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Präludien

Das Wort Präludium geht auf das lateinische prae-ludere zurück und bedeutet ursprünglich ein Vorspiel, etwas, das einer anderen Komposition vorangestellt wird. In der Barockzeit war es meist eine freie, improvisationsartige Einleitung, die den Tonraum eröffnete und den Spieler wie den Hörer auf das Folgende vorbereiten sollte. Bei Johann Sebastian Bach nehmen die Präludien bereits eine feste Gestalt an, etwa im Wohltemperierten Klavier, wo sie jeweils mit einer Fuge verbunden sind. Sie sind dort nicht mehr bloße Einleitungen, sondern selbständige kompositorische Stücke, die den Charakter und die Stimmung einer Tonart entfalten.

Chopin knüpft an diese Tradition an, führt sie aber in eine völlig neue Richtung. Seine 24 Préludes op. 28, die 1838/39 während seines Aufenthalt auf Mallorca entstanden, sind nicht mehr als Vorspiele gedacht. Sie bilden eine in sich geschlossene Sammlung von Charakterstücken, die alle Dur- und Molltonarten durchschreiten, wobei die Reihenfolge an das System von Bachs Wohltemperiertem Klavier erinnert, aber freier angelegt ist. Jedes Prélude ist ein selbständiges Kunstwerk, das oft nur wenige Takte umfasst und doch eine ganze seelische Welt in konzentrierter Form ausdrückt. Manche dauern kaum eine halbe Minute, andere entfalten sich zu kleinen Dramen mit dramatischer Steigerung und Entladung.

Gerade in dieser Verdichtung liegt Chopins Neuerfindung der Gattung. Das Präludium wird zum musikalischen Gedicht, zum Spiegel seelischer Stimmungen, mal zart und flüchtig, mal wild und eruptiv. Spätere Komponisten sahen darin ein Modell, das sie jeweils auf ihre Weise weiterführten. Skrjabin schuf ein eigenes, durch alle Tonarten laufendes Opus, Rachmaninow entwickelte die Form zu großen, virtuos-dramatischen Stücken, Debussy gab seinen poetischen Miniaturen denselben Titel und bekannte sich damit indirekt zu Chopins Erbe.

So wurde das Präludium seit Chopin von einem vorbereitenden Vorspiel zu einer eigenständigen Gattung. Für Chopin selbst bedeutete es die Möglichkeit, frei von den Zwängen der großen Sonatenform oder der Tanzsatz-Tradition, die intimsten und unmittelbarsten musikalischen Eingebungen festzuhalten, wie hingeworfene, aber vollendete Skizzen seiner inneren Welt.

 

Übersicht über die 24 Préludes op. 28 von Frédéric Chopin

 

  1. Prélude C-Dur op. 28 Nr. 1 (1836–1839)

  2. Prélude a-Moll op. 28 Nr. 2 (1836–1839)

  3. Prélude G-Dur op. 28 Nr. 3 (1836–1839)

  4. Prélude e-Moll op. 28 Nr. 4 (1836–1839)

  5. Prélude D-Dur op. 28 Nr. 5 (1836–1839)

  6. Prélude h-Moll op. 28 Nr. 6 (1836–1839)

  7. Prélude A-Dur op. 28 Nr. 7 (1836–1839)

  8. Prélude fis-Moll op. 28 Nr. 8 (1836–1839)

  9. Prélude E-Dur op. 28 Nr. 9 (1836–1839)

  10. Prélude cis-Moll op. 28 Nr. 10 (1836–1839)

  11. Prélude H-Dur op. 28 Nr. 11 (1836–1839)

  12. Prélude gis-Moll op. 28 Nr. 12 (1836–1839)

  13. Prélude Fis-Dur op. 28 Nr. 13 (1836–1839)

  14. Prélude es-Moll op. 28 Nr. 14 (1836–1839)

  15. Prélude Des-Dur op. 28 Nr. 15 („Regentropfen-Prélude“) (1836–1839)

  16. Prélude b-Moll op. 28 Nr. 16 (1836–1839)

  17. Prélude As-Dur op. 28 Nr. 17 (1836–1839)

  18. Prélude f-Moll op. 28 Nr. 18 (1836–1839)

  19. Prélude Es-Dur op. 28 Nr. 19 (1836–1839)

  20. Prélude c-Moll op. 28 Nr. 20 (1836–1839)

  21. Prélude B-Dur op. 28 Nr. 21 (1836–1839)

  22. Prélude g-Moll op. 28 Nr. 22 (1836–1839)

  23. Prélude F-Dur op. 28 Nr. 23 (1836–1839)

  24. Prélude d-Moll op. 28 Nr. 24 (1836–1839)

 

Alle 24 Stücke wurden im Jahr 1839 in Paris und Leipzig veröffentlicht. Zwar gibt es einzelne Hinweise darauf, dass Chopin an einigen Préludes schon 1836 in Paris arbeitete, den geschlossenen Zyklus formte er aber erst auf Mallorca im Winter 1838/39.

 

Die 24 Préludes op. 28 bilden den Kern von Chopins Auseinandersetzung mit dieser Gattung. Entstanden in den Jahren 1836 bis 1839 und veröffentlicht 1839 in Paris und Leipzig, sind sie als Zyklus konzipiert und durchschreiten alle Dur- und Molltonarten in einer systematischen Abfolge. Doch Chopin begnügte sich nicht mit dieser Sammlung. Er schrieb später noch drei weitere Préludes, die jeweils eine besondere Stellung einnehmen. Das Prélude Des-Dur op. 45 von 1841 ist ein Werk von größerer Ausdehnung, das mit seinen weiten harmonischen Ausweichungen fast improvisatorisch wirkt. Daneben existieren zwei postum veröffentlichte Stücke, die den Blick auf Chopins Werkstatt ergänzen: ein kurzes As-Dur-Prélude aus den 1830er Jahren, das im Nachlass gefunden wurde, sowie ein fragmentarisches cis-Moll-Prélude, das Chopin 1841 komponierte, um es der Fürstin Obreskoff zu widmen. Diese drei Werke zeigen, dass Chopin das Genre über den Zyklus op. 28 hinaus als Ausdrucksform schätzte, auch wenn er es nicht zu einer weiteren geschlossenen Sammlung ausbaute.

Übersicht der zusätzlichen Préludes

Prélude Des-Dur op. 45 (1841)
Prélude As-Dur op. posth. (um 1834, veröffentlicht 1868)
Prélude cis-Moll op. posth. (1841, veröffentlicht 1855)

 

Die Einspielungen der Préludes gehören zu den Prüfsteinen der Chopin-Interpretation. Einen „einzigen besten“ Interpreten gibt es nicht, vielmehr verschiedene Ansätze, die jeweils ihre eigenen Stärken zeigen. Einige Pianisten, die von Kritikern immer wieder hervorgehoben werden:

Martha Argerich (* 1941) – Deutsche Grammophon 1975/76. Feurig, elektrisierend, hochvirtuos; voller Spontaneität und unmittelbarer Glut; jeder Prélude wirkt wie ein kleines, dramatisches Ereignis.

Claudio Arrau (1903–1991) – Philips 1974. Klanglich edel, tief durchdacht und ruhig; eine philosophische, reflektierte Gesamtinterpretation mit warmem Ton und großer innerer Ruhe.

Wladimir Aschkenasi (* 1937) – Decca 1975. Klare, direkte Lesart, eher sachlich als exaltiert, mit kultiviertem Ton und ausgewogenem Tempo. Weniger romantische Freiheit, dafür klassische Übersichtlichkeit.

Rafał Blechacz (* 1985) – Deutsche Grammophon 2019. Poetisch, ausgewogen, von kantabler Schönheit. Schlankes, elegantes Klangbild, sehr kontrolliert und farbig, mit polnischem Gespür für die innere Melodik Chopins.

