiger historischer Sicht ist die damalige Datierung freilich nicht mehr haltbar, da Rupert nach heutigem Forschungsstand eher im späten 7. und frühen 8. Jahrhundert anzusetzen ist. Gerade das macht das Werk kulturgeschichtlich besonders interessant: Es ist nicht nur ein liturgisches Kunstwerk, sondern auch ein klingendes Zeugnis dafür, wie das späte 18. Jahrhundert Geschichte verstand, deutete und feierlich inszenierte.
Musikalisch ist die Messe ganz auf Festlichkeit angelegt, ohne in bloßen Prunk abzugleiten. Die Wahl der Tonart C-Dur verweist bereits auf jenen hellen, offenen und zeremoniellen Charakter, der für viele feierliche Kirchenwerke des 18. Jahrhunderts typisch ist. Michael Haydn entfaltet hier jedoch keine oberflächliche Klangpracht, sondern eine sehr bewusst gestaltete sakrale Repräsentation. Seine Musik wirkt würdevoll, klar gegliedert und zugleich von innerer Wärme getragen. Gerade darin zeigt sich seine besondere Meisterschaft: Feierlichkeit entsteht bei ihm nicht durch Überladung, sondern durch Maß, formale Übersicht und einen sicheren Sinn für liturgische Angemessenheit.
https://www.youtube.com/watch?v=SzR_kOu2w4U
Das Kyrie eröffnet den Messzyklus mit jener würdevollen Haltung, die den sakralen Raum gleichsam ordnet und den Charakter des Werkes von Anfang an bestimmt. Im Gloria und Credo gewinnt die Musik an Bewegung, Helligkeit und öffentlichem Glanz; hier wird hörbar, dass die Messe für einen Anlass von besonderem Rang bestimmt war. Dennoch verliert Michael Haydn nie die Bindung an den liturgischen Text. Seine Vertonung bleibt durchsichtig, wohlproportioniert und auf die geistliche Aussage bezogen. Das Sanctus und das Benedictus führen den festlichen Ton in eine stärker erhobene, andächtige Sphäre, während das Agnus Dei dem Werk trotz aller äußeren Feierlichkeit einen ernsten, innerlich gesammelten Abschluss verleiht. Gerade diese Verbindung von repräsentativem Glanz und echter Frömmigkeit gehört zu den auffälligsten Qualitäten der Messe.
Hinzu kommt der spezifisch Salzburger Sinngehalt des Werkes. Eine Messe zu Ehren des heiligen Rupert war in Salzburg weit mehr als ein allgemeines Heiligenfest. Rupert galt als geistlicher Ursprungspunkt des Landes, als Apostel Bayerns und Salzburgs und als Identifikationsfigur des erzbischöflichen Selbstverständnisses. In der Missa in honorem Sancti Ruperti wird daher nicht nur das Messordinarium vertont; das Werk fungiert zugleich als musikalischer Ausdruck kirchischer Erinnerung, territorialer Tradition und religiöser Selbstvergewisserung. In diesem Sinn ist die Messe auch ein Dokument barocker und nachbarocker Festkultur, in der Liturgie, Geschichte und Herrschaftsrepräsentation eng miteinander verbunden blieben.
Biographisch steht das Werk zudem an einer wichtigen Stelle in Michael Haydns Laufbahn. Gerade um diese Zeit hatte sich seine Stellung in Salzburg weiter gefestigt. Nach dem Weggang Wolfgang Amadé Mozarts (1756–1791) aus Salzburger Diensten (8. Juni 1781) übernahm Michael Haydn 1782 zusätzlich die Aufgabe des Hof- und Domorganisten. Die Jubiläumsmesse zeigt ihn somit als einen Komponisten, der den hohen repräsentativen Erwartungen des Erzstifts ebenso gerecht werden konnte wie den unter Erzbischof Hieronymus Graf Colloredo (1732–1812) verstärkt betonten Anforderungen an Klarheit, Disziplin und liturgische Zweckmäßigkeit in der Kirchenmusik.
So erweist sich die Missa in honorem Sancti Ruperti, MH 322, als ein Werk von mehrfacher Bedeutung. Sie ist einerseits eine festliche und klangschöne Messe von hohem liturgischem Rang, andererseits ein historisch aufgeladenes Gelegenheitswerk, das unmittelbar aus dem Salzburger Jubiläumsjahr 1782 hervorgegangen ist. Dass das gefeierte Jubiläum auf einer älteren, heute überholten Rupert-Chronologie beruhte, mindert ihren Wert keineswegs; vielmehr verleiht es der Komposition eine zusätzliche historische Tiefenschärfe. Michael Haydn hat hier nicht einfach eine weitere Festmesse geschrieben, sondern ein Werk geschaffen, in dem sakrale Würde, lokale Identität und geschichtliches Selbstbewusstsein auf bemerkenswert gelungene Weise zusammenfinden.
CD Vorschlag
Michael Haydn, Jubiläumsmesse, Missa in Honorem Sancti Ruperti, Domchor St. Martin, Domorchester St. Martin, Leitung Christian Dreo (* 1958), Live-Aufnahme vom 19. 9. 1999 im Martinsdom, Eisenstadt, Stereo Arts Classics, 2025:
https://www.youtube.com/watch?v=zkrz-spSlgs&list=OLAK5uy_mR30BUcgQJJZWuQUJrRujQMYETnT6Vfvc&index=1

Missa in honorem S. Dominici in C-Dur, MH 419
Haydns Missa in honorem S. Dominici in C-Dur, MH 419, gehört zu den festlich ausgestatteten Salzburger Messkompositionen seiner reifen Jahre. Das Werk ist auf 1786 datiert und für vier Solostimmen, vierstimmigen Chor, 2 Violinen, 2 Oboen, 2 Clarini beziehungsweise Trompeten, Pauken und Orgelbasso continuo geschrieben. Schon diese Besetzung weist die Messe deutlich als Werk gehobenen liturgischen Ranges aus. Carus zählt sie ausdrücklich zum Typus der missa solemnis und hebt hervor, dass ihr klanglicher Reiz nicht nur auf der repräsentativen Instrumentation beruht, sondern ebenso auf der lebendigen Anlage mit raschem Wechsel zwischen chorischen und solistischen Passagen.
Dominikus de Guzmán (1170–1221)
Formell handelt es sich um eine vollständige Ordinariumsmesse. Die Satzfolge lautet Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Benedictus, Agnus Dei. Gerade dieser Punkt ist wichtig, weil hier keine verkürzte Messform vorliegt, sondern eine regulär angelegte Festmesse mit vollständigem Ordinarium. RISM nennt bei MH 419 ausdrücklich auch das Credo; der frühere Eindruck, das Werk sei fünfsätzig und ohne Credo überliefert, war also falsch.
https://www.youtube.com/watch?v=51T6rx6obJ4
Das Kyrie eröffnet die Messe in einem Ton festlicher Würde und schafft sofort jenen hellen, repräsentativen C-Dur-Charakter, der durch Trompeten und Pauken zusätzlich gesteigert wird. Im Gloria gewinnt die Musik an Bewegung und öffentlicher Festfreude; hier dürfte besonders deutlich jener konzertierende Zug hervortreten, den Carus als charakteristisch hervorhebt. Das Credo bildet als zentraler Bekenntnissatz das dogmatische und liturgische Schwergewicht der Messe und verleiht dem Werk seine volle kirchliche Geschlossenheit. Im Sanctus verdichtet sich der Festcharakter zu sakraler Erhabenheit, während das Benedictus traditionsgemäß als abgesetzterer, oft gelockerter Abschnitt erscheint. Das Agnus Dei führt die Messe schließlich zu einem Abschluss, in dem Bitte, Sammlung und festlicher Glanz noch einmal miteinander verbunden werden. Diese Beschreibung der einzelnen Teile ist eine stilistische Einordnung aus Satzfolge, Besetzung und Michael Haydns allgemeiner Messsprache; sicher belegt ist vor allem die vollständige sechsteilige Anlage.
Der Haupttitel Missa in honorem S. Dominici bezeichnet die Komposition eindeutig als Messe zu Ehren des heiligen Dominikus de Guzmán (1170–1221), des Gründers des Predigerordens, also der Dominikaner. Damit ist der geistliche Bezug des Werkes klar benannt. Die Messe steht also nicht einfach namenlos in der Reihe der C-Dur-Festmessen, sondern ist ausdrücklich einem Heiligen zugeordnet, dessen Verehrung in der katholischen Tradition von großer Bedeutung ist.
Besonders interessant ist der Beititel „Messa della Benedicenza“ beziehungsweise „Messa delle Benedicenza“. Hier ist Vorsicht nötig, weil die Formulierung auf den ersten Blick leicht missverstanden werden kann. Das italienische Wort benedicenza bedeutet im älteren oder gehobenen Sprachgebrauch nicht einfach „Benediktion“ oder „Segnung“, sondern eher „Lob, Preisung, Enkomion“. Deshalb ist der Beiname am ehesten als etwas wie „Messe der Lobpreisung“ oder „Messe des Preisens“ zu verstehen, nicht im engeren Sinn als „Segensmesse“. Zugleich bleibt festzuhalten, dass dieser italienische Nebentitel in modernen Werkverzeichnissen und Editionen tatsächlich mitgeführt wird, seine ursprüngliche Entstehung und seine genaue historische Begründung in den leicht zugänglichen Quellen jedoch nicht klar erläutert werden. Man sollte den Beititel also lieber behutsam deuten, als ihn zu selbstsicher und zu konkret zu übersetzen.
Hinzu kommt, dass die Überlieferung des Beinamens nicht ganz einheitlich ist. Carus und der Notenhandel führen die Form „Messa delle Benedicenza“, RISM dagegen „Messa della Benedicenza“. Diese kleine, aber auffällige Schwankung ist mehr als eine bloße Nebensächlichkeit: Sie zeigt, dass man den italienischen Zusatz nicht mit übertriebener Sicherheit historisch ausdeuten sollte. Sicher ist, dass er zur Werküberlieferung gehört; unsicher bleibt, wie genau er ursprünglich gemeint war.
Musikalisch erscheint MH 419 damit als eine Messe, in der Michael Haydn festliche Klangpracht und klare liturgische Ordnung miteinander verbindet. Die helle Grundtonart C-Dur, die Beteiligung von Oboen, Trompeten und Pauken sowie die konzertierende Anlage verleihen dem Werk Strahlkraft und Würde. Zugleich scheint die Messe nicht auf bloße Monumentalität angelegt zu sein, sondern auf eine kontrollierte, bewegliche und wirkungsvolle Feierlichkeit. Gerade in dieser Verbindung von Glanz, Übersichtlichkeit und liturgischer Funktion liegt ihr besonderer Reiz. Dass Carus die Messe wegen ihrer Trompeten- und Paukenbesetzung ausdrücklich dem Typus der missa solemnis zurechnet, trifft ihren Charakter sehr gut.

Missa Hispanica (a due cori), MH 422
Michael Haydns Missa Hispanica (a due cori), MH 422 gehört zu jenen großdimensionierten Sakralwerken, in denen sich sein Rang als Kirchenkomponist besonders eindrucksvoll zeigt. Es handelt sich um eine feierliche Messe in C-Dur für vier Solostimmen, zwei Chöre und ein festlich erweitertes Orchester mit Oboen, Fagotten, Hörnern, Trompeten, Pauken, Streichern und Basso continuo. Schon diese Besetzung verrät, dass hier nicht liturgische Alltagsmusik, sondern ein Werk von ausgesprochen repräsentativem Zuschnitt vorliegt. Auch die Doppelchörigkeit ist keine bloße Klangvergrößerung, sondern ein tragendes Gestaltungsprinzip: Sie erlaubt Michael Haydn, zwischen monumentaler Fülle, dialogischer Auflockerung und konzertierender Steigerung zu wechseln.
Nach dem Werkverzeichnis von Charles H. Sherman und T. Donley Thomas wurde die Messe am 4. August 1786 in Salzburg vollendet; damit ist die ältere Auffassung, das Werk sei erst 1796 entstanden, überholt. Zugleich bleibt die Entstehungsgeschichte in einem Punkt nicht völlig restlos geklärt: Mehrere neuere Darstellungen nennen die Messe als Komposition für den spanischen Hof, teils ausdrücklich als Auftrag aus Spanien, während andere vorsichtiger nur sagen, sie sei „wohl für Spanien“ geschrieben worden. Sicher ist jedenfalls, dass der Titel Missa Hispanica auf einen spanischen Zusammenhang weist,
Nach eingehender Prüfung aller verfügbaren Quellen lässt sich heute mit hoher Sicherheit feststellen, dass die Bezeichnung Missa Hispanica dürfte kaum zufällig sein. Da Carlos Alejandro de Lelis im Wien der 1780er Jahre als Vermittler musikalischer Sendungen an die Herzogin-Gräfin María Josefa Pimentel, Condesa-Duquesa de Benavente y Osuna (1752–1834), tätig war und aus dem Jahr 1789 Briefe über eine Messe von Michael Haydn erhalten sind, spricht vieles dafür, dass er nicht nur Werke Joseph Haydns (1732–1809), sondern auch Kompositionen Michaels für spanische Auftraggeber weiterleitete. Vor dem Hintergrund des 1783 mit Joseph Haydn geschlossenen Liefervertrags gewinnt dieser Zusammenhang besonderes Gewicht. Auch wenn sich nicht jeder Schritt der Übermittlung archivalisch vollständig nachzeichnen lässt, ist die Annahme gut begründet, dass Michael Haydns Missa Hispanica als repräsentative Messe für Spanien, vermutlich für den höfischen Bereich, bestimmt war.
Die überlieferte Aufführungsgeschichte unterstreicht den besonderen Rang des Werkes. Eine gesicherte frühe Aufführung fand am 24. Juni 1792 im Stift Kremsmünster statt; eine weitere ist für 3. Juni 1796 in Salzburg belegt. Später gewann die Messe noch überregionalen Prestigewert: Als Michael Haydn 1804 in die Königliche Schwedische Musikakademie aufgenommen wurde, war dies mit dem Wunsch nach einer Abschrift eben dieser Missa hispanica verbunden, also ausdrücklich mit einem Werk, das als Muster seiner Kunst gelten konnte.
https://www.youtube.com/watch?v=otsxPVEAPjM
Musikalisch wirkt die Messe wie eine Synthese aus Salzburger Kirchenstil, spätbarocker Festlichkeit und klassischer Formklarheit. Die Satzfolge entspricht dem Ordinarium der Messe, doch innerhalb dieser Ordnung entfaltet Michael Haydn eine bemerkenswerte dramatische Spannweite: Das Kyrie beginnt breit und gewichtig, das Gloria und das Credo stehen in leuchtender Festlichkeit, während Abschnitte wie Qui tollis oder Et incarnatus est den Ton merklich zurücknehmen und den feierlichen Rahmen in kontemplative Innigkeit überführen. Das Sanctus besitzt vornehme Größe, das Benedictus bringt bewegtere Entlastung, und im Agnus Dei mit dem anschließenden Dona nobis pacem bündelt sich noch einmal die ganze Energie des Werkes zu einem machtvollen Abschluss. Die überlieferten Tempobezeichnungen und Tonarten zeigen deutlich, wie bewusst Haydn zwischen repräsentativer Pracht und verinnerlichter Andacht differenziert.
Gerade darin liegt die künstlerische Bedeutung dieser Messe. Michael Haydn sucht nicht den überwältigenden Effekt um seiner selbst willen, sondern verbindet festliche Großform mit liturgischer Disziplin. Die Doppelchörigkeit dient der Raumwirkung, der Klangpracht und der architektonischen Gliederung, doch niemals verliert das Werk den Charakter einer Messe. Es ist keine Oper im Kirchengewand, sondern geistliche Musik von hohem öffentlichem Anspruch. In ihrer Weite, ihrer klanglichen Repräsentation und ihrer kontrastreichen Anlage zählt die Missa Hispanica zu den ambitioniertesten Messkompositionen Michael Haydns und zu den Werken, die zeigen, weshalb sein Ruf weit über Salzburg hinausreichte.
Für eine kurze, gut verwendbare Charakterisierung kann man sagen: Die Missa Hispanica ist Michael Haydns große Festmesse für doppelten Chor, ein Werk von architektonischer Weite, klanglicher Pracht und bemerkenswerter geistlicher Geschlossenheit. Sie verbindet repräsentative Feierlichkeit mit echter liturgischer Würde und gehört zu den eindrucksvollsten Zeugnissen seiner reifen Kirchenmusik.
