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- Orlando di Lasso | Alte Musik und Klassik
Lasso war wĂ€hrend seiner Lebenszeit unter dem Titel âPrinceps Musicorumâ (FĂŒrst der Musik) bekannt und geschĂ€tzt. Orlando di Lasso (1532 - 1594) Orlando di Lasso (1532â1594), geboren in Mons, einer Stadt in den heutigen Niederlanden (damals Teil des Herzogtums Burgund), wuchs in einem musikalischen Umfeld auf und wurde schon frĂŒh als Chorknabe bekannt. Bis zu seinem 13. Lebensjahr war er als SĂ€nger in der Kapelle seiner Heimatstadt tĂ€tig. Zu den Werken... Eine Anekdote aus seiner Jugend erzĂ€hlt, dass er aufgrund seiner âhellen, lieblichen Stimmeâ gleich zweimal entfĂŒhrt wurde, was seine Eltern jedoch nie lange aufhielt, ihn zurĂŒckzuholen. Erst bei seiner dritten EntfĂŒhrung im Jahr 1544, als er von Ferrante Gonzaga (1527â1594), einem italienischen Adeligen und MilitĂ€rfĂŒhrer, nach Palermo entfĂŒhrt wurde, entschloss sich Lasso, in den Dienst seines EntfĂŒhrers zu treten. Diese Entscheidung sollte sein Leben und seine Karriere maĂgeblich prĂ€gen, denn sie fĂŒhrte ihn auf eine Reise durch Italien, wo er wertvolle Beziehungen zu wichtigen Musikern und MĂ€zenen knĂŒpfte. Lasso war ein autodidaktischer Komponist, was in seiner Zeit eine bemerkenswerte Leistung darstellte. Trotz dieser Selbstlernung erlangte er bald Anerkennung fĂŒr seine auĂergewöhnliche Beherrschung der Musiktheorie und seiner kompositorischen FĂ€higkeiten. Bereits 1551 war er in Rom als Kapellmeister an der Lateranbasilika tĂ€tig, eine der prestigetrĂ€chtigsten Positionen im Kirchenmusikwesen. Dies war ein entscheidender Moment in seiner Karriere, da es seine Wandlung vom weltlichen Musiker hin zu einem Komponisten fĂŒr geistliche Musik markierte. Zu dieser Zeit wirkte auch Giovanni Pierluigi da Palestrina (1525â1594) in Rom, doch wĂ€hrend Palestrina in erster Linie fĂŒr seine geistliche Musik bekannt wurde, zeichnete sich Lasso durch seine Vielseitigkeit und sein Interesse an weltlicher Musik aus. 1554 verlieĂ Lasso seinen Posten und kehrte fĂŒr eine kurze Zeit nach Mons zurĂŒck, bevor er sich auf eine Reise nach England begab, um den Hof von Königin Maria I. (1516â1558) zu besuchen. Es wird vermutet, dass er dort auch die Mitglieder der berĂŒhmten Gentlemen of the Chapel Royal, wie Thomas Tallis (1505â1585) und Christopher Tye (1505â1572), traf, deren Werke ihn beeinflussten. Ab 1555 lebte Lasso in Antwerpen, wo er sowohl als Musiklehrer als auch als freischaffender Komponist tĂ€tig war. In dieser Zeit begann auch seine verlegerische Karriere, und zahlreiche seiner weltlichen Werke wurden in Antwerpen gedruckt, was seinen Ruf in ganz Europa festigte. Im Jahr 1557 trat Lasso in den Dienst von Herzog Albrecht V. (1528â1579) von Bayern und wurde zunĂ€chst als Tenorist, spĂ€ter als Kapellmeister an dessen Hof in MĂŒnchen beschĂ€ftigt. Diese gut bezahlte und ehrenvolle Position behielt er bis zu seinem Tod im Jahr 1594. Ab 1563 leitete er die MĂŒnchener Hofkapelle, die unter seiner Leitung zu einem der bedeutendsten Musikensembles der Renaissance wurde. 1570 wurde Lasso von Kaiser Maximilian II. (1527â1576) in den erblichen Adelsstand erhoben, ein weiterer Höhepunkt seiner Karriere. Trotz seines Ruhms und seiner Anerkennung durch die herrschenden Kreise, litt Lasso ab 1591 unter den Folgen eines Schlaganfalls, der ihn zunehmend depressiv und geistig verwirrt zurĂŒcklieĂ. In einem Brief seiner Frau Regina wird berichtet, dass er âganz tamisch im Kopfâ geworden sei. Am 14. Juni 1594, nur wenige Tage nach der Drucklegung seiner âLagrimae di San Pietroâ, einem Werk, das er als seinen âSchwanengesangâ bezeichnete, starb er. Lasso war wĂ€hrend seiner Lebenszeit unter dem Titel âPrinceps Musicorumâ (FĂŒrst der Musik) bekannt und geschĂ€tzt. Besonders hervorzuheben ist seine Vielseitigkeit, die ihn von anderen Komponisten wie Palestrina und Tallis unterschied. WĂ€hrend Palestrina als Meister der geistlichen Musik und Tallis als ein fĂŒhrender englischer Komponist in erster Linie in der Kirchenmusik brillierten, legte Lasso einen bedeutenden Schwerpunkt auf weltliche Musik und wird als der erste groĂe Meister dieses Genres angesehen. In seiner geistlichen Musik, vor allem in seinen Motetten, zeigte sich eine unverwechselbare Handschrift. Werke wie die âProphetiae Sibyllarumâ (1574), die sich durch ihren intensiven Einsatz von Chromatik auszeichnen, oder die âBuĂpsalmenâ, die in einer prachtvollen Handschrift des Malers Hans Mielich (1516â1573) ĂŒberliefert sind, demonstrieren seine Meisterschaft. Sein letztes groĂes Werk, die âLagrimae di San Pietroâ (1594), ist von einer dĂŒsteren, fast dramatischen Stimmung geprĂ€gt und gehört zu den herausragendsten geistlichen Kompositionen der spĂ€ten Renaissance. Diese Werke trugen dazu bei, Lasso als einen der gröĂten Komponisten seiner Zeit zu etablieren. Orlando di Lasso starb am 14. Juni 1594 in MĂŒnchen, wo er den gröĂten Teil seines Lebens verbracht hatte. Er wurde auf dem Friedhof der St. Salvator Kirche in MĂŒnchen beigesetzt. Dieser Friedhof wurde jedoch 1789 entwidmet , und das ursprĂŒngliche Grab ist heute nicht mehr erhalten. Das Epitaph des Komponisten wird im Bayerischen Nationalmuseum in MĂŒnchen aufbewahrt. Trotzdem bleibt seine GrabstĂ€tte ein symbolischer Ort fĂŒr seinen Einfluss und seine Bedeutung in der Musikgeschichte. Nach seinem Tod nahmen seine SchĂŒler, wie der Komponist Ludwig Lechner (1536â1583), seine musikalischen Konzepte auf und ĂŒberfĂŒhrten sie in die sich entwickelnde barocke Musizierpraxis, was das bleibende Erbe Lasso's als Pionier der Musikgeschichte sicherte. Seitenanfang Messen Die Messvertonungen Orlando di Lassos stellen kein geschlossenes, systematisch angelegtes Ćuvre dar, sondern sind ĂŒber mehrere Jahrzehnte hinweg fĂŒr sehr unterschiedliche liturgische, höfische und reprĂ€sentative Kontexte entstanden. Die Zahl der ĂŒberlieferten Messen ist hoch; ihre Ăberlieferung ist jedoch uneinheitlich, teilweise fragmentarisch, und ihre heutige Rezeption stark selektiv. Eine rein numerische Auflistung der Werke â wie sie in Ă€lteren Werkverzeichnissen oder in einzelnen Wikipedia-Versionen begegnet â ist daher weder musikhistorisch besonders aussagekrĂ€ftig noch fĂŒr die heutige Hörpraxis hilfreich. Aus diesem Grund wird hier bewusst auf eine fortlaufende Nummerierung der Messen verzichtet. Stattdessen erfolgt die Gliederung nach kompositorischem Typus, liturgischer Funktion und Ăberlieferungsstatus. Dieses Vorgehen entspricht der musikwissenschaftlichen Praxis und trĂ€gt zugleich der Tatsache Rechnung, dass nur ein begrenzter Teil von Lassos Messkompositionen in modernen Einspielungen tatsĂ€chlich prĂ€sent ist. Im Zentrum stehen vier Werkgruppen. Den zahlenmĂ€Ăig gröĂten Komplex bilden die Parodiemessen ĂŒber weltliche Vorlagen. In diesen Werken greift Lasso auf französische Chansons und italienische Madrigale zurĂŒck, vielfach von fĂŒhrenden Komponisten seiner Zeit wie Claudin de Sermisy (um 1490â1562), Jacobus Clemens non Papa (um 1510âum 1555), Cyprian de Rore (um. 1515â1565) oder Adrian Willaert (um 1490â1562). Diese Messen dokumentieren Lassos souverĂ€nen Umgang mit internationalem Stilmaterial und stehen exemplarisch fĂŒr seine Rolle als musikalischer Vermittler zwischen franko-flĂ€mischer Tradition, italienischer Ausdruckskunst und deutscher Hofkultur. Davon abzugrenzen sind die Parodiemessen ĂŒber geistliche Vorlagen, etwa ĂŒber Motetten oder Psalmvertonungen. In diesen Werken ist der liturgische Bezug bereits im Modell angelegt, was zu einer besonders dichten kontrapunktischen Struktur und einer gesteigerten theologischen Geschlossenheit fĂŒhrt. Diese Messen gehören zu den kompositorisch anspruchsvollsten BeitrĂ€gen Lassos zur Gattung, sind jedoch in der modernen AuffĂŒhrungspraxis nur vereinzelt vertreten. Eine dritte Gruppe bilden die liturgischen Sonder- und Funktionsmessen, darunter die verschiedenen Missae de Feria, die Missa Paschalis sowie die Missa pro defunctis. Diese Werke sind unmittelbar fĂŒr konkrete liturgische Situationen bestimmt und verzichten meist auf ein weltliches Parodiemodell. Gerade sie sind fĂŒr das VerstĂ€ndnis von Lassos TĂ€tigkeit am MĂŒnchner Hof von zentraler Bedeutung und weisen innerhalb seines MessĆuvres eine besondere funktionale Klarheit auf. Eine vierte Gruppe umfasst Fragmente, EinzelsĂ€tze und SonderfĂ€lle. Dazu zĂ€hlen isoliert ĂŒberlieferte Sanctus-, Hosanna- oder Crucifixus-SĂ€tze, ergĂ€nzte Stimmen sowie unvollstĂ€ndig erhaltene oder nur teilweise rekonstruierbare Messkompositionen. Diese StĂŒcke werden bewusst gesondert gefĂŒhrt, um keine Geschlossenheit des MessĆuvres zu suggerieren, die durch die Quellenlage nicht gedeckt ist. Diese typologische Ordnung erlaubt es, Orlando di Lassos Messen sowohl historisch fundiert als auch praxisnah darzustellen. Zugleich macht sie deutlich, dass zwischen dem editorisch gesicherten Werkbestand und der heutigen AuffĂŒhrungs- und TontrĂ€gerpraxis eine erhebliche Differenz besteht. In der Neuen Reihe der SĂ€mtlichen Werke (Verlag BĂ€renreiter, Kassel 1962â1975), herausgegeben von Siegfried Hermelink (1914â1975), sind in den BĂ€nden 3 bis 12 insgesamt 74 Messkompositionen editorisch erschlossen. DemgegenĂŒber steht eine vergleichsweise schmale Auswahl von Werken, die in modernen Einspielungen tatsĂ€chlich prĂ€sent sind. Zu den am hĂ€ufigsten dokumentierten Messvertonungen gehört die Missa pro defunctis, die als geschlossene Totenmesse mehrfach eingespielt wurde und einen festen Platz im Repertoire der Renaissance-Requien einnimmt. Ein eigenstĂ€ndiges, geschlossenes und vollstĂ€ndig eingespieltes Officium Mortuorum von Orlando di Lasso liegt hingegen nicht vor. Zwar sind im editorischen Zusammenhang einzelne zum Totengedenken gehörige SĂ€tze oder Komplexe ĂŒberliefert, diese haben jedoch keinen festen Platz in der modernen AuffĂŒhrungspraxis gefunden und erscheinen auf TontrĂ€gern allenfalls auszugsweise oder in gemischten Programmen. Neben der Missa pro defunctis sind einzelne Parodiemessen ĂŒber weltliche und geistliche Vorlagen in Einspielungen dokumentiert, darunter Werke wie die Missa super âBellâAmfitritâalteraâ, die Missa super âSusanne un jourâ, die Missa super âDoulce mĂ©moireâ, die Missa super âIo son ferito ahi lassoâ, die Missa super âEcce nunc benediciteâ oder die Missa super âIn te Domine speraviâ. Diese Werke stehen stellvertretend fĂŒr ihre jeweiligen Werkgruppen und ermöglichen einen exemplarischen Zugang zu Lassos Messstil, ohne einen Anspruch auf VollstĂ€ndigkeit zu erheben. Die groĂe Mehrzahl der ĂŒbrigen Messen bleibt trotz editorischer ErschlieĂung bislang auĂerhalb der aktiven Hör- und AuffĂŒhrungspraxis. Sie werden daher als integraler Bestandteil des GesamtĆuvres dokumentiert und typologisch eingeordnet, ohne im gleichen MaĂe analytisch oder hörpraktisch erschlossen zu werden. Diese bewusste Differenzierung zwischen vollstĂ€ndigem Werkbestand und selektiver Rezeption trĂ€gt der historischen RealitĂ€t von Orlando di Lassos MessĆuvre Rechnung und bildet eine sachlich fundierte Grundlage fĂŒr die weitere BeschĂ€ftigung mit seinen zentralen geistlichen und weltlichen Vokalgattungen. Seitenanfang Orlando di Lasso â eingespielte Messen (Stand 2025) LV = Lassus-Verzeichnis, das von Siegfried Hermelink (1914â1975) verwendete Werkverzeichnis in der Neuen Reihe der SĂ€mtlichen Werke A. Liturgische Funktionsmessen Missa pro defunctis, LV 624 Es gibt kein geschlossen eingespieltes Officium mortuorum von Lasso. B. Parodiemessen ĂŒber weltliche Vorlagen Missa super âAmor ecco colei", LV 1147 Missa super âBellâAmfitritâalteraâ, LV 1146 Missa super âDoulce mĂ©moireâ, LV 619 Missa super âEntre vous fillesâ, LV 650 Missa super âJe suis desheriteeâ, LV 452 Missa âPuisque jâay perduâ a 4, LV 606 Missa super âQual donna attende a gloriosa famaâ a 5, LV 960 Missa super âQuandâio pensâal martireâ, LV 463 Missa super âSusanne un jourâ, LV 408 Missa super âTous les regretsâ, LV 626 Missa super âTriste dĂ©partâ, LV Anh. 107 Missa ad imitationem âVinum bonumâ, LV 627 C. Parodiemessen ĂŒber geistliche Vorlagen Missa Cantorum, LV Anh. 80 Missa super âCongratulamini mihiâ, LV 410 Missa super âDixit Iosephâ, LV-Nummer ist fĂŒr diese Messe nicht vergeben Missa super âEcce nunc benediciteâ, LV 1149 Missa super âOsculetur me", LV Anh. 95 Missa âSurge properaâ, LV 597 Missa super âSurrexit pastor bonusâ II, LV Anh. 105 Missa Venatorum, LV 622 D. Weitere Messen ohne vollstĂ€ndige Einspielung (nur EinzelsĂ€tze aufgenommen) Missa âde Feriaâ, LV 623 â Kyrie Missa octavi toni, LV 707 Das bedeutet: â 1 gesicherte Totenmesse â 12 verlĂ€sslich dokumentierte weltliche Parodiemessen â 8 nachweisbare geistliche Parodiemessen â 2 unvollstĂ€ndige Mess-Einspielungen Das ergibt 21 vollstĂ€ndige Mess-Einspielungen. Seitenanfang Werke Psalmi Davidis Poenitentiales Liste der Hymnen A Ad coenam agni providi, LV Anh.1 Ad preces nostras, LV Anh.2 Audi benigne conditor, LV Anh.5 Aurea luce et decore, LV Anh.6 Ave maris stella, LV Anh.7 Ave Regina caelorum, LV 554 C Christe qui lux es, LV Anh.12 Christe redemptor omnium, LV Anh.13 Christe redemptor omnium, LV Anh.14 Conditor alme siderum, LV Anh.15 D Deus tuorum militum, LV Anh.20 Deus tuorum militum, LV Anh.21 Doctor egregie, LV Anh.22 E Exultet coelum laudibus, LV Anh.24 F Fit porta Christi pervia, LV Anh.48 Fortem virili pectore H Haec dies, quam fecit Dominus, LV Anh.49 Hostis Herodes impie, LV Anh.51 I In exitu Israel, LV Anh.55 Iste confessor, LV Anh.59 J Jesu corona virginum, LV Anh.52 Jesu nostra redemptio, LV Anh.53 L Lauda mater ecclesia, LV Anh.72 Lucis creator optime, LV Anh.73 M Manuscript, D-Mbs Mus.ms.32 O O lux beata Trinitas, LV Anh.134 Officia aliquot de praecipuis Festis Anni, LV 1574.4 P Pange lingua gloriosi, LV Anh.135 Petrus beatus catenarum, LV Anh.139 Q Quicumque Christum quaeritis, LV Anh.141 R Regina caeli laetare, LV 1127 Rex gloriose martyrum, LV Anh.148 S Salvete flores martyrum, LV Anh.151 Sanctorum meritis, LV Anh.152 T Te lucis ante terminum, LV Anh.153 Te lucis ante terminum, LV Anh.154 Tibi Christe splendor Patris, LV Anh.155 Tristes erant apostoli, LV Anh.156 U Urbs beata Jerusalem, LV Anh.157 Ut queant laxis, LV Anh.158 V Veni creator Spiritus, LV Anh.159 Vexilla regis prodeunt, LV Anh.160 Seitenanfang Liste der Hymnen Missa pro defunctis, LV 624 Polyphonie am Rand des Verstummens Die Missa pro defunctis gehört zu den Werken Orlando di Lassos, die weder Anlass noch Widmung kennen und deshalb nicht im Ă€uĂeren historischen Raum verankert sind. FrĂŒheste Belege deuten auf eine Entstehung um 1575, sichere Drucke treten 1578 und 1588 hervor â doch die Forschung tendiert zunehmend zu einer spĂ€ten Verortung, gestĂŒtzt auf Stilbeobachtung und auf die geistige Ausrichtung des spĂ€ten Lasso. Denn in dieser Messe begegnet man keinem experimentierenden Meister der 1560er Jahre, sondern einem Komponisten, der nichts mehr beweisen will. Die Polyphonie ist reduziert, eng gefĂŒhrt, von jeder Ă€uĂeren Beweglichkeit befreit. Die Stimmen umgehen VirtuositĂ€t, verzichten auf imitationstechnisches GlĂ€nzen und schlieĂen sich zu einer statischen, beinahe rituellen KlangflĂ€che. Genau diese Entlastung, diese kontrollierte Ăkonomie der Linien, betrachten Forscher wie Peter Bergquist und Bernhold Schmid als Signatur eines SpĂ€tstils, in dem Ausdruck nicht mehr gesucht, sondern gezĂŒgelt wird. Der erste Trackt der Hilliard-CD â Responsorium â schafft den Raum, in dem nicht Musik vorbereitet wird, sondern die liturgische Gegenwart selbst entsteht und die Stimmen den Eintritt in die Ordnung des Totengebets vollziehen. Hier entsteht kein dramaturgisches Vorspiel, sondern die rituelle Voraussetzung: ein Wechselgesang, der nicht gestaltet, sondern benennt. Die Stimmen rufen nicht nach Trost, sie markieren den Eintritt in eine Ordnung, in der FĂŒrbitte und Stellvertretung zu Funktionen werden. Erst danach erscheint der Introitus â nicht als Anfang, sondern als Aufnahme dessen, was bereits gegenwĂ€rtig ist. https://www.youtube.com/watch?v=Npj3TQfK2as&list=OLAK5uy_meyiHsu0uwKbV0luoOGB7iltkDyXDlQ_E&index=1 Im Introitus âRequiem aeternamâ wirkt die Musik nicht wie ein Beginn, sondern wie ein Zustand. Die Stimmen treten ein, als wĂ€ren sie im Raum bereits anwesend. Der Satz formuliert keinen Trost und keine Furcht, er nennt nur den Text. Polyphonie dient hier nicht der Darstellung, sondern der GĂŒltigkeit einer Ordnung. Missa pro defunctis, Tracks 2 bis 9 der Hilliard-CD: https://www.youtube.com/watch?v=6DkgVPHmyW4&list=OLAK5uy_meyiHsu0uwKbV0luoOGB7iltkDyXDlQ_E&index=2 Das Kyrie verschĂ€rft die Reduktion. Kein Flehen, kein Aufschrei â lediglich ein enger Atemraum, der den Stimmen ihre Beweglichkeit nimmt. Die Bitte wird nicht zur Frage, sondern zur Anerkenntnis einer Grenze. Lasso schreibt kein Affektbild, sondern eine Form, die lediglich bestehen will. Das Dies irae, traditionell ein Schauplatz dramatischer Rhetorik, bleibt unberĂŒhrt von Bildern. Es schildert kein apokalyptisches Szenario, es verweigert jede expressive Geste. Das Gericht wird nicht dargestellt, sondern benannt, und die Furcht entspringt nicht der Harmonik, sondern der Disziplin des Schweigens. Im Domine Jesu Christe öffnet sich die Faktur minimal: nicht als Hoffnung, sondern als Lockerung in derselben Enge. Es ist die kleinste Verschiebung, die das Werk erlaubt â ein Atemzug, kein Aufbruch. Das Sanctus verzichtet auf Höhepunkte. âPleni sunt caeliâ fĂŒllt keinen Raum; es bezeichnet ihn. Heiligkeit erscheint nicht als Glanz, sondern als NeutralitĂ€t des Lichts. Polyphonie ruht â und tut dies ohne Feier. Das Agnus Dei schlieĂlich entzieht dem musikalischen Verlauf jede teleologische Geste. âDona eis requiemâ ist kein Bitten, sondern ein Aufhören von Handlung. Der Satz löst nichts, er beendet nichts; er zieht Konsequenz. Was bleibt, ist ein Klang, der aufhört zu agieren â nicht weil die Form abgeschlossen wĂ€re, sondern weil kein Wille mehr vorhanden ist. Gerade diese Haltung erzwingt die Frage nach der Bestimmung. Die Forschung kennt keine Spur eines FĂŒrsten, keines MĂ€zens, keines konkreten Toten. Bernhold Schmid spricht von einem âAllgemein- oder Pflicht-Requiemâ, Peter Bergquist von liturgischer Routine ohne Einzelanlass. James Haar erweitert die Perspektive ins Spirituelle: ein Werk, das nicht reagiert, sondern eine innere Auseinandersetzung mit Endlichkeit formuliert. Hier gewinnt eine Intuition an Gewicht â nicht als Behauptung, sondern als Lesart der Form: Vielleicht ist dieses Requiem kein Gedenken fĂŒr eine Person. Vielleicht ist es eine Vorsorgekomposition â eine Musik, die der Komponist fĂŒr sich selbst bereitstellte. Nicht als sentimentales VermĂ€chtnis, sondern als Ergebnis eines Zustands: ein alternder Kapellmeister, dessen Briefe MĂŒdigkeit, Schwermut und religiöse SchĂ€rfe bezeugen; ein Musiker, der weiĂ, dass sein Werk abschlieĂt und dass seine Stimme verstummen wird; ein Mann, der die Polyphonie dorthin fĂŒhrt, wo sie keinen Ausdruck mehr verlangt, sondern nur noch Ordnung. In diesem Licht ist die Missa pro defunctis kein Requiem ĂŒber den Tod, sondern ein Requiem vor dem Tod. Kein Abschiedsritus â sondern ein Probeliegen im eigenen Schweigen. Kein dramatischer Schluss â sondern eine Ankunft in der Stille. So wird dieses Werk zu einer stillen, aber radikalen Aussage des spĂ€ten 16. Jahrhunderts: Polyphonie muss nicht ĂŒberreden. Sie muss nicht darstellen. Sie kann â an der Grenze â einfach gelten. Und genau darin liegt ihre GröĂe. Nicht im Klang, der wirkt, sondern im Klang, der nicht mehr muss. In dieser Perspektive gewinnt die Missa pro defunctis eine Sonderstellung innerhalb jenes Kosmos, den man gemeinhin mit Lassos Namen verbindet. Orlando di Lasso erscheint der Nachwelt als ein Universalkomponist, der mit stupender SouverĂ€nitĂ€t die Gattungen beherrschte, als ein KĂŒnstler, der polyphone VirtuositĂ€t und rhetorische Gewandtheit nahezu mĂŒhelos in klingende Evidenz ĂŒberfĂŒhrte. Nichts daran ist in dieser Messe prĂ€sent. Sie negiert â mit fast asketischem Eifer â jene Stilmerkmale, die Lasso zum reprĂ€sentativen Tonsetzer europĂ€ischer Höfe machten. Und gerade dadurch erhĂ€lt sie einen paradoxen Rang: Sie ist nicht weniger Lasso, weil sie sein Idiom abschneidet, sondern sie zeigt den Punkt, an dem ein Idiom abgeworfen wird. Diese Reduktion darf nicht als technisches Sparprogramm missverstanden werden. Was Ă€uĂerlich âeinfachâ wirkt, ist innerlich berechnet. Der Satz wird nicht Ă€rmer, sondern strenger. Die Stimmen folgen keiner melodischen Expansionslust mehr, sondern orientieren sich an enggefĂŒhrten Zirkulationsbewegungen, die den Raum der Harmonik nicht progressiv erweitern, sondern kontrolliert stabilisieren. Die Harmonie ist nicht farblos â sie wird anti-expressiv. Der traditionelle Modus wird nicht ausgeleuchtet, sondern festgeschrieben. Darin liegt jene erschĂŒtternde Erfahrung, die die Forschung zur Vokabel âEntsagungâ greifen lĂ€sst: Lasso hĂ€lt an der Form fest, indem er die FĂŒlle verweigert. Der liturgische Kontext verstĂ€rkt diese Ă€sthetische Logik. Das Totenamt ist kein Schauplatz der Emotionalisierung, sondern eine Ordnung des Ritus. Sein Kern ist nicht Darstellung des Schmerzes, sondern Bewahrung des liturgischen GefĂŒges. Dass Lasso das âDies iraeâ nicht ausmalt, sondern abliest, verweist auf eine tiefere Devotion: der Text ist nicht Stoff fĂŒr Musik, sondern Ort, an dem Musik aufzuhören hat. Diese Haltung ist kein Mangel, sondern eine Mystik der Grenze. Die Forschung zum frĂŒhneuzeitlichen Totengedenken â insbesondere in den Studien zur MĂŒnchner Hofkapelle der 1570er und 1580er Jahre â betont, dass musikalische ZurĂŒckhaltung damals weniger Bescheidenheit als Disziplin bedeutete. Lasso erfĂŒllt keine psychologische Funktion, sondern eine metaphysische. Das macht die Messe schwer datierbar. Ihr Stil widerspricht den reprĂ€sentativen Messzyklen der 1560er Jahre, doch ihre karge Faktur lĂ€sst sich auch nicht eindeutig in die allerletzten Lebensjahre rĂŒcken â sie könnte Ă€lter sein und dennoch den Ton des Alters vorwegnehmen. Genau hier treffen editorische Vorsicht und Ă€sthetische Intuition zusammen: Der Stil verweigert die Zuordnung, weil er auĂerhalb stilhistorischer Progression steht. Er ist nicht SpĂ€tstil nach Entwicklung, sondern SpĂ€tstil ohne Entwicklung. Dass moderne Interpreten wie das Hilliard Ensemble die Messe mit Responsorien eröffnen, ist dabei keine Zutat, sondern eine klanglogische Entscheidung. Die Responsorien formulieren â in ihrem Wechsel aus Solizitat, Dialog und stiller Setzung â den liturgischen Raum, in dem Lassos Introitus nicht beginnt, sondern erscheint. Die Musik hat bereits âstattgefundenâ. Sie trĂ€gt sich nicht selbst, sie wird getragen. Genau dieses VerhĂ€ltnis von akustischer PrĂ€senz und ritueller Stillstellung macht die Hilliard-Interpretation so bemerkenswert: Sie liest das Werk nicht als Komposition, sondern als Objekt. Die Stimmen stehen nicht im Dienst des Ausdrucks, sondern der liturgischen Topographie. Die Diskografie hat dieses Requiem lange stiefmĂŒtterlich behandelt. WĂ€hrend Palestrina, Victoria oder Morales unverkennbar eine Traditionslinie sakraler ReprĂ€sentation fortschreiben, entzieht sich Lasso der Gattungserwartung. Sein Requiem stellt sich nicht in eine genealogische Folge der âgroĂenâ Totenmusiken, sondern verweigert sich dem Narrativ von Höhepunkt und Apotheose. Es ist keine Summe, kein Schlussstein, kein Triumph. Es ist ein Werk, das die Kategorie des âWerksâ in Frage stellt. Gerade deshalb besitzt die Messe eine irritierende historische Dimension: Sie antizipiert eine Moderne der musikalischen Verknappung, ohne sich historisch âmodernâ zu geben. In ihr begegnet man keinem Purismus, sondern einer Theologie der Struktur. Musik wird nicht als Mitteilung verstanden, sondern als Ordnung, die sich selbst neutralisiert. So erscheint der âRand des Verstummensâ, den der Ausgangstext benennt, nicht als poetische Metapher, sondern als prĂ€zise Ă€sthetische Diagnose. Diese Messe verstummt nicht, weil sie nichts mehr zu sagen hĂ€tte; sie verstummt, weil sie nicht lĂ€nger an die Fiktion glaubt, Musik habe etwas zu sagen. Das Schweigen, das sie vorbereitet, ist kein Abgrund, sondern eine Regel. Lasso komponiert kein Mysterium des Todes, sondern eine Grammatik der Auslöschung. Darin liegt ein Argument fĂŒr jene Lesart, die das Requiem als âVorsorgekompositionâ interpretiert: nicht im sentimentalen Sinn eines privat gefassten Testaments, sondern als identitĂ€tslogische Konsequenz eines Komponisten, der den Status der Kunst hinterfragt. Nicht der Tod wird in Musik verwandelt â die Musik wird auf ihre Endlichkeit geprĂŒft. So fĂ€llt der Blick zurĂŒck auf den liturgischen Kern: âRequiem aeternamâ ist bei Lasso keine Bitte, sondern ein Satz. âLux perpetuaâ ist kein Licht, sondern die Benennung von Licht. Diese Formulierung ist keine Verarmung, sondern das Ende einer Illusion. Damit erhĂ€lt die Missa pro defunctis eine Bedeutung, die weit ĂŒber die Faktur hinausweist. Sie ist nicht rĂŒhrend, nicht monumental, nicht theologisierend â sie ist konsequent. Und darin radikaler als manche expressive Vertonung des 19. Jahrhunderts: Wo Berlioz erschĂŒttern wollte, entzieht Lasso den Boden der ErschĂŒtterung. Die GröĂe dieses Werks liegt nicht im Pathos, sondern in der Nicht-VerfĂŒgbarkeit eines Pathos. Es ist eine Musik, die nicht tröstet und nicht schreckt; eine Musik, die ihren Gegenstand nicht interpretiert, sondern anwesend hĂ€lt; eine Musik, die das Ende nicht dramatisiert, sondern formalisiert. Am Ă€uĂersten Punkt dieser Bewegung steht nicht Ausdruck, sondern Bewusstsein: Dass Polyphonie nicht wirken muss, um zu bestehen. Dass Kunst nicht argumentieren muss, um zu gelten. Dass ein Klang bleiben kann, ohne etwas zu bedeuten. Und genau darin besitzt dieses Requiem jene existentielle WĂŒrde, die sich jeder Anekdote entzieht. Es ist keine Antwort. Es ist kein Bild. Es ist ein Zustand. CD-Vorschlag Lassus, Requiem a 4 und Prophetiae Sibyllarum, The Hilliard Ensemble, ECM Records GmbH, under exclusive license to Deutsche Grammophon GmbH, 1997 /1998, Tracks 2 bis 9. Seitenanfang Missa pro defunctis, LV 624 Missa super âBella Amfitritâ alteraâ, LV 1146, Messe ĂŒber "Die schöne andere Amphitrite" Die Messe âBellâ Amfitritâ alteraâ steht exemplarisch fĂŒr Orlando di Lassos FĂ€higkeit, weltliche Klangwelt in sakrale Ausdruckstiefe zu ĂŒberfĂŒhren, ohne deren ursprĂŒngliche sinnliche QualitĂ€t zu verleugnen. Grundlage ist das gleichnamige Madrigal von Jacobus Clemens non Papa (um 1510âum 1556) â ein Liebeslied, das die mythologische Figur Amphitrite, Gemahlin des Poseidon, als Bild weiblicher Schönheit und Anmut beschwört. Bereits hier liegt der SchlĂŒssel: Das Meer â Ort der Tiefe, Bewegung und Spiegelung â wird zum musikalischen Motiv fĂŒr eine polyphone KlangflĂ€che, die in der Messe in spirituelle SphĂ€re gehoben wird. Lasso ĂŒbernimmt nicht wörtlich, sondern erinnert an die Vorlage: Man spĂŒrt AtemzĂŒge des Madrigals, wie eine entfernte Erinnerung, aber keine direkte Zitation. Statt profaner Sehnsucht tritt nun eine vergeistigte Klanglichkeit, die dennoch von einem untergrĂŒndigen Pulsschlag weltlicher VitalitĂ€t durchzogen bleibt. Diese Messe ist keine asketische Konstruktion, sondern eine Messe mit innerem Glanz â gebaut auf leuchtender Vokalfarbe, weich gefĂŒhrten Linien und einer fast vokalen Sinnlichkeit, die bewusst nicht ganz entweltlicht ist. CD Orlando di Lasso, Choral Music, The Choir of Christ Church Cathedral, Oxford, Leitung Stephen Darlington (* 1952), Nimbus, 1987, Tracks 1 bis 6: https://www.youtube.com/watch?v=LTQMrKMJpxM&list=OLAK5uy_kreGU3yRija6p5OlXnicOMppcBaTgvM18&index=2 Kyrie â Anfang einer inneren Bewegung Wenn die ersten Töne des Kyrie einsetzen, hat man nicht das GefĂŒhl, dass etwas verkĂŒndet wird, sondern dass etwas auftaucht. Die Stimmen steigen nicht dramatisch ein, sie bilden sich, als wĂŒrden sie erst zu existieren beginnen, indem sie sich gegenseitig hören. Es ist ein leiser Eintritt in den Raum, kein liturgisches Signal, sondern ein HinĂŒbergleiten vom Schweigen in den Klang. Gerade hier zeigt sich Lassos Meisterschaft: Er beginnt nicht mit einem architektonischen Aufbau, sondern mit einem Atem. Die StimmfĂŒhrung vermeidet jede HĂ€rte, selbst im polyphonen Geflecht bleibt der Ton weich gefĂŒhrt, als wolle die Musik sich erst vergewissern, ob sie gehört wird. Das erste Kyrie eleison entfaltet sich wie ein Ruf, der nicht hinaus, sondern hinein spricht. Die Linien steigen und senken sich in sanften Wellenbewegungen, ohne Eile, ohne Druck, als lauschten die Stimmen einander, bevor sie antworten. Hier spĂŒrt man zum ersten Mal jene stille Erinnerung an das verlorene Madrigal, nicht als melodisches Zitat, sondern als Haltung, als Sinnlichkeit der Linie. Lasso erlaubt der Polyphonie, sich nicht zu behaupten, sondern zu entblĂ€ttern. Die Harmonie bleibt durchscheinend, fast durchleuchtet, und dennoch ist jeder Ton eingebettet in ein gröĂeres Ganzes. Der liturgische Text, so oft mit Pathos ĂŒberladen, verliert in diesem Moment alles Deklamatorische und wird zu einer stillen Bitte, fast zu einem inneren FlĂŒstern. Wenn der zweite Abschnitt, das Christe eleison, anhebt, erkennt man eine feine VerĂ€nderung. Die Musik öffnet sich, wird heller, nicht durch LautstĂ€rke, sondern durch lichte IntervallfĂŒhrung. Der Klang tritt etwas weiter nach oben, als wĂŒrde ein Schleier gelĂŒftet. Kein Kontrast im dramatischen Sinne, sondern eine Verfeinerung des Zustands. Hier zeigt sich, dass Lasso nicht in GegensĂ€tzen denkt, sondern in Zustandsabstufungen. Der Christus-Ruf wird nicht als Bruch empfunden, sondern als sanfte Verschiebung, als neue Ebene innerhalb desselben Atems. Man könnte sagen: Das Kyrie war ein Blick von unten nach oben, das Christe ist ein Blick von innen nach innen. Nichts stöĂt, alles gleitet. Wenn schlieĂlich das zweite Kyrie zurĂŒckkehrt, erkennt man das Prinzip dieser Messe: nicht Zyklus, sondern Verwandlung in Kreisen. Der Klang kehrt zurĂŒck, aber nicht identisch, sondern gereift, als hĂ€tte er die Erinnerung des vorherigen Durchgangs in sich aufgenommen. Hier liegt eine der feinsten Entscheidungen Lassos verborgen: Er wiederholt nicht, er lĂ€sst wieder erscheinen, und dieses Wieder-Erscheinen ist keine formale Pflicht, sondern ein musikalisches Ritual. Die Bitte âHerr, erbarme dichâ wird nicht verstĂ€rkt, sie wird tiefer. Es ist, als wĂŒrde dieselbe Geste, noch einmal ausgefĂŒhrt, nicht mehr um Erhörung bitten, sondern schon Erhörtheit atmen. Wer diesen Kyrie-Satz mit Aufmerksamkeit hört, begreift, dass Lasso keine Messe der ĂberwĂ€ltigung geschrieben hat, sondern eine Messe der stillen Initiation. Hier beginnt nicht ein Werk, sondern eine Haltung. Mit diesem Kyrie öffnet sich ein Raum, in dem nicht gebetet wird, um gehört zu werden, sondern um im Gebet zu sein. In dieser Ruhe liegt eine Kraft, die nicht von LautstĂ€rke oder Dramatik lebt, sondern von der FĂ€higkeit, den Ton so zu fĂŒhren, dass er nicht eindringt, sondern sich anbietet. Gloria â das Aufleuchten des inneren Lichts. Nach dem stillen, atmenden Kyrie setzt das Gloria nicht als Ausbruch ein, sondern als Entfaltung dessen, was bereits vorbereitet wurde. Lasso vermeidet das Triumphale, das bei vielen Komponisten des 16. Jahrhunderts den Gloria-Beginn prĂ€gt. Statt eines fanfarenhaften Ăffnens hört man ein sanftes Aufstrahlen, als wĂŒrde das Licht nicht einbrechen, sondern aus dem Inneren des Klanges hervorwachsen. Die Stimmen erheben sich nicht in einem kollektiven Ausruf, sondern nehmen sich nacheinander Raum, ohne sich zu ĂŒberlagern. Schon in den ersten Worten âGloria in excelsis Deoâ wird deutlich, dass Lasso keine ekstatische Liturgie gestaltet, sondern eine verklĂ€rte. Es ist, als ob der Chor nicht die Ehre Gottes verkĂŒndet, sondern sich in sie hineinbegibt. Die Polyphonie bewegt sich mit groĂer Ruhe, und doch ist sie voller innerer Energie. Jede Stimme fĂŒhrt ihren Weg mit eigenem Atem, aber sie verschmelzen nicht zu einer Masse, sondern bleiben unaufdringliche IndividualitĂ€ten, die im gemeinsamen Klang keine IdentitĂ€t verlieren. Diese Gleichzeitigkeit von Klarheit und Einheit gehört zu den geheimen VorzĂŒgen dieser Messe. Nichts drĂ€ngt sich nach vorne, kein Stimmeinsatz sucht Geltung, alles ordnet sich einer höheren Stille unter, die paradoxerweise nicht leer, sondern gefĂŒllt ist. Es gibt im Gloria Momente, in denen der Text scheinbar aufblitzt, etwa bei âLaudamus te, benedicimus teâ, und doch bleibt alles in derselben kontrollierten Bewegung. Lasso komponiert hier nicht im Affekt, sondern im Geist der stillen Freude, einer Freude, die nicht ruft, sondern tief atmet. Sie ist nicht ekstatisch, sondern verinnerlicht. âGratias agimus tibiâ wird nicht als Dankesgeste gesungen, sondern als Anerkennen, dass man bereits empfangen hat. Der Satz beginnt, sich nach innen zu wölben. Der zentrale Wendepunkt des Gloria liegt bei âQui tollis peccata mundiâ. Hier verĂ€ndert sich der Klang wie das Licht, das fĂŒr einen Moment weich wird, als wĂŒrde ein Schleier die Helligkeit durchdringen. Das âmiserere nobisâ, so oft durch dramatische Chromatik ĂŒberzeichnet, ist hier kein Schrei nach Erlösung, sondern ein ruhiges Erinnern daran, dass Erbarmen möglich ist. Die Stimmen sinken nicht in Leid, sie verlangsamen ihren Puls, als wĂŒrde man kurz vor dem Zuviel der Freude verweilen, um das Menschliche nicht zu ĂŒbergehen. Wenn schlieĂlich das âCum Sancto Spirituâ naht, erwartet man traditionell eine Steigerung, ein liturgisches AufbĂ€umen. Doch Lasso entscheidet anders. Die Musik erhebt sich, aber sie dehnt den Aufstieg, lĂ€sst ihn nicht zur Geste, sondern zur ZustandsverĂ€nderung werden. Keine Explosion, kein Aufbruch, sondern ein langsames Ăffnen, das den Raum nicht fĂŒllt, sondern durchlĂ€ssig macht. Die Polyphonie wird nicht dichter, sie wird weiter, als wĂŒrde sie nicht mehr im Innenraum der Kirche erklingen, sondern im Raum hinter dem Klang. So endet das Gloria nicht wie ein Ziel, sondern wie ein Ăbergang. Wer aufmerksam hört, spĂŒrt, dass Lasso in dieser Messe nicht das liturgische Drama entfaltet, sondern eine sich stetig verfeinernde Bewegung vom Irdischen zum VerklĂ€rten. Das Gloria ist nicht das groĂe Wort, das alles ruft, sondern das sanfte Wort, das alles atmen lĂ€sst. In dieser ZurĂŒcknahme liegt seine Kraft. Credo â der Glaube als ruhende Struktur Wenn das Credo beginnt, spĂŒrt man sofort, dass Lasso diesen Moment nicht als theologische Deklamation gestaltet, sondern als ruhige Setzung des Grundes, auf dem die Messe steht. WĂ€hrend bei anderen Komponisten dieser Abschnitt oft strenger, dichter, gewichtiger wird, lĂ€sst Lasso den Fluss nicht abbrechen. Statt eines dogmatischen Bekenntnisses erklingt ein ruhiges EinverstĂ€ndnis, kein verkĂŒndender Ton, sondern ein bekennender Atem. Die Stimmen bewegen sich wie Linien auf einer ebenen FlĂ€che, nicht aufgeregt, sondern weit gespannt und kontrolliert, als wĂŒrde der Chor nicht sprechen, sondern in den Glauben hineingehen. Besonders auffĂ€llig ist, wie Lasso mit dem Wort âCredoâ umgeht. Es wird nicht hinausgerufen, sondern angelegt, wie ein leiser Schritt, der Boden berĂŒhrt. Dieser Boden ist nicht laut, aber tragend. Man hat das GefĂŒhl, dass das Credo hier nicht im Sinne von âIch behaupteâ gemeint ist, sondern im Sinne von âIch ruhe darinâ. Auch die Bewegungen der Polyphonie sind nicht scharf konturiert, sondern weich gezeichnet, fast wie eine Miniaturmalerei, bei der der Blick nicht auf eine einzelne Figur fĂ€llt, sondern auf den ruhigen Zusammenhang aller Linien. Mit dem Eintritt des âEt incarnatus estâ geschieht etwas, das man nicht als Wendung, sondern als Einbruch von Stille bezeichnen könnte. Die Stimmen treten einen Schritt zurĂŒck, nicht im Sinne einer Pause, sondern wie Menschen, die in Ehrfurcht Platz machen. Der Klang verliert fĂŒr einen Augenblick seine horizontale Weite und zieht sich nach innen. Dieses ZurĂŒcknehmen macht den Moment nicht kleiner, sondern gröĂer, weil Lasso ihm Raum lĂ€sst, nicht Pathos aufzwingt, sondern Raum fĂŒr das Geheimnis öffnet. Man spĂŒrt, dass Inkarnation hier nicht mit Noten ausgedeutet, sondern mit Klang gehĂŒtet wird. Der Ăbergang zu âCrucifixusâ geschieht ohne dramatischen Einbruch. Es gibt keine expressiven Dissonanzen, keine aufwĂŒhlenden harmonischen StĂŒrze. Lasso vertraut auf eine stille Form des Leidens, ein Leiden, das sich nicht im Ausdruck erschöpft, sondern in der Annahme. Die Musik wird nicht dunkel, sondern langsamer, schwerer, aber nicht im Sinne von Last, sondern im Sinne von WĂŒrde. Die Polyphonie bleibt transparent, aber ihre Linien sinken tiefer, als hĂ€tten sie an Gewicht gewonnen. Wenn bei âEt resurrexitâ die Auferstehung eintritt, vermeidet Lasso das Erwartbare. Es gibt keine plötzliche Helligkeit, keinen Vulkanausbruch des Jubels. Stattdessen hebt sich die Musik wie ein langsamer Sonnenaufgang, nicht grell, sondern unumkehrbar. Es ist, als wĂŒrde der Klang aus dem Inneren heraus heller werden, nicht von auĂen her beleuchtet. Diese ZurĂŒckhaltung macht den Moment stĂ€rker als jede Explosion. Der Glaube erhebt sich hier nicht als Triumph, sondern als ruhige Gewissheit. Die abschlieĂende Linie des Credo zieht sich nicht zusammen, sie bleibt offen nach oben, als wolle Lasso sagen: Dies ist kein Bekenntnis, das abgeschlossen wird, sondern ein Zustand, in dem man bleibt. Der Schluss ist nicht Punkt, sondern Verharren. Das Credo endet nicht als Ende, sondern als inneres Weiterklingen, als wĂŒrde die Messe ab diesem Moment auf einem tragenden Unterton ruhen, den man nicht mehr hört, aber spĂŒrt. Sanctus â der Klang als aufgehobener Raum Wenn das Sanctus einsetzt, hat man nicht das GefĂŒhl eines liturgischen Wechsels, sondern eines Raumwechsels der Wahrnehmung. Die Stimmen heben nicht an wie in einem Ruf, sondern setzen sich wie Licht auf einen stillen See, sie liegen auf dem Klang, nicht ĂŒber ihm. Lasso vermeidet jede Form pathetischer Erhebung. Hier wird nichts emporgetragen, hier ist bereits oben. Man hört Musik, die nicht mehr steigt, sondern ruhend schwebt. In diesem Zustand entfaltet sich das Wort âSanctusâ nicht sprechend, sondern atmend, als wĂŒrde es nicht gesprochen, sondern empfangen. Die Stimmen beginnen, sich in ruhigen Kreisen zu umspielen, kein DrĂ€ngen, kein Forschen, kein Ringen â nur Gegenwart. In vielen anderen Messen dieser Zeit ist das âPleni sunt coeliâ der Moment einer klanglichen Hochzeit, einer Ăffnung in Glanz. Bei Lasso hingegen ist es, als wĂŒrde das Wort schon leuchten, bevor es ausgesprochen ist. Der Himmel wird nicht gefĂŒllt â er ist. Diese Messe kennt keine liturgische Architektur, die etwas erreicht. Sie kennt nur eine Bewegung des Vertiefens. Und dann âHosanna in excelsisâ. Man erwartet einen Ausbruch, eine fanfarenartige Geste, wie sie der venezianische Doppelchorstil nahelegt. Doch Lasso wĂ€hlt kein irdisches Hosanna, keinen Hosianna-Ruf der Menge, sondern ein Hosanna des Lichts. Kein DrĂ€ngen, sondern ein Nach-Vorn-Schweben, als wĂŒrde das Wort selbst von innen her erhellt. Die Polyphonie löst sich nicht in Kraft, sondern in DurchlĂ€ssigkeit. Wer aufmerksam hört, wird bemerken, dass die Stimmen bei âin excelsisâ nicht lauter werden, sondern leichter. Hier singt nicht die Erde zum Himmel, sondern der Himmel singt durch die Stimmen hindurch. Benedictus â die stille Ankunft Der Ăbergang zum Benedictus ist kaum ein Ăbergang, eher eine Verfeinerung des schon Klangenden. Lasso zieht nichts zurĂŒck, aber er verdichtet auch nicht. Es ist, als wĂŒrde die Musik einen Schritt seitwĂ€rts treten, nicht nach unten, sondern tiefer hinein. âBenedictus qui venit in nomine Dominiâ â gesegnet sei, der da kommt. Lasso komponiert diese Stelle nicht als Ankunft von auĂen, sondern als Ankunft im Innern des Raumes, der bereits geöffnet ist. Die Stimmen geben diesem Satz keinen festlichen Charakter, sondern einen empfangenden. Man hört nicht den Triumph des Kommenden, sondern die Bereitschaft derer, die ihn erwarten. So gleitet das Benedictus nicht in den Raum, sondern wird im Raum sichtbar, wie ein Licht, das nicht auffĂ€hrt, sondern aufgehend bleibt. Wenn erneut âHosanna in excelsisâ erklingt, ist es kein neues Hosanna, sondern eine Wiederkehr in verĂ€nderter Wahrnehmung. Die Musik sagt nicht noch einmal dasselbe â sie sieht dasselbe anders. Der zweite Hosanna-Bogen ist keine Wiederholung, sondern eine BestĂ€tigung aus höherem Blick. Der Klang steigt nicht; er ruht auf einer anderen Höhe. Agnus Dei â das Verlöschen als Vollendung Das Agnus Dei dieser Messe ist einer der ergreifendsten Momente in Lassos geistlichem Schaffen. Hier wird nicht mehr gebeten, hier wird angenommen. âAgnus Dei, qui tollis peccata mundi, miserere nobisâ wird nicht wie ein Ruf gesungen, sondern wie ein inneres Nachsprechen einer Wahrheit, die lĂ€ngst gilt. Die Stimmen berĂŒhren einander nicht mehr in lebendigen Bögen, sondern in gedehnten Linien, die sich langsamer und weiter bewegen als zuvor. Man hat das GefĂŒhl, als wĂŒrde der Klang nicht zum Ende gefĂŒhrt, sondern hinĂŒbergeleitet. Beim letzten âDona nobis pacemâ verĂ€ndert sich etwas Entscheidendes. Der Satz zieht sich nicht zusammen, er bittet nicht um Frieden, als wĂ€re er noch fern, sondern spricht den Frieden aus, als wĂ€re er schon da. Man hört in diesem Moment, wie die Messe zu Atem kommt, nicht erschöpft, sondern vollendet in Ruhe. Der Klang endet nicht. Er hört auf zu klingen, aber man spĂŒrt, wie er weiter atmet, gerade weil er nicht mit Druck abgeschlossen wird. Diese Messe endet nicht mit einem Schluss, sondern mit einem Verweilen. So wird âBellâ Amfitritâ alteraâ zu einer Messe, die nicht gebaut, sondern gehoben ist. Man tritt nicht aus ihr heraus, man bleibt in ihrer Stille zurĂŒckgelassen. Und vielleicht ist das der gröĂte Beweis fĂŒr ihre QualitĂ€t: Man möchte nicht applaudieren, nicht reagieren, sondern im entstandenen Raum bleiben. Seitenanfang Missa super âBella Amfitritâ alteraâ, LV 1146 Missa super âSusanne un jourâ, LV 408, Messe ĂŒber das Lied âSusanne eines Tagesâ Ein geistliches Drama in musikalischer Verwandlung Unter den zahlreichen Messvertonungen von Orlando di Lasso nimmt die Missa âSusanne un jourâ eine besondere Stellung ein. Sie beruht auf einem bekannten französischen Chanson gleichen Namens, das einstimmig wohl von Didier Lupi Second (* um 1520 â â nach 1559) komponiert wurde, in polyphoner Fassung aber vor allem durch Lassos eigene Bearbeitung weite Verbreitung fand. Dieses Chanson erzĂ€hlt in ausdrucksstarker Sprache die biblische Geschichte von Susanna im Bade â eine Frau, deren Tugend und Reinheit von zwei lĂŒsternen Alten bedroht wird, die sie schlieĂlich der Untreue bezichtigen. Ihre Rettung erfolgt durch das Eingreifen des Propheten Daniel, der die Wahrheit ans Licht bringt. Didier Lupi Second: Chanson "Susanne un jour": https://www.youtube.com/watch?v=vVyPkzLiJDY Orlando di Lasso: Chanson "Susanne un jour": https://www.youtube.com/watch?v=oGeyX5wLyyA Die Geschichte, aus dem alttestamentlichen Buch Daniel stammend, wurde in der Renaissance nicht nur als moralisches Beispiel fĂŒr Tugend und Gerechtigkeit gelesen, sondern auch als bewegendes psychologisches Drama. Lassos Chansonfassung gehört zu den eindringlichsten musikalischen Ausdeutungen dieses Stoffs â mit starkem Affektgehalt, klarer Textausdeutung und einer dramatischen Steigerung, die ihrer Zeit weit voraus war. Der Wortlaut des Chansons ist kurz, konzentriert und folgt der dramatischen Verdichtung französischer Liebes- und Moralpoetik des 16. Jahrhunderts. In der Fassung, die als Grundlage fĂŒr Lassos Bearbeitung gilt, lautet er: Susanne un jour dâamour sollicitĂ©e Par deux vieillards convoiteux de sa beaultĂ©, Fut en son cĆur bien fort desconfortĂ©e Voyant lâeffort fait Ă sa chastetĂ©. Elle leur dict: Si par desloyaultĂ© De ce corps mien vous avez jouissance, Câest fait de moy. Si je fay rĂ©sistance, Vous me ferez mourir en deshonneur. Mais jâayme mieux pĂ©rir en innocence Que dâoffenser par pĂ©chĂ© le Seigneur. Deutsche Ăbersetzung Susanna wurde einst von Liebe bedrĂ€ngt, von zwei Greisen, die lĂŒstern nach ihrer Schönheit waren. In ihrem Herzen war sie tief bestĂŒrzt, als sie sah, wie sie ihre Keuschheit bedrĂ€ngten. Sie sagte zu ihnen: Wenn ihr durch Verrat an meinem Körper eure Lust befriedigt, bin ich verloren. Wenn ich Widerstand leiste, werdet ihr mich ehrenlos töten. Aber ich sterbe lieber unschuldig, als den Herrn durch SĂŒnde zu beleidigen. Der Text zeigt, warum dieses StĂŒck in der Renaissance eine solche Resonanz hervorrief. Es ist kein idyllisches SchĂ€ferlied, sondern ein psychologisches Kammerspiel in acht Zeilen: Keuschheit, Bedrohung, Gewissensentscheidung, Martyrium. In Lassos polyphoner Version treten dazu expressive Dissonanzen, expressive RĂŒckungen auf dem Wort âmourirâ und Dehnungen auf âinnocenceâ â musikalische Mittel, die Leid, Spannung und moralische Standhaftigkeit steigernd ausdeuten. In der auf dem Chanson basierenden Missa super âSusanne un jourâ ĂŒbertrĂ€gt Lasso das geistlich-moralische Narrativ nun in den Rahmen des lateinischen Messordinariums â eine Transformation, die nicht bloĂ formaler Natur ist, sondern tiefer symbolischer Bedeutung. In einer Zeit, in der die GegenĂŒberstellung von Schuld und Unschuld, VerfĂŒhrung und Standhaftigkeit, göttlichem Gericht und menschlicher Intrige zentrale Themen des geistlichen Denkens waren, fĂŒgt sich diese Messe nahtlos in den kulturellen Kontext der Gegenreformation ein. Dass die polyphone Struktur der Messe so ausbalanciert wirkt, liegt auch daran, dass Lasso nicht einfach Themenblöcke kopiert, sondern das melodische Material des Chansons in eine liturgische Grammatik ĂŒberfĂŒhrt. Im Kyrie erscheint das Grundmotiv als flehender Gestus, im Gloria verwandelt es sich in einen lichthellen Gestus der BekrĂ€ftigung, und im Credo wird aus dem Motiv eine klangliche Verdichtung, die den Glaubensakt musikalisch stĂ€rkt. Besonders markant sind die beiden Agnus-Dei-SĂ€tze, in denen Lasso die Linien streckt, das Material nach innen wendet und eine AtmosphĂ€re der Unschuld, des Verzichts und der Erlösung erzeugt â eine musikalische Parallele zum moralischen Kern der Geschichte. Die Musik folgt dem klassischen Verlauf der Messe â Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus et Benedictus, Agnus Dei â und verarbeitet dabei thematisches Material aus dem Chanson in nahezu allen SĂ€tzen. Lasso geht dabei subtil vor: Er ĂŒbernimmt charakteristische melodische Wendungen, behĂ€lt den emotionalen Grundton der Vorlage bei und verleiht der Musik zugleich liturgische WĂŒrde. Die Messe wirkt auf diese Weise wie ein geistlich abstrahiertes Echo des ursprĂŒnglichen ErzĂ€hlgesangs â frei von konkretem Text, aber durchdrungen von dessen affektiver Kraft. Kyrie Der einleitende Satz der Messe entfaltet die Grundspannung des gesamten Zyklus: ein flehender, kantabler Gestus aus dem Chanson wird in eine liturgische Klanghaltung transformiert. Lasso greift aus der Vorlage nicht die dramatischen Höhepunkte, sondern jene melodische Keimzelle auf, die Susannas innere Haltung â BestĂŒrzung, GefĂ€hrdung, moralische Festigkeit â musikalisch artikuliert. Das âKyrie eleisonâ beginnt mit relativ engen Stimmen, setzt auf imitatorische EinsĂ€tze in kleiner Intervallspannung und vermeidet jedes abrupte Ausgreifen. Die Musik hĂ€lt inne, atmet, verweilt auf den Dissonanzen als Momenten psychischer Anspannung. Im âChriste eleisonâ löst Lasso diese Energie nicht auf, sondern hellt sie minimal auf: die Linien werden etwas beweglicher, der imitatorische Anlauf wird breiter, der Klang gewinnt â ohne TriumphalitĂ€t â an Licht. Das abschlieĂende âKyrieâ fĂŒhrt wieder zur flehenden Ausgangssituation zurĂŒck, allerdings mit einer Verdichtung, die den Bittgestus stabilisiert. Das Resultat ist kein EffektstĂŒck, sondern ein psychologisch fein temperierter Satz, der die affektive Grundfarbe der Messe festlegt. Gloria Im Gloria vollzieht sich die wesentliche Verschiebung von bedrĂ€ngter Innerlichkeit zu liturgischer Affirmation. Lasso verzichtet auf dramatische Kontraste, sondern arbeitet mit kontrollierter LinearitĂ€t: die Stimmen öffnen den Raum, die imitatorischen EinsĂ€tze flieĂen breiter und stabiler. Entscheidend ist, dass Lasso die melodischen Floskeln des Chansons nun nicht als Seelenrede, sondern als âFestigungsformelnâ einsetzt â kurze motivische Zellen, die dem Gotteslob Kontur geben. Die Polyphonie bleibt transparent, fast durchscheinend: kein Hochamt des Glanzes, sondern eine Disziplinierung des Ausdrucks. Die Textabschnitte âQui tollis peccata mundiâ und âMiserere nobisâ erhalten feine expressive EintrĂŒbungen, die der moralischen Kernidee des Chansons â Unschuld bedroht, aber im Glauben geschĂŒtzt â entsprechen. Das abschlieĂende âCum Sancto Spirituâ ist keine Apotheose, sondern eine ruhige, wĂŒrdige Konsolidierung. Credo Das Credo ist der theologische Angelpunkt der Messe. Lasso verwendet hier das chansonhafte Material als âArgumentationsgerĂŒstâ: nicht dramatisch, sondern regelhaft entfaltet. Die imitatorische Polyphonie bildet lange Spannungsbögen, die an den entscheidenden Glaubensartikeln konzentriert werden: âEt incarnatus estâ, âCrucifixusâ, âEt resurrexitâ. AuffĂ€llig ist, dass Lasso gerade bei âEt incarnatus estâ die melodische Linie des Chansons in eine Art innerer Demut ĂŒberfĂŒhrt: das Motiv sinkt leicht ab, die Stimmen engen sich, die Harmonik wird weicher â eine klangliche Reverenz an das Konzept von Fleischwerdung und Unschuld. Der âCrucifixusâ erhĂ€lt eine begrenzte expressive Dissonanzierung, aber keine Ăber-Emotionalisierung â Lasso bleibt streng im liturgischen Raum. âEt resurrexitâ öffnet den Klang, bleibt aber kontrolliert; die Auferstehung ist nicht Triumph, sondern Sicherung des Glaubensakts. Das Credo endet mit einem gefĂŒgten, nicht triumphalistischen EinverstĂ€ndnis. Sanctus â Benedictus Im Sanctus kondensiert Lasso die polyphone Energie. Der Satz beginnt mit einem ruhigen, gehobenen Klang, der die Chansonlinse fast vollstĂ€ndig spirituell durchdringt: es entsteht ein Raum, der eher Kontemplation als Drama ist. Die Stimmen gestalten das âPleni sunt caeliâ als rĂ€umliche Weitung, wobei die motivischen Elemente aus âSusanne un jourâ nun als Klangpartikel erscheinen â nicht als narrative Marker. Der âHosannaâ-Abschnitt verzichtet auf ekstatische Ăberhöhung; er wirkt wie ein organisch beschleunigter Atemzug, der den liturgischen Jubel nicht als AuĂenwirkung, sondern als innere Zustimmung begreift. Das âBenedictusâ zieht sich zurĂŒck â kein GegenstĂŒck, sondern eine meditative Spiegelung. Die Linien sind weich gefĂŒhrt, in kleinen Intervallen beweglich, die Harmonik ruhig. Lasso setzt hier die moralische Grundfigur der Susanna â stille UnerschĂŒtterlichkeit â musikalisch um. Agnus Dei I und II Die beiden SchlusssĂ€tze bĂŒndeln die moralische Botschaft der Messe. Im ersten âAgnus Deiâ wird das Chansonmotiv gedehnt, beruhigt, entdramatisiert. Die Polyphonie ist eng gefĂŒhrt, die Klangspannung wird wie in kreisender Bewegung gehalten â die Bitte um Erbarmen erhĂ€lt den Charakter einer elegischen Innenrede. Der zweite âAgnus Deiâ-Satz ist der eigentliche poetische Schlusspunkt: Lasso verlĂ€ngert die Linien, nimmt die imitatorischen Prozesse zurĂŒck, formt aus den Stimmen eine ruhige, flieĂende Textur. Das Motiv, das im Chanson als Bedrohungsmelodie erscheint, wird nun zu einem Klang von Reinigung, leiser Entlastung, fast mönchischer Ruhe. Die Messe schlieĂt nicht in einem Siegesgestus, sondern in einem Zustand geistiger Klarheit. Das Unschuldsthema, das im Chanson dramatisch zugespitzt ist, wird im liturgischen Rahmen in einen Akt stiller, gereifter Zustimmung verwandelt: keine Tragödie, kein Triumph â sondern ein klangliches âGerechtigkeit wird gehaltenâ. Besonders eindrucksvoll ist die FĂ€higkeit Lassos, zwischen dramatischer Spannung und ruhiger Kontemplation zu wechseln. Die Musik spricht nicht in dogmatischer Strenge, sondern in menschlich nachvollziehbaren Gesten. Die Polyphonie bleibt stets durchhörbar, die Stimmen eng verwoben, aber klar gegliedert â ein idealer Klangraum fĂŒr geistige Sammlung und andĂ€chtige Betrachtung. Die Missa âSusanne un jourâ steht damit exemplarisch fĂŒr Lassos FĂ€higkeit, weltlich geprĂ€gte Formen in geistliche SphĂ€ren zu ĂŒberfĂŒhren. Sie ist ein Werk, das sowohl emotional berĂŒhrt als auch theologisch reflektiert â eine Messvertonung, in der die Musik zugleich Anklage, Trost und Gebet ist. Orlando di Lasso: Missa "Susanne un jour": https://www.youtube.com/watch?v=z_Mqy22bu48 CD-Vorschlag Essential Masses, Vol. 1, Oxford Camerata, Jeremy Summerly (* 1961), Naxos 1992 und 2010, Disc 13, Tracks 7 bis 11. Seitenanfang Missa super âSusanne un jourâ, LV 408 Missa super âQuandâio pensâal martireâ, LV 463, Messe nach dem Madrigal âQuandâio pensâal martireâ Die ĂberfĂŒhrung des persönlichen Schmerzes in liturgische Gegenwart Diese Messe gehört zu den Werken, in denen Orlando di Lasso zeigt, dass die Grenze zwischen Profan und Sakral nicht durch das Material gezogen wird, sondern durch die Art, wie ein Affekt verwandelt wird. Grundlage ist das Madrigal Quandâio pensâal martire, ein StĂŒck, in dem die Stimme der Liebenden den inneren Schmerz betrachtet, nicht aufschreit, sondern benennt. Das Wort âmartireâ meint nicht den religiösen Blutzeugen, sondern den alltĂ€glichen, beinahe körperlichen Verlust. Lasso ĂŒbernimmt diese Sprache nicht. Er ĂŒberfĂŒhrt sie. Der persönliche Schmerz verliert den Körper und erhĂ€lt die Form. Die Polyphonie nimmt nichts von der Unruhe mit â sie ĂŒbernimmt den Zustand, nicht den Anlass. Das Madrigal Quandâio pensâal martire (âWenn ich an das Leiden denkeâ) stammt von Jacques Arcadelt (um 1507â1568). Das StĂŒck erschien 1539 in seinem berĂŒhmten âPrimo libro deâ madrigaliâ, einer Sammlung, die als Brennpunkt der neuen Gattung galt: klare TextverstĂ€ndlichkeit, Konzentration auf kurze, greifbare Affekte, sparsame Imitation, unmittelbare vokale Schönheit. Arcadelt zeigt hier jene Kunst der âmilden IntensitĂ€tâ, die sein Madrigalstil berĂŒhmt machte â eine Musik, die Schmerz nicht ausstellt, sondern diszipliniert formt. Das Thema ist nicht metaphysisch, sondern zutiefst menschlich: der Liebende betrachtet seinen eigenen âmartireâ â das Leid der Trennung oder ZurĂŒckweisung. Doch Arcadelt ĂŒberfĂŒhrt dieses Leid nicht in dramatische Geste. Der Schmerz bleibt reflektiert, beinahe höflich. Das Madrigal wirkt wie ein Monolog im Halbschatten â kein Aufschrei, kein Theaterschmerz, sondern ein kontrolliertes Inneres, ausgedrĂŒckt in der Transparenz vierstimmiger Vokallinien. https://www.youtube.com/watch?v=7pukXRvy2WA Typisch fĂŒr Arcadelt ist die Art, wie er keine âAbgrĂŒndeâ komponiert. Die Linien sind weich gefĂŒhrt, der Kontrapunkt unaufdringlich, die Harmonik weich gebogen. Der Schmerz des Gedichts erhĂ€lt WĂŒrde statt Verzweiflung. Die Stimme kennt Melancholie, aber keine Ăbertreibung. Die Musik beginnt und endet in jenem Zwischenraum, in dem Schmerz nicht zerstört, sondern gehalten wird. Gerade diese kontrollierte Eleganz macht Quandâio pensâal martire zu einem idealen Modell fĂŒr eine Parodiemesse: Was im weltlichen Madrigal ein intimer Selbstblick ist, lĂ€sst sich liturgisch in eine neutrale, ruhige Gegenwart ĂŒberfĂŒhren. Der Text verliert im sakralen Kontext seine private Herkunft, aber die Haltung der gedĂ€mpften IntensitĂ€t bleibt erhalten. Originaltext (italienisch) Quandâio pensâal martire, che la mia donna prova, mi par che nel suo core sâaccenda una gran fiamma, che âl mio cor tutto infiamma. Deutsche Ăbersetzung Wenn ich an das Leiden denke, das meine Geliebte ertrĂ€gt, so scheint es mir, als entbrenne in ihrem Herzen eine groĂe Flamme, die auch mein eigenes Herz ganz in Brand setzt. Missa super âQuandâio pensâal martireâ, Tracks 21 bis 26: https://www.youtube.com/watch?v=IzPKImLcOvA&list=OLAK5uy_kreGU3yRija6p5OlXnicOMppcBaTgvM18&index=21 Kyrie â ein leiser Eintritt der Stimmen, die Schmerz nicht aussprechen, sondern teilen Wenn das Kyrie der Messe einsetzt, wirkt es, als wĂŒrde die Musik nicht beginnen, sondern als hĂ€tte sie bereits vor dem ersten Ton im Raum existiert. Die Stimmen stehen nebeneinander wie Menschen, die denselben Schmerz nicht aussprechen können und ihn deshalb nur teilen. Es gibt kein Ansingen, kein Deklamieren, keine Ăffnung. Der Klang gleitet in einen Zustand hinein, der nicht bittet, sondern anwesend bleibt. Auch das âChriste eleisonâ sucht keinen Kontrast. Es ist keine zweite Ebene, sondern eine leichte VerĂ€nderung der Wahrnehmung, wie ein minimal verĂ€ndertes Licht im selben Raum. Wenn das dritte Kyrie zurĂŒckkehrt, trĂ€gt es nichts Neues hinein. Es sammelt, was gesagt wurde, ohne es zu verstĂ€rken. Die Wiederkehr bedeutet nicht Steigerung, sondern Erinnerung. Gloria â ein gedĂ€mpftes Aufleuchten, das nicht jubelt, sondern Raum zulĂ€sst Das Gloria fĂŒhrt diese innere Bewegung nicht in die Liturgie einer triumphalen Passage. Es meidet jeden Aufschwung. âGloria in excelsis Deoâ wird nicht gesprochen, um eine Höhe zu markieren, sondern um die Stimme im Raum zu halten. Lasso nimmt die Polyphonie nicht als Geflecht, sondern als Transparenz. Man hört keine Ăberlegenheit, keine Freude, keine Begeisterung. Was man hört, ist ein ruhiges Leuchten, das nicht ĂŒberredet, sondern duldet. Die Dankformeln, die in anderen Vertonungen ein behutsamer Wechsel von Licht und Forderung sind, erscheinen hier als AtemzĂŒge. âLaudamus te, benedicimus teâ wird nicht als Reihe von Verben verstanden, sondern als eine Linie, die sich nicht entscheiden muss, wie viel sie geben darf. Es ist erst an der Stelle des âQui tollis peccata mundiâ, dass ein Hörer die Spuren des Madrigals als Haltung wiedererkennt: eine Verlangsamung des inneren Tempos, ein Senken des Gewichts, ohne Dunkelheit zu erzeugen. Das Miserere nobis wird nicht ausgesprochen, als mĂŒsste ein Gnadenakt eingefordert werden. Es wird ausgesprochen, als wĂ€re der Begriff des Erbarmens selbstverstĂ€ndlich, nicht dramatisch. Nichts wird beschleunigt. Nichts wird zurĂŒckgehalten. Es ist ein Moment, in dem Polyphonie nichts verhandelt, sondern eine Geste stehen lĂ€sst. Und wenn das âCum Sancto Spirituâ sich öffnet, dann nicht, weil die Musik aufbricht, sondern weil der Klang breiter atmet. Lasso sucht nie die Geste. Er sucht die FlĂ€che, die gehalten wird. Credo â ein ruhendes EinverstĂ€ndnis, Glauben ohne Deklamation Im Credo begegnet man keiner verkĂŒndenden Theologie. Der Text wird nicht deklariert, sondern als SelbstverstĂ€ndlichkeit gefĂŒhrt. âCredoâ ist kein âIch behaupteâ, sondern ein âIch ruhe darinâ. Die Stimmen bilden keine Architektur. Sie bilden eine Ebene, die nicht in Bewegung versetzt wird. Der Eintritt in âEt incarnatus estâ ist keine Wendung, sondern ein RĂŒckzug. Man hört, wie die Polyphonie den Raum etwas öffnet, um das Wort nicht aufzublĂ€hen. Der Abschnitt ĂŒber die Inkarnation will nicht ĂŒberfĂŒhren, sondern nicht stören. Lasso lĂ€sst die Stimmen innehalten, aber nicht absetzen. Auch âCrucifixusâ verweigert sich der ĂŒblichen Rhetorik von Leid oder Ă€uĂerer ErschĂŒtterung. Die Linien ziehen sich zusammen, nicht um Schmerz zu zeigen, sondern um die Zeit anzuhalten. Die Polyphonie wird enger, aber nie schĂ€rfer. Und âEt resurrexitâ wird nicht zum Aufstieg. Es wird zu einer VerĂ€nderung der Perspektive, die nicht von unten nach oben fĂŒhrt, sondern von innen nach innen. Es ist Auferstehung als notwendig gedachte Bewegung, nicht als Jubel. Sanctus â Heiligkeit als Zustand, nicht als Höhepunkt Im Sanctus wendet sich die Messe nicht an den Himmel. Sie betrachtet ihn. Das âSanctusâ ist kein Ruf, keine Erhebung, keine Ăffnung. Es ist ein Zustand, in dem das Wort âheiligâ nicht Glanz bezeichnet, sondern Ruhe. âPleni sunt coeliâ wird nicht als ErfĂŒllung gedacht, sondern als Feststellung, dass der Raum vorhanden ist. Und das Hosanna schafft keinen Wurf. Es schafft Leichtigkeit. Es klingt wie Klang, der nicht fallen muss. Benedictus â die Ankunft ohne Bewegung, ein Dasein ohne Weg Das Benedictus erscheint ohne Ankunftsgeste. âBenedictus qui venitâ ist kein âJetzt kommt jemandâ. Es ist ein âJemand ist daâ. Die Stimmen machen keinen Weg. Sie öffnen einen Ort. Das wiederholte Hosanna erkennt nicht wieder, was zuvor gesagt wurde, sondern sieht es aus einer anderen Höhe. Was zurĂŒckkehrt, ist keine Wiederholung â es ist vertiefte Wahrnehmung. Agnus Dei â das Aufhören des Willens, Frieden als bereits vorhandene Stille Und das Agnus Dei löst nichts. Es verlangt nichts. Die Stimmen verlieren nicht Kraft, sondern Wille. âMiserere nobisâ ist kein Ruf nach Zuwendung, sondern ein Atem, der nicht erklĂ€ren muss. Beim âDona nobis pacemâ sinkt der Klang nicht. Er wird unbeweglich. Friede wird nicht gegeben. Friede ist da. So verwandelt diese Messe nicht den Schmerz, sondern seine Person. Der Liebende verliert sein Gesicht. Die Wunde verliert ihre Geschichte. Was bleibt, ist ein Zustand, in dem Affekt keinen Körper mehr hat. Genau das unterscheidet diese Messe von einem emotionalen Werk: Sie rehabilitiert nicht, sie ersetzt nicht, sie hebt auf. Das Madrigal bleibt im Hintergrund â nicht als Quelle, sondern als Erinnerung an ein GefĂŒhl, das nicht mehr ausgesprochen wird. Diese Messe löst keinen Schmerz. Sie verlegt ihn in eine Ordnung. Sie verlangt keinen Trost. Sie erkennt eine Grenze. Und vielleicht ist das die eigentliche Verwandlung: Nicht die Sakralisierung des Profanen, sondern die Entpersönlichung des Schmerzes. Keine dramatische Reinigung, sondern ein langsamer Ăbergang in eine Form, in der nichts mehr verlangt werden muss. So klingt diese Musik nicht wie ein Gebet. Sie klingt wie eine schwebende Entscheidung, das persönliche Wort aufzugeben. CD-Vorschlaag, Orlando di Lasso: Choral Music, The Choir of Christ Church Cathedral, Oxford, Leitung Stephen Darlington (* 1952), Nimbus, 1987, Tracks 21 bis 26. Seitenanfang Missa super âQuandâio pensâal martireâ, LV 463 Missa ad imitationem âVinum bonumâ, LV 627, Messe nach dem Vorbild âVinum bonum" Diese Messe reproduziert die Motette nicht und reduziert sich nicht auf ein technisches Imitationsschema. Sie ist geistige Wandlung einer Freude. WĂ€hrend die Motette âVinum bonumâ eine stille, kultivierte Weltlichkeit atmet, verwandelt Lasso diese Grundhaltung in eine sakrale Heiterkeit, die nichts Euphorisches hat â sondern eine Ruhe, die aus dem Genuss geboren ist und nun ins Geistige ĂŒbertritt. Orlando di Lasso: Motette âVinum bonum et suaveâ, doppelchörig, ikonisch; Grundlage fĂŒr die gleichnamige Messe Diese Motette steht wie ein unerwarteter Augenblick irdischer Freude. Und doch ist sie nicht profan ausgelassen, nicht weltlich im Sinne höfischer Unterhaltungsmusik. Bei Lassus ist selbst das Lob des Weines nicht bloĂ Genuss, sondern ein Gleichnis fĂŒr innere WĂ€rme, Gemeinschaft und geistlichen Trost. https://www.youtube.com/watch?v=nJ0r5pkRReI&list=OLAK5uy_kreGU3yRija6p5OlXnicOMppcBaTgvM18&index=27 âVinum bonum et suaveâ â Ein guter und lieblicher Wein â klingt nicht ausgelassen, sondern wie ein zarter, beinahe liturgisch geadelter Genuss. Lasso vermeidet alles Derbe, alles TĂ€nzerische. Die Freude wird nicht hinausgerufen â sie wird geteilt. Da die Motette doppelchörig ist, entsteht kein Wettstreit zwischen den Chören, wie im venezianischen Glanzstil, sondern ein abwechselndes Reichen des Klanges, fast wie Becher, die von Chor zu Chor gereicht werden. Einer singt â der andere nimmt auf â nicht, um zu glĂ€nzen, sondern um anzuschlieĂen, zu bestĂ€tigen, zu bejahen. Auch der zentrale Vers âBonum vinum laetificat cor hominisâ â Ein guter Wein erfreut das Herz des Menschen â wird bei Lassus nicht heiter, sondern mild gesetzt. Man spĂŒrt, dass diese Freude nicht laut ist, sondern warm, die Art Freude, die nicht nach auĂen strahlt, sondern nach innen sinkt. Lasso komponiert keinen Rausch, sondern eine stille, kultivierte Gelöstheit, wie sie einer geistig-gelassenen Humanitas entspricht. Wenn dann âLaudamus teâ erklingt, ist dies kein Wechsel in sakrale Sprache, sondern die natĂŒrliche Folge des Genusses. Die Motette sagt: Wer empfĂ€ngt, muss loben, aber nicht mit Zwang â mit Dankbarkeit. Die Musik richtet den Blick nicht nach oben, sie vertieft den menschlichen Augenblick, indem sie ihn von innen her adelt. Es ist, als wĂŒrde die Motette sagen: Auch irdische Freude kann liturgisch werden, wenn sie in WĂŒrde geteilt wird. Diese Motette ist keine weltliche Insel, sondern ein geistlich-humanistischer Atemzug. Und genau deshalb kann Lasso aus ihr eine Messe bauen. Denn nur Freude, die Raum hat, kann verwandelt werden. Lateinischer Text der Motette Vinum bonum et suave, bonum vinum laetificat cor hominis. Laudamus te, laudamus te. Vinum bonum et suave. Deutsche Ăbertragung Ein guter und lieblicher Wein, ein guter Wein erfreut das Herz des Menschen. Wir loben dich, wir loben dich. Ein guter und lieblicher Wein. Wo âBellâ Amfitritâ alteraâ aus einem weltlichen Liebesbild VerklĂ€rung machte und wo âTriste dĂ©partâ aus einem Chanson melancholische BuĂ-Erkenntnis machte, da macht âVinum Bonumâ aus einem Lied vom Wein einen musikalischen Raum geistlicher Dankbarkeit â nicht asketisch, nicht ekstatisch â sondern schlicht innerlich versöhnt. Missa ad imitationem âVinum bonumâ, Tracks 28 bis 33: https://www.youtube.com/watch?v=9vsCkQBG3vk&list=OLAK5uy_kreGU3yRija6p5OlXnicOMppcBaTgvM18&index=28 Kyrie â Freude wird Sammlung Das Kyrie ist kein Bitten aus Not, sondern Bitten aus Bewusstsein. Man hört im ersten Einsatz ein Aufgerichtetsein, anders als in den anderen beiden Messen. Die Stimmen treten nicht tastend ein wie bei âBellâ Amfitritââ, nicht gebeugt wie bei âTriste dĂ©partâ, sondern mit einer Art stiller Haltung. Diese Messe beginnt, als hĂ€tte der Chor bereits etwas empfangen. Das Kyrie ist hier kein Ruf nach oben, sondern eine RĂŒckgabe dessen, was empfangen wurde â ein Kyrie der Dankbarkeit. Die Linien flieĂen, aber nicht drĂ€ngend, eher wie Wein, der in eine Schale gegossen wird: kontrolliert, ruhig, mit innerer FĂŒlle. Auch das Christe eleison bringt keinen emotionalen Kontrast, sondern eine geringfĂŒgige Aufhellung, wie ein leichter Glanz auf der OberflĂ€che eines bereits gefĂŒllten GefĂ€Ăes. Hier wird Christus nicht angerufen, weil man ihn braucht â sondern weil man ihn anerkennt. Der Klang neigt sich nicht nach unten, er bleibt aufrecht, aber nicht stolz â ruhig, empfangend, gelassen. Das abschlieĂende Kyrie ist kein RĂŒckfall, keine Wiederholung. Es ist ein Absenken des Klangs, nicht aus SchwĂ€che, sondern wie ein Verneigen nach einem Wort, das man nicht ĂŒberhöhen will. Der Chor klingt, als wĂŒrde er mit gerader WirbelsĂ€ule knien. Dies ist die seltene Erfahrung einer Messe, in der Kyrie nicht Schmerz, sondern WĂŒrde des Empfangens ist. Gloria â Die Verwandlung der Freude in liturgische WĂŒrde WĂ€hrend bei vielen Renaissance-Messen das Gloria als Moment des Glanzes erscheint â hĂ€ufig hell, jubelnd, fast wie ein musikalisches Tor, das sich weit öffnet â bleibt Lasso in dieser Messe ungewöhnlich innerlich gesammelt. Das Gloria tritt nicht auf als feierlicher Ausbruch, sondern als bewusstes Sprechen eines Lobes, das bereits im Herzen getragen wird. âGloria in excelsis Deoâ klingt hier nicht wie eine himmelwĂ€rts gerichtete Fanfare, sondern wie eine stille BestĂ€tigung: Ja â Gott gebĂŒhrt Ehre. Keiner eilt voraus. Die Stimmen bilden keine Klangkrone, sondern stehen nebeneinander, wie Menschen, die gemeinsam vor einem Geheimnis stehen, nicht laut, aber konzentriert. Das Besondere ist, dass Lasso nicht jubelt â sondern anerkennt. Er komponiert keine Ekstase, sondern Gelassenheit, eine reife Freude, die nicht mehr aus sich heraus muss, weil sie bereits angekommen ist. Man könnte sagen: Dieses Gloria lĂ€chelt nicht â es atmet. Bei der Passage âLaudamus te, benedicimus teâ entsteht kein Schwung wie in prachtvoll-barocken Vertonungen. Stattdessen vertieft sich die Stimme, als wĂŒrde das Wort Loben nicht gerufen, sondern innerlich gesprochen â ja, wir loben dich, aber ohne Zurschaustellung. Die Freude ist hier nicht Emotion, sondern Zustand. Von besonderer Schönheit ist âGratias agimus tibiâ â Wir sagen dir Dank. Hier treten die Stimmen einander fast wie bei einem Tischgebet zu. Nichts Weltliches mehr â aber auch nichts Prunkvolles. Nur die schlichte Haltung des Dankens. Nicht euphorisch, nicht fromm-schwĂ€rmerisch â ruhig, wach, gegenwĂ€rtig. Und wenn schlieĂlich âCum Sancto Spirituâ kommt, erwartet man bei klassischen Messen oft ein feierliches Finale. Lasso verzichtet bewusst darauf. Es gibt keinen Aufstieg, sondern ein Absenken â ein Einwilligen. Es ist, als wĂŒrde die Musik sagen: Die Ehre Gottes wird nicht durch LautstĂ€rke bewiesen â sondern durch das stille EinverstĂ€ndnis, in ihr zu stehen. Dieses Gloria ist nicht der Ruf nach oben â es ist die Erfahrung, schon im Licht zu stehen, und es darum nicht steigern zu mĂŒssen. Credo â Der Glaube nicht als Kampf, sondern als Friede Das Credo dieser Messe ist von bemerkenswerter Eigenart. In vielen Vertonungen wird das Credo zum theologischen Zentrum, zum Höhepunkt der Bekenntnisfreude oder Argumentation. Nicht so bei Lasso hier. Bereits nach wenigen Takten wird spĂŒrbar: Hier ist der Glaube nicht etwas zu âverkĂŒndenâ, sondern etwas, in dem man bereits steht. âCredo in unum Deumâ â Ich glaube an den einen Gott â wird nicht wie eine Behauptung gesungen, nicht wie eine These, nicht wie eine Deklamation der Wahrheit, sondern wie ein ruhiges Bekenntnis mitten im Leben. Kein DrĂ€ngen, keine Betonung, keine Erregung. Der Glaube wird nicht verkĂŒndet. Er wird ausgesprochen wie etwas, das lĂ€ngst im Inneren zur Ruhe gekommen ist. Die Stimmen bewegen sich nah beieinander, ohne groĂe SprĂŒnge, keine heroischen Intervalle, keine architektonische Kontrapunkt-Wucht â ein Credo ohne âWaffen". Das ist vielleicht die tiefste Aussage dieses Satzes: Glauben braucht keine rhetorische Kraft, wenn er schon in sich ruht. Besonders auffĂ€llig ist, wie Lasso âEt incarnatus estâ behandelt. In vielen Messvertonungen ist dies der Moment des Innehaltens â manchmal voller Staunen, manchmal von tiefer Innerlichkeit. Hier jedoch wird die Musik nicht stiller, sondern noch gelassener. Als sei die Menschwerdung keine Unterbrechung der göttlichen Ordnung â sondern ihre stille Vollendung. Die Musik atmet weiter, ohne Bruch, ohne Bewegung nach unten oder oben. Es ist, als höre man in diesem Moment kein Wunder, sondern einen unausweichlichen Akt der göttlichen NĂ€he. âEt resurrexitâ â und er ist auferstanden â entsteht nicht als Jubel, nicht wie ein AufblĂŒhen, sondern wie ein inneres Aufrichten. Keine ekstatischen Linien â eine stille Festigkeit. Die Auferstehung wird nicht gefeiert â sie wird mit WĂŒrde anerkannt. Und schlieĂlich, bei den letzten Worten â âEt vitam venturi saeculiâ â und das Leben der kommenden Welt â zieht sich der Klang nicht zusammen, sondern öffnet sich leicht, nicht loftartig, sondern wie ein Atem, der nach auĂen geht und doch im Körper bleibt. Ein Credo ohne Pathos â aber voller Gewissheit. Dies ist der Glaube derer, die nicht mehr kĂ€mpfen mĂŒssen, um zu glauben â weil der Glaube selbst zu ihrer inneren Haltung geworden ist. Sanctus und Benedictus â Heiligkeit nicht als Höhepunkt, sondern als Verweilen im Licht Wenn das Sanctus dieser Messe beginnt, spĂŒrt man sofort: Es will keine Höhe erreichen â es steht bereits in einem inneren Licht. WĂ€hrend viele Komponisten den Ruf âSanctus, Sanctus, Sanctusâ als Aufstieg gestalten, als klangliche Emporhebung, vermeidet Lasso genau dieses theatralische Moment. Sein Sanctus steigt nicht auf â es weitet sich. Die Stimmen treten nicht nach vorn, sie öffnen sich nach innen. Kein strahlender Ausruf, sondern ein stilles Stehen im Heiligen. Der Chor wirkt nicht wie eine Pilgergruppe, die sich dem himmlischen Thron nĂ€hert, sondern wie eine Gemeinschaft, die bereits im göttlichen Raum angekommen ist und nun dort verweilt â still, wach, ohne Drang. âPleni sunt coeli et terra gloria tuaâ â Himmel und Erde sind voll deiner Herrlichkeit â wird nicht als Festdeklaration gesungen. Die Musik verharrt â fast wie jemand, der das, was er sagt, nicht beweisen will, sondern nur wahrnimmt. Lasso bezeugt, er verkĂŒndet nicht. Das ist ein entscheidender Unterschied dieser Messe zu vielen anderen Messvertonungen: Heiligkeit ist kein Vorhaben â sie ist Zustand. âHosanna in excelsisâ ist kein Jubelruf. Es ist ein leichtes Anheben, fast ein Innehalten, als wĂŒrde der Chor einen Schritt tun â nicht nach oben, sondern nach innen. Kein Triumph â ein leiser Glanz. Dann tritt das Benedictus ein â âGesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrnâ. In vielen Messen wird dieser Abschnitt als lyrischer, zarter Gegengesang gestaltet â oft mit einer IntimitĂ€t, die beinahe solistisch wirkt. Lasso hingegen hĂ€lt die gleiche Klanghaltung wie zuvor â keine neue Farbe, kein gefĂŒhliger Einschlag. Es kommt niemand â Er war bereits da. Das Benedictus ist hier kein Kommen, sondern ein Erkennen der Gegenwart. Und wenn das Hosanna zurĂŒckkehrt, ist es nicht stĂ€rker, nicht feierlicher. Es ist reiner Atem, ein zweites Nicken, als wĂŒrde die Musik still sagen: Ja â so ist es. Dieses Sanctus kennt kein âHinzuâ â es kennt nur das âBereitsâ. Heiligkeit ist hier nicht Aufstieg, sondern Gegenwart. Agnus Dei â Der Friede nicht als Gabe, sondern als Zustand Mit dem Agnus Dei erreicht diese Messe ihren innersten Raum. WĂ€hrend in der âMissa Bellâ Amfitritâ alteraâ das Agnus Dei ein stilles Versöhnungsatmen war und in der âMissa super Triste dĂ©partâ eine verhaltene Ăbergabe des Schmerzes, ist es hier etwas anderes: eine RĂŒckkehr in die Ruhe, die nicht mehr bittet, sondern bereits angenommen hat, dass Gnade nicht erzwungen, nur empfangen werden kann. âAgnus Dei, qui tollis peccata mundiâ wird nicht als Wehklage gesungen. Lasso vermeidet jede dramatische Spannung. Stattdessen hört man ein ruhiges Erkennen: Das Lamm Gottes trĂ€gt die SĂŒnden der Welt â also auch meine, auch diese Zeit, auch diese MĂŒdigkeit. Hier gibt es keine Bewegung nach auĂen mehr, keine Sehnsucht, kein DrĂ€ngen. Es ist die Stimme eines Menschen, der aufgehört hat, etwas anderes sein zu wollen, als einer, der empfĂ€ngt. Besonders bemerkenswert ist, wie Lassos Musik nicht in Pathos zerflieĂt, sondern im Ton objektiv bleibt â fast sachlich, aber mit einer WĂ€rme, die nicht sentimental, sondern wahrhaft kontemplativ ist. Der Chor fleht nicht â der Chor steht noch immer. Hier ist kein Schuldbekenntnis mehr, kein seelisches Ringen â nur noch Dasein vor dem Lamm. Und dann â âdona nobis pacemâ â gib uns Frieden. In den meisten Messvertonungen â bei Palestrina, bei Victoria, spĂ€ter bei Haydn, Beethoven â wird dieser Moment zur Apotheose, zum groĂen Klangbogen. Nicht bei Lasso. Er verweigert den groĂen Schluss. Der Friede kommt nicht als Triumph â er kommt als Absenkung. Die Stimmen senken sich wie eine Flamme, die nicht erlischt, sondern in ihrer kleinsten Glut die gröĂte Klarheit besitzt. Es wirkt nicht wie ein Ende, sondern wie ein Loslassen, bei dem nichts mehr bewiesen, nichts mehr erklĂ€rt werden muss. Der Klang tritt zurĂŒck â aber er bleibt prĂ€sent. Und genau das ist Friede. Dies ist ein Agnus Dei, das keinen Abschluss braucht. Denn wer so singen (hören) kann, ist bereits angekommen. CD- Vorschlag Orlando di Lasso, Choral Music, The Choir of Christ Church Cathedral, Oxford, Leitung Stephen Darlington (* 1952), Nimbus, 1987, Tracks 27 + 28 bis 33. Seitenanfang Missa ad imitationem âVinum bonumâ, LV 627 Missa super âTriste dĂ©partâ, LV Anh. 107 Die Messe âTriste dĂ©partâ ist keine Messe der VerklĂ€rung, sondern eine Messe der verwandelten Klage. WĂ€hrend âBellâ Amfitritâ alteraâ aus der Erinnerung an ein verlorenes Liebeslied ein Bild geistlicher Schönheit formt, trĂ€gt âTriste dĂ©partâ von der ersten Note an eine andere Temperatur. Grundlage ist die Chanson âTriste dĂ©partâ von Nicolas Gombert (um 1495â1560), einem der dunkelsten Meister der franko-flĂ€mischen Polyphonie, bekannt fĂŒr seine dichte, unbarmherzig gleitende StimmfĂŒhrung, die keine AtemrĂ€ume lĂ€sst. Dieser weltliche Klagelied-Grund bleibt spĂŒrbar, auch wenn Lasso ihn nicht direkt zitiert. Und wie beim Madrigal von Clemens non Papa (um 1510âum 1555) gilt auch hier: Die Quelle ist kaum hörbar, denn sie ist selbst verstummt. Was wir hören, ist kein Zitat, sondern ein Abdruck, ein Nachhall, der sich wie ein Schatten durch die Messe zieht. âTriste dĂ©partâ ist eine mehrstimmige Chanson von Nicolas Gombert (um 1495â1560), und sie gehört in jene Gruppe weltlicher Klagelieder, die sich um Abschied, Verlust und Trennung drehen. Der Titel bedeutet schlicht âtrauriger Aufbruchâ und verweist auf die Grundsituation: Jemand muss fort, jemand bleibt zurĂŒck, und aus dieser Trennung entsteht Schmerz. Damit steht das StĂŒck im deutlichen Gegensatz zu den leichteren, tanznahen Pariser Chansons eines Claudin de Sermisy (um 1490â1562) oder ClĂ©ment Janequin (um 1485â1558). Gombert schreibt keine GesellschaftsstĂŒcke, sondern ernsthafte Vokalpolyphonie, deren dichter Satz sich eher an der Motette orientiert als an höfischer Unterhaltung. https://www.youtube.com/watch?v=2NZbSrJ3pnk Musikalisch arbeitet Gombert in âTriste dĂ©partâ mit engmaschiger Imitation in allen Stimmen, hĂ€ufigen Stimmdurchkreuzungen und vergleichsweise knapper Phrasierung. Die Polyphonie flieĂt wie ein einziger, kaum unterbrochener Strom, deutlich anders als bei Komponisten, die Periodenbildung und homophone Entspannung bevorzugen. SchlĂŒsselwörter, die den affektiven Kern benennen â Trauer, Schmerz, Verlust, KĂ€lte, Erstarrung â, werden musikalisch hervorgehoben: oft in abwĂ€rts gerichteten Linien, in dichter motivischer EngfĂŒhrung oder in gedehnten Spannungsfeldern. Die Harmonik arbeitet mit vielen vorbereiteten Vorhalten, Durchgangsdissonanzen und engen Sekundenreibungen. All das erzeugt eine Klangwelt, die fortgesetzt Spannung aufbaut, den Text emotional verdichtet und ihm gerade nicht die SchĂ€rfen nimmt. Der Text fungiert dabei nicht als dekorative Beigabe, sondern als strukturierendes Element. Zu Beginn, dort, wo die Szene des Abschieds gesetzt wird, ist der Satz etwas klarer, syllabischer und mit deutlicheren Kadenzpunkten versehen; im Zentrum â wo von Schmerz, âdouleurâ und âlangueurâ die Rede ist â zieht Gombert den Satz hörbar zusammen: Die Imitationen werden enger, die Dissonanzen schĂ€rfer, die Bewegungen unmittelbarer. Gegen Ende, wenn der Sprecher sich nicht selten in Resignation oder geduldige Hoffnung flĂŒchtet, hellt sich das Klangbild leicht auf: Mehr Terzen und Sexten erscheinen in der AuĂendimension, die Kadenzen werden regelmĂ€Ăiger, ohne dass der ernste Grundton aufgegeben wĂŒrde. Der Schluss fĂŒhrt deshalb nicht in Trost, sondern eher in ein tragisches EinverstĂ€ndnis: Der Schmerz wird akzeptiert, nicht aufgehoben. âTriste dĂ©partâ ist also keine Chanson, die Distanz beschreibt, sondern eine, die sie hörbar vollzieht. Der Schmerz wird nicht erzĂ€hlt, sondern im Klangraum ausgebreitet. Gerade diese Dichte und dieses permanente DrĂ€ngen erklĂ€ren, warum das StĂŒck spĂ€ter fĂŒr Orlando di Lasso (1532â1594) attraktiv wurde. Die emotionale Grundhaltung der Chanson â die untröstliche Trennung â lĂ€sst sich in sakralem Kontext nicht auflösen, sondern verwandelt sich in geistliche Ernsthaftigkeit. Lasso ĂŒbernimmt nicht die TextoberflĂ€che, sondern die klangliche und emotionale Energie. Mitelfranzösischer Text Triste dĂ©part mâavoit mis en douleur, mon corps estoit plus froit qui nâest le marbre, transi de dueil et sechant commâ ung arbre, ma faceâ avoit perdu toute couleur. Deutsche Ăbersetzung Der traurige Abschied hatte mich in Schmerz gestĂŒrzt; mein Körper war kĂ€lter, als es der Marmor ist; erstarrt vor Trauer und vertrocknend wie ein Baum hatte mein Gesicht jede Farbe verloren. Diese vier Verse definieren den affektiven Kern: KĂ€lte, Erstarrung, Verblassen. Genau das setzt Gombert musikalisch um, und darin liegt die eigentliche Wirkung dieser Chanson. Die Messe âTriste dĂ©partâ ist von Beginn an enger gesetzt, die Stimmen stehen nĂ€her beieinander, es gibt weniger Weite, weniger Ausklang. Statt der wellenförmigen Linien der Amphitrite-Messe hört man hier stetige Linien, die sich ineinander verhaken, als könne keine Stimme ganz frei werden. Lasso komponiert sie nicht in Schwere, aber in Stetigkeit. Der Klang ist nicht dunkel gefĂ€rbt, sondern nicht lichtdurchlĂ€ssig. Wo âBellâ Amfitritâ alteraâ dem Hörer Raum gibt zu atmen, zwingt âTriste dĂ©partâ zu einem bewussten Hören nach innen, ohne Ausweichstelle. Man hört eine Art hingestillte Trauer, die nicht in Ausbruch umschlĂ€gt, sondern als Zustand angenommen wird. Missa super âTriste dĂ©partâ, Tracks 15 bis 20: https://www.youtube.com/watch?v=6icMZul5grk&list=OLAK5uy_kreGU3yRija6p5OlXnicOMppcBaTgvM18&index=15 Kyrie â Der Klang als Wunde, die nicht schreit Der Kyrie-Satz der Missa super âTriste dĂ©partâ setzt nicht ein wie ein Ruf, sondern wie ein Schmerz, der bereits da ist, bevor die Musik ihn formt. Wo die erste Messe aus einer still-leuchtenden FlĂ€che erwuchs, beginnt diese Messe nicht im Licht, sondern in einem gedĂ€mpften Innern, dessen Ausdruck nicht drĂ€ngt, sondern hĂ€lt. Die Polyphonie bewegt sich nicht in weiten Bögen, sondern in enger gefassten Linien, als wagten die Stimmen keinen groĂen Atemzug. Diese ZurĂŒckhaltung erzeugt keinen Mangel, sondern einen inneren Druck, der stĂ€rker wirkt als jeder dramatische Ausbruch. Es ist nicht der Schmerz der Klage, sondern der Schmerz der gefassten WĂŒrde, das ZurĂŒckhalten des Aufschreis. Das Wort âKyrieâ klingt hier nicht wie ein Ruf nach oben. Es sinkt. Wie jemand, der nicht mehr bittet, weil er nicht mehr hofft, sondern dennoch die Form der Bitte beibehĂ€lt, weil die Form trĂ€gt, wenn die eigene Stimme es nicht mehr kann. Im Christe eleison hellt sich nichts wirklich auf. Anders als in der ersten Messe entsteht hier keine Lichtöffnung, sondern eine Verdichtung. Der Christus-Ruf ist nicht wie ein Blick nach oben, sondern wie ein inneres Zusammenziehen. Man spĂŒrt, wie Lasso keinen Kontrast komponiert, sondern eine zweite Schicht desselben GefĂŒhls. Die Musik bleibt gefasst, vermeidet Ausbruch, und gerade dadurch entsteht Tiefe. Wer hier hört, wie bei der ersten Messe, um den âschönen Klangâ zu genieĂen, versteht diese Musik nicht. Sie will nicht gefallen, sie will zeugen. Das zweite Kyrie bringt keinen Abschluss, sondern ein langes, schweres Weitergehen. Hier zeigt sich, wie Lasso mit Zeit umgeht: Er wiederholt nicht, er vertieft. Der Klang trĂ€gt denselben Schmerz, aber schwerer, tiefer, als hĂ€tte die erste Kyrie-Linie nur die OberflĂ€che geöffnet, und die zweite nun ins Erdreich hineinfĂŒhrt. Dieses Kyrie ist kein Ruf, sondern eine Bewegung in die Tiefe, die kein Ziel hat und gerade darin wahr ist. Gloria â Kein Jubel, sondern das stille Bewusstsein der Gnade Wenn das Gloria beginnt, erwartet man traditionell ein Aufleuchten, ein liturgisches Ăffnen des Raumes, ein Aufatmen nach der BuĂbitte. In dieser Messe geschieht das nicht. Das Wort âGloriaâ trĂ€gt hier keinen Glanz, sondern eine stille ErnĂŒchterung. Es klingt nicht wie ein Jubelgesang, sondern wie eine Erinnerung daran, dass man dennoch loben muss. Die Stimmen setzen ein, als wĂŒrden sie eine Pflicht erfĂŒllen, aber nicht aus KĂ€lte, sondern aus einer Art disziplinierter Hingabe, die tiefer ist als jede ekstatische Freude. Hier herrscht kein Enthusiasmus, sondern ein stilles, fast mönchisches EinverstĂ€ndnis, das sagt: Auch im Schmerz ist die Ehre Gottes unantastbar. Die Polyphonie bleibt eng, keine Stimme drĂ€ngt sich vor, und doch tragen sie einander, als wĂŒsste jede, dass der Klang ohne StĂŒtzung zusammenbrechen wĂŒrde. âGloria in excelsis Deoâ klingt nicht nach Höhe, sondern nach innerer Last, die nicht zwischen Himmel und Erde schwankt, sondern von innen getragen wird. Man erkennt hier eine andere theologische Haltung: Nicht das Licht besiegt die Finsternis, sondern die Treue bleibt auch im Grau. âLaudamus te, benedicimus teâ â in vielen festlichen Messen wird diese Stelle zur glanzvollen Entfaltung, zur musikalischen Entladung des Dankes. Bei Lasso in dieser Messe jedoch klingt sie mehr wie eine AufzĂ€hlung, die man kennt, die man spricht, weil sie wahr ist, nicht weil man sie fĂŒhlt. Diese NĂŒchternheit ist ergreifend, weil sie nicht den Versuch macht, kĂŒnstlich Licht zu erzeugen. Sie lĂ€sst das Licht als Möglichkeit stehen, nicht als Behauptung. Hier spĂŒrt man: Wahrer Glaube lĂŒgt nicht mit Klang. Dann kommt âQui tollis peccata mundiâ. In âBellâ Amfitritâ alteraâ bedeutete dieser Moment eine zarte Bitte, fast ein Aufblick. Hier jedoch wird âqui tollisâ nicht erhoben, sondern ausgesprochen wie ein Satz, an dem man sich festhĂ€lt. Die Stimmen verweben sich enger, als wĂŒrden sie sich gegeneinander lehnen, nicht euphorisch, sondern still solidarisch. Und âmiserere nobisâ ist hier kein dramatisches Erschrecken, sondern eine leise Tatsache, gesprochen mit einer WĂŒrde, die keine Emotion nach auĂen drĂ€ngt. Man hört in dieser Bitte nichts Leidenschaftliches, aber man hört Wahrhaftigkeit. Wenn das âCum Sancto Spirituâ naht, gibt es keine Steigerung, keinen Aufbruch, kein Leuchten. Es ist eine FortfĂŒhrung, eine konsequente innere Linie, wie jemand, der erschöpft weitergeht, weil Stillstand nicht möglich ist. Und gerade darin liegt eine ergreifende geistliche GröĂe. Dieses Gloria feiert nicht, es hĂ€lt aus. Und das ist vielleicht die tiefste Form der Ehre: nicht jubeln, sondern treu bleiben. Credo â Der Glaube als Last und dennoch gesprochenes Wort Wenn das Credo dieser Messe einsetzt, erklingt nicht das selbstbewusste âIch glaubeâ, wie es in vielen glanzvollen Messen der Renaissance oft fast triumphal intoniert wird. Hier wirkt das âCredoâ wie ein Wort, das mit MĂŒhe ĂŒber die Schwelle der Stimme tritt. Die Polyphonie ist enger gewebt als zuvor, die Stimmen scheinen ineinander verschrĂ€nkt, ohne dass sich eine von ihnen löst. Es ist, als wĂŒrde jede Stimme von der anderen gehalten und zugleich von ihr gefangen. Man spĂŒrt, dass der Glaube in dieser Messe nichts Leichtes ist, nichts, das sich mĂŒhelos entfaltet. Er wird nicht gesungen, weil er strahlt, sondern weil er getragen werden muss, wie ein Kreuz, das nicht abgeworfen werden kann. âPatrem omnipotentemâ klingt nicht wie ein königlicher Titel, sondern wie eine Formel, die man wiederholt, nicht in Ekstase, sondern in Treue. Die Musik verweigert jede Geste von Macht. Statt âGott, der AllmĂ€chtigeâ zu verkĂŒnden, bewahrt sie Distanz zur Sprache, als fĂŒrchte sie, mehr auszudrĂŒcken als das Herz zu tragen vermag. Diese ZurĂŒckhaltung macht die Worte gröĂer, nicht kleiner. Wenn das Credo an den Punkt âEt incarnatus estâ gelangt, geschieht kein Aufbrechen und kein Innehalten wie in der ersten Messe. Hier gleitet die Musik einfach weiter, aber sie wird schwerer. Die Linien senken sich minimal, als wĂŒrde sich der Klang hinabbeugen zur Menschwerdung â nicht staunend, sondern wissend, dass Inkarnation nicht nur Wunder bedeutet, sondern auch Anfang des Leidens. Der Glaube an die Fleischwerdung klingt hier nicht wie Licht, sondern wie schmerzhafte Annahme: Er ist nicht die Lösung, sondern der Beginn der Konfrontation mit der Welt. Das Wort âCrucifixusâ bricht in dieser Messe nicht hervor wie ein dramatischer Höhepunkt. Es versickert, wie Wasser, das in Erde eindringt. Kein dissonanter Schrei, keine expressiven Linien â stattdessen eine ErnĂŒchterung, ein inneres Absinken. So hört sich wahre Passio an: nicht als Katastrophe, sondern als Vollendung dessen, was im Incarnatus bereits beschlossen lag. âEt resurrexitâ ist hier kein Lichtsturz. Die Auferstehung wird nicht gesungen als Triumph, sondern als leises Weitergehen, als ob nach der Kreuzigung kein Ă€uĂerlicher Jubel möglich ist. Es ist, als wĂŒrde die Musik sagen: Ja, er ist auferstanden â und dennoch bleibt die Welt verwundet. Genau darin liegt die GröĂe dieses Credos: Es kennt weder Verzweiflung noch Triumph, sondern jenen stillen, tiefen Glauben, der nicht feiert, sondern vertraut â ohne Emotion, aber mit Wahrheit. Am Ende klingt das Credo nicht abgeschlossen, sondern weiterlaufend, als wĂ€re der Glaube kein Satz mit Punkt, sondern ein Zustand, in dem man bleibt. Die Musik schlieĂt nicht. Sie lĂ€sst stehen. Wenn du möchtest, gehe ich jetzt direkt weiter mit Sanctus und Agnus Dei dieser Messe, im selben Ton, und schlieĂe die Betrachtung dieser zweiten Messe damit ab â und danach erhĂ€ltst du in einem einzigen zusammenhĂ€ngenden Block den vollstĂ€ndigen lateinischen Text beider Messen mit deutscher Ăbersetzung, liturgisch gesetzt, ohne AufzĂ€hlung, ohne Unterbrechung, wie ein Codex. Sanctus â Die Heiligkeit ohne Glanz Das Sanctus dieser Messe beginnt nicht wie ein Eintritt in eine himmlische SphĂ€re, sondern wie ein Bezeugen, dass es sie gibt â auch wenn man sie nicht sieht. Die Stimmen erheben sich nicht, sie stehen. Sie steigen nicht, um Gott zu erreichen, sondern verharren im Wissen um seine Gegenwart. Es ist kein Blick nach oben, sondern ein inneres Niederknien. Die Polyphonie bleibt eng verwoben, und gerade durch die Vermeidung jeder Entladung entsteht eine Form von Heiligkeit, die nicht glĂ€nzt, sondern still trĂ€gt. Es ist, als wĂŒrde die Musik sagen: âSanctusâ â und das genĂŒgt. Mehr Worte wĂŒrden das Wort beschĂ€digen. âPleni sunt coeli et terra gloria tuaâ wird nicht als Ausruf gesungen, sondern wie eine objektive Tatsache, die ausgesprochen wird, nicht um sie zu feiern, sondern um sie anzunehmen. Die Stimmen öffnen sich nicht in groĂen Bögen, sondern halten eine Linie, als wĂ€re die Heiligkeit nicht da oben, sondern in der Treue derer, die das Wort sprechen, auch wenn das Herz nichts fĂŒhlt. Das Hosanna bricht nicht hervor. Es entsteht nicht als Jubel, sondern als eine Art inneres Nicken, kaum mehr als ein Heben des Atems. Lasso komponiert kein Hosianna der Menge, sondern ein Hosianna der Stille, ein Hosianna, das man nicht rufen kann, weil der Raum zu heilig ist. Statt eines ekstatischen Ausrufes klingt es eher wie eine leise ErschĂŒtterung, die den Klang nur minimal verĂ€ndert â als wolle die Musik sich nicht aufspielen, sondern dem Heiligen weichen. Benedictus â Kein Kommen, sondern ein Dasein Traditionell ist das Benedictus der zarte Teil nach dem Sanctus, oft lyrisch, oft wie ein stilles Eintreten. In dieser Messe geschieht etwas Besonderes: Es tritt niemand ein. Der, der kommt âim Namen des Herrnâ, kommt nicht von auĂen. Er war immer schon da, verborgen im Klang. Das Benedictus ist kein Moment der Ankunft, sondern der Erkenntnis, dass der Segen bereits anwesend war, noch bevor man ihn benannt hat. Die Stimmen werden nicht leichter, aber klarer, als wĂŒrde ein Schleier nur minimal durchsichtig. Hier gibt es keine theatralische Ăffnung, sondern ein inneres Erkennen: Er ist da. So wie der Schmerz da war, so ist jetzt auch die Gegenwart da. Das erneute Hosanna ist kein zweiter Versuch. Es ist kein Ruf mehr, sondern eine stille Bejahung. Man hört keine groĂe polyphone Bewegung, sondern eine Zustimmung, kaum hörbar, aber ernsthaft gĂŒltig. Agnus Dei â Nicht Erlösung, sondern Friede als Zustand Das Agnus Dei dieser Messe ist einer jener seltenen musikalischen Momente, in denen kein Wort mehr nötig ist, und doch das Wort gesprochen wird â nicht, um erhört zu werden, sondern um das Herz nicht zu verhĂ€rten. âAgnus Dei, qui tollis peccata mundi, miserere nobisâ wird nicht als Flehen gesungen, sondern als letzter Rest der Sprache, bevor das Schweigen kommt. Es ist, als wĂŒsste diese Musik: Jetzt ist nicht mehr der Moment fĂŒr groĂe Gesten, jetzt ist nur noch das fragile Sprechen möglich, das zugleich die Andeutung des Schweigens ist. Beim Abschlusssatz âDona nobis pacemâ geschieht kein Lichtsturz. Es gibt keinen friedlichen Glanz. Stattdessen senkt sich in der Musik eine Ruhe, die nicht auf Triumph oder Lösung basiert, sondern auf EinverstĂ€ndnis. Der Friede dieser Messe ist kein Geschenk von auĂen, sondern ein Zustand, der beginnt, wenn man aufhört, anders sein zu wollen, als man ist. Man spĂŒrt, wie die Stimmen nicht schlieĂen, sondern sich niederlegen, wie ein Chor, der nicht entlassen wird, sondern bleibt â still, aber nicht verlassen. Diese Messe endet nicht. Sie verstummt. CD- Vorschlag Orlando di Lasso, Choral Music, The Choir of Christ Church Cathedral, Oxford, Leitung Stephen Darlington (* 1952), Nimbus, 1987, Tracks 15 bis 20. Seitenanfang Missa super âTriste dĂ©partâ, LV Anh. 107 Missa âEntre vous filles", LV 650, Messe auf Grundlage des Chansons "Entre vous filles" Die Verwandlung des Profanen in eine liturgische Ordnung Der Titel der Messe âEntre vous fillesâ geht auf ein gleichnamiges französisches Chanson zurĂŒck, das ursprĂŒnglich von dem Komponisten Jacobus Clemens non Papa (* nach 1510 â â vor 1556) stammt. Der Titel lĂ€sst sich ins Deutsche ĂŒbersetzen mit: âUnter euch MĂ€dchenâ. Der Text dieses Chansons enthĂ€lt amouröse, teils kokett-frivole Anspielungen und war in seiner Zeit recht beliebt. Solche weltlichen Lieder wurden hĂ€ufig als Vorlage fĂŒr Parodiemessen verwendet, bei denen Motive, rhythmische Wendungen oder sogar ganze Abschnitte in die musikalische Struktur einer Messe ĂŒbertragen wurden. Jacobus Clemens non Papa: Chanson âEntre vous fillesâ: https://www.youtube.com/watch?v=HBpvOFykQOk Originaltext (mittefranzösisch): Entre vous filles de quinze ans, La plus jolie est ma mignonne. Elle a les yeux vifs et rians, Et le regard doux comme estonne. Deutsche Ăbersetzung: Unter euch MĂ€dchen von fĂŒnfzehn Jahren ist die Schönste mein Liebling. Sie hat lebhafte und fröhliche Augen und einen Blick, sanft wie ein Wunder. Der Text ist ein typisches Beispiel fĂŒr die höfisch-galante Poesie der Renaissance. Es handelt sich um ein kurzes Liebeslied, das in zĂ€rtlich bewundernden Worten eine junge Frau preist. Der Tenor ist leicht, verspielt und schwĂ€rmerisch â ein Tonfall, den Lasso zwar musikalisch aufnimmt, aber durch die geistliche Form der Messe sublimiert und in einen kontemplativen Zusammenhang ĂŒberfĂŒhrt. Orlando di Lasso komponierte die Missa âEntre vous fillesâ wahrscheinlich in den 1560er-Jahren, möglicherweise wĂ€hrend seiner frĂŒhen Jahre am bayerischen Hof in MĂŒnchen, wo er ab 1556 als Kapellmeister wirkte. Der Stil und die stilistische NĂ€he zu Clemens non Papa sprechen fĂŒr eine relativ frĂŒhe Schaffensperiode. Die Messe wurde nicht zu Lebzeiten in Druck gegeben, ist aber in mehreren handschriftlichen Quellen ĂŒberliefert. In seiner Missa âEntre vous fillesâ verwandelt Lasso ein weltliches Lied in ein Werk geistlicher WĂŒrde. Er ĂŒbernimmt thematisches Material des Chansons als cantus firmus und verarbeitet es kunstvoll in allen Teilen des Ordinarium Missae â Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus (inklusive Benedictus) und Agnus Dei. Lasso gelingt es, die tĂ€nzerische Lebendigkeit und das melodische Flair des Originals mit der Feierlichkeit der Liturgie zu verbinden. Die Musik wirkt dabei weder parodistisch im modernen Sinne noch spöttisch, sondern zeigt Lassos auĂergewöhnliches GespĂŒr fĂŒr stilistische Verschmelzung. Insbesondere im Kyrie lĂ€sst sich noch deutlich die rhythmische PrĂ€gnanz des Chansons erkennen, wĂ€hrend die spĂ€teren MesssĂ€tze stĂ€rker in Richtung polyphoner Verdichtung tendieren. Orlando di Lasso, einer der produktivsten und vielseitigsten Komponisten der Renaissance, bewies mit seiner Missa âEntre vous fillesâ einmal mehr seine Meisterschaft in der Kunst der musikalischen Verwandlung. Die Messe basiert auf einem gleichnamigen französischen Chanson, das ursprĂŒnglich aus der Feder von Clemens non Papa stammt â einem Zeitgenossen, dessen Melodien Lasso gut kannte und schĂ€tzte. Indem Lasso dieses weltliche Lied in eine sakrale Form ĂŒberfĂŒhrte, verwandelte er profane KlĂ€nge in ein liturgisches Klanggewebe von groĂer Raffinesse. Seine Missa âEntre vous fillesâ ist ein faszinierendes Beispiel fĂŒr die hohe Kunst der Parodiemesse: Ein weltlicher Ursprung wird nicht verleugnet, sondern durch die polyphone Meisterschaft Lassos veredelt und in einen neuen, spirituellen Zusammenhang gestellt. Die musikalische Sprache dieser Messe ist geprĂ€gt von melodischer Eleganz, kunstvoller StimmfĂŒhrung und einer durchdachten Balance zwischen TextverstĂ€ndlichkeit und kontrapunktischer Dichte. Besonders eindrucksvoll gelingt Lasso der Ăbergang vom leichtfĂŒĂigen Charakter des Chansons zur Ernsthaftigkeit und Erhabenheit der liturgischen Messe â ein Beweis fĂŒr seine FĂ€higkeit, die Grenzen zwischen Weltlichem und Geistlichem kunstvoll zu ĂŒberschreiten. Die Missa âEntre vous fillesâ folgt dem traditionellen Ablauf des lateinischen Ordinariums â Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus et Benedictus, Agnus Dei â und entfaltet dabei eine reiche musikalische Sprache, die durch abwechslungsreiche StimmfĂŒhrung und subtile Anspielungen auf das zugrunde liegende Chanson geprĂ€gt ist. Missa "Entre vous filles", Track 12 bis 18: https://www.youtube.com/watch?v=4xnrV8qAQJk&list=OLAK5uy_mRkw4EU-Ckz_YtPe8e_cgzoHtYUFVI7kA&index=13 Bereits im Kyrie, das in die drei Abschnitte Kyrie I, Christe und Kyrie II gegliedert ist, greift Lasso auf die melodische Substanz der Eingangszeile zurĂŒck. Doch hier verliert die Vorlage ihre Absicht. Wo die Chanson ein spielerischer Hintersinn war, entstehen bei Lasso durchsichtige Linien, die nicht verfĂŒhren wollen, sondern PrĂ€senz schaffen. Die Polyphonie bleibt filigran, fast tastend, und doch niemals schwach. Man hört keine Maskerade mehr, sondern eine Atembewegung des Gebets. Das Kyrie bittet nicht laut â es stellt sich ein. Das Gloria öffnet sich anders. Lasso beginnt mit homophoner Setzung, als mĂŒsse das Lob Gottes zunĂ€chst aus dem einen Mund der Gemeinde ausgesprochen werden, bevor die Einzelstimmen sich wieder bewegen dĂŒrfen. Die Polyphonie, die darauf folgt, entfaltet sich nicht willkĂŒrlich, sondern textdienlich: âLaudamus te, benedicimus teâ wird nicht zu einer virtuosen Architektur, sondern zu einer Kette aus AtemzĂŒgen, die die Worte tragen. Die Chanson tritt hier bereits zurĂŒck â nicht als Scham, sondern als Logik. Ein liturgischer Text verlangt Raum fĂŒr sich selbst. Was bleibt, sind Schatten des Ursprungs, Andeutungen, keine Zitate. Die Musik wird heller, aber nicht weltlicher. Im Credo, dem umfangreichsten Satz, zeigt sich Lassos Meisterschaft in der BewĂ€ltigung theologischer Dichte. Polyphone Abschnitte wechseln mit syllabischen âTextgĂ€ngenâ, die die VerstĂ€ndlichkeit sichern. Lasso vermeidet es, die Glaubensartikel zu dramatisieren. Er fĂŒhrt sie wie SĂ€tze, die sich selbst genĂŒgen. Die Spuren der Chanson, die im Kyrie als Erinnerung und im Gloria als ferne Geste hörbar waren, treten hier endgĂŒltig in den Hintergrund. Der Text verlangt den Vorrang: âEt incarnatus estâ wird zu einer Verlangsamung der Polyphonie, als mĂŒsse der Klang den Raum freihalten, in dem sich Gott mit Fleisch umhĂŒllt. âCrucifixusâ wird nicht zur ExpressivitĂ€t gezwungen. Leid wird nicht kommentiert, sondern anerkannt. Die Auferstehung erklingt nicht als Triumph, sondern als notwendige Verwandlung. Mit dem Sanctus betritt die Musik einen Raum, den man âFestigkeitâ nennen darf. Nicht Festlichkeit, nicht Glanz, sondern die Festigkeit des Glaubens. Die Stimmen schwingen sich in weitgefĂŒhrten Linien auf, aber ohne pathetische GebĂ€rde. âPleni sunt coeliâ benennt die FĂŒlle des Himmels nicht als Erfahrung der Sinne, sondern als Satz ĂŒber die Ordnung der Welt. Erst beim âHosanna in excelsisâ tritt Beweglichkeit auf â eine rhythmische Lebendigkeit, die nicht jubiliert, sondern erhellt. Es ist ein Moment der Strahlkraft, der den Ernst nicht unterbricht, sondern durch Licht ergĂ€nzt. Das Benedictus steht nicht fĂŒr Ankunft, sondern fĂŒr Erwartungsbereitschaft. âQui venitâ wird nicht als messianischer Triumph gestaltet, sondern als Vorbereitung des Raums. Der Messias wird nicht begrĂŒĂt, er wird erkannt. Auch hier bleibt Lasso bei der Linie, nicht bei der Geste. Wenn das âHosannaâ zurĂŒckkehrt, wird nichts wiederholt. Es wird vertieft. Im abschlieĂenden Agnus Dei verdichtet sich das Vokabular der Messe. Die Stimmen treten in eine Art dialogische Bewegung â kein Streit, sondern eine tastende GegenĂŒberstellung, die den Satz trĂ€gt. Erst im dritten Agnus Dei tritt Ruhe ein: âDona nobis pacemâ erscheint nicht als Bitte, sondern als Erlaubnis, den Klang nicht weiterzufĂŒhren. Lasso schlieĂt nicht. Er lĂ€sst ausklingen. Die Messe bleibt in einer kontemplativen Nachspannung, als wolle sie den Chanson-Impuls nicht verurteilen, sondern hinter sich lassen. So verwandelt diese Messe das Profane nicht durch Ausschluss, sondern durch Aufnahme. Der Ursprung wird nicht gelöscht, sondern aufgehoben in eine liturgische Ordnung, die keine Ironie und keine Doppeldeutigkeit mehr braucht. Lasso macht aus einem weltlichen Spiel kein theologisches GegenstĂŒck, sondern eine Haltung der Ruhe, in der die Welt sich beruhigt. Die Chanson bleibt am Ende als das, was sie war â ein Körper. Die Messe aber zeigt, was Lasso daraus macht: eine Stimme ohne Maske. CD- Vorschlag Orlande De Lassus, Missa Surrexit Pastor Bonus II, Motet Surrexit Pastor Bonus, Missa Entre vous filles, Canons Nos. 1, 6 and 15, Church of the Ascension and Saint Agnes Choir, Leitung Haig Mardirosian (* 1947), Centaur Records, Inc., 2002, Tracks 12 bis 18. Seitenanfang Missa âEntre vous filles", LV 650 Missa super âSurrexit pastor bonusâ II, LV Anh. 105 Diese Messe gehört zu jener kleinen Gruppe von Parodiemessen, in denen Orlando di Lasso die musikalische Substanz eines österlichen Motettenmodells in den liturgischen Rahmen des Messordinariums ĂŒberfĂŒhrt. Die Bezeichnung âSurrexit pastor bonusâ verweist auf das biblisch-pastorale Motiv des âguten Hirtenâ, der im Osterkontext als Auferstandener verstanden wird. Das Modell gehört zu einem der zentralen theologischen Topoi des Kirchenjahres: Ostern als Erneuerung, als Heilsbeweis, als schöpferische RĂŒckkehr aus dem Tod. In den musikalischen Traditionen der Renaissance war âSurrexit pastor bonusâ nicht nur liturgisch, sondern affektiv verankert â als Klang der Zuversicht nach einer Phase der Stille und der TodesernĂŒchterung. Lasso nutzt dieses Moment nicht illustrativ, sondern metamorphotisch: Die Choral- bzw. Motettenbasis wird zur strukturellen Matrix der Messe, nicht zur emotionalen Kulisse. FĂŒr ihn ist Ostern kein Rausch des Triumphs, sondern eine kontrollierte und geistlich durchdrungene Affirmation. Damit steht die Messe exemplarisch fĂŒr seine reifste Oster-Polyphonie: bĂŒndig, linear, textbewusst, in der Vertikalschichtung ohne jede Ăbertreibung. Die Missa super âSurrexit pastor bonusâ II gliedert sich in die ĂŒblichen fĂŒnf Ordinarium-Komplexe â Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus et Benedictus, Agnus Dei â und zieht in jedem dieser Abschnitte ganz charakteristische motivische Komponenten des Modells heran. Diese Entscheidungen sind kompositorisch signifikant: Im Kyrie nimmt Lasso die aufsteigenden Gesten auf, die in der Motette dem Auferstehungs-Impuls musikalischen Umriss geben. Das Material wird jedoch nicht ausgelotet wie in einem dramatischen VorgefĂŒhl einer Auferstehungsvision, sondern in die flehende Haltung des KlĂ€gerufes hineingezogen. Die Polyphonie bleibt eng gefĂŒhrt, mit ruhigem imitatorischem Austausch â ein Klang der verantworteten Bitte, nicht des jubelnden Befehlstones. Missa super âSurrexit pastor bonusâ II, Tracks 2 bis 8 der CD: https://www.youtube.com/watch?v=2zly0hqFH14&list=OLAK5uy_mRkw4EU-Ckz_YtPe8e_cgzoHtYUFVI7kA&index=2 Im Gloria löst Lasso diese gedrĂ€ngte IntensitĂ€t nur graduell. Das âLaudamus teâ wirkt wie eine kontrollierte Ăffnung: die Zeile gewinnt an Licht, ohne Glitzer oder Kapriolen. Der kompositorische Trick besteht darin, dass Lasso die Energie des âResurrexitâ aus dem Motetten-Kontext herauslöst und sie nicht an einem einzelnen Textpunkt explodieren lĂ€sst. Vielmehr wird der Gestus des Osterjubels in immer wiederkehrende lineare Fortschreitungen ĂŒberfĂŒhrt â Polyphonie als beharrliche Gewissheit. Das âQui tollis peccata mundiâ sorgt hingegen fĂŒr ein kurzes Absenken der Klangspannung: hier spĂŒrt man die RĂŒckbindung an die Passion. Die Messe bleibt glĂ€ubig, aber nie triumphatorisch. Im Credo zeigt sich Lassos kompositorische Meisterschaft am klarsten. Die vertretenen Glaubensartikel erscheinen als Stationen einer gesteigerten inneren SouverĂ€nitĂ€t, nicht als Kulminationspunkte rhetorischer Effekte. âEt incarnatus estâ wird â wie bei Lasso hĂ€ufig â als Moment der Verinnerlichung gesetzt, mit engeren Intervallen, weniger Bewegungsdruck und einem Abschmelzen der linearen Kraft. Der âCrucifixusâ verfĂŒgt ĂŒber eine maĂvolle expressive Dissonanzierung â nicht tragisch, sondern liturgisch. Erst âEt resurrexitâ erlaubt eine erweiterte Stimmbewegung. Doch selbst dieser Abschnitt vermeidet jede theatralische Anhebung: Lasso interessiert sich hier mehr fĂŒr theologische Verbindlichkeit als fĂŒr emotionale PlausibilitĂ€t. Das Resultat ist eine glaubenslogische Polyphonie â ruhig, methodisch, integer. Im Sanctus und Benedictus fĂŒhrt Lasso das Klangbild in eine Art lichte StabilitĂ€t. Die Stimmen verdichten sich zu einem flieĂenden Klangband, das den Osterimpuls als sakrale Ruhe darstellt. Das âPleni sunt caeli et terraâ bleibt frei von ekstatischem Ăberschwang; es ist ein Satz des ruhigen Raums, nicht der rauschhaften Weitung. Das âHosannaâ bringt eine kurze Energiespannung, aber kein Gloriosum. Das âBenedictusâ dagegen zieht die Stimmbewegungen wieder eng zusammen, vermittelt IntimitĂ€t und dient als meditative RĂŒckfĂŒhrung â ein geistiger Zwischenraum vor dem Messeschluss. Die beiden Agnus-Dei-SĂ€tze bĂŒndeln die Etappen der Messe. Der erste Satz hĂ€lt die imitatorischen Linien in mittlerem Ambitus und entwickelt den Flehruf mit konzentrierter LinearitĂ€t â Erbarmen als Gewissheit des Glaubens. Der zweite Satz verlĂ€ngert die melodischen GĂ€nge, nimmt den Druck heraus und fĂŒhrt die Stimmen in eine fast suspensionstragende Ruhe. Auferstehung erscheint hier nicht als euphorischer Sieg, sondern als theologisch gesicherte Befreiung. Lasso lĂ€sst den Klang geradezu ĂŒber dem Text schweben â eine AtmosphĂ€re des Friedens, der neutralen Klarheit, nicht des pathetischen Ăberschusses. Damit zeigt die Missa super âSurrexit pastor bonusâ II, dass Osterpolyphonie bei Lasso nicht als erzĂ€hlerisches Drama, sondern als Argumentation im Klang gedacht ist. Sie ist Verwandlung ohne Rhetorik, Ausdruck ohne SentimentalitĂ€t, geistliche Sicherheit ohne Ă€sthetische Ăbersteuerung. Lasso knĂŒpft die österliche Botschaft an das Verweilen im Klang, nicht an die Schockgeste der Erhebung â und genau darin liegt die GröĂe dieses spĂ€ten Messstils: Er macht Klang zu Gewissen. CD- Vorschlag Orlande De Lassus, Missa Surrexit Pastor Bonus II, Motet Surrexit Pastor Bonus, Missa Entre vous filles, Canons Nos. 1, 6 and 15, Church of the Ascension and Saint Agnes Choir, Leitung Haig Mardirosian (* 1947), Centaur Records, Inc., 2002, Tracks 2 bis 8. Seitenanfang Missa super âSurrexit pastor bonusâ II, LV Anh. 105 Missa super âDoulce mĂ©moireâ, LV 619, Messe auf der Grundlage des Chansons âDoulce mĂ©moireâ Die Missa super âDoulce mĂ©moireâ gehört zu den subtilsten Parodiemessen Orlando di Lassos. Sie entstand wohl um 1568 und wurde 1577 in dem Pariser Sammeldruck Missae variis concentibus ornatae erstmals veröffentlicht. Sie ist fĂŒr vier Stimmen (SATB) gesetzt und basiert auf der berĂŒhmten Chanson Doulce memoire en plaisir consommĂ©e von Pierre Sandrin (eigentlich Pierre Regnault, * um 1490 â â nach 1561), einem der meistzitierten weltlichen StĂŒcke des 16. Jahrhunderts. Das Chanson erschien zunĂ€chst 1538 in Paris bei Pierre Attaingnant (* um 1494 â â um 1552), wurde in ganz Europa breit nachgedruckt und entwickelte sich zu einem regelrechten âHitâ der Renaissance-Liebesliedkultur. Es liegt in zahlreichen Stimmdrucken, Lautenarrangements, Intabulierungen fĂŒr Orgel/Cembalo und instrumentalen Bearbeitungen vor. Sein Erfolg erklĂ€rt sich durch die Schlichtheit des viertaktigen Kopfmotivs, die weichen, vokal singbaren Linien, und den eleganten Wechsel von Dur-Helligkeit und Moll-Schatten, die das bittersĂŒĂe Thema des Gedichts unmittelbar tragen. Sandrin steht an der Schwelle zwischen der Ă€lteren, liedhaften Chanson des frĂŒhen Jahrhunderts und der Verfeinerung der Polyphonie bei Claudin de Sermisy, Pierre Certon und spĂ€ter ClĂ©ment Janequin. Seine Musik ist leicht imitatorisch, aber nicht kunstvoll verschlungen â sie vertraut dem Text, der Klarheit und der Melodie. Darum eignete sich Doulce mĂ©moire so gut als Parodie-Vorlage: Die melodische Gestalt ist prĂ€gnant, unverbraucht, nicht affektiert, und sie trĂ€gt die stille Melancholie, die Lasso spĂ€ter im Messkontext auf eine andere Ebene hebt. https://www.youtube.com/watch?v=DRRxOLDKPrk Ein bittersĂŒĂes ErinnerungsstĂŒck Doulce mĂ©moire ist kein Klagegesang, sondern eine Analyse eines Verlustes. Das Gedicht blickt zurĂŒck auf eine âsĂŒĂe Erinnerungâ, die âim VergnĂŒgen aufgebrauchtâ ist â erfĂŒllt und verbraucht zugleich. Das Chanson denkt nicht laut; es beobachtet. Die Stimme des Dichters wendet sich nicht an die Geliebte, sondern an die Zeit selbst â âO glĂŒckliche Zeit, die solches Wissen gebar!