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Herkunft und Entwicklung der Polonaise:

Vom Adelstanz zum musikalischen Nationalsymbol

Die Polonaise – in Polen ursprünglich Chodzony („der Gehende“) oder taniec polski („polnischer Tanz“) genannt – entstand gegen Ende des 16. Jahrhunderts als feierlicher Prozessionstanz an den Höfen des polnischen Adels (Szlachta). In der höfischen Gesellschaft diente sie als repräsentativer Einzugstanz bei festlichen Anlässen: Die Paare schritten in gemessenem Tempo hintereinander durch den Saal, begleitet von Musik im 3/4-Takt mit charakteristischen punktierten Rhythmen. Ihre würdige Haltung, der bewusste Gang und die festliche Pracht spiegelten den gesellschaftlichen Rang der Teilnehmenden wider.

Auch im ländlichen Milieu blieb die Tanzform lebendig – vor allem als Bestandteil von Hochzeitsritualen und Dorffesten. Je nach Region war sie unter volkstümlichen Bezeichnungen wie Gehtanz, Langsamer, Großer, Gänse- oder Hopfentanz bekannt; Form, Tempo und Melodien konnten dabei stark variieren.

Frühe Notation und internationale Verbreitung

 

Die ersten gesicherten musikalischen Quellen des „polnischen Tanzes“ stammen aus dem späten 16. Jahrhundert. So findet er sich bereits in der Orgeltabulatur von Elias Nikolaus Ammerbach (um 1530–1597) in Leipzig (1583) sowie im Lautenbuch von Johannes Arpinus (um 1585). In diesen frühen Sammlungen begegnet der Tanz unter Bezeichnungen wie Chorea polonica, Taniec polski oder Polacca.

 

Durch die dynastischen Verbindungen Polens mit Frankreich gelangte die Tanzform an den französischen Hof – insbesondere durch Heinrich III. (1551–1589), der 1573/74 König von Polen und anschließend König von Frankreich war. In Frankreich erlangte sie als danse polonaise rasch Popularität und hielt ab etwa 1730 Einzug in die höfische Festkultur ganz Europas. Über diesen Umweg übernahm man schließlich auch in Polen selbst die französische Namensform Polonaise (Polonez) – ein bemerkenswerter Fall, in dem ein ursprünglicher Begriff über eine Fremdsprache zurückkehrte.

 

Die Polonaise als Nationaltanz

 

Gemeinsam mit der Mazurka und dem Krakowiak gehört die Polonaise zu den ältesten polnischen Nationaltänzen. Im 18. und 19. Jahrhundert entwickelte sie sich zunehmend zu einem Symbol kultureller Identität – zunächst als Gesellschaftstanz, bald jedoch auch in der Kunstmusik. Komponisten wie Johann Sebastian Bach (1685–1750), Georg Philipp Telemann (1681–1767), Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) oder Ludwig van Beethoven (1770–1827) integrierten polnische Tanzrhythmen als exotisch gefärbte Episoden in ihre Werke.

 

Erst Frédéric Chopin (1810–1849) jedoch erhob die Polonaise zu einer eigenständigen, hochentwickelten Kunstform. Bei ihm wurde sie weit mehr als nur eine folkloristische Stilisierung: Sie wurde zu einem musikalischen Bekenntnis – Ausdruck von Patriotismus, Erinnerung und Sehnsucht, zugleich künstlerisch vollendete Verbindung von nationalem Kolorit und pianistisch-virtuoser Meisterschaft. In seinen Händen verwandelte sich der einstige Adelstanz in ein klingendes Denkmal polnischer Kultur und Freiheit.

 

Chopins Polonaisen – Werkübersicht und Einteilung

 

Frédéric Chopin komponierte insgesamt 17 Polonaisen, von denen jedoch nicht alle zu Lebzeiten veröffentlicht wurden. Für eine systematische Betrachtung lassen sie sich in drei Gruppen gliedern:

 

I. Acht Hauptwerke mit Opuszahl (1830–1846)

 

Diese gelten als die reifen, künstlerisch ausgearbeiteten Polonaisen und bilden das Zentrum jeder ernsthaften Beschäftigung mit Chopins Beitrag zu dieser Gattung:

 

II. Frühe Polonaisen ohne Opuszahl (1817–1829)

 

Diese Werke stammen aus Chopins Kindheit und Jugend. Sie sind oft reizvoll und voller melodischer Frische, erreichen jedoch nicht die kompositorische Reife seiner späteren Schöpfungen:

  • Polonaise g-Moll (1817, KK IIa/1) – komponiert im Alter von 7 Jahren

  • Polonaise B-Dur (1817, KK IVa/1) – jugendlich unbeschwert

  • Polonaise As-Dur (1821, KK IVa/2)

  • Polonaise Ges-Dur (1822, KK IVa/3)

  • Polonaise b-Moll (1826, KK IVa/5)

  • Polonaise gis-Moll (1822?, KK IVa/4)

  • Polonaise g♯-Moll (KK Anh. Ia/1) – fragmentarisch überliefert

 

III. Polonaisen mit zweifelhafter Autorschaft oder Bearbeitungscharakter

  • Polonaise Es-Dur für Klavier und Orchester (KK IVa/6) – möglicherweise Bearbeitung oder Gemeinschaftsarbeit

  • Polonaise cis-Moll (KK IIb/3, 1829) – spannungsreich, frühreif, häufig eingespielt

 

Erklärung der Katalognummern (KK)

 

Die Abkürzung KK steht für Kobylańska-Katalog – benannt nach der polnischen Chopin-Forscherin Krystyna Kobylańska (1925–2009), die in ihrem Werk Frédéric Chopin – Thematisch-bibliographisches Werkverzeichnis (1977) sämtliche bekannten Kompositionen Chopins verzeichnet hat. Die römischen Zahlen und Buchstaben geben innerhalb dieses Systems die Werkgruppen an:

  • IIa / IIb – frühe Klavierwerke, teils für Orchester

  • IVa – Polonaisen für Klavier solo

  • Anh. – Anhang; meist Fragmente oder zweifelhafte Zuschreibungen

 

Dieses Ordnungssystem ermöglicht es, auch Jugendwerke, Fragmente und posthum veröffentlichte Stücke eindeutig zu identifizieren, selbst wenn sie keine Opuszahl tragen.

Vorschlag der Gesamtaufnahme der Polonaisen: Garrick Ohlsson: Polonaises...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=0p0DxWjuNR8&list=OLAK5uy_nM153_8IpDmQ3ucIY1LdHZXBSygQMjLVs&index=2

 

Garrick Ohlsson (* 3. April 1948), amerikanischer Pianist und erster Gewinner des renommierten Internationalen Chopin‑Wettbewerbs in Warschau im Oktober 1970, ist heute weithin anerkannt für seine faszinierende Interpretation der Polonaisen Chopins. Auch wenn kürzlich ein weiterer Pianist amerikanischer Herkunft mit chinesischen Wurzeln den Wettbewerb gewann, bleibt Ohlsson eine einzigartige Persönlichkeit in der Geschichte des Wettbewerbs.

Die Aufnahmen seiner gesamten Polonaisen entstanden im Rahmen der monumentalen Gesamteinspielung aller Chopin‑Klavierwerke, die zwischen 1989 und 2000 für das Label Arabesque realisiert und später von Hyperion in einem 16‑CD‑Boxset neu veröffentlicht wurden  Diese Edition erschien neu auf Hyperion um 2008

Ohlssons Interpretation verbindet technische Perfektion und kultivierten Klang mit bemerkenswerter stilistischer Tiefe. Er meistert die kraftvollen Akzente, die der dramatische Charakter der Polonaise verlangt, und verbindet sie mit feiner Linienführung und musikalischer Eleganz. Seine Rhythmik bleibt der tänzerischen Herkunft treu, doch stets geformt durch klare Struktur und emotionales Feingefühl – jugendliche Frische der frühen Werke, monumentaler Ausdruck der späten Polonaisen. Kritiker loben die Direktheit und die rhythmische Energie seiner ursprünglichen EMI‑Aufnahmen der Polonaisen, während die spätere Hyperion‑Version als reifer, breiter und differenzierter gilt, ohne an Vitalität zu verlieren. Gramophone würdigte ihn als Pianisten „in einer eigenen Liga“, The Arts Fuse hob seine Fähigkeit hervor, Spannung organisch aufzubauen, ohne ins Theatralische abzudriften.

Ohlssons Interpretation ist kein Lehrbuch-Ideal komplexer Romantik, sondern ein kraftvolles, verständliches Bekenntnis zu Chopins musikalischer Vision. Sie lädt ein, die Polonaisen nicht nur als Pianistisches, sondern als bewegende kulturelle Kunstwerke neu zu erleben.