CD Vorschlag
Michael Haydn Collection, Vol. 3, Capella Savaria, Debrecen Kodály Choir, Leitung Pál Németh (* 1950), Brilliant Classics, 2019,Tracks 48 bis 58:
https://www.youtube.com/watch?v=HfWmNifLy3M&list=OLAK5uy_kRt4B_eRDYStf3xWlQzw0Pl-2VZiCseoM&index=48
Missa in honorem Sancti Gotthardi, MH 530
Haydns Missa in honorem Sancti Gotthardi, MH 530, gehört zu den bedeutenderen späten Messvertonungen des Salzburger Meisters. Das Werk wurde im Februar 1792 vollendet und ist unter dem Beinamen Missa Admontis überliefert. Es entstand für das Benediktinerstift Admont in der Steiermark und steht offenbar in Beziehung zu dessen Abt Gotthard Kuglmayr (1754–1825), der als Widmungsträger anzusehen ist; ein zeitgenössischer Katalogeintrag aus St. Peter in Salzburg bezeichnet die Messe ausdrücklich als „pro Monasterio Admontensi composita“. Einen sicheren Nachweis für einen ganz bestimmten Anlass gibt es allerdings nicht.
Schon die äußeren Daten zeigen, dass es sich nicht um eine kleine Gebrauchsmesse, sondern um ein repräsentatives Werk handelt. Die Messe ist für Soli SATB, Chor SATB, zwei Oboen, zwei Trompeten, Pauken, zwei Violinen und Orgel beziehungsweise Basso continuo gesetzt und dauert ungefähr vierzig Minuten. Aufgrund ihres Umfangs und ihrer festlichen Besetzung wird sie mit Recht als eine Art missa solemnis angesehen.
Das Besondere dieser Messe liegt nicht in gelehrter kontrapunktischer Kunstentfaltung, sondern in einer bemerkenswert klaren, textnahen und dabei sehr wirkungsvollen musikalischen Sprache. Der Herausgeber der Carus-Ausgabe hebt hervor, dass Fugen und fugierte Sätze hier ganz fehlen; selbst imitatorische Arbeit tritt fast völlig zurück. Haydn erreicht die Geschlossenheit des Werks vielmehr durch kantable Melodik, motivische Einheit und eine sorgfältige Balance zwischen feierlichen und lyrischen Partien. Gerade dadurch gewinnt die Messe einen unmittelbar sprechenden Charakter: Sie will den liturgischen Text nicht überformen, sondern ihn deutlich hörbar und innerlich nachvollziehbar machen.
Für eine Beschreibung des musikalischen Eindrucks ist das entscheidend. Die Missa Admontis wirkt ernst, gesammelt und zugleich warm. Feierlichkeit ist überall präsent, aber sie wird nicht durch überwältigenden Prunk erzeugt, sondern durch ein ruhiges, festes Maß, durch melodische Geschlossenheit und durch jene edle Einfachheit, die Michael Haydns Kirchenmusik so oft auszeichnet. Wo andere Komponisten der Zeit das Ordinarium gern mit kontrapunktischem Glanz krönen, sucht Haydn hier eher die Verinnerlichung. Das macht die Messe nicht ärmer, sondern im Gegenteil geistlich konzentrierter.
Besonders aufschlussreich sind einige formale Einzelzüge. Auffällig sind die erweiterten Schlusspartien von Gloria und Credo sowie das ungewöhnlich groß angelegte Dona nobis pacem, das mit 213 Takten für Michael Haydns Verhältnisse besonders weit ausgreift und rondoartig zwischen Solobass und Chor wechselt. Auch das Kyrie ist ungewöhnlich disponiert: Auf ein einleitendes Largo folgen zwanzig Takte Adagio im Dreivierteltakt, ehe der Satz in ein Allegro einmündet. Diese dreistufige Anlage ist in Haydns Messschaffen eine Ausnahme und verleiht dem Beginn des Werkes eine eigene, nachdenklich sich entfaltende Dramaturgie.
Von besonderem Ausdruck ist nach Auskunft der Edition das Crucifixus, an dem sich Haydns Sinn für musikalische Deutung des liturgischen Textes exemplarisch zeigt. Auch im Agnus Dei arbeitet er mit feinen klanglichen Mitteln: Die Violinen spielen hier con sordino, also mit Dämpfer, wodurch der Klang verdunkelt und nach innen genommen wird. Diese klangliche Zurücknahme verleiht dem Satz eine stille, beinahe intime Eindringlichkeit und zeigt, wie sehr Haydn die affektive Seite des Sakralstils gegen Ende des 18. Jahrhunderts verinnerlicht hatte.
https://www.youtube.com/watch?v=i5fN3FPSyMM
So erscheint die Missa in honorem Sancti Gotthardi als ein Werk reifer Meisterschaft. Sie verbindet festliche Anlage mit disziplinierter Form, liturgische Zweckbestimmung mit künstlerischem Rang und feierliche Würde mit empfindsamer Ausdruckskraft. Gerade weil Michael Haydn hier auf gelehrten Aufwand weitgehend verzichtet, gewinnt die Musik eine seltene Unmittelbarkeit. Die Missa Admontis ist deshalb nicht nur ein schönes Beispiel seiner späten Kirchenmusik, sondern auch ein eindrucksvolles Zeugnis dafür, wie geistliche Klarheit, melodische Noblesse und liturgische Verständlichkeit im ausgehenden 18. Jahrhundert zu einer überzeugenden Einheit finden konnten.
CD Vorschlag
Michael Haydn, Missa in hon. s. Gotthardi, Alleluia!, Anima Nostra, Effuderunt Sanguinem, Zurich Boys Choir, Munich Chamber Orchestra, Leitung Christoph Poppen (* 1956), Tudor, 1998, Tracks 2 bis 7:
https://www.youtube.com/watch?v=38acb7FiCl4&list=OLAK5uy_mUS01XpUWiTLn9wRAR14hRfniJRaedZ8E&index=2
Missa in honorem Sanctae Ursulae, MH 546
Michael Haydns Missa in honorem Sanctae Ursulae, MH 546, gewöhnlich „Chiemseemesse“ genannt, gehört zu den bedeutendsten geistlichen Werken seines späten Schaffens. Nach dem Autograph wurde die Messe am 5. August 1793 vollendet. Innerhalb von Haydns Messkompositionen nimmt sie eine herausgehobene Stellung ein; in der editorischen und aufführungspraktischen Literatur ist sie sogar als die wohl „mozartischste“ seiner Messen bezeichnet worden. Damit ist nicht gemeint, Michael Haydn ahme Mozart nach, sondern dass hier melodische Geschmeidigkeit, formale Klarheit, Einheit des motivischen Materials und ein besonders ausgewogenes Verhältnis von festlichen und verinnerlichten Partien in ungewöhnlicher Dichte zusammentreffen.
Gattungsmäßig gehört das Werk in den Bereich der Missa solemnis, also der feierlich erweiterten, repräsentativen Messvertonung. Die Besetzung entspricht diesem Anspruch: vorgesehen sind vier Solostimmen (SATB), vierstimmiger gemischter Chor, zwei Violinen, zwei Clarintrompeten in C, Pauken und Basso continuo. Im Kern steht damit das sogenannte Salzburger Kirchtrio, das hier um festliches Blech erweitert wird. Charakteristisch ist gerade diese Verbindung von liturgisch bewährter, klar umrissener Salzburger Kirchenbesetzung und gesteigertem Festcharakter. Die Messe stützt sich nicht auf ein großes, farbig differenziertes Orchester, sondern auf eine konzentrierte, funktionale und klanglich wirksame Anlage, deren Wirkung weniger in sinfonischer Masse als in Helligkeit, Prägnanz und kultischer Feierlichkeit liegt.
Der Beiname „Chiemseemesse“ erklärt sich nicht aus einer musikalischen Besonderheit, sondern aus dem historischen Hintergrund des Werkes. Der äußere Anlass war die feierliche Profess der damals 21-jährigen Ursula Oswald (1772–1844) am 19. August 1793 in der Benediktinerinnenabtei Frauenwörth auf der Fraueninsel im Chiemsee. Ursula Oswald war die Tochter des mit Michael Haydn befreundeten Fischermeisters und Seerichters Joannes Bernardus Oswald (1741–1801) aus Feldwies am Chiemsee. Sie galt als musikalisch außerordentlich begabt, war eine Schülerin Michael Haydns und wurde als hervorragende Sängerin und Violinistin geschätzt.
Nach ihrem Eintritt in das Kloster (März 1793) nahm sie den Ordensnamen Maria Sebastiana an. In diesem Zusammenhang ist auch die Widmung der Messe an die heilige Ursula zu verstehen. Formal ist das Werk der Heiligen gewidmet; tatsächlich spricht jedoch vieles dafür, dass diese Widmung zugleich ganz konkret auf Ursula Oswald selbst bezogen war. Der volkstümliche Nebentitel „Chiemseemesse“ meint somit die mit Frauenchiemsee verbundene Messe und verweist auf Ort und Anlass ihrer Entstehung, nicht auf eine eigene Untergattung der Messkomposition.
Die Quellenlage ist in einzelnen Details nicht völlig eindeutig, der Kern der Überlieferung ist jedoch klar genug, um ihn ohne übertriebene Vorsicht zu benennen. Dass Ursula Oswald 1793 im Kloster ihre Profess ablegte (19. August 1793) und dabei den Namen Maria Sebastiana annahm, gilt als gesichert; ebenso ist der Zusammenhang der Messe mit Frauenwörth und mit dieser jungen Chorfrau mehr als wahrscheinlich.
Weniger eindeutig ist die Frage nach der ersten Aufführung. Liturgisch liegt eine Aufführung am Fest der heiligen Ursula (21. Oktober) nahe; ebenso plausibel ist aber, dass das Werk im Zusammenhang mit der Profess selbst erklang. Wahrscheinlich ist daher, dass die Messe entweder für den Professgottesdienst oder für den Namenstag beziehungsweise das Fest der heiligen Ursula bestimmt war. Diese Unsicherheit ändert nichts am sachlichen Gehalt des Beinamen und auch nichts an der engen Bindung des Werkes an Frauenwörth und Ursula Oswald.
Von besonderem Interesse ist, dass dieser konkrete Zusammenhang zwischen Werk und Person erst relativ spät wieder klar erkannt wurde. Der Bezug der Messe auf Ursula Oswald und auf Frauenwörth wurde erst rund 180 Jahre nach der Entstehung wiederentdeckt. Entscheidend war dabei eine Partiturabschrift mit einem handschriftlichen Vermerk, der den Anlass des Werkes näher bezeichnete. Damit trat deutlicher hervor, dass die Missa in honorem Sanctae Ursulae nicht nur eine allgemein festliche Kirchenkomposition ist, sondern eine konkrete biographische und klostergeschichtliche Verankerung besitzt.
Musikalisch ist die Messe deshalb so hoch einzuschätzen, weil sie Festlichkeit und kompositorische Disziplin in bemerkenswerter Weise verbindet. Was in weniger geglückten spätklassischen Kirchenwerken leicht in bloße Repräsentation umschlagen kann, erscheint hier gebunden, geordnet und innerlich getragen. Die Einheit des motivischen Materials, die sangliche Melodik und das Gleichgewicht von feierlichen und ruhigeren Abschnitten verleihen dem Werk jene Geschlossenheit, die immer wieder hervorgehoben worden ist. Die Messe wirkt nicht wie eine bloße Aneinanderreihung liturgischer Nummern, sondern wie ein aus einer übergeordneten kompositorischen Vorstellung entwickeltes Ganzes.
Auch in der Behandlung der einzelnen Ordinariumsteile zeigt sich diese Geschlossenheit deutlich. Das Kyrie beginnt mit einem einfachen Dreiklangsmotiv, das durch Trompeten und den raschen kräftigen Choreinsatz festlich gesteigert wird. Das Gloria entfaltet von Anfang an repräsentativen Glanz; besonders bemerkenswert ist, dass die traditionelle Cum-Sancto-Spirito-Fuge organisch aus dem Vorhergehenden hervorgeht und nicht wie ein nachträglich angesetzter Kontrast wirkt. Das Credo bildet mit seiner größeren Ausdehnung das Zentrum der Messe. Sein Beginn ist traditionsgebunden und erinnert in seiner thematischen Haltung an ältere kirchenmusikalische Modelle; zugleich gelingt auch hier die Verbindung der einzelnen Abschnitte in besonders überzeugender Weise. Das Sanctus gehört trotz der Mitwirkung von Trompeten und Pauken eher zum Typus der ruhigeren Sanctus-Sätze und wahrt einen würdigen, gesammelten Charakter. Das Benedictus steht in der Linie jener melodisch geprägten Vertonungen dieses Messteils, in denen weniger äußerer Effekt als klangliche Schönheit und innere Bewegung im Vordergrund stehen; der schreitende Gestus des „qui venit“ ist dabei deutlich spürbar. Das Agnus Dei nimmt sich mehr Zeit zur Entfaltung, bereits in der instrumentalen Einleitung mit ihren markanten, pochenden Pauken- und Trompetenakkorden. Das anschließende Dona nobis pacem führt die Messe nicht in asketischer Verinnerlichung, sondern in heller, freudiger und optimistischer Grundhaltung zu einem glänzenden Abschluss.
https://www.youtube.com/watch?v=2V5X1ydJLTU
Gerade in einer so konzentrierten Besetzung kommt es auf die Qualität der melodischen Erfindung, der Stimmführung und der Proportionen an. Michael Haydn erweist sich hier als ein Komponist, der die Mittel der festlichen Kirchenmusik vollkommen beherrscht. Feierlichkeit entsteht bei ihm nicht durch bloße Klangfülle, sondern durch Klarheit des Satzes, sichere formale Disposition und ein liturgisch angemessenes Gespür für Gewicht und Maß. Die Solostimmen dienen nicht vorrangig virtuoser Selbstdarstellung, sondern sind in das klangliche Ganze eingebunden; Chor, Streicher, Trompeten, Pauken und Continuo wirken nicht als voneinander abgesetzte Blöcke, sondern als Teile einer einheitlichen architektonischen Anlage.
Innerhalb von Haydns Gesamtwerk zeigt die Missa in honorem Sanctae Ursulae den Komponisten auf der Höhe seiner geistlichen Kunst. Hier schreibt kein experimentierender Neuerer, sondern ein Meister des liturgischen Stils, der mit begrenzten, aber wirkungsvollen Mitteln Größe erreicht. Die Chiemseemesse ist deshalb nicht nur wegen ihrer Entstehungsgeschichte interessant, sondern vor allem wegen ihrer kompositorischen Qualität. Sie steht für jene Verbindung aus kirchlicher Würde, melodischer Natürlichkeit, formaler Geschlossenheit und festlicher Konzentration, die Michael Haydns beste Sakralmusik auszeichnet.
CD Vorschlag
Michael Haydn, Requiem in C Minor and Chiemsee-Messe, Choir of The King's Consort, The King's Consort , Leitung Robert King (* 1960), Hyperion Records Limited, 2005, Tracks 10 bis 18:
https://www.youtube.com/watch?v=21HvO0kuc_E&list=OLAK5uy_k1jDTqBXiFyRkQ7EERl2JOcDLmbOJDUtc&index=10
Missa pro Quadragesima in F-Dur, MH 551
Die Missa pro Quadragesima, vollendet am 15. Februar 1794, gehört zu jener kleinen Gruppe von Fastenmessen, die Michael Haydn in kurzer Folge im Frühjahr 1794 schrieb. Im Werkverzeichnis steht sie als MH 551; sie ist in F-Dur gesetzt, für SATB und Basso continuo bestimmt und mit einer Aufführungsdauer von ungefähr zehn Minuten auffallend knapp gehalten. Als Textgrundlage dient das lateinische Ordinarium der Messe ohne Gloria, weshalb das Werk nicht nur für die Fastenzeit, sondern liturgisch auch für den Advent verwendbar ist.
Schon der Titel sagt viel über Wesen und Funktion dieser Komposition. Missa pro Quadragesima bedeutet wörtlich „Messe für die Fastenzeit“. Damit ist nicht eine repräsentative Festmesse gemeint, sondern ein Werk, das sich bewusst den Bedingungen einer liturgisch geprägten Bußzeit unterordnet. Genau darin liegt der besondere Charakter dieser Musik: Sie sucht nicht den äußeren Glanz, nicht die festliche Pracht, nicht die demonstrative Klangfülle, sondern eine Form von sakraler Konzentration, die aus Vereinfachung Würde gewinnt.