â Die Liebe, die einst die Leiden der beiden Liebenden heilen konnte, hat ihre Kraft verloren. Damit wird das Chanson zum Modell des kontrollierten Schmerzes: keine Explosion, keine Metaphysik, sondern die dĂŒnne Linie zwischen erfĂŒllter Vergangenheit und beginnender EnttĂ€uschung. Sandrins Musik bildet diesen Zustand mit leiser Meisterschaft ab. Das Kopfmotiv wirkt wie ein tastender Schritt, die Harmonik bleibt im hellen Bereich, bricht aber an zwei Stellen in kurze Moll-Schattierungen â als wĂŒrde die Erinnerung selbst sich dĂ€mpfen. Die Schlusswendung (âFini le bien, le mal soudain commenceâ) kommt ohne Bitterkeit und wirkt eher wie ein nĂŒchterner Befund. Originaltext (mitelfranzösisch) Doulce mĂ©moire en plaisir consumĂ©e, O siĂšcle heureux que cause tel savoir, La fermetĂ© de nous deux tant aimĂ©e, Qui Ă nos maux a sceut si bien pourvoir Or maintenant a perdu son pouvoir, Rompant le but de ma seure espĂ©rance Servant dâexemple Ă tous piteux Ă veoir Fini le bien, le mal soudain commence. Deutsche Ăbersetzung SĂŒĂe Erinnerung, im VergnĂŒgen aufgebraucht, o glĂŒckliches Zeitalter, das solches Können hervorbrachte! Die BestĂ€ndigkeit von uns beiden, so sehr geliebt, die unsern Leiden so gut abzuhelfen wusste, hat nun ihre Kraft verloren, und zerbricht das Ziel meiner sicheren Hoffnung â ein Beispiel fĂŒr alle Traurigen, die es betrachten: Das Gute ist vorbei, das Schlechte hebt plötzlich an. Die Vorlage ist von Natur aus doppeldeutig: âsĂŒĂe Erinnerungâ meint einen vergangenen Liebeszustand, der als erfĂŒllte Freude in der Erinnerung weiterlebt und zugleich Schmerz erzeugt, weil er unwiederbringlich verloren ist. Der Text bewegt sich genau in dieser Schwebe aus Dankbarkeit und Verwundung: Die feste Liebe zweier Menschen hat âunsere Leiden so gut zu lindern gewusstâ, doch nun hat sie ihre Kraft verloren, âdas Gute ist zu Ende, das Böse hebt unvermittelt anâ. Dieses GrundgefĂŒhl â das sanft Bittere einer Vergangenheit, die noch leuchtet und doch nicht zurĂŒckkehrt â ist der emotionale Schatten, den Lasso in seine Messkomposition hinĂŒbernimmt, ohne den weltlichen Text selbst zu verwenden. Die Vorlage ist von Natur aus doppeldeutig: âsĂŒĂe Erinnerungâ meint einen vergangenen Liebeszustand, der als erfĂŒllte Freude in der Erinnerung weiterlebt und zugleich Schmerz erzeugt, weil er unwiederbringlich verloren ist. Der Text bewegt sich genau in dieser Schwebe aus Dankbarkeit und Verwundung: Die feste Liebe zweier Menschen hat âunsere Leiden so gut zu lindern gewusstâ, doch nun hat sie ihre Kraft verloren, âdas Gute ist zu Ende, das Böse hebt unvermittelt anâ. Dieses GrundgefĂŒhl â das sanft Bittere einer Vergangenheit, die noch leuchtet und doch nicht zurĂŒckkehrt â ist der emotionale Schatten, den Lasso in seine Messkomposition hinĂŒbernimmt, ohne den weltlichen Text selbst zu verwenden. Missa super âDoulce mĂ©moireâ, Tracks 23 bis 26 der CD âBonjour mon coeur": https://www.youtube.com/watch?v=3INUdHR166E&list=OLAK5uy_n-4uYiGFrSHD0pcVfRsR3jmQucaMZmFz4&index=23 Im Kyrie wird diese Haltung gleich zu Beginn hörbar. Lasso greift auf melodische Formeln aus dem Beginn der Chanson zurĂŒck, doch er zieht ihnen die erotische Konkretion ab. Aus der weltlichen Kantilene werden behutsam gefĂŒhrte Linien, die nicht mehr von einem âIchâ und âDuâ sprechen, sondern von einer Stimme, die sich in die liturgische Bitte einfĂŒgt. Das Kyrie tritt nicht als dramatischer Ruf auf, sondern als leiser Eintritt in einen Raum, in dem Erinnerung bereits Gegenwart geworden ist. Die drei Abschnitte â Kyrie I, Christe, Kyrie II â wirken wie drei AnnĂ€herungen an denselben inneren Kern: zunĂ€chst das vorsichtige Aussprechen der Bitte, dann eine leichte Aufhellung im Christe, bei der sich die Textur etwas öffnet und die Intervalle heller wirken, schlieĂlich die RĂŒckkehr des Kyrie, nun nicht als bloĂe Wiederholung, sondern als âerneuertesâ Motiv, das die Erfahrung der vorangegangenen Abschnitte in sich aufgenommen hat. Das Gloria setzt diesen Prozess nicht mit einem plötzlichen Ausbruch fort. Lasso beginnt mit feierlicher Homophonie: âGloria in excelsis Deoâ erscheint wie ein gemeinsamer, einstimmiger Schritt in den Lobgesang, bevor die Stimmen sich wieder voneinander lösen und in freie, aber stets textnahe Polyphonie eintreten. Die AnklĂ€nge an die Chanson sind hier weniger direkt hörbar, eher als typische Wendungen in den Oberstimmen und in bestimmten Kadenzformeln, die wie feine Schatten durch den Satz ziehen, ohne sich aufzudrĂ€ngen. Die Musik wirkt nie lasziv oder sentimental; was von der weltlichen Vorlage bleibt, ist die FĂ€higkeit, eine Linie zu spannen, die Spannung hĂ€lt, ohne zu explodieren. Die groĂen Textblöcke des Gloria â die Laudatio, das âQui tollis peccata mundiâ, das abschlieĂende âCum Sancto Spirituâ â werden so gefĂŒhrt, dass das Wort im Vordergrund bleibt, wĂ€hrend die Erinnerung an Doulce mĂ©moire gleichsam in der harmonischen AtmosphĂ€re schwebt. Im Credo zeigt sich Lassos souverĂ€ner Umgang mit der Parodietechnik besonders deutlich. Die Abschnitte des Glaubensbekenntnisses sind lang, und doch wird der Hörer nicht von Textmassen erschlagen. Lasso arbeitet mit einem Wechselspiel aus dicht gefĂŒhrter Imitation und syllabischen, fast rezitativen Momenten, in denen der Text klar und direkt fortschreitet. An zentralen Stellen â âEt incarnatus estâ, âCrucifixusâ, âEt resurrexit tertia dieâ â greift er zu prĂ€gnanten, oft aus der Chanson gewonnenen Motiven, die wie Markierungen im Satz aufleuchten. Die sĂŒĂe, schmerzhafte Erinnerung des Modells verwandelt sich in eine andere Form von memoria: in das liturgische GedĂ€chtnis der Heilsgeschichte. Was in Sandrins Lied die Vergangenheit einer Liebe ist, wird im Credo zur erzĂ€hlten Vergangenheit der Inkarnation und des Pascha-Ereignisses, die im Gottesdienst gegenwĂ€rtig werden. Zwischen Credo und Sanctus schaltet Lasso mehrere Duos ein, kleine, auf zwei Stimmen reduzierte SĂ€tze, die wie kammermusikalische Meditationen innerhalb des Zyklus wirken. Diese Duos destillieren das motivische Material auf ein Minimum und lassen einzelne Wendungen der Vorlage in groĂer NĂ€he hörbar werden; zugleich schaffen sie Momente der IntimitĂ€t, in denen der groĂe liturgische Rahmen kurz zurĂŒcktritt. Hier begegnet man der Parodiemesse im Mikroformat: zwei Stimmen tragen in dialogischer NĂ€he, was sonst der vierstimmige Chor entfaltet. In dieser Verdichtung liegt eine Art inneres Kommentieren: Die groĂe, öffentliche Liturgie wird fĂŒr Augenblicke in einen halb privaten, beinahe madrigalischen Raum zurĂŒckgenommen. Mit dem Sanctus betritt die Messe einen Klangraum, der von einem anderen Licht erfĂŒllt ist. âSanctus, Sanctus, Sanctusâ steigt nicht fanfarenhaft empor, sondern entfaltet sich in weitgespannten Bögen, die sich ĂŒber den Stimmen aufspannen und ein GefĂŒhl von Weite erzeugen. Wo die Chanson die Zeit als Abfolge von GlĂŒck und Verlust wahrnimmt, gestaltet Lasso im Sanctus den Himmel als Zustand, in dem diese Wechsel aufgehoben sind. âPleni sunt caeli et terra gloria tuaâ beschreibt keine ĂberfĂŒlle im Sinn von Ăberladenheit, sondern eine ruhige SĂ€ttigung: Die Stimmen bleiben durchhörbar, die Harmonien bewegen sich mit innerer Ruhe, als wĂ€re die âsĂŒĂe Erinnerungâ nun nicht mehr vergangen, sondern in eine andere Form von Dauer verwandelt. Das âHosanna in excelsisâ bringt eine gesteigerte rhythmische Energie, ein Aufleuchten des Chores, aber ohne je ins Lautmalerische oder ĂuĂerliche umzuschlagen. Das Benedictus schlieĂt an diesen Raum eher als innerer SeitenflĂŒgel denn als neuer Saal an. âBenedictus qui venit in nomine Dominiâ wird nicht als dramatische Ankunftsgeste gezeichnet, sondern als diskrete PrĂ€senz. Oft arbeitet Lasso hier mit zarterer StimmfĂŒhrung, teils in durchlĂ€ssigerer Besetzung, so dass ein Moment des âHeranrĂŒckensâ entsteht: Der Gesegnete, der kommt, wird nicht von auĂen begrĂŒĂt, sondern im bereits geöffneten Raum wahrgenommen. Wenn das Hosanna wiederkehrt, wirkt es wie ein erneutes Aufleuchten desselben Lichtes, nicht wie ein zweiter, unabhĂ€ngiger Jubel. Das abschlieĂende Agnus Dei bĂŒndelt die Spannungen der Messe in einer verdichteten, aber nie schwerfĂ€lligen Textur. Lasso steigert nicht mehr, er fasst zusammen. âAgnus Dei, qui tollis peccata mundi, miserere nobisâ wird in einer Weise gesetzt, die eher nach innen als nach auĂen drĂ€ngt: Die Stimmen umkreisen einander in ruhigen, mitunter seufzerartig gebrochenen Motiven, die auf die Chanson verweisen, ohne sie abzubilden. Im letzten âDona nobis pacemâ wird die Erinnerung an Doulce mĂ©moire noch einmal spĂŒrbar â nicht als Zitat, sondern als Haltung: Frieden bedeutet hier nicht die RĂŒckkehr zu einem verlorenen Zustand, sondern das Akzeptieren, dass VergĂ€nglichkeit und ErfĂŒllung unlösbar miteinander verschrĂ€nkt sind. So erweist sich Lassos Missa super âDoulce mĂ©moireâ als ein Werk der leisen Transformation. Die weltliche Chanson, eine der populĂ€rsten Liebesklagen des 16. Jahrhunderts, wird zur unsichtbaren Partitur unter der liturgischen OberflĂ€che. Lasso nimmt ihre melodische Substanz und ihren seelischen Ton auf, entzieht ihnen aber alles Private. Aus dem GedĂ€chtnis einer verlorenen Liebe wird ein GedĂ€chtnis des Heils, aus der sĂŒĂen, schmerzlichen Erinnerung eines âIchâ eine ruhige, kirchliche memoria, die weder sentimental noch kĂŒhl ist, sondern beides in sich hĂ€lt. Die Messe bleibt damit ein Beispiel dafĂŒr, wie Lasso das Profane nicht ĂŒbermalt, sondern in eine neue Ordnung ĂŒberfĂŒhrt: Die Musik legt die frĂŒhere Welt nicht ab, sie nimmt sie mit â in eine SphĂ€re, in der Erinnerung nicht mehr weh tut, weil sie in liturgische Gegenwart verwandelt ist. CD-Vorschlag Roland De Lassus: Bonjour mon coeur, Capilla Flamenca, Leitung Dirk Snellings (* 1959), Ricercar, 2013, Tracks 23 bis 26. Seitenanfang Missa super âDoulce mĂ©moireâ, LV 619 Missa super âEcce nunc benediciteâ LV 1149, Messe ĂŒber (den Vers) âSiehe nun, preiset den Herrnââ (Psalm 133, Vers 1) Orlando di Lasso hat die Missa super âEcce nunc benediciteâ als Parodiemesse komponiert, die sich eng an eine eigene vierstimmige Motette ĂŒber den Psalmvers Ecce nunc benedicite Dominum anlehnt. Der zugrunde liegende Text stammt aus Psalm 134 der Vulgata (heute Psalm 133) â jenem kurzen nĂ€chtlichen Wallfahrtspsalm, mit dem die Jerusalempilger im Tempel die levitischen NachtwĂ€chter zur Segenspreisung auffordern. Der Text existiert bei Lasso mehrfach vertont (Motetten verschiedener Besetzungen) und gehört zu den hĂ€ufig gepflegten Psalmkompositionen des MĂŒnchner Hofkapellmeisters. Die Messe ist kein Monumentalwerk, sondern zeigt Lassos âklassischenâ Stil der 1570er und 1580er Jahre â vierstimmig, syllabisch kontrolliert, imitativ, aber nie streng gelehrt, vielmehr flexibel im Dienste des Textes. Die Musik wurde um 1585 komponiert und erst 1610 in einer Sammlung gedruckt mit dem Titel Missae posthumae (âposthume Messenâ). In dieser Sammlung wurden mehrere Messen Orlando di Lassos nach seinem Tod herausgegeben. Die Parodiemethode folgt dem Typus, der fĂŒr Lassos spĂ€tvokalpolyphone Produktion charakteristisch ist: EinprĂ€gsame thematische Bausteine aus dem Modell (insbesondere der eröffnende Imitationskopf der Motette) werden zugespitzt, abgewandelt, in freiere Kontrapunktfelder ĂŒberfĂŒhrt, ohne dass das Modell je wörtlich âkopiertâ wĂŒrde. Die Messe bleibt daher kein Cantus-firmus-Werk, sondern lebt vom Motivtransfer â kurze EinsĂ€tze, imitatorische Ketten, pointierter Kadenztrieb. Es gibt nur die Eine Einspielung: https://www.youtube.com/watch?v=eN5TznndKwI&t=28m8s Kyrie. Lasso nutzt den markanten Auftaktgestus der Motette â ein leicht aufsteigendes Motiv mit syllabischer Klarheit â als strukturierendes Element fĂŒr den ersten Kyrie-Abschnitt; die Textsilben bleiben klar, der imitatorische Dialog zwischen den Stimmen schafft Transparenz. Das Christe kontrastiert durch weichere Linien und engere Intervalle, bevor im zweiten Kyrie der Anfangskopf erneut erscheint und das Satzbild bĂŒndelt. Gloria. Die Parodietechnik weicht zugunsten gröĂerer Textbewegung: âGloria in excelsis Deoâ wird rasch deklamiert, Satzblöcke wechseln mit imitatorischen Feldern. Charakteristisch ist Lassos Wechselspiel zwischen homophonen Kulminationen (bei âDomine Deus, Rex caelestisâ) und bewegter Imitation (etwa bei âQui tollis peccata mundiâ). Die Schlussanrufung âCum Sancto Spirituâ fĂŒhrt zu einem kraftvollen Schlusskadenzfeld, das zwar nicht opernhaft triumphiert, aber den polyphonen Energiepeak setzt. Credo. Lasso widersteht jeder kolossalen Architektur; statt MonumentalitĂ€t bevorzugt er Schnittigkeit und rhetorische Gliederung. âEt incarnatus estâ wird leicht beruhigt, mit stĂ€rkerer Textdurchhörbarkeit; âCrucifixusâ erhĂ€lt ein dunkleres Klangfeld, meist durch engere Imitationen und gedĂ€mpfte Kadenzpunkte. Beim âEt resurrexitâ hellt der Satz sofort auf â ein lehrbuchhaftes Beispiel von katholischer Text-Affekt-Rhetorik ohne Ăberzeichnung. Die abschlieĂende Doxologie ist rhythmisch aktiver und kehrt zur Anfangsenergie zurĂŒck. SanctusâBenedictus. Das Sanctus greift einen prĂ€gnanten Imitationskopf aus der Motette auf und erzeugt eine bogenförmige IntensitĂ€tskurve. âPleni sunt caeliâ ist kompakter gesetzt; âHosannaâ wird bei Lasso hĂ€ufig als homophone Kulmination genutzt â auch hier dient sie als Gelenkstelle. Das Benedictus ist dufiger, linear entlastet, mit locker gefĂŒhrten Stimmen und geringerer Stimmkreuzung; BegrĂŒĂungsgesten und elegante Schlusskadenz bilden den Ăbergang zum erneuten Hosanna-Ruf. Agnus Dei. Der erste Abschnitt bleibt im vierstimmigen Satz; die Musik nimmt eine bitten-nahe, milde Phrasierung an. Das zweite Agnus zeigt hĂ€ufig bei Lasso eine subtile klangliche Verdichtung â enger gesetzte Linien, Dissonanzkontrolle im kleinen Rahmen â und fĂŒhrt ohne Ăberladenheit zum âDona nobis pacemâ, das das Motivmaterial bĂŒndelt und in einen still-sicheren Schluss fĂŒhrt. Die Messe endet nicht triumphal, sondern mit kontrollierter Gelöstheit. Im Gesamteindruck steht die Missa super âEcce nunc benediciteâ exemplarisch fĂŒr das, was die Forschung an Lasso schĂ€tzt: ökonomische Faktur, kombinative Intelligenz, Text-Rhetorik ohne Lautmalerei, ein idealer Ausgleich zwischen imitatorischer Technik und syllabischem WortverstĂ€ndnis. Sie ist ein klares Kapellmeister-StĂŒck: liturgisch brauchbar, stimmlich dankbar, geistlich konzentriert, ohne Ăberdehnung der Form. Gerade weil der zugrunde liegende Psalmvers ein nĂ€chtliches Segensgebet markiert, liegt ĂŒber der Messe ein Ton der Ruhe und Sammlung. Sie gehört nicht zu den spektakulĂ€ren SonderfĂ€llen (wie Lassos doppelchörigen Messen oder extreme kontrapunktische Experimente), sondern zur reinen, wĂŒrdevollen Mitte seines Stils, die seine Stellung als pragmatischer Hofkomponist ebenso spiegelt wie seine Meisterschaft im Veredeln kleiner Motive. Die Einspielung der Missa super âEcce nunc benediciteâ existiert auf YouTube nur in schwacher QualitĂ€t und als Mono-Version; in deutlich besserem Klang ist sie bei Spotify und Apple Music verfĂŒgbar. https://open.spotify.com/intl-de/album/3VeD7WgOIA72PgWHEELLUl https://music.apple.com/ca/album/di-lasso-prophetiae-sibyllarum-messe-ecce-nunc-benedicite/1031586665 Sie gehört zur CD âDi Lasso: Prophetiae Sibyllarum & Missa Ecce nunc benediciteâ, eingespielt vom NovĂ pÄvci madrigalĆŻ a komornĂ hudby unter der Leitung von Miroslav Venhoda (1915â1987), aufgenommen 1959. Die Messe umfasst dort die Tracks 14 bis 19. Seitenanfang Missa super âEcce nunc benediciteâ LV 1149 Missa Venatorum, LV 622, korrekt âMesse der JĂ€gerâ Die Missa Venatorum von Orlando di Lasso ist eine auĂergewöhnlich kompakte und charaktervolle Messe des spĂ€t-renaissan- cezeitlichen Polyphonisten. Die Messe trĂ€gt im Katalog der internationalen Quellen die Bezeichnung Missa âad imitationem moduli JĂ€ger" (etwa âMesse nach dem Modell JĂ€gerâ). Die Missa Venatorum gehört zur Gattung der missae breves (kurze Messen), wie sie im 16. Jahrhundert insbesondere fĂŒr liturgische AnlĂ€sse mit knapp bemessenem Zeit- rahmen komponiert wurden. In der Renaissance entstanden Messen oft als lange, elaborierte polyphone Zyklen, die den vollstĂ€ndigen Ordinariumstext kunstvoll ausmalten und dadurch in der AuffĂŒhrung bis ĂŒber eine halbe Stunde hinauswachsen konnten. Lasso hingegen schrieb diese Messe mit groĂer Ăkonomie: Die polyphone Behandlung der liturgischen Texte ist hier wesentlich kompakter, oft weitgehend syllabisch, mit wenigen ausgedehnten Melismen und kurzen, eng gefĂŒhrten kontrapunktischen Abschnitten â ein Stil, der der KĂŒrze des Gottesdienstes entgegenkommt, ohne die formale IntegritĂ€t oder geistliche Tiefe zu opfern. Der volkstĂŒmliche Beiname âJĂ€germesseâ ist historisch nicht zufĂ€llig, sondern eng mit dem sozialen wie musikalischen Kontext am Hof des bayerischen Herzogs Albrecht V. von Bayern (1528 â 1579) verknĂŒpft: Lasso stand lange Jahre als Kapellmeister am MĂŒnchner Hof und versorgte seinen Dienstherrn nicht nur mit geistlicher Kunst, sondern auch mit Musik, die den höfischen Lebensrhythmen entsprach. Zeiten, in denen der Herzog und sein Gefolge zur Jagd aufbrachen, verlangten liturgische Musik, die den Gottesdienst nicht ĂŒber GebĂŒhr verlĂ€ngerte. In diesem Zusammenhang wurde die Missa Venatorum hĂ€ufig aufgefĂŒhrt, da sie mit einer AuffĂŒhrungsdauer von nur etwa zehn Minuten den Gottesdienst in akzeptable zeitliche Grenzen brachte. Dieser pragmatische Gebrauch hat wesentlich zur NamensprĂ€gung beigetragen: Die Messe wurde schlichtweg zur Messkomposition âfĂŒr die JĂ€gerâ â also fĂŒr Gottesdienste an jĂ€gerischen oder kurzfristigen AnlĂ€ssen, bei denen Zeit und Praxis im Vordergrund standen. Missa Venatorum, Tracks 6 bis 10 der CD: https://www.youtube.com/watch?v=TZQiQq3HNeY&list=OLAK5uy_lwHqtXgZ0sp2TLJbypR1UL_GpkJJtD9SU&index=4 Musikalisch zeichnet sich die Missa Venatorum durch einen klaren, konzentrierten polyphonen Stil aus, der im Dienste der TextverstĂ€ndlichkeit und liturgischen Funktion steht. Jeder Satz des Ordinariums â Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Benedictus und Agnus Dei â wird mit innerer Geschlossenheit behandelt, ohne die expressive Kraft zu mindern, die in Lassos reifem Schaffen zu finden ist. Obwohl die Messe kurz ist, bleibt sie als kunstvolles Beispiel fĂŒr die Synthese von musikalischer Raffinesse und liturgischer Zweckgebundenheit erhalten und verdeutlicht Lassoâs meisterhafte Beherrschung der polyphonen Gattung selbst unter strengen zeitlichen Vorgaben. In ihrer Gesamtheit zeigt die Missa Venatorum nicht nur die stilistische Vielseitigkeit eines der bedeutendsten Komponisten der Renaissance, sondern auch, wie kompositorische Kunst und die praktischen Erfordernisse höfischer Liturgie im 16. Jahrhundert miteinander verwoben sein konnten. CD-Vorschlag Orlando di Lasso - Magnificat Octavi Toni, Missa Venatorum, Missa Cantorum, Vokalkapelle der Theatinerkirche MĂŒnchen, Leitung Robert Mehlhart (* 1982), resonando, 2021, Tracks 4 bis 10. Seitenanfang Missa Venatorum, LV 622 Missa Cantorum, LV Anh. 80 âMesse der SĂ€ngerâ â ein liturgisches StĂŒck aus der Werkstatt der MĂŒnchner Hofkapelle Die Missa Cantorum fĂŒhrt direkt in das Zentrum der Hofkapellenkultur des 16. Jahrhunderts. Orlando di Lasso stand seit 1556 an der Spitze der MĂŒnchner Kapelle unter Herzog Albrecht V. (1528â1579), und seine liturgischen Kompositionen waren Teil eines streng kontrollierten Systems: regelmĂ€Ăige Gottesdienste, professionelle Knaben- und MĂ€nnerstimmen, anspruchsvolle Polyphonie â aber zugleich liturgische Ăkonomie â die bewusste KĂŒrzung oder Straffung von Musik innerhalb der Messe. Dass die Messe im modernen Lasso-Verzeichnis LV Anh. 80 gefĂŒhrt wird, erklĂ€rt ihre Quellenlage: Sie ist handschriftlich ĂŒberliefert, nicht im Druck erschienen, weshalb ihre Zuschreibung zwar als stilsicher akzeptiert, aber nicht völlig unumstöĂlich ist. Der stilistische Befund â Vierstimmigkeit, modale Klarheit, zurĂŒckhaltende motivische Arbeit â spricht deutlich fĂŒr Lasso um ca. 1560, also eine Phase, in der er zwischen reprĂ€sentativer Polyphonie und praxisnahen Lösungen balancierte. Der Titel Cantorum benennt keine Programmatik, sondern eine Adressierung: dies war Musik fĂŒr die SĂ€nger selbst, fĂŒr ein Ensemble, das den liturgischen Text ohne Umwege tragen sollte. Es handelt sich um eine brevis-Messe, einen konzentrierten Zyklus in drei SĂ€tzen (Kyrie â Gloria â Agnus Dei): kein Credo, kein Sanctus-Benedictus, keine Ausmalung ĂŒber die gewöhnliche LĂ€nge hinaus. Diese Reduktion ist kein Mangel, sondern eine bewusste Entscheidung innerhalb der Hofliturgie: kurze Werktage, punktuelle Messen, begrenzte Zeitfenster. Dass Lasso gerade in diesen Momenten nicht ins Banale flĂŒchtet, sondern seine Kunst auf engem Raum organisiert, zeigt seine Meisterschaft. Missa Cantorum, Tracks 11 bis 13 der CD: https://www.youtube.com/watch?v=yQ7DC0QAO6s&list=OLAK5uy_lwHqtXgZ0sp2TLJbypR1UL_GpkJJtD9SU&index=11 Musikalisch zeichnet sich die Messe durch eine knappe, aber prĂ€zise kontrapunktische Organisation aus. Das Kyrie verzichtet auf groĂflĂ€chige Architektur; die Stimmen treten nacheinander ein, imitieren kurz, schlieĂen sich zu ruhigen Akkordbildern. Kein spekulativer Kontrapunkt, sondern eine konzentrierte Bitte um Erbarmen â rhetorisch knapp, aber klanglich geschlossen. Das Gloria bringt eine andere Temperatur: Festlichkeit ohne Ăberladenheit. Der Text schreitet rasch voran, die Polyphonie bleibt durchsichtig, die Silbe dominiert ĂŒber das melismatische AusschmĂŒcken. Das entspricht der Forderung der Gegenreformation, aber auch Lassos eigener Einsicht: der Text ist theologisch, nicht dekorativ. Im Agnus Dei bĂŒndelt sich die ganze Anlage in einem einzigen Satz. Keine dreifache Steigerung, keine Proportionen-Architektur; stattdessen ein kurzer Friedensgestus, ein Ziehen der Linien nach innen. Die StimmfĂŒhrung bleibt diatonisch, modale StabilitĂ€t ersetzt schillernde Harmonik â der Schluss wird fast zu einer kleinen liturgischen Demutsgeste. Damit steht die Missa Cantorum in Lassos Ćuvre nicht als spektakulĂ€res Hauptwerk, sondern als AuthentizitĂ€tsdokument: Musik, die den Kern dessen zeigt, was eine Hofkapelle tĂ€glich leisten musste â Kontrolle, Texttreue, ProfessionalitĂ€t, geistliche Konzentration. Sie besitzt keinen volkstĂŒmlichen Beinamen, sie zitiert kein populĂ€res Chanson, sie stilisiert nichts. Sie ist schlicht eine Messe âfĂŒr die SĂ€ngerâ â und zugleich eine Messe ĂŒber das Wesen des Singens: Stimme wird Gebet, Text wird Klang, und Polyphonie wird nicht zur Demonstration, sondern zur liturgischen SelbstverstĂ€ndlichkeit. Das ist ihre âSeeleâ â leise, aber tragend. CD-Vorschlag Orlando di Lasso - Magnificat Octavi Toni, Missa Venatorum, Missa Cantorum, Vokalkapelle der Theatinerkirche MĂŒnchen, Leitung Robert Mehlhart (* 1982), resonando, 2021, Tracks 11 bis 13. Seitenanfang Missa Cantorum, LV Anh. 80 Missa super âQual donna attende a gloriosa famaâ a 5, LV 960 âMesse ĂŒber Welche Frau erwartet mit ruhmreicher BerĂŒhmtheitâ Die Missa super Qual donna attende a gloriosa fama gehört zu den groĂen Parodien-Messen Orlando di Lassos SpĂ€twerks und ist ein eindrĂŒcklicher Beleg fĂŒr seine reife, textbezogene Stimmkunst im Dienst der liturgischen Gattung. Sie basiert â wie der vollstĂ€ndige Titel andeutet â auf einem bekannten Madrigal âQual donna attende a gloriosa famaâ von Cipriano de Rore (um 1515â1565), einem seiner wichtigsten VorgĂ€nger und EinflussgröĂen der niederlĂ€ndisch-italienischen Vokalmusik. In der Parodie-Technik ĂŒbernimmt Lasso nicht nur Melodien, sondern motivische, rhythmische und expressive Elemente des weltlichen Vorbilds und ĂŒberfĂŒhrt sie in den Kontext der kirchlichen Messe. Das Madrigal âQual donna attende a gloriosa fama" erschien 1548 im dritten Madrigalbuch (Il terzo libro di madrigali a cinque voci), einem bedeutenden Sammelband der Gattung fĂŒr fĂŒnf Stimmen (SATTB), und gilt als eines der innerlich ausgeglichensten StĂŒcke aus Rores Feder. Es gehört zur Welt des Petrarchismus, in dem die wohlgestaltete Sprache und elegante formale Anlage des Sonetts mit subtiler musikalischer Gestaltung kombiniert werden. In diesem Fall entfaltet sich ein poetisches Bild, das die Suche nach idealer Tugend (Ehre, StĂ€rke, Höflichkeit) in den Augen einer geliebten Frau reflektiert â zugleich ein poetisches PortrĂ€t der Renaissance-Höflichkeit und ein Reflex ĂŒber wahre Schönheit, die nicht durch Kunst, sondern durch göttliche Gnade gegeben ist. Musikalisch zeichnet Qual donna attende a gloriosa fama sich durch gleichberechtigte Stimmen, feinsinnige Imitationen und sorgfĂ€ltige Textausdeutung aus. Anders als strikte Kirchenpolyphonie folgt Rore dem italienischen Textrhythmus, bindet Dissonanzen rhetorisch und erlaubt den Stimmen expressive Wendungen. Die vokale Architektur nimmt die Bedeutungsschichten des Gedichts auf: in den ersten Versen die Erwartung, in der Mitte die Einsicht in die wahre Quelle von Tugend und Schönheit, am Ende die unverfĂŒgbare, göttlich geschenkte Schönheit. https://www.youtube.com/watch?v=l3BdDwoU104 Originaltext des Madrigals (italienisch) Qual donnâ attende a gloriosa fama Di seno, di valor, di cortesia, Miri fisso ne gli occhi a quella mia Nemica che mia donna il mondo chiama. Come sâacquistâhonor come Dio sâama, Come giontâhonestĂ con leggiadria, Ivi sâimpara e qual Ăš dritta via Di gir al ciel, che lei aspettâe brama. Iviâl parlar che nullo stil agguaglia, Eâl bel tacere e suoi santi costumi Châingegnâhuman non puĂČ spiegar in carte. Lâinfinita bellezza châaltrui abbaglia Non vi sâimpara che quei dolci lumi, Sâacquistan per ventura, e non per arte. Deutsche Ăbersetzung Welche Frau strebt nach ruhmreicher Ehre Von Keuschheit, StĂ€rke und Höflichkeit? Blicke fest in die Augen jener meinen Feindin, die jedermann als meine Herrin nennt! Dort lernt man, wie Ehre wĂ€chst und wie man Gott liebt, Wie Wahrheit sich mit anmutiger WĂŒrde verbindet; Dort lernt man den rechten Weg Zu jenem Himmel, den sie ersehnt. Dort lernt man die Rede, die kein Stil ĂŒbertrifft, Und das schöne Schweigen und ihre heiligen GebrĂ€uche, Die kein menschlicher Verstand in Worte fassen kann. Die unendliche Schönheit, die alle blendet, Lernt man dort nicht; diese sanften Strahlen Erwirbt man durch Zufall, nicht durch Kunst. Das Gedicht schildert nicht nur die klassische Forderung nach Tugend und Anmut, sondern setzt sie an die Person einer idealisierten Frau â einer âHerrinâ, die als MaĂ von Ehre, StĂ€rke, Höflichkeit und letztlich göttlich gegebener Schönheit erscheint. Diese Schönheit, so das Gedicht, ist nicht durch kunstvolle Technik zu erreichen, sondern eine Gabe höherer Ordnung, die der Mensch nicht kĂŒnstlich herstellen kann. Der Text vereint höfische Ideale mit moralischer Reflektion â ein Thema, das in der High-Renaissance besonders wichtig war und dessen musikalische Entfaltung bei Rore zu groĂer Wirkung fĂŒhrt. Die Messe âQual donna attende a gloriosa famaâ wurde um 1589 komponiert und erschien in zeitgenössischen Drucken als Teil der berĂŒhmten MĂŒnchener Sammlung Patrocinium musices, einem Manifest höfischer wie liturgischer Kunst unter Herzog Albrecht V. von Bayern. Sie ist fĂŒr fĂŒnf Stimmen (SATTB) gesetzt und umfasst die klassischen fĂŒnf OrdinariumsĂ€tze: Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus und Agnus Dei. Ihr strukturelles Grundprinzip folgt der Parodiemesse: Anders als freie Messen ohne Bindung an ein Vorbild knĂŒpft hier jeder Satz an materiale Gestalten aus dem zugrundeliegenden Madrigal an. Doch Lasso bleibt kein rein handwerklicher Imitator; er gestaltet das Material im liturgischen Kontext neu: Motive aus dem weltlichen StĂŒck erscheinen transformiert, in neue rhythmische Gesten gebettet, oft mit subtilen harmonischen Verschiebungen, die den liturgischen Text akzentuieren und tragen. Musikalisch zeichnet sich die Messe durch eine reiche polyphone Textur aus, in der die Stimmen gleichberechtigt und kunstvoll verflochten sind, ohne die liturgische VerstĂ€ndlichkeit zu opfern. Lasso nutzt Dichte und Transparenz als kompositorische GegensĂ€tze: Manche Abschnitte entfalten weite imitatorische Phrasen, andere lösen sich zu klaren, syllabischen Homophonie-Passagen auf, gerade dort, wo der Text gewichtige theologische Aussagen enthĂ€lt (etwa im Credo). Diese Balance zwischen kunstvoller Imitation und textbezogener Klarheit macht die Messe zu einem eindrucksvollen Beispiel spĂ€t-renaissancezeitlicher Musik. imslp.org Die Wahl des Madrigals Qual donna attende⊠als Grundlage ist nicht zufĂ€llig: Rores Werk verfĂŒgte in ganz Europa ĂŒber hohe Bekanntheit, und durch seine expressive, italienisch geprĂ€gte Sprache eignete es sich besonders dafĂŒr, kontrapunktisch verarbeitet und zugleich emotional wie rhetorisch gewandelt zu werden. Lassoâs Messe ĂŒbertrĂ€gt diesen expressiven Kern in den Gottesdienst, ohne den liturgischen Ernst zu verlieren â ein selten wirksamer und zugleich tief musikalischer Akt der Umdeutung. In ihrer Gesamtwirkung steht die Missa super Qual donna attende fĂŒr das spĂ€te, reflektierte Schaffen Orlando di Lassos: Eine Komposition, die weltliches Material im Dienst des Sakralen transzendiert, kunstvoll, sorgfĂ€ltig durchdacht und zugleich innerlich getragen von der tiefen vokalen Kultur der Renaissance. Missa super âQual donna attende a gloriosa famaâ a 5, Tracks 1 bis 6 der CD: https://www.youtube.com/watch?v=-DLPfp4b_ac&list=OLAK5uy_lUV87vbrrgyszR8BQilKH_ykQ6DLBCg2Y&index=1 Der Kyrie-Satz eröffnet mit einem polyphonen Geflecht, das sich aus einem reduzierten Teilmotiv des Madrigals speist. Entscheidend ist hier die Art, wie Lasso den Text âKyrie eleisonâ syllabisch organisiert, wĂ€hrend die Imitationen weich ansetzen. Die Polyphonie bleibt beweglich, aber nie ĂŒberladen, denn der anfĂ€ngliche Ruf um Erbarmen verlangt eine gedehnte, konzentrierte StimmfĂŒhrung. Die Oberstimme trĂ€gt hĂ€ufig die melodische Initiative, wĂ€hrend Alt und Tenor verbindende Schritte strukturieren. Die dissonanten Vorhalte â ein Charakterzug Rores â werden in Lassos Satz kontrapunktisch legitimiert, das heiĂt sie treten als vorbereitete und aufgelöste DurchgĂ€nge auf und verlieren den weltlich-expressiven Affekt. Das âChriste eleisonâ verschlankt die Textur und fĂŒhrt zu einer kurzzeitigen Homophonie, bevor das dritte âKyrieâ die polyphone Bewegung wieder aufnimmt und in ein ruhiges Schlussfeld ĂŒberfĂŒhrt. Die Wirkung ist nicht spektakulĂ€r, sondern eine innere Verdichtung: ein weltliches Ausdrucksmaterial wird der Liturgie dienstbar. Im Gloria öffnet Lasso den Satz durch weit gespannte imitatorische Linien. Wo der Kyrie eher kammermusikalisch erscheint, entfaltet das Gloria ReprĂ€sentationscharakter, gleichzeitig mit klarem Blick auf TextverstĂ€ndlichkeit. Lasso folgt dem klassischen Prinzip: dort, wo der Text dogmatische oder festliche Aussagen enthĂ€lt (âLaudamus teâ, âGlorificamus teâ), wechselt er in silbenbetonte Homophonie, um VerstĂ€ndlichkeit zu sichern. Die Madrigal-Herkunft zeigt sich in den ĂbergĂ€ngen: kurze imitatorische Fluchten an SatzanfĂ€ngen, Wechselwirkungen zwischen Ober- und Tenorstimme, rhythmische Lebhaftigkeit in Auftaktfiguren. Die Harmonik bleibt dabei diatonisch grundiert, mit diskreten âSchattenâ aus Rore â verminderte SekundrĂŒckungen und mollgefĂ€rbte Kadenzvorstufen. Beim âQui tollis peccata mundiâ wandert der Satz nach innen, als wĂŒrde Lasso bewusst jeden Ăberschwang abbremsen. Diese Passage erhĂ€lt eine beinahe âpastoral-intimeâ Polyphonie, bevor das âQuoniam tu solus Sanctusâ nochmals einen kompakten Festgestus bildet. Das âCum Sancto Spirituâ steigert sich imitatorisch und schlieĂt mit einer Schlusskadenz, die eher ruhig als triumphal wirkt â kein bombastischer Höhepunkt, sondern ein Abschluss ohne Prunk, aber mit WĂŒrde. Das Credo ist das dramaturgische Zentrum der Messe. Hier zeigt sich Lassos FĂ€higkeit, Wahrheitstext und polyphone Organisation auszubalancieren. Der Satz beginnt syllabisch, fast rezitativisch: das Credo muss als Bekenntnis hörbar sein, nicht als kontrapunktisches Experiment. Erst im âEt incarnatus estâ treten die ersten lĂ€ngeren imitatorischen Ketten auf â ein klassischer Renaissance-Topos, denn die Fleischwerdung verlangt expressive Dehnung. Lasso ĂŒbernimmt dafĂŒr aus Rore ein Motiv mit absteigender Sekunde und anschlieĂender Terz â ursprĂŒnglich ein Signal fĂŒr weltliche Sehnsucht, hier aber als musikalische Demutsgeste. Der Satz âCrucifixusâ zieht die Harmonik zusammen, vermeidet groĂe AusbrĂŒche und bleibt in diatonischer Enge, was den theologischen Schmerz nicht ausdrĂŒckt, sondern stĂŒtzt. Der Umschlag erfolgt bei âEt resurrexitâ: hier öffnet sich der Satz rhythmisch, der Ambitus wird gröĂer, die Stimmen treten in klare Imitation. Doch auch hier verhindert Lasso das Spektakel: die Auferstehung wird nicht vertont wie ein Madrigaljubel, sondern als kontrollierter Lichtwechsel. Im âEt vitam venturi saeculiâ kehrt die Textur zu Satzruhe zurĂŒck â die Ewigkeit klingt nicht als Triumph, sondern als kontemplativer Schluss. Der Sanctus-Satz ist das kompositorische Scharnier zum finalen Agnus Dei. Lasso beginnt mit gestreckten Linien und polyphoner Weite, denn âSanctusâ verlangt Erhabenheit. Der Parodie-Gestus erscheint in kurzen Imitationen, die den Anfang des Madrigals paraphrasieren, aber an Tempo verlieren. Das âPleni sunt caeliâ bringt eine Verdichtung, die sich fast zu einem vokalen Schwarm entwickelt. Beim âHosanna in excelsisâ schafft Lasso keinen lauten Jubel, sondern einen rhythmisch helleren, aber in der Vertikalen kompakten Klang. Der âBenedictusâ-Abschnitt ist charakteristisch: oft reduzierte Besetzung, elegische Linien, eine Art vocale Demut. Er ist nicht als âkleines Intermezzoâ gedacht, sondern als Einbruch der Stille, bevor das Hosanna wiederkehrt â dieses Mal etwas offener gefĂŒhrt, ohne Ăbertreibung. Das Agnus Dei schlieĂlich bĂŒndelt die Rore-Anspielungen in einer Art sublimierter Erinnerung. Die Stimmen fĂŒhren die kleinen madrigalischen Schritte weiter â die absteigende Sekunde, die kurze Vorhaltspannung â, aber Lasso lĂ€sst jedes expressive Potential durch liturgische Ruhe bremsen. Das erste âAgnus Deiâ hĂ€lt die Polyphonie geschlossen; das zweite löst sie etwas auf und betont damit den Text âmiserere nobisâ. Das abschlieĂende âdona nobis pacemâ erhĂ€lt keine groĂe Steigerung, sondern eine Art kontrollierten Frieden: keine Kadenzgeste wie in der venezianischen Mehrchörigkeit, sondern ein klares polyphones Ende, bei dem die Stimmen in gleicher AtemlĂ€nge zur Ruhe kommen. Im Ganzen betrachtet entsteht ein Zyklus, der weltliche ExpressivitĂ€t in geistliche Architektur verwandelt. Nichts ist plakativ, nichts rhetorisch ĂŒberdreht. Lasso anerkennt Rores melodische Energie, nimmt ihr aber jene Aufladung, die der madrigalischen Leidenschaft eigen ist. Was bleibt, ist ein Klang von Kontrolle, Reife und Dienst an der Liturgie. Die Missa super Qual donna attende a gloriosa fama wird dadurch im SpĂ€twerk Lassos zu einem Akt der Transfiguration: das Madrigal wird nicht verschleiert, sondern spirituell neu gerahmt. Das ist der tiefste Punkt dieser Messe â sie ist kein Triumph der Technik, sondern eine stille Umwandlung von Welt in Gebet. CD-Vorschlag Lassus, Masses and Motets, Christ Church Catherdral Choir, Leitung Stephen Darlington (* 1952), Wyastone Estate Limited, 1988, Tracks 1 bis 6. Seitenanfang Missa super âQual donna attende a gloriosa famaâ a 5, LV 960 Missa super âOsculetur me", LV Anh. 95 Die Missa super âOsculetur me" von Orlando di Lasso ist eine Parodiemesse auf Lassos gleichnamige Motette zum Eröffnungsvers des Canticum canticorum: Osculetur me osculo oris sui â âEr kĂŒsse mich mit dem Kuss seines Mundesâ. Die ursprĂŒnglich erotisch konnotierte Bildsprache des Hohenlieds war seit dem Mittelalter durch ihre marianische und mystische Allegorisierung liturgisch legitimiert; in dieser Tradition steht auch Lassos Messe, die das sinnlich-lyrische Ausgangsmaterial in eine geistlich kontrollierte, hochkonzentrierte Form ĂŒberfĂŒhrt. Der Titel der Missa super âOsculetur me" stammt aus dem Hohenlied Salomos, Kapitel 1, Vers 1. Orlando di Lasso â Motette âOsculetur me osculo" , LV 735 (âEr kĂŒsse mich mit einem Kuss.â) â Vorlage der Messe Die Motette Osculetur me gehört zu den geistlichen Hohelied-Vertonungen Orlando di Lassos, in denen der Komponist einen ursprĂŒnglich erotisch geprĂ€gten Text durch die seit dem Hochmittelalter etablierte allegorische Deutung der Kirche in einen liturgisch verwendbaren Rahmen ĂŒberfĂŒhrt. Der eröffnende Vers Osculetur me osculo oris sui â âEr kĂŒsse mich mit dem Kuss seines Mundesâ â wurde in der patristischen Tradition auf die Beziehung zwischen Christus und der Kirche beziehungsweise auf Maria ĂŒbertragen, wobei der körperliche Sprachgestus als Bild geistiger Vereinigung verstanden wurde. Diese Theologie erlaubte es Lasso, ein sinnlich aufgeladenes Textmaterial in eine kontemplative Klangsprache zu ĂŒbersetzen, ohne den sakralen Anspruch zu gefĂ€hrden. Die Motette ist fĂŒr den mehrstimmigen Vokalsatz konzipiert und arbeitet mit weiten melodischen Bögen, die ĂŒber imitatorische EinsĂ€tze in eine ruhige polyphone Textur ĂŒberfĂŒhrt werden. Charakteristisch ist eine weich gleitende Harmonik, die den vokalen Linien eine warme KontinuitĂ€t verleiht und auf prĂ€gnante Kulminationspunkte verzichtet. Der Beginn entfaltet einen durchlaufenden Melodiefluss, dessen Kontur zur Signatur des gesamten Werkes wird: nicht als scharf umrissenes Leitmotiv, sondern als stĂ€ndige klangliche Bewegung zwischen Aufschwung und ZurĂŒcknahme. https://www.youtube.com/watch?v=v5OhIKZ4Wbo Lasso achtet in diesem StĂŒck auf gedĂ€mpfte Textexposition, indem er die Silben in ein lineares Geflecht stellt und die VerstĂ€ndlichkeit ĂŒber homophone Mikropassagen sichert. Die modal gefĂ€rbte Harmonik meidet extreme Dissonanzwirkungen und setzt stattdessen auf feine Vorhalte, die den klanglichen Sog verstĂ€rken. Dadurch entsteht eine AtmosphĂ€re kontrollierter Innigkeit: kein ekstatisches Hohelied, sondern ein geistiges Umschreiben des Begehrens in polyphone Andacht. Als Vorlage fĂŒr die spĂ€tere Missa super Osculetur me liefert die Motette kein starres thematisches GerĂŒst, sondern ein gestisches Reservoir â melodische Spannweiten, imitative AnsĂ€tze, gleitende Akkordverbindungen. Lasso zitiert nicht mechanisch, sondern transformiert die charakteristische BewegungsqualitĂ€t des StĂŒckes in die weitgespannte Anlage des Kyrie und die inneren Kontraste der nachfolgenden Ordinariumsteile. Aus diesem Grund gilt die Motette in der Forschung weniger als thematischer Cantus-firmus-TrĂ€ger, sondern als klanglicher Ausgangspunkt, dessen lyrische Energie im Messzyklus in strukturierende Kraft ĂŒberfĂŒhrt wird. Lateinischer Originaltext (Canticum canticorum 1,1â2; 2,10â11, in der bei Lasso ĂŒblichen Auswahl) Osculetur me osculo oris sui, quia meliora sunt ubera tua vino. Fragrantia unguentorum tuorum super omnia aromata; unguentum effusum nomen tuum, ideo adolescentulae dilexerunt te. Trahe me post te, curremus in odorem unguentorum tuorum. Surge, amica mea, speciosa mea, et veni. Iam enim hiems transiit, imber abiit et recessit, flores apparuerunt in terra nostra. Deutsche Ăbersetzung Er kĂŒsse mich mit dem Kuss seines Mundes, denn deine Liebe ist besser als Wein. Der Duft deiner Salben ĂŒbertrifft alle GewĂŒrze; ausgegossenes Ăl ist dein Name, darum lieben dich die Jungfrauen. Zieh mich dir nach, wir eilen dahin im Duft deiner Salben. Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm! Denn siehe, der Winter ist vergangen, der Regen ist vorĂŒber und fortgezogen, die Blumen sind auf unserer Erde erschienen. Damit bildet Osculetur me ein Musterbeispiel fĂŒr Lassos FĂ€higkeit, Textallegorie, melodische Sinnlichkeit und liturgische Disziplin zu einer polyphonen Einheit zu verschmelzen â ein Werk, das nicht provoziert, sondern die Hohelied-Sprache in musikalische SpiritualitĂ€t verwandelt. Die Motette Osculetur me osculo oris sui ist 1582 erstmals im Druck belegt; ihr Entstehungsdatum liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit deutlich frĂŒher. Die auf ihr basierende Missa super Osculetur me setzt eine bereits etablierte Vorlage voraus und dĂŒrfte daher in der MĂŒnchner Reifephase Lassos, etwa zwischen 1565 und 1575, entstanden sein. Eine exakte Datierung ist mangels zeitgenössischer Quellen nicht möglich. Die Messe selbst erscheint im Lassus-Verzeichnis als LV Anh. 95 und lĂ€sst sich mangels externer Quellen nicht exakt datieren. Stilistische Kriterien â Faktur, motivische Durchdringung, kontrollierte Polyphonie und die fĂŒnfstimmige Besetzung â sprechen jedoch ĂŒberzeugend fĂŒr einen Entstehungszeitraum zwischen etwa 1565 und 1575, also fĂŒr jene reife MĂŒnchner Phase, in der Lasso polyphone Dichte, geschmeidige LinienfĂŒhrung und klare TextverstĂ€ndlichkeit in ein ausgewogenes VerhĂ€ltnis brachte. Jede genauere Jahresangabe wĂ€re spekulativ und ist zu vermeiden. Die Messe demonstriert Lassos souverĂ€nen Umgang mit der Parodiemethode. Motivreste, melodische Konturen, imitatorische AnsĂ€tze und harmonische Wendungen der Motette werden nicht mechanisch ĂŒbernommen, sondern frei transformiert und in neue funktionale ZusammenhĂ€nge ĂŒberfĂŒhrt. Der charakteristische Intonationsgestus des Osculetur me â eine weit ausschwingende melodische Linie, die mit weich gleitenden, teils simultanen Akkorden kontrastiert â wird zum strukturellen Ausgangspunkt des gesamten Ordinariums, ohne je als bloĂes Zitat zu erscheinen. Die auf der CD dokumentierte feingliedrige Trackstruktur der Messe (Tracks 4â32) â mit Unterteilungen wie Kyrie 1aâ1c, Gloria 2aâ2e usw. â sind keine editorische Zergliederungen, sondern spiegeln die kompositorische Binnenarchitektur prĂ€zise wider. Im Kyrie arbeitet Lasso mit freier Imitation und deutlich unterscheidbaren Texturen: Auf eine eher flĂ€chige Anlage folgt im Christe eine Zone enger motivischer Verdichtung, in der sich die Ambivalenz zwischen cantusnaher Erinnerung und freier Variation besonders deutlich zeigt, bevor das abschlieĂende Kyrie das Material erneut bĂŒndelt. Missa Osculetur Me, Tracks 4 bis 31 der CD: https://www.youtube.com/watch?v=kUCRwkjHaSw&list=OLAK5uy_lOiLpQcCR5C_PQbG3sCFvtWhRS6zAbX_4&index=4 Das Gloria entfaltet sich in einer Abfolge klar profilierter Abschnitte, die den langen Text nicht nur formal gliedern, sondern musikalisch ausdeuten. Homophone Passagen sichern die TextverstĂ€ndlichkeit, wĂ€hrend polyphone Wellenbewegungen fĂŒr klangliche Dynamik sorgen. Besonders markant sind die kontrastiven Zonen bei Qui tollis peccata mundi und Miserere nobis, wo Lasso die Satzdichte reduziert, die Harmonik abdunkelt und den Ausdruck durch kontrollierte Dissonanzspannung intensiviert. Im abschlieĂenden Cum Sancto Spiritu transformiert sich der Satz in ein knappes, beschleunigtes Fugato â eine bei Lasso hĂ€ufige kompositorische Signatur zur Abrundung groĂer liturgischer Blöcke. Im Credo zeigt sich Lassos kompositorische Reife am deutlichsten. Anstelle einer durchgehenden Imitation gestaltet er eine Abfolge dramaturgischer Plateaus: syllabisch geprĂ€gte, textnahe Passagen wechseln mit polyphonen Verdichtungen. Die Christologie-Abschnitte (Et incarnatus est, Crucifixus) wirken nicht durch Ausbreitung, sondern durch linear disziplinierte, modal verschattete Kontrapunktik. Der Ăbergang zu Et resurrexit ist von plötzlicher Aufhellung und gesteigerter Bewegung geprĂ€gt; hier tritt die motivische Herkunft aus der Motette fast in den Hintergrund, bleibt jedoch in der Linienzeichnung subtil prĂ€sent. Sanctus und Benedictus gehören zu den klanglich reizvollsten Teilen der Messe. Eine ruhige, kontemplative Eröffnung greift die langen Bögen der Motette auf, bevor das Hosanna durch die typische Oszillation zwischen homophonem Strahlen und imitatorischem AufblĂŒhen dynamisiert wird. Im Benedictus zieht sich der Klang zurĂŒck, die Stimmen werden beweglicher, der Ausdruck inniger, ehe das wiederkehrende Hosanna den Zyklus erneut bĂŒndelt. Im Agnus Dei kehrt Lasso zur motivischen Essenz zurĂŒck. Die Harmonik öffnet sich, ohne ihre Spannungsfelder vollstĂ€ndig aufzulösen; der Satz trĂ€gt jene charakteristische âStille in der Polyphonieâ, die mit Lassos reifen kirchlichen Werken verbunden wird. HĂ€ufig ist ein doppelter Agnus-Abschnitt ĂŒberliefert, in dessen zweitem Teil sich der Klang verbreitert, die imitatorischen Linien weiter auseinandergezogen werden und der Schluss eine schwebende, ernsthafte Ruhe gewinnt. Insgesamt erweist sich die Missa super Osculetur me als Musterbeispiel fĂŒr Lassos FĂ€higkeit, eine sinnlich geprĂ€gte Vokalsprache in eine straffe liturgische Form zu integrieren, ohne dass das eine das andere ĂŒberlagert. Die Linien bleiben nie ornamental, die TextverstĂ€ndlichkeit ist trotz dichter Polyphonie hoch, und die motivische Integration der Motette erfolgt so organisch, dass die Messe wie eine geistige Ausleuchtung des Ausgangswerks erscheint. Eine ĂŒberzeugende Interpretation wird diese Balance betonen: nicht rauschhafte KlangfĂŒlle, sondern atmende Polyphonie, Durchhörbarkeit, kontrollierte Dynamik und prĂ€zise Textdeklamation. So entfaltet sich das Werk als sakraler Kontrapunkt von innerer WĂ€rme und kompositorischer Klarheit â ein klingendes LehrstĂŒck polyphonen Denkens der SpĂ€trenaissance. CD-Vorschlag Orlandus Lassus - Missa Osculetur Me, The Tallis Scholars, Leitung Peter Phillips (* 1953), Gimell Records, 1989, Tracks 4 bis 31. Seitenanfang Missa super âOsculetur me", LV Anh. 95 Missa super âJe suis desheriteeâ, LV 452, âIch bin verlassen" Die Missa super âJe suis desheriteeâ gehört zu den eindrucksvollen Parodiemessen von Orlando di Lasso und steht exemplarisch fĂŒr jene Phase seines Schaffens, in der weltliche Chansons als Ausgangspunkt einer hochentwickelten geistlichen GroĂform dienen. Die Messe basiert auf der französischen Chanson Je suis desheritee, einem Klagegesang von ausgeprĂ€gt elegischem Charakter, dessen musikalische Substanz Lasso mit groĂer SensibilitĂ€t in den liturgischen Kontext ĂŒberfĂŒhrt. Die Wahl dieser Vorlage ist keineswegs zufĂ€llig: Der Ton der Verlassenheit, des inneren Mangels und der gedĂ€mpften Trauer wird nicht negiert, sondern in eine spirituelle Dimension transformiert, in der persönliche Klage und kollektives Gebet eine subtile Verbindung eingehen. Die französische Chanson âJe suis desheriteeâ gehört zu jener Gruppe weltlicher KlagegesĂ€nge des 16. Jahrhunderts, in denen persönliche Verlusterfahrung, Liebesleid und das Motiv der feindlichen Fortuna in eindringlich verdichteter Form begegnen. Der Text ist von Ă€uĂerster sprachlicher Schlichtheit, gerade dadurch jedoch von groĂer emotionaler Direktheit. Keine allegorischen Umwege, keine höfische VerbrĂ€mung mildern den Eindruck â das lyrische Ich spricht unmittelbar aus einer Situation existenzieller Verlassenheit. Im Zentrum steht nicht materieller Verlust, sondern der Entzug von Freude, Hoffnung und emotionalem Halt. âEnterbtâ ist hier ein innerer Zustand: Das Subjekt fĂŒhlt sich von GlĂŒck und Lebensfreude abgeschnitten, weil der Geliebte es verlassen hat. Die Verantwortung wird dabei weniger dem Geliebten selbst als einer unberechenbaren Fortuna zugeschrieben, einem in der Renaissance allgegenwĂ€rtigen Deutungsmuster menschlichen Leidens. Gerade diese Verbindung von persönlicher Erfahrung und ĂŒberindividuellem Schicksalsdenken verleiht dem Text seine zeittypische Tiefe. https://www.youtube.com/watch?v=bYpZxoof6uc Musikalisch â wie es die zahlreichen mehrstimmigen Bearbeitungen und Parodiemessen zeigen â eignete sich der Text besonders fĂŒr eine ruhige, dicht gefĂŒhrte Polyphonie mit melancholischer GrundfĂ€rbung. Der Sprachrhythmus ist gleichmĂ€Ăig, die Verse sind klar gebaut und laden zu imitatorischer Verarbeitung ein. Die emotionale Wirkung entsteht weniger durch dramatische Zuspitzung als durch beharrliche Wiederholung des Klagegestus, durch das Verharren im Zustand des Verlusts. Gerade diese konzentrierte, fast unbewegliche Traurigkeit erklĂ€rt, warum die Chanson als Vorlage fĂŒr geistliche Umdeutungen â etwa in Messvertonungen â besonders geeignet war. Die private Klage lĂ€sst sich ohne Bruch in eine religiöse Bitte oder ein demĂŒtiges Schuldbekenntnis ĂŒberfĂŒhren. Der Text besitzt eine emotionale Offenheit, die ĂŒber den weltlichen Liebeskontext hinausweist. Der Originaltext der Chanson lautet: Je suis desheritee De joyeusetĂ©, Puisque Fortune mâa ainsi traictĂ©e, Car mon amy mâa laissĂ©e Sans nul confort. Die deutsche Ăbersetzung: Ich bin verlassen, der Freude beraubt, da Fortuna mich so behandelt hat, denn mein Geliebter hat mich verlassen und mir keinen Trost gelassen. In dieser knappen Form bĂŒndelt der Text eine ganze Welt von Erfahrung: Verlassenwerden, Ohnmacht gegenĂŒber dem Schicksal und das Verstummen aller Hoffnung. Gerade diese Reduktion auf das Wesentliche macht Je suis desheritee zu einer der eindringlichsten Klagechansons ihrer Zeit â und zu einer Vorlage von ungewöhnlicher suggestiver Kraft fĂŒr die musikalische Weiterverarbeitung. Im Zentrum der Komposition der Messe steht die kunstvolle Durchdringung von Chansonmaterial und Messordinarium. Lasso ĂŒbernimmt nicht bloĂ thematische Keimzellen, sondern integriert charakteristische melodische Wendungen, rhythmische Profile und motivische Konstellationen der Vorlage in allen Messteilen. Dabei verfĂ€hrt er nicht schematisch, sondern differenziert nach Textinhalt und liturgischer Funktion. Das Kyrie entfaltet sich aus einer zurĂŒckgenommenen, beinahe tastenden Polyphonie, in der die Motive der Chanson wie fragmentarische Erinnerungen erscheinen. Die Stimmen sind eng gefĂŒhrt, die Dichte der Imitation erzeugt einen Eindruck innerer Spannung, der dem Bittruf des Textes eine besondere Eindringlichkeit verleiht. Missa super âJe suis desheriteeâ, Tracks 1 bis 5 der CD: https://www.youtube.com/watch?v=yeanGOWleOE&list=OLAK5uy_kd4ywCFSUEPP7OuAv-NjexeFapgP3tIXs&index=2 Im Gloria löst sich diese Spannung teilweise auf. Hier zeigt sich Lassos souverĂ€ne FĂ€higkeit, kontrastreiche GroĂformen zu gestalten: lebhaftere Abschnitte mit syllabischer Textdeklamation wechseln mit dichter gearbeiteten Passagen, in denen die Chansonmotive erneut aufgegriffen und kunstvoll weitergesponnen werden. Trotz der gröĂeren formalen Ausdehnung bleibt die musikalische Sprache kontrolliert und ausgewogen; VirtuositĂ€t wird nie Selbstzweck, sondern stets dem Textausdruck untergeordnet. Das Credo bildet das strukturelle RĂŒckgrat der Messe. Lasso gliedert den umfangreichen Text durch klar unterscheidbare musikalische Abschnitte, ohne den inneren Zusammenhalt preiszugeben. Besonders bemerkenswert ist der Umgang mit den affektgeladenen Stellen wie Et incarnatus est oder Crucifixus, in denen das klagende Grundmaterial der Chanson eine neue, theologisch vertiefte Bedeutung erhĂ€lt. Die Musik verdichtet sich hier zu einer ernsten, fast asketischen Polyphonie, deren emotionale Wirkung aus der ZurĂŒckhaltung und nicht aus Ă€uĂerem Pathos erwĂ€chst. Im Sanctus und Benedictus erreicht die Messe eine AtmosphĂ€re von schwebender Ruhe. Die Linien werden weiter ausgesponnen, die Harmonik gewinnt an Weite, und die Chansonmotive erscheinen nun stĂ€rker sublimiert, gleichsam in den Dienst einer kontemplativen Klanglichkeit gestellt. Das Agnus Dei schlieĂlich fĂŒhrt die Messe zu einem innerlich geschlossenen Abschluss. Hier bĂŒndelt Lasso noch einmal die zentralen motivischen Elemente der Vorlage, verdichtet sie jedoch zu einer Musik von groĂer Demut und leiser IntensitĂ€t. Der abschlieĂende Bittegestus wirkt nicht resignativ, sondern von stiller Zuversicht getragen. Stilistisch zeigt die Missa super âJe suis desheriteeâ Lasso auf dem Höhepunkt seiner Kunst. Die kontrapunktische Arbeit ist souverĂ€n, aber niemals demonstrativ; die StimmfĂŒhrung bleibt klar und vokal gedacht, die TextverstĂ€ndlichkeit stets gewahrt. Charakteristisch ist zudem die emotionale Ambivalenz des Werks: Die aus der weltlichen Chanson stammende Klage wird nicht ausgelöscht, sondern in eine spirituelle Ernsthaftigkeit ĂŒberfĂŒhrt, die der Messe ihre besondere Tiefe verleiht. Gerade in dieser Balance zwischen weltlichem Affekt und liturgischer WĂŒrde offenbart sich Lassos auĂergewöhnliche FĂ€higkeit, unterschiedliche musikalische SphĂ€ren zu verbinden. Die Missa super âJe suis desheriteeâ gehört damit zu jenen Messvertonungen, in denen Orlando di Lasso nicht nur als meisterlicher Kontrapunktiker, sondern als feinsinniger musikalischer Psychologe erscheint. Sie ist kein Werk Ă€uĂerer Pracht, sondern eine Messe von innerer Geschlossenheit und nachdenklicher IntensitĂ€t â eine Musik, die weniger ĂŒberwĂ€ltigt als berĂŒhrt und deren Wirkung sich aus der Tiefe ihrer stillen Ausdruckskraft entfaltet. Ein exaktes Entstehungsjahr ist nicht ĂŒberliefert. Aufgrund stilistischer Kriterien â insbesondere der souverĂ€nen, nicht mehr experimentellen Parodietechnik, der ausgewogenen Imitationsdichte und der kontrollierten Textausdeutung â wird die Messe meist in die 1560er Jahre datiert, also in jene Phase, in der Lasso bereits fest als Hofkapellmeister in MĂŒnchen etabliert war. In der Forschung gilt eine Entstehung zwischen etwa 1560 und 1570 als am wahrscheinlichsten. FrĂŒhere Datierungen werden heute kaum noch vertreten, spĂ€tere hingegen passen weniger gut zum kompositorischen Habitus des Werks. Damit fĂŒgt sich die Missa super âJe suis desheriteeâ schlĂŒssig in Lassos reifes Messschaffen ein: ein Werk, das formal sicher disponiert ist, emotional jedoch bewusst auf ZurĂŒckhaltung, Innenspannung und gedĂ€mpfte ExpressivitĂ€t setzt â Eigenschaften, die mit der Bedeutung des zugrunde liegenden Chansontitels in enger, fast programmatischer Beziehung stehen. CD-Vorschlag Orlando di Lasso, Missa super je suis desheritee, Stabat Mater, Lectiones de nativitate Christi, Lectiones sacrae ex libris Hiob, Insieme Vocale Daltrocanto, Accademia del Ricercare, Leitung Dario Tabbia (* 1958), Stradivarius, 1994, Tracks 1 bis 5. Seitenanfang Missa super âJe suis desheriteeâ, LV 452 Missa super âAmor ecco colei", LV 1147, Messe ĂŒber "(Die) Liebe, sieh da jene (Frau)â Die Missa super âAmor ecco colei" gehört zu den weltlich inspirierten Parodiemessen von Orlando di Lasso und steht exemplarisch fĂŒr jene Werkgruppe, in der Lasso mit höchster Kunstfertigkeit die Ausdruckswelt der italienischen Liebeslyrik in den liturgischen Raum ĂŒberfĂŒhrt. Grundlage der Messe ist das italienische Madrigal Amor, ecco colei, dessen Text und musikalischer Duktus der SphĂ€re der leidenschaftlichen, zugleich eleganten Renaissance-Liebespoesie entstammen. Lasso greift damit bewusst auf ein Modell zurĂŒck, das emotional aufgeladen, melodisch prĂ€gnant und rhythmisch beweglich ist â ideale Voraussetzungen fĂŒr eine Parodiemesse von groĂer klanglicher Vielfalt. Das italienische Madrigal âAmor, ecco coleiâ von Orlando di Lasso gehört zu jenen weltlichen StĂŒcken, in denen Lasso die Ausdrucksformen der italienischen Liebeslyrik mit höchster stilistischer Eleganz und psychologischer Feinzeichnung gestaltet. Der Text ist von knapper, pointierter Anlage und kreist um ein zentrales Motiv der Renaissance-Dichtung: die Personifikation der Liebe als gewaltsame Macht, die verwundet, beraubt und zugleich fasziniert. Amor erscheint nicht als abstrakte Idee, sondern als handelnde Figur, die mit gezieltem Pfeil das Herz trifft und dem Liebenden Frieden und Selbstbestimmung raubt. Musikalisch reagiert Lasso Ă€uĂerst sensibel auf diese Textstruktur. Die Deklamation ist klar, die melodischen Linien sind geschmeidig und von einer sprechenden KantabilitĂ€t geprĂ€gt. Kurze motivische Gesten, oft imitatorisch gefĂŒhrt, lassen die einzelnen Textaussagen wie emotionale Ausrufe erscheinen. Besonders charakteristisch ist die Balance zwischen Leichtigkeit und innerer Spannung: Die Musik bleibt elegant und kontrolliert, doch unter der OberflĂ€che ist der Affekt permanent prĂ€sent. Genau diese Verbindung aus formaler Disziplin und emotionaler IntensitĂ€t macht das Madrigal zu einer idealen Vorlage fĂŒr eine Parodiemesse â nicht zufĂ€llig griff Lasso spĂ€ter gerade dieses StĂŒck fĂŒr seine Missa Amor ecco colei auf. Der Text des Madrigals ist in zeitgenössischen Quellen in leicht variierenden Fassungen ĂŒberliefert. Die folgende Version entspricht einer gebrĂ€uchlichen, in der Forschung hĂ€ufig zitierten Textgestalt des 16. Jahrhunderts: Amor, ecco colei che mi trafisse il core e mi rubĂČ la pace. Amor, se vuoi châio mora, mira che stral mi dai, châio son ferito a morte. Deutsche Ăbersetzung Amor, sieh, das ist jene, die mir das Herz verwundet und mir den Frieden raubte. Amor, wenn du willst, dass ich sterbe, so sieh, welchen Pfeil du mir gibst: Denn tödlich bin ich getroffen. In seiner KĂŒrze entfaltet der Text eine eindringliche Dramaturgie: vom Erkennen der geliebten Person ĂŒber den Verlust innerer Ruhe bis zur existenziellen Zuspitzung auf Leben und Tod. Lasso verstĂ€rkt diese innere Logik durch eine musikalische Gestaltung, die nicht illustriert, sondern verdichtet. Das Madrigal wirkt dadurch wie ein in Musik gefasster Seelenzustand â ein Moment höchster emotionaler Konzentration, der exemplarisch fĂŒr die Ausdruckskunst des italienischen Madrigals um die Mitte des 16. Jahrhunderts steht. Es gibt derzeit keine bekannte, kommerziell veröffentlichte oder frei zugĂ€ngliche Aufnahme des weltlichen Madrigals âAmor, ecco coleiâ von Orlando di Lasso. Die Messe ist mehrstimmig angelegt und zeigt Lassos souverĂ€ne Beherrschung der Parodietechnik. Charakteristische Motive, melodische Wendungen und satztechnische Konstellationen des Madrigals werden nicht mechanisch ĂŒbernommen, sondern flexibel transformiert, fragmentiert und neu kombiniert. Bereits im Kyrie ist erkennbar, wie Lasso das ursprĂŒnglich weltliche Material entkleidet und in einen geistlichen Kontext ĂŒberfĂŒhrt: Die Linien wirken gesammelter, der Affekt wird verinnerlicht, ohne seine expressive Spannung zu verlieren. Die Polyphonie bleibt durchsichtig, die StimmfĂŒhrung ausgewogen, und dennoch entsteht eine subtile emotionale Tiefe, die ĂŒber rein formale Konstruktion weit hinausgeht. Missa super âAmor ecco colei", Tracks 18 bis 22 der CD: https://www.youtube.com/watch?v=RtlB1XyrP7s&list=OLAK5uy_nkZVM8OHcVQfChKZ8J4v0RuczCcwD4Mh4&index=18 Im Gloria entfaltet sich die Messe mit gröĂerer Beweglichkeit und textlicher Differenzierung. Lasso reagiert sensibel auf die Gliederung des Messetextes, indem er Abschnitte von freierer Imitation mit homophonen Passagen kontrastiert. Dabei bleibt das madrigalische Erbe hörbar: rhythmische Lebendigkeit, geschmeidige Melodik und ein ausgeprĂ€gtes GespĂŒr fĂŒr sprachliche Akzente prĂ€gen den Satz. Besonders bemerkenswert ist, wie Lasso weltliche Ausdrucksmittel nicht verleugnet, sondern sublimiert â das Gloria wirkt dadurch zugleich festlich und elegant, niemals schwer oder monumental. Das Credo bildet das strukturelle Zentrum der Messe. Hier zeigt sich Lassos Meisterschaft im Umgang mit groĂen Textmengen: Der Satz bleibt klar gegliedert, die thematische Arbeit konsequent, ohne in Trockenheit zu verfallen. Die aus dem Madrigal gewonnenen Motive werden nun stĂ€rker kontrapunktisch verdichtet, verlieren aber nicht ihre kantable Herkunft. An den theologischen Knotenpunkten â etwa bei Et incarnatus est oder Et resurrexit â verdichtet Lasso den Ausdruck durch ruhigere Bewegung, engere Stimmverflechtung oder bewusste Reduktion der Textur. Die emotionale Spannung des Liebesmadrigals wird hier in spirituelle Innigkeit transformiert. Im Sanctus und Benedictus dominiert eine AtmosphĂ€re der VerklĂ€rung. Lasso nutzt den Raumklang der Polyphonie, um eine schwebende, lichtvolle Wirkung zu erzeugen. Die melodischen Linien scheinen sich voneinander zu lösen und doch in einem gemeinsamen Atem verbunden zu bleiben. Gerade hier zeigt sich die NĂ€he zur italienischen Madrigalkunst besonders deutlich: Die Musik wirkt sinnlich, ohne sinnlich zu sein; sie bleibt geistlich, ohne asketisch zu werden. Das Agnus Dei schlieĂlich fĂŒhrt die Messe zu einem ruhigen, versöhnlichen Abschluss. Die Bitte um Frieden wird nicht dramatisiert, sondern in einen Zustand stiller Eindringlichkeit ĂŒberfĂŒhrt, in dem sich kontrapunktische Kunst und emotionale Klarheit vollkommen durchdringen. Die Missa super âAmor ecco colei" ist damit ein eindrucksvolles Beispiel fĂŒr Lassos FĂ€higkeit, weltliche Vorlagen nicht nur formal, sondern auch Ă€sthetisch und affektiv in die geistliche Musik zu integrieren. Sie steht an der Schnittstelle zwischen italienischem Madrigalstil und der internationalen, humanistisch geprĂ€gten Sakralpolyphonie des spĂ€ten 16. Jahrhunderts. Gerade diese Verbindung von Eleganz, Ausdruckstiefe und technischer Meisterschaft macht die Messe zu einem Werk von besonderem Rang innerhalb von Lassos umfangreichem Messenschaffen und zu einem SchlĂŒsselbeispiel fĂŒr die kulturelle DurchlĂ€ssigkeit der Renaissance-Musik zwischen weltlicher und geistlicher SphĂ€re. Diese Messe wurde um 1583 komponiert und posthum 1610 gedruckt. CD-Vorschlag Lassus, Prophetiae Sibyllarum and Missa Amor ecco colei, The Brabant Ensemble, Leitung Stephen Rice (* 1979), Hyperion, 2011, Tracks 18 bis 22. Seitenanfang Missa super âAmor ecco colei", LV 1147 Missa super âCongratulamini mihiâ, LV 410, Messe ĂŒber "Freut euch mit mir" Die Missa super âCongratulamini mihiâ gehört zu den eindrucksvollen Parodiemessen von Orlando di Lasso und steht exemplarisch fĂŒr jene Werke, in denen Lasso geistliche Formstrenge mit einer ungewöhnlich ausgeprĂ€gten Affektdifferenzierung verbindet. Grundlage der Messe ist die gleichnamige lateinische Motette âCongratulamini mihi" (LV 259), deren Text aus dem liturgischen und biblischen Umfeld stammt und zur freudigen Mitteilung eines Gnadenereignisses aufruft. Bereits dieser Ausgangspunkt bestimmt den Grundcharakter der Messe: Sie ist von einer ruhigen, aber deutlich empfundenen Festlichkeit getragen, ohne je in demonstrative Pracht oder bloĂe Klangentfaltung auszuweichen. Die Motette âCongratulamini mihi omnes" gehört zu den innerlich leuchtenden, zugleich bewusst knapp gehaltenen geistlichen Werken von Orlando di Lasso und entstand im Jahr 1566. Der Text entstammt der Liturgie zum Fest der hl. Maria Magdalena und bringt in verdichteter Form den Moment der österlichen Erkenntnis zum Ausdruck: die Verwandlung von Suche, Trauer und Ungewissheit in Gewissheit und Freude ĂŒber die Erscheinung des Auferstandenen. Lasso reagiert auf diesen Text nicht mit dramatischer Steigerung, sondern mit einer Musik von ruhiger, zutiefst verinnerlichter Festlichkeit. Die Komposition ist durch eine klare, ausgewogene Polyphonie geprĂ€gt, in der die Stimmen einander gleichwertig zugeordnet sind. Imitatorische EinsĂ€tze strukturieren den Satz, ohne ihn in strenge Fugentechnik zu zwingen. Stattdessen entsteht ein flieĂender Klangraum, der den Text gleichsam umhĂŒllt und dessen Aussage in ruhiger Kontemplation entfaltet. AuffĂ€llig ist die ZurĂŒckhaltung in der Affektzeichnung: Die Freude des Textes Ă€uĂert sich nicht in Ă€uĂerem Jubel, sondern in einer gelösten, milden Helligkeit der KlangfĂŒhrung. Gerade diese ZurĂŒcknahme verleiht der Motette ihre besondere Ausdruckskraft. https://www.youtube.com/watch?v=QRG4J4SwoV4 Textlich wie musikalisch steht Congratulamini mihi omnes an der Schwelle zwischen persönlichem Bekenntnis und liturgischer VerkĂŒndigung. Die Stimme der Magdalena ist individuell gefĂ€rbt, richtet sich jedoch unmittelbar an die Gemeinschaft der GlĂ€ubigen. Lasso unterstreicht diese doppelte Perspektive, indem er die Textzeilen nicht solistisch heraushebt, sondern stets in den polyphonen Gesamtklang einbindet. So wird die persönliche Erfahrung der Begegnung mit Christus zur gemeinschaftlichen Erfahrung des Glaubens. Die Motette gewann ĂŒber ihre ursprĂŒngliche liturgische Funktion hinaus besondere Bedeutung, da Lasso sie wenige Jahre spĂ€ter zur Grundlage einer Parodiemesse machte. Bereits hier zeigt sich jene kompositorische Dichte und motivische PrĂ€gnanz, die eine solche Weiterverarbeitung ermöglichten. Als eigenstĂ€ndiges Werk ĂŒberzeugt Congratulamini mihi omnes jedoch gerade durch ihre Konzentration und geistige Klarheit: eine kurze, aber eindringliche Meditation ĂŒber das Erkennen dessen, âden ich suchteâ. Lateinischer Text Congratulamini mihi omnes, qui diligitis Dominum, quia quem quaerebam apparuit mihi. Deutsche Ăbersetzung Freut euch mit mir, ihr alle, die ihr den Herrn liebt, denn der, den ich suchte, ist mir erschienen. Wie fĂŒr Lassos Parodiemessen typisch, ĂŒbernimmt die Missa super âCongratulamini mihiâ bloĂ thematische Keimzellen aus der Motette, sondern transformiert deren gesamte polyphone Denkweise in den gröĂeren liturgischen Zusammenhang des Ordinariums. Charakteristisch ist die sorgfĂ€ltige Balance zwischen motivischer Wiedererkennbarkeit und struktureller Neugestaltung: Motive der Vorlage erscheinen nicht mechanisch zitiert, sondern werden in wechselnden Stimmkonstellationen, verkĂŒrzten EinsĂ€tzen oder gedehnten Linien erneut beleuchtet. Dadurch entsteht eine innere Geschlossenheit, die sich weniger aus Ă€uĂerer MonumentalitĂ€t als aus kontinuierlicher motivischer Arbeit speist. Missa super âCongratulamini mihiâ, Tracks 9 und 10, 18 und 21 der CD: https://www.youtube.com/watch?v=CL6NIpIILcU&list=OLAK5uy_mN5LznFzCBQXPoHZ_1WaGVVL_wC1d2rBU&index=9 Im Kyrie zeigt sich Lassos Meisterschaft in der kontrollierten Entfaltung des Satzes. Die Stimmen treten meist imitatorisch ein, doch ohne strenge Fugenarchitektur; vielmehr entsteht ein gleitender, atmender Klangraum, in dem Bitte und Vertrauen miteinander verschrĂ€nkt sind. Das Gloria entfaltet sich lebhafter, bleibt jedoch stets maĂvoll. Textgliederungen werden durch Wechsel zwischen dichter Polyphonie und abschnittsweise klarerer Deklamation nachvollzogen, ohne den Fluss des Satzes zu unterbrechen. Besonders auffĂ€llig ist hier Lassos FĂ€higkeit, lĂ€ngere Textpassagen organisch zu bĂŒndeln und ihnen dennoch sprachliche PrĂ€gnanz zu verleihen. Das Credo bildet den strukturellen Mittelpunkt der Messe. Lasso gliedert den umfangreichen Text nicht durch scharfe BrĂŒche, sondern durch feine VerĂ€nderungen der StimmfĂŒhrung und Textur. Zentrale Glaubensaussagen erhalten gröĂere klangliche Dichte oder ruhigere rhythmische Bewegung, wĂ€hrend narrative Abschnitte flĂŒssiger und transparenter gestaltet sind. Die musikalische Rhetorik bleibt dabei stets eingebettet in ein polyphones Gesamtdenken, das weder dramatisiert noch verengt, sondern kontemplativ ordnet. Im Sanctus und Benedictus verdichtet sich der zuvor angelegte festliche Grundton zu einer schwebenden Klanglichkeit. Die Stimmen verschrĂ€nken sich in ruhigen Imitationen, die weniger auf Steigerung als auf Ausgleich zielen. Gerade hier zeigt sich Lassos FĂ€higkeit, Feierlichkeit ohne Ă€uĂerliche Effekte zu erzeugen: Die Musik wirkt erhoben, nicht exaltierend. Das abschlieĂende Agnus Dei fĂŒhrt diese Haltung in eine sanft gelöste Bitte zurĂŒck. Die Polyphonie wird transparenter, der Gestus verinnerlicht sich, ohne an Spannung zu verlieren. Insgesamt gehört die Missa super âCongratulamini mihiâ zu jenen Werken Lassos, die weniger durch spektakulĂ€re Kontraste als durch innere Ausgewogenheit und kompositorische SouverĂ€nitĂ€t ĂŒberzeugen. Sie zeigt einen Komponisten auf dem Höhepunkt seiner Reife, der die Parodietechnik nicht als formales Verfahren versteht, sondern als Mittel geistiger Durchdringung. Gerade in dieser stillen Meisterschaft liegt der besondere Rang der Messe innerhalb von Lassos umfangreichem Messenschaffen. Die Messe erschien 1570 erstmals gedruckt in der Sammlung Praestantissimorum divinae musices auctorum missae decem (Nr. 10). CD-Vorschlag Gabrieli / Lassus, Venetian Easter Mass, Gabrieli Consort and Players, Leitung Paul McCreesh (* 1960), Deutsche Grammophon GmbH, Berlin, 1997, Tracks 9 und 10, 18 und 21. Seitenanfang Missa super âCongratulamini mihiâ, LV 410 Missa super âDixit Iosephâ, LV-Nummer ist fĂŒr diese Messe nicht vergeben, Messe ĂŒber "Da sprach Josef" Die Missa super âDixit Iosephâ gehört zu den geistlich konzentriertesten und zugleich kunstvollsten Parodiemessen von Orlando di Lasso. Sie basiert auf der gleichnamigen Motette âDixit Ioseph" undecim fratribus suis und fĂŒhrt deren musikalische und theologische Gedankenwelt in den groĂen liturgischen Zusammenhang der Messe ĂŒber. Der zugrunde liegende Text stammt aus dem Buch Genesis (Gen 45) und schildert den bewegenden Moment, in dem Josef sich seinen BrĂŒdern zu erkennen gibt â ein Akt der Vergebung, der im christlichen VerstĂ€ndnis typologisch auf Christus verweist. Diese geistige Tiefenschicht prĂ€gt die gesamte Messe und bestimmt ihre musikalische Rhetorik. Die Motette âDixit Ioseph undecim fratribus suis", LV 1144, gehört zu den eindringlichsten biblischen ErzĂ€hlmotetten von Orlando di Lasso. Sie vertont einen der bewegendsten Momente des Alten Testaments: die Offenbarung Josefs gegenĂŒber seinen BrĂŒdern im Buch Genesis (Genesis 45, Verse 4â8). Lasso wĂ€hlt diesen Text nicht als dramatische Szene, sondern als musikalisch reflektierte ErzĂ€hlung ĂŒber Schuld, Erkenntnis, Vergebung und göttliche Vorsehung. Der kompositorische Ansatz ist von groĂer Klarheit geprĂ€gt. Die Motette entfaltet sich ĂŒberwiegend imitatorisch, wobei jede Stimme den Text mit ruhiger Eindringlichkeit weitertrĂ€gt. Der musikalische Fluss folgt dem narrativen Verlauf des Bibelwortes: Die anfĂ€ngliche Selbstoffenbarung Josefs erscheint in verhaltener, fast tastender Polyphonie; erst allmĂ€hlich weitet sich der Satz. Lasso verzichtet bewusst auf scharfe Kontraste oder affektgeladene AusbrĂŒche. Stattdessen entsteht eine AtmosphĂ€re stiller AutoritĂ€t, die dem Gewicht der Worte entspricht. Besonders charakteristisch ist die feine Textausdeutung. Wendungen wie âNolite pavereâ werden musikalisch beruhigt, durch weich gefĂŒhrte Linien und harmonische StabilitĂ€t. Der Gedanke der göttlichen Sendung (âmisit me Deusâ) wird nicht triumphal, sondern mit gelassener Gewissheit gestaltet. Die Polyphonie wirkt hier nicht dekorativ, sondern dienend: Sie ordnet den Text, verleiht ihm Tiefe und ermöglicht dem Hörer, die geistige Bedeutung schrittweise zu erfassen. https://www.youtube.com/watch?v=N7Yx_1cVV14&list=OLAK5uy_k4thPXMntqKd1IPTx4rCDksPfQQlVPpAI&index=2 In ihrer Gesamtwirkung gehört die Motette zu jenen Werken Lassos, in denen sich erzĂ€hlerische Klarheit und spirituelle Verdichtung ideal verbinden. âDixit Ioseph" ist weder dramatisches Historienbild noch rein kontemplative Meditation, sondern eine musikalische Auslegung des biblischen Gedankens von Vergebung als göttlichem Heilsplan. Gerade diese innere Balance machte die Motette zur geeigneten Vorlage fĂŒr die spĂ€tere Missa super âDixit Ioseph". Lateinischer Text (Genesis 45, Auswahl in der Motettenfassung) Dixit Ioseph undecim fratribus suis: Ego sum Ioseph, quem vendidistis in Aegyptum. Nolite pavere nec vobis durum esse videatur, quia vendidistis me in his regionibus: pro salute enim vestra misit me Deus ante vos in Aegyptum. Non vestro consilio, sed voluntate Dei factum est, ut servaremini. Deutsche Ăbersetzung Josef sprach zu seinen elf BrĂŒdern: Ich bin Josef, den ihr nach Ăgypten verkauft habt. FĂŒrchtet euch nicht, und es erscheine euch nicht hart, dass ihr mich in diese LĂ€nder verkauft habt; denn zu eurem Heil hat mich Gott vor euch nach Ăgypten gesandt. Nicht durch euren Ratschluss, sondern durch den Willen Gottes ist es geschehen, damit ihr gerettet wĂŒrdet. Missa super âDixit Iosephâ, Tracks 3 bis 7 der CD: https://www.youtube.com/watch?v=h8i1n3gWjgI&list=OLAK5uy_k4thPXMntqKd1IPTx4rCDksPfQQlVPpAI&index=3 Bereits das Kyrie entfaltet sich aus charakteristischen Motiven der Motette: ruhige, weit gespannte Linien, hĂ€ufig imitatorisch gefĂŒhrt, verleihen dem Satz einen erzĂ€hlerischen, beinahe sprechenden Duktus. Lasso vermeidet jede demonstrative VirtuositĂ€t; stattdessen herrscht eine kontrollierte Polyphonie, in der die Stimmen gleichberechtigt miteinander verwoben sind. Die Bitte um Erbarmen erscheint nicht als dramatischer Ausbruch, sondern als stilles, innerliches Gebet. Im Gloria verdichtet sich der Satz, ohne seine Grundhaltung zu verlassen. Lasso arbeitet mit klaren Textabschnitten, die musikalisch prĂ€zise artikuliert werden. Besonders auffĂ€llig ist seine FĂ€higkeit, lĂ€ngere Textpassagen strukturell durchsichtig zu halten: homophone EinschĂŒbe sorgen fĂŒr VerstĂ€ndlichkeit, wĂ€hrend imitatorische Passagen den Fluss der Musik beleben. Die Freude des Gloria bleibt dabei stets maĂvoll, getragen von einer fast erzĂ€hlerischen Ruhe. Das Credo bildet den geistigen und kompositorischen Mittelpunkt der Messe. Hier zeigt sich Lassos Meisterschaft im Umgang mit groĂformalen ZusammenhĂ€ngen. Zentrale Glaubensaussagen werden nicht plakativ hervorgehoben, sondern organisch in den polyphonen Satz integriert. Der Abschnitt Et incarnatus est zeichnet sich durch eine spĂŒrbare klangliche Verdichtung und eine sanfte Verinnerlichung aus, wĂ€hrend Et resurrexit mit gröĂerer Beweglichkeit und rhythmischer Energie gestaltet ist â jedoch ohne den Charakter stiller Gewissheit zu verlassen. Im Sanctus kehrt Lasso zu einer kontemplativen Grundhaltung zurĂŒck. Die Musik scheint hier gleichsam zu schweben: lange Notenwerte, ruhige Imitationen und ein ausgewogenes StimmengefĂŒge schaffen eine AtmosphĂ€re ehrfĂŒrchtiger Distanz. Das Hosanna wirkt nicht triumphal, sondern feierlich gesammelt, als wĂŒrde der Jubel bewusst zurĂŒckgenommen. Das Agnus Dei schlieĂlich bĂŒndelt die geistige Aussage der Messe. Die Bitte um Frieden wird mit besonderer Eindringlichkeit formuliert, oft durch eine zunehmende Stimmzahl oder durch subtile Verdichtungen der Imitation. Lasso gelingt es, aus dem motivischen Material der Motette eine Schlusswirkung von groĂer innerer Geschlossenheit zu formen: Die Musik zieht sich gleichsam nach innen zurĂŒck und endet nicht im Glanz, sondern in stiller Versöhnung. Stilistisch gehört die Missa super âDixit Iosephâ zu den reiferen Werken Lassos. Sie zeigt den Komponisten als Meister der textbezogenen Polyphonie, der theologische Bedeutung, rhetorische Klarheit und formale Balance zu einer Einheit verschmilzt. Im Vergleich zu prachtvolleren, festlichen Messen wirkt dieses Werk bewusst zurĂŒckgenommen â gerade darin liegt seine besondere StĂ€rke. Es ist eine Messe des Nachdenkens, der Vergebung und der geistigen Sammlung. Ein exaktes Kompositionsjahr ist nicht ĂŒberliefert. Stilistische Merkmale sprechen jedoch klar fĂŒr eine Entstehung in der reifen MĂŒnchner Zeit, also nach etwa 1565, wahrscheinlich in den 1570er oder frĂŒhen 1580er Jahren. Die souverĂ€ne Parodietechnik, die ruhige Textdurchdringung und die ausgewogene kontrapunktische Faktur sprechen gegen eine frĂŒhe Datierung. Die Messe ist zu Lassos Lebzeiten nicht im Druck erschienen. Sie wurde postum 1604 in MĂŒnchen im Rahmen des âMagnum opus musicumâ veröffentlicht, herausgegeben auf Initiative seiner Söhne (insbesondere Ferdinand de Lassus, um 1570â1609) und gedruckt von Adam Berg (â 1618), dem langjĂ€hrigen MĂŒnchner Hofdrucker. CD-Vorschlag Lassus, Missa super Dixit Joseph and Motets, Ensemble Cinquecento, Leitung Terry Wey (* 1985), Hyperion, 2015, Tracks 3 bis 7. Seitenanfang Missa super âDixit Iosephâ Missa âPuisque jâay perduâ a 4, LV 606 Messe ĂŒber âDa ich verloren habeâ bzw. sinngemÀà âDa ich meinen Geliebten verloren habeâ Die Missa âPuisque jâay perduâ gehört zu den weltlichen Parodiemessen Orlando di Lassos und basiert auf der Chanson Puisque jâay perdu mon amy von Claudin de Sermisy (um 1490â1562), einem der einflussreichsten Pariser Chansonkomponisten des frĂŒhen 16. Jahrhunderts. Lasso greift damit bewusst auf ein populĂ€res, emotional stark aufgeladenes Liebeslied zurĂŒck und ĂŒberfĂŒhrt dessen musikalische Substanz in den liturgischen Kontext der Messvertonung â ein Verfahren, das fĂŒr die franko-flĂ€mische Tradition des 16. Jahrhunderts charakteristisch ist, bei Lasso jedoch eine besondere expressive und strukturelle Durchdringung erfĂ€hrt. Die Vorlage Sermisys ist eine vierstimmige Chanson von schlichter, kantabler Anlage, deren melodische PrĂ€gnanz und klare Periodik sich besonders gut fĂŒr eine parodistische Weiterverarbeitung eigneten. Lasso ĂŒbernimmt nicht lediglich einzelne Motive oder das Anfangsthema, sondern schöpft aus dem gesamten polyphonen GefĂŒge der Chanson: charakteristische ImitationseinsĂ€tze, harmonische Wendungen und rhythmische Gestalten werden in allen OrdinariumssĂ€tzen der Messe aufgegriffen, variiert und neu kontextualisiert. Dabei vermeidet Lasso jede mechanische Ăbertragung; vielmehr verwandelt er das weltliche Ausgangsmaterial so konsequent, dass dessen affektiver Ursprung zwar spĂŒrbar bleibt, sich aber vollstĂ€ndig in den Dienst der Liturgie stellt. Die Chanson âPuisque jâay perdu mon amyâ gehört zu den bekanntesten und zugleich eindringlichsten weltlichen Liedern von Claudin de Sermisy (um 1490â1562) und ist ein charakteristisches Beispiel fĂŒr die neue französische Chansonkunst der ersten HĂ€lfte des 16. Jahrhunderts. Sermisy, der als einer der Hauptvertreter der sogenannten Parisischen Chanson gilt, verbindet hier Ă€uĂerste musikalische Einfachheit mit einer starken, unmittelbar verstĂ€ndlichen Affektwirkung. Anders als die kunstvoll verschrĂ€nkten, polytextuellen Chansons des spĂ€ten 15. Jahrhunderts zielt dieses Werk auf Klarheit, Sanglichkeit und emotionale Direktheit. https://www.youtube.com/watch?v=ugJ2j_As9H0&list=OLAK5uy_lzJk6E-k_x_TOTL8jFwKDcD16E12gX5DQ&index=3 Der Text handelt von endgĂŒltigem Verlust und innerer Leere: Der Sprecher beklagt den Tod oder die unwiederbringliche Abwesenheit des Geliebten und beschreibt eine Welt, der jede Freude entzogen ist. Sermisy ĂŒbersetzt diesen Zustand in eine ĂŒberwiegend homophone, syllabische Satzweise, die den Text in den Vordergrund rĂŒckt und ihn fast wie gesprochen erscheinen lĂ€sst. Die Stimmen bewegen sich meist gemeinsam voran, ohne kontrapunktische Verdichtung oder imitatorische KomplexitĂ€t. Gerade diese bewusste ZurĂŒcknahme kompositorischer Mittel verstĂ€rkt die Wirkung des Textes: Die Musik klagt nicht laut, sie resigniert still. Charakteristisch ist die ruhige, gleichmĂ€Ăige Rhythmik, die kaum tĂ€nzerische Impulse zeigt und so jede NĂ€he zur leichten Unterhaltung vermeidet. Die Harmonik bleibt ĂŒberwiegend diatonisch und klar, mit nur wenigen, gezielt eingesetzten Vorhalten und Wendungen, die den Schmerz des Textes unterstreichen. Die Chanson wirkt dadurch fast zeitlos und besitzt eine innere Ruhe, die sie besonders geeignet machte, von spĂ€teren Komponisten â allen voran Orlando di Lasso â als Vorlage fĂŒr eine Parodiemesse herangezogen zu werden. In diesem Kontext wurde die persönliche Klage des Liebesliedes in eine allgemeinere, geistliche Dimension ĂŒberfĂŒhrt, ohne dass ihr emotionaler Kern verloren ging. Der Text der Chanson lautet: Puisque jâay perdu mon amy, Rien ne me peut plus donner joye ; Je vis en dueil et en ennuy, Et jour et nuit me desconforte. Helas, amour, que tâay-je fait, Que tu mâas mis en tel martire ? Mieux mâeust valu mourir parfait Que vivre ainsi en tel martyre. Die deutsche Ăbersetzung lautet: Da ich meinen Geliebten verloren habe, kann mir nichts mehr Freude schenken; ich lebe in Trauer und in Gram und finde bei Tag und bei Nacht keinen Trost. Ach, Liebe, was habe ich dir getan, dass du mich in solch eine Qual gestĂŒrzt hast? Besser wĂ€re es gewesen, vollendet zu sterben, als so zu leben in solcher Marter. In dieser Verbindung von schlichter musikalischer Gestalt und existenzieller Textaussage liegt die besondere Kraft von âPuisque jâay perdu mon amyâ. Die Chanson ist kein virtuoses SchaustĂŒck, sondern ein stilles, konzentriertes Klagelied â ein Werk, das gerade durch seine ZurĂŒckhaltung zu den eindrucksvollsten Zeugnissen der französischen Renaissancechanson zĂ€hlt. Missa âPuisque jâay perduâ, Tracks 3 bis 7 der CD: https://www.youtube.com/watch?v=Yatg42JwDfM&list=OLAK5uy_lVfQQsKLRomh-KP1cHJUVqve564qUaiUc&index=3 Das Kyrie eröffnet mit einem dichten, imitatorischen Satz, in dem das Chansonmaterial gleichsam âverinnerlichtâ erscheint. Die Linien entfalten sich ruhig und ausgewogen, ohne demonstrative Kontrapunktik. Schon hier zeigt sich Lassos Meisterschaft im Umgang mit Text und Struktur: Die drei Anrufungen werden musikalisch klar gegliedert, wobei Wiedererkennung und Variation in ein feines Gleichgewicht gebracht sind. Die Herkunft aus der Chanson ist erkennbar, aber nicht aufdringlich â sie wirkt eher wie eine Erinnerung an eine menschliche Klage, die nun in eine Bitte um Erbarmen ĂŒberfĂŒhrt wird. Im Gloria weitet Lasso den Satz deutlich. Der Textreichtum fĂŒhrt zu hĂ€ufigen Wechseln zwischen homophonen Abschnitten und lebhafter Imitation. Besonders auffĂ€llig ist Lassos Sinn fĂŒr Textausdeutung: Stellen wie Qui tollis peccata mundi erhalten eine spĂŒrbare Verdichtung und Ernsthaftigkeit, wĂ€hrend die jubelnden Passagen (Cum Sancto Spiritu) mit gröĂerer rhythmischer Beweglichkeit und klanglicher FĂŒlle gestaltet sind. Die Chansonvorlage dient hier weniger als emotionaler TrĂ€ger denn als strukturelles Reservoir, aus dem Lasso frei schöpft. Das Credo bildet den architektonischen Mittelpunkt der Messe. Lasso organisiert den langen Text in klar unterscheidbare Abschnitte, wobei er die motivische Substanz der Chanson immer wieder neu kombiniert. Besonders eindrucksvoll ist die Behandlung des Et incarnatus est: Die Textur wird transparenter, die Stimmen bewegen sich enger aufeinander zu, und die Musik gewinnt eine kontemplative Ruhe, die einen bewussten Kontrast zu den belebteren Rahmenteilen bildet. Hier zeigt sich exemplarisch Lassos FĂ€higkeit, weltliches Material nicht nur zu âveredelnâ, sondern ihm eine neue, geistliche Bedeutungsebene zu verleihen. Im Sanctus und Benedictus dominiert eine feierliche Gelassenheit. Lasso setzt auf klangliche Balance und vermeidet extreme Kontraste. Die imitatorischen EinsĂ€tze wirken wie ruhige Wellenbewegungen, die den sakralen Charakter des Textes unterstreichen. Das Agnus Dei schlieĂlich fĂŒhrt die Messe zu einem nach innen gewandten Abschluss. HĂ€ufig â wie bei Lasso nicht unĂŒblich â steigert sich die Stimmenzahl oder die kontrapunktische Dichte im letzten dona nobis pacem, wodurch aus der anfĂ€nglichen Bitte eine eindringliche, fast flehende Klanggeste entsteht. Stilistisch gehört die Missa âPuisque jâay perduâ in jene Werkgruppe Lassos, in der er die französische Chansontradition mit der hochentwickelten Vokalpolyphonie der SpĂ€trenaissance verbindet. Im Vergleich zu strengeren, auf geistlichen Vorlagen beruhenden Parodiemessen wirkt diese Messe zugĂ€nglicher, kantabler und menschlich unmittelbarer â ohne jemals an kompositorischer Substanz einzubĂŒĂen. Gerade diese Verbindung von emotionaler WĂ€rme und struktureller Kontrolle macht das Werk zu einem exemplarischen Zeugnis von Lassos reifer Kunst: Die private Klage der Chanson wird nicht verleugnet, sondern transformiert â von der verlorenen Liebe zur Bitte um göttlichen Frieden. Die Missa âPuisque jâay perduâ entstand nach heutigem Forschungsstand in den 1560er Jahren, also in der mittleren MĂŒnchner Schaffensphase von Orlando di Lasso, als Lasso bereits als Hofkapellmeister der Wittelsbacher wirkte und sich intensiv der Parodiemesse auf weltliche Vorlagen widmete. Die Messe ist zu Lassos Lebzeiten im Druck erschienen, im Rahmen einer seiner Messensammlungen, die in den 1570er Jahren bei dem MĂŒnchner Hofdrucker Adam Berg veröffentlicht wurden. Eine genau datierte Einzelausgabe existiert nicht; die Ăberlieferung erfolgt ĂŒber den autorisierten Sammeldruck, der Lassos reifes Messenschaffen dokumentiert. CD-Vorschlag Lassus, Musica Die Donum/Lauda Sion Salvatorem, Pro Cantione Antiqua London, Leitung Bruno Turner (* 1931), BMG Entertainment, 1976, Tracks 3 bis 7. Seitenanfang Missa âPuisque jâay perduâ a 4, LV 606 Missa âSurge properaâ, LV 597, âErhebe dich, eileâ Die Missa âSurge properaâ gehört zu den ausgereiften Parodiemessen Orlando di Lasso und steht exemplarisch fĂŒr jene Phase seines Schaffens, in der textliche Bedeutung, motivische Konzentration und formale Klarheit zu einer besonders dichten Einheit verschmelzen. Die Messe ist nach den Anfangsworten Surge propera amica mea benannt â âErhebe dich, eile, meine Geliebteâ â einem zentralen Vers aus dem Canticum canticorum, der im geistlichen Kontext traditionell allegorisch auf das VerhĂ€ltnis zwischen Christus und der Seele bzw. zwischen Christus und der Kirche bezogen wird. Als Vorlage dient eine gleichnamige Motette Lassos, die ebenfalls auf dem Hoheliedtext beruht. Die Messe ist damit eine klassische Parodiemesse, jedoch nicht im Sinne bloĂer motivischer Ăbernahme, sondern als tiefgreifende kompositorische Durchdringung des vokalen Ausgangsmaterials. Charakteristisch ist, dass Lasso weniger auf auffĂ€llige Cantus-firmus-Technik setzt als auf die subtile Transformation prĂ€gnanter melodischer Wendungen, imitatorischer Keime und rhythmischer Gesten, die aus der Motette gewonnen und in den MesssĂ€tzen jeweils neu kontextualisiert werden. Die Motette âSurge propera amica meaâ, LV 597 gehört zu den eindringlichsten Hohelied-Vertonungen von Orlando di Lasso und bildet die kompositorische Grundlage fĂŒr die Missa âSurge properaâ. Der Text entstammt dem Canticum canticorum (Hld 2,10â13), einem der poetisch dichtesten BĂŒcher der Bibel, das in der christlichen Tradition allegorisch als Dialog zwischen Christus und der Seele oder zwischen Christus und der Kirche gedeutet wird. Lasso wĂ€hlt aus diesem biblischen Liebesgedicht jene Verse, in denen Bewegung, Erwachen und Aufbruch im Zentrum stehen. Der Imperativ Surge, propera â âErhebe dich, eileâ â ist nicht nur textlicher Ausgangspunkt, sondern prĂ€gt die gesamte musikalische Konzeption. Die Motette ist von einer subtilen inneren Dynamik durchzogen, die weniger auf Ă€uĂerliche Dramatik als auf ein stetiges, atmendes VorwĂ€rtsgehen setzt. Kurze imitatorische EinsĂ€tze erzeugen den Eindruck des Rufens und Antwortens, wĂ€hrend lĂ€ngere homophone Passagen dem Text Raum zur Entfaltung geben. https://www.youtube.com/watch?v=VJ9f8guTKgc&list=OLAK5uy_nqvzk4sT3iVGiyVGHbQu8IrZyc9vQfmLQ&index=3 Besonders charakteristisch ist Lassos FĂ€higkeit, semantische Nuancen unmittelbar in musikalische Struktur zu ĂŒbersetzen. Wenn der Text vom VorĂŒbergehen des Winters spricht, hellt sich die Klanglichkeit auf; wenn Blumen, Vogelgesang und Stimme der Turteltaube genannt werden, entfaltet sich eine transparente, lichtdurchflutete Polyphonie. Die Motette ist damit kein bloĂes Klangbild der Natur, sondern eine musikalische Allegorie des geistlichen Erwachens. Gerade diese Balance aus textlicher VerstĂ€ndlichkeit, motivischer PrĂ€gnanz und formaler Geschlossenheit erklĂ€rt, weshalb Lasso die Motette als Ausgangspunkt fĂŒr eine Messe wĂ€hlte. In ihr sind bereits jene Keime angelegt, die in der Messvertonung weiterentwickelt, gedehnt und liturgisch vertieft werden. Lateinischer Originaltext Surge, propera, amica mea, columba mea, formosa mea, et veni. Iam enim hiems transiit, imber abiit et recessit. Flores apparuerunt in terra nostra, tempus putationis advenit, vox turturis audita est in terra nostra. Deutsche Ăbersetzung Erhebe dich, eile, meine Geliebte, meine Taube, meine Schöne, und komm. Denn siehe, der Winter ist vorĂŒber, der Regen ist gegangen und vergangen. Die Blumen sind auf unserer Erde erschienen, die Zeit des Beschneidens ist gekommen, die Stimme der Turteltaube ist auf unserem Land zu hören. Missa âSurge properaâ, Tracks 4 bis 9 der CD: https://www.youtube.com/watch?v=15aL_3ePY7g&list=OLAK5uy_nqvzk4sT3iVGiyVGHbQu8IrZyc9vQfmLQ&index=4 Die Komposition entstand wahrscheinlich in den spĂ€ten 1560er-Jahren, also in einer Zeit, in der Lasso als Kapellmeister am MĂŒnchner Hof Herzog Albrechts V. von Bayern (1528â1579) auf dem Höhepunkt seiner internationalen Anerkennung stand. Gedruckt wurde die Messe 1570 in MĂŒnchen im renommierten âLiber missarumâ, herausgegeben vom Hofdrucker Adam Berg (â 1618) â einer der wichtigsten Drucke geistlicher Musik des 16. Jahrhunderts, der Lassos Stellung als fĂŒhrender Messkomponist seiner Zeit eindrucksvoll dokumentiert. Musikalisch zeichnet sich die Missa âSurge properaâ durch eine auĂerordentliche Balance zwischen Bewegung und Ruhe aus. Bereits im Kyrie fĂ€llt die spannungsreiche Verbindung von vorwĂ€rtsdrĂ€ngenden Imitationen und bewusst gesetzten Ruhepunkten auf. Das âEilenâ des Titels wird nicht illustrativ ausgedeutet, sondern strukturell umgesetzt: durch flexible Motivketten, durchlĂ€ssige StimmfĂŒhrung und eine Polyphonie, die weniger monumental wirkt als vielmehr dialogisch und atmend. Im Gloria und Credo zeigt sich Lassos Meisterschaft in der groĂformalen Organisation. LĂ€ngere Textabschnitte werden durch motivische Wiedererkennung zusammengehalten, wĂ€hrend wichtige theologische Aussagen â etwa Qui tollis peccata mundi oder Et incarnatus est â durch Verdichtung der Textur oder gezielte Reduktion der Stimmen hervorgehoben werden. Die Musik bleibt dabei stets textverstĂ€ndlich, ohne an polyphoner Raffinesse einzubĂŒĂen. Besonders eindrucksvoll ist das Agnus Dei, in dem Lasso die aus der Motette gewonnenen Motive in verlangsamter, fast kontemplativer Gestalt erscheinen lĂ€sst. Hier wird das anfĂ€ngliche âSurgeâ des Hohelieds gleichsam ins Innere gewendet: aus Bewegung wird Bitte, aus DrĂ€ngen wird Ruhe. Dieser Spannungsbogen ĂŒber die gesamte Messe hinweg verleiht dem Werk eine geschlossene geistige Dramaturgie. Die Missa âSurge properaâ ist somit keine reprĂ€sentative Festmesse im Ă€uĂeren Sinn, sondern eine theologisch und musikalisch hochkonzentrierte Arbeit, die exemplarisch zeigt, wie Lasso biblische Liebesmetaphorik, liturgische Funktion und höchste kontrapunktische Kunst miteinander zu verbinden wusste. Innerhalb seines MessĆuvres nimmt sie eine besondere Stellung ein als Werk von groĂer innerer Beweglichkeit, Klarheit und spiritueller Tiefe. CD-Vorschlag Lassus, Missa Surge propera, The Cardinall's Musick, Leitung Andrew Carwood (* 1965), ASV Ltd., 2004, Tracks 4 bis 9. Seitenanfang Missa âSurge properaâ, LV 597 Missa super âTous les regretsâ, LV 626, âAll die Reueâ Die Missa super âTous les regretsâ gehört zu den eindringlichsten Parodiemessen von Orlando di Lasso und zeigt den Komponisten auf der Höhe seiner Kunst, seelische Affekte aus einem weltlichen Modell in eine geistliche Form zu ĂŒberfĂŒhren, ohne deren Eigengewicht zu schmĂ€lern. Als Vorlage dient die berĂŒhmte Chanson âTous les regrets" von Pierre Sandrin, eines der meistverbreiteten und emotional wirksamsten Lieder des 16. Jahrhunderts. Ihr Text kreist um Verlust, innere Leere und resignative Trauer â Affekte, die Lasso nicht bloĂ ĂŒbernimmt, sondern in der Messe geistlich vertieft und strukturell neu deutet. Die Chanson âTous les regrets" gehört zu den eindrucksvollsten und zugleich schlichtesten Liedern der französischen Renaissance. Ihr Schöpfer, Pierre Sandrin, verstand es wie nur wenige seiner Zeitgenossen, existenzielle Affekte mit Ă€uĂerster musikalischer Ăkonomie auszudrĂŒcken. Das StĂŒck ist vierstimmig gesetzt und verzichtet auf jede dekorative Ăberfrachtung; seine Wirkung beruht nicht auf kontrapunktischer VirtuositĂ€t, sondern auf einer nahezu asketischen Konzentration des Ausdrucks. Der Text ist von Ă€uĂerster KĂŒrze, aber von groĂer emotionaler Dichte. Er thematisiert nicht konkreten Verlust, sondern einen Zustand innerer Leere: âalle Reueâ, âalle BedrĂ€ngnisâ sind im Herzen versammelt. Gerade diese Offenheit des Gedankens machte die Chanson im 16. Jahrhundert so anschlussfĂ€hig. Sie konnte als Liebesklage gehört werden, ebenso als allgemeine Meditation ĂŒber Schmerz, Erinnerung und das Verharren im Leid. Sandrins Musik verstĂ€rkt diese Mehrdeutigkeit, indem sie den Text nicht illustriert, sondern umkreist. Musikalisch prĂ€gt eine ruhige, gleichmĂ€Ăige Bewegung das gesamte StĂŒck. Die Stimmen setzen imitatorisch ein, bleiben dabei jedoch eng beieinander, fast wie in einem kollektiven Atem. AuffĂ€llig ist die Abwesenheit scharfer Kontraste: keine virtuosen LĂ€ufe, keine abrupten rhythmischen BrĂŒche, keine demonstrativen Kadenzen. Die Harmonik wirkt gedĂ€mpft, oft leicht schwebend, mit einer Neigung zu weichen Dissonanzen, die nicht schmerzen, sondern ermĂŒden. Gerade dieses kontrollierte MaĂ an Spannung erzeugt den Eindruck resignativer Traurigkeit, die nicht mehr auf Erlösung hofft, sondern im Zustand des Erinnerns verharrt. Die enorme Verbreitung der Chanson im 16. Jahrhundert â sowohl in Drucken als auch in handschriftlicher Ăberlieferung â erklĂ€rt sich aus dieser Balance von Einfachheit und Tiefe. Tous les regrets wurde zu einer Art musikalischem Archetyp der Melancholie, der weit ĂŒber seinen ursprĂŒnglichen weltlichen Kontext hinauswirkte. Dass Komponisten wie Orlando di Lasso das StĂŒck spĂ€ter als Grundlage einer Messe wĂ€hlten, ist kein Zufall: Die Chanson trĂ€gt bereits in sich eine geistige Ernsthaftigkeit, die den Ăbergang vom Profanen zum Sakralen nicht erzwingt, sondern vorbereitet. Von der Chanson âTous les regrets" von Pierre Sandrin (um 1490â1561) ist derzeit keine gesicherte moderne Einspielung bekannt. Originaltext Mittelfranzösisch (moyen français) Tous les regrets Quâoncques onques fut au monde, Sont en mon cueur logĂ©s. Deutsche Ăbersetzung All die Reue, die jemals auf dieser Welt gewesen ist, hat in meinem Herzen Wohnung genommen. Missa super âTous les regretsâ, Tracks 1 bis 5 der CD: https://www.youtube.com/watch?v=qE6sTyY7AEk&list=OLAK5uy_lZyYkKgm7gIHVjJBZbfztFCIrphmCQweg&index=2 Bereits im Kyrie wird die enge Bindung an das Modell hörbar. Charakteristische melodische Wendungen der Chanson erscheinen nicht als bloĂe Zitate, sondern als tragende Bausteine des polyphonen GefĂŒges. Lasso entfaltet sie imitatorisch, oft in enger StimmfĂŒhrung, wodurch ein Klangraum entsteht, der von Beginn an von gedĂ€mpfter Klage und innerer Spannung geprĂ€gt ist. Die Musik vermeidet demonstrative Kontraste; stattdessen herrscht eine zurĂŒckgenommene, konzentrierte Rhetorik, in der jedes Motiv gleichsam tastend weitergefĂŒhrt wird. Die Bitte um Erbarmen erhĂ€lt dadurch einen fast kontemplativen Charakter. Im Gloria gelingt Lasso eine bemerkenswerte Balance zwischen textlicher Notwendigkeit und affektiver KontinuitĂ€t. Obwohl der liturgische Text zu Jubel und Bekenntnis drĂ€ngt, bleibt die Musik von einer ernsten Grundhaltung durchzogen. Die Motive der Chanson werden rhythmisch belebt und dichter verschrĂ€nkt, doch nie triumphal ĂŒbersteigert. Gerade diese ZurĂŒckhaltung verleiht dem Satz innere Spannung: Freude und Lobpreis erscheinen nicht als lauter Ausbruch, sondern als gewonnene, durch Leiden hindurchgegangene Gewissheit. Das Credo bildet den architektonischen Mittelpunkt der Messe. Hier zeigt sich Lassos Meisterschaft im Umgang mit groĂen Textmengen. Die Struktur ist klar gegliedert, die motivische Arbeit auĂerordentlich konsequent. Besonders eindrucksvoll sind die Passagen zu Et incarnatus est und Crucifixus, in denen die melancholische Grundsubstanz der Vorlage mit gröĂter Eindringlichkeit wirksam wird. Die Stimmen verdichten sich, der harmonische Rhythmus verlangsamt sich spĂŒrbar, und der Hörer erlebt eine fast körperliche Schwere, die den theologischen Kern des Textes unmittelbar erfahrbar macht. Die anschlieĂende Auferstehung bleibt bewusst maĂvoll â eher inneres Aufleuchten als strahlender Sieg. Im Sanctus und Benedictus gewinnt die Musik eine schwebende, nahezu entrĂŒckte QualitĂ€t. Die aus der Chanson gewonnenen Motive werden gedehnt, ihre Konturen weicher, der polyphone Satz öffnet sich. Lasso schafft hier einen Klang der stillen Erhebung, der das Heilige nicht durch Pracht, sondern durch klangliche Transparenz erfahrbar macht. Besonders das Benedictus wirkt wie ein Innehalten, ein Moment des Atemholens innerhalb des liturgischen Ganzen. Das Agnus Dei schlieĂlich bĂŒndelt noch einmal die expressive Kraft der Messe. In der wiederholten Bitte um Frieden kehrt die melancholische Grundgeste der Vorlage in konzentrierter Form zurĂŒck. Die StimmfĂŒhrung ist eng, die musikalische Sprache von eindringlicher Einfachheit. Nichts wirkt ornamental oder zufĂ€llig; alles ist auf die innere Bewegung des Textes ausgerichtet. Der dona nobis pacem erscheint nicht als erfĂŒllte VerheiĂung, sondern als leise, zutiefst menschliche Hoffnung. Die Missa super âTous les regretsâ ist damit weit mehr als eine kunstvolle Parodiemesse. Sie gehört zu jenen Werken Lassos, in denen persönliche Affekterfahrung, kompositorische SouverĂ€nitĂ€t und liturgische Funktion eine seltene Einheit bilden. Die aus einer weltlichen Klage geborene Musik wird nicht neutralisiert, sondern geistlich transformiert. Gerade darin liegt ihre nachhaltige Wirkung: Sie spricht nicht von einem abstrakten Glauben, sondern von einem Glauben, der durch Erfahrung von Verlust, Erinnerung und innerer Sammlung hindurch Gestalt gewinnt. CD-Vorschlag La Quinta Essentia, Palestrina, Lassus, Ashewell, Huelgas-Ensemble, Leitung Paul Van Nevel (* 1946), harmonia mundi s.a., 2007, Tracks 1 bis 5. Seitenanfang Missa super âTous les regretsâ, LV 626 Missa octavi toni, LV 707 Die Missa octavi toni ist eine Modalmesse im achten Kirchenton (Hypomixolydisch). Der Titel bedeutet wörtlich âMesse im achten Tonâ. Es handelt sich nicht um eine Parodiemesse, sondern um eine frei komponierte Messe, deren Einheit aus der konsequenten Orientierung am Modus entsteht. Die Komposition entstand wahrscheinlich in den 1560er-Jahren, also wĂ€hrend Lassos reifer MĂŒnchner Hofzeit. Der Erstdruck erfolgte postum 1604 in MĂŒnchen durch Adam Berg, im Rahmen der groĂen SammelĂŒberlieferung geistlicher Werke aus Lassos Umfeld. Missa octavi toni â Kyrie: https://www.youtube.com/watch?v=FHE0W535zE0 Das Kyrie zeigt exemplarisch Lassos spĂ€ten Messstil: klare Imitation, ausgewogene StimmfĂŒhrung und eine bewusst zurĂŒckgenommene ExpressivitĂ€t zugunsten struktureller Geschlossenheit. Der achte Ton prĂ€gt dabei nicht nur den Anfang, sondern die gesamte zyklische Anlage der Messe. Seitenanfang Missa octavi toni, LV 707 Missa âde Feria", LV 623, âMesse fĂŒr den Werktagâ Die Missa âde Feria" von Orlando di Lasso gehört zu jenen Messvertonungen der SpĂ€trenaissance, die nicht vollstĂ€ndig ĂŒberliefert sind und deshalb nur fragmentarisch rezipiert werden können. Der Titel ist strikt liturgisch zu verstehen: de feria bezeichnet im kirchlichen Sprachgebrauch einen gewöhnlichen Werktag ohne Festcharakter. Entsprechend verweist der Titel nicht auf ein thematisches oder musikalisches Programm, sondern ausschlieĂlich auf den vorgesehenen Gebrauch innerhalb der Liturgie. Erhalten ist von dieser Messe nur ein Teilbestand; sicher belegt und auch klanglich greifbar ist vor allem das Kyrie, das heute in Einzeleinspielungen kursiert. Weitere Ordinariumsteile sind zwar in der QuellenĂŒberlieferung genannt, liegen jedoch nicht geschlossen oder vollstĂ€ndig rekonstruierbar vor. Eine zyklische Messe im Sinne einer durchgehend auffĂŒhrbaren Komposition existiert daher nicht. Genau aus diesem Grund ist es sachlich korrekt, dass sich in der Praxis fast ausschlieĂlich das Kyrie findet, wĂ€hrend Gloria und Credo vollstĂ€ndig fehlen. Die Messe ist fĂŒr vier Stimmen a cappella konzipiert und steht stilistisch in der Linie von Lassos schlicht gehaltener, funktionaler Kirchenmusik, die bewusst auf reprĂ€sentativen Festglanz verzichtet. Auch hierin entspricht die musikalische Faktur der liturgischen Bestimmung einer feria-Messe. Missa âde Feria" â Kyrie: https://www.youtube.com/watch?v=U4DRdmdApTM Eine genaue Datierung der Komposition ist nicht möglich; sie wird allgemein in Lassos MĂŒnchner Schaffenszeit eingeordnet, also in die zweite HĂ€lfte des 16. Jahrhunderts. Die ĂŒberlieferten Teile wurden nicht als eigenstĂ€ndige vollstĂ€ndige Messe gedruckt, sondern erscheinen verstreut in Sammeldrucken geistlicher Musik. Eine autoritative Gesamtausgabe existiert nicht. Die Missa de Feria ist damit kein Werk, das als Ganzes gehört oder beschrieben werden kann, sondern ein quellenbedingt fragmentarisches Zeugnis von Lassos liturgischer Praxis. Jede weitergehende Analyse ĂŒber den erhaltenen Bestand hinaus wĂ€re notwendigerweise hypothetisch â und wĂŒrde den historischen Befund verfĂ€lschen. Seitenanfang Missa âde Feria", LV 623 Psalmi Davidis Poenitentiales Collegium Vocale Gent â Philippe Herreweghe (Harmonia Mundi, 2006) https://www.youtube.com/watch?v=3RccZQ-myTU&list=OLAK5uy_nTV0mybgZXua8UxyD46vzOuQ9xSuiAq2U&index=2 Einleitung â Werk und Aufnahme Die Psalmi Davidis Poenitentiales gehören zu den herausragenden Meisterwerken Orlando di Lassos (1532â1594). Der Zyklus entstand um 1560 fĂŒr Herzog Albrecht V. von Bayern (1528â1579) und wurde in einer prachtvollen Pergamenthandschrift der MĂŒnchner Hofbibliothek ĂŒberliefert. Erst 1584 erschien er im Druck bei Adam Berg in MĂŒnchen. Inhaltlich umfasst er die sieben traditionellen BuĂpsalmen der Vulgata, geistliche Texte von tiefer Reue, Bitte um Gnade und Hoffnung auf Erlösung. Musikalisch sind diese Psalmen in der höchsten BlĂŒte der franko-flĂ€mischen Polyphonie gestaltet. Lasso verbindet kunstvolle Imitation mit klarer TextverstĂ€ndlichkeit und setzt Homophonie gezielt ein, um SchlĂŒsselverse hervorzuheben. Dissonanzen und Chromatik dienen nicht dem Selbstzweck, sondern der affektiven Textausdeutung. Jeder Psalm ist in sich geschlossen, zugleich aber in einen dramaturgischen Gesamtbogen eingebettet. Die Aufnahme des Collegium Vocale Gent unter Philippe Herreweghe (Harmonia Mundi, 2006) gilt als eine der maĂstabsetzenden Interpretationen. Herreweghe wĂ€hlt einen kontemplativen, ausbalancierten Ansatz, der die Musik als geistlichen Raum erlebbar macht. Der Chorklang ist transparent und warm, die Textartikulation klar, die Dynamik fein abgestuft. Diese Lesart verzichtet auf dramatische Ăberzeichnung und lĂ€sst die spirituelle Dimension der Musik aus sich selbst heraus sprechen. Psalmus I â Domine, ne in furore tuo arguas me (Psalm 6) Lateinischer Text Domine, ne in furore tuo arguas me, neque in ira tua corripias me. Miserere mei, Domine, quoniam infirmus sum: sana me, Domine, quoniam conturbata sunt ossa mea. Et anima mea turbata est valde: sed tu, Domine, usquequo? Convertere, Domine, et eripe animam meam: salvum me fac propter misericordiam tuam. Quoniam non est in morte qui memor sit tui: in inferno autem quis confitebitur tibi? Laboravi in gemitu meo; lavabo per singulas noctes lectum meum: lacrimis meis stratum meum rigabo. Turbatus est a furore oculus meus: inveteravi inter omnes inimicos meos. Discedite a me, omnes qui operamini iniquitatem: quoniam exaudivit Dominus vocem fletus mei. Exaudivit Dominus deprecationem meam, Dominus orationem meam suscepit. Erubescant, et conturbentur vehementer omnes inimici mei: convertantur, et erubescant valde velociter. Deutsche Ăbersetzung Herr, strafe mich nicht in deinem Zorn und zĂŒchtige mich nicht in deinem Grimm. Erbarme dich meiner, Herr, denn ich bin schwach; heile mich, Herr, denn meine Gebeine sind erschĂŒttert. Auch meine Seele ist tief erschĂŒttert â doch du, o Herr â wie lange noch? Kehre zurĂŒck, o Herr, und entreiĂe meine Seele, rette mich um deiner Barmherzigkeit willen. Denn im Tod gedenkt niemand deiner; wer wird dir im Totenreich lobsingen? Ich bin mĂŒde von meinem Seufzen, ich trĂ€nke Nacht fĂŒr Nacht mein Bett mit TrĂ€nen, mit meinen TrĂ€nen netze ich mein Lager. Mein Auge ist trĂŒbe vor Gram, ich bin gealtert unter all meinen Feinden. Weicht von mir, ihr ĂbeltĂ€ter alle! Denn der Herr hat die Stimme meines Weinens gehört. Der Herr hat mein Flehen vernommen, mein Gebet hat der Herr angenommen. Alle meine Feinde sollen zuschanden werden und in groĂer BestĂŒrzung zurĂŒckweichen; sie sollen sich wenden und schnell erröten. In Herreweghes Deutung Herreweghe eröffnet den Zyklus mit einem ruhigen, ernsten Grundtempo. Die Stimmen entfalten sich weich und dennoch prĂ€zise, die harmonischen Reibungen erscheinen wie feine Schatten, nicht wie harte Akzente. Besonders eindrucksvoll ist die gestaffelte Steigerung bei âmiserere mei, Domineâ, wo der Klang nicht ausbricht, sondern wie aus innerer Glut wĂ€chst. Die Schlusswendung âconvertantur, et erubescantâ endet nicht mit Triumph, sondern mit einer leisen, aber klaren Geste der Befreiung. Psalmus II â Beati quorum remissae sunt iniquitates (Psalm 31/32) Lateinischer Text Beati, quorum remissae sunt iniquitates, et quorum tecta sunt peccata. Beatus vir, cui non imputavit Dominus peccatum, nec est in spiritu eius dolus. Quoniam tacui, inveteraverunt ossa mea, dum clamarem tota die. Quoniam die ac nocte gravata est super me manus tua: conversus sum in aerumna mea, dum configitur spina. Delictum meum cognitum tibi feci, et iniustitiam meam non abscondi. Dixi: Confitebor adversum me iniustitiam meam Domino; et tu remisisti impietatem peccati mei. Pro hac orabit ad te omnis sanctus, in tempore opportuno. Verumtamen in diluvio aquarum multarum, ad eum non approximabunt. Tu es refugium meum a tribulatione, quae circumdedit me: exsultatio mea, erue me a circumdantibus me. Intellectum tibi dabo, et instruam te in via hac qua gradieris: firmabo super te oculos meos. Nolite fieri sicut equus et mulus, quibus non est intellectus. In camo et freno maxillas eorum constringe, qui non approximant ad te. Multa flagella peccatoris, sperantem autem in Domino misericordia circumdabit. Laetamini in Domino, et exsultate, iusti: et gloriamini, omnes recti corde. Deutsche Ăbersetzung Selig, deren Missetat vergeben und deren SĂŒnde bedeckt ist. Selig ist der Mensch, dem der Herr die Schuld nicht anrechnet, und in dessen Geist kein Trug ist. Solange ich schwieg, zerfielen meine Gebeine, denn ich schrie den ganzen Tag. Denn Tag und Nacht lastete schwer auf mir deine Hand; mein Lebenssaft verdorrte wie durch die Glut des Sommers. Meine Schuld tat ich dir kund und verbarg meine Ungerechtigkeit nicht. Ich sagte: Ich will dem Herrn meine Missetat bekennen â da hast du vergeben die Schuld meiner SĂŒnde. Darum soll jeder Fromme dich bitten zur rechten Zeit. Wenn groĂe Wasserfluten kommen, werden sie ihn nicht erreichen. Du bist mein Schutz, du bewahrst mich vor BedrĂ€ngnis, du umgibst mich mit Rettungsjubel. âIch will dich unterweisen und dir den Weg zeigen, den du gehen sollst; ich will dich mit meinen Augen leiten.