Seong-Jin Cho (* 1994) – Deutsche Grammophon 2021. Modern, transparent, poetisch; kristallklar in Technik, schlank im Klang – ausgewogen und jung.

Alfred Cortot (1877–1962) – Aufnahmen 1926, 1942, 1950 (HMV/EMI). Poetisch-frei, mit Rubato-getränkter, fast improvisatorischer Phrasierung; stilbildend für die spätere Deutung des Zyklus.

Jewgeni Kissin (* 1971) – RCA 1999. Virtuos, glänzend, hochpoliert. Er zeigt packende Energie und große Spannweite der Dynamik, manchmal etwas monumental, aber technisch von überragender Brillanz.

Jan Lisiecki (* 1995) – Deutsche Grammophon 2013. Klar, jugendlich und transparent; ein respektvoller, fast „unromantischer“ Zugang mit Frische, allerdings noch ohne tiefes interpretatorisches Niveau.

Yundi Li (* 1982) – Deutsche Grammophon 2015. Lyrisch, elegant, im Schönklang verhaftet; leichter, moderner Stil mit kontrollierter Phrasierung und sanfter Artikulation.

Garrick Ohlsson (* 1948) – Arabesque 1990er / Hyperion 2008. Kraftvoll, ausgewogen, klassisch; eine edle Gesamtschau ohne extreme Gestik, aber mit solidem, ausgewogenem Stil.

Maria João Pires (* 1944) – Deutsche Grammophon 1992/94; Teil des Gesamtprojekts Prä ludes + Klavierkonzert Nr. 2 (1994). Feinfühlig, elegant, introspektiv – Chopin als poetisches Nachdenken, keine Effekte, aber tiefe emotionale Wahrheit.

Ivo Pogorelich (* 1958) – Deutsche Grammophon 1989/90. Eigenwillig, extrem, polarisierend; radikale Tempokontraste, starke Dynamik – ungewohnt, schwer zu greifen, aber unverwechselbar.

Maurizio Pollini (1942–2023) – Deutsche Grammophon 1975, remastered 2023. Kristallklar, analytisch, strukturell streng; jede Stimme durchleuchtet, architektonisch präzise, manchmal kühl, aber technisch unerreicht.

Sviatoslav Richter (1915–1997) – Live-Aufnahmen Sofia 1959, Moskau 1960 (diverse Labels). Monumental, düster, existenziell; deutet den Zyklus als dramatische Tragödie in 24 Szenen – intensiv und kompromisslos.

Arthur Rubinstein (1887–1982) – RCA Victor 1946. Kantabel, klassisch, natürlich – mit großem Gesangston und unaufdringlicher Noblesse; für viele bis heute die „Referenz-Chopin Lesart“.

Krystian Zimerman (* 1956) – Deutsche Grammophon 1994. Noblesse, klangliche Verfeinerung, poetische Tiefe – eine Synthese aus Pollini und Rubinstein, mit großer Detailarbeit und Perfektion im Klang.

 

... und andere.

 

Ich erlaube mir, drei ganz unterschiedliche Interpreten der Préludes von Frédéric Chopin vorzuschlagen. Sie repräsentieren verschiedene Generationen, ästhetische Ansätze und Hörerfahrungen – und eröffnen so einen vielschichtigen Zugang zu diesem einzigartigen Zyklus.

Maurizio Pollini (1942–2023) steht für die klassische Referenzaufnahme. Seine 1975 entstandene Einspielung gilt bis heute als Maßstab für Klarheit, strukturelle Durchsichtigkeit und technische Präzision. Pollini beleuchtet die Architektur des Zyklus mit analytischem Blick und formaler Strenge – manchmal kühl, aber stets von makelloser Logik und bestechender Konsequenz.

 

Martha Argerich (*1941) bildet dazu das lebendige Gegenstück. Ihre Aufnahme von 1975/76 ist elektrisierend, voller Energie und Spontaneität. Sie spielt Chopin mit einer ungestümen Leidenschaft, die jedes Prélude in ein dramatisches Ereignis verwandelt. Was bei Pollini von strenger Klarheit geprägt ist, erscheint bei Argerich als ein Feuerwerk aus Temperament und improvisatorischem Elan.

Seong-Jin Cho (*1994) schließlich bringt die Stimme der jungen Generation ein. Seine 2021 erschienene Aufnahme verbindet makellose Technik mit moderner Transparenz und poetischer Ausgewogenheit. Cho spricht mit seiner klanglichen Eleganz und seiner jugendlichen Frische ein breites, auch jüngeres Publikum an und zeigt, dass Chopins Préludes auch heute noch unmittelbar berühren und zeitgemäß wirken können.

 

Gerade an diesen drei so unterschiedlichen Lesarten wird deutlich, dass Chopins Préludes nicht als bloße Sammlung einzelner Miniaturen verstanden werden dürfen. Sie bilden einen geschlossenen Zyklus, dessen Spannweite vom flüchtigen Aphorismus bis zur dramatischen Verdichtung reicht. Jede Interpretation muss deshalb den inneren Bogen der 24 Stücke erfassen – und genau darin offenbart sich, wie unterschiedlich Pollini, Argerich und Cho Chopins Meisterwerk deuten.

 

Maurizio Pollini - Frédéric Chopin: 24 Preludes, Op. 28, 1975 Deutsche Grammophon GmbH, Berlin (Tracks 25  bis 48)

Martha Argerich- Frédéric Chopin: 24 Preludes, Op. 28, 1977 Deutsche Grammophon GmbH, Berlin

Seong-Jin Cho - Frédéric Chopin: 24 Preludes, Op. 28, Live, Gilmore Keyboard Festival, Kalamazoo, Michigan, USA, 2021

 

Prélude Nr. 1 C-Dur op. 28

Komponiert 1836–1839, veröffentlicht 1839 bei Maurice Schlesinger in Paris, Breitkopf & Härtel in Leipzig und Wessel & Co. in London.

 

Der gesamte Zyklus op. 28 wurde dem befreundeten Kollegen Joseph Christoph Kessler (1800–1872) gewidmet, einem österreichischen Pianisten und Komponisten, der seinerseits Chopin das Préludien-Opus 31 zugeeignet hatte.

Das erste Prélude steht in C-Dur und ist von sprühender Energie und aufwärtsstrebender Bewegung geprägt. Schon in den ersten Takten entfaltet sich eine wellenartige Figur der rechten Hand, die ununterbrochen durchläuft, während die linke Hand mit kräftigen Akkorden ein festes Fundament legt. Die Musik gleicht einem rauschenden Vorhang, der sich öffnet und den Zyklus in hellstem Licht beginnen lässt. Obwohl das Stück kaum eine Seite umfasst, ist seine Wirkung frappierend: es wirkt wie ein Aufschwung, ein musikalisches „Aufatmen“ zu Beginn der Reise durch alle Tonarten.

Interpretatorisch wird das Stück oft als ein Charakterbild jugendlicher Frische und ungebrochener Vitalität gedeutet. Pollini hebt die kristalline Struktur hervor, lässt jede Figur präzise und klar durchscheinen. Argerich hingegen betont den Funkenflug, macht daraus ein brillantes Feuerwerk, das sich ungestüm entfaltet. Cho findet einen Mittelweg: flüssig, transparent, dabei doch kontrolliert – wie ein modernes, elegantes Vorspiel zu den kommenden Stimmungsbildern.

So eröffnet Chopin seinen Zyklus nicht mit einer feierlichen Ouvertüre, sondern mit einem Stück, das wie ein Strom aus Licht und Bewegung wirkt – ein bewusst schlichtes, aber wirkungsvolles Portal in die vielgestaltige Welt der 24 Préludes.

 

Prélude Nr. 2 a-Moll op. 28

Komponiert 1836–1839, veröffentlicht 1839 gemeinsam mit dem gesamten Zyklus. Wie alle Stücke der Sammlung trägt auch dieses Prélude die Gesamtwidmung an Joseph Christoph Kessler (1800–1872).