Beispielhafte Einspielungen der einzelnen Polonaisen:

Frédéric Chopin – Polonaise c-Moll op. 26 Nr. 1 (1835)

Chopin komponierte die Polonaise in c-Moll im Jahr 1835, kurz nach seiner Übersiedlung nach Paris, im Alter von fünfundzwanzig Jahren. Die Tonart c-Moll verleiht dem Werk eine düstere, dramatische Atmosphäre. Das Tempo – Allegro appassionato – verlangt leidenschaftliche Bewegung. Das Werk beginnt mit einem wuchtigen, pochenden Bass-Ostinato, über dem der charakteristische Polonaisenrhythmus klar konturiert mit Synkopen und Akzenten eingeführt wird. Im Mittelteil in Es-Dur entfaltet sich ein lyrischer, doch trügerischer Ruhepunkt, der bald wieder in die ursprüngliche Dramatik zurückgeführt wird. Der Schluss bringt eine explosive Reprise und endet abrupt – ein kompaktes Ausdrucksdrama, in dem Chopin den Tanz zur leidenschaftlichen Klangrede erhebt.

Artur Rubinstein (1887–1982) – In seiner Studioaufnahme von 1964 (BMG, „braune Box“, veröffentlicht Januar 1990) verbindet Rubinstein Noblesse und Ausdruckskraft. Der Beginn ist entschlossen, die Bass-Oktaven kraftvoll und tragend, das Es-Dur-Thema gesanglich und von eleganter Weite. Die Rückkehr zur C-Moll-Dramatik geschieht organisch, mit zunehmender Intensität bis zum abrupten Schluss. Rubinstein formt das Werk mit innerer Spannung und klanglicher Wärme.

 


​https://www.youtube.com/watch?v=qoLMP6ORdjY

 

Swjatoslaw Richter (1915–1997) – Richters Interpretation besticht durch eine packende Mischung aus dramatischer Wucht und schneidender Präzision. Das Bass-Ostinato pulsiert mit unnachgiebiger Kraft, die Akzente sind scharf gesetzt, der Mittelteil hat eine fast überirdische Zartheit. Die Reprise entfaltet sich wie ein unausweichlicher musikalischer Sturm. Richter zeigt die Polonaise als kompromissloses Drama in straffer Form.


https://youtu.be/eXdVqaxvbBw

 

Vergleich


Rubinstein verleiht dem Werk Eleganz und polnische Innigkeit, Richter konzentriert sich auf dramatische Zuspitzung und Kontraste. Zwei große Meister, zwei gleichermaßen gültige, aber völlig unterschiedliche Sichtweisen.

Frédéric Chopin – Polonaise fis-Moll op. 44 (1841)

Chopin schrieb die Polonaise in fis-Moll im Jahr 1841 und widmete sie der Prinzessin Ludmilla de Beauvau, geborene de Komar († nach 1841), auf den Erstdrucken genannt „Madame la Princesse Charles de Beauvau“. Dieses Werk, oft als „tragische Polonaise“ bezeichnet, entfaltet sich in einer groß angelegten Form: ein entschlossener, dunkel grundierter Hauptteil, ein kontrastierendes Mazurka-Trio in A-Dur, gefolgt von der Rückkehr des Hauptthemas und einem überraschend kraftvollen Schlussakkord in doppelten Oktaven auf fis. Die orchestrale Klanggestaltung und formale Weite machen op. 44 zur ersten der drei monumentalen Polonaisen (gefolgt von op. 53 und op. 61), in denen Chopin die traditionelle Tanzform zu einem dramatischen Tongedicht von tiefem Ausdruck und architektonischer Geschlossenheit transformiert.

Maurizio Pollini (1942–2024) – In seiner 1975 entstandenen Studioaufnahme überzeugt Pollini mit struktureller Klarheit und kontrollierter Kraft. Die rhythmische Präzision und die prägnanten Oktaven der linken Hand entfalten eine eindrucksvolle Energie, während der Mazurka-Mittelteil in zarten, schwebenden Farben erblüht. Die Reprise steigert sich zu einem monumentalen Schluss.

 


​https://www.youtube.com/watch?v=MM0sDDdKMLU

Evgeny Kissin (geb. 1971) – Kissin interpretiert die Polonaise mit leidenschaftlicher Intensität und ausgeprägtem Sinn für klangliche Farbigkeit. Der Hauptteil ist bei ihm von ungestümer Energie durchzogen, die Mazurka leuchtet in tänzerischem Glanz, der Schluss besitzt orchestrale Wucht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=KTV300sXWI8

Vergleich


Pollini zeigt das Werk als architektonisches Meisterstück, präzise und ausgewogen, Kissin als dramatisches Klanggedicht, pulsierend vor Leben. Zwei konträre Ansätze, die beide die Größe des Werkes offenbaren.