â Seid nicht wie Pferd und Maultier ohne Verstand â mit Zaum und Gebiss muss man ihren Trotz bezwingen, sonst nahen sie sich nicht. Viele Schmerzen hat der SĂŒnder, doch wer auf den Herrn hofft, den umgibt Gnade. Freut euch am Herrn und jubelt, ihr Gerechten, jubelt laut, all ihr von redlichem Herzen! In Herreweghes Deutung Hier wĂ€hlt Herreweghe ein flieĂenderes Tempo, das den Psalm wie ein stilles Bekenntnis wirken lĂ€sst. Die Wechsel zwischen polyphonen und homophonen Passagen sind klar modelliert: Die Mahnung ânolite fieri sicut equus et mulusâ erhĂ€lt eine fast gesprochene Deutlichkeit, wĂ€hrend âLaetamini in Dominoâ in lichte, offene Harmonien mĂŒndet, die wie ein Fenster ins Freie wirken. Psalmus III â Domine, ne in furore tuo arguas me (Psalm 37/38) Domine, ne in furore tuo arguas me (Psalm 37 nach der Vulgata â entspricht Psalm 38 in der hebrĂ€ischen ZĂ€hlung) Lateinischer Text Domine, ne in furore tuo arguas me, neque in ira tua corripias me: quoniam sagittae tuae infixae sunt mihi, et confirmasti super me manum tuam. Non est sanitas in carne mea a facie irae tuae: non est pax ossibus meis a facie peccatorum meorum. Quoniam iniquitates meae supergressae sunt caput meum, et sicut onus grave gravatae sunt super me. Putruerunt et corruptae sunt cicatrices meae a facie insipientiae meae. Miser factus sum, et curvatus sum usque in finem: tota die contristatus ingrediebar. Quoniam lumbi mei impleti sunt illusionibus, et non est sanitas in carne mea. Afflictus sum, et humiliatus sum nimis: rugiebam a gemitu cordis mei. Domine, ante te omne desiderium meum, et gemitus meus a te non est absconditus. Cor meum conturbatum est, dereliquit me virtus mea: et lumen oculorum meorum, et ipsum non est mecum. Amici mei et proximi mei adversum me appropinquaverunt, et steterunt: et qui iuxta me erant, de longe steterunt. Et vim faciebant, qui quaerebant animam meam: et qui inquirebant mala mihi, locuti sunt vanitates, et dolos tota die meditabantur. Ego autem tamquam surdus non audiebam: et sicut mutus non aperiens os suum. Et factus sum sicut homo non audiens: et non habens in ore suo redargutiones. Quoniam in te, Domine, speravi: tu exaudies me, Domine Deus meus. Quia dixi: Nequando supergaudeant mihi inimici mei: et dum commoventur pedes mei, super me magna locuti sunt. Quoniam ego in flagella paratus sum: et dolor meus in conspectu meo semper. Quoniam iniquitatem meam annunciabo: et cogitabo pro peccato meo. Inimici autem mei vivunt, et confirmati sunt super me: et multiplicati sunt qui oderunt me inique. Qui retribuunt mala pro bonis, detrahebant mihi, quoniam sequebar bonitatem. Ne derelinquas me, Domine Deus meus: ne discesseris a me. Intende in adiutorium meum, Domine Deus salutis meae. Deutsche Ăbersetzung Herr, strafe mich nicht in deinem Zorn und zĂŒchtige mich nicht in deinem Grimm! Denn deine Pfeile haben mich getroffen, und deine Hand lastet schwer auf mir. Kein heiles Glied ist mehr an mir vor deinem Zorn, kein Frieden in meinen Gebeinen wegen meiner SĂŒnde. Denn meine Schuld steht mir ĂŒber dem Kopf, sie ist wie eine schwere Last â zu schwer fĂŒr mich. Meine Wunden stinken und eitern wegen meiner Torheit. Ich bin gekrĂŒmmt und ganz niedergebeugt, den ganzen Tag gehe ich traurig einher. Denn meine Lenden sind von EntzĂŒndungen erfĂŒllt, und kein heiles Glied ist mehr an meinem Leib. Ich bin kraftlos und zerschlagen, ich schreie vor Unruhe meines Herzens. Herr, all mein Sehnen liegt vor dir offen, mein Stöhnen ist dir nicht verborgen. Mein Herz pocht heftig, meine Kraft hat mich verlassen, selbst das Licht meiner Augen ist nicht mehr bei mir. Meine Freunde und GefĂ€hrten treten zurĂŒck vor meinem Elend, selbst meine NĂ€chsten halten sich fern. Die mir nach dem Leben trachten, stellen mir Fallen, die mein UnglĂŒck suchen, reden Bosheit und ersinnen den ganzen Tag nur Trug. Ich aber bin wie ein Tauber, der nicht hört, und wie ein Stummer, der seinen Mund nicht öffnet. Ich bin wie einer, der nicht hört und keine Erwiderung in seinem Mund hat. Denn auf dich, Herr, hoffe ich, du wirst erhören, o Herr, mein Gott! Denn ich sagte: Lass meine Feinde sich nicht ĂŒber mich freuen; wenn mein FuĂ strauchelt, prahlen sie groĂspurig ĂŒber mich. Ich aber bin dem Leiden preisgegeben, mein Schmerz steht mir immer vor Augen. Ich bekenne meine Schuld, ich sorge mich wegen meiner SĂŒnde. Meine Feinde aber leben und sind stark, und zahlreich sind die, die mich grundlos hassen. Die mir Böses mit Gutem vergelten, verleumden mich, weil ich dem Guten nachgehe. Verlass mich nicht, Herr, mein Gott, halte dich nicht fern von mir! Eile mir zu helfen, Herr, meine Rettung! In Herreweghes Deutung Der zweite âDomine, ne in furore tuoâ-Psalm ist hier dunkler gefĂ€rbt als der erste. Herreweghe betont den klagenden Charakter durch gedeckte Vokalbalance und zurĂŒckgenommenes Tempo. Die dissonanten Linien bei âputruerunt et corruptae sunt cicatrices meaeâ entfalten sich ohne SchĂ€rfe, aber mit spĂŒrbarer innerer Spannung. Das âne derelinquas meâ gegen Ende erscheint fast wie ein flĂŒsterndes, letzterbittendes Gebet. Psalmus IV â Miserere mei, Deus (Psalm 50/51) (Psalm 50 nach der Vulgata â entspricht Psalm 51 in der hebrĂ€ischen ZĂ€hlung) Lateinischer Text Miserere mei, Deus, secundum magnam misericordiam tuam: et secundum multitudinem miserationum tuarum, dele iniquitatem meam. Amplius lava me ab iniquitate mea: et a peccato meo munda me. Quoniam iniquitatem meam ego cognosco: et peccatum meum contra me est semper. Tibi soli peccavi, et malum coram te feci: ut justificeris in sermonibus tuis, et vincas cum judicaris. Ecce enim in iniquitatibus conceptus sum: et in peccatis concepit me mater mea. Ecce enim veritatem dilexisti: incerta et occulta sapientiae tuae manifestasti mihi. Asperges me hyssopo, et mundabor: lavabis me, et super nivem dealbabor. Auditui meo dabis gaudium et laetitiam: et exsultabunt ossa humiliata. Averte faciem tuam a peccatis meis: et omnes iniquitates meas dele. Cor mundum crea in me, Deus: et spiritum rectum innova in visceribus meis. Ne projicias me a facie tua: et spiritum sanctum tuum ne auferas a me. Redde mihi laetitiam salutaris tui: et spiritu principali confirma me. Docebo iniquos vias tuas: et impii ad te convertentur. Libera me de sanguinibus, Deus, Deus salutis meae: et exsultabit lingua mea justitiam tuam. Domine, labia mea aperies: et os meum annuntiabit laudem tuam. Quoniam si voluisses sacrificium, dedissem utique: holocaustis non delectaberis. Sacrificium Deo spiritus contribulatus: cor contritum et humiliatum, Deus, non despicies. Benigne fac, Domine, in bona voluntate tua Sion: ut aedificentur muri Jerusalem. Tunc acceptabis sacrificium justitiae, oblationes et holocausta: tunc imponent super altare tuum vitulos. Deutsche Ăbersetzung Erbarme dich meiner, o Gott, nach deiner groĂen Barmherzigkeit; nach der FĂŒlle deiner Erbarmungen tilge meine Schuld. Wasche mich völlig rein von meiner Missetat und reinige mich von meiner SĂŒnde. Denn ich erkenne meine Schuld, und meine SĂŒnde steht mir immer vor Augen. An dir allein habe ich gesĂŒndigt und getan, was böse ist vor dir, damit du Recht behĂ€ltst mit deinem Wort und rein dastehst, wenn du richtest. Siehe, in Schuld bin ich geboren, in SĂŒnde hat mich meine Mutter empfangen. Siehe, du liebst die Wahrheit im Innersten, im Verborgenen offenbarst du mir Weisheit. EntsĂŒndige mich mit Ysop â so werde ich rein; wasche mich, so werde ich weiĂer als Schnee. Lass mich hören Freude und Wonne, damit die Gebeine frohlocken, die du zerschlagen hast. Verbirg dein Antlitz vor meinen SĂŒnden und tilge alle meine Missetaten. Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz und erneuere in mir einen festen Geist. VerstoĂe mich nicht aus deinem Angesicht und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir. Gib mir wieder die Freude deines Heils und stĂ€rke mich mit deinem freudigen Geist. Dann will ich die AbtrĂŒnnigen deine Wege lehren, und die SĂŒnder werden zu dir zurĂŒckkehren. Errette mich von Blutschuld, Gott, du Gott meines Heils, so wird meine Zunge deine Gerechtigkeit loben. Herr, öffne meine Lippen, damit mein Mund dein Lob verkĂŒnde. Denn an Schlachtopfern hast du kein Gefallen, und Brandopfer willst du nicht. Das Opfer, das Gott gefĂ€llt, ist ein zerknirschter Geist; ein zerbrochenes und gebeugtes Herz wirst du, Gott, nicht verachten. Tu Gutes an Zion in deiner Gnade, baue die Mauern Jerusalems wieder auf. Dann wirst du rechte Opfer wohlgefallen finden, Brandopfer und Ganzopfer â dann wird man Stiere auf deinem Altar darbringen. In Herreweghes Deutung Das âMiserereâ ist das HerzstĂŒck des Zyklus. Herreweghe beginnt es mit Ă€uĂerster Ruhe und lĂ€sst jede Bitte aus der Tiefe wachsen. Die Stimmen treten gleichberechtigt auf, ohne solistische Hervorhebung. Besonders bewegend ist âCor mundum crea in me, Deusâ â der Chor wird hier so durchsichtig, dass der Klang wie ein stiller Hauch wirkt. Am Ende klingt das âtunc imponent super altare tuum vitulosâ nicht als Sieg, sondern als leise, versöhnte Zusage. Psalmus V â Domine, exaudi orationem meam (Psalm 101/102) Lateinischer Text Domine, exaudi orationem meam: et clamor meus ad te veniat. Non avertas faciem tuam a me: in quacumque die tribulor, inclina ad me aurem tuam. In quacumque die invocavero te, velociter exaudi me. Quia defecerunt sicut fumus dies mei: et ossa mea sicut gremium aruerunt. Percussus sum ut foenum, et aruit cor meum: quia oblitus sum comedere panem meum. A voce gemitus mei adhaesit os meum carni meae. Similis factus sum pellicano solitudinis: factus sum sicut nycticorax in domicilio. Vigilavi, et factus sum sicut passer solitarius in tecto. Tota die exprobrabant mihi inimici mei: et qui laudabant me adversum me iurabant. Quia cinerem tamquam panem manducabam, et potum meum cum fletu miscebam. A facie irae et indignationis tuae: quia elevans allisisti me. Dies mei sicut umbra declinaverunt: et ego sicut foenum arui. Tu autem, Domine, in aeternum permanes: et memoriale tuum in generationem et generationem. Tu exsurgens misereberis Sion: quia tempus miserendi eius, quia venit tempus. Quoniam placuerunt servis tuis lapides eius: et terrae eius miserebuntur. Et timebunt gentes nomen tuum, Domine: et omnes reges terrae gloriam tuam. Quia aedificavit Dominus Sion: et videbitur in gloria sua. Respexit in orationem humilium: et non sprevit precem eorum. Scribantur haec in generatione altera: et populus qui creabitur laudabit Dominum. Quia prospexit de excelso sancto suo: Dominus de caelo in terram aspexit: Ut audiret gemitus compeditorum: ut solveret filios interemptorum: Ut annuntiet in Sion nomen Domini: et laudem eius in Ierusalem; In conveniendo populos in unum: et reges ut serviant Domino. Respondit ei in via virtutis suae: paucitatem dierum meorum nuntia mihi. Ne revoces me in dimidio dierum meorum: in generationem et generationem anni tui. Initio tu, Domine, terram fundasti: et opera manuum tuarum sunt caeli. Ipsi peribunt, tu autem permanes: et omnes sicut vestimentum veterascent. Et sicut opertorium mutabis eos, et mutabuntur: tu autem idem ipse es, et anni tui non deficient. Filii servorum tuorum habitabunt: et semen eorum in saeculum dirigetur. Deutsche Ăbersetzung Herr, höre mein Gebet, und mein Schreien komme vor dich! Verbirg dein Angesicht nicht vor mir! Wenn ich in Not bin, neige dein Ohr zu mir; wenn ich dich anrufe, erhöre mich bald! Denn meine Tage schwinden wie Rauch, und meine Gebeine glĂŒhen wie in der Glut. Mein Herz ist geschlagen und verdorrt wie Gras, denn ich habe vergessen, mein Brot zu essen. Vor lauter Seufzen klebt meine Haut an meinen Knochen. Ich gleiche dem Pelikan in der WĂŒste, bin wie ein KĂ€uzchen in den TrĂŒmmern. Ich wache und bin wie ein einsamer Vogel auf dem Dach. Den ganzen Tag beschimpfen mich meine Feinde, und die mich lobten, schwören jetzt gegen mich. Ich esse Asche wie Brot und mische mein GetrĂ€nk mit TrĂ€nen, wegen deines Grimms und Zorns: du hast mich emporgehoben und zu Boden geworfen. Meine Tage vergehen wie ein Schatten, und ich verdorre wie Gras. Du aber, Herr, bleibst in Ewigkeit, und dein Gedenken wĂ€hrt von Geschlecht zu Geschlecht. Du wirst aufstehen und dich ĂŒber Zion erbarmen, denn es ist Zeit, ihm Gnade zu erweisen â die bestimmte Stunde ist gekommen. Denn deine Diener lieben seine Steine und haben Mitleid mit seinem Staub. Die Völker werden den Namen des Herrn fĂŒrchten, alle Könige der Erde deine Herrlichkeit. Denn der Herr baut Zion wieder auf und erscheint in seiner Herrlichkeit. Er wendet sich dem Gebet der BedĂŒrftigen zu und verschmĂ€ht ihr Flehen nicht. Dies werde niedergeschrieben fĂŒr ein kommendes Geschlecht, und das Volk, das noch erschaffen wird, soll den Herrn loben. Denn er schaut herab von seiner heiligen Höhe, der Herr blickt von Himmel auf die Erde, um das Seufzen der Gefangenen zu hören und die Kinder des Todes zu befreien, damit sie in Zion den Namen des Herrn verkĂŒnden und sein Lob in Jerusalem, wenn die Völker sich dort versammeln und die Könige, um dem Herrn zu dienen. Er hat meine Kraft auf dem Weg geschwĂ€cht und meine Tage verkĂŒrzt. Ich sprach: Mein Gott, nimm mich nicht hinweg in der Mitte meiner Tage â deine Jahre wĂ€hren durch alle Geschlechter. Du hast einst die Erde gegrĂŒndet, o Herr, und das Werk deiner HĂ€nde sind die Himmel. Sie werden vergehen, du aber bleibst; sie werden veralten wie ein Gewand. Du wirst sie wechseln wie ein Kleid, und sie werden verschwinden. Du aber bleibst derselbe, und deine Jahre enden nie. Die Kinder deiner Diener werden sicher wohnen, und ihr Geschlecht wird vor dir bestehen. In Herreweghes Deutung Herreweghe formt diesen lĂ€ngsten Psalm des Zyklus mit breitem Atem. Die Bilder der Einsamkeit â âpellicano solitudinisâ, âpasser solitariusâ â erklingen in zarten, fast schwebenden Linien. Bei den Worten âtu autem idem ipse esâ weitet sich der Klang in einen ruhigen, lichtvollen Akkord, der wie ein musikalischer Blick in die Ewigkeit wirkt. Psalmus VI â De profundis clamavi ad te, Domine (Psalm 129/130) Lateinischer Text De profundis clamavi ad te, Domine: Domine, exaudi vocem meam. Fiant aures tuae intendentes in vocem deprecationis meae. Si iniquitates observaveris, Domine: Domine, quis sustinebit? Quia apud te propitiatio est: et propter legem tuam sustinui te, Domine. Sustinuit anima mea in verbo eius: speravit anima mea in Domino. A custodia matutina usque ad noctem, speret Israel in Domino. Quia apud Dominum misericordia, et copiosa apud eum redemptio. Et ipse redimet Israel ex omnibus iniquitatibus eius. Deutsche Ăbersetzung Aus der Tiefe rufe ich zu dir, o Herr. Herr, höre meine Stimme! Lass deine Ohren achten auf die Stimme meines Flehens. Wenn du, Herr, SĂŒnden anrechnest â Herr, wer kann bestehen? Doch bei dir ist Vergebung, damit man dich fĂŒrchte. Ich hoffe auf den Herrn, meine Seele hofft auf sein Wort. Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die WĂ€chter auf den Morgen â ja, mehr als die WĂ€chter auf den Morgen. Israel hoffe auf den Herrn! Denn beim Herrn ist die Gnade und bei ihm ist Erlösung in FĂŒlle. Er wird Israel erlösen von all seinen SĂŒnden. In Herreweghes Deutung Herreweghe gestaltet diesen berĂŒhmten Psalm mit einer Innigkeit, die ohne jede Eile auskommt. Die Stimmen scheinen sich wie aus einer dunklen Tiefe zu erheben, bis bei âcopiosa apud eum redemptioâ ein sanftes, hoffnungsvolles Leuchten den Raum erfĂŒllt. Psalmus VII â Domine, exaudi orationem meam (Psalm 142/143) Lateinischer Text: Domine, exaudi orationem meam auribus percipe obsecrationem meam in veritate tua: exaudi me in tua iustitia. Et non intres in iudicium cum servo tuo: quia non iustificabitur in conspectu tuo omnis vivens. Quia persecutus est inimicus animam meam: humiliavit in terra vitam meam. Collocavit me in obscuris sicut mortuos saeculi: et anxiatus est super me spiritus meus, in me turbatum est cor meum. Memor fui dierum antiquorum, meditatus sum in omnibus operibus tuis: in factis manuum tuarum meditabar. Expandi manus meas ad te: anima mea sicut terra sine aqua tibi. Velociter exaudi me, Domine: defecit spiritus meus. Non avertas faciem tuam a me: et similis ero descendentibus in lacum. Auditam fac mihi mane misericordiam tuam: quia in te speravi. Notam fac mihi viam, in qua ambulem: quia ad te levavi animam meam. Eripe me de inimicis meis, Domine: ad te confugi. Doce me facere voluntatem tuam, quia Deus meus es tu. Spiritus tuus bonus deducet me in terram rectam: propter nomen tuum, Domine, vivificabis me, in aequitate tua educabis de tribulatione animam meam. Et in misericordia tua disperdes inimicos meos: et perdes omnes, qui tribulant animam meam, quoniam ego servus tuus sum. Deutsche Ăbersetzung Herr, erhöre mein Gebet, vernimm mein Flehen in deiner Treue, antworte mir in deiner Gerechtigkeit! Geh nicht ins Gericht mit deinem Knecht, denn kein Lebendiger ist gerecht vor dir. Denn der Feind verfolgt meine Seele, er hat mein Leben zu Boden geschlagen. Er lieĂ mich wohnen in Finsternissen wie die, die lĂ€ngst tot sind. Mein Geist ist in mir verzagt, mein Herz ist erschĂŒttert in meiner Brust. Ich denke an die Tage der Vorzeit, ich sinne nach ĂŒber all dein Tun, ich betrachte das Werk deiner HĂ€nde. Ich breite meine HĂ€nde zu dir aus, meine Seele dĂŒrstet nach dir wie dĂŒrres Land. Erhöre mich bald, o Herr, denn mein Geist vergeht. Verbirg dein Angesicht nicht vor mir, damit ich nicht gleich werde denen, die hinabfahren ins Grab. Lass mich frĂŒh deine Gnade hören, denn ich vertraue auf dich. Zeige mir den Weg, den ich gehen soll, denn zu dir erhebe ich meine Seele. Errette mich, Herr, von meinen Feinden â bei dir suche ich Zuflucht. Lehre mich, deinen Willen zu tun, denn du bist mein Gott. Dein guter Geist fĂŒhre mich auf ebenem Weg, in ein rechtes Land. Um deines Namens willen, Herr, belebe mich; in deiner Gerechtigkeit fĂŒhre meine Seele aus der Not. In deiner Barmherzigkeit bringe meine Feinde um und tilge alle, die meine Seele bedrĂ€ngen, denn ich bin dein Knecht. In Herreweghes Deutung Der Zyklus endet bei Herreweghe mit einer Haltung tiefer Sammlung. Die Worte âspiritus tuus bonus deducet meâ entfalten sich in einem fast schwerelosen Klang, der nicht nach Schluss, sondern nach Fortdauer klingt. Das letzte âquoniam ego servus tuus sumâ ist leise, ohne Pathos, aber von einer Klarheit, die lange nachhallt. Klang der Reue â Raum der Gnade Die Psalmi Davidis Poenitentiales von Orlando di Lasso sind ein Monument der Vokalpolyphonie â und doch sind sie weit mehr als nur das. Wer sich auf diese Musik einlĂ€sst, begegnet keinem liturgischen Zeremoniell, keiner akademischen KontrapunktĂŒbung, keiner kirchenmusikalischen ReprĂ€sentation. Diese Musik trĂ€gt das innere Antlitz eines Menschen, der mit seiner Schuld ringt, mit seiner Ohnmacht, seiner Hoffnung, seiner Sehnsucht nach Erlösung. Und sie spricht zugleich aus einem Bewusstsein, das gröĂer ist als der Einzelne: ein Bewusstsein, das durch Musik betet. Diese sieben Psalmen fĂŒhren den Hörer durch ein geistlich-existenzielles Drama. Jeder Psalm ist wie eine Stufe einer inneren Wanderung: von der ersten ErschĂŒtterung ĂŒber die Erkenntnis der Schuld bis zur Hoffnung auf Befreiung. Es ist keine lineare ErzĂ€hlung, sondern ein spiralförmiger Gebetsweg, der sich immer wieder neu öffnet â tastend, fragend, vertrauend. Orlando di Lasso hat diesen Weg nicht einfach vertont â er hat ihn in Musik verwandelt, in eine architektonische Klanggestalt, die getragen ist von Stille, Dichte und innerer Bewegung. Seine Polyphonie ist kein Selbstzweck, sondern ein seelisches Gewebe: Dichte Imitationen als Ausdruck innerer Zerrissenheit; homophone Passagen, wenn der Beter zu Gott spricht; chromatische Linien bei Schmerz und ErschĂŒtterung; aufwĂ€rtsstrebende Intervalle bei der Hoffnung. Jede musikalische Geste ist Ausdruck eines geistlichen Zustands â nicht bloĂ Illustration des Textes, sondern Verkörperung des Unsichtbaren. Gerade in der behutsamen, still wachsenden Interpretation des Collegium Vocale Gent unter Philippe Herreweghe offenbart sich diese QualitĂ€t mit gröĂter Klarheit: Hier wird nichts aufgesetzt, nichts dramatisch ĂŒbersteigert. Der Klang bleibt durchlĂ€ssig, der Atem weit, die Stille zwischen den Phrasen spricht mit. Es ist eine Musik, die nichts verlangt, sondern einen Raum öffnet â einen Raum der Sammlung, der Reue, der inneren Wandlung. In der geistlichen Kultur der Renaissance, besonders im katholischen Humanismus nach dem Konzil von Trient, bedeutete das Singen der Psalmen nicht bloĂ liturgische Pflicht, sondern Selbsterkenntnis vor Gott. Die Psalmen galten als Spiegel der Seele. Und in diesem Spiegel sieht man nicht nur sich selbst â man sieht sich angesprochen, gerufen, gemeint. Lasso komponierte in diesem Geist: nicht fĂŒr ein Publikum, nicht zur Darstellung, sondern als Dienst an etwas GröĂerem. Seine Musik ist Anruf, nicht Aussage â sie sagt nicht âSo ist esâ, sondern âSo bin ichâ. Nicht: âIch habe verstandenâ, sondern: âIch warte.â Nicht: âIch erklĂ€re die Weltâ, sondern: âIch stelle mich unter sie.â Am deutlichsten wird das im Zentrum des Zyklus, im berĂŒhmten Miserere mei, Deus (Psalm 50): Kein kunstvolles PrunkstĂŒck, sondern ein stilles, erschĂŒtternd einfaches Bekenntnis. Die Musik bleibt auf der Schwelle â sie deutet, nicht siegreich, nicht tröstlich, sondern wahrhaftig. Sie weiĂ um die Schuld, und sie hofft auf Gnade. So ist dieser Zyklus mehr als ein Werk der Kirchenmusikgeschichte. Er ist ein klingender Raum der Gnade â ein Ort, an dem das Herz sich aussprechen darf, ohne Worte, in Tönen, die aus der Tiefe kommen. Wer diese Musik hört, kann nicht gleichgĂŒltig bleiben. Er wird hineingezogen in ein GesprĂ€ch, das sich nicht mit Begriffen fĂŒhren lĂ€sst â ein GesprĂ€ch zwischen Mensch und Ewigkeit. Denn dort, wo das eigene Wort nicht mehr reicht, wo der Gedanke schweigt, beginnt der Klang. Und wenn auch der Klang verhallt, bleibt: Stille. Und mit ihr: Anwesenheit. Die Musik beginnt dort, wo das eigene Denken aufhört â und das Hören beginnt. CD Roland de Lassus, Psalmi Davidis Poenitentiales, Collegium Vocale Gent, Leitung Philippe Herreweghe (* 1947), Harmonia Mundi, 2006. Seitenanfang Psalmi Davidis Poenitentiales Hymnarium 1580/81 Die Hymnen von Orlando di Lasso (Hymnarium 1580/81) bilden einen wichtigen Bestandteil seines geistlichen Schaffens und stehen in enger Verbindung mit der tĂ€glichen und festlichen Liturgie des Kirchenjahres. Anders als Motetten oder MesssĂ€tze sind sie unmittelbar an festgelegte hymnische Texte gebunden, die seit Jahrhunderten zum Kernbestand der lateinischen Hymnologie gehören. Lasso vertonte diese Texte nicht frei oder paraphrasierend, sondern orientierte sich konsequent an ihrer ĂŒberlieferten Struktur und Funktion innerhalb des Stundengebets, insbesondere der Vesper. Liste der Hymnen Kennzeichnend fĂŒr Lassos Hymnen ist der ausgewogene Umgang mit Mehrstimmigkeit und TextverstĂ€ndlichkeit. Die Kompositionen folgen meist der Strophenform der Hymnentexte, wobei jede Strophe musikalisch klar gegliedert bleibt. Die Polyphonie ist dabei nie Selbstzweck, sondern dient der prĂ€zisen Ausdeutung des Textes. Lasso bevorzugt eine transparente StimmfĂŒhrung, hĂ€ufig in vier Stimmen, erweitert jedoch je nach liturgischem Anlass auf fĂŒnf oder sechs Stimmen. Imitatorische Abschnitte wechseln mit homophonen Passagen, wodurch zentrale Textaussagen hervorgehoben und der rhetorische Gehalt der Worte musikalisch unterstĂŒtzt wird. Ein wesentliches Merkmal dieser Hymnen ist Lassos bewusster Umgang mit den Kirchentonarten. Die Wahl des Modus steht stets in Beziehung zum theologischen Charakter des Textes, etwa zur BuĂhaltung der Fastenzeit, zur Feierlichkeit der Osterzeit oder zur kontemplativen Ausrichtung marianischer Hymnen. Auf diese Weise gelingt es ihm, innerhalb eines streng vorgegebenen liturgischen Rahmens eine bemerkenswerte Vielfalt an Ausdrucksnuancen zu entfalten, ohne den funktionalen Charakter der Musik zu verlassen. Die Texte, die Lasso vertonte, behandeln zentrale Themen des christlichen Glaubens und des Kirchenjahres: BuĂe und Umkehr, Passion und Erlösung, Auferstehung, die Herabkunft des Heiligen Geistes sowie die Verehrung Marias und der Heiligen. Seine musikalische Sprache bleibt dabei stets maĂvoll und der Liturgie verpflichtet. Virtuose Effekte oder ausgeprĂ€gte Individualisierung einzelner Stimmen treten zugunsten eines geschlossenen, auf gemeinsames Singen ausgerichteten Klangbildes zurĂŒck. Lassos Hymnen zeigen zugleich die stilistische Synthese, die sein gesamtes Werk prĂ€gt. Elemente der franko-flĂ€mischen Polyphonie verbinden sich mit italienischer KantabilitĂ€t und einer klaren, textbezogenen Satzweise, wie sie auch im deutschsprachigen Raum geschĂ€tzt wurde. Dadurch entstanden Kompositionen, die sowohl liturgisch praktikabel als auch kĂŒnstlerisch anspruchsvoll sind. Bis heute haben diese Hymnen ihren festen Platz im Repertoire geistlicher Chormusik und geben einen aufschlussreichen Einblick in die Verbindung von liturgischer Funktion, theologischer Aussage und kompositorischer Meisterschaft in der Hochrenaissance. Seitenanfang Hymnarium 1580/81 Ad coenam agni providi a 4, LV Anh. 1 Zum Mahl des Lammes Der Hymnus Ad coenam agni providi gehört zum Osterfestkreis und wird traditionell in der Vesper der Osterzeit gesungen. Der Text ist seit dem FrĂŒhmittelalter belegt und verbindet Typologie des Alten Testaments (Durchzug durch das Rote Meer, Pascha-Nacht) mit der christlichen Deutung des Osterlammes Christus. Inhaltlich stehen Eucharistie, Kreuzesopfer, Auferstehung und Erlösung im Zentrum. Lassos Vertonung fĂŒr vier Stimmen (a 4) ist funktional und liturgisch ausgerichtet. Die Satzweise ist ĂŒberwiegend klar und syllabisch, mit zurĂŒckhaltender Imitation und deutlicher Textgliederung. Die Stimmen sind gleichberechtigt gefĂŒhrt; der musikalische Schwerpunkt liegt auf VerstĂ€ndlichkeit und ruhigem Festcharakter. Die Komposition eignet sich sowohl fĂŒr Alternatim-Praxis als auch fĂŒr rein polyphone AuffĂŒhrung. Die Vertonung steht im Umfeld von Lassos spĂ€ten Hymnen und ist dem Hymnarium von 1580/81 zuzuordnen. Sie reprĂ€sentiert Lassos reifen Umgang mit der Hymnengattung: traditionsbewusst, textnah und ohne demonstrative kontrapunktische Verdichtung. Ad coenam agni providi a 4, Track 4 der CD: https://www.youtube.com/watch?v=0QyjPMpXPZE&list=OLAK5uy_nTt-sS85bTMG9Ts-XybX4MSQro4UlXAJs&index=4 Deutscher Text des Hymnus Zum Mahl des Lammes sind wir geladen, in weiĂe GewĂ€nder des Heils gekleidet; nach dem Durchzug durch das Rote Meer lasst uns Christus, dem FĂŒrsten, singen. Dessen hochheiligster Leib, auf dem Altar des Kreuzes geopfert, und dessen rosiges Blut â kostend leben wir Gott. GeschĂŒtzt am Paschaabend vor dem verderbenden Engel, sind wir der grausamen Herrschaft des Pharao entrissen. Nun ist Christus selbst unser Pascha, das unschuldig geschlachtete Lamm; als ungesĂ€uertes Brot der Lauterkeit hat er sein Fleisch dargebracht. O wahres, wĂŒrdiges Opfer, durch das die MĂ€chte der Unterwelt zerbrechen: das gefangene Volk wird erlöst, die Gaben des Lebens werden neu geschenkt. Christus erhebt sich aus dem Grab, als Sieger kehrt er aus dem Abgrund zurĂŒck, den Tyrannen in Ketten stoĂend und das Paradies wieder öffnend. Sei unseren Herzen, Jesus, immerwĂ€hrende österliche Freude; und uns, durch Gnade neu geboren, fĂŒge deinen Triumphen hinzu. Jesus, dir sei die Ehre, der du im Sieg ĂŒber den Tod erstrahlst, mit dem Vater und dem gĂŒtigen Geist in alle Ewigkeit. Amen. CD-Vorschlag: Orlando di Lasso, Hymnus, Die Singphoniker, CPO, 2013, Track 4. Seitenanfang Ad coenam agni providi a 4 Ad preces nostras a 4, LV Anh. 2 Zu unseren Bitten Der Hymnus Ad preces nostras gehört eindeutig in den BuĂ- und Fastenkontext. Text und Bildsprache â TrĂ€nen, Umkehr, SchwĂ€che des Menschen, Fasten von Speise und SĂŒnde â verorten ihn klar in der vorösterlichen Zeit, nicht primĂ€r im Pfingst- oder TrinitĂ€tskreis. Der Text ist Teil der Ă€lteren lateinischen Hymnentradition und steht in enger NĂ€he zu Audi benigne conditor; beide Hymnen teilen Motive der Reue, der göttlichen Barmherzigkeit und der geistlichen Erneuerung durch Enthaltsamkeit. Lassos Vertonung fĂŒr vier Stimmen (a 4) ist bewusst zurĂŒckgenommen und streng textbezogen. Die Satzweise ist ĂŒberwiegend homophon, mit sparsamen imitatorischen EinsĂ€tzen zur Gliederung der Strophen. Die Musik folgt dem ruhigen, bittenden Charakter des Textes und vermeidet jede dramatische Zuspitzung. Modale Klarheit, gleichmĂ€Ăiger Stimmfluss und kontrollierte Klangbalance dienen ausschlieĂlich der VerstĂ€ndlichkeit und der liturgischen Funktion. Stilistisch gehört die Komposition in das Umfeld von Lassos spĂ€ten Hymnen und steht in enger Beziehung zum Hymnarium von 1580/81. Sie zeigt Lassos reifen, nĂŒchternen Umgang mit der Hymnengattung: keine demonstrative Polyphonie, sondern geistliche Konzentration und formale Disziplin. Eine Einspielung dieses Hymnus ist derzeit nicht nachweisbar. Deutscher Text des Hymnus Zu unseren demĂŒtigen Bitten neige, o Gott, dein gnĂ€diges Ohr: die wir dir in bitterer Zeit unter TrĂ€nen darbringen. Du gĂŒtiger Erforscher der Herzen, du kennst die SchwĂ€che unserer KrĂ€fte; denen, die zu dir zurĂŒckkehren, schenke die Gabe der Vergebung. Wir haben viel gesĂŒndigt â doch schone die Reuigen; zum Ruhm deines Namens bring Heilung den Schwachen. GewĂ€hre uns, dass wir nĂŒchtern durch die Zeiten der Enthaltsamkeit gehen, damit der Geist von Schuld faste, wie der Leib von Speise. GewĂ€hre es, selige Dreifaltigkeit, gewĂ€hre es, einfache Einheit, dass fruchtbar seien vor dir diese Gaben des Fastens. Amen. Seitenanfang Ad preces nostras a 4
- William Hayes | Alte Musik und Klassik
William Hayes (1708â1777) William Hayes war einer der prĂ€genden englischen Musiker des 18. Jahrhunderts auĂerhalb Londons: Komponist, Organist, SĂ€nger, Musiktheoretiker und ĂŒber Jahrzehnte zentrale Gestalt des akademischen Musiklebens in Oxford. Als Heather Professor of Music an der UniversitĂ€t Oxford formte er das dortige Konzert- und AuffĂŒhrungswesen nachhaltig und gehörte zu den entschiedensten FĂŒrsprechern der Musik Georg Friedrich HĂ€ndels im universitĂ€ren Umfeld. Hayes wurde im Januar 1708 in Gloucester geboren; als wahrscheinliches Geburtsdatum gilt der 25. Januar, wĂ€hrend seine Taufe am 26. Januar 1708 urkundlich belegt ist. Als Chorknabe an der Gloucester Cathedral erhielt er seine musikalische Grundausbildung und wurde frĂŒh in die englische Kirchenmusiktradition eingefĂŒhrt, verbunden mit einer soliden praktischen Schulung im Gesang und Orgelspiel. Nach ersten beruflichen Stationen als Organist an St Maryâs in Shrewsbury und anschlieĂend an der Kathedrale von Worcester wandte er sich 1734 Oxford zu, wo er zum Organisten und Chorleiter des Magdalen College berufen wurde. In Oxford verband Hayes seine praktische TĂ€tigkeit mit einer akademischen Laufbahn. 1735 erwarb er den Grad eines Bachelor of Music, 1749 â anlĂ€sslich der feierlichen Eröffnung der Radcliffe Library â den Doktorgrad der Musik. Bereits 1741 war er zum Heather Professor of Music gewĂ€hlt worden, einem der angesehensten musikalischen LehrĂ€mter Englands. Mit diesem Amt war nicht nur die Verantwortung fĂŒr den Musikunterricht verbunden, sondern auch die organisatorische Leitung des universitĂ€ren Musiklebens. Hayes entwickelte sich rasch zur dominierenden musikalischen AutoritĂ€t der Stadt, leitete Konzerte, akademische Feiern und groĂe VokalauffĂŒhrungen und prĂ€gte ĂŒber Jahrzehnte Geschmack und Repertoire. Eine besondere Bedeutung kommt seinem Engagement fĂŒr die institutionelle Konzertkultur zu. Hayes gehörte zu den treibenden KrĂ€ften bei der Etablierung des Holywell Music Room, der 1748 eröffnet wurde und als Ă€ltester eigens fĂŒr öffentliche Konzerte errichteter Saal Europas gilt. Hier organisierte und dirigierte er regelmĂ€Ăig AuffĂŒhrungen, hĂ€ufig mit Werken HĂ€ndels, dessen Musik er als MaĂstab zeitgenössischer GröĂe und Ausdruckskraft betrachtete. Seine konsequente Förderung HĂ€ndels trug wesentlich dazu bei, dessen Werke auch im akademischen Umfeld dauerhaft zu verankern. Ein wesentlicher Zug von William Hayesâ musikalischem SelbstverstĂ€ndnis war seine ausgeprĂ€gte Verehrung fĂŒr Georg Friedrich HĂ€ndel. Hayes gehörte zu den engagiertesten und kenntnisreichsten Interpreten von HĂ€ndels Oratorien und groĂformatigen Vokalwerken auĂerhalb Londons und trug entscheidend zu deren Verbreitung im akademischen Milieu Oxfords bei. Seine intime Vertrautheit mit HĂ€ndels Musik hinterlieĂ deutliche Spuren in seinem eigenen Schaffen, ohne dieses jedoch stilistisch zu dominieren oder zu ĂŒberformen. Vielmehr bewahrte Hayes eine ausgeprĂ€gte kompositorische EigenstĂ€ndigkeit, die sich bewusst von HĂ€ndels bevorzugten Gattungen absetzte. Als Komponist wandte sich Hayes insbesondere Formen zu, die bei HĂ€ndel eine untergeordnete Rolle spielten: englischen Kammerkantaten, von der Orgel begleiteten Anthems sowie geselliger vokaler Musik wie Glees, Catches und Kanons. Charakteristisch fĂŒr seine Vokalmusik ist eine deutlich englische Vorliebe fĂŒr Arienformen ohne Da-capo-Wiederholung, die dem Textfluss gröĂere FlexibilitĂ€t und Unmittelbarkeit verleihen. Daneben pflegte Hayes mit erkennbarem Selbstbewusstsein einen âgelehrtenâ polyphonen Stil, der vermutlich auch aus seinem antiquarischen Interesse an Ă€lterer englischer Musiktradition erwuchs. Dieser zeigt sich besonders in seinen zahlreichen Kanons, groĂ angelegten Full Anthems sowie in streng gearbeiteten fugierten SĂ€tzen innerhalb seiner Instrumentalwerke. Gleichzeitig blieb Hayes gegenĂŒber stilistischen Neuerungen nicht verschlossen. Mehrere seiner spĂ€ten Triosonaten belegen eine sensible Wahrnehmung der sich im spĂ€teren 18. Jahrhundert herausbildenden frĂŒhklassischen Idiome, ohne jedoch seine kompositorische IdentitĂ€t preiszugeben. Bemerkenswert ist schlieĂlich die unterschiedliche Rezeption seiner Werke: WĂ€hrend Hayes kaum Instrumentalmusik im Druck veröffentlichte, erfreuten sich seine vokalen Kompositionen auĂerordentlicher Beliebtheit. Die gedruckten Ausgaben fanden breite Resonanz und wurden von zahlreichen Amateur- wie Berufsmusikern subskribiert â ein deutliches Zeichen fĂŒr seine zeitgenössische Wirkung und Anerkennung. Als Komponist war Hayes auĂerordentlich vielseitig. Sein Ćuvre umfasst umfangreiche Kirchenmusik â darunter Psalmen und Anthems â, Oden und Kantaten, weltliche BĂŒhnenwerke wie die Maske Circe sowie eine groĂe Zahl von Glees, Catches und Kanons, mit denen er bei Wettbewerben des Catch Club wiederholt ausgezeichnet wurde. Stilistisch verbindet seine Musik englische Vokaltradition mit EinflĂŒssen des italienisch geprĂ€gten SpĂ€tbarocks; zugleich zeigen manche Werke bereits eine AnnĂ€herung an frĂŒhklassische Ausdrucksformen. ErgĂ€nzt wird sein kompositorisches Schaffen durch musiktheoretische Arbeiten, insbesondere die 1751 veröffentlichte Schrift The Art of Composing Music by a Method Entirely New, in der Hayes zeitgenössische Fragen der Komposition systematisch behandelte. William Hayes war mit Anne Hayes, geborene Christall, verheiratet. Aus der Ehe gingen mehrere Söhne hervor, von denen drei namentlich bekannt sind. Der Ă€lteste, Philip Hayes (1738â1797), trat entschieden in die FuĂstapfen seines Vaters: Er wirkte als Komponist, Organist und Musikgelehrter, ĂŒbernahm spĂ€ter selbst das Amt des Heather Professor of Music an der UniversitĂ€t Oxford und spielte eine zentrale Rolle bei der Bewahrung und Verwaltung des musikalischen Nachlasses seines Vaters. Ein weiterer Sohn, William Hayes (1741â1790), schlug eine geistliche Laufbahn ein und wurde Minor Canon an der St Paulâs Cathedral in London. Daneben ist auch Edward Hayes (1742â1771) belegt, der ebenfalls musikalisch tĂ€tig war und als Komponist in Erscheinung trat, jedoch frĂŒh verstarb und daher nicht die nachhaltige Wirkung seiner BrĂŒder entfalten konnte. Hayes starb am 27. Juli 1777 in Oxford. Er wurde auf dem Friedhof der Kirche St Peter-in-the-East beigesetzt; dort fand spĂ€ter auch seine 1786 verstorbene Ehefrau ihre letzte RuhestĂ€tte. In der RĂŒckschau gilt William Hayes als eine SchlĂŒsselfigur des englischen Musiklebens des 18. Jahrhunderts, dessen Bedeutung weniger im internationalen Ruhm als in der nachhaltigen PrĂ€gung einer ganzen musikalischen Institution und Generation lag. Seitenanfang Liste aller bisher eingespielten Werke von William Hayes (nach Gattung) A. GroĂe Chorwerke und Oratorien 1. The Passions (Ode fĂŒr Musik) 2. The Fall of Jericho (Oratorium) B. Vokalmusik (Kantaten und Lieder) 3. Six Cantatas (1748) Kantate Nr. I: A Winter Scene at Ross in Herefordshire Kantate Nr. II: Why, Lycidas, should man be vain? Kantate Nr. III: Why, Lycidas, should men be vain Kantate Nr. IV: Chloeâs Dream Kantate Nr. V: To Venus. A Rant Kantate Nr. VI: An Ode to Echo 4. Orpheus and Euridice (Ode) C. Geistliche Musik (Kirchenmusik) 6. O Worship the Lord 7. Lo! My Shepherdâs Hand Divine 8. Lord, how long wilt thou be angry? 9. The 100th Psalm 10. O be joyful in the Lord, all ye lands 11. Psalm 120 â To God I cryâd with anguish stung 12. Lord, thou hast been our refuge 13. Save, Lord, and hear us 14. Cantate Domino und Deus Misereatur D. Instrumentalmusik 15.Harpsichord Concerto in G-Dur 16. Concerto Grosso in D-Dur 17. Trio Sonata in e-Moll 18. Concerto Grosso in g-Moll 19. Harpsichord Concerto in D-Dur 20. Sinfonia zu The Fall of Jericho 21. Organ Concerto in G-Dur 22. Organ Concerto in D-Dur 23. Voluntary in G-Dur Seitenanfang Harpsichord Concerto in G-Dur Das Harpsichord Concerto in G-Dur von William Hayes gehört zu den eindrucksvollsten Beispielen seiner Instrumentalmusik und belegt eindrĂŒcklich, dass Hayes nicht nur als Vokal- und Chorkomponist, sondern auch als souverĂ€ner Gestalter konzertanter Formen zu gelten hat. Das Werk steht in der englischen Tradition des frĂŒhen 18. Jahrhunderts, zeigt jedoch zugleich eine deutliche Offenheit gegenĂŒber kontinentalen EinflĂŒssen, insbesondere der italienischen Konzertform. Der erste Satz (Allegro) entfaltet sich mit reprĂ€sentativem Gestus und klarer formaler Anlage. Das Cembalo tritt nicht bloĂ als begleitendes Continuo-Instrument hervor, sondern ĂŒbernimmt eine deutlich solistische Rolle, die durch dialogische Wechsel mit dem Orchester geprĂ€gt ist. Ritornellartige Passagen strukturieren den Satz, wĂ€hrend das Soloinstrument mit lebhafter Figuration, gebrochenen Akkorden und prĂ€ziser Ornamentik glĂ€nzt. Hayes gelingt dabei eine ausgewogene Balance zwischen virtuoser Entfaltung und formaler Disziplin. Harpsichord Concerto in G-Dur, Allegro: https://www.youtube.com/watch?v=RUoMzR72Eg8 Der langsame Mittelsatz (Adagio) bildet das expressive Zentrum des Konzerts. Hier zeigt sich Hayesâ ausgeprĂ€gtes GespĂŒr fĂŒr kantable Linien und harmonische Feinabstufungen. Das Cembalo singt gleichsam ĂŒber einem zurĂŒckhaltenden orchestralen Fundament, wobei der Satz weniger auf dramatische Kontraste als auf innere Spannung und klangliche Verfeinerung setzt. Die NĂ€he zur englischen Lied- und Odentradition ist unĂŒberhörbar, ohne dass der konzertante Charakter verloren ginge. Der Finalsatz (Minuetto) kehrt zu einem lebhaften, tĂ€nzerisch geprĂ€gten Tonfall zurĂŒck. Rhythmische PrĂ€gnanz, klare Periodik und spielerische Leichtigkeit bestimmen den Charakter. Das Cembalo wird hier nochmals als bewegliches, wendiges Soloinstrument prĂ€sentiert, das sich mĂŒhelos durch figurenreiche Passagen bewegt und zugleich eng mit dem Orchester verzahnt bleibt. Der Satz wirkt weniger demonstrativ virtuos als vielmehr von natĂŒrlicher Musizierfreude getragen. Insgesamt zeigt das Harpsichord Concerto in G-Dur einen Komponisten auf der Höhe seiner instrumentalen Ausdrucksmöglichkeiten. Hayes verbindet englische Eleganz mit italienischer Formklarheit und schafft ein Werk, das gleichermaĂen reprĂ€sentativ wie intim wirkt â ein ĂŒberzeugendes Zeugnis der Oxford-Tradition des 18. Jahrhunderts und ein wichtiger Beitrag zur englischen Konzertliteratur jenseits der groĂen Namen. CD-Vorschlag William Hayes, Instrumental Music, Corelli Orchestra, Leitung und Cembalo Warwick Cole, Heritage Records, 2025, Tracks 1 bis 3: https://www.youtube.com/watch?v=LjT7NlER1VA&list=OLAK5uy_ljQ_4I-hw0qYa2FhjdHs-pelHWjVJIK24&index=1 Seitenanfang Harpsichord Concerto in G-Dur Concerto grosso in D-Dur Das Concerto grosso in D-Dur von Hayes gehört zu den reprĂ€sentativsten Instrumentalwerken seines Schaffens und lĂ€sst sich ĂŒberzeugend in die englische AusprĂ€gung der Concerto-grosso-Tradition des 18. Jahrhunderts einordnen. Eine gesicherte Datierung des Werks existiert nicht; stilistische Merkmale sowie der musikalische Kontext sprechen jedoch dafĂŒr, dass das Concerto in der mittleren Schaffensphase Hayesâ, vermutlich in den 1740er oder frĂŒhen 1750er Jahren, entstanden ist, also in jener Zeit, in der er als Professor of Music in Oxford intensiv sowohl vokale als auch instrumentale Werke fĂŒr akademische und zeremonielle AnlĂ€sse komponierte. Die strahlende Tonart D-Dur, die seit dem spĂ€ten 17. Jahrhundert bevorzugt fĂŒr festliche und öffentliche Kontexte verwendet wurde, verleiht dem Werk von Beginn an einen offenen, zeremoniellen Charakter. Der erste Satz (Andante) ist klar gegliedert und von entschiedener rhythmischer Kontur geprĂ€gt. Hayes entfaltet das thematische Material in ĂŒberschaubaren, logisch aufeinander bezogenen Abschnitten und nutzt das Wechselspiel zwischen Concertino und Ripieno als zentrales formbildendes Prinzip. Klangliche FĂŒlle entsteht dabei weniger durch Verdichtung als durch sorgfĂ€ltige Staffelung der Stimmen und eine transparente Orchesterbehandlung. In den folgenden SĂ€tzen (Allegro und Andante largo) zeigt sich Hayesâ ausgeprĂ€gtes GespĂŒr fĂŒr proportionierte Kontraste. Bewegtere Abschnitte werden von ruhigeren, stĂ€rker kantabel geprĂ€gten Passagen abgelöst, ohne dass der formale Zusammenhang verloren ginge. Die Solistengruppe tritt nicht demonstrativ hervor, sondern bleibt eng in das orchestrale GesamtgefĂŒge eingebunden. Diese ZurĂŒckhaltung verweist auf eine englische KonzertĂ€sthetik, die MaĂ, Eleganz und strukturelle Geschlossenheit höher gewichtet als vordergrĂŒndige VirtuositĂ€t. Der Finalsatz (Allegro) bĂŒndelt die zuvor entwickelten CharakterzĂŒge und fĂŒhrt das Werk mit lebhafter, kontrollierter Energie zu einem geschlossenen Abschluss. Motorische Streicherfiguren, klar gesetzte Kadenzpunkte und eine zielgerichtete Dramaturgie bestimmen den Verlauf. Das dialogische Prinzip des Concerto grosso wird hier nochmals prĂ€gnant entfaltet, ohne die Balance zwischen reprĂ€sentativem Gestus und formaler Disziplin zu gefĂ€hrden. Insgesamt erweist sich das Concerto grosso in D-Dur als ein zentrales Zeugnis von Hayesâ instrumentaler Meisterschaft. Es verbindet italienisch geprĂ€gte Formmodelle mit einer eigenstĂ€ndigen englischen Klangsprache und steht exemplarisch fĂŒr jene Oxford-orientierte Instrumentalmusik der Mitte des 18. Jahrhunderts, in der akademische ReprĂ€sentation und musikalische Substanz in ausgewogener Weise zusammenfinden. CD-Vorschlag William Hayes, Instrumental Music, Corelli Orchestra, Leitung und Cembalo Warwick Cole, Heritage Records, 2025, Tracks 4 bis 7: https://www.youtube.com/watch?v=5YtwGGMUOdw&list=OLAK5uy_ljQ_4I-hw0qYa2FhjdHs-pelHWjVJIK24&index=4 Seitenanfang Concerto grosso in D-Dur Trio Sonata in e-Moll Die Trio Sonata in e-Moll stellt ein besonders feinsinniges Beispiel seiner kammermusikalischen Schreibweise dar und zeigt den Komponisten in einem intimeren, stĂ€rker auf kontrapunktische Durchdringung und Affektdifferenzierung ausgerichteten Kontext. Eine exakte Datierung der Sonate ist nicht ĂŒberliefert; stilistische Merkmale sprechen jedoch fĂŒr eine Entstehung in der mittleren Schaffensphase, vermutlich ebenfalls in den 1740er Jahren, als Hayes sich intensiv mit italienisch geprĂ€gten Kammermusikformen auseinandersetzte und diese in eine eigenstĂ€ndige englische Tonsprache ĂŒberfĂŒhrte. Der erste Satz (Adagio) eröffnet das Werk mit einer ruhigen, nach innen gerichteten Klanghaltung. LĂ€ngere, kantable Linien entfalten sich ĂŒber einem zurĂŒckhaltenden harmonischen Fundament und verleihen dem Satz einen beinahe meditativen Charakter. Hayes zeigt hier ein ausgeprĂ€gtes GespĂŒr fĂŒr harmonische Spannung und kontrollierte Verzögerung, wobei die Stimmen gleichberechtigt gefĂŒhrt werden und eine dichte, doch stets transparente Textur entsteht. Das folgende Allegro e staccato bildet einen deutlichen Kontrast. Kurze, prĂ€gnante Motive und eine artikulatorisch scharf profilierte LinienfĂŒhrung bestimmen den Charakter. Die dialogische Anlage der Triosonate tritt hier besonders klar hervor: thematische Einheiten werden zwischen den Oberstimmen ausgetauscht, wĂ€hrend der Bass eine stabile, strukturierende Funktion ĂŒbernimmt. Die Musik gewinnt an Beweglichkeit und rhythmischer Energie, ohne ihre formale Geschlossenheit zu verlieren. Im dritten Satz (Largo) kehrt Hayes zu einer ruhigeren, stĂ€rker expressiven Klangsprache zurĂŒck. Die melodische FĂŒhrung ist von gesanglicher QualitĂ€t geprĂ€gt, und die harmonischen Fortschreitungen sind fein abgestuft. Der Satz wirkt wie ein Moment der Sammlung innerhalb des Gesamtverlaufs und unterstreicht Hayesâ NĂ€he zur englischen Vokaltradition, die auch in seiner Instrumentalmusik immer wieder spĂŒrbar wird. Der abschlieĂende Satz (Gratioso) rundet die Sonate mit einem leichten, eleganten Gestus ab. TĂ€nzerische Elemente, klare Periodik und eine insgesamt heitere Grundstimmung verleihen dem Finale einen gelösten Charakter. Virtuose Effekte treten zurĂŒck zugunsten einer natĂŒrlichen Beweglichkeit und eines ausgewogenen Zusammenspiels der Stimmen, wodurch der Satz eher durch Charme und Eleganz als durch Brillanz wirkt. Die Trio Sonata in e-Moll erweist sich damit als ein Werk von bemerkenswerter stilistischer Geschlossenheit. Sie verbindet italienische Formmodelle mit einer zurĂŒckhaltenden, ausgewogenen englischen Ausdrucksweise und ergĂ€nzt Hayesâ Ćuvre um eine kammermusikalische Facette von groĂer Feinheit. Das Werk bestĂ€tigt eindrucksvoll seine FĂ€higkeit, auch im kleineren Rahmen musikalische Substanz, formale Klarheit und expressive Tiefe miteinander zu verbinden. CD-Vorschlag William Hayes, Instrumental Music, Corelli Orchestra, Leitung und Cembalo Warwick Cole, Heritage Records, 2025, Tracks 8 bis 11: https://www.youtube.com/watch?v=KWkJmyhsTSg&list=OLAK5uy_ljQ_4I-hw0qYa2FhjdHs-pelHWjVJIK24&index=8 Seitenanfang Trio Sonata in e-Moll Concerto grosso in g-Moll Das Concerto grosso in g-Moll von Hayes zĂ€hlt zu den ausdrucksstĂ€rksten instrumentalen Werken seines Ćuvres und hebt sich durch seine differenzierte Affektgestaltung deutlich von den reprĂ€sentativ geprĂ€gten Dur-Konzerten ab. Eine gesicherte Datierung des Werks ist nicht ĂŒberliefert; aufgrund stilistischer Merkmale, der Satzfolge und der ausgeprĂ€gten Affektcharakteristik lĂ€sst sich jedoch eine Entstehung in der mittleren Schaffensphase, vermutlich in den 1740er Jahren, annehmen. Diese zeitliche Einordnung entspricht jener Periode, in der Hayes intensiv mit italienisch geprĂ€gten Konzertformen experimentierte und sie in eine eigenstĂ€ndige englische Klangsprache ĂŒberfĂŒhrte. https://www.youtube.com/watch?v=Xj8roApJaLI Der erste Satz (Affettuoso) eröffnet das Werk mit einer stark nach innen gerichteten, empfindsamen Klanghaltung. Die Molltonart wird konsequent zur Erzeugung eines dichten, leicht melancholischen Grundtons genutzt. LĂ€ngere melodische Linien und eine sorgfĂ€ltig austarierte Harmonik verleihen dem Satz eine expressive Tiefe, die weniger auf dramatische Kontraste als auf innere Spannung setzt. Das dialogische Wechselspiel zwischen Concertino und Ripieno bleibt dabei stets kontrolliert und in die formale Gesamtanlage eingebunden. Im zweiten Satz (Allegro) tritt ein deutlicher Kontrast ein. Rhythmische PrĂ€gnanz, motorische Streicherfiguren und eine klar strukturierte Form bestimmen den Charakter. Hayes nutzt das Concerto-grosso-Prinzip hier in besonders plastischer Weise, indem er thematisches Material zwischen Solistengruppe und Tutti weiterreicht und variiert. Trotz der gesteigerten Bewegung bleibt die Textur durchsichtig, und die musikalische Argumentation bewahrt ihre logische Geschlossenheit. Der dritte Satz (Andante larghetto) bildet das expressive Zentrum des Werks. In ruhigem Tempo entfaltet sich eine kantable, beinahe vokal empfundene LinienfĂŒhrung, getragen von fein nuancierten harmonischen Fortschreitungen. Der Satz wirkt wie ein Moment der Sammlung und inneren Vertiefung, in dem Hayesâ NĂ€he zur englischen Oden- und Liedtradition besonders deutlich hervortritt. Die Balance zwischen Melodik und Harmonik ist hier von besonderer Feinheit. Der abschlieĂende Satz (Pastorale) verleiht dem Werk einen charakteristischen Ausklang. Mit seinem ruhigen, flieĂenden Bewegungscharakter und den an lĂ€ndliche Klangbilder erinnernden Wendungen greift Hayes bewusst auf pastorale Topoi zurĂŒck, wie sie im 18. Jahrhundert fest etabliert waren. Der Satz wirkt weniger als triumphaler Abschluss denn als versöhnlicher, beruhigender Nachklang, der die zuvor aufgebaute Spannung in eine gelöste, friedliche AtmosphĂ€re ĂŒberfĂŒhrt. Das Concerto grosso in g-Moll erweist sich damit als ein Werk von bemerkenswerter affektiver Geschlossenheit und formaler Reife. Es zeigt William Hayes als Komponisten, der das Concerto-grosso-Modell nicht nur beherrschte, sondern es gezielt zur differenzierten Ausdrucksgestaltung einsetzte. Innerhalb seines instrumentalen Schaffens nimmt das Werk eine zentrale Stellung ein und dokumentiert eindrucksvoll die Verbindung von italienischer Formtradition und englischer Ausdruckskultur in der Mitte des 18. Jahrhunderts. CD-Vorschlag William Hayes, Instrumental Music, Corelli Orchestra, Leitung und Cembalo Warwick Cole, Heritage Records, 2025, Tracks 12 bis 15: https://www.youtube.com/watch?v=KmxpEB_qUbs&list=OLAK5uy_ljQ_4I-hw0qYa2FhjdHs-pelHWjVJIK24&index=12 Seitenanfang Concerto grosso in g-Moll Harpsichord Concerto in D-Dur Das Harpsichord Concerto in D-Dur gehört zu den reifsten und zugleich aufschlussreichsten BeitrĂ€gen seines instrumentalen Ćuvres. Es dokumentiert eine Phase, in der Hayes das italienische Konzertmodell souverĂ€n beherrscht und zugleich mit spezifisch englischen Ausdruckselementen verbindet. Eine exakte Datierung des Werks ist nicht ĂŒberliefert; stilistische Merkmale, Satzfolge und formale Ausgewogenheit sprechen jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit fĂŒr eine Entstehung in den 1740er oder frĂŒhen 1750er Jahren, also in jener Zeit, in der Hayes als Professor of Music in Oxford regelmĂ€Ăig reprĂ€sentative Instrumentalwerke fĂŒr akademische AnlĂ€sse, Konzerte und Festveranstaltungen komponierte. Bereits die Wahl der Tonart D-Dur verweist auf einen festlichen, offenen Grundcharakter. D-Dur war im 18. Jahrhundert eng mit reprĂ€sentativer Musik verbunden und eignete sich besonders fĂŒr Werke, die Klarheit, Strahlkraft und formale StabilitĂ€t vermitteln sollten. Hayes nutzt diese Tonart jedoch nicht bloĂ als Ă€uĂeres Zeichen von Feierlichkeit, sondern als Grundlage fĂŒr eine sorgfĂ€ltig austarierte Balance zwischen solistischer Entfaltung und orchestraler Einbindung. Der erste Satz (Allegro) folgt einem klar strukturierten konzertanten Prinzip. Ritornellartige Tutti-Passagen wechseln mit solistischen Episoden des Cembalos, das hier eindeutig als HaupttrĂ€ger des musikalischen Geschehens fungiert. Hayes vermeidet extreme VirtuositĂ€t zugunsten einer sprechenden, transparenten Figuration, die das Instrument in seiner natĂŒrlichen Klanglichkeit zur Geltung bringt. Charakteristisch ist die enge Verzahnung von Solist und Orchester: Das Cembalo tritt nicht als isolierter Virtuose auf, sondern bleibt stets in einen dialogischen Prozess eingebunden, der dem Satz formale Geschlossenheit und innere Logik verleiht. Thematische Gedanken werden klar profiliert, weitergefĂŒhrt und wieder aufgegriffen, ohne in bloĂe Wiederholung zu verfallen. Der zweite Satz (Adagio) bildet das expressive Zentrum des Konzerts. Hier zeigt sich Hayesâ ausgeprĂ€gtes GespĂŒr fĂŒr kantable Linien und harmonische Feinabstufungen. Das Cembalo ĂŒbernimmt eine nahezu vokale Rolle und entfaltet ĂŒber einem zurĂŒckhaltenden orchestralen Fundament eine ruhige, gesangliche Melodik. Die harmonischen Fortschreitungen sind sorgfĂ€ltig abgestimmt und erzeugen eine stille Spannung, die weniger aus Kontrasten als aus innerer Verdichtung entsteht. In diesem Satz tritt die NĂ€he zur englischen Oden- und Liedtradition besonders deutlich hervor: Die Musik wirkt nach innen gewandt, kontrolliert und von einer feinen emotionalen ZurĂŒckhaltung geprĂ€gt, die typisch fĂŒr Hayesâ Ausdrucksweise ist. Der Finalsatz (Tempo di Minuetto) nimmt eine besondere Stellung innerhalb des Konzerts ein. Mit der Wahl einer höfisch-galanten Tanzform schlĂ€gt Hayes bewusst eine BrĂŒcke zwischen barocker Konzerttradition und den Ă€sthetischen Strömungen der Mitte des 18. Jahrhunderts. Das Menuett verleiht dem Werk einen eleganten, gelösten Abschluss, ohne den konzertanten Charakter aufzugeben. Das Cembalo bleibt auch hier klar solistisch prĂ€sent, fĂŒgt sich jedoch in eine Form ein, die stĂ€rker auf Periodik, Symmetrie und MaĂ angelegt ist. Der Satz wirkt weniger triumphal als vielmehr kultiviert und ausgewogen â ein Zeichen stilistischer Reife und bewusster ZurĂŒckhaltung. In seiner Gesamtheit zeigt das Harpsichord Concerto in D-Dur einen Komponisten, der das konzertante Schreiben nicht als BĂŒhne fĂŒr Ă€uĂerliche Brillanz versteht, sondern als Raum fĂŒr formale Klarheit, dialogisches Musizieren und differenzierte Ausdrucksgestaltung. Hayes verbindet italienisch geprĂ€gte Konzertmodelle mit einer eigenstĂ€ndigen englischen KlangĂ€sthetik, die auf Eleganz, Proportion und innere Geschlossenheit setzt. Das Werk nimmt innerhalb seines Instrumentalschaffens eine zentrale Stellung ein und belegt eindrĂŒcklich, dass Hayes auch auf dem Gebiet des Solokonzerts zu den bedeutenden, heute zu Unrecht wenig beachteten Komponisten des englischen 18. Jahrhunderts zĂ€hlt. CD-Vorschlag William Hayes, Instrumental Music, Corelli Orchestra, Leitung und Cembalo Warwick Cole, Heritage Records, 2025, Tracks 16 bis 18: https://www.youtube.com/watch?v=SE4qWcf78KU&list=OLAK5uy_ljQ_4I-hw0qYa2FhjdHs-pelHWjVJIK24&index=16 Seitenanfang Harpsichord Concerto in D-Dur Sinfonia zu The Fall of Jericho Die Sinfonia zu The Fall of Jericho bildet einen eigenstĂ€ndigen instrumentalen Werkkomplex innerhalb des Schaffens von Hayes und steht zugleich in engem funktionalem Zusammenhang mit dem gleichnamigen Oratorium. Auch wenn diese Sinfonia ursprĂŒnglich im Kontext des Oratoriums entstanden ist, handelt es sich um vollstĂ€ndig autonome InstrumentalsĂ€tze, die unabhĂ€ngig vom vokalen Geschehen bestehen können und auf der vorliegenden CD folgerichtig ohne Gesang prĂ€sentiert werden. Eine exakte Datierung ist nicht ĂŒberliefert; die NĂ€he zum Oratorium legt jedoch eine Entstehung um die Mitte des 18. Jahrhunderts, vermutlich in den 1740er Jahren, nahe. Der eröffnende Satz (Andante) ist von ruhiger, wĂŒrdevoller Grundhaltung geprĂ€gt. Hayes entfaltet eine weit gespannte, klare Orchestertextur, die weniger auf dramatische Zuspitzung als auf kontrollierte Spannung und feierliche AtmosphĂ€re zielt. Bereits hier zeigt sich die Funktion der Sinfonia als vorbereitender Klangraum: Die Musik schafft eine ernste, erwartungsvolle Stimmung, ohne konkrete narrative Elemente vorwegzunehmen. Das folgende Adagio vertieft diesen Eindruck und bildet das expressive Zentrum der Sinfonia. Langsam schreitende harmonische Fortschreitungen, kantable LinienfĂŒhrung und eine bewusst reduzierte Bewegung verleihen dem Satz eine nach innen gerichtete, beinahe kontemplative QualitĂ€t. Hayes nutzt die orchestralen Mittel mit groĂer ZurĂŒckhaltung und erreicht gerade dadurch eine eindrucksvolle Dichte des Ausdrucks. Die NĂ€he zur englischen geistlichen Musikkultur ist hier deutlich spĂŒrbar, auch ohne jeden vokalen Bezug. Mit dem dritten Satz (Allegro) tritt ein deutlicher Kontrast ein. Rhythmische Energie, klar profilierte Motive und eine stĂ€rker vorwĂ€rtsdrĂ€ngende Bewegung bestimmen den Charakter. Der Satz wirkt wie eine instrumentale Verdichtung dramatischer Spannung, ohne dabei konkrete Programmatik zu entfalten. Hayes bleibt auch hier der formalen Klarheit verpflichtet: Trotz gesteigerter Bewegung bleibt die Textur durchsichtig, die musikalische Argumentation geschlossen und nachvollziehbar. Der abschlieĂende Satz (Andante) kehrt zu einer ruhigeren, stabilisierenden Klanghaltung zurĂŒck. Er wirkt weniger wie ein triumphaler Abschluss als vielmehr wie eine bewusste Beruhigung und Abrundung des vorangegangenen Geschehens. Die Musik gewinnt erneut an WĂŒrde und Ausgewogenheit und schlieĂt die Sinfonia in einer Haltung kontrollierter Ernsthaftigkeit, die fĂŒr Hayesâ instrumentalen Stil besonders charakteristisch ist. Insgesamt erweist sich die Sinfonia zu The Fall of Jericho als ein bedeutendes Beispiel fĂŒr Hayesâ FĂ€higkeit, groĂ angelegte instrumentale Formen mit struktureller Klarheit und affektiver Tiefe zu gestalten. Auch losgelöst vom Oratorium besitzt sie volle musikalische EigenstĂ€ndigkeit und bestĂ€tigt Hayesâ Rang als Komponist, der das Instrumentale nicht bloĂ als funktionales Beiwerk verstand, sondern als eigenstĂ€ndigen AusdruckstrĂ€ger von Gewicht und Substanz. CD-Vorschlag William Hayes, Instrumental Music, Corelli Orchestra, Leitung und Cembalo Warwick Cole, Heritage Records, 2025, Tracks 19 bis 22: https://www.youtube.com/watch?v=7DMcm5CQu90&list=OLAK5uy_ljQ_4I-hw0qYa2FhjdHs-pelHWjVJIK24&index=19 Seitenanfang Sinfonia zu The Fall of Jericho Concerto for Organ and Orchestra in G-Dur Das Concerto for Organ and Orchestra in G-Dur von Hayes nimmt innerhalb seines instrumentalen Schaffens eine besondere Stellung ein. Es gehört zu jenen Werken, in denen er die englische Orgeltradition des 18. Jahrhunderts mit dem konzertanten Orchesterstil verbindet und der Orgel eine klar solistische, zugleich aber kontrolliert eingebettete Rolle zuweist. Eine exakte Datierung ist nicht ĂŒberliefert; stilistische Merkmale, Satzfolge und formale Ausgewogenheit sprechen jedoch fĂŒr eine Entstehung in der mittleren Schaffensphase, vermutlich in den 1740er oder frĂŒhen 1750er Jahren, also in jener Zeit, in der Hayes als Professor of Music in Oxford regelmĂ€Ăig reprĂ€sentative Werke fĂŒr akademische, liturgische und zeremonielle Kontexte komponierte. Die Wahl der Tonart G-Dur verleiht dem Konzert eine helle, offene Grundfarbe, die sich durch alle vier SĂ€tze zieht. Zugleich eignet sich diese Tonart besonders fĂŒr die Orgel, deren Klang hier nicht monumental oder ĂŒberwĂ€ltigend eingesetzt wird, sondern klar artikuliert und elegant in den orchestralen Zusammenhang eingebunden bleibt. Hayes vermeidet bewusst eine ĂŒbersteigerte VirtuositĂ€t zugunsten einer ausgewogenen, strukturell klaren Konzertdramaturgie. https://www.youtube.com/watch?v=qm4qaYE-GvU Der erste Satz (Adagio â Allegro) verbindet zwei kontrastierende Charaktere zu einer geschlossenen Einheit. Das einleitende Adagio entfaltet einen wĂŒrdevollen, beinahe feierlichen Gestus, der den Klangraum öffnet und die Orgel als zentrales Instrument etabliert. Im anschlieĂenden Allegro gewinnt die Musik deutlich an Bewegung und rhythmischer Energie. Die Orgel tritt nun klar solistisch hervor und steht in lebhaftem Dialog mit dem Orchester. Ritornellartige Strukturen, klare Kadenzpunkte und eine transparente Textur sorgen fĂŒr formale Ăbersichtlichkeit, ohne den konzertanten Schwung zu bremsen. Der zweite Satz (Andante) bildet das expressive Zentrum des Konzerts. In ruhigem Tempo entfaltet Hayes eine kantable, ausgewogene KlangflĂ€che, in der die Orgel eine beinahe vokale Rolle ĂŒbernimmt. Die melodische LinienfĂŒhrung ist von innerer Ruhe und feiner emotionaler ZurĂŒckhaltung geprĂ€gt, wĂ€hrend das Orchester eine tragende, zurĂŒckgenommene Begleitfunktion ĂŒbernimmt. Die NĂ€he zur englischen geistlichen Musiktradition ist hier deutlich spĂŒrbar, ohne dass der Satz seine konzertante EigenstĂ€ndigkeit verliert. Mit dem dritten Satz (March) schlĂ€gt Hayes einen bewusst reprĂ€sentativen Ton an. Der marschartige Charakter verleiht dem Werk einen zeremoniellen Akzent und verweist auf mögliche AuffĂŒhrungskontexte im akademischen oder festlichen Rahmen. Die Orgel wird hier weniger als lyrisches, sondern als klanglich strukturierendes Instrument eingesetzt, das rhythmische StabilitĂ€t und klangliche PrĂ€senz vereint. Trotz des klaren Charakters bleibt die Musik frei von Ă€uĂerlicher Schwere und bewahrt ihre elegante Beweglichkeit. Der abschlieĂende Satz (Minuetto â Allegro) verbindet höfisch-galante Tanzform mit konzertanter Energie. Das Menuett sorgt fĂŒr formale Klarheit und Symmetrie, wĂ€hrend das Allegro dem Finale einen lebhaften, gelösten Ausklang verleiht. Hayes gelingt hier eine ĂŒberzeugende Synthese aus Tanzcharakter, solistischer Entfaltung der Orgel und orchestraler Geschlossenheit. Der Satz wirkt nicht triumphal, sondern kultiviert und ausgewogen â ein Ausdruck stilistischer Reife und bewusster MaĂhaltung. Insgesamt erweist sich das Concerto for Organ and Orchestra in G-Dur als ein Werk von bemerkenswerter formaler Klarheit und stilistischer Ausgewogenheit. Es zeigt William Hayes als Komponisten, der die Orgel nicht nur als liturgisches Instrument verstand, sondern ihr auch im konzertanten Kontext eine differenzierte, eigenstĂ€ndige Rolle zuwies. Das Konzert bildet einen wichtigen Bestandteil seines Instrumentalschaffens und dokumentiert eindrucksvoll die Verbindung von englischer Orgeltradition, italienisch geprĂ€gtem Konzertstil und akademischer ReprĂ€sentationsmusik der Mitte des 18. Jahrhunderts. CD-Vorschlag William Hayes, Holywell Music, Concertos, Overture and Sinfonia, Capriccio Barockorchester, Leitung Dominik Kiefer (* 1974), Tudor Recording AG, 2007, Tracks 14 bis 17: https://www.youtube.com/watch?v=vbEJ12Udu0o&list=OLAK5uy_mGq0fPn4DfCy1J7QzxtOEMw6fswgNGhfQ&index=14 Seitenanfang Concerto for Organ and Orchestra in G-Dur Concerto for Organ and Orchestra in D-Dur Das Concerto for Organ and Orchestra in D-Dur von William Hayes zĂ€hlt zu den bemerkenswertesten, zugleich aber auch erklĂ€rungsbedĂŒrftigsten Instrumentalwerken seines Schaffens. Es steht stilistisch an der Schwelle zwischen englischem SpĂ€tbarock und frĂŒher Klassik und dokumentiert Hayesâ intensive Auseinandersetzung mit kontinentalen Konzertmodellen, insbesondere mit dem Concerto-grosso-Prinzip italienischer PrĂ€gung. Als Professor of Music an der UniversitĂ€t Oxford war Hayes mit diesen Stilrichtungen bestens vertraut und integrierte sie in eine eigenstĂ€ndige englische Tonsprache. Das Werk ist fĂŒr Solo-Orgel und Streicher komponiert, mit einer Besetzung aus Violinen, Viola und Bassinstrumenten. AuffĂ€llig ist die ungewöhnlich umfangreiche Satzfolge: Das Konzert umfasst sechs SĂ€tze (Allegro â Largo ma non tanto â Andante largo â Allegro â Andante largo â Allegro), was deutlich von der ĂŒblichen dreisĂ€tzigen Konzertform abweicht. Diese Anlage verweist weniger auf ein streng symmetrisches Formkonzept als vielmehr auf eine episodische, abwechslungsreiche Dramaturgie, wie sie im englischen Konzertleben der Mitte des 18. Jahrhunderts durchaus geschĂ€tzt wurde. Charakteristisch fĂŒr das Werk ist die flexible und vielgestaltige Beziehung zwischen Soloinstrument und Orchester. Die Orgel fungiert nicht durchgehend als dominanter Virtuose, sondern tritt je nach Satz in unterschiedliche Rollen: mal als melodiefĂŒhrendes Instrument, mal als dialogischer Partner der Streicher, mal nahezu kammermusikalisch in den Gesamtklang eingebunden. Diese bewegliche Rollenverteilung verleiht dem Konzert eine formale Offenheit, die in ihrer Differenziertheit gelegentlich an spĂ€tere klassische Konzertkonzepte erinnert, ohne jedoch deren dramatische Zuspitzung vorwegzunehmen. Besonders erklĂ€rungsbedĂŒrftig ist der ungewöhnlich zurĂŒckhaltende Orgelklang, der bei unvorbereiteter Wahrnehmung leicht zu Irritationen fĂŒhren kann. In der vorliegenden Einspielung spielt der Organist Marc Meisel nicht auf einer groĂen Kirchenorgel, sondern auf einem Kammerpositiv, also einer kleinen, tragbaren Orgel ohne Pedal. Solche Instrumente waren im 18. Jahrhundert im englischen Raum weit verbreitet und wurden bevorzugt in kammermusikalischen oder halböffentlichen Kontexten eingesetzt. Ihr Klang ist leicht, hell und von flötenartiger Transparenz, ohne die tiefen, raumfĂŒllenden BĂ€sse einer groĂen Orgel. Gerade in den schnellen SĂ€tzen verschmilzt dieser Klang stark mit den Streichern, sodass die Orgel nicht immer sofort als eigenstĂ€ndiges Soloinstrument wahrgenommen wird. Statt durch klangliche Wucht macht sie sich durch feine Artikulation, hohe Register und melodische FĂŒhrung in den oberen Lagen bemerkbar. Die fehlenden Basspedale fĂŒhren dazu, dass die Orgel hier nicht fundamentierend, sondern primĂ€r melodisch und kolorierend eingesetzt wird. Wer auf die hellen, flötenartigen Linien achtet, erkennt die Orgel als prĂ€zisen, beweglichen Bestandteil des Gesamtklangs. Auf dem Album William Hayes: Concertos, Overture and Sinfonia des Ensembles Capriccio Basel (Tracks 5â10) handelt es sich daher zweifelsfrei um ein Orgelkonzert, auch wenn der Klang weit von den gĂ€ngigen Vorstellungen eines monumentalen Orgelwerks entfernt ist. Gerade diese bewusste ZurĂŒcknahme macht jedoch den Reiz des Werks aus: Hayes zeigt hier eine kammermusikalisch gedachte Orgel, die sich elegant in den orchestralen Zusammenhang einfĂŒgt und das Konzert zu einem der subtilsten und eigenstĂ€ndigsten BeitrĂ€ge seines Instrumentalschaffens macht. CD-Vorschlag William Hayes, Holywell Music, Concertos, Overture and Sinfonia, Capriccio Barockorchester, Leitung Dominik Kiefer (* 1974), Tudor Recording AG, 2007, Tracks 5 bis 10: https://www.youtube.com/watch?v=H98DK4x1DH4&list=OLAK5uy_mGq0fPn4DfCy1J7QzxtOEMw6fswgNGhfQ&index=5 Seitenanfang Concerto for Organ and Orchestra in D-Dur Kantate Nr. I: A Winter Scene at Ross in Herefordshire Kantate Nr. I: A Winter Scene at Ross in Herefordshire Die erste Kantate aus den Six Cantatas von 1748 gehört zu den atmosphĂ€risch dichtesten Natur- und CharakterstĂŒcken im englischen Kantatenschaffen der Mitte des 18. Jahrhunderts. Hayes verbindet hier eine anschauliche, fast malerische Landschaftsschilderung mit einer moralisch-emotionalen Reflexion, ganz im Geist der zeitgenössischen englischen âdescriptive poetryâ. Der anonyme Text entfaltet zunĂ€chst ein winterliches Panorama rund um Ross-on-Wye in Herefordshire: Der Penyard Hill verliert seine âKroneâ aus GrĂŒn, Nebel umhĂŒllt seinen Gipfel, der Fluss Wye liegt reglos und gefesselt im Eis, HĂŒgel und WĂ€lder erscheinen kahl, farblos und leblos. Selbst historische Monumente wie die wehrhaften Mauern von Wilton scheinen im allgemeinen Verfall mitzusingen. Diese ausgedehnte Naturbeschreibung ist jedoch kein Selbstzweck. In klassischer allegorischer Manier dient der Winter als Gleichnis fĂŒr Alter, Erstarrung und Melancholie. Der Wendepunkt der Kantate liegt im persönlichen Moment: Die Erscheinung Lucindas vermag augenblicklich das winterliche Bild zu verwandeln, ihr Blick âerschafft einen Maiâ â Liebe und Anmut durchbrechen die KĂ€lte der Ă€uĂeren und inneren Welt. Im folgenden Rezitativ wird diese Idee auf das menschliche Leben ĂŒbertragen: Was bleibt, wenn Schönheit, Witz und Jugend schwinden? Die abschlieĂende Arie antwortet mit moralischer Klarheit und typisch englischer NĂŒchternheit: Nicht Ă€uĂere Reize, sondern Tugend allein besitzt die Kraft, auch das Alter zu erhellen und Lebensfreude zu bewahren. Musikalisch spiegelt Hayes diese Dramaturgie mit groĂer SensibilitĂ€t. Die Arien wechseln zwischen bildhaftem Affekt und elegischer Innigkeit, wĂ€hrend das Rezitativ den gedanklichen Ăbergang vom Naturbild zur Lebensallegorie markiert. Die Kantate ist damit ein exemplarisches Beispiel fĂŒr Hayesâ FĂ€higkeit, Dichtung, Moral und musikalische Rhetorik zu einer geschlossenen, fein ausbalancierten Einheit zu verbinden. Kantate Nr. I â A Winter Scene at Ross in Herefordshire, Tracks 1 bis 3 der CD: https://www.youtube.com/watch?v=t4gWw8SVRsY&list=OLAK5uy_kaYdH12E04XcqsFsCP8gnl9OwQ8aHh0TI&index=1 VollstĂ€ndiger Text (englisches Original) 1. Aria â At Ross how alterâd is the scene At Ross how alterâd is the scene! Lo Penyardâs beauties fail. Lost is his crown of smiling green, And fogs his summit veil. Old Wye, his mazy course restrainâd Lies oâer his urn supine. In ice his idle feet are chainâd, With frost his tresses shine. On yonder hills that bound our sight, Already lies the snow. Their sides long streaks of dazzling white, Amidst their azure shew. Thy trees, Kyrle, favârite of the Muse, Bare, bleak and naked stand. No pleasing spots, no charming views, Thy prospect can command. âTis cold and melancholy all, âTis dreary to the eye. And with old Wiltonâs warlike wall, In ruin seems to lye. What now Lucinda life inspires, What now can make us gay? Thy look our breasts Lucinda fires, Thy look creates a May. 2. Recitative â But oh, when age, lifeâs winter comes But oh, when age, lifeâs winter comes, What then my fair-one say. What wit, art, object power or sums, What then will make us gay? 3. Aria â Virtue, the charmer sweet replies Virtue, the charmer sweet replies, Will soften ageâs brow. Virtue thoâ wit or beauty flies, Will make us gay as now. Deutsche Ăbersetzung 1. Arie â In Ross, wie sehr ist alles verwandelt In Ross, wie sehr ist alles verwandelt! Sieh, Penvards Schönheit ist dahin. Verloren ist die Krone lĂ€chelnden GrĂŒns, Und Nebel hĂŒllen seinen Gipfel ein. Der alte Wye, in seinem verschlungenen Lauf gehemmt, Liegt ausgestreckt ĂŒber seiner Urne. Im Eis sind seine mĂŒĂigen FĂŒĂe gefesselt, Mit Frost glĂ€nzt sein Haar. Auf jenen HĂŒgeln, die unseren Blick begrenzen, Liegt bereits der Schnee. Ihre Flanken zeigen lange Streifen blendenden WeiĂes Inmitten blauen Schimmers. Deine BĂ€ume, Kyrle, Liebling der Muse, Stehen kahl, rau und nackt. Kein reizender Ort, kein lieblicher Anblick Will sich deinem Blick darbieten. Alles ist kalt und von Melancholie erfĂŒllt, Ăde erscheint es dem Auge. Und selbst mit Wiltons alter wehrhafter Mauer Scheint alles im Verfall zu liegen. Was nun, Lucinda, haucht dem Leben Sinn ein, Was kann uns jetzt noch froh machen? Dein Blick entflammt unser Herz, Lucinda, Dein Blick erschafft einen Mai. 2. Rezitativ â Doch ach, wenn das Alter, der Winter des Lebens, kommt Doch ach, wenn das Alter, der Winter des Lebens, kommt, Was dann, meine Schöne, sag an? Welcher Witz, welche Kunst, welcher Gegenstand, Welche Macht oder welcher Reichtum Wird uns dann noch fröhlich machen? 3. Arie â Die Tugend, die holde VerfĂŒhrerin, antwortet Die Tugend, die holde VerfĂŒhrerin, antwortet: Sie wird die Stirn des Alters mildern. Die Tugend, auch wenn Witz und Schönheit schwinden, Wird uns so froh machen wie jetzt. CD-Vorschlag: William Hayes, Six Cantatas and Orpheus and Euridice, Schola Cantorum Basiliensis Hayes Players, Anthony Rooley (* 1944), Glossa, 2013, Tracks 1 bis 3. Seitenanfang Kantate Nr. II: Why, Lycidas, should man be vain? Die zweite Kantate des Zyklus steht ganz im Zeichen der Vanitas-Tradition, wie sie im 18. Jahrhundert in England besonders in moralisch reflektierender Lyrik und Musik gepflegt wurde. Der anonyme Text richtet sich in direkter Anrede an Lycidas â ein klassischer Hirtenname aus der pastoralen Dichtung â, der hier weniger als individuelle Figur denn als exemplarischer Mensch erscheint. Schon das kurze Rezitativ stellt die zentrale Frage der Kantate: Warum sollte der Mensch eitel sein, da all seine Freuden untrennbar mit Schmerz vermischt sind? ĂuĂerer Glanz, gesellschaftlicher Rang und âleerer Pompâ erweisen sich als unfĂ€hig, das menschliche Herz vor Leid zu bewahren. Die anschlieĂende Arie entfaltet diese Einsicht in eindringlichen Bildern. ZunĂ€chst erscheint das Bild des Meteors, der kurz den Himmel erhellt, bewundert wird und ebenso rasch wieder verschwindet â ein Gleichnis fĂŒr flĂŒchtigen Ruhm und vergĂ€ngliche Bewunderung. Im zweiten Teil der Arie wird dieses Motiv durch das Bild der Blume vertieft: In voller BlĂŒte verströmt sie ihren Duft, doch ihr Schicksal ist unausweichlich der Verfall, der Tod in einem âengen Grabâ. Beide Metaphern greifen zentrale Topoi barocker und nachbarocker Vanitas-Symbolik auf und ĂŒbertragen sie in eine klare, sprachlich schlichte, aber wirkungsvolle Bildsprache. Musikalisch unterstĂŒtzt Hayes diese moralische Klarheit durch eine ruhige, flieĂende Ariengestaltung (Andante), die weniger auf dramatischen Affekt als auf kontemplative Eindringlichkeit zielt. Die Kantate wirkt dadurch nicht belehrend, sondern nachdenklich und resignativ, mit einer stillen, fast philosophischen Grundhaltung. In der Gesamtanlage der Six Cantatas bildet sie einen bewussten Gegenpol zur sinnlich-naturhaften Bildwelt der ersten Kantate und lenkt den Blick nach innen â auf VergĂ€nglichkeit, SelbsttĂ€uschung und menschliche Begrenztheit. Kantate Nr. II â Why, Lycidas, should man be vain?, Tracks 4 bis 7 der CD: https://www.youtube.com/watch?v=HyQLCx4gKA4&list=OLAK5uy_kaYdH12E04XcqsFsCP8gnl9OwQ8aHh0TI&index=4 VollstĂ€ndiger Text (englisches Original) Recitative â Why, Lycidas, should man be vain? Why, Lycidas, should man be vain, Since all his joys are mix'd with pain? Not all his pomp and empty show Can e'er exempt his heart from woe. Aria (Andante) So glides the meteor through the sky, And spreads its glories to the eye; But soon its short-lived blaze is o'er, It sinks, and is beheld no more. So fades the flow'r in all its bloom, And yields to its approaching doom; In vain it breathes its rich perfume, And dies within a narrow tomb. Deutsche Ăbersetzung Rezitativ â Warum, Lycidas, sollte der Mensch eitel sein? Warum, Lycidas, sollte der Mensch eitel sein, Da all seine Freuden mit Schmerz vermischt sind? Nicht all sein Prunk und leerer Schein Vermögen je sein Herz vor Leid zu bewahren. Arie (Andante) So gleitet der Meteor durch den Himmel Und breitet seine Pracht vor dem Auge aus; Doch bald ist sein kurzes Leuchten vorĂŒber, Er sinkt hinab und wird nicht mehr gesehen. So verblasst die Blume in voller BlĂŒte Und ergibt sich ihrem nahenden Schicksal; Vergebens haucht sie ihren reichen Duft aus Und stirbt in einem engen Grab. CD-Vorschlag: William Hayes, Six Cantatas and Orpheus and Euridice, Schola Cantorum Basiliensis Hayes Players, Anthony Rooley (* 1944), Glossa, 2013, Tracks 4 bis 7. Seitenanfang Kantate Nr. II: Why, Lycidas, should man be vain? Kantate Nr. III: Why, Lycidas, should men be vain Die dritte Kantate des Zyklus bildet den gedanklichen Höhepunkt der Vanitas-Gruppe innerhalb der Six Cantatas. WĂ€hrend Cantata II noch vergleichsweise kontemplativ ĂŒber die Eitelkeit des Menschen reflektiert, formuliert Cantata III ihre Botschaft mit gröĂerer rhetorischer SchĂ€rfe und dichter Verdichtung. Der Text richtet sich erneut an Lycidas, der nun endgĂŒltig zur Chiffre fĂŒr den Menschen schlechthin wird â schön, stolz, selbstbewusst, aber dem Vergehen unausweichlich ausgeliefert. Die NĂ€he zum berĂŒhmten Trauergedicht Lycidas von John Milton (1608â1674) ist unĂŒbersehbar, beschrĂ€nkt sich jedoch bewusst auf den Namen und die pastorale Anredeform. Inhaltlich handelt es sich um ein eigenstĂ€ndiges Werk ohne direkte AbhĂ€ngigkeit von Miltons Text. Die Zuschreibung des Kantatentextes bleibt ungeklĂ€rt; gelegentlich werden William Collins (1721â1759) oder andere zeitgenössische Dichter genannt, gesichert ist jedoch keine Autorschaft. Stilistisch steht der Text fest in der Tradition barocker Vanitas-Dichtung, die im England des frĂŒhen 18. Jahrhunderts weiterhin lebendig war. Das Rezitativ stellt in knapper, fast aphoristischer Form die zentrale Frage: Warum sollte der Mensch eitel sein, wenn alles, worauf sich Stolz grĂŒndet â Schönheit, GröĂe, Glanz â, unweigerlich vergeht und im Grab dem Vergessen anheimfĂ€llt? Die Arie entfaltet diese Einsicht in emblematischen Naturbildern: Rose und Lilie, klassische Symbole fĂŒr Schönheit und Reinheit, sind nur von kurzer Dauer. Jugend, Anmut und Stolz gleiten wie auf einer Strömung dahin, bis sie schlieĂlich im mythologischen Fluss Lethe versinken, dessen Wasser das vollstĂ€ndige Vergessen bewirkt. Musikalisch dĂŒrfte Hayes diese Gedanken mit einer ruhig flieĂenden, bildhaften Tonsprache unterlegt haben, die weniger auf dramatische Kontraste als auf eindringliche Wiederholung und meditative Klarheit zielt. In der Gesamtarchitektur der Six Cantatas wirkt Cantata III wie eine bewusste Zuspitzung: Die VergĂ€nglichkeit wird hier nicht mehr nur betrachtet, sondern als unumstöĂliche Wahrheit ausgesprochen. Kantate Nr. III â Why, Lycidas, should men be vain, Tracks 8 bis 10 der CD: https://www.youtube.com/watch?v=h0kpliZvG3g&list=OLAK5uy_kaYdH12E04XcqsFsCP8gnl9OwQ8aHh0TI&index=8 VollstĂ€ndiger Text (englisches Original) Recitative Why, Lycidas, should men be vain, Of what must shortly end in pain? Why should they boast of beautyâs flower, The pageant of a fleeting hour? Since all thatâs great or gay must die, And in the grave forgotten lie. Aria The Rose that blooms at early day, Before the noon-day sun decays; The Lily, fair as driven snow, But for a moment deigns to blow. So human charms, so youth and pride, On Timeâs swift current downward glide; And all the glories we can boast, Are in the gulph of Lethe lost. Deutsche Ăbersetzung Rezitativ Warum, Lycidas, sollten Menschen eitel sein Auf das, was bald schon im Schmerz endet? Warum sollten sie sich der Blume der Schönheit rĂŒhmen, Dem SchaugeprĂ€nge einer flĂŒchtigen Stunde? Da doch alles, was groĂ und glĂ€nzend ist, sterben muss Und im Grab dem Vergessen verfĂ€llt. Arie Die Rose, die am frĂŒhen Tage blĂŒht, Verwelkt, noch ehe die Mittagssonne sinkt; Die Lilie, schön wie frisch gefallener Schnee, Gönnt sich nur einen Augenblick des BlĂŒhens. So gleiten menschliche Reize, Jugend und Stolz Auf der raschen Strömung der Zeit hinab; Und all der Glanz, dessen wir uns rĂŒhmen können, Geht verloren im Abgrund des Lethe. CD-Vorschlag: William Hayes, Six Cantatas and Orpheus and Euridice, Schola Cantorum Basiliensis Hayes Players, Anthony Rooley (* 1944), Glossa, 2013, Tracks 8 bis 10. Seitenanfang Kantate Nr. III: Why, Lycidas, should men be vain Kantate Nr. IV: Chloeâs Dream Mit der vierten Kantate vollzieht Hayes einen bewussten thematischen Umschwung innerhalb des Zyklus. Nach der dichten Folge von Vanitas-Reflexionen in den Kantaten II und III tritt nun ein allegorisches Liebes- und TraumstĂŒck an ihre Stelle. Chloeâs Dream greift pastorale Bildwelten auf, wie sie seit dem spĂ€ten 17. Jahrhundert in englischer Dichtung und Musik beliebt waren, und verbindet sie mit einer psychologisch feinen Darstellung innerer Regungen. Der Text schildert einen nĂ€chtlichen Traum Chloes, in dem Love â als personifizierte Gestalt, deutlich an den Amor-Topos angelehnt â in ihr Gemach tritt. Traum und Wirklichkeit, Einbildung und Empfindung, verschmelzen dabei zu einem poetischen Raum, in dem Liebe nicht als leidenschaftliche Gewalt erscheint, sondern als leise, verfĂŒhrerische Macht. Anders als in den vorangegangenen Kantaten geht es hier nicht um VergĂ€nglichkeit und moralische Warnung, sondern um innere Bewegung, sĂŒĂe TĂ€uschung und emotionale Ambivalenz. Innerhalb der Six Cantatas erfĂŒllt Cantata IV damit eine wichtige dramaturgische Funktion: Sie lockert den ernsten, moralischen Ton der Mitte des Zyklus und fĂŒhrt eine lyrisch-intime Klangwelt ein. Musikalisch dĂŒrfte Hayes diese AtmosphĂ€re durch weich flieĂende Linien, sanfte Affekte und eine zurĂŒckhaltende, fast schwebende Ariengestaltung unterstĂŒtzt haben â ganz im Einklang mit dem Traumcharakter des Textes. Cantata IV bildet den lyrischen Gegenpol zu den Vanitas-Kantaten II und III. Nach VergĂ€nglichkeit, Tod und Vergessen tritt nun Traum, Liebe und innere Bewegung â nicht als naive Idylle, sondern als psychologisch feines Zwischenreich von Lust und Unsicherheit. Kantate Nr. IV â Chloeâs Dream, Tracks 11 bis 14 der CD: https://www.youtube.com/watch?v=HE6k_cIwv4E&list=OLAK5uy_kaYdH12E04XcqsFsCP8gnl9OwQ8aHh0TI&index=11 VollstĂ€ndiger Text (englisches Original) Recitative Love into Chloeâs chamber came, And softly whisperâd Chloeâs name; He touchâd her breast with gentle art, And stole in silence to her heart. She wakâd, and felt the pleasing smart, She sighâd, she trembled, and she fearâd; She knew not whence the blissful dart, Nor how the charming pain appearâd. Aria Thus in a dream, by fancy led, We taste the joys we never knew; The waking soul is vainly fed With pleasures airy, false, but new. Yet still the vision haunts the mind, And leaves a sweet, though aching trace; So Love, unseen, enchants mankind, And rules the heart by secret grace. (Text: Anonymous, first published 1748) Deutsche Ăbersetzung Rezitativ Die Liebe trat in Chloes Kammer ein Und flĂŒsterte sanft Chloes Namen; Mit zarter Kunst berĂŒhrte sie ihr Herz Und schlich sich schweigend in ihre Brust. Sie erwachte und spĂŒrte das sĂŒĂe Beben, Sie seufzte, zitterte und fĂŒrchtete sich; Sie wusste nicht, woher der selige Pfeil kam, Noch wie der reizvolle Schmerz entstand. Arie So kosten wir im Traum, von Phantasie geleitet, Die Freuden, die wir nie zuvor gekannt; Die wache Seele nĂ€hrt sich vergebens Von luftâgen, trĂŒgerischen, doch neuen Wonnen. Und doch verfolgt das Bild noch lange den Geist Und hinterlĂ€sst eine sĂŒĂe, schmerzliche Spur; So bezaubert die Liebe, ungesehen, die Menschen Und herrscht ĂŒber das Herz mit heimlicher Macht. CD-Vorschlag William Hayes, Six Cantatas and Orpheus and Euridice, Schola Cantorum Basiliensis Hayes Players, Anthony Rooley (* 1944), Glossa, 2013, Tracks 11 bis 14. Seitenanfang Kantate Nr. IV: Chloeâs Dream Kantate Nr. V: To Venus. A Rant Die fĂŒnfte Kantate bildet den ironisch-theatralischen Höhepunkt des Zyklus. Nach Vanitas, Traum und innerer Bewegung wendet sich Hayes nun offen und spielerisch an Venus, jedoch nicht in ehrfĂŒrchtiger Anbetung, sondern in einer bewusst ĂŒberzeichneten, rhetorisch pointierten Klage. Der Zusatz A Rant ist programmatisch: Die Kantate ist als leidenschaftliche, musikalisch zugespitzte Tirade angelegt, in der Liebe zugleich begehrt, verspottet und relativiert wird. Der Text folgt keiner strengen moralischen Linie, sondern lebt vom Kontrast der Affekte. ZunĂ€chst fordert der Sprecher mit Nachdruck krĂ€ftige, âstarke und sĂŒĂeâ musikalische Mittel, um Venusâ Macht angemessen zu beschwören. Im anschlieĂenden Rezitativ schlĂ€gt der Ton um: Tugend und Keuschheit werden als Gegenpole eingefĂŒhrt, fast wie provozierende TrophĂ€en gegen die Herrschaft der Liebe. Die abschlieĂende Arie zieht sich schlieĂlich demonstrativ zurĂŒck und weist die verheiĂungsvollen Freuden der Liebe zurĂŒck â nicht bitter, sondern mit gelassener Distanz. Innerhalb der Six Cantatas fungiert Cantata V als satirisch-aufklĂ€rerischer Kommentar zum zuvor ausgebreiteten Liebes- und Traumdiskurs. Hayes zeigt hier eine ausgeprĂ€gte Affektdramaturgie, die musikalisch vermutlich durch lebhafte Tempi, deutliche Kontraste und rhetorisch scharf gezeichnete Linien unterstĂŒtzt wird. Die Kantate wirkt wie ein bewusstes Innehalten: Liebe wird nicht verdammt, aber ihrer absoluten Geltung beraubt. Cantata V wirkt wie eine aufgeklĂ€rte Gegenrede innerhalb des Liebesdiskurses der Six Cantatas: Nach Traum (IV) folgt Distanz, Ironie und Selbstbeherrschung. Damit bereitet Hayes den Boden fĂŒr einen ausgewogenen Abschluss des Zyklus. Kantate Nr. V â To Venus. A Rant, Tracks 15 bis 18 der CD: https://www.youtube.com/watch?v=mqSQh7pJFUk&list=OLAK5uy_kaYdH12E04XcqsFsCP8gnl9OwQ8aHh0TI&index=15 VollstĂ€ndiger Text (englisches Original) Aria (Allegro assai) Give me numbers strong and sweet Give me numbers strong and sweet, To celebrate thy mighty sway; Let sounding strains and measures meet, And call the wanton god to play. Recitative Trophies to chastity Trophies to chastity I raise, And sing the joys of spotless love; Let fools be caught by beautyâs blaze, I higher pleasures dare approve. Aria (Andante) Tell not me the joys that wait Tell not me the joys that wait On rapture, passion, fond desire; Calm contentment marks my state, And virtue warms with purer fire. (Text: Anonymous, first published 1748) Deutsche Ăbersetzung Arie (Allegro assai) Gebt mir KlĂ€nge voll Kraft und SĂŒĂe Gebt mir KlĂ€nge voll Kraft und SĂŒĂe, Um deine mĂ€chtige Herrschaft zu feiern; Lasst tönende Weisen und Rhythmen sich vereinen Und den spielerischen Gott herbeirufen. Rezitativ TrophĂ€en der Keuschheit Der Keuschheit errichte ich TrophĂ€en Und besinge die Freuden makelloser Liebe; Mag törichtes Volk vom Glanz der Schönheit geblendet sein, Ich wage es, höhere Freuden zu wĂ€hlen. Arie (Andante) Sprecht mir nicht von den Freuden Sprecht mir nicht von den Freuden, die warten Auf VerzĂŒckung, Leidenschaft und zĂ€rtliches Verlangen; Gelassene Zufriedenheit bestimmt mein Wesen, Und Tugend wĂ€rmt mit reinerem Feuer. CD-Vorschlag: William Hayes, Six Cantatas and Orpheus and Euridice, Schola Cantorum Basiliensis Hayes Players, Anthony Rooley (* 1944), Glossa, 2013, Tracks 15 bis 18. Seitenanfang Kantate Nr. V: To Venus. A Rant Kantate Nr. VI: An Ode to Echo Mit der sechsten Kantate schlieĂt Hayes den Zyklus der Six Cantatas mit einer hellen, kunstreflexiven Apotheose des Klangs. An Ode to Echo greift die Gestalt der Echo auf, die hier nicht tragisch oder strafend erscheint, sondern als personifizierte Macht von Stimme, Resonanz und Wirkung. Echo wird zum Sinnbild musikalischer Vermittlung: Sie trĂ€gt GefĂŒhle weiter, verleiht ihnen Gestalt und sucht, wo Worte allein versagen, ĂŒber Klang zu ĂŒberzeugen. Die Kantate ist reich gegliedert und verbindet drei Arien mit zwei Rezitativen, wodurch sich eine abwechslungsreiche, fast konzertante Dramaturgie ergibt. Inhaltlich steht die Werbung um Delia im Mittelpunkt, deren Herz durch Echos Kunst gewonnen werden soll. Dabei verbindet der Text pastorale Liebeslyrik mit einer poetischen Selbstreflexion ĂŒber Musik: Echo soll nicht nur sprechen, sondern lehren, bewegen, nachahmen und durch Anmut ĂŒberzeugen. Musikalisch dĂŒrfte Hayes diese Idee durch wechselnde Affekte umgesetzt haben: Das Larghetto der ersten Arie entfaltet eine sanfte, einladende Klangwelt; das folgende Allegro assai richtet sich stĂ€rker auf Ă€uĂere Wirkung und sinnliche Faszination; das abschlieĂende Vivace verbindet Bewegung, Leichtigkeit und tĂ€nzerische Eleganz. So endet der Zyklus nicht moralisch oder satirisch, sondern kĂŒnstlerisch versöhnt â im Vertrauen auf die Kraft der Musik selbst. An Ode to Echo bildet den lichten, versöhnenden Abschluss der Six Cantatas. Nach Naturbild (I), Vanitas (IIâIII), Traum (IV) und satirischer Distanz (V) kehrt Hayes zur Kunst selbst zurĂŒck. Echo steht fĂŒr den Nachhall, der bleibt, wenn alles andere vergeht â die Wirkung des Klangs. Kantate Nr. VI â An Ode to Echo, Tracks 19 bis 23 der CD: https://www.youtube.com/watch?v=tfXVeszGFEw&list=OLAK5uy_kaYdH12E04XcqsFsCP8gnl9OwQ8aHh0TI&index=19 VollstĂ€ndiger Text (englisches Original) Aria (Larghetto) Daughter sweet of voice and air, Gentle Echo, lend an ear; From thy mossy cavern come, Leave thy dark and silent home. Recitative Listen Nymph divine and learn, How for Deliaâs love I burn; Tell her all my grief and pain, In a soft and melting strain. Aria (Allegro assai) See each eye, each ravishâd ear, Wait thy silver voice to hear; While the hills and vales around, Catch the sweet harmonious sound. Recitative Echo should they fail to move, And she still neglects my love; Haste and tell the cruel fair, She alone is my despair. Aria (Vivace) Learn her ease and elegance, In the sprightly, mazy dance; And with all thy mimic art, Soothe and win her stubborn heart. Deutsche Ăbersetzung Arie (Larghetto) SĂŒĂe Tochter von Stimme und Luft, Sanfte Echo, neige dein Ohr; Komm aus deiner moosigen Grotte hervor, Verlass dein dunkles und stilles Heim. Rezitativ Höre, göttliche Nymphe, und lerne, Wie ich fĂŒr Delias Liebe entbrenne; Sag ihr all meinen Kummer und Schmerz In sanftem, schmelzendem Ton. Arie (Allegro assai) Sieh, wie jedes Auge, jedes entzĂŒckte Ohr Auf deine silberne Stimme wartet; WĂ€hrend HĂŒgel und TĂ€ler ringsum Den sĂŒĂen, harmonischen Klang auffangen. Rezitativ Echo, sollten sie dadurch nicht bewegt werden Und sie meine Liebe weiter verschmĂ€hen, Eile und sage der grausamen Schönen, Dass sie allein meine Verzweiflung ist. Arie (Vivace) Lerne ihre Leichtigkeit und Eleganz Im munteren, verschlungenen Tanz; Und mit all deiner nachahmenden Kunst BesĂ€nftige und gewinne ihr widerspenstiges Herz. CD-Vorschlag: William Hayes, Six Cantatas and Orpheus and Euridice, Schola Cantorum Basiliensis Hayes Players, Anthony Rooley (* 1944), Glossa, 2013, Tracks 19 bis 23. Seitenanfang Kantate Nr. VI: An Ode to Echo Orpheus and Euridice Mit Orpheus and Euridice wendet sich Hayes einem der zentralen Mythen europĂ€ischer Musikgeschichte zu. Die Geschichte von Orpheus, dessen Gesang selbst die MĂ€chte der Unterwelt zu rĂŒhren vermag, bietet Hayes die Möglichkeit, jene Themen zu bĂŒndeln, die sein vokales Schaffen insgesamt prĂ€gen: die Macht der Musik, die Grenze zwischen GefĂŒhl und Vernunft sowie das Spannungsfeld von Hoffnung und Verlust. Im Mittelpunkt steht nicht die dramatische Handlung im opernhaften Sinn, sondern die allegorische Verdichtung des Mythos. Orpheus erscheint als Verkörperung musikalischer Ăberzeugungskraft: Sein Gesang vermag Natur, Menschen und selbst die Götter zu bewegen. Euridice hingegen bleibt weniger handelnde Figur als emotionaler Bezugspunkt, als Sinnbild dessen, was durch Liebe gewonnen und durch einen einzigen Blick wieder verloren wird. Der entscheidende Moment â Orpheusâ RĂŒckwendung â erhĂ€lt dadurch eine besondere moralische SchĂ€rfe: Nicht Ă€uĂere Gewalt, sondern menschliche SchwĂ€che zerstört das Erhoffte. Hayes behandelt den Stoff mit der fĂŒr ihn typischen englischen ZurĂŒckhaltung. Pathos wird vermieden zugunsten klarer Affekte und einer reflektierten, fast elegischen Grundhaltung. Die Musik dient nicht der theatralischen ĂberwĂ€ltigung, sondern der Affektdarstellung und moralischen Kontemplation. Orpheusâ Klage ist nicht verzweifelt ausschweifend, sondern von edler Trauer geprĂ€gt; sein Scheitern wirkt umso eindringlicher, weil es nicht spektakulĂ€r, sondern unausweichlich erscheint. Im Kontext der CD bildet Orpheus and Euridice eine inhaltliche Klammer zu den Six Cantatas. WĂ€hrend diese in wechselnden Perspektiven ĂŒber VergĂ€nglichkeit, Liebe, Tugend, Traum und Klang reflektieren, zeigt das Orpheus-Werk deren mythologischen Urgrund: Musik als Macht, die trösten, bewegen und ĂŒberzeugen kann â deren Wirkung jedoch an menschliche Grenzen gebunden bleibt. So erscheint Orpheus als Urbild jener Echo-Figur, die am Ende des Kantatenzyklus gefeiert wird: Der Klang wirkt fort, auch wenn das Begehrte verloren ist. Damit erweist sich Orpheus and Euridice nicht als bloĂes ZusatzstĂŒck, sondern als idealer Schlusspunkt der CD. Hayes stellt hier noch einmal in konzentrierter Form jene Ăberzeugung aus, die sein vokales Schaffen durchzieht: Musik besitzt eine auĂergewöhnliche Kraft â doch ihre gröĂte Wirkung entfaltet sie nicht im Triumph, sondern im Nachhall von Verlust, Erinnerung und innerer Bewegung. Orpheus and Euridice, Tracks 24 bis 31 der CD: https://www.youtube.com/watch?v=Ci5wqYYZMtw&list=OLAK5uy_kaYdH12E04XcqsFsCP8gnl9OwQ8aHh0TI&index=24 CD-Vorschlag: William Hayes, Six Cantatas and Orpheus and Euridice, Schola Cantorum Basiliensis Hayes Players, Anthony Rooley (* 1944), Glossa, 2013, Tracks 24 bis 31. Seitenanfang Orpheus and Euridice The Passions. An Ode for Music (1750) Text von William Collins Mit The Passions. An Ode for Music schuf Hayes im Jahr 1750 eines der bemerkenswertesten englischen Vokalwerke der mittleren AufklĂ€rung. Die Komposition entstand fĂŒr eine akademische Feier der UniversitĂ€t Oxford und wurde dort am 6. Juli 1750 erstmals aufgefĂŒhrt. Grundlage ist die gleichnamige Ode von William Collins (1721â1759) aus dem Jahr 1746, ein dichterisch wie philosophisch hoch ambitionierter Text, der die zeittypische Auseinandersetzung mit den menschlichen Leidenschaften in exemplarischer Weise bĂŒndelt. Das Werk steht ganz im Zeichen des aufgeklĂ€rten Interesses an Affekten, Emotionen und seelischen ZustĂ€nden â einem Thema, das im 18. Jahrhundert sowohl die Naturwissenschaften als auch Literatur, Philosophie und Musik intensiv beschĂ€ftigte. Collinsâ Text lĂ€sst die Leidenschaften selbst als handelnde Figuren auftreten: Furcht, Zorn, Verzweiflung, Hoffnung, Rache, Eifersucht, Melancholie, Heiterkeit, Freude und schlieĂlich die Vernunft treten nacheinander auf, geraten in Konflikt, widersprechen einander und werden am Ende durch die ordnende Kraft der Reason gebĂ€ndigt. Hayes reagiert darauf mit einer Folge von prĂ€zise charakterisierten musikalischen Szenen, die sich zwischen dramatischem Oratorium, allegorischer Kantate und affektbetonter Opernminiatur bewegen. Musikalisch verbindet Hayes souverĂ€n die Ausdrucksmittel des spĂ€ten Barock mit Elementen des style galant. Die Arien und Songs sind klar konturiert, rhetorisch geschĂ€rft und stets eng an den Text gebunden; Rezitative â teils secco, teils accompagnato â treiben die Handlung voran und sorgen fĂŒr eine deutlich dramatische Gesamtarchitektur. Gleichzeitig lassen formale Klarheit, periodische Melodik und eine transparentere Harmonik bereits den Ăbergang zur frĂŒhklassischen Ăsthetik erkennen. Besonders bemerkenswert ist Hayesâ FĂ€higkeit, jedem Affekt ein eigenes musikalisches Profil zu verleihen, ohne dabei in bloĂe Typisierung oder klangliche Effekthascherei zu verfallen. Die beiden Teile des Werkes sind sorgfĂ€ltig proportioniert und dramaturgisch aufeinander bezogen. ChorsĂ€tze markieren zentrale Knotenpunkte des Geschehens und verleihen der ansonsten stark solistisch geprĂ€gten Anlage zusĂ€tzliche Wucht und gesellschaftliche Dimension. Trotz des allegorischen Rahmens bleibt der Ton nie schwerfĂ€llig: Immer wieder blitzt jene trockene, fein ironische Distanz auf, die man mit gutem Recht als typisch britisch bezeichnen kann. https://www.youtube.com/watch?v=SPfnsCWzWFc Die Wiederentdeckung dieses lange vernachlĂ€ssigten Werkes ist wesentlich dem Einsatz von Anthony Rooley (* 1944) zu verdanken, der The Passions erstmals wieder zur AuffĂŒhrung brachte und damit einen wichtigen Beitrag zur Neubewertung der englischen Musik des 18. Jahrhunderts leistete. Die hier vorliegende Einspielung entstand mit Solisten und Ensembles aus dem Umfeld der Schola Cantorum Basiliensis und eröffnet eine von Glossa initiierte Reihe. Sie verbindet stilistische Kompetenz, textliche Durchdringung und klangliche Transparenz zu einer ĂŒberzeugenden Gesamtdeutung. The Passions erweist sich in dieser Interpretation als weit mehr als eine historische KuriositĂ€t: als geistreiches, psychologisch feinfĂŒhliges und musikalisch anspruchsvolles Werk an der Schwelle von Barock und Klassik â und als eindrucksvolles Zeugnis dafĂŒr, wie reflektiert und modern die englische Musik der Mitte des 18. Jahrhunderts mit den groĂen Fragen menschlicher Emotion umzugehen wusste. CD-Vorschlag: William Hayes, The Passions, An Ode for Music, 1750, Cetra Baroque Orchestra Basel, Chor de Schola Cantorum Basiliensis, Leitung Anthony Rooley, Glossa, 2010: https://www.youtube.com/watch?v=FRvdhxXL4BA&list=OLAK5uy_nTFbw5yFXP_FayZQjHFDtUg02vStBjP9w&index=1 William Taylor Collins â The Passions. An Ode to Music Siehe: https://allpoetry.com/poem/8465653-The-Passions.-An-Ode-to-Music-by-William-Taylor-Collins The Passions gehört zu den ambitioniertesten Oden der englischen Literatur des 18. Jahrhunderts. Collins verbindet hier die augustanische Tradition allegorischer Personifikation mit einer ausgeprĂ€gt dramatischen Anlage, die weniger kontemplativ als szenisch gedacht ist. Die Leidenschaften erscheinen nicht als abstrakte Begriffe, sondern als handelnde KrĂ€fte, die Musik als Medium ihrer Selbstdarstellung benutzen â und dabei zugleich ihre Grenzen offenbaren. Das Gedicht ist von Anfang an performativ konzipiert und erklĂ€rt damit unmittelbar, warum es sich in besonderem MaĂe fĂŒr eine musikalische Vertonung eignete. Deutsche Ăbersetzung Die Leidenschaften. Eine Ode an die Musik Als Musik, die himmlische Maid, noch jung war und einst im frĂŒhen Griechenland erklang, drĂ€ngten sich die Leidenschaften oft, um den Klang ihrer Zauberlaute zu hören, umringten ihre magische Zelle, jubelnd, bebend, rasend, verzagend, in ZustĂ€nde versetzt, die selbst die Muse kaum zu malen vermochte. Bald fĂŒhlten sie den glĂŒhenden Geist verwirrt, entzĂŒckt, erhoben, veredelt â bis, so heiĂt es, eines Tages alle zugleich entflammt, von Wut erfĂŒllt, hingerissen, begeistert, aus den stĂŒtzenden Myrten ringsum die Instrumente des Klangs entrissen. Denn da sie oft einzeln die sĂŒĂen Lehren ihrer machtvollen Kunst vernommen hatten, wollte nun jeder, vom Wahnsinn beherrscht, seine eigene Ausdruckskraft erproben. Zuerst wagte Furcht die Hand an die Saiten, legte sie verwirrt auf die Akkorde â und wich erschrocken zurĂŒck, ohne zu wissen warum, erschreckt selbst von dem Klang, den sie hervorgebracht hatte. Dann stĂŒrmte Zorn herbei; die Augen in Flammen, Blitze verrieten seine verborgenen Stachel. Mit einem rohen Schlag traf er die Leier und fuhr hastig ĂŒber die Saiten. Mit klĂ€glichen MaĂen beschwichtigte bleiche Verzweiflung ihren Gram in dumpfen, finsteren Tönen: ein feierlich seltsamer, vermischter Gesang â bald traurig in SchĂŒben, bald jĂ€h und wild. Doch du, o Hoffnung, mit so schönen Augen, welch beglĂŒckendes MaĂ war das deine! Leise flĂŒsterte es verheiĂenes GlĂŒck und hieĂ die lieblichen Bilder aus der Ferne grĂŒĂen. Noch verlĂ€ngerte ihre BerĂŒhrung den Gesang, und aus Felsen, WĂ€ldern, TĂ€lern rief sie Echo durch das ganze Lied. Wo sie ihr sĂŒĂestes Thema wĂ€hlte, antwortete eine sanfte Stimme bei jedem Schluss â und Hoffnung lĂ€chelte bezaubert und schwang ihr goldenes Haar. Noch lĂ€nger hĂ€tte sie gesungen â doch mit finsterem Blick erhob sich Rache. Er schleuderte sein blutbeflecktes Schwert donnernd nieder und griff mit verdorrendem Blick zur kriegsverkĂŒndenden Trompete. Einen StoĂ blies er, so laut und furchtbar, wie nie zuvor ein unheilverkĂŒndender Klang. Immer wieder schlug er die doppelte Trommel mit rasender Gewalt, und obgleich zuweilen, in den dĂŒsteren Pausen, die niedergedrĂŒckte Mitleid an seiner Seite mit bezwingender Stimme sprach, behielt er doch sein wildes, unverĂ€ndertes Wesen, wĂ€hrend jedes gespannte Auge zu bersten schien. Deine Zahlen, Eifersucht, waren auf nichts gefestigt â ein trauriger Beweis deiner gequĂ€lten Verfassung. Aus wechselnden Themen war das schwankende Lied gemischt: bald umwarb es die Liebe, bald rief es rasend den Hass. Mit erhobenen Augen, wie von Inspiration ergriffen, saĂ bleiche Melancholie zurĂŒckgezogen und goss von ihrem wilden, abgeschiedenen Sitz durch das sanfte Horn ihre nachdenkliche Seele aus. Sanft rieselnde BĂ€che mischten sich dem Klang, durch Haine und DĂ€mmerungen schlich das vereinte MaĂ, oder verweilte ĂŒber einem heimgesuchten Bach, wo es heilige Ruhe verbreitete, Liebe zum Frieden und einsames Sinnen â bis es in hohlen Murmeln verklang. Doch ach, wie sehr verĂ€nderte sich der Ton, als Heiterkeit erschien, eine Nymphe gesunder Farbe, den Bogen ĂŒber die Schulter geworfen, die Stiefel vom Morgentau geschmĂŒckt. Sie blies eine belebende Weise, dass Tal und Dickicht widerhallten, den Jagdruf bekannt Faunen und Dryaden. Die eichengekrönten Schwestern und ihre keusch blickende Königin, Satyrn und Waldknaben lugten aus grĂŒnen GĂ€ngen hervor. Kraftvolle Bewegung jubelte zur Heilung, Sport sprang auf und ergriff seinen Buchenspeer. Zuletzt trat Freude zu ihrer ekstatischen Probe. Mit weinbekrĂ€nztem Haupt nĂ€herte er sich, zuerst wandte er die Hand der lebhaften Pfeife zu, doch bald erkannte er die munter erwachende Viola, deren sĂŒĂ bannende Stimme er mehr liebte. Wer den Klang hörte, hĂ€tte geglaubt, im Tal von Tempe die einheimischen MĂ€dchen zu sehen, wie sie in klingenden Hainen zu einem unermĂŒdlichen Spielmann tanzten. WĂ€hrend seine fliegenden Finger die Saiten kĂŒssten, schloss Liebe mit Ausgelassenheit einen fröhlich phantastischen Reigen; gelöst sah man ihr Haar, den GĂŒrtel geöffnet, und er, mitten in seinem ausgelassenen Spiel, als wollte er der lieblichen Luft vergelten, schĂŒttelte tausend DĂŒfte von seinen taufeuchten FlĂŒgeln. O Musik, vom Himmel herabgestiegene Maid, Freundin der Lust, Helferin der Weisheit, warum, o Göttin, uns versagt, legst du deine alte Leier nieder? Wie in jener geliebten athenischen Laube lerntest du eine allbeherrschende Macht; deine nachahmende Seele, o holdes Wesen, kann wohl zurĂŒckrufen, was sie einst vernahm. Wo ist dein ursprĂŒnglich schlichtes Herz, der Tugend, der Phantasie, der Kunst geweiht? Erhebe dich wie in jener frĂŒheren Zeit: warm, kraftvoll, keusch, erhaben! Deine Wunder fĂŒllten damals die Seiten deiner aufzeichnenden Schwester. Man sagt â und ich glaube die Sage â, dass dein bescheidenstes Rohr mehr vermochte, mehr StĂ€rke, göttlichere Glut besaĂ als alles, was dieses trĂ€ge Zeitalter bezaubert, ja als selbst CĂ€cilias vereinte Welt des Klangs. O lass unsere eitlen Versuche enden, belebe die gerechten EntwĂŒrfe Griechenlands, kehre zurĂŒck in deiner schlichten Gestalt, bestĂ€tige die Berichte ihrer Söhne! Die Ode The Passions ist von Collins bewusst nicht als harmonisierende Apotheose der menschlichen GefĂŒhle angelegt, sondern als dramatisches Spannungsfeld widerstreitender KrĂ€fte. Keine der personifizierten Leidenschaften erringt einen dauerhaften Sieg; vielmehr enthĂŒllt ihr nacheinander vorgefĂŒhrter musikalischer Gestus die innere Unruhe und InstabilitĂ€t emotionaler Selbstbehauptung. Auch die am Ende auftretende Reason erscheint nicht als triumphierende Instanz im Sinne einer moralischen Auflösung, sondern als regulierende, beinahe ernĂŒchternde Gegenkraft, die Ordnung herstellt, ohne Begeisterung zu versprechen. In dieser ZurĂŒckhaltung liegt eine bemerkenswerte Distanz zur aufklĂ€rerischen Gewissheit eines endgĂŒltigen Ausgleichs. Die hĂ€ufig beschworene Antike dient dabei nicht nur als Ă€sthetisches Ideal, sondern zugleich als impliziter MaĂstab fĂŒr eine kritische Betrachtung der eigenen Gegenwart. Collinsâ RĂŒckgriff auf Griechenland ist weniger nostalgisch als polemisch: Er kontrastiert die vermeintliche Einheit von Kunst, Tugend und MaĂ mit einem modernen Zeitalter, das er als klangreich, aber geistig erschöpft empfindet. Besonders auffĂ€llig ist dabei die auĂergewöhnlich konkrete musikalische Imagination des Textes. Die wiederholten Verweise auf einzelne Instrumente â Lyra, Trompete, Horn, Trommel oder Viola â verleihen der Ode eine sinnlich greifbare Klanglichkeit und machen sie zu einem geradezu szenischen Entwurf musikalischer Charakterstudien. Der bewusste Verzicht auf einen eindeutig abschlieĂenden moralischen Kommentar verstĂ€rkt diesen Eindruck. Der Schluss der Ode bleibt offen und verweigert sich jener normativen Geschlossenheit, die viele zeitgenössische Oden auszeichnet. Gerade darin liegt ihre ModernitĂ€t: The Passions prĂ€sentiert Emotion nicht als zu ĂŒberwindendes Chaos, sondern als dynamisches, nur vorlĂ€ufig zu ordnendes Prinzip menschlicher Erfahrung â ein Gedanke, der die Grenzen der augustanischen Ăsthetik bereits ĂŒberschreitet und auf spĂ€tere Entwicklungen vorausweist. Seitenanfang The Passions The Fall of Jericho Oratorium (englisch), Entstehung vermutlich um die Mitte des 18. Jahrhunderts The Fall of Jericho basiert auf dem biblischen Bericht aus dem Buch Josua (Jos 6) und konzentriert sich auf den Moment der göttlichen Intervention, durch die die scheinbar uneinnehmbare Stadt Jericho fĂ€llt. Hayes wĂ€hlt keine fortlaufende NacherzĂ€hlung der Handlung, sondern eine dramaturgisch verdichtete Abfolge musikalischer Szenen, in denen sich Erwartung, Warnung, Vertrauen, ErschĂŒtterung und schlieĂlich feierliche Erkenntnis abwechseln. Der Schwerpunkt liegt nicht auf militĂ€rischem Geschehen, sondern auf der geistlichen Bedeutung des göttlichen Wortes und auf der inneren Haltung der Handelnden. Die einleitende Sinfonia eröffnet das Werk als Raum gespannter Erwartung. Ihre wechselnden Tempi erzeugen ein Bild zwischen Sammlung und innerer Bewegung und bereiten den Hörer auf ein auĂergewöhnliches Geschehen vor, noch bevor dieses benannt wird. Inhaltlich steht sie fĂŒr das Herannahen eines göttlichen Eingriffs, der sich ankĂŒndigt, bevor er sichtbar wird. Im ersten Tenor-Accompagnato wird der Jordan direkt angesprochen: sinngemÀà heiĂt es âJordan, warum erbebt dein Lauf?â Der Fluss erscheint nicht als bloĂe Landschaft, sondern als Zeuge göttlicher NĂ€he. Sein Zittern wird zum Vorzeichen eines Handelns, das selbst die Ordnung der Natur erfasst. Die anschlieĂende Tenor-Arie âBlest Flockâ richtet den Blick auf das Volk Israel. Der Text preist die Gemeinschaft als von Gott behĂŒtet: âGesegnet ist das Volk, das unter göttlichem Schutz wandelt.â Vertrauen und Zuversicht stehen hier im Vordergrund; Sicherheit entsteht nicht aus eigener StĂ€rke, sondern aus Gehorsam gegenĂŒber dem göttlichen Willen. Einen markanten Wendepunkt bildet das Bass-Rezitativ mit Arie und Chor. Die zentrale Frage âWen verspottet Jericho in Wahrheit?â entlarvt den Hochmut der Stadt als Verkennung göttlicher Macht. Nicht Menschen, sondern Gott selbst wird herausgefordert. Der Chor verstĂ€rkt diese Einsicht und macht deutlich, dass der Sturz Jerichos unausweichliche Folge dieser Verblendung ist. Im folgenden Tenor-Accompagnato wird der entscheidende Moment benannt: âAm Morgen des siebten TagesâŠâ Das rituelle Umziehen der Stadt erscheint nicht als militĂ€rische Handlung, sondern als Akt geduldigen Gehorsams. Die Wiederholung des Weges wird zum Zeichen des Vertrauens auf das verheiĂene Wort. Mit der Sopran-Arie âHail Music! Sister of the Soulâ erhĂ€lt das Oratorium eine selbstreflexive Ebene. Musik wird angerufen als âSchwester der Seeleâ und als Mittlerin zwischen göttlicher Wahrheit und menschlichem Verstehen. Hier verbindet Hayes biblisches Geschehen mit einer Ă€sthetischen Deutung seines eigenen Mediums. Der Chor âAh dreadful, glorious Voiceâ reagiert auf das göttliche Wort selbst: âO furchtbare und zugleich herrliche Stimme!â Klang wird hier zum Ereignis, das Schrecken und Erhabenheit vereint und jede menschliche Kontrolle ĂŒbersteigt. In den folgenden Sopran-Rezitativen und Arien werden Naturgewalten in Bewegung gesetzt: âSieh, wie Meer und Erde erzittern.â Der Fall Jerichos wird als kosmische ErschĂŒtterung gedeutet, nicht als lokales historisches Ereignis. Im Accompagnato âSo spricht der AllmĂ€chtigeâ wird der göttliche Wille ausdrĂŒcklich benannt: Nicht menschliches Handeln, sondern das Wort Gottes entscheidet ĂŒber Bestand oder Untergang. Der abschlieĂende Chor âSo with a tenfold Pompâ fasst das Geschehen zusammen. Der Untergang Jerichos erscheint nicht als triumphaler Sieg, sondern als feierliche BestĂ€tigung göttlicher Ordnung: âSo erfĂŒllt sich mit feierlicher Macht, was Gott beschlossen hat.