Nach dem strahlenden Aufschwung des ersten Préludes in C-Dur schlägt Chopin mit dem a-Moll-Stück eine geradezu schockierende Wendung ein. Plötzliche Schwere, fast trostlose Monotonie prägen den Charakter. Die linke Hand wiederholt in gleichmäßiger Bewegung kurze, absteigende Bassfiguren, während die rechte Hand eine düstere, von Seufzermotiven geprägte Linie darüberlegt. Die harmonische Sprache ist von dissonanten Reibungen durchzogen, was dem Stück einen unruhigen, klagenden Ton gibt.

Robert Schumann nannte dieses Prélude einst eine „kleine Szene, wie von einer kranken und beängstigten Seele hingeworfen“. Es wirkt beinahe fragmentarisch, als würde Chopin hier ein Bild der Verzweiflung oder Resignation in wenigen Takten verdichten.

In der Interpretation zeigen sich die unterschiedlichen Pianistenprofile besonders stark. Pollini spielt das Stück mit unerbittlicher Strenge, jede dissonante Schärfe tritt hervor, was den Eindruck einer eisigen Klarheit erzeugt. Argerich formt es freier, beinahe improvisierend, mit einer nervösen Intensität, die an einen inneren Aufruhr denken lässt. Cho hingegen gestaltet es moderner, kontrollierter, mit feinem Sinn für Balance zwischen der monotonen Bassfigur und der gespannten Oberstimme – weniger tragisch, mehr wie eine introvertierte Klage.

Das zweite Prélude ist damit der bewusste Gegenpol zum ersten: Statt vitaler Energie herrscht hier Schwermut, statt Aufbruch Resignation. Chopin zeigt gleich zu Beginn des Zyklus die extreme Spannweite seiner Ausdrucksmöglichkeiten – eine Seelenskizze in Miniaturform, die von Interpreten große innere Konzentration verlangt.

 

Prélude Nr. 3 G-Dur op. 28

Entstanden 1836–1839, veröffentlicht 1839 in Paris, Leipzig und London.

Nach der düsteren Schwere des a-Moll-Préludes erscheint dieses Stück wie eine lichte Brise. In ununterbrochenen Sechzehntelfiguren entfaltet die rechte Hand einen funkelnden Fluss, während die linke Hand eine schlichte, aber beschwingte Begleitung beisteuert. Die Musik wirkt tänzerisch, fast wie ein improvisiertes Capriccio, heiter und unbeschwert. Sie strahlt eine Eleganz aus, die typisch für Chopins kürzere Klavierminiaturen ist: ein Moment reiner Freude, von fast flüchtiger Leichtigkeit.

Charakteristisch ist die schwebende Motorik, die nie ins Virtuose kippt, sondern stets graziös bleibt. Robert Schumann hörte darin einen „Spielplatz der Elfen“. Trotz seiner Kürze besitzt das Stück eine erstaunliche Leuchtkraft – ein Intermezzo voll Frische, das den dunklen Ton des zweiten Préludes gleichsam hinwegwischt.

In der Deutung der großen Pianisten zeigen sich feine Unterschiede. Pollini legt Wert auf makellose Gleichmäßigkeit und Klarheit, das Sechzehntelgeflecht funkelt wie ein präzises Uhrwerk. Argerich bringt einen Hauch Übermut ins Spiel, lässt die Figuren perlen und schimmern, als seien sie spontan erfunden. Cho wiederum betont die Eleganz und Ruhe, die diesem heiteren Stück innewohnen, und verbindet jugendliche Frische mit kontrollierter Balance.

Das G-Dur-Prélude ist damit ein Musterbeispiel für Chopins Fähigkeit, in wenigen Takten eine Welt der Grazie und Leichtigkeit zu erschaffen – wie ein kurzes Aufblitzen des Lichts im wechselvollen Strom des Zyklus.

 

Prélude Nr. 4 e-Moll op. 28

Entstanden 1838/39, veröffentlicht 1839 in Paris, Leipzig und London.

Dieses Prélude gehört zu den bekanntesten des gesamten Zyklus und gilt als Inbegriff von Chopins Melancholie. Ein ruhiger, gleichmäßiger Puls in der linken Hand – gebrochene Akkorde, die in schweren Schritten auf- und absteigen – bildet den Hintergrund für eine schlichte, klagende Melodie in der rechten Hand. Die Harmonik schreitet in großen Seufzern voran, jede Wendung klingt wie ein neues Aufbäumen und ein erneutes Versinken.

Der Charakter ist von tiefer Traurigkeit durchzogen, doch nicht in theatralischer, sondern in schlichter, ergreifender Weise. Robert Schumann beschrieb das Stück als „ein Trauergesang, den niemand schöner hätte schreiben können“. Die innere Spannung liegt weniger im Rhythmus als in den subtilen harmonischen Fortschreitungen, die immer wieder überraschend und bedrückend wirken.

Gerade dieses Prélude erfordert von Interpreten höchste Konzentration und inneres Gleichmaß. Pollini spielt es mit strengem Ernst und unbeirrbarer Ruhe, was die Tragik wie in Stein gemeißelt erscheinen lässt. Argerich hingegen lässt die Linie freier fließen, betont das Atemhafte, fast Improvisatorische der Klage. Cho gestaltet es mit poetischer Schlichtheit, klaren Linien und moderner Transparenz – eine Lesart, die nicht im Pathos schwelgt, sondern auf innere Wahrheit setzt.

Das e-Moll-Prélude ist ein Stück, das Hörer immer wieder unmittelbar trifft: ein musikalisches Bekenntnis von tiefer Trauer, zugleich schlicht, intim und universell verständlich.

 

Prélude Nr. 5 D-Dur op. 28

Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839.

 

Nach der klagenden Trauermusik in e-Moll setzt Chopin mit dem D-Dur-Prélude ein leuchtendes Gegenzeichen. Es ist ein Stück von tänzerischem Schwung, voller Heiterkeit und Anmut. Rasch aufsteigende Figuren, punktierte Rhythmen und lebhafte Akzente verleihen der Musik den Charakter eines beschwingten Tanzes. Die rechte Hand zeichnet eine elegante Melodielinie, während die linke mit federnden Akkorden stützt und antreibt.

 

Trotz seiner Kürze besitzt das Stück die Wirkung einer kleinen Festmusik. Es vermittelt heitere Gelöstheit und wirkt fast wie ein musikalisches Lächeln, das den düsteren Eindruck des vorangegangenen Préludes vertreibt. Gleichzeitig zeigt sich Chopins Meisterschaft darin, ein Miniaturstück mit so klarer Form und Ausdrucksstärke zu füllen.

 

Die Unterschiede in der Interpretation sind deutlich spürbar. Pollini spielt das Stück mit makelloser Klarheit und rhythmischer Präzision, wodurch es wie ein makellos funkelndes Kleinod wirkt. Argerich betont die Leichtigkeit, lässt die Figuren tanzen, fast übermütig, und verleiht der Miniatur den Charakter einer improvisierten Kaprice. Cho verbindet Klarheit und Eleganz, mit einem modernen, fast kammermusikalischen Klang, der an ein filigranes Gespräch erinnert.

 

Das D-Dur-Prélude zeigt exemplarisch, wie Chopin Kontraste im Zyklus organisiert: auf eine tiefe Klage folgt ein Ausbruch von Lebensfreude, als wollte er das ganze Spektrum menschlicher Empfindungen in immer neuen Facetten durchmessen.

 

Prélude Nr. 6 h-Moll op. 28
Entstanden 1838/39, veröffentlicht 1839.