Frédéric Chopin – Polonaise As-Dur op. 53 „Héroïque“ (1842)

Chopin vollendete diese strahlende und technisch herausragende Polonaise im Dezember 1842, veröffentlicht 1843. Er widmete sie Auguste Léo (1793–1859), einem deutsch-französischen Bankier, der ihm in Paris nahestand. Die Komposition beginnt mit einer imposanten chromatischen Einführung, die in das heroische Hauptthema mündet: mächtige linkshändige Oktaven und markant artikulierte Triller verweben sich zu einem majestätischen Klangpanorama. Im Zentrum steht das Trio in E-Dur, ruhig und trotzig zugleich, bevor das Hauptmotiv triumphal zurückkehrt und das Werk in einem glanzvollen, virtuosen Finale gipfelt. Op. 53 gilt als eine der bekanntesten und technisch anspruchsvollsten Polonaisen des Klavierrepertoires.

Arthur Rubinstein (1887–1982) – Rubinsteins Interpretation aus dem Moskauer Konzert vom 1. Oktober 1964 besticht durch noblen Ausdruck und packende Musikalität. Die chromatische Eröffnung steigert sich spannungsvoll, das Hauptthema klingt triumphal, das Trio stolz und weit. Rubinstein verbindet Monumentalität mit Empfindung – eine Aufführung voller polnischer Seele.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=_jJuuthbFvc

 

Maurizio Pollini (1942–2024) – In seiner Studioaufnahme (Deutsche Grammophon, 1975) zeigt Pollini die Polonaise als makelloses Klanggebäude. Jede Linie ist transparent, die Form straff, der Ausdruck kontrolliert. Das Trio schwebt in edler Ruhe, die Reprise erhebt sich zu kühler Größe.

 

 

 

 

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=L6S0VIy4SdY


Vergleich


Rubinstein setzt auf farbige, leidenschaftliche Geste, Pollini auf formale Strenge und kristallklare Linienführung. Zwei Meister, die Heldentum auf unterschiedliche Weise darstellen – der eine durch Wärme, der andere durch Formvollendung.

Frédéric Chopin – Polonaise-Fantaisie As-Dur op. 61 (1846)

Chopin vollendete dieses letzte große polonaiseartige Werk im Jahr 1846 und widmete es Madame A. Veyret, einer Bekannten aus dem Pariser Freundeskreis. In der Polonaise-Fantaisie verschmelzen Polonaisenrhythmus und fantasieartige Form zu einem Werk von schwebender Intensität. Die Struktur ist bewusst offen gestaltet: Das Stück beginnt majestätisch und gemessen, entfaltet sich in traumhaften, improvisatorisch anmutenden Abschnitten und kehrt schließlich in verinnerlichter Form zum Hauptthema zurück, bevor es in entrückter Ferne verklingt. Harmonische Kühnheiten und subtile Modulationen machen op. 61 zu einem Schlüsselwerk von Chopins spätem Stil.

Maurizio Pollini (1942–2024) – In seiner Studioaufnahme (Deutsche Grammophon, 1976) beeindruckt Pollini durch analytische Klarheit und formale Transparenz. Das Hauptthema erscheint kühl konturiert, die fantasiehaften Zwischenspiele sind in feinster Linienführung gestaltet, und die Rückkehr des Grundmotivs wirkt wie ein stilles Ausklingen.

 


​https://www.youtube.com/watch?v=Y-P9ZXXKipg

Evgeny Kissin (geb. 1971) – Kissins Live-Aufnahme aus Moskau (2009) bietet eine kontrastierende Lesart: sinnlich, leidenschaftlich und voller farbiger Schattierungen. Das Thema besitzt bei ihm emotionale Tiefe, die Mittelabschnitte leuchten mit poetischem Glanz, und der Schluss verklingt in fast atemloser Stille.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=uPP-ikCl1YA

 

Vergleich


Pollini zeigt die Polonaise-Fantaisie als strenges, formvollendetes Klanggebäude, Kissin als poetisch atmendes, emotional aufgeladenes Tongemälde. Zwei Wege zu einem späten Meisterwerk, das zwischen Tanz, Fantasie und innerer Reflexion schwebt.

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OP 26/1
OP 44
OP 53
OP 61
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