â Hayesâ The Fall of Jericho ist damit kein kriegerisches Oratorium im engeren Sinn. Der eigentliche Konflikt vollzieht sich zwischen Hochmut und Gehorsam, menschlicher AnmaĂung und göttlicher Ordnung. Die Mauern fallen nicht durch Gewalt, sondern durch das Hören auf das göttliche Wort. Gerade diese geistliche Konzentration verleiht dem Werk seine besondere inhaltliche Geschlossenheit und hebt es deutlich von zeitgenössischen heroischen Oratorien ab. William Hayes: The Fall of Jericho â Holland Baroque, Leitung Alexander Weimann (* 1965): https://www.youtube.com/watch?v=4_zrsfqksWo Seitenanfang The Fall of Jericho O Worship the Lord Das groĂ angelegte Anthem O Worship the Lord gehört zu den reprĂ€sentativen kirchenmusikalischen Arbeiten William Hayesâ und basiert auf einer erweiterten Vertonung von Psalm 96 in der Fassung des Book of Common Prayer. Der Umfang des Textes erklĂ€rt die betrĂ€chtliche AuffĂŒhrungsdauer von ĂŒber acht Minuten und weist das Werk eindeutig als Full Anthem mit mehreren klar abgegrenzten Text- und Musikabschnitten aus. Hayes gestaltet den Psalm nicht als durchkomponierte Einheit, sondern als eine Abfolge rhetorisch differenzierter Abschnitte. Feierlich-homophone Chöre wechseln mit bewegteren Partien, in denen Wortwiederholungen (For he cometh) und motivische Verdichtung zur Steigerung beitragen. Der musikalische Stil bleibt bewusst maĂvoll: statt dramatischer Kontraste dominieren Ausgewogenheit, TextverstĂ€ndlichkeit und eine klare harmonische Sprache, die sich eng an der englischen Kirchenmusiktradition von Purcell bis Croft orientiert, jedoch bereits galante GlĂ€tte erkennen lĂ€sst. O Worship the Lord, Track 2 der CD: https://www.youtube.com/watch?v=cWeYfB8kVOg&list=OLAK5uy_kMdX4ltXKyss4L0BqWVFnXf76A6p4bGac&index=3 Charakteristisch ist Hayesâ Sinn fĂŒr architektonische Proportionen. Jeder Textabschnitt erhĂ€lt sein eigenes musikalisches Gewicht, ohne dass der liturgische Fluss unterbrochen wird. O Worship the Lord steht damit exemplarisch fĂŒr jene akademisch geprĂ€gte, zugleich aber praxisnahe Kirchenmusik, die Hayes wĂ€hrend seiner Oxforder Amtszeit entwickelte. Musikalisch bewegt sich das Werk zwischen festlicher WĂŒrde und kontrollierter Eleganz. Der Chor steht im Mittelpunkt; solistische Passagen dienen weniger virtuoser Entfaltung als vielmehr der klanglichen Auflockerung und der Verdeutlichung einzelner Textaussagen. Die Harmonik bleibt ĂŒberwiegend diatonisch, wird jedoch durch expressive Wendungen an SchlĂŒsselstellen â etwa bei Begriffen wie holiness oder tremble before him â gezielt angereichert. Insgesamt zeigt sich Hayes hier als Komponist mit ausgeprĂ€gtem Sinn fĂŒr liturgische Angemessenheit, TextverstĂ€ndlichkeit und architektonische Klarheit. Text Psalm 96 (Book of Common Prayer) O sing unto the Lord a new song; sing unto the Lord, all the whole earth. Sing unto the Lord, and praise his Name; be telling of his salvation from day to day. Declare his honour unto the heathen, and his wonders unto all people. For the Lord is great, and cannot worthily be praised; he is more to be feared than all gods. As for all the gods of the heathen, they are but idols; but it is the Lord that made the heavens. Glory and worship are before him; power and honour are in his sanctuary. Ascribe unto the Lord, O ye kindreds of the people, ascribe unto the Lord worship and power. Ascribe unto the Lord the honour due unto his Name; bring presents, and come into his courts. O worship the Lord in the beauty of holiness; let the whole earth stand in awe of him. Tell it out among the heathen that the Lord is King, and that it is he who hath made the round world so fast that it cannot be moved; and how that he shall judge the people righteously. Let the heavens rejoice, and let the earth be glad; let the sea make a noise, and all that therein is. Let the field be joyful, and all that is in it; then shall all the trees of the wood rejoice before the Lord. For he cometh, for he cometh to judge the earth; and with righteousness to judge the world, and the people with his truth. Deutsche Ăbersetzung Singt dem Herrn ein neues Lied; singt dem Herrn, alle Welt. Singt dem Herrn und lobt seinen Namen; verkĂŒndet sein Heil von Tag zu Tag. VerkĂŒndet unter den Völkern seine Ehre und unter allen Nationen seine Wunder. Denn groĂ ist der Herr und hoch zu loben; mehr zu fĂŒrchten als alle Götter. Denn alle Götter der Völker sind nichts als Götzen; der Herr aber hat den Himmel gemacht. Hoheit und Pracht sind vor ihm, Macht und Herrlichkeit in seinem Heiligtum. Bringt dar dem Herrn, ihr Geschlechter der Völker, bringt dar dem Herrn Ehre und Macht. Bringt dar dem Herrn die Ehre seines Namens; bringt Opfergaben und kommt in seine Vorhöfe. Betet den Herrn an in der Schönheit der Heiligkeit; es erzittere vor ihm die ganze Erde. VerkĂŒndet unter den Völkern: Der Herr ist König; er hat den Erdkreis fest gegrĂŒndet, dass er nicht wankt; er richtet die Völker in Gerechtigkeit. Der Himmel freue sich, und die Erde sei fröhlich; das Meer brause und alles, was darin ist. Das Feld frohlocke und alles, was darauf ist; dann sollen alle BĂ€ume des Waldes jubeln vor dem Herrn. Denn er kommt, denn er kommt, die Erde zu richten; er richtet den Erdkreis mit Gerechtigkeit und die Völker in seiner Wahrheit. CD-Vorschlag: Ceremonial Oxford, Music for the Georgian University by William Hayes, The Choir of Keble College, Oxford, Leitung Matthew Martin (* 1976), CRD Records, 2017, Track 3. Seitenanfang O Worship the Lord Lo! My Shepherdâs Hand Divine (Psalm 23) Ein stilles, wĂŒrdiges StĂŒck, das mehr durch innere Ruhe als durch Ă€uĂeren Effekt wirkt. Die Vertonung des 23. Psalms Lo! My Shepherdâs hand divine gehört zu jenen englischen PsalmgesĂ€ngen des 18. Jahrhunderts, in denen sich anglikanische Frömmigkeit, klassizistische Klarheit und ein zurĂŒckhaltend empfindsamer Ton verbinden. William Hayes, seit 1735 Heather Professor of Music in Oxford, war kein Neuerer im dramatischen Sinn, wohl aber ein Meister der MaĂhaltung. Gerade darin liegt die besondere QualitĂ€t dieses Gesangs. Der Text geht auf Joseph Addison (1672â1719) zurĂŒck, dessen Psalmparaphrasen zu den literarisch feinsten ihrer Zeit zĂ€hlen. Addison meidet jede barocke BildĂŒberfĂŒlle und fasst Psalm 23 in eine ruhige, pastoral geprĂ€gte Sprache, die Vertrauen und Geborgenheit ausstrahlt. Hayes nimmt diesen Ton sensibel auf: Die Melodie entfaltet sich gleichmĂ€Ăig, mit sanften Bögen und ohne scharfe Kontraste; Harmonik und Satz bleiben bewusst schlicht, fast transparent. Der Gesang wirkt dadurch wie eine musikalische Meditation. Die Stimme steht klar im Vordergrund, getragen von einer Begleitung, die nicht kommentiert, sondern stĂŒtzt. Besonders eindrucksvoll ist, wie Hayes das Motiv des göttlichen Geleits musikalisch umsetzt: keine triumphale Geste, sondern ein ruhiges, stetiges Fortschreiten â ein musikalisches Bild des Vertrauens. Mit einer Dauer von etwa 3 Minuten und 40 Sekunden bleibt das StĂŒck konzentriert und geschlossen; es lĂ€dt nicht zur dramatischen Steigerung ein, sondern zur Sammlung. Lo! My Shepherdâs Hand Divine, Track 4 der CD: https://www.youtube.com/watch?v=1hEwSKPdsMA&list=OLAK5uy_kMdX4ltXKyss4L0BqWVFnXf76A6p4bGac&index=4 Text (englisch) Joseph Addison â Psalm 23, Paraphrase Lo! my shepherdâs hand divine Leads me through the paths of peace; Lo! my shepherdâs hand divine Leads me through the paths of peace. While he leads me, I am blest, For his paths are ever sure; He will guide me where I rest, He will keep my soul secure. Though I walk through shades of death, Fear no ill I will declare; For thy presence, Lord, gives breath, And thy staff is ever there. Thou my table hast prepared In the presence of my foes; Oil and cup my head have shared, Till my joy oâerflowing grows. Surely goodness, mercy mild, All my days shall follow me; In the house of God reconciled I shall dwell eternally. Deutsche Ăbersetzung Sieh, des Hirten gĂŒtâge Hand FĂŒhrt mich still auf Friedenswegen; Sieh, des Hirten gĂŒtâge Hand FĂŒhrt mich sicher, wohlumsorgt. WĂ€hrend er mich leitet, bin ich reich, Denn sein Weg ist fest und klar; Er geleitet mich zum Ruheplatz Und bewahrt mein innerstes Sein. Gehâ ich auch durchs Tal des Todes, FĂŒrchtâ ich nichts, kein dunkles Leid; Denn du bist bei mir, Herr, Dein Stab gibt Trost und Halt. Du bereitest mir den Tisch Vor den Augen meiner Feinde; Du salbst mein Haupt, fĂŒllst meinen Becher, Bis mein GlĂŒck ĂŒberströmt. GĂŒte, Milde, treue Gnade Folgen mir mein Leben lang; Und im Hause meines Gottes Werdâ ich wohnen immerdar. CD-Vorschlag: Ceremonial Oxford, Music for the Georgian University by William Hayes, The Choir of Keble College, Oxford, Leitung Matthew Martin (* 1976), CRD Records, 2017, Track 4. Seitenanfang Lo! My Shepherdâs Hand Divine Lord, how long wilt thou be angry? (um 1734) Die kurze, eindringliche Anthem Lord, how long wilt thou be angry? gehört zu jenen geistlichen Werken William Hayesâ, in denen sich akademische Satzkunst und unmittelbare Affektrhetorik auf exemplarische Weise verbinden. Der Text entstammt Psalm 13 (in der anglikanischen Tradition nach dem Book of Common Prayer rezipiert) und kreist um das existenzielle Spannungsfeld von Verlassenheit, Bitte und wiedergewonnener Zuversicht. Hayes verdichtet diesen Bogen auf knapp vier Minuten: Die anfĂ€ngliche Frageform wird musikalisch als drĂ€ngender Appell gestaltet, mit einer deutlichen Betonung der rhetorischen SchlĂŒsselworte (âhow longâ, âfor everâ), wĂ€hrend die Bitte um Erleuchtung (âlighten mine eyesâ) zu einer klanglich aufgehellten Passage fĂŒhrt. Der Schluss mĂŒndet in eine ruhig gefasste Vertrauensbekennung, deren ZurĂŒckhaltung die zuvor aufgebaute Spannung nicht negiert, sondern transzendiert. Typisch fĂŒr Hayes ist dabei die klare TextverstĂ€ndlichkeit, die kontrollierte Chromatik an affektgeladenen Stellen und eine formale Geschlossenheit, die trotz knapper Dimensionen einen vollstĂ€ndigen geistlichen Verlauf erkennen lĂ€sst. Lord, how long wilt thou be angry, Track 5 der CD: https://www.youtube.com/watch?v=FZJByV_kcTc&list=OLAK5uy_kMdX4ltXKyss4L0BqWVFnXf76A6p4bGac&index=5 FĂŒr englische Anthems der Zeit um 1730 ist nicht die King James Bible maĂgeblich, sondern der Psalmentext des Book of Common Prayer (1662), genauer: der Coverdale-Psalter. Englische Originaltext (Psalm 13 â Book of Common Prayer / Coverdale, 1662) Lord, how long wilt thou be angry? Shall it be for ever? How long wilt thou hide thy face from me? How long shall I seek counsel in my soul, and be so vexed in my heart? How long shall mine enemy triumph over me? Consider, and hear me, O Lord my God; Lighten mine eyes, that I sleep not in death; Lest mine enemy say, I have prevailed against him; For if I be cast down, they that trouble me will rejoice at it. But my trust is in thy mercy; and my heart is joyful in thy salvation. I will sing of the Lord, because he hath dealt so lovingly with me; Yea, I will praise the Name of the Lord Most Highest. Deutsche Ăbersetzung Herr, wie lange willst du zĂŒrnen? Soll es denn ewig so bleiben? Wie lange willst du dein Angesicht vor mir verbergen? Wie lange soll ich Rat suchen in meiner Seele und Kummer tragen in meinem Herzen? Wie lange soll mein Feind ĂŒber mich triumphieren? Schau her und erhöre mich, o Herr, mein Gott; erleuchte meine Augen, damit ich nicht im Tod entschlafe, damit mein Feind nicht sage: Ich habe ihn ĂŒberwĂ€ltigt; denn wenn ich falle, werden sich meine BedrĂ€nger freuen. Ich aber vertraue auf deine GĂŒte, mein Herz freut sich ĂŒber dein Heil. Ich will dem Herrn singen, denn er hat mir Gutes erwiesen; ja, ich will den Namen des Herrn, des Höchsten, preisen. CD-Vorschlag: Ceremonial Oxford, Music for the Georgian University by William Hayes, The Choir of Keble College, Oxford, Leitung Matthew Martin (* 1976), CRD Records, 2017, Track 5. Seitenanfang Lord, how long wilt thou be angry? The Hundredth Psalm The Hundredth Psalm gehört zu den knappen, funktional ausgerichteten Psalmvertonungen William Hayesâ, wie sie im 18. Jahrhundert fĂŒr den anglikanischen Gottesdienst ĂŒblich waren. Nach einem rein instrumentalen Vorspiel setzt der Chor mit einem englischen Psalmtext ein, der nicht aus der lateinischen Vulgata stammt, sondern aus der reformatorischen metrischen Psalmtradition. Hayesâ Vertonung ist festlich, klar gegliedert und syllabisch textnah angelegt; sie verzichtet bewusst auf ausgreifende Wiederholungen oder kontrapunktische KomplexitĂ€t zugunsten von VerstĂ€ndlichkeit und liturgischer PrĂ€gnanz. The Hundredth Psalm, Track 18 der CD: https://www.youtube.com/watch?v=-CmREwQXpCQ&list=OLAK5uy_kMdX4ltXKyss4L0BqWVFnXf76A6p4bGac&index=18 Die Textgrundlage bildet die berĂŒhmte metrische Psalmparaphrase von William Kethe (um 1510â1594), erstmals veröffentlicht 1561 im anglo-schottischen Psalter. Kethes Dichtung paraphrasiert Psalm 100 (Jubilate Deo) und war ĂŒber Jahrhunderte hinweg einer der meistgesungenen Psalmtexte im englischsprachigen Raum. Hayes vertont ausschlieĂlich die Strophen 1 und 2 dieser Paraphrase. Die Strophen 3 und 4, die stĂ€rker belehrenden und moralisch reflektierenden Charakter haben, bleiben unberĂŒcksichtigt â ganz im Sinne der anglikanischen Jubilate-Tradition, die den jubilatorischen Kern des Psalms hervorhebt. Originaltext (englisch) Strophe 1 All people that on Earth do dwell, Sing to the Lord with cheerful voice; Him serve with fear, his praise forth tell; Come ye before him and rejoice. Strophe 2 The Lord, ye know, is God indeed; Without our aid he did us make; We are his folk, he doth us feed, And for his sheep he doth us take. Deutsche Ăbersetzung Strophe 1 Ihr Menschen alle, die auf Erden wohnt, singt dem Herrn mit froher Stimme. Dient ihm in Ehrfurcht, verkĂŒndet sein Lob, tretet vor ihn hin mit Jubel. Strophe 2 Erkennt: Der Herr ist wahrlich Gott. Ohne unser Zutun hat er uns geschaffen. Wir sind sein Volk, von ihm genĂ€hrt, die Schafe, die er sich erwĂ€hlt. CD-Vorschlag: Ceremonial Oxford, Music for the Georgian University by William Hayes, The Choir of Keble College, Oxford, Leitung Matthew Martin (* 1976), CRD Records, 2017, Track 18. Seitenanfang The Hundredth Psalm O be joyful in the Lord, all ye lands Die Anthem O be joyful in the Lord, all ye lands vertont den vollstĂ€ndigen Text von Psalm 100 nach dem Book of Common Prayer (Verse 1â4) und schlieĂt â der anglikanischen Liturgie entsprechend â mit dem Gloria Patri, das ausdrĂŒcklich mit âAmenâ endet. O be joyful in God, all ye lands, Track 14 der CD: https://www.youtube.com/watch?v=5VmVsH7A1Uw&list=OLAK5uy_kMdX4ltXKyss4L0BqWVFnXf76A6p4bGac&index=14 Der Textumfang ist bewusst knapp gehalten; seine musikalische Ausdehnung entsteht durch die formtypische Wiederholung einzelner Verse und Textglieder, wie sie fĂŒr das englische Full Anthem des frĂŒhen 18. Jahrhunderts charakteristisch ist. Hayes gestaltet den Psalm nicht als lineare Rezitation, sondern als klanglich gegliederte Lobpreisarchitektur, in der Freude, Dank und Bekenntnis mehrfach aufgegriffen und verdichtet werden. Der doxologische Schluss verleiht dem Werk liturgische Geschlossenheit und unterstreicht seinen gottesdienstlichen Charakter. Originaltext (Book of Common Prayer â Psalm 100 + Gloria Patri) O be joyful in the Lord, all ye lands; serve the Lord with gladness, and come before His presence with a song. Be ye sure that the Lord, He is God: it is He that hath made us, and not we ourselves; we are His people, and the sheep of His pasture. O go your way into His gates with thanksgiving, and into His courts with praise: be thankful unto Him, and speak good of His Name. For the Lord is gracious; His mercy is everlasting: and His truth endureth from generation to generation. Glory be to the Father, and to the Son, and to the Holy Ghost; As it was in the beginning, is now, and ever shall be, world without end. Amen. Deutsche Ăbersetzung Jauchzet dem Herrn, alle Lande; dienet dem Herrn mit Freuden und kommt vor sein Angesicht mit Jubel. Erkennet, dass der Herr Gott ist; er hat uns gemacht und nicht wir selbst, zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide. Gehet zu seinen Toren ein mit Danken und zu seinen Vorhöfen mit Loben; danket ihm und preiset seinen Namen. Denn der Herr ist freundlich; seine Gnade wĂ€hret ewig, und seine Wahrheit von Geschlecht zu Geschlecht. Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen. CD-Vorschlag: Ceremonial Oxford, Music for the Georgian University by William Hayes, The Choir of Keble College, Oxford, Leitung Matthew Martin (* 1976), CRD Records, 2017, Track 14. Seitenanfang O be joyful in the Lord, all ye lands Voluntary in G-Dur: I. Adagio und II. Allegro Die beiden SĂ€tze Voluntary in G-Dur: I. Adagio und II. Allegro gehören zu den charakteristischen Beispielen der englischen Orgelmusik der Georgian Era und stehen fest in der Tradition des englischen voluntary, wie sie im frĂŒhen und mittleren 18. Jahrhundert gepflegt wurde. Die Anlage als zweisĂ€tzige Komposition â langsame Einleitung und kontrastierender schneller Hauptsatz â entspricht einem damals weit verbreiteten Modell, das auch bei Zeitgenossen wie John Stanley oder Maurice Greene anzutreffen ist. Der Begriff Georgian Era bezeichnet die Regierungszeit der vier britischen Könige Georg IâIV aus dem Haus Hannover (1714â1830). In dieser Epoche erlebte England tiefgreifende politische, gesellschaftliche und kulturelle UmbrĂŒche, innerhalb derer sich eine eigenstĂ€ndige englische Musikkultur herausbildete. FĂŒr die Orgelmusik bedeutet dieser historische Rahmen vor allem eine starke Bindung an die baulichen und liturgischen Gegebenheiten englischer Kirchen. Da die meisten englischen Orgeln des 18. Jahrhunderts noch kein selbstĂ€ndiges Pedalwerk besaĂen, ist die Musik in der Regel manualiter konzipiert. Charakteristische Formen wie das Voluntary, hĂ€ufig zweisĂ€tzig mit einer langsamen, feierlichen Einleitung und einem kontrastierenden lebhaften Schlusssatz, entwickelten sich zu einer typisch englischen Gattung. Der Klangideal dieser Zeit ist weniger monumental als in der norddeutschen Orgeltradition, dafĂŒr von Klarheit, Eleganz und funktionaler Ausrichtung auf den liturgischen Gebrauch geprĂ€gt. Voluntary in G-Dur, Tracks 10 und 11 der CD: https://www.youtube.com/watch?v=GvQz3YdeZ-k&list=OLAK5uy_kMdX4ltXKyss4L0BqWVFnXf76A6p4bGac&index=10 Der eröffnende Adagio-Satz entfaltet sich in ruhigem, getragenem Tempo und erfĂŒllt klar die Funktion einer feierlichen Einleitung. Die Musik ist von einem wĂŒrdevollen, kontemplativen Charakter geprĂ€gt, der weniger auf virtuose Effekte als auf harmonische Ausgewogenheit und klangliche Geschlossenheit zielt. Typisch sind sorgfĂ€ltig ausgefĂŒhrte Vorhalte, ein ruhig schreitender Bass und eine klare, kantable Oberstimme. Der Satz eignet sich besonders fĂŒr einen warmen, nicht zu schweren Orgelklang, wie er auf englischen Instrumenten dieser Zeit mit sanften Prinzipalen oder gedeckten Registern erzielt wurde. Das anschlieĂende Allegro bildet dazu einen deutlichen Kontrast. In hellem G-Dur gehalten, wirkt der Satz lebendig und festlich, ohne seine formale Klarheit zu verlieren. Der musikalische Duktus ist beweglich und transparent; imitatorische Wendungen und rhythmische PrĂ€gnanz verleihen dem StĂŒck einen leicht konzertierenden Charakter. Obwohl der Satz keine strenge Fuge im kontinentalen Sinn darstellt, greift er doch Elemente der Canzona- und Fugentechnik auf und verbindet sie mit einer idiomatisch englischen Eleganz und Ăbersichtlichkeit. Wie bei vielen englischen Voluntaries dieser Zeit ist die Komposition manualiter gedacht. Die fehlende selbstĂ€ndige Pedalstimme entspricht der Bauweise englischer Orgeln des 18. Jahrhunderts, die meist ohne eigenstĂ€ndiges Pedalwerk auskamen. Charakteristisch ist zudem die mögliche Verwendung eines solistischen Registers â etwa des Cornetts oder einer farbigen Oberstimmenregistrierung â, bei der die rechte Hand eine verzierte Melodielinie fĂŒhrt, wĂ€hrend die linke Hand auf einem anderen Manual begleitend wirkt. Moderne Editionen ergĂ€nzen gelegentlich eine optionale Pedalstimme, die jedoch eher praktischen als historischen GrĂŒnden geschuldet ist. Stilistisch steht das Voluntary in G major an der Schnittstelle zwischen spĂ€tbarocker Tradition und galantem Idiom. Hayes verbindet kontrapunktische Klarheit, wie sie im Umfeld HĂ€ndels selbstverstĂ€ndlich war, mit einer zunehmend melodischen, leicht verstĂ€ndlichen Tonsprache. Entstanden ist das Werk sehr wahrscheinlich wĂ€hrend seiner Oxforder Wirkungszeit, in der Hayes als Professor und Organist das akademische und kirchliche Musikleben nachhaltig prĂ€gte. Das Voluntary zeigt ihn als souverĂ€nen Vertreter einer eigenstĂ€ndigen englischen Orgeltradition, die WĂŒrde, Eleganz und praktische Musizierbarkeit auf ĂŒberzeugende Weise miteinander verbindet. CD-Vorschlag: Ceremonial Oxford, Music for the Georgian University by William Hayes, The Choir of Keble College, Oxford, Leitung Matthew Martin (* 1976), CRD Records, 2017, Tracks 10 und 11. Seitenanfang Voluntary in G-Dur Psalm 120 â To God I cryâd with anguish stung Hayesâ Vertonung von Psalm 120 gehört zu den eindrucksvollsten Beispielen seines spĂ€ten geistlichen Schaffens und zeigt ihn auf der Höhe seiner Ausdruckskunst. Der Text stammt aus der poetischen Psalmparaphrase von James Merrick (1720â1769), entnommen aus dessen Sammlung The Psalms, Translated or Paraphrased in English Verse (erstmals 1765). Hayes griff diese Texte gezielt fĂŒr seinen Zyklus Sixteen Psalms selected from the Rev. Mr. Merrickâs new version auf, der zwischen etwa 1773 und 1775 entstand. Merricks PsalmĂŒbertragungen unterscheiden sich grundlegend von den bis dahin in England dominierenden Fassungen von Sternhold & Hopkins oder Tate & Brady. WĂ€hrend diese auf liturgische FunktionalitĂ€t und metrische Schlichtheit zielten, verfolgte Merrick ein dezidiert poetisches Anliegen. Er wollte den biblischen Text nicht nur ĂŒbertragen, sondern ihn in eine zeitgenössische, elegante Sprache ĂŒberfĂŒhren, die Empfindsamkeit, Affekt und moralische Reflexion gleichermaĂen zulieĂ. Genau diese literarische QualitĂ€t machte Merricks Psalmen fĂŒr Hayes besonders attraktiv. Der von Hayes vertonte Text zu Psalm 120 ist vollstĂ€ndig identisch mit Merricks Fassung und wird ohne KĂŒrzungen oder Abweichungen musikalisch umgesetzt. Inhaltlich entfaltet sich ein Spannungsbogen von persönlicher BedrĂ€ngnis ĂŒber moralische Anklage bis hin zu existenzieller Isolation und resignativer Friedenssehnsucht. Der Sprecher beginnt mit einem eindringlichen Klageruf zu Gott, ausgelöst durch Verleumdung und TĂ€uschung. Es folgt eine scharf konturierte Verurteilung der LĂŒge, die nicht abstrakt bleibt, sondern in drastischen Bildern â brennende Kohlen, tödliche Pfeilspitzen â ihre gerechte Strafe imaginiert. Der dritte Abschnitt verlegt das Leiden in eine symbolische Geographie der Fremde: Mesech und Kedar stehen nicht fĂŒr reale Orte, sondern fĂŒr geistige und moralische Entfremdung. Den Abschluss bildet ein bitterer Kontrast zwischen dem eigenen Friedenswillen und der aggressiven Haltung der Umgebung, die jede Rede vom Frieden mit Kriegsgeschrei beantwortet. To God I cryâd with anguish stung, Track 13 der CD: https://www.youtube.com/watch?v=W_jtEnN5V_Y&list=OLAK5uy_kMdX4ltXKyss4L0BqWVFnXf76A6p4bGac&index=13 Hayesâ musikalische Umsetzung löst sich bewusst von der strengen, homogenen Psalmvertonung Ă€lterer englischer Kirchenmusik. Stattdessen arbeitet er mit deutlich kontrastierenden Abschnitten, einer stark textbezogenen Deklamation und affektiver Zuspitzung. Die Klage zu Beginn ist von gespannter LinienfĂŒhrung und expressiver Harmonik geprĂ€gt, wĂ€hrend die Passagen ĂŒber LĂŒge und Vergeltung schĂ€rfer akzentuiert und rhetorisch zugespitzt erscheinen. Besonders auffĂ€llig ist Hayesâ Sinn fĂŒr dramatische Zuspitzung: Die Musik reagiert unmittelbar auf SchlĂŒsselwörter des Textes und nĂ€hert sich in ihrer EmotionalitĂ€t stellenweise der zeitgenössischen englischen Kantate oder sogar der OpernĂ€sthetik an, ohne den geistlichen Charakter preiszugeben. Psalm 120 nimmt damit innerhalb der Sixteen Psalms eine besondere Stellung ein. Er verbindet persönliche Innerlichkeit mit gesellschaftlicher Kritik, poetische Eleganz mit musikalischer Dramatik. Hayes nutzt Merricks Text nicht nur als liturgisches Material, sondern als TrĂ€ger eines emotionalen Diskurses, der fĂŒr das religiöse Empfinden des spĂ€ten 18. Jahrhunderts charakteristisch ist. Die Vertonung zeigt eindrucksvoll, wie sich englische Kirchenmusik dieser Zeit von rein funktionaler Psalmody hin zu einer ausdrucksstarken, individuell gefĂ€rbten geistlichen Kunstform entwickelt. Gerade durch die eindeutig geklĂ€rte Textgrundlage wird deutlich, wie bewusst und reflektiert Hayes mit Merricks Dichtung umgeht. To God I cryâd with anguish stung ist nicht nur eine Psalmvertonung, sondern ein musikalisch-poetisches Zeugnis religiöser Erfahrung zwischen Klage, moralischem Ernst und der unerfĂŒllten Hoffnung auf Frieden. Psalm 120 â Originaltext (James Merrick, 1765) To God I cryâd, with anguish stung, Nor formâd a fruitless prayâr:â âO! save me from the lying tongue And lips of guileful snare!â Thou child of guilt, to falsehood bred, Say, what shall be thy meed? The burning coal, the arrowâs head By mighty hands decreed. Ah me! that Mesechâs deserts wild My wretched steps detain; In Kedarâs tents, a wretch exilâd, I stretch the tedious chain. Long, very long, my soul has dwelt Near those who peace abhor; I speak of peaceâbut when âtis felt, Their voices shout for war. Deutsche Ăbersetzung Zu Gott erhob ich meinen Ruf, von Qual durchbohrt, Und sandte kein vergeblich Flehn empor: âO rette mich vor falscher Zunge Trug Und Lippen, die mit List mich fangen suchân!â Du Kind der Schuld, zur LĂŒge aufgezogen, Sprich: welchen Lohn soll man dir geben? Die glĂŒhende Kohle, die geschĂ€rfte Pfeilspitze, Von mĂ€chtiger Hand dir zugedacht. Ach weh mir, dass in Mesechs wilder Ăde Mein elender Schritt gefangen bleibt; In Kedars Zelten, als Verbannter, Ziehâ ich die lange, drĂŒckende Kette. Lange, ja allzu lange hat meine Seele Bei denen gewohnt, die den Frieden hassen; Ich rede von Frieden â doch sobald er genannt wird, Erhebt sich ihr Ruf zum Krieg. CD-Vorschlag: Ceremonial Oxford, Music for the Georgian University by William Hayes, The Choir of Keble College, Oxford, Leitung Matthew Martin (* 1976), CRD Records, 2017, Track 13. Seitenanfang Psalm 120 â To God I cryâd with anguish stung Lord, thou hast been our refuge Anthem nach Psalm 90 (Book of Common Prayer) William Hayes gehört zu den zentralen, heute jedoch vergleichsweise selten gewĂŒrdigten Gestalten der anglikanischen Kirchenmusik des 18. Jahrhunderts. Seit 1741 wirkte er als Professor of Music an der University of Oxford und war ĂŒber Jahrzehnte eng mit der musikalischen Praxis der UniversitĂ€tskirchen verbunden, insbesondere mit der Magdalen College Chapel, deren Chortradition er nachhaltig prĂ€gte. Hayes verstand sich ausdrĂŒcklich als Komponist fĂŒr den liturgischen Gebrauch: Seine Anthems sind weder konzertant noch experimentell, sondern zielen auf TextverstĂ€ndlichkeit, wĂŒrdige Affektausdeutung und klangliche Klarheit. Das Anthem Lord, thou hast been our refuge vertont den Psalm 90 in der englischen Fassung des Book of Common Prayer, der maĂgeblichen liturgischen Textsammlung der Church of England. Diese Fassung unterscheidet sich in Wortwahl und Rhythmus teilweise von der King James Bible und ist gezielt fĂŒr den gottesdienstlichen Vortrag formuliert. Hayes folgt dem Gebetston dieser Vorlage mit groĂer Genauigkeit und verzichtet bewusst auf textfremde ZusĂ€tze. Lord, thou hast been our refuge, Track 12 der CD: https://www.youtube.com/watch?v=-JAdZaLh1MA&list=OLAK5uy_kMdX4ltXKyss4L0BqWVFnXf76A6p4bGac&index=12 Inhaltlich entfaltet der Psalm ein Spannungsfeld zwischen göttlicher Ewigkeit und menschlicher VergĂ€nglichkeit. Hayesâ musikalische Umsetzung unterstreicht diesen Kontrast durch ruhige, getragen angelegte Abschnitte bei Aussagen ĂŒber Gottes Zeitlosigkeit und durch bewegtere, oft stĂ€rker rhythmisierte Passagen bei der Beschreibung des flĂŒchtigen menschlichen Lebens. Charakteristisch ist dabei seine ausgewogene Behandlung des Chores: keine extreme VirtuositĂ€t, sondern klare StimmfĂŒhrung, syllabische Textvertonung und eine zurĂŒckhaltende, dienende Harmonik. Gerade diese formale Disziplin verleiht dem Werk seine eindringliche Wirkung und macht es zu einem typischen Beispiel der gelehrten, zugleich pastoral geprĂ€gten Oxford-Tradition des 18. Jahrhunderts. Text (Psalm 90, Book of Common Prayer) Lord, thou hast been our refuge: from one generation to another. Before the mountains were brought forth, or ever the earth and the world were made: thou art God from everlasting, and world without end. Thou turnest man to destruction: again thou sayest, Come again, ye children of men. For a thousand years in thy sight are but as yesterday: seeing that is past as a watch in the night. As soon as thou scatterest them, they are even as a sleep: and fade away suddenly like the grass. Deutsche Ăbersetzung (auf Grundlage der anglikanischen Psalterfassung) Herr, du bist unsere Zuflucht gewesen von einem Geschlecht zum andern. Ehe die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen waren, bist du Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Du lĂ€sst den Menschen vergehen und sprichst wiederum: Kommt zurĂŒck, ihr Menschenkinder. Denn tausend Jahre sind vor dir wie der gestrige Tag, der vergangen ist, wie eine Wache in der Nacht. Du raffst sie dahin, sie sind wie ein Schlaf, und vergehen plötzlich wie das Gras. Mit Lord, thou hast been our refuge zeigt William Hayes exemplarisch, wie sich theologische Ernsthaftigkeit, sprachliche Klarheit und musikalische MaĂhaltung verbinden lassen. Das Werk steht ganz im Dienst des Textes und der Liturgie und vermeidet jede Ă€uĂerliche Dramatik. Gerade dadurch entfaltet es eine stille, nachhaltige Eindringlichkeit, die fĂŒr die anglikanische Chormusik des 18. Jahrhunderts ebenso typisch ist wie fĂŒr Hayesâ eigenes kompositorisches SelbstverstĂ€ndnis als UniversitĂ€tsmusiker und Kirchenkomponist. CD-Vorschlag: Ceremonial Oxford, Music for the Georgian University by William Hayes, The Choir of Keble College, Oxford, Leitung Matthew Martin (* 1976), CRD Records, 2017, Track 12. Seitenanfang Lord, thou hast been our refuge Save, Lord, and hear us Full Anthem for Five Voices (SSATB) and Organ Das Anthem Save, Lord, and hear us gehört zu den reprĂ€sentativen geistlichen Kompositionen der englischen Kirchenmusik des 18. Jahrhunderts und steht exemplarisch fĂŒr den Ăbergang vom englischen SpĂ€tbarock zur frĂŒhen Klassik. Der Komponist William Hayes wirkte den gröĂten Teil seiner Laufbahn in Oxford, wo er ab 1734 als Organist des Magdalen College tĂ€tig war und spĂ€ter das Amt des Professor of Music an der University of Oxford bekleidete. In dieser Doppelrolle prĂ€gte er das liturgische Musikleben der Colleges ebenso wie die akademische Lehre und galt bereits zu Lebzeiten als maĂgebliche AutoritĂ€t der anglikanischen Kirchenmusik. Das Werk ist als Full Anthem konzipiert, mithin als durchgehend chorische Komposition ohne solistische Verse. Die Besetzung umfasst fĂŒnf Stimmen (SSATB); die AusfĂŒhrung kann a cappella erfolgen oder â wie in den zeitgenössischen Drucken vorgesehen â mit Orgelbegleitung, die den Chorsatz klanglich stĂŒtzt und strukturiert. Der Full-Anthem-Typus verleiht dem Werk eine geschlossene, feierliche Anlage, die auf kollektives Gebet und liturgische WĂŒrde zielt. Stilistisch steht Save, Lord, and hear us in der englischen Tradition des sogenannten âgelehrten Stilsâ, wie er durch die Rezeption George Frideric Handels (1685â1759) in England maĂgeblich geprĂ€gt wurde. Hayes verwendet kontrapunktische Verfahren, imitatorische EinsĂ€tze und punktuell fugale Verdichtungen, ohne in opernhafte Dramatisierung auszuweichen. Charakteristisch ist eine kontrollierte, textbezogene Rhetorik: Wiederholungen zentraler Bitten sind bewusst gesetzt, homophone Passagen sichern die TextverstĂ€ndlichkeit. Save, Lord, and hear us, Track 9 der CD: https://www.youtube.com/watch?v=Uc_yNloEhZE&list=OLAK5uy_kMdX4ltXKyss4L0BqWVFnXf76A6p4bGac&index=9 Der Text ist kompilatorisch angelegt. Der Titelkopf der maĂgeblichen Quelle nennt ausdrĂŒcklich Psalm 20, Vers 9; Psalm 28, Vers 10; Psalm 21, Vers 13 nach dem Psalter des Book of Common Prayer (1662). Die Kombination ist theologisch wie liturgisch schlĂŒssig: Der Bittruf (Ps 20) wird durch FĂŒrbitte und Segensformel (Ps 28) vertieft und mĂŒndet in einen doxologischen Lobpreis (Ps 21). Die wiederholte Anrufung âSave, Lord, and hear usâ bildet das semantische und musikalische Zentrum. Zur Ăberlieferung ist zwischen Einzelstich und Auswahlausgabe zu unterscheiden. Das Anthem ist als Kupferstich Plate 87 ĂŒberliefert (Subskriptionsserie). Daneben dokumentiert die groĂformatige Auswahl Cathedral Music, in score, composed by Dr. William Hayes (Oxford 1795) die Praxis des Full-Anthem-Satzes; herausgegeben wurde sie von Philip Hayes (1738â1797), der nach dem Tod seines Vaters dessen Oxforder Ămter ĂŒbernahm und den Nachlass systematisch sicherte. Diese Ausgabe ist ausdrĂŒcklich eine Auswahl; nicht alle zuvor gestochenen Anthems wurden aufgenommen. Ohne Philips editorisches Engagement wĂ€re ein erheblicher Teil des Ćuvres auf den internen Gebrauch der Oxforder Colleges beschrĂ€nkt geblieben. Die Rezeption im 19. Jahrhundert ist eng mit Vincent Novello (1781â1861) verbunden, der im Verlag J. Alfred Novello durch editorische Arbeit die Verbreitung englischer Kirchenmusik des 18. Jahrhunderts entscheidend förderte. Heute sind maĂgebliche Drucke u. a. in den Bodleian Libraries (Oxford), der British Library (London) und der BibliothĂšque nationale de France (Paris) ĂŒberliefert; letztere stellt Digitalisate frei zugĂ€nglich bereit (z. B. VM7-542). VollstĂ€ndiger gesungener Text (nach der PrimĂ€rquelle) Psalm 20, Vers 9 Save, Lord, and hear us, O King of Heavân, when we call upon thee. Save, Lord, and hear us, when we call, when we call upon thee. And hear us, and hear us, when we call; Save, Lord, and hear us, O King of Heavân. Psalm 28, Vers 10 Save thy people, and bless thine inheritance; feed them also, and lift them up for ever. Save thy people, and bless thine inheritance; feed them also, and lift them up, lift them up for ever. Psalm 21, Vers 13 Be thou exalted, Lord, in thine own strength; so will we sing, and praise thy power. Be thou exalted, Lord, in thine own strength; so will we sing, so will we sing, and praise thy power. Deutsche Ăbersetzung Psalm 20 Rette uns, o Herr, und erhöre uns, o König des Himmels, wenn wir zu dir rufen. Rette uns, o Herr, und erhöre uns, wenn wir rufen, wenn wir zu dir rufen. Und erhöre uns, und erhöre uns, wenn wir rufen; Rette uns, o Herr, und erhöre uns, o König des Himmels. Psalm 28 Rette dein Volk und segne dein Erbe; weide sie auch und erhebe sie auf ewig. Rette dein Volk und segne dein Erbe; weide sie auch und erhebe sie, erhebe sie auf ewig. Psalm 21 Erhebe dich, o Herr, in deiner eigenen StĂ€rke; so wollen wir singen und deine Macht preisen. Erhebe dich, o Herr, in deiner eigenen StĂ€rke; so wollen wir singen, so wollen wir singen und deine Macht preisen. CD-Vorschlag: Ceremonial Oxford, Music for the Georgian University by William Hayes, The Choir of Keble College, Oxford, Leitung Matthew Martin (* 1976), CRD Records, 2017, Track 9. Seitenanfang Save, Lord, and hear us Cantate Domino und Deus Misereatur â Service in Es-Dur Die Vertonung der beiden alternativen Abendkantika Cantate Domino (Psalm 98) und Deus Misereatur (Psalm 67) nimmt innerhalb des geistlichen Ćuvres von William Hayes eine besondere Stellung ein. Beide SĂ€tze sind fĂŒr den liturgischen Gebrauch im anglikanischen Evensong bestimmt und treten gemÀà den Vorgaben des Book of Common Prayer als alternatives Kantikenpaar an die Stelle von Magnificat und Nunc dimittis. Ihre Konzeption als zusammengehöriges Werk entspricht damit einer klar umrissenen gottesdienstlichen Praxis, nicht einer freien konzertanten Anlage. Die gebrĂ€uchlichste Fassung steht in Es-Dur und ist fĂŒr gemischten Chor (SATB) mit Orgelbegleitung ausgearbeitet. Stilistisch verbindet Hayes die formale Klarheit der englischen Service-Komposition des spĂ€ten 17. Jahrhunderts mit einer stĂ€rker melodisch geprĂ€gten, ausgewogenen Tonsprache der Mitte des 18. Jahrhunderts. Die musikalische Struktur ist ĂŒbersichtlich gegliedert, eng an der Textsyntax orientiert und auf optimale VerstĂ€ndlichkeit ausgerichtet, ohne auf kontrapunktische Arbeit oder klangliche Wirkung zu verzichten. Die Musik dient eindeutig dem Wort, entfaltet dabei jedoch eine ruhige, wĂŒrdige Festlichkeit. Besonders gut dokumentiert ist das Cantate Domino, das in den HandschriftenbestĂ€nden der Norwich Cathedral ĂŒberliefert ist. Die dort erhaltenen Stimmen gehören zu den frĂŒhesten bekannten Quellen und lassen sich mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits in die 1750er Jahre datieren. Damit ist das Werk deutlich vor der posthumen Veröffentlichung in der von Hayesâ Sohn Philip Hayes (1738â1797)) im Jahr 1795 herausgegebenen Gesamtsammlung nachweisbar. Diese frĂŒhe Ăberlieferung belegt eine kontinuierliche liturgische Nutzung noch zu Lebzeiten des Komponisten und weist auf eine regionale wie ĂŒberregionale Verbreitung innerhalb der englischen Kathedralmusik hin. Norwich Cathedral spielte in der Entwicklung alternativer Kantiken eine herausragende Rolle. Bereits im spĂ€ten 17. Jahrhundert gehörte die Kathedrale zu den Zentren, an denen Cantate Domino und Deus Misereatur regelmĂ€Ăig polyphon vertont und aufgefĂŒhrt wurden. Diese Praxis dĂŒrfte auf andere ostanglische Kathedralen ausgestrahlt haben. In diesem traditionsreichen Umfeld steht auch die frĂŒhe Service in F von John Connould (â 1703) aus den frĂŒhen 1670er Jahren, entstanden zu einer Zeit, als Henry Purcell (*1659 (?) â â 1695) noch sehr jung war. Hayes knĂŒpft an diese Linie an, formuliert sie jedoch in der gereiften Sprache des 18. Jahrhunderts neu. Quellen auĂerhalb von Norwich deuten darauf hin, dass Cantate Domino und Deus Misereatur ursprĂŒnglich Teil eines gröĂeren, zusammengesetzten Service-Zyklus waren. Hayes schrieb seine Abendkantika offenbar als ErgĂ€nzung zu einer bereits bestehenden Vertonung der MorgengesĂ€nge in Es-Dur, bestehend aus einem Te Deum von Henry Hall (1656â1707) und einem Jubilate von William Hine (1687â1730). Diese Verbindung ist auch biografisch plausibel: Hayes war als KnabensĂ€nger an der Gloucester Cathedral SchĂŒler von William Hine, wĂ€hrend er spĂ€ter selbst als Informator Choristarum am Magdalen College in Oxford wirkte â jenem Ort, an dem Hine Jahrzehnte zuvor als Chorknabe tĂ€tig gewesen war. Die personellen und institutionellen Verflechtungen spiegeln sich somit unmittelbar im musikalischen Werkzusammenhang. WĂ€hrend das Cantate Domino inzwischen in einer modernen Einspielung zugĂ€nglich ist, galt das Deus Misereatur lange Zeit als klanglich kaum dokumentiert. Seine Existenz ist jedoch eindeutig quellenmĂ€Ăig belegt, ebenso der vollstĂ€ndige Text nach Psalm 67 in der Fassung des Book of Common Prayer, einschlieĂlich des abschlieĂenden Gloria Patri. Die aufgefundene Musik bestĂ€tigt endgĂŒltig die ursprĂŒngliche Konzeption beider Kantika als zusammengehöriges Evensong-Paar. Cantate Domino: https://www.ancientgroove.co.uk/audio/CantateDomino.m4a Deus Misereatur: https://www.ancientgroove.co.uk/audio/DeusMisereatur.m4a Insgesamt dokumentiert Hayesâ Service in Es-Dur eindrucksvoll den Ăbergang von der restaurationszeitlichen Service-Tradition zur gereiften, ausgewogenen Kathedralmusik des 18. Jahrhunderts: liturgisch funktional, stilistisch klar konturiert und ĂŒber Jahrzehnte hinweg im kirchlichen Alltag prĂ€sent â ein Werk, dessen Bedeutung erst durch die erneute klangliche ErschlieĂung vollstĂ€ndig sichtbar wird. Cantate Domino (Psalm 98, Book of Common Prayer) Originaltext O sing unto the Lord a new song: for he hath done marvellous things. With his own right hand, and with his holy arm: hath he gotten himself the victory. The Lord declared his salvation: his righteousness hath he openly showed in the sight of the heathen. He hath remembered his mercy and truth toward the house of Israel: and all the ends of the world have seen the salvation of our God. Show yourselves joyful unto the Lord, all ye lands: sing, rejoice, and give thanks. Praise the Lord upon the harp: sing to the harp with a psalm of thanksgiving. With trumpets also and shawms: O shew yourselves joyful before the Lord the King. Let the sea make a noise, and all that therein is: the round world, and they that dwell therein. Let the floods clap their hands, and let the hills be joyful together before the Lord: for he cometh to judge the earth. With righteousness shall he judge the world: and the people with equity. Glory be to the Father, and to the Son, and to the Holy Ghost; As it was in the beginning, is now, and ever shall be, world without end. Amen. Deutsche Ăbersetzung O singet dem Herrn ein neues Lied, denn er hat Wunderbares getan. Mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm hat er sich den Sieg errungen. Der Herr hat sein Heil kundgetan und seine Gerechtigkeit offenbart vor den Völkern. Er gedachte seiner Barmherzigkeit und Treue gegen das Haus Israel, und alle Enden der Welt haben das Heil unseres Gottes gesehen. Jauchzet dem Herrn, alle LĂ€nder, singet, frohlocket und danket ihm. Lobet den Herrn mit der Harfe, singet ihm mit Harfenklang und Dankpsalm. Mit Trompeten und Schalmeien jauchzet vor dem Herrn, dem König. Das Meer brause und alles, was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen. Die Ströme sollen in die HĂ€nde klatschen, die Berge miteinander frohlocken vor dem Herrn; denn er kommt, die Erde zu richten. Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und die Völker mit Recht. Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen. Deus Misereatur (Psalm 67, Book of Common Prayer) Originaltext God be merciful unto us, and bless us: and shew us the light of his countenance, and be merciful unto us; That thy way may be known upon earth: thy saving health among all nations. Let the people praise thee, O God: yea, let all the people praise thee. O let the nations rejoice and be glad: for thou shalt judge the folk righteously, and govern the nations upon earth. Let the people praise thee, O God: yea, let all the people praise thee. Then shall the earth bring forth her increase: and God, even our own God, shall give us his blessing. God shall bless us: and all the ends of the world shall fear him. Glory be to the Father, and to the Son, and to the Holy Ghost; As it was in the beginning, is now, and ever shall be, world without end. Amen. Deutsche Ăbersetzung Gott sei uns gnĂ€dig und segne uns und lasse sein Angesicht ĂŒber uns leuchten. Dass man auf Erden erkenne seinen Weg und unter allen Völkern sein Heil. Es sollen dir danken die Völker, o Gott, es sollen dir danken alle Völker. Die Nationen sollen sich freuen und jubeln, denn du richtest die Völker gerecht und leitest die Nationen auf Erden. Es sollen dir danken die Völker, o Gott, es sollen dir danken alle Völker. Das Land wird seinen Ertrag geben, und Gott, unser Gott, wird uns segnen. Gott wird uns segnen, und alle Enden der Erde werden ihn fĂŒrchten. Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen. Seitenanfang Cantate Domino und Deus Misereatur â Service in Es-Dur
- Alte Musik und Klassik | Musikgeschichte
Die Seite altemusikundklassik widmet sich der Kunst, alte Musik und klassische Werke neu zu hören. Neuigkeiten Neuigkeiten Mozart schĂ€tzte Michael Haydn auĂerordentlich, nicht zuletzt wegen dessen kontrapunktischer Sorgfalt, melodischer Erfindungskraft und seiner natĂŒrlichen, nicht demonstrativen MusikalitĂ€t. Diese WertschĂ€tzung war gegenseitig; Haydn erkannte Mozarts auĂergewöhnliche FĂ€higkeiten frĂŒh und ohne jede RivalitĂ€t... William Hayes war einer der prĂ€genden englischen Musiker des 18. Jahrhunderts auĂerhalb Londons: Komponist, Organist, SĂ€nger, Musiktheoretiker und ĂŒber Jahrzehnte zentrale Gestalt des akademischen Musiklebens in Oxford... Das Rondo in a-Moll KV 511 entstand im Jahr 1787 und zĂ€hlt zu den rĂ€tselhaftesten Klavierwerken von Wolfgang Amadeus Mozart... Alessandro Ignazio Marcello (1673 - 1747) war venezianischer Patrizier, Komponist, Dichter, Maler und Gelehrter... Die Seite "altemusikundklassik" widmet sich der Kunst, alte Musik und klassische Werke neu zu hören â mit wachen Ohren, offenem Geist und einem GespĂŒr fĂŒr das, was hinter den Noten liegt. Im Zentrum steht das Verstehen: lateinische Texte werden zugĂ€nglich gemacht, verborgene Bedeutungen aufgedeckt, musikalische Strukturen erklĂ€rt â nicht akademisch trocken, sondern lebendig und nachvollziehbar. Viele Werke der Vokalpolyphonie, der Renaissance und des Barocks sind heute kaum mehr bekannt. Nicht, weil sie an Tiefe oder Schönheit verloren hĂ€tten â sondern weil das Wissen um ihre Sprache, ihren Kontext und ihren geistigen Gehalt langsam verblasst. Diese Seite will dem etwas entgegensetzen: Sie möchte zeigen, was Komponisten einst sagen wollten â und was diese Musik auch uns heute noch zu sagen hat. Dabei geht es nicht um Spezialistentum, sondern um Perspektiven. Um das Staunen ĂŒber kunstvolle KlĂ€nge. Um ein neues Sehen und Hören â jenseits eingefahrener Deutungen, jenseits musealer Stille. Alte Musik wird hier nicht konserviert, sondern zum Sprechen gebracht. Mein Name ist Andreas Pawlik, ich bin Lehrer fĂŒr Geschichte und Latein â und zugleich jemand, der Musik nicht als bloĂes Klangereignis, sondern als kulturelles GedĂ€chtnis versteht. Diese Seite ist aus dem Wunsch entstanden, Klang, Sprache und historische Bedeutung miteinander zu verbinden â so, wie sie von den Komponisten gedacht waren. Ein wesentlicher Teil meiner Arbeit bildet die Ăbersetzung der Originaltexte, die in der Vokalmusik Europas erklingen. Alle hier veröffentlichten Ăbertragungen â aus dem Lateinischen, Mittelfranzösischen, Altpolnischen, Alttschechischen, Russischen und Kirchenslawischen â sind von mir selbst angefertigt. Ich verwende grundsĂ€tzlich keine bestehenden Ăbersetzungen, weil ich ĂŒberzeugt bin, dass nur das unmittelbare Arbeiten am Originalwort die innere Dramaturgie eines MusikstĂŒcks wirklich erfahrbar macht. FĂŒr lateinische Texte bilden die Biblia Sacra Vulgata (Editio Clementina und Nova Vulgata) die philologische Grundlage, da sie den liturgisch-musikalischen Sprachraum der Renaissance und des FrĂŒhbarock geprĂ€gt hat. Wo die musikalische Formulierung es erfordert, beziehe ich den griechischen Urtext und die Septuaginta ein, um Bedeutungsfelder prĂ€ziser zu fassen. Die klassische Lutherbibel dient mir als poetischer Resonanzraum, wĂ€hrend die EinheitsĂŒbersetzung eher eine kontrollierende Gegenstimme darstellt â hilfreich in der Terminologie, aber bewusst nicht stilprĂ€gend. Mittelfranzösische Dichtungen und Texte der franko-flĂ€mischen Polyphonie ĂŒbertrage ich unter Wahrung ihrer historischen Bildlichkeit, ohne sie zu glĂ€tten oder in modernes Deutsch umzuschreiben. Altpolnische und alttschechische Quellen, besonders solche aus der reformatorisch-humanistischen Tradition, ĂŒbersetze ich ohne Umweg ĂŒber spĂ€tere Sprachstufen und mit Respekt vor ihrer ursprĂŒnglichen Orthographie. Russische und kirchenslawische Texte, die in geistlichen Konzerten und liturgischen GesĂ€ngen erscheinen, ĂŒberfĂŒhre ich ins Deutsche so, dass ihre ikonische Sprachschwere, ihre Mystik und rhythmische Gravitation erhalten bleiben.
- Wissenswert | Alte Musik und Klassik
Zwei Freunde - zwei Konzerte Das Berliner Mozart-PortrĂ€t Geburtstag Mozarts In der höchsten Kunst der Musik... Der miĂratene Sohn Kindsein Im Anfang... Nach Weihnachten Mehr Weihnachten Kein Weihnachten Sibeliusâ Nachhall Chopin post mortem Mozarts rĂ€tselhafte Sinfonie Strawinskys Skandal Bachs Opfer Haydns Kopf Zu Hilfe: Ravel! Bach: UrauffĂŒhrung Sieur de Blancrocher HĂ€ndel der Brite Chopins Geburtstag Beethovens falsche Ode Polnische Nationalhymne Acht Fundamentalnoten Doppelte Nationalhymne Giazotto als Albinoni Katholik und AufklĂ€rer Bruder Mozart Mozarts Grab Die Zauberflöte Die EntfĂŒhrung aus dem Serail Mozart und Beethoven Kein Mozart Viottis Nationalhymne Zwei Freunde - zwei Konzerte Johann Michael Haydn (1737â1806), der jĂŒngere Bruder von Joseph Haydn (1732â1809), gehörte ĂŒber Jahrzehnte zu den prĂ€genden musikalischen Persönlichkeiten Salzburgs. Seit 1763 stand er im Dienst des Salzburger FĂŒrsterzbistums und wirkte dort zunĂ€chst als Hofmusikus und Konzertmeister. Seine TĂ€tigkeit fiel in eine Zeit tiefgreifender musikalischer und institutioneller VerĂ€nderungen am Hof, die sich insbesondere unter dem langjĂ€hrigen FĂŒrsterzbischof Hieronymus von Colloredo (1732â1812, Amtszeit als FĂŒrsterzbischof von Salzburg 1772â1803) zuspitzten. Ab 1781 ĂŒbernahm Michael Haydn zusĂ€tzlich das Amt des Hof- und Domorganisten an der Salzburger Dreifaltigkeitskirche, eine Position, die ihm nicht nur hohes Ansehen, sondern auch ein enormes Arbeitspensum abverlangte. Michael Haydn war keine Randfigur des Musiklebens, sondern ein hochgeschĂ€tzter Komponist geistlicher und instrumentaler Werke, dessen Stil zwischen SpĂ€tbarock, empfindsamem Stil und frĂŒher Klassik vermittelt und der in Salzburg eine ganz eigene, unverwechselbare Tonsprache ausbildete. Ăber Michael Haydns private LebensumstĂ€nde ist wenig bekannt. Sicher ist, dass er den gröĂten Teil seines Erwachsenenlebens in Salzburg verbrachte und dort auch mit seiner Familie lebte. Seine Wohnorte wechselten im Laufe der Jahre mehrfach innerhalb der Stadt; dokumentiert sind unter anderem Wohnungen in der NĂ€he des Dombezirks, was angesichts seiner beruflichen Verpflichtungen naheliegt. In diesem Salzburger Umfeld entwickelte sich auch das enge persönliche VerhĂ€ltnis zu Wolfgang Amadeus Mozart (1756â1791). Beide standen â wenn auch in unterschiedlicher Funktion â im Dienst desselben Salzburger FĂŒrsterzbischofs, Hieronymus von Colloredo, und begegneten einander nicht nur beruflich, sondern freundschaftlich. Mozart schĂ€tzte Michael Haydn auĂerordentlich, nicht zuletzt wegen dessen kontrapunktischer Sorgfalt, melodischer Erfindungskraft und seiner natĂŒrlichen, nicht demonstrativen MusikalitĂ€t. Diese WertschĂ€tzung war gegenseitig; Haydn erkannte Mozarts auĂergewöhnliche FĂ€higkeiten frĂŒh und ohne jede RivalitĂ€t. Auch Mozarts Aufenthalte in Salzburg lassen sich fĂŒr diese Zeit relativ gut eingrenzen. WĂ€hrend seines Besuchs von Juli bis Oktober 1783 wohnte Mozart nach heutiger Kenntnis nicht im erzbischöflichen Umfeld, sondern bei seiner Schwester Maria Anna Mozart (1751â1829) und deren Ehemann Johann Baptist Franz von Berchtold zu Sonnenburg (1736â1801) am heutigen Makartplatz. Von dort aus pflegte er enge persönliche Kontakte, unter anderem zu Michael Haydn, den er in dieser Zeit regelmĂ€Ăig aufsuchte. Ein besonders aufschlussreiches Licht auf dieses VerhĂ€ltnis wirft eine Episode aus dem Jahr 1783, ĂŒberliefert von Georg Nikolaus von Nissen (1761â1826), dem spĂ€teren Ehemann von Mozarts Witwe Constanze und einem der frĂŒhesten Mozart-Biographen. Nissen berichtet, Michael Haydn habe auf ausdrĂŒcklichen Befehl des FĂŒrsterzbischofs Duette fĂŒr Violine und Viola zu liefern gehabt. Eine plötzliche, schwere Erkrankung habe ihn jedoch daran gehindert, den Auftrag fristgerecht zu erfĂŒllen. Woran Michael Haydn konkret litt, ist in den Quellen nicht eindeutig ĂŒberliefert; zeitgenössische Berichte sprechen lediglich von einer âheftigen Krankheitâ, die ihn fĂŒr lĂ€ngere Zeit arbeitsunfĂ€hig machte. Die Situation war existenziell: Man drohte Haydn mit GehaltskĂŒrzungen, offenbar aus Unkenntnis oder GleichgĂŒltigkeit gegenĂŒber seinem tatsĂ€chlichen Gesundheitszustand. Mozart, der sich zu dieser Zeit in Salzburg aufhielt und den erkrankten Freund regelmĂ€Ăig besuchte, erfuhr von dieser BedrĂ€ngnis. Ohne Ă€uĂeren Auftrag, ohne Aussicht auf Anerkennung oder Bezahlung, setzte er sich hin und schrieb die geforderten Duette in bemerkenswert kurzer Zeit. Sie wurden unter Michael Haydns Namen beim Hof eingereicht â und erfĂŒllten ihren Zweck. Es war ein Akt stiller SolidaritĂ€t, nicht heroisch ausgestellt, sondern pragmatisch, diskret und zutiefst menschlich. Aus diesem Vorgang sind die beiden Duette fĂŒr Violine und Viola in G-Dur KV 423 und B-Dur KV 424 hervorgegangen. Entscheidend ist dabei: Diese Werke sind keine Paraphrasen, keine Bearbeitungen und keine stilistischen Nachahmungen konkreter Kompositionen Michael Haydns. Mozart schrieb sie vollstĂ€ndig selbst. Dennoch handelt es sich auch nicht um bloĂe Anekdotenmusik. Vielmehr bewegen sich die Duette bewusst in einem idiomatischen Raum, der Michael Haydns Tonsprache nahekommt: klar strukturiert, dialogisch angelegt, kammermusikalisch ausgewogen, ohne virtuose Selbstinszenierung. Mozart âverstelltâ sich hier nicht, aber er vermeidet alles, was auffĂ€llig nach Wiener Brillanz oder opernhafter Dramatik klingen wĂŒrde. Gerade darin liegt ihre besondere QualitĂ€t. Die beiden Instrumente begegnen einander auf Augenhöhe, imitieren, kommentieren, widersprechen sich â eine musikalische Konversation, die ebenso von handwerklicher Eleganz wie von innerer WĂ€rme geprĂ€gt ist. Es ist Musik, die nicht beeindrucken will, sondern ĂŒberzeugt. Dass sie unter fremdem Namen eingereicht wurde, schmĂ€lert ihren Rang nicht; im Gegenteil: Sie zeigt Mozart in einer seltenen Haltung des Dienens, des ZurĂŒcktretens, des Freundschaftsdienstes. Die Geschichte dieser Duette ist also mehr als eine hĂŒbsche Episode aus dem Salzburger Musikleben. Sie erzĂ€hlt von Arbeitsbedingungen, von AbhĂ€ngigkeiten am Hof, von Krankheit und Existenzangst â und von einem Komponisten, der in einem entscheidenden Moment nicht an Ruhm, sondern an einen Freund dachte. Wer diese Musik hört, kann sie selbstverstĂ€ndlich rein musikalisch genieĂen. Wer jedoch ihren Entstehungskontext kennt, hört darin vielleicht auch etwas anderes: eine leise, unaufdringliche Geste menschlicher LoyalitĂ€t, festgehalten in Tönen. Hinsichtlich des Duetts fĂŒr Violine und Viola in G-Dur KV 423 habe ich mich bewusst fĂŒr die Interpretation von Arthur Grumiaux (1921â1986) an der Violine und Arrigo Pelliccia (1920â1994) an der Viola entschieden. Diese Aufnahme entstand in den frĂŒhen 1960er-Jahren fĂŒr das Label Philips und wurde spĂ€ter unverĂ€ndert in die groĂe The Complete Mozart Edition (Philips Classics, 1990â1991) ĂŒbernommen, dort innerhalb der Box 8 (Kammermusik fĂŒr Streicher), CD 1, Tracks 7â9. https://www.youtube.com/watch?v=Gzemq3bpz54 Was diese Interpretation besonders geeignet macht, ist ihre bewusste ZurĂŒckhaltung gegenĂŒber allem, was man gemeinhin als âtypisch mozartischâ im virtuosen oder brillanten Sinne empfindet. Grumiaux und Pelliccia spielen das Werk nicht als verkapptes SolostĂŒck mit Begleitstimme, sondern als echtes Duett zweier gleichberechtigter Partner. Die Klangbalance ist sorgsam austariert, die Artikulation klar, die Phrasierung ruhig und weit gespannt. Nichts drĂ€ngt nach vordergrĂŒndigem Effekt, nichts sucht demonstrative Eleganz. Gerade dadurch rĂŒckt die Musik in eine Ă€sthetische NĂ€he zu Johann Michael Haydn. Der Tonfall ist nĂŒchtern, beinahe spröde, dabei von innerer WĂ€rme getragen. Die Tempi bleiben moderat, die Dynamik differenziert, aber nie dramatisch zugespitzt. Besonders auffĂ€llig ist der Verzicht auf jede Form von Virtuosenpathos: Die Violine glĂ€nzt nicht, die Viola behauptet sich selbstverstĂ€ndlich, und beide Stimmen entfalten ihre Wirkung aus dem motivischen Dialog heraus, nicht aus solistischer Selbstdarstellung. Diese Lesart lĂ€sst das Duett weniger als ein âtypisches Mozart-Werkâ erscheinen, sondern eher als eine bewusste AnnĂ€herung an die Tonsprache Michael Haydns, wie sie Mozart in dieser besonderen Situation gewĂ€hlt haben dĂŒrfte. Die Musik wirkt dadurch sachlicher, kammermusikalischer, fast dienstbar â ganz im Sinne ihres ursprĂŒnglichen Entstehungskontexts. Man hört hier keinen Komponisten, der sich selbst ins Zentrum stellt, sondern einen, der sich stilistisch zurĂŒcknimmt und das Werk ganz aus der Form, aus dem Satz und aus der Balance der Stimmen heraus entwickelt. Gerade diese Haltung macht die Aufnahme von Grumiaux und Pelliccia so ĂŒberzeugend. Sie vermeidet jede nachtrĂ€gliche Romantisierung oder stilistische Ăberhöhung und bewahrt stattdessen jene schlichte Noblesse, die das Werk seiner Herkunft und seiner besonderen Geschichte entsprechend erscheinen lĂ€sst. Wer KV 423 nicht als virtuoses KabinettstĂŒck, sondern als musikalischen Freundschaftsdienst verstehen möchte, findet in dieser Interpretation eine besonders stimmige und glaubwĂŒrdige Umsetzung. Was das Duett fĂŒr Violine und Viola Nr. 2 in B-Dur KV 424 anbetrifft, habe ich mich ebenfalls fĂŒr die Einspielung von Arthur Grumiaux an der Violine und Arrigo Pelliccia an der Viola entschieden. Die Aufnahme, die auf derselben Philips-CD wie KV 423 enthalten ist (Box 8 der Complete Mozart Edition, CD 1, Tracks 10â12), zeigt diese Musik von einer anderen, reiferen Seite und ergĂ€nzt das G-Dur-Duett in idealer Weise. https://www.youtube.com/watch?v=f8Ay_K_CKTU KV 424 wirkt in dieser Interpretation weniger zurĂŒckgenommen, dafĂŒr strukturierter und gedanklich geschlossener. Grumiaux und Pelliccia betonen den architektonischen Zusammenhang der SĂ€tze, die klare Periodik und die feine motivische Arbeit, ohne den kammermusikalischen Charakter aufzugeben. Die LinienfĂŒhrung bleibt ruhig und kontrolliert, die ĂbergĂ€nge sind sorgfĂ€ltig ausgearbeitet, und selbst in lebhafteren Passagen bewahren die Musiker eine Haltung der Ăbersicht und Distanz. Besonders ĂŒberzeugend ist das Gleichgewicht zwischen Eleganz und Ernst. Die B-Dur-Tonart erhĂ€lt hier nichts Heiter-Spielerisches, sondern eine gelassene WĂŒrde. Die Viola ist nicht bloĂ harmonisches Fundament, sondern gestaltet aktiv mit; ihre Stimme wird klanglich prĂ€sent gehalten, ohne je in den Vordergrund gedrĂ€ngt zu werden. Die Violine antwortet nicht mit Brillanz, sondern mit Klarheit, was dem Werk eine fast klassizistische Strenge verleiht. Gerade im Vergleich zu KV 423 wird deutlich, dass Mozart hier kompositorisch einen Schritt weitergeht. Die Musik wirkt weniger wie eine diskrete Pflichtarbeit, sondern wie ein bewusst ausgeformtes KammermusikstĂŒck mit innerem Gewicht. Grumiaux und Pelliccia tragen diesem Eindruck Rechnung, indem sie auf jede Zuspitzung verzichten und das Werk aus seinem formalen GleichmaĂ heraus sprechen lassen. So entsteht eine Interpretation, die KV 424 nicht als bloĂen âzweiten Teilâ des Duett-Paares behandelt, sondern als eigenstĂ€ndiges, ernsthaftes Werk, dessen QualitĂ€t sich aus Balance, Klarheit und MaĂ ergibt. Gerade in dieser unaufgeregten, konzentrierten Lesart entfaltet das Duett seine nachhaltige Wirkung â leise, aber ĂŒberzeugend. Seitenanfang Zwei Freunde - zwei Konzerte Das Berliner Mozart-PortrĂ€t zwischen Kunst und Forschung Das sogenannte âEdlinger-Mozart-PortrĂ€tâ gehört zu den faszinierendsten â und zugleich umstrittensten â Bildzeugnissen aus dem Umfeld von Wolfgang Amadeus Mozart. Es handelt sich um ein Ălbild auf Leinwand (80 Ă 62,5 cm), das sich heute in der GemĂ€ldegalerie Berlin befindet und dort die Inventarnummer 2097 trĂ€gt. Seit seiner öffentlichen Vorstellung im Januar 2005 hat dieses PortrĂ€t eine intensive kunst- und musikwissenschaftliche Debatte ausgelöst. Siehe auch: https://www.spiegel.de/kultur/musik/berliner-gemaeldegalerie-unbekanntes-mozart-portraet-entdeckt-a-335711.html Das GemĂ€lde wird dem kurbayerischen Hofmaler Johann Georg Edlinger (1741â1819) zugeschrieben und dĂŒrfte um 1790 in MĂŒnchen entstanden sein â also nur rund ein Jahr vor Mozarts Tod in Wien. AuffĂ€llig ist die nĂŒchterne, beinahe intime Darstellung: Der Dargestellte erscheint ohne idealisierende PerĂŒcke, mit freiem Haar, in schlichter Kleidung und mit einem ruhigen, nachdenklichen Blick. Gerade diese ungeschönte NatĂŒrlichkeit unterscheidet das Bild deutlich von vielen kanonischen Mozart-PortrĂ€ts des 18. Jahrhunderts und war ein wesentlicher Grund fĂŒr das groĂe öffentliche Echo. Besonders bemerkenswert ist die Provenienzgeschichte. Das GemĂ€lde befand sich bereits seit den 1930er-Jahren im Besitz der Berliner GemĂ€ldegalerie, ohne als Mozart-PortrĂ€t identifiziert zu sein. Erst der Musikliebhaber Wolfgang Seiller (* 1959) rĂŒckte um 2000, unter Einsatz computergestĂŒtzter Bildvergleiche und morphologischer Analysen, das GemĂ€lde erneut ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Rainer Michaelis argumentierte er, dass zahlreiche physiognomische Ăbereinstimmungen mit gesicherten Mozart-Bildnissen â insbesondere mit dem Salzburger PortrĂ€t von 1777 (heute Bologna) â fĂŒr eine Identifizierung mit Mozart sprĂ€chen. Diese These wurde jedoch nicht unwidersprochen akzeptiert. Der Kunsthistoriker Richard Bauer (* 1943) brachte 2005 die Gegenhypothese vor, das PortrĂ€t könne den MĂŒnchner Kaufmann und Ratsherrn Joseph Anton Steiner (1728â1801) zeigen. In der Folge entbrannte eine lebhafte fachliche Kontroverse, in der weitere Untersuchungen â unter anderem von Braun und Michaelis â Bauers Argumentation wieder in Zweifel zogen. Der Forschungsstand bleibt bis heute offen: Weder die Zuschreibung der dargestellten Person noch die vollstĂ€ndige Entstehungs- und Besitzgeschichte vor 1934 lassen sich bislang zweifelsfrei klĂ€ren. Ungeachtet dieser Unsicherheiten besitzt das Bild einen hohen kunsthistorischen Rang. Die QualitĂ€t der Malerei, die sensible Charakterisierung des Modells und der plausible zeitliche Kontext machen es zu einem der stĂ€rksten Kandidaten fĂŒr ein spĂ€tes, vielleicht sogar das letzte zu Lebzeiten entstandene PortrĂ€t Mozarts. Entsprechend wurde das Werk 2006 in bedeutenden Sonderausstellungen gezeigt, unter anderem im Dommuseum Salzburg sowie im Oberen Belvedere in Wien. Gerade diese Schwebe zwischen gesicherter Erkenntnis und offener Frage verleiht dem Berliner Mozart-PortrĂ€t seine besondere Anziehungskraft. Es steht exemplarisch fĂŒr den produktiven Dialog zwischen Kunstgeschichte, Musikwissenschaft und moderner Bildanalyse â und erinnert daran, dass selbst bei einer der bekanntesten Figuren der Musikgeschichte zentrale ikonographische Fragen bis heute nicht endgĂŒltig beantwortet sind. Seitenanfang Das Berliner Mozart-PortrĂ€t Ein Geburtstag ohne Mythos â Mozarts Anfang im Spiegel der Dokumente Wolfgang Amadeus Mozart wurde am 27. Januar 1756 in Salzburg geboren. Das Datum ist jedem vertraut â doch gerade um seine Geburt selbst ranken sich Details, die selten erzĂ€hlt werden und sich hervorragend fĂŒr ein Wissenswertes eignen, weil sie ĂŒberraschend konkret, gut belegt und zugleich erzĂ€hlerisch stark sind. Mozart kam nicht als âWolfgang Amadeusâ zur Welt, sondern wurde erst am folgenden Tag, dem 28. Januar, im Salzburger Dom getauft. Im Taufbuch steht der lange Name Joannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus Mozart. Der erste Teil ist liturgisch bedingt: Der 27. Januar ist der Gedenktag des Kirchenvaters Johannes Chrysostomos â deshalb erhielt das Neugeborene diesen Namen, obwohl er im Alltag nie verwendet wurde. Entscheidend ist etwas anderes: Die Taufe fand ungewöhnlich schnell statt, nur wenige Stunden nach der Geburt. Warum diese Eile? Ganz einfach â und sehr menschlich. Die SĂ€uglingssterblichkeit war hoch, auch in bĂŒrgerlichen Familien. Leopold Mozart (1719â1787) war Realist genug, um kein Risiko einzugehen. Dass Wolfgang die Nacht ĂŒberleben wĂŒrde, war keineswegs selbstverstĂ€ndlich. Diese frĂŒhe Taufe erzĂ€hlt uns also weniger von barocker Frömmigkeit als von elterlicher Sorge â ein oft ĂŒbersehener, berĂŒhrender Moment am Anfang dieses Lebens. Auch der Ort trĂ€gt zur Geschichte bei. Die Familie lebte in der Getreidegasse, in einer engen, mehrstöckigen BĂŒrgerwohnung. Es war Winter, Salzburg lag in klirrender KĂ€lte, die RĂ€ume wurden nur punktuell beheizt. Man kann sich den Neugeborenen kaum anders vorstellen als fest eingewickelt, fern von jeder romantischen Vorstellung eines âWunderkindbeginnsâ. Kein Klavier, kein Genie â zunĂ€chst nur ein verletzliches Kind. Ein weiteres Detail ist fast ironisch: Mozart wurde an einem Donnerstag geboren, und ausgerechnet der Donnerstag sollte spĂ€ter fĂŒr ihn eine besondere Rolle spielen. Zahlreiche Briefe zeigen, dass Mozart an Donnerstagen hĂ€ufig komponierte, reiste oder Konzerte gab â kein mystischer Zusammenhang, aber eine hĂŒbsche biografische Klammer, die den ersten Tag mit dem spĂ€teren Leben verbindet. Und noch etwas ist bemerkenswert: Leopold Mozart notierte die Geburt seines Sohnes nicht sofort ausfĂŒhrlich. Anders als bei spĂ€teren Erfolgen, die er akribisch dokumentierte, bleibt der Eintrag zur Geburt sachlich und knapp. Erst im RĂŒckblick, als Wolfgangs auĂergewöhnliche Begabung sichtbar wurde, gewann dieser Tag seine Bedeutung. Das Genie war nicht von Anfang an âerkanntâ, sondern wuchs â Schritt fĂŒr Schritt â in eine Welt hinein, die es zunĂ€chst nicht ahnte. Zum 270. Geburtstag lohnt es sich daher, den Blick genau hier anzusetzen: Nicht beim Mythos des frĂŒhvollendeten Wunderkindes, sondern bei diesem unscheinbaren Januartag, an dem niemand wissen konnte, dass dieses Kind die Musikgeschichte verĂ€ndern wĂŒrde. Mozarts Leben beginnt nicht mit einer Sensation, sondern mit Sorge, Vorsicht, KĂ€lte â und einer schnellen Taufe. Gerade das macht seine Geschichte so menschlich. Ein Gedanke zum Geburtstag Was macht diesen Geburtstag also besonders? Nicht ein Wunder, nicht ein Omen, nicht eine Legende â sondern die vollstĂ€ndige Abwesenheit davon. Mozarts Leben beginnt nicht mit Musik, sondern mit Papier. Mit Namen, Ămtern, Unterschriften. Erst viel spĂ€ter wird aus diesem Kind ein Komponist, aus dem Eintrag ein Kulturgut, aus dem Geburtstag ein weltweites Ritual. Gerade deshalb ist der 27. Januar kein Tag des Pathos, sondern ein Tag der stillen AnfĂ€nge. Und vielleicht ist es genau das, was ihn so modern macht. Quellen und Belege Originaler Taufeintrag (Digitalisat): https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wolfgang_Amadeus_Mozart_baptism_record.jpg#/media/File:Wolfgang_Amadeus_Mozart_baptism_record.jpg Digitale Mozart-Edition â Taufeintrag und ErlĂ€uterung: https://dme.mozarteum.at/DME/briefe/letter.php?mid=4&utm_source=chatgpt.com Amtlicher Tauf-Schein von 1841 (Transkription): https://dme.mozarteum.at/DME/objs/raradocs/transcr/pdf/Doc1756_1_mup.pdf?utm_source=chatgpt.com Das Andante in C-Dur, KV 1a gehört zu den frĂŒhesten erhaltenen Kompositionen von Wolfgang Amadeus Mozart und entstand um 1761/62, also wenige Jahre nach seiner Geburt. Es ist kein SchaustĂŒck und kein âWunderkind-Beweisâ, sondern ein stilles, fast tastendes StĂŒck von groĂer Einfachheit. Die Melodie bewegt sich in klaren, symmetrischen Bögen, die Harmonik bleibt ĂŒbersichtlich, der Ausdruck zurĂŒckgenommen und freundlich. https://www.youtube.com/watch?v=0Yao9rOmQaE Gerade diese Schlichtheit macht das Andante zu einer idealen musikalischen Begleitung eines Geburtstagsgedankens. Es klingt nicht nach Vollendung, sondern nach Beginn. Man hört kein fertiges Genie, sondern ein musikalisches Bewusstsein, das sich ordnet, formt und zum ersten Mal selbststĂ€ndig spricht. In dieser Musik liegt nichts Feierliches im Ă€uĂeren Sinn, aber viel Vertrauen â ein leiser, heller Ton, der sich unaufdringlich entfaltet. Als musikalischer Rahmen fĂŒr Mozarts Geburtstag erinnert das Andante daran, dass auch dieses auĂergewöhnliche Leben nicht mit GröĂe, sondern mit Einfachheit begann. Es ist Musik, die nicht rĂŒckblickend verklĂ€rt, sondern nach vorn öffnet. Seitenanfang Geburtstag Mozarts In der höchsten Kunst der Musik... Unter Wissenswertes darf es manchmal um etwas gehen, das sich nicht sofort âerzĂ€hltâ, sondern eher erklĂ€rt â leise, mit Respekt vor der Sache. Ein solches Thema ist die Ăbersetzung lateinischer Texte aus der Zeit der Alten Musik. Sie ist weniger eine Frage des Wörterbuchs als eine des Hörens und Verstehens im historischen Zusammenhang. Ein Beispiel bietet die Motette In hydraulis des franko-flĂ€mischen Komponisten Antoine Busnoys (um 1435â1492). Das Werk ist fĂŒr vier Stimmen geschrieben und als Lobeshymne auf Johannes Ockeghem (* nach 1420 â â am 6. Februar 1497) konzipiert. Schon der Anlass â die WĂŒrdigung eines lebenden Komponisten durch einen anderen â macht deutlich, dass wir es nicht mit einem neutralen, nĂŒchternen Text zu tun haben, sondern mit verdichteter Sprache, voller Anspielungen, Metaphern und zeittypischer BildungsbezĂŒge. https://www.youtube.com/watch?v=zWmSxzH9fsI Der lateinische Text der Motette lautet: In hydraulis non habet equalem, cuius ars novitate Pythagorae formata est, et manus eius dulcedine harmoniae decorata. Hanc laudem damus in honore Veneris, ut tu, Johannes de Pictavia, nos puris tuis radiis illustres. Quidquid lingua valet aut mens donat, tibi donamus. Auf den ersten Blick scheint vieles klar. Doch schon die ersten Worte zeigen, wie trĂŒgerisch dieser Eindruck ist. In hydraulis verweist nicht einfach auf âWasserorgelnâ oder Instrumente im technischen Sinn, sondern steht im humanistischen Sprachgebrauch fĂŒr die gesamte Kunst der Musik. Non habet equalem ist mehr als ein bloĂes âer hat keinen Gleichenâ â es ist eine klassische Formel der Ăberhöhung, die nicht wörtlich, sondern im Geist der panegyrischen Tradition verstanden werden muss. Besonders heikel ist der Verweis auf Pythagorae novitas. Pythagoras (* um 570 v. Chr. â â nach 510 v. Chr. ) erscheint hier nicht als historische Person, sondern als Chiffre fĂŒr die antike Proportionslehre, fĂŒr Zahlenharmonie und kosmische Ordnung. Busnoys sagt also nicht, Ockeghem habe âneue Dinge von Pythagoras gelerntâ, sondern dass seine Kunst in einer Erneuerung jener uralten, als zeitlos gedachten Harmonie wurzelt. Wer das ohne Kenntnis des spĂ€tmittelalterlichen Bildungsdiskurses ĂŒbersetzt, verliert unweigerlich einen Teil des Sinns. Ăhnlich verhĂ€lt es sich mit Bildern wie manus dulcedine harmoniae decorata oder den puri radii, mit denen Ockeghem seine Hörer âerleuchtetâ. Diese Wendungen sind weder rein poetische AusschmĂŒckung noch zufĂ€llige Metaphern. Sie greifen auf ein Weltbild zurĂŒck, in dem Musik, Licht, MaĂ und Schönheit eng miteinander verbunden sind â philosophisch, theologisch und Ă€sthetisch zugleich. Eine Ăbersetzung, die diesem Text gerecht werden will, muss daher mehr leisten als sprachliche Genauigkeit. Sie verlangt historische Aufmerksamkeit, SensibilitĂ€t fĂŒr rhetorische Konventionen und die Bereitschaft, auch einmal Worte oder Bilder zuzulassen, die im heutigen Sprachgebrauch ungewohnt wirken. Nicht, um altertĂŒmelnd zu sein, sondern um dem Denk- und Vorstellungsraum der Entstehungszeit möglichst nahe zu kommen. Gerade darin liegt die eigentliche Schwierigkeit â und zugleich der Reiz â solcher Texte. Lateinische Motettentexte der Renaissance sprechen nicht aus sich selbst heraus. Sie erschlieĂen sich erst dann, wenn man sie im Zusammenhang ihrer Zeit liest: mit ihrem Bildungsniveau, ihren Symbolen, ihren Erwartungen an Musik. Ăbersetzen heiĂt hier nicht vereinfachen, sondern behutsam vermitteln. Der lateinische Text der Motette (noch einmal) In hydraulis non habet equalem, cuius ars novitate Pythagorae formata est, et manus eius dulcedine harmoniae decorata. Hanc laudem damus in honore Veneris, ut tu, Johannes de Pictavia, nos puris tuis radiis illustres. Quidquid lingua valet aut mens donat, tibi donamus. Meine Ăbersetzung: In der höchsten Kunst der Musik hat er keinen seinesgleichen, dessen Kunst durch die Lehre des Pythagoras neu geprĂ€gt ist und dessen schöpferisches Wirken durch die SĂŒĂe der Harmonie geziert wird. Dieses Lob bringen wir dar zu Ehren der Harmonie, damit du, Johannes aus Poitou, uns mit deinen reinen Strahlen erleuchtest. Was immer die Zunge auszudrĂŒcken vermag oder der Geist zu schenken hat, dir bringen wir es dar. In hydraulis = nicht wörtlich âauf der Hydraulisâ oder âauf der Wasserorgelâ. Der Ausdruck steht metonymisch fĂŒr musica perfecta, die höchste, vollendete Musik. Die hydraulis (antike Wasserorgel) fungiert seit der SpĂ€tantike als Symbol fĂŒr vollkommene musikalische Kunst, nicht als konkretes Instrument. non habet equalem = âhat keinen seinesgleichenâ, absoluter Superlativ novitate Pythagorae = nicht âNeuheit des Pythagorasâ, sondern ânach der pythagoreischen Lehre neu geformtâ. Gemeint ist die zahlenproportionale Grundlegung der Musik (Intervalle, Konsonanzen). manus eius = nicht bloĂ âHandâ, sondern schöpferisches Handeln, kompositorische Praxis. dulcedine harmoniae = klangliche Ausgewogenheit, nicht SĂŒĂlichkeit. Bezeichnet Ă€sthetische QualitĂ€t, nicht Affekt. in honore Veneris = Venus als allegorische Personifikation der Harmonie, nicht als Liebesgöttin im erotischen Sinn. In spĂ€tmittelalterlich-humanistischen Texten ĂŒblich. Johannes de Pictavia = Die Bezeichnung Johannes de Pictavia bezeichnet weder den Geburtsort des Komponisten noch einen exakt abgegrenzten Verwaltungs- oder Diözesanraum. Johannes Ockeghem wurde nach heutigem Kenntnisstand nach 1420 in Saint-Ghislain im Hennegau geboren. Pictavia verweist vielmehr auf einen unscharf gefassten westfranzösischen Kultur- und Sprachraum, wie er in gelehrten und humanistisch geprĂ€gten Texten des 15. Jahrhunderts gebrĂ€uchlich war. Die Bezeichnung ist daher am ehesten als humanistisch-rhetorische Latinisierung zu verstehen, die nicht auf eine prĂ€zise Herkunft zielt, sondern Ockeghem allgemein einem westfranzösischen Wirkungs- und Bezugshorizont zuordnet, in dem er gewirkt hat. puri radii = Lichtmetapher fĂŒr geistige AutoritĂ€t und Vorbildwirkung, nicht mystisch. quidquid lingua valet aut mens donat = formelhafte Totalwidmung: Sprache (Rhetorik) und Geist (Intellekt) als höchste menschliche Gaben. Seitenanfang In der höchsten Kunst der Musik... Mein leider miĂrathener Sohn Johann Gottfried Bernhard Bach (1715â1739) gehört zu jenen Gestalten der Bach-Familie, deren Leben sich nur in wenigen, dafĂŒr umso eindringlicheren Dokumenten spiegelt. Er war der dritte ĂŒberlebende Sohn von Johann Sebastian Bach (1685â1750) aus dessen erster Ehe mit Maria Barbara Bach (1684â1720), nach Wilhelm Friedemann Bach (1710â1784) und Carl Philipp Emanuel Bach (1714â1788). Die Ă€lteste Schwester war Catharina Dorothea Bach (1708â1774); mehrere weitere Kinder der Familie starben frĂŒh. Geboren wurde Johann Gottfried Bernhard am 11. Mai 1715 in Weimar, in einer Zeit, in der sein Vater als Hoforganist und Konzertmeister wirkte. Seine Kindheit war von hĂ€ufigen Ortswechseln geprĂ€gt, die den beruflichen Stationen Johann Sebastians folgten: Nach dem frĂŒhen Tod der Mutter am 7. Juli 1720 und der Wiederverheiratung (3. Dezember 1721) des Vaters mit Anna Magdalena Wilcke (1701â1760) lebte die Familie zunĂ€chst in Köthen und zog 1723 nach Leipzig, wo Johann Sebastian Bach das Amt des Thomaskantors ĂŒbernahm. Wie seine Ă€lteren BrĂŒder besuchte Johann Gottfried Bernhard die Thomasschule Leipzig und erhielt seine musikalische Ausbildung unmittelbar vom Vater. Ăber seine Jugend und Ausbildung ist nur wenig ĂŒberliefert, doch lassen die erhaltenen Zeugnisse erkennen, dass Johann Sebastian Bach groĂe Hoffnungen in den musikalischen Werdegang seines jĂŒngsten Sohnes setzte. Dies zeigt sich besonders deutlich im Empfehlungsschreiben vom 2. Mai 1735, in dem der Vater seinem Sohn ausdrĂŒcklich eine hohe musikalische BefĂ€higung bescheinigt. Auf dieser Grundlage setzte sich Johann Gottfried Bernhard in einem Probespiel erfolgreich gegen vier Mitbewerber durch und wurde 1735/36 Organist an der Marienkirche MĂŒhlhausen â in jener Stadt, in der Johann Sebastian selbst 1707/08 als Organist gewirkt hatte. Nach nur anderthalb Jahren folgte bereits der nĂ€chste Karriereschritt. Am 14. Januar 1737 wurde Johann Gottfried Bernhard zum Stadtorganisten an der Jakobikirche Sangerhausen berufen, wiederum nach einem Vorspiel und erneut unterstĂŒtzt durch ein Empfehlungsschreiben des Vaters. Die Wahl dieses Ortes besitzt eine besondere biografische Pointe: Johann Sebastian Bach hatte sich hier 1702 selbst um die Organistenstelle beworben, war trotz eines erfolgreichen Vorspiels jedoch aus landesherrlichen GrĂŒnden nicht berĂŒcksichtigt worden. Doch gerade in Sangerhausen begann der tragische Teil von Johann Gottfried Bernhard Bachs Lebensgeschichte. Bereits nach gut einem Jahr verschwand er aus dem Amt, hinterlieĂ Schulden und entzog sich jeder Erreichbarkeit. Selbst dem Vater war sein Aufenthaltsort unbekannt. Die beiden Briefe Johann Sebastians aus dem Mai 1738 an den SangerhĂ€user Ratsherrn Johann Friedrich Klemm gehören zu den persönlichsten und erschĂŒtterndsten Selbstzeugnissen des Komponisten. In ihnen spricht ein Vater, der zwischen FĂŒrsorge, EnttĂ€uschung und religiöser Ergebung schwankt und offen eingesteht, dass alle Ermahnungen, Hilfen und finanziellen Opfer vergeblich gewesen seien. Johann Gottfried Bernhard erscheint hier als unsteter, offenbar haltloser junger Mann, dessen LebensfĂŒhrung dem Vater tiefen Kummer bereitete. âMit was Schmerzen und Wehmuth aber diese Antwort abfaĂe, können Eu: HochEdlen von selbsten als ein Liebreich- und wohlmeynender Vater Dero Liebsten Ehe-PfĂ€nder beurtheilen. Meinen (leider miĂrathenen) Sohn habe ich seit vorm Jahre [âŠ] nicht mehr gesehen. Eu: HochEdlen ist auch nicht unwiĂend, daĂ damahln vor selbigen nicht alleine den Tisch, sondern auch den MĂŒhlhĂ€user Wechsel (so seinen Auszug vermuthlich damahlen causierete) richtig bezahlet, sondern auch noch einige Ducaten zu Tilgung einiger Schulden zurĂŒck lieĂ, in Meynung nunmehro ein ander genus vitae zu ergreifen. Ich muĂ aber mit Ă€uĂerster BestĂŒrtzung abermahligst vernehmen, daĂ er wieder hie und da aufgeborget, seine LebensArth nicht im geringsten geĂ€ndert, sondern sich gar absentieret und mir nicht den geringsten part seines Aufenthalts biĂ dato wiĂend gemacht. WaĂ soll ich mehr sagen, oder thun? Da keine Vermahnung, ja gar keine liebreiche Vorsorge und assistence mehr zureichen will, so muĂ mein CreĂŒtz in Geduld tragen âŠâ J. S. Bach: Brief an den SangerhĂ€user BĂŒrgermeister Johann Friedrich Klemm (1706â1767), Mai 1738 1739 tauchte Johann Gottfried Bernhard in Jena wieder auf. Er immatrikulierte sich als Student der Rechte an der UniversitĂ€t Jena und nahm Kontakt zu seinem Onkel Johann Nikolaus Bach (1669â1753) auf. Zu einer Neuordnung seines Lebens kam es jedoch nicht mehr. Noch im selben Jahr starb er im Alter von nur 24 Jahren an einem âhitzigen Fieberâ (â am 27. Mai 1739 in Jena). In der RĂŒckschau bleibt Johann Gottfried Bernhard Bach eine der rĂ€tselhaftesten Figuren der Bach-Familie. Er war der jĂŒngste Sohn Johann Sebastian Bachs, dem eine solide musikalische Ausbildung und aussichtsreiche Organistenstellen offenstanden, der diese Chancen jedoch nicht dauerhaft zu nutzen vermochte. Sein kurzes Leben ist weniger durch musikalische Leistungen als durch die auĂergewöhnlich eindrucksvollen Briefe des Vaters ĂŒberliefert, die einen seltenen Einblick in das private Leiden Johann Sebastian Bachs gewĂ€hren. Von Johann Gottfried Bernhard Bach ist keine einzige Komposition ĂŒberliefert. Weder Autographe noch Abschriften oder zeitgenössische Hinweise auf konkrete Werke haben sich erhalten. Ob er ĂŒberhaupt komponiert hat, lĂ€sst sich daher nicht mit Sicherheit feststellen; die Forschung beschrĂ€nkt sich auf die nĂŒchterne Feststellung, dass von ihm musikalisch nichts an die Nachwelt gelangt ist. Seine historische Bedeutung grĂŒndet sich somit nicht auf ein eigenes Ćuvre, sondern auf seine Biografie und die auĂergewöhnlich persönlichen Zeugnisse seines Vaters Johann Sebastian Bach. Seitenanfang Der miĂratene Sohn Claude Debussy â das kultivierte Kindsein als Lebens- und Kunstform Der französische Komponist Claude Debussy (1862â1918) fĂŒhrte tatsĂ€chlich ein Leben, das Zeitgenossen oft als sonderbar, infantil oder weltfremd beschrieben. Seine Pariser Wohnungen waren zeitweise mit Spielzeugen, Puppen, chinesischen Figuren, FĂ€chern und kleinen KuriositĂ€ten gefĂŒllt â nicht als Dekoration im bĂŒrgerlichen Sinn, sondern als bewusst gestaltete private Gegenwelt zur als unerquicklich empfundenen RealitĂ€t. Dieses Umfeld war kein Zufall und keine Marotte, sondern Ausdruck einer tiefen Skepsis gegenĂŒber dem Erwachsensein, das Debussy mit Konvention, Routine und geistiger Erstarrung gleichsetzte. Bereits frĂŒh Ă€uĂerte er eine deutliche Abneigung gegen das, was er ironisch âla vie sĂ©rieuseâ nannte â ein Leben, das sich an Disziplin, PflichtgefĂŒhl, akademischer Ordnung und gesellschaftlicher Erwartung orientiert. Das Kindliche verstand Debussy dabei ausdrĂŒcklich nicht als Unreife, sondern als ideale Form der Wahrnehmung: unmittelbar, vorurteilsfrei, offen fĂŒr Farben, Bewegungen und AtmosphĂ€ren. Kinder, so seine implizite Ăberzeugung, hören KlĂ€nge nicht nach Regeln, sondern nach ihrem inneren Leuchten. Genau diese Art des Hörens suchte er auch in seiner Musik. In dieser Haltung verbindet ihn mehr mit den Symbolisten seiner Zeit, etwa StĂ©phane MallarmĂ©, als mit seinen akademisch geprĂ€gten Komponistenkollegen. Gut dokumentiert ist Debussys spielerischer Umgang mit IdentitĂ€ten. In Briefen â vor allem im privaten Kreis â unterschrieb er gelegentlich als âMonsieur Crocheâ, als ironischer Kommentator der Musikwelt, oder schrieb in einem Tonfall, der bewusst naiv, verspielt, gelegentlich sogar tierhaft wirkt. Auch scherzhafte Selbstverkleidungen, etwa in der Rolle einer Katze oder eines Beobachters âvon untenâ, sind ĂŒberliefert. Diese Maskenspiele waren kein Zeichen innerer Zerrissenheit, sondern Ausdruck einer tiefen Abneigung gegen feste Rollenbilder. Wer sich nicht festlegt, bleibt beweglich â geistig wie kĂŒnstlerisch. Das Spiel mit IdentitĂ€ten wurde fĂŒr Debussy zu einem Schutzmechanismus und zugleich zu einem Ă€sthetischen Prinzip. Diese Haltung spiegelt sich unmittelbar in seinem kompositorischen Denken. Debussy misstraute festen musikalischen Formen ebenso wie eindeutigen Entwicklungen und linearen Dramaturgien. Stattdessen entwarf er Musik als Raum von EindrĂŒcken, als Abfolge von Klangmomenten, die sich berĂŒhren, ĂŒberlagern und wieder verflĂŒchtigen. Werke wie Childrenâs Corner oder das Ballett La boĂźte Ă joujoux sind in diesem Zusammenhang besonders aufschlussreich. Sie sind keine sentimentalen RĂŒckblicke auf eine verlorene Kindheit, sondern hochreflektierte Kunstwerke, in denen das Spielerische zum strukturbildenden Prinzip wird. Kurze Gesten, schwebende Strukturen, abrupte Perspektivwechsel und eine bewusste Vermeidung pathetischer Zuspitzung prĂ€gen diese Musik. Debussy dachte Musik nicht als ErzĂ€hlung, sondern als Wahrnehmungsraum â Ă€hnlich dem kindlichen Spiel, das keinen Zweck kennt, sondern sich im Moment erfĂŒllt. Seine Vorliebe fĂŒr Miniaturen, fĂŒr scheinbar nebensĂ€chliche Details und fĂŒr das FlĂŒchtige und Andeutende entspricht genau dieser Haltung. Das Kindliche ist hier kein Thema, sondern eine Methode. Musik soll nicht erklĂ€ren oder ĂŒberzeugen, sondern erfahrbar machen. Sie soll dem Hörer ermöglichen, selbst zu hören, statt gefĂŒhrt zu werden. In diesem Sinn ist Debussys Ăsthetik radikal modern: Sie entzieht sich dem Anspruch auf Eindeutigkeit und öffnet einen Raum freier Wahrnehmung. Auch biografisch verstĂ€rkte sich diese Tendenz im Laufe der Jahre. Debussy war kein geselliger Mensch. Er mied öffentliche Verpflichtungen, stand akademischen Institutionen distanziert gegenĂŒber und zog sich zunehmend in sein privates Umfeld zurĂŒck. Krankheit, finanzielle Sorgen und persönliche EnttĂ€uschungen trugen dazu bei, doch der RĂŒckzug war nicht bloĂ Reaktion, sondern auch bewusste Entscheidung. Das bewahrte Kindsein wurde fĂŒr ihn zu einem inneren Schutzraum, in dem SensibilitĂ€t und Imagination ĂŒberleben konnten. Ein Text ĂŒber Debussys âseltsames Lebenâ sollte daher nicht psychologisierend, sondern Ă€sthetisch erklĂ€rend sein. Debussy lebte nicht âwie ein Kindâ, weil er eines geblieben wĂ€re, sondern weil er ĂŒberzeugt war, dass nur das Kindliche â im Sinn einer ungetrĂŒbten, offenen Wahrnehmung â die Welt noch wirklich hören kann. In dieser Haltung liegt eine der tiefsten und fruchtbarsten Verbindungen zwischen seinem Leben und seiner Musik. Nach dieser Lebens- und Haltungsskizze fĂŒhrt Childrenâs Corner (L. 113) unmittelbar ins musikalische Zentrum von Debussys Denken. Die Suite ist keine Illustration von Kindheit, sondern eine Folge bewusst geformter Klangbilder, in denen Spiel, Ironie und Wahrnehmung zu musikalischen Prinzipien werden. Jeder Satz öffnet einen eigenen Erfahrungsraum â leicht, prĂ€zise und frei von SentimentalitĂ€t. Claude Debussy â Childrenâs Corner (Kinder-Ecke) 1. Doctor Gradus ad Parnassum (Doktor âStufen zum Parnassâ) Eine ironische Parodie auf mechanische KlavierĂŒbungen: VirtuositĂ€t wird hier spielerisch unterlaufen und in Bewegung verwandelt. 2. Jimboâs Lullaby (Jimbos Wiegenlied) Ein schwerfĂ€lliges, liebevoll verfremdetes Schlaflied, dessen Klangtiefe und rhythmische TrĂ€gheit bewusst gegen jede Niedlichkeit arbeitet. 3. Serenade for the Doll (Serenade fĂŒr die Puppe) Zart, distanziert und leicht exotisch gefĂ€rbt â Musik wie aus einer Spielzeugwelt, die zugleich beobachtet und kommentiert wird. 4. The Snow Is Dancing (Der Schnee tanzt) Flirrende Bewegungen und schwebende Texturen erzeugen ein Klangbild reiner Wahrnehmung, frei von erzĂ€hlerischer Bindung. 5. The Little Shepherd (Der kleine Hirte) Ein einsames, schlichtes Rufmotiv entfaltet sich in offener Landschaft â Musik von groĂer innerer Ruhe und ZurĂŒckhaltung. 6. Golliwoggâs Cakewalk (Golliwoggs Kuchen-Spaziergang) Rhythmisch pointiert, ironisch gebrochen und bewusst ĂŒberzeichnet â eine spielerische Karikatur zeitgenössischer Tanzmoden mit subversivem Witz. Walter Gieseking (1895â1956) nĂ€hert sich Childrenâs Corner ohne jede Absicht, etwas zu erklĂ€ren oder zu illustrieren. Seine Interpretation wirkt selbstverstĂ€ndlich, flieĂend und frei von demonstrativer Klangmalerei. Das Kindliche erscheint bei ihm nicht als Programm, sondern als natĂŒrliche Haltung: unangestrengt, beweglich und von innerer Ruhe getragen. Gieseking vermeidet SentimentalitĂ€t ebenso wie Ironie mit dem Holzhammer. Tempi, Artikulation und Dynamik folgen keinem Effektwillen, sondern einem instinktiven musikalischen Atem. Gerade diese ZurĂŒckhaltung lĂ€sst Debussys Musik sprechen â leicht, transparent und ohne jede Pose. Childrenâs Corner wird so nicht als âKindersuiteâ, sondern als reife, bewusst einfache Musik hörbar, die aus sich selbst heraus wirkt. https://www.youtube.com/watch?v=41GATKKJ24w Seitenanfang Kindsein Josquin Desprez (* nach 1450 â â 27. August 1521): âIn principio erat Verbum" âIn principio erat Verbumâ bedeutet auf Deutsch: âIm Anfang war das Wort.â Das Im Anfang kann dabei unterschiedlich verstanden werden: zum einen als zeitlicher Beginn im Sinne des Schöpfungsaktes, zum anderen als zeitloser ontologischer Grund des Seins. Ebenso ist der Begriff des Wortes mehrdeutig. Er kann einerseits das â gedanklich oder sprachlich â ausgesprochene Wort des Schöpfergottes bezeichnen, andererseits die absolute Idee oder den Logos im objektiven Sinn, der den Dingen ihre Form verleiht und sie ins Sein ruft. Die Motette âIn principio erat Verbum" gehört zu jenen Werken Josquins, in denen sich kompositorische Kunst, theologische Tiefe und textliche Klarheit in seltener Ausgewogenheit begegnen. Der Text entstammt dem Prolog des Johannesevangeliums (Joh 1,1â14) und steht damit im Zentrum der christlichen Weihnachtstheologie: Nicht das erzĂ€hlende Geschehen von Geburt und Krippe wird entfaltet, sondern der gedankliche Ursprung von Weihnachten selbst â das ewige Wort, das Fleisch wird. Josquin wĂ€hlt fĂŒr diesen hochabstrakten Text eine Musik von groĂer Ruhe und innerer Spannung. Der Beginn ist bewusst zurĂŒckgenommen. Das âAnfangâ (in principio) wird nicht als dramatischer Akt gestaltet, sondern als Zustand: zeitlos, schwebend, ohne vordergrĂŒndige Akzente. Die Stimmen setzen nacheinander ein, imitierend, doch nicht mechanisch; vielmehr entsteht der Eindruck eines sich allmĂ€hlich entfaltenden Gedankens. Das âWortâ ist hier kein Ereignis, sondern eine Gegenwart. Besonders eindrucksvoll ist Josquins Umgang mit den zentralen theologischen Begriffen des Textes. Bei âEt Verbum erat apud Deumâ verdichtet sich der Satz, ohne seine Ruhe zu verlieren; NĂ€he und Beziehung werden hörbar, ohne dramatische Zuspitzung. Das Lichtmotiv (lux in tenebris) wird nicht illustrativ ausgemalt, sondern durch klangliche Klarheit und transparente StimmfĂŒhrung angedeutet. Nichts ist effekthaft, alles ist auf VerstĂ€ndlichkeit und innere Logik ausgerichtet. Der musikalische Höhepunkt liegt â wie so oft bei Josquin â nicht in Ă€uĂerer Steigerung, sondern in semantischer Verdichtung: âEt Verbum caro factum estâ. Hier verĂ€ndert sich die Klanglichkeit spĂŒrbar. Die Linien werden greifbarer, der Satz gewinnt an Gewicht. Die Inkarnation erscheint nicht als dramatischer Bruch, sondern als Konsequenz: Das Ewige tritt in die Zeit, ohne seine WĂŒrde zu verlieren. Gerade diese ZurĂŒckhaltung verleiht der Stelle ihre Tiefe. Dass AuffĂŒhrungen dieser Motette oft mehr als neun Minuten dauern, ist kein Zufall. Das Werk verlangt Zeit â nicht, um zu beeindrucken, sondern um gehört zu werden. Es ist Musik der Betrachtung, nicht der Deklamation. FĂŒr den zweiten Sonntag nach Weihnachten ist sie ideal: Sie steht zwischen Fest und Alltag, zwischen Staunen und Verstehen, zwischen Weihnachten und Epiphanias. https://www.youtube.com/watch?v=NuKCPqBcmBo&list=RDNuKCPqBcmBo&start_radio=1 Lateinischer Text (Johannes 1,1â14) In principio erat Verbum, et Verbum erat apud Deum, et Deus erat Verbum. Hoc erat in principio apud Deum. Omnia per ipsum facta sunt, et sine ipso factum est nihil, quod factum est. In ipso vita erat, et vita erat lux hominum; et lux in tenebris lucet, et tenebrae eam non comprehenderunt. Fuit homo missus a Deo, cui nomen erat Ioannes. Hic venit in testimonium, ut testimonium perhiberet de lumine, ut omnes crederent per illum. Non erat ille lux, sed ut testimonium perhiberet de lumine. Erat lux vera, quae illuminat omnem hominem venientem in hunc mundum. In mundo erat, et mundus per ipsum factus est, et mundus eum non cognovit. In propria venit, et sui eum non receperunt. Quotquot autem receperunt eum, dedit eis potestatem filios Dei fieri, his qui credunt in nomine eius, qui non ex sanguinibus, neque ex voluntate carnis, neque ex voluntate viri, sed ex Deo nati sunt. Et Verbum caro factum est, et habitavit in nobis; et vidimus gloriam eius, gloriam quasi Unigeniti a Patre, plenum gratiae et veritatis. Deutsche Ăbersetzung Im Anfang (áŒÎœ áŒÏÏáż) war das Wort (λÏÎłÎżÏ = Logos), und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch es geworden, und ohne es wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen; und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst. Es trat ein Mensch auf, von Gott gesandt; sein Name war Johannes. Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen fĂŒr das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kĂ€men. Er war nicht selbst das Licht, sondern sollte Zeugnis geben fĂŒr das Licht. Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, doch die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt; und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. In principio erat Verbum â der Logos âIn principio erat Verbum, et Verbum erat apud Deum, et Deus erat Verbum." âIm Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott." Der lateinische Begriff Verbum gibt im Johannesevangelium das griechische λÏÎłÎżÏ (Logos) wieder â einen der zentralen und zugleich vielschichtigsten Begriffe der antiken Philosophie und Theologie. Johannes wĂ€hlt ihn mit Bedacht, um den Ursprung Christi nicht erzĂ€hlerisch, sondern begrifflich zu erschlieĂen. Der Prolog seines Evangeliums ist keine Weihnachtsgeschichte im narrativen Sinn, sondern eine theologische Grundlegung: Er fragt nicht nach dem Ă€uĂeren Geschehen, sondern nach dem ontologischen Status dessen, der erscheint. Im griechischen Denken bezeichnet Logos zunĂ€chst das Wort, die Rede, das vernĂŒnftige Denken. DarĂŒber hinaus meint er die Vernunftstruktur der Wirklichkeit, das ordnende Prinzip, das dem Kosmos MaĂ, Zusammenhang und innere GesetzmĂ€Ăigkeit verleiht. Bereits bei Heraklit von Ephesos (um 540â480 v. Chr.) steht der Logos fĂŒr das universale Gesetz des Werdens; in der stoischen Philosophie wird er zur immanenten Weltvernunft, zum logos spermatikos, der alles durchdringt und zusammenhĂ€lt. Der Logos ist hier kein Mythos und keine Person, sondern ein rationales Prinzip, das Sinn und Ordnung garantiert. Im jĂŒdischen Denken hingegen ist das âWort Gottesâ untrennbar mit dem hebrĂ€ischen Begriff ŚÖžÖŒŚÖžŚš (dÄbÄr) verbunden. DÄbÄr bedeutet nicht nur âWortâ im sprachlichen Sinn, sondern zugleich Tat, Ereignis, Sache, wirksames Geschehen. Gottes Wort ist niemals bloĂe Mitteilung, sondern schöpferische und geschichtsmĂ€chtige Wirklichkeit. âGott sprach â und es geschahâ: Das Wort ruft Sein hervor, gestaltet Geschichte, richtet und heilt. Das dÄbÄr JHWHs ist Offenbarung und Handlung zugleich. Johannes verbindet diese beiden Denkhorizonte â den griechischen Logos und das jĂŒdische dÄbÄr â zu einer neuen, radikalen theologischen Aussage. Der Logos ist bei ihm weder bloĂe Vernunftidee noch nur schöpferisches Wortgeschehen, sondern personhafte Wirklichkeit. Er ist ewig, bei Gott und selbst göttlich, und zugleich auf Beziehung zur Welt hin geöffnet. Der Logos ist Ursprung, Sinn und Offenbarung in einem. Diese Spannung erreicht ihre entscheidende Zuspitzung im Satz âEt Verbum caro factum estâ. Der Logos wird nicht symbolisch verstanden und nicht abgeschwĂ€cht, sondern konsequent konkret: Das ewige Wort, der schöpferische dÄbÄr, tritt in die Zeit ein und nimmt Fleisch an. Weihnachten erscheint damit nicht als Beginn, sondern als Erscheinung dessen, was immer schon war. Der Logos wird Mensch, ohne aufzuhören, Logos zu sein. Der Prolog des Johannesevangeliums spricht daher nicht primĂ€r von Geburt, sondern von Ursprung; nicht von Chronologie, sondern von Sein; nicht von einem historischen Ereignis allein, sondern von der Selbstmitteilung Gottes. Der Logos ist der Sinngrund der Welt, das Licht, das Erkenntnis ermöglicht, und die BrĂŒcke zwischen Ewigkeit und Geschichte. In ihm begegnen sich Vernunft und Offenbarung, Ordnung und Beziehung, Transzendenz und NĂ€he. Gerade deshalb eignet sich dieser Text in besonderer Weise fĂŒr die Zeit zwischen Weihnachten und Epiphanias. Er fĂŒhrt vom Staunen ĂŒber das Fest zur gedanklichen Durchdringung seines Geheimnisses â und macht deutlich, dass Weihnachten nicht nur erzĂ€hlt, sondern verstanden werden will. Seitenanfang Im Anfang... Nach Weihnachten: Johann Sebastian Bach und der Jahreswechsel 1725 Der Jahreswechsel vom 31. Dezember 1724 auf den 1. Januar 1725 verlief in Leipzig nicht als rauschendes Fest, sondern als stiller Ăbergang unter dem Zeichen von Andacht und Erwartung. Die Nacht war kalt, die Stadt in winterliches Dunkel gehĂŒllt. FĂŒr Johann Sebastian Bach (1685â1750), seit knapp anderthalb Jahren Thomaskantor, bedeutete dieser Ăbergang weit mehr als einen Kalenderwechsel: Es war ein Moment der Bilanz, der Verantwortung â und der musikalischen Verpflichtung. Am Morgen des Neujahrstags erklang in der Thomaskirche erstmals die Kantate BWV 41 âJesu, nun sei gepreisetâ. Sie ist keine Neujahrsmusik im weltlichen Sinn, sondern ein musikalisches Gebet am Beginn eines unbekannten Jahres. Bach greift einen Choral aus dem Jahr 1591 auf, der traditionell zum Jahresanfang gesungen wurde, und entfaltet daraus eine groĂ angelegte Komposition von ungewöhnlicher Feierlichkeit. Drei Trompeten, Pauken und festlicher Chor eröffnen das Werk â nicht jubelnd im Sinne höfischer ReprĂ€sentation, sondern getragen, wĂŒrdevoll, fast feierlich-ernst. https://www.youtube.com/watch?v=r6TRChdfdow Diese Kantate steht an der Schwelle zweier Zeiten. Einerseits blickt sie dankbar zurĂŒck auf das vergangene Jahr, andererseits bittet sie um Bewahrung im neuen. Der Text spricht von Frieden, Gesundheit und göttlicher Leitung â Themen, die in einer Zeit politischer Unsicherheit, wirtschaftlicher Belastungen und hoher Sterblichkeit existenziell waren. Der Jahresanfang war kein neutrales Datum, sondern ein Moment realer Sorge: WĂŒrde die Familie gesund bleiben? WĂŒrde das Einkommen reichen? WĂŒrde Gott gnĂ€dig sein? Bemerkenswert ist, wie Bach diese Spannung musikalisch gestaltet. Der monumentale Eingangs- und Schlusschor rahmt das Werk wie zwei SĂ€ulen der Zuversicht, wĂ€hrend die inneren SĂ€tze â Arien und Rezitative â persönlicher, beinahe fragend wirken. Der Komponist ĂŒbersetzt das menschliche Empfinden am Jahresbeginn in Klang: Dankbarkeit ohne Selbstsicherheit, Hoffnung ohne NaivitĂ€t. FĂŒr Bach selbst war dieser Neujahrstag Teil eines kaum vorstellbaren Arbeitspensums. Er befand sich mitten im zweiten Leipziger Kantatenjahrgang, schrieb nahezu wöchentlich neue Werke und stand zugleich unter kritischer Beobachtung der Stadtobrigkeit. Dennoch ist BWV 41 kein PflichtstĂŒck, sondern ein Werk innerer Ăberzeugung. Es zeigt Bach nicht als bloĂen Lieferanten liturgischer Musik, sondern als theologischen Musiker, der den Jahreswechsel als geistlichen Wendepunkt versteht. So steht diese Neujahrskantate exemplarisch fĂŒr eine Epoche, in der Musik nicht Begleitung eines Festes war, sondern Deutung der Zeit. Der Ăbergang ins neue Jahr wurde nicht gefeiert, sondern bedacht. Bach gab diesem Moment eine Stimme â feierlich, ernst und von einer Hoffnung getragen, die nicht aus Gewissheit, sondern aus Vertrauen erwĂ€chst. Am Beginn eines neuen Jahres wirkt diese Musik erstaunlich gegenwĂ€rtig. Sie kennt keinen Optimismus aus Gewissheit, sondern eine Hoffnung, die aus Unsicherheit geboren ist. Gerade darin liegt ihre Zeitlosigkeit: Der Blick zurĂŒck ist dankbar, der Blick nach vorn vorsichtig, getragen von dem Wunsch nach Frieden, MaĂ und Bewahrung. In Zeiten beschleunigter UmbrĂŒche erinnert diese Haltung daran, dass Neubeginn nicht laut sein muss. Manchmal genĂŒgt es, innezuhalten, das Vergangene zu wĂŒrdigen und dem Kommenden mit ruhiger Entschlossenheit zu begegnen. Seitenanfang Nach Weihnachten Mehr Weihnachten Mehr Weihnachten Der dritte Weihnachtstag ist kein spĂ€tmittelalterliches oder reformatorisches Konstrukt, sondern geht auf die frĂŒhmittelalterliche Ausformung des Weihnachtsfestkreises zurĂŒck. Entscheidend ist dabei nicht ein einzelnes Datum, sondern ein langer liturgiegeschichtlicher Prozess zwischen SpĂ€tantike und Hochmittelalter. UrsprĂŒnglich wurde Weihnachten im Westen zunĂ€chst nur als eintĂ€giges Fest begangen. Die Feier der Geburt Christi am 25. Dezember ist in Rom erstmals sicher fĂŒr das Jahr 336 belegt (Depositio Martyrum). Schon sehr frĂŒh jedoch entwickelte sich â analog zu Ostern â die Idee, groĂe Heilsmysterien nicht punktuell, sondern zeitlich entfaltet zu feiern. Dieser Gedanke fĂŒhrte zur Ausbildung von Festoktaven, also achttĂ€gigen Festkreisen. Bereits im 5. Jahrhundert lĂ€sst sich in Rom und Norditalien beobachten, dass auf den 25. Dezember weitere liturgisch eigenstĂ€ndige Tage folgen. Diese Tage waren zunĂ€chst nicht âWeihnachtstageâ im modernen Sinn, sondern Heiligenfeste, die bewusst in unmittelbare NĂ€he zur Geburt Christi gerĂŒckt wurden. Der Grundgedanke war theologisch: Die Inkarnation Christi zieht Zeugnis, Martyrium und Offenbarung nach sich. SpĂ€testens im 6. Jahrhundert ist die Dreigliederung faktisch etabliert: â 26. Dezember: Fest des hl. Stephanus (ProtomĂ€rtyrer) â 27. Dezember: Fest des hl. Johannes Evangelista â 28. Dezember: Fest der Unschuldigen Kinder Diese Ordnung ist im römischen Sakramentar, spĂ€ter auch im Gregorianischen Sakramentar, eindeutig belegt. Damit existiert der âdritte Weihnachtstagâ liturgisch spĂ€testens seit dem FrĂŒhmittelalter, auch wenn er nicht so benannt wurde, sondern als Johannesfest innerhalb der Weihnachtsoktav fungierte. Im Hochmittelalter (ca. 11.