Die Messe gehört zu Michael Haydns späten Salzburger Kirchenwerken und steht im Zusammenhang mit jener Entwicklung, in der er sich verstärkt einfacheren, unmittelbar brauchbaren liturgischen Formen zuwandte. Charles H. Sherman hebt im Vorwort der Carus-Ausgabe hervor, dass die drei Quadragesima-Messen MH 551–553 zwischen dem 15. Februar und 31. März 1794 entstanden und zum allgemeinen Gebrauch während der Fastenzeit bestimmt gewesen zu sein scheinen, also nicht notwendig an einen einzelnen konkreten Anlass gebunden waren. Diese Entstehungssituation erklärt viel: Die Musik ist nicht zufällig knapp, sondern bewusst funktional, zweckgerichtet und auf kirchliche Praxis zugeschnitten.
Gerade deshalb sollte man die Missa pro Quadragesima nicht nach dem Maßstab der großen feierlichen Orchestermessen beurteilen. Ihr künstlerischer Anspruch liegt anderswo. Michael Haydn zeigt hier, wie sich mit sehr begrenzten Mitteln eine geschlossene, ernste und liturgisch stimmige Form schaffen lässt. Die Kürze des Werkes wirkt nicht dürftig, sondern diszipliniert; sie ist Ausdruck einer kompositorischen Haltung, die weiß, was sie sagen will, und auf alles Überflüssige verzichtet. Man spürt in dieser Messe eine stille Nüchternheit, aber keine Trockenheit. Die Musik bleibt gesanglich, klar proportioniert und kirchlich gesammelt; sie vermeidet das Dramatische ebenso wie das Sentimentale. Gerade dadurch gewinnt sie ein eigenes, unaufdringliches Profil.
Die Tonart F-Dur trägt zu diesem Eindruck wesentlich bei. Sie verleiht dem Werk keine strenge Herbheit, sondern eher eine milde, ausgeglichene Grundfarbe. Das ist besonders reizvoll, weil die Fastenzeit hier nicht als dunkle Last, sondern als Zeit innerer Sammlung erscheint. Michael Haydn verbindet also asketische Form mit einer gewissen Helligkeit des Tons. Das Ergebnis ist eine Musik, die ernst bleibt, ohne schwer zu werden, und schlicht ist, ohne ärmlich zu wirken. Die geistliche Haltung dieser Messe besteht weniger in klanglicher Buße als in Zurücknahme, Ordnung und Konzentration.
Auch die Besetzung ist bezeichnend. SATB mit Basso continuo bedeutet: kein auftrumpfendes Instrumentarium, keine demonstrative Prachtentfaltung, sondern ein Satz, der dem Chor die Hauptlast des Ausdrucks überlässt. Dadurch tritt das Wort deutlicher hervor, und die Messe bewahrt den Charakter einer Musik, die dem Gottesdienst dient, nicht dem Konzert. Gerade in solcher Reduktion zeigt sich Michael Haydns Meisterschaft als Kirchenkomponist. Er braucht keine großen Mittel, um liturgische Angemessenheit, musikalische Geschlossenheit und innere Würde zu erreichen.
So ist MH 551 eine kleine, aber sehr charakteristische Komposition: keine spektakuläre Messe, sondern ein Werk von stiller Autorität. Ihre Schönheit liegt in der Konzentration, ihre Qualität in der Ökonomie, ihr Rang in der Fähigkeit, aus Einfachheit Form zu machen. Wer Michael Haydn nur aus festlicheren Kirchenwerken kennt, begegnet hier einer anderen Seite seines Schaffens: dem erfahrenen Salzburger Kirchenmusiker, der die liturgische Funktion genau kennt und gerade im Verzicht eine eigene Ausdruckskraft findet.
CD Vorschlag
Michael Haydn Collection, Vol. 2, Orfeo Orchestra, Purcell Choir, Leitung György Vashegyi (* 1970), Brilliant Classics, 2019, Tracks 93 bis 98:
https://www.youtube.com/watch?v=Qm5NJ-rachs&list=OLAK5uy_kk8oaKlMpEBwL1gyJZCTb1U4PukJEiHVo&index=93
Missa Quadragesimalis, MH 552
Die Missa Quadragesimalis, abgeschlossen am 6. März 1794, ist innerhalb von Michael Haydns Fastenmusiken ein besonders interessantes Werk, weil sie zwar als Komposition der Salzburger Spätzeit erscheint, in Wahrheit aber auf älteres Material zurückgeht. Nach den editorischen Angaben von Charles H. Sherman handelt es sich nicht um eine völlig neue Messe, sondern um eine überarbeitete Wiederverwendung der Missa Dolorum Beatissimae Virginis Mariae, die Haydn bereits 1762 in Großwardein komponiert hatte. Gerade dadurch besitzt MH 552 einen etwas anderen Hintergrund als die benachbarten Fastenmessen: Sie ist einerseits Kind der liturgischen Praxis der 1790er Jahre, andererseits trägt sie eine tiefere biographische und kompositorische Vergangenheit in sich.
Der Titel Missa Quadragesimalis lässt sich am besten mit „Fastenmesse“ wiedergeben. Das Adjektiv quadragesimalis leitet sich von Quadragesima ab, also von der vierzigtägigen Fastenzeit vor Ostern. Anders als die Formulierung Missa pro Quadragesima, die stärker den Zweck betont, bezeichnet Missa Quadragesimalis die Messe gewissermaßen ihrem Charakter nach: eine Messe, die zur Fastenzeit gehört, ihr liturgisch zugeordnet ist und in ihrem Zuschnitt dem Ernst dieser Zeit entspricht. Der Titel verweist also nicht auf ein individuelles Programm, sondern auf den kirchlichen Gebrauchskontext und auf eine kompositorische Haltung der Zurücknahme, Sammlung und Schlichtheit. Dass die Messe ohne Gloria eingerichtet ist und daher auch im Advent verwendbar bleibt, bestätigt genau diesen funktionalen, liturgisch gebundenen Charakter.
Musikalisch gehört das Werk in jene Phase, in der Michael Haydn auf die Salzburger Reformtendenzen der 1790er Jahre mit einer bewusst vereinfachten Kirchenmusik reagierte. Die Carus-Ausgabe hebt ausdrücklich hervor, dass die Messe mit ökonomischen Mitteln arbeitet und einen überwiegend homophonen Stil zeigt. Damit entspricht sie jenen Anforderungen, die in der erneuerten Liturgie weniger auf Pracht als auf Klarheit, Verständlichkeit und Gebrauchstauglichkeit zielten. Gerade das macht den Reiz dieser Musik aus: Sie ist nicht karg, aber diszipliniert; nicht festlich im äußeren Sinn, wohl aber von innerer Würde getragen. Die Form ist knapp, der Ausdruck gesammelt, und alles Überflüssige scheint bewusst abgestreift.
Besonders aufschlussreich ist, dass MH 552 von den drei Fastenmessen MH 551–553 am wenigsten vom gregorianischen Choral abhängig ist. Sherman bemerkt, dass nur das kurze „Et incarnatus est“ ausdrücklich einen gregorianischen Gedanken zitiert. Daraus ergibt sich ein eigenes Profil: Diese Messe wirkt weniger wie eine direkte choralgebundene Liturgiekomposition als vielmehr wie eine stilistisch geglättete, konzentrierte Spätfassung älteren Materials, das Michael Haydn den späteren liturgischen Bedürfnissen angepasst hat. Gerade diese Mischung aus Herkunft und Umarbeitung verleiht dem Werk eine stille Eigenart. Es ist Fastenmusik, aber nicht in asketischer Dürftigkeit; vielmehr eine Musik, die aus der Vergangenheit schöpft und sich zugleich dem nüchternen Salzburger Kirchenideal der Spätzeit unterordnet.
https://www.youtube.com/watch?v=BHkK4Njt37Q
In der überlieferten und heute greifbaren Gestalt ist die Missa Quadragesimalis für SATB bestimmt; Carus führt sie als Werk von etwa 17 Minuten Dauer. Auch in dieser Hinsicht zeigt sich, dass Michael Haydn keine monumentale Messe anstrebte, sondern ein liturgisch brauchbares, überschaubares und klar gebautes Werk. Seine Qualität liegt nicht in dramatischer Gegensätzlichkeit oder in orchestraler Entfaltung, sondern in der Fähigkeit, mit wenigen Mitteln ein geschlossenes geistliches Klima zu schaffen. Die Messe spricht nicht laut, aber sie spricht eindringlich. Sie gehört zu jener Art von Kirchenmusik, deren Stärke in Sammlung, Proportion und geistlicher Selbstbeschränkung liegt.
So erscheint MH 552 als eine sehr charakteristische Komposition des späten Michael Haydn: historisch gesehen eine Rückwendung auf ein älteres Werk, liturgisch gesehen eine Fastenmesse im Dienst reformierter Salzburger Kirchenpraxis, musikalisch gesehen ein Stück von schlichter, ernsthafter und unaufdringlicher Schönheit. Wer den Titel Missa Quadragesimalis richtig versteht, versteht auch das Werk selbst: nicht als große repräsentative Messe, sondern als eine bewusst in den Raum der Fastenzeit gestellte Musik, deren Würde aus Maß, Beschränkung und innerer Konzentration erwächst.
CD Vorschlag
Michael Haydn Collection, Vol. 2, Orfeo Orchestra, Purcell Choir, Leitung György Vashegyi (* 1970), Brilliant Classics, 2019, Tracks 99 bis 106:
https://www.youtube.com/watch?v=GmDfzaAbSI0&list=OLAK5uy_kk8oaKlMpEBwL1gyJZCTb1U4PukJEiHVo&index=99
Missa tempore Quadragesimae in d-Moll, MH 553
Die Missa tempore Quadragesimae, vollendet am 31. März 1794, ist die letzte der drei eng benachbarten Fastenmessen Michael Haydns aus dem Frühjahr 1794. Im Werkverzeichnis trägt sie die Nummer MH 553; sie ist in d-Moll gesetzt, für SATB. Der Titel lautet in der autographen Überlieferung „Missa, tempore Quadragesimae“, also wörtlich: „Messe für die Zeit der Fasten“ oder freier: „Messe für die Fastenzeit“.
Gerade dieser Titel ist aufschlussreich. Anders als Missa pro Quadragesima, das stärker die Bestimmung „für die Fastenzeit“ hervorhebt, bezeichnet Missa tempore Quadragesimae die Messe noch unmittelbarer nach ihrem liturgischen Zeitraum. Gemeint ist also keine individuelle Programmmusik und auch keine besondere Andachtsform, sondern eine liturgisch gebundene Ordinariumsmesse, die ausdrücklich in den Rahmen der vorösterlichen Bußzeit gehört. Da das Werk ohne Gloria eingerichtet ist, kann es liturgisch auch im Advent verwendet werden; deshalb begegnet in einzelnen Katalogen auch die erweiterte Bezeichnung Missa tempore Adventus et Quadragesimae.
Musikalisch ist diese Messe ein besonders charakteristisches Zeugnis von Haydns später Salzburger Kirchenmusik. Die Carus-Angaben betonen, dass das Werk mit einer auffallenden Sparsamkeit der Mittel und in einem im Wesentlichen homophonen Stil geschrieben ist und damit sehr deutlich den Anforderungen der liturgischen Reformbestrebungen im Salzburg der 1790er Jahre entspricht. Das bedeutet: keine ausgreifende Festlichkeit, keine repräsentative Klangpracht, sondern knappe, zweckgerichtete, verständliche und gottesdienstlich brauchbare Musik. Gerade in dieser Zurücknahme liegt ihre Eigenart. Die Messe will nicht imponieren, sondern dienen; ihr Ernst ist nicht dramatisch, sondern gesammelt.
https://www.youtube.com/watch?v=J3PvValUm3Q
Besonders interessant ist, dass Michael Haydn hier trotz aller Schlichtheit nicht einfach auf bloße Routine zurückfällt. Nach den editorischen Hinweisen enthält die Messe zwar nur ein einziges ausdrückliches gregorianisches Zitat, nämlich im „Et incarnatus est“, doch gerade dieses Detail zeigt, dass Haydn die alte kirchliche Tradition nicht preisgibt, sondern in sehr konzentrierter Form in die neue, vereinfachte Liturgiemusik einarbeitet. Das Werk steht damit zwischen Tradition und Reform: choralnahe Andeutung auf der einen, funktionale Kürze und stilistische Disziplin auf der anderen Seite.
Auf der Aufnahme mit Purcell Choir, Orfeo Orchestra und György Vashegyi dauert die Messe rund 11 Minuten 48 Sekunden und gliedert sich in die Abschnitte Kyrie, Credo, Et incarnatus, Et resurrexit, Sanctus, Benedictus, Agnus Dei. Diese knappe Anlage macht sofort hörbar, dass wir es hier mit einer echten Missa brevis zu tun haben: einer Messe, die sich ganz dem liturgischen Gebrauch unterordnet, ohne deshalb geistlich belanglos zu werden. Die Kürze wirkt nicht wie ein Mangel, sondern wie eine bewusste Form der Konzentration.
Die Tonart d-Moll gibt dem Werk einen ernsteren Grundton als der hellere Klangraum von MH 551. Doch auch hier sollte man nicht an romantische Schwermut denken. Haydns d-Moll wirkt vielmehr liturgisch gesammelt, nüchtern und würdevoll. Die Musik bleibt klar und kontrolliert; sie sucht nicht das expressive Pathos, sondern eine gewisse innere Strenge. Gerade dadurch gewinnt sie ein Profil, das zur Fastenzeit besonders gut passt: nicht Trauer als Affekt, sondern Sammlung als Haltung. In dieser Hinsicht ist MH 553 vielleicht die konsequenteste der drei Fastenmessen. Diese letzte Wertung ist eine stilistische Schlussfolgerung aus den beschriebenen Werkmerkmalen.
So erscheint die Missa tempore Quadragesimae, MH 553, als ein Werk von stiller Autorität. Sie gehört nicht zu jenen Messen Michael Haydns, die mit festlicher Pracht beeindrucken wollen, sondern zu denjenigen, deren Rang sich aus Maß, Disziplin und liturgischer Wahrheit ergibt. Ihre Schönheit liegt in der Konzentration, ihre Wirkung in der Schlichtheit, ihre künstlerische Qualität in der Fähigkeit, mit sehr wenigen Mitteln einen Raum geistlicher Ernsthaftigkeit zu schaffen. Gerade deshalb ist sie mehr als bloße Gebrauchsmusik: Sie ist ein Beispiel dafür, wie Michael Haydn selbst unter den Bedingungen kirchlicher Einschränkung Musik von echtem Format schreiben konnte.
CD Vorschlag
Michael Haydn Collection, Vol. 2, Orfeo Orchestra, Purcell Choir, Leitung György Vashegyi (* 1970), Brilliant Classics, 2019, Tracks 86 bis 92:
https://www.youtube.com/watch?v=1mi9v5Ol93w&list=OLAK5uy_kk8oaKlMpEBwL1gyJZCTb1U4PukJEiHVo&index=86
Missa sub titulo Sanctae Theresiae, MH 796 / MH 797
Die Missa sub titulo Sanctae Theresiae von Michael Haydn gehört zu den gewichtigsten späten Messkompositionen des Salzburger Meisters. In der Werküberlieferung erscheint sie unter den beiden Nummern MH 796 und MH 797, was leicht den falschen Eindruck erwecken kann, es handle sich um zwei verschiedene Messen. Tatsächlich ist das nicht der Fall. Gemeint ist vielmehr ein einziges Werk, dessen Katalog- und Quellenlage nicht völlig einheitlich ist. Die moderne Carus-Ausgabe führt die vollständige Messe als MH 797; zugleich ist dokumentiert, dass im Zusammenhang mit diesem Werk auch die Zählung MH 796 begegnet, während sich diese Nummer in der Überlieferung insbesondere mit einer Fassung beziehungsweise Teilgestalt ohne die spätere Gloria-Fuge verbindet. Gerade deshalb ist die Doppelform MH 796/797 für ein sorgfältiges Werkverzeichnis kein Fehler, sondern eine sachlich begründete Lösung.
Die Messe wurde in Salzburg komponiert und am 3. August 1801 vollendet. Sie entstand als hochrangiges Auftragswerk für Kaiserin Marie Theresia von Neapel-Sizilien (1772–1807; römisch-deutsche Kaiserin 1792–1806, Kaiserin von Österreich 1804–1807), die Gemahlin Kaiser Franz’ II./I. (1768–1835; letzter römisch-deutscher Kaiser 1792–1806, erster Kaiser von Österreich 1804–1835). Schon dieser Entstehungsanlass hebt das Werk weit über den Bereich einer gewöhnlichen liturgischen Gebrauchskomposition hinaus. Es handelt sich nicht um eine Messe für den routinemäßigen Gottesdienstvollzug, sondern um ein Werk von deutlich repräsentativem Charakter, das aus dem engsten Umfeld des Wiener Kaiserhofs hervorging und den festlichen Anspruch dieses höfischen Zusammenhangs auch musikalisch spürbar macht. Die Kaiserin selbst war zudem eine bedeutende Förderin des Musiklebens am Wiener Hof, was dem Auftrag zusätzliches kulturgeschichtliches Gewicht verleiht.
Auch die Besetzung zeigt unmissverständlich, in welchem Rangbereich sich diese Komposition bewegt. Vorgesehen sind Soli SATB, vierstimmiger Chor, zwei Oboen, zwei Clarini beziehungsweise Trompeten, Pauken, Streicher und Basso continuo; die Messe steht in D-Dur und dauert ungefähr vierzig Minuten. Schon diese äußeren Daten sprechen für eine groß dimensionierte, festlich angelegte Ordinariumsvertonung. Die Verbindung von D-Dur, Trompeten und Pauken verleiht der Musik jenen hellen, glanzvollen und zugleich zeremoniellen Klang, der im späten 18. Jahrhundert geradezu als Signatur des Feierlichen gelten konnte. Hier wird der höfische Rang des Anlasses nicht nur genannt, sondern im Klangbild selbst eingelöst.
Gerade darin liegt eine der besonderen Qualitäten dieser Messe. Sie ist festlich, ohne laut zu werden, groß angelegt, ohne in leeren Pomp abzugleiten, und repräsentativ, ohne je den liturgischen Ernst preiszugeben. Michael Haydn entfaltet den Glanz des Werkes nicht durch opernhafte Theatralik oder demonstrative Effekte, sondern durch klare Form, sichere Proportionierung und eine souveräne Beherrschung des kirchenmusikalischen Satzes. Chor, Soli und Orchester sind so aufeinander bezogen, dass sich ein Eindruck von Würde, Geschlossenheit und innerer Ruhe ergibt. Gerade diese Verbindung von äußerer Feierlichkeit und innerer Disziplin macht die Messe zu einer reifen Leistung des Komponisten. Die biographische und editorische Werkbeschreibung der Carus-Ausgabe stützt diese Einordnung, auch wenn die genauere ästhetische Wertung natürlich eine musikhistorische Deutung bleibt.
https://www.youtube.com/watch?v=b4JgI0L3HBc
Zugleich gehört die Missa sub titulo Sanctae Theresiae zu jenen Werken, an denen Michael Haydns Rang als Kirchenkomponist besonders deutlich wird. Die Musik vertraut nicht auf Sensation oder Originalität um ihrer selbst willen, sondern auf Stimmführung, Klangbalance, Übersicht, Festigkeit des Chorsatzes und liturgisch angemessene Größe. Eben deshalb besitzt sie jene stille Autorität, die vielen seiner besten geistlichen Werke eigen ist. Sie will nicht überwältigen, sondern überzeugen; nicht überraschen, sondern tragen. In dieser Haltung zeigt sich ein Komponist, der die Formen der Kirchenmusik nicht nur beherrscht, sondern innerlich durchdrungen hat. Dass Michael Haydn von späteren Herausgebern und Kommentatoren ausdrücklich als ein Meister von hohem Rang innerhalb der österreichischen Kirchenmusik beschrieben wird, passt daher sehr genau zu dem Eindruck, den diese Messe hinterlässt.
Von besonderem Interesse ist außerdem die editorische Situation des Werkes. Die maßgebliche Carus-Ausgabe nennt Charles H. Sherman (1924–1999) als Herausgeber und weist ausdrücklich darauf hin, dass neben dem Notentext auch Faksimiles sowie die Erstfassung der Fuge „In gloria Dei Patris“ berücksichtigt sind. Das ist keineswegs nur ein nebensächliches Editionsdetail. Vielmehr wird dadurch sichtbar, dass die Werkgestalt und ihre Überlieferung differenzierter sind, als eine einzige Katalognummer vermuten ließe. Gerade dieser Befund erklärt, warum die Doppelangabe MH 796/797 nicht als Unschärfe, sondern als Ausdruck editorischer Sorgfalt verstanden werden sollte.
So erscheint die Missa sub titulo Sanctae Theresiae insgesamt als eine groß dimensionierte, festlich strahlende und zugleich kirchlich gefasste Spätmesse Michael Haydns. Sie verbindet höfische Repräsentation mit sakraler Würde, klanglichen Glanz mit innerer Ruhe und repräsentative Weite mit liturgischer Geschlossenheit. Ihre Bedeutung liegt nicht nur in ihrer schönen Faktur oder in ihrem prominenten Entstehungsanlass, sondern in der überzeugenden Weise, wie hier ein Werk von hohem höfischem Rang und echter kirchenmusikalischer Substanz zusammenfindet. Eben darum darf sie mit gutem Recht als eines der bedeutendsten späten geistlichen Werke Michael Haydns gelten.
CD Vorschlag
Michael Haydn, Missa Sancta Theresiae, Te Deum, Jeunesses Musicales Chorus, Erdődy Chamber Orchestra, Leitung Domonkos Héja (* 1974), HUNGAROTON, 1999, Tracks 1 bis 8 + 10 bis 12:
https://www.youtube.com/watch?v=IfLxW8AaVe0&list=OLAK5uy_mn0Q5j05sxH6ItR4HHIHCNqJQ2GZeQd38&index=1
Missa sub titulo Sancti Francisci Seraphici, MH 826
Michael Haydns Missa sub titulo Sancti Francisci Seraphici in d-Moll, MH 826, gehört zu den bedeutenden späten Messkompositionen seines Schaffens und entstand 1803 in einer Lebensphase, in der der Salzburger Meister auf eine jahrzehntelange Erfahrung als Kirchenkomponist zurückblicken konnte. Schon dieser zeitliche Standort ist für das Verständnis des Werkes wesentlich. Man begegnet hier keinem jungen Komponisten auf der Suche nach einem persönlichen Ton und auch keinem routinierten Gelegenheitswerk, sondern einer Messe, in der sich lang geübte liturgische Sicherheit, kompositorische Reife und repräsentative Festlichkeit in besonders geschlossener Form verbinden. Die Entstehung für den Wiener Kaiserhof anlässlich des Namenstags von Kaiser Franz I. (1768–1835, als Franz II. römisch-deutscher Kaiser 1792–1806, Kaiser von Österreich 1804–1835) verleiht dem Werk von vornherein ein gehobenes, feierliches Profil. Diese Messe ist also nicht als schlichte Alltagspraxis zu verstehen, sondern als festliches Sakralwerk mit bewusst öffentlichem und zugleich kirchlich würdigem Anspruch.
Bereits die Besetzung zeigt, dass Michael Haydn hier einen größeren Rahmen wählt. Neben Soli und vierstimmigem Chor treten Oboen, Trompeten, Pauken, Streicher und Basso continuo hinzu, wodurch der Klang nicht nur an Glanz, sondern auch an symbolischer Festlichkeit gewinnt. Dennoch liegt der besondere Rang dieser Messe nicht bloß in ihrer äußeren Pracht. Gerade Michael Haydn gelingt es, repräsentativen Aufwand mit innerer Sammlung zu verbinden. Die Trompeten und Pauken verleihen dem Werk Würde und Strahlkraft, ohne dass der liturgische Ernst darunter leiden würde. Das Orchester dient nicht der virtuosen Schaustellung, sondern der Erhöhung des sakralen Raumes. Damit steht die Franziskus-Messe ganz in jener Tradition österreichischer Kirchenmusik, die Feierlichkeit nicht als theatralischen Effekt, sondern als Ausdruck religiöser Ordnung und festlicher Andacht versteht.
https://www.youtube.com/watch?v=6UfNoHpTM1g
Stilistisch zeigt sich in MH 826 die ganze Souveränität des späten Michael Haydn. Die Messe bewegt sich in der klassischen Salzburger Kirchentradition, doch sie wirkt nicht konventionell oder bloß pflichtgemäß. Vielmehr begegnet man einer Musik, die aus sicherem Formgefühl, kluger Proportionierung und feiner Balance lebt. Das Kyrie dürfte in seinem Grundzug den bittenden Ernst des Textes wahren, während Gloria und Credo naturgemäß breiter angelegt sind und dem feierlichen Charakter des Werkes größeren Raum geben. Im Sanctus und Benedictus tritt die innere Erhebung stärker hervor, bevor das Agnus Dei den Ton wieder verinnerlicht und auf das Moment der Bitte und des Friedens hin konzentriert. Gerade diese ausgewogene Anlage ist bezeichnend für Michael Haydns reife Kirchenmusik: Sie sucht nicht das Überraschende oder demonstrativ Neue, sondern die vollendete Angemessenheit zwischen Text, liturgischer Funktion und musikalischer Form.
Darin liegt eine der großen Qualitäten dieser Messe. Sie ist festlich, ohne schwerfällig zu werden, kunstvoll, ohne ihre Klarheit zu verlieren, und fromm, ohne in bloße Konvention zu verfallen. Michael Haydn schreibt hier als ein Komponist, der die Anforderungen der katholischen Liturgie nicht nur kennt, sondern über Jahrzehnte hinweg verinnerlicht hat. Die musikalische Sprache ist daher von einer Gelassenheit geprägt, die nicht mit Einförmigkeit verwechselt werden darf. Im Gegenteil: Gerade weil das Werk nicht auf dramatische Übertreibung aus ist, wirkt es in seiner Geschlossenheit, Würde und klanglichen Noblesse umso überzeugender. Es ist Musik, die ihren Rang nicht durch äußerliche Exzentrik behaupten muss, sondern durch Maß, Haltung und kompositorische Selbstverständlichkeit.
Besonders aufschlussreich ist die Stellung von MH 826 innerhalb von Michael Haydns später Kirchenmusik überhaupt. Die Messe gehört in eine späte Werkphase, in der der Komponist noch einmal zu besonders gewichtigen, festlich angelegten Sakralwerken fand. Sie steht damit nicht isoliert da, sondern lässt sich als Teil einer letzten schöpferischen Konzentration verstehen, in der sich Erfahrung, liturgische Meisterschaft und ein gewisser repräsentativer Anspruch verdichten. Das verleiht dem Werk beinahe etwas Testamentarisches, ohne dass es deshalb als Abschiedswerk im engeren Sinn bezeichnet werden müsste. Eher ist es das Dokument eines Komponisten, der am Ende seines Lebens noch einmal mit voller Sicherheit zeigt, wie vollkommen er die Sprache der festlichen Messe beherrscht.
Der Titel Missa Sancti Francisci Seraphici verweist auf den heiligen Franziskus von Assisi (1181/82–1226), dessen Beiname seraphicus (dem Seraphischen) auf seine herausragende Stellung innerhalb der katholischen Frömmigkeitsgeschichte hinweist. Zwar bleibt der vertonte Text selbstverständlich das lateinische Ordinarium der Messe und nicht ein eigens franziskanischer Text, doch erhält das Werk durch seine Benennung und durch den höfischen Anlass eine besondere geistige Färbung. Zwischen höfischer Repräsentation und kirchlicher Sammlung entsteht so ein Spannungsverhältnis, das Michael Haydn mit großer Sicherheit ausbalanciert. Die Messe wirkt einerseits festlich und öffentlich, andererseits aber nie weltlich oder dekorativ. Gerade diese Verbindung von Glanz und Disziplin, von Feierlichkeit und innerer Ordnung, macht ihren besonderen Reiz aus.
CD Vorschlag
Michael Haydn Collection, Vol. 2, Hungarian Radio and Television Chorus, Liszt Ferenc Chamber Orchestra, Budapest, Leitung Helmuth Rilling (1933–2026), Brilliant Classics, 2019, Tracks 68 bis 78:
https://www.youtube.com/watch?v=utQpjC6-0HA&list=OLAK5uy_kk8oaKlMpEBwL1gyJZCTb1U4PukJEiHVo&index=68
Missa Sancti Leopoldi in festo Innocentium, MH 837
Haydns Missa Sancti Leopoldi in festo Innocentium, im Werkverzeichnis als MH 837 geführt, gehört zu den anrührendsten und zugleich historisch sprechendsten Spätwerken des Komponisten. Sie ist nicht nur sein letztes vollendetes kirchenmusikalisches Werk, sondern auch ein Stück von besonderer persönlicher Färbung: geschrieben für die Salzburger Kapellknaben, denen Haydn sich eng verbunden fühlte und für die er im Lauf seines Lebens zahlreiche Werke für hohe Stimmen verfasste. Nach der Quellenlage wurde die Messe am 22. Dezember 1805 abgeschlossen, also unmittelbar vor dem Fest der Unschuldigen Kinder am 28. Dezember, das in Salzburg traditionell ein besonderer Tag der Chorknaben war.
Gerade diese Bestimmung erklärt den eigentümlichen Klangcharakter des Werkes. Die Messe ist für drei Oberstimmen, also zwei Soprane und Alt, dazu für zwei Violinen und Basso continuo eingerichtet; einzelne Ausgaben nennen zudem Hörner ad libitum. Der Verzicht auf Tenor und Bass gibt dem Ganzen eine helle, fast entkörperlichte Klangfarbe, die ausgezeichnet zu einem Fest der Kinder und zur Ausführung durch Knabenstimmen passt. Das ist keine zufällige Reduktion, sondern ein bewusst gewählter Rahmen: Haydn komponiert hier nicht „klein“, sondern konzentriert. Die Mittel sind begrenzt, aber gerade daraus entsteht ein feiner, inniger und liturgisch stimmiger Ton.
Inhaltlich und stilistisch steht die Messe ganz im Zeichen von Michael Haydns später Kirchenmusik. Sie sucht nicht das monumentale Pathos der großen festlichen Orchestermesse, sondern verbindet Klarheit, Sanglichkeit und Andacht. Die Stimmen wirken nicht schwer beladen, sondern beweglich und durchsichtig; die Violinen tragen, beleben und umspielen den vokalen Satz, ohne ihn zu überwuchern. Gerade darin liegt die Qualität des Werkes: Es ist eine späte Meisterschaft der Vereinfachung. Haydn verzichtet auf äußeren Aufwand und gewinnt dafür eine Musik, die unmittelbar, natürlich und liturgisch glaubwürdig wirkt. In dieser Messe spricht ein Komponist, der keine Effekte mehr nötig hat, weil er Form, Text und kirchlichen Gebrauch völlig verinnerlicht hat.
Auch der Titel ist aufschlussreich. Die Bezeichnung Sancti Leopoldi verweist auf den heiligen Leopold III. (* um 1075–1136), seit dem 17. Jahrhundert Patron Österreichs ober und unter der Enns. Ganz sicher ist die Benennung nicht nur als bloße Frömmigkeitsformel zu verstehen. Im Vorwort der Carus-Ausgabe wird mit guten Gründen darauf hingewiesen, dass sie möglicherweise mit den politischen Umwälzungen des Jahres 1805 zusammenhängt: Salzburg hatte seine frühere Eigenständigkeit verloren und war österreichisch geworden. Die Widmung an den heiligen Leopold konnte daher auch als symbolischer Akt gelesen werden, als eine fromme Hinwendung zum Schutzpatron des neuen politischen Zusammenhangs. Diese Deutung ist plausibel, bleibt aber eine quellennahe Vermutung, nicht eine ausdrücklich dokumentierte Selbstaussage Haydns.
Gerade dieser doppelte Hintergrund macht das Werk so interessant. Einerseits ist es eine auf einen konkreten liturgischen Anlass zugeschnittene Knabenmesse; andererseits steht es am Ende eines Lebens und am Rand einer geschichtlich unruhigen Zeit. Haydn selbst schrieb am Silvesterabend 1805 an seinen Freund Peter Werigand (Anton) Rettensteiner (1751–1822), dass er „trotz aller traurigen Umstände“ noch eine Messe für das Kinderfest geschrieben habe und dass sie, wie er höre, gefallen habe. Dieser Satz ist kostbar, weil er die Messe unmittelbar in Haydns Lebenswirklichkeit stellt: Krankheit, Kriegsfolgen und politische Unsicherheit bilden den Hintergrund, und dennoch entsteht Musik von heiterer Disziplin und innerer Ruhe.
https://www.youtube.com/watch?v=B35Q8e9-UmA
Als letztes vollendetes Werk Michael Haydns besitzt MH 837 deshalb einen beinahe testamentarischen Charakter, ohne dass sie je den Eindruck eines Abschiedswerks im pathetischen Sinn erweckt. Sie blickt nicht zurück, sie klagt nicht, sie inszeniert kein Ende. Vielmehr erscheint sie wie eine letzte Bekräftigung dessen, was Haydns Kirchenmusik im Kern ausmacht: dienende Kunst, textbezogene Musikalität, satztechnische Sicherheit, Wärme des Ausdrucks und eine Frömmigkeit ohne Pose. Gerade weil das Werk bescheiden dimensioniert ist, wirkt es so wahr. Es ist Musik, die nicht repräsentieren will, sondern ihren geistlichen Ort erfüllt.
Wenn man nach Haydns allerletztem kirchenmusikalischen Projekt fragt, muss allerdings präzise unterschieden werden. Die Missa Sancti Leopoldi MH 837 ist sein letztes vollendetes Werk. Danach begann er noch das Requiem in B-Dur MH 838, das 1805 von Kaiserin Marie Therese (1772–1807) in Auftrag gegeben worden war. Dieses Werk blieb beim Tod des Komponisten am 10. August 1806 unvollendet. Überliefert sind das Requiem und Kyrie sowie ein abgebrochener Beginn des Dies irae; zeitgenössische Berichte legen nahe, dass Haydn für weitere Teile zumindest Vorstudien oder konzeptionelle Entwürfe im Kopf oder in Skizzen gehabt haben dürfte. Das Fragment erklang erstmals bei seiner eigenen Seelenmesse am 13. August 1806 in St. Peter in Salzburg, wobei die fehlenden Teile damals mit Sätzen aus seinem früheren Requiem ergänzt wurden.
So steht MH 837 an einer besonders bewegenden Schwelle. Diese Messe ist nicht das „große Schlusswort“ eines Komponisten, sondern eher dessen letzte vollkommene, ganz in sich ruhende liturgische Aussage. Eben darin liegt ihre Größe. Sie zeigt Michael Haydn nicht als epigonalen Kleinmeister im Schatten seines Bruders Joseph Haydn (1732–1809) oder Mozarts (1756–1791), sondern als eigenständigen Meister der katholischen Kirchenmusik, der bis zuletzt wusste, wie man mit einfachen Mitteln Würde, Wärme und geistliche Wahrheit erreicht.
CD Vorschlag
Michael Haydn, Pro Festo Innocentium Masses and Vesper, Accademia Vocale di Genova, Genova Vocal Ensemble, Leitung Roberta Paraninfo (* 1964), Brilliant Classics, 2022, Tracks 1 bis 7:
https://www.youtube.com/watch?v=tg_efQdhyeI&list=OLAK5uy_lx00OQVi1M3j62dkybSQLl6LQ7m4vtXTk&index=1
Alleluia! Laudate pueri, MH 342
Alleluia! Laudate pueri, MH 342 aus dem Jahr 1783, ist ein Graduale zum Fest der heiligen Unschuldigen Kinder für den Sonntag („in festo SS. Innocentium, die Dominica“). Die Quellen überliefern das Werk in F-Dur; die Besetzung ist ausgesprochen klar und salzburgisch-praktisch gedacht: zwei Soprane, Alt, zwei Hörner, zwei Violinen, Basso/Continuo und Orgel. Damit gehört das Stück in jene Gruppe von Michael Haydns liturgischen Kompositionen, in denen feierliche Wirkung nicht durch monumentale Mittel, sondern durch Übersichtlichkeit, Leuchtkraft und präzise Disposition erreicht wird.
https://www.youtube.com/watch?v=qJhWzoODuvE
Der Textansatz ist besonders schön gewählt. Das Werk beginnt mit dem Alleluja und greift dann den Psalmruf „Laudate, pueri, Dominum“ auf, also den Anfang von Psalm 112 nach Vulgata-Zählung (hebräisch 113). Gerade im Zusammenhang mit dem Fest der Unschuldigen Kinder erhält dieser Beginn ein eigenes Gepräge: Das Wort pueri meint im Psalm zwar ursprünglich die „Knechte“ oder „Diener“ des Herrn, im liturgischen Umfeld des Innocentenfestes aber entsteht fast unvermeidlich eine zusätzliche Assoziation an die Kinder selbst. Dadurch bekommt das Graduale eine eigentümliche Doppelwirkung: Es ist einerseits Jubelgesang, andererseits steht hinter diesem Jubel das Gedächtnis an die ersten kindlichen Märtyrer.
Musikalisch darf man dieses Stück als ein Beispiel für Michael Haydns besondere Stärke im liturgischen Kurzformat ansehen. Schon die Besetzung mit Oberstimmen und Hörnern weist auf einen hellen, festlichen, beweglichen Klang hin; zugleich spricht die knappe, funktional gebundene Gattung des Graduales dafür, dass hier keine ausladende Kontemplation, sondern ein konzentrierter, unmittelbar wirksamer Ausdruck gesucht ist. Gerade darin liegt der Reiz: Michael Haydn verdichtet Feierlichkeit, Anmut und liturgische Zweckmäßigkeit zu einer Musik, die leicht wirkt, aber keineswegs belanglos ist. Sie steht ganz im Dienst des Gottesdienstes und besitzt doch jene melodische Noblesse und klangliche Frische, die seine Kirchenmusik so unverwechselbar machen.
Text
Alleluia.
Laudate, pueri, Dominum;
laudate nomen Domini.
Excelsus super omnes gentes Dominus,
et super caelos gloria eius.
Alleluia.
Deutsche Übersetzung
Halleluja.
Lobet den Herrn, ihr Knechte / ihr Diener des Herrn;
lobet den Namen des Herrn.
Erhaben über alle Völker ist der Herr,
über den Himmeln steht seine Herrlichkeit.
Halleluja.
CD Vorschlag
Mass & Vespers for the Feast of Holy Innocents, American Boychoir, James Litton, Members of the New York Collegium, Linn Records, 2000, Track 5:
https://www.youtube.com/watch?v=b0go8BodiEM&list=OLAK5uy_nCsiNjI4vQSF1Rny35oxKaiPW4FR65fOM&index=5
https://music.apple.com/de/album/m-haydn-mass-vespers-for-the-feast-of-holy-innocents/1535767387
Effuderunt sanguinem Sanctorum, MH 392
Michael Haydns Graduale Effuderunt sanguinem Sanctorum, MH 392 (1784), gehört wie MH 342 in den liturgischen Zusammenhang des Festes der heiligen Unschuldigen Kinder, ist jedoch ausdrücklich für die Feier außerhalb eines Sonntags bestimmt: „in festo SS. Innocentium, extra Dominicam“. Das Werk steht in D-Dur und ist in den Quellen als Komposition für drei Singstimmen mit Orchester überliefert. RISM nennt das Stück als Salzburger Werk Michael Haydns mit dem Textincipit „Effuderunt sanguinem, sanctorum velut aquam“ und weist es dem Fest der Innocentium Martyrum zu.
https://www.youtube.com/watch?v=sdqZErTz404
Schon der Text macht den Unterschied zu Laudate pueri sofort deutlich. Dort herrscht helle Festfreude; hier tritt die liturgische Erinnerung an das Martyrium scharf in den Vordergrund. Der Anfang „Effuderunt sanguinem sanctorum velut aquam“ gehört zu Psalm 78 (Vulgatazählung), Vers 3, also zu einem Klagepsalm, der Verwüstung, Blutvergießen und Schmach beklagt. Im Zusammenhang des Innocentenfestes wird dieser Psalmvers auf den Kindermord von Bethlehem bezogen. Gerade darin liegt der besondere Ausdruck dieses Graduales: Es ist keine ungetrübte Jubelmusik, sondern ein kirchlicher Gesang, in dem Trauer, Erschütterung und liturgische Würde zusammenfinden.
Das Werk dürfte daher einen merklich ernsteren Ton anschlagen als das ein Jahr ältere MH 342. Die Wahl von D-Dur muss dabei keineswegs nur „glänzend“ verstanden werden; in der Salzburger Kirchenmusik des 18. Jahrhunderts konnte eine solche Tonart auch Festcharakter und Strenge verbinden, besonders wenn Hörner oder eine festliche Orchesterfarbe mitwirken. Entscheidender ist hier der textliche Affekt: Nicht das kindliche Lob, sondern das vergossene Blut der Heiligen steht im Mittelpunkt. Michael Haydn zeigt gerade in solchen kleineren liturgischen Formen seine Fähigkeit, den Sinn des Festes ohne äußere Überladung präzise zu erfassen. Das Werk dürfte deshalb weniger durch Ausdehnung als durch Eindringlichkeit wirken: ein kurzes, konzentriertes Stück, das den Schmerz des Textes in eine klare, kultivierte sakrale Sprache übersetzt. Die Datierung 11. Dezember 1784 ist im Werkverzeichnis überliefert.
Text
Effuderunt sanguinem sanctorum velut aquam
in circuitu Ierusalem,
et non erat qui sepeliret.
Facti sumus opprobrium vicinis nostris,
subsannatio et illusio his,
qui in circuitu nostro sunt.
Deutsche Übersetzung
Sie vergossen das Blut der Heiligen wie Wasser
rings um Jerusalem,
und niemand war da, sie zu begraben.
Wir sind zum Hohn geworden unseren Nachbarn,
zum Spott und zum Gespött für jene,
die um uns her wohnen.
In den Werk- und Quellenbeschreibungen erscheint das Incipit teils verkürzt oder leicht abgewandelt als „Effuderunt sanguinem, sanctorum velut aquam“; der biblische Volltext lautet jedoch „Effuderunt sanguinem eorum tamquam aquam in circuitu Ierusalem…“. Liturgische Gradualtexte können gegenüber dem Psalmwort gekürzt oder angepasst überliefert werden. Für die praktische Verwendung des Werktextes ist daher die oben gegebene liturgische Fassung mit „sanctorum velut aquam“ die passendere Form.
CD Vorschlag
Michael Haydn, Missa in hon. s. Gotthardi, Alleluia!, Anima Nostra, Effuderunt Sanguinem, Zurich Boys Choir, Munich Chamber Orchestra, Leitung Christoph Poppen (* 1956), Tudor, 1998, Track 9:
https://music.apple.com/ch/album/m-haydn-missa-sancti-gotthardi-alleluia-anima-nostra/311027388
Alleluia! Dextera Domini, MH 484
Michael Haydns Graduale Alleluja! Dextera Domini, MH 484, gehört in die Reihe seiner Salzburger Propriumskompositionen für die Osterzeit. Das Werk ist als Graduale für den vierten Sonntag nach Ostern überliefert, steht in A-Dur und ist für Sopran, Alt, Tenor, Bass, zwei Violinen, zwei Hörner, Basso und Orgel gesetzt. Besonders wertvoll ist hier der Autographenbefund: Die Bayerische Staatsbibliothek überliefert das Stück ausdrücklich als „Graduale pro Dominica 4ta post pascha“, mit Michael Haydns eigenhändiger Zuschreibung und dem Kompositionsdatum 26. März 1788.
https://www.youtube.com/watch?v=vtXWvNBozjw
Schon das Textincipit verleiht dem Stück seinen Charakter: „Dextera Domini fecit virtutem“ — „Die Rechte des Herrn hat Macht erwiesen“. Der Vers stammt aus Psalm 117 (Vulgatazählung), Vers 16, also aus jenem Psalm, der in der christlichen Liturgie besonders eng mit Ostern, Sieg und göttlicher Rettung verbunden ist. Anders als ein klagendes oder kontemplatives Graduale ist dieses Stück von seinem Wortlaut her auf Kraft, Erhebung und österliche Gewissheit angelegt.
Gerade daraus ergibt sich wohl der besondere Ton des Werkes. Die Besetzung mit vierstimmigem Chor, Streichern und Hörnern in A weist auf einen festlichen, aber nicht überladenen Klang. Michael Haydn braucht auch hier keine monumentalen Mittel; vielmehr liegt seine Kunst in der klaren, liturgisch präzisen Verdichtung. Das österliche Pathos wird nicht theatralisch ausgestellt, sondern in eine geordnete, helle und unmittelbar wirksame Kirchensprache übersetzt. Man darf sich dieses Graduale daher als ein kurzes, konzentriertes Feststück vorstellen, in dem die österliche Siegesgewissheit mit klassischer Salzburger Klarheit verbunden ist. Diese Einschätzung ist eine stilistische Folgerung aus Gattung, Text und Besetzung.
Zugleich steht MH 484 in einer besonders produktiven Phase Michael Haydns. Das Werkverzeichnis zeigt, dass im Frühjahr 1788 mehrere Gradualien in dichter Folge entstanden: MH 483 am 14. März 1788, MH 484 am 26. März 1788 und MH 485 am 11. April 1788. Dextera Domini gehört also nicht zu einem isolierten Einzelfall, sondern zu einer konzentrierten Gruppe liturgischer Kompositionen, in denen Michael Haydn die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres mit großer Sicherheit und erstaunlicher Ökonomie musikalisch ausgestaltet.
Text
Alleluia.
Dextera Domini fecit virtutem;
dextera Domini exaltavit me:
dextera Domini fecit virtutem.
Deutsche Übersetzung
Halleluja.
Die Rechte des Herrn hat Macht erwiesen;
die Rechte des Herrn hat mich erhöht:
die Rechte des Herrn hat Macht erwiesen.
Sicher belegt ist das Werk als Graduale zum 4. Sonntag nach Ostern mit dem Incipit „Alleluia. Dextera Domini“; der dazugehörige biblische Kernvers stammt aus Psalm 117 (Vulgata), Vers 16.
CD Vorschlag
Michael Haydn, Missa in hon. s. Gotthardi, Alleluia!, Anima Nostra, Effuderunt Sanguinem, Zurich Boys Choir, Munich Chamber Orchestra, Leitung Christoph Poppen (* 1956), Tudor, 1998, Track 10:
https://www.youtube.com/watch?v=uz9ZVjHx9fQ&list=OLAK5uy_mUS01XpUWiTLn9wRAR14hRfniJRaedZ8E&index=10
Alleluia! Surrexit Christus, MH 485
Michael Haydns Graduale Alleluja! Surrexit Christus, MH 485, ist ein Osterstück von besonders klarer und leuchtender Physiognomie. Die Quellen überliefern es als Graduale für den fünften Sonntag nach Ostern (pro Dominica quinta post Pascha), in E-Dur, für vier Singstimmen, zwei Violinen, zwei Hörner und Orgel; der autograph überlieferte Salzburger Notentext trägt zudem das Datum 11. April 1788. Damit gehört das Werk unmittelbar in jene dichte Folge von Gradualien, die Michael Haydn im Frühjahr 1788 für die Osterzeit schrieb.
Schon das Textincipit bestimmt den Charakter des Stücks: „Surrexit Christus“. Anders als in MH 484, wo die österliche Kraft Gottes im Psalmwort „Dextera Domini“ beschworen wird, steht hier die Auferstehung Christi selbst im Zentrum. Der überlieferte liturgische Alleluia-Text für den fünften Sonntag nach Ostern lautet in den gregorianischen Quellen „Surrexit Christus et illuxit populo suo quem redemit sanguine suo“. Dieser Text verbindet Ostersieg und Erlösungsgedanke in knapper Form: Christus ist auferstanden, und sein Auferstehen erscheint nicht bloß als historisches Ereignis, sondern als Licht für das erlöste Volk.
Gerade darin liegt die besondere Wirkung dieses Graduales. Das Stück dürfte nicht triumphal im groben Sinn wirken, sondern hell, gesammelt und festlich aufgerichtet. Die Tonart E-Dur und die Besetzung mit Hörnern sprechen für einen glänzenden, doch nicht schweren Klang; zugleich sorgt die knappe Form des Graduales dafür, dass Michael Haydn den österlichen Gedanken nicht breit ausmalt, sondern konzentriert verdichtet. Seine Kirchenmusik zeigt in solchen Stücken immer wieder eine bemerkenswerte Fähigkeit, liturgische Angemessenheit und musikalische Prägnanz miteinander zu verbinden: kein äußeres Pathos, keine überflüssige Größe, sondern klare, sofort verständliche Festmusik mit innerer Spannung. Diese stilistische Einschätzung ist eine Folgerung aus Gattung, Besetzung, Tonart und Textfunktion.
https://www.youtube.com/watch?v=gxNzVZHbcs0
Auffällig ist auch die theologische Akzentsetzung des Textes. Die Wendung „quem redemit sanguine suo“ erinnert daran, dass die Osterfreude hier nicht losgelöst vom Leiden Christi gedacht ist. Auferstehung und Erlösung durch das Blut Christi stehen eng zusammen. Gerade diese Verbindung verleiht dem Stück Tiefe: Es ist nicht bloß festlich, sondern zugleich christologisch dicht. Der Jubel des Alleluia ruht auf dem vollbrachten Erlösungswerk.
Text
Alleluia.
Surrexit Christus et illuxit populo suo,
quem redemit sanguine suo.
Alleluia.
Deutsche Übersetzung
Halleluja.
Christus ist auferstanden und hat sein Volk erleuchtet,
das er durch sein Blut erlöst hat.
Halleluja.
In manchen liturgischen Hilfsmitteln erscheint statt „populo suo“ die Variante „nobis“ oder statt „quem“ die Form „quos“. Das betrifft die Überlieferung des Alleluia-Verses in unterschiedlichen liturgischen oder editorischen Zusammenhängen. Die stärker chantgeschichtlich abgesicherte Fassung lautet hier jedoch „Surrexit Christus et illuxit populo suo quem redemit sanguine suo“.
CD Vorschlag
Michael Haydn, Missa in hon. s. Gotthardi, Alleluia!, Anima Nostra, Effuderunt Sanguinem, Zurich Boys Choir, Munich Chamber Orchestra, Leitung Christoph Poppen (* 1956), Tudor, 1998, Track 11:
https://www.youtube.com/watch?v=W4TaKkCqUQo&list=OLAK5uy_mUS01XpUWiTLn9wRAR14hRfniJRaedZ8E&index=11
Petite et accipietis, MH 798
Michael Haydns Petite et accipietis, MH 798, gehört zu seinen späten geistlichen Werken und entstand 1801. Das Graduale steht in B-Dur und ist für SATB-Chor, zwei Oboen, zwei Trompeten, Pauken, Streicher und Continuo/Orgel überliefert. RISM führt es als Graduale aus dem Bereich de tempore; eine neuere Edition bezeichnet es präziser als „Gradual (De omni tempore)”, also als ein Stück von allgemeinerer liturgischer Verwendbarkeit und nicht für nur einen einzigen Festtag festgelegt. Das passt gut zum Text, der nicht an ein spezielles Heiligenfest oder ein eng umrissenes Kirchenjahresereignis gebunden ist, sondern das allgemein christliche Thema des vertrauenden Bittens entfaltet.
https://www.youtube.com/watch?v=hMaDDEPfpdA
Der Text „Petite et accipietis“ stammt aus dem Johannesevangelium, Johannes 16,24: „Bittet, und ihr werdet empfangen, damit eure Freude vollkommen sei.“ Im biblischen Zusammenhang spricht Christus zu den Jüngern kurz vor Passion und Abschied; der Satz verbindet also Verheißung, Trost und geistliche Zuversicht. Gerade das macht den Reiz dieses Stückes aus. Es ist keine Musik des äußerlichen Triumphes, sondern eine Komposition, in der Bitte, Vertrauen und verheißene Freude eng zusammengehören. Die Aussage ist innerlich gesammelt, aber keineswegs stillos zurückgenommen: Die festliche Besetzung mit Trompeten und Pauken zeigt, dass Michael Haydn auch einem Wort über das Beten und Empfangen einen feierlichen, öffentlichen Klang geben konnte.
Gerade darin zeigt sich die Eigenart des späten Michael Haydn. Das Werk steht am Ende seines Schaffens und gehört in jene letzte Gruppe von Kirchenkompositionen, in denen Erfahrung, liturgische Sicherheit und kompositorische Ökonomie besonders dicht zusammenkommen. Man darf annehmen, dass Haydn hier keinen breit ausladenden Affektreichtum anstrebt, sondern eine klare, unmittelbar verständliche Kirchenmusik: festlich genug für den Gottesdienst, zugleich textnah und in der Grundhaltung von einer ruhigen geistlichen Zuversicht getragen. B-Dur und die festliche Orchesterbesetzung sprechen für Helligkeit und Würde; der Evangelientext verhindert zugleich jede bloß dekorative Wirkung, weil er das Werk auf eine einfache, zentrale christliche Wahrheit zurückführt: Gebet ist nicht vergeblich. Diese stilistische Deutung ist eine Folgerung aus Besetzung, Datierung, Gattung und Textgrundlage.
Text
Petite, et accipietis,
ut gaudium vestrum sit plenum.
Deutsche Übersetzung
Bittet, und ihr werdet empfangen,
damit eure Freude vollkommen sei.
In älteren liturgischen Zusammenhängen begegnet auch die erweiterte Form „Petite et accipietis, quaerite et invenietis, pulsate et aperietur vobis“; für MH 798 ist aber der Werkname und die biblische Kernstelle eindeutig auf „Petite et accipietis“ konzentriert.
CD Vorschlag
Michael Haydn, Missa Sancta Theresiae, Te Deum, Jeunesses Musicales Chorus, Erdődy Chamber Orchestra, Leitung Domonkos Héja (* 1974), HUNGAROTON, 1999, Track 5:
https://www.youtube.com/watch?v=Y2llsEYStRQ&list=OLAK5uy_mn0Q5j05sxH6ItR4HHIHCNqJQ2GZeQd38&index=5
Sancti Dei, MH 328
Bei Michael Haydns „Sancti Dei“, MH 328, ist es wichtig angesagt: Der vollständige Titel erscheint auch als „Sancti Dei omnes“. Das Werk ist eine kurze lateinische Antiphon für gemischten Chor a cappella, in F-Dur, entstanden in Salzburg am 27. August 1782; eine moderne Carus-Quelle nennt als Text ausdrücklich eine Antiphon und gibt als erste Textzeile „Sancti Dei, omnes intercedere …“ an. IMSLP verzeichnet das Werk ebenfalls als „Sancti Dei omnes, MH 328“, datiert es auf 1782, nennt als Besetzung gemischten Chor und verweist auf die Handschrift D-Mbs, Mus.ms. 3114. Der zugrunde liegende liturgische Text ist im Cantus Index als Antiphon CAO 4726 belegt: „Sancti dei omnes intercedere dignemini pro nostra omniumque salute“, mit der allgemeinen Zuordnung De Sanctis, also zu Heiligenfesten beziehungsweise zur Heiligenverehrung.
Michael Haydns „Sancti Dei“, MH 328, gehört zu jenen kleinen, äußerlich unscheinbaren Kirchenstücken, in denen sich seine besondere Stärke als Salzburger Kirchenkomponist zeigt: nicht dramatische Entfaltung, nicht opernhafte Affektmalerei, sondern eine konzentrierte, klare, liturgisch dienende Klangsprache. Der kurze Text wendet sich an die Heiligen Gottes und bittet sie um Fürsprache für das Heil der Menschen. Damit steht die Komposition ganz im Zeichen der Communio sanctorum, der Gemeinschaft der Heiligen, wie sie im katholischen Gottesdienst nicht als dekorative Randvorstellung, sondern als lebendige geistliche Wirklichkeit verstanden wird. Die Heiligen erscheinen hier nicht als ferne Gestalten einer vergangenen Geschichte, sondern als Fürsprecher vor Gott, als bereits vollendete Glieder der Kirche, die für die noch pilgernde Menschheit eintreten.
Gerade weil der Text so knapp ist, verlangt er musikalisch keine breite Auslegung, sondern Sammlung. Haydn behandelt ihn mit jener schlichten Würde, die seine kleinere geistliche Chormusik häufig auszeichnet. Die Satzweise ist übersichtlich, kantabel und unmittelbar verständlich; sie sucht keine äußerliche Virtuosität, sondern eine ruhige, geschlossene Klangwirkung. In dieser Kürze liegt ein eigener Reiz: Die Musik wirkt wie ein liturgischer Atemzug, wie eine kurze, aber innige Anrufung. Das Gebet wird nicht psychologisch ausgedeutet, sondern in eine klare chorische Form gebracht. Die Bitte um Fürsprache erhält dadurch etwas Gemeinschaftliches: Nicht ein einzelner Beter spricht, sondern die Gemeinde, vertreten durch den Chor, richtet sich in ruhiger Zuversicht an die Heiligen.
https://www.youtube.com/watch?v=lOmhMaUuKoY
Besonders schön ist an diesem Stück die Verbindung von Einfachheit und Würde. Haydn vermeidet jedes Übermaß, aber er lässt den Text nicht bloß rezitieren; er gibt ihm eine sanfte, edle musikalische Gestalt. Die Worte „Sancti Dei omnes“ tragen den Charakter einer feierlichen Anrufung, während „intercedere dignemini“ den eigentlichen Kern der Bitte formuliert: Die Heiligen mögen sich würdig erweisen, Fürsprache einzulegen — nicht aus eigener Macht, sondern als von Gott erwählte Zeugen und Mittler im Gebet. Das abschließende „pro nostra omniumque salute“ weitet den Blick über das einzelne Ich hinaus: Es geht nicht nur um das persönliche Heil, sondern um „unser“ Heil und das Heil aller. Gerade diese Wendung gibt dem kleinen Werk seine geistliche Großzügigkeit.
Lateinischer Text
Sancti Dei omnes, intercedere dignemini
pro nostra omniumque salute.
Deutsche Übersetzung
Alle Heiligen Gottes, würdigt euch, Fürsprache einzulegen
für unser Heil und für das Heil aller.
Man kann MH 328 daher als eine kleine Antiphon von großer innerer Dichte beschreiben. Sie gehört nicht zu den repräsentativen, groß besetzten Kirchenwerken Michael Haydns, sondern zu jener liturgischen Gebrauchsmusik, die gerade in ihrer Knappheit viel über seinen Stil verrät: Maß, Frömmigkeit, satztechnische Sicherheit und ein feines Gespür für die Würde des gesungenen Wortes. Das Stück ist weniger ein Konzertstück als ein Gebet in Chorgestalt — schlicht, gesammelt und von jener stillen Noblesse, die Michael Haydns Kirchenmusik oft so unmittelbar überzeugend macht.
CD Vorschlag
Michael Haydn, Sacred Choral Music, Missa Sancti Hieronymi and Timete Dominum, St. Jacob’s Chamber Choir, Ensemble Philidor, Leitung Gary Graden (* 1955), Presto, 1998, Track 11:
https://www.youtube.com/watch?v=lOmhMaUuKoY&list=OLAK5uy_kgjbS6UqTVOBG4nzXzDplz_WZUkG1xIWg&index=11
Anima nostra, MH 452
Michael Haydns Anima nostra, MH 452, ist ein Offertorium in G-Dur, entstanden am 12. November 1787. Das Werk gehört zu Haydns Salzburger Kirchenmusik und ist, nach den überlieferten Angaben, für drei hohe Stimmen beziehungsweise Frauen- oder Knabenchor mit Instrumentalbegleitung bestimmt; eine Doblinger-Ausgabe nennt als Besetzung Soli SSA, Chor SSA, zwei Violinen, Violoncello, Kontrabass und Orgel. In einem Carus-Vorwort wird das Stück ausdrücklich als Offertorium zum Fest der Unschuldigen Kinder bezeichnet; damit erhält der Text eine besonders eindringliche liturgische Bedeutung, denn das Fest gedenkt der Kinder von Bethlehem, die nach dem Matthäusevangelium auf Befehl des Herodes getötet wurden.
Der lateinische Text stammt aus Psalm 123 (Vulgata) / 124, Vers 7 und ist von großer Bildkraft: Die Seele wird mit einem Vogel verglichen, der dem Netz der Jäger entrissen wurde. Der Strick ist zerrissen, und die Befreiten können aufatmen. In der liturgischen Verwendung zum Fest der Unschuldigen Kinder bekommt diese Psalmstelle eine doppelte Deutung. Einerseits spricht sie von Rettung, Befreiung und göttlichem Eingreifen; andererseits steht sie vor dem Hintergrund kindlicher Wehrlosigkeit und menschlicher Gewalt. Gerade diese Spannung macht den Text so bewegend: Die Seele ist bedroht, aber nicht verloren; sie war gefangen, aber der Fangstrick ist zerbrochen.
Michael Haydn behandelt diesen Text nicht als dramatische Szene, sondern als geistliche Betrachtung. Das Bild des Vogels, der dem Netz entkommt, verlangt keine äußere Theatralik; es trägt seine Bewegung bereits in sich. Man darf sich die Musik deshalb als eine Verbindung aus Leichtigkeit, Dankbarkeit und innerer Erhebung vorstellen. Die hohe Stimmenbesetzung ist dabei besonders passend: Sie gibt dem Werk eine helle, fast transparente Klangfarbe, die zum Bild der befreiten Seele und zugleich zum Fest der Unschuldigen Kinder sehr gut passt. Diese Musik wirkt nicht schwer, nicht triumphal im lauten Sinn, sondern eher gelöst, klar und von einer stillen Freude erfüllt.
Bemerkenswert ist die Kürze des Textes. Haydn hat hier keine lange dogmatische Aussage zu vertonen, sondern einen einzigen dichterischen Gedanken: Die Seele war in Gefahr, aber Gott hat sie herausgerissen. Dadurch entsteht eine große Konzentration. Die Worte „Anima nostra sicut passer“ eröffnen den geistlichen Raum mit einem empfindsamen Bild; „erepta est de laqueo venantium“ benennt die Rettung aus der tödlichen Falle; und „Laqueus contritus est et nos liberati sumus“ fasst das Ganze in eine knappe, jubelnde Aussage: Der Strick ist zerbrochen, wir sind befreit. Es ist kein abstraktes Lehrstück, sondern ein kleines musikalisches Dankgebet nach überstandener Gefahr.
https://www.youtube.com/watch?v=oCYkrnpbzNU
Gerade im Zusammenhang mit dem Fest der Unschuldigen Kinder gewinnt das Offertorium eine besondere Tiefe. Der Text spricht nicht unmittelbar von den Kindern Bethlehems, aber er kann auf sie bezogen werden: Nicht die irdische Rettung steht im Vordergrund, sondern die endgültige Bewahrung der Seele durch Gott. Die Unschuldigen erscheinen in der christlichen Tradition als erste Zeugen Christi, nicht durch ein bewusstes Bekenntnis, sondern durch ihr Leiden. So erhält Haydns kurze Komposition eine zarte, aber ernste geistliche Färbung: Die Musik feiert nicht den Tod, sondern die Befreiung aus der Macht des Todes.
Lateinischer Text
Anima nostra sicut passer erepta est
de laqueo venantium.
Laqueus contritus est,
et nos liberati sumus.
Deutsche Übersetzung
Unsere Seele ist wie ein Vogel entrissen worden
aus dem Netz der Jäger.
Der Strick ist zerrissen,
und wir sind befreit worden.
„Anima nostra“, MH 452, gehört damit zu jenen kleineren geistlichen Werken Michael Haydns, in denen seine Kunst der liturgischen Verdichtung besonders deutlich wird. Es ist kein großes Kirchenstück im repräsentativen Sinn, sondern ein prägnantes Offertorium, das mit wenigen Worten und vermutlich ebenso knapper musikalischer Anlage eine ganze geistliche Bewegung entfaltet: Bedrohung, Rettung, Dank. Die helle Besetzung, der psalmische Text und die Zuordnung zum Fest der Unschuldigen Kinder verbinden sich zu einem Werk von schlichter, aber sehr berührender Aussagekraft.
CD Vorschlag
Michael Haydn, Missa in hon. s. Gotthardi, Alleluia!, Anima Nostra, Effuderunt Sanguinem, Zurich Boys Choir, Munich Chamber Orchestra, Leitung Christoph Poppen (* 1956), Tudor, 1998, Track 8:
https://www.youtube.com/watch?v=FnkXjwEaIrw&list=OLAK5uy_mUS01XpUWiTLn9wRAR14hRfniJRaedZ8E&index=8
Sub tuum praesidium, MH 654
Michael Haydns Sub tuum praesidium, MH 654, ist ein marianisches Offertorium in C-Dur, entstanden 1797. Die Besetzung mit SATB-Chor, zwei Trompeten, Pauken, zwei Violinen, Bässen und Orgelcontinuo weist auf einen festlichen liturgischen Rahmen hin. Das Werk gehört zu jenen kürzeren Kirchenstücken Haydns, in denen ein knapper, traditionsreicher Text in eine klar gegliederte, repräsentative Salzburger Klanggestalt gebracht wird.
Der Text ist eine der ältesten und ehrwürdigsten Gebetsformeln der Marienverehrung: ein kurzer, dringlicher Ruf unter den Schutz der Gottesmutter. Die John Rylands Library in Manchester besitzt mit dem griechischen Papyrus P. Ryl. III 470 einen frühen Textzeugen dieses Gebets; die Bibliothek beschreibt ihn als Gebet an die Jungfrau Maria, das in der lateinischen Tradition als Sub tuum praesidium bekannt wurde. Gerade diese Altertümlichkeit verleiht dem Text eine besondere Würde. Er ist keine ausschmückende Marienpoesie, sondern ein Schutzgebet von großer Konzentration: Der Mensch steht in Not, Gefahr und Bedrängnis und sucht Zuflucht unter dem mütterlichen Schutz Mariens.
https://www.youtube.com/watch?v=drFzVdIvrnQ
Haydn vertont diesen Text nicht als sentimentale Marienandacht, sondern als kirchlich gefasstes Bittgebet. Die Worte „Sub tuum praesidium confugimus“ tragen bereits eine starke innere Bewegung in sich: Es geht um ein Zufluchtnehmen, um das bewusste Sichbergen unter einem Schutz, der nicht weltlich, sondern geistlich verstanden ist. Die Gottesmutter erscheint hier als „Sancta Dei Genitrix“, als heilige Gottesgebärerin; damit ist die marianische Verehrung unmittelbar christologisch verankert. Maria wird nicht isoliert angerufen, sondern in ihrer Beziehung zu Christus. Ihre Fürsprache hat ihre Würde daraus, dass sie Mutter des menschgewordenen Gottes ist.
Musikalisch passt zu diesem Text eine Haltung zwischen Feierlichkeit und Dringlichkeit. Die von IMSLP angegebene Besetzung mit Chor, Trompeten, Pauken, Streichern, Bässen und Orgelcontinuo weist darauf hin, dass Haydn das Gebet nicht nur als intime Andacht, sondern als liturgisch wirksames Offertorium mit festlichem Klangrahmen verstanden hat. Dennoch bleibt der Text selbst kurz und klar. Gerade dieser Gegensatz ist reizvoll: Ein knappes Schutzgebet wird in eine repräsentative kirchliche Klanggestalt gehoben. Die Musik darf also leuchten, ohne den Charakter der Bitte zu verlieren. Sie verbindet marianische Verehrung mit jener Salzburger Klangsprache, in der liturgische Funktion, verständliche Textdeklamation und festlicher Rahmen eng zusammengehören. Carus beschreibt Michael Haydn allgemein als einen Komponisten, dessen Kirchenmusik vom Wissen um die liturgische Funktion und die musikalische Ausdeutung religiöser Texte geprägt ist; genau diese Eigenschaft zeigt sich auch in einem Stück wie „Sub tuum praesidium“.
Inhaltlich entfaltet der Text drei eng miteinander verbundene Gedanken. Zuerst steht die Flucht unter den Schutz Mariens: „Sub tuum praesidium confugimus“. Dann folgt die Bitte, die Gebete in der Not nicht zu verachten: „Nostras deprecationes ne despicias in necessitatibus nostris“. Schließlich verdichtet sich alles zur Bitte um Rettung aus allen Gefahren: „sed a periculis cunctis libera nos semper“. Das abschließende „Virgo gloriosa et benedicta“ ist keine bloße Formel, sondern die feierliche Anrede derjenigen, an die sich dieses Vertrauen richtet. Die Jungfrau ist „glorreich“ und „gesegnet“, weil sie in der Heilsgeschichte eine einzigartige Stellung einnimmt.
Gerade in Michael Haydns Vertonung kann man dieses Gebet als kleines geistliches Drama ohne äußere Handlung verstehen. Es beginnt mit dem Schutzbedürfnis des Menschen, führt über die bittende Anrufung zur Hoffnung auf Befreiung und mündet in die ehrfürchtige Benennung Mariens. Die Wirkung liegt nicht in einer langen Entwicklung, sondern in der liturgischen Verdichtung. Das Offertorium steht an jener Stelle der Messe, an der die Gaben bereitet werden; der Text der Zuflucht und des Schutzes erhält dadurch eine zusätzliche Bedeutung. Während die Gemeinde sich im Gottesdienst auf das eucharistische Zentrum hinbewegt, wird Maria als Fürsprecherin angerufen, damit menschliche Not, Angst und Gefahr vor Gott gebracht werden.
Michael Haydns „Sub tuum praesidium“, MH 654, ist damit ein Werk von besonderer liturgischer Klarheit. Es verbindet die alte marianische Schutzbitte mit dem festlichen Ton der Salzburger Kirchenmusik.
Lateinischer Text
Sub tuum praesidium confugimus,
Sancta Dei Genitrix.
Nostras deprecationes ne despicias
in necessitatibus nostris,
sed a periculis cunctis
libera nos semper,
Virgo gloriosa et benedicta.
Deutsche Übersetzung
Unter deinen Schutz fliehen wir,
heilige Gottesgebärerin.
Verschmähe unsere Bitten nicht
in unseren Nöten,
sondern befreie uns allezeit
von allen Gefahren,
du glorreiche und gesegnete Jungfrau.
Michael Haydns Sub tuum praesidium ist damit ein Werk von besonderer liturgischer Klarheit. Es verbindet die alte marianische Schutzbitte mit dem festlichen Ton der Salzburger Kirchenmusik. Nicht subjektive Empfindsamkeit steht im Vordergrund, sondern ein gemeinschaftliches Gebet: Der Chor spricht für die gläubige Gemeinde, die sich in Bedrängnis nicht an eine abstrakte Idee wendet, sondern an die Gottesmutter als Fürsprecherin. Die Musik gibt diesem Vertrauen eine würdige Form — feierlich, knapp, geordnet und von jener unaufdringlichen Frömmigkeit getragen, die Michael Haydns geistliche Musik so wertvoll macht.
Eine kommerzielle CD-Einspielung von Michael Haydns „Sub tuum praesidium“, MH 654, ist derzeit nicht greifbar.
Magnus Dominus et laudabilis nimis, MH 799
Michael Haydns Magnus Dominus et laudabilis nimis, MH 799, ist ein spätes Offertorium in d-Moll, entstanden am 11. August 1801. Es steht im Umfeld der Missa sub titulo Sanctae Theresiae, MH 797, und erscheint in Einspielungen beziehungsweise Katalogangaben oft zusammen mit dieser Messe; Presto führt das Werk als „Magnus Dominus in D minor, MH 799“ und verzeichnet eine Aufnahme im Zusammenhang mit Haydns „Missa Sancta Theresiae“.
Der lateinische Text stammt aus Psalm 47,2 nach der Vulgata-Zählung, entsprechend Psalm 48,1–2 nach moderner hebräischer Zählung, wobei in liturgischen Zusammenhängen oft nur der eigentliche Psalmvers gezählt wird. Der Wortlaut lautet: „Magnus Dominus et laudabilis nimis in civitate Dei nostri in monte sancto suo“ — „Groß ist der Herr und höchst lobwürdig in der Stadt unseres Gottes, auf seinem heiligen Berg.“ Der Vulgata-Psalter gibt diesen Vers im Zusammenhang des Psalmus 47 wieder; RISM bestätigt für Haydns Werk genau dieses Incipit: „Magnus Dominus et laudabilis nimis“.
Michael Haydns Magnus Dominus et laudabilis nimis, MH 799, gehört zu denjenigen geistlichen Werken, in denen ein sehr kurzer Psalmvers zu einer eigenständigen liturgischen Aussage verdichtet wird. Der Text ist nicht bittend, nicht klagend, nicht erzählend, sondern rein preisend: Er stellt die Größe Gottes in den Mittelpunkt und verbindet diesen Lobpreis mit dem Bild der heiligen Stadt. „Magnus Dominus“ ist keine private Andachtsformel, sondern eine öffentliche, kirchliche Akklamation. Gott wird nicht nur als mächtig, sondern als „laudabilis nimis“, als über alle Maßen lobwürdig bezeichnet; der Ort dieses Lobes ist die „civitas Dei nostri“, die Stadt unseres Gottes, und der „mons sanctus“, der heilige Berg. Im ursprünglichen Psalmzusammenhang ist damit Zion beziehungsweise Jerusalem gemeint; in der christlichen Liturgie konnte diese Vorstellung zugleich auf die Kirche, auf den sakralen Raum und auf die himmlische Gottesstadt bezogen werden.
Gerade diese Verbindung von Gotteslob, heiliger Stadt und liturgischem Raum macht das Offertorium besonders geeignet für den Gottesdienst. An der Stelle der Gabenbereitung erklingt kein erzählender Text, sondern eine feierliche Bekräftigung: Alles, was im Gottesdienst geschieht, steht unter der Größe Gottes. Haydn greift damit eine sehr alte liturgische Denkform auf. Die Kirche singt nicht zuerst von sich selbst, sondern von Gott; der heilige Raum erhält seine Bedeutung nicht durch menschliche Repräsentation, sondern dadurch, dass er Ort des göttlichen Lobes ist. So entsteht aus wenigen Worten eine große theologische Perspektive: Der irdische Kirchenraum wird zum Abbild der Stadt Gottes.
https://www.youtube.com/watch?v=8TlwqGLftTc
Die Tonart d-Moll verleiht dem Werk eine ernste, gewichtige Grundfärbung. Bei einem Text wie „Magnus Dominus“ wäre auch ein strahlendes Dur denkbar; Haydns Entscheidung für d-Moll rückt den Lobpreis jedoch nicht in den Bereich äußerlicher Festlichkeit, sondern gibt ihm Gravität. Die Größe Gottes erscheint hier nicht als bloßer Jubel, sondern als ehrfurchtgebietende Wirklichkeit. Das Lob ist nicht leichtgewichtig, sondern getragen, gesammelt und würdig. Gerade darin liegt die Stärke solcher späten Kirchenstücke Michael Haydns: Sie verbinden klassische Klarheit mit liturgischer Ernsthaftigkeit. Die Musik will nicht überwältigen, sondern dem Wort Gewicht geben.
Inhaltlich ist der Text von einer fast architektonischen Einfachheit. Zuerst steht die Größe des Herrn: „Magnus Dominus“. Dann folgt die Steigerung: Er ist „laudabilis nimis“, überaus lobwürdig. Danach wird der Ort genannt, an dem dieses Lob erklingt: „in civitate Dei nostri“, in der Stadt unseres Gottes. Schließlich wird diese Stadt präzisiert durch das Bild des heiligen Berges: „in monte sancto suo“. Der Vers bewegt sich also von der theologischen Aussage zum liturgisch-räumlichen Bild. Gott ist groß; sein Lob erfüllt die Stadt; diese Stadt ruht auf dem heiligen Berg. Für eine Offertoriumsvertonung ist das ideal: Der kurze Text besitzt Erhabenheit, klare Struktur und eine starke bildliche Mitte.
Lateinischer Text
Magnus Dominus et laudabilis nimis
in civitate Dei nostri,
in monte sancto suo.
Deutsche Übersetzung
Groß ist der Herr und überaus lobwürdig
in der Stadt unseres Gottes,
auf seinem heiligen Berg.
Michael Haydns „Magnus Dominus et laudabilis nimis“, MH 799, ist damit ein spätes, knappes und dennoch bedeutungsvolles Offertorium. Es lebt nicht von dramatischer Ausdeutung, sondern von der Konzentration auf einen einzigen Psalmvers. Der Lobpreis Gottes wird in eine würdige kirchliche Klanggestalt gebracht; die „Stadt Gottes“ erscheint als geistlicher Raum, in dem die Gemeinde ihr Lob erhebt. Gerade durch seine Kürze gewinnt das Werk eine besondere Geschlossenheit: Es sagt nichts Nebensächliches, sondern richtet den Blick unmittelbar auf das Zentrum jeder Liturgie — auf die Größe Gottes, der im heiligen Raum gepriesen wird.
CD Vorschlag
Michael Haydn, Missa Sancta Theresiae, Te Deum, Jeunesses Musicales Choir und dem Erdődy Chamber Orchestra, Leitung Domonkos Héja (* 1974), HUNGAROTON RECORDS, 1999, (echter) Track 9 der CD:
https://www.youtube.com/watch?v=8TlwqGLftTc
„Kaiser Constantin I. Feldzug und Sieg“, MH 117
Unter dem Zeichen des Kreuzes – Michael Haydns wiedergewonnenes Oratorium
Es gibt Komponisten, deren Rang nicht deshalb unterschätzt wird, weil ihre Musik zu wenig Substanz besitzt, sondern weil die Musikgeschichte zu lange auf wenige große Namen zugespitzt wurde. Michael Haydn gehört in diese Kategorie. Er stand fast sein ganzes Nachleben im Schatten seines älteren Bruders Joseph Haydn (1732–1809), obwohl ihn Zeitgenossen keineswegs als Randfigur wahrnahmen. In Salzburg galt er als einer der zuverlässigsten und kunstvollsten Kirchenkomponisten seiner Generation; Wolfgang Amadé Mozart (1756–1791) kannte und schätzte seine Werke, und spätere Komponisten wie Franz Schubert (1797–1828) und Anton Bruckner (1824–1896) fanden in ihm ein Vorbild für eine geistliche Musik, die nicht auf äußere Wirkung allein zielt, sondern aus Satzkunst, liturgischer Haltung und innerer Konzentration lebt.
Gerade deshalb ist die Wiederbegegnung mit dem Oratorium Kaiser Constantin I. Feldzug und Sieg mehr als eine angenehme Repertoire-Entdeckung. Sie korrigiert ein Bild. Wer Michael Haydn nur als würdigen Salzburger Kapellmeister, als frommen Handwerker des Kirchenjahres oder als „kleineren Haydn“ betrachtet, wird durch dieses Werk in Verlegenheit gebracht. Denn hier zeigt sich ein Komponist, der nicht nur korrekt, gelehrt und liturgisch zuverlässig schreibt, sondern dramatisch denkt, mit Farben arbeitet, große vokale Bögen spannt und den Instrumenten eine geradezu sprechende Funktion zuweist. Diese Musik ist nicht bloß respektabel; sie ist stellenweise aufregend.
Das Werk entstand 1769 in Salzburg und gehört zur Tradition des deutschsprachigen Fastenoratoriums. Sein Text stammt von Johann Heinrich Drümel (1707–1770), einem aus Nürnberg stammenden Gelehrten, der in Salzburg wirkte und dort zuletzt als Professor des Staatsrechts tätig war. Michael Haydn vertonte den dritten und abschließenden Teil eines dreiteiligen Oratoriums; der erste Teil wurde von Anton Cajetan Adlgasser (1729–1777), der zweite von J. G. Scheicher komponiert. Über Scheicher sind die biographischen Angaben nach den mir zugänglichen Quellen nicht sicher genug, um Lebensdaten verantwortungsvoll anzugeben; gerade deshalb sollte man hier keine scheinbare Genauigkeit vortäuschen. Die ersten beiden Teile sind offenbar verloren, sodass Haydns Beitrag heute als der erhaltene musikalische Kern dieses großen Salzburger Oratoriums vorliegt.
Der historische Stoff führt in das frühe 4. Jahrhundert: Konstantin der Große (um 272–337) kämpft gegen Maxentius (um 278–312) um die Herrschaft im Westen des Römischen Reiches. Im Zentrum steht die Schlacht an der Milvischen Brücke bei Rom im Jahr 312, die in der christlichen Überlieferung mit der Vision des Kreuzes verbunden wurde. Ob man diese Vision als historische Tatsache, als politische Legende, als nachträgliche Deutung oder als Verdichtung eines religionsgeschichtlichen Wendepunkts versteht, muss für das Verständnis des Oratoriums nicht entschieden werden. Entscheidend ist, wie der Stoff im 18. Jahrhundert gedeutet wird: nicht als militärhistorische Episode, sondern als geistliches Drama der Bewährung. Der Sieg Konstantins wird zum Zeichen der Überwindung der Verfolgung, der Angst und der heidnischen Gewalt. Im Hintergrund steht die Erinnerung an die Christenverfolgungen, besonders unter Diokletian (um 244–um 312), und zugleich der Ausblick auf die Religionspolitik nach Konstantins Sieg, die im Edikt von Mailand von 313 eine neue rechtliche Situation für die Christen im Römischen Reich schuf.
Das Oratorium ist jedoch keine historische Oper. Es zeigt keine äußere Handlung mit Konstantin, Maxentius, Soldaten oder Boten. Die eigentlichen Träger des Geschehens sind allegorische Figuren: Theologie, Glaube, Philosophie, Kleinmütigkeit und Tapferkeit. Damit steht das Werk in einer geistlichen Tradition, in der nicht die Personengeschichte, sondern die Auseinandersetzung von Kräften, Haltungen und Affekten im Mittelpunkt steht. Der Kampf spielt sich gewissermaßen nicht nur vor Rom, sondern im Inneren der christlichen Seele ab. Tapferkeit jubelt, Kleinmütigkeit fürchtet, Philosophie wägt ab, Theologie deutet, Glaube leidet und vertraut. Diese Anlage kann beim ersten Hören distanzierend wirken, weil alle Hauptpartien hohen Stimmen anvertraut sind und sich die Figuren nicht immer so scharf voneinander abheben, wie es bei einer dramatischen Oper der Fall wäre. Aber gerade diese Abstraktion ist kein Mangel des Werkes, sondern sein geistiger Rahmen. Michael Haydn komponiert keine Schlachtenschilderung, sondern ein musikalisches Ideendrama über Angst, Gewissheit, Leiden, Bekenntnis und Sieg.
Schon die Introduzione öffnet einen Raum, der nicht bloß festlich, sondern erwartungsvoll ist. Haydn denkt hier nicht in leerem Zeremoniell, sondern in einer Dramaturgie des Anhebens. Die Musik bereitet vor, ohne zu viel zu verraten. Danach folgt mit „Vielleicht ist Constantin, der große Held“ eine erste gedankliche Öffnung des Geschehens. Noch ist nichts entschieden, noch liegt über allem die Spannung zwischen Hoffnung und Ungewissheit. Gerade in dieser Schwebe zeigt sich Haydns Sinn für Form: Er stürzt den Hörer nicht sofort in Effekt und Jubel, sondern lässt die Situation entstehen.
Umso stärker wirkt anschließend die große Arie der Tapferkeit „Jubilieret, triumphieret, gesegnete Christen“. Hier hebt sich der Vorhang mit Macht. Die Musik tritt in den Raum des Sieges, aber sie tut es nicht mit bloßem Lärm. Der Triumph ist rhythmisch präzise, vokal virtuos und instrumental glänzend gefasst. Besonders die Trompete erhält eine herausgehobene Rolle. Sie ist nicht nur ein Signal der Festlichkeit, sondern ein Partner der Singstimme. Ihre Läufe, Sprünge und Fanfarenfiguren tragen den Affekt der Tapferkeit mit solcher Entschiedenheit, dass man unmittelbar begreift, welche Qualität die Salzburger Hofmusiker besessen haben müssen. Eine solche Partie schreibt man nicht für durchschnittliche Kräfte. Sie setzt einen Virtuosen voraus, der nicht nur laut strahlen, sondern artikulieren, reagieren, gestalten kann. Die Trompete wird hier zum Emblem des christlich gedeuteten Sieges.
Bemerkenswert ist aber, dass Haydn den Jubel nicht eindimensional belässt. In der Arie wird der triumphale Gestus durch kontrastierende Abschnitte gebrochen; der Blick richtet sich nicht nur auf den Sieg der Christen, sondern auch auf die Bestürzung der Gegner. Damit entsteht eine innere Mehrschichtigkeit, die das Stück über eine bloße Bravourarie hinaushebt. Der Jubel ist real, aber er steht vor dem Hintergrund des Kampfes. Gerade diese Verbindung aus Glanz und Spannung macht die Arie so wirkungsvoll.
Auf die festliche Eröffnung folgt mit „Es müssten mir auch viele von den Heiden“ und „Rom ist mir zu stille worden“ eine andere Farbe. Die Musik tritt in den Bereich der Reflexion, der Beobachtung, der Unruhe. Die äußere Stadt Rom wird zum Spiegel eines inneren Zustandes: Stillstand, Erwartung, Beklemmung. Haydn versteht es, Rezitative nicht einfach als verbindende Textstrecken zu behandeln, sondern als dramatische Übergänge. Sie sind nicht bloße Pflicht zwischen den Arien, sondern tragen den gedanklichen Verlauf. Besonders auffällig ist dabei, wie flexibel er zwischen einfacher Begleitung und stärkerer orchestraler Verdichtung wechselt. Wo der Affekt zunimmt, wächst auch die Musik.
Ein erster großer innerer Gegenpol zur triumphierenden Tapferkeit entsteht in der Arie des Glaubens „O du zentnerschwere Last“. Schon der Text ist von außerordentlicher Schwere: Last, Qual, Stiche, Angst — das ist keine dekorative Frömmigkeit, sondern eine Sprache körperlich empfundener Bedrängnis. Haydn antwortet darauf mit einer ausgedehnten, expressiven Musik, die zu den stärksten Momenten des Oratoriums gehört. Die Singstimme wird nicht in opernhafte Klage aufgelöst, sondern in eine Linie geführt, die den Schmerz formt, ohne ihn zu veräußerlichen. Der Glaube erscheint hier nicht als triumphierende Gewissheit, sondern als bedrängte, leidende, ringende Kraft.
Besonders außergewöhnlich ist die obligate Hornpartie. Das Horn besitzt hier keine bloß jagdliche oder heroische Bedeutung. Sein Klang wirkt dunkler, fragender, innerlicher. Es legt sich nicht über den Text, sondern vertieft ihn. In der Verbindung von Stimme und Horn entsteht ein Affekt, der zwischen Angst und Vertrauen schwebt. Gerade hier zeigt sich Michael Haydns Größe: Er weiß, dass geistliche Musik nicht nur bekennen darf, sondern auch erschüttert sein kann. Der Glaube wird nicht dadurch stark, dass er keine Angst kennt, sondern dadurch, dass er in der Angst nicht zerbricht.
Mit „Herr, dein Wort ist Recht und Licht“ tritt eine andere Dimension hinzu. Hier wird nicht mehr nur gefühlt, sondern gedeutet. Theologie bedeutet in diesem Oratorium nicht trockene Lehrhaftigkeit, sondern Ordnung des Denkens im Licht des Glaubens. Haydn komponiert diesen Bereich entsprechend klarer, zielgerichteter, mit einer anderen Art von Festigkeit. Die Musik gewinnt eine aufwärts gerichtete Energie. Sie wirkt wie ein Gegenbild zur bedrückten Arie des Glaubens: Dort die Last, hier das Wort; dort die Angst, hier das Licht. So entsteht im Verlauf des Oratoriums eine geistige Architektur, in der die einzelnen Nummern nicht isolierte Schmuckstücke sind, sondern Stationen eines inneren Weges.
Auch die Duette verdienen Aufmerksamkeit. In „Du stirbst, o Held“ und den umgebenden Abschnitten zeigt sich, wie Haydn parallele Führung, Imitation und vokale Verflechtung nicht als bloßes Satzschema verwendet, sondern zur Charakterisierung gemeinsamer Affekte. Wenn zwei Stimmen sich eng aneinander anschließen, entsteht nicht nur musikalische Symmetrie, sondern eine Art gemeinsamer seelischer Bewegung. Der Tod des Helden, die Trauer um den Gerechten, die Frage nach dem Sinn des Opfers — all das wird nicht breit erzählt, sondern in musikalische Gesten konzentriert. Haydn ist hier kein pathetischer Redner, sondern ein Komponist der verdichteten Aussage.
Von besonderer Bedeutung ist die Arie mit Chor „Einem Mann von dieser Art“. Sie wirkt wie ein Übergang zwischen individueller Klage und gemeinschaftlichem Bekenntnis. Der Chor ist nicht bloße Verstärkung, sondern öffnet den Raum über die Einzelperson hinaus. Der Tod wird nicht nur beklagt, sondern in eine höhere Ordnung gestellt. Man spürt hier jene geistliche Denkweise, die für das 18. Jahrhundert selbstverständlich war, heute aber leicht missverstanden wird: Der Tod des Gerechten ist nicht nur Ende, sondern Erhöhung; nicht nur Verlust, sondern Zeugnis. Haydn komponiert dies nicht sentimental, sondern mit einer Würde, die aus der musikalischen Form selbst entsteht.
Der vielleicht überraschendste Einfall des ganzen Werkes folgt in der Arie der Kleinmütigkeit „Stille, stille, Gottes Wille ist uns heilsam, ewig gut“. Schon die Besetzung macht aufmerksam: Horn und Posaune treten solistisch hervor. Diese Kombination ist in einer Arie dieser Zeit alles andere als gewöhnlich. Das Horn bringt Wärme, Rundung, manchmal auch Verletzlichkeit; die Posaune trägt Würde, Ernst, eine fast kirchlich-archaische Gravität. Zusammen schaffen sie eine Klangwelt, die man nicht ohne weiteres vergisst. Die Kleinmütigkeit wird hier nicht lächerlich gemacht. Sie erscheint als menschliche Schwäche, die Trost braucht, nicht Spott. Das „Stille“ ist kein passives Verstummen, sondern eine Schule der Ergebung. Gottes Wille wird nicht triumphierend behauptet, sondern musikalisch eingeübt.
Gerade diese Arie zeigt, wie falsch es wäre, Michael Haydn als bloßen Nebenmeister abzutun. Die instrumentale Erfindung, die psychologische Feinheit und die formale Sicherheit greifen hier ineinander. Die Soloinstrumente beginnen nicht nur schmückend, sondern bereiten den Eintritt der Stimme vor; sie schaffen gleichsam den geistigen Raum, in dem die Worte überhaupt erst glaubwürdig werden. Wenn Horn und Posaune ihre Linien entfalten, hört man nicht Virtuosität um der Virtuosität willen, sondern einen klanglichen Kommentar zum Text. Das ist hohe Kunst.
Im weiteren Verlauf, etwa bei „Durch welchen Zufall ist Rufin geblieben“, verdichtet sich die Nachricht vom Ausgang des Geschehens. Die historische Ebene tritt wieder deutlicher hervor, doch bleibt sie allegorisch vermittelt. Die Schlacht selbst wird nicht naturalistisch ausgemalt. Es gibt keine plakative Tonmalerei, keinen martialischen Realismus. Haydn interessiert weniger der Lärm des Kampfes als seine geistliche Konsequenz. Am Ende steht mit „Ihr Christen, streuet Palmen“ der Schlusschor, der den Sieg in einen liturgisch gefärbten Jubel verwandelt. Besonders eindrucksvoll ist die Verbindung von festlichem Gestus und geistlicher Ordnung. Der Triumph wird nicht entfesselt, sondern gebunden, nicht theatralisch überdreht, sondern in ein Bekenntnis überführt.
Die Aufnahme unter György Vashegyi (* 1970) macht diese Qualitäten mit großer Überzeugung hörbar. Emőke Baráth, Klára Kolonits, Theodora Raftis, Chantal Santon-Jeffery und Katalin Szutrély übernehmen die fünf allegorischen Sopranpartien; Péter Bárány tritt als Altus im Schlussbereich hinzu. Der Purcell Choir und das Orfeo Orchestra musizieren mit jener Verbindung aus historischer Beweglichkeit und farblicher Fülle, die dieses Werk dringend braucht. Besonders die obligaten Bläserpartien — Trompete, Horn und Posaune — sind von außerordentlicher Bedeutung. Die Solisten László Borsódy, Zoltán Szőke und Ferenc Kócziás werden in einer Besprechung ausdrücklich für ihre Leistungen genannt; diese Hervorhebung ist völlig nachvollziehbar, denn ohne diese Bläserqualität würde ein wesentlicher Teil der Wirkung verloren gehen.
Gleichwohl sollte man das Werk nicht unkritisch idealisieren. Die Besetzung aller fünf Hauptfiguren mit Sopranstimmen erschwert tatsächlich die unmittelbare Unterscheidung der Rollen. Wer den Text nicht mitliest, kann stellenweise Mühe haben, die allegorischen Figuren sicher auseinanderzuhalten. Auch liegt die dramatische Kraft weniger in äußerer Handlung als in theologischer und affektiver Debatte. Das verlangt eine andere Art des Hörens. Man muss bereit sein, nicht nach Opernszenen, sondern nach geistigen Zuständen zu hören. Wer dies akzeptiert, wird reich belohnt.
Gerade im Vergleich mit bekannteren Oratorien des 18. Jahrhunderts gewinnt Haydns Werk ein eigenes Profil. Es besitzt nicht Händels monumentale Choralarchitektur, nicht Glucks dramatische Reformstrenge und nicht die spätere Weltweite von Joseph Haydns Die Schöpfung oder Die Jahreszeiten. Aber es hat eine unverwechselbare Salzburger Signatur: die Verbindung aus liturgischer Ernsthaftigkeit, italienisch geprägter Formkultur, deutscher Textdeklamation und einer fast kammermusikalisch feinen Instrumentalfantasie. Es steht an einer Schwelle: noch dem geistlichen Gebrauch verpflichtet, aber schon weit entfernt vom barocken Da-capo-Schema; noch allegorisch gedacht, aber musikalisch empfindsam, farbig und beweglich; noch höfisch-kirchlich gebunden, aber innerlich erstaunlich frei.
Dass dieses Werk lange verschollen war und erst in jüngerer Zeit wieder auf Tonträger zugänglich wurde, ist mehr als eine diskographische Randnotiz. Es erinnert daran, wie lückenhaft unser Bild des 18. Jahrhunderts noch immer ist. Zwischen den großen Namen liegen keine leeren Flächen. Dort stehen Komponisten, die in ihrer Zeit gehört, geschätzt, gebraucht und bewundert wurden, deren Werke aber durch Überlieferungsverluste, veränderte Geschmacksurteile und die spätere Fixierung auf ein enges Kanonbild fast verschwunden sind. Michael Haydn ist einer dieser Komponisten. Seine Musik braucht keine falsche Überhöhung, aber sie verdient entschiedene Gerechtigkeit.
Kaiser Constantin I. Feldzug und Sieg ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür. Es zeigt einen Komponisten, der den geistlichen Stoff nicht nur vertont, sondern musikalisch durchdenkt. Die Arien sind lang, anspruchsvoll und affektstark; die Rezitative tragen den Verlauf; die Bläser verleihen dem Werk ein ungewöhnliches Profil; der Schlusschor verwandelt den Sieg in gemeinschaftliches Bekenntnis. Besonders die drei großen Nummern „Jubilieret, triumphieret“, „O du zentnerschwere Last“ und „Stille, stille, Gottes Wille“ reichen aus, um die gewohnte Einschätzung Michael Haydns gründlich zu erschüttern. Hier schreibt kein bequemer Durchschnittsmeister. Hier schreibt ein Musiker, der weiß, wie man Klang, Text und geistliche Bedeutung miteinander verbindet.
Für mich ist diese Aufnahme deshalb keine bloße Ergänzung der Michael-Haydn-Diskographie, sondern eine wirkliche Erweiterung des Blicks. Sie rückt Michael Haydn nicht einfach näher an Joseph Haydn heran; das wäre noch immer eine Betrachtung aus dem Schatten des Bruders. Viel wichtiger ist: Sie lässt Michael Haydn als eigenständige Gestalt hervortreten. Sein Rang liegt nicht in der Konkurrenz mit Joseph, Mozart oder Gluck, sondern in einer eigenen Verbindung von frommer Konzentration, kompositorischer Disziplin, melodischer Wärme und instrumentaler Kühnheit.
Wer dieses Oratorium hört, versteht besser, warum Michael Haydn von ernstzunehmenden Musikern geschätzt wurde. Man versteht auch, warum seine Kirchenmusik und seine geistlichen Werke im süddeutsch-österreichischen Raum so nachhaltig wirken konnten. Diese Musik erhebt nicht den Anspruch, die Welt neu zu erfinden. Aber sie besitzt etwas, das vielleicht seltener ist: innere Wahrhaftigkeit, handwerkliche Meisterschaft und eine Klangrede, die den Text ernst nimmt.
o wird Kaiser Constantin I. Feldzug und Sieg zu einer Entdeckung im besten Sinn: nicht zu einer Sensation, die morgen wieder vergessen ist, sondern zu einer Korrektur des Hörens. Michael Haydn erscheint hier nicht als Fußnote der Klassik, sondern als Komponist von geistiger und musikalischer Statur. Und wenn ein wiedergefundenes Werk nach mehr als zweihundertfünfzig Jahren noch immer fähig ist, unser Urteil über seinen Schöpfer zu verändern, dann ist das vielleicht der schönste Beweis seiner Lebendigkeit.
CD Vorschlag
Michael Haydn, Kaiser Constantin I "Feldzug und Sieg", Oratorio 1769, Orfeo Orchestra, Leitung György Vashegyi (* 1970), Accent, 2022:
https://www.youtube.com/watch?v=lD91ntDDcGw&list=OLAK5uy_mnX8kq22NgyemnZc5xVPZ36x2dUD3C9L8&index=1