Dieses Prélude steht in scharfem Kontrast zur Heiterkeit des vorangegangenen D-Dur-Stücks. Ein schwerer, absteigender Bass in der linken Hand bildet die Grundlage, über der die rechte Hand eine schlichte, klagende Melodie entfaltet. Schon die ersten Takte lassen den Eindruck einer Grabgesang-artigen Musik entstehen: langsam, ernst, von melancholischer Schwere durchzogen. Die gleichmäßigen Akkorde erinnern an den Klang einer Trauerglocke, und das Ganze entfaltet sich wie ein stiller, eindringlicher Choral.

Das Stück ist von auffallender Einfachheit in der Struktur, doch gerade diese Reduktion macht seine Wirkung so stark. In wenigen Takten erschafft Chopin ein Bild tiefer Trauer, von resignativer Schwere, die aber niemals in dramatischen Ausbruch umschlägt. Stattdessen herrscht hier ein stiller Ernst, eine fast liturgische Stimmung.

In der Interpretation zeigen sich drei Zugänge. Pollini spielt es mit unbeirrbarer Ruhe und klanglicher Strenge, wodurch die Musik wie in Stein gemeißelt wirkt. Argerich gestaltet es weicher, atmender, mehr als schmerzlich gesungene Kantilene, bei der die Melodie wie ein Wehklagen erscheint. Cho betont die schlichte Schönheit und die Modernität der Harmonik, legt den Fokus auf den reinen, transparenten Klang und vermeidet Pathos – was dem Stück etwas Meditatives verleiht.

Das h-Moll-Prélude ist ein Beispiel dafür, wie Chopin mit minimalen Mitteln größte Ausdruckskraft erreicht. Es ist keine „große“ Trauermusik, sondern eine intime, persönliche Klage, die den Hörer unmittelbar berührt.

 

Prélude Nr. 7 A-Dur op. 28

Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839.

Dieses kurze, nur wenige Takte umfassende Stück ist eines der bekanntesten des Zyklus. Sein Charakter erinnert an ein schlichtes Choral- oder Liedthema, getragen von klaren, blockhaften Akkorden. In seiner Kürze und Einfachheit wirkt es wie ein kurzes Gebet oder eine musikalische Miniatur von volksliedhafter Reinheit.

Die Melodie entfaltet sich in ruhigen Schritten, getragen von der harmonischen Wärme des A-Dur. Kein überflüssiges Ornament stört die Klarheit, und doch liegt in der Knappheit eine erstaunliche Ausdruckstiefe. Gerade die Unmittelbarkeit und Kürze machen das Stück zu einem der eindringlichsten Momente im Zyklus.

In der Interpretation ergeben sich feine Unterschiede. Pollini betont die strenge Klarheit, fast architektonisch, und lässt das Stück wie einen stilisierten Choral wirken. Argerich spielt es mit weicherer, gesanglicher Phrasierung, beinahe wie eine intime Erinnerung, in die ein Hauch Nostalgie gelegt ist. Cho verbindet die Schlichtheit mit moderner Eleganz: transparent, zurückhaltend, mit feinem Klang.

Das A-Dur-Prélude ist in seiner Kürze fast ein „Atemzug“ im Zyklus – ein Moment der Ruhe und Sammlung, bevor Chopin im folgenden fis-Moll-Stück zu neuer Bewegtheit und Dramatik ansetzt.

 

Prélude Nr. 8 fis-Moll op. 28
Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839.

Dieses Prélude bricht den ruhigen Choralcharakter des A-Dur-Stücks abrupt auf. Rasende Figuren in der rechten Hand, die unablässig in Sechzehnteln wirbeln, prallen auf eine energische Begleitung der linken Hand. Das Stück wirkt wie ein Sturm, voller Unruhe, Drang und nervöser Spannung. Harmonisch bewegt es sich kühn, mit plötzlichen Modulationen und unerwarteten Wendungen, die den ungestümen Charakter noch verstärken.

Trotz seiner Kürze ist es ein höchst virtuoses Prélude. Die Technik verlangt absolute Präzision und Beherrschung der raschen Figurationen. Gleichzeitig muss der Pianist eine klare Linie und dramatische Steigerung gestalten, damit das Stück nicht nur als „Etüde“ wirkt, sondern seine innere Dramatik entfalten kann.

Die Unterschiede der Interpreten sind hier besonders deutlich. Pollini besticht durch gnadenlose Präzision: jede Figur sitzt, der Sturm bleibt unter Kontrolle, was der Musik monumentale Wucht gibt. Argerich hingegen entfesselt die ganze Wildheit, lässt die Läufe aufglühen, fast improvisiert, als würde das Stück im Augenblick entstehen. Cho nimmt eine vermittelnde Haltung ein: er spielt mit Brillanz, aber ohne Überhitzung, klar strukturiert und modern, sodass die Rasanz des Stückes zugleich elegant und durchsichtig bleibt.

Das fis-Moll-Prélude zeigt Chopins Fähigkeit, auf engstem Raum maximale Dramatik zu bündeln. Es ist ein kurzer Ausbruch leidenschaftlicher Energie, wie ein Unwetter, das plötzlich über die ruhige Landschaft hereinbricht.

 

Prélude Nr. 9 E-Dur op. 28
Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839.

Nach dem ungestümen Sturm des achten Préludes kehrt Chopin zu einem gänzlich anderen Ausdruck zurück. Das E-Dur-Prélude ist getragen, fast hymnisch, von einer ruhigen und feierlichen Grundhaltung bestimmt. Breite Akkorde in der linken Hand geben der Musik eine choralartige Basis, während die rechte Hand eine gesangliche Melodie darüberlegt, die in langen Bögen strömt.

Die Stimmung ist würdevoll und gelassen, beinahe pastorale Ruhe durchzieht das Stück. Es ist weniger dramatisch als kontemplativ – eine Art stilles Innehalten im Zyklus, das den Hörer nach den emotionalen Extremen der vorangegangenen Stücke wieder zur Sammlung bringt.

Die Interpretationen zeigen verschiedene Nuancen dieser Ruhe. Pollini gestaltet das Stück mit klassischer Klarheit und feierlicher Strenge, wodurch es einen architektonischen, fast sakralen Charakter erhält. Argerich lässt die Linie weicher und lyrischer fließen, ihre Phrasierung wirkt atmend, als würde sie die Melodie in eine intime Erinnerung verwandeln. Cho interpretiert es mit eleganter Schlichtheit, modern im Ton, transparent und klar, was dem Stück eine jugendlich-poetische Ausstrahlung verleiht.

Das E-Dur-Prélude ist ein Moment der inneren Sammlung und verleiht dem Zyklus eine Dimension des Schlicht-Feierlichen. Es erinnert daran, dass Chopins Préludes nicht nur dramatische Szenen, sondern auch stille, gesangliche Meditationen enthalten.

 

Prélude Nr. 10 cis-Moll op. 28
Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839.

Dieses kurze, aber hochvirtuose Prélude ist ein Wirbelsturm aus rasenden Figuren. In der rechten Hand fliegen unablässig Sechzehntelketten auf und ab, während die linke Hand mit sprunghaften Oktaven und Akkorden einen kraftvollen Widerpart bildet. Das Stück ist geprägt von nervöser Energie, plötzlichen Ausbrüchen und dramatischen Kontrasten, die in gerade einmal wenigen Takten eine packende Intensität erzeugen.

Formal gleicht es einer Mini-Etüde, doch Chopin füllt diese Virtuosität mit dramatischem Gehalt. Es wirkt wie ein Blitzgewitter, ein Ausbruch nervöser Kraft, der im Zyklus eine entscheidende dramatische Spitze setzt. Seine Kürze macht es nicht weniger wirkungsvoll – im Gegenteil, die komprimierte Energie steigert die Eindringlichkeit.

Die Interpretationen unterstreichen die unterschiedlichen Facetten. Pollini bewältigt die technische Rasanz mit gnadenloser Präzision, wodurch das Stück wie ein perfekt gefasstes Juwel wirkt. Argerich entfesselt die ganze Virtuosität in leidenschaftlichem Aufglühen, mit dem Eindruck spontaner Improvisation, wodurch es brennt und glüht. Cho präsentiert eine moderne, elegante Lesart: brillant, transparent, klar strukturiert, mit jugendlicher Frische, die dem Sturm eine gewisse Leichtigkeit gibt.

Das cis-Moll-Prélude ist damit ein Paradebeispiel für Chopins Fähigkeit, auf engstem Raum dramatische Explosionen zu gestalten – ein elektrisierender Moment im Zyklus, der kaum eine Minute dauert und doch unvergesslich wirkt.

 

Prélude Nr. 11 H-Dur op. 28
Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839.

Nach der virtuosen Explosion des cis-Moll-Préludes wendet sich Chopin wieder einer lyrischen, fast tänzerischen Geste zu. Das H-Dur-Prélude ist von zarter Heiterkeit und einem perlenden Bewegungsfluss geprägt. Die rechte Hand zeichnet ein ununterbrochenes Geflecht aus leichten Figuren, während die linke eine einfache, aber elegante Begleitung liefert. Der Charakter erinnert an ein kurzes Scherzo oder Intermezzo: fließend, leicht und voller Anmut.

Die Stimmung wirkt fast improvisatorisch, als ob Chopin im Moment eine kleine musikalische Idee hingeworfen hätte. Doch gerade in dieser scheinbaren Mühelosigkeit steckt große Kunst: das Stück bleibt transparent und hell, ohne ins Banale zu kippen. Es ist wie ein kleiner Sonnenstrahl innerhalb des Zyklus.

Die drei Pianisten deuten es auf unterschiedliche Weise. Pollini bringt kristalline Klarheit und präzise Artikulation, wodurch das Stück wie feines Uhrwerk funkelt. Argerich lässt die Figuren freier fließen, mit einem Hauch von Übermut und tänzerischem Schwung, sodass es spielerisch und spontan wirkt. Cho betont Eleganz und Leichtigkeit, modern, luftig, mit einem klaren poetischen Ton, der dem Prélude eine fast kammermusikalische Zartheit verleiht.

Das H-Dur-Prélude ist eine Miniatur voller Anmut und zeigt Chopins Fähigkeit, auch kleinste musikalische Einfälle mit poetischem Gewicht zu erfüllen. Es bildet einen hellen Ruhepunkt im dramaturgischen Verlauf des Zyklus.

 

Prélude Nr. 12 gis-Moll op. 28
Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839.

Dieses Prélude ist ein wahres Ausbruchswerk. Schon der Beginn mit kraftvollen Akkorden in der linken Hand und aufgewühlten Figurationen in der rechten zeigt, dass Chopin hier eine Szene höchster dramatischer Spannung zeichnet. Rasche Sechzehntelketten steigen und fallen, durchsetzt von markanten Akzenten, die dem Stück den Charakter einer stürmischen Klage verleihen. Es ist ein Stück von leidenschaftlicher Dringlichkeit, voller Unruhe und innerem Aufruhr.

Die Harmonik ist kühner als in den vorangegangenen Préludes, plötzliche Modulationen und chromatische Verdichtungen verstärken die nervöse Erregung. Trotz seiner Kürze wirkt es wie ein dramatischer Monolog, der von innerer Zerrissenheit erzählt. Manche Interpreten sehen darin einen Vorgriff auf die existenzielle Ausdruckswelt späterer Komponisten wie Scriabin oder Rachmaninow.

In der Interpretation setzen die Pianisten sehr unterschiedliche Akzente. Pollini verleiht dem Stück monumentale Geschlossenheit, jede Figur ist präzise gefasst, der Sturm bleibt klar durchhörbar. Argerich entfesselt die ganze Leidenschaft, lässt die Sechzehntelketten lodern und die Akzente wie Schläge hereinbrechen – ihre Lesart wirkt spontan und brennend. Cho gestaltet das Stück mit jugendlicher Brillanz, klanglich klar und durchsichtig, was den Eindruck eines kontrollierten, modernen Dramas vermittelt.

Das gis-Moll-Prélude ist einer der Höhepunkte des Zyklus: ein kurzer, aber überwältigender Ausbruch, der die expressive Spannweite Chopins auf engstem Raum erfahrbar macht.

 

Prélude Nr. 13 Fis-Dur op. 28
Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839.

Dieses Prélude bildet nach dem leidenschaftlichen Ausbruch des gis-Moll-Stücks einen Ruhepol. Es ist von gesanglicher Schönheit geprägt und erinnert in seiner Anlage fast an eine kleine Nocturne. Die rechte Hand entfaltet eine weit gespannte, lyrische Melodie, die linke begleitet mit sanften Akkorden und subtilen harmonischen Wendungen. Der Charakter ist innig, träumerisch, von einer zarten Melancholie durchzogen.

Die Musik schreitet mit ruhigem Puls voran und strahlt dabei eine noble Gelassenheit aus. Chopin zeigt hier seine Meisterschaft in der Kunst der Kantilene: die Melodie singt über den Tasten, als würde sie einer menschlichen Stimme nachempfunden sein. Dieses Stück gehört zu den poetischsten Momenten des gesamten Zyklus und offenbart Chopins Fähigkeit, in Miniaturform die Tiefe einer Nachtstimmung einzufangen.

In der Interpretation betonen die Pianisten unterschiedliche Facetten. Pollini bringt die Linie klar und unaufgeregt zur Geltung, mit einem edlen, reinen Ton, der das Stück wie eine stilisierte Nocturne erscheinen lässt. Argerich lässt die Melodie leidenschaftlicher aufblühen, mit atmender Phrasierung und einer fast improvisatorischen Wärme. Cho legt den Schwerpunkt auf Eleganz und Balance, seine Lesart ist von jugendlicher Frische geprägt, zugleich schlicht und poetisch, mit moderner Klarheit.

Das Fis-Dur-Prélude ist ein musikalischer Ruhepunkt, ein lyrischer Gesang, der inmitten der dramatischen Extreme des Zyklus wie ein Moment des stillen Träumens wirkt.

 

Prélude Nr. 14 es-Moll op. 28
Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839.

Dieses kurze, aber äußerst intensive Prélude ist von eruptiver Dramatik durchzogen. Es beginnt ohne Einleitung mit hämmernden Akkorden, die in dichtem Rhythmus aufeinanderfolgen. Der Charakter ist schroff, fast aggressiv – ein Stück von packender Energie, das den Hörer sofort in seinen Bann zieht. Die ständige Wiederholung und Verdichtung der rhythmischen Gestalt erzeugt eine Atmosphäre fieberhafter Unruhe, die keinen Augenblick zur Ruhe kommt.

Die Harmonik steigert die Spannung zusätzlich, durch plötzliche, dissonante Reibungen und schnelle Wendungen. In weniger als einer halben Minute entfaltet Chopin ein musikalisches Drama von größter Intensität – ein Stück, das wie ein Schrei oder ein Aufbegehren wirkt.

Die drei Interpreten gestalten diesen kurzen Ausbruch auf sehr unterschiedliche Weise. Pollini spielt es mit unnachgiebiger Strenge und Präzision, wodurch die Härte und Wucht der Akkorde unerbittlich hervortreten. Argerich verwandelt es in ein aufglühendes Feuer, voller Leidenschaft und mit einem Hauch improvisatorischer Freiheit, sodass das Stück wie ein spontaner Ausbruch wirkt. Cho legt den Akzent auf Klarheit und rhythmische Durchsichtigkeit, wodurch die rasende Energie modern, kontrolliert und dennoch dramatisch wirkt.

Das es-Moll-Prélude ist ein Musterbeispiel für Chopins Fähigkeit, extreme Ausdruckswelten in engstem Raum zu bündeln – eine dramatische Explosion von kaum einer halben Minute Dauer, die im Zyklus wie ein elektrischer Schlag wirkt.

 

Prélude Nr. 15 Des-Dur op. 28 („Regentropfen-Prélude“)
Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839.

Dieses Prélude gehört zu den berühmtesten Stücken Chopins und ist unter dem Beinamen „Regentropfen-Prélude“ bekannt. Die Bezeichnung rührt von der gleichmäßig wiederkehrenden As-Tönen her, die wie das stetige Fallen von Regentropfen wirken. Ob Chopin selbst diesen Eindruck so beabsichtigte, ist umstritten, sicher ist jedoch, dass er in diesem Stück eine außergewöhnliche Wirkung von Ruhe und Bedrohung zugleich erzielt.

Die Anlage ist dreiteilig: Zunächst erklingt ein friedlicher, fast pastoraler Mittelstimmen-Gesang in Des-Dur, getragen von den unablässigen Tropfenfiguren. In der Mittelpartie jedoch kippt die Stimmung abrupt: düstere Harmonien in cis-Moll türmen sich auf, die Begleitung wird drängender, der Ton dramatisch verdunkelt. Schließlich kehrt die helle Des-Dur-Stimmung zurück, doch mit einem leicht melancholischen Schatten.

In diesem Prélude verbinden sich Einfachheit und Dramatik auf faszinierende Weise. Es ist ein Stück von beinahe meditativer Ruhe, das in der Mitte zum erschütternden Aufschrei anwächst, bevor es am Ende wieder in Stille versinkt.

Die Interpretationen der drei Pianisten sind aufschlussreich. Pollini spielt das Stück mit makelloser Kontrolle und betont die architektonische Form: klar, streng, fast objektiv, wodurch die dramatische Mitte umso wirkungsvoller hervortritt. Argerich lässt die Musik atmender und leidenschaftlicher fließen, sie gestaltet das „Regentropfen“-Motiv wie ein lebendiges Pulsieren und steigert die Mittelpartie zu einem leidenschaftlichen Ausbruch. Cho wiederum zeigt eine moderne Lesart: elegant, transparent, lyrisch, mit poetischer Ruhe, die sich besonders in der Rückkehr der Des-Dur-Teile zeigt – eine Interpretation, die für ein heutiges, auch junges Publikum unmittelbar zugänglich wirkt.

Das Des-Dur-Prélude ist so etwas wie das Herzstück des Zyklus – ein Stück, das mit seiner Bildhaftigkeit und emotionalen Spannweite seit Chopins Zeiten bis heute fasziniert und in keinem Konzertprogramm fehlt.

 

Prélude Nr. 16 b-Moll op. 28
Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839.

Dieses Prélude gehört zu den technisch anspruchsvollsten des gesamten Zyklus. Rasende Sechzehntel in der rechten Hand stürzen unaufhörlich in Kaskaden herab, während die linke Hand mit mächtigen Akkorden und Sprüngen dagegenhält. Das Stück entfaltet von der ersten Note an eine überwältigende Virtuosität, die wie ein Gewitter über den Tasten niedergeht. Es gilt als eines der brillantesten und zugleich schwierigsten Préludes Chopins.

Der Charakter ist ungestüm und leidenschaftlich. Die Musik scheint vor Dringlichkeit und Energie zu bersten, ohne den Hörer einen Moment der Entspannung zu gönnen. Trotz der Kürze – es dauert kaum zwei Minuten – entfaltet sich ein dramatischer Sturm, der wie eine virtuose Demonstration wirkt, aber zugleich tiefen Ausdruck transportiert. Manche Hörer haben es mit einer wild aufschäumenden Etüde verglichen, doch im Zyklus ist es weit mehr: ein Höhepunkt der eruptiven Leidenschaft.

In der Interpretation offenbaren sich große Unterschiede.

 

Pollini bewältigt das Stück mit absoluter Präzision und eiserner Kontrolle; seine Lesart wirkt monumental, als sei der Sturm in klare architektonische Linien gezwungen. Argerich entfesselt dagegen eine brennende Wildheit, ihre Hände rasen über die Tasten, und sie lässt das Stück wie ein improvisiertes Inferno erscheinen – voller Leidenschaft und Gefahr. Cho bietet eine moderne, elegante Lösung: brillant, aber durchsichtig, mit technischer Makellosigkeit und jugendlicher Energie, die den Sturm glühen lässt, ohne dass die Struktur verloren geht.

Das b-Moll-Prélude ist einer der atemberaubenden Höhepunkte des Zyklus – ein Beweis für Chopins Fähigkeit, Virtuosität und Ausdruck zu verschmelzen, sodass der Hörer nicht nur technische Brillanz, sondern ein leidenschaftliches musikalisches Drama erlebt.

 

Prélude Nr. 17 As-Dur op. 28
Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839.

Dieses Prélude gehört zu den umfangreicheren des Zyklus und entfaltet eine weit gespannte, fast hymnische Ruhe. Über gleichmäßigen Akkordfolgen entwickelt die rechte Hand eine breit angelegte, kantable Melodie, die in langen Bögen geführt wird. Der Charakter ist von edler Gelassenheit, manchmal als „kleine Nocturne im Zyklus“ bezeichnet, doch in seiner Monumentalität eher ein gesangliches Hymnusstück.

Das As-Dur-Prélude steht in deutlichem Kontrast zum tobenden b-Moll-Vorgänger. Hier öffnet sich der Klangraum, und die Musik atmet mit großen Perioden. Es ist ein Moment des Innehaltens, beinahe von kontemplativer Feierlichkeit – ein Ruhepunkt, der den Zyklus für einige Minuten in eine lyrische, warme Klangwelt führt.

Die drei Pianisten heben jeweils verschiedene Qualitäten hervor. Pollini formt die Melodie mit edler Strenge, klar konturiert, wodurch das Stück die Würde einer stilisierten Nocturne erhält. Argerich lässt die Linien gesanglicher und atmender erklingen, mit mehr Rubato, fast wie eine improvisierte Ballade, die den persönlichen Ausdruck betont. Cho legt besonderen Wert auf Transparenz und Ausgewogenheit, gestaltet das Stück elegant und poetisch, wodurch es eine jugendliche Frische gewinnt.

Das As-Dur-Prélude zeigt Chopins Fähigkeit, im Rahmen der Miniaturform große Bögen und eine erhabene, fast zeitlose Stimmung zu schaffen. Es ist ein Ruhepol und zugleich ein lyrischer Höhepunkt im dramaturgischen Verlauf des Zyklus.

 

 

Prélude Nr. 18 f-Moll op. 28
Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839.

Dieses kurze, aber hochdramatische Stück steht im schroffen Gegensatz zur weit ausgespannten Ruhe des As-Dur-Préludes. Schon der Beginn mit stürzenden Akkorden und ungestümen Gesten macht deutlich, dass es hier um einen leidenschaftlichen Ausbruch geht. Das Prélude wirkt wie ein aufgewühlter Monolog, in dem Schmerz und Aufbegehren in konzentrierter Form verdichtet sind.

Die Harmonik ist kühn und spannungsreich, schnelle Bewegungen der rechten Hand treffen auf energische Basslinien, die die Dramatik verstärken. Es gibt kaum Momente der Entspannung – das Stück rast von Beginn an in einem leidenschaftlichen Strom, der abrupt endet. Mit seiner knappen Form, aber explosiven Intensität gehört es zu den ausdrucksstärksten Miniaturen des Zyklus.

Die Interpretationen zeigen deutliche Unterschiede. Pollini spielt das Stück mit schneidender Präzision, was die dramatische Härte und Unerbittlichkeit der Akkorde betont. Argerich entfesselt ein fast improvisatorisches Feuer, sie lässt das Stück lodern und glühen, als würde es in einem Moment des Affekts geboren. Cho bewältigt die dramatische Rasanz mit jugendlicher Brillanz, klar, strukturiert und dennoch voller Energie – eine moderne Lesart, die den Ausbruch dramatisch, aber nie chaotisch wirken lässt.

Das f-Moll-Prélude ist ein leidenschaftlicher Aufschrei, ein eruptives Stück von großer Intensität, das zeigt, wie Chopin auf wenigen Takten extreme seelische Erregung zum Ausdruck bringen konnte.

 

Prélude Nr. 19 Es-Dur op. 28
Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839.

Dieses Prélude gehört zu den heiteren und sonnigen Momenten im Zyklus. Eine tänzerische Leichtigkeit durchzieht die Musik: die rechte Hand entfaltet helle, wellenartige Figuren, während die linke Hand mit rhythmischer Klarheit begleitet. Die Stimmung ist beschwingt, fast pastoral, als wollte Chopin nach den dunklen Ausbrüchen des f-Moll-Stücks wieder Licht und Gelassenheit hereinlassen.

Besonders auffällig ist die Eleganz der Melodielinie, die wie eine kleine, spielerische Arabeske wirkt. Alles scheint leicht und selbstverständlich zu fließen, doch hinter dieser Leichtigkeit steckt große Kunst: Chopin schafft eine feine Balance zwischen tänzerischem Schwung und melodischer Zartheit.

In der Interpretation treten die Pianisten auf unterschiedliche Weise hervor. Pollini spielt das Stück mit makelloser Klarheit, jeder Ton ist durchhörbar, wodurch die tänzerische Struktur präzise und edel erscheint. Argerich bringt mehr Spontaneität und überschäumende Energie hinein, sie lässt das Stück geradezu funkeln und mit überschäumender Lebendigkeit aufblühen. Cho findet eine elegante Mitte: poetisch, modern, mit feiner Transparenz, was dem Stück eine jugendlich-frische Ausstrahlung gibt.

Das Es-Dur-Prélude ist wie ein kleiner Sonnenstrahl im Zyklus – ein Moment der Heiterkeit und des tänzerischen Schwungs, der den Kontrast zu den benachbarten düsteren Préludes besonders eindrucksvoll macht.

 

Prélude Nr. 20 c-Moll op. 28
Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839.

Dieses Prélude ist eines der kürzesten, aber zugleich eindrucksvollsten des gesamten Zyklus. Mit seinen schweren Akkorden und blockhaften Fortschreitungen erinnert es an eine feierliche, fast choralartige Musik. Der Charakter ist monumental und ernst, von einer Würde geprägt, die über den engen Rahmen der Miniatur hinausweist.

Die rechte und linke Hand bewegen sich fast parallel, wodurch eine mächtige Klangmasse entsteht. Harmonisch wirkt das Stück schlicht, aber von großer Wirkung: die abwärtsgerichteten Akkordfolgen klingen wie Schläge, die sich in das Gedächtnis des Hörers einbrennen. Franz Liszt schätzte dieses Prélude besonders und fertigte selbst eine Bearbeitung an, in der er die choralhafte Strenge unterstrich.

Die Interpreten zeigen sehr unterschiedliche Ansätze. Pollini spielt das Stück mit eiserner Strenge und makelloser Kontrolle, wodurch die Architektur wie gemeißelt wirkt. Argerich legt mehr Gewicht auf die innere Spannung, lässt die Akkorde atmender klingen, mit einem Hauch von improvisatorischer Freiheit, die dem Stück mehr Dramatik gibt. Cho interpretiert es mit moderner Klarheit, etwas leichter im Ton, aber von edler Transparenz, wodurch die monumentale Geste jugendlich-frisch wirkt.

Das c-Moll-Prélude zeigt Chopins Fähigkeit, in größter Kürze ein Musikstück von nahezu liturgischer Erhabenheit zu schaffen. Es ist eine der berühmtesten Miniaturen des Zyklus, oft isoliert gespielt, aber im Zusammenhang des Ganzen besonders eindrucksvoll, weil es wie ein feierliches Innehalten wirkt.

 

Prélude Nr. 21 B-Dur op. 28
Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839.

Dieses Prélude bringt nach der monumentalen Schwere des c-Moll-Stücks eine hellere, beinahe heitere Stimmung. Von Anfang an entfaltet es eine tänzerische Leichtigkeit: die rechte Hand zeichnet eine lyrische Melodie in geschwungenen Bögen, während die linke eine ruhige, aber bewegte Begleitung liefert. Es herrscht ein kantables, gesangliches Element vor, das dem Stück den Charakter eines kleinen, eleganten Liedes verleiht.

Die harmonischen Wendungen sind sanft, aber nicht banal. Immer wieder leuchtet ein zarter Hauch von Melancholie durch, doch ohne die heitere Grundfarbe zu verdunkeln. Das B-Dur-Prélude wirkt wie eine Atempause im Zyklus – ein Stück, das innere Ruhe und Grazie vermittelt, ohne dramatischen Anspruch.

Die drei Pianisten betonen unterschiedliche Aspekte dieser Eleganz. Pollini gestaltet die Linien mit edler Klarheit, wodurch das Stück wie ein kammermusikalisch-feines Intermezzo wirkt. Argerich lässt die Melodie freier und wärmer aufblühen, sie spielt es wie ein kurzes, improvisiertes Lied voller Zärtlichkeit. Cho verbindet Klarheit und Schlichtheit mit jugendlicher Eleganz; seine Lesart klingt transparent, lyrisch und zugänglich.

Das B-Dur-Prélude ist damit ein Moment des Aufatmens – ein schlichtes, aber poetisch leuchtendes Kleinod, das den Zyklus in seiner Vielgestaltigkeit wunderbar abrundet.

 

Prélude Nr. 22 g-Moll op. 28
Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839.

Dieses Prélude schlägt mit voller Kraft in den Zyklus ein. Von den ersten Takten an herrscht ein dramatischer, ungestümer Tonfall. Mächtige Akkorde und markante Rhythmen in der linken Hand stützen die leidenschaftlichen Gesten der rechten, die sich in kraftvollen Figurationen entlädt. Die Energie dieses Stücks ist ungebremst, die Atmosphäre von leidenschaftlicher Unruhe und kämpferischer Dringlichkeit erfüllt.

Die Harmonik unterstreicht den dramatischen Charakter durch häufige, spannungsvolle Wendungen, die das Stück immer wieder antreiben. Trotz seiner Kürze besitzt es eine fast orchestrale Wirkung: die Akkorde klingen wie Fanfaren, die Läufe wie ein flammender Aufschrei. Es ist eines der expressivsten und kompromisslosesten Préludes Chopins.

Die Interpretationen heben diese Gegensätze auf verschiedene Weise hervor. Pollini verleiht dem Stück monumentale Wucht, die Energie ist stets in strenger Kontrolle gebändigt, was ihm etwas Architektonisches gibt. Argerich entfesselt ein glühendes, impulsives Feuer, die Leidenschaft lodert ungebremst, was dem Stück eine fast improvisierte Dramatik verleiht. Cho bringt eine jugendliche Brillanz ein, klar, transparent, energisch, aber nie überladen – eine moderne Lesart, die den Sturm elegant fasst.

Das g-Moll-Prélude ist ein kurzer, aber heftiger Ausbruch, ein Stück von fast beängstigender Intensität, das Chopins dramatische Seite in reinster Form zeigt.

 

Prélude Nr. 23 F-Dur op. 28
Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839.

Nach dem stürmischen Ausbruch des g-Moll-Préludes wirkt dieses Stück wie ein Aufatmen. In leichten, fließenden Figuren entfaltet die rechte Hand ein heiteres, spielerisches Motiv, während die linke eine einfache, aber rhythmisch stabile Begleitung liefert. Der Charakter ist tänzerisch, graziös, fast scherzhaft, als wollte Chopin hier ein kleines Stück unbeschwerter Freude einflechten.

Besonders auffällig ist die Transparenz der Textur: nichts klingt überladen, die Linien sind klar voneinander getrennt. Es ist ein Beispiel für Chopins Meisterschaft in der Kunst der Miniatur – ein kurzer Moment von Leichtigkeit, der den Zyklus aufhellt, bevor er in der Schlussnummer wieder in tiefere Abgründe hinabsteigt.

Die drei Pianisten heben die verschiedenen Facetten hervor. Pollini betont die makellose Klarheit, wodurch das Stück wie ein funkelndes Kleinod wirkt. Argerich spielt es mit federnder Leichtigkeit, beinahe übermütig, was ihm den Charakter eines improvisierten Tanzes verleiht. Cho gestaltet es elegant und durchsichtig, mit jugendlicher Frische, die dem Stück ein modernes, unbeschwertes Gesicht gibt.

Das F-Dur-Prélude ist ein Moment heiterer Grazie im Zyklus – ein kurzes Lächeln, das umso stärker wirkt, weil es direkt vor dem dramatischen Finale steht.

 

Prélude Nr. 24 d-Moll op. 28
Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839.

Dieses Prélude ist der monumentale Schlusspunkt des Zyklus. Es entfaltet von Beginn an eine Atmosphäre von dramatischer Entschlossenheit: rasende Figuren, hämmernde Akkorde und mächtige Oktaven jagen in unaufhaltsamem Drang dahin. Alles wirkt wie ein großer, leidenschaftlicher Kampf, der mit wuchtigen Gesten geführt wird.

Die Struktur ist klar auf ein Ziel ausgerichtet: nach den stürmischen Einleitungen steigert sich die Musik in immer dichteren Figuren, bis sie in einem finalen Ausbruch kulminiert. Der Schluss, mit seinen markanten, schlagartigen Akkorden, wirkt wie eine endgültige Setzung – ein kompromissloses Ende, das den ganzen Zyklus in dramatischer Wucht zusammenfasst.

Interpretatorisch zeigt sich die Spannweite der Ansätze. Pollini gestaltet das Stück mit unerbittlicher Präzision und architektonischer Strenge – die Dramatik ist monumental, kontrolliert, wie in Stein gemeißelt. Argerich lässt die Musik in flammender Leidenschaft auflodern, mit atemloser Energie, sodass das Finale wie ein improvisiertes Inferno wirkt. Cho präsentiert eine moderne Deutung: brillant, klar, voller jugendlicher Energie, ohne dass die Übersicht verloren geht – eine Synthese aus Virtuosität und poetischem Maß.

Das d-Moll-Prélude ist nicht nur der Höhepunkt des Zyklus, sondern auch ein Schlusspunkt von elementarer Kraft. Chopin entlässt den Hörer nicht in Ruhe oder Versöhnung, sondern in einen letzten, überwältigenden Ausbruch. Damit wird deutlich, dass die 24 Préludes mehr sind als eine lose Sammlung: sie bilden einen dramatischen Bogen, der von Licht und Heiterkeit bis zu tiefster Schwermut reicht und in einem unvergesslichen Finale kulminiert.

 

Prélude Des-Dur op. 45
Komponiert 1841, veröffentlicht 1841 bei Schlesinger in Paris.

Gewidmet ist es Prinzessin Élisabeth Czernicheff (1818–1881).

Dieses Einzelstück unterscheidet sich von den 24 Préludes op. 28 durch seinen weiten Atem und seine freiere Struktur. Es ist kein Miniaturbild, sondern eine ausgedehnte, fast improvisatorische Meditation, die auf einem ruhig schreitenden Rhythmus basiert. Chopin moduliert kühn und entfernt sich weit von der Grundtonart Des-Dur, bevor er in einer langen Linie wieder zurückkehrt. Die Musik ist von schwebender Eleganz, träumerisch, von innerer Ruhe und poetischer Verfeinerung.

Argerich gestaltet es weich und atmend, beinahe wie eine improvisierte Fantasie:

 

Prélude As-Dur, op. posth.
Wahrscheinlich um 1834 komponiert, veröffentlicht erst 1868.

Dieses kleine Stück ist von schlichter, zarter Anmut. Es wirkt beinahe wie eine Skizze: nur wenige Takte, doch voller Wärme und Gesanglichkeit. Eine ruhige Melodie entfaltet sich über einer schlichten Begleitung, von einer eleganten, fast volksliedhaften Reinheit. Gerade seine Kürze macht den Zauber aus – es ist wie ein musikalischer Gedanke, den Chopin in einem einzigen Atemzug niederschrieb.

In der Interpretation lassen Pianisten oft die Schlichtheit für sich sprechen. Argerich bringt Wärme und Freiheit in die Phrasierung, lässt es wie eine improvisierte Eingebung erscheinen.

Prélude cis-Moll, op. posth.
Entstanden 1841, veröffentlicht 1855 nach Chopins Tod.

Chopin schenkte es der Fürstin Jeanne Obreskoff (1812–1895).

Dieses kurze Stück ist leidenschaftlich und dramatisch. Es beginnt mit gewichtigen Akkorden, die eine klagende Stimmung aufbauen, und steigert sich zu einer leidenschaftlichen Passage voller Dringlichkeit. Trotz seiner Kürze hat es den Charakter eines dramatischen Monologs. Es ist vielleicht das ausdrucksstärkste der drei zusätzlichen Préludes, da es die innere Zerrissenheit Chopins besonders eindringlich vermittelt. Artur Rubinstein (1887–1982):

Rubinstein nähert sich diesem Werk mit einer Noblesse und Wärme, die ganz seinem pianistischen Wesen entspricht. Sein Ton ist nie aufdringlich, sondern von einer tiefen Ruhe und Ausgeglichenheit getragen. Schon die einleitenden Akkorde gestaltet er mit edlem Gewicht, ohne Härte, sodass sie wie eine feierliche Grundlage wirken, auf der sich die Melodie entfalten kann.

Im Verlauf der Modulationen – die Chopin mit fast improvisatorischer Kühnheit über weite harmonische Räume führt – behält Rubinstein stets die Übersicht. Er betont nicht das Abenteuerliche, sondern das Organische dieser harmonischen Reisen. Alles klingt folgerichtig, so als würde sich die Musik aus innerer Notwendigkeit entwickeln.

Seine Kantilene ist unvergleichlich: gesanglich, warm, mit einem weiten Atem. Er phrasiert die Linie wie ein Sänger, der die innere Bedeutung jeder Wendung nachspürt. Wo andere Pianisten zu stark auf den dramatischen Ausbruch setzen, bleibt Rubinstein in der Balance – die Leidenschaft ist vorhanden, aber eingebettet in eine Haltung klassischer Würde.

Besonders eindrucksvoll ist die Rückkehr nach Des-Dur am Ende: Rubinstein lässt die Spannung langsam zur Ruhe kommen, nicht abrupt, sondern wie in einem sanften Verklingen. Der Schluss klingt wie ein nach innen gesprochener Gedanke – intim, gelassen, voller innerer Würde.

So wird das Prélude cis-Moll op. 45 bei Rubinstein nicht zu einem Moment flüchtiger Virtuosität oder improvisatorischer Exzentrik, sondern zu einer poetischen Meditation, die in schlichter Größe leuchtet.

Chopins Préludes bilden einen einzigartigen Zyklus, der in Miniaturen das ganze Spektrum menschlicher Empfindungen umfasst. Sie sind keine bloßen Skizzen oder Vorübungen, sondern vollendete Charakterstücke, die in größter Kürze ganze seelische Welten eröffnen. Von flüchtigen Lichtblicken bis zu Momenten tiefster Verzweiflung, von tänzerischer Anmut bis zu monumentaler Wucht zeigt sich hier Chopins unerschöpfliche Fantasie.

Jede Interpretation offenbart neue Facetten: mal kristallin und streng, mal leidenschaftlich und spontan, mal modern und poetisch. So bleibt dieser Zyklus ein offenes Buch, das jede Generation neu liest – und das bis heute zu den eindringlichsten und universellsten Zeugnissen romantischer Klavierkunst zählt.

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