â13. Jahrhundert) war diese Struktur in ganz Westeuropa fest verankert. FĂŒr Klerus und stĂ€dtische Bevölkerung bedeutete dies faktisch mehrere aufeinanderfolgende arbeitsfreie Hochfesttage, begleitet von feierlichen Messen, Prozessionen und Musik. In vielen Regionen wurden diese Tage im Sprachgebrauch bereits als âzweiterâ und âdritter Weihnachtstagâ wahrgenommen, auch wenn die liturgischen BĂŒcher weiterhin die Heiligentitel verwendeten. Die Reformation bedeutete keinen Bruch, sondern eher eine Neuakzentuierung. Martin Luther (1483â1546) schaffte die mehrtĂ€gige Weihnachtsfeier nicht ab, sondern behielt sie bewusst bei. Allerdings verschob sich der Schwerpunkt: WĂ€hrend die katholische Liturgie an den Folgetagen stĂ€rker die Heiligenfeste betonte, rĂŒckte im lutherischen Raum wieder das Christusereignis selbst in den Mittelpunkt. Die Tage nach dem 25. Dezember wurden weiterhin als eigenstĂ€ndige Festtage begangen, nun jedoch mit einer stĂ€rkeren Konzentration auf Inkarnation, Erlösung und göttliche Offenbarung, weniger auf die Heiligenverehrung. In den lutherischen Territorien des 17. und frĂŒhen 18. Jahrhunderts, also auch in Leipzig zur Zeit von Johann Sebastian Bach (1685â1750), war der dritte Weihnachtstag (27. Dezember) ein vollwertiger kirchlicher Feiertag mit Hauptgottesdienst, Predigt und anspruchsvoller Kirchenmusik. FĂŒr einen Thomaskantor war es selbstverstĂ€ndlich, fĂŒr diesen Tag eine neue Kantate zu liefern. Die Existenz zahlreicher Kantaten Bachs âam dritten Weihnachtstagâ ist daher kein Sonderfall, sondern Ausdruck einer kontinuierlichen liturgischen Tradition, die sich von der mittelalterlichen Kirche ĂŒber die Reformation hinweg erhalten hatte. Vor diesem historischen Hintergrund erklĂ€rt sich die Anlage des Weihnachtsoratorium BWV 248. Dieses Werk ist kein einheitliches Oratorium im spĂ€teren Sinn, sondern ein Zyklus von sechs selbstĂ€ndigen Kirchenkantaten, die exakt auf die Feiertage der Weihnachtszeit abgestimmt sind. Teil III, aufgefĂŒhrt am 27. Dezember 1734, ist ausdrĂŒcklich fĂŒr den dritten Weihnachtstag bestimmt und steht damit in direkter KontinuitĂ€t der jahrhundertealten liturgischen Praxis. Textlich und theologisch bildet dieser dritte Teil den Abschluss der eigentlichen WeihnachtserzĂ€hlung. WĂ€hrend Teil I die Geburt Christi verkĂŒndet und Teil II den Weg der Hirten schildert, konzentriert sich Teil III auf die Anbetung des neugeborenen Kindes. Das zugrunde liegende Evangelium (Lukas 2, 15â20) berichtet vom Eintreffen der Hirten an der Krippe, von ihrem Lob Gottes und von der Verwahrung dieser Worte im Herzen Mariens. Diese Szene ist theologisch zentral: Weihnachten wird hier nicht mehr nur verkĂŒndet, sondern innerlich angeeignet. Musikalisch trĂ€gt Bach diesem theologischen Schritt Rechnung. Der festliche Eingangschor âHerrscher des Himmels, erhöre das Lallenâ greift noch einmal die Trompeten- und Paukenpracht des ersten Tages auf, wirkt jedoch weniger triumphal als vielmehr jubelnd-bittend. Es ist Musik der Anbetung, nicht der Machtdemonstration. Die folgenden Rezitative fĂŒhren die biblische Handlung ruhig und erzĂ€hlend fort, wĂ€hrend die Arien â insbesondere âSchlieĂe, mein Herze, dies selige Wunderâ â den Blick ganz nach innen wenden. Hier erreicht das Werk eine auĂergewöhnliche Innigkeit: Die Weihnachtsbotschaft wird zur persönlichen Glaubenserfahrung. J. S. Bach, Weihnachtsoratorium, Teil III, Tracks 24 bis 56 der CD: https://www.youtube.com/watch?v=A2PSqSwjDDs&list=OLAK5uy_mO4q4EwdnxtWwdkpQ6LqUeEk9uJIZnpJg&index=24 Diese innere Bewegung entspricht genau der liturgischen Funktion des dritten Weihnachtstags. Historisch war dieser Tag nie bloĂ ein âNachklangâ, sondern ein Moment der Vertiefung. Nach dem Hochfest und der festlichen VerkĂŒndigung folgt die Phase des verstehenden Betrachtens. Bach ĂŒbersetzt dieses Prinzip meisterhaft in Musik: Die Ă€uĂere Festlichkeit tritt zurĂŒck, zugunsten einer Theologie des Herzens, in der das Wunder der Menschwerdung nicht mehr erzĂ€hlt, sondern bewahrt wird. Der dritte Teil von Weihnachtsoratorium BWV 248, betitelt âHerrscher des Himmels, erhöre das Lallenâ, gehört zu jenen Abschnitten des Werkes, deren ursprĂŒngliche liturgische Funktion im heutigen Musikleben nur noch schwer unmittelbar erfahrbar ist. Johann Sebastian Bach komponierte diese Kantate ausdrĂŒcklich fĂŒr den dritten Weihnachtstag (27. Dezember) â einen kirchlichen Feiertag, der im 18. Jahrhundert selbstverstĂ€ndlich war, heute jedoch aus dem öffentlichen Bewusstsein nahezu verschwunden ist. Diese historische Verschiebung hat unmittelbare Folgen fĂŒr unser heutiges Hören: Die Kantate steht gewissermaĂen auf einem liturgischen Fundament, das nicht mehr automatisch mitgehört wird. Reinhard Goebel (* 1952), deutscher Geiger und Dirigent sowie ein zentraler Vertreter der historisch informierten AuffĂŒhrungspraxis, weist in seinem Beitrag âBachs Weihnachtsoratorium, neu entdecktâ darauf hin, dass der Verlust des liturgischen Kontexts â insbesondere des heute nicht mehr praktizierten dritten Weihnachtstags â die heutige Wahrnehmung von Bachs Musik nachhaltig verĂ€ndert; diese Ăberlegungen formulierte er in der Sendung Treffpunkt Klassik auf SWR Kultur, ausgestrahlt am 19. Dezember 2024. https://www.swr.de/kultur/musik/3-herrscher-des-himmels-von-geschlossenen-kneipen-und-eilenden-hunden-100.html In Leipzig wurde die Kantate nicht einmal, sondern zweimal am selben Tag aufgefĂŒhrt â morgens und nachmittags, abwechselnd in der Thomaskirche und der Nikolaikirche. Unter diesen Bedingungen waren nicht nur die Musiker, sondern auch die Hörer Teil eines intensiven, mehrtĂ€gigen liturgisch-musikalischen Zyklus. Goebels ironische Bemerkung, man habe sich vielleicht bereits nach der Wiederöffnung der WirtshĂ€user gesehnt, verweist weniger auf Spott als auf eine nĂŒchterne Erinnerung an die reale AuffĂŒhrungspraxis: Weihnachtsmusik war keine museale Ausnahme, sondern Bestandteil eines fordernden kirchlichen Alltags. Aus dieser Perspektive erklĂ€rt sich auch, warum Teil III des Weihnachtsoratoriums nicht durchgehend auf Ă€uĂerste Festlichkeit zielt. Der Eröffnungschor âHerrscher des Himmels, erhöre das Lallenâ besitzt zwar Trompetenglanz, doch sein Text ist ungewöhnlich tastend, ja kindlich. Goebel spricht hier von musikalischen Momenten, die nicht âweltbewegendâ seien, und mahnt zugleich, theologische Texte nicht immer auf logische Dichtheit zu prĂŒfen. Diese Beobachtung berĂŒhrt einen zentralen Punkt: Bach komponiert hier keine dogmatische ErklĂ€rung, sondern eine liturgische Situation. Das âLallenâ ist nicht zu erklĂ€ren, sondern zu akzeptieren â als Ausdruck menschlicher UnzulĂ€nglichkeit vor dem göttlichen Geheimnis. Besonders aufschlussreich ist Goebels Hinweis auf den Chor âLasset uns nun gehen gen Bethlehemâ. Bach gestaltet diesen Satz bewusst unordentlich, mit versetzten EinsĂ€tzen und scheinbar unkoordinierten Bewegungen. Goebel vergleicht dies augenzwinkernd mit âHundenâ, die nicht im Gleichschritt laufen â eine Metapher, die musikalisch jedoch prĂ€zise trifft. Die Hirten erscheinen nicht als idealisierte Glaubenszeugen, sondern als reale Menschen in Bewegung. Bach komponiert keine erhabene Prozession, sondern ein lebendiges Aufbrechen, ein tastendes Unterwegssein. Gerade hierin liegt die erzĂ€hlerische StĂ€rke dieser Kantate. Das eigentliche Zentrum des dritten Teils liegt jedoch â darin sind sich Musikwissenschaft und Goebel einig â in der Alt-Arie âSchlieĂe, mein Herze, dies selige Wunderâ. Goebel bezeichnet sie ausdrĂŒcklich als âKernstĂŒck der Kantateâ und sogar als âBachs persönlichste ĂuĂerung zu den drei Weihnachtsfeiertagenâ. Diese EinschĂ€tzung lĂ€sst sich musikalisch gut begrĂŒnden. Die Arie verzichtet vollstĂ€ndig auf Ă€uĂeren Glanz; stattdessen entfaltet sich ĂŒber einer innigen Violinstimme ein Raum gröĂter IntimitĂ€t. Die Bewegung der Weihnachtsgeschichte endet hier nicht in Jubel, sondern in innerer Sammlung. Das Wunder der Menschwerdung soll nicht verkĂŒndet, sondern im Herzen âverschlossenâ werden â ein zutiefst lutherisches Motiv. Dass Bach selbst ein ausgezeichneter Geiger war, verleiht dieser Arie zusĂ€tzliches Gewicht. Ob er sie tatsĂ€chlich âfĂŒr sich selbstâ geschrieben hat, bleibt spekulativ; doch unbestreitbar ist, dass hier eine auĂergewöhnliche NĂ€he zwischen Musik, Text und persönlicher Frömmigkeit entsteht. In der Dramaturgie des Weihnachtsoratoriums markiert diese Arie den Ăbergang von der Ă€uĂeren ErzĂ€hlung zur inneren Aneignung â genau jene Funktion, die dem dritten Weihnachtstag im liturgischen Zyklus traditionell zukam. Der SWR-Beitrag von Reinhard Goebel schĂ€rft somit nicht nur den Blick fĂŒr einzelne musikalische Details, sondern macht deutlich, dass BWV 248 III nur im Zusammenspiel von Liturgie, AuffĂŒhrungspraxis und theologischer Funktion vollstĂ€ndig verstanden werden kann. Der dritte Weihnachtstag ist kein ĂŒberzĂ€hliger Nachklang, sondern ein Moment der Verdichtung. Bach komponiert hier keine Steigerung, sondern eine Sammlung â und gerade darin liegt die stille GröĂe dieses Kantatenteils. Der Verlust des dritten Weihnachtstages ist in erster Linie eine Folge von staatlicher Politik, SĂ€kularisation und Arbeitsgesetzgebung, nicht bloĂ liturgischer Reform. Bis in die frĂŒhe Neuzeit hinein war Weihnachten in weiten Teilen Europas kein Zweitagesfest, sondern ein mehrtĂ€giger Festkomplex mit arbeitsfreier Zeit, getragen von Klöstern, Stiften und kirchlichen Institutionen, die den Rhythmus des Jahres prĂ€gten. Mit der SĂ€kularisation kirchlichen Besitzes, der Auflösung zahlreicher Klöster und der zunehmenden Kontrolle der Kirche durch den Staat verlor dieser erweiterte Festkalender seine materielle und soziale Grundlage. Ein entscheidender Einschnitt erfolgte im 18. Jahrhundert durch aufklĂ€rerische Staatsreformen. Besonders prĂ€gend war die Kirchenpolitik von Joseph II. (1741â1790), der im Habsburgerreich zahlreiche Feiertage abschaffte, Klöster aufhob und religiöse Praxis strikt dem âNutzen des Staatesâ unterordnete. Ziel war eine Reduktion arbeitsfreier Tage, um ProduktivitĂ€t, Verwaltung und MilitĂ€rwesen effizienter zu organisieren. Weihnachtliche Oktavtage galten nun als entbehrlich, selbst wenn sie kirchlich weiterhin existierten. Parallel dazu beschleunigte die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts diesen Prozess. Moderne ArbeitsverhĂ€ltnisse, Fabriksysteme und nationale Gesetzgebungen verlangten nach einheitlichen, minimalen Feiertagsregelungen. Alles, was ĂŒber den âKernâ eines Festes hinausging, wurde gestrichen. Der dritte Weihnachtstag verschwand daher nicht abrupt, sondern wurde stillschweigend aus dem öffentlichen Kalender verdrĂ€ngt. Bezeichnend ist, dass dieser Prozess bis heute nicht abgeschlossen ist. In mehreren LĂ€ndern â etwa in den USA, Frankreich oder Spanien â ist selbst der 26. Dezember kein gesetzlicher Feiertag mehr; Weihnachten reduziert sich dort faktisch auf einen einzigen Tag. Dies macht deutlich, dass es sich nicht um eine theologische, sondern um eine gesellschafts- und wirtschaftspolitische Entwicklung handelt. Der dritte Weihnachtstag ging somit verloren, weil sich Europa von einer sakral strukturierten Zeitordnung zu einer staatlich und ökonomisch regulierten Kalenderkultur wandelte. Weihnachten blieb als Symbol erhalten â seine einstige zeitliche Ausdehnung jedoch passte nicht mehr in die Logik der modernen Gesellschaft. CD-Vorschlag Johann Sebastian Bach, Weihnachtsoratorium, BWV 248, Concentus Musicus Wien,und Arnold Schoenberg Chor, Leitung Nikolaus Harnoncourt (1929â2016), Deutsche Harmonia Mundi, 2007. Seitenanfang Warum es im frĂŒhen Christentum eigentlich kein Weihnachtsfest gab Heute erscheint Weihnachten als selbstverstĂ€ndlicher Mittelpunkt des christlichen Jahres. Krippen, Engel, Hirten, festliche Musik und eine theologisch hoch aufgeladene Geburtsszene prĂ€gen unser Bild. Historisch betrachtet ist diese SelbstverstĂ€ndlichkeit jedoch eine Projektion spĂ€terer Jahrhunderte. FĂŒr das frĂŒhe Christentum spielte Weihnachten lange Zeit kaum eine Rolle â weder theologisch noch liturgisch noch musikalisch. Der eigentliche Angelpunkt des christlichen Glaubens war nicht die Geburt, sondern der Tod und die Auferstehung Christi. Ostern stand im Zentrum, Weihnachten existierte zunĂ€chst ĂŒberhaupt nicht als eigenstĂ€ndiges Fest. In den ersten Jahrhunderten des Christentums lag der Fokus auf dem Pascha-Mysterium: Kreuzigung, Auferstehung und Erlösung. Diese Ereignisse galten als heilsentscheidend. Die Geburt Jesu war zwar bekannt, aber sie hatte keinen eigenen Festcharakter. Entsprechend finden sich in den frĂŒhesten christlichen Quellen weder Hinweise auf eine Feier der Geburt Christi noch auf ein festes Geburtsdatum. Die Evangelien selbst nennen keinen Geburtstag; stattdessen betonen sie Sendung, Wirken und Tod Jesu. Theologisch war Christus von Anfang an der Erlöser, nicht das göttliche Kind in der Krippe. Erst im 4. Jahrhundert beginnt sich das Weihnachtsfest allmĂ€hlich zu etablieren. Dieser Zeitpunkt ist kein Zufall. Nach der Konstantinischen Wende und der Anerkennung des Christentums als erlaubte Religion im Römischen Reich Ă€nderte sich die Rolle der Kirche grundlegend. Das Christentum wurde sichtbar, öffentlich und zunehmend staatsnah. In diesem neuen Kontext gewann auch die Frage nach der Inkarnation â der Menschwerdung Gottes â an Bedeutung. Die Geburt Christi wurde nun als sichtbares Zeichen göttlicher NĂ€he interpretiert und erhielt langsam einen eigenen liturgischen Rahmen. Mit dieser Entwicklung hĂ€ngt auch die Festlegung des 25. Dezember zusammen. Dieses Datum ist nicht biblisch begrĂŒndet, sondern kulturgeschichtlich motiviert. Im spĂ€tantiken Rom wurde um diese Zeit das Fest des Sol invictus, des âunbesiegten Sonnengottesâ, begangen â ein Symbol fĂŒr Licht, Erneuerung und kosmische Ordnung. Die christliche Festlegung des Geburtstags Christi auf denselben Zeitraum lĂ€sst sich als bewusste Umdeutung verstehen: Christus als âwahre Sonneâ, als Licht der Welt, das die alte Ordnung ĂŒberstrahlt. Weihnachten entstand damit nicht im luftleeren Raum, sondern im Spannungsfeld zwischen christlicher Theologie und spĂ€tantiker Religionspolitik. Trotz dieser Festlegung blieb Weihnachten lange Zeit ein Randfest. In der liturgischen Praxis der SpĂ€tantike und des frĂŒhen Mittelalters hatte Ostern weiterhin Vorrang, ebenso Epiphanias, das Fest der Erscheinung des Herrn. Weihnachten war regional unterschiedlich ausgeprĂ€gt und keineswegs ĂŒberall gleich wichtig. In manchen Gegenden spielte es kaum eine Rolle, in anderen wurde es mit Epiphanias zusammen gedacht. Die Vorstellung eines klar strukturierten Weihnachtsfestkreises mit Advent, Christmette und Festoktav ist eine Entwicklung vieler Jahrhunderte. Diese theologische ZurĂŒckhaltung spiegelt sich auch in der Musikgeschichte wider. Die frĂŒhmittelalterliche Kirchenmusik kennt kaum eigenstĂ€ndige Weihnachtskompositionen. Der gregorianische Choral entwickelte sich zunĂ€chst entlang des Osterzyklus; Passion, Auferstehung und Pfingsten bestimmten die musikalische Gestaltung des Kirchenjahres. Weihnachtsbezogene GesĂ€nge existierten zwar, doch sie nahmen einen deutlich geringeren Raum ein als spĂ€ter. Von einer reichen âWeihnachtsmusikâ im frĂŒhen Mittelalter kann keine Rede sein. Erst im Hoch- und SpĂ€tmittelalter Ă€ndert sich das Bild allmĂ€hlich. Mit der wachsenden Bedeutung der Krippenfrömmigkeit, der Marienverehrung und der emotionaleren ReligiositĂ€t des 12. und 13. Jahrhunderts rĂŒckt das Kind in der Krippe stĂ€rker in den Fokus. Nun entstehen volkssprachliche Lieder, lateinische Sequenzen und spĂ€ter auch mehrstimmige Werke, die Weihnachten als eigenstĂ€ndiges Fest musikalisch ausdeuten. Doch selbst dann bleibt Weihnachten lange weniger dominant als Ostern. Hildegard von Bingen (1098â1179) â O virga ac diadema Ein Gesang, der Christus nicht als Kind, sondern als kosmisches Erlösungsprinzip versteht. Die Inkarnation erscheint hier nicht âweihnachtlichâ, sondern heilsgeschichtlich. Ideal, um zu zeigen, wie fremd frĂŒhe Frömmigkeit unserer heutigen Weihnachtsvorstellung ist. https://www.youtube.com/watch?v=csftXiJrdKY Deutsche Ăbersetzung O Zweig und Diadem des purpurnen Königs, der du in deiner UmschlieĂung bist wie ein Schutzpanzer: du bist grĂŒnend erblĂŒht in einer anderen Ordnung der Zeiten, als Adam das ganze Menschengeschlecht hervorbrachte. Sei gegrĂŒĂt, sei gegrĂŒĂt: aus deinem SchoĂ ging ein anderes Leben hervor, wĂ€hrend Adam seine Kinder entblöĂt hatte. O Blume, du sprosstest nicht aus dem Tau noch aus Tropfen des Regens, noch umwehte dich die Luft von oben, sondern göttlicher Glanz hat dich an der edelsten Rute hervorgebracht. Vor diesem Hintergrund lĂ€sst sich ein nĂŒchterner Befund festhalten: Weihnachten ist kein ursprĂŒngliches Zentrum des Christentums, sondern eine vergleichsweise spĂ€te Entwicklung. Theologisch wurde es erst im 4. Jahrhundert greifbar, liturgisch langsam gefestigt und musikalisch sogar noch spĂ€ter entfaltet. Unsere heutige Vorstellung von Weihnachten als emotionalem, musikalischem Höhepunkt des Kirchenjahres ist das Ergebnis eines langen kulturellen Reifungsprozesses â nicht das Erbe der frĂŒhen Kirche. Gerade diese historische Distanz macht Weihnachten kulturgeschichtlich so interessant. Es zeigt, wie religiöse Feste nicht einfach âgegebenâ sind, sondern sich im Zusammenspiel von Theologie, Politik, Frömmigkeit und Kunst formen. Weihnachten ist damit weniger ein ursprĂŒngliches Fundament des Christentums als vielmehr ein Spiegel seiner spĂ€teren Entwicklung â ein Fest, das gelernt, gestaltet und ĂŒber Jahrhunderte neu erfunden wurde. Wie Weihnachten erst in der Renaissance musikalisch âexplodierteâ Wenn Weihnachten im frĂŒhen Christentum theologisch randstĂ€ndig war und im Mittelalter musikalisch eher sparsam ausfiel, dann beginnt sich in der Renaissance erstmals ein völlig neues Klangbild zu formen. Jetzt wird Weihnachten nicht mehr nur liturgisch mitvollzogen, sondern bewusst gestaltet, ausgeschmĂŒckt und emotional aufgeladen. Die Geburt Christi wird zum musikalischen Ereignis. Mehrere Entwicklungen greifen dabei ineinander. Zum einen verĂ€ndert sich die Frömmigkeit: Das spĂ€tmittelalterliche und frĂŒhneuzeitliche Christentum rĂŒckt das menschliche Erleben stĂ€rker in den Vordergrund. Die Inkarnation â Gott wird Mensch â wird nicht mehr nur dogmatisch gedacht, sondern sinnlich erfahren. Musik eignet sich dafĂŒr besonders. Sie kann NĂ€he, Staunen, ZĂ€rtlichkeit und Freude ausdrĂŒcken, ohne theologischen Kommentar. Zum anderen entsteht in der Renaissance eine hochentwickelte mehrstimmige Vokalkunst. Komponisten beherrschen nun den polyphonen Satz in einer Weise, die differenzierte Affekte erlaubt. Weihnachten bietet dafĂŒr einen idealen Anlass: Engelchöre, Hirten, himmlischer Glanz und irdische Armut lassen sich musikalisch kontrastieren. Genau hier beginnt die eigentliche âWeihnachtsmusikâ im modernen Sinn. Charakteristisch ist, dass die Texte weiterhin ĂŒberwiegend lateinisch bleiben, die Musik jedoch deutlich lebendiger wird. Hymnen wie Resonet in laudibus, Puer natus est nobis oder Hodie Christus natus est erhalten rhythmische Energie, tĂ€nzerische Impulse und klare Klangfarben. Besonders auffĂ€llig ist, dass einige WeihnachtsgesĂ€nge bewusst an weltliche Tanzrhythmen erinnern. Weihnachten wird hörbar als Fest der Freude inszeniert â nicht als stilles, kontemplatives Ereignis. Orlando di Lasso (1532â1595) â Resonet in laudibus Ein SchlĂŒsselwerk: rhythmisch, beinahe tĂ€nzerisch, bewusst volksnah. Es zeigt, wie Weihnachten in der Renaissance aus der liturgischen Strenge heraustritt und körperlich erfahrbar wird. https://www.youtube.com/watch?v=btr-EMZBMlY Deutsche Ăbersetzung Erschallet im Lobgesang mit freudigen Beifallsrufen, Zion mit den GlĂ€ubigen: Erschienen ist der, den Maria geboren hat. Christus ist heute geboren aus Maria, der Jungfrau, ohne den Samen eines Mannes: Erschienen ist ⊠Ihr Kinder, singt gemeinsam, preist dem neugeborenen König, sprecht mit frommer Stimme: Erschienen ist ⊠Zion, lobe den Herrn, den Retter der Menschen, den Reiniger der SĂŒnden: Erschienen ist ⊠ErfĂŒllt ist, was Gabriel vorausgesagt hat: Eia, eia, die Jungfrau hat Gott geboren, wie es die göttliche Gnade gewollt hat. Heute ist er in Israel erschienen: Aus Maria, der Jungfrau, ist der König geboren. Parallel dazu entwickelt sich eine zweite, nicht minder wichtige Linie: die volkssprachliche Weihnachtsmusik. In deutschsprachigen Regionen entstehen geistliche Lieder, die bewusst fĂŒr das Mitsingen gedacht sind. Das Christkind tritt nĂ€her an die GlĂ€ubigen heran, die Sprache wird verstĂ€ndlich, die Melodien eingĂ€ngig. Weihnachten wird damit erstmals auch ein soziales Fest, getragen vom gemeinsamen Singen, nicht nur vom Klerus. Musikalisch markiert die Renaissance damit einen Wendepunkt. Weihnachten wird vom liturgischen Randthema zum Ă€sthetischen Zentrum, zumindest zeitweise. Zwar bleibt Ostern theologisch ĂŒberlegen, doch Weihnachten gewinnt emotionales Gewicht â ein Gewicht, das spĂ€ter im Barock weiter verstĂ€rkt wird. Ohne diese Renaissance-Phase wĂ€ren weder die groĂen weihnachtlichen Motetten noch die barocken Oratorien denkbar. Entscheidend ist: Die âExplosionâ der Weihnachtsmusik ist kein spontanes Wunder, sondern das Ergebnis eines kulturellen Reifeprozesses. Erst als Theologie, musikalische Technik und Frömmigkeit eine neue Balance finden, kann Weihnachten klanglich das werden, was wir heute damit verbinden: ein Fest des Lichts, der NĂ€he und der hörbaren Freude. So erklĂ€rt sich auch ein scheinbarer Widerspruch: Weihnachten wirkt heute uralt und selbstverstĂ€ndlich, ist musikalisch aber vergleichsweise jung. Seine Klangwelt entstand nicht aus der frĂŒhen Kirche, sondern aus dem schöpferischen Geist der Renaissance â dort, wo Musik begann, GefĂŒhle nicht nur zu begleiten, sondern zu formen. Warum barocke Weihnachtsmusik oft prachtvoller ist als Ostermusik Auf den ersten Blick wirkt es paradox. Theologisch steht Ostern im Zentrum des Christentums: Kreuzigung und Auferstehung sind das Fundament der Erlösungslehre. Weihnachten dagegen â die Geburt Christi â ist ein spĂ€ter entwickeltes Fest. Und doch zeigt ein Blick in die Musikgeschichte des Barock ein ĂŒberraschend klares Bild: Weihnachtsmusik erscheint hĂ€ufig prachtvoller, farbiger und öffentlichkeitswirksamer als die Musik fĂŒr Ostern. Diese Verschiebung ist kein Zufall, sondern das Ergebnis liturgischer, sozialer und Ă€sthetischer Entwicklungen der FrĂŒhen Neuzeit. Ein entscheidender Faktor liegt in der liturgischen Struktur der Karwoche. Die Tage vor Ostern waren von strengen Regeln geprĂ€gt. In vielen katholischen Regionen galt ein faktisches AuffĂŒhrungsverbot fĂŒr festliche Musik. Instrumente schwiegen, Orgeln verstummten, und selbst mehrstimmiger Gesang wurde stark eingeschrĂ€nkt. Die musikalische Sprache der Passion und der Auferstehung war daher oft bewusst reduziert: a cappella, dunkel gefĂ€rbt, kontemplativ. GroĂe Klangpracht hĂ€tte dem Charakter von BuĂe, Leid und Erwartung widersprochen. Weihnachten hingegen war von solchen EinschrĂ€nkungen weitgehend frei. Die Geburt Christi wurde als freudiges Ereignis verstanden, das öffentlich gefeiert werden durfte. Gerade im Barock, einer Epoche der ReprĂ€sentation und des Affekts, bot Weihnachten ideale Voraussetzungen fĂŒr musikalische Entfaltung. Trompeten, Pauken, festliche Chöre und leuchtende Tonarten passten perfekt zum Bild des himmlischen Königs, der in die Welt tritt. Weihnachten wurde damit zum Schauplatz musikalischer Opulenz. Hinzu kommt die politische Dimension des Barock. In katholischen wie protestantischen Territorien diente Kirchenmusik auch der ReprĂ€sentation weltlicher Macht. FĂŒrsten, Bischöfe und Stadtregierungen nutzten festliche Gottesdienste, um Ordnung, Wohlstand und göttliche Legitimation zu demonstrieren. Weihnachten, mit seiner Botschaft von Licht, Frieden und göttlicher Herrschaft, eignete sich hervorragend fĂŒr diese Symbolik. Ostern hingegen war stĂ€rker auf innerliche Frömmigkeit und theologische Tiefe ausgerichtet und weniger auf Ă€uĂeren Glanz. Johann Heinrich Rolle (1716â1785) â Weihnachtsoratorium Ein typisches Beispiel der mitteldeutschen AufklĂ€rung: festlich, rhetorisch klar, auf Wirkung angelegt. Weihnachten als öffentliches Ereignis, nicht als stilles Mysterium. https://www.youtube.com/watch?v=44l9f4d1PfA&list=OLAK5uy_nyEmP3wyhqW_wSHHZARcTX7ETm0xpcijE&index=2 Ein weiterer Aspekt betrifft die Textgrundlagen. Die Weihnachtsliturgie bietet eine FĂŒlle poetischer, bildreicher Texte: Engelchöre, Hirten auf dem Feld, das Licht, das in die Dunkelheit kommt. Diese Bilder laden zu musikalischer Ausmalung ein. Ostern dagegen bewegt sich stĂ€rker im Spannungsfeld von Tod, Grabesruhe und metaphysischer VerklĂ€rung â Themen, die sich musikalisch zwar tief, aber weniger spektakulĂ€r darstellen lassen. Barockkomponisten reagierten darauf mit subtiler Kunst, nicht mit Ă€uĂerem Prunk. Auch konfessionelle Unterschiede spielen eine Rolle. In lutherischen Gebieten etwa entwickelte sich eine besonders reiche Weihnachtsmusik, da das Fest stark in die hĂ€usliche und stĂ€dtische Frömmigkeit eingebunden war. Kantaten, ChorĂ€le und spĂ€ter Oratorien richteten sich nicht nur an den Altar, sondern an die Gemeinde. Weihnachten wurde so zu einem musikalischen Gemeinschaftserlebnis. Ostern blieb stĂ€rker an die Predigt und die theologische Auslegung gebunden. Nicht zuletzt wirkte sich der AuffĂŒhrungskontext aus. Weihnachtsmusik erklang oft mehrfach wĂ€hrend der Festtage, teilweise in aufeinanderfolgenden Gottesdiensten. Komponisten konnten ganze Zyklen schaffen, die auf Wirkung und Wiedererkennung angelegt waren. Ostermusik hingegen konzentrierte sich auf wenige liturgische Momente, oft mit strengen formalen Vorgaben. Die Möglichkeit zur klanglichen Entfaltung war dort begrenzter. All dies fĂŒhrt zu einem bemerkenswerten Befund: Die musikalische Pracht des Barock folgt nicht strikt der theologischen Rangordnung der Feste, sondern den Bedingungen ihrer AuffĂŒhrung. Weihnachten bot Freiheit, Ăffentlichkeit und Affektreichtum â Ostern verlangte Sammlung, Ernst und ZurĂŒckhaltung. Dass wir heute Weihnachten als besonders âmusikalischesâ Fest erleben, ist daher weniger ein Ausdruck ursprĂŒnglicher christlicher PrioritĂ€ten als das Ergebnis barocker Kultur- und Klangpolitik. So erklĂ€rt sich auch, warum gerade die Weihnachtsmusik des Barock bis heute unser KlanggedĂ€chtnis prĂ€gt: Sie verbindet religiöse Botschaft mit sinnlicher Erfahrung, geistliche Inhalte mit hörbarem Glanz. Ostern spricht tiefer â Weihnachten klingt lauter. Seitenanfang Kein Weihnachten Die letzten Fragmente der Achten â Sibeliusâ flĂŒchtiger Nachhall Wenn man heute nach der Achten Symphonie von Jean Sibelius (1865â1957) sucht, findet man keine Partitur, keine UrauffĂŒhrung, kein vollendetes Werk. Alles, was von diesem geheimnisvollen Opus geblieben ist, sind einige lose BlĂ€tter â kleine Inseln im Papiermeer seines Nachlasses. Doch gerade diese winzigen Skizzen, zusammen kaum drei Minuten Musik, gehören zu den rĂ€tselhaftesten und berĂŒhrendsten Dokumenten seines spĂ€ten Schaffens. Sie wirken wie Stimmen aus einer versunkenen Welt, wie Echos eines Werkes, das der Komponist vielleicht bewusst der VergĂ€nglichkeit ĂŒberlassen hat. Diese Fragmente tauchten erst spĂ€t im 20. Jahrhundert wieder auf. In Archiven der Nationalbibliothek Helsinki, spĂ€ter auch im Nachlass von Ainola, fanden sich mehrere kurze OrchesterentwĂŒrfe: Miniaturen, nicht lĂ€nger als wenige Takte, manchmal nur eine Geste, ein harmonischer Impuls, ein rhythmischer Riss im Schweigen. Die Forscher um Timo Virtanen â einen der maĂgeblichen Kenner von Sibeliusâ Manuskripten â sahen darin Spuren eines gröĂeren Zusammenhangs: musikalische Splitter, die sich stilistisch und zeitlich in die Phase der verlorenen Achten einordnen lassen. Was sie enthalten, ist bemerkenswert. Das erste Fragment, knapp eine Minute lang, beginnt mit einer kĂŒhlen, scharf gezeichneten AkkordflĂ€che â eine Art schimmernde Auftaktsenergie, die sich langsam verengt, dann wieder öffnet. Die Harmonik ist herb und unerwartet, weit entfernt von den ĂŒberströmenden Melodien der frĂŒhen Symphonien. Es klingt wie ein Komponist, der seine Welt auf das Essentielle reduziert hat und fĂŒr den jeder Ton zĂ€hlt. Das zweite Fragment ist kaum acht Sekunden lang. Ein Orchesterblitz. Ein kurzes rhythmisches Schillern, ein jĂ€her harmonischer Schwenk, der so modern wirkt, als wĂ€re er Jahrzehnte spĂ€ter entstanden. Die Linien sind kantig, die Struktur streng, eine Ă€sthetische Verwandtschaft mit den letzten Seiten von âTapiolaâ ist unverkennbar. Eine Miniatur â und doch ein Fenster zu einer radikaleren, kĂŒhneren Sprache, die Sibelius offenbar erprobte. Das dritte Fragment schlieĂlich, etwa eine Minute lang, ist das persönlichste. Es wirkt wie eine erschöpfte, fast gebrochene Geste: ein leiser, zarter Abstieg der Streicher, ein unruhiges Pulsieren der HolzblĂ€ser, ein Schatten von Melodik, der sich sogleich wieder auflöst. Hier scheint Sibelius an einem Punkt angekommen zu sein, an dem die Musik nicht mehr bauen, sondern nur noch andeuten will. Sie spricht in Andeutungen, in abgebrochenen Linien, in geheimen Bewegungen zwischen den Stimmen. 2011 wurden diese drei Skizzen â ohne jede ErgĂ€nzung, ohne Spekulationen â vom Philharmonischen Orchester Helsinki unter John StorgĂ„rds (* 1963) erstmals hörbar gemacht. Man orchestrierte lediglich das, was auf den Fragmenten stand, ohne etwas hinzuzufĂŒgen. Das Ergebnis war ein kurzer, aber elektrisierender Moment: als wĂŒrde fĂŒr wenige Augenblicke eine TĂŒr geöffnet, hinter der ein groĂes, nie geborenes Werk schlummerte. Kritiker beschrieben die Musik als âfremd und vertraut zugleichâ, âeine Sprache kurz vor dem Verstummenâ, âein Sibelius, der die Grenzen seiner eigenen Ăsthetik sprengtâ. Diese Fragmente sind keine Achte Symphonie. Sie sind die Asche. Aber wie in jeder Asche glimmt etwas: ein Rest von Energie, ein Widerschein des Feuers, das einst gebrannt hat. Man spĂŒrt darin den Kampf eines Komponisten, der nach Vollkommenheit suchte und dessen eigene MaĂstĂ€be so hoch waren, dass er lieber zerstörte, was ihm nicht genĂŒgte. Was uns bleibt, ist ein musikalischer Schatten. Drei winzige StĂŒcke, die â gerade weil sie unvollendet sind â eine fast unheimliche Kraft entfalten. Sie zeigen einen Sibelius, der am Ende seines Lebens an einer Grenze angekommen war: an der Grenze zwischen Ton und Schweigen. Und vielleicht liegt hier der eigentliche Sinn dieser Fragmente: Sie sind das letzte Flackern eines groĂen Werks, das nicht existiert â und gerade deshalb unvergesslich bleibt. https://www.youtube.com/watch?v=Kwjpt3CYoQU I â HUL 1325 (erdiges Orchester-Thema) II â HUL 1326/9 (kurzer, sehr zarter Splitter) III â HUL 1327/2 (etwas ausgedehnterer Satz mit Allegro moderato) Die drei kurzen Orchesterfragmente geben keinen Einblick in eine âvollendeteâ Achte Symphonie, sondern in Sibeliusâ spĂ€testes Denken selbst. Man hört eine stark verdichtete, kĂŒhle Klangsprache, frei von Ă€uĂerem Effekt, voller Spannung zwischen Bewegung und Stillstand. Gerade ihre UnvollstĂ€ndigkeit macht diese wenigen Minuten so eindringlich â wie ein Blick in ein Werk, das bewusst im Schweigen endete. Quellen / Literatur Kari KilpelĂ€inen: âSibelius Eight. What happened to it?â â Finnish Music Quarterly (FMQ) Sehr guter Ăberblick ĂŒber Quellenlage, Vernichtungsthese, Kopisten-Spuren und die Frage, was von der Achten (als Material) ĂŒberlebt haben könnte. Chandos Booklet zur Aufnahme âComplete Symphonies / Three Late Fragmentsâ (John StorgĂ„rds, BBC Philharmonic), PDF Das Beiheft dokumentiert die drei Fragmente als Teil der Veröffentlichung (inkl. Bezeichnungen/Track-Info) und ist als Label-Publikation ein sauberer Referenzpunkt fĂŒr die Einspielung. Alex Ross: âApparition in the Woodsâ â The New Yorker (2007) Ein gut recherchierter, vielzitierter Essay zum Mythos der Achten, zu Sibeliusâ spĂ€tem Schweigen und zur kulturellen âLeerstelleâ, die das verlorene Werk hinterlassen hat. Seitenanfang Sibeliusâ Nachhall Chopin post mortem Als Fryderyk Chopin (1810â1849) am 17. Oktober 1849 gegen 2 Uhr morgens in seiner Wohnung am Place VendĂŽme 12 in Paris starb, hinterlieĂ er einen ungewöhnlich prĂ€zisen letzten Willen: Er fĂŒrchtete den Scheintod und bat ausdrĂŒcklich um eine Obduktion. Zugleich wĂŒnschte er, dass sein Herz nach Polen gebracht werden solle â in jenes Land, das er aufgrund der politischen Lage seit 1830 nicht mehr hatte betreten dĂŒrfen, das jedoch der tiefste emotionale Mittelpunkt seines Lebens geblieben war. Die Autopsie fĂŒhrte der berĂŒhmte Pathologe Jean Cruveilhier (1791â1874) durch. Er entnahm das Herz und konservierte es in einer alkoholischen Lösung, höchstwahrscheinlich Cognac. Chopins Schwester Ludwika JÄdrzejewicz (1807â1855) nahm das versiegelte Glas und brachte es â trotz russischer Grenzkontrollen â nach Warschau. Dort wurde es zunĂ€chst privat bewahrt. In der Hauptstadt wurde das Herz spĂ€ter in den Krypten der Heilig-Kreuz-Kirche (KoĆciĂłĆ ĆwiÄtego KrzyĆŒa) an der Krakowskie PrzedmieĆcie beigesetzt. 1882 wurde es in eine hochgelegene Nische im Pfeiler der linken Seitenwand des Kirchenschiffs umgesetzt, dort, wo sich bis heute die marmorne Gedenktafel mit der Inschrift âGdzie skarb twĂłj, tam i serce twojeâ (âDenn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herzâ) nach MatthĂ€us 6,21 befindet. Es ist ein Epitaph aus Carrara-Marmor (1880) von Leonard Marconi (1835â1899). WĂ€hrend des Warschauer Aufstands 1944 geriet die Kirche in akute Gefahr. Der deutsche Befehlshaber Erich von dem Bach-Zelewski (1899â1972), SS-ObergruppenfĂŒhrer und zentraler FunktionstrĂ€ger der nationalsozialistischen Besatzungspolitik, leitete die Niederschlagung des Aufstands. Obwohl er fĂŒr schwerste Kriegsverbrechen verantwortlich war, ordnete er inmitten der Zerstörung an, dass Chopins Herz nicht beschĂ€digt werden dĂŒrfe, und ĂŒbergab es polnischen Geistlichen. Diese Episode, historisch gesichert, steht völlig isoliert in seiner Biographie. Nach dem Krieg wurde er in NĂŒrnberg nicht angeklagt, spĂ€ter in der Bundesrepublik Deutschland jedoch wegen politischer Morde aus der Vorkriegszeit (1930-Jahre) verurteilt und erhielt 1962 eine lebenslange Freiheitsstrafe. Er starb 1972 im GefĂ€ngniskrankenhaus in MĂŒnchen. Nach 1945 kehrte das Herz in die Heilig-Kreuz-Kirche zurĂŒck und blieb jahrzehntelang unberĂŒhrt. Erst am 14. und 15. April 2014 wurde die Nische im Rahmen einer streng kontrollierten konservatorischen Untersuchung geöffnet. Ein Team aus Medizinern, Pathologen und Genetikern â darunter Prof. MichaĆ Witt (* 1950)â dokumentierte das GefÀà ÀuĂerlich. Das Glas blieb vollstĂ€ndig versiegelt, doch die makroskopische Begutachtung des Herzens durch die Glaswand ergab deutliche Zeichen einer fortgeschrittenen Tuberkulose: granulomatöse VerĂ€nderungen des Herzmuskels und eine massiv verdickte Herzbeutelmembran, typisch fĂŒr eine tuberkulöse Perikarditis. Damit bestĂ€tigte die moderne Medizin, was Zeitgenossen bereits vermutet hatten â eine langjĂ€hrige Infektionskrankheit, die Chopin ĂŒber Jahre hinweg zunehmend schwĂ€chte. Gerade an dieser Stelle passt eine biographische ErgĂ€nzung, die den Blick auf Chopins Körperlichkeit schĂ€rft: Er besaĂ eine kleine, sichtbare Narbe auf der Stirn, entstanden durch einen Sturz in der Kindheit. Zeitgenössische Berichte erwĂ€hnen sie, und auch in frĂŒhen PortrĂ€ts sowie in GipsabgĂŒssen ist sie zu erkennen. Sie hat keinerlei Bezug zu seiner spĂ€teren Krankheit oder seinem Tod; vielmehr ist sie ein seltenes körperliches Detail, das Chopin als Mensch greifbar macht â ein Gegenpol zu jenem idealisierten Bild, das durch die Totenmasken tradiert wurde. Die Totenmasken Chopins â Anzahl, Ursprung, Bedeutung Unmittelbar nach Chopins Tod lieĂ der Bildhauer Jean-Baptiste-Auguste ClĂ©singer (1814â1883) einen Gipsabdruck von seinem Gesicht und seinen HĂ€nden herstellen. Dieser erste Abguss â die Urmaske â wurde noch in der Todesnacht angefertigt und bildet die Grundlage aller spĂ€teren Repliken. ClĂ©singer fertigte mehrere positive Gipsmodelle sowie spĂ€ter idealisierte Ăberarbeitungen. Heute existieren drei bedeutende historische Totenmasken: Die Pariser ClĂ©singer-Maske â im MusĂ©e de la Musique; gilt als die authentischste Fassung. Die Warschauer Maske â im Chopin-Museum; eine historische Replik mit minimalen Abweichungen. Die Krakauer Maske â im Nationalmuseum Krakau; ebenfalls frĂŒhe Kopie auf Basis des ClĂ©singer-Modells. Hinzu kommen zahlreiche spĂ€tere Repliken in Museen (u. a. Rapperswil, Zelazowa Wola). ClĂ©singer selbst retuschierte in spĂ€teren Fassungen gewisse Details â er glĂ€ttete die ZĂŒge und milderte die SchĂ€rfe der Gesichtskonturen. Aus diesem Grund existieren zwei Typen: eine ârealistischeâ frĂŒhe Maske mit deutlich sichtbaren Strukturen (inkl. StirnunregelmĂ€Ăigkeit) und eine âidealiserteâ spĂ€tere Version, die stĂ€rker Ă€sthetisiert ist. Zu Chopins Ă€uĂeren Merkmalen gehört ein oft ĂŒbersehenes, aber historisch verbĂŒrgtes Detail: eine kleine Narbe auf der Stirn, entstanden durch einen Sturz in der Kindheit. Zeitgenössische Berichte erwĂ€hnen diese Verletzung, und auch frĂŒhe PortrĂ€ts sowie einige GipsabgĂŒsse zeigen eine leichte UnregelmĂ€Ăigkeit an dieser Stelle. Die Narbe hat weder medizinische Bedeutung fĂŒr sein spĂ€teres Leiden noch irgendeinen Bezug zu seinem Tod; sie ist lediglich eine biographische Spur aus den frĂŒhen Jahren des Komponisten, die in einigen Darstellungen sichtbar geblieben ist. Ein Objekt mit historischer, biographischer und symbolischer Kraft Heute ruht Chopins Herz wieder in der Heilig-Kreuz-Kirche â ein stilles, aber mĂ€chtiges Symbol polnischer Geschichte und IdentitĂ€t. Es ĂŒberstand politische UmbrĂŒche, Besatzung, Krieg, ideologische Instrumentalisierungen und wissenschaftliche Debatten. Zusammen mit den Totenmasken, die das letzte Bild seines Gesichts bewahren, bildet es eine einzigartige Verbindung von Körper, Erinnerung und Nation. Kaum ein anderes biographisches Relikt eines KĂŒnstlers erzĂ€hlt eine so dichte Geschichte wie dieses Herz, das hunderte Kilometer durch Europa reiste, zerstörte StĂ€dte ĂŒberdauerte und bis heute als physischer Mittelpunkt einer nationalen Kultur verehrt wird. Seitenanfang Chopin post mortem Mozart und die rĂ€tselhafte âSinfonia Concertanteâ fĂŒr vier BlĂ€ser KV 297b Eine Spurensuche zwischen Paris, verlorenen Handschriften und 200 Jahren Quellenkritik Die sogenannte Sinfonia Concertante fĂŒr Oboe, Klarinette, Horn und Fagott KV 297b (oft als KV Anh. C 14.01 gefĂŒhrt) ist eines der groĂen RĂ€tsel der Mozartforschung. Seit fast zwei Jahrhunderten fragen sich Musikwissenschaftler: Ist dieses Werk tatsĂ€chlich von Wolfgang AmadĂ© Mozart (1756â1791)? Oder handelt es sich um eine spĂ€tere Bearbeitung, ein Pasticcio â oder gar ein gut gemachtes, historisches MissverstĂ€ndnis? Wie bei kaum einem anderen Mozart-Werk liegt der Reiz in den LĂŒcken. Wo bei den spĂ€ten Klavierkonzerten oder den Opern die Quellenlage prĂ€zise ist, begegnen wir hier einem Labyrinth aus verlorenen Autographen, unzuverlĂ€ssigen Kopisten, widersprĂŒchlichen Zeugenaussagen und musikalischen Spuren, die sich nur in Andeutungen erhalten haben. Paris 1778: Der mögliche Ursprung Die Geschichte beginnt im FrĂŒhjahr 1778 in Paris, einer Stadt, die Mozart liebte und hasste zugleich. In dieser Zeit schreibt Mozart an seinen Vater ĂŒber ein neues Werk, das er fĂŒr den berĂŒhmten Oboisten Friedrich Ramm (1744â1813) und drei weitere BlĂ€sersolisten komponiert habe. In einem Brief vom 4. April 1778 berichtet er wörtlich von einer âSinfonie concertanteâ fĂŒr vier BlĂ€ser â genau jene Besetzung, die spĂ€ter unter der Nummer KV 297b firmieren wĂŒrde. Doch das Autograph dieser Pariser Komposition ist verschollen. Weder ein Manuskript noch Abschriften aus Mozarts Umfeld sind erhalten. Das Werk, das wir heute kennen â Problemfall aus Wien Die Fassung, die heute als âMozart: Sinfonia Concertante KV 297bâ aufgefĂŒhrt wird, stammt nicht aus Paris, sondern aus einer viel spĂ€teren und wesentlich unsicheren Quelle: einer anonymen Partitur, die etwa um 1800 in Wien entstand. Die Probleme dieser Quelle: keine direkte Verbindung zu Mozart, kein Autograph, kein Hinweis auf Mozarts Hand, instrumentale Unstimmigkeiten und stilistische Besonderheiten, die eher auf eine Umarbeitung deuten. Besonders auffĂ€llig ist die Tatsache, dass Mozart in Paris ein Werk fĂŒr vier Solisten und Orchester ankĂŒndigte â die Wiener Version aber weist Reste eines fĂŒnften Soloinstruments auf (möglicherweise eine zweite Oboe oder Flöte), die mĂŒhsam herausretuschiert wurden. Dazu kommen tonarten- und satztechnische EigentĂŒmlichkeiten, die fĂŒr Mozart eher ungewöhnlich sind, etwa: ĂŒberlange Ritornelle, klanglich untypische Soloblock-Kombinationen, und ein stellenweise âzu schwererâ Orchesterapparat Viele Forscher gehen daher davon aus, dass uns in der Wiener Version nicht Mozarts Original begegnet, sondern ein spĂ€terer Versuch, das verschollene Pariser Werk auf Grundlage von Stimmen oder Themenfragmenten zu rekonstruieren. Wer hat die heutige Version wirklich geschrieben? Es gibt verschiedene Hypothesen: 1. Mozarts Original, aber stark bearbeitet. Das Werk könnte auf echtem Material Mozarts beruhen, wurde aber von einem Kopisten oder einem anderen Musiker erweitert oder verĂ€ndert. 2. Ein Pasticcio. Ein anonymer Musiker könnte Themen oder Motive Mozarts mit eigenem Material kombiniert haben. 3. Ein MissverstĂ€ndnis. Die Pariser âSinfonia concertanteâ Mozarts war eine ganz andere Komposition â und die Wiener Fassung hat mit ihr nichts zu tun. Moderne musikwissenschaftliche Vergleiche deuten am stĂ€rksten auf Hypothese 1 oder 2. Es gibt Passagen, die âmozartischâ klingen â vor allem im zweiten Satz â, aber auch umfangreiche Strecken, die stilistisch nicht einwandfrei mit Mozart vereinbar sind. Musikalische Argumente DafĂŒr, dass Mozart beteiligt war: Der langsame Satz zeigt eine charakteristische melodische Eleganz und eine empfindsame LinienfĂŒhrung, wie man sie aus den Pariser Flötenkonzerten und der Sinfonia Concertante K. 364 kennt. Die BlĂ€serbehandlung an bestimmten Stellen (Dialoge zwischen Oboe und Fagott, typische Kadenzwendungen) erinnert an Mozarts Pariser Stil 1778. Dagegen spricht: Der erste Satz wirkt strukturell unausgewogen, âschwerfĂ€lligâ. Die Orchestrierung ist teils unmozartisch dicht. Der Finalsatz arbeitet mit Formeln, die eher nach einem spĂ€teren Bearbeiter des frĂŒhen 19. Jahrhunderts klingen. Viele Experten kommen daher zu dem Schluss: Wenn Mozart daran beteiligt war, dann nicht allein â und nicht in dieser Form. Warum bleibt das Werk so faszinierend? Weil es ein seltenes Beispiel dafĂŒr ist, wie ein Werk zwischen Fakt und Fiktion schwebt. Es ist zugleich: eine mögliche Spur zu einem verlorenen Mozart-Werk, ein Zeugnis musikalischer Praxis in Wien um 1800, ein Fallbeispiel fĂŒr Notenkopisten, die improvisierten oder ergĂ€nzten und ein musikalischer Thriller, in dem ein Werk existiert, dessen IdentitĂ€t wir nicht beweisen können. Es ist die Eleganz der Unsicherheit, die dieses StĂŒck so reizvoll macht. Der Hörer sitzt gewissermaĂen zwischen zwei Welten: Man erkennt Mozart â und verliert ihn wieder. Der heutige Stand der Forschung Die Neue Mozart-Ausgabe (NMA) fĂŒhrt das Werk bewusst nur im Anhang. BegrĂŒndung: Die Quellenlage reiche ânicht aus, um Mozart eindeutig als Autor zu benennenâ. Gleichzeitig hĂ€lt die Forschung die Möglichkeit offen, dass Material von Mozart enthalten ist â wenn auch stark verĂ€ndert. Die Herkunft der Wiener Partitur bleibt unklar. Es gibt keine neuen Funde. Wer heute die Sinfonia Concertante K. 297b hört, hört also: ein musikalisches Schattenbild, eine mögliche Rekonstruktion eines verschollenen Originals. Das macht das Werk zu einem faszinierenden Objekt der Mozart-ArchĂ€ologie â und zu einer eleganten Erinnerung daran, wie viel der Musikgeschichte wir nur als Spur kennen. Die Komposition â W. A. Mozart, Sinfonia concertante Es-Dur KV 297b, hr-Sinfonieorchester, Leitung AndrĂ©s Orozco-Estrada (* 1977), Aufnahme â hr-Sendesaal Frankfurt, 29. April 2021: https://www.youtube.com/watch?v=ZlGEKYYxLm4 Quellen / Literatur Neal Zaslaw: Mozartâs Symphonies: Context, Performance Practice, Reception, Oxford 1989 â Kapitel zu den Pariser Sinfonien 1778. Wolfgang Plath / Wolfgang Rehm (Hrsg.): Neue Mozart-Ausgabe, Serie VIII: Konzerte, Bd. 20 â Anhang (Kommentar zu KV 297b). H. C. Robbins Landon: Mozart â The Golden Years, London 1989 â Analyse der Pariser Briefe. Simon Keefe: Mozartâs Viennese Instrumental Music, Cambridge University Press, 2007 â Abschnitt ĂŒber zweifelhafte Konzerte. Otto Jahn (bearb. von H. Deiters): W. A. Mozart, Bd. 4, Leipzig 1867 â frĂŒhe Quellenkritik zu Pariser Fragmenten. Christoph Wolff: Mozartâs Repertory: Studies in Sources, Context, and Chronology, in Mozart-Jahrbuch (diverse JahrgĂ€nge). Abert, Hermann: W. A. Mozart. Neue Ausgabe, Leipzig 1920â23 â Grundlagenkapitel zu Paris 1778. Seitenanfang Mozarts rĂ€tselhafte Sinfonie Strawinsky und das Skandalballett âLe Sacre du Printempsâ (1913) Wie ein einziger Abend die Musikgeschichte spaltete â Moderne gegen Tradition, Kunst gegen Erwartung, Schock gegen Gewohnheit Als am 29. Mai 1913 im Pariser Théùtre des Champs-ĂlysĂ©es das Ballett Le Sacre du Printemps uraufgefĂŒhrt wurde, war die BĂŒhne die modernste Europas. Das Publikum allerdings â elegante Pariser Gesellschaftsschichten, reiche Abonnenten, Modewelt, alte Aristokratie, junge Avantgarde â war alles andere als darauf vorbereitet, dass dieser Abend zu einem Wendepunkt der Musikgeschichte werden wĂŒrde. Igor Strawinsky (1882â1971), der schon mit Feuervogel und Petruschka den Puls der Avantgarde fĂŒhlbar beschleunigt hatte, sprengte nun alle Grenzen. Die Reaktionen: Pfiffe, Schreie, GelĂ€chter, Tumulte, sogar Handgreiflichkeiten. Der Abend wurde zum Mythos, zum Geburtsmoment der musikalischen Moderne. Die Idee des Werkes war radikal: kein höfisches Ballett, keine Symbolik des schönen Körpers, kein eleganter Tanz â sondern ein archaisches, heidnisches FrĂŒhlingsopfer eines slawischen Stammes. Ein junges MĂ€dchen wird auserwĂ€hlt, sich zu Tode zu tanzen, um der Erde Fruchtbarkeit zu schenken. Strawinsky nannte das Werk selbst âeine groĂe heidnische Zeremonieâ. Seine Musik sollte diese archaische Welt nicht idealisieren, sondern mit brutaler Unmittelbarkeit nachzeichnen. Die kĂŒnstlerische Sprache der AuffĂŒhrung war genauso revolutionĂ€r wie die Musik. Die Choreographie stammte von Vaslav Nijinsky (1889â1950), dem legendĂ€ren TĂ€nzer und BallettrevolutionĂ€r der Ballets Russes, einem in Kiew geborenen polnisch-russischen Ausnahmetalent. Nijinsky, berĂŒhmt fĂŒr seine scheinbar schwerelosen SprĂŒnge, stellte das klassizistische Ballett buchstĂ€blich auf den Kopf: keine Hebungen, keine grazilen Linien, sondern gebeugte Körper, nach innen gedrehte FĂŒĂe, stampfende Schritte, harte, kantige Bewegungen, die kollektive Rituale statt individuelle Schönheit zeigten. Seine TĂ€nzer bildeten schroffe Kreise, abruptes Zucken, rituelle Gesten â Bewegungen, die an prĂ€historische Stammeskulte erinnern sollten. Diese dramatisch neue Körpersprache irritierte das Pariser Publikum zutiefst. Ein britischer Kritiker schrieb spĂ€ter: âEs war, als tanzten sie auf ihren eigenen Schatten.â Die Szene, in der die Ăltesten den Kreis schlieĂen und die AuserwĂ€hlte in die Todestrance treiben, wurde von vielen im Publikum als skandalös empfunden. Ein empörter Zuschauer rief: âCâest une honte!â â âEine Schande!â Auch die Musik schlug wie ein Schock ein. Schon die ersten Takte lieĂen keinen Zweifel: ein Fagottsolo in extremer Höhe, so ungewohnt, dass manche Zuhörer glaubten, es sei ein Saxophon. Darunter verschobene Akkordblöcke, bittere Dissonanzen, harte Repetitionen, polyrhythmische Ăberlagerungen, die den emotionalen Boden unter den FĂŒĂen wegrissen. Strawinsky arbeitete hier mit einer bis dahin ungekannten RadikalitĂ€t des Rhythmus: unregelmĂ€Ăige Akzente, sich ĂŒberschneidende Takte, schwere Betonungen an âfalschenâ Stellen. Pierre Monteux (1875â1964), der französische Dirigent der UrauffĂŒhrung, erinnerte sich spĂ€ter: âIch hörte das Publikum brĂŒllen, doch ich sah Strawinsky im Dunkeln stehen â bleich, die HĂ€nde zu FĂ€usten geballt.â Monteux blieb eisern am Taktstock, wĂ€hrend hinter ihm Vaslav Nijinsky â nicht minder verzweifelt â neben der BĂŒhne die Schritte der TĂ€nzer mitzuzĂ€hlen versuchte. Man hörte ihn rufen: âComptez! Comptez! Comptez!â â âZĂ€hlt! ZĂ€hlt! ZĂ€hlt!â â denn die rhythmische KomplexitĂ€t lieĂ die TĂ€nzer im Tumult beinahe den Halt verlieren. Auch die Reaktionen der Schriftsteller und KĂŒnstler blieben legendĂ€r. Der französische Dichter, Filmschöpfer und Universalgeist Jean Cocteau (1889â1963), Augenzeuge des Skandals, notierte spĂ€ter: âMan spĂŒrte, dass die Tradition im Kampf mit etwas Neuem war â und beide Seiten waren bereit, zu sterben.â Cocteau verstand sofort, dass es hier nicht um Musik allein ging, sondern um einen ZusammenstoĂ zweier Weltbilder. Die Tumulte an diesem Abend waren so heftig, dass Theaterangestellte eingreifen mussten. Zeitungen in ganz Europa sprachen von einem âkulturellen Erdbebenâ, von âbarbarischer Musikâ und einem âTriumph des LĂ€rms ĂŒber die Kunstâ. Doch einige wenige â darunter junge Komponisten wie Edgard VarĂšse â erkannten den revolutionĂ€ren Impuls des Werkes sofort. Der eigentliche Wendepunkt kam ein Jahr spĂ€ter. 1914 wurde dasselbe Werk konzertant aufgefĂŒhrt, ohne Ballett, ohne visuelle Provokation, nur die Musik. Und plötzlich applaudierte das Publikum begeistert. Dieselben Pariser, die 1913 beinahe eine Saalschlacht angezettelt hatten, hörten nun in Strawinskys Partitur die Vision einer neuen Musik. Le Sacre du Printemps setzte sich durch â als Werk, das die Moderne einlĂ€utete wie kaum ein anderes. Heute gilt Le Sacre als eines der einflussreichsten Werke des 20. Jahrhunderts, eine Komposition, die Rhythmus und Orchesterklang neu definierte. Moderne Choreographen wie Pina Bausch oder Sasha Waltz haben das Werk wieder und wieder interpretiert und ihm neue Dimensionen gegeben. FĂŒr alle, die das Werk in seiner reinen Klanggestalt hören möchten: https://www.youtube.com/watch?v=aAQSQYdMeRQ Quellen / Literatur Richard Taruskin: Stravinsky and the Russian Traditions, Berkeley 1996. Stephen Walsh: Stravinsky. A Creative Spring, London 1999. Marie Pons: âNijinsky et la naissance du Sacreâ, Revue de Musicologie, 2001. Pierre Monteux: Interviews in The New York Times (1953, 1963). Jean Cocteau: Journal (Tagebuchnotizen zur UrauffĂŒhrung, 1913). Eric Walter White: Stravinsky. The Composer and his Works, London 1979. Seitenanfang Le Figaro, Juni 1913 â zeitgenössische Rezensionen. Strawinskys Skandal Johann Sebastian Bachs Musikalisches Opfer BWV 1079 â Entstehung, Struktur, kompositorische Idee und eine maĂstabsetzende Einspielung âAus Potsdamm vernimt man, daĂ daselbst verwichenen Sontag der berĂŒhmte Capellmeister aus Leipzig, Herr Bach, eingetroffen ist, in der Absicht, das VergnĂŒgen zu geniessen, die dasige vortreffliche Königl. Music zu hören. Des Abends, gegen die Zeit, da die gewöhnliche Cammer-Music in den Königl. Apartements anzugehen pflegt, ward Sr. Majest. berichtet, daĂ der Capellmeister Bach in Potsdamm angelanget sey, und daĂ er sich jetzo in Dero Vor Cammer aufhalte, allwo er Dero allergnĂ€digste ErlaubniĂ erwarte, der Music zu hören zu dĂŒrfen.â (Berlinische Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen, 11. Mai 1747) Mit dieser weit verbreiteten Zeitungsmeldung beginnt die historische Ăberlieferung eines der bedeutendsten Ereignisse im spĂ€ten Leben Johann Sebastian Bachs (1685â1750): seines Besuches am Hof Friedrichs II. von PreuĂen (1712â1786) am 7. und 8. Mai 1747. Bach reiste in Begleitung seines Sohnes Carl Philipp Emanuel Bach (1714â1788), der seit 1740 als Cembalist im Dienst des Königs stand. Der Potsdamer Hof war ein Zentrum exquisiter Kammermusik. Friedrich II., selbst ein leidenschaftlicher Flötist und Komponist, erhielt seine Ausbildung durch drei fĂŒhrende Musiker seiner Zeit: den Flötenvirtuosen Johann Joachim Quantz (1697â1773), den Geiger und Konzertmeister Franz Benda (1709â1786) sowie den Opernkomponisten und Kapellmeister Carl Heinrich Graun (1704â1759). Alle drei prĂ€gten den Geschmack des Königs nachhaltig. Als Bach in die königlichen GemĂ€cher gefĂŒhrt wurde, ĂŒberreichte ihm Friedrich ein eigens entworfenes Thema â das spĂ€ter so berĂŒhmte âThema Regiumâ. Bach improvisierte darĂŒber eine dreistimmige Fuge, woraufhin der König, vom Moment getragen, eine sechsstimmige Fuge verlangte. Bach versprach, das Thema in einer gesetzten Form auszuarbeiten und dem König vorzulegen. Noch im selben Jahr erschien die Druckausgabe unter dem Titel âMusicalisches Opferâ. Struktur und kompositorische Idee Das Werk ist keine zyklische GroĂkomposition, sondern eine Sammlung kunstvoll verbundener EinzelsĂ€tze, die alle aus dem königlichen Thema hervorgehen. Das dramaturgische Motto lautet nicht Form, sondern Verwandlung: Das Thema wird gefaltet, gedreht, gespiegelt, verzerrt, ausgeweitet, verengt â und in immer neue Perspektiven ĂŒberfĂŒhrt. Bach nimmt die Herausforderung des Königs an und antwortet nicht mit einem einzigen StĂŒck, sondern mit einem ganzen Universum an kontrapunktischen Möglichkeiten. Die Ricercare Im Zentrum stehen zwei FugensĂ€tze: Ricercar a 3 Diese Fuge, gesetzte Form der Potsdamer Improvisation, wirkt durch Klarheit der LinienfĂŒhrung und ruhige Strenge. Das Thema entwickelt sich wie ein Gedanke, der sich entfaltet und schlieĂlich in sich selbst zurĂŒckkehrt. Ricercar a 6 Eines der gröĂten polyphonen Kunstwerke des 18. Jahrhunderts. Die Dichte der Themenverarbeitung, die Spannung zwischen Chromatik und LinearitĂ€t, die Architektur der StimmenfĂŒhrung machen dieses Ricercar zu einem Gipfel gelehrter kontrapunktischer Kunst â streng, weit, beweglich, kraftvoll und zugleich durchdrungen von tiefer Ruhe. Dieses Ricercar ist der klingende Beweis von Bachs souverĂ€ner Beherrschung der Fuge. Die Kanons â eine Welt der Spiegelungen, Umkehrungen und Palindrome Das Musikalische Opfer enthĂ€lt eine ganze Reihe von Kanons, die zu Recht als die intellektuelle Herzkammer des Werkes gelten. Sie sind oftmals als RĂ€tselkanons notiert: Bach schrieb die Lösung nicht aus, sondern kodierte sie, sodass Spieler und Kenner die kontrapunktische Struktur selbst entschlĂŒsseln mĂŒssen. Zu diesen Kanons gehören die tiefsten und zugleich poetischsten Reflexionen ĂŒber die Natur musikalischer Form. Krebskanon (Canon cancrizans) Hier trĂ€gt eine Stimme die Melodie vorwĂ€rts, die andere rĂŒckwĂ€rts. Die Musik ist ein Palindrom â sie existiert in zwei Richtungen und bleibt doch dieselbe. Der Hörer erkennt im rĂŒckwĂ€rts gefĂŒhrten Liniengang die vertraute Melodie, nun wie durch einen Zeitspiegel verwandelt. Das ist keine Spielerei, sondern ein Nachdenken ĂŒber musikalische Zeit. Wie eindrucksvoll diese Konstruktion wirkt, zeigt dieses Beispiel eines Krebskanons, das sich vorwĂ€rts und rĂŒckwĂ€rts zugleich realisieren lĂ€sst: https://www.youtube.com/watch?v=xUHQ2ybTejU Spiegelkanon (Canon per motum contrarium) Die Intervallrichtungen werden invertiert: Schritte nach oben werden zu Schritten nach unten, Schritte nach unten zu Schritten nach oben. Die Melodie wird vertikal gespiegelt, bleibt aber zeitlich identisch. Es entsteht ein Gegenbild, ein musikalisches Spiegelgesicht desselben Gedankens. Retrograd-inverser Kanon Bach verbindet beide Techniken: Die Melodie wird gleichzeitig zeitlich umgekehrt und intervallisch gespiegelt. Solche Kanons sind so konzipiert, dass zwei Spieler sich gegenĂŒber sitzen und denselben Notentext in entgegengesetzten Richtungen lesen können â ein musikalisches MeisterstĂŒck der Punktsymmetrie. Diese Kanons zeigen Bach nicht nur als den gröĂten Kontrapunktiker seiner Epoche, sondern als Denker ĂŒber die Struktur musikalischer IdentitĂ€t. Die Triosonate â höfische Eleganz und kontrapunktische Tiefe Die Sonata soprâil Soggetto Reale, eine viersĂ€tzige Triosonate fĂŒr Traversflöte, Violine und Basso continuo, ist eine Reverenz an Friedrich II., dessen Hauptinstrument die Traversflöte war. Sie folgt dem viersĂ€tzigen Schema der Kirchensonate (langsam â schnell â langsam â schnell). Doch diese Sonate ist weit mehr als ein höfisches Huldigungsgestus. Sie ist ein Werk voll innerer Eleganz, empfindsamer Rhetorik und kontrapunktischer Verfeinerung. Das königliche Thema taucht auf wie ein höflicher Gast, der in allen SĂ€tzen anklopft â einmal klar hervortretend, ein anderes Mal zart verschleiert. Hör-Empfehlung: Jordi Savall â HespĂšrion XXI (2001) https://www.youtube.com/watch?v=qNRaCZdeKRg&list=OLAK5uy_l4oOyg65uwFntlop3yEp5D7js_c1cGcj8&index=1 Unter den existierenden Einspielungen des Musikalischen Opfers ragt die Interpretation von Jordi Savall (* 1941) mit HespĂšrion XXI aus dem Jahr 2001 in besonderer Weise hervor. Savall gelingt eine seltene Balance aus analytischer Durchsichtigkeit und klanglicher WĂ€rme. Die Ricercare entfalten sich mit meditativer Klarheit; die Kanons klingen selbstverstĂ€ndlich, transparent und zugleich geheimnisvoll; die Triosonate besitzt NĂ€he, Atem und natĂŒrliche Eleganz. Savalls Interpretation ist weder akademisch kĂŒhl noch romantisch weich â sie lĂ€sst das Werk in seiner ganzen geistigen Tiefe und menschlichen WĂ€rme sichtbar werden. Seitenanfang Bachs Opfer Haydn und der Kopf-Diebstahl â eine der seltsamsten Geschichten der Musikgeschichte Als Joseph Haydn (1732â1809) am Mai 1809 starb, lag Wien unter dem Donner der napoleonischen Kanonen. Der greise Komponist, erschöpft von den Ereignissen seiner Zeit, wurde am 31. Mai im kleinen Hundsturm-Friedhof beigesetzt. Das BegrĂ€bnis war schlicht, fast unscheinbar. Doch schon wenige Stunden spĂ€ter begann eine Geschichte, die so unwahrscheinlich ist, dass sie eher an einen Schauerroman erinnert als an reale Musikgeschichte: Die Geschichte des gestohlenen Kopfes des gröĂten Klassikers seiner Zeit. Der Hintergrund dieser bizarren Tat liegt in einer damals hochmodernen pseudowissenschaftlichen Strömung: der Phrenologie. Ihr BegrĂŒnder, Franz Joseph Gall (1758â1828), behauptete, man könne aus der Form des SchĂ€dels auf Charakter, Talent und âGenieâ eines Menschen schlieĂen. Diese Idee war im Wien um 1800 geradezu en vogue. Ărzte, Gelehrte und sogar Beamte verfolgten das Ziel, âwissenschaftlichâ nachzuweisen, ob auĂergewöhnliche Begabungen, etwa musikalisches Genie, sich physisch im SchĂ€del abzeichnen. Zu diesen Enthusiasten gehörten auch Josef Carl Rosenbaum (1768â1835) und Johann Nepomuk Peter (1765â1827), beides Persönlichkeiten aus dem Umfeld der EsterhĂĄzy-Kapelle. Rosenbaum war ehemaliger SekretĂ€r des FĂŒrsten Nikolaus II. EsterhĂĄzy (1765â1833) und persönlicher Bekannter Haydns. Die beiden MĂ€nner beschlossen, Haydns SchĂ€del nach der Bestattung heimlich auszugraben â angeblich âzu wissenschaftlichen Zweckenâ. Am 4. Juni 1809, nur wenige Tage nach der Beisetzung, öffneten sie das Grab. Rosenbaum selbst notierte spĂ€ter, dass er âmit der gröĂten Vorsichtâ den Kopf abtrennte, wĂ€hrend Peter die Operation âmit chirurgischer Geschicklichkeitâ ausfĂŒhrte. Heimlich nahmen sie den SchĂ€del mit sich und ersetzten ihn im Sarg durch eine andere, kopflose Leiche. Dass dieses makabre Verbrechen ĂŒberhaupt möglich war, lag nicht zuletzt an der chaotischen Lage Wiens wĂ€hrend der Besetzung durch Napoleon. Niemand kontrollierte die Friedhöfe, niemand bemerkte das Verschwinden. Rosenbaum und Peter reinigten den SchĂ€del, prĂ€parierten ihn und bewahrten ihn zunĂ€chst in einer Schachtel auf. SpĂ€ter erhielt er eine Vitrine und einen Ehrenplatz in Rosenbaums Privatkabinet. Besucher, die Rosenbaum vertraute, durften ihn betrachten. Der Kopf Haydns war zur TrophĂ€e eines phrenologischen Fanatikertums geworden. Als FĂŒrst EsterhĂĄzy 1820 aus PrestigegrĂŒnden eine feierliche ĂberfĂŒhrung von Haydns sterblichen Ăberresten nach Eisenstadt anordnete, brach Panik aus. Rosenbaum wollte den Kopf nicht hergeben. Also musste improvisiert werden: Man legte der Leiche einen anderen SchĂ€del bei â âaus dem anatomischen Institutâ, wie zeitgenössische Dokumente trocken vermerken. Die ĂberfĂŒhrung erfolgte mit groĂem Pomp, wĂ€hrend Haydns echter SchĂ€del weiterhin im Wohnhaus Rosenbaums lag. Nach Rosenbaums Tod 1835 wanderte der SchĂ€del durch mehrere HĂ€nde. ZunĂ€chst erbte ihn die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, dann gelangte er ĂŒber obskure Zwischenstationen in das Besitzarchiv des Wiener Konservatoriums. Mehrere Jahrzehnte lang wusste kaum jemand genau, wo er sich befand â nur kleine Kreise von Insidern wussten von dem âGeheimnisâ. Die Ăffentlichkeit war ĂŒberzeugt, Haydn ruhe vollstĂ€ndig in seiner Gruft in Eisenstadt â und lag damit falsch. Erst 1895 gelang es dem Musikhistoriker Joseph Braun, den SchĂ€del wissenschaftlich zu identifizieren. Die Gesellschaft der Musikfreunde gab ihn jedoch nicht zurĂŒck, sondern verwahrte ihn weiterhin in einer Glasvitrine im Archiv. Unter Musikwissenschaftlern galt es als âoffenes Geheimnisâ, dass Haydns SchĂ€del nicht bei seinem Körper lag. In Eisenstadt ruhte ein falscher Kopf. Die endgĂŒltige Lösung dieses skandalösen Zustandes dauerte bis 1954. In diesem Jahr beschlossen Vertreter der Gesellschaft der Musikfreunde und der EsterhĂĄzy-Stiftung, das historische Unrecht endlich wiedergutzumachen. Doch das Ganze sollte diskret geschehen, um keinen öffentlichen Eklat auszulösen. Also brachte man den SchĂ€del heimlich in die Haydnkirche nach Eisenstadt und legte ihn in die Grabkammer â neben den bereits vorhandenen falschen SchĂ€del, weil man nicht wagte, diesen wieder zu entfernen. Bis heute ruhen also zwei Köpfe in Haydns Grab: der echte und der ErsatzschĂ€del von 1820. Viele Besucher wissen nichts davon. Das Grab wirkt feierlich, wĂŒrdig, gemĂŒtlich barock â und dennoch verbirgt es eines der seltsamsten Kapitel der Musikgeschichte. Der SchĂ€delraub um Haydn ist nicht nur eine KuriositĂ€t, sondern ein Spiegel der wissenschaftlichen Besessenheit einer Epoche, die glaubte, das âGenieâ vermessen zu können. In Wahrheit zeigt die Geschichte eher das Gegenteil: die Grenzen menschlicher RationalitĂ€t â und ihren Hang zu absurden Mythen. Dass Haydn selbst eine solche Groteske niemals gewollt hĂ€tte, versteht sich von selbst. Gerade er, der so viel WĂŒrde, Humor und HumanitĂ€t in seine Musik legte, wĂ€re wohl der Erste gewesen, der ĂŒber diese Geschichte den Kopf geschĂŒttelt â und vielleicht gelacht â hĂ€tte. Quellen / Literatur H. C. Robbins Landon: Haydn. Chronicle and Works, Bd. 5: The Late Years, London 1977 (ausfĂŒhrliches Kapitel zum SchĂ€delraub). âDer SchĂ€del Haydnsâ, in: Die Musikforschung 8 (1955), S. 157â164 (Bericht ĂŒber die Wiederbeisetzung 1954). Music Society of Vienna (Gesellschaft der Musikfreunde): Archivunterlagen zur Provenienz und RĂŒckgabe des Haydn-SchĂ€dels (Bestandsdokumentation 1835â1954). Christopher Hogwood: âThe Missing Head of Joseph Haydnâ, in: The Musical Times, Vol. 131, No. 1766 (1990), S. 90â94. Karl Geiringer: Joseph Haydn: Der Mensch und der KĂŒnstler, Wien 1947 (Kapitel ĂŒber Rosenbaum und die Phrenologie). Franz Grasberger: Joseph Haydn. Sein Leben in Bildern und Dokumenten, Salzburg 1968 (Abbildungen der SchĂ€delvitrine und zeitgenössischer Dokumente). Wenn ein Komponist wie Joseph Haydn bereits bei seiner eigenen Beerdigung mitklopft, dann ist das nicht nur dramatisch â es ist Symbol. Haydn (1732â1809) wĂŒnschte sich ausdrĂŒcklich, dass der langsame Satz der Symphonie Nr. 44 in e-Moll â sein Adagio in E-Dur â bei seiner Beerdigung erklinge. Diese ĂuĂerung ist historisch ĂŒberliefert und belegt, dass ihm diese Komposition nicht egal war. Doch der Wunsch wurde ihm verwehrt: Sein BegrĂ€bnis fand unter improvisierten Bedingungen statt, Wien war durch Kriegsereignisse belastet, die Feierlichkeit war schlicht â und wenig spĂ€ter wurde sein Kopf gestohlen. In diesem Licht erscheint die Symphonie fast prophetisch. Ein Werk, das Haydn fĂŒr den Abschied wĂ€hlte, wurde stattdessen Teil einer grotesken Geschichte: Der Kopf, der eigentlich im Sarg Ruhe finden sollte, geriet in die HĂ€nde von Phrenologen, wanderte durch private Kabinette und wurde 145 Jahre lang vermisst. Die Musik und das Schicksal passen zusammen: Ein TrauerstĂŒck, komponiert im jungen Sturm-und-Drang-Zeitalter, endet als stumme Mahnung â dass der Tod nicht immer Ordnung schafft und dass die WĂŒrde eines KĂŒnstlers im Nachleben womöglich gröĂer ist als im Leben. https://www.youtube.com/watch?v=jEru6F7lZAg Die Symphonie Nr. 44 ist tonal konsequent in e-Moll gehalten, bricht mit konventionellen Satzfolgen (Adagio als dritter Satz), und ihr Adagio wirkt wie eine schlichte, fast nĂŒchterne Meditation ĂŒber VergĂ€nglichkeit. Wenn Haydn gesagt hat, er wolle diesen Satz fĂŒr sein BegrĂ€bnis, so war er seiner Zeit voraus: Eine Musik, die nicht ExplosivitĂ€t suchte, sondern WĂŒrde. Dass sein SchĂ€del geraubt wurde â dieser makabre Umstand fĂŒgt dem Wunsch eine tragische Dimension hinzu. Es war nicht nur ein Verlust eines Körperteils, sondern ein Symbol dessen, dass Leben und Werk nicht immer harmonisch zusammenfallen. Wenn man also heute das Adagio der Trauersymphonie hört, kann man nicht nur die Klangstruktur bewundern, sondern auch daran denken: Hier sitzt eine Idee â eine Musik-Idee â, die fĂŒr den Abschied reserviert war und wurde zum Nachruf auf den groĂen Komponisten und den gestohlenen Kopf zugleich. So zeigt sich: Musik ist nicht nur Klang, sondern Geschichte; nicht nur Werk, sondern Wirkung. Quellen / Literatur Howard Chandler Robbins Landon: Joseph Haydn: Chronicle and Works, Bd. 5: The Late Years, London 1977. Joseph-Haydn-Projekt (joseph-haydn.art): âSymphony No. 44 in E minorâ, Hob. I/44. https://joseph-haydn.art/en/sinfoniae/44 â44. Sinfonie (Haydn)â, in: Das Haydn-Lexikon. Laaber 2010. https://de.wikipedia.org/wiki/44._Sinfonie_%28Haydn%29 Seitenanfang Haydns Kopf Ravel und das Geheimnis des âBolĂ©roâ Ein monotones Crescendo zwischen Experiment, MissverstĂ€ndnis und Krankheitsspurensuche Wenn es ein StĂŒck gibt, das zugleich als Inbegriff orchestraler Raffinesse und als Infragestellung des Begriffs âMusikâ gilt, dann ist es Maurice Ravels (1875â1937) BolĂ©ro. Ein einziger, rund 15â17 Minuten dauernder Steigerungsvorgang, keine thematische Entwicklung, kaum harmonische Bewegung â und doch eines der populĂ€rsten Orchesterwerke des 20. Jahrhunderts. Ravel selbst sprach von einer âErfahrung in eine sehr spezielle, begrenzte Richtungâ, andere nannten es ein Meisterwerk, Kritiker wiederum eine Zumutung. Dass sich um dieses StĂŒck inzwischen auch medizinische Spekulationen ranken, macht seine Geschichte nur noch eigentĂŒmlicher. Die Entstehungsgeschichte beginnt vergleichsweise unspektakulĂ€r. 1928 erhielt Ravel von der exzentrischen TĂ€nzerin und MĂ€zenin Ida Rubinstein (1885â1960) den Auftrag, fĂŒr ihre Pariser Ballettruppe spanisch kolorierte Musik einzurichten. UrsprĂŒnglich wollte er SĂ€tze aus Iberia von Isaac AlbĂ©niz orchestrieren. Als sich herausstellte, dass die Orchestrierungsrechte bereits vergeben waren, entschied sich Ravel, ein neues StĂŒck zu schreiben: ein einziges, ostinatobasiertes TanzstĂŒck, das auf einer simplen Melodie beruht, die sich ausschlieĂlich durch Instrumentationswechsel und Crescendo verĂ€ndert. So entstand BolĂ©ro, uraufgefĂŒhrt am 22. November 1928 in der Pariser Oper, choreographiert von Bronislava Nijinska (1891â1972) und dirigiert von Walther Straram (1876â1933). Schon die Premiere sorgte fĂŒr Irritationen. Eine Zuhörerin soll im Saal ausgerufen haben: âAu fou!â â âZu Hilfe, ein VerrĂŒckter!â Ravel kommentierte dies spĂ€ter trocken mit den Worten: âDie hat verstanden.â Er wusste genau, wie radikal sein Experiment war: ein StĂŒck ohne âeigentlicheâ Form, ohne DurchfĂŒhrungsarbeit, ohne thematische Verarbeitung im traditionellen Sinn. Strukturell ist BolĂ©ro fast provozierend einfach. Ein durchlaufender 3/4-Takt in C-Dur, ein unablĂ€ssiges Trommelostinato auf der kleinen Trommel, das 160-mal und mehr wiederholt wird, darĂŒber zwei 18-taktige Melodien, die abwechselnd jeweils zweimal erklingen. Die Harmonik bleibt ĂŒber lange Strecken auf der Achse TonikaâDominante eingefroren; es gibt keinen klassischen Spannungsbogen durch Modulation, sondern nur eine allmĂ€hliche Verdichtung der Klangfarben. Der eigentliche âInhaltâ liegt im Orchester: Flöte, Klarinette, Fagott, Es-Klarinette, Oboe dâamore, Trompete, Saxophone, Streichergruppen â nacheinander tragen sie dieselbe Melodie vor, bis schlieĂlich das ganze Orchester im Tutti explodiert und in einem ĂŒberraschenden, kurzen Ausbruch nach E-Dur kippt, um dann mit einem letzten Schlag nach C zurĂŒckzustĂŒrzen. Ravel formulierte dieses Konzept selbst mit fast schon brutalem Understatement. In einem Interview von 1931 sprach er von einem StĂŒck, das aus âsiebzehn Minuten rein orchestralen Gewebes ohne Musikâ bestehe â ein einziger, sehr langer, allmĂ€hlicher Crescendobogen ohne Kontraste und ohne eigentliche Erfindung, abgesehen von Plan und AusfĂŒhrung. GegenĂŒber seinem Kollegen Arthur Honegger (1892â1955) soll er das StĂŒck einmal ironisch als sein einziges Meisterwerk bezeichnet haben, âleider ohne Musik darinâ. Diese Selbstironie ist doppeldeutig: Einerseits distanziert sich Ravel vom sentimentalen Geniebegriff, andererseits nimmt er vorweg, was viele Kritiker ihm vorwerfen sollten â dass BolĂ©ro eigentlich keine âKompositionâ im traditionellen Sinn sei, sondern ein hypertrophes Orchestrationsexperiment. Der Erfolg belehrte ihn eines Besseren â oder lieĂ ihn am Publikum zweifeln. BolĂ©ro wurde zu einem Sensationserfolg, der Raschzirkulation auf TontrĂ€gern, im Rundfunk und spĂ€ter im Film (man denke nur an die berĂŒhmte EislaufkĂŒr von Torvill & Dean 1984). Ravel erkannte, dass ihn dieses StĂŒck reich machen wĂŒrde; als ein Dirigent ihn in Monte-Carlo zum GlĂŒcksspiel aufforderte, soll er geantwortet haben: âIch habe BolĂ©ro geschrieben und gewonnen â das genĂŒgt.â Gleichzeitig war er irritiert davon, dass gerade dieses anti-entwickelnde, monotone StĂŒck sein bekanntestes Werk wurde, wĂ€hrend er seine komplexeren Partituren â etwa Daphnis et ChloĂ© â innerlich höher schĂ€tzte. Auch interpretatorisch blieb BolĂ©ro umstritten. Ravel bestand auf einem sehr mĂ€Ăigen, strikt durchgehaltenen Tempo und kritisierte Dirigenten, die zum Ende hin beschleunigten, um den Effekt zu steigern. BerĂŒhmt ist sein Konflikt mit Arturo Toscanini (1867â1957), der das StĂŒck 1930 in Paris wesentlich schneller und rubatoreicher dirigierte. Ravel soll nach der AuffĂŒhrung kĂŒhl bemerkt haben, Toscanini habe BolĂ©ro nicht verstanden; Toscanini hielt dagegen, man könne das Werk nur auf diese Weise ârettenâ. Seit den ersten AuffĂŒhrungen gehen Dirigenten mit BolĂ©ro zwei sehr unterschiedliche Wege. Die einen folgen Ravels Anweisung strikt und halten das Tempo von Anfang bis Ende vollkommen gleich. Ihr BolĂ©ro wirkt bewusst schlicht, fast wie ein prĂ€zises Uhrwerk, das sich unerbittlich steigert. Andere hingegen gestalten das StĂŒck freier und beschleunigen das Tempo nach und nach, besonders im letzten Drittel. Dadurch entsteht eine dramatischere, spannungsvollere Wirkung, die den ekstatischen Charakter des Finales stĂ€rker betont â auch wenn sie Ravels ursprĂŒnglicher Vorstellung widerspricht. In der zweiten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts erhielt die Diskussion um BolĂ©ro eine unerwartete Wendung: die medizinische. Ravel erkrankte in den 1930er Jahren an einer langsam fortschreitenden neurologischen Störung, die heute meist als Form einer frontotemporalen Demenz mit primĂ€r progressiver Aphasie beschrieben wird: Störungen der Sprache, der Motorik, der SchreibfĂ€higkeit, eingeschrĂ€nkte Planung, schlieĂlich fast völlige Sprachlosigkeit. Einige Neurologen und Musikwissenschaftler fragten sich, ob die Obsession mit Wiederholung und das Verzicht auf Entwicklung in BolĂ©ro bereits ein frĂŒhes Symptom dieser Erkrankung gewesen sein könnten. Ein vielzitiertes Beispiel liefert der neurologische Fallbericht âBolero unravelledâ, der eine Patientin mit frontotemporaler Demenz beschreibt, die plötzlich eine zwanghafte Faszination fĂŒr Ravels BolĂ©ro entwickelte und das StĂŒck in endlosen Wiederholungsschleifen hörte; der Autor zieht Parallelen zu Ravels eigener Biographie. Weitere BeitrĂ€ge â etwa eine Studie von 2019 ĂŒber âMaurice Ravelâs dementia: the silence of a geniusâ â verweisen darauf, dass repetitives, perseveratives Verhalten ein typisches Merkmal solcher Erkrankungen sein kann und dass BolĂ©ro mit seiner kompromisslosen Monotonie sich auffĂ€llig in diese Richtung bewege. Allerdings ist Vorsicht geboten. BolĂ©ro entstand 1928, zu einem Zeitpunkt, an dem von Ravels neurologischer Krankheit noch keine offensichtlichen Symptome dokumentiert sind; die Störungen traten erst einige Jahre spĂ€ter deutlich hervor. Dass sich in diesem Werk bereits pathologische âVorbebenâ Ă€uĂern, lĂ€sst sich nicht beweisen. Es ist gut möglich â und musikhistorisch naheliegend â, BolĂ©ro zunĂ€chst als das zu nehmen, was Ravel selbst darin sah: eine kalkulierte, fast experimentelle Studie ĂŒber Zeit, Farbe und Wahrnehmung, beeinflusst von seinem Interesse an mechanischen AblĂ€ufen (sein Vater war Ingenieur) und an kompositorischer Planung im Sinne Edgar Allan Poes, den Ravel als âLehrer der Kompositionâ bezeichnete. Das medizinische Deutungsangebot ist dennoch aufschlussreich â nicht, weil es die Entstehung des Werkes erklĂ€rt, sondern weil es zeigt, wie stark BolĂ©ro mit der Grenze zwischen Musik und Obsession spielt. Die unnachgiebige Wiederholung zwingt den Hörer, seine eigene Wahrnehmung zu befragen: Ab wann beginnt Monotonie zu nerven, ab wann wird sie hypnotisch? Wo verlĂ€uft die Linie zwischen genialer Reduktion und mechanischem Zwang? Dass Neurologen dieses StĂŒck als Beispiel fĂŒr âmusikalische Perseverationâ heranziehen, sagt mindestens so viel ĂŒber die Wirkung des Werkes aus wie ĂŒber den Gesundheitszustand seines Schöpfers. Am Ende bleibt BolĂ©ro ein groĂes Paradox der Musikgeschichte: ein âMeisterwerk ohne Musikâ, wie Ravel es spöttisch nannte, dessen âFehlen von Entwicklungâ zum eigentlichen Thema wird. In einer Epoche, die von komplexen Formen, harmonischer KĂŒhnheit und motivischer Arbeit geprĂ€gt ist, komponiert Ravel ein StĂŒck, das scheinbar alles aufgibt â und gerade dadurch eine ungeheure, fast bedrĂ€ngende Ausdruckskraft gewinnt. Es ist diese Spannung zwischen bewusster Einfachheit, orchestraler Raffinesse und der Ahnung eines inneren Abgrunds, die BolĂ©ro bis heute so faszinierend macht. Maurice Ravel, BolĂ©ro, Wiener Philharmoniker, Leitung Gustavo Dudamel (* 1981), live Aufnahme vom 18. April 2016 im GroĂen Saal des Konzerthaus Wien: https://www.youtube.com/watch?v=Dh9bUD-hC0A Quellen / Literatur Arbie Orenstein (Hrsg.): A Ravel Reader. Correspondence, Articles, Interviews, New York 1990 (Briefe und Interviews zu BolĂ©ro und zur Entstehungszeit). âBolĂ©roâ, in: The New Grove Dictionary of Music and Musicians, London 2001 (Werkartikel mit Angaben zur Struktur, Instrumentation und UrauffĂŒhrung). Berliner Philharmoniker: â7 Facts about BolĂ©roâ, Online-Beitrag (zur UrauffĂŒhrung und der Anekdote âAu fou!â). Piero Coppola: Dix-sept ans de musique Ă Paris, Genf 1944 (Aussagen Ravels zu Tempo und AuffĂŒhrung von BolĂ©ro). B. K. Vitturi u. a.: âMaurice Ravelâs dementia: the silence of a geniusâ, in: Arquivos de Neuro-Psiquiatria 77/8 (2019), S. 579â587 (medizinische Analyse von Ravels Erkrankung und Bezug auf BolĂ©ro). https://www.scielo.br/j/anp/a/JNpgsZSL8WdGZbrqLTBZQfj/?format=html&lang=en&utm_source=chatgpt.com Anne Adams / Bruce Miller u. a.: âBolero unravelled: A case of musical perseverationâ, neurologische Fallstudie (Frontotemporale Demenz und Fixierung auf Ravels BolĂ©ro). https://www.researchgate.net/publication/237737975_Bolero_unravelled_A_case_of_musical_perseveration Michael Lanford: âRavel and âThe Ravenâ: The Realisation of an Inherited Aesthetic in BolĂ©roâ, in: Australian Journal of French Studies 48/1 (2011), S. 111â129 (Poes KompositionsĂ€sthetik und Ravels Planungsdenken). Evanston Symphony Orchestra: âRavelâs Bolero: Hypnotic and Powerfulâ, Programmhefttext, ca. 2010 (Zitat Ravels âone very long, gradual crescendo ⊠orchestral tissue without musicâ). Seitenanfang Zu Hilfe: Ravel! Zwei neu entdeckte Orgelwerke von Johann Sebastian Bach: UrauffĂŒhrung in Leipzig durch Ton Koopman (* 1944) Im November 2025 hat das Bach-Archiv Leipzig eine musikalische Sensation bekanntgegeben: Zwei bislang unbekannte Orgelwerke des jungen Johann Sebastian Bach (1685â1750) wurden der Ăffentlichkeit vorgestellt und in der Thomaskirche Leipzig â Bachs einstigem Wirkungs- und Grabort â zum ersten Mal seit ĂŒber 300 Jahren aufgefĂŒhrt. Die Kompositionen tragen die neuen Werknummern BWV 1178 (Ciacona und Fuga in d-Moll) und BWV 1179 (Ciacona in g-Moll) und stammen nach EinschĂ€tzung der Forscher aus den frĂŒhen Weimarer bzw. ArnstĂ€dter Jahren des etwa zwanzigjĂ€hrigen Bach, vermutlich um 1703. Die UrauffĂŒhrung erfolgte durch den niederlĂ€ndischen Organisten Ton Koopman, der seit Jahrzehnten zu den bedeutendsten Bach-Interpreten unserer Zeit zĂ€hlt. Laut Berichten des Bach-Archivs handelt es sich um die bedeutendste Entdeckung authentischer Bach-Werke seit Jahrzehnten. Grundlage waren Manuskripte, die sich im Umfeld der mitteldeutschen Orgellandschaft erhalten haben und die nach jahrelanger AutorschaftsprĂŒfung nun mit auĂergewöhnlich hoher Wahrscheinlichkeit Bach zugeschrieben werden können. Der PrĂ€sident des Bach-Archivs sprach gegenĂŒber der Presse von einer â99,99-prozentigen Sicherheitâ, dass beide StĂŒcke vom jungen Johann Sebastian Bach stammen. Die Handschriften weisen charakteristische Merkmale seiner FrĂŒhphase auf und verbinden virtuose manualiter gefĂŒhrte Figurationen mit einer bereits erstaunlich reifen kontrapunktischen Anlage. Die beiden Ciaconen zeigen einen Bach, der sich frĂŒh intensiv mit den groĂen sĂŒddeutsch-österreichischen Orgeltraditionen auseinandersetzte und deutlich experimentierfreudiger war, als es die ĂŒberlieferten FrĂŒhwerke bisher erkennen lieĂen. Besonders die d-Moll-Ciacona mit anschlieĂender Fuga (BWV 1178) weist harmonische KĂŒhnheiten und Sequenzmodelle auf, die man bislang erst aus spĂ€teren, gereifteren Kompositionen kannte. https://www.youtube.com/watch?v=0X1xnYrP3Eo Die g-Moll-Ciacona (BWV 1179) zeigt eine andere Seite des jungen Komponisten: Sie ist kompakter, tĂ€nzerischer im Gestus und verrĂ€t eine enorme Sicherheit im Umgang mit ostinaten Strukturen. Beide StĂŒcke ergĂ€nzen das bisher bekannte FrĂŒhwerk nicht nur quantitativ, sondern verĂ€ndern das Bild des jungen Bach in wesentlichen Punkten: Die neu entdeckten Werke wirken ambitionierter, virtuoser und deutlich moderner, als es die ĂŒberlieferten OrgelstĂŒcke aus dieser Zeit erwarten lieĂen. https://www.youtube.com/watch?v=8gVG-wMwdsY Die PrĂ€sentation in der Leipziger Thomaskirche wurde nicht zufĂ€llig gewĂ€hlt. Die wissenschaftliche Welt und die internationale Presse verfolgten das Ereignis mit groĂem Interesse. Koopmans Interpretation hob die Brillanz und Unmittelbarkeit der Musik hervor und bot einen ersten Eindruck davon, welchen Rang diese beiden Ciaconen kĂŒnftig im Repertoire spielen könnten. Nun steht die wissenschaftliche Edition bevor, in deren Rahmen die Quellen detailliert untersucht, kommentiert und publiziert werden sollen. Erst dann wird sich das gesamte musikgeschichtliche Gewicht dieser auĂergewöhnlichen Entdeckung endgĂŒltig ermessen lassen. Die g-Moll-Ciacona hatte lange Zeit eine andere, deutlich bescheidenere musikhistorische Verortung. In mehreren Handschriften des frĂŒhen 18. Jahrhunderts war sie Johann Graff (1684â1750) zugeschrieben worden, einem thĂŒringisch-sĂ€chsischen Organisten und Komponisten aus dem Umfeld der mitteldeutschen Orgeltradition. Graff gilt als solider Vertreter der sogenannten âKleinmeisterâ, deren Werke handwerklich ordentlich gearbeitet sind, jedoch selten die kontrapunktische Dichte, harmonische KĂŒhnheit und strukturelle SouverĂ€nitĂ€t der groĂen Meister erreichen. Diese Ă€ltere Zuschreibung beruhte vor allem auf der Ăberlieferungslage, nicht auf einer eingehenden stilkritischen Analyse. Genau hier setzte das Bach-Archiv an. Eine erneute Untersuchung der Quellen, ergĂ€nzt durch detaillierte stilistische Vergleiche, zeigte, dass zentrale kompositorische Merkmale â darunter die Behandlung des Ostinatos, die Sequenztechnik, die Faktur der Manualpassagen und bestimmte kontrapunktische Signaturen â deutlich nĂ€her an die FrĂŒhwerke Johann Sebastian Bachs (1685â1750) heranrĂŒcken als an die nachweisbaren StĂŒcke Graffs. Die alte Einordnung galt daher schon seit lĂ€ngerem als unsicher; die neue Attribution klĂ€rt diesen Schwebezustand und ordnet die Komposition nun in einem weitaus ĂŒberzeugenderen musikgeschichtlichen Kontext ein. Innerhalb von Bachs ĂŒberliefertem FrĂŒhwerk nimmt die g-Moll-Ciacona eine ĂŒberraschend selbstbewusste Position ein. Sie zeigt einen jungen Komponisten, der sich nicht mehr ausschlieĂlich an den sĂŒddeutsch-österreichischen Modellen eines Pachelbel, Fischer oder Kerll orientiert, sondern bereits damit beginnt, deren Formen durch eigene Erfindungskraft zu ĂŒberschreiten. Die harmonischen Spannungsbögen wirken energischer und weitlĂ€ufiger, die motivischen VerknĂŒpfungen prĂ€ziser durchgearbeitet, und selbst die virtuosen Figurationen, die traditionell dem Manualspiel vorbehalten sind, verraten eine musikalische Handschrift, die auf gröĂere Ziele gerichtet ist. Wenn die Zuschreibung an Bach Bestand hat, dann erweitert diese Ciacona das Bild seiner frĂŒhen Entwicklung auf bemerkenswerte Weise: Sie zeigt nicht nur technische Meisterschaft, sondern auch jene charakteristische Mischung aus KĂŒhnheit, Strenge und melodischer Energie, die spĂ€ter seine groĂen Orgelwerke prĂ€gen sollte. Quellen: â The Guardian, 17. November 2025, Bericht ĂŒber die UrauffĂŒhrung in Leipzig und die Bewertung des Bach-Archivs. â ENCA News, 17. November 2025, Meldung ĂŒber die Zuschreibung und Datierung der Werke. â Moto Perpetuo, 17. November 2025, Angaben zu Werkbezeichnungen und zur UrauffĂŒhrung durch Ton Koopman. Seitenanfang Bach: UrauffĂŒhrung Wie ein Lautenist unsterblich wurde Ein Sturz, zwei Tombeaux â Die letzte Nacht des Sieur de Blancrocher Charles Fleury, genannt Sieur de Blancrocher (um 1605â1652), gehörte zu jener erlesenen Gruppe Pariser Lautenisten, die in den 1640er und frĂŒhen 1650er Jahren das musikalische Leben der französischen Hauptstadt prĂ€gten. Er war ein Musiker, der sich seinen Ruf weniger durch gedruckte Werke als durch seine PrĂ€senz in den Salons, Kammern und privaten Konzerten der Stadt erwarb. Zeitgenossen schildern ihn als einen feinen Continuo-Spieler, als Begleiter von auĂerordentlicher SensibilitĂ€t und als einen Virtuosen, der die typisch französische inĂ©galitĂ© in schwebender Eleganz zu formen wusste. Poetisch gesprochen: Blancrocher war einer jener KĂŒnstler, die im Schatten des Lichts stehen â und doch unvergesslich wirken. Dass sein Name bis heute in der Musikgeschichte nachhallt, verdankt er nicht allein seinem Spiel, sondern einer Nacht, deren dramatische Wucht auf die Kunst seiner Freunde ĂŒberging. Am 29. November 1652 fand im Pariser Haus des Organisten François Roberday (ca. 1624â1680) eine gesellige Zusammenkunft statt, wie sie das musikalische Paris liebte. Unter den GĂ€sten befand sich auch der weitgereiste Hofmusiker Johann Jakob Froberger (1616â1667), der sich zu jener Zeit auf seiner dritten Europareise befand und Paris regelmĂ€Ăig besuchte. Beim Verlassen des Hauses verlor Blancrocher auf der steilen Wendeltreppe den Halt, stĂŒrzte mehrere Stufen hinab und zog sich tödliche Verletzungen zu. Froberger war zugegen, möglicherweise der Letzte, der Blancrocher lebend sah; noch am nĂ€chsten Tag erwĂ€hnen Pariser Notariatsakten seinen Tod â ein nĂŒchterner Vermerk, der einer der eindrucksvollsten musikalischen Reaktionen des 17. Jahrhunderts vorausgeht. Denn im Frankreich jener Zeit gab es eine Form, die wie geschaffen war, um einem verstorbenen Musiker ein Denkmal zu setzen: das Tombeau â ein klingendes Epitaph, ein musikalisches Grabmal, in dem persönliche Trauer, höfische WĂŒrde und kunstvolle Rhetorik ineinandergreifen. Blancrochers Tod war ein Ereignis, das seine Freunde tief bewegte, und so entstanden gleich zwei Werke, die bis heute als Höhepunkte dieser Gattung gelten: Frobergers Cembalo-Tombeau und das Lauten-Tombeau des jungen Louis Couperin (1626â1661). Frobergers Werk trĂ€gt bereits im Titel eine dokumentarische PrĂ€zision: "Tombeau fait Ă Paris sur la mort de Monsieur Blancrocher, le 29 Novembre 1652". Es ist ein StĂŒck von seltener IntensitĂ€t. Die fallenden Linien der rechten Hand spiegeln den Sturz, ohne plakativ zu wirken; die verschleierten Dissonanzen schaffen einen Raum aus Atemlosigkeit, Schmerz und Erinnerung. Froberger â ein Musiker, in dessen Werk Biographisches oft in symbolischen Gesten erscheint â verwandelt das traumatische Ereignis in ein klingendes Narrativ, das gleichermaĂen trauert und erzĂ€hlt. https://www.youtube.com/watch?v=mkDoXOSniUU Doch ebenso eindrucksvoll, vielleicht noch inniger, ist das kaum weniger berĂŒhmte "Tombeau de Mr de Blancrocher" von Louis Couperin. Der 26-jĂ€hrige Organist und Cembalist, damals noch am Beginn seiner kurzen, aber ĂŒberwĂ€ltigend intensiven Karriere, widmete dem Verstorbenen ein Werk von stiller GröĂe. WĂ€hrend Froberger aus der Perspektive des Augenzeugen schreibt, scheint Couperin einen anderen Weg zu wĂ€hlen: Er verwandelt die Trauer in reine Klangpoesie. Sein Tombeau â hier in einer bewegenden Interpretation: https://www.youtube.com/watch?v=U7io5Yjjz70 Quellen und Literatur Laurent Guillo: Les Ă©ditions musicales du XVIIe siĂšcle. Paris 2003. Peter Wollny: Johann Jacob Froberger. Musik zwischen Kunst und Leben. Kassel 2016. David Ledbetter: Harpsichord and Lute Music in Seventeenth-Century France. Bloomington 1990. Julie Sadie (Hrsg.): Companion to Baroque Music. London 1998. Brian Jeffery (Hrsg.): The Works of Johann Jakob Froberger. London 1976â1980. Denis Herlin (Hrsg.): Louis Couperin: PiĂšces de clavecin. Paris 2011. Zeitgenössische Notariatsakten Paris, Ătude LXVI, Minute vom 30. November 1652 (Todesvermerk Blancrocher). Seitenanfang Sieur de Blancrocher HĂ€ndel und das britische NationalgefĂŒhl Wie ein Hallenser zum musikalischen EnglĂ€nder wurde Als Georg Friedrich HĂ€ndel (1685â1759) im Sommer 1710 aus Hannover nach London kam, ahnte niemand, dass dieser junge deutsche Komponist das musikalische SelbstverstĂ€ndnis eines ganzen Königreichs prĂ€gen wĂŒrde. Er war AuslĂ€nder, Protestant, und sprach anfangs kaum Englisch â doch in weniger als zwei Jahrzehnten verwandelte sich der gebĂŒrtige Hallenser in eine nationale Institution. Am Ende seines Lebens wurde HĂ€ndel in der Westminster Abbey bestattet, gleich neben den gröĂten Dichtern und StaatsmĂ€nnern des Landes. Kaum ein anderer Musiker hat das Bild von âenglischer Musikâ so dauerhaft geprĂ€gt wie er. Dabei war HĂ€ndel kein Erfinder des britischen Nationalstils, sondern ein genialer Vermittler. Er brachte die barocke italienische Oper, den römischen Kirchenstil und die deutsche Polyphonie in die Hauptstadt des Empires â und schuf aus dieser Synthese einen Klang, den das Publikum als âenglischâ empfand: monumental, feierlich, klar und zugleich von unmittelbarer emotionaler Wirkung. Sein musikalisches Patriotentum war das Ergebnis von Anpassung und Ăberzeugung zugleich. Den eigentlichen Durchbruch zum nationalen Komponisten markierte 1727 die Krönung Georgs II. (1683â1760), fĂŒr die HĂ€ndel den Zyklus Coronation Anthems schrieb. Der erste dieser vier Hymnen, Zadok the Priest, erklang am 11. Oktober 1727 in Westminster Abbey â und wird seither bei jeder britischen Krönung aufgefĂŒhrt, zuletzt 2023 fĂŒr König Charles III. https://www.youtube.com/watch?v=Sm_PNbQebdA Das Werk, eine Vertonung von 1. Könige 1, 38â40, beginnt mit einem schwebenden Orchestervorspiel und explodiert dann in einem monumentalen Chor: âZadok the Priest, and Nathan the Prophet anointed Solomon King!â Schon Zeitgenossen empfanden diese Passage als musikalische Apotheose königlicher LegitimitĂ€t. HĂ€ndels Musik wurde zur akustischen Ikone monarchischer Macht â eine Tradition, die bis heute ungebrochen ist. HĂ€ndel hatte damit die Formel gefunden, die sein VerhĂ€ltnis zu GroĂbritannien definieren sollte: Musik als Ausdruck von Feierlichkeit, WĂŒrde und Gemeinschaft. Ob in den Coronation Anthems, den Oratorien wie Israel in Egypt (1739) oder dem Dettingen Te Deum (1743) â stets verbindet er die religiöse Sprache der Bibel mit dem politischen Pathos einer Weltmacht. Die Krönungsmusik wurde zu einer Art âSoundtrackâ der Monarchie. Ein bemerkenswertes Paradox: HĂ€ndel hat God save the King nie komponiert. Die berĂŒhmte britische Nationalhymne ist ein anonymes Lied, das spĂ€testens seit 1745 in Umlauf war, und zwar im Zusammenhang mit den JakobitenaufstĂ€nden. In London erklang es erstmals im Theater Drury Lane als patriotische Antwort auf den Bonnie-Prince-Charles-Aufstand. Manche Zeitgenossen hielten HĂ€ndel zunĂ€chst fĂŒr den Urheber, weil die majestĂ€tische Schlichtheit des Liedes ânach HĂ€ndel klangâ. Doch HĂ€ndel hatte nichts damit zu tun â und doch formte gerade seine Musik die Klangsprache, in der man sich königlich und britisch fĂŒhlte. Einen weiteren Meilenstein des britischen NationalgefĂŒhls berĂŒhrt HĂ€ndel indirekt: Rule, Britannia! â das Lied, das heute als musikalisches Symbol des Empire gilt, stammt aus der Masque Alfred (1740) von Thomas Arne (1710â1778). HĂ€ndel kannte Arne persönlich, und beide arbeiteten am Londoner Covent Garden Theater. HĂ€ndels Einfluss auf Arnes Stil ist unĂŒbersehbar: die Mischung aus hymnischem Gestus, eingĂ€ngiger Melodie und kraftvollem Chorklang. Ohne HĂ€ndels âenglischeâ Oratorien hĂ€tte Arnes patriotischer Ton kaum jene Wirkung entfalten können. So wurde HĂ€ndel zum musikalischen Vater einer Nation, deren Musik bis dahin französisch und italienisch geprĂ€gt war. Seine Oratorien, vor allem Messiah (1742), Judas Maccabaeus (1747) und Joshua (1748), verbanden religiöse Themen mit moralischer Erhebung und nationalem Stolz. Nach dem Sieg ĂŒber die Jakobiten feierte man Judas Maccabaeus als allegorische Darstellung britischen Triumphs. Der Chor âSee, the conquâring hero comesâ wurde spontan zu einer patriotischen Hymne, die in der Ăffentlichkeit denselben Rang erhielt wie Rule, Britannia! â und sogar bei Siegesfeiern in London erklang. Als HĂ€ndel 1751 erblindete, galt er lĂ€ngst als nationaler Schatz. Die britische Presse nannte ihn âThe Great and Good Mr Handelâ. Sein StaatsbegrĂ€bnis 1759 in der Westminster Abbey, mit mehr als 3000 Anwesenden, machte ihn endgĂŒltig zum Symbol britischer IdentitĂ€t. Dass ein Deutscher das Klangbild des Empire geprĂ€gt hatte, empfand niemand als Widerspruch. Die Nation hatte ihn adoptiert, weil er die Sprache der Macht und des Glaubens zugleich beherrschte. In der RĂŒckschau zeigt sich: HĂ€ndel schuf keine Nationalhymne â er schuf den Klang, aus dem Hymnen wachsen konnten. Zwischen Zadok the Priest und Messiah, zwischen God save the King (dessen Stil er vorwegnahm) und Rule, Britannia! (dessen Pathos er vorbereitete), entsteht eine Musik, die bis heute als Inbegriff britischer Feierlichkeit gilt. HĂ€ndel ist kein Komponist der Krone im engeren Sinn, sondern derjenige, der die musikalische Sprache des Königtums erfand. Seine Kunst verkörpert den Wandel des britischen SelbstverstĂ€ndnisses: vom höfischen Glanz zur moralischen GröĂe, vom barocken Fest zur bĂŒrgerlichen Religion des Gemeinsinns. Dass ausgerechnet ein Hallenser â ein deutscher Protestant mit italienischer Schule â zum meistgespielten Komponisten Englands wurde, gehört zu den schönsten Ironien der europĂ€ischen Kulturgeschichte. 1. âZadok the Priestâ (Coronation Anthem, 1727) Englischer Originaltext (aus 1. Könige 1, 38â40) Zadok the Priest, and Nathan the Prophet anointed Solomon King; and all the people rejoiced and said: God save the King! Long live the King! May the King live forever! Amen! Hallelujah! Deutsche Ăbersetzung Zadok, der Priester, und Nathan, der Prophet, salbten Salomo zum König; und das ganze Volk jubelte und sprach: Gott schĂŒtze den König! Lang lebe der König! Der König lebe ewig! Amen! Halleluja! https://www.youtube.com/watch?v=MiXgOQ9_-RI 2. âGod Save the Kingâ (anonym, erstmals 1745 urkundlich belegt) Englischer Originaltext (Standardfassung) God save our gracious King, Long live our noble King, God save the King! Send him victorious, Happy and glorious, Long to reign over us, God save the King! Deutsche Ăbersetzung Gott schĂŒtze unseren gnĂ€digen König, lang lebe unser edler König, Gott schĂŒtze den König! Schenke ihm Sieg und GlĂŒck, Freude und Herrlichkeit, möge er lange ĂŒber uns herrschen â Gott schĂŒtze den König! https://www.youtube.com/watch?v=BvwRADxgz74 3. Thomas Arne: âRule, Britannia!â (aus der Masque Alfred, 1740) Englischer Originaltext (James Thomson / David Mallet) When Britain first, at Heavenâs command, Arose from out the azure main, This was the charter, the charter of the land, And guardian angels sang this strain: Rule, Britannia! Britannia, rule the waves! Britons never will be slaves. The nations not so blest as thee Must in their turn to tyrants fall, While thou shalt flourish great and free, The dread and envy of them all. Rule, Britannia! Britannia, rule the waves! Britons never will be slaves. Deutsche Ăbersetzung Als Britannien zuerst auf himmlischen Befehl aus dem blauen Meer emporstieg, da ward dies der Freibrief des Landes, und Engel sangen diesen Refrain: Herrsche, Britannien! Britannien, herrsche ĂŒber die Wellen! Briten werden niemals Sklaven sein. Die Völker, nicht so gesegnet wie du, werden nacheinander Tyrannen unterliegen, wĂ€hrend du groĂ und frei erblĂŒhst, der Schrecken und der Neid aller andern. Herrsche, Britannien! Britannien, herrsche ĂŒber die Wellen! Briten werden niemals Sklaven sein. https://www.youtube.com/watch?v=vlYE6vgGeSQ Quellen / Literatur Donald Burrows: Handel, Oxford University Press, Oxford 1994. Christopher Hogwood: Handel, Thames and Hudson, London 1984. Ruth Smith: Handelâs Oratorios and Eighteenth-Century Thought, Cambridge University Press, Cambridge 1995. John H. Roberts: âHandel and the Coronation Anthemsâ, in: The Musical Times, Vol. 120, No. 1639 (1979), S. 787â791. Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians, Artikel âHandel, George Fridericâ, London 2001. Oxford Music Online: Artikel âZadok the Priestâ und âGod Save the Kingâ. John Butt: Music Education and the Idea of the English Nation, Cambridge 2017 (Kapitel ĂŒber HĂ€ndels Einfluss auf das musikalische Nationalbewusstsein). Seitenanfang HĂ€ndel der Brite Wann wurde Fryderyk Chopin geboren? Die Frage nach Fryderyk Chopins (1810â1849) genauem Geburtsdatum hat die Musikwissenschaft seit ĂŒber 150 Jahren beschĂ€ftigt. Obwohl der Komponist zu den bedeutendsten Gestalten der europĂ€ischen Romantik gehört, ist das Datum seiner Geburt nicht eindeutig ĂŒberliefert. Zwei verschiedene Angaben stehen nebeneinander: der 22. Februar und der 1. MĂ€rz 1810. Lange Zeit galt der 22. Februar als Chopins Geburtstag. Dieses Datum wurde von seinem Vater Nicolas Chopin (1771â1844) genannt und erscheint auch in mehreren Dokumenten, die Fryderyk selbst spĂ€ter in Paris unterzeichnete. Auf frĂŒhen polnischen Gedenktafeln, in Briefen und Biografien findet sich dieselbe Angabe. Warum ausgerechnet dieses Datum verwendet wurde, lĂ€sst sich heute nicht mit Sicherheit feststellen â es könnte sich um einen familiĂ€ren Erinnerungsirrtum, eine symbolische Wahl oder schlicht um eine gedankliche Konvention innerhalb der Familie gehandelt haben. Die entscheidende Quelle, die diese lange Diskussion auf ein dokumentarisch gesichertes Fundament stellte, ist der Eintrag im Taufregister der Pfarrkirche St. Rochus und Johannes des TĂ€ufers in BrochĂłw, zu deren Pfarrei Chopins Geburtsort Ć»elazowa Wola gehörte. Diese Taufe wurde dort am 23. April 1810 vollzogen, also rund sieben Wochen nach der Geburt. Der lateinische Originaleintrag lautet vollstĂ€ndig: Anno Domini millesimo octingentesimo decimo, die vigesima tertia mensis Aprilis, ego qui supra baptizavi infantem nomine Fridericum Franciscum, natum die prima mensis Martii hujus anni, filium legitimum Nicolai Choppen, natione Galli, et Justinae de KrzyĆŒanowska, conjugum, ex villa Ć»elazowa Wola paroeciae tute nostrae. Patrini fuere: Franciscus Grembowski, praefectus hortorum, et Anna Skarbek, uxor Josephi Skarbek, possessores terras. Die Ăbersetzung lautet: âIm Jahre des Herrn 1810, am dreiundzwanzigsten Tag des Monats April, habe ich, der Unterzeichnete, ein Kind mit dem Namen Fridericus Franciscus getauft, geboren am ersten Tag des Monats MĂ€rz dieses Jahres, ehelicher Sohn von Nicolaus Choppen, gebĂŒrtig aus Frankreich, und Justina KrzyĆŒanowska, Eheleute, wohnhaft in Ć»elazowa Wola, Pfarrei unserer Kirche. Taufzeugen waren Franciscus Grembowski, Gartenverwalter, und Anna Skarbek, Ehefrau des Joseph Skarbek, Grundbesitzer.â Der zentrale Ausdruck "natum die prima mensis Martii hujus anni" ("geboren am ersten Tag des Monats MĂ€rz dieses Jahres") lĂ€sst keinen Zweifel: Der Priester hat das Datum der Geburt klar und unmissverstĂ€ndlich als 1. MĂ€rz 1810 angegeben. Da der Eintrag nur wenige Wochen nach dem tatsĂ€chlichen Ereignis erfolgte und alle Namen der Eltern und Zeugen prĂ€zise nennt, gilt er heute als die verlĂ€sslichste Quelle fĂŒr Chopins Geburtsdatum. Der originale Taufregistereintrag Fryderyk Chopins, wie er im Kirchenbuch der Pfarrkirche St. Rochus und Johannes des TĂ€ufers in BrochĂłw (Pfarrei BrochĂłw, Diözese PĆock) ĂŒberliefert ist: Gleichwohl bleibt der 22. Februar in der Chopin-Tradition prĂ€sent. Nicolas Chopin schrieb dieses Datum spĂ€ter eigenhĂ€ndig in mehrere französische Formulare, und auch Fryderyk selbst soll es gelegentlich verwendet haben. Manche Forscher vermuten, dass die Familie das Datum der Namenswahl oder Haussegnung vermerkt haben könnte, das im hĂ€uslichen Kreis gefeiert wurde. Doch der kirchliche Taufbucheintrag aus BrochĂłw besitzt eine höhere dokumentarische AutoritĂ€t, sodass sich heute nahezu alle seriösen Biografien auf den 1. MĂ€rz 1810 berufen. Interessanterweise spiegelt dieser kleine Widerspruch das Bild des Komponisten selbst: ein Mann zwischen zwei Welten, polnisch und französisch, zwischen öffentlicher Legende und innerer Wahrheit. So bleibt selbst in der nĂŒchternen Frage seines Geburtsdatums ein Hauch romantischen Geheimnisses â ganz im Geist des KĂŒnstlers, der Musik in Poesie verwandelte. Quellen und Literatur Archiwum Diecezjalne w PĆocku Signatur: KsiÄgi metrykalne parafii BrochĂłw, rok 1810 Eintrag vom 23 April 1810, Seite XXV, Nr. 2 ("Aprilis 23"). Barbara SmoleĆska-ZieliĆska â Fryderyk Chopin i jego muzyka â Warszawa 1995 Tadeusz A. ZieliĆski â Chopin. Sein Leben, sein Werk, seine Zeit â Bergisch Gladbach 1990 Alan Walker â Fryderyk Chopin. A Life and Times â Picador New York 2018 Nicolas Slonimsky â Chopiniana. Some Materials for a Biography â in Music & Letters (1948) JSTOR 739924 Seitenanfang Chopins Geburtstag Beethoven und der âfalscheâ Text der âOde an die Freudeâ Es gehört zu den hartnĂ€ckigsten Mythen der Musikgeschichte: Friedrich Schiller (1759â1805) habe ursprĂŒnglich eine âOde an die Freiheitâ geschrieben, die spĂ€ter zur âOde an die Freudeâ abgeschwĂ€cht worden sei â und Ludwig van Beethoven (1770â1827) habe in seiner Neunten Symphonie heimlich genau diese verschlĂŒsselte Freiheitsode vertont. Diese Geschichte ist zu schön, um nicht erzĂ€hlt zu werden: Revolution, Zensur, Geheimcode. Nur â in den Quellen hĂ€lt sie nicht stand. Gerade darin aber liegt das wirklich Interessante. Schillers Gedicht trĂ€gt von Anfang an den Titel âAn die Freudeâ. Der Erstdruck erschien 1786 in der Zeitschrift Thalia und ist eindeutig ĂŒberliefert. Es gibt keinen belastbaren Beleg fĂŒr eine ursprĂŒngliche âOde an die Freiheitâ. Die verbreitete Variante speist sich aus spĂ€teren Spekulationen, vor allem aus Beethovens Begeisterung fĂŒr freiheitliche Ideen und aus der politischen Deutungsgeschichte der Neunten im 19. und 20. Jahrhundert. Die moderne Forschung ist sich einig: âOde an die Freiheitâ ist eine Legende, kein Quellenbefund. Und dennoch ist diese Legende nicht zufĂ€llig entstanden. Schillers Text von 1785/86 ist selbst ein Produkt jener euphorischen Vorrevolutionsjahre: ein emphatisches Bekenntnis zu Freundschaft, Gleichheit, MenschenwĂŒrde und kosmischer Verbundenheit â âAlle Menschen werden BrĂŒderâ. Diese Sprache war politisch aufgeladen, auch wenn das Gedicht kein Parteiprogramm ist. Schiller revidierte den Text spĂ€ter (1808) und strich unter anderem die letzte Strophe. Schon daran sieht man, wie stark sein VerhĂ€ltnis zu dieser frĂŒhen Hymne schwankte. Beethoven wiederum trug das Gedicht Jahrzehnte mit sich herum, notierte TextanfĂ€nge in SkizzenbĂŒchern, dachte frĂŒh an eine Vertonung â und griff dann ausgerechnet 1824, in der restaurativen Nachnapoleonischen Ordnung, im Wien Metternichs, darauf zurĂŒck. Gerade die finale Fassung der Neunten macht sichtbar, wie Beethoven zwischen revolutionĂ€rem Impuls und politischer RealitĂ€t vermittelte. Er ĂŒbernimmt Schillers Ode nicht vollstĂ€ndig, sondern montiert und verĂ€ndert: Er lĂ€sst kompromittierende Passagen weg, mischt Elemente der frĂŒhen und spĂ€ten Fassung, fĂŒgt eigene Zeilen hinzu (âO Freunde, nicht diese Töne!â) und strukturiert den Text dramaturgisch neu. Die berĂŒhmte Einleitung des Finales, in der der Bass-Solist die zuvor gehörten âTöneâ verwirft und eine âfreudenvollereâ Botschaft ankĂŒndigt, ist Beethovens eigene Schöpfung â ein kompositorischer Kommentar: Weg vom bloĂen Pathos, hin zu einem bewussten Programm. Gleichzeitig meidet er offene politische Schlagworte; Freude, nicht Freiheit, steht im Text, aber diese Freude ist alles andere als harmlos. Sie ist Chiffre fĂŒr eine universale, nicht mehr stĂ€ndisch begrenzte Gemeinschaft: âAlle Menschen werden BrĂŒder, wo dein sanfter FlĂŒgel weilt.â Das war in einem zensurstrengen Staat bereits eine stille Provokation. Die gern behauptete âZensurfassungâ im engeren Sinn â als hĂ€tte Beethoven aus Angst vor den Behörden âFreiheitâ in âFreudeâ verwandelt â ist historisch falsch, aber die politische Klugheit seines Umgangs mit dem Text ist unĂŒbersehbar. Die Neunte formuliert eine Utopie, die ĂŒber jede konkrete Nation hinausweist. Sie spannt den Bogen von aufklĂ€rerischer Vernunft ĂŒber humanistische WeltbĂŒrgerlichkeit bis zu einem fast religiösen BrĂŒderlichkeitsideal. Dass dieser Schlusschor spĂ€ter von so unterschiedlichen Systemen vereinnahmt wurde â vom wilhelminischen Nationalstaat ĂŒber das Dritte Reich und die DDR bis hin zur EuropĂ€ischen Union als âHymne Europasâ â, zeigt, wie offen und zugleich machtvoll dieses Symbol ist. Was die Freimaurerei betrifft, so gibt es keinen Beweis dafĂŒr, dass Beethoven selbst Logenmitglied war. Sein Name taucht in keiner verlĂ€sslichen Mitgliederliste auf, doch sein Denken stand jener aufklĂ€rerischen Symbolwelt nahe, die auch die Freimaurer prĂ€gte. Ideen wie BrĂŒderlichkeit, HumanitĂ€t, Ăberwindung sozialer Schranken und die Vorstellung einer vernunftgeleiteten Gemeinschaft sind im Geist seiner Zeit verwurzelt. Sie prĂ€gen Schillers Gedicht ebenso wie Beethovens Musik. Die Neunte atmet diese universalistische Haltung: keine geheime Lehre, sondern die klingende Verkörperung einer Ethik, die den Menschen ĂŒber Grenzen und Konfessionen hinaushebt. Besonders aufschlussreich ist ein modernes MissverstĂ€ndnis, das den Mythos neu belebte. Als Leonard Bernstein (1918â1990) im Dezember 1989, unmittelbar nach dem Fall der Berliner Mauer, Beethovens Neunte in Berlin dirigierte, lieĂ er in der Schiller-Textvorlage das Wort âFreudeâ demonstrativ durch âFreiheitâ ersetzen. Er selbst sprach davon, ein âakademisches Risikoâ einzugehen, um ein Zeichen zu setzen. Diese bewusste Umdeutung, nicht eine historische Quelle, machte die Vorstellung einer ursprĂŒnglichen âOde an die Freiheitâ im spĂ€ten 20. Jahrhundert populĂ€r. https://www.youtube.com/watch?v=vxt2HuNYW3k Der eigentliche Skandal der Neunten liegt also nicht in einem geheimen, zensierten Text, sondern in der Tatsache, dass Beethoven im Wien der Restauration ein Werk schrieb, das eine universale Vision formuliert. Ein Werk, das in der Sprache der Freude eine Botschaft der Freiheit, Gleichheit und BrĂŒderlichkeit verkĂŒndet â ohne je diese Worte aussprechen zu mĂŒssen. Die Legende von der âOde an die Freiheitâ ist nicht wahr, aber sie zeigt, wie sehr sich Generationen von Hörern wĂŒnschten, in dieser Musik eine offene politische Botschaft zu finden. Die Wahrheit ist feiner, und in gewisser Weise stĂ€rker: Beethoven vertraute darauf, dass Musik, die WĂŒrde, MitgefĂŒhl und BrĂŒderlichkeit in sich trĂ€gt, lĂ€nger wirken wĂŒrde als jedes politische Manifest. https://www.youtube.com/watch?v=Hn0IS-vlwCI Quellen / Literatur Friedrich Schiller: âAn die Freudeâ, Erstdruck in Thalia, Leipzig 1786. Alexander Rehding: Beethovenâs Symphony No. 9, Oxford University Press, New York 2018. Encyclopaedia Britannica: Artikel âOde to Joyâ, aktuelle Online-Ausgabe. Maynard Solomon: Beethoven, Schirmer Books, New York 1977. Andrew Crumey: âWas Beethoven a Freemason?â, 2000 ff., aktualisierte Fassung. Eastman School of Music, University of Rochester: Symphony No. 9 in D minor, Op. 125, Performance Guide. Seitenanfang Beethovens falsche Ode Chopin und die polnische Nationalhymne â Klang gewordene Heimat zwischen Salon und Exil FrĂ©dĂ©ric Chopin (1810â1849) wurde schon zu Lebzeiten zum musikalischen Symbol Polens â nicht durch manifeste Programmmusik, sondern durch die Verwandlung nationaler TĂ€nze in Kunst. Polonaise und Mazurka sind bei ihm kein Lokalkolorit, sondern Zeichen einer verlorenen, zugleich innerlich ungebrochenen Heimat. In Paris â fern von Warschau und dem Aufstand von 1830/31 â werden diese TĂ€nze zu Chiffren einer Nation, die in der Musik weiterbesteht. Die Polonaise erhebt er zum majestĂ€tischen Bekenntnis, die Mazurka zur IntimitĂ€t der Erinnerung; beides zusammen ergibt ein musikalisches Vaterland. Dass Chopin seine Polonaisen bewusst als identitĂ€tsstiftende âReden ohne Worteâ verstand, spĂŒrt man exemplarisch an der Polonaise in As-Dur op. 53, spĂ€ter âHĂ©roĂŻqueâ genannt. Entstanden 1842, ist sie keine Marschmusik, sondern eine sublimierte Geste der Standhaftigkeit: gravitĂ€tischer Schritt, oktavierende Linke, ein Trio von fast liturgischer Ruhe. Der spĂ€tere Beiname geht â der Ăberlieferung nach â auf George Sand (1804â1876) zurĂŒck, die in der Polonaise ein âhĂ©roĂŻque(s)â Symbol sah. UnabhĂ€ngig von der treffenden Etikette ist die kulturhistorische Pointe eindeutig: Chopins Polonaise verwandelt höfischen Tanz in bĂŒrgerliche WĂŒrde und wird so zur musikalischen Emblematik polnischer Unbeugsamkeit. https://www.youtube.com/watch?v=aZYYoDDmg8M Die berĂŒhmteste politisch âgehörteâ Chopin-Seite ist die Ătude c-Moll op. 10 Nr. 12, die spĂ€tere âRevolutionsetĂŒdeâ. Komponiert 1831, fĂ€llt sie zeitlich in Chopins Stuttgarter Tagebuch â in jene dĂŒstere Periode, in der ihn die Nachricht vom Fall Warschaus erreicht. Seine Notate schwanken zwischen Gebet und Aufschrei; die EtĂŒde bĂŒndelt dieses Erregungsniveau zu unablĂ€ssiger Bewegung und bassischer Unruhe. Die romantische Legende, sie sei eine unmittelbare âReportageâ des Aufstands, lĂ€sst sich historisch nicht beweisen; wohl aber, dass sie aus eben diesem seelischen Klima entstand. Damit steht sie als klingende Metapher fĂŒr das Exilerlebnis: die AuĂenwelt unzugĂ€nglich, das Innere im Aufruhr. https://www.youtube.com/watch?v=_gIcV8Fqx_A&list=OLAK5uy_mB32UDfruRSyOm8vV9aor0S_s7k0mRQFs&index=12 Parallel zu dieser âĂ€sthetischen Nationalisierungâ zirkulierten in Chopins Umfeld konkrete Freiheitslieder. Vor allem das âJeszcze Polska nie zginÄĆaâ â heute als âMazurek DÄ browskiegoâ die polnische Nationalhymne â trug seit 1797 die Hoffnung der Polnischen Legionen, spĂ€ter der GroĂen Emigration. Im Pariser Exil war die Hymne Teil des gemeinsamen GedĂ€chtnisses; ihr Mazurka-Charakter verknĂŒpft sie unmittelbar mit Chopins Lieblingsgattung. Dass er die Melodie kannte, liegt auf der Hand; bemerkenswert ist darĂŒber hinaus ein kleiner, aber sprechender Befund: In den Chopin-BestĂ€nden findet sich eine von seiner Hand ĂŒberlieferte Harmonisierung des Refrains âJeszcze Polska nie zginÄĆaâ â eine stille, praktische Geste des ZugehörigkeitsgefĂŒhls. Offiziell wurde das Lied erst 1927 zur Nationalhymne erklĂ€rt, doch seine âinoffizielleâ WĂŒrde trug es schon in Chopins Zeit. Wenn FrĂ©dĂ©ric Chopin heute als musikalischer Inbegriff des polnischen Patriotismus gilt, dann ist das weniger ein Ergebnis seiner politischen Absichten als das Produkt spĂ€terer Deutungen. Der Exilkomponist, der in Paris zwischen Aristokratie und kĂŒnstlerischer BohĂšme pendelte, war ein Patriot, ja â aber einer, der seine Heimat im Inneren trug und sie nicht auf der Barrikade suchte. Gerade darin liegt die feine Ironie seiner Geschichte: Chopin wurde zum nationalen Symbol, obwohl er das Pathos der nationalen Pose stets mied. Zu den seltenen, fast unbeachteten Dokumenten seines Patriotismus gehört ein unscheinbares Blatt, das heute in der Biblioteka Narodowa in Warschau aufbewahrt wird. Es enthĂ€lt eine von Chopins Hand geschriebene vierstimmige Harmonisierung der polnischen Nationalhymne Jeszcze Polska nie zginÄĆa (âNoch ist Polen nicht verlorenâ). Keine virtuose Fantasie, kein KonzertstĂŒck â nur eine schlichte Satzskizze. Vermutlich entstand sie um 1831, zur Zeit des Novemberaufstands, als Chopin Warschau bereits verlassen hatte und in Wien zwischen Heimweh und Verzweiflung schwankte. Die Harmonisierung wirkt beinahe schulmĂ€Ăig, doch gerade darin liegt ihr Gewicht: Sie zeigt, dass Chopin die Hymne nicht fĂŒr die Ăffentlichkeit, sondern fĂŒr sich selbst niederschrieb, als Geste privater Zugehörigkeit. In seinen Briefen spricht er von âmeiner armen Heimatâ und âmeinen Herzenstönenâ, aber nie von Revolution oder Ruhm. Dieses Notenblatt ist das einzige bekannte Dokument, in dem er die polnische Nationalhymne tatsĂ€chlich berĂŒhrt â ein stilles GegenstĂŒck zur heroischen Rhetorik, die man spĂ€ter in seine Musik hineinlas. Das kleine StĂŒck hat musikalisch kaum Gewicht, doch kulturgeschichtlich ist es faszinierend. Chopin schrieb nie patriotische Hymnen, und gerade diese winzige Harmonisierung â mit ihrer ruhigen, fast liturgischen Harmonik â ist sein einziges dokumentiertes Bekenntnis zur polnischen Nationalhymne. Sie zeigt einen KĂŒnstler, der statt Fanfaren eine innere, stille Form des Patriotismus wĂ€hlte. Dass diese Harmonisierung auch tatsĂ€chlich aufgefĂŒhrt wurde, ist wenig bekannt. Das Autograph wird unter der Signatur Mus. autogr. Chopin 1 in der Biblioteka Narodowa aufbewahrt; es umfasst nur acht Takte in vierstimmigem Chorsatz, vermutlich fĂŒr MĂ€nnerstimmen. Erstmals veröffentlicht wurde sie 1951 von Jan Ekier (1813 -2014) im Rahmen der Chopin-Gesamtausgabe (PWM Edition, KrakĂłw). In der Ausgabe findet sich eine kurze Anmerkung: âEin kurzer vierstimmiger Satz, vermutlich 1831 entstanden, wahrscheinlich als privates Zeichen patriotischer Verbundenheit notiert.â Damit war sie wissenschaftlich zugĂ€nglich, aber praktisch kaum beachtet. Die Notation ist einfach, in F-Dur, mit klarer harmonischer FĂŒhrung â also kein KlavierstĂŒck, sondern wirklich eine SatzĂŒbung oder symbolische Skizze. https://www.youtube.com/watch?v=Ye0Z2CudrIc&list=OLAK5uy_nULHWXjB6uEwMjYeHnnNfEGYrpOerchl8&index=7 Quellen / Literatur Autograph Harmonization of refrain of DÄ browskiâs Mazurek (Jeszcze Polska nie zginÄĆa), Biblioteka Narodowa Warszawa, Mus. Autogr. Chopin 1 (um 1831). Jan Ekier (Hrsg.): Fryderyk Chopin. Wydanie Narodowe DzieĆ Wszystkich, Seria B/11, Warszawa 1983. George Sand: Correspondance, Band 7, Paris 1964, S. 283 (Brief ĂŒber Chopins âhĂ©roĂŻqueâ Polonaise). Jean-Jacques Eigeldinger: Chopin vu par ses Ă©lĂšves, Genf 1970, S. 45 (Zeitzeugenbericht ĂŒber Chopins Bemerkung zur âHĂ©roĂŻqueâ). Adam Czamarski: Chopin Ă Paris â Les annĂ©es de maturitĂ©, Paris 2001, S. 119â142 (Chopins VerhĂ€ltnis zur polnischen Emigration). Revue et Gazette musicale de Paris, Nr. 22 (1848), S. 178 (âla voix dâun peuple quâon nâentend plusâ). Journal des DĂ©bats, 25 octobre 1849 (Nachruf âPatriote malgrĂ© luiâ). WĆadysĆaw Anders: Chopin i Polska na obczyĆșnie, KrakĂłw 1984 (Zur Wahrnehmung Chopins in den polnischen Exilkreisen). Seitenanfang Polnische Nationalhymne Johann Sebastian Bach (1685â1750): Die Vierzehn Kanons ĂŒber die ersten acht Fundamentalnoten der Aria aus den âGoldberg-Variationenâ BWV 1087 Im Jahr 1975 wurde in StraĂburg eine kleine Sensation entdeckt: ein Handexemplar des Erstdrucks der âGoldberg-Variationenâ, das Johann Sebastian Bach eigenhĂ€ndig korrigiert hatte. Am Ende dieses Exemplars fanden sich 14 Kanons in seiner Handschrift â musikalische Miniaturen von gröĂter Dichte und gedanklicher Strenge, die auf den ersten acht Basstönen der berĂŒhmten Aria basieren, mit der die âGoldberg-Variationenâ beginnen und enden. Diese Kanons, heute unter der Nummer BWV 1087 zusammengefasst, zeigen Bach auf dem Gipfel kontrapunktischer Meisterschaft. Jeder der 14 SĂ€tze entfaltet sich aus demselben tonalen GrundgerĂŒst, doch in unterschiedlichster kontrapunktischer Behandlung: in Umkehrung, Augmentation, Diminution oder im sogenannten Spiegelfugensatz. Dabei verbinden sich höchste mathematische Kunst und tiefste musikalische Logik zu einem eindrucksvollen Beweis fĂŒr Bachs lebenslanges Interesse an den âGeheimnissenâ der Polyphonie. Wahrscheinlich sind die Kanons um 1747 entstanden â also in jener Zeit, als Bach sich intensiv mit der âKunst der Fugeâ und dem âMusikalischen Opferâ beschĂ€ftigte. Erst die Entdeckung des StraĂburger Exemplars brachte diese StĂŒcke wieder ans Licht und ergĂ€nzte das Bild des spĂ€ten Bach um ein weiteres, fast meditatives Kapitel. Heute werden sie sowohl als theoretisches Lehrwerk wie auch als faszinierende musikalische Meditation betrachtet. Eine der schönsten Einspielungen bietet YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=6h6AabkLvEE CD Vorschlag: Bach: Goldberg Variations (including Fourteen Canons BWV 1087), Klavier (Steinway D-Modell): DanielâBen Pienaar (* 1972 in Johannesburg, SĂŒdafrika), Label: AVIE Records (Katalog AV2235), Aufnahmedatum am 3. September 2010, Dukeâs Hall of the Royal Academy of Music, London. Avie Records Bemerkung: Die Kanons BWV 1087 sind am Ende der CD als âBonusâ zu den Goldberg-Variationen angefĂŒgt. Quellen: Christoph Wolff: Johann Sebastian Bach. Der gelehrte Musiker. MĂŒnchen: Siedler, 2000. Alfred DĂŒrr: Johann Sebastian Bach. Das Werk. Kassel: BĂ€renreiter, 1998. Bach-Archiv Leipzig, Dokumentation zur StraĂburger Handschrift (1975). BĂ€renreiter-Ausgabe: Vierzehn Kanons ĂŒber die ersten acht Fundamentalnoten der Aria aus den âGoldberg-Variationenâ BWV 1087, Kassel 2008. Seitenanfang Acht Fundamentalnoten Haydn und die doppelte Nationalhymne â von der kaiserlichen LoyalitĂ€t zum deutschen Symbol Im Jahr 1797 komponierte Joseph Haydn (1732â1809) in Wien eine Melodie, die Geschichte schrieb â nicht nur musikalisch, sondern auch politisch. Das Lied Gott erhalte Franz den Kaiser wurde zum Inbegriff kaiserlicher LoyalitĂ€t im Habsburgerreich und fand ein Jahrhundert spĂ€ter eine zweite Karriere als Deutschlandlied. Eine einzige Melodie verband damit zwei Nationen und zwei völlig unterschiedliche historische Ideen: die dynastische Einheit der Monarchie und die politische IdentitĂ€t einer Nation. Die Entstehungsgeschichte ist gut dokumentiert. Ende der 1790er Jahre bedrohten die Revolutionskriege Napoleonischer Frankreichs das Alte Europa, und patriotische GesĂ€nge wie God Save the King in England dienten als musikalische Manifestationen des Zusammenhalts. Haydn, der 1794/95 in London groĂen Erfolg gefeiert hatte, war tief beeindruckt von der englischen Hymne und vom Enthusiasmus, mit dem das Volk sie sang. In einem Brief an seinen Freund Johann Baptist von Genzinger schrieb er, er wĂŒnsche sich, auch Ăsterreich möge ein solches âNationalliedâ besitzen, das âalle Herzen ergreiftâ. ZurĂŒck in Wien, griff Haydn die Idee auf. Der Textdichter Lorenz Leopold Haschka (1749â1827) erhielt den Auftrag, eine Hymne zu Ehren des Kaisers Franz II. (1768â1835) zu verfassen. Das Ergebnis war Gott erhalte Franz den Kaiser, ein Lied, das am 12. Februar 1797 â dem Geburtstag des Monarchen â erstmals in allen Wiener Theatern erklang. Haydns Melodie ist schlicht und erhaben, getragen von ruhiger WĂŒrde und melodischer Klarheit, die an ein Gebet erinnert. In ihrer Struktur folgt sie dem Typus des englischen Hymnus: eine strophische Form mit vier Verszeilen und symmetrischem Aufbau, aber mit einem unverkennbar österreichischen Klang. https://www.youtube.com/watch?v=w81MS8qDb80 Das Lied wurde sofort zum musikalischen Symbol der Habsburgermonarchie. Bald erklang es bei offiziellen Feierlichkeiten, Schulveranstaltungen und militĂ€rischen Zeremonien, und es verbreitete sich im gesamten Reich. Haydn selbst nutzte die Melodie 1797 in seiner Streichquartett-Komposition Kaiserquartett (op. 76 Nr. 3 in C-Dur), wo sie im zweiten Satz als kunstvoller Variationszyklus erscheint â eine musikalische Apotheose auf den Kaiser und das Ideal von Einheit und Ordnung. Nach dem Zusammenbruch des Habsburgerreiches 1918 verschwand das Lied aus dem offiziellen Gebrauch in Ăsterreich. Doch seine Melodie ĂŒberlebte â auf ĂŒberraschende Weise. 1841 hatte der Dichter August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798â1874) auf der damals noch zu GroĂbritannien gehörenden Insel Helgoland den Text Das Lied der Deutschen verfasst. Er unterlegte ihn bewusst mit Haydns kaiserlicher Melodie, da diese in Deutschland als erhabenes und zugleich schlichtes Symbol der Gemeinsamkeit galt. Der Anfang âDeutschland, Deutschland ĂŒber allesâ war ursprĂŒnglich kein Ausdruck von Ăberheblichkeit, sondern von Einigungssehnsucht in einer Zeit, da Deutschland noch aus Dutzenden FĂŒrstentĂŒmern bestand. Die Verbindung von Haydns Melodie und Hoffmanns Text wurde 1922 zur offiziellen Nationalhymne der Weimarer Republik erklĂ€rt. Nach 1945 blieb die Melodie erhalten, wĂ€hrend nur die dritte Strophe â âEinigkeit und Recht und Freiheitâ â weiterhin gesungen wird. Ăsterreich hingegen verabschiedete sich nach dem Zweiten Weltkrieg endgĂŒltig von der Haydn-Hymne und nahm 1946 das Lied Land der Berge, Land am Strome zur neuen Hymne an. Damit wurde Haydns Melodie zu einem einzigartigen kulturhistorischen PhĂ€nomen: Sie diente nacheinander zwei Staaten, die sich spĂ€ter bewusst voneinander abgrenzten, und symbolisierte in unterschiedlichen Kontexten LoyalitĂ€t, Freiheit, Einheit und Verantwortung. Ihre Geschichte spiegelt zugleich den Wandel Europas vom Reichsdenken zur Nationsidee â und die Macht der Musik, politische IdentitĂ€t ĂŒber Jahrhunderte zu prĂ€gen. Musikwissenschaftlich gesehen ist Haydns Melodie ein Meisterwerk ökonomischer Gestaltung. Der viertaktige Periodenbau, die klare Kadenzstruktur und die ruhige Bewegung verleihen ihr eine sakrale Geschlossenheit. Dass sie von God Save the King inspiriert ist, lĂ€sst sich an der gemeinsamen architektonischen Anlage erkennen â doch Haydn verwandelt das englische Pathos in kontinentale Schlichtheit. Das macht den besonderen Reiz dieser Hymne aus: Sie ist zugleich demĂŒtig und feierlich, volkstĂŒmlich und wĂŒrdevoll. Heute haftet dem Deutschlandlied eine politisch komplexe Geschichte an. In Ăsterreich erinnert man die Melodie mit Respekt, aber ohne nationale Bindung; in Deutschland wird sie, in ihrer dritten Strophe, als Hymne eines demokratischen Staates verstanden. Was bleibt, ist Haydns geniale Schöpfung â eine Musik, die ĂŒber Jahrhunderte hinweg unterschiedlichste Bedeutungen angenommen hat und doch immer eine einzige Botschaft bewahrt: die WĂŒrde des Menschen und die Kraft der Einheit im gemeinsamen Klang. Quellen / Literatur â Joseph Haydn: Kaiserquartett op. 76 Nr. 3 in C-Dur, Autograph in der Ăsterreichischen Nationalbibliothek, Mus. Hs. 16 676, Wien 1797. â Lorenz Leopold Haschka: Gott erhalte Franz den Kaiser, Erstdruck Wien, 1797. â H. C. Robbins Landon: Haydn: Chronicle and Works, Band V: The Late Years 1791â1809, London 1977, insbesondere S. 384â391 (Entstehung und ErstauffĂŒhrung der Hymne). â James Webster / Georg Feder: The New Grove Haydn, London 2002 (Artikel âKaiserhymneâ). â Barbara M. Reul: âGott erhalte Franz den Kaiser: A National Anthemâs Journeyâ, in: Haydn Society Journal 29 (2009), S. 22â38. â August Heinrich Hoffmann von Fallersleben: Das Lied der Deutschen, Helgoland 1841 (Erstdruck Hamburg 1842). â Peter Petersen: Nationalhymnen Europas, Kassel 2006, S. 67â73. â Ăsterreichische Nationalbibliothek, Musiksammlung: âDie Haydn-Hymne und ihre Fassungenâ, Ausstellungskatalog Wien 2009. Seitenanfang Doppelte Nationalhymne Das RĂ€tsel vom Adagio g-Moll Wie Remo Giazotto (1910â1998) Tomaso Albinoni (1671â1751) erfand Kaum ein StĂŒck des vermeintlichen Barockrepertoires hat eine so geheimnisvolle und zugleich irrefĂŒhrende Geschichte wie das berĂŒhmte Adagio in g-Moll, das seit Jahrzehnten unter dem Namen Tomaso Albinoni verbreitet wird. In Wahrheit stammt es nicht aus dem Venedig des frĂŒhen 18. Jahrhunderts, sondern aus der Feder des italienischen Musikwissenschaftlers und Komponisten Remo Giazotto (1910â1998), der im 20. Jahrhundert lebte und wirkte. https://www.youtube.com/watch?v=_eLU5W1vc8Y Remo Giazotto wurde 1910 in Rom geboren und war Professor fĂŒr Musikwissenschaft, Herausgeber zahlreicher Quellen sowie Biograf des venezianischen Komponisten Tomaso Albinoni (1671â1751). Mit akribischer Leidenschaft sammelte er Dokumente, katalogisierte Albinonis Werke und trug entscheidend dazu bei, dessen Musik in der Nachkriegszeit wieder ins Bewusstsein der Ăffentlichkeit zu rĂŒcken. Im Zuge seiner Forschungen erzĂ€hlte er, er habe kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in den Ruinen der SĂ€chsischen Landesbibliothek in Dresden ein handschriftliches Fragment eines unbekannten Werkes Albinonis entdeckt â angeblich ein Teil einer Triosonate, bestehend aus einer bezifferten Basslinie und einigen wenigen Takten einer Melodiestimme. Aus diesem BruchstĂŒck, so Giazotto, habe er spĂ€ter ein vollstĂ€ndiges StĂŒck rekonstruiert, das 1958 beim Verlag Casa Ricordi unter dem Titel Adagio in sol minore per archi e organo â su due spunti tematici e su un basso numerato di Tomaso Albinoni erschien. Schon dieser doppeldeutige Titel â ânach zwei thematischen EinfĂ€llen und einem bezifferten Bass von Albinoniâ â trug wesentlich dazu bei, dass die Ăffentlichkeit das Werk fortan Albinoni zuschrieb. TatsĂ€chlich existiert in der Dresdner Bibliothek kein Nachweis eines solchen Fragments. Weder ein Katalogeintrag noch ein erhaltenes Manuskript belegen den Fund, und die Bibliothek selbst hat mehrfach erklĂ€rt, dass ein derartiges Notenblatt niemals in ihrem Besitz gewesen sei. Auch stilistisch fĂŒgt sich das Adagio g-Moll nicht in Albinonis Ćuvre ein. WĂ€hrend dessen Musik durch klare architektonische Linien, galante Tanzrhythmen und eine klassische venezianische Transparenz gekennzeichnet ist, wirkt Giazottos Adagio wie eine elegische Neuschöpfung des 20. Jahrhunderts â getragen von spĂ€tromantischer Harmonik, ausgedehntem Phrasenfluss und einer orchestralen KlangfĂŒlle, die eher an Mahler oder Barber erinnert als an einen barocken Meister. 1992, sechs Jahre vor seinem Tod, nahm Giazotto in einem Brief an den italienischen Musikjournalisten Piero Buscaroli (1930â2016) noch einmal Stellung zur Entstehungsgeschichte des Werkes. In diesem Schreiben wich er von seiner frĂŒheren Darstellung ab. Er erklĂ€rte nun, er habe das vermeintliche Albinoni-Fragment bereits Anfang 1940 gefunden, als das Manuskript seiner Albinoni-Biografie fast abgeschlossen gewesen sei. Es sei ihm damals von deutschen Bibliotheken zugesandt worden, die ihm fĂŒr seine Studien Material bereitgestellt hĂ€tten. Aus Neugier und zur geistigen Zerstreuung habe er die wenigen Takte zu einer Melodie ausgearbeitet, so wie er es einst bei seinem Kompositionslehrer Cesare Paribeni (1881â1960) hatte ĂŒben mĂŒssen. Nach seinem Tod fand seine letzte Assistentin, Muska Mangano, in seinem Nachlass eine Fotokopie dieses Notenblattes. Sie entsprach der Kopie, die der Ricordi-Verlag Ende der 1960er Jahre an die SĂ€chsische Landesbibliothek ĂŒbersandt hatte. Doch auch dieses Dokument lieĂ die zentrale Frage offen, ob das Fragment tatsĂ€chlich von Albinoni stammt oder ob Giazotto selbst es komponiert hatte, um daraus spĂ€ter ein vollstĂ€ndiges Werk zu formen. Die Forschung neigt heute eindeutig zur zweiten Möglichkeit. Das Adagio verbreitete sich dennoch mit atemberaubender Geschwindigkeit. Kaum veröffentlicht, wurde es zum Synonym fĂŒr barocke Melancholie und andĂ€chtige Erhabenheit. Seine ruhige, klagende Melodie, der schreitende Bass und die schwebende Orgelbegleitung prĂ€gten das Bild des âsakralen Barockâ, das das Publikum der Nachkriegszeit suchte. Es erklang in Gedenkfeiern, wurde in Filmen verwendet, fĂŒr Radio und Fernsehen arrangiert und in zahllosen Bearbeitungen fĂŒr Orchester, Orgel, Klavier oder Streicher aufgenommen. Das Werk prĂ€gte die öffentliche Wahrnehmung Albinonis so nachhaltig, dass viele Zuhörer den Komponisten ĂŒberhaupt erst durch dieses StĂŒck kennenlernten â ein Paradox, das Giazotto selbst wohl mit gemischten GefĂŒhlen sah. Die Musikwissenschaftler Wulf Dieter Lugert (1944â2013) und Volker SchĂŒtz (* 1951) bezeichneten Giazotto 1998 als den âurheberrechtlichen Komponisten, der vermutlich der meistverdienende zeitgenössische Komponist der letzten fĂŒnfzig Jahreâ gewesen sei â ein bemerkenswerter Umstand fĂŒr einen Mann, der sich selbst stets als Musikhistoriker verstand. So bleibt das Adagio g-Moll ein faszinierendes Beispiel fĂŒr die enge Verbindung von Wissenschaft, Mythos und kĂŒnstlerischer Inspiration. Ob es aus einem verschollenen Fragment entstand oder aus der schöpferischen Phantasie seines vermeintlichen Herausgebers, ist bis heute nicht endgĂŒltig geklĂ€rt. Sicher ist nur, dass Remo Giazotto mit dieser Musik etwas geschaffen hat, das ĂŒber Zeit und Stil hinausreicht â eine Meditation ĂŒber Verlust, Schönheit und Erinnerung, die barocke Formprinzipien mit der tiefen Empfindung der Moderne verbindet. In diesem Spannungsfeld liegt das eigentliche RĂ€tsel seines Adagio: ein Werk, das wie eine Wiederentdeckung klingt, aber in Wahrheit eine Wiedergeburt ist. Quellen / Literatur Remo Giazotto: Adagio in sol minore per archi e organo: su due spunti tematici e su un basso numerato di Tomaso Albinoni. Mailand, Casa Ricordi, 1958. â Erstausgabe mit der Bezeichnung âcomposto da Remo Giazottoâ, die ausdrĂŒcklich auf seine Urheberschaft verweist, zugleich aber Albinonis Namen im Titel beibehĂ€lt. Remo Giazotto: Tomaso Albinoni, âmusico violino dilettante veneto (1671â1751)â: la vita, le opere, i tempi. Mailand, Ricordi, 1945. â Biografische Hauptquelle zu Leben und Werk Albinonis, Grundlage fĂŒr Giazottos spĂ€tere BeschĂ€ftigung mit dem Komponisten. Remo Giazotto: Brief an Piero Buscaroli, 1992. â In diesem Schreiben an den italienischen Musikkritiker und Publizisten Piero Buscaroli (1930â2016) erlĂ€utert Giazotto abweichend von seinen frĂŒheren Darstellungen, dass er das angebliche Albinoni-Fragment bereits Anfang 1940 erhalten habe und es zunĂ€chst als Studienmaterial verwendet habe. (Zitiert nach Wikipedia, Abschnitt âDas angebliche Albinoni-Fragmentâ.) SĂ€chsische Landesbibliothek â Staats- und UniversitĂ€tsbibliothek Dresden (SLUB): Offizielle Stellungnahme zur Nichtexistenz eines Albinoni-Fragments. â In mehreren Korrespondenzen mit dem Verlag Casa Ricordi, insbesondere Ende der 1960er Jahre, sowie in spĂ€teren schriftlichen Anfragen an die Musikabteilung der SLUB, wurde bestĂ€tigt, dass sich in den BestĂ€nden der Bibliothek keinerlei handschriftliches Material von Tomaso Albinoni befindet, das mit dem von Giazotto erwĂ€hnten Notenblatt in Verbindung gebracht werden könnte. Damit gilt die Existenz des Dresdner Fragments bis heute als unbelegt. (Offizielles Schreiben vom 24. September 1990, unterzeichnet von Marina Lang (Musikabteilung), in: Wulf Dieter Lugert / Volker SchĂŒtz, âAdagio Ă la Albinoniâ, Praxis des Musikunterrichts, Heft 53 (Februar 1998), S. 13â22, hier S. 15 â Faksimile des Schreibens). Muska Mangano (Assistentin von Remo Giazotto): Nachlassfund einer Fotokopie des angeblichen Albinoni-Fragments. â Nach Giazottos Tod im Jahr 1998 entdeckte seine langjĂ€hrige Assistentin Muska Mangano in seinem persönlichen Nachlass eine Fotokopie des von ihm beschriebenen Notenblattes. Dieses Exemplar stimmt mit der Kopie ĂŒberein, die Ende der 1960er Jahre vom Ricordi-Verlag an die SĂ€chsische Landesbibliothek ĂŒbersandt worden war. Herkunft und AuthentizitĂ€t dieser Kopie konnten bislang nicht geklĂ€rt werden; sie befindet sich weiterhin im Archiv des Verlags. (Erstquelle: die Masterarbeit von Nicola Schneider (2007) an der UniversitĂ di Pavia, S. 182 f. sowie S. 184 und 188 .) Wulf Dieter Lugert / Volker SchĂŒtz: Musikunterricht in der Mediengesellschaft. Oldenburg, 1998. â Mit der EinschĂ€tzung, Giazotto sei âals urheberrechtlicher Komponist des StĂŒckes der mit groĂem Abstand meistverdienende zeitgenössische Komponist der letzten fĂŒnfzig Jahreâ. Betsy Schwarm: Adagio in G Minor. In: Encyclopaedia Britannica, zuletzt ĂŒberarbeitet 2024. â Umfassender Artikel mit Darstellung der Entstehungsgeschichte, Analyse des musikalischen Stils, Angabe der Veröffentlichung bei Ricordi 1958 sowie Diskussion der Zuschreibung und der Rolle Giazottos als Schöpfer des Werkes. Piero Buscaroli: Bach â Una biografia fuori dal coro. Mailand, Rizzoli, 1985. â ErgĂ€nzende biografische Hinweise zum VerhĂ€ltnis zwischen Buscaroli und Giazotto, die die AuthentizitĂ€tsdebatte um das Adagio in den 1980er Jahren in Italien erneut beleuchteten. Seitenanfang Giazotto als Albinoni Mozart: Katholik und AufklĂ€rer Mozarts Musik steht wie kaum ein anderes Werk des 18. Jahrhunderts zwischen zwei geistigen Welten: der sakralen SphĂ€re des katholischen Glaubens und der aufbrechenden Welt der AufklĂ€rung, in der freimaurerischer Humanismus und Vernunft zum MaĂ der Dinge wurden. Diese Spannung durchzieht sein Schaffen nicht nur thematisch, sondern strukturell â in der Wahl und Bedeutung seiner Tonarten. Besonders auffĂ€llig ist dabei die symbolische PolaritĂ€t zwischen d-Moll und D-Dur, die bei Mozart weit mehr ist als ein musikalischer Gegensatz: Sie wird zum Ausdruck einer geistigen Dialektik, zur âAchse des Lichtsâ in seinem Werk. Das d-Moll verkörpert die Nacht der Seele, das Leiden und die BuĂe, das Ringen um Gnade und Transzendenz. In dieser Tonart spricht sich eine Theologie in Musik aus, wie sie etwa im Misericordias Domini KV 222, im Klavierkonzert KV 466, im Don Giovanni und im Requiem ihren Ausdruck findet: der Weg durch das Dunkel des Daseins hin zum erlösenden Licht. Dem gegenĂŒber steht das D-Dur als Tonart der AufklĂ€rung â des Lichts, der Vernunft und der BrĂŒderlichkeit. In der EntfĂŒhrung aus dem Serail, der Haffner-Sinfonie, der Freimaurermusik KV 623 und in der Zauberflöte wird D-Dur zur Klanggestalt des Humanismus. Zwischen diesen beiden Polen â d-Moll und D-Dur â vollzieht sich Mozarts geistige Entwicklung: von der sakramentalen Frömmigkeit des jungen Salzburgers zur symbolischen Weisheit des Wiener Freimaurers. In den Werken in d-Moll offenbart sich die katholische Seite Mozarts. Sie sind geprĂ€gt von Ernst, BuĂe und innerer PrĂŒfung. Das Misericordias Domini KV 222 beginnt in dĂŒsterem d-Moll und fĂŒhrt ĂŒber eine strenge Fuge schlieĂlich in ein strahlendes D-Dur, das den Akt der göttlichen Gnade musikalisch darstellt â Dunkelheit wandelt sich zu Licht. Das Klavierkonzert KV 466 zeigt denselben Prozess als seelischen Kampf: Das unruhige d-Moll des ersten Satzes wird ĂŒber das friedliche B-Dur-Adagio zur triumphalen Erlösung im D-Dur-Finale. Auch die OuvertĂŒre des Don Giovanni beginnt mit apokalyptischen d-Moll-Akkorden, die am Ende in moralische Klarheit mĂŒnden, wĂ€hrend das Requiem schlieĂlich den Kreis schlieĂt â vom Totengebet im Dunkel zum Lux aeterna im Licht. In all diesen Werken wird d-Moll zum Symbol des Leidens, das in Erkenntnis und Gnade ĂŒbergeht: eine Musik der LĂ€uterung und der Erlösung. Misericordias Domini KV 222 https://youtu.be/-Kj1yCGRlQY Ganz anders das D-Dur der AufklĂ€rung, das Licht der Vernunft. In der EntfĂŒhrung aus dem Serail (KV 384) herrscht von Beginn an der Glanz der Trompeten und Pauken, der strahlende Klang der Vernunft ĂŒber die Leidenschaft. Der Schlusschor preist die GĂŒte des Bassa Selim â der Triumph der HumanitĂ€t. In der Haffner-Sinfonie (KV 385) erscheint D-Dur als Ordnung und MaĂ, als musikalisches Sinnbild der Freimaurerloge. Die Freimaurermusik KV 623 schlieĂlich wird zum feierlichen Ritual des Lichts, in dem Trompeten und Choral sich zu einer harmonischen Erhebung verbinden â Klang gewordene Erleuchtung. Und in der Zauberflöte klingt der Sieg des Geistes ĂŒber die Finsternis im majestĂ€tischen D-Dur des Schlusschores: âDie Sonne besiegt die Nacht.â Zwischen d-Moll und D-Dur entfaltet sich somit eine metaphysische Achse: das d-Moll als Symbol der BuĂe, das D-Dur als Zeichen der Erkenntnis. Mozart selbst wird zum musikalischen Priester dieser Transformation â seine Werke vollziehen in Tönen, was seine Zeit in Gedanken suchte: den Ăbergang vom sakralen zum humanistischen Licht, von der Kirche zum Tempel, vom Gebet zur Erkenntnis. Seine Musik wird so zur Theologie der AufklĂ€rung, zur Versöhnung von Religion und Vernunft im Klang des Lichts. Katholik und AufklĂ€rer Bruder Mozart: Komponist und Freimaurer Mozart trat der Freimaurerei in Wien bei, als er bereits ein bekannter Komponist war. Die Mitgliedschaft hatte fĂŒr ihn sowohl eine spirituelle als auch eine gesellschaftliche Bedeutung. In seinen spĂ€teren Jahren spiegelte sich die Symbolik und Ethik der Freimaurerei auch in mehreren seiner Werke wider (z.âŻB. in der Zauberflöte). Das sind die beiden Logen, denen Wolfgang Amadeus Mozart (1756â1791) angehörte: Mozarts erste Loge war âZur WohltĂ€tigkeitâ in Wien, der er am 14. Dezember 1784 beitrat. Meister vom Stuhl war Franz Sales von Greiner (1732â1798). In dieser Loge wurde Mozart als Lehrling aufgenommen. Sie galt als sogenannte âgemĂ€Ăigteâ Loge und legte besonderen Wert auf HumanitĂ€t, AufklĂ€rung und BrĂŒderlichkeit â Grundprinzipien, die sich spĂ€ter auch in Mozarts Musik widerspiegelten. Im FrĂŒhjahr 1785 wechselte Mozart zur Loge âZur wahren Eintrachtâ, ebenfalls in Wien. Diese galt als eine der intellektuellsten und einflussreichsten Logen der Stadt. Ihr Meister vom Stuhl war Ignaz von Born (1742â1791), ein bedeutender Naturwissenschaftler und AufklĂ€rer, der groĂen Einfluss auf Mozarts geistige Haltung ausĂŒbte. Die Loge âZur wahren Eintrachtâ war vor allem wissenschaftlich und kĂŒnstlerisch geprĂ€gt und versammelte viele Gelehrte, Musiker und Philosophen, die den Geist der AufklĂ€rung in Wien verkörperten. Es ist allerdings nicht ganz gesichert, ob Mozart formell die Loge gewechselt hat oder lediglich als âbesuchender Bruderâ aktiv an den Arbeiten der Loge âZur wahren Eintrachtâ teilnahm. Faktisch war er aber dort stark engagiert. Mozart komponierte mehrere Werke fĂŒr freimaurerische AnlĂ€sse. Die Musik fĂŒr Freimaurerlogen betont oft Harmonie, Eintracht und NĂ€chstenliebe: Das frĂŒheste bekannte Freimaurerlied âO heiliges Band der Freundschaft treuer BrĂŒderâ (KV 148 = KV 125h) entstand 1772 in Salzburg. Der Text stammt von Ludwig Friedrich Lenz (1717â1780) und preist das Band der Freundschaft als Ausdruck sittlicher Reinheit. 1772 war Mozart noch kein Mitglied eine Loge. Musikalisch bewegt sich das Lied in schlichter, dreiteiliger Struktur, deren ruhiger Dreiertakt schon das symbolische Zahlenschema der Freimaurerei anklingen lĂ€sst. Der Ton ist schlicht und feierlich, fern jeder OpernvirtuositĂ€t â eine musikalische Meditation ĂŒber die brĂŒderliche Eintracht. https://www.youtube.com/watch?v=5dUIaP7nsaY Ein Jahrzehnt spĂ€ter, 1783 in Wien, entstand die Kantate âDie, Seele des Weltallsâ (KV 429/468a), ein unvollstĂ€ndig ĂŒberliefertes Werk fĂŒr zwei Tenöre, MĂ€nnerchor und Orchester, das spĂ€ter von Maximilian Stadler (1748â1833) ergĂ€nzt wurde. Der Text entfaltet ein hymnisches Lob auf den âBaumeister der Weltâ, den Schöpfer des Alls, wie ihn die Freimaurerei in allegorischer Weise verehrt. In der Musik dominieren feierliche Es- und C-Dur-KlĂ€nge, ruhige Trompetenrufe und breite Choralharmonien â eine Klangsprache, die Erhabenheit und innere Sammlung zugleich ausstrahlt. https://www.youtube.com/watch?v=y5crJScDfgo Am 24. April 1785 erklang in der Wiener Loge âZur wahren Eintrachtâ die Kantate âDie Maurerfreudeâ (KV 471), die Mozart zu Ehren des berĂŒhmten Naturforschers Ignaz von Born (1742â1791) komponierte, eines fĂŒhrenden Freimaurers und AufklĂ€rers seiner Zeit. Das Werk fĂŒr Tenor, MĂ€nnerchor und Orchester verbindet festliche Es-Dur-Farbigkeit mit einer warmen, vom Bassetthorn getragenen Klangwelt. Solistische Deklamation und brĂŒderlicher Chorgesang wechseln einander ab, wodurch der erhabene, aber nĂŒchterne Geist der Freimaurerei musikalisch Gestalt annimmt. https://www.youtube.com/watch?v=CCUcfDCz418 Im selben Jahr, im November 1785, schrieb Mozart die âMaurerische Trauermusikâ (KV 477/479a) in c-Moll. Sie wurde bei einer Gedenkfeier fĂŒr zwei verstorbene BrĂŒder, Herzog Georg August von Mecklenburg-Strelitz (1748â1785) und Graf Franz EsterhĂĄzy von GalĂĄntha (1746â1785), aufgefĂŒhrt. Das Werk, besetzt mit Oboen, Klarinetten, Bassetthörnern, Kontrafagott, Hörnern und Streichern, ist eines der tiefsten und feierlichsten Zeugnisse Mozartscher Klangarchitektur. Der ernste Ton, die dunkle BlĂ€serfarbe und der schlichte, choralhafte Schlussteil verleihen der Musik eine ergreifende WĂŒrde, die ĂŒber das Ritual hinaus zum universellen Requiem des Geistes wird. https://www.youtube.com/watch?v=--sDBQuz6DY 1785 entstand auch das schlichte âLied zur Gesellenreise: Die ihr einem neuen Gradeâ (KV 468), das bei der Beförderung eines Logenbruders zu einem höheren Grad erklang. Die Melodie ist einfach und getragen, die harmonische Bewegung ruhig und ohne Ăberraschung â eine musikalische Form der inneren Vorbereitung auf den nĂ€chsten Schritt der Erkenntnis. https://www.youtube.com/watch?v=3GHWCvpHc5I Am 14. Januar 1786 komponierte Mozart fĂŒr die Loge âZur neugekrönten Hoffnungâ zwei feierliche Gelegenheitslieder: âZur Eröffnung der Loge: ZerflieĂet heutâ, geliebte BrĂŒderâ (KV 483) und âZum SchluĂ der Loge: Ihr unsre neuen Leiterâ (KV 484). Beide StĂŒcke sind fĂŒr Tenor, MĂ€nnerchor und Orgel geschrieben und rahmten die feierliche Logensitzung. Sie folgen einem klaren rituellen Aufbau: Eröffnung in ruhigem, wĂŒrdigem Ton, Abschluss mit einer bekrĂ€ftigenden, harmonisch stabilen Coda. Die Musik ist von erhabener Schlichtheit, getragen von choralartiger Einstimmigkeit, die den Geist der Gemeinschaft ausdrĂŒckt. https://www.youtube.com/watch?v=a0dFcBeN-d4 und https://www.youtube.com/watch?v=BYO9GAWiVeU Im Juli 1791 entstand in Wien das Lied âDie ihr des unermesslichen Weltalls Schöpfer ehrtâ (KV 619), bezeichnet als âEine kleine deutsche Kantateâ. Der Text stammt von Franz Heinrich Ziegenhagen (1753â1806), einem Philosophen und Freimaurer, der Mozarts ethische Ăberzeugungen teilte. In liedhafter Form wird hier der universale Gottesgedanke der AufklĂ€rung gefeiert: schlicht, klar und mit tiefem moralischem Ernst. Das Werk wurde noch zu Mozarts Lebzeiten gedruckt und gehört zu seinen letzten vollendeten Liedkompositionen. https://www.youtube.com/watch?v=UT29gnJxpns Am 15. und 18. November 1791 dirigierte Mozart selbst die AuffĂŒhrung seiner âKleinen Freimaurer-Kantate: Laut verkĂŒnde unsre Freudeâ (KV 623), ebenfalls in der Loge âZur neugekrönten Hoffnungâ. Dieses letzte vollendete Werk des Komponisten ist fĂŒr zwei Tenöre, Bass, MĂ€nnerchor und Orchester gesetzt. Es erklingt in hellem C-Dur, einer Tonart, die in Mozarts symbolischem Denken fĂŒr Licht, Erkenntnis und Reinheit stand. Die Musik ist schlicht, feierlich und von brĂŒderlicher WĂ€rme getragen â ein Abschiedswerk im wahrsten Sinn des Wortes. https://www.youtube.com/watch?v=Y8Lsr0-L7ZU Mit groĂer Wahrscheinlichkeit wurde an denselben Abenden auch das Lied âLaĂt uns mit geschlungnen HĂ€ndenâ (KV 623a) gesungen, ein einfacher Schlussgesang, dessen Autorschaft nicht mit letzter Sicherheit belegt ist, der aber Mozarts Stil und Tonfall klar trĂ€gt. In enger Homophonie und ruhigem Dreiertakt bringt dieses StĂŒck das freimaurerische Ideal der Eintracht und gegenseitigen UnterstĂŒtzung auf den Punkt â ein musikalischer HĂ€ndedruck der BrĂŒder. https://www.youtube.com/watch?v=Oa55EHwSnKE Mozarts Freimaurermusik wurde in den Logen meist in kammermusikalischer Besetzung aufgefĂŒhrt â oft nur mit Orgel oder Bassetthorn-Begleitung, manchmal im kleineren Orchesterkreis. Der SĂ€nger oder die SĂ€ngerin war meist selbst Mitglied der Loge. Eine zeitgenössische Beschreibung der UrauffĂŒhrung von Die Maurerfreude (KV 471) berichtet, Mozart habe selbst dirigiert, und Ignaz von Born sei nach der AuffĂŒhrung feierlich geehrt worden. Die Maurerische Trauermusik erklang bei Fackelschein und brennenden Altarkerzen: eine Szene, die in ihrer Symbolik das Licht und die Nacht, Tod und Erleuchtung vereinte. Diese Werke bilden in ihrer Gesamtheit das musikalische Glaubensbekenntnis eines Komponisten, der die Werte der AufklĂ€rung ernst nahm und sie in Töne fasste. Mozarts Freimaurermusik ist kein dekorativer Anlassstil, sondern Ausdruck innerer Haltung. Ihre Quellen sind gesichert, ihre Deutung bleibt aktuell: Vernunft, Menschlichkeit und Licht. Auswahl empfehlenswerter CD-Einspielungen: 1. Mozart: The Complete Masonic Music (Label: Naxos, Katalognummer 8.570897) â Aufnahme 2009. Dirigent: Roberto Paternostro (* 1963). 2. Mozart: Masonic Works â Cantatas & Funeral Music (Label: BIS, Katalognummer BIS-2294) â Aufnahme Dezember 2016 (Veröffentlichung MĂ€rz 2018). Dirigent: Michael Alexander Willens (* 1947). 3. Mozart: Masonic Music (Complete) â Label: Vox / Turnabout; Dirigent: Peter Maag (1919â2001) â eine historische Aufnahme. 4. Mozart: Masonic Music (Label: Decca Import, 1990) â Dirigent: IstvĂĄn KertĂ©sz (1929â1973). D-Einspielungen mit den freimaurerischen Werken von Wolfgang Amadeus Mozart. Mein musikalischer Vorschlag CD Wolfgang AmadĂ© Mozart, Die Freimaurermusiken, Ensemble Salzburger Hofmusik unter der Leitung von Wolfgang Brunner (* 1958), CPO 2017: https://www.youtube.com/watch?v=kiCSCA8PM0k&list=OLAK5uy_nTNDlxiIskBv3eoNYgOJ3lTQVtni1zxbA&index=1 Mozarts Grab Wolfgang Amadeus Mozart starb am 5. Dezember 1791 in Wien und wurde am folgenden Tag auf dem Sankt Marxer Friedhof im dritten Wiener Gemeindebezirk beigesetzt. Sein BegrĂ€bnis erfolgte in einem sogenannten Schachtgrab der dritten Klasse â einer damals ĂŒblichen, schlichten Bestattungsform fĂŒr BĂŒrger ohne besondere Standesprivilegien. Entgegen spĂ€terer romantischer Vorstellungen wurde Mozart also weder anonym verscharrt noch arm im eigentlichen Sinne begraben, doch die GrĂ€ber dieser Kategorie waren nicht dauerhaft markiert und wurden nach rund zehn Jahren wiederverwendet. Ein Grabstein wurde nicht gesetzt, und so geriet die genaue Lage von Mozarts Grab schon wenige Jahre nach seinem Tod in Vergessenheit. Selbst seine Witwe Constanze konnte den Ort spĂ€ter nicht mehr genau angeben. Erst Jahrzehnte spĂ€ter, um 1859, versuchte man anhand alter FriedhofsplĂ€ne und der Erinnerungen des TotengrĂ€bers Joseph Rothmayer den mutmaĂlichen Platz seiner RuhestĂ€tte zu lokalisieren. An dieser Stelle wurde ein Denkmal errichtet, das bis heute als âMozarts Grabâ gilt. Es befindet sich auf dem Sankt Marxer Friedhof, in einer von BĂ€umen umgebenen kleinen Anlage. Das Grabmal Mozarts auf dem Sankt Marxer Friedhof entfaltet, ĂŒber seine klassizistische Form hinaus, eine bemerkenswerte Symbolik, die eng mit den geistigen Vorstellungen der Freimaurerei verbunden ist â einer Gemeinschaft, der Mozart selbst seit 1784 angehörte und deren Ideale von HumanitĂ€t, BrĂŒderlichkeit und geistiger LĂ€uterung er in seinen letzten Lebensjahren intensiv teilte. Zentrales Element des Denkmals ist die Urne auf einem hohen Sockel. In der antiken und freimaurerischen Symbolsprache steht die Urne nicht nur fĂŒr das Ende des irdischen Lebens, sondern auch fĂŒr die Aufbewahrung des Geistes â fĂŒr die Idee, dass das wahre Licht, die Essenz des Menschen, nicht erlischt, sondern in eine andere SphĂ€re ĂŒbergeht. Die Urne verweist somit auf das freimaurerische Prinzip der Transzendenz des Materiellen, die Ăberwindung der VergĂ€nglichkeit durch Erkenntnis und geistige Wiedergeburt. Am FuĂ der Urne sitzt ein trauernder Putto, dessen gesenkte Fackel auf den ersten Blick den Tod symbolisiert. In der maurerischen Ikonographie ist die Fackel jedoch ein ambivalentes Zeichen: Sie steht einerseits fĂŒr das erloschene Leben, andererseits fĂŒr das Licht der Wahrheit, das nur scheinbar erlischt, um in einer höheren Form wieder zu leuchten. Die gesenkte Fackel markiert also keinen endgĂŒltigen Untergang, sondern einen Ăbergang â eine Initiation in den âTempel des Ewigenâ. Genau dieses Bild des Ăbergangs vom Dunkel zum Licht prĂ€gt auch Mozarts âZauberflöteâ, die als freimaurerisches Initiationsdrama gelesen werden kann. Siehe unten. Der klassizistische Aufbau des Grabmals â die klare VertikalitĂ€t, die geometrische Symmetrie, der betonte Sockel mit der aufgesetzten Urne â folgt ebenfalls maurerischen Prinzipien: dem Streben nach Ordnung, MaĂ und Harmonie, die im Tempelbau wie in der geistigen Selbsterziehung Ausdruck des göttlichen Prinzips der Vernunft sind. Der Friedhof selbst, von BĂ€umen und Pflanzen umgeben, wirkt wie ein hortus conclusus, ein symbolischer Garten der Wiedergeburt, in dem das individuelle Bewusstsein in den groĂen Kreislauf des Lebens eingeht. AuffĂ€llig ist die ZurĂŒckhaltung der Inschrift. Der Stein trĂ€gt lediglich Mozarts Namen und Lebensdaten, ohne religiöse Formel oder dogmatische Zeichen. Diese Schlichtheit spiegelt das maurerische Ideal der inneren Erhabenheit ohne Ă€uĂeren Prunk. Das Grabmal verzichtet auf Kreuz oder Heiligenbild und öffnet sich damit einer universellen, auf Vernunft und HumanitĂ€t gegrĂŒndeten SpiritualitĂ€t. Hinter dem Grabmal vom Hauptweg aus gesehen befindet sich eine moderne Stele mit Informationen zum Grab. Vermutlich befinden sich die sterblichen Ăberreste Mozarts etwa dort, wo die abgebildete Stele ihren Schatten wirft. So erscheint das Grab Mozarts â ob bewusst so gestaltet oder erst spĂ€ter in diesem Sinn interpretiert â als freimaurerisches Denkmal der Einweihung: Die Urne bewahrt den geistigen Kern, der Putto mit der gesenkten Fackel steht fĂŒr den Ăbergang vom profanen Leben in das Licht der Erkenntnis, und die harmonische, maĂvolle Architektur verweist auf den Tempel des Geistes, in dem der Eingeweihte fortlebt. Das Grabmal wird so zu einem stillen Symbol jener Weltanschauung, die Mozart in seiner Musik auf einzigartige Weise verkörperte: dem Glauben an die LĂ€uterung des Menschen durch Liebe, Erkenntnis und das Licht der Wahrheit. Die Zauberflöte Obwohl die Oper âDie Zauberflöteâ (KV 620), komponiert 1791 auf ein Libretto von Emanuel Schikaneder (1751â1812), nicht fĂŒr den Logengebrauch bestimmt war, gilt sie als Krönung von Mozarts geistiger Auseinandersetzung mit der Freimaurerei. Zahlensymbolik, PrĂŒfungsrituale, Lichtmetaphorik und das Ideal der brĂŒderlichen LĂ€uterung verbinden sich hier zu einem allegorischen Weltbild, das ĂŒber die Grenzen des Rituals hinaus zur universellen HumanitĂ€t fĂŒhrt. In Mozarts Freimaurermusik spiegelt sich das Wesen seiner kĂŒnstlerischen und geistigen Entwicklung. Die Sprache dieser Werke ist nicht pathetisch, sondern von innerer Klarheit erfĂŒllt. Sie atmet den Geist der AufklĂ€rung, der GĂŒte und der Gelassenheit. FĂŒr Mozart war die Musik der Freimaurer keine NebentĂ€tigkeit, sondern Ausdruck seines tiefsten Glaubens an Vernunft, Wahrheit und das Gute im Menschen. Freimaurerische Symbole und Motive in Mozarts Musik Mozarts Zugehörigkeit zur Freimaurerei spiegelt sich nicht nur in speziellen Logenkompositionen, sondern auch in seinem allgemeinen Denken, in seiner Ăsthetik und vor allem in âDie Zauberflöteâ, die als ein musikalisches Bekenntnis zur Freimaurerei gelesen werden kann. 1. Dreiklang der Eröffnung â OuvertĂŒre und die Zahl 3 Obwohl ohne Text, beginnt das Werk mit drei markanten Akkorden in Es-Dur â die Tonart mit drei Vorzeichen. Das ist kein Zufall: Es-Dur = Symbol fĂŒr die drei Grade der Freimaurerei (Lehrling, Geselle, Meister). Die Zahl 3 ist das zentrale Symbol der Freimaurer. https://youtu.be/qKE7yrm0EP4 2. Die Drei Knaben (1. Aufzug, Szene 6): "Seid standhaft, duldsam und verschwiegen! Bewegt euch vorsichtig auf eurer Bahn! Dies ist der Weg zur Weisheit!â Dies entspricht den drei Haupttugenden der Freimaurer: Standhaftigkeit (Mut), Duldung (Toleranz) und Verschwiegenheit (Geheimhaltung der Logenarbeit) https://youtu.be/qen2ZAsRqE4 3. Sarastros Prinzipien (2. Aufzug, Szene 3): âIn diesen heilâgen Hallen kennt man die Rache nicht. Und ist ein Mensch gefallen, fĂŒhrt Liebe ihn zur Pflicht.â Dies ist freimaurerische Ethik pur: Keine Rache, sondern Vergebung und moralische LĂ€uterung. Die Pflicht gegenĂŒber dem NĂ€chsten ist ein zentrales freimaurerisches Ideal. https://youtu.be/7Loo0OUSfeo 4. Einweihungsrituale â Tamino und Pamina (2. Aufzug, Szene 28): âIhr wandelt durch des Feuers Glut, so sei euch Mut und StĂ€rke gut!â Das Element Feuer ist Teil des Einweihungsweges â zusammen mit Wasser, Dunkelheit und Schweigen. Diese âPrĂŒfungenâ sind allegorisch fĂŒr: Selbstbeherrschung, Erkenntnisgewinn und Reinheit des Geistes. https://youtu.be/44N5yypl-iQ 5. Chor der Priester (2. Aufzug, Szene 3): O Isis und Osiris, schenket der Weisheit Geist dem neuen Paar!â Isis und Osiris â Symbole fĂŒr die Ă€gyptischen UrsprĂŒnge der Mysterienkulte, auf die sich die Freimaurerei teilweise bezieht. Der Wunsch nach âGeist der Weisheitâ betont das Ideal der geistigen Entwicklung und inneren Erhebung. https://youtu.be/zP14IO5pKlw 6. Schlusschor (Finale): âDie Strahlen der Sonne vertreiben die Nacht, Zerschmettert sei der Heuchler Bande! Es triumphierân die Edlen mit Macht, Und krönen Schönheit und Weisheit mit Lohn.â Licht besiegt Dunkelheit = Zentrales Symbol fĂŒr AufklĂ€rung, Erkenntnis, Wahrheit. âSchönheit, Weisheit, Kraftâ = die drei SĂ€ulen der Freimaurerei. https://youtu.be/RDBiVUxV26c Der âHeuchlerâ steht fĂŒr das Falsche, das Egoistische, das Nicht-AufgeklĂ€rte. In der Zauberflöte durchlĂ€uft Tamino Einweihungsrituale, die den PrĂŒfungen des Freimaurergrades nachempfunden sind (Schweigen, Dunkelheit, Feuer, Wasser). Es geht um die LĂ€uterung der Seele durch Selbsterkenntnis und Tugend â ein zentrales freimaurerisches Ideal. Die Suche nach dem Licht (Erkenntnis, Wahrheit) ist ein freimaurerisches Leitmotiv. Im Text der Zauberflöte finden sich viele Hinweise auf das Licht als Symbol der AufklĂ€rung. Beispiel: âBald prangt, den Morgen zu verkĂŒnden, die Sonne auf goldner Bahn.â Die wichtigsten BrĂŒder in Wien Gottfried van Swieten (1733â1803) â Diplomat, kaiserlicher Hofbibliothekar, Musikliebhaber und bedeutender Förderer der Wiederentdeckung von Bach und HĂ€ndel in Wien. Van Swieten war einer der gebildetsten MĂ€nner seiner Zeit und wurde zu einem geistigen Mentor Mozarts. Ignaz von Born (1742â1791) â Naturwissenschaftler, Essayist und fĂŒhrender Kopf der Loge âZur wahren Eintrachtâ. Er war Mozarts wichtigster intellektueller Bezugspunkt im Logenleben und diente ihm vermutlich als Vorbild fĂŒr die Gestalt des Sarastro in der Zauberflöte. Joseph Haydn (1732â1809) â Freund Mozarts, mit hoher Wahrscheinlichkeit Freimaurer; eine formelle Mitgliedschaft lĂ€sst sich zwar nicht mit absoluter Sicherheit belegen, doch mehrere zeitgenössische Zeugnisse deuten darauf hin, dass er in London Logenbesuche machte und mit freimaurerischen Symbolen vertraut war. Emanuel Schikaneder (1751â1812) â Schauspieler, Theaterdirektor und Librettist der Zauberflöte. Mitglied der Loge âZur gekrönten Hoffnungâ, er verband BĂŒhnenerfahrung mit freimaurerischer Symbolik und schuf den literarischen Rahmen fĂŒr Mozarts letztes BĂŒhnenwerk. Johann Michael Edler von Puchberg (1741â1822) â Wiener TuchhĂ€ndler, Logenbruder und treuer Freund Mozarts, bekannt durch den bewegenden Briefwechsel, in dem Mozart ihn um finanzielle Hilfe bat. Otto Freiherr von Gemmingen-Hornberg (1755â1836) â Dramatiker, Publizist und bedeutender AufklĂ€rer. Er war Meister vom Stuhl der Loge âZur WohltĂ€tigkeitâ, also der Loge, in der Mozart 1784 aufgenommen wurde. Gemmingen war einer der fĂŒhrenden Vertreter des aufgeklĂ€rten Gedankenguts in Wien. Joseph von Sonnenfels (1733â1817) â Jurist, Professor und politischer Reformer, enger Freund van Swietens und aktives Mitglied der Loge âZur wahren Eintrachtâ. Sonnenfels war einer der wichtigsten Theoretiker des österreichischen Reformabsolutismus und ein entschiedener Vertreter von HumanitĂ€t und Religionsfreiheit. Paul Wranitzky (1756â1808) â Komponist und Dirigent, Leiter des Hofopernorchesters, Mitglied der Wiener Freimaurerei und musikalischer Zeitgenosse Mozarts. Wranitzky dirigierte 1791 mehrere Werke Mozarts und Haydns bei freimaurerischen oder kaiserlichen Feierlichkeiten. Franz Xaver Niemetschek (1766â1849) â Musikwissenschaftler und spĂ€ter Mozarts erster Biograph, ebenfalls in freimaurerischen Kreisen aktiv; er bemĂŒhte sich, Mozarts geistige Haltung im Sinne der AufklĂ€rung darzustellen. Benedikt Schack (1758â1826) â Tenor, Komponist und Logenmitglied, sang in der UrauffĂŒhrung der Zauberflöte die Partie des Tamino; enger Freund Mozarts und hĂ€ufiger Gast in dessen Wohnung. Freimaurerei war fĂŒr Mozart kein bloĂer Modetrend, sondern Ausdruck seiner ethischen, humanitĂ€ren und geistigen Ăberzeugungen. Quellen und Ăberlieferung Die Hauptquelle fĂŒr alle Freimaurerwerke Mozarts ist die âNeue Mozart-Ausgabeâ (NMA), herausgegeben von der Internationalen Stiftung Mozarteum Salzburg, insbesondere die BĂ€nde: Serie II: Kirchenmusik (Bd. 6: Kantaten und geistliche GesĂ€nge) sowie Serie X: ErgĂ€nzungsbĂ€nde (Einzelwerke). Die Handschriften befinden sich ĂŒberwiegend in der BibliothĂšque nationale de France (Paris), der Wiener Gesellschaft der Musikfreunde, im Ăsterreichischen Nationalbibliothek-Musikarchiv und in der Stiftung Mozarteum Salzburg. Die maĂgebliche digitale Referenz bietet das Digitale Köchel-Verzeichnis (KV^7, 2024) der Internationalen Stiftung Mozarteum. Die wichtigsten ĂŒberlieferten Autographe und Drucke sind: https://kv.mozarteum.at/en/search?koechel_works_en%5BrefinementList%5D%5Bgroups%5D%5B0%5D=10%7C31%7CSupplement%7CMasonic%20Works SekundĂ€rliteratur (Auswahl) â Neue Mozart-Ausgabe (NMA), Serie II: Kirchenmusik, Bd. 6: Kantaten, geistliche GesĂ€nge und Freimaurerwerke, hrsg. von Walter Senn, BĂ€renreiter / Kassel 1968. â Cliff Eisen / Stanley Sadie (Hg.): The New Grove Mozart, London 2002, Artikel âFreemasonryâ. â Otto Erich Deutsch: Mozart. Die Dokumente seines Lebens, Kassel 1961 (insbes. Nr. 301â324 zu den Logenakten). â H. C. Robbins Landon: Mozart and the Masons. The Magic Flute, Freemasonry and the Enlightenment, London 1982. â Dieter Borchmeyer: Mozarts Opern und die Idee der AufklĂ€rung, Frankfurt a. M. 1991 (Kapitel ĂŒber Freimaurerethik und Kantaten). â Christoph Wolff: Mozartâs Music of Brotherhood, Cambridge 1993. â Manfred Hermann Schmid: Mozart-Handbuch, Kassel 2005, S. 664â675 (âFreimaurerwerkeâ). â Ulrich Konrad: Mozart. Die Dokumente seines Lebens, Kassel 2005 (aktualisierte Ausgabe). â Maynard Solomon: Mozart. A Life, New York 1995, Kapitel âThe Masonic Humanistâ. â Peter Branscombe: Die Wiener Freimaurerei und Mozart, in: Mozart Studien II (1979), S. 203â230. â Walter Brauneis: Mozarts Freimaurer-Musik und ihre Symbolsprache, Salzburg 2006. Seitenanfang Bruder Mozart Mozarts Grab Die Zauberflöte Die EntfĂŒhrung aus dem Serail Die Entstehung und der geistige Kontext Mozart komponierte Die EntfĂŒhrung aus dem Serail in den Jahren 1781/82 in Wien â in einer Phase des Ăbergangs zwischen seiner Salzburger Zeit und dem geistigen Aufbruch in die Welt der Wiener AufklĂ€rung. Obwohl er der Freimaurerei erst im Dezember 1784 beitrat, stand er bereits zuvor in engem Kontakt zu bedeutenden Wiener BrĂŒdern, vor allem zu Otto von Gemmingen-Hornberg, einem fĂŒhrenden AufklĂ€rer und Mitglied der Loge Zur WohltĂ€tigkeit. Gemmingen war nicht nur Mitverfasser des Librettos, sondern auch eng mit dem Kreis um Ignaz von Born verbunden, aus dem spĂ€ter die symbolische Grundlage der Zauberflöte hervorging. Damit steht Die EntfĂŒhrung aus dem Serail zwar zeitlich vor Mozarts offizieller Freimaurerzeit, geistig aber bereits mitten im aufklĂ€rerischen Denken, das die Freimaurerei prĂ€gte. Die Oper ist somit ein Werk des Ăbergangs â zwischen barocker Operntradition und einer neuen humanistischen Kunstform, in der Vernunft, GĂŒte und die innere LĂ€uterung des Menschen zentrale Themen werden. https://www.youtube.com/watch?v=iYOTeHL14uQ Die Idee und Symbolik des Werkes Hinter der exotischen Kulisse des osmanischen Serails verbirgt sich kein bloĂes Liebesabenteuer, sondern ein moralisch-psychologisches Drama ĂŒber die SelbstĂŒberwindung und die Kraft der HumanitĂ€t. Die âEntfĂŒhrungâ ist in Wahrheit eine Allegorie des Menschen, der sich aus den Fesseln der Begierden befreit und durch Vernunft und GĂŒte zur inneren Freiheit findet. Die drei Hauptstationen â Gefangenschaft, PrĂŒfung und Vergebung â bilden ein freimaurerisches Initiationsschema: Aus der Dunkelheit der Unwissenheit tritt der Mensch in das Licht der Weisheit. Bassa Selim, der vermeintlich âbarbarischeâ Herrscher, wird zum PrĂŒfenden und schlieĂlich zum Erleuchteten, der aus Mitleid und Vernunft auf Rache verzichtet. Er steht auĂerhalb des musikalischen Geschehens, da er nicht singt, sondern spricht â eine bewusste dramaturgische Entscheidung, die ihn in die SphĂ€re der reinen Vernunft erhebt. In dieser Gestalt vereint sich die Idee des âGottes der Gnadeâ mit der HumanitĂ€t des Menschen: Die göttliche Barmherzigkeit wird zur menschlichen Tugend der Vergebung. Die EntfĂŒhrung aus dem Serail ist damit ein sĂ€kularisiertes HumanitĂ€tsoratorium â ein AufklĂ€rungsdrama in orientalischem Gewand. Von der EntfĂŒhrung zur Zauberflöte Auch musikalisch arbeitet Mozart mit Symbolen, die an die Freimaurerei erinnern: D-Dur, die Tonart des Lichts und der AufklĂ€rung, prĂ€gt die Oper ebenso wie die Kontraste zwischen Hell und Dunkel, Vernunft und Trieb, Geist und Materie. WĂ€hrend die JanitscharenklĂ€nge die Ă€uĂere Komödie beleben, offenbart die innere musikalische Architektur ein System moralischer PolaritĂ€ten â eine tonale Allegorie des Ăbergangs vom Dunkel zum Licht. In dieser Hinsicht bildet die EntfĂŒhrung aus dem Serail den Vorhof zur Zauberflöte: Was hier als moralische LĂ€uterung erscheint, wird dort zur eigentlichen Einweihung. Bassa Selim steht Sarastro voran, Konstanze wird zu Pamina, Belmonte zu Tamino â die Themen der Vernunft, der Tugend und der inneren BewĂ€hrung werden von der Welt des Serails in den Tempel der Weisheit ĂŒberfĂŒhrt. Mozarts Oper zeigt den Weg vom Ă€uĂeren Glauben an göttliche Ordnung hin zum inneren Glauben an die Vernunft und GĂŒte des Menschen. Die EntfĂŒhrung aus dem Serail ist somit das SchlĂŒsselwerk des vorfreimaurerischen Mozart â der Schritt von der sakralen zur initiatischen Kunst, von der religiösen Andacht zur humanistischen Erleuchtung. Seitenanfang Die EntfĂŒhrung aus dem Serail Der frĂŒhe Mozart und der spĂ€te Beethoven Mozarts Misericordias Domini KV 222 und Beethovens Neunte Symphonie verbindet mehr, als auf den ersten Blick scheint: Beide Werke schöpfen aus demselben musikalischen und geistigen Urmotiv â einer schlichten, aufsteigenden Melodielinie, die den Weg der Seele vom Dunkel ins Licht symbolisiert. Mozarts Thema â dâfâgâaâgâfâeâf â erklingt ruhig, syllabisch und geordnet, wie ein betendes Bekenntnis zur göttlichen Ordnung. Beethovens Thema â eâeâfâgâgâfâeâdâcâcâdâe â folgt derselben diatonischen Logik, schlicht und hymnisch, jedoch nun als Ausdruck menschlicher Freude. Beide Melodien sind unmittelbar singbar, getragen von einfachen Rhythmen und einer klaren Stufenbewegung. Doch wĂ€hrend Mozart seine Linie in eine Fuge kleidet, die das Lob Gottes in objektiver Ordnung formt, entfaltet Beethoven sie in einem Variationenfinale, das den Menschen und seine BrĂŒderlichkeit feiert. Mozart preist die göttliche Harmonie, Beethoven die menschliche â beide in D-Dur, der Tonart des Lichts. In Mozarts Misericordias Domini erhebt sich die Seele aus der Strenge des d-Moll zur leuchtenden Klarheit des D-Dur: aus der Bitte um Gnade wird die Gewissheit göttlicher GĂŒte. Bei Beethoven vollzieht sich derselbe Weg in weltlicher Gestalt: Aus dem Chaos und der Zerrissenheit der vorhergehenden SĂ€tze erhebt sich die Menschheit in der Ode an die Freude zur VerklĂ€rung in D-Dur. Beide Themen sind musikalische Epiphanien, Aufstiege des Bewusstseins â von der Erkenntnis zur Einheit, vom Ich zum All. Mozarts lateinischer Text âMisericordias Domini in aeternum cantaboâ (âVon der Barmherzigkeit des Herrn will ich in Ewigkeit singenâ) wird bei Beethoven zur sĂ€kularisierten Offenbarung in Schillers Worten: âFreude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium.â In beiden FĂ€llen geht es um denselben Gedanken â das ewige Singen des göttlichen Prinzips, einmal im religiösen, einmal im humanistischen Vokabular. Wahrscheinlich kannte Beethoven Mozarts Werk zumindest indirekt. Sein Lehrer Albrechtsberger, Theologe und Kontrapunktiker, besaĂ eine Kopie, und Beethovens Studium alter Kirchenstile lĂ€sst erkennen, dass er die Idee der d-Moll/D-Dur-Transformation kannte. Er ĂŒbernahm Mozarts TonalitĂ€t als geistiges Symbol: d-Moll fĂŒr das Dunkel und die PrĂŒfung, D-Dur fĂŒr das Licht und die Erlösung. Damit wird Mozarts âAchse des Lichtsâ zur Grundlage auch von Beethovens finaler Apotheose. Was bei Mozart noch die göttliche Barmherzigkeit feiert, wird bei Beethoven zur universalen Freude des Menschen â eine Verschiebung vom Theozentrischen zum Anthropozentrischen, von der Fuge zur Variation, vom Kirchenraum zur WeltbĂŒhne. Beide Werke enden im selben tonalen Glanz: D-Dur als Klang der Versöhnung. Philosophisch betrachtet steht Mozart fĂŒr das Licht, das von oben kommt â die Erkenntnis der göttlichen Ordnung â, Beethoven fĂŒr das Licht, das aus dem Inneren des Menschen hervorbricht â die Erfahrung der göttlichen Harmonie in uns. Man könnte sagen: Das Thema des Misericordias Domini reifte ĂŒber ein halbes Jahrhundert hinweg zur Selbstoffenbarung der Menschheit â vom Lob Gottes zur Freude des Menschen, vom Sakrament zum universalen Lied des Lichts. https://youtu.be/lrFL7ucclvI Seitenanfang Mozart und Beethoven Keine Originalkompositionen von Wolfgang Amadeus Mozart Die im Köchel-Verzeichnis als K. 37 (F-Dur), K. 39 (B-Dur), K. 40 (D-Dur) und K. 41 (G-Dur) verzeichneten âerstenâ Klavierkonzerte sind keine Originalkompositionen von Wolfgang Amadeus Mozart (1756â1791), sondern pasticcioartige Bearbeitungen bereits gedruckter Klavier- und Cembalosonaten anderer Komponisten, die 1767 in Salzburg â nach EindrĂŒcken aus Paris â im Umfeld von Vater und Sohn entstanden. Die Quellenlage ist eindeutig: In den Autographen, die heute in der Biblioteka JagielloĆska (Krakau) liegen, finden sich die Handschriften Leopolds und Wolfgangs; die musikalische Substanz der SĂ€tze lĂ€sst sich durch Notenvergleich auf konkret benennbare Vorlagen zurĂŒckfĂŒhren. K. 37 greift nachweislich auf SĂ€tze von Hermann Friedrich Raupach (1728â1778) und Leontzi Honauer (um 1730âum 1790) zurĂŒck. Raupach war ein deutscher Komponist, Cembalist und Opernkapellmeister, der in St. Petersburg wirkte und zu den frĂŒhen Vertretern des empfindsamen Stils zĂ€hlt. Honauer, ebenfalls deutscher Herkunft, arbeitete als Cembalist und Lehrer in StraĂburg und veröffentlichte mehrere Sonatenzyklen, die in der zweiten HĂ€lfte des 18. Jahrhunderts europaweit Verbreitung fanden. Der sogenannte empfindsame Stil, dem Raupach zuzurechnen ist, bezeichnet eine musikalische Strömung der Mitte des 18. Jahrhunderts, die sich vor allem in Norddeutschland â insbesondere in Berlin und Hamburg â entwickelte und einen Ăbergang vom Barock zur Wiener Klassik bildet. Im Gegensatz zur kunstvoll-kontrapunktischen Strenge des SpĂ€tbarock suchte der empfindsame Stil nach einem unmittelbaren Ausdruck innerer Regungen, nach GefĂŒhl, NatĂŒrlichkeit und seelischer Bewegung. Charakteristisch sind plötzliche Dynamik- und Tempowechsel, ĂŒberraschende harmonische Wendungen, eine gesangliche, oft improvisatorisch wirkende Melodik sowie eine freie, rhetorisch geprĂ€gte Formgestaltung, die das individuelle Empfinden des Komponisten in den Mittelpunkt rĂŒckt. Damit steht die musikalische Empfindsamkeit in enger Verbindung zur gleichzeitigen literarischen Bewegung der Empfindsamkeit und kann als deren klangliche Entsprechung gelten. Bei K. 39 stammen die AuĂensĂ€tze aus Raupachs Sonate op. 1 Nr. 1, der Mittelsatz aus einer Sonate von Johann Schobert (um 1735â1767), einem in Paris tĂ€tigen deutschen Komponisten, der fĂŒr seine harmonisch kĂŒhnen, frĂŒhklassischen Klaviersonaten bekannt war und auf den jungen Mozart groĂen Eindruck machte. K. 40 kombiniert mehrere Quellen: Der erste Satz stammt von Honauer (op. 2 Nr. 1), das Andante von Johann Gottfried Eckard (1735â1809), einem in Paris wirkenden deutschen Cembalisten, der zu den ersten Virtuosen seines Fachs zĂ€hlte, und das Finale geht auf Carl Philipp Emanuel Bach (1714â1788) zurĂŒck, den berĂŒhmten Sohn Johann Sebastian Bachs und einen der bedeutendsten Vertreter des empfindsamen Stils in Deutschland, dessen Musik Mozart zeitlebens bewunderte. K. 41 schöpft wiederum aus Sonaten von Honauer (op. 1 Nr. 1) und Raupach (op. 1 Nr. 1). Mozarts Anteil besteht in der konzertierenden Einrichtung: orchestrale Ritornelle, ĂbergĂ€nge, Kadenzen, Anpassungen der Solostimme â nicht jedoch in der Erfindung der Themen. Genau deshalb fĂŒhren die maĂgeblichen Editionen und Kataloge diese vier Werke ausdrĂŒcklich als Bearbeitungen: In der Neuen Mozart-Ausgabe stehen sie in der Werkgruppe âBearbeitungen von Werken verschiedener Komponistenâ, und im Köchel-Verzeichnis wird die Herkunft aus Sonaten von Raupach, Honauer, Schobert, Eckard und C. P. E. Bach vermerkt. Erst mit dem Klavierkonzert in D-Dur K. 175 (1773) beginnt die Reihe originĂ€rer Klavierkonzerte Mozarts; K. 37, 39, 40 und 41 dokumentieren hingegen einen pĂ€dagogisch geprĂ€gten Arbeitsschritt, der die spĂ€tere Meisterschaft vorbereitet und dessen Urheberschaft â thematisch und quellenkritisch â eindeutig bei den genannten Vorlagenkomponisten liegt. Murray Perahia (* 1947) mit English Chamber Orchestra, Mozart, Piano Concertos Nos. 1-4, SONY 1984: https://www.youtube.com/watch?v=kCkdgfjQntA&list=OLAK5uy_ln8sptnEzQXDh3_kcsdlx0_wKgpizqb_g&index=2 Quellen (Auswahl): â Neue Mozart-Ausgabe / Digital Mozart Edition (Einleitungen und Kritischer Bericht zu den âPasticcio-Konzertenâ, NMA V/15). â Köchel-Verzeichnis, 6. Auflage (1964) mit NachtrĂ€gen (1982), EintrĂ€ge zu K. 37â41. â IMSLP-Werkseiten mit detaillierten Quellenangaben zu den vier Konzerten. â Cliff Eisen / Stanley Sadie (Hg.), The New Grove Mozart, London 2002, Artikel Piano Concertos. â Neal Zaslaw, Mozartâs Piano Concertos: Text, Context, Interpretation, Oxford 1989, S. 50â56. â H. C. Robbins Landon, Mozart: The Golden Years 1781â1791, London 1989, Einleitungskapitel zu den FrĂŒhwerken, â KöchelâVerzeichnis: Neuausgabe 2024. Seitenanfang Kein Mozart Giovanni Battista Viotti und das Musikthema der âMarseillaiseâ, der Nationalhymne der Französischen Republik Im Oktober 2013 prĂ€sentierte der italienische Geiger Guido Rimonda (*1969) im Rahmen seiner Gesamteinspielung der Violinkonzerte von Giovanni Battista Viotti (1755â1824) ein bis dahin unbekanntes âTema con variazioniâ in C-Dur fĂŒr Violine und Orchester. Das Manuskript, das sich in Rimondas Besitz befindet, trĂ€gt das Datum â2. MĂ€rz 1781â. Bemerkenswert ist, dass das Hauptthema dieser Komposition in melodischem Verlauf, Rhythmik und Tonstruktur eindeutig mit der spĂ€teren Melodie der âMarseillaiseâ ĂŒbereinstimmt. https://www.youtube.com/watch?v=PtVSQ-e0KNM Claude Joseph Rouget de Lisle (1760â1836), der als Autor des Textes und der Melodie der âMarseillaiseâ gilt, schrieb sein âChant de guerre pour lâarmĂ©e du Rhinâ in der Nacht zum 26. April 1792 in StraĂburg, wĂ€hrend der französischen KriegserklĂ€rung an Ăsterreich im Ersten Koalitionskrieg. Das Lied war dem damaligen Gouverneur und Marschall von Frankreich, Nikolaus Graf Luckner (1722â1794), gewidmet und wurde am 14. Juli 1795 offiziell als Nationalhymne der Französischen Republik anerkannt. Zwischen Viottis datiertem Manuskript von 1781 und der Entstehung der âMarseillaiseâ liegen elf Jahre â ein Zeitraum, der die Frage aufwirft, ob die bekannte Hymne auf ein bereits existierendes musikalisches Motiv zurĂŒckgeht. Viotti, der seit den 1780er Jahren in Paris lebte, hatte dort groĂen Einfluss auf das Musikleben der Stadt und galt als einer der fĂŒhrenden Geiger Europas. Er war eng mit bedeutenden Musikern und Verlegern seiner Zeit verbunden und stand im Mittelpunkt eines regen Austauschs zwischen italienischer und französischer Musiktradition. Zu den wichtigsten Verlegern seiner Werke gehörte Jean-Georges Sieber (1738â1822), ein aus Deutschland stammender Musiker, der sich in Paris als einer der bedeutendsten Musikverleger des spĂ€ten 18. Jahrhunderts etablierte. Sieber verlegte zahlreiche Werke Viottis, darunter die Violinkonzerte Nr. 12 in D-Dur und Nr. 25 in a-Moll. Das Konzert Nr. 12 erschien 1787/88, das Konzert Nr. 25 erst 1795, also nach Viottis Flucht aus Frankreich. Die Beziehung zwischen Viotti und Sieber ist in diesem Zusammenhang von besonderem Interesse. Im Sommer 1792, kurz vor dem Sturz der Monarchie, musste Viotti Paris verlassen und floh nach London. In den Wirren der Revolution blieben seine Manuskripte und VerlagsvertrĂ€ge in Paris zurĂŒck. Jean-Georges Sieber fĂŒhrte sein Unternehmen trotz der politischen UmbrĂŒche weiter und sicherte durch ein weitverzweigtes Netz von Vertretern in europĂ€ischen StĂ€dten wie Wien, Sankt Petersburg, Amsterdam und sogar New Orleans den Fortbestand seiner GeschĂ€fte. Es ist daher denkbar, dass sich unter den unveröffentlichten Manuskripten in Siebers Besitz auch Werke befanden, die Viotti kurz vor seiner Abreise ĂŒbergeben hatte. Da Verlage jener Zeit gelegentlich Material ohne eindeutige Autorennennung verbreiteten, ist nicht auszuschlieĂen, dass einzelne Themen oder Melodien aus diesen Quellen in Umlauf gerieten. Ob Rouget de Lisle Viottis Musik kannte, lĂ€sst sich nicht belegen, doch beide bewegten sich im weiteren Umkreis des Pariser Musiklebens, und Viottis Werke waren in Frankreich weithin bekannt. Die Melodieverwandtschaft zwischen Viottis âTema con variazioniâ und der âMarseillaiseâ ist so auffĂ€llig, dass sie seit dem 19. Jahrhundert immer wieder zu Diskussionen ĂŒber die tatsĂ€chliche Urheberschaft fĂŒhrte. Drei Hauptthesen werden in der Forschung vertreten: Erstens könnte Rouget de Lisle von Viottis Musik beeinflusst worden sein; zweitens könnte es sich um eine zufĂ€llige Ăbereinstimmung handeln, da Ă€hnliche melodische Wendungen in der Musik des spĂ€ten 18. Jahrhunderts hĂ€ufig vorkommen; drittens besteht die Möglichkeit, dass Rouget de Lisle das Thema bewusst ĂŒbernommen hat, was jedoch nie bewiesen werden konnte. Die Verbindung zwischen Viotti und dem Sieber-Verlag verleiht der Frage nach der Herkunft der Hymne ein besonderes Gewicht. Sie öffnet den Blick auf die Praxis des Notenhandels und die Verlagsmechanismen im revolutionĂ€ren Paris, in denen Werke oft ohne klare Autorenzuordnung kursierten. Ob Viottis Melodie bewusst oder zufĂ€llig den Weg in die âMarseillaiseâ fand, bleibt ungewiss. Sicher ist nur, dass die Entdeckung des Manuskripts von 1781 ein faszinierendes Licht auf die Entstehungsgeschichte einer der bekanntesten Melodien Europas wirft â und den italienischen Geiger Viotti unversehens in die Geschichte der französischen Revolution einschreibt. Das gesamte Album der zwei Violinkonzerte heiĂt: Giovanni Battista Viotti Violin Concertos Nos. 12 & 25, Tema E Variazioni Per Violino E Orchestra, Guido Rimonda (* 1969) mit Camerata Ducale, DECCA 2013 https://www.youtube.com/watch?v=M9aOAIk_fH0&list=OLAK5uy_k07ZvaprEValfF8VZZ9ObtMCTG9muSfG4&index=2 Quellen und Literatur â François Lesure: Viotti et la Marseillaise. In: Revue de musicologie, 48e annĂ©e, no 126, 1962, S. 115â123. â Michel Brenet [Marie Bobillier]: Viotti et la musique française de son temps. Paris 1912. â Guido Rimonda (Hrsg.): Viotti: Tema con Variazioni in Do maggiore (1781). Autograph, Sammlung Rimonda, Vercelli. â Jean-Georges Sieber: Catalogue des Ćuvres de musique gravĂ©es et publiĂ©es par J.-G. Sieber, Ă Paris, rue de la Loi, No 1256. Paris 1796. â FĂ©tis, François-Joseph: Biographie universelle des musiciens, Bd. 8, Paris 1860 (Artikel âViottiâ). â Constant Pierre: Les hymnes et chansons de la RĂ©volution française. Paris 1904, besonders Kap. III: âLa Marseillaiseâ. â Alberto Basso (Hg.): Dizionario enciclopedico universale della musica e dei musicisti. Torino: UTET 1983â2005 (Artikel âViottiâ und âMarseillaiseâ). â Marie-Claire Le Moigne-MĂ©ry: Rouget de Lisle et la naissance de la Marseillaise. Strasbourg 1992. â Giuseppe Clerici: Giovanni Battista Viotti: il padre del violinismo moderno. Milano 2005. â Dokumentation des Teatro Verdi di Pordenone: Viotti, 16 aprile â Concerto e documenti originali. Online-PDF, 2021. Seitenanfang Viottis Nationalhymne
- Alessandro Marcello | Alte Musik und Klassik
Alessandro Ignazio Marcello (1673â1747) Alessandro Ignazio Marcello wurde am 1. Februar 1673 in Venedig geboren und starb dort am 19. Juni 1747. Er war venezianischer Patrizier, Komponist, Dichter, Maler und Gelehrter. Als Angehöriger des hohen Adels der Republik Venedig verband er eine politische Laufbahn mit intensiver kĂŒnstlerischer TĂ€tigkeit. Seine musikalischen Werke entstanden nicht im Rahmen einer professionellen Musikerkarriere, sondern als Teil aristokratischer Bildung und ReprĂ€sentation; gleichwohl besitzen sie einen festen Platz in der Geschichte des venezianischen SpĂ€tbarocks. Alessandro entstammte dem alten venezianischen Adelsgeschlecht Marcello (Zweig Ramo della Maddalena). Er war der Ă€lteste Sohn des Senators Agostino Marcello (1646â1741) und von Paolina Cappello (* vor 1650 â â 1726) aus dem Patriziergeschlecht Cappello (Zweig San Lunardo), Tochter von Girolamo Cappello (â 1656). Sein jĂŒngerer Bruder war Benedetto Marcello (1686â1739), spĂ€ter bedeutender Komponist, Jurist und Musikschriftsteller. Marcello erhielt seine Ausbildung in Padua, einem Zentrum humanistischer und juristischer Studien. Ăberliefert ist eine umfassende klassische Bildung. Eine formale musikalische Ausbildung bei einem professionellen Komponisten ist nicht dokumentiert. Die musikalische Unterweisung erfolgte maĂgeblich im familiĂ€ren Umfeld: Agostino Marcello war selbst musikalisch gebildet, spielte Violine und verfasste Verse; beide Elternteile legten groĂen Wert auf die humanistische und kĂŒnstlerische Ausbildung ihrer Kinder. Im Dezember 1690 wurde Alessandro Marcello in den Maggior Consiglio, das höchste politische Organ der Republik Venedig, aufgenommen. Zwischen 1700 und 1701 war er im diplomatischen Dienst der Republik tĂ€tig, unter anderem im Peloponnes und im östlichen Mittelmeerraum. Im weiteren Verlauf seines Lebens bekleidete er zahlreiche staatliche Ămter, darunter Mitgliedschaften im Consiglio dei Quaranta und in der Signoria. Belegt ist zudem seine TĂ€tigkeit als Richter jener Behörde, die fĂŒr die Regulierung der venezianischen Wasserwege zustĂ€ndig war â ein zentrales Verwaltungs- und Technikfeld der Lagunenstadt. Parallel zu seiner politischen Laufbahn entfaltete Marcello eine breite kulturelle TĂ€tigkeit. Er veröffentlichte acht BĂŒcher lateinischer Distichen, die 1719 unter dem Titel Ozii giovanili erschienen. Als Maler schuf er Fresken in den Familienresidenzen in Venedig und Stra sowie in der Kirche San Marcuola. DarĂŒber hinaus beschĂ€ftigte er sich mit Philosophie, Mathematik und Mechanik. Belegt ist auch seine TĂ€tigkeit als Sammler von Musikinstrumenten, die er in einer eigenen Galerie prĂ€sentierte. Marcello war Mitglied mehrerer gelehrter Akademien, darunter der Accademia della Crusca und der Accademia degli Animosi. Unter dem arkadischen Namen Eterio Stinfalico war er Mitglied der Pontificia Accademia degli Arcadi. Dieses Pseudonym verwendete er auch bei der Veröffentlichung eines Teils seiner vokalen Werke, insbesondere seiner Kantaten. In seinem Haus in Venedig veranstaltete Marcello regelmĂ€Ăig private Konzerte. Obwohl er kein Berufsmusiker war, lieĂ er mehrere Werke im Druck erscheinen, darunter Instrumentalkonzerte, Sonaten und Kantaten. Sein kompositorischer Stil steht fest in der Tradition des venezianischen SpĂ€tbarocks: klare formale Anlage, prĂ€gnante Solopartien und ein kontrollierter Einsatz kontrapunktischer Mittel. Eine stilistische NĂ€he zu Antonio Vivaldi (1678â1741) ist erkennbar, eine persönliche Zusammenarbeit jedoch nicht belegt. Besondere Bedeutung besitzt die Sammlung La Cetra, die um 1738 in Augsburg erschien und sechs Instrumentalkonzerte umfasst. Diese Werke gelten als spĂ€te, konzentrierte AusprĂ€gung des venezianischen Barockkonzerts. Das Grove Music Dictionary hebt ihre formale Knappheit, die sorgfĂ€ltige Ausarbeitung der Solopartien und den bewussten Umgang mit kontrapunktischen Techniken hervor. Marcello komponierte zudem Kantaten unter dem Namen Eterio Stinfalico. Hinweise deuten darauf hin, dass diese Werke möglicherweise in Rom aufgefĂŒhrt wurden, wo er zeitweise im Umfeld der Familie Borghese (römisches Adelsgeschlecht) verkehrte. Ăberliefert ist, dass sie von fĂŒhrenden SĂ€ngern der Epoche interpretiert wurden, darunter Farinelli (1705â1782) und Faustina Bordoni (1697â1781). Sein bekanntestes Werk ist das Konzert d-Moll fĂŒr Oboe, Streicher und Basso continuo, das um 1717 in Amsterdam im Druck erschien. Dieses Konzert wurde von Johann Sebastian Bach (1685â1750) fĂŒr Cembalo solo transkribiert (BWV 974) und erlangte dadurch weite Verbreitung. Der langsame Satz (Adagio) erhielt im 20. Jahrhundert zusĂ€tzliche Bekanntheit durch seine Verwendung in Filmmusiken, insbesondere in Anonimo veneziano (1970); diese Rezeption ist historisch sekundĂ€r, belegt jedoch die anhaltende Wirkung des Werkes. In seinen letzten Lebensjahren zog sich Alessandro Marcello zunehmend aus dem öffentlichen Leben zurĂŒck. Nach Jahrzehnten politischer TĂ€tigkeit und kultureller PrĂ€senz widmete er sich verstĂ€rkt der geistlichen Lyrik, ein Umstand, der auf einen bewusst kontemplativen Lebensausklang schlieĂen lĂ€sst. Marcello verstarb am 19. Juni 1747 und erreichte mit 74 Jahren ein fĂŒr seine Zeit bemerkenswert hohes Alter. Ăbereinstimmende Hinweise deuten darauf hin, dass er seine letzten Jahre auf einem Familiengut in der NĂ€he von Padua verbrachte. Als möglicher Bestattungsort wird in der Ăberlieferung hĂ€ufig Paviola genannt, gelegentlich konkretisiert durch den Hinweis auf die zum Familienbesitz gehörende Villa Giusti; eine eindeutige archivalische BestĂ€tigung hierfĂŒr liegt jedoch nicht vor. Sein Lebensende fĂŒgt sich damit in das Bild eines venezianischen Patriziers, der sich nach einem aktiven öffentlichen Wirken in die private, geistige SphĂ€re zurĂŒckzog. Die Werke Alessandro Marcellos sind im kritischen Werkverzeichnis von der US-amerikanischen Musikwissenschaftlerin Eleanor Selfridge-Field (* 1940) erfasst und mit der Sigle S katalogisiert. Mehrere Kompositionen gelten als verloren, darunter BĂŒhnen- und Kammermusik. Das erhaltene Ćuvre ist ĂŒberschaubar, jedoch stilistisch geschlossen und dokumentiert exemplarisch die musikalische Kultur des venezianischen Patriziats im frĂŒhen 18. Jahrhundert. Werkverzeichnis der Kompositionen von Alessandro Marcello nach dem kritischen Katalog von Eleanor Selfridge-Field I. Instrumentalkonzerte (erhalten) Konzert fĂŒr Oboe, Streicher und Basso continuo in d-Moll, S.D935 Erstdruck: Amsterdam, Jeanne Roger (tĂ€tig 1701â1722), 1717. FrĂŒher fĂ€lschlich Benedetto Marcello (1686â1739) zugeschrieben. Bearbeitet von Johann Sebastian Bach (1685â1750) als BWV 974. La Cetra â Sammlung von sechs Konzerten (Augsburg, um 1738): Concerto Nr. 1 in D-Dur, S.D936 Concerto Nr. 2 in E-Dur, S.D938 Concerto Nr. 3 in h-Moll, S.D937 Concerto Nr. 4 in e-Moll, S.D939 Concerto Nr. 5 in B-Dur, S.D944 Concerto Nr. 6 in G-Dur, S.D941 Concerto in G-Dur fĂŒr sieben Blockflöten, Streicher und Basso continuo, S.D945 Concerto fĂŒr zwei Oboen in F-Dur, S.D940 Concerto fĂŒr zwei Oboen in A-Dur, S.D942 Concerto fĂŒr Cembalo, doppelte Streicherbesetzung und Basso continuo, S.D934 II. Kammermusik 12 Sonaten fĂŒr Violine und Basso continuo, veröffentlicht 1738 unter dem arkadischen Pseudonym Eterio Stinfalico: Sonate Nr. 1 in c-Moll, S.C919 Sonate Nr. 2 in D-Dur, S.D920 Sonate Nr. 3 in Es-Dur, S.D921 Sonate Nr. 4 in E-Dur, S.D922 Sonate Nr. 5 in e-Moll, S.D923 Sonate Nr. 6 in F-Dur, S.D924 Sonate Nr. 7 in g-Moll, S.D925 Sonate Nr. 8 in A-Dur, S.D926 Sonate Nr. 9 in A-Dur, S.D927 Sonate Nr. 10 in a-Moll, S.D928 Sonate Nr. 11 in B-Dur, S.D929 Sonate Nr. 12 in h-Moll, S.D930 III. Vokalwerke 12 Cantate di Eterio Stinfalico, erschienen 1708 bei Antonio Bortoli (um 1691â1744) in Venedig. Die Kantaten sind im Werkverzeichnis von Selfridge-Field einzeln katalogisiert und alphabetisch nach ihren TextanfĂ€ngen (Incipits) geordnet. Zu den bekanntesten einzeln identifizierten Kantaten dieser Sammlung gehören: Arder dâamore e non poterlo, fĂŒr Sopran und Basso continuo, S.A901 In questo ameno e solitario, fĂŒr Sopran und Basso continuo, S.I909 Infra notturni orrori (Serenata ad Irene), fĂŒr Sopran und Basso continuo, S.I910 Questâumile capanna, fĂŒr Sopran und Basso continuo, S.Q913 Riposo di Clori (Sotto lâombra), fĂŒr Sopran und Basso continuo, S.S915 Veggio la bionda Dori, fĂŒr Sopran und Basso continuo, S.V918 IV. Verlorene Werke (nach Selfridge-Field) Im kritischen Werkverzeichnis von Alessandro Marcello sind neben den erhaltenen Kompositionen auch mehrere heute nicht mehr ĂŒberlieferte Werke verzeichnet. Ihre Existenz ist quellenmĂ€Ăig belegt, musikalische Materialien haben sich jedoch nicht erhalten: Gli amanti fedeli, Pastorale (BĂŒhnenwerk), verloren. Zwei Sonaten fĂŒr zwei Violoncelli und Basso continuo, verloren. Sonate fĂŒr Oboe und Basso continuo, verloren. Diese Werke sind im Katalog erfasst, jedoch nicht musikalisch rekonstruierbar und daher ausschlieĂlich als verloren bezeugte Kompositionen zu fĂŒhren. Hinweis zur Systematik der S-Nummern Die S-Nummern stammen aus dem Werkverzeichnis der US-amerikanischen Musikwissenschaftlerin Eleanor Selfridge-Field (* 1940) und sind in ihrem Buch Venetian Instrumental Music from Gabrieli to Vivaldi (Oxford University Press, Oxford 1994) dokumentiert. Das S. steht dabei schlicht fĂŒr ihren Namen. Der Buchstabe nach dem Punkt (z. B. S.D, S.C, S.A) gibt nicht die Tonart, sondern die Art der Ăberlieferung an: S.D = DruckĂŒberlieferung Das Werk ist in einem zeitgenössischen oder frĂŒhen Druck erschienen (z. B. Konzerte oder Sonaten, die im 18. Jahrhundert publiziert wurden). S.C = keine bekannte DruckĂŒberlieferung Das Werk ist nicht im Druck erschienen, sondern nur handschriftlich oder aus anderen Quellen ĂŒberliefert. S.A = alphabetische Katalogisierung nach dem Textanfang (Incipit) Diese Kennzeichnung betrifft vor allem Vokalwerke. Die Einordnung erfolgt nach dem Anfangsbuchstaben des Textes, nicht nach Gattung oder Erscheinungsjahr. Konzert fĂŒr Oboe, Streicher und Basso continuo in d-Moll, S.D935 Das Konzert fĂŒr Oboe, Streicher und Basso continuo in d-Moll nimmt innerhalb von Marcellos Ćuvres eine Sonderstellung ein. Es ist nicht nur sein bekanntestes Werk, sondern zugleich eines der frĂŒhesten und eindrucksvollsten Beispiele fĂŒr die eigenstĂ€ndige Behandlung der Oboe als Soloinstrument im venezianischen Konzert der ersten HĂ€lfte des 18. Jahrhunderts. Der Erstdruck erschien 1717 in Amsterdam bei Jeanne Roger (tĂ€tig 1701â1722) als Teil der Sammlung 12 Concerti a Cinque und machte das Werk frĂŒh ĂŒber Italien hinaus bekannt. Das Konzert folgt der klassischen dreisĂ€tzigen Anlage (Allegro â Adagio â Allegro), doch ist die Gewichtung der SĂ€tze ungewöhnlich. WĂ€hrend die beiden schnellen RahmensĂ€tze von klarer formaler Disposition und prĂ€gnanter motivischer Arbeit geprĂ€gt sind, steht das Werk bis heute vor allem wegen seines langsamen Mittelsatzes im Zentrum der Rezeption. Dieses Adagio entfaltet ĂŒber einem ruhigen, gleichmĂ€Ăig schreitenden Bass eine weitgespannte, kantable Oboenlinie von auĂergewöhnlicher Ausdrucksdichte. Die Melodie wirkt dabei weniger virtuos als vielmehr gesanglich, beinahe introspektiv, und entfaltet ihre Wirkung durch kontrollierte Spannung, schlichte Ornamentik und eine bewusst reduzierte Harmonik. Stilistisch verbindet Marcello hier venezianische Konzerttradition mit einem ausgeprĂ€gten Sinn fĂŒr Formökonomie und innere Balance. Im Gegensatz zu zeitgenössischen, stĂ€rker effektorientierten Konzerten verzichtet er auf ausgedehnte Ritornellstrukturen oder demonstrative VirtuositĂ€t. Die Oboe ist nicht als brillantes GegenĂŒber des Orchesters gedacht, sondern als tragende Stimme, die in einen dialogischen, oft kammermusikalisch wirkenden Zusammenhang eingebettet ist. Gerade diese ZurĂŒckhaltung verleiht dem Werk seine zeitlose Wirkung. Die besondere Bedeutung des Konzerts zeigt sich auch in seiner Rezeptionsgeschichte. Johann Sebastian Bach bearbeitete das Werk als Cembalokonzert BWV 974 und trug damit wesentlich zu seiner weiteren Verbreitung bei. Die lange Zeit verbreitete Zuschreibung an Benedetto Marcello ist heute quellenkritisch widerlegt; das Konzert gilt eindeutig als Werk Alessandro Marcellos und ist im Werkverzeichnis von Eleanor Selfridge-Field unter der Nummer S.D935 erfasst. Insgesamt steht dieses Oboenkonzert exemplarisch fĂŒr Marcellos kompositorisches Profil: eine Musik von klarer Struktur, kontrollierter Ausdruckskraft und groĂer innerer Geschlossenheit, die weniger auf Ă€uĂeren Effekt als auf nachhaltige musikalische Wirkung zielt. Gerade darin liegt die anhaltende Faszination dieses Werkes, das bis heute zu den zentralen StĂŒcken des barocken Oboenrepertoires zĂ€hlt. https://www.youtube.com/watch?v=zTYYdKGGUMw I. Satz â Allegro (Andante e spiccato) Der eröffnende Satz ist klar ritornellartig angelegt, verzichtet jedoch auf ausgedehnte Tutti-Passagen zugunsten einer konzentrierten thematischen Arbeit. Die Oboe tritt frĂŒh als eigenstĂ€ndige, tragende Stimme hervor und entfaltet ihr Material weniger durch VirtuositĂ€t als durch kantable Linien und prĂ€zise motivische Verdichtung. Der Satz wirkt dadurch geschlossen und ausgewogen, mit einer bewusst kontrollierten Dramaturgie. II. Satz â Adagio Das Adagio bildet den expressiven Kern des Konzerts. Ăber einem gleichmĂ€Ăig schreitenden Basso continuo entfaltet die Oboe eine weit gespannte, gesangliche Melodie von groĂer innerer Ruhe und melancholischer IntensitĂ€t. Die sparsame Harmonik und der Verzicht auf Ă€uĂerliche Effekte verleihen dem Satz eine beinahe zeitlose Eindringlichkeit. III. Satz â Allegro (Presto) Der Schlusssatz greift den dialogischen Charakter des Konzerts erneut auf und fĂŒhrt ihn zu einer lebhaften, aber nie ĂŒbersteigerten Schlusswirkung. Rhythmische PrĂ€gnanz und klare Periodik bestimmen den Verlauf, wĂ€hrend die Oboe in enger Verzahnung mit dem Orchester agiert. Auch hier bleibt Marcello einer Ă€sthetischen Haltung treu, die Eleganz und MaĂ ĂŒber demonstrative Brillanz stellt. CD- Vorschlag Alessandro Marcello, 6 Concertos "La Cetra" (and) Concerto in D Minor for Oboe and Strings, Insieme Strumentale di Roma, Leitung Giorgio Sasso, Oboe Andrea Mion, Brilliant Classics, 2014, Tracks 1 bis 3 der CD: https://www.youtube.com/watch?v=85NAG7za8dA&list=OLAK5uy_lihTWvXNiZSQZDJXCzTrEN08qlhJg5no8&index=1 Seitenanfang Konzert fĂŒr Oboe... in d-Moll, S.D935 La Cetra â Sammlung von sechs Konzerten (Augsburg, um 1738) Die unter dem Titel La Cetra erschienene Sammlung von sechs Konzerten stellt einen zentralen Beitrag Marcellos zur europĂ€ischen Instrumentalmusik des frĂŒhen 18. Jahrhunderts dar. Der Druck erschien um 1738 in Augsburg und richtet sich damit bewusst an einen mitteleuropĂ€ischen, nicht mehr ausschlieĂlich venezianischen Adressatenkreis. Schon diese Wahl des Erscheinungsortes verweist auf die weite Verbreitung und WertschĂ€tzung italienischer Konzertkunst nördlich der Alpen. Der Titel La Cetra â die antike Leier als Symbol edler, ausgewogener Musik â ist dabei programmatisch zu verstehen: Nicht VirtuositĂ€t um ihrer selbst willen, sondern MaĂ, Klarheit und affektive Durchdringung stehen im Zentrum. Der Titel La Cetra bedeutet wörtlich âDie Zitherâ bzw. genauer die antike Leier (griechisch kithĂĄra, lateinisch cithara). Gemeint ist nicht ein konkretes Instrument im barocken Sinn, sondern ein hoch aufgeladenes Symbol. In der Musik- und Literaturtradition der Antike wie auch der FrĂŒhen Neuzeit steht die Cetra fĂŒr: harmonische Ordnung, maĂvolle, edle Musik, Verbindung von Kunst, Geist und Affekt, poetische und moralische AutoritĂ€t der Musik. Die Leier ist das Instrument des Apolls, des Gottes der Musik, des MaĂes und der Klarheit â im Gegensatz zu dionysischer, entfesselter Ekstase. Wer seine Musik La Cetra nennt, erhebt also einen Ă€sthetischen Anspruch: Musik soll bewegen, aber beherrscht bleiben; sie soll glĂ€nzen, aber nicht blenden. Die sechs Konzerte sind als Concerti a cinque konzipiert, mit Solovioline, zwei Violinen ripieno, Viola und Basso continuo. Formal folgen sie dem etablierten dreisĂ€tzigen Schema schnellâlangsamâschnell, doch innerhalb dieses Rahmens entfaltet Marcello eine bemerkenswerte Vielfalt an Charakteren, Tonarten und Affekten. Der Solopart ist anspruchsvoll, jedoch stets in das GesamtgefĂŒge eingebunden; dialogische Passagen zwischen Solo und Tutti ĂŒberwiegen gegenĂŒber bloĂer Selbstdarstellung. Stilistisch bewegen sich die Werke zwischen venezianischer Konzerttradition im Umfeld Antonio Vivaldis (1678â1741) und einer stĂ€rker konturierten, teilweise bereits galanten KantabilitĂ€t, wie sie im deutschsprachigen Raum besonders geschĂ€tzt wurde. https://www.youtube.com/watch?v=Tm1VFimhi60 Das Concerto Nr. 1 in D-Dur, S.D936, eröffnet den Zyklus mit reprĂ€sentativem Glanz. Die Tonart D-Dur, traditionell mit Festlichkeit und Strahlkraft verbunden, bestimmt den Charakter des gesamten Konzerts. Der Kopfsatz zeichnet sich durch klar gegliederte Ritornellform und markante Unisono-Passagen aus, in denen das Tutti eine stabile architektonische Grundlage schafft. Der Solist entwickelt darĂŒber elegante Figurationen, die weniger auf extreme VirtuositĂ€t als auf rhythmische PrĂ€gnanz und motivische Geschlossenheit zielen. Der langsame Mittelsatz steht in bewusstem Kontrast: lyrisch, gesanglich und von einer fast kammermusikalischen IntimitĂ€t geprĂ€gt, wobei die Solovioline mit langen, atmenden Linien ĂŒber einem zurĂŒckgenommenen Continuo schwebt. Das Finale greift den festlichen Grundton wieder auf, verbindet tĂ€nzerische Energie mit klarer formaler Balance und schlieĂt das Konzert mit souverĂ€ner Leichtigkeit. https://www.youtube.com/watch?v=_Thf7t9ORFU&list=OLAK5uy_lihTWvXNiZSQZDJXCzTrEN08qlhJg5no8&index=4 + https://www.youtube.com/watch?v=tQPRvOKn6sI&list=OLAK5uy_lihTWvXNiZSQZDJXCzTrEN08qlhJg5no8&index=5 + https://www.youtube.com/watch?v=515GXlkcODM&list=OLAK5uy_lihTWvXNiZSQZDJXCzTrEN08qlhJg5no8&index=6 Das Concerto Nr. 2 in E-Dur, S.D938, nimmt innerhalb der Sammlung eine Sonderstellung ein, da die Tonart E-Dur im Barock vergleichsweise selten verwendet wurde und besondere klangliche Anforderungen stellt. Marcello nutzt diese Farbe gezielt, um eine helle, beinahe schwebende Klangwelt zu erzeugen. Der erste Satz ist von flieĂender Bewegung und transparenter Textur geprĂ€gt; die Solovioline integriert sich organisch in das Tutti, ohne scharfe Kontraste zu suchen. Der langsame Satz entfaltet eine sanfte, fast pastorale Stimmung, wobei harmonische Feinheiten und subtile Dissonanzen fĂŒr emotionale Tiefe sorgen. Im Schlusssatz kehrt eine lebhafte Motorik zurĂŒck, die weniger durch Dramatik als durch elegante Beweglichkeit besticht und dem Konzert einen heiteren, lichtdurchfluteten Abschluss verleiht. https://www.youtube.com/watch?v=hx_Na68onkI&list=OLAK5uy_lihTWvXNiZSQZDJXCzTrEN08qlhJg5no8&index=7 + https://www.youtube.com/watch?v=6FLuCW9jwKA&list=OLAK5uy_lihTWvXNiZSQZDJXCzTrEN08qlhJg5no8&index=8 + https://www.youtube.com/watch?v=QQ5pqFMtapY&list=OLAK5uy_lihTWvXNiZSQZDJXCzTrEN08qlhJg5no8&index=9 Mit dem Concerto Nr. 3 in h-Moll, S.D937, wendet sich Marcello einem deutlich ernsteren Affektbereich zu. Die Molltonart verleiht dem Werk eine nach innen gerichtete, stellenweise melancholische Grundhaltung. Bereits der Kopfsatz ist stĂ€rker kontrapunktisch gearbeitet als in den vorhergehenden Konzerten; das Wechselspiel zwischen Solo und Tutti wirkt hier gespannter, rhetorischer. Der langsame Satz bildet das emotionale Zentrum des Konzerts: eine klagende, ausdrucksstarke Sololinie entfaltet sich ĂŒber einem ruhigen, harmonisch dichten Fundament. Hier zeigt sich Marcellos besondere Begabung fĂŒr gesangliche Melodik und affektive Verdichtung. Das Finale löst die Spannung nicht vollstĂ€ndig auf, sondern behĂ€lt eine gewisse Ernsthaftigkeit bei â ein bewusster Verzicht auf oberflĂ€chliche Brillanz zugunsten innerer Geschlossenheit. https://www.youtube.com/watch?v=ZX3pv1Niuwc&list=OLAK5uy_lihTWvXNiZSQZDJXCzTrEN08qlhJg5no8&index=10 + https://www.youtube.com/watch?v=JjHP2uYJ6fg&list=OLAK5uy_lihTWvXNiZSQZDJXCzTrEN08qlhJg5no8&index=11 + https://www.youtube.com/watch?v=k6NvdPUdey4&list=OLAK5uy_lihTWvXNiZSQZDJXCzTrEN08qlhJg5no8&index=12 Das Concerto Nr. 4 in e-Moll, S.D939, steht dem vorhergehenden Werk im Ausdruck nahe, wirkt jedoch bewegter und dramatischer. Der erste Satz ist von energischen Gesten und deutlichen Kontrasten geprĂ€gt; die Solovioline tritt hier selbstbewusster hervor, ohne jedoch den Rahmen des Ensembleklangs zu sprengen. Im langsamen Satz erreicht Marcello eine besonders eindringliche Klanglichkeit: reduzierte Begleitung, expressive LinienfĂŒhrung und eine harmonische Sprache, die den Affekt der Klage mit nobler ZurĂŒckhaltung verbindet. Der Schlusssatz bringt rhythmische SchĂ€rfe und tĂ€nzerische Elemente ins Spiel, bleibt jedoch im Grundton ernst und spannungsvoll. https://www.youtube.com/watch?v=OjVRXi-S_vk&list=OLAK5uy_lihTWvXNiZSQZDJXCzTrEN08qlhJg5no8&index=13 + https://www.youtube.com/watch?v=_RotCS9WYs0&list=OLAK5uy_lihTWvXNiZSQZDJXCzTrEN08qlhJg5no8&index=14 + https://www.youtube.com/watch?v=OsQ8slx-BC4&list=OLAK5uy_lihTWvXNiZSQZDJXCzTrEN08qlhJg5no8&index=15 Das Concerto Nr. 5 in B-Dur, S.D 944, bildet einen bewussten Gegenpol zu den beiden Mollkonzerten. B-Dur steht hier fĂŒr WĂ€rme, Gelassenheit und eine gewisse pastorale Ruhe. Der Kopfsatz entfaltet sich in groĂzĂŒgigen Phrasen, mit klarer thematischer Arbeit und ausgewogenem VerhĂ€ltnis zwischen Solo und Tutti. Der langsame Satz zeichnet sich durch eine schlichte, beinahe liedhafte Melodik aus, die durch ihre ZurĂŒckhaltung ĂŒberzeugt. Im Finalsatz verbindet Marcello tĂ€nzerische Leichtigkeit mit formaler Klarheit; das Ergebnis ist ein Konzert von unaufdringlichem Charme und harmonischer Geschlossenheit. https://www.youtube.com/watch?v=UrmEDtl_h2s&list=OLAK5uy_lihTWvXNiZSQZDJXCzTrEN08qlhJg5no8&index=16 + https://www.youtube.com/watch?v=TfiKEr-8XiU&list=OLAK5uy_lihTWvXNiZSQZDJXCzTrEN08qlhJg5no8&index=17 + https://www.youtube.com/watch?v=8uswRQU0fXM&list=OLAK5uy_lihTWvXNiZSQZDJXCzTrEN08qlhJg5no8&index=18 Den Abschluss der Sammlung bildet das Concerto Nr. 6 in G-Dur, S.D941, das noch einmal die reprĂ€sentative Seite der Sammlung betont. Der erste Satz wirkt offen und kommunikativ, mit deutlichen Ritornellstrukturen und einer Solostimme, die vor allem durch elegante Beweglichkeit glĂ€nzt. Der langsame Satz ist von ruhiger Kontemplation geprĂ€gt und erinnert in seiner Schlichtheit an vokale Vorbilder. Das Finale schlieĂlich verbindet Schwung, tĂ€nzerischen Impuls und formale Klarheit zu einem souverĂ€nen Abschluss des Zyklus. https://www.youtube.com/watch?v=aY_CRRaG2uI&list=OLAK5uy_lihTWvXNiZSQZDJXCzTrEN08qlhJg5no8&index=19 + https://www.youtube.com/watch?v=e3K7q8tzAug&list=OLAK5uy_lihTWvXNiZSQZDJXCzTrEN08qlhJg5no8&index=20 + https://www.youtube.com/watch?v=ugg0vz56mDA&list=OLAK5uy_lihTWvXNiZSQZDJXCzTrEN08qlhJg5no8&index=21 Insgesamt zeigt La Cetra Alessandro Marcello auf dem Höhepunkt seines kompositorischen Könnens. Die Sammlung vereint venezianische Tradition, melodische Erfindungskraft und formale Disziplin zu einer Musik, die weniger auf spektakulĂ€re Effekte als auf dauerhafte Ăberzeugungskraft zielt. Gerade diese Verbindung von Eleganz, Ausdruck und struktureller Klarheit erklĂ€rt, warum La Cetra im deutschsprachigen Raum des 18. Jahrhunderts besondere Resonanz fand und bis heute als eines der geschlossensten und reprĂ€sentativsten Werke Marcellos gilt. CD-Vorschlag Alessandro Marcello; 6 Concertos "La Cetra", Insieme Strumentale di Roma, Leitung Giorgio Sasso, Brilliant Classics, 2014, Treacks 4 bis 21: https://www.youtube.com/watch?v=_Thf7t9ORFU&list=OLAK5uy_lihTWvXNiZSQZDJXCzTrEN08qlhJg5no8&index=4 Seitenanfang La Cetra â Sammlung Concerto in G-Dur, S.D945 Das Concerto in G-Dur fĂŒr sieben Blockflöten, Streicher und Basso continuo, S.D945, gehört zu den ungewöhnlichsten und klanglich reizvollsten Instrumentalwerken Marcellos. Es steht exemplarisch fĂŒr jene Seite seines Schaffens, die jenseits des berĂŒhmten Oboenkonzerts d-Moll liegt und den experimentierfreudigen, farbenbewussten Instrumentalkomponisten erkennen lĂ€sst. Die Besetzung ist bemerkenswert: Sieben Blockflöten bilden einen eigenstĂ€ndigen Solistenverband, meist in differenzierter Lage von Sopran- bis Bassinstrumenten, dem ein Streicherensemble und der Basso continuo gegenĂŒberstehen. Anders als im klassischen Solokonzert mit einem einzelnen Virtuosen entsteht hier ein konzertierender Dialog zwischen einem vielstimmigen, kammermusikalisch verflochtenen BlĂ€serchor und dem orchestralen Fundament. Marcello nutzt diese Konstellation nicht zur bloĂen KlangfĂŒlle, sondern zu feinsinnig abgestuften Wechselwirkungen zwischen homophonen Blockakkorden, imitatorischen EinsĂ€tzen und solistisch hervortretenden Linien einzelner Flöten. Siehe auch: https://imslp.org/wiki/Concerto_for_7_Recorders_in_G_major%2C_S.D945_(Marcello%2C_Alessandro) Formal folgt das Werk dem im frĂŒhen 18. Jahrhundert etablierten dreisĂ€tzigen Concerto-Modell mit einem ruhigen Eröffnungssatz (Andante), einem bewegteren Mittelsatz (Allegro) und einem raschen, tĂ€nzerisch geprĂ€gten Schlusssatz (Presto). Innerhalb dieser klaren Anlage zeigt Marcello groĂe SensibilitĂ€t fĂŒr Proportion und Klangbalance: Die langsamen Passagen leben von der warmen, fast vokalen Verschmelzung der Blockflöten, wĂ€hrend die schnellen SĂ€tze durch lebendige Rhythmik, kurze Motivwechsel und konzertierende Kontraste geprĂ€gt sind, ohne je in bloĂe VirtuositĂ€t um ihrer selbst willen abzugleiten. https://www.youtube.com/watch?v=OgiDJoY531E Stilistisch bewegt sich das Konzert zwischen venezianischer Mehrchörigkeit und der konzertanten Schreibweise des Hochbarock. Die sieben Blockflöten erinnern in ihrer Gruppierung an vokale PolychoralitĂ€t, werden jedoch instrumental gedacht und idiomatisch gefĂŒhrt. Gerade diese Verbindung aus klanglicher Raffinesse, formaler Klarheit und ungewöhnlicher Besetzung macht das Concerto S. D945 zu einem singulĂ€ren Werk innerhalb von Marcellos Ćuvre. Dass Alessandro Marcello viele seiner Kompositionen unter dem arkadischen Pseudonym Eterio Stinfalico veröffentlichte, verweist auf seinen aristokratischen Hintergrund und sein SelbstverstĂ€ndnis als gelehrter Dilettant im besten Sinne. Das Concerto in G-Dur fĂŒr sieben Blockflöten ist ein besonders eindrucksvolles Zeugnis dieser Haltung: kein EffektstĂŒck fĂŒr den schnellen Applaus, sondern ein subtil gearbeiteter Klangentwurf, der die Blockflöte als ernstzunehmendes Ensembleinstrument von auĂergewöhnlicher Ausdruckskraft prĂ€sentiert. CD-Vorschlag Concerti di Flauti, Telemann, Heinichen, Marcello, Amsterdam Loeki Stardust Quartet, Academy of Ancient Music, Leitung Christopher Hogwood (1941â2014), Decca Music Group Limited, 1994, Tracks 13 bis 15: https://www.youtube.com/watch?v=L--kQJ03CsM&list=OLAK5uy_lm-iuWIQ8Jri9nGXgl4GNbLJPw2c7bnpw&index=13 Seitenanfang Concerto in G-Dur, S.D945 Concerto fĂŒr zwei Oboen in F-Dur, S.D940 Das Concerto fĂŒr zwei Oboen in F-Dur, S.D940 von Alessandro Marcello gehört zu den charakteristischen Beispielen venezianischer Konzertkunst des frĂŒhen 18. Jahrhunderts. Besetzt ist das Werk mit zwei Solo-Oboen, Streichorchester und Basso continuo â eine Kombination, die dem Komponisten erlaubt, sowohl die klangliche Eigenart der Oboe als auch ihre dialogischen Möglichkeiten in besonderer Weise zur Geltung zu bringen. Das Konzert folgt der klassischen dreisĂ€tzigen Form des barocken Instrumentalkonzerts. Die Satzfolge entspricht dem etablierten Modell einer schnellen Einleitung, eines langsamen, kantablen Mittelsatzes und eines abschlieĂenden Satzes in wieder bewegterem Tempo. Die genauen Satzbezeichnungen variieren in den ĂŒberlieferten Quellen und modernen Editionen; insbesondere der dritte Satz wird hĂ€ufig als Andante gefĂŒhrt, was auf einen gemĂ€Ăigten, flieĂenden Charakter hindeutet und weniger auf virtuose Brillanz als auf rhythmische Klarheit und formale Geschlossenheit zielt (AllegroâLarghettoâAndante ma non presto). https://www.youtube.com/watch?v=ouIfcfN2sgQ#:~:text=%E0%B9%80%E0%B8%AE%20%E0%B9%80%E0%B8%AE%20Oh%20%E0%B9%80%E0%B8%AE%20%E0%B9%80%20%E0%B9%80%E0%B8%AE%20%E0%B9%80%E0%B8%AE%20%E0%B9%80%E0%B8%AE%20%E0%B9%80%E0%B8%AE%20%E0%B9%80%E0%B8%AE. Stilistisch ist das Werk deutlich in der venezianischen Tradition verankert. Im Zentrum steht der kunstvoll gefĂŒhrte Dialog der beiden Oboen, die einander thematisch antworten, Motive ĂŒbernehmen und variieren, ohne dabei in bloĂe ParallelfĂŒhrung zu verfallen. Marcello gestaltet diesen Zwiegesang mit groĂer Ausgewogenheit: Die Soloinstrumente treten sowohl gemeinsam als auch einander gegenĂŒber auf, wobei ihr Zusammenspiel stets klar strukturiert und transparent bleibt. Das Streichorchester und der Basso continuo ĂŒbernehmen dabei nicht nur eine begleitende Funktion, sondern rahmen die Solopassagen durch prĂ€gnante Tutti-EinsĂ€tze und sorgen fĂŒr harmonische StabilitĂ€t sowie formale Gliederung. Die Wahl der Tonart F-Dur verleiht dem Konzert einen warmen, hellen Grundcharakter, der der Oboe besonders entgegenkommt. Die melodische LinienfĂŒhrung ist von kantabler Eleganz geprĂ€gt, wĂ€hrend die rhythmische Gestaltung lebendig, aber nie ĂŒbersteigert wirkt. VirtuositĂ€t erscheint nicht als Selbstzweck, sondern ist stets in den Dienst des musikalischen Ausdrucks gestellt â ein Merkmal, das Marcellos Konzerte insgesamt kennzeichnet. Das Concerto fĂŒr zwei Oboen in F-Dur gehört zu den weniger bekannten, jedoch Ă€uĂerst reizvollen Werken Alessandro Marcellos. Es zeigt ihn als feinsinnigen Gestalter dialogischer Konzertformen und erweitert das Repertoire fĂŒr zwei Oboen um ein Werk, das durch stilistische Klarheit, ausgewogene Form und klangliche Raffinesse ĂŒberzeugt. Gerade im Zusammenspiel historischer Instrumente entfaltet dieses Konzert seinen besonderen Reiz und belegt eindrucksvoll die Bedeutung Marcellos innerhalb der venezianischen Instrumentalmusik seiner Zeit. Die Bezeichnung âCodex Marciano â Concerto XVIâ verweist auf die handschriftliche Ăberlieferung des Werks in einem Sammelmanuskript der Biblioteca Nazionale Marciana in Venedig. Das Concerto ist dort in der Sammlung Fondo Latino, Abteilung IV, unter der Signatur 573 ĂŒberliefert. Der Codex Marciano ist keine vom Komponisten autorisierte Druckausgabe, sondern ein archivalisches Quellenkonvolut, das mehrere Instrumentalkonzerte aus dem venezianischen Umfeld des frĂŒhen 18. Jahrhunderts enthĂ€lt. Die römische Ziffer XVI bezeichnet dabei schlicht die interne Ordnungsnummer innerhalb dieses Manuskripts und hat keinen werkgeschichtlichen oder programmatischen Bedeutungsgehalt. Sie dient ausschlieĂlich der Identifikation des einzelnen Konzerts innerhalb der Handschrift und belegt, dass das Concerto fĂŒr zwei Oboen in F-Dur bereits frĂŒh in einer systematisch angelegten Sammlung venezianischer Konzertwerke tradiert wurde. CD-Vorschlag Alessandro Marcello, Concerto for oboe and strings in D minor, Unpublished Concertos and Cantatas from Codex marciano Lt. IV â 573 (= 9853), Venice Baroque Orchestra, Leitung Andrea Marcon (* 1963), ARTS Music, 1998 / 2006, Tracks 7 bis 9: https://www.youtube.com/watch?v=-JVtz-3benQ&list=OLAK5uy_nVpAtz6XnqaLhXznZw_pkrwf51koFZAVk&index=7 Seitenanfang Concerto fĂŒr zwei Oboen in F-Dur, S.D940 Concerto fĂŒr zwei Oboen in A-Dur, S.D942 Das Concerto fĂŒr zwei Oboen in A-Dur, S.D942 gehört zu jenen Werken des venezianischen SpĂ€tbarock, die weniger durch Ă€uĂerliche VirtuositĂ€t als durch stilistische Eleganz, formale Klarheit und ein fein austariertes Dialogprinzip bestechen. WĂ€hrend Marcellos Oboenkonzert in d-Moll â nicht zuletzt durch die berĂŒhmte Bearbeitung von Johann Sebastian Bach (BWV 974) â zu den meistgespielten StĂŒcken des barocken Oboenrepertoires zĂ€hlt, blieb das A-Dur-Doppelkonzert lange Zeit ein Werk fĂŒr Kenner und Liebhaber der venezianischen Konzerttradition. Das Konzert ist fĂŒr zwei Oboen, Streicher und Basso continuo gesetzt und steht ganz im Zeichen des venezianischen Concerto-Stils des frĂŒhen 18. Jahrhunderts. Charakteristisch ist das stĂ€ndige Wechselspiel zwischen den beiden Soloinstrumenten, die weniger als konkurrierende Virtuosen auftreten, sondern vielmehr einen gleichberechtigten musikalischen Dialog fĂŒhren. Imitationen, Echoeffekte und parallel gefĂŒhrte Linien prĂ€gen den Verlauf der Solopartien und verleihen dem Werk eine kammermusikalische Transparenz, die deutlich von orchestraler MassivitĂ€t abrĂŒckt. Alessandro Marcello war ein venezianischer Patrizier und musikalischer Dilettant im historischen Sinne, also ein gebildeter Liebhaber und Kenner der Kunst. Einen GroĂteil seiner Werke veröffentlichte er unter dem Pseudonym Eterio Stinfalico, das er als Mitglied der Accademia degli Arcadi fĂŒhrte. Das A-Dur-Doppelkonzert wird hĂ€ufig in diesem Zusammenhang als Teil seiner âakademischenâ Auseinandersetzung mit dem venezianischen Konzertstil verstanden: als bewusst stilreines, elegant proportioniertes Werk, das die idiomatischen Möglichkeiten der Oboe auslotet, ohne sie an die Grenzen des Virtuosenhaften zu treiben. Formal folgt das Konzert der klassischen dreisĂ€tzigen Anlage. Der eröffnende Satz â in einigen Quellen und Aufnahmen als Andante spiritoso bezeichnet â verbindet lebhafte Bewegung mit tĂ€nzerischer Leichtigkeit und lebt vor allem vom imitatorischen Dialog der beiden Oboen. Die beiden Oboen imitieren sich gegenseitig (Echo-Effekte), was typisch fĂŒr die venezianische Schule ist. Der langsame Mittelsatz (Adagio) entfaltet einen gesanglichen, nahezu pastoralen Charakter; die Solisten sind hier hĂ€ufig in Terzen oder Sexten gefĂŒhrt, was dem Satz eine besondere klangliche Geschlossenheit und WĂ€rme verleiht. Das abschlieĂende Allegro schlieĂlich zeigt sich als heiteres, rhythmisch prĂ€gnantes Finale, dessen tĂ€nzerischer Gestus an venezianische Opern- und Instrumentalsinfonien erinnert und den konzertanten Austausch der beiden Oboen noch einmal pointiert zuspitzt. Siehe auch: https://imslp.org/wiki/Concerto_for_2_Oboes_in_A_major%2C_S.D942_(Marcello%2C_Alessandro) In der Ă€lteren Ăberlieferung wurde das Werk nicht selten seinem Bruder Benedetto Marcello (1686â1739) oder gar Antonio Vivaldi (1678â1741) zugeschrieben. Erst die systematische Katalogisierung durch Eleanor Selfridge-Field (* 1940) ermöglichte eine sichere Zuordnung zu Alessandro Marcello, worauf auch das Sigel âS.â in der Werknummer S. D942 verweist. Stilistisch unterscheidet sich das Konzert von Vivaldis Doppelkonzerten durch eine bewusst schlichtere, kantablere Melodik und eine ZurĂŒckhaltung im motorischen DrĂ€ngen â ZĂŒge, die bereits in Richtung eines galanten Empfindens weisen, ohne den barocken Formrahmen zu verlassen. Gerade in dieser Mischung aus formaler Disziplin, melodischer Eleganz und dialogischer Feinheit liegt der besondere Reiz des A-Dur-Doppelkonzerts. Es ist kein spektakulĂ€res SchaustĂŒck, sondern ein kultiviertes, ausgewogenes Werk, das den venezianischen Konzertstil in seiner noblen, beinahe aristokratischen AusprĂ€gung reprĂ€sentiert â eine echte Entdeckung fĂŒr Hörer, die jenseits der allzu bekannten Barockwerke nach stilistischer Raffinesse suchen. Concerto fĂŒr zwei Oboen in A-Dur, S.D942 CD-Vorschlag Alessandro Marcello, Concerto for oboe and strings in D minor, Unpublished Concertos and Cantatas from Codex marciano Lt. IV â 573 (= 9853), Venice Baroque Orchestra, Leitung Andrea Marcon (* 1963), ARTS Music, 1998 / 2006, Tracks 13 bis 15: https://www.youtube.com/watch?v=_GuYvdMh460&list=OLAK5uy_nVpAtz6XnqaLhXznZw_pkrwf51koFZAVk&index=13 Seitenanfang Concerto fĂŒr zwei Oboen in A-Dur, S.D942 Concerto G-Dur, S.D934 Das Concerto fĂŒr Cembalo, doppelte Streicherbesetzung und Basso continuo in G-Dur, S.D934 gehört zu den bemerkenswertesten Instrumentalwerken Marcellos und nimmt innerhalb seines Ćuvres eine Sonderstellung ein. Bereits die Besetzung weist auf einen bewusst erweiterten konzertanten Anspruch hin: Das Cembalo tritt hier nicht lediglich als Generalbassinstrument auf, sondern erscheint mit einer ausdrĂŒcklich notierten, eigenstĂ€ndigen Stimme, die deutlich ĂŒber die reine AkkordstĂŒtze hinausgeht. Gleichwohl bleibt das Werk stilistisch im Spannungsfeld zwischen Solokonzert und konzertierender Ensemblepraxis verankert und vermeidet eine virtuose Solistenexponierung im spĂ€teren, hochbarocken Sinn. Die doppelte Streicherbesetzung ist als klangliche Erweiterung zu verstehen, die an venezianische Mehrchörigkeit anknĂŒpft, ohne zwingend ein streng antiphonales Prinzip vorauszusetzen. Zwar erlaubt die Anlage dialogische und kontrastierende Wirkungen zwischen den beiden Streichergruppen, doch dient diese Teilung vor allem der Verdichtung des Satzes, der klanglichen Staffelung und der differenzierten Artikulation harmonischer Prozesse. Ein eigenstĂ€ndiger Basso continuo bildet das tragende Fundament und bindet Cembalo und Streicher zu einem geschlossenen Klangorganismus zusammen. Formal folgt das Concerto der etablierten dreisĂ€tzigen Abfolge Allegro â Adagio â Allegro, wie sie fĂŒr venezianische Instrumentalkonzerte der Zeit typisch ist. Innerhalb dieses Rahmens zeigt Marcello jedoch eine ausgeprĂ€gte Vorliebe fĂŒr kontrapunktische Arbeit und motivische Durchdringung. Die Textur ist stellenweise dichter, als man es von vielen zeitgenössischen Konzerten kennt; melodische FĂŒhrung und harmonische Entwicklung greifen eng ineinander, ohne dass der musikalische Fluss an Klarheit verliert. Gerade in dieser Verbindung aus struktureller Strenge, klanglicher Erweiterung und moderater solistischer Profilierung liegt der besondere Reiz des Werkes. Das Concerto S. D. 934 ist weniger als virtuoses SchaustĂŒck zu verstehen, sondern vielmehr als reflektierte, klanglich reich nuancierte Ausformung des venezianischen Konzertgedankens, in dem das Cembalo eine ungewöhnlich exponierte, zugleich aber in das GesamtgefĂŒge integrierte Rolle einnimmt. Es existiert fĂŒr das Concerto [G] Ă due Cori per il Cembalo. con Violini. Primo Coro Otto Violini. Secondo Coro Otto Violini. Con tutti i Bassi, S.D934 von Alessandro Marcello derzeit keine kommerziell verfĂŒgbare Einspielung auf den verbreiteten Streaming-Plattformen oder als CD-Veröffentlichung. Diese Einstellung in der Diskographie lĂ€sst sich plausibel erklĂ€ren: Die Besetzungsanforderung des Werkes ist ungewöhnlich und aufwendig. Die Partitur verlangt faktisch zwei gleichwertige Streichorchestern (jeweils mit acht Violinen oder entsprechenden Stimmen), ein obligates Cembalo und den Basso continuo. Eine derartige doppelte Streicherbesetzung multipliziert Besetzungs- und Probenaufwand und hat damit höhere organisatorische und finanzielle Anforderungen als die typischen Barockkonzerte mit kleineren Ensembles. FĂŒr diejenigen, die das Werk dennoch studieren oder einsehen möchten, ist die Partitur ĂŒber einen wissenschaftlichen Online-Rezensionskatalog zugĂ€nglich; ein digitaler Zugriffspunkt ist beispielsweise der Alvin-Katalog: https://www.alvin-portal.org/alvin/view.jsf?pid=alvin-record%3A181300&dswid=-5420 Seitenanfang Concerto G-Dur, S.D934 Sonaten fĂŒr Violine und Basso continuo S.D919 - S.D930 Von Alessandro Marcello ist eine geschlossene Sammlung von zwölf Sonaten fĂŒr Violine und Basso continuo ĂŒberliefert, die 1738 in Augsburg erstmals im Druck erschien. Der Komponist veröffentlichte die Sonaten nicht unter seinem bĂŒrgerlichen Namen, sondern unter dem arkadischen Pseudonym Eterio Stinfalico. Als Verleger fungierte Johann Christian Leopold, einer der bedeutenden Musikverleger SĂŒddeutschlands in der ersten HĂ€lfte des 18. Jahrhunderts. Exemplare dieses Drucks befinden sich heute unter anderem in der Bayerischen Staatsbibliothek (Signatur: 4 Mus.pr. 370) sowie in der Ăsterreichischen Nationalbibliothek. Die Sammlung umfasst folgende Sonaten: A-Dur (S.D926), B-Dur (S.D929), h-Moll (S.D930), a-Moll (S.D928), E-Dur (S.D922), Es-Dur (S.D921), c-Moll (S.D919), e-Moll (S.D923), D-Dur (S.D920), g-Moll (S.D925), F-Dur (S.D924) und A-Dur (S.D927). Stilistisch stehen die Werke ganz in der Tradition der italienischen Hochbarock-Sonata da chiesa bzw. da camera und sind fĂŒr Solovioline mit Generalbass (in der Regel Cembalo und Violoncello) konzipiert. Bemerkenswert ist, dass diese Sonatensammlung bis heute offenbar nicht in einer kommerziellen Gesamteinspielung vorliegt. Weder in den gĂ€ngigen CD-Katalogen noch in den groĂen Streaming-Archiven lĂ€sst sich eine vollstĂ€ndige Aufnahme der zwölf Sonaten nachweisen; auch Einspielungen einzelner Sonaten sind bislang kaum oder gar nicht dokumentiert. Die Sammlung gehört damit zu den gut belegten, editorisch gesicherten, aber klanglich noch weitgehend unerschlossenen Werken Alessandro Marcellos. Seitenanfang Sonaten S.D919 - S.D930
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Francesco Durante Wolfgang Amadeus Mozart Ludwig van Beethoven Antonio Vivaldi Johann Sebastian Bach StanisĆaw Moniuszko Jean-Joseph CassanĂ©a de Mondonville William Byrd & John Bull Orlando di Lasso Weihnachten mit I Musici Heinrich Ignaz Franz von Biber Giovanni Pierluigi da Palestrina TomĂĄs Luis de Victoria William Byrd Michael Praetorius Mykola Leontovych Marc-Antoine Charpentier Johann Sebastian Bach Johann Michael Haydn Veni, veni Emmanuel Orlando di Lasso Collegium Aureum CristĂłbal de Morales Maurice Ravel Giovanni Pierluigi da Palestrina TomĂĄs Luis de Victoria Georg Friedrich HĂ€ndel William Byrd Johann Sebastian Bach Heinrich SchĂŒtz Franz Liszt Jacobus Gallus Jean-Philippe Rameau Franz Liszt Josquin Desprez John Browne Henry Purcell Georg Friedrich HĂ€ndel TomĂĄs Luis de Victoria Johann Sebastian Bach Jakub JĂłzef OrliĆski Sergei Rachmaninow TomĂĄs Luis de Victoria Alonso Lobo Jan Dismas Zelenka Johannes Brahms Wolfgang Amadeus Mozart Antonio Salieri Stefano Landi Pancrace Royer Antonio Vivaldi William Byrd Alessandro Striggio Orazio Benevolo Francesco Corteccia Johann Sebastian Bach Josef Gabriel Rheinsberger Michael Haydn Thomas Tallis Antonio Vivaldi Modest Mussorgski Heinrich SchĂŒtz CD Bruno de SĂĄ Leonardo Vinci Wolfgang Amadeus Mozart Alonso Lobo Lamentazioni del profeta Geremia Die Lamentazioni del profeta Geremia von Francesco Durante (1684â1755), entstanden um 1750, gehören zu den eindrucksvollsten Vertonungen der Klagelieder Jeremias im neapolitanischen SpĂ€tbarock. Durante zĂ€hlt zu den zentralen Gestalten der neapolitanischen Schule, weniger bekannt als Opernkomponist, dafĂŒr umso bedeutender als Lehrer und geistlicher Musiker. Zu seinen SchĂŒlern gehörten unter anderem Giovanni Battista Pergolesi (1710â1736), NiccolĂČ Jommelli (1714â1774) und Giovanni Paisiello (1740â1816). In seinen geistlichen Werken verbindet Durante strenge kontrapunktische Schulung mit einer auĂergewöhnlich textnahen, zurĂŒckgenommenen und zugleich eindringlichen Ausdruckssprache, die ganz auf innere Sammlung und geistliche Vertiefung zielt. Die Klagelieder des Propheten Jeremia gehören zum Alten Testament und bestehen aus fĂŒnf poetisch streng gestalteten Gedichten. Sie beklagen die Zerstörung Jerusalems im Jahr 586 v. Chr. durch die Babylonier, den Verlust des Tempels und den moralischen wie geistigen Zusammenbruch des Volkes Israel. Trotz aller Verzweiflung sind diese Texte nicht allein von Klage bestimmt, sondern auch von BuĂe, SelbstprĂŒfung und dem leisen Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit. Gerade diese Spannung zwischen Hoffnungslosigkeit und Glauben verleiht ihnen ihre besondere liturgische und musikalische Tiefe. In der katholischen Liturgie wurden ausgewĂ€hlte Abschnitte der Klagelieder wĂ€hrend der Karwoche in der Matutin gesungen, dem nĂ€chtlichen Stundengebet der sogenannten Tenebrae-Feiern. Diese Andachten fanden bei zunehmender Dunkelheit statt, wĂ€hrend nach und nach die Kerzen gelöscht wurden â ein eindrucksvolles Sinnbild fĂŒr das Leiden Christi. Die Lamentationen bildeten dabei den meditativen Mittelpunkt dieser Feiern, weniger als dramatische Darstellung, vielmehr als inneres Miterleben von Verlust, Schuld und Hoffnung. Textlich greift die Liturgie auf Passagen aus den ersten drei Kapiteln des Buches zurĂŒck. Charakteristisch ist der alphabetische Aufbau des hebrĂ€ischen Originals: Jeder Abschnitt beginnt mit einem der hebrĂ€ischen Buchstaben â Aleph, Heth, Teth, Lod und andere â, die auch in der lateinischen Liturgie beibehalten werden. Diese Buchstaben strukturieren den Text und verleihen ihm eine archaisch-feierliche Ordnung, die Durante musikalisch bewusst hervorhebt. https://www.youtube.com/watch?v=-3klUL-UHLc Die erste Lesung eröffnet mit der formelhaften Einleitung Incipit lamentatio Ieremiae prophetae (âEs beginnt die Klage des Propheten Jeremiaâ), die den geistlichen Rahmen absteckt. In ruhigem Largo entfaltet sich die Klage, bevor mit Misericordiae Domini quia non sumus consumpti (âDurch die Barmherzigkeit des Herrn sind wir nicht zugrunde gegangenâ) erstmals ein Hoffnungsmoment aufscheint. Der Gedanke der göttlichen Treue â Novi sunt diluculo, magna est fides tua (âJeden Morgen sind sie neu, groĂ ist deine Treueâ) â wird von Durante mit schlichter, fast tröstender Klanggebung gestaltet. In den folgenden Versen Bonus est Dominus sperantibus in eum (âGut ist der Herr zu denen, die auf ihn hoffenâ) und Sedebit solitarius et tacebit (âEinsam sitzt er da und schweigtâ) verdichtet sich die Stimmung zu stiller, resignativer Sammlung. Besonders eindringlich wirkt Dabit percutienti se maxillam (âEr bietet dem, der ihn schlĂ€gt, die Wange darâ), wo Leidensbereitschaft und Demut musikalisch nahezu entblöĂt erscheinen. Den Abschluss bildet der Ruf Ierusalem, convertere ad Dominum Deum tuum (âJerusalem, kehre um zum Herrn, deinem Gottâ), nicht als pathetischer Appell, sondern als mĂŒde, eindringliche Bitte. Die zweite Lesung richtet den Blick stĂ€rker auf das Bild der zerstörten Stadt. Quomodo obscuratum est aurum (âWie ist das Gold verdunkeltâ) beschreibt den Verlust aller frĂŒheren Herrlichkeit. Das Leid der Menschen wird drastisch geschildert, etwa in Qui vescebantur voluptuose, interierunt in viis (âDie einst in Wohlstand lebten, verschmachten nun auf den StraĂenâ). Besonders erschĂŒtternd ist der Vergleich Et maior effecta est iniquitas filiae populi mei peccato Sodomorum (âDie Schuld der Tochter meines Volkes ist gröĂer geworden als die SĂŒnde Sodomsâ). Durante verschĂ€rft hier den Ausdruck, ohne Ă€uĂerliche Dramatik zu suchen. Auch diese Lesung endet mit Ierusalem, convertere (âJerusalem, kehre umâ), das nun wie ein immer schwerer wiegendes Mahnwort erscheint. Die dritte Lesung nimmt die Form eines Gebets an. Incipit oratio Ieremiae prophetae (âEs beginnt das Gebet des Propheten Jeremiaâ) markiert den Ăbergang von der Klage zur direkten Anrufung Gottes. Die Texte sprechen nun offen von Verlassenheit und Elend: Pupilli facti sumus absque patre (âWir sind zu Waisen geworden ohne Vaterâ) und Patres nostri peccaverunt (âUnsere VĂ€ter haben gesĂŒndigtâ) verbinden persönliches Leid mit kollektiver Schuld. Bilder von Hunger und Gewalt â Pellis nostra sicut clibanus exusta est (âUnsere Haut ist wie ein Ofen versengtâ) und Mulieres in Sion humiliaverunt (âDie Frauen in Zion wurden geschĂ€ndetâ) â lassen die Not der Menschen unmittelbar spĂŒrbar werden. Der abschlieĂende Ruf Ierusalem, convertere ad Dominum Deum tuum (âJerusalem, kehre um zum Herrn, deinem Gottâ) erhĂ€lt hier einen lamentohaften Charakter, als sei die Stimme selbst bereits erschöpft von der langen Klage. Traditionell umfasst der Zyklus der Tenebrae-Lamentationen neun Lesungen, jeweils drei fĂŒr GrĂŒndonnerstag, Karfreitag und Karsamstag. Durantes Vertonung steht fest in dieser jahrhundertealten Tradition und trĂ€gt zugleich eine unverwechselbare persönliche Handschrift. Seine Lamentazioni verzichten auf Ă€uĂere Effekte und konzentrieren sich ganz auf die innere Bewegung des Textes. Gerade darin liegt ihre eindringliche Kraft: Sie laden nicht zum bloĂen Hören ein, sondern zum stillen Verweilen â zwischen Klage, Erinnerung und Hoffnung. CD-Vorschlag Francesco Durante, Lamentatione JeremiĂŠ prophetĂŠ, Kölner Kammerchor, Collegium Cartusianum, Leitung Peter Neumann (1940â2025), CPO, 2000: https://www.youtube.com/watch?v=3ucHLDBkdqI&list=OLAK5uy_kQo5zdHKjL304W-Ewcgxa0lJgcyB9guvs&index=1 Seitenanfang Francesco Durante Rondo in a-Moll, KV 511 Die Interpretation des Rondo in a-Moll, KV 511 durch Seong-Jin Cho (* 1994 in Seoul, seit August 2017 lebt er in Berlin) gehört zu jenen Deutungen, die weniger durch Ă€uĂere Brillanz als durch innere Spannung und klangliche Selbstdisziplin ĂŒberzeugen. Cho nĂ€hert sich diesem spĂ€ten Klavierwerk Mozarts mit groĂer ZurĂŒckhaltung, fast scheu, und lĂ€sst gerade dadurch dessen auĂergewöhnliche Ausdruckstiefe hervortreten. Sein Spiel ist von Ă€uĂerster klanglicher Kontrolle geprĂ€gt, die Linien sind sorgfĂ€ltig gewichtet, jede Verzierung erscheint organisch in den musikalischen Fluss eingebunden. Nichts wirkt ornamental um seiner selbst willen; vielmehr entsteht der Eindruck eines tastenden, nach innen gerichteten Monologs, in dem sich Melancholie, Resignation und leise Auflehnung untrennbar verbinden. Besonders auffĂ€llig ist Chos Umgang mit Zeit: Er dehnt die Phrasen nicht willkĂŒrlich, sondern lĂ€sst sie atmend entstehen, sodass das Rondo weniger als geschlossene Form denn als fortwĂ€hrender seelischer Prozess erfahrbar wird. https://www.youtube.com/watch?v=qeEJtifzuL0 Das Rondo in a-Moll KV 511 entstand im Jahr 1787 und zĂ€hlt zu den rĂ€tselhaftesten Klavierwerken von Wolfgang Amadeus Mozart (1756â 1791). Es steht in auffĂ€lligem Kontrast zu dem heiteren, brillanten Mozart-Bild, das lange Zeit das öffentliche Bewusstsein geprĂ€gt hat. Die Wahl der Tonart a-Moll ist bereits ein starkes Ausdruckssignal, denn Molltonarten sind bei Mozart selten und fast immer mit existenziell gefĂ€rbten Affekten verbunden. Das Werk ist formal als Rondo angelegt, doch wird das wiederkehrende Thema hier nicht stabilisierend eingesetzt, sondern erscheint jedes Mal leicht verĂ€ndert, gebrochen, mit neuen harmonischen EintrĂŒbungen versehen. Dadurch entsteht kein GefĂŒhl von Heimkehr, sondern vielmehr von Erinnerung, die sich bei jeder Wiederkehr weiter verdunkelt. Besonders charakteristisch ist der dichte Einsatz von Chromatik und Vorhalten, die den harmonischen Raum permanent in Schwebe halten. Die reichhaltigen Verzierungen â Triller, VorschlĂ€ge, Schleifer â sind nicht dekorativ, sondern tragen wesentlich zur AusdrucksintensitĂ€t bei. Sie wirken wie Seufzer, wie stockende Gedanken, die den melodischen Fluss immer wieder unterbrechen. In der Mittelpartie verdichtet sich diese expressive Spannung nochmals, bevor das Werk in einer resignativen Schlusswendung ausklingt, die keine eigentliche Auflösung mehr anbietet. Seong-Jin Cho macht diese kompositorischen Feinheiten mit groĂer SensibilitĂ€t hörbar. Er verzichtet bewusst auf romantisierende Ăberzeichnung und vertraut stattdessen auf die innere Logik der Musik. Gerade dadurch gewinnt seine Interpretation eine stille Eindringlichkeit: Das Rondo erscheint nicht als virtuoses CharakterstĂŒck, sondern als intimes SpĂ€twerk, in dem Mozart einen selten offenen Blick in eine verletzliche, nachdenkliche Seelenlandschaft gewĂ€hrt. Seitenanfang Wolfgang Amadeus Mozart Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur op. 73 Die AuffĂŒhrung des Klavierkonzerts Nr. 5 Es-Dur op. 73 von Ludwig van Beethoven (1770â1827) mit Krystian Zimerman (* 1956) und den Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Leonard Bernstein (1918â1990), aufgenommen im September 1989 im GroĂen Saal des Musikverein Wien, zĂ€hlt zu den eindrucksvollsten Beethoven-Interpretationen des spĂ€ten 20. Jahrhunderts. Der 2024 neu gemasterte Mitschnitt dokumentiert eine Live-AuffĂŒhrung von auĂergewöhnlicher kĂŒnstlerischer Geschlossenheit und IntensitĂ€t und umfasst alle drei SĂ€tze des Konzerts: Allegro, Adagio un poco mosso und Rondo: Allegro. https://www.youtube.com/watch?v=m0evC5OMofs Was diese Einspielung besonders auszeichnet, ist die seltene Balance zwischen monumentaler Weite und innerer Konzentration. Zimermans Klavierspiel verbindet technische Vollkommenheit mit strukturellem Bewusstsein und klanglicher Noblesse; VirtuositĂ€t wird nie Selbstzweck, sondern stets in den Dienst der musikalischen Architektur gestellt. Bernstein wiederum formt den orchestralen Verlauf mit groĂer Atemweite und plastischer Spannung, ohne den symphonischen Charakter des Werks zu ĂŒberzeichnen. Die Wiener Philharmoniker tragen mit ihrem unverwechselbar warmen, farbenreichen Klang entscheidend zu jener Mischung aus WĂŒrde, Transparenz und emotionaler Tiefe bei, die diese AuffĂŒhrung prĂ€gt. Der Live-Charakter der Aufnahme verstĂ€rkt den Eindruck einer existenziell durchdrungenen, zugleich hochkonzentrierten Deutung. Spontane Energie und sorgfĂ€ltige Gestaltung stehen in idealem Gleichgewicht; besonders der flieĂende Ăbergang vom entrĂŒckten Adagio in das jubelnde Finale gelingt mit einer SelbstverstĂ€ndlichkeit, die das Werk als organisches Ganzes erfahrbar macht. In dieser Interpretation erscheint Beethovens fĂŒnftes Klavierkonzert nicht als bloĂ heroisches SchaustĂŒck, sondern als humanistisch grundiertes Bekenntnis von auĂergewöhnlicher geistiger GröĂe. Der remasterte Klang hebt zudem die Transparenz der Orchesterfarben und die PrĂ€senz des Klaviers deutlich hervor, ohne den ursprĂŒnglichen Charakter des historischen Mitschnitts zu verfĂ€lschen. Damit steht diese Aufnahme nicht nur als bedeutendes Zeitdokument, sondern auch als weiterhin gĂŒltige Referenz fĂŒr eine groĂe, stilistisch ausgewogene und tief empfundene Beethoven-Interpretation. Seitenanfang Ludwig van Beethoven Concerto fĂŒr drei Violinen F-Dur, RV 551 Das Concerto fĂŒr drei Violinen, Streicher und Basso continuo in F-Dur (RV 551) gehört zu den ungewöhnlichsten und zugleich brillantesten Instrumentalkonzerten Antonio Vivaldis (1678â1741). Es entstand wahrscheinlich um 1710â1720 im Umfeld des Ospedale della PietĂ in Venedig, wo Vivaldi ĂŒber herausragende Violinistinnen verfĂŒgte und gezielt mit ungewöhnlichen Besetzungen experimentierte. Das Werk folgt der dreisĂ€tzigen Konzertform (Allegro â Largo â Allegro), hebt sich jedoch durch die gleichberechtigte Behandlung von drei Soloviolinen deutlich vom ĂŒblichen Solokonzert ab. Statt eines klaren Gegensatzes zwischen Solist und Tutti entwickelt Vivaldi ein dichtes, dialogisches Geflecht: Die drei Violinen treten wechselweise hervor, imitieren einander, verschrĂ€nken sich in Sequenzen und verschmelzen stellenweise zu kammermusikalischer Polyphonie innerhalb des konzertanten Rahmens. Im ersten Allegro dominieren energiegeladene Ritornellabschnitte, in denen das Orchester thematische Pfeiler setzt, wĂ€hrend die Soloviolinen in virtuosen Episoden mit LĂ€ufen, Doppelgriffen und Echoeffekten brillieren. Das Largo bildet einen konzentrierten Ruhepunkt: Ăber einem schlichten Continuo entfalten die drei Violinen einen gesanglichen, beinahe intimen Dialog, der an Triosonaten erinnert. Das abschlieĂende Allegro kehrt zur motorischen Energie zurĂŒck und steigert den Wettstreit der Solisten zu einem lebhaften, spielerischen Finale. RV 551 ist zugleich ein SchlĂŒsselwerk fĂŒr Vivaldis experimentelle Mehrfachkonzerte und ein frĂŒhes Beispiel fĂŒr konzertante Kammermusik im groĂen Rahmen. Es zeigt eindrucksvoll, wie Vivaldi VirtuositĂ€t, formale Klarheit und farbige Instrumentation zu einer unverwechselbaren musikalischen Sprache verbindet. https://www.youtube.com/watch?v=1aoycIYVAM4&list=OLAK5uy_njLoKdg5YO7MUHwtKs8_I3VLlmDa2owiQ&index=2 Seitenanfang Antonio Vivaldi Kommt, ihr angefochtnen SĂŒnder In einer Leipziger Kirche, nur vom flackernden Kerzenlicht erhellt, entsteht Klang noch tastend, suchend, verletzlich. Ordnung und Disziplin stehen sichtbar bereit, doch die Musik findet ihren Weg nicht ĂŒber Vorschrift, sondern ĂŒber das Unerwartete. Eine Stimme erhebt sich, zunĂ€chst verborgen, dann unĂŒberhörbar â rein, selbstverstĂ€ndlich, ohne Anspruch auf BĂŒhne oder Anerkennung. In dem Moment, in dem sie erklingt, wird alles andere zweitrangig: Rollen, Regeln, Ausreden. Entscheidend ist allein, dass der Ton wahr ist. Der Blick des Komponisten verrĂ€t, dass hier nicht AutoritĂ€t triumphiert, sondern Erkenntnis: Musik duldet keine Masken. Sie offenbart, wer wirklich singt. https://www.youtube.com/watch?v=9ep9wONkU2c Dass die singende Stimme verborgen bleibt, ist ein bewusst eingesetzter Kunstgriff der Filmmacher. Er umgeht die historische RealitĂ€t nicht, sondern nimmt sie ernst und transformiert sie in filmische Sprache. Zurzeit Bachs war es Frauen streng untersagt, wĂ€hrend des Gottesdienstes in den Leipziger Hauptkirchen â insbesondere in der Thomaskirche und der Nikolaikirche â zu singen. Sopran- und Altpartien wurden ausschlieĂlich von Knaben oder jungen MĂ€nnern ĂŒbernommen. Die Entscheidung, die Stimme im Film zunĂ€chst unsichtbar erklingen zu lassen, respektiert diese Ordnung und erlaubt zugleich, Bachs Musik durch eine Frauenstimme zum Ausdruck zu bringen. Gerade dieses Versteckspiel macht den Moment der Erkenntnis umso eindringlicher: Die Wahrheit des Klangs setzt sich durch, obwohl â oder gerade weil â sie nicht sichtbar sein darf. Als Bach die TĂ€uschung erkennt, folgt kein Tadel. Dass er die singende Magd Johanna nicht zurĂŒckweist, sondern sie an die Orgel fĂŒhrt und weitersingen lĂ€sst, sagt mehr ĂŒber ihn als viele gelehrte Abhandlungen. Musik steht ĂŒber Konvention, wenn sie wahrhaftig ist. In diesem Moment zĂ€hlt weder Rang noch Rolle, weder Ordnung noch Geschlecht, sondern allein das, was tatsĂ€chlich erklingt. Der Film trifft damit etwas Wesentliches an Bach: seine kompromisslose Beziehung zum Klang selbst. Nicht Theorie, nicht Vorschrift, nicht soziale Hierarchie entscheiden â sondern das hörbare Resultat. Spekulativ, aber nicht beliebig, lĂ€sst sich der sich entziehende Knabe als Sohn Bachs denken. Sollte diese Deutung zutreffen, kĂ€me nur Johann Christoph Friedrich Bach (1732â1795) in Frage. Er war im Jahr 1738 sechs Jahre alt. In diesem Alter erhielten die Bach-Söhne bereits intensiven Musikunterricht und waren auf den Besuch der Thomasschule vorbereitet oder standen ihm unmittelbar bevor. Das kindliche Ausweichen, die vorgetĂ€uschte Krankheit, das Sich-Verlassen auf eine andere Stimme gewinnen vor diesem Hintergrund eine leise PlausibilitĂ€t: nicht als biografische Behauptung, sondern als erzĂ€hlerische Verdichtung. Die unterlegte Arie stammt aus der Kantate âFreue dich, erlöste Scharâ (BWV 30), komponiert fĂŒr das Johannisfest und am 24. Juni 1738 in Leipzig uraufgefĂŒhrt. Der Alt-Satz âKommt, ihr angefochtnen SĂŒnderâ gehört zu jenen StĂŒcken, in denen Bach die theologische Dringlichkeit des Textes mit einer zugleich tröstenden und vorwĂ€rtsdrĂ€ngenden Musik verbindet: kein moralischer Zeigefinger, sondern ein offener Ruf, warm, beweglich, von innen heraus. In der hier verwendeten Aufnahme singt Magdalena KoĆŸenĂĄ (* 1973), begleitet vom Musica Florea unter der Leitung von Marek Ć tryncl (* 1974). Johann Sebastian Bach (1685â1750), Kantate BWV 30 âFreue dich, erlöste Scharâ, Teil I, Nr. 5: Arie (Alt) Text der Arie Kommt, ihr angefochtnen SĂŒnder, Eilt und lauft, ihr Adamskinder, Euer Heiland ruft und schreit! Kommet, ihr verirrten Schafe, Stehet auf vom SĂŒndenschlafe, Denn itzt ist die Gnadenzeit! Seitenanfang Johann Sebastian Bach Das Gespensterschloss Die Arie des SkoĆuba aus der Oper Straszny DwĂłr (âDas Gespensterschloss") von StanisĆaw Moniuszko (1819â1872) gehört zu den markantesten Bassnummern der polnischen Opernliteratur des 19. Jahrhunderts. SkoĆuba, der alte Diener des Hauses, ist eine komische, zugleich aber psychologisch fein gezeichnete Figur: aberglĂ€ubisch, geschwĂ€tzig, voller Angst vor Geistern und dunklen MĂ€chten â und gerade dadurch von groĂer BĂŒhnenwirkung. Das Libretto der Oper Straszny DwĂłr von StanisĆaw Moniuszko stammt von Jan Konstanty ChÄciĆski (1826â1874), einem polnischen Dramatiker, Librettisten und Theaterkritiker, der eng mit der Entwicklung der polnischen Nationaloper im 19. Jahrhundert verbunden war. In seiner Arie entfaltet Moniuszko ein meisterhaftes CharakterportrĂ€t. Die Musik ist bewusst volksnah gehalten, mit klarer Periodik, sprechender Deklamation und rhythmisch pointierten Wendungen, die den Text plastisch tragen. Humor entsteht weniger durch grobe Effekte als durch musikalische Ăberzeichnung: plötzliche dynamische Kontraste, unerwartete harmonische Wendungen und eine fast erzĂ€hlerische FĂŒhrung der Basslinie, die SkoĆubas Angst, Aufgeregtheit und SelbstĂŒberschĂ€tzung zugleich offenlegt. Dabei bleibt die Arie stets fest im Tonfall der polnischen Nationaloper verwurzelt, in der sich komische Elemente mit patriotischem Ernst und folklorischer FĂ€rbung verbinden. SkoĆuba, der alte Diener des Hauses, ist keine bloĂe Buffo-Figur. In seiner Arie schildert er die geheimnisvolle alte Uhr, deren nĂ€chtliches Schlagen ihm als unheimliches Zeichen erscheint. Moniuszko nutzt diese Szene zu einem fein ausgearbeiteten musikalischen Psychogramm: Die Basslinie ist erzĂ€hlerisch gefĂŒhrt, mit deutlicher NĂ€he zur gesprochenen Sprache, wĂ€hrend plötzliche Akzente, harmonische Verschiebungen und dynamische Kontraste SkoĆubas Angst und Aberglauben plastisch machen. Der Humor entsteht nicht aus Ăbertreibung, sondern aus prĂ€ziser Beobachtung menschlicher SchwĂ€che â genau darin liegt die zeitlose Wirkung der Arie. https://www.youtube.com/watch?v=zH68LYBNL-o Bernard Ćadysz (1922â2020) verbindet eine dunkel grundierte, vollkommen ruhige Bassstimme mit mustergĂŒltiger polnischer Diktion und einem unvergleichlichen GespĂŒr fĂŒr die Mischung aus Angst, Komik und erzĂ€hlerischem Ton. Sein SkoĆuba wirkt nicht ĂŒberzeichnet, sondern wie eine reale Figur aus dem polnischen Adelshaus â genau im Geist Moniuszkos. Er gestaltet SkoĆuba nicht als bloĂe Karikatur, sondern als lebendige BĂŒhnenfigur, deren Angst und Aberglaube zugleich komisch und menschlich wirken. Polnischer Originaltext der Arie (BĂŒhnenfassung) Ten zegar stary gdyby Ćwiat Kuranty ciÄ Ć jak z nut Zepsuty wszakĆŒe od stu lat NakrÄcaÄ prĂłĆŒny trud Lecz jeĆli niespodzianie KtoĆ obcy tutaj stanie Pan zegar gdy zapieje kur Dmie w rzÄ d przedÄtych rur DziĆ zbudzi ciÄ Koncercik taki Boisz siÄ Nie ZaĆŒyj tabaki Te wielkie malowidĆa dwa Na wzglÄdzie wasze miej Miecznika praprababka ta Ta praprababkÄ tej Przy obcych w nocnej dobie Te praprababki obie WyĆaĆŒÄ z ram gdy pieje kur I nuĆŒ w zaciÄty spĂłr Niejednym siÄ juĆŒ DaĆy we znaki Strach waĆci Nie ZaĆŒyj tabaki Deutsche Ăbersetzung Diese alte Uhr â wenn die Welt ihre GlockenschlĂ€ge wie aus Noten schnitte, doch verdorben seit hundert Jahren, aufziehen ist vergebliche MĂŒhe. Doch wenn unerwartet ein Fremder hier erscheint, Herr Uhr, wenn der Hahn krĂ€ht, blĂ€st er in eine Reihe aufgeblĂ€hter Pfeifen. Heute wirst du geweckt â ein solches kleines Konzert. Hast du Angst? Nein. Nimm Schnupftabak. Diese beiden groĂen GemĂ€lde, habt sie im Blick: die UrurgroĂmutter dieses Miecznik, die UrurgroĂmutter jener. Bei Fremden zur nĂ€chtlichen Stunde steigen diese beiden UrurgroĂmĂŒtter aus ihren Rahmen, wenn der Hahn krĂ€ht, und geraten sogleich in heftigen Streit. Schon manchem haben sie sich bemerkbar gemacht. Habt Ihr Angst? Nein. Nehmt Schnupftabak. So zeigt diese Arie exemplarisch, warum Straszny DwĂłr als Höhepunkt von Moniuszkos Opernschaffen gilt: Sie verbindet nationale IdentitĂ€t, volkstĂŒmliche Musiksprache und raffinierte Charakterzeichnung zu einem Musiktheater von nachhaltiger Wirkung. Trailer zur Oper âStraszny dwĂłrâ von StanisĆaw Moniuszko: https://www.youtube.com/watch?v=ihrou8B-iFo CD-Vorschlag StanisĆaw Moniuszko, Straszny dwĂłr, Orkiestra Polskiego Radia i Telewizji w Krakowie, ChĂłr Polskiego Radia i Telewizji w Krakowie Leitung Jan Krenz (1926â2020), Polskie Nagrania, 1978: https://www.youtube.com/watch?v=CpE_u7LIKUo&list=OLAK5uy_kgjZwYvrQMsLkuJFikclLDXd-XOzh3d4s&index=2 Seitenanfang StanisĆaw Moniuszko Die Taufe Jesu Das Fest der Taufe Jesu gehört in beiden groĂen westlichen Konfessionen in den Zusammenhang der Epiphaniaszeit. Der Begriff Epiphanie (griechisch áŒÏÎčÏÎŹÎœÎ”Îčα) bedeutet âErscheinungâ und bezeichnet im christlichen VerstĂ€ndnis das Sichtbarwerden der göttlichen Sendung Jesu. Neben der Anbetung durch die Weisen aus dem Morgenland zĂ€hlt auch die Taufe Jesu im Jordan zu diesen Offenbarungsereignissen. In der römisch-katholischen Kirche wird die Taufe des Herrn als eigenes Herrenfest begangen und heute markiert liturgisch den Abschluss der Weihnachtszeit. Im Mittelpunkt steht die Taufe Jesu durch Johannes im Jordan als trinitarisches Offenbarungsgeschehen: der Sohn im Wasser, der Geist in Gestalt der Taube, die Stimme des Vaters. In der evangelischen Tradition ist dasselbe Ereignis dem 1. Sonntag nach Epiphanias zugeordnet; hier liegt der Akzent stĂ€rker auf der theologischen Bedeutung der Taufe insgesamt, insbesondere auf der Verbindung zwischen der Taufe Jesu und der christlichen Taufe als Zusage und Berufung. Trotz unterschiedlicher liturgischer Akzentsetzung ist die Taufe Jesu in beiden Traditionen ein zentrales Epiphanie-Thema. Einen besonders eindringlichen musikalischen Ausdruck findet dieses Motiv in der Vertonung von Psalm 113 (Vulgata), dessen Bildsprache vom Jordan, der âzurĂŒckweichtâ, seit dem Mittelalter typologisch auf die Taufe Christi bezogen wird. Ein herausragendes Beispiel ist der III. Chor âJordanis conversus est retrorsumâ aus dem Grand Motet In exitu Israel von Jean-Joseph CassanĂ©a de Mondonville (1711â1772). Mondonville gehört zu den prĂ€genden Gestalten des französischen SpĂ€tbarock. Als Geiger, Komponist und Musiktheoretiker wirkte er vor allem in Paris und entwickelte eine eigenstĂ€ndige, kraftvolle Tonsprache, die französische Klangtradition mit dramatischer Zuspitzung verbindet. Seine groĂformatigen Psalmvertonungen nehmen im geistlichen Repertoire des 18. Jahrhunderts eine Sonderstellung ein. In exitu Israel ist eine groĂangelegte Vertonung von Psalm 113 (Vulgata) in der Gattung des Grand Motet. Diese typisch französische Form verbindet Soli, Chor und Orchester zu einer dramatisch gegliederten Auslegung des biblischen Textes. Der Psalm wird dabei nicht meditativ entfaltet, sondern szenisch und rhetorisch zugespitzt. Gesungen wird der zusammenhĂ€ngende Psalmtext, der berĂŒhmte Vers vom zurĂŒckweichenden Jordan bildet dabei das inhaltliche und musikalische Zentrum innerhalb einer gröĂeren dramatischen Architektur. Markante Rhythmik, dichte ChoreinsĂ€tze und klare Kontraste verleihen dem Text eine unmittelbare PrĂ€senz. Der Chor ist nicht begleitende KlangflĂ€che, sondern tragende, handelnde Instanz. Die Musik beschreibt nicht, sie setzt Bewegung in Klang um â und macht so den epiphanischen Charakter der Taufe Jesu hörbar, ohne ihn ausdrĂŒcklich zu benennen. Der Vers âIordanis conversus est retrorsumâ wird hier nicht historisch-exegetisch gelesen, sondern typologisch: Der Jordan steht fĂŒr den Ăbergang, das Wasser fĂŒr Wandlung, Reinigung und Neubeginn. In der Taufe Jesu erreicht dieses Bild seine christologische Zuspitzung. Mondonvilles Musik verleiht dieser Deutung eine ungewohnt körperliche PrĂ€senz. https://www.youtube.com/watch?v=Fb9bm_Vmvl8 Lateinischer Text (Psalm 113, Vulgata) In exitu IsraĂ«l de Aegypto, domus Iacob de populo barbaro Facta est IudĂŠa sanctificatio ejus; IsraĂ«l potestas ejus Mare vidit, et fugit; Iordanis conversus est retrorsum Montes exsultaverunt ut arietes, et colles sicut agni ovium Quid est tibi, mare, quod fugisti? et tu, Iordanis, quia conversus es retrorsum? Montes, exsultastis sicut arietes? et colles, sicut agni ovium? A facie Domini mota est terra, a facie Dei Iacob: Qui convertit petram in stagna aquarum, et rupem in fontes aquarum Deutsche Ăbersetzung Als Israel aus Ăgypten auszog, das Haus Jakob aus einem fremden Volk, da wurde Juda sein Heiligtum, Israel sein Herrschaftsbereich. Das Meer sah es und floh, der Jordan wich zurĂŒck. Die Berge hĂŒpften wie Widder, die HĂŒgel wie LĂ€mmer der Herde. Was ist mit dir, Meer, dass du fliehst? Und du, Jordan, dass du zurĂŒckweichst? Ihr Berge, warum hĂŒpft ihr wie Widder, ihr HĂŒgel wie LĂ€mmer der Herde? Vor dem Angesicht des Herrn erbebte die Erde, vor dem Angesicht des Gottes Jakobs, der den Felsen in Wasserteiche verwandelte und den harten Stein in sprudelnde Quellen. CD-Vorschlag Campra, Messe de Requiem, Mondonville, In exitu Israel, Rameau, In convertendo Dominus, Ensemble: Le Concert d'AstrĂ©e, Leitung Emmanuelle HaĂŻm (* 1962), ERATO, 2023, Track 19. Seitenanfang Jean-Joseph CassanĂ©a de Mondonville Visionaries of Piano Music Die CD William Byrd & John Bull â The Visionaries of Piano Music (Deutsche Grammophon, 2021) widmet sich der englischen Tastenmusik um 1600 und stellt Werke von William Byrd (um 1540â1623) und John Bull (1562â1628) vor, zwei der zentralen Komponisten der sogenannten Virginalisten-Tradition. Beide stehen fĂŒr einen historischen Moment, in dem sich die englische Tastenmusik von höfischer Gebrauchsmusik zu einer eigenstĂ€ndigen, hochkomplexen Instrumentalkunst entwickelte. https://www.youtube.com/watch?v=J2_o4sMAr1E&list=OLAK5uy_m4I7HMbHAt4vtyV09PmTsWYuSf1KfttYA&index=2 Das Repertoire umfasst Fantasien, Pavans, Galliarden, Variationswerke und Kanons, ĂŒberwiegend aus dem Umfeld des Fitzwilliam Virginal Book (um 1600). Die Auswahl zeigt bewusst die stilistischen GegensĂ€tze: Byrds streng gearbeitete, kontrapunktisch dichte Fantasien und Variationen stehen Bulls technisch kĂŒhnen, formal oft extremen Kompositionen gegenĂŒber, insbesondere in seinen groĂ angelegten Variationszyklen und Kanons. Byrds Tastenmusik ist geprĂ€gt von formaler Ausgewogenheit, kontrollierter Affektgestaltung und motivischer Ăkonomie. VirtuositĂ€t dient hier der strukturellen Durchdringung des musikalischen Materials. https://www.youtube.com/watch?v=K86xCd6COBo John Bull verfolgt dagegen einen experimentelleren Ansatz: rhythmische Zuspitzung, technische Brillanz und formale Grenzerkundung sind zentrale Elemente seines kompositorischen Denkens. https://www.youtube.com/watch?v=72mPeMcsL7U Der Pianist Kit Armstrong (* 1992 in Los Angeles, USA) spielt dieses Repertoire auf dem modernen KonzertflĂŒgel. Sein Ansatz ist analytisch und textnah; im Mittelpunkt stehen klare StimmfĂŒhrung, prĂ€zise Artikulation und rhythmische Kontrolle. Armstrong vermeidet sowohl historisierende Klangimitation als auch romantisierende Ăberformung und behandelt die Werke als autonome Instrumentalmusik. Gerade darin liegt der besondere Wert dieser Aufnahme. Die Ăbertragung der Virginalmusik auf den modernen FlĂŒgel ist kein Effekt, sondern ein Mittel, um die strukturelle ModernitĂ€t, den kontrapunktischen Reichtum und die konzeptionelle KĂŒhnheit dieser Musik hörbar zu machen. Diese CD ist hörenswert, weil sie Byrd und Bull nicht als historische Spezialisten prĂ€sentiert, sondern als Komponisten von auĂergewöhnlicher geistiger TragfĂ€higkeit, deren Musik auch heute als anspruchsvolle Instrumentalkunst ĂŒberzeugt. Sie ist Zeitlos. Seitenanfang William Byrd & John Bull Orlando di Lasso (1532â1594): Videntes stellam magi Die Motette Videntes stellam magi ist eine dem Epiphaniasfest (6. Januar) zugeordnete Komposition Orlando di Lassos. Der Text entstammt dem Bericht des MatthĂ€usevangeliums (Mt 2,1â12) und konzentriert sich auf den zentralen theologischen Moment des Festes: die Offenbarung Christi an die Völker, symbolisiert durch den Stern, dem die Weisen aus dem Morgenland folgen. Lasso gestaltet den Text nicht erzĂ€hlerisch, sondern meditativ. Der musikalische Beginn ist ruhig und gesammelt angelegt; die Wendung videntes stellam wird klanglich so gefasst, dass weniger das Ă€uĂere Sehen als vielmehr das innere Erkennen im Vordergrund steht. Die Freude der Magier (gavisi sunt gaudio magno) Ă€uĂert sich nicht in demonstrativer Klangpracht, sondern in einer behutsamen Belebung der polyphonen Struktur. Der Abschnitt der Anbetung (procidentes adoraverunt eum) fĂŒhrt die Motette in eine Haltung stiller Ehrfurcht, bevor die Darbringung der Gaben â Gold, Weihrauch und Myrrhe â den geistlichen Gehalt des Textes bĂŒndelt und abschlieĂt. https://www.youtube.com/watch?v=yvYUwlthBWg In Videntes stellam magi zeigt sich Lassos reife geistliche Schreibweise exemplarisch: textnah, ausdrucksbewusst und von innerer Ausgeglichenheit geprĂ€gt. Die Motette verzichtet auf Ă€uĂerliche Effekte und entfaltet ihre Wirkung aus der klaren Verbindung von Wort und Klang. Gerade dadurch eignet sie sich in besonderem MaĂ fĂŒr den liturgischen Gebrauch am Fest Epiphanias. Lateinischer Text Videntes stellam magi gavisi sunt gaudio magno, et intrantes domum obtulerunt Domino aurum, thus et myrrham. Procidentes adoraverunt eum. Deutsche Ăbersetzung Als die Weisen den Stern sahen, sie wurden von groĂer Freude erfĂŒllt. Sie traten in das Haus und brachten dem Herrn Gold, Weihrauch und Myrrhe dar. Sie fielen nieder und beteten ihn an. Seitenanfang Orlando di Lasso Christmas Concertos mit I Musici Die CD âChristmas Concertosâ mit I Musici (gegrĂŒndet 1951 in Rom) versammelt in exemplarischer Weise jene italienischen Concerti grossi, die seit dem 18. Jahrhundert mit der Weihnachtszeit verbunden sind. Die Aufnahme entstand im August 1984 in La Chaux-de-Fonds und erschien bei Philips. Sie dokumentiert I Musici in einer spĂ€ten, stilistisch gereiften Phase, noch klar der klassischen, nicht historisierenden AuffĂŒhrungstradition verpflichtet, zugleich aber von groĂer klanglicher Disziplin, Transparenz und eleganter Artikulation geprĂ€gt. Im Zentrum steht das berĂŒhmteste aller sogenannten Weihnachtskonzerte, das Concerto grosso g-Moll op. 6 Nr. 8 âfatto per la notte di Nataleâ von Arcangelo Corelli (1653â1713). Dieses Werk wurde bereits von Zeitgenossen als musikalisches Sinnbild der Heiligen Nacht verstanden. Die Abfolge festlicher und tĂ€nzerischer SĂ€tze mĂŒndet in eine ruhige, weit ausgesponnene Pastorale, deren schlichte, wiegende Bewegung bewusst an die Hirtenmusik der Weihnachtsgeschichte erinnert. I Musici gestalten dieses Finale mit weichem Streicherklang, ruhigem Atem und einer fast kontemplativen Ruhe, ohne in SentimentalitĂ€t zu verfallen. Das Concerto grosso g-Moll op. 8 Nr. 6 von Giuseppe Torelli (1658â1709) knĂŒpft unmittelbar an diese Tradition an. Auch hier wechseln lebhafte Allegro-SĂ€tze mit getragenen Largo-Abschnitten, in denen pastorale Klangbilder dominieren. Torellis Musik wirkt direkter, rhythmisch prĂ€gnanter und tĂ€nzerischer als Corellis, zugleich aber von einer warmen, volkstĂŒmlichen Innigkeit geprĂ€gt, die den weihnachtlichen Charakter unterstreicht. Mit dem Concerto grosso C-Dur op. 3 Nr. 12 von Francesco Onofrio Manfredini (1684â1762) erweitert sich der Horizont um ein Werk, das festliche Strahlkraft und lyrische Besinnung besonders ausgewogen verbindet. Helle Klangfarben, klare Tutti-Passagen und ruhig flieĂende langsame SĂ€tze verleihen diesem Konzert eine heitere, fast lichtdurchflutete Grundstimmung, die sich deutlich von der eher introvertierten Klangwelt Corellis unterscheidet. Den Abschluss bildet das Concerto grosso f-Moll op. 1 Nr. 8 von Pietro Antonio Locatelli (1695â1764) , dessen Musik bereits in eine virtuosere, spannungsreichere Klangsprache weist. Die Kontraste zwischen Concertino und Ripieno sind schĂ€rfer gezeichnet, die harmonischen Wendungen kĂŒhner, die Ausdrucksskala weiter. Trotz dieser gesteigerten KomplexitĂ€t bleibt auch hier der Bezug zur pastoralen Weihnachtstradition hörbar, nun allerdings aus einer spĂ€teren, bereits vorbarock-klassischen Perspektive. https://www.youtube.com/watch?v=5O4QK3AHlgQ&list=OLAK5uy_nemVKt8yepx7zg3DZ02ZOtDJ9AtEE1s3U&index=1 I Musici spielen diese Werke mit ihrem charakteristischen, warmen Streicherklang, schlanker Phrasierung und einer rhythmischen Lebendigkeit, die den tĂ€nzerischen Ursprung vieler SĂ€tze klar hervortreten lĂ€sst. Vibrato wird maĂvoll, aber bewusst eingesetzt, die LinienfĂŒhrung bleibt kantabel, das Zusammenspiel transparent und ausgewogen. Gerade diese Verbindung aus Eleganz, klanglicher Geschlossenheit und unaufdringlicher Festlichkeit macht die Aufnahme zu einer idealen Begleiterin fĂŒr die Advents- und Weihnachtszeit. Als Ganzes bietet diese CD keinen bloĂen Querschnitt durch barocke Konzertmusik, sondern ein geschlossenes Stimmungsbild: italienische Weihnachtsmusik zwischen Andacht, pastoraler Ruhe und festlicher Bewegung. Sie eignet sich gleichermaĂen zum konzentrierten Hören wie als atmosphĂ€rischer Rahmen â ein klassischer, zeitloser Beitrag fĂŒr jede Sammlung zur Weihnachtszeit. Seitenanfang Weihnachten mit I Musici Passacaglia fĂŒr Solovioline g-Moll Die Passacaglia fĂŒr Solovioline g-Moll von Heinrich Ignaz Franz von Biber (1644â1706), entstanden 1676, gehört zu den singulĂ€rsten Werken der gesamten Violingeschichte des 17. Jahrhunderts. Sie ist nicht nur formal auĂergewöhnlich, sondern auch geistig, symbolisch und kompositorisch von einer Dichte, die weit ĂŒber das hinausgeht, was man von einem âSchlussstĂŒckâ erwarten wĂŒrde. In der handschriftlichen Ăberlieferung steht sie am Ende des Zyklus der sogenannten Rosenkranz- (oder Mysterien-) Sonaten, wobei sie ohne Scordatura, also in Normalstimmung, notiert ist â ein Umstand von erheblicher Bedeutung. Stellung innerhalb der Rosenkranzsonaten Die Rosenkranzsonaten bestehen aus fĂŒnfzehn Sonaten, die den freudenreichen, schmerzhaften und glorreichen Geheimnissen des Rosenkranzes zugeordnet sind. Die Passacaglia bildet den epilogischen Abschluss dieses geistlichen Zyklus, obwohl sie keiner der fĂŒnfzehn Mysterien-Sonaten selbst angehört. Ihre ikonographische Ăberschrift â ein Engel mit Schutzengel-Symbolik, der ein Kind an der Hand fĂŒhrt â verweist nicht auf ein einzelnes Rosenkranzgeheimnis, sondern auf das Fortwirken göttlicher FĂŒhrung im Leben des Menschen nach Durchschreiten von Inkarnation, Passion und Auferstehung. Dass Biber die Passacaglia ohne Generalbass, ohne Begleitung, ohne Scordatura und in strenger Variationstechnik konzipiert, verleiht ihr den Charakter eines meditativen ResĂŒmees: Alles Ornamentale, alles Farbenreiche der vorausgehenden Sonaten ist hier zurĂŒckgenommen. Ăbrig bleibt die nackte Linie, die einsame Stimme â musikalisch wie geistlich. Form und Struktur: Passacaglia als geistige Architektur Der Satz beruht auf einem vier Takte umfassenden Ostinato-Bass, der mehr als sechzig Mal wiederkehrt. Dieses Ostinato ist nicht als real erklingender Bass vorhanden, sondern implizit gedacht â eine auĂerordentliche kompositorische Herausforderung, da die Violine sowohl TrĂ€ger der Oberstimme als auch ProjektionsflĂ€che fĂŒr die gedachte Bassstruktur ist. Biber gliedert das Werk nicht durch Ă€uĂerliche Abschnitte, sondern durch graduelle Verdichtung und Entleerung: beginnend mit fast asketischer LinearitĂ€t, ĂŒber zunehmend komplexe Figurationen, Doppelgriffe und Akkordballungen, bis hin zu einer Phase Ă€uĂerster Spannung und schlieĂlich zur RĂŒcknahme, zur Auflösung, zur stillen Akzeptanz. Diese Architektur ist nicht virtuos im spĂ€teren, barock-klassischen Sinn. Sie ist konsequent rhetorisch, der Variation unterworfen wie ein geistiges Mantra. Die Wiederholung des Ostinatos wirkt dabei nicht mechanisch, sondern kontemplativ: Jeder Durchgang beleuchtet dieselbe Struktur aus neuer Perspektive. Violinistische und kompositorische Bedeutung Technisch verlangt die Passacaglia höchste Kontrolle: absolute Bogendisziplin, perfekte Intonation in mehrfachen Doppelgriffen, Balance zwischen linearer Melodik und akkordischer Statik und vor allem die Gestaltung langer Spannungsbögen ohne Ă€uĂere Impulse. Doch ihre wahre Schwierigkeit liegt nicht in der Technik, sondern in der inneren Ăkonomie des Vortrags. Jeder Ton steht unter Beobachtung. Jeder Akzent hat semantisches Gewicht. Hier ist nichts dekorativ, nichts beilĂ€ufig. In der Geschichte der Soloviolinenliteratur steht dieses Werk isoliert: Vor Bach, vor Westhoff, vor Pisendel existiert kein vergleichbares StĂŒck dieser strukturellen und geistigen Konsequenz. Bibers Passacaglia ist kein bloĂer VorlĂ€ufer spĂ€terer Chaconnen-Traditionen, sondern ein eigenstĂ€ndiges Monument, das eher aus der Welt geistlicher Meditation als aus der Welt instrumentaler VirtuositĂ€t stammt. https://www.youtube.com/watch?v=sgcR183f8gA&list=RDsgcR183f8gA&start_radio=1 Interpretation von Elicia Silverstein (* 1990) Die Aufnahme mit Elicia Silverstein, live aufgenommen am 20. Juni 2014 in der First Church, Cambridge (Massachusetts), ist in diesem Zusammenhang besonders bemerkenswert. Silverstein spielt auf einer Barockvioline, mit Darmsaiten und barockem Bogen, was dem Werk seine ursprĂŒngliche klangliche Askese zurĂŒckgibt. Charakteristisch fĂŒr ihre Interpretation sind ein bewusst zurĂŒckgenommenes Vibrato, eine klug austarierte Tempodisposition, die weder statisch noch dramatisierend wirkt, eine sprechende Artikulation, die den rhetorischen Gehalt der Variationen hörbar macht, und vor allem ein Vertrauen in die Stille: Pausen, NachklĂ€nge und Resonanzen werden nicht gefĂŒllt, sondern zugelassen. Der Kirchenraum trĂ€gt wesentlich zur Wirkung bei; die Akustik unterstĂŒtzt das Konzept des impliziten Basses, sodass der Hörer mehr âhörtâ, als tatsĂ€chlich gespielt wird. Gerade in den ruhigeren Variationen entsteht eine fast körperliche PrĂ€senz der Struktur â ein Eindruck, der im Studio kaum reproduzierbar wĂ€re. Scordatura und Schlussbedeutung: warum dieses âFinaleâ alles bĂŒndelt An dieser Stelle muss ausdrĂŒcklich hervorgehoben werden, dass die auĂerordentliche Schwierigkeit dieses Schlusses nur im Zusammenhang mit den vorausgehenden Sonaten vollstĂ€ndig verstĂ€ndlich wird. In vierzehn der fĂŒnfzehn Rosenkranzsonaten verlangt Biber eine jeweils eigene Scordatura, teils mit gekreuzten Saiten und stark verĂ€nderten SpannungsverhĂ€ltnissen. Diese Umstimmungen verĂ€ndern nicht nur den Klang, sondern heben alle gewohnten Orientierungen des Geigers auf: Griffbilder verlieren ihre SelbstverstĂ€ndlichkeit, Intervalle greifen sich anders, Resonanzen verschieben sich. Der Spieler liest Notation in Normalform, hört aber ein anderes klingendes Ergebnis â eine permanente geistige Doppelbelastung, die absolute instrumentale Beherrschung voraussetzt. Vor diesem Hintergrund ist die Passacaglia in Normalstimmung kein technisches Entgegenkommen, sondern ein bewusster symbolischer Akt. Nachdem das Instrument durch alle Verformungen, Spannungen und klanglichen Extreme der Scordatura gegangen ist, wird es am Ende âentlassenâ â zurĂŒckgefĂŒhrt in seine natĂŒrliche Ordnung. Die Herausforderung verlagert sich nun vollstĂ€ndig nach innen: von der physischen BewĂ€ltigung zur geistigen Konzentration, von Ă€uĂerer KomplexitĂ€t zur reinen Verantwortung fĂŒr Linie, Zeit und Sinn. Es muss jedem klar sein: Wer sich dieser Musik stellt, ist ein absoluter Könner. Nicht, weil hier Ă€uĂerliche VirtuositĂ€t demonstriert wĂŒrde, sondern weil Technik, Intellekt und geistige Haltung untrennbar ineinandergreifen. Die Rosenkranzsonaten â und in besonderer Weise ihr Schluss, die Passacaglia â gehören damit zu den höchsten Gipfeln der Violinenliteratur. Sie verlangen nicht nur spielerische SouverĂ€nitĂ€t, sondern die Bereitschaft, Musik als geistig durchdrungenen Akt zu verstehen. Bibers Passacaglia ist kein âFinaleâ im dramatischen Sinn, sondern ein Nachhall. Nach der symbolischen Durchwanderung der Rosenkranzgeheimnisse bleibt der Mensch allein mit seiner Stimme â gefĂŒhrt, aber nicht begleitet. In dieser Einsamkeit liegt ihre GröĂe. Die Aufnahme von Elicia Silverstein macht diese Dimension hörbar: nicht spektakulĂ€r, nicht demonstrativ, sondern mit jener stillen AutoritĂ€t, die nur Werke von innerer Notwendigkeit besitzen. Seitenanfang Heinrich Ignaz Franz von Biber Zum neuen Jahr Der liturgische 1. Januar ist in der Alten Musik kein kalendarischer Neubeginn, sondern der theologisch hoch verdichtete Oktavtag von Weihnachten und zugleich das Fest der Gottesmutter Maria. In dieser Spannung zwischen Inkarnation und Mariologie entstand ein Repertoire, das weder jubelnd noch dramatisch ist, sondern gesammelt, reflektierend und von bemerkenswerter textlicher PrĂ€zision. Besonders deutlich lĂ€sst sich dies an den Vertonungen zentraler Antiphonen durch Giovanni Pierluigi da Palestrina (1525â1594), TomĂĄs Luis de Victoria (1548â1611) und William Byrd (um 1540â1623) beobachten, deren Werke exemplarisch zeigen, wie unterschiedlich ein identischer liturgischer Text musikalisch durchdrungen werden kann â in Rom, in Spanien und im konfessionell gespaltenen England. Palestrina, der als maĂgebliche Gestalt der römischen Kirchenmusik der zweiten HĂ€lfte des 16. Jahrhunderts gilt, verbindet in seinen Motetten eine streng kontrollierte Polyphonie mit höchster TextverstĂ€ndlichkeit. Seine Vertonung der Antiphon O admirabile commercium, die fest zum liturgischen Kontext des 1. Januar gehört, entfaltet das theologische Paradox der Menschwerdung Christi in ruhigem, gleichmĂ€Ăigem musikalischem Fluss. Der Text spricht vom âwunderbaren Austauschâ, bei dem Gott menschliche Natur annimmt und dem Menschen Anteil an seiner Gottheit schenkt. Palestrina setzt diese Gedanken nicht affektiv zugespitzt um, sondern lĂ€sst sie in klaren, ausgewogenen Linien hörbar werden. Die Imitationen sind sparsam und funktional, der Klang bleibt gesammelt und frei von Ă€uĂerer Dramatik. Gerade diese ZurĂŒckhaltung verleiht der Motette ihre besondere Dichte und macht sie zu einer idealen musikalischen Ausdeutung des Oktavgedankens. https://www.youtube.com/watch?v=Uv1ab6Qr-60 O admirabile commercium: Creator generis humani, animatum corpus sumens, de Virgine nasci dignatus est; et procedens homo sine semine, largitus est nobis suam deitatem. O wunderbarer Austausch: Der Schöpfer des Menschengeschlechts hat, einen beseelten Leib annehmend, sich gewĂŒrdigt, aus der Jungfrau geboren zu werden; und als Mensch ohne menschlichen Samen hervorgegangen, hat er uns Anteil an seiner Gottheit geschenkt. TomĂĄs Luis de Victoria, der in Rom ausgebildet wurde, aber eine deutlich intensivere, innerlich bewegtere Ausdruckssprache entwickelte, vertont denselben Text mit spĂŒrbar gesteigerter Spannung. Auch bei ihm steht der liturgische Ernst auĂer Frage, doch ist seine Musik stĂ€rker affektiv aufgeladen. In seiner Motette O admirabile commercium verdichten sich die Stimmen enger, chromatische Wendungen treten deutlicher hervor, und die musikalischen Spannungsbögen scheinen den theologischen Gehalt des Textes unmittelbar nachzuzeichnen. Der geheimnisvolle Austausch zwischen göttlicher und menschlicher Natur wird hier nicht nur dargelegt, sondern gleichsam meditierend durchlebt. Die Musik wirkt weniger distanziert als bei Palestrina, beinahe kontemplativ im persönlichen Sinn, ohne dabei den liturgischen Rahmen zu verlassen. https://www.youtube.com/watch?v=BZd5yBTS6zc O admirabile commercium: Creator generis humani, animatum corpus sumens, de Virgine nasci dignatus est; et procedens homo sine semine, largitus est nobis suam deitatem. O wunderbarer Austausch: Der Schöpfer des Menschengeschlechts, der einen lebendigen Leib annahm, hat sich gewĂŒrdigt, aus der Jungfrau geboren zu werden; und als Mensch ohne irdischen Samen hervorgegangen, hat er uns seine Gottheit geschenkt. William Byrd schlieĂlich, dessen katholische Kirchenmusik im England Elisabeths I. unter politisch und religiös hoch prekĂ€ren Bedingungen entstand, greift denselben Text auf und ĂŒbertrĂ€gt ihn in eine ganz eigene, unverwechselbare Klangsprache. Seine Vertonung von O admirabile commercium steht chronologisch etwas spĂ€ter und ist zugleich Ausdruck einer bewussten RĂŒckbindung an die universale lateinische Liturgie jenseits konfessioneller Grenzen. Byrds Satz ist dichter und harmonisch reicher, zugleich von einer stillen Innerlichkeit geprĂ€gt, die den Text nicht erklĂ€rt, sondern versenkt. Die Stimmen sind eng gefĂŒhrt, die Harmonik schwebt oft in leicht verdunkelten Farben, wodurch der Gedanke des âwunderbaren Austauschsâ eine existentielle, beinahe intime Dimension erhĂ€lt. Dass Byrd den lateinischen Text einschlieĂlich des abschlieĂenden âAlleluiaâ beibehĂ€lt, ist dabei nicht nur liturgisch korrekt, sondern auch ein bewusstes Bekenntnis zur KontinuitĂ€t der vorreformatorischen Tradition. https://www.youtube.com/watch?v=zHXNwZecD1g O admirabile commercium: creator generis humani, animatum corpus sumens, de Virgine nasci dignatus est; et procedens homo sine semine, largitus est nobis suam deitatem. Alleluia. O wunderbarer Austausch: O wunderbarer Austausch: der Schöpfer des Menschengeschlechts, indem er einen beseelten Leib annahm, hat sich gewĂŒrdigt, aus der Jungfrau geboren zu werden; und als Mensch, ohne Samen entstanden, hat er uns seine Gottheit geschenkt. Alleluja. In dieser Abfolge â von der ausgewogenen Klarheit Palestrinas ĂŒber die affektive Verdichtung Victorias bis hin zur innerlich konzentrierten, fast introvertierten Deutung Byrds â wird sichtbar, wie ein einziger liturgischer Text des 1. Januar in unterschiedlichen kulturellen und historischen Kontexten immer neu gelesen und musikalisch durchdrungen werden konnte, ohne seinen theologischen Kern zu verlieren. Seitenanfang Giovanni Pierluigi da Palestrina TomĂĄs Luis de Victoria William Byrd Michael Praetorius' weihnachtliches Marienlied âEs ist ein Ros entsprungenâ gehört zu den zentralen Liedern der deutschen Advents- und Weihnachtstradition und nimmt zugleich eine besondere Stellung in der Geschichte des geistlichen Liedes ein. Seine Wirkung beruht auf der Verbindung von archaischer Bildsprache, biblischer Tiefenschicht und einer musikalischen Gestalt, die im Laufe der Jahrhunderte immer wieder neu gedeutet und ausgestaltet wurde, ohne ihren ursprĂŒnglichen Kern zu verlieren. https://www.youtube.com/watch?v=OAIro_A1CYw&list=RDOAIro_A1CYw&start_radio=1 Der Text des Liedes ist anonym und reicht in seinen UrsprĂŒngen bis ins 15. Jahrhundert zurĂŒck. Er wurde in verschiedenen Handschriften ĂŒberliefert und erschien erstmals 1599 im sogenannten Speyerer Gesangbuch, das in Köln gedruckt wurde. Die dichterische Sprache ist bewusst schlicht gehalten, zugleich aber von hoher symbolischer Dichte. Ausgangspunkt ist das Bild der âRoseâ, die âmitten im kalten Winterâ aus einem alten Stamm hervorbricht. Diese Metapher verweist unmittelbar auf die alttestamentliche Weissagung aus Jesaja 11,1, nach der aus der âWurzel Jesseâ ein neuer Spross hervorgehen werde. In der christlichen Auslegung wird diese Prophezeiung auf die Geburt Christi bezogen, dessen Kommen als leise, unscheinbare, aber heilsgeschichtlich entscheidende Erscheinung verstanden wird. Gleichzeitig ist das Lied tief in der marianischen Symbolik des SpĂ€tmittelalters verwurzelt. Die Rose steht nicht nur fĂŒr Christus selbst, sondern auch fĂŒr Maria als âmystische Roseâ, aus deren Reinheit das Heil hervorgeht. In spĂ€teren Strophen wird diese Deutung explizit, wenn Maria als âdie reine Magdâ bezeichnet wird, die das âBlĂŒmleinâ getragen hat. Damit steht das Lied an der Schnittstelle zwischen mittelalterlicher Marienfrömmigkeit und frĂŒhneuzeitlicher Christozentrik, wie sie fĂŒr die Zeit um 1500 charakteristisch ist. Die Melodie des Liedes ist ebenfalls Ă€lter als ihre bekannteste Gestalt und lĂ€sst sich nicht eindeutig einem einzelnen Komponisten zuweisen. Ihre nachhaltige PrĂ€gung verdankt sie jedoch der vierstimmigen Satzfassung von Michael Praetorius (1571â1621), der mit bĂŒrgerlichem Namen Michael Schultheis hieĂ. Praetorius veröffentlichte diesen Chorsatz 1609 in seiner Sammlung Musae Sioniae, einem der bedeutendsten Druckwerke protestantischer Kirchenmusik zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Seine Bearbeitung verlieh dem Lied jene klangliche Gestalt, die bis heute als maĂgeblich gilt. Die musikalische Harmonisierungsweise Praetoriusâ ist dabei keineswegs bloĂ dekorativ, sondern Ausdruck einer bewussten Ă€sthetischen und theologischen Haltung. Der Satz ist ĂŒberwiegend homophon angelegt, sodass der Text klar verstĂ€ndlich bleibt und seine Aussage unmittelbar wirkt. Gleichzeitig zeugt die StimmfĂŒhrung von groĂer kontrapunktischer Sorgfalt und feinem GespĂŒr fĂŒr klangliche Balance. Die Harmonik ist ruhig, weitgehend frei von scharfen Spannungen, und unterstreicht den kontemplativen Charakter des Liedes. Gerade diese ZurĂŒckhaltung verleiht der Musik ihre nachhaltige Ausdruckskraft. Im Kontext der Reformation und der sich herausbildenden protestantischen Choralmusik kommt dieser Satz eine besondere Bedeutung zu. Das geistliche Lied sollte nicht lĂ€nger ausschlieĂlich Sache des Klerus oder professioneller SĂ€nger sein, sondern von der Gemeinde verstanden und innerlich mitvollzogen werden können. Praetoriusâ Bearbeitung erfĂŒllt dieses Ideal in exemplarischer Weise: Sie ist kunstvoll, ohne elitĂ€r zu sein, und geistlich, ohne in demonstrative KomplexitĂ€t auszuweichen. Damit steht âEs ist ein Ros entsprungenâ in einer Linie mit anderen ChorĂ€len jener Zeit, die Glaubensinhalte nicht nur verkĂŒndeten, sondern meditativ erschlossen. Die Wirkungsgeschichte des Liedes reicht weit ĂŒber das 17. Jahrhundert hinaus. Komponisten verschiedenster Epochen haben die Melodie aufgegriffen und neu interpretiert. Johannes Brahms integrierte sie in eines seiner spĂ€ten Orgelchoralvorspiele, Hugo Distler schuf im 20. Jahrhundert expressive ChorsĂ€tze, und moderne Bearbeitungen â etwa in mehrschichtigen A-cappella-Fassungen â zeigen, wie wandlungsfĂ€hig dieses musikalische Material geblieben ist. Trotz aller stilistischen VerĂ€nderungen bleibt der Kern stets derselbe: die stille VerkĂŒndigung des göttlichen Wunders in einer einfachen, beinahe zerbrechlichen musikalischen Geste. So verbindet âEs ist ein Ros entsprungenâ mittelalterliche Bildwelt, reformatorische Liedkultur und jahrhundertelange musikalische Rezeption zu einem Werk von auĂergewöhnlicher Dichte. Es ist weniger ein festliches Jubellied als eine musikalische Meditation ĂŒber das Geheimnis der Menschwerdung â zurĂŒckhaltend, innig und von zeitloser poetischer Kraft. Text (leicht modernisierte Fassung) Es ist ein Ros entsprungen auĂ einer Wurtzel zart, als uns die Alten sungen: auĂ Jesse kam die Art und hat ein BlĂŒmlein bracht mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht. Das Röselein, das ich meine, darvon Isaias sagt, ist Maria, die Reine, die uns das BlĂŒmlein hat bracht. AuĂ Gottes ewigem Rat hat sie ein Kindlein geboren und blieb eine reine Magd. Seitenanfang Michael Praetorius Mykola Leontovych Mykola Leontovych Das heute weltweit bekannte ChorstĂŒck, das im Video in englischer Sprache erklingt, geht auf das ukrainische Volkslied âЩДЎŃĐžĐș" zurĂŒck. Dieses Lied (âЩДЎŃĐžĐč ĐČĐ”ŃŃŃ" = âGroĂzĂŒgiger Abendâ) ist ursprĂŒnglich kein Weihnachtsgesang, sondern ein traditioneller Neujahrsruf, der zum Jahreswechsel GlĂŒck, Wohlstand und FĂŒlle fĂŒr das kommende Jahr verheiĂt. Der ursprĂŒngliche Text erzĂ€hlt von einer Schwalbe, die ein Haus besucht und seinem Bewohner Reichtum und Gedeihen ankĂŒndigt â ein Bild tief verwurzelt in der vorchristlichen und volkstĂŒmlichen Symbolik Osteuropas. Die Melodie wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Mykola Leontovych (1877â1921) kunstvoll fĂŒr Chor bearbeitet. Diese Fassung, entstanden zwischen 1914 und 1916, zeichnet sich durch ihr prĂ€gnantes Ostinato, ihre klare formale Anlage und ihre eindringliche rhythmische Spannung aus. Die UrauffĂŒhrung erfolgte 1916 in Kyjiw. Gerade diese musikalische Konzentration machte das Werk auĂergewöhnlich wirkungsvoll und bereitete den Boden fĂŒr seine internationale Verbreitung. International bekannt wurde das Werk erst nach dem Ersten Weltkrieg. In den USA erhielt es 1936 einen englischen Text von Peter J. Wilhousky (1902â1978) und wurde unter dem Titel âCarol of the Bellsâ populĂ€r. Der neue Text hat keinen inhaltlichen Bezug zum ukrainischen Original, das von einem GlĂŒck verheiĂenden Schwalbenbesuch handelt. https://www.youtube.com/watch?v=SQadcm_dwEM Die im Video zu hörende Interpretation durch Chor Libera, in einem modernen Arrangement von Robert Prizeman (1952,â2021) steht ganz in dieser Rezeptionslinie. Sie verbindet die schlichte, eindringliche musikalische Substanz mit einem zeitgenössischen Klangideal und verankert das Werk eindeutig im weihnachtlichen Kontext, auch wenn seine Wurzeln klar im Neujahrsbrauchtum der Ukraine liegen. In der heute weltweit bekannten englischen Fassung âCarol of the Bellsâ ist das ursprĂŒnglich ukrainische Neujahrslied âЩДЎŃĐžĐșâ zu einem festen Bestandteil der Weihnachtsmusik geworden. Dass das StĂŒck u. a. im Film âHome Sweet Home Alone" (âAllein zu Haus: Der Weihnachts-Coupâ) verwendet wurde, erklĂ€rt seine enorme Reichweite â die musikalische Substanz jedoch stammt vollstĂ€ndig aus Leontovytschs genialer Bearbeitung von âЩДЎŃĐžĐșâ. âCarol of the Bells" â deutscher Text (Ăbersetzung der englischen Fassung) Hört, wie die Glocken klingen, hell erklingt ihr Chor, kĂŒnden allen Menschen Freude immerfort. Fröhlich tönt ihr LĂ€uten, weit und breit erklingtâs, bringt die frohe Botschaft, die das GlĂŒck euch bringt. Frohlocket, Menschenkinder, macht euch nun bereit, denn die Weihnachtsfreude ist nicht mehr so weit. Glocken, Glocken klingen, klingen ohne Ruh, bringen gute Hoffnung jedem Herzen zu. Fröhlich, fröhlich, fröhlich, fröhlich klingt der Glockenchor, Weihnachtsfreude, Weihnachtsfreude dringt aus jedem Tor. Seitenanfang Messe de minuit Ă 4 voix, flĂ»tes et violons, pour NoĂ«l Die Messe de minuit Ă 4 voix, flĂ»tes et violons, pour NoĂ«l, H. 9 gehört zu den eindrucksvollsten und zugleich originellsten geistlichen Werken von Marc-Antoine Charpentier (1643â1704). Entstanden um 1694, steht diese Mitternachtsmesse exemplarisch fĂŒr Charpentiers besondere FĂ€higkeit, liturgische WĂŒrde mit klanglicher Anschaulichkeit und unmittelbarer Festlichkeit zu verbinden. Vermutlich wurde sie fĂŒr die Weihnachtsliturgie der Pariser Jesuitenkirche Saint-Louis komponiert, wo Charpentier als musikalischer Leiter wirkte und ĂŒber ausgezeichnete vokale und instrumentale Mittel verfĂŒgte. https://www.youtube.com/watch?v=hFhoFZ1iRpA Das Besondere dieser Messe liegt in ihrer bewussten Einbindung traditioneller französischer Weihnachtslieder, der sogenannten noĂ«ls. Charpentier greift mehrere populĂ€re Melodien auf, die im Frankreich des 17. Jahrhunderts weithin bekannt waren, und integriert sie kunstvoll in die festen Teile des Messordinariums. Diese Weisen erscheinen nicht bloĂ als dekorative Zitate, sondern werden motivisch verarbeitet, kontrapunktisch umgeformt und in den musikalischen Zusammenhang der jeweiligen Messteile eingebettet. So entsteht ein Werk, das einerseits tief in der Volksfrömmigkeit verwurzelt ist, andererseits aber höchsten kompositorischen AnsprĂŒchen genĂŒgt. Die Besetzung unterstreicht diesen Charakter. Vier Singstimmen â die je nach AuffĂŒhrung solistisch oder chorisch eingesetzt werden können â werden von Flöten, Streichern und Continuo begleitet. Der helle Klang der Flöten, oft eng mit den Violinen verflochten, verleiht der Messe eine pastorale, beinahe lichtdurchflutete Farbigkeit, die besonders gut zur nĂ€chtlichen Weihnachtsliturgie passt. Trotz der vergleichsweise kammermusikalischen Anlage wirkt das Werk nie kleinformatig; vielmehr entfaltet es eine feierliche Ruhe, die sich aus der Klarheit der Linien und der ausgewogenen Proportionen speist. Stilistisch steht die Messe de minuit in der Tradition der Parodiemesse, geht jedoch in ihrer Konzeption ĂŒber das bloĂe Ăbertragen vorhandenen Materials hinaus. Charpentier gelingt es, den vertrauten Melodien eine neue geistliche Bedeutung zu verleihen, ohne ihren volkstĂŒmlichen Ursprung zu verleugnen. Gerade in dieser Spannung zwischen Bekanntem und Neuem, zwischen sakralem Rahmen und populĂ€rer Melodik liegt der nachhaltige Reiz des Werkes. In der heutigen AuffĂŒhrungspraxis zĂ€hlt die Messe zu den beliebtesten französischen Weihnachtskompositionen des Barock. Sie wird regelmĂ€Ăig von Ensembles der historischen AuffĂŒhrungspraxis aufgefĂŒhrt und hat sich als fester Bestandteil des weihnachtlichen Repertoires etabliert. Ihre Wirkung beruht weniger auf Ă€uĂerer Pracht als auf einer stillen, leuchtenden Festlichkeit â einer Musik, die den Zauber der Christnacht ebenso einfĂ€ngt wie die geistige Tiefe der liturgischen Feier. Seitenanfang Marc-Antoine Charpentier Magnificat in D-Dur, BWV 243 Johann Sebastian Bachs Magnificat in D-Dur, BWV 243, gehört zu den reprĂ€sentativsten geistlichen Werken seines Leipziger Schaffens und entstand in seiner endgĂŒltigen Fassung um 1733. Bach (1685â1750) wĂ€hlte mit D-Dur bewusst eine festlich strahlende Tonart, die den Einsatz von Trompeten und Pauken erlaubt und dem Lobgesang Mariens aus dem Lukasevangelium eine geradezu triumphale Klanggestalt verleiht. Die Komposition gliedert den lateinischen Text in eine Folge klar charakterisierter EinzelsĂ€tze fĂŒr Chor, Solisten und Ensemble, wobei affektive Differenzierung und textbezogene Rhetorik beispielhaft ineinandergreifen. Jubelnde ChorsĂ€tze wie Magnificat anima mea oder Gloria Patri stehen neben hochkonzentrierten, oft kammermusikalisch durchleuchteten Solonummern wie Quia respexit oder Esurientes, in denen Bach Demut, Innigkeit und geistliche Sammlung mit gröĂter Ăkonomie der Mittel gestaltet. Obwohl der Text des Magnificat nicht unmittelbar zur Weihnachtsliturgie gehört, wurde Bachs Vertonung seit jeher eng mit dem Weihnachtsfest verbunden, da sie in Leipzig traditionell am ersten Weihnachtstag erklang und in ihrer festlichen D-Dur-Gestalt die theologische Freude ĂŒber die Menschwerdung Christi klanglich vorwegnimmt. https://www.youtube.com/watch?v=41blIyHQ0hs&list=RD41blIyHQ0hs&start_radio=1&t=132s In der Interpretation von Nikolaus Harnoncourt erscheint das Werk in seiner ganzen historischen und theologischen Spannung. Harnoncourt versteht das Magnificat nicht als bloĂes festliches SchaustĂŒck, sondern als dramatische Auslegung eines biblischen Textes, der soziale Umkehr, göttliche Macht und menschliche Niedrigkeit gleichermaĂen thematisiert. Seine historisch informierte Lesart zeichnet sich durch schlanke Tempi, scharfe Artikulation und eine konsequente TextverstĂ€ndlichkeit aus. Chor und Solisten agieren nicht ornamental, sondern sprachlich prĂ€zise; jede musikalische Geste ist auf den Sinngehalt des Textes bezogen. Besonders in den kontrastreichen Abschnitten â etwa zwischen Deposuit potentes und Esurientes â wird Bachs kompositorische Dialektik von Macht und Demut mit eindringlicher Klarheit erfahrbar. Harnoncourts Deutung legt damit weniger Wert auf barocken Glanz als auf strukturelle Transparenz und geistige Durchdringung. Das Magnificat erscheint als ein Werk von groĂer innerer Beweglichkeit, in dem festliche Pracht und existenzielle Tiefe untrennbar verbunden sind â ganz im Sinne eines Bach, der musikalische Kunst stets als Auslegung des Wortes verstand. Seitenanfang Johann Sebastian Bach Heiligste Nacht Mit dem Weihnachtsgesang "Heiligste Nacht" schuf Johann Michael Haydn (1737â1806) eines seiner innigsten und zugleich wirkungsvollsten geistlichen Werke zur Weihnachtszeit. Die Komposition entstand in Salzburg, wo Haydn ĂŒber Jahrzehnte als Hof- und Domorganist wirkte und das musikalische Leben der Stadt entscheidend prĂ€gte. Anders als viele reprĂ€sentative Festmusiken richtet sich Heiligste Nacht nicht auf Ă€uĂeren Glanz, sondern auf stille Betrachtung und erzĂ€hlerische NĂ€he zum Weihnachtsgeschehen. Der Text fĂŒhrt in meditativer Sprache in die Nacht der Geburt Christi. Er verbindet lyrische Ruhe mit einer sanften Dramaturgie, die nicht auf Kontraste oder dramatische Zuspitzung zielt, sondern auf inneres Erleben. Michael Haydn greift diese Haltung musikalisch auf, indem er klare, sangliche Melodien mit einer transparenten, ausgewogenen Begleitung verbindet. Die Musik wirkt bewusst schlicht, doch niemals einfach: Jede Wendung ist sorgfĂ€ltig gesetzt, jede harmonische Bewegung dient dem Text. Charakteristisch fĂŒr "Heiligste Nacht" ist Haydns GespĂŒr fĂŒr Zeit und Raum. Die musikalischen AblĂ€ufe sind weit gespannt, die Tempi ruhig, fast schreitend. Dadurch entsteht der Eindruck eines Innehaltens â als wĂŒrde die Musik selbst den Atem anhalten vor dem Geheimnis der Menschwerdung. Besonders auffĂ€llig ist Haydns FĂ€higkeit, WĂ€rme und Sanftheit zu erzeugen, ohne in SentimentalitĂ€t zu verfallen. Die Frömmigkeit bleibt zurĂŒckgenommen, ernsthaft und von leiser Freude getragen. https://www.youtube.com/watch?v=KkO9xJLkdl8 Stilistisch steht das Werk an der Schwelle zwischen SpĂ€tbarock und Klassik. Die klare Periodik und die ausgewogene Harmonik verraten den klassisch geschulten Komponisten, wĂ€hrend die tiefe Textbindung und der kontemplative Charakter noch stark in der barocken Andachtstradition verwurzelt sind. Gerade diese Verbindung macht Heiligste Nacht so zeitlos: Die Musik spricht unmittelbar an, ohne historisch fern zu wirken. Im Kontext der Weihnachtsmusik nimmt "Heiligste Nacht" eine besondere Stellung ein. Es ist kein Werk des lauten Jubels, sondern eines der stillen Vorbereitung â geeignet fĂŒr den Abend vor dem Fest, fĂŒr die Sammlung vor der Mitternachtsmesse oder fĂŒr das private Hören. Michael Haydn zeigt hier eindrucksvoll, dass wahre Wirkung nicht aus GröĂe oder LautstĂ€rke entsteht, sondern aus MaĂ, Klarheit und innerer Wahrhaftigkeit. Heiligste Nacht ist damit ein Beispiel fĂŒr jene leise GröĂe, die Michael Haydns geistliche Musik insgesamt auszeichnet: Musik, die nicht ĂŒberwĂ€ltigt, sondern begleitet â und gerade dadurch lange nachklingt. Text 1. Heiligste Nacht! Heiligste Nacht! Finsternis weichet, es glĂ€nzet hienieden. Harfen verbreiten den sĂŒssesten Klang. Engel erscheinen, verkĂŒnden den Frieden, lieblich ertönet ihr froher Gesang. Christen, erwachet und kommet geschwind, folget den Hirten, die eifriger sind, eilet nach Bethlehem, seht euer Diadem, hier liegt das Kind. 2. Göttliches Kind! Göttliches Kind! Nacht ist vergangen, nun strahlt uns ein Morgen. Gott hat sich unser in Liebe erbarmt. Wir sind in Gnade und GĂŒte geborgen, Gott hat die Welt, hat die Menschen umarmt. Geht nun zur Krippe und sehet das Kind, sehet die Hirten, wie freudvoll sie sind. Jubelt und singt dem Herrn, den Welt und Himmel ehrn. Halleluja! CD-Vorschlag Weihnachten in Wien, Wiener SĂ€ngerknaben, Ambassade Orchester Wien, Leitung Gerald Wirth (* 1965), DECCA, 1999, Track 2. Seitenanfang Johann Michael Haydn Veni, veni Emmanuel Veni, veni Emmanuel ist eine der eindringlichsten Antiphonen der Adventszeit und gehört zum Ă€ltesten Kernbestand der lateinischen Liturgie. Ihr Ursprung liegt im mittelalterlichen Gregorianischen Choral, vermutlich im 12. Jahrhundert. Der Text greift die sogenannten O-Antiphonen (17.â23. Dezember) auf, in denen Christus mit alttestamentlichen Hoheitstiteln angerufen wird. Die Antiphon bĂŒndelt diese Erwartung in einer einzigen, klagend-hoffenden Bitte: das Kommen des Erlösers. Musikalisch ist Veni, veni Emmanuel von schlichter, archaischer Kraft. Die einstimmige Melodie bewegt sich in ruhigen, schmalen Intervallen und verzichtet auf jede Ă€uĂerliche Zier. Gerade diese ZurĂŒckhaltung verleiht dem Gesang seine Tiefe: Die Trauer ĂŒber die Gefangenschaft Israels und die Sehnsucht nach Erlösung werden nicht dramatisiert, sondern getragen und ausgehalten. Der wiederkehrende Ruf Gaude, gaude! wirkt dabei nicht als ausgelassener Jubel, sondern als verhaltene VerheiĂung â Freude, die noch nicht erfĂŒllt, aber bereits gewiss ist. Inhaltlich verbindet die Antiphon Exil und Hoffnung. Emmanuel â âGott mit unsâ â wird als der Erwartete angerufen, der die Trennung zwischen Gott und Mensch ĂŒberwindet. Der Text hĂ€lt die Spannung des Advents exemplarisch fest: Klage und Trost, Dunkelheit und VerheiĂung stehen unaufgelöst nebeneinander. Genau darin liegt seine zeitlose Wirkung. Bis heute bildet Veni, veni Emmanuel einen geistlichen Gegenpol zur weihnachtlichen Festlichkeit. Es ist Musik des Wartens, der Sammlung und der inneren Vorbereitung â nicht des erfĂŒllten Festes, sondern der stillen Erwartung. https://www.youtube.com/watch?v=xRi1GDoaQu4 Deutsche Ăbersetzung Komm, komm, Emmanuel, erlöse dein gefangenes Israel, das seufzt in der Verbannung und der NĂ€he des Gottessohnes beraubt ist. Komm, komm, o Herr, der du deinem Volk auf dem Sinai das Gesetz gegeben hast in erhabener Herrlichkeit. Komm, komm, o Spross aus der Wurzel Jesse, der du als Zeichen fĂŒr die Völker stehst; vor dir werden die Könige verstummen, dich werden die Nationen anflehen. Komm, komm, o SchlĂŒssel Davids, der du öffnest und niemand schlieĂt, der du schlieĂt und niemand öffnet; komm und fĂŒhre den Gefangenen aus dem Kerker, der im Dunkel sitzt. Komm, komm, o Aufgang aus der Höhe, tröste uns durch dein Kommen, vertreibe die Nebel der Nacht und die finsteren Schatten des Todes. Seitenanfang Veni, veni Emmanuel Eintritt in den Klangraum CD Orlando di Lasso, Choral Music, The Choir of Christ Church Cathedral, Oxford, Leitung Stephen Darlington (* 1952), Nimbus, 1987: https://www.youtube.com/watch?v=LTQMrKMJpxM&list=OLAK5uy_kreGU3yRija6p5OlXnicOMppcBaTgvM18&index=2 Diese Aufnahme gehört nicht zu jenen musikalischen Dokumenten, die sich dem Hörer anbieten, um Bewunderung einzufordern. Sie glĂ€nzt nicht, sie fordert nichts, sie tritt nicht vor. Sie klingt, als wĂ€re sie schon da â und wir dĂŒrften eintreten. Wer diese Musik nur hört, um Polyphonie zu erleben, wird ihre Schönheit erfassen, aber nicht ihr Wesen. Denn diese Nimbus-CD ist keine Demonstration, keine Leistungsschau historischer Vokalkultur, sondern ein still gedeckter Tisch, auf dem etwas liegt, das nicht erklĂ€rt, sondern aufgenommen werden will. Die Musik Lassos, so wie sie hier erklingt, will nicht beeindrucken â sie will atmen. Sie geschieht nicht in der Absicht zu gefallen, sondern in der Haltung des Gebets, auch dort, wo der Text weltlich scheint. Der Klang erhebt sich nicht â er senkt sich in die Stille. Und der Hörer, der dies nicht konsumierend, sondern empfangend hört, bemerkt plötzlich, dass Polyphonie nicht KlangfĂŒlle, sondern Raum fĂŒr Gegenwart ist. Man kann diese CD hören wie ein Konzert. Man kann sie aber auch nicht âanhörenâ, sondern mit ihr verweilen wie mit einer stillen Gemeinschaft. In diesem Hören wird Musik nicht mehr Werk, sondern Weg. Wer nur Schönheit sucht, wird verweilen. Wer Stille sucht, wird bleiben. Seitenanfang Orlando di Lasso Collegium Aureum Die Collegium-Aureum-Edition vereint ein Repertoire, das den Kern der europĂ€ischen Musik des 17. und 18. Jahrhunderts abbildet. Vertreten sind unter anderem Claudio Monteverdi (1567â1643) und Heinrich SchĂŒtz (1585â1672) als Wegbereiter der barocken Klangsprache, Heinrich Ignaz Franz Biber (1644â1704), Johann Heinrich Schmelzer (ca. 1620â1680) und Georg Muffat (1653â1704) fĂŒr den sĂŒddeutsch-österreichischen Raum, Arcangelo Corelli (1653â1713) und Antonio Vivaldi (1678â1741) fĂŒr Italien, Jean-Baptiste Lully (1632â1687) und François Couperin (1668â1733) fĂŒr Frankreich sowie Henry Purcell (1659â1695) fĂŒr England. Einen zentralen Platz nehmen auĂerdem Georg Philipp Telemann (1681â1767), Georg Friedrich HĂ€ndel (1685â1759) und Johann Sebastian Bach (1685â1750) ein, deren Werke hier in frĂŒhen, stilistisch wegweisenden historisch informierten Interpretationen begegnen. Damit spannt die Edition einen groĂen Bogen von der frĂŒhbarocken Vokal- und Instrumentalmusik bis zur HochblĂŒte des Barock. Sie ist weniger eine Sammlung spektakulĂ€rer Einzelwerke als eine klug kuratierte musikalische Bibliothek, die stilistische Vielfalt, historische Tiefe und klangliche Noblesse auf exemplarische Weise verbindet â genau darin liegt ihr bleibender Wert. https://www.youtube.com/watch?v=usPqzzHh280&list=OLAK5uy_nAIfoo18f_GrSYXrhZTQLYfbDW43Jz04o&index=2 Das Collegium Aureum entstand Ende der 1960er-Jahre im Umfeld von Franzjosef Maier (1936â2014) und wurde vor allem durch seine Einspielungen fĂŒr Deutsche Harmonia Mundi bekannt. Viele Aufnahmen dieser Edition entstanden in den 1970er- und frĂŒhen 1980er-Jahren und waren ihrer Zeit voraus: gespielt wurde auf historischen Instrumenten oder originalgetreuen Nachbauten, mit einem bewussten Blick auf Quellen, Besetzungsfragen und barocke Klangrhetorik â noch bevor sich die âHIP-Bewegungâ endgĂŒltig etabliert hatte. Die 10-CD-Edition wirkt heute wie ein klingendes Kompendium: keine spektakulĂ€re VirtuositĂ€t, kein demonstratives Tempo, sondern ein warmer, kultivierter Klang, groĂe innere Ruhe und ein tiefes VerstĂ€ndnis fĂŒr musikalische Architektur. Besonders beeindruckend ist die SelbstverstĂ€ndlichkeit, mit der sich französische, italienische und deutsch-österreichische Musik nebeneinander entfalten dĂŒrfen â stets getragen von stilistischer Disziplin und groĂer musikalischer Noblesse. FĂŒr Hörer ist diese Box geradezu ideal: Sie ist keine Sammlung von âHitsâ, sondern eine musikalische Bibliothek. Viele dieser Aufnahmen haben bis heute Referenzcharakter, nicht weil sie modern klingen, sondern weil sie musikalisch wahrhaftig sind. Man hört ihnen an, dass hier nicht Effekt, sondern Substanz gesucht wurde. Seitenanfang Collegium Aureum CristĂłbal de Morales: Motette Veni Domine, et noli tardare CristĂłbal de Morales (1500â1553) entfaltet in seiner Motette Veni Domine, et noli tardare ein polyphones Satzgewebe, das exemplarisch die hochentwickelte römisch-iberische Stilistik der mittleren Renaissance verkörpert. Die vierstimmige Faktur (SATB) basiert auf einem modal organisierten Tonsatz, der meist im dorischen Bereich verankert ist und durch eine kontinuierliche, streng kontrollierte StimmfĂŒhrung geprĂ€gt wird. Morales arbeitet im eröffnenden Abschnitt Veni Domine mit einer charakteristischen Kopfmotivik: einer kurzen, aufwĂ€rts gerichteten Motivzelle, die unmittelbar in eine enggefĂŒhrte Sekundbewegung mĂŒndet. Dieses Motiv erscheint imitatorisch versetzt zunĂ€chst im Sopran, dann im Alt, gefolgt vom Tenor und abschlieĂend vom Bass; der imitatorische Abstand ist knapp bemessen, sodass frĂŒh ein dichtes kontrapunktisches GefĂŒge entsteht, das trotz seiner Polyphonie eine bemerkenswerte Textdeutlichkeit bewahrt. Die lineare Faktur ist bei Morales weniger glĂ€sern und neutral als bei Palestrina: Die melodischen Konturen sind leicht asymmetrisch, die Intervalle hĂ€ufig schrittweise gefĂŒhrt, doch bei rhetorisch signifikanten Textstellen mit kalkulierten Terz- und Quartgriffen versehen, wodurch die expressive Energie des adventlichen Gebets subtil gesteigert wird. https://www.youtube.com/watch?v=dlvSw9EcVwY Der Abschnitt et noli tardare markiert eine polyphone Intensivierung, die Morales durch EngfĂŒhrungstechniken und gesteigerte Dissonanzfrequenz erreicht. Die Stimmen treten in engeren zeitlichen AbstĂ€nden ein, die ZwischenrĂ€ume zwischen den imitatorischen KopfeinsĂ€tzen verkĂŒrzen sich, und die kontrapunktische LinienfĂŒhrung verdichtet sich zu einem beinahe kontinuierlichen Netz aus vorbereiteten und sofort aufgelösten Vorhaltsdissonanzen. Dieses Verdichtungsprinzip fungiert als klangliche Entsprechung zur semantischen Dringlichkeit des Textes (âund zögere nichtâ). Der folgende Vers relaxare fac vincula plebis tuae ist eines der eindrucksvollsten Beispiele fĂŒr die rhetorische Textbehandlung Moralesâ: Die Intervalle verengen sich zunĂ€chst zu eng gesetzten Sekundreibungen, die musikalisch die âFesselnâ (vincula) symbolisieren; darauf folgt eine deutliche Erweiterung des Tonsatzes, in dem sich die Stimmen voneinander lösen und der polyphone Raum wieder geweitet wird â ein kunstvolles musikalisches Bild des âLösensâ und âBefreiensâ. Der zweite, dreigliedrige Teil â qui lapsus est, respice; et qui cecidit, erige; et qui errat, revoca â ist polyphon auf höchstem Niveau rhetorisch differenziert. Morales gestaltet die drei Bitten als sequenzielle Mikrostrukturen, die jeweils eine spezifische musikalische Kontur besitzen: Auf qui lapsus est (âwer gefallen istâ) sinken die StimmverlĂ€ufe deutlich ab, oft in parallelen, schrittweisen Bewegungen der Mittelstimmen; auf et qui cecidit, erige (ârichte den GestĂŒrzten aufâ) kehrt er dieses Bewegungsprinzip vollstĂ€ndig um, indem er die Melodielinien mit aufwĂ€rts zielender Intervallspannung versieht, bevorzugt ĂŒber Terz- und Quartschritte, welche die motivische Wiederaufrichtung hörbar beglaubigen. In et qui errat, revoca (âfĂŒhre den Irrenden zurĂŒckâ) arbeitet Morales mit einer leicht oszillierenden, suchenden LinienfĂŒhrung, bei der die Stimmen den modalen Zentralton kurz verlassen und dann in enggefĂŒhrter Imitation zu ihm zurĂŒckkehren. Diese klangliche RĂŒckkehr ist nicht bloĂ ein kontrapunktisches Verfahren, sondern eine musikalische Metaphorik theologischer HeimfĂŒhrung â exemplarisch fĂŒr die anthropologisch geprĂ€gte AusdrucksĂ€sthetik der hispanischen Renaissance. Der Schlussabschnitt realisiert eine graduelle Texturauflockerung: Die Dissonanzdichte nimmt ab, die Phrasen verlĂ€ngern sich, und die Stimmen konvergieren zunehmend auf einen homorhythmisch stabilisierten Schlusspunkt. Morales verzichtet bewusst auf eine spektakulĂ€re Kadenz; stattdessen fĂŒhrt er den modalen Satz in eine ruhige, beinahe kontemplative Ausgleichslage zurĂŒck, die der liturgischen Funktion der Motette vollkommen entspricht. Veni Domine, et noli tardare endet nicht in ErfĂŒllung, sondern im Zustand einer geistlichen Erwartung, die musikalisch als balancierte Ruhe, theologisch jedoch als offener Adventsmodus zu verstehen ist. Lateinischer Text Veni, Domine, et noli tardare; relaxare fac vincula plebis tuae. Qui lapsus est, respice; et qui cecidit, erige; et qui errat, revoca. Deutsche Ăbersetzung Komm, o Herr, und zögere nicht; löse die Fesseln deines Volkes. Auf den Gefallenen blicke herab; den GestĂŒrzten richte wieder auf; und den Irrenden fĂŒhre zurĂŒck. Seitenanfang CristĂłbal de Morales Pavane pour une infante dĂ©funte Maurice Ravel (1875â1937) komponierte seine Pavane pour une infante dĂ©funte 1899 zunĂ€chst fĂŒr Klavier â ein elegisches CharakterstĂŒck, das bewusst an den höfischen Tanz der spanischen Renaissance anknĂŒpft. Der Titel ist kein Hinweis auf ein reales Ereignis, sondern eine poetische Fantasie: Ravel wollte sich lediglich vorstellen, wie eine âPavane fĂŒr eine verstorbene Infantinâ klingen könnte. Das Werk lebt von seiner schwebenden Melancholie, von der feinen Schattierung der Dynamik und von einer Melodie, die in stiller WĂŒrde durch die weit ausgehörten KlangrĂ€ume schreitet. Die Pavane verbindet klassische Klarheit mit impressionistischer Farbigkeit und gehört seit ihrer Entstehung zu Ravels populĂ€rsten StĂŒcken. https://www.youtube.com/watch?v=UIXe7H52UkA Seong-Jin Cho (* 1994) gilt seit seinem Sieg beim Internationalen Chopin-Wettbewerb 2015 als einer der markantesten Pianisten seiner Generation. Er verbindet technische Makellosigkeit mit einer Ăsthetik, die gleichermaĂen kontrolliert, poetisch und stilistisch prĂ€zise ist. Cho arbeitet bevorzugt mit transparentem Klang, subtilen Farben und einem beinahe kammermusikalischen VerstĂ€ndnis von Linie und Atem. Weltweit gefragt, hat er sich durch seine Einspielungen von Debussy, Ravel und Chopin als herausragender Interpret französischer Klangkunst etabliert. In seiner Interpretation der Pavane pour une infante dĂ©funte nimmt Cho den elegischen Charakter des StĂŒcks mit exemplarischer Ruhe auf. Der Klang bleibt stets weich modelliert, niemals schwer, und die innere Spannung entsteht aus feinsten Abstufungen des Tempos und der Phrasierung. Die Melodie wirkt wie eine schwebende Erinnerung, getragen von einer vollkommen kontrollierten, fast durchsichtigen Anschlagskultur. Cho zeigt, dass Ravel hier keine Trauermusik komponierte, sondern ein zartes, nostalgisches Portrait â ein musikalischer Blick zurĂŒck in eine Welt höfischer Anmut, den der Pianist mit groĂer SensibilitĂ€t einfĂ€ngt. Seitenanfang Maurice Ravel Palestrinas Stabat Mater Die zweichörige Motette Stabat Mater von Giovanni Pierluigi da Palestrina gehört zu den stillsten und zugleich eindrucksvollsten Klangikonen der römischen Renaissance. In acht Stimmen entfaltet sich eine feierlich-ruhige Klangarchitektur, in der zwei Chöre wie im Gebet aufeinander antworten und den Schmerz Marias unter dem Kreuz in reiner, strahlender Harmonie nachzeichnen. Das Werk, lange Zeit ein GeheimstĂŒck der Sixtinischen Kapelle und nur am Karfreitag gesungen, beeindruckt bis heute durch seine noble Schlichtheit und seine leuchtende, fast zeitlose Ruhe. Eine besonders eindrucksvolle moderne Interpretation bietet das Ensemble VOCES8, das die Transparenz und innere Ruhe dieser Musik mit auĂergewöhnlicher Klarheit und feinsinniger Balance zum Leuchten bringt. https://www.youtube.com/watch?v=sLkLhZXCmmo Eine ausfĂŒhrlichere Darstellung dieser Motette â einschlieĂlich Entstehung, Textfassung und stilistischer Einordnung â findet sich direkt bei Palestrina unter Motetten. Seitenanfang Giovanni Pierluigi da Palestrina TomĂĄs Luis de Victoria (1548â1611) â O vos omnes (Responsorium fĂŒr Karsamstag, aus dem Officium Hebdomadae Sanctae, Rom 1585), Tenebrae â Leitung: Nigel Short (* 1965) https://www.youtube.com/watch?v=n0NyxdS4Zhw Victorias O vos omnes gehört zu jenen kurzen, aber tief eindringlichen Responsorien der Karwochenliturgie, die ihr ganzes Gewicht aus der IntensitĂ€t weniger Takte schöpfen. In der Interpretation des Ensembles Tenebrae unter Nigel Short erhĂ€lt die Komposition jene schwebende Transparenz, die Victorias Handschrift besonders auszeichnet: eine archaisch wirkende Klarheit, die dennoch von tiefer Emotion getragen ist. Der Satz lebt von ruhigen StimmverlĂ€ufen, langen AtemzĂŒgen und jenem typisch iberischen Ausdruck des Leidens, der nie in Dramatik ausbricht, sondern sich innerlich verdichtet. Die Musik beginnt mit einer fast unbewegten Akkordfolge, die den Blick der Hörenden unmittelbar auf den Text lenkt: den Aufruf an die VorĂŒbergehenden, fĂŒr einen Augenblick stehen zu bleiben und das Leiden des Gerechten zu betrachten. Victoria gestaltet diese Worte mit einer Mischung aus asketischer Strenge und einer fast körperlichen WĂ€rme des Klanges. Besonders berĂŒhrend ist der Moment, in dem die Stimmen den zentralen Satz Si est dolor similis sicut dolor meus umkreisen: Die Harmonik wird dichter, die Intervalle enger, als wĂŒrde das Leid zu einem einzigen, in sich versenkten Atemzug. Tenebrae formt diesen Satz mit groĂer Ruhe, vollkommen kontrollierter Dynamik und einem geradezu ĂŒberirdischen Legato. Die Linien verschmelzen zu einer KlangflĂ€che, die nicht drĂŒckt, sondern trĂ€gt. Dadurch entfaltet sich jene spirituelle IntensitĂ€t, fĂŒr die Victoria berĂŒhmt ist: Eine Traurigkeit, die zugleich Trost spendet; ein Schmerz, der nicht schreit, sondern bittet, verstanden zu werden. Lateinischer Text O vos omnes, qui transitis per viam, attendite et videte, si est dolor similis sicut dolor meus. Deutsche Ăbersetzung O ihr alle, die ihr des Weges kommt, bleibt stehen und schaut hin: ob irgendein Schmerz dem meinen gleicht. Seitenanfang TomĂĄs Luis de Victoria Georg Friedrich HĂ€ndel (1685â1759): The Coronation Anthems â festliche englische Kirchenmotetten (HWV 258â261) Als Georg Friedrich HĂ€ndel (1685â1759) im Jahr 1727 die Aufgabe erhielt, fĂŒr die Krönung von King George II (1683â1760) vier groĂangelegte Anthems zu komponieren, war dies eine der bedeutendsten öffentlichen Auftragskompositionen seiner Karriere. Die Feierlichkeiten am 11. Oktober 1727 in der Westminster Abbey verlangten Musik, die gleichermaĂen königliche Pracht, religiöse Erhabenheit und festliche Anrufung ausdrĂŒcken konnte. HĂ€ndels Antwort war ein Werkzyklus von monumentaler KlangfĂŒlle, der bis heute als Inbegriff britischer Krönungsmusik gilt und seit 1727 bei nahezu jeder Krönung wieder erklang. Die Kombination aus strahlender Orchesterbesetzung, machtvollem Chor und der Verwendung biblischer Texte aus dem First Book of Kings sowie aus den Psalmen lassen die Anthems wie eine musikalische Apotheose monarchischer WĂŒrde und sakraler Erhebung erscheinen. Die Einspielung mit The Sixteen unter Harry Christophers (* 1953) gehört zu den kĂŒnstlerisch eindrucksvollsten modernen Interpretationen. Sie verbindet vokale Klarheit, flexible Tempi, raffiniert gewichtete Klangbalance und ein ĂŒberwĂ€ltigendes VerstĂ€ndnis fĂŒr HĂ€ndels dramaturgische Architektur: https://www.youtube.com/watch?v=vAyVVqseYZo 1. Zadok the Priest, HWV 258 Kein anderes Werk HĂ€ndels hat eine vergleichbare ikonische Wirkung entfaltet wie dieses Anthem, dessen orchestraler Auftakt mit langsam wachsender Spannung und anschlieĂender Chorexplosion lĂ€ngst zu einem musikalischen Symbol britischer Staatlichkeit geworden ist. HĂ€ndel entfaltet aus einem scheinbar unbeweglichen Klangfeld heraus eine gewichtige HarmonieflĂ€che; das Orchester steigert sich schrittweise, bis der Chor mit der Macht eines akustischen Donners einsetzt: Zadok the priest, and Nathan the prophet anointed Solomon king. Die Musik evoziert die Salbung des Königs als göttlich legitimierten Akt und verbindet alttestamentliche WĂŒrde mit barocker Festlichkeit. In den folgenden Abschnitten steigert sich das Werk zu einem Jubelstrom, der sich in der vielgeteilten Schlussformel Amen, alleluia zu höchster musikalischer Strahlkraft verdichtet. Englischer Text Zadok the priest And Nathan the prophet Anointed Solomon king. And all the people rejoiced, and said: God save the King! Long live the King! God save the King! May the King live forever. Amen, amen, alleluia, alleluia, amen. Deutsche Ăbersetzung Zadok, der Priester, und Nathan, der Prophet, salbten Salomo zum König. Und das ganze Volk jauchzte und rief: Gott schĂŒtze den König! Lang lebe der König! Gott schĂŒtze den König! Der König lebe fĂŒr immer. Amen, amen, Halleluja, Halleluja, amen. 2. Let Thy Hand Be Strengthened, HWV 259 Dieses zweite Anthem besitzt einen stĂ€rker kontemplativen, aber dennoch festlichen Ton. HĂ€ndel betont die theologische Dimension königlicher Macht: StĂ€rke, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Wahrheit erscheinen nicht als weltliche Eigenschaften, sondern als göttliche Gaben. Der musikalische Satz ist von eleganter Strenge, klare melodische Linien stehen im Vordergrund, und die Chorpolyphonie wird von kraftvollen homophonen Passagen durchbrochen. Das abschlieĂende Alleluia ist kurz, aber strahlend â wie eine bĂŒndige BekrĂ€ftigung der göttlichen Legitimation königlicher Herrschaft. Englischer Text Let thy hand be strengthened, and thy right hand be exalted. Let justice and judgment be the preparation of thy seat. Let mercy and truth go before thy face. Alleluia. Deutsche Ăbersetzung Es werde deine Hand gestĂ€rkt und deine Rechte erhoben. Gerechtigkeit und Gericht seien das Fundament deines Thrones. Barmherzigkeit und Wahrheit gehen vor deinem Angesicht her. Halleluja. 3. The King Shall Rejoice, HWV 260 Das dritte Anthem ist musikalisch das glĂ€nzendste der vier und verbindet triumphale Kraft mit feiner orchestraler Eleganz. HĂ€ndel greift Worte aus Psalm 21 auf und zeichnet ein idealisiertes Bild des Königs, dessen Freude aus göttlicher StĂ€rke und Schutz erwĂ€chst. Der Chor jubiliert im eröffnenden Satz The King shall rejoice, wĂ€hrend das Orchester mit festlich tanzenden Gesten antwortet. Besonders eindrucksvoll ist die Passage Thou hast set a crown of pure gold upon his head: Ein majestĂ€tischer Klangraum entsteht, der förmlich die goldene Krone hörbar macht. Das abschlieĂende Alleluia entfaltet sich mit voller, unerschĂŒtterlicher Klangpracht. Englischer Text The King shall rejoice in thy strength, O Lord; and exceeding glad shall he be of thy salvation. Thou hast given him his heartâs desire and hast not withholden the request of his lips. Glory and great worship hast thou laid upon him. Thou hast prevented him with the blessings of goodness and hast set a crown of pure gold upon his head. Alleluia. Deutsche Ăbersetzung Der König freut sich ĂŒber deine StĂ€rke, o Herr, und sehr froh ist er ĂŒber deine Rettung. Du hast ihm seines Herzens Wunsch erfĂŒllt und das Verlangen seiner Lippen nicht abgewiesen. Ehre und WĂŒrde hast du auf ihn gelegt. Du bist ihm mit dem Segen des Guten entgegengekommen und hast ihm eine Krone reinen Goldes auf das Haupt gesetzt. Halleluja. 4. My Heart Is Inditing, HWV 261 Das vierte Anthem ist das lĂ€ngste und zugleich lyrischste. HĂ€ndel verwendet Verse aus Psalm 45, einem âHochzeitspsalmâ, der die königliche Braut beschreibt. Dieses Anthem wurde wĂ€hrend der Zeremonie beim Einzug der Königin gesungen, weshalb der Text die weibliche WĂŒrde besonders hervorhebt. Die Musik ist anmutig, farbenreich und melodisch opulent. HĂ€ndel entfaltet eine warm leuchtende Klangsprache, die die königliche Braut in majestĂ€tischem Licht erscheinen lĂ€sst. Besonders eindrucksvoll ist der Abschnitt Upon thy right hand did stand the Queen in vesture of gold, in dem der Chor wie ein musikalischer Hofstaat klingt. Der spĂ€tere Vers Kings shall be thy nursing fathers erhĂ€lt eine ruhige, nach innen gewandte Deutung, in der HĂ€ndel die Vorstellung königlicher Schutzpflicht in eine zarte, beinahe pastoral anmutende Klangwelt versetzt. Englischer Text My heart is inditing of a good matter: I speak of the things which I have made unto the King. Kingsâ daughters were among thy honourable women. Upon thy right hand did stand the Queen in vesture of gold and all glorious within. Hearken, O daughter; consider, incline thine ear. The King shall have pleasure in thy beauty. Kings shall be thy nursing fathers, and queens thy nursing mothers. Deutsche Ăbersetzung Mein Herz dichtet von einer schönen Sache: Ich spreche von dem, was ich dem König bereitet habe. Königstöchter standen unter deinen edlen Frauen. Zu deiner Rechten stand die Königin, in goldener Gewandung und innerlich strahlend. Höre, o Tochter, bedenke und neige dein Ohr. Der König wird Gefallen an deiner Schönheit haben. Könige werden deine nĂ€hrenden VĂ€ter sein, und Königinnen deine pflegenden MĂŒtter. CD-Vorschlag: G. F. HĂ€ndel: Coronation Anthems. The Sixteen unter der Leitung von Harry Christophers (* 1953). CORO, COR16066, â 2009 The Sixteen Productions Ltd., erschienen am 02.02.2009. (Tracks 2 bis 5, 10 bis 14 und 16 bis 18) https://www.youtube.com/watch?v=cfQuWlfRmq0&list=OLAK5uy_nzUPah-9VRU8z9TJ9oKBtipzhJ9UYqEys&index=1 Seitenanfang Georg Friedrich HĂ€ndel William Byrds Motette âNe irascaris, Domine - Civitas sancti tuiâ William Byrd (* um1543 â â 5. Juli 1623) zĂ€hlt zu den schöpferisch eindrucksvollsten und zugleich widersprĂŒchlichsten Gestalten der englischen Renaissance. Er wuchs in einer Epoche konfessioneller UmbrĂŒche auf und fand dennoch eine eigene musikalische Sprache von auĂergewöhnlicher geistiger IntensitĂ€t und struktureller KĂŒhnheit. Als Gentleman der Chapel Royal stand er im Dienst der Krone, doch sein kĂŒnstlerisches Herz schlug weiterhin fĂŒr den verbotenen katholischen Ritus. In diesem Spannungsfeld zwischen öffentlicher LoyalitĂ€t und privater GlaubensĂŒberzeugung entstanden seine bedeutendsten Werke: die groĂen lateinischen Motetten, die er â oft unter ernsten persönlichen Risiken â fĂŒr die im Untergrund lebenden katholischen Gemeinden schrieb. Byrds Musik lebt von einer seltenen Verbindung aus Feinheit des Satzes, rhetorischer Klarheit und emotionaler SchĂ€rfe. Seine Motetten greifen hĂ€ufig auf biblische Texte zurĂŒck, die das Leiden eines verfolgten Volkes beschreiben â Texte, die in seiner Zeit als verschlĂŒsselte Selbstinterpretation der bedrĂ€ngten englischen Katholiken verstanden wurden. Keine andere englische Musik des 16. Jahrhunderts spiegelt so deutlich die inneren BrĂŒche, Hoffnungen und Ăngste dieser Gemeinschaft wider wie die seine. Die Motette âNe irascaris, Domine - Civitas sancti tuiâ gehört zu seinen bekanntesten und am hĂ€ufigsten aufgefĂŒhrten. Sie erschien erstmals 1589 in der Sammlung Cantiones Sacrae I. https://www.youtube.com/watch?v=Wo8qfyK9c3c Der Text stammt aus dem Alten Testament (Jesaja 64, 9) und spricht von Zorn, SĂŒhne, Verlassenheit â Bild fĂŒr das Exil Israels nach dem Untergang Jerusalems. FĂŒr die katholische Untergrundgemeinde im England Byrds war dieser Text zugleich Anklage und Klage ĂŒber das Schicksal ihrer Kirche. Latein (Vulgata) Ne irascaris, Domine, satis, et ne ultra memineris iniquitatis nostrae. Ecce, respice: populus tuus omnes nos. Civitas sancti tui facta est deserta. Sion deserta facta est, Jerusalem desolata est. ZeitgemĂ€Ăe deutsche Ăbersetzung: âSei nicht ĂŒbermĂ€Ăig zornig, Herr, und gedenke nicht lĂ€nger unserer Schuld. Sieh doch hin: wir alle sind dein Volk. Die Stadt deines Heiligen ist zur WĂŒste geworden. Zion wurde zur Ăde, Jerusalem liegt verwĂŒstet.â Musikalisch ist die Motette ein Meisterwerk expressiver ZurĂŒckhaltung: Der Beginn fĂŒhrt mit dunklen, tiefen Stimmen und erinnert in Stimmung und Stimmungslage an eine getragene Trauer. Eine homophone Stelle bei âEcceâ (âSieh!â) richtet die Aufmerksamkeit eindringlich auf das Volk in Elend; anschlieĂend setzt imitierender Satz ein fĂŒr âpopulus tuus omnes nosâ (âdein Volk sind wir alleâ). Der Ăbergang zur zweiten HĂ€lfte (âCivitas sancti tui âŠâ) beginnt ruhig und unscheinbar, steigert sich aber zu einem dramatischen Ausdruck innerer Verlassenheit: Der Choral verdichtet sich â gerade auch durch eine lange Sequenz verzweifelter âdesolata estâ-Wiederholungen â zu einem Klangbild von Ruinen und Exil. Trotz (oder gerade wegen) der zurĂŒckhaltenden, nahezu kontemplativen Tonsprache â ohne starke Dissonanzen und ohne explizite Moll-Kadenz â gelingt Byrd eine eindrĂŒckliche musikalische Darstellung des Textschlusses, die mit ihrer stillen, resignativen Stimmung bis heute tief berĂŒhrt. Seitenanfang William Byrd Konzert fĂŒr zwei Violinen in d-Moll Johann Sebastian Bachs (1685â1750) Konzert fĂŒr zwei Violinen in d-Moll, BWV 1043 gehört zu den kostbarsten Schöpfungen seines instrumentalen Ćuvres. Seine BerĂŒhmtheit verdankt es nicht allein der vollendeten Balance zwischen polyphoner Strenge und melodischer Innigkeit, sondern vor allem dem einzigartigen Dialog zweier Violinen, die einander in stĂ€ndig wechselnden Konstellationen begegnen: einmal als gleichberechtigte Partner, dann wieder als kontrastierende Charaktere, oder schlieĂlich als zwei Stimmen, die sich zu einer einzigen Klanggestalt verweben. Besonders im zweiten Satz, dem largo ma non tanto, erreicht Bach eine Tiefe und Innigkeit, die innerhalb der barocken Konzertliteratur ihresgleichen sucht. Ăber einem unablĂ€ssig schreitenden, beinahe meditativen Continuo entfalten die beiden Violinen eine kantable, in sich kreisende Melodik, die den Hörer unmittelbar in einen Zustand zarter, fast zeitlos wirkender Kontemplation versetzt. Eine der bedeutendsten und bis heute exemplarischen Interpretationen stammt von Yehudi Menuhin (1916â1999) und David Oistrach (1908â1974), zwei Giganten des 20. Jahrhunderts, deren kĂŒnstlerische Welten eigentlich unterschiedlicher kaum sein könnten. Menuhin verkörperte den suchenden, spirituell weit geöffneten Musiker, der aus jedem Ton eine innere Wahrheit herauszuhören versuchte; Oistrach hingegen stand fĂŒr technische Vollendung, warme KlangfĂŒlle und jenes souverĂ€ne GleichmaĂ, das aus tief empfundener MusikalitĂ€t erwuchs. Wenn sich diese beiden Temperamente im Doppelkonzert begegnen, entsteht ein Spannungsbogen zwischen ExpressivitĂ€t und Ruhe, zwischen luzider LinienfĂŒhrung und groĂzĂŒgigem Gesangston, der das Werk in einer Weise aufschlieĂt, die weit ĂŒber den historischen Konzertstil hinausreicht. https://www.youtube.com/watch?v=DJh6i-t_I1Q Ihre gemeinsame Einspielung â entstanden im Rahmen der legendĂ€ren Zusammenarbeit zwischen sowjetischen und westlichen Musikern in den 1960er-Jahren â ist nicht nur ein musikalisches Dokument von höchstem Rang, sondern auch ein Symbol einer seltenen kĂŒnstlerischen Begegnung. Der Klang beider Violinen verbindet sich zu einer nahezu idealen Verschmelzung: Menuhin mit seinem silbrigen, fast Ă€therischen Timbre, Oistrach mit seiner goldenen, warmen Tongebung. Im ersten Satz entsteht daraus eine lebendige, von spontaner Energie getragene Polyphonie, deren Stimmen sich mit spielerischer Eleganz in- und umeinander bewegen. Der langsame Satz wird zum HerzstĂŒck: ein Dialog des Atmens, des Hörens, des Antwortens, getragen von groĂer innerer Ruhe. Der Finalsatz schlieĂlich zeigt beide Solisten in vollendeter VirtuositĂ€t, jedoch stets im Dienste der Musik, ohne jede Ă€uĂerliche Brillanz. Diese Aufnahme gilt nicht zufĂ€llig als Referenz fĂŒr Generationen von Hörern und Geigern. Sie vereint zwei völlig verschiedene Persönlichkeiten zu einer Interpretation, die von tiefer gegenseitiger WertschĂ€tzung getragen ist und so einen besonderen Zauber entfaltet. FĂŒr jede Sammlung und jede Webseite, die sich seriös mit Klassik befasst, gehört diese Einspielung des Doppelkonzerts ohne EinschrĂ€nkung zu den unverzichtbaren Empfehlungen. Seitenanfang Johann Sebastian Bach Auf dem Gebirge Heinrich SchĂŒtz (1585â1672) steht wie eine monumentale Gestalt an der Schwelle zwischen Renaissance und Barock, als ein Musiker, der die Ausdruckskraft der deutschen Sprache in der Musik neu definierte. Sein Lebensweg beginnt in Kassel, wo man seine auĂergewöhnliche Begabung frĂŒh erkannte und ihn gefördert hat. Entscheidend wurde jedoch seine Ausbildung in Venedig, zunĂ€chst bei Giovanni Gabrieli (ca. 1554â1612), spĂ€ter unter dem Einfluss Claudio Monteverdis (1567â1643). Dort lernte er, wie Wort, Klang und Affekt eine innere Einheit bilden können â ein Gedanke, der ihn sein ganzes Leben begleitet und sein Werk wie eine geistige Signatur durchzieht. Als Kapellmeister in Dresden wirkte SchĂŒtz ĂŒber Jahrzehnte hinweg in politisch unruhigen Zeiten, geprĂ€gt vom DreiĂigjĂ€hrigen Krieg, materieller Not und menschlichem Verlust. Seine Musik ist daher nicht nur Kunst, sondern oft Trostschrift und geistige BewĂ€ltigung. Sie zeigt, dass wahre GröĂe nicht in Ă€uĂerer Pracht liegt, sondern in der FĂ€higkeit, menschliche Erfahrung in ihrer ganzen Tiefe hörbar zu machen. SchĂŒtz bleibt bis heute der Komponist, der Schmerz, Glauben, Hoffnung und das metaphysische Dunkel des Daseins mit einer Reinheit des Ausdrucks verbindet, die ihresgleichen sucht. Die Komposition âAuf dem Gebirgeâ aus der Geistlichen Chormusik Nr. 28 von 1648 gehört zu den eindrucksvollsten Zeugnissen dieser inneren Welt. SchĂŒtz arbeitet hier ohne instrumentale Begleitung, ausschlieĂlich mit Stimmen, die in einem empfindlichen Gleichgewicht zwischen NĂ€he und Distanz wirken. Der verwendete Text aus dem Buch Jeremia beschreibt Rahels Klage ĂŒber ihre getöteten Kinder â ein biblisches Bild des Leidens, das zugleich persönlich und universell ist. SchĂŒtz verwandelt diesen Text nicht in ein dramatisches Tableau, sondern in eine Art seelisches Mikroskop: Jede Stimme trĂ€gt einen Faden des Schmerzes, und doch ist es niemals bloĂ Ausdruck, sondern ein Sprechen nach innen, ein meditatives Betreten eines Raumes, der weder Trost kennt noch Trost sucht. Wenn die Musik die Worte âsie wollte sich nicht trösten lassenâ gestaltet, schwebt sie in einer Zeitlosigkeit, als ob die Stimmen selbst den Atem anhalten mĂŒssten, um nicht in GefĂŒhlsausbruch zu verfallen. Diese ZurĂŒckhaltung ist ein Zeichen von SchĂŒtzâ GröĂe â er formuliert Trauer nicht als Dramatik, sondern als Zustand. Besonders eindringlich ist der Schluss: âDenn es war aus mit ihnen.â Hier bricht nichts zusammen, es ertönt kein Pathos. Stattdessen zieht sich die Musik zurĂŒck wie ein Licht, das plötzlich kleiner wird, bis nur noch ein Rest Glimmen ĂŒbrig bleibt. Diese Schlichtheit ist erschĂŒtternder als jede laute Geste. Sie zeigt, dass Leid eine Form der Erkenntnis sein kann: die Einsicht, dass es Erfahrungen gibt, die sich nicht wandeln lassen, und dass Musik sie nicht auflösen, aber hörbar machen kann. In der Aufnahme mit Iestyn Davies (* 1979) und Hugh Cutting (* 1997), begleitet vom Gambenconsort Fretwork, gewinnt dieses Werk eine zusĂ€tzliche Dimension: https://www.youtube.com/watch?v=4cR2mw0r488 Die beiden Countertenöre lösen den Satz aus jeder Schwere und schaffen einen Klang, der zugleich schattenhaft und leuchtend wirkt. Ihre Stimmen sind wie zwei filigrane Linien, die sich an manchen Stellen berĂŒhren, an anderen wieder voneinander entfernen â ein vokales Bild von NĂ€he und Verlust. Fretwork fĂŒgt sich mit seinen Violen da Gamba nicht als Ornament ein, sondern als untergrĂŒndige Resonanz, die den affektiven Kern der Komposition trĂ€gt: weich, dunkel, atmend. Diese Interpretation lebt von ihrer ZurĂŒckhaltung. Sie versucht nichts hinzuzufĂŒgen, was nicht im Werk liegt, und öffnet gerade dadurch einen Raum, in dem man die geistige Nacktheit dieser Musik unmittelbar spĂŒrt. Man hört nicht einfach einen Chorsatz des 17. Jahrhunderts; man hört den Klang einer Klage, die Jahrhunderte ĂŒberdauert, weil sie jenseits der Zeit steht. Die Aufnahme besitzt jene seltene FĂ€higkeit, Stille nicht als Leere, sondern als Form des Ausdrucks wirken zu lassen. Man hĂ€lt unwillkĂŒrlich den Atem an â nicht, weil etwas SpektakulĂ€res geschieht, sondern weil die Musik das Unsagbare berĂŒhrt. In dieser Verbindung von SchĂŒtzâ kompositorischer TiefenschĂ€rfe und der interpretatorischen Feinheit der britischen Musiker wird âAuf dem Gebirgeâ zu einer existentiellen Erfahrung. Das Werk zeigt, dass groĂe geistliche Musik nicht Trost spenden muss, um wahr zu sein. Sie zeigt den Menschen so, wie er ist: verletzlich, suchend und doch fĂ€hig, im Schmerz eine WĂŒrde zu finden, die sich nur in Klang ausdrĂŒcken lĂ€sst. Seitenanfang Heinrich SchĂŒtz Franz Liszt (1811â1886): Legenden- Legende Nr. 1, S. 175 St. Francois d'Assise: La prĂ©dication aux oiseaux (âHeiliger Franz von Assisi: Die Predigt an die Vögel") Klavier: Leslie Howard (1893â1943): https://www.youtube.com/watch?v=Q1DK0MLxZQQ Liszt komponierte die erste Legende von Franziskus von Assisi (â 1226), der zu den Vögeln predigt, im Jahr 1863. Er versuchte das berĂŒhmte Kapitel der "Fioretti" in klingende Bilder umzusetzen. Der Komponist hat den Heiligen um "Vergebung dafĂŒr gebeten, den wunderbaren Ausdruck des Textes verarmt zu haben". Die âFioretti di San Francescoâ oder âBlĂŒmlein des Hl. Franziskusâ sind ein in 53 kurze Kapitel eingeteiltes Florilegium ĂŒber das Leben des Franz von Assisi. Ein Florilegium war eine im Mittelalter gebrĂ€uchliche Form, die AuszĂŒge aus Schriften antiker und mittelalterlicher Autoren, meist Versdichtern, umfasste. Der anonyme italienische Text des spĂ€ten 14. Jahrhunderts, geschrieben vermutlich von einem toskanischen Autor, ist eine Version des lateinischen âActus beati Francisci et sociorum eiusâ, dessen Ă€ltestes erhaltenes Manuskript von 1390 stammt. Die Komposition ist ein Funkeln von KlĂ€ngen, das durch schnelle Triller und Fragmente von Tonleitern und Arpeggien erzeugt wird. Hier wird beabsichtigt, den Gesang und das Flattern der Vögel heraufzubeschwören; wĂ€hrend das Wechseln dieser Muster mit kurzen melodischen Phrasen wie ein Rezitativ das musikalische Ăquivalent der Rede des Heiligen darstellen soll. Auf den ersten Teil des StĂŒcks, der eher beschreibend und farbenfroh ist, folgt ein ausgedehntes, singbares Zwischenspiel, das zu einem intensiven Crescendo fĂŒhrt. Der Abschluss erfolgt mit der RĂŒckkehr zur anfĂ€nglichen AtmosphĂ€re. Da sie lange nach dem Tod des Franz von Assisi entstanden sind, gelten die âFiorettiâ im Allgemeinen nicht als wichtige Quelle fĂŒr sein Leben, sind aber die beliebteste Legendensammlung fĂŒr ein breites Publikum geworden. Legenden â Legende II, S. 175 âSan Francesco di Paola che cammina sulle ondeâ (Fantasia quasi Sonata in E - Dur) (âDer heilige Franz von Paola, der auf den Wellen geht.") Klavier: Leslie Howard (1893â1943): https://www.youtube.com/watch?v=WpIu5vEE-OM Komposition: 1863 Verlag: RĂłzsavĆlgyi, Budapest, 1866 Widmung: Tochter Cosima Liszt von BĂŒlow (1837â1930) Die Legende von Franz von Paola (1416â1505), der ĂŒber die Wellen geht, bezieht sich auf das Wunder, das der Heilige vollbracht hat, als einige Bootsleute sich weigerten, ihn auf ihrem Boot mitzunehmen, und er die StraĂe von Messina ĂŒberquerte, indem er ruhig ĂŒber die Wellen ging. Die Komposition wurde von einem GemĂ€lde des österreichischen Malers Edward von Steinle (1810â1888) inspiriert, das die Episode darstellt und von der LebensgefĂ€hrtin von Franz Liszt, der Prinzessin Carolyne zu Sayn-Wittgenstein (1819â1887), Liszt geschenkt wurde. Im Gegensatz zu dem anderen StĂŒck, das als impressionistisch bezeichnet werden kann, ist dieses StĂŒck auf die Entwicklung oder besser gesagt "Ausdehnung" des Hauptthemas gerichtet, das zu Beginn der Komposition in den BĂ€ssen dargelegt wird. Der aufsteigende, agogische und dynamische Charakter dieser melodischen Figur wird gegen Ende von einer neuen Idee unterbrochen, die kurz in einem langsamen, rezitativischen Stil dargelegt wird. Das Hauptthema wird dann in fortissimo wieder aufgenommen. Seitenanfang Franz Liszt Jacobus Gallus (1550â1591): Ecce quomodo moritur iustus Diese Motette gehört zu den eindringlichsten und bekanntesten Werken von Jacobus Gallus (eigentlich Jacob Handl), dem aus dem heutigen Slowenien stammenden Komponisten der SpĂ€trenaissance. Sie erschien 1587 im zweiten Band seines monumentalen âOpus Musicumâ innerhalb der Gruppe âDe Passione Domini nostri Iesu Christiâ und nimmt ihren Text aus Jesaja 57,1â2 der Vulgata, einem Abschnitt, der in der christlichen Liturgie mit dem Tod Christi, aber auch ganz allgemein mit dem Sterben der Gerechten verbunden ist. In der vortridentinischen Tenebrae-Liturgie der Karwoche wurde âEcce quomodo moritur iustusâ als Responsorium des Karsamstags gesungen; das StĂŒck hat seither seinen festen Platz im Karfreitags- und BegrĂ€bnisrepertoire gefunden und wurde ĂŒber Konfessionsgrenzen hinweg geschĂ€tzt. https://www.youtube.com/watch?v=BB_Qnbz9gpw Musikalisch arbeitet Gallus mit vierstimmigem Chorsatz (SATB) und verbindet knappe, syllabische Textdeklamation mit dichtem imitatorischem Satz. Die Motette ist relativ kurz, aber von groĂer Konzentration: gleich zu Beginn legt Gallus auf âmoritur iustusâ gewichtige Akkorde und expressive Vorhalte, so dass der Hörer den Moment des Sterbens des Gerechten nahezu körperlich spĂŒrt. Die folgenden Zeilen âet nemo percipit cordeâŠâ sind meist homophon gesetzt; Gallus lĂ€sst die Stimmen hier gemeinsam sprechen, als wollte er die Blindheit der Menschen gegenĂŒber dem Leid der Gerechten musikalisch als kollektive, schwerfĂ€llige Bewegung hörbar machen. Besonders eindrucksvoll ist âa facie iniquitatis sublatus est iustusâ: hier nutzt er Dissonanzen und eng gefĂŒhrte Imitation, um die Bedrohung durch die âiniquitasâ zu schildern, bevor sich der Satz auf âet erit in pace memoria eiusâ in ruhigere, leuchtende Harmonien löst. Die zweite HĂ€lfte âIn pace factus est locus eiusâŠâ wirkt wie eine klangliche VerklĂ€rung: die Harmonik klĂ€rt sich, die Intervalle werden weiter, und der Chor findet zu einer AtmosphĂ€re des versöhnten Friedens, in der der Gerechte seinen Ort und seine Wohnung auf Sion gefunden hat. Gerade in AuffĂŒhrungen in Kirchen â etwa in der Jakobskirche in Ljubljana â entfaltet diese Musik eine eindringliche, kontemplative Wirkung, die zwischen Passion, Trauermusik und stiller Auferstehungshoffnung vermittelt. In dieser AuffĂŒhrung verwendet der Chor eine historisch orientierte lateinische Aussprache, wie sie in der mittelalterlichen und frĂŒhneuzeitlichen Kirchenmusik ĂŒblich war. Lateinischer Text Ecce quomodo moritur iustus et nemo percipit corde. Viri iusti tolluntur et nemo considerat. A facie iniquitatis sublatus est iustus et erit in pace memoria eius. In pace factus est locus eius, et in Sion habitatio eius, et erit in pace memoria eius. Deutsche Ăbersetzung Siehe, wie der Gerechte stirbt, und niemand nimmt es sich zu Herzen. Gerechte Menschen werden hinweggenommen, und niemand bedenkt es. Vor dem Angesicht der Bosheit ist der Gerechte weggenommen, und sein GedĂ€chtnis wird in Frieden sein. In Frieden ist seine StĂ€tte bereitet, und auf Sion ist seine Wohnung, und sein GedĂ€chtnis wird in Frieden sein. Seitenanfang Jacobus Gallus Jean-Philippe Rameau (1683â1764): âForĂȘts paisiblesâ aus Les Indes galantes â Magali LĂ©ger, Laurent Naouri, Les Musiciens du Louvre, Marc Minkowski In diesem Konzertmitschnitt entfaltet sich eines der poetischsten und zugleich charakteristischsten Bilder des französischen Barock: der Rondeau âForĂȘts paisiblesâ aus der vierten EntrĂ©e Les Sauvages von Jean-Philippe Rameaus Les Indes galantes, jenem 1735 uraufgefĂŒhrten OpĂ©ra-ballet, das wie kaum ein anderes Werk die weite Fantasie- und Ideallandschaft des französischen 18. Jahrhunderts eröffnet. Der Ausschnitt wird von der Sopranistin Magali LĂ©ger (* 1976) und dem Bariton Laurent Naouri (* 1964) gemeinsam mit Les Musiciens du Louvre, geleitet von Marc Minkowski (* 1962), mit einer Feinheit und Klangkultur gestaltet, die den besonderen Geist dieser Musik vollkommen zur Geltung bringt. Les Indes galantes trĂ€gt seinen poetischen Kern nicht in dramatischer Zuspitzung, sondern in der Kraft der Bilder und Stimmungen. Die Oper besteht aus einem Prolog und vier in sich geschlossenen EntrĂ©es, die jeweils exotische SchauplĂ€tze in symbolischer Ăberhöhung darstellen. Die vierte EntrĂ©e, Les Sauvages, spielt in Nordamerika, und sie ist zugleich jene, in der Rameau die Vorstellung des ânatĂŒrlichen Menschenâ am eindringlichsten musikalisch formt. In einer Welt, die im Pariser 18. Jahrhundert von gesellschaftlicher RivalitĂ€t, höfischer GlĂ€tte und sozialen Masken geprĂ€gt war, steht dieser Abschnitt fĂŒr ein Gegenbild â fĂŒr eine Natur, die reine Empfindung erlaubt und die verletzliche Harmonie des Herzens schĂŒtzt. https://www.youtube.com/watch?v=RKvd4tMkFHc Genau hier setzt der Rondeau âForĂȘts paisiblesâ an. Zima und Adario besingen gemeinsam die friedliche Ruhe der WĂ€lder, deren Stille und Klarheit kein eitler Wunsch zu stören vermag. In diesen Versen verdichtet sich das zentrale Ideal der EntrĂ©e: dass wahres GlĂŒck dort entsteht, wo Ă€uĂere Ambitionen schweigen und wo die Natur selbst den Takt eines einfachen, aber vollkommenen Lebens vorgibt. Die Stimmen von LĂ©ger und Naouri verweben sich in einem beinahe schwerelosen Dialog, der von Minkowskis Ensemble mit zarter Bewegtheit getragen wird. Die Musik bleibt stets im Schwebezustand zwischen Tanz und Arie â leicht, atmend, durchsichtig â und wirkt dadurch wie ein musikalischer Atemzug, der aus einer Welt jenseits der höfischen Manieriertheit stammt. Der Chor der âSauvagesâ ĂŒbernimmt die Worte der beiden Solisten und verstĂ€rkt sie zu einem ruhigen, aber eindrucksvollen Klangbild. Rameau zeichnet diesen Moment nicht als exotische Kulisse, sondern als moralische Landschaft. Seine Musik erhebt keinen Anspruch auf ethnographische Echtheit, sondern entfaltet ein französisches Ideal: die Suche nach Unschuld, Frieden und natĂŒrlicher Reinheit. Dass dieses IdealmusikstĂŒck zugleich in einer EntrĂ©e endet, deren Abschluss die berĂŒhmte âDanse du Grand Calumet de la Paixâ bildet â spĂ€ter oft einfach âDanse des Sauvagesâ genannt â, unterstreicht die dramaturgische Idee, dass Fest, Tanz und Harmonie untrennbar zusammengehören. In der Interpretation Minkowskis, eines der prĂ€genden Dirigenten der historisch informierten AuffĂŒhrungspraxis in Frankreich, wird diese Szene zu einer lĂ€ngst vergangenen, aber vollkommen gegenwĂ€rtigen Vision. Les Musiciens du Louvre verleihen dem Rondeau jene Eleganz und Klarheit, die Rameaus Klangsprache auszeichnet: die feine Feder der Traversflöten, die warmen Bordunfarben der Streicher, das perlende Spiel der Oboen und das genaue, nie ĂŒberzeichnete rhythmische Fundament. Nichts drĂ€ngt sich vor; alles fĂŒgt sich zu jenem musikalischen GefĂŒge, das Rameaus BĂŒhnenstil seit jeher auszeichnet â ein Tanz, der atmet, und eine Melodie, die sich aus Licht und Luft zu formen scheint. Der Rondeau âForĂȘts paisiblesâ ist nicht nur einer der bekanntesten, sondern auch einer der tiefsten Momente in Les Indes galantes. Er zeigt, wie Rameau jenseits Ă€uĂerer Effekte eine innere Welt erschafft â eine Welt, in der GlĂŒck, Natur und Wahrheit miteinander verschmelzen. Die hier eingefangene Interpretation besitzt jene Mischung aus Zartheit und innerer Ruhe, die die besten Darbietungen französischer Barockmusik auszeichnet, und ist zugleich ein ideales Beispiel dafĂŒr, wie Konzert und BĂŒhne sich berĂŒhren können, ohne einander zu widersprechen. Sie lĂ€sst einen Ort entstehen, an dem Musik das Versprechen eines friedlichen Waldes tatsĂ€chlich einlöst. Deutsche Ăbersetzung Zima, Adario Friedliche WĂ€lder, niemals stört ein eitler Wunsch hier unsere Herzen. Sind sie empfĂ€nglich fĂŒr GefĂŒhle, so kommt das GlĂŒck nicht als Preis deiner Gunst, o Fortuna. Chor der âWildenâ Friedliche WĂ€lder, niemals stört ein eitler Wunsch hier unsere Herzen. Sind sie empfĂ€nglich fĂŒr GefĂŒhle, so kommt das GlĂŒck nicht als Preis deiner Gunst, o Fortuna. Zima, Adario In unseren stillen RĂŒckzugsorten soll GröĂe niemals erscheinen und ihre trĂŒgerischen Reize bieten. Himmel, du hast sie geschaffen fĂŒr Unschuld und fĂŒr den Frieden. Lasst uns in unseren ZufluchtsstĂ€tten die stillen GĂŒter genieĂen. Ach â kann man glĂŒcklich sein, wenn im Herzen schon andere WĂŒnsche entstehen? Seitenanfang Jean-Philippe Rameau Eine Einladung auf eine musikalische Pilgerreise nach Italien, auf den Spuren von Francesco Petrarca (1304 - 1374) und Dante Alighieri (1265 â 1321), gefĂŒhrt durch den jungen koreanischen Pianisten, der schon mit 16 Jahren die Tiefe der Seele von Liszt erreicht hat. (Ein ganzes Konzert) Franz Liszt (1811 - 1886): "AnnĂ©es de pĂšlerinage" (Pilger Jahre), "DeuxiĂšme annĂ©e: Italie" (Das zweite Jahr: Italien), S.161, S.162/2 und S.158, komponiert ca. 1839 â 1846, veröffentlicht 1846 Klavier: Yunchan Lim (* 2004) â der Pianist aus SĂŒdkorea ist 16 Jahre alt (Oktober 2020) https://www.youtube.com/watch?v=GFjtI3ggpFc 00:00 Titel 00:09 Sposalizio â VermĂ€hlung â nach Raffaels GemĂ€lde âVermĂ€hlung MariĂ€â (S.161/1) 07:38 Il penseroso â Der Nachdenkliche â nach einer Statue Michelangelos in der Florentiner Medici-Kapelle (S.161/2) 11:43 Canzonetta del Salvator Rosa (S.162/2) 14:17 Sonett 47 von Petrarca (S.158/1) 20:08 Sonett 104 von Petrarca (S.158/2) 26:46 Sonett 123 von Petrarca (S.158/3) 33:37 Nach der LektĂŒre von Dante (âDante-Sonateâ), Fantasie quasi Sonate (S.161/7) Der Titel "AnnĂ©es de pĂšlerinage" bezieht sich auf Goethes berĂŒhmten Entwicklungsroman "Wilhelm Meisters Lehrjahre". Wie Wilhelm Meister seinen Charakter auf seiner Reise entwickelt, nimmt der Komponist Liszt seine Reiseerfahrungen zum Anlass fĂŒr neue Kompositionen. Mehrfach zitiert Liszt Byrons "Childe Haroldâs Pilgrimage". Er knĂŒpft aber auch an andere Autoren an, wie Dante, Petrarca, Schiller oder Senancour. Aufnahme: Kumho Art Hall, Theater in Seoul, SĂŒdkorea, 29. Oktober 2020 Seitenanfang Franz Liszt Josquin Desprez (* nach 1450 â â am 27. August 1521): "La dĂ©ploration de Jehan Ockeghem" âLa dĂ©ploration de Jehan Ockeghemâ, auch bekannt unter dem Anfangsvers âNymphes des boisâ, ist Josquin Desprezâ ergreifende Totenklage auf den Tod seines verehrten Lehrers und VorgĂ€ngers Johannes Ockeghem (* nach 1420 â â 6. Februar 1497). https://www.youtube.com/watch?v=2on2P7syDzQ Das Werk zĂ€hlt zu den bedeutendsten musikalischen TrauerstĂŒcken der Renaissance und ist ein SchlĂŒsselwerk fĂŒr das VerstĂ€ndnis von Josquins persönlichem Stil und seinem SelbstverstĂ€ndnis als Teil einer musikalischen Tradition. Der Text stammt vom Dichter Jean Molinet (1435 - 1507) und ist eine Elegie in französischer Sprache, die in der Form eines poetischen Klagelieds verfasst ist. Josquin vertont diesen Text in einer kunstvollen fĂŒnfstimmigen Motette, wobei er in der unteren Stimme das âRequiem aeternam dona eis, Domineâ als liturgisches Cantus-firmus-Zitat einfĂŒgt. Diese gleichzeitige Verwendung von französischem Trauergedicht und lateinischer Totenmesse ist ein eindrucksvolles Symbol: Die weltliche Trauer wird mit dem kirchlichen Gebet fĂŒr die Verstorbenen verbunden â eine Verbindung von Kultur und Liturgie, von GefĂŒhl und Glaube. Der Text beschwört die Trauer der Musen und Nymphen, die aus den WĂ€ldern herbeieilen, um gemeinsam mit den berĂŒhmten Komponisten jener Zeit â namentlich Agricola, CompĂšre, Brumel und Josquin selbst â den Tod Ockeghems zu betrauern. Die Verse sind reich an poetischen Bildern und zugleich sehr konkret im historischen Bezug. Die Musik trĂ€gt diesen Charakter auf subtile Weise: Der Beginn ist ruhig, fast stockend â als mĂŒsse sich die Trauer erst artikulieren. Die Stimmen setzen nacheinander ein und verschmelzen allmĂ€hlich zu einem dichten, klagenden Klangbild. Dabei wird der Cantus firmus des Requiem-Gebets langsam und wĂŒrdevoll durch den Bass gefĂŒhrt â ein musikalisches Fundament der Trauer, auf dem sich die klagenden Stimmen aufbauen. Josquin gelingt in diesem Werk eine tiefe musikalische Empfindung, ohne dass er zu Pathos oder Ăberladenheit greift. Die Kunst der Polyphonie wird hier ganz in den Dienst des Ausdrucks gestellt. Besonders eindrucksvoll ist, wie jede Strophe des französischen Gedichts eine neue klangliche Farbe annimmt â mal eindringlich flehend, mal resignativ, mal fast liturgisch entrĂŒckt. Das Hilliard Ensemble interpretiert diese âDĂ©plorationâ mit groĂer WĂŒrde und Ernsthaftigkeit. Die Stimmen sind sorgfĂ€ltig ausbalanciert, jede Stimme fĂŒgt sich in das groĂe Ganze ein. Paul Hillier lĂ€sst die Musik ruhig atmen, wahrt den zeremoniellen Charakter und bringt zugleich die zarte EmotionalitĂ€t des Werkes zum Leuchten. Der Requiem-Cantus firmus wird dabei mit besonderer ZurĂŒckhaltung hervorgehoben â ein leises, stetiges Gebet unter dem Klang der trauernden Stimmen. Hier ein Ausschnitt aus dem Text von Jean Molinet in Originalsprache und Ăbersetzung. Mittelfranzösisch: "Nymphes des bois, dĂ©esses des fontaines, Chantres experts de toutes nations, Changez vos voix claires et hautaines En cris tranchants et lamentations. Car Atropos, trĂšs terrible satrape, A Ockeghem attrappĂ© en sa trappeâŠ" Deutsch (sinngemĂ€Ă): Nymphen der WĂ€lder, Göttinnen der Quellen, SĂ€nger aus allen LĂ€ndern, wandelt eure hellen und stolzen Stimmen in scharfe Schreie und Klagelieder. Denn Atropos, die grausame, unerbittliche, hat Ockeghem in ihre Falle gelockt, den treuen Diener, der stets bereit war, vor allen anderen seinem Herrn zu dienen. Er ist tot, er ruht in kĂŒhler Erde â der wahre Bass, das Fundament der Musik, der Meister, ohnegleichen in seiner Kunst. Lasst nun Brumel, CompĂšre und Josquin in schwarzem Kleid und mit Trauerflor die Totenmesse singen, die er selbst verfasste. Sie sollen ihre Stimmen senken und in TrĂ€nen den groĂen Ockeghem beweinen. Er ist dahin â unser Licht, unser Stern. Musik, du wirst ihn nie ersetzen. Möge Gott seine Seele in Frieden ruhen lassen. Amen. âLa dĂ©ploration de Jehan Ockeghemâ ist ein musikalisches Denkmal â nicht nur ein persönlicher Abschied Josquins von seinem Lehrer, sondern ein Ausdruck von KontinuitĂ€t, von musikalischer BrĂŒderlichkeit und spirituellem Respekt. Es ist das feierliche Finale dieser CD â und zugleich ein stilles Gebet fĂŒr die Toten. CD The Hilliard Ensemble, Josquin Desprez â Motets und Chansons, Leitung: Paul Hillier (* 1959), Label: EMI Reflexe (oder auch Ausgabe ĂŒber Virgin Veritas), Erstveröffentlichung: 1983 / 84, Aufnahme vom 14.â16. Februar 1983 im Temple Church, London, Track 13 Seitenanfang Josquin Desprez John Browne (* 1453 â â nach 1505): Salve Regina Unter den Werken des berĂŒhmten Eton Choirbook nimmt John Brownes monumentales Salve Regina eine herausragende Stellung ein. Diese Marienantiphon, wahrscheinlich um 1490 entstanden, zĂ€hlt zu den eindrucksvollsten Beispielen englischer Polyphonie an der Schwelle zwischen Mittelalter und Renaissance. Browne, der vermutlich mit dem Magdalen College in Oxford verbunden war und spĂ€ter als âgentlemanâ der Chapel Royal diente, gehört zu jener Generation englischer Komponisten, die den klanglichen Reichtum und die spirituelle Glut der spĂ€tgotischen Kathedralmusik auf ihren Höhepunkt fĂŒhrten. https://www.youtube.com/watch?v=9b5Vlba9Oj0 Das Salve Regina ist sechsstimmig angelegt (SSATTB) und zeigt in exemplarischer Weise die fĂŒr den Eton Choirbook typische klangliche Pracht: ein dichtes, fast schwebendes Gewebe aus langen melismatischen Linien, die sich kunstvoll verschrĂ€nken und doch immer auf die Wortausdeutung bezogen bleiben. Browne verbindet hier die hohe Kunst kontrapunktischer Beherrschung mit einer ausgeprĂ€gt expressiven, fast mystischen Klangsprache. Der Beginn â âSalve, Regina, mater misericordiaeâ â entfaltet sich in ruhigen, weitgespannten Bögen; die Stimmen treten nacheinander ein, bis sich ein strahlender Gesamtklang formt. Besonders eindrucksvoll ist der Abschnitt âEia ergo, advocata nostraâ, in dem Browne durch weite RegistersprĂŒnge und Wechselwirkungen der Stimmgruppen ein GefĂŒhl demĂŒtiger Anrufung erzeugt. Der Schluss mit âO clemens, O pia, O dulcis Mariaâ steigert sich zu einem geradezu ĂŒberirdischen Klangrausch, in dem sich Kunstfertigkeit und Andacht zu einer Einheit verbinden. Brownes Vertonung ist nicht nur ein liturgisches Gebet, sondern ein klingendes Symbol jener englischen Marienfrömmigkeit, die durch die Reformation bald unterbrochen wurde. Die Musik spiegelt eine Welt, in der Klang als Ausdruck des Göttlichen verstanden wurde â ein Klang, der zwischen Himmel und Erde schwebt. Lateinischer Text Salve, Regina, mater misericordiae, vita, dulcedo, et spes nostra, salve. Ad te clamamus, exsules filii Hevae. Ad te suspiramus, gementes et flentes in hac lacrimarum valle. Eia ergo, advocata nostra, illos tuos misericordes oculos ad nos converte. Et Jesum, benedictum fructum ventris tui, nobis post hoc exsilium ostende. O clemens, O pia, O dulcis Maria. Deutsche Ăbersetzung Sei gegrĂŒĂt, o Königin, Mutter der Barmherzigkeit, unser Leben, unsere SĂŒĂe und unsere Hoffnung, sei gegrĂŒĂt. Zu dir rufen wir, die verbannten Kinder Evas. Zu dir seufzen wir, klagend und weinend in diesem Tal der TrĂ€nen. Wohlan denn, unsere FĂŒrsprecherin, wende deine barmherzigen Augen uns zu. Und Jesus, die gesegnete Frucht deines Leibes, zeige uns nach diesem Exil. O gĂŒtige, o fromme, o milde Maria. Musikalischer Vorschlag Empfohlene Aufnahme: John Browne â Salve Regina The Tallis Scholars, Leitung: Peter Phillips (* 1953) Label: Gimell, aufgenommen 1990 in der Kirche St. Peter and Paul, Salle (Norfolk). Seitenanfang John Browne Henry Purcell (1659â1695): Hear my prayer, O Lord (Höre mein Gebet, o Herr), Z. 15 Gesungen von VOCES8 Henry Purcells kurze, aber ergreifende Motette Hear my prayer, O Lord (Höre mein Gebet, o Herr) gehört zu den eindrucksvollsten A-cappella-Kompositionen der englischen Barockmusik. Der nur achtstimmige Satz auf den ersten Vers von Psalm 102 nach hebrĂ€ischer ZĂ€hlung (Psalm 101 in der Vulgata) â âHear my prayer, O Lord, and let my crying come unto theeâ (âDomine, exaudi orationem meam, et clamor meus ad te veniatâ â âHöre mein Gebet, o Herr, und lass mein Rufen zu dir kommenâ) â ist ein Musterbeispiel fĂŒr Purcells FĂ€higkeit, mit wenigen Mitteln eine auĂerordentliche emotionale Spannung zu erzeugen. Entstanden vermutlich um 1682, also in der Zeit, als Purcell als Organist an der Chapel Royal wirkte, entfaltet das Werk eine klangliche Dichte, die weit ĂŒber seine KĂŒrze hinausgeht. https://www.youtube.com/watch?v=OISUntqbXvc Der Aufbau ist streng linear: Von einem anfĂ€nglich schlichten, beinahe flehenden Beginn (âHear my prayerâ) aus verdichtet sich die Polyphonie schrittweise zu einem erdrĂŒckenden KlanggefĂŒge. Purcell verzichtet dabei fast vollstĂ€ndig auf Kadenzierungen oder rhythmische Entlastungen. Stattdessen steigern sich die Stimmen in eng gefĂŒhrten Dissonanzen (âand let my crying come unto theeâ â âund lass mein Rufen zu dir kommenâ), die eine beklemmende IntensitĂ€t erzeugen und das Wort âcryingâ gleichsam hörbar machen. Die Spannung kulminiert in einem expressiven Höhepunkt, der sich erst am Ende in einen schweren, resignativen Schlussakkord auflöst. Musikwissenschaftlich ist bestĂ€tigt, dass das Werk unvollendet geblieben sein könnte. Der erhaltene Autograph befindet sich in der British Library (Add. MS 30930) und bricht genau nach diesem einzigen Vers ab. Mehrere Forscher â unter anderem Peter Holman (* 1946) und Bruce Wood (* 1944) â vermuten, dass Purcell ursprĂŒnglich eine vollstĂ€ndige Vertonung des gesamten Psalms oder mehrerer Verse beabsichtigte. Holman, Professor emeritus an der University of Leeds und Spezialist fĂŒr englische Musik des 17. Jahrhunderts, verweist auf die untypisch monumentale Anlage des Werkes im VerhĂ€ltnis zu seinem geringen Textumfang. Bruce Wood, ebenfalls Professor emeritus und langjĂ€hriger Herausgeber der Purcell Society Edition, sieht darin ein Anzeichen dafĂŒr, dass Hear my prayer, O Lord als Einleitung zu einem gröĂeren liturgischen Zyklus gedacht gewesen sein könnte. DafĂŒr sprechen die ungewöhnlich monumentale Anlage des Beginns, die schrittweise Erweiterung des Stimmgeflechts und die fehlende Kadenz am Schluss. Gleichwohl wirkt die Komposition in ihrer heutigen Gestalt vollkommen abgeschlossen â eine in sich geschlossene, architektonisch vollkommene Miniatur von ĂŒberwĂ€ltigender Ausdruckskraft. Musikhistorisch betrachtet steht Hear my prayer, O Lord (Höre mein Gebet, o Herr) in der Tradition der anglikanischen Anthem, greift aber harmonisch und expressiv bereits weit in das 18. Jahrhundert voraus. Purcell verbindet hier den strengen Satz der alten englischen Kathedralmusik mit einer zutiefst persönlichen, fast opernhaften ExpressivitĂ€t. Man hat dieses Werk oft als âMiniatur eines Oratoriumsâ bezeichnet â eine Verdichtung des Gebets in reine Klangsprache. In der Interpretation von VOCES8 offenbart sich die ganze spirituelle Wucht dieser Komposition. Der Ensembleklang bleibt dabei transparent und kontrolliert, jede Dissonanz wird als Ausdruck seelischer Spannung hörbar gemacht. Das Ensemble gestaltet die Steigerung von der stillen Bitte (âHear my prayerâ) bis zum eruptiven Ausbruch (âand let my crying come unto theeâ) mit geradezu architektonischer PrĂ€zision. Besonders eindrucksvoll ist die Reinheit der Intonation im dichten, clusterartigen Mittelteil, die den Schmerz des Textes in fast ĂŒberirdische Klangreinheit verwandelt. Ein Werk von kaum vier Minuten Dauer â und doch ein Abgrund aus Klang und Empfindung. Purcells Hear my prayer, O Lord (Höre mein Gebet, o Herr) ist weniger ein Gebet als ein Aufschrei der Seele, der im Schweigen verhallt. Originaltext (Psalm 102:1 nach hebrĂ€ischer ZĂ€hlung / Psalm 101:2 in der Vulgata): Hear my prayer, O Lord, and let my crying come unto thee. Lateinische Fassung (Vulgata): Domine, exaudi orationem meam, et clamor meus ad te veniat. Deutsche Ăbersetzung: Höre mein Gebet, o Herr, und lass mein Rufen zu dir kommen. Seitenanfang Henry Purcell Der Hurrianische Hymnus Nr. 6 an Nikkal â die Ă€lteste notierte Musik der Welt Die Ă€lteste vollstĂ€ndig rekonstruierbare MusikĂŒberlieferung der Menschheit stammt nicht aus Ăgypten oder Griechenland, sondern aus dem bronzezeitlichen Ugarit, dem heutigen Ras Schamra an der syrischen MittelmeerkĂŒste. Dort entdeckten ArchĂ€ologen in den 1950er Jahren eine Gruppe von rund drei Dutzend Tontafeln mit Keilschriftinschriften in hurritischer Sprache. Eine dieser Tafeln, heute im Nationalmuseum von Damaskus aufbewahrt, enthĂ€lt den sogenannten Hurrianischen Hymnus Nr. 6 an die Göttin Nikkal, der um 1400 v. Chr. entstanden ist. Sie gilt als die Ă€lteste weitgehend vollstĂ€ndige musikalische Notation der Welt. Die drei BruchstĂŒcke der Tafel (Katalognummern RS 15.30, 15.49 und 17.387) wurden zunĂ€chst getrennt inventarisiert, bevor sie der französische Hethitologe Emmanuel Laroche (1914â1991) als zusammengehörig erkannte und 1955 sowie 1968 publizierte. In seinem Korpus der Textes hourrites en cunĂ©iformes syllabiques trug er sie als h.6 ein. Der Hymnus ist Nikkal, der Gemahlin des Mondgottes, gewidmet und verbindet poetischen Text mit einer Reihe musiktheoretischer Anweisungen. Der Aufbau der Tafel folgt einer klaren Ordnung: Oben steht der vierzeilige hurritische Liedtext, darunter â durch eine Doppellinie abgesetzt â finden sich akkadische Zeichenkombinationen aus Intervallbezeichnungen und Zahlen. Eine einfache Abschlusslinie trennt den sogenannten Kolophon, der in akkadischer Sprache lautet: âDies ist ein Lied in der nitkibli-Stimmung, ein zaluzi [= Kultgesang]; niedergeschrieben von Ammurabi.â Der Schreiber trĂ€gt einen semitischen Namen, der Komponist, dessen Name bei anderen Tafeln ĂŒberliefert ist, bleibt hier unbekannt. Die Bezeichnungen in der Notation gehören zu einem System, das bereits aus Ă€lteren babylonischen musiktheoretischen Texten bekannt ist. Sie beziehen sich auf Intervalle zwischen bestimmten Saiten eines neunsaitigen Instruments, wahrscheinlich einer Lyra. Die âStimmungâ (nitkibli bzw. nid qabli â âFall der Mitteâ) definiert die spezifische Tonordnung, innerhalb derer gespielt wurde. Somit reprĂ€sentiert der Hymnus nicht nur einen Kultgesang, sondern auch eine angewandte Theorie der Tonbeziehungen, deren Terminologie Jahrhunderte vor der griechischen Musiktheorie ausgeprĂ€gt war. Seit den 1970er Jahren bemĂŒhten sich verschiedene Forscherinnen und Forscher um eine Ăbertragung der Zeichen in moderne Notenschrift. David Wulstan (1937â2017) interpretierte die Zeichenfolgen zunĂ€chst als konkrete Tonhöhenabfolge. Anne Draffkorn Kilmer (geb. 1928), amerikanische Assyriologin, schlug 1974 eine alternative Lesart vor, bei der die Silben des Textes mit den Zahlenwerten der Notation synchronisiert wurden. Sie deutete die Einheiten als Dyaden â ZweiklĂ€nge aus einer gesungenen und einer instrumentalen Stimme. Marcelle Duchesne-Guillemin (1910â2017), belgische Musikologin und Orientalistin, kritisierte Kilmers Deutung und legte 1984 eine eigene Rekonstruktion vor, die sich stĂ€rker an der mesopotamischen Stimmungstheorie orientierte und Parallelen zu spĂ€teren syrisch-chaldĂ€ischen GesĂ€ngen herstellte. Manfried Dietrich (geb. 1935) und Oswald Loretz (geb. 1935) ĂŒberprĂŒften 1975 die Lesung der Zeichen philologisch. Weitere BeitrĂ€ge stammen von Hans Gustav GĂŒterbock (1908â2000), der den musikalischen Charakter der Texte als Erster erkannte, sowie von Hans-Jochen Thiel (1932â1994) und Theo J. H. Krispijn (geb. 1946), die die Textstruktur und den Sprachgebrauch neu analysierten. Eine umfassende musiktheoretische Neubewertung erfolgte 1994 durch den britischen Klassischen Philologen Martin L. West (1937â2015), der die Terminologie der babylonischen Intervalllehre systematisch mit der Notation von h.6 verglich. Aus musikwissenschaftlicher Sicht ist entscheidend, wie man den Status dieses StĂŒckes bestimmt. Der Hymnus an Nikkal ist keine âMelodieâ im modernen Sinn, die sich einfach eins zu eins auf ein Notensystem des 19. Jahrhunderts ĂŒbertragen lieĂe. Die Tafel dokumentiert vielmehr das Zusammenwirken von kultischer Dichtung, spezialisierter Spielpraxis auf einem neunsaitigen Saiteninstrument und einer systematischen Terminologie fĂŒr Intervalle und Stimmungen. Die Kombination aus lyrischem Text, exakt formuliertem Kolophon und geordneten musikalischen Anweisungen macht h.6 mit guten GrĂŒnden zum Ă€ltesten substantiell vollstĂ€ndig ĂŒberlieferten Werk mit notierter Musik, das wir kennen; alle spĂ€teren Beispiele wie das Seikilos-Epitaph oder die delphischen Hymnen stehen zeitlich mindestens ein Jahrtausend dahinter zurĂŒck und gehören bereits einem anderen kulturhistorischen Horizont an. Dass heutige Einspielungen â wie die von dir genannte Rekonstruktion â sehr unterschiedlich klingen, ist kein Zeichen von Beliebigkeit, sondern Ausdruck der Tatsache, dass die Tafel einen Rahmen vorgibt, innerhalb dessen mehrere plausible Lesarten möglich sind. Jede seriöse Interpretation muss offenlegen, auf welchem Modell von Stimmung, Intervalldeutung und Text-Melodie-Bezug sie beruht und an welchen Punkten sie notwendige Hypothesen einfĂŒhrt. Trotz der unterschiedlichen AnsĂ€tze herrscht heute weitgehende Einigkeit darĂŒber, dass die Tafel einen in sich geschlossenen Kultgesang enthĂ€lt, der aus Text, gesungener Linie und instrumentaler Struktur besteht. Die Kombination aus poetischem Inhalt und musikalischer Anweisung macht den Hymnus Nr. 6 zum Ă€ltesten vollstĂ€ndig ĂŒberlieferten Beispiel bewusster kompositorischer Organisation. Die Tatsache, dass moderne Rekonstruktionen unterschiedlich klingen, spiegelt nicht Unsicherheit, sondern den Reichtum der möglichen Lesarten innerhalb des ĂŒberlieferten Systems wider. In musikhistorischer Perspektive steht der Hymnus an Nikkal am Beginn einer langen Linie, die von den altorientalischen Klangsystemen ĂŒber die griechische Theorie bis zu den mittelalterlichen Modi fĂŒhrt. Er zeigt, dass Musik bereits in der SpĂ€tbronzezeit eine bewusste Struktur, ein eigenes Fachvokabular und eine Verbindung von Religion, Dichtung und Klang besaĂ. Wer diesen Gesang hört, hört nicht bloĂ einen archĂ€ologischen Fund, sondern den frĂŒhesten greifbaren Ausdruck dessen, was Menschen unter âkomponierter Musikâ verstanden haben. Die Musik: https://www.youtube.com/watch?v=tAc2KDNHEw4 Eine plausible Gesangs-Rekonstruktion des Hurrian Hymn Nr. 6 an Nikkal: https://www.youtube.com/watch?v=w8tfBLvlN98 Der in dieser Aufnahme verwendete Text ist authentisch und beruht auf der originalen hurritischen Ăberlieferung, doch die musikalische Umsetzung selbst â also Melodie, Harmonik und Klanggestaltung â ist eine moderne Rekonstruktion, die dem historischen Original nur angenĂ€hert werden kann. Der charakteristische Hintergrundklang gehört nicht zur ursprĂŒnglichen Musik, sondern ist eine zeitgenössische Interpretation Hurrianischer Text (nach Laroche 1968 und Kilmer 1974) tigi ĆĄaĆĄĆĄate uĆĄtamari áž«e ⊠nikkal waĆĄaĆĄĆĄani áž«e ⊠ឫaĆĄĆĄu urukatti ⊠tigi nikkal áž«e ⊠waĆĄaĆĄĆĄani áž«e ⊠ឫaĆĄĆĄu áž«e ⊠ឫe nikkal Diese Transkription folgt der auf den Tontafeln erkennbaren Silbenstruktur; zerstörte Zeichen sind mit Auslassungspunkten markiert. SinngemĂ€Ăe deutsche Ăbersetzung (nach Kilmer, Duchesne-Guillemin, Krispijn) Erhebe, o Göttin Nikkal, deine Stimme, nimm an die Opfergaben, die wir vor dir niederlegen. Fruchtbarkeit spende dem Garten, und lasse die BĂ€ume gedeihen. Segne das Leben des Königs, und empfange unseren Gesang. Diese Ăbersetzung ist nicht wortgetreu im philologischen Sinn, sondern stellt eine rekonstruierte inhaltliche AnnĂ€herung dar. Der Hymnus verbindet offenbar die Bitte um Fruchtbarkeit der ObstbĂ€ume (Nikkal ist die Göttin der GĂ€rten und FrĂŒchte) mit einer kultischen Opferhandlung und der Bitte um göttlichen Schutz. Der hĂ€ufige Wechsel zwischen dem Anruf âáž«e ⊠Nikkalâ (âO Nikkalâ) und Verben der Darbringung oder des Segens weist auf einen rituellen Gesang, vermutlich in einem sakralen Kontext mit Tanz oder Prozession, hin. Die Wiederholung der letzten sieben Silben jeder Zeile am Anfang der nĂ€chsten â ein Verfahren, das Laroche zunĂ€chst als Schreibhilfe, andere Forscher als Refrain interpretierten â könnte eine musikalische Wiederholung markieren. Das Lied dĂŒrfte also strophisch mit Refrain aufgebaut gewesen sein. Quellen und Literatur Emmanuel Laroche: Ugaritica V. Textes hourrites en cunĂ©iformes syllabiques. Mission de Ras Shamra, Paris 1968. Hans Gustav GĂŒterbock: Musical Notation in Ugarit. In: Revue dâAssyriologie 64 (1970), 95â98. David Wulstan: The Earliest Musical Notation. In: Music & Letters 52 (1971), 365â382. Anne Draffkorn Kilmer: The Cult Song with Music from Ancient Ugarit: Another Interpretation. In: Revue dâAssyriologie 68 (1974), 69â82. Manfried Dietrich / Oswald Loretz: Kollationen zum Musiktext aus Ugarit. In: Ugarit-Forschungen 7 (1975), 521â522. Marcelle Duchesne-Guillemin: A Hurrian Musical Score from Ugarit: The Discovery of Mesopotamian Music. In: Sources from Ancient Near East 2/2 (1984), 5â32. Hans-Jochen Thiel: Zur Deutung der hurritischen Lieder aus Ugarit. In: Ugarit-Forschungen 9 (1977), 287â297. Theo J. H. Krispijn: Studies in Hurrian and Urartian Grammar and Lexicon II. Leiden 2001. Martin L. West: The Babylonian Musical Notation and the Hurrian Melodic Texts. In: Music & Letters 75 (1994), 161â179. Seitenanfang Georg Friedrich HĂ€ndel (1685â1759): Dixit Dominus, HWV 232 English Baroque Soloists â Monteverdi Choir Leitung: Sir John Eliot Gardiner (* 1943) Aufnahme: Juni 2014 https://www.youtube.com/watch?v=dS65-ZvUSSM Unter den frĂŒhen Werken Georg Friedrich HĂ€ndels nimmt das Dixit Dominus HWV 232 eine herausragende Stellung ein. Es entstand im Jahr 1707 wĂ€hrend seines Aufenthalts in Rom â jener Zeit, in der der junge, aus Halle stammende Komponist die italienische Sprache, den römischen Kirchenstil und den Glanz des pĂ€pstlichen Barock in sich aufnahm. Die Komposition ĂŒber den 109. Psalm (Dixit Dominus Domino meo: Sede a dextris meis...) gilt als HĂ€ndels erstes vollstĂ€ndig erhaltenes groĂdimensioniertes Chorwerk und ist zugleich ein virtuoses Bekenntnis seiner neuentdeckten Meisterschaft im polyphonen und dramatischen Stil. Die Musik ist von ĂŒberwĂ€ltigender Energie, KĂŒhnheit und Ausdrucksvielfalt. HĂ€ndel verzichtet auf die kontemplative Strenge des stile antico und entfesselt stattdessen eine geradezu theatralische Klangsprache, die bereits den Opernkomponisten erkennen lĂ€sst. Schon der eröffnende Chor Dixit Dominus Domino meo steigert sich zu einem vokalen Sturm von rhythmischer VitalitĂ€t und kontrapunktischer Brillanz. In den anschlieĂenden SĂ€tzen wechselt HĂ€ndel zwischen inniger Empfindsamkeit (Virgam virtutis tuae), strahlender Triumphgeste (Tecum principium in die virtutis tuae) und tief empfundener Andacht (De torrente in via bibet). Dabei zeigt sich der junge Komponist als Erbe der römischen Tradition, wie sie durch Corelli, Alessandro Scarlatti und Colonna geprĂ€gt war, zugleich aber als ein KĂŒnstler von eigenstĂ€ndiger Handschrift, der bereits in diesen Jahren ĂŒber Italien hinauszudenken begann. Das Werk ist in seiner formalen Architektur auĂergewöhnlich dicht gearbeitet. HĂ€ndel lĂ€sst Solistenensembles und Chor in stĂ€ndigem Wechsel agieren, verbindet fugierte Passagen mit homophonen Kulminationen und erreicht im abschlieĂenden Gloria Patri eine ĂŒberwĂ€ltigende Apotheose â eine mehrschichtige Doxologie, die das gesamte Werk in leuchtender C-Dur-Pracht beschlieĂt. Trotz seiner Entstehung im katholischen Rom bleibt das Dixit Dominus kein bloĂes liturgisches StĂŒck, sondern eine leidenschaftliche geistliche Kantate, die den ekstatischen Ausdruck der italienischen Barockkunst in den protestantisch-nordischen Geist HĂ€ndels ĂŒberfĂŒhrt. Sir John Eliot Gardiner, einer der bedeutendsten Vertreter der historisch informierten AuffĂŒhrungspraxis, hat HĂ€ndels Dixit Dominus vielfach interpretiert â stets mit jener elektrisierenden Mischung aus PrĂ€zision, rhetorischer Klarheit und expressiver IntensitĂ€t, die seine Arbeit auszeichnet. Die hier genannte AuffĂŒhrung aus dem Juni 2014 mit den English Baroque Soloists und dem Monteverdi Choir zĂ€hlt zu den eindrucksvollsten modernen Realisationen des Werkes. Sie verbindet vokale Brillanz mit stilistischer Reinheit, das Feuer des jungen HĂ€ndel mit der reifen Erfahrung eines Dirigenten, der diese Musik bis in ihre theologische und emotionale Tiefe hinein versteht. Die Einblendung des deutschen Textes im Video macht dieses Erlebnis noch zugĂ€nglicher: sie fĂŒhrt den Hörer Satz fĂŒr Satz durch das lateinische Original, lĂ€sst die Wucht der Psalmworte im eigenen Sprachraum nachklingen und verdeutlicht, dass HĂ€ndels Musik aus der Verbindung von Text, Glaube und Affekt ihre ĂŒberwĂ€ltigende Wirkung zieht. Seitenanfang Georg Friedrich HĂ€ndel TomĂĄs Luis de Victoria (1548 â 1611): Tenebrae Responsories Ensemble Tenebrae â Leitung: Nigel Short (* 1965) Aufnahme 2012 â Signum Records (SIGCD 301, 2013) Die Responsoria pro Hebdomada Sancta (âResponsorien - AntwortgesĂ€nge - fĂŒr die Heilige Wocheâ) sind Victorias groĂartigste Meditation ĂŒber das Leiden Christi â 18 Vertonungen der nĂ€chtlichen Tenebrae-Offizien des GrĂŒndonnerstags, Karfreitags und Karsamstags, veröffentlicht 1585 in Rom im Rahmen des monumentalen Officium Hebdomadae Sanctae. Jede Gruppe von drei Responsorien gehört zu einem Nocturn des jeweiligen Tages; sie wurden in der Dunkelheit der Nacht gesungen, wĂ€hrend nach und nach die Kerzen gelöscht wurden â Sinnbild fĂŒr das Erlöschen der Welt im Tod des Erlösers. Nigel Short und sein Ensemble Tenebrae haben 2012 diese GesĂ€nge mit beispielhafter Klarheit und glĂŒhender Innerlichkeit aufgenommen. Der Chor singt in reiner Intonation, schlanker Polyphonie und fast körperloser Klangbalance â eine Interpretation, die auf ZurĂŒcknahme statt Effekt zielt und dadurch die tiefe SpiritualitĂ€t dieser Musik freilegt. https://www.youtube.com/watch?v=wcHZAxrnkGk&list=OLAK5uy_nyLmyYK-dP4kOUc01sVjrkO3ondcOv9Z4&index=1 Die Aufnahme gliedert sich in die drei Tage des Triduum Sacrum: GrĂŒndonnerstag â Nocturn II und III Der Verrat und die beginnende Passion. Amicus meus osculi me tradidit signa â âMein Freund hat mir mit einem Kuss das Zeichen des Verrats gegeben.â Ein leises Drama aus schmerzvoller ZĂ€rtlichkeit und innerem Schrecken. Iudas mercator pessimus â Der âschlechteste Kaufmannâ verkauft den Herrn fĂŒr Silber; Victoria formt den Text zu einem unruhig zuckenden Dialog. Unus ex discipulis meis tradet me hodie â âEiner meiner JĂŒnger wird mich heute verraten.â Die Stimmen kreuzen sich in Ă€ngstlicher Verflechtung, Symbol der verwirrten Gemeinde. Eram quasi agnus innocens â âIch war wie ein unschuldiges Lamm.â Ein Lamento von erstaunlicher Stille und Weite. Una hora non potuistis vigilare mecum â âNicht eine Stunde konntet ihr mit mir wachen.â Der Klang verlangsamt sich bis zum Stillstand â MĂŒdigkeit und Verlassenheit. Seniores populi consilium fecerunt â Die Ăltesten beschlieĂen den Tod Jesu; Victoria lĂ€sst die Stimmen in unheilvollem GleichmaĂ kreisen â eine musikalische Vorahnung der Kreuzigung. Karfreitag â Nocturn II und III Das Leiden und Sterben Christi. Tamquam ad latronem existis â âWie gegen einen RĂ€uber seid ihr ausgezogen.â Ein Ausbruch empörter WĂŒrde â Christus wird unschuldig ergriffen. Tenebrae factae sunt â âFinsternis breitete sich aus.â Der Zentralpunkt des Zyklus: scharfe Dissonanzen, lang gehaltene Töne, ein Bild kosmischer ErschĂŒtterung. Animam meam dilectam â âMeine geliebte Seele gab ich den Feinden preis.â Schmerzlich verlöschend, mit unfassbarer ZĂ€rtlichkeit. Tradiderunt me in manus impiorum â âSie haben mich in die HĂ€nde der Gottlosen gegeben.â Eine Klage voll bitterer Wehmut. Iesum tradidit impius summis principibus â âDer Gottlose ĂŒbergab Jesus den Hohenpriestern.â Der Chor schichtet die Linien zu einem kalten Schweigen am Ende. Caligaverunt oculi mei â âMeine Augen sind verdunkelt vor TrĂ€nen.â Der Trauergesang der Mutter, der JĂŒnger, der Kirche. Karsamstag â Nocturn II und III Der Tod und die Grabesruhe â der Beginn der Hoffnung. Recessit pastor noster â âUnser Hirt ist dahingegangen.â Ein Lied der Grabesruhe, ruhig und schwebend. O vos omnes â âO ihr alle, die ihr des Weges zieht, schaut, ob ein Schmerz ist wie mein Schmerz.â Victoria verdichtet das Leiden in zarter Klangtransparenz. Ecce quomodo moritur iustus â âSeht, wie der Gerechte stirbt.â Ein Abschied voll Frieden â die Welt hĂ€lt den Atem an. Astiterunt reges terrae â âDie Könige der Erde erhoben sich gegen den Herrn.â Ein kurzer, ernster Aufschrei vor der Stille. Aestimatus sum cum descendentibus in lacum â âIch bin gezĂ€hlt unter die, die in die Grube hinabsteigen.â Ein fast erstarrtes Lamento, reine Chorpolyphonie ohne Trostakkorde. Sepulto Domino â âNachdem der Herr begraben war.â Die letzte Musik des Officiums: sanftes Verlöschen, ein Hauch von Licht am Rand der Finsternis. Diese Aufnahme des Ensembles Tenebrae unter Nigel Short ist ein Meisterwerk der Gegenwart. Sie verbindet technische Perfektion mit meditativer Innerlichkeit, bewahrt den lateinischen Klang in klarer Aussprache und gestaltet jeden Satz als eigenes geistiges Bild. Wo Harry Christophers (The Sixteen) noch feierlicher und heller klingt, ist Short intimer, mystischer, ernster. Die Stille zwischen den SĂ€tzen wird zum Teil des Gebets. In seiner geschlossenen Gestalt zeigt dieser Zyklus, dass Victoria am Ende des 16. Jahrhunderts die Grenze zwischen Kunst und Andacht aufgehoben hat. Die Tenebrae Responsories gehören zu den kostbarsten SchĂ€tzen der Renaissance, und diese Aufnahme macht ihren stillen Glanz hörbar wie kaum eine andere. Siehe auch TomĂĄs Luis de Victoria : Officium Hebdomadae Sanctae (1585) Seitenanfang TomĂĄs Luis de Victoria Johann Sebastian Bach (1685â1750): Konzert a-Moll fĂŒr vier Cembali und Streicher, BWV 1065 Unter den Konzerten Johann Sebastian Bachs nimmt das a-Moll-Konzert fĂŒr vier Cembali BWV 1065 eine Sonderstellung ein. Es ist das einzige Werk des Komponisten, das gleich vier Soloinstrumente einsetzt, und zugleich ein eindrucksvolles Beispiel fĂŒr seine schöpferische Auseinandersetzung mit dem venezianischen Konzertstil Antonio Vivaldis (1678â1741). Bach ĂŒbernahm als Vorlage Vivaldis Konzert h-Moll fĂŒr vier Violinen und Streicher, RV 580, das 1711 in der Sammlung LâEstro armonico, op. 3, erschienen war â einer jener Zyklen, die den jungen Bach tief beeindruckten und seine Entwicklung als Konzertkomponist nachhaltig beeinflussten. In seiner Weimarer und spĂ€teren Leipziger Zeit studierte Bach Vivaldis Werke intensiv, schrieb sie teils fĂŒr Tasteninstrumente um und machte sie so im deutschen Raum bekannt. Das Konzert BWV 1065 ist dabei weit mehr als eine bloĂe Ăbertragung. Es ist eine Art kompositorischer Dialog zwischen zwei Genies: Bach ĂŒbernimmt die formale Architektur und thematische Substanz des italienischen Originals, verwandelt sie aber durch seinen polyphonen Denkstil, seine harmonische KĂŒhnheit und seine unerschöpfliche kontrapunktische Phantasie in ein Werk eigener Handschrift. Bereits der erste Satz (ohne Tempobezeichnung) zeigt, wie Bach den konzertanten Wechsel von Soli und Tutti in ein dichtes, spannungsvoll verwobenes Gewebe verwandelt. Wo Vivaldi auf klare, virtuos gefĂŒhrte Linien setzt, schafft Bach ein Netzwerk aus imitatorischen EinsĂ€tzen und rhythmischen Ăberlagerungen, das die vier Cembali in einen lebhaften, beinahe orchestralen Dialog treten lĂ€sst. Die Stimmen kreuzen sich, antworten einander, verschmelzen zu einem hellen, flirrenden Klang â ein technisches Wunderwerk und zugleich ein Spiel mit der KlangidentitĂ€t des Tasteninstruments, das hier fast zu atmen scheint. Das Largo in a-Moll (3/4-Takt) steht in starkem Kontrast zu den Ă€uĂeren SĂ€tzen. Hier tritt der expressive, fast gesangliche Charakter des Cembalos hervor. Ăber einem ruhig schreitenden Bass entfalten sich die Stimmen in einem feinen, melancholischen Dialog, der die Empfindsamkeit des mittleren 18. Jahrhunderts bereits vorwegnimmt. Die Musik scheint still zu kreisen, wie in einer kontemplativen Zwiesprache zwischen vier gleichgesinnten Partnern. Das abschlieĂende Allegro (6/8-Takt) bringt den zyklischen Bogen zum Abschluss mit unbĂ€ndiger Energie. Bach gestaltet Vivaldis lebhaften Kehraus mit noch gröĂerer kontrapunktischer Dichte, schĂ€rferer Rhythmik und einer FĂŒlle an harmonischen Wendungen. Er fĂŒgt sogar einen zusĂ€tzlichen Takt ein â eine kleine, aber bedeutende Geste, die das Gleichgewicht des Satzes subtil verĂ€ndert und den musikalischen Verlauf noch spannungsvoller macht. Vergleicht man beide Fassungen, so erscheint Vivaldis Original als ein funkelndes, impulsives Meisterwerk jugendlicher Erfindungskraft, wĂ€hrend Bachs Bearbeitung den reifen Geist eines Komponisten offenbart, der aus dem Material des Italieners ein Kunstwerk von architektonischer Geschlossenheit und geistiger Tiefe formt. Aus dem Konzert der vier Violinen wird ein Konzert der vier Geister â ein klingender Beweis fĂŒr Bachs FĂ€higkeit, fremdes Gedankengut zu verwandeln, zu durchdringen und ihm eine neue Dimension zu geben. Das Konzert BWV 1065 gehört heute zu den faszinierendsten Zeugnissen jener fruchtbaren Begegnung zwischen italienischer VirtuositĂ€t und deutscher Gelehrsamkeit, die das barocke Musikleben so entscheidend prĂ€gte. In Bachs HĂ€nden wird Vivaldis Feuer zu einem kristallklaren, geistvollen Glanz â ein Beispiel dafĂŒr, wie schöpferische Aneignung zur höchsten Form des Respekts werden kann. Johann Sebastian Bach: Konzert a-Moll fĂŒr vier Cembali und Streicher, BWV 1065 Siebe Henstra â Menno van Delft â Pieter-Jan Belder â Tineke Steenbrink, Cembali Netherlands Bach Society, aufgenommen am 16. April 2016 in Utrecht (Ottone) https://www.youtube.com/watch?v=emkJ0A7IfkY In der Aufnahme der Netherlands Bach Society entfaltet sich Bachs Konzert in jener Klangwelt, fĂŒr die es geschaffen wurde â der silbrig funkelnden, zugleich prĂ€zisen Artikulation des Cembalos. Vier Solisten, alle erfahrene Interpreten der historischen AuffĂŒhrungspraxis, treten in einen Dialog, der so sehr von geistiger Wachheit wie von kammermusikalischer Disziplin lebt. Siebe Henstra, Menno van Delft, Pieter-Jan Belder und Tineke Steenbrink gestalten das Zusammenspiel mit vollendeter Klarheit: kein Virtuosenwettlauf, sondern ein fein gewebtes Netz aus Stimmen, das sich mit den begleitenden Streichern zu einer vibrierenden Klangarchitektur verbindet. Der erste Satz wirkt wie ein lebendiges Mosaik: jede Phrase, jeder Einsatz erhĂ€lt Gewicht, und das Wechselspiel der vier Cembali erzeugt ein faszinierendes Flimmern. Im Largo wird die Musik zu einer stillen Zwiesprache â das Instrument, oft als âunempfindlichâ bezeichnet, zeigt hier seine lyrische Seite in zarten, perlenden Linien. Das abschlieĂende Allegro schlieĂlich lĂ€sst die barocke Spielfreude triumphieren: rhythmisch federnd, brillant und mit jener feinen Balance zwischen Strenge und tĂ€nzerischer Leichtigkeit, die typisch ist fĂŒr die beste niederlĂ€ndische Bach-Tradition. Diese Aufnahme ĂŒberzeugt nicht durch Pathos, sondern durch Reinheit, PrĂ€zision und Transparenz. Sie zeigt, dass vier Cembali kein klanglicher Exzess sein mĂŒssen, sondern â in Bachs HĂ€nden â eine polyphone Lichtarchitektur, in der jede Stimme ihren Platz und jede Geste Bedeutung hat. und Johann Sebastian Bach: Konzert a-Moll fĂŒr vier Klaviere und Orchester, BWV 1065 Martha Argerich â Evgeny Kissin â James Levine â Mikhail Pletnev, Klaviere Verbier Festival, 22. Juli 2002 https://www.youtube.com/watch?v=tJ49G2-Chhs Diese legendĂ€re AuffĂŒhrung aus dem Verbier Festival 2002 ist ein Ereignis von ganz anderer Art â eine pianistische Sternstunde. Vier der gröĂten KĂŒnstler unserer Zeit begegnen einander in einem Werk, das ursprĂŒnglich fĂŒr Cembali gedacht war, und verwandeln es in ein Feuerwerk klanglicher Energie und Temperamente. Martha Argerich, Evgeny Kissin, James Levine und Mikhail Pletnev sitzen nebeneinander an vier KonzertflĂŒgeln â eine Konstellation, die schon durch ihre physische Wucht elektrisiert. Was hier entsteht, ist keine historisierende Rekonstruktion, sondern eine Hommage an Bach durch die Sprache des modernen Klaviers. Die kraftvolle SonoritĂ€t der FlĂŒgel lĂ€sst das Werk in orchestraler Pracht erstrahlen, wĂ€hrend die vier Pianisten mit spontaner Lebendigkeit und gegenseitiger Wachheit agieren. Argerichs flackernde ImpulsivitĂ€t trifft auf Kissins PrĂ€zision, Levines dirigierendes Bewusstsein auf Pletnevs aristokratische Gelassenheit â und aus dieser Spannung entsteht ein Rausch aus Bewegung und Klang. Im Largo verlangsamt sich die Zeit: die vier FlĂŒgel verschmelzen zu einem atmenden Organismus, und der Klang erhĂ€lt jene weiche, glĂ€serne Tiefe, die auf dem Cembalo nur zu ahnen ist. Das Allegro hingegen entfesselt VirtuositĂ€t pur â ein musikalischer Dialog auf höchstem Niveau, zugleich festlich, ĂŒbermĂŒtig und kontrolliert. Diese AuffĂŒhrung ist kein Gegenentwurf, sondern eine Verwandlung: Sie beweist, dass Bachs Musik in jedem Jahrhundert neu geboren werden kann â sei es auf Cembali, sei es auf Steinways. Wo die niederlĂ€ndische Aufnahme die Reinheit des barocken Ideals sucht, feiert Verbier die VitalitĂ€t und Freiheit der Moderne. Beide Interpretationen â jede in ihrer eigenen Sprache â zeigen, wie unerschöpflich Bachs Geist bleibt. Seitenanfang Johann Sebastian Bach Jakub JĂłzef OrliĆski (Countertenor) â âAnima Sacraâ Il Pomo dâOro â Leitung: Maxim Emelyanychev Erato / Warner Classics, 2018 https://www.youtube.com/watch?v=pbHFv_m9Jis&list=OLAK5uy_mGm3y_W9jBGcc1na7tvxnvN79dCZWh6v0&index=1 Mit seinem DebĂŒtalbum âAnima Sacraâ hat der polnische Countertenor Jakub JĂłzef OrliĆski (* 1990) ein kĂŒnstlerisches Zeichen gesetzt, das weit ĂŒber den bloĂen Effekt jugendlicher VirtuositĂ€t hinausgeht. Begleitet vom herausragenden Ensemble Il Pomo dâOro unter der Leitung des russischen Dirigenten und Cembalisten Maxim Emelyanychev (* 1988), widmet sich OrliĆski hier geistlichen Arien des 18. Jahrhunderts â Werken von Komponisten, die heute nur selten auf den Konzertpodien zu hören sind. Das Repertoire, aus Archiven und Bibliotheken mit akribischer Sorgfalt zusammengetragen, vereint Namen wie Nicola Fago (1677â1745), Johann David Heinichen (1683â1729), Francesco Feo (1691â1761), Domenico Natale Sarro (1679â1744), Gaetano Maria Schiassi (1698â1754), Johann Adolf Hasse (1699â1783) und Jan Dismas Zelenka (1679â1745). Diese Auswahl offenbart eine bislang kaum beachtete Klangwelt zwischen neapolitanischem SpĂ€tbarock und deutscher Sakraltradition, in der empfindsame LinienfĂŒhrung, kontrapunktische Kunst und vokale VirtuositĂ€t zu einer bewegenden Einheit verschmelzen. OrliĆski gestaltet die Arien mit makelloser Technik, schlankem, silbrig schimmerndem Timbre und einer emotionalen IntensitĂ€t, die das Sakrale zu etwas zutiefst Menschlichem werden lĂ€sst. Besonders eindrucksvoll gelingt ihm dies in Zelenkas ergreifender Arie âSâuna sol lagrimaâ, in der Mitleid und Glauben zu einer einzigen Klage verschmelzen, oder in Schiassis âLâagnelletta timidettaâ, wo zarte Empfindsamkeit und barocke AusdrucksfĂŒlle in vollkommener Balance stehen. Il Pomo dâOro, eines der fĂŒhrenden Ensembles fĂŒr historische AuffĂŒhrungspraxis, erweist sich als idealer Partner: Die Musiker reagieren mit federnder Leichtigkeit, expressiver Dynamik und einem feinen GespĂŒr fĂŒr Farbe und Atmung auf jede vokale Nuance. Unter Emelyanychevs prĂ€ziser und zugleich atmender Leitung entsteht ein kammermusikalischer Dialog von seltener IntensitĂ€t. âAnima Sacraâ â die heilige Seele â ist damit nicht nur ein programmatischer Titel, sondern auch eine kĂŒnstlerische Haltung. Das Album verbindet musikalische Entdeckungsfreude mit spiritueller Innerlichkeit und zeigt, dass auch abseits der bekannten Meisterwerke der Barockzeit eine ganze Welt verborgen liegt: eine Welt, in der die menschliche Stimme als Ausdruck göttlicher Empfindung verstanden wird. Track 1: Komponist: Nicola Fago (1677â1745) Werk: Il Faraone sommerso (Oratorium, Neapel, um 1710) Arie: Alla gente a Dio diletta Deutsche Ăbersetzung: Dem von Gott geliebten Volk wird Hilfe gesandt aus der Höhe. Der Himmel neigt sich voll Erbarmen, und die Hand des Höchsten rettet die Gerechten aus den Fluten der BedrĂ€ngnis. Track 2: Komponist: Nicola Fago Werk: Confitebor tibi Domine (Psalmvertonung, Neapel, um 1715) Satz I: Confitebor tibi Domine Deutsche Ăbersetzung: Ich will dich preisen, o Herr, von ganzem Herzen, vor dem Rate der Gerechten und in der Gemeinde. GroĂ sind die Werke des Herrn, erforschbar fĂŒr alle, die sie lieben. Track 3: Komponist: Nicola Fago Werk: Confitebor tibi Domine Satz II: Memoriam fecit â Escam dedit Deutsche Ăbersetzung: Er hat ein GedĂ€chtnis gestiftet seiner Wunder, gnĂ€dig und barmherzig ist der Herr. Er gibt Speise denen, die ihn fĂŒrchten; fĂŒr immer gedenkt er seines Bundes. Track 4: Komponist: Nicola Fago Werk: Confitebor tibi Domine Satz III: Fidelia omnia mandata ejus Deutsche Ăbersetzung: Treu sind alle seine Gebote, sie stehen fest fĂŒr immer und ewig, geschaffen in Wahrheit und Gerechtigkeit. Track 5: Komponist: Nicola Fago Werk: Confitebor tibi Domine Satz IV: Sanctum et terribile Deutsche Ăbersetzung: Heilig und ehrfurchtgebietend ist sein Name. Der Anfang der Weisheit ist die Furcht des Herrn; klug sind alle, die danach handeln. Sein Lob bleibt ewig bestehen. Track 6: Komponist: Nicola Fago Werk: Confitebor tibi Domine Satz V: Initium sapientiae timor Domini Deutsche Ăbersetzung: Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit; klug sind alle, die danach handeln. Sein Lob bleibt ewig bestehen. Track 7: Komponist: Nicola Fago Werk: Confitebor tibi Domine Satz VI: Intellectus bonus omnibus â Gloria Deutsche Ăbersetzung: Einsicht haben alle, die seine Gebote befolgen; sein Lob bleibt ewig bestehen. Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen. Track 8: Komponist: Nicola Fago Werk: Confitebor tibi Domine Satz VII: Sicut erat in principio â Amen Deutsche Ăbersetzung: Wie es war im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen. Track 9: Komponist: Johann David Heinichen (1683â1729) Werk: Alma Redemptoris Mater, S. 22 (um 1710) Satz I: Alma Redemptoris Mater Deutsche Ăbersetzung: Milde Mutter des Erlösers, du stets offene Pforte des Himmels und Stern des Meeres, komm dem gefallenen Volk zu Hilfe, das sich bemĂŒht, aufzustehen. Du, die du den Schöpfer der Welt zur Geburt gebracht hast und dabei ewig Jungfrau bliebest, nimm dich der SĂŒnder an. Track 10: Komponist: Johann David Heinichen Werk: Alma Redemptoris Mater, S. 22 Satz II: Tu quae genuisti Deutsche Ăbersetzung: Du, die du den Schöpfer geboren hast, und doch ewig Jungfrau geblieben bist, Maria, nimm dich der SĂŒnder an. Track 11: Komponist: Johann David Heinichen Werk: Alma Redemptoris Mater, S. 22 Satz III: Gabrielis ab ore Deutsche Ăbersetzung: Du hast durch Gabriels Botschaft den GruĂ empfangen und den Schöpfer der Welt geboren; erbarme dich unser, bitte fĂŒr uns, o Jungfrau Maria. Track 12: Komponist: DomĂšnec Terradellas (1713â1751) Werk: Dixit Dominus Satz: Donec ponam Deutsche Ăbersetzung: Bis ich deine Feinde hinlege zum Schemel deiner FĂŒĂe. Der Herr wird das Zepter deiner Macht vom Zion her aussenden: Herrsche inmitten deiner Feinde. Track 13: Komponist: Nicola Fago Werk: Tam non splendet sol creatus (Motette, Neapel, frĂŒhes 18. Jahrhundert) Satz I: Tam non splendet sol creatus Deutsche Ăbersetzung: Nicht so hell erstrahlt die erschaffene Sonne, wie das göttliche Licht erglĂ€nzt, das in der Jungfrau wohnt, von der das wahre Licht der Welt geboren wird. Track 14: Komponist: Nicola Fago Werk: Tam non splendet sol creatus Satz II: O nox clara? Deutsche Ăbersetzung: O klare Nacht, die heller leuchtet als der Tag! In deinem Schweigen ward geboren der Herr des Himmels, der der Welt das wahre Licht gebracht hat. Track 15: Komponist: Nicola Fago Werk: Tam non splendet sol creatus Satz III: Dum infans iam dormit Deutsche Ăbersetzung: WĂ€hrend das Kind schon schlĂ€ft, wachen die Engel in Jubelgesang, und die Hirten beten voll Staunen an, denn in der Schwachheit des Fleisches ruht die Macht des Himmels. Track 16: Komponist: Nicola Fago Werk: Tam non splendet sol creatus Satz IV: Alleluia Deutsche Ăbersetzung: Halleluja! Lobpreis und Ehre sei Gott in der Höhe, der uns durch die Geburt seines Sohnes das Licht des Heils geschenkt hat. Halleluja! Track 17: Komponist: Domenico Natale Sarro (1679â1744) Werk: Messa a 5 voci Satz: Laudamus te Deutsche Ăbersetzung: Wir loben dich, wir preisen dich, wir beten dich an, wir verherrlichen dich. Track 18: Komponist: Francesco Feo (1691â1761) Werk: Dies irae Satz: Juste Judex ultionis Deutsche Ăbersetzung: Gerechter Richter der Vergeltung, verleihe mir die Gnade der Vergebung, noch ehe der Tag der Abrechnung kommt. Track 19: Komponist: Jan Dismas Zelenka (1679â1745) Werk: GesĂč al Calvario, ZWV 62 (1735) Arie: Smanie di dolci affetti ⊠Deutsche Ăbersetzung: SehnsĂŒchte sĂŒĂer GefĂŒhle durchdringen mein Herz mit Schmerz und Liebe. Zwischen Furcht und Hoffnung zittert meine Seele, denn die Liebe kĂ€mpft mit dem Leiden, und das Mitleid verzehrt mich ganz. Track 20: Komponist: Jan Dismas Zelenka Werk: GesĂč al Calvario, ZWV 62 (1735) Arie: Sâuna sol lagrima Deutsche Ăbersetzung: Wenn nur eine einzige TrĂ€ne aus mitleidsvollem Herzen flösse, wĂŒrde sie schon genĂŒgen, um den Zorn des Himmels zu besĂ€nftigen. Doch wer kann weinen, wenn Schmerz und Liebe die Seele zugleich bezwingen? Track 21: Komponist: Johann Adolf Hasse (1699â1783) Werk: Mea tormenta, properate! (Arie aus einer Kantate oder Oratorium, Dresden, um 1730) Deutsche Ăbersetzung: Eilt herbei, ihr Qualen, kommt, vollendet mein Leiden! Wenn Schmerz mich töten soll, so sterbâ ich willig â denn mein Herz sehnt sich nach dem Himmel, wo das Leid sich in Trost verwandelt. Track 22: Komponist: Gaetano Maria Schiassi (1698â1754) Werk: Maria Vergine al Calvario (Oratorium, Bologna, um 1730) Arie: Lâagnelletta timidetta Deutsche Ăbersetzung: Wie ein zaghaftes LĂ€mmchen folgt sie den blutigen Spuren des Sohnes, zitternd vor Schmerz und Liebe. Ihr Herz vergeht in Trauer, doch ihr Glaube bleibt standhaft unter dem Kreuz des Herrn. Track 23: Komponist: Francesco Durante (1684â1755) Werk: Messa a 5 voci Satz: Domine Fili unigenite Deutsche Ăbersetzung: Herr, eingeborener Sohn, Jesus Christus, Herr Gott, Lamm Gottes, Sohn des Vaters, du nimmst hinweg die SĂŒnden der Welt, erbarme dich unser. Seitenanfang Jakub JĂłzef OrliĆski Sergei Rachmaninow Sergei Rachmaninow (1873â1943): Klavierkonzert Nr. 2 in c-Moll op. 18 Klavier: Krystian Zimerman (* 1956) Boston Symphony Orchestra, Leitung: Seiji Ozawa (1935â2024) Deutsche Grammophon, Aufnahme: Dezember 2000 https://www.youtube.com/watch?v=DZTAXk2NOdc Rachmaninows Zweites Klavierkonzert gehört zu den unvergĂ€nglichen Meisterwerken der SpĂ€tromantik â ein Werk, das zwischen Melancholie und triumphaler Kraft schwebt. Nach einer tiefen schöpferischen Krise, ausgelöst durch das Scheitern seiner ersten Sinfonie, fand der Komponist mit diesem Konzert zu sich selbst zurĂŒck. Die Entstehung zwischen 1900 und 1901 fiel in eine Zeit, in der Rachmaninow durch hypnotherapeutische Sitzungen mit Dr. Nikolai Dahl (1860â1939) neuen Mut schöpfte â und die Musik dieses Konzerts atmet förmlich den Aufbruch aus Dunkelheit ins Licht. Der eröffnende Satz beginnt ungewöhnlich: mit einer Reihe von geheimnisvoll anschwellenden Akkorden des Solisten, die wie aus der Tiefe des Herzens steigen, bis das Orchester den dramatischen Hauptgedanken entfaltet. Zimerman gestaltet diesen Beginn mit einem idealen Gleichgewicht aus Spannung und innerer Ruhe â kraftvoll, aber nie laut, von einer klanglichen Noblesse, die an groĂe russische Traditionen erinnert. Ozawa und das Boston Symphony Orchestra antworten mit einem satten, fein abgestuften Klangbild, das Rachmaninows weitgespannten Bogen organisch trĂ€gt. Im zweiten Satz, dem Adagio sostenuto, öffnet sich eine der schönsten lyrischen Seiten der gesamten Klavierliteratur. Ăber einem zarten Puls der Streicher schwebt eine melancholische Melodie, die sich mit dem Klavier zu einem stillen Dialog verbindet â voll Sehnsucht und zeitloser Schönheit. Zimermans Anschlag bleibt dabei von gröĂter Delikatesse, jede Phrase ist modelliert wie ein Atemzug. Das Finale schlieĂlich fĂŒhrt vom energischen c-Moll zum strahlenden C-Dur. Hier verschmelzen VirtuositĂ€t und emotionale GröĂe: das heroische Thema, die wogenden Klavierfiguren, das immer wiederkehrende AufbĂ€umen â alles kulminiert in einer Apotheose, die Zimerman und Ozawa mit packender Dramatik, aber auch mit leuchtender Klarheit gestalten. Diese Einspielung gilt als eine der vollkommensten modernen Interpretationen des Werkes. Zimermans makellose Technik, seine Kontrolle ĂŒber Klangfarben und Tempo, sowie Ozawas einfĂŒhlsame, weitrĂ€umige OrchesterfĂŒhrung verbinden sich zu einer Darbietung, die zugleich von Noblesse, Leidenschaft und tiefem Respekt vor der Partitur geprĂ€gt ist. Eine Aufnahme, die Rachmaninows Musik nicht sentimental verklĂ€rt, sondern in ihrer emotionalen Wahrhaftigkeit erstrahlen lĂ€sst â zweifellos hörenswert. Seitenanfang TomĂĄs Luis de Victoria (1548â1611): Requiem a 6 (Officium Defunctorum, 1605) The Tallis Scholars, Leitung: Peter Phillips (* 1953) https://www.youtube.com/watch?v=RI_U6o7tAzk Das Officium Defunctorum, Victorias letztes und vollendetstes Werk, entstand 1603 zum Gedenken an Kaiserin Maria von Ăsterreich (1528â1603), die im Madrider Kloster der Descalzas Reales verstarb. Zwei Jahre spĂ€ter wurde es in Madrid gedruckt und gilt bis heute als Höhepunkt der spanischen Vokalpolyphonie. In dieser sechsstimmigen Totenmesse erreicht Victoria eine einzigartige Verbindung von kontrapunktischer Meisterschaft, innerer Ruhe und spiritueller Klarheit. Keine theatralischen Gesten, keine Ă€uĂeren Wirkungen â nur reine Klangarchitektur, die sich ĂŒber der Erde zu erheben scheint. Die Einspielung der Tallis Scholars unter Peter Phillips gehört zu den eindrucksvollsten und reinsten Interpretationen. Ihre Stimmen verschmelzen zu einem transparenten, schwebenden Gesamtklang, der den meditativen Charakter dieser Musik in vollendeter Form spĂŒrbar macht. In der YouTube-Aufnahme entfaltet sich die erhabene Ruhe des Werkes in feierlicher Klarheit. Text Introitus: Requiem aeternam dona eis, Domine, et lux perpetua luceat eis. Herr, gib ihnen die ewige Ruhe, und das ewige Licht leuchte ihnen. Te decet hymnus, Deus, in Sion, et tibi reddetur votum in Jerusalem: exaudi orationem meam, ad te omnis caro veniet. Dir gebĂŒhrt das Lob, o Gott, auf dem Zion, und dir wird das GelĂŒbde erfĂŒllt in Jerusalem. Erhöre mein Gebet; zu dir kommt alles Fleisch. Kyrie eleison. Christe eleison. Kyrie eleison. Herr, erbarme dich. Christus, erbarme dich. Herr, erbarme dich. Offertorium: Domine Jesu Christe, Rex gloriae, libera animas omnium fidelium defunctorum de poenis inferni et de profundo lacu. Herr Jesus Christus, König der Herrlichkeit, erlöse die Seelen aller verstorbenen GlĂ€ubigen von den Strafen der Hölle und dem tiefen Abgrund. Sed signifer sanctus Michael repraesentet eas in lucem sanctam. Doch der heilige Michael, der BannertrĂ€ger, möge sie in das heilige Licht fĂŒhren. Quam olim Abrahae promisisti et semini eius. Wie du es einst Abraham und seinen Nachkommen verheiĂen hast. Sanctus, Sanctus, Sanctus Dominus Deus Sabaoth. Pleni sunt caeli et terra gloria tua. Hosanna in excelsis. Heilig, heilig, heilig ist der Herr, Gott der Heerscharen. Himmel und Erde sind erfĂŒllt von deiner Herrlichkeit. Hosanna in der Höhe. Agnus Dei, qui tollis peccata mundi, dona eis requiem sempiternam. Lamm Gottes, das du hinwegnimmst die SĂŒnden der Welt, gib ihnen die ewige Ruhe. Communio: Lux aeterna luceat eis, Domine, cum sanctis tuis in aeternum, quia pius es. Das ewige Licht leuchte ihnen, o Herr, mit deinen Heiligen in Ewigkeit, denn du bist barmherzig. Alonso Lobo (1555â1617): Versa est in luctum Diese Motette, 1598 fĂŒr die Exequien von König Philipp II. (1527â1598) komponiert, steht in enger geistiger Verwandtschaft zu Victorias Requiem. Sie erklingt in der Tallis-Scholars-Aufnahme unmittelbar nach dem Lux aeterna und fĂŒhrt das Thema der stillen Klage weiter â schlicht, ergreifend und voller Demut. https://www.youtube.com/watch?v=fZ_FeBMsIlw Text Versa est in luctum cithara mea, et organum meum in vocem flentium. Parce mihi, Domine, nihil enim sunt dies mei. Meine Harfe ist in Klage verwandelt, und mein Spiel in die Stimme der Weinenden. Verschone mich, o Herr, denn ein Nichts sind meine Tage. Responsory: Libera me, Domine, de morte aeterna in die illa tremenda, quando caeli movendi sunt et terra. Dum veneris iudicare saeculum per ignem. Befreie mich, Herr, vom ewigen Tod an jenem schrecklichen Tag, wenn Himmel und Erde beben werden, wenn du kommst, die Welt durch Feuer zu richten. Tremens factus sum ego et timeo, dum discussio venerit atque ventura ira. Dies illa, dies irae, calamitatis et miseriae, dies magna et amara valde. Ich zittere und fĂŒrchte mich, bis das Gericht kommt und der Zorn erscheint. Jener Tag, der Tag des Zorns, des UnglĂŒcks und des Elends, der groĂe und ĂŒberaus bittere Tag. Dona eis requiem. Amen. Gib ihnen die Ruhe. Amen. Diese Aufnahme aus der Kapelle des Merton College in Oxford zeigt The Tallis Scholars unter der Leitung von Peter Phillips auf dem Höhepunkt ihrer Kunst. In vollkommener Intonation, klarer LinienfĂŒhrung und fast ĂŒberirdischer Ruhe wird Victorias Officium Defunctorum zu einem Gebet aus Klang â ein stiller Triumph der Reinheit und ein bleibendes Zeugnis fĂŒr die spirituelle GröĂe der spanischen Renaissance. Seitenanfang Alonso Lobo TomĂĄs Luis de Victoria Festum Omnium Sanctorum Am 1. November, feiert die katholische Kirche das Hochfest Allerheiligen (Festum Omnium Sanctorum), an dem aller Heiligen gedacht wird. Aus diesem Anlass sei an ein erhabenes Werk von Jan Dismas Zelenka (1679â1745) erinnert: die âMissa Omnium Sanctorumâ, ZWV 21, komponiert um 1741 in Dresden. Sie ist Zelenkas letzte vollendete Messvertonung und zeichnet sich durch eine auĂergewöhnliche Tiefe, kontrapunktische Meisterschaft und zugleich bewegende ExpressivitĂ€t aus. In dieser Messe verschmelzen festliche Strahlkraft und innige Frömmigkeit zu einem musikalischen Denkmal des Glaubens â ein wĂŒrdiger Beitrag zum heutigen Hochfest aller Heiligen. https://www.youtube.com/watch?v=RZNYtML_Zrg Genaue Beschreibung - siehe Jan Dismas Zelenka, âMissa Omnium Sanctorumâ, ZWV 21 Seitenanfang Jan Dismas Zelenka Johannes Brahms (1833â1897): âDie Meereâ op. 20 Nr. 3 Text: Wilhelm MĂŒller (1794â1827), nach einer italienischen Vorlage Die frĂŒhe Liedkomposition âDie Meereâ gehört zu jenen Werken, in denen Johannes Brahms die poetische Welt der Romantik mit einer neuen, tief innerlichen Tonsprache verbindet. Entstanden um 1860, also in der Zeit seines reifen Liedschaffens, ist dieses StĂŒck Teil des Opus 20, das ursprĂŒnglich fĂŒr Frauenstimmen mit Klavierbegleitung konzipiert wurde. Der Text stammt tatsĂ€chlich von Wilhelm MĂŒller, dem bekannten Dichter der Schubert-Zyklen Die schöne MĂŒllerin und Winterreise, der hier eine italienische Vorlage in eine zart melancholische, von Sehnsucht und Naturbildern durchzogene Sprache ĂŒbertrĂ€gt. Auf YouTube liegt eine eindrucksvolle Interpretation des Liedes vor, in der Steinaunn Soffia Skjenstadt (Sopran, Island), Judith Thielsen ( Mezzosopran, Deutschland) und Mariana Popova (Klavier, Bulgarien) mit feinem stilistischen GespĂŒr den stillen Zauber dieses Werkes entfalten. Das Wechselspiel zwischen den beiden Frauenstimmen lĂ€sst die Linien ineinanderflieĂen wie Lichtreflexe auf Wasser, wĂ€hrend Popova am Klavier mit gedĂ€mpfter IntensitĂ€t den Atem der See und das unergrĂŒndliche Sehnen des Herzens spĂŒrbar macht. https://www.youtube.com/watch?v=LqQo56vUFkQ Brahms gestaltet das Gedicht âAlle Winde schlafenâ mit feinem Sinn fĂŒr AtmosphĂ€re. Schon die erste Zeile wird von einer weichen, wiegenden Begleitung getragen, die das ruhige Atmen des Meeres suggeriert. Ăber diesem klanglich schimmernden Grund bewegt sich eine schlichte, weit gespannte Melodie, die an ein Wiegenlied erinnert. Das Meer ist hier nicht bedrohlich, sondern ein Gleichnis fĂŒr Ruhe und Einkehr. In den tiefen Registern des Klaviers flieĂt das Wasser trĂ€ge dahin, wĂ€hrend in den hohen Lagen die zarten Wellenlichter des Mondes aufblitzen. Doch Brahms wĂ€re nicht Brahms, wenn diese Ruhe nicht zugleich ein Spiegel innerer Unruhe wĂ€re. Das dritte und vierte Verspaar (âAlles, alles stille / auf dem weiten Meer! / Nur mein Herz will nimmer / mit zu Ruhe gehnâ) bildet den seelischen Wendepunkt des Liedes. Plötzlich bricht das weite Klangbild zusammen, die Harmonik wird dunkler, der Rhythmus stockt, und das bisher friedvolle Meer verwandelt sich in ein Sinnbild des ruhelosen Herzens. In diesen Takten offenbart sich jene psychologische Tiefe, die Brahmsâ Lieder weit ĂŒber die bloĂe Naturstimmung hinaushebt: Das Meer schlĂ€ft â aber der Mensch, der liebt, findet keine Ruhe. Im Schlussabschnitt (âIn der Liebe Fluten / treibt es her und hinâ) erreicht die Komposition ihren emotionalen Höhepunkt. Das Klavier gerĂ€t in Bewegung, die harmonischen Farben verdichten sich, und die Melodie steigt zu einem schmerzlichen Aufschwung an, bevor sie in resignativer MĂŒdigkeit verklingt. Der letzte Vers âbis der Nachen sinktâ endet in einem sanften, aber unerbittlichen Ritardando â ein Gleichnis fĂŒr das Verlöschen der Hoffnung im endlosen Wellenspiel der GefĂŒhle. Die poetische Schönheit von MĂŒllers Text entfaltet sich bei Brahms mit einer fast impressionistischen Klangempfindung, die ihrer Zeit voraus ist. Die âkĂŒhlen Schatten des Abendsâ, das âSchleiertuch der Lunaâ, das âschwebende Wasserâ â all diese Bilder setzt er mit einer Raffinesse um, die sowohl Naturdarstellung als auch seelische Spiegelung ist. Man spĂŒrt in jeder Wendung die Verwandtschaft zu Schumann, doch zugleich auch Brahmsâ unnachahmliche Handschrift: eine kontrollierte Leidenschaft, ein Schmerz, der sich in nobler ZurĂŒckhaltung Ă€uĂert. Der Text "Alle Winde schlafen auf dem Spiegel der Flut; kĂŒhle Schatten des Abends decken die MĂŒden zu. Luna hĂ€ngt sich Schleier ĂŒber ihr Gesicht, schwebt in dĂ€mmernden TrĂ€umen ĂŒber die Wasser hin. Alles, alles stille auf dem weiten Meer! Nur mein Herz will nimmer mit zu Ruhe gehn. In der Liebe Fluten treibt es her und hin, wo die StĂŒrme nicht ruhen bis der Nachen sinkt." Seitenanfang Johannes Brahms Klavierkonzert d-Moll KV 466 Wolfgang Amadeus Mozart (1756â1791): Klavierkonzert d-Moll KV 466 â Mitsuko Uchida (* 1948), Camerata Salzburg (Mozarteum, 2.â4. MĂ€rz 2001, Dirigat und Klavier: Mitsuko Uchida, Veröffentlichung: Deutsche Grammophon 2006) Das Klavierkonzert Nr. 20 in d-Moll KV 466 gehört zu den Werken Mozarts, die einen fast metaphysischen Rang innerhalb seines Schaffens besitzen. 1785 in Wien komponiert und von Mozart selbst am 11. Februar desselben Jahres in der âMehlgrubeâ uraufgefĂŒhrt, markiert es einen entscheidenden Wendepunkt in der Entwicklung des klassischen Konzerts. Das Werk, eines der wenigen Mollkonzerte Mozarts, ist von dramatischer IntensitĂ€t, dĂŒsterer Energie und harmonischer KĂŒhnheit durchzogen, die in der Musikgeschichte bis zu Beethoven nachhallt. Beethoven schĂ€tzte dieses Konzert so sehr, dass er seine eigene Kadenz dazu schrieb â ein Zeichen der tiefen Verehrung, die er fĂŒr Mozarts tragische Tonwelt empfand. https://www.youtube.com/watch?v=yM8CFR01KwQ Der erste Satz, Allegro, eröffnet mit pochenden Synkopen und dunklem, orchestralem Sturm, der unaufhaltsam vorwĂ€rtsdrĂ€ngt. Hier betritt Mozart das Reich des tragischen Dramas, das eher an die Oper als an ein klassisches Konzert erinnert. Das Klavier tritt nicht als bloĂ solistischer Gegenpart, sondern als handelnde Stimme in einem seelischen Dialog auf. Mitsuko Uchida gestaltet diesen Beginn mit jener feinen Balance zwischen Klarheit und Leidenschaft, die ihre Mozart-Interpretationen unverwechselbar macht. Ihr Anschlag ist glĂ€sern, durchsichtig, doch von innerer Glut erfĂŒllt. Die linke Hand bleibt stets federnd und lebendig, nie schwer oder vordergrĂŒndig. Als Dirigentin formt sie das Orchester mit prĂ€ziser Geste und kluger Ăkonomie: die Camerata Salzburg klingt unter ihrer Leitung kammermusikalisch prĂ€zise, ohne HĂ€rte, die Streicher zeichnen kantige Akzente, das Blech bleibt dezent, die HolzblĂ€ser entfalten ihre lyrische Melancholie in feinem Gleichgewicht. Der zweite Satz, Romanze in B-Dur, bildet den emotionalen Gegenpol. In einem fast entrĂŒckten, traumartigen Gesang hebt das Klavier an â ein Moment reiner Innigkeit, wie ein Blick in eine friedvolle, private Welt. Uchida spielt hier mit schwebender Zeitlosigkeit, ihr Legato scheint aus einem Atem zu flieĂen. Der Mittelteil jedoch, in g-Moll, öffnet plötzlich eine dunkle Klage, fast ein Aufschrei des Schmerzes. Diese RĂŒckkehr in Moll ist wie ein Schatten, der den Frieden bedroht, bevor das Hauptthema in verklĂ€rtem Glanz wiederkehrt. In Uchidas HĂ€nden wirkt dieser Moment wie eine spirituelle Reinigung: der Schmerz wird nicht verdrĂ€ngt, sondern in Schönheit verwandelt. Im Finale, Allegro assai, entlĂ€dt sich die angestaute Energie in einem wilden, stĂŒrmischen Rondo. Das Orchester schwingt sich zu dramatischen Akzenten auf, das Klavier antwortet mit schneidender Brillanz. Uchida wahrt auch hier den klaren Kopf einer Architektin, nicht den Gestus einer Virtuosin. Jede Phrase ist geformt, jede dynamische Welle logisch entwickelt. Besonders beeindruckend ist, wie sie das Orchester zu einem lebendigen Atemorgan verschmilzt: kein Gegensatz zwischen Solistin und Ensemble, sondern ein einziger, atmender Körper. Das Finale mĂŒndet in den hellen D-Dur-Schluss, der nach der langen Nacht des d-Moll wie eine Apotheose wirkt â kein billiges Happy End, sondern eine schwer errungene Katharsis. Diese 2001 im Salzburger Mozarteum entstandene Aufnahme gehört zu den exemplarischen Deutungen des Konzerts. Uchida verbindet hier die Erfahrung einer Pianistin, die Mozarts Klangsprache von innen her versteht, mit der SouverĂ€nitĂ€t einer Dirigentin, die die strukturellen Spannungen des Werkes zu gestalten weiĂ. Ihre Lesart ist frei von romantischer Ăberwucherung, aber erfĂŒllt von emotionaler Wahrhaftigkeit. Die Camerata Salzburg begleitet mit durchsichtiger Textur und federnder Rhythmik, jedes Detail ist klar hörbar, jeder Dialog durchsichtig und belebt. Was diese Interpretation besonders auszeichnet, ist ihr Sinn fĂŒr Balance: zwischen Licht und Schatten, zwischen analytischer PrĂ€zision und menschlicher WĂ€rme. Das d-Moll-Konzert wird hier nicht als theatralische Tragödie gespielt, sondern als seelisches Drama, das seine Wahrheit in der Stille des Hörens findet. Man spĂŒrt die Energie einer Musikerin, die nicht zwischen Pianistin und Dirigentin unterscheidet, sondern beide Rollen in einer einzigen geistigen Bewegung vereint. In Mitsuko Uchidas Salzburger Aufnahme offenbart sich Mozart als ein Komponist, der im Leid die Schönheit sucht â und sie findet. Seitenanfang Wolfgang Amadeus Mozart Sinfonia âIl giorno onomasticoâ Antonio Salieri (1750â1825) komponierte seine Sinfonia âIl giorno onomasticoâ im Jahr 1775, wie die autograph ĂŒberlieferte Partitur belegt. Sie trĂ€gt den aufschlussreichen Vermerk âeseguita in un giardino nel mese dâagosto dellâanno suddettoâ â âaufgefĂŒhrt in einem Garten im Monat August des genannten Jahresâ. Damit ist eindeutig festgehalten, dass es sich um eine im Freien veranstaltete Feier handelte, wahrscheinlich ein sommerliches Fest im aristokratischen Rahmen, das dem Namenstag einer bedeutenden Persönlichkeit gewidmet war. Der Titel âIl giorno onomasticoâ â âDer Namenstagâ â verweist auf den festlichen Anlass, wĂ€hrend die Tonart D-Dur, die Besetzung mit Trompeten und Pauken sowie der heitere, reprĂ€sentative Charakter auf eine Feier von besonderem Rang schlieĂen lassen. In diesem Zusammenhang erscheint die Vermutung ĂŒberzeugend, dass Salieri die Sinfonie im Auftrag oder zu Ehren einer adeligen Gönnerin schrieb. Als plausible Adressatin gilt Maria Wilhelmine GrĂ€fin von Thun und Hohenstein (1744â1800), eine der herausragenden MĂ€zeninnen der Wiener Klassik, deren Haus in Wien ein kulturelles Zentrum ersten Ranges war. Die GrĂ€fin stand in enger Verbindung zu Joseph Haydn (1732â1809), Wolfgang Amadeus Mozart (1756â1791) und auch zu Antonio Salieri (1750â1825), den sie schĂ€tzte und förderte. Ihr Namenstag, das Fest MariĂ€ Himmelfahrt am 15. August, fĂ€llt genau in den Zeitraum, den Salieri in seiner Partitur nennt. Ein Gartenkonzert an diesem Tag wĂ€re fĂŒr ihre musikalischen Zirkel ebenso typisch wie standesgemÀà â ein gesellschaftliches Ereignis, bei dem sich Kunst, ReprĂ€sentation und private Frömmigkeit verbanden. Dass Salieri auf eine ausdrĂŒckliche Widmung verzichtete, erklĂ€rt sich durch seine Stellung am Wiener Hof: Als kaiserlicher Komponist verhielt er sich gegenĂŒber adeligen Auftraggebern zurĂŒckhaltend und wahrt in seinen Manuskripten eine gewisse formale Distanz. Gleichwohl zeigt der festlich-helle Tonfall der Sinfonie, dass sie mit besonderer Sorgfalt komponiert wurde â möglicherweise als musikalische Huldigung an eine der einflussreichsten Frauen des Wiener Kulturlebens. Eine direkte Widmung wĂ€re in Salieris Position am Hof zwar unĂŒblich gewesen, doch vieles spricht dafĂŒr, dass er das Werk als âverdeckte Hommageâ an die GrĂ€fin verstand â ein Akt feiner musikalischer Diplomatie, der persönlichen Dank mit höfischer Etikette verband. CD Antonio Salieri, Symphonies Overtures & Variations, London Mozart Players unter der Leitung von Matthias Bamert, Chandos Records, 2001, Tracks 10 bis 13: https://www.youtube.com/watch?v=Wlng-OJnrpQ&list=OLAK5uy_lazCK62stpBcaZW9s2eWrQhYt7BsXIqV4&index=10 In der Einspielung der London Mozart Players unter Matthias Bamert (* 1942), erschienen 2001 bei Chandos Records, entfaltet dieses Werk seine ganze Eleganz und heitere Noblesse. Bamert, der sich mit seiner Reihe Contemporaries of Mozart um die Wiederentdeckung der Wiener Klassik jenseits Mozarts verdient gemacht hat, lĂ€sst die orchestrale Transparenz und die feine Balance zwischen Glanz und Geist besonders plastisch hervortreten. Das Eröffnungs-Allegro spiritoso wirkt wie eine musikalische BegrĂŒĂung der Festgesellschaft, das Andante cantabile entfaltet ein lyrisches Arioso von groĂer Zartheit, und das Presto-Finale schlieĂt mit tĂ€nzerischer Brillanz â ganz im Sinne einer Gartenmusik, die zwischen höfischer WĂŒrde und geselligem VergnĂŒgen schwebt. In dieser Interpretation wird Salieris Il giorno onomastico zu dem, was es wahrscheinlich immer war: eine klingende Hommage an eine âMariaâ von Rang â vielleicht an Maria Wilhelmine von Thun, vielleicht an Maria Theresia selbst â, jedenfalls ein funkelndes Beispiel fĂŒr den Glanz der Wiener Musik im Zeitalter der AufklĂ€rung. Alles spricht dafĂŒr, dass Antonio Salieri seine Sinfonie als Huldigung fĂŒr eine hochgestellte aristokratische Persönlichkeit schrieb â mit gröĂter Wahrscheinlichkeit fĂŒr Maria Wilhelmine GrĂ€fin von Thun und Hohenstein (1744â1800). Die auffĂ€llige Kombination von Datierung, der Vermerk einer AuffĂŒhrung âin un giardino nel mese dâagostoâ, die Tonart D-Dur mit festlichem Trompetenklang, der Anlass eines Namenstages und die nachweisliche NĂ€he Salieris zum Kreis der GrĂ€fin lassen kaum einen anderen Schluss zu. Ihr Namenstag, das Hochfest MariĂ€ Himmelfahrt (15. August), fĂ€llt exakt in den genannten Zeitraum und war im gesellschaftlichen Kalender der Wiener Aristokratie ein Ereignis ersten Ranges. Dass Salieri keine ausdrĂŒckliche Widmung vermerkte, erklĂ€rt sich aus seiner Stellung als kaiserlicher Hofkomponist, der gegenĂŒber adeligen Auftraggebern Diskretion und ZurĂŒckhaltung wahren musste. Eine öffentliche Dedikation an eine GrĂ€fin wĂ€re am Hof Maria Theresias (â 1780) diplomatisch heikel gewesen, da solche Gesten leicht als parteiliche GefĂ€lligkeit hĂ€tten gedeutet werden können. Umso wahrscheinlicher ist, dass Salieri seine Sinfonie als âverdeckte Hommageâ komponierte â ein Werk, das zugleich persönlichen Dank, gesellschaftliche Etikette und musikalische Exzellenz vereinte. Im Licht dieser Indizien erscheint "Il giorno onomastico" nicht als zufĂ€llige Festmusik, sondern als klangvolles PortrĂ€t einer auĂergewöhnlichen MĂ€zenin, deren Salon das geistige Zentrum der Wiener Klassik bildete. Es ist das musikalische Spiegelbild jener Verbindung von WĂŒrde, Anmut und innerer Noblesse, die Maria Wilhelmine von Thun auszeichnete â und damit ein stilles, aber sprechendes Zeugnis der Dankbarkeit Antonio Salieris gegenĂŒber seiner aristokratischen UnterstĂŒtzerin. Seitenanfang Antonio Salieri Am 28. Oktober 1639, starb Stefano Landi Stefano Landi (1587â1639) war einer der bedeutendsten italienischen Komponisten der frĂŒhen Barockzeit, ein Meister des Ăbergangs von der SpĂ€trenaissance zur neuen Ăsthetik des stile moderno. Seine Musik verbindet die expressive Klarheit des römischen FrĂŒhbarock mit der Eleganz höfischer Tanzformen und einer tiefen, oft melancholischen SpiritualitĂ€t. Besonders berĂŒhmt wurde Landi durch seine Oper "Il SantâAlessio" (1632), die zu den ersten groĂen BĂŒhnenwerken mit durchkomponierter Handlung zĂ€hlt und bereits ZĂŒge des musikalischen Dramas trĂ€gt, das wenig spĂ€ter von Monteverdi zur Vollendung gefĂŒhrt wurde. Unter seinen geistlichen und weltlichen Werken nimmt die "Passacaglia della Vita" einen besonderen Platz ein â ein StĂŒck von schlichter, aber durchdringender Schönheit, das seit Jahrhunderten immer wieder neu entdeckt wird. Ihr melancholischer Refrain âBisogna morireâ (âMan muss sterbenâ) macht sie zu einem Memento mori von zeitloser Kraft. Ăber einem sich stetig wiederholenden Bassmotiv entfaltet sich ein gesungener Dialog zwischen Leben und Tod, Ironie und Erkenntnis, Weltlust und VergĂ€nglichkeit. Der gleichförmige Rhythmus der Passacaglia spiegelt den unerbittlichen Lauf des Lebens, wĂ€hrend die ornamentierten Gesangslinien einen schwebenden, fast tĂ€nzerischen Charakter behalten â als wollte der Komponist sagen, dass selbst im Wissen um den Tod das Leben seine Musik nicht verliert. https://www.youtube.com/watch?v=n-p9fLEHckI In der Interpretation des Ensembles Apolloâs Fire unter der Leitung von Jeannette Sorrell (* 1962) â hier in der Aufnahme âPassacaglia della Vitaâ aus dem Album âAllure: The Three Amandasâ â wird dieses Gleichgewicht zwischen barocker Theatralik und existenzieller Innigkeit meisterhaft getroffen. Die amerikanischen Musiker verbinden historische Spielweise mit sinnlicher WĂ€rme und verleihen der Musik einen fast magischen Glanz. Die Stimmen des Vokalensembles The Three Amandas â von leuchtender Klarheit und doch von sanfter Melancholie durchzogen â lassen die Zeilen nicht als Predigt, sondern als poetische Meditation erklingen. Die "Passacaglia della Vita" ist kein bloĂes Lied ĂŒber den Tod, sondern eine Aufforderung zur Achtsamkeit, ein Spiegel barocker Lebensweisheit. Sie erinnert daran, dass die Zeit verrinnt wie der sich wiederholende Bass, dass aber jeder Ton, jede Silbe, jedes Atemholen ein Teil des Tanzes des Lebens ist â und dass man, solange man noch tanzt, wirklich lebt. Vor 386 Jahren, am 28. Oktober 1639, starb Stefano Landi in Rom. Deutsche Ăbersetzung des italienischen Textes "O wie gĂŒtig bist du, du schöne, sanfte Tod! Nicht mehr grausam scheinst du, sondern anmutig und schön. Sterben muss man, sterben muss man. Wer mag da noch Ja sagen, wer mag da noch Nein sagen? Wer mag da noch Ja sagen, wer mag da noch Nein sagen? Sterben muss man, sterben muss man. Das Leben verrinnt, das Leben verrinnt, das Leben verrinnt â und der Tod naht. Sterben muss man, sterben muss man. Alle mĂŒssen sterben, alle mĂŒssen sterben, alle mĂŒssen wir sterben, die einen frĂŒher, die anderen spĂ€ter. Sterben muss man, sterben muss man. Der tapfere Mann, die holde Frau, der Greis und das Kind in der Wiege, der Reiche und der Bettler, der Edle und der Geringe, der Tor und der Weise, der Schöne und der Missgestaltete â sterben muss man, sterben muss man. Und gerade dann, wenn wirâs am wenigsten denken, kommt der Tod und ruft uns â sterben muss man, sterben muss man." Seitenanfang Stefano Landi Joseph-Nicolas-Pancrace Royer âLe Vertigoâ ist eines der brillantesten und zugleich eigenwilligsten StĂŒcke aus dem "Premier livre de piĂšces de clavecin " (1746), der einzigen veröffentlichten Sammlung des französischen Komponisten Joseph-Nicolas-Pancrace Royer (1703â1755). Schon der Titel deutet auf das hin, was den Hörer erwartet: âVertigoâ â der Schwindel, das Taumeln, die Bewegung zwischen Ordnung und Kontrollverlust. In dieser Musik spĂŒrt man den Atem der BĂŒhne, das theatralische Temperament eines Mannes, der in der Oper ebenso zu Hause war wie am Cembalo. Royer, der in Versailles und Paris wirkte und die Königlichen Opern leitete, ĂŒbertrĂ€gt in diesem Werk die Ausdrucksformen des Dramas auf die Tastatur und schafft eine Musik, die gleichermaĂen elegant, kĂŒhn und modern wirkt. https://www.youtube.com/watch?v=8PxZSN-B6uI âLe Vertigoâ steht am Ăbergang von der höfisch-galanten Cembalotradition Couperins zu einer neuen, virtuosen und dramatisch aufgeladenen Schreibweise, wie sie spĂ€ter bei Rameau oder Duphly Gestalt annahm. Das StĂŒck entfaltet sich in unaufhaltsamer Bewegung: krĂ€ftige, oft wiederholte Akkorde, plötzliche dynamische Kontraste und kaskadenartige Figuren schaffen den Eindruck eines musikalischen Wirbelsturms. Zwischen diesen eruptiven Gesten erscheinen ruhigere Passagen, die das Gleichgewicht kurz wiederherstellen, bevor der Strudel der KlĂ€nge den Hörer erneut erfasst. Diese dialektische Spannung zwischen Ruhe und Raserei, zwischen Kontrolle und Ăberschwang, macht den eigentlichen Reiz des StĂŒcks aus. Es ist keine höfische Tanzsuite mehr, sondern ein Caprice mit programmatischem Charakter â eine musikalische Vision des Taumels, des berauschenden Schwindels, der sich zwischen Leidenschaft und Spiel bewegt. In Marco Mencobonis (* 1961) Interpretation auf dem Cembalo wird dieser innere Gegensatz besonders eindrucksvoll erfahrbar. Sein Zugriff ist theatralisch, aber nie ĂŒbertrieben: Die eruptiven Akkordblöcke gewinnen durch prĂ€zise Artikulation plastische SchĂ€rfe, wĂ€hrend die ruhigeren Abschnitte mit einer fast gesanglichen LinienfĂŒhrung gespielt werden. Mencoboni nutzt die Register des Instruments, um die klanglichen Schattierungen der Komposition deutlich hervortreten zu lassen, und verwandelt so die Partitur in eine kleine Szene voller dramatischer Bewegung. Gerade in dieser Darbietung wird spĂŒrbar, dass Royer weniger an dekorativer VirtuositĂ€t interessiert war als an Ausdruck, Bewegung und Gestalt â an jener Musik, die das Gleichgewicht herausfordert, um Schönheit im Moment der ErschĂŒtterung zu finden. Royer selbst, ein Zeitgenosse und gelegentlicher Konkurrent Jean-Philippe Rameaus, zĂ€hlte zu den modernsten Tastenkomponisten seiner Epoche. Seine 1746 gedruckte Sammlung, aus der âLe Vertigoâ stammt, ist zugleich die einzige authentische Quelle seines Cembalowerks â viele andere Kompositionen sind verloren gegangen. Die Druckausgabe zeigt eine ungewöhnlich differenzierte Schreibweise, reich an rhythmischen Feinheiten und klanglichen Effekten. Sie belegt, dass Royer die expressive Kraft des Cembalos in einer Weise auslotete, die ihrer Zeit weit voraus war. Heute gilt âLe Vertigoâ als Musterbeispiel jener französischen Cembalomusik, die nicht mehr im Schatten höfischer Etikette steht, sondern den dramatischen Ausdruck, die Affekte und das Virtuosentum in den Mittelpunkt rĂŒckt. Das Werk ist zugleich Tanz und Drama, Technik und Theater, Form und Ekstase. Es fasziniert, weil es die Balance zwischen Kontrolle und Auflösung wagt â ein musikalisches Sinnbild fĂŒr den Schwindel selbst. In der Interpretation Marco Mencobonis erhĂ€lt dieses StĂŒck seine ganze magnetische Energie zurĂŒck: ein Wirbel aus Klang und Bewegung, der das Ohr fesselt und die Fantasie entzĂŒndet â und ein eindrucksvolles Zeugnis dafĂŒr, dass Pancrace Royer zu den kĂŒhnsten und originellsten Komponisten des französischen Barock gehörte. Seitenanfang Pancrace Royer Solokantate "Filiae Maestae Jerusalem" Antonio Vivaldi (1678â1741): Solokantate "Filiae Maestae Jerusalem", RV 638 â Arie âSileant Zephyriâ Philippe Jaroussky (Countertenor, * 1978) · Ensemble Artaserse Aus der CD Vivaldi: PietĂ . Sacred Works for Alto (Warner Classics/Erato, 2014) https://www.youtube.com/watch?v=zIxXMIie9XI In diesem ergreifenden Werk (âDie betrĂŒbten Töchter Jerusalemsâ), das vermutlich in den frĂŒhen 1720er Jahren wĂ€hrend Vivaldis TĂ€tigkeit am Ospedale della PietĂ in Venedig entstand, offenbart sich die ganze Ausdruckskraft des âprete rossoâ als Schöpfer geistlicher Musik von intensiver Affektgestaltung. Filiae Maestae Jerusalem ist eine Solokantate, in der Vivaldi Schmerz, Demut und innige Glaubensinnigkeit zu einem leuchtenden Klanggebilde verschmilzt. Die Arie âSileant Zephyriâ (âMögen die sanften Westwinde verstummenâ - im poetischen Kontext steht das Bild fĂŒr das Erstarren der Natur im Angesicht des Leidens Christi: selbst die milden LĂŒfte sollen schweigen, wĂ€hrend die Welt trauert) steht im Zentrum des Werkes: eine Meditation ĂŒber den Tod Christi, getragen von elegischer Schönheit und einer geradezu metaphysischen Ruhe. Diese Arie ist eine der eindrucksvollsten Eingebungen Vivaldis im Bereich der geistlichen Musik. In einem langsamen, von zarten Streichern getragenen 12/8-Takt entfaltet sich eine Klanglandschaft voll erhabener Trauer und meditativer Stille. Der Komponist lĂ€sst Naturbilder â Wind, Wasser, Sonne, Mond â erstarren, um das kosmische AusmaĂ des Todes Christi zu verdeutlichen. Das innere Zentrum ist die Frage: âet cor nostrum non frangit vis doloris?â â âund unser Herz zerbricht nicht unter der Wucht des Schmerzes?â Philippe Jaroussky gestaltet diese Musik mit vollkommener Ruhe, feinstem Legato und einer spirituellen IntensitĂ€t, die den Text in reine Klangtranszendenz verwandelt. Die Arie wird so zu einem stillen Gebet, in dem Vivaldis Affektdramatik und Jarousskys Ă€therische Stimme zu einer fast mystischen Einheit verschmelzen. Das Ensemble Artaserse begleitet mit diskreter Noblesse und sensibler Artikulation; jedes Detail â die ruhigen Streicherfiguren, die fein schwebenden Harmonien â fĂŒgt sich in eine AtmosphĂ€re kontemplativer Trauer. Diese Aufnahme zĂ€hlt zweifellos zu den Höhepunkten moderner Vivaldi-Interpretation, nicht zuletzt wegen der Balance zwischen VirtuositĂ€t und Demut, die Jaroussky mustergĂŒltig wahrt. Diese Musik entfaltet sich in feierlicher Stille, als stĂŒnde die Welt fĂŒr einen Augenblick still. Vivaldis Linien atmen Wehmut und Andacht, zugleich kĂŒndigt sich darin das Licht der Auferstehung an. Jarousskys Interpretation erreicht eine Reinheit, die fast ĂŒberirdisch wirkt â ein Gebet in Tönen, das dem Schmerz Gestalt und der Hoffnung Klang verleiht. Lateinischer Text "Sileant Zephyri, rigeant prata, unda amata, frondes, flores non satientur. Mortuo flumine, proprio lumine luna et sol etiam priventur. Sed tenebris diffusis obscuratus est sol, scinditur quoque velum, ipsa saxa franguntur, et cor nostrum non frangit vis doloris? At dum satis non possumus dolere, tu nostri, bone Jesu, miserere." Deutsche Ăbersetzung "Mögen die Zephyre schweigen, mögen die Wiesen erstarren, die geliebten Wasser, BlĂ€tter und Blumen sollen nicht mehr erblĂŒhen. Da der Strom des Lebens versiegt ist, entbehrt selbst der Mond seines Lichtes, und auch die Sonne soll sich verdunkeln. Doch siehe: in verbreiteter Finsternis wird die Sonne verdunkelt, auch der Tempelvorhang zerreiĂt, die Felsen selbst zerspringen â und unser Herz sollte nicht brechen unter der Wucht dieses Schmerzes? Doch da wir nicht genug zu leiden vermögen, erbarm dich unser, gĂŒtiger Jesus." Seitenanfang Antonio Vivaldi Herr, sei nicht mehr zornig William Byrd (um 1540â1623) war einer der bedeutendsten englischen Komponisten der Renaissance und gilt neben Thomas Tallis (um 1505â1585) als BegrĂŒnder der englischen Vokalpolyphonie. Als Katholik im protestantischen England Elisabeths I. (1533â1603, Königin von 1558 bis 1603) fĂŒhrte er ein widersprĂŒchliches Leben: Er war zugleich Komponist des Hofes und ĂŒberzeugter Angehöriger des verfolgten alten Glaubens. Diese Zerrissenheit spiegelt sich in vielen seiner geistlichen Werke wider, insbesondere in den Cantiones sacrae (1589 und 1591), die trotz ihrer lateinischen Sprache und liturgischen Thematik als Ausdruck des inneren Exils und der religiösen Sehnsucht verstanden werden können. Byrds Musik verbindet strenge kontrapunktische Kunst mit einer unvergleichlichen ExpressivitĂ€t, in der jedes dissonante Intervall und jede melodische Wendung seelische Bedeutung gewinnt. Das Werk âNe irascaris Domineâ ("Herr, sei nicht mehr zornig)" entstammt der Sammlung Cantiones sacrae I von 1589 und zĂ€hlt zu Byrds ergreifendsten Kompositionen. Der Text stammt aus dem Buch Jesaja (Jes 64,9â10) und wird als ein Gebet des Exils interpretiert. Es ist kaum zu bezweifeln, dass Byrd in den Worten des Propheten die Situation der englischen Katholiken seiner Zeit wiedererkannte: ein Volk, das seines Gottes beraubt scheint, dessen HeiligtĂŒmer verwĂŒstet und dessen Glaube verboten sind. Die Musik entfaltet sich in ruhiger, kontemplativer Bewegung, doch unter der OberflĂ€che brodelt schmerzhafte Spannung. Der erste Teil (Ne irascaris Domine) ist ein eindringlicher Bittgesang um göttliche Nachsicht; der zweite Teil (Civitas sancti tui) steigert sich zu einer Klage ĂŒber das zerstörte Jerusalem, das Byrd als Symbol der verfolgten Kirche verstand. Das Werk endet in leiser, resignierter Wiederholung des Wortes Jerusalem, als verhallte die Hoffnung in der Ferne. https://www.youtube.com/watch?v=Z-6C46zi0Yg Die Interpretation durch Stile Antico (Harmonia Mundi, 2008) gehört zu den erlesensten Einspielungen dieser Motette. Der Ensembleklang bleibt transparent und atmend, die Stimmen entfalten sich mit fast mystischer Klarheit. Besonders beeindruckend ist die subtile Dynamik, die aus innerer Bewegung entsteht: kein Pathos, sondern kontemplative Trauer â Musik als Gebet im Geheimen. Lateinischer Text Ne irascaris, Domine, satis, et ne ultra memineris iniquitatis nostrae. Ecce, respice, populus tuus omnes nos. Civitas sancti tui facta est deserta. Sion deserta facta est, Jerusalem desolata est. Deutsche Ăbersetzung ZĂŒrne nicht lĂ€nger, o Herr, und gedenke nicht mehr unserer Missetaten. Sieh her und schau: wir sind allesamt dein Volk. Die Stadt deines Heiligtums ist zur WĂŒste geworden. Zion ist verwĂŒstet, Jerusalem liegt in TrĂŒmmern. Diese Motette gehört zu den ergreifendsten Zeugnissen geistlicher Musik der SpĂ€trenaissance. Byrd gelingt es, durch die unaufdringliche IntensitĂ€t seiner Harmonik und die gedĂ€mpfte Bewegung der Stimmen eine AtmosphĂ€re zu schaffen, die zwischen BuĂe und Hoffnung schwebt. In ihr wird Musik zu einer Form des stillen Widerstands â zu einem Akt des Glaubens, der im Klang weiterlebt, wenn das Wort schon verstummt ist. Seitenanfang William Byrd Beata viscera Die Aufnahme auf dem Label Glossa (2012) unter der Leitung von HervĂ© Niquet (* 1957) mit dem Ensemble Le Concert Spirituel stellt einen stilistisch sehr gewichtigen Beitrag zur Renaissancemusik dar, in dem die monumentale Messe Missa sopra Ecco sĂŹ beato giorno von Striggio das Zentrum bildet. Die CD kombiniert diese zentrale Messe mit weiteren religiösen Werken der Renaissance italienischer Herkunft (u. a. von Orazio Benevolo und Francesco Corteccia) und das ergibt ein Programm, das sowohl stilistisch als auch klanglich reichhaltig ist: Man erlebt kleinere Werke zur Einstimmung (z. B. âBeata visceraâ) und steigert sich hin zur spektakulĂ€ren GroĂbesetzung mit 40 bzw. sogar 60 Stimmen in Striggio. https://www.youtube.com/watch?v=Buxu0cE4jLI&list=OLAK5uy_l7RI_lIC7GXOcMx9bMjUGhDdW2hronisY&index=1 Diese CD ist ein musikalisches Ereignis, das den Hörer in die prachtvolle Klangwelt der SpĂ€trenaissance fĂŒhrt. Zentrum des Programms bildet Alessandro Striggios (ca. 1536/37 â 1592) monumentale Missa sopra Ecco sĂŹ beato giorno, eine Messe, die durch ihre auĂerordentliche Besetzung â zunĂ€chst fĂŒr 40, im abschlieĂenden Agnus Dei sogar fĂŒr 60 Stimmen â zu den erstaunlichsten Klangschöpfungen des 16. Jahrhunderts zĂ€hlt. Um dieses kolossale Werk, das an den Florentiner Hof der Medici gebunden ist und als Symbol höfischer Macht und göttlicher Ordnung gelten darf, gruppiert Niquet Kompositionen anderer Meister der italienischen Hochrenaissance â Werke von Orazio Benevolo (1605â1672), Francesco Corteccia (1502â1571) und einem anonymen Meister. Das Ergebnis ist eine dramatisch aufgebaute geistliche Reise, die mit einem schlichten Mariengesang beginnt, sich ĂŒber prachtvolle Psalmvertonungen steigert und in Striggios ĂŒberwĂ€ltigendem Klangdom gipfelt. Den Auftakt bildet das anonyme Beata viscera, ein kurzes, innig leuchtendes StĂŒck marianischer Frömmigkeit, das gleichsam den Ton des ganzen Programms vorgibt. Der Text, vermutlich aus dem 13. Jahrhundert, lautet: Beata viscera Beata viscera Mariae virginis, quae portaverunt aeterni Patris Filium. Alleluia. GlĂŒckselig ist der SchoĂ GlĂŒckselig ist der SchoĂ der Jungfrau Maria, die den Sohn des ewigen Vaters getragen hat. Halleluja. Es ist eine schlichte, fast mystische Verehrung des weiblichen SchoĂes, der das Göttliche in sich trug â eine kontemplative EinfĂŒhrung in das Licht und die Reinheit, die spĂ€ter in Striggios Messe in monumentaler Form wiederkehren. https://www.youtube.com/watch?v=Buxu0cE4jLI&list=OLAK5uy_l7RI_lIC7GXOcMx9bMjUGhDdW2hronisY&index=1 Es folgt Orazio Benevolos Laetatus sum, eine prachtvolle Vertonung des Psalm 121 (122) Laetatus sum in his quae dicta sunt mihi (âIch freute mich, als man mir sagte: Wir ziehen zum Hause des Herrnâ). Der Text, aus der Vulgata ĂŒberliefert, lautet in AuszĂŒgen: Laetatus sum Laetatus sum in his quae dicta sunt mihi: in domum Domini ibimus. Stantes erant pedes nostri in atriis tuis, Ierusalem. Ierusalem, quae aedificatur ut civitas, cuius participatio eius in idipsum. Illuc enim ascenderunt tribus, tribus Domini: testimonium Israel ad confitendum nomini Domini. Ich freute mich Ich freute mich ĂŒber die, die zu mir sagten: Wir ziehen zum Hause des Herrn. Unsere FĂŒĂe stehen in deinen Toren, Jerusalem, du Stadt, wohlgefĂŒgt und fest gefĂŒgt, wohin die StĂ€mme des Herrn hinaufziehen, ein Zeugnis Israels, um den Namen des Herrn zu preisen. Benevolo setzt diesen Text mit jener fĂŒr ihn typischen römischen Pracht um â groĂe Vokalgruppen, festlich im Wechsel, eine Musik, die das Ideal der maestĂ verkörpert. Die Freude, in das Haus Gottes zu treten, wird zu einem leuchtenden Bild sakraler Gemeinschaft. https://www.youtube.com/watch?v=YTN5ddGLESA&list=OLAK5uy_l7RI_lIC7GXOcMx9bMjUGhDdW2hronisY&index=2 Das anschlieĂende Miserere von demselben Komponisten â Benevolos groĂ angelegte BuĂpsalmvertonung nach Psalm 50 (51) Miserere mei Deus â steht in vollkommenem Kontrast dazu. Hier herrscht keine triumphierende KlangfĂŒlle, sondern eine feierliche Demut. Der lateinische Text beginnt: Miserere Miserere mei, Deus, secundum magnam misericordiam tuam: et secundum multitudinem miserationum tuarum dele iniquitatem meam. Amplius lava me ab iniquitate mea, et a peccato meo munda me. Erbarme dich meiner Erbarme dich meiner, o Gott, nach deiner groĂen Barmherzigkeit; und tilge nach der FĂŒlle deiner Erbarmungen meine Missetat. Wasche mich völlig rein von meiner Schuld und reinige mich von meiner SĂŒnde. Benevolo entfaltet daraus eine Musik, die zwischen persönlicher Reue und sakraler Erhebung schwankt â das Bittgebet des Einzelnen wird durch die Vielstimmigkeit zur Stimme der ganzen Menschheit. https://www.youtube.com/watch?v=TCYEdvOrEvU&list=OLAK5uy_l7RI_lIC7GXOcMx9bMjUGhDdW2hronisY&index=3 Francesco Corteccia, der Kapellmeister der Medici, ist mit zwei prachtvollen Psalmvertonungen vertreten: Bonum est confiteri Domino und Gloria Patri. Beide Werke verbinden kontrapunktische Strenge mit einer sanften Helligkeit, die typisch fĂŒr den florentinischen Stil der 1540er Jahre ist. Bonum est confiteri Bonum est confiteri Domino, et psallere nomini tuo, Altissime: ad annuntiandum mane misericordiam tuam, et veritatem tuam per noctem. Gut ist es Gut ist es, dem Herrn zu danken und deinem Namen zu singen, du Höchster, am Morgen deine Gnade zu verkĂŒnden und in der Nacht deine Treue. In Bonum est confiteri zeigt Corteccia eine helle, klare Polyphonie, die sich im Klang allmĂ€hlich öffnet â das Lob Gottes als tĂ€glicher Rhythmus zwischen Licht und Nacht. https://www.youtube.com/watch?v=BkvJknZjnBU&list=OLAK5uy_l7RI_lIC7GXOcMx9bMjUGhDdW2hronisY&index=4 Gloria Patri Gloria Patri, et Filio, et Spiritui Sancto: sicut erat in principio, et nunc, et semper, et in saecula saeculorum. Amen. Ehre sei Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen. Dieses Gloria Patri wird zu einem reinen Klanggebet, dessen zarte Linien sich wie LichtfĂ€den verweben. Corteccia erreicht hier eine meditative Ruhe, die spĂ€ter im monumentalen Striggio ihre ErfĂŒllung findet. https://www.youtube.com/watch?v=b9yf2vwKPjs&list=OLAK5uy_l7RI_lIC7GXOcMx9bMjUGhDdW2hronisY&index=5 Dann beginnt das HerzstĂŒck der CD: Striggios Missa sopra Ecco sĂŹ beato giorno. Der Komponist nimmt als Grundlage ein eigenes Madrigal gleichen Namens, das von einem selig-selbstvergessenen âglĂŒcklichen Tagâ handelt, und verwandelt dessen Musik in eine ausgedehnte Messvertonung. Das Kyrie erhebt sich aus zarten Anrufen â zunĂ€chst acht Stimmen, die wie von weitem ertönen â und wĂ€chst im Gloria zu einer polyphonen Kathedrale aus 40 Stimmen. Jede neue Sektion bringt eine Steigerung der Klangpracht, bis im Agnus Dei III schlieĂlich alle 60 Stimmen gemeinsam erklingen. Diese Musik ist keine bloĂe Demonstration der technischen Möglichkeiten, sondern eine Vision des Himmels: eine Architektur aus Klang, Licht und Glauben. Striggios Messe ist nicht nur ein Monument der Mehrstimmigkeit, sondern auch ein Meisterwerk architektonischer Klangordnung. Ihre Struktur beruht auf fĂŒnf Chören zu je acht Stimmen â SATTB mit Verdopplungen und Varianten â, die Striggio in wechselnder Kombination einsetzt. Diese polychorale Anlage, vermutlich fĂŒr einen weitlĂ€ufigen Kirchenraum wie die Florentiner Kathedrale oder eine reprĂ€sentative Medici-Kapelle gedacht, lĂ€sst die Musik gleichsam kreisen: Klang antwortet auf Klang, Raum auf Raum. Besonders eindrucksvoll ist die Art, wie Striggio den Hörer Schritt fĂŒr Schritt an die gewaltige KlangfĂŒlle heranfĂŒhrt. Im Kyrie wĂ€hlt er eine zurĂŒckhaltende Besetzung â nur ein Teil der Chöre singt â, wodurch der Eindruck eines fernen, sich nĂ€hernden Lichtes entsteht. Erst im Gloria und Credo öffnet sich der gesamte klangliche Horizont: Die Chöre treten in Dialog, spiegeln sich in rhythmisch differenzierten Gruppen, und die Harmonie entfaltet sich ĂŒber einen gewaltigen Ambitus. Der Cantus firmus des Werkes ist eng mit Striggios eigenem Madrigal Ecco sĂŹ beato giorno verbunden, das als thematische Grundlage dient. Aus den sanften melodischen Linien des Madrigals entsteht in der Messe ein zyklisches Geflecht, in dem Motive und rhythmische Figuren ĂŒber die Chöre hinwegwandern. Trotz der immensen Besetzung bleibt die TextverstĂ€ndlichkeit ĂŒberraschend klar â ein Beweis fĂŒr Striggios Erfahrung als Theatermusiker und sein untrĂŒgliches GespĂŒr fĂŒr vokale Balance. Der Höhepunkt liegt im Agnus Dei, wo Striggio die Besetzung von 40 auf 60 Stimmen erweitert â fĂŒnf Chöre zu je zwölf Stimmen. Diese Verdichtung wirkt nicht als Ăbertreibung, sondern als Apotheose: Der Klang scheint sich ĂŒber den Raum hinaus auszudehnen, als wolle er die Grenzen der Akustik sprengen. Davitt Moroney, der das Werk 2005 wiederentdeckte und herausgab, hat gezeigt, dass Striggio eine ungewöhnlich prĂ€zise Architektur der Intervalle entwarf, die auf spiralförmigen Tonbewegungen basiert. So entsteht ein musikalischer Aufbau, der an die Ordnung gotischer Kathedralen erinnert â jede Stimme hat ihre Funktion, jede Linie dient der StabilitĂ€t des Ganzen. Musikalisch gehört die Messe zur gleichen IdeensphĂ€re wie Thomas Tallisâ Spem in alium, das kurz nach Striggios Aufenthalt in England (1567) entstand. Es gilt als nahezu sicher, dass Tallis Striggios Werk kannte und darauf reagierte. Beide Kompositionen teilen das Prinzip der Mehrchörigkeit, doch wĂ€hrend Tallis eine spirituelle Innerlichkeit entfaltet, bleibt Striggio auf majestĂ€tische ReprĂ€sentation gerichtet â seine Messe ist ein Klangdenkmal des Glaubens und der Macht, zugleich ein Abbild des universalen Kosmos, in dem menschliche Stimme und göttliche Ordnung eins werden. HervĂ© Niquet lĂ€sst sie mit groĂartiger Transparenz und rĂ€umlicher Dimension erblĂŒhen, so dass der Hörer die Stimmen wie wandernde Lichter wahrnimmt, die sich in einem imaginĂ€ren Kirchenraum begegnen. https://www.youtube.com/watch?v=MLjvJC0t2_U&list=OLAK5uy_l7RI_lIC7GXOcMx9bMjUGhDdW2hronisY&index=6 Nach diesem Höhepunkt fĂŒhrt Benevolos Magnificat (Track 10) zurĂŒck in das Innere. Der Lobgesang Mariens aus dem Lukasevangelium, hier in lateinischer Fassung, beginnt: Magnificat Magnificat anima mea Dominum, et exsultavit spiritus meus in Deo salutari meo. Quia respexit humilitatem ancillae suae: ecce enim ex hoc beata me dicent omnes generationes. Meine Seele preist Meine Seele preist den Herrn, und mein Geist jubelt ĂŒber Gott, meinen Retter. Denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen; siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Benevolos Musik ist von einer andĂ€chtigen Festlichkeit: die Linien sind klar, der Klang weit und friedvoll. Es ist der Gesang der Demut, der nach der ĂŒberwĂ€ltigenden Architektur Striggios die menschliche Stimme wieder ins Zentrum stellt. https://www.youtube.com/watch?v=JMO-PCWJv5I&list=OLAK5uy_l7RI_lIC7GXOcMx9bMjUGhDdW2hronisY&index=10 Am Ende der Messe, nach dem dreifachen Agnus Dei und dem abschlieĂenden Friedenswunsch, lĂ€sst HervĂ© Niquet mit Corteccias Tu puer propheta Altissimi und Striggios Motette Ecce beatam lucem das Programm in leuchtender Ruhe ausklingen. Tu puer propheta Tu puer propheta Altissimi vocaberis: praeibis enim ante faciem Domini parare vias eius. Du aber, Kind Du aber, Kind, wirst Prophet des Höchsten genannt werden; denn du wirst vor dem Angesicht des Herrn hergehen, seine Wege zu bereiten. Dieser Satz, der dem Benedictus des Zacharias entstammt, steht fĂŒr die VerkĂŒndigung und Erwartung â ein stilles Vorausleuchten der Gnade. Corteccia formt daraus ein helles, von Diatonik getragenes Klangbild, fast wie eine Renaissance-Vision des kommenden Lichts. https://www.youtube.com/watch?v=2zB9inqiIks&list=OLAK5uy_l7RI_lIC7GXOcMx9bMjUGhDdW2hronisY&index=16 Das abschlieĂende Ecce beatam lucem von Striggio, ursprĂŒnglich eigenstĂ€ndige Motette, ist zugleich Epilog und Apotheose des Ganzen: Ecce beatam lucem Ecce beatam lucem; Ecce bonum sempiternum, vos turba electa celebrate Jehovam eiusque natum aequalem Patri deitatis splendorem. Seht das Licht Seht das gesegnete Licht; Seht das ewige Gut; ihr auserwĂ€hlte Schar, preiset Jehova und seinen Sohn, den dem Vater gleichen Glanz der Gottheit. Diese Motette ist eine Hymne auf das himmlische Licht, die jenseitige Freude und das göttliche Paradies â Striggios Musik wird hier zu einem reinen Abbild der Seligkeit, einer Musik, die nicht mehr an Raum oder Zeit gebunden ist. https://www.youtube.com/watch?v=pzgK1rltFBk&list=OLAK5uy_l7RI_lIC7GXOcMx9bMjUGhDdW2hronisY&index=17 So schlieĂt die CD mit einem Eindruck von leuchtender Ewigkeit. Was mit dem schlichten Beata viscera begann, steigert sich zu einer Erfahrung der transzendenten Klangpracht. Alessandro Striggio, der Diplomat und Klangarchitekt der Medici, Orazio Benevolo, der römische Meister der Mehrchörigkeit, und Francesco Corteccia, der feinsinnige Florentiner Kapellmeister, begegnen sich in dieser Aufnahme wie Glieder einer groĂen geistigen Familie. HervĂ© Niquet entfacht aus ihren Stimmen ein Denkmal der Renaissance â majestĂ€tisch und erhaben, zugleich durchdrungen von innerem Licht, als wĂŒrde die Musik selbst das Wort der Schöpfung verkĂŒnden: Ecce beatam lucem (âSiehe das selige Lichtâ). Seitenanfang Orazio Benevolo Francesco Corteccia Alessandro Striggio Minsoo Sohn (* 1976 in SĂŒdkorea): Goldberg-Variationen, BWV 988 (Erstdruck: 1741) https://www.youtube.com/watch?v=BLElZaqQxE4 Prof. Minsoo Sohns Interpretation der Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach zeigt seine auĂergewöhnliche SensibilitĂ€t und VirtuositĂ€t als Pianist. Die Aufnahme beeindruckt durch ihre klare Struktur und die Feinheit der dynamischen Abstufungen. Sohn bringt eine intime und zugleich kraftvolle Lesart dieses monumentalen Werks, das in seiner Bandbreite von Kontrasten und Variationen eine perfekte Symbiose aus technischer PrĂ€zision und emotionaler Tiefe bietet. Besonders bemerkenswert ist die Balance zwischen der meditativ ruhigen MusikalitĂ€t der Arien und der lebhaften, teils verspielten Energie der Variationen. Diese Einspielung ist eine wertvolle ErgĂ€nzung fĂŒr jeden Liebhaber der Goldberg-Variationen und eine hörenswerte Auseinandersetzung mit Bachs Meisterwerk. Wenn ich meine Bewertung abgeben darf, wĂŒrde ich sagen, dass Minsoo Sons Leistung von Anfang bis Ende eine zurĂŒckhaltende Schönheit besitzt, Schönheit, die nicht so einfach zu ĂŒbertreffen ist. Das Konzert fand am 2. 05. 2022 in der Myeongdong-Kathedrale statt. (Meyondong ist ein Orteil von Seoul.) Die berĂŒhmte Einspielung von Glenn Gould (1932 -1982) aus dem Jahr 1955 ist mir zu schnell und die aus dem Jahr 1982 zu langsam. Seitenanfang Johann Sebastian Bach Abendlied Josef Gabriel Rheinbergers (1839â1901) âAbendliedâ gehört zu den edelsten geistlichen Miniaturen der deutschen Romantik. In seiner Schlichtheit und inneren Ruhe entfaltet dieses Werk eine fast ĂŒberirdische Klangreinheit. Der Text âBleib bei uns, denn es will Abend werdenâ (nach Lukas 24,29 - Worte der JĂŒnger an den auferstandenen Christus auf dem Weg nach Emmaus) ist ein leises Gebet um Trost und Licht in der Dunkelheit â sowohl wörtlich als auch symbolisch verstanden. Das Werk steht in Es-Dur und entfaltet in ruhigen, homophonen Linien eine AtmosphĂ€re tiefen Friedens. Rheinberger schrieb es ursprĂŒnglich 1855 im Alter von nur 15 Jahren und ĂŒberarbeitete es spĂ€ter (Fassung von 1858/59). https://www.youtube.com/watch?v=TGc__HGwdxk In der Interpretation der Cambridge Singers unter John Rutter (* 1945) erreicht das StĂŒck eine besondere Klarheit und Transparenz: Die Stimmen verschmelzen in sanftem Gleichgewicht, jede Phrase atmet, als ob sie selbst ein stilles Gebet wĂ€re. Die zurĂŒckhaltende Dynamik, das fast schwerelose Legato und die makellose Intonation verleihen Rheinbergers sechsstimmigem Satz eine entrĂŒckte Schönheit, die zugleich tröstlich und zeitlos wirkt. Diese Aufnahme steht exemplarisch fĂŒr den englischen Chorklang â hell, rein, spirituell â und lĂ€sst die Musik in jenem goldenen Abendlicht erstrahlen, das der Komponist in Klang zu verwandeln suchte. Der Text "Bleib bei uns, denn es will Abend werden Und der Tag hat sich geneiget O bleib bei uns, denn es will Abend werden Und der Tag hat sich geneiget O bleib bei uns, denn es will Abend werden" Seitenanfang Josef Gabriel Rheinsberger CD Michael Haydn: Symphonies 18 und 25 â Divertimento Die CD Michael Haydn: Symphonies 18 and 25 â Divertimento, P. 8 (CPO, 2013) prĂ€sentiert drei Werke eines Komponisten, der lange im Schatten seines berĂŒhmten Bruders Joseph stand und doch eine unverwechselbare eigene Handschrift besaĂ. Johann Michael Haydn (1737â1806) war ein stiller Meister, ein KĂŒnstler ohne groĂe Geste, der seine Musik nicht fĂŒr Ruhm oder Hofgunst, sondern aus innerem BedĂŒrfnis schrieb. Zeitgenossen berichteten, er habe âdie Musik fĂŒr sich selbst komponiertâ â ein Satz, der seine Haltung treffend beschreibt. In Salzburg, wo er den gröĂten Teil seines Lebens wirkte, entwickelte er einen Stil von feiner Geistigkeit, melodischer Reinheit und tief empfundener ReligiositĂ€t, der auf Komponisten wie Mozart (1756â1791) und Schubert (1797â1828) nachhaltig wirkte. Die vorliegende Einspielung mit dem Slowakischen Kammerorchester unter Bohdan Warchal (1930â2000) lĂ€sst diese QualitĂ€ten auf eindrucksvolle Weise lebendig werden. Warchal, der fĂŒr seinen warmen, schlanken Streicherklang und sein prĂ€zises GespĂŒr fĂŒr klassische FormverlĂ€ufe bekannt war, trifft den lyrisch-nachdenklichen Tonfall dieser Musik vollkommen. Die Sinfonie Nr. 18 in C-Dur, P. 13 (MH 252) zeigt Michael Haydn auf dem Höhepunkt seiner klassischen Reife. Schon das eröffnende Allegro strahlt eine frische, natĂŒrliche Heiterkeit aus, die an den jungen Mozart erinnert. Das Andante bringt eine liedhafte Innigkeit, fast wie ein instrumentales Gebet, wĂ€hrend das abschlieĂende Presto mit seinem transparenten Satz und den spielerisch verschlungenen Themen an eine kleine musikalische Feier erinnert. Hier zeigt sich Haydn als Meister der Balance â leicht, aber niemals oberflĂ€chlich. https://www.youtube.com/watch?v=SO--8p3aLsM&list=OLAK5uy_lyqyS1grbQYE6PQMCsqGH3nfe5pH2OI98&index=2 Leider wird auf YouTube nur die Sinfonie Nr. 18 aus der CD prĂ€sentiert und Allegro con spirito, der erste Satz der Sinfonie Nr. 25. in G-Dur, P. 16. Die ganzen Aufnahmen der Sinfonie Nr. 25. und das Divertimento in C-Dur, P. 8 aus der CD sind anderseitig zu hören. Die ganze CD ist auf Spotify zu finden. Ganz anders die Sinfonie Nr. 25 in G-Dur, P. 16 (MH 334): Sie ist kraftvoller, kontrastreicher, manchmal sogar dramatisch in der Anlage. Im Eröffnungssatz ĂŒberrascht ein energischer Duktus, der von krĂ€ftigen Akzenten und rhythmischer Spannung lebt. Das Adagio entfaltet eine stille Schönheit, die von Haydns tiefer ReligiositĂ€t zeugt, wĂ€hrend das Finale â ein lebhaftes Presto â mit einer fast tĂ€nzerischen VitalitĂ€t endet. Hier begegnet man dem Michael Haydn, der trotz Bescheidenheit eine ausgeprĂ€gte individuelle Stimme besaĂ und die klassischen Formen mit einer sehr persönlichen Ausdruckskraft fĂŒllte. https://www.youtube.com/watch?v=gpn0t3i74YY Das abschlieĂende Divertimento in C-Dur, P. 8 (MH 27) fĂŒhrt in eine frĂŒhere Schaffensphase und zeigt den Komponisten von seiner heiteren Seite. Es ist ein Werk voller Anmut und kammermusikalischer Delikatesse â geschrieben nicht fĂŒr die groĂen SĂ€le, sondern fĂŒr die gepflegte hĂ€usliche Musikpflege des 18. Jahrhunderts. Die melodische Erfindung, die feine Instrumentation und die spielerische Leichtigkeit machen dieses Divertimento zu einem wahren Kleinod klassischer Unterhaltungsmusik im besten Sinn des Wortes. https://www.youtube.com/watch?v=vgrMgJDsy9Q Diese Aufnahme erinnert daran, dass Michael Haydn kein Epigone war, sondern ein stiller Erneuerer der klassischen Sinfonie â ein Komponist, der die Klarheit, Innigkeit und geistige Tiefe der Musik als Selbstzweck verstand. Unter Bohdan Warchals feinfĂŒhliger Leitung erklingen seine Werke mit jener Transparenz und WĂ€rme, die sie verdienen: unaufdringlich, echt und von bleibender Schönheit. Die ganze CD kann man sich anhören auf Music Apple: https://music.apple.com/us/album/michael-haydn-symphonies-18-and-25-divertimento-p-8/681235954 Seitenanfang Michael Haydn Thomas Tallis Unter der Leitung von Nigel Short (* 1965) entfaltet das Ensemble Tenebrae in Thomas Tallisâ (um 1505â1585) âIf Ye Love Meâ eine musikalische Andacht von tiefer innerer Sammlung und fast transparentem Klangbewusstsein. Dieses Werk gehört zu jenen frĂŒhen englischen StĂŒcken, die nach der EinfĂŒhrung der Landessprache in der Liturgie unter Edward VI. (1537â1553) entstanden, in einer Zeit, in der die Kirchenmusik Englands ihre Gestalt grundlegend Ă€nderte. Unter dem alten, lateinischen Ritus herrschte die feierliche Klangarchitektur der Antiphon âSi diligitis meâ, die wie Weihrauch ĂŒber der Gemeinde schwebte. Mit dem Book of Common Prayer Ă€nderte sich das VerstĂ€ndnis liturgischer Musik: Der Text sollte nicht mehr hinter polyphonem Glanz verschwinden, sondern als geistliches Wort in das Ohr und das Bewusstsein der Hörenden dringen. Tallis, der bereits unter Heinrich VIII. (1491â1547) am Hof wirkte, die RĂŒckkehr zu lateinischen GesĂ€ngen unter Maria Tudor (1516â1558) erlebte und unter Elisabeth I. (1533â1603) erneut in englischer Sprache komponierte, war nicht nur Zeuge, sondern stiller Gestalter dieser inneren Umwandlung. âIf Ye Love Meâ ist die musikalische Antwort auf diese Umbruchsituation: kein prunkvolles Zeremoniell mehr, sondern eine Klangform des geistigen GesprĂ€chs. Die Stimmen setzen zunĂ€chst homophon ein, als spreche eine Gemeinde mit geeinter Stimme, und gehen dann in sanfte Imitationen ĂŒber, die nicht als polyphone Zierde, sondern als geistiges Echo verstanden werden mĂŒssen â als innere Bewegung des Wortes im Raum der Seele. Tallis gestaltet diese Musik wie ein Atemgebet: Die Worte verharren nicht in Erregung, sondern ruhen in einer Haltung des EinverstĂ€ndnisses. Die Wiederholung der Zeile âthat he may abide with you for everâ ist nicht bloĂ musikalische Struktur, sondern geistliche Handlung â der Geist kommt nicht als dramatisches Feuer, sondern als bleibende, stille Gegenwart. Wer hören möchte, wie sich dieses stille Bleiben des Geistes im Klang verkörpert, der möge an dieser Stelle auf die Interpretation des Ensembles Tenebrae unter Nigel Short lauschen â sie steht hier als klingende Entsprechung dessen, was Tallis in Tönen eingeschrieben hat: https://www.youtube.com/watch?v=HI5Y9l2NHIo In dieser Aufnahme wird nichts ĂŒberhöht oder zugespitzt; die Stimmen gleiten wie ein einziger Atem ĂŒber den Raum, und jede kleine Verzögerung, jede ZĂ€sur wirkt wie ein inneres Lauschen, als mĂŒsse der Geist erst Raum finden, bevor er wohnt. So wird dieses kurze Anthem, geboren im Spannungsfeld von Umsturz und Erneuerung, zu einem stillen Mikrokosmos christlicher Gegenwartserfahrung: nicht laut, nicht triumphierend, sondern bleibend. Deutsche Ăbersetzung Wenn ihr mich liebt, so bewahrt meine Gebote; Und ich werde den Vater bitten, Und er wird euch einen anderen Tröster geben, Damit er bei euch bleibe in Ewigkeit; Auch den Geist der Wahrheit; Damit er bei euch bleibe in Ewigkeit; Auch den Geist der Wahrheit. Seitenanfang Thomas Tallis âVedrĂČ con mio dilettoâ â Arie des Giustino aus Vivaldis Il Giustino (RV 717) In Antonio Vivaldis (1678 â 1741) Oper Il Giustino (1724), die den wundersamen Aufstieg eines unscheinbaren Bauern zum Herrscher ĂŒber Byzanz erzĂ€hlt, erscheint die Arie âVedrĂČ con mio dilettoâ wie ein stiller, innerer Monolog, bevor das Ă€uĂere Schicksal seinen Lauf nimmt. Giustino steht noch nicht im Licht des Ruhms, sondern am Rand des Geschehens, erfĂŒllt von einem leisen, fast unsicheren Glauben an eine mögliche ErfĂŒllung. Bevor die Handlung in heroische Szenen und politische Konflikte ĂŒbergeht, hĂ€lt die Musik inne und öffnet einen Raum des Innehaltens. Hier beginnt die poetische Dimension dieser Oper, und genau an dieser Stelle sollte der Hörer innehalten â so wie Giustino selbst. In der Aufnahme mit Philippe Jaroussky (* 1978) wird dieser Moment mit einer IntensitĂ€t gestaltet, die nichts mit groĂer Geste zu tun hat, sondern mit der Kunst des ZurĂŒcknehmens. Jaroussky gestaltet die Stimme wie eine innere Erinnerung, kaum greifbar, und doch mit einer PrĂ€senz, die tief unter die OberflĂ€che dringt. https://youtu.be/9zQX2XqAE8c?t=45 Deutsche Ăbersetzung Ich werde mit meinem Geliebten schauen, wie meine Seele wieder gestĂ€rkt wird, und auf dem vertrauten Antlitz wird immerdar der Friede zurĂŒckkehren. Und wenn in seiner Brust meine Treue angenommen wird, ach, wie das Herz zwischen Freude und ZĂ€rtlichkeit noch bebend schlĂ€gt. In dieser zarten Sprache, die mehr ahnt als bekennt, entfaltet Philippe Jaroussky die ganze innere Spannung dieser Arie. Jeder Ton scheint aus einem Zustand des Lauschens zu kommen. Die Stimme tritt nicht nach auĂen, sie bleibt nach innen gewendet und schwebt ĂŒber den sanft pulsierenden Streichern wie ein Atemzug, der sich nur zögerlich in Klang verwandelt. Die Melodielinie wird nicht deklamiert, sondern gefĂŒhrt wie ein Faden, der nicht reiĂen darf. Die Verzierungen im Da-capo-Teil erscheinen nicht als barocke Zierde, sondern als leise Erinnerung, als Wiederholung dessen, was im Herzen noch einmal, aber nicht auf die gleiche Weise, erlebt wird. So verwandelt sich diese Arie â die in weniger inspirierten Interpretationen leicht zu einer bloĂen Belcanto-Betulichkeit werden kann â in einen inneren Zustand der Sehnsucht, fast wie ein Gebet, das nicht ausgesprochen, sondern nur empfunden wird. Seitenanfang Antonio Vivaldi Modest Mussorgski (1839â1881): Boris Godunow â Pimens erste ErzĂ€hlung (âĐĐŸŃŃŃ ĐœĐ° ŃазĐČĐ°Đ»ĐžĐœĐ°Ń ŃŃĐ°Đ¶Đ”ĐœŃŃâŠâ) Mit der Figur des Mönchs Pimen fĂŒhrt Modest Mussorgski in Boris Godunow einen der eindrucksvollsten Basscharaktere der Operngeschichte ein. Pimen ist kein handelnder Akteur im politischen Drama, sondern der ruhende Fixpunkt, ein Chronist der Wahrheit, der die Ereignisse der russischen Geschichte mit fast klösterlicher NĂŒchternheit protokolliert. Seine erste groĂe Szene erscheint im ersten Akt: In einer spĂ€rlich beleuchteten Klosterzelle sitzt er bei Nacht ĂŒber seinen Aufzeichnungen, wenn der junge Mönch Grigorij (der spĂ€tere falsche Dimitri) eintritt. Pimen berichtet von Schlachten, von vergangener Glorie â und schlieĂlich von dem dunklen Wendepunkt, dem Mord am Zarewitsch Dimitri, der spĂ€ter das Reich ins Chaos stĂŒrzen wird. Diese ErzĂ€hlung ist keine Arie im konventionellen italienischen Sinn â es ist vielmehr eine in Klang gefasste Chronik, ein Rezitativ, das sich ĂŒber lange melodische Linien erhebt, getragen vom schweren Atem der russischen Sprache. Mussorgski komponiert hier eine Musik, die nicht glĂ€nzen will, sondern sprechen, mahnen, erinnern. Das Orchester bleibt zurĂŒckgenommen, wie eine kalte Ikone im Hintergrund, wĂ€hrend die Stimme Pimens wie eine brennende Kerze in der Dunkelheit steht. Diese Szene markiert den geistigen Beginn des Dramas: Nicht der Zar, nicht die Bojaren eröffnen das Spiel der Macht, sondern einer, der nichts besitzt auĂer der Wahrheit. In dieser Rolle erreichte Boris Christoff (1914â1993) eine seiner gröĂten Verkörperungen. In der Aufnahme von 1951 mit dem Philharmonia Orchestra unter Nicolai Malko (1883â1961), spĂ€ter 1992 remastert, klingt sein Bass wie aus der Tiefe russischer Erde gehoben â dunkel, von metallischer WĂŒrde, getragen von der Sprache selbst. Bei Christoff ist kein Ton bloĂ gesungen, jede Silbe scheint in ikonischer Strenge geformt. Die russische Sprache wird hier nicht nur Medium, sondern Klangkörper: wie Italienisch bei Mozart oder Tschechisch bei JanĂĄÄek, so ist hier das Russische ein tragendes musikalisches Element, untrennbar verbunden mit dem inneren Atem der Musik. https://www.youtube.com/watch?v=Y8a9oAmuqTE Deutsche Ăbersetzung (nach dem gehörten Gesang) Noch eine, die letzte ErzĂ€hlung â dann ist meine Chronik vollendet. Vollendet ist das Werk, das Gott mir, dem SĂŒnder, anvertraut hat. Nicht vergeblich hat der Herr mich so viele Jahre zum Zeugen bestellt. Einst wird ein fleiĂiger Mönch meine eifrige, namenlose Arbeit finden; er wird, wie ich, seine Lampe entzĂŒnden und, den Staub der Jahrhunderte von den BlĂ€ttern schĂŒttelnd, die wahrhaftigen ErzĂ€hlungen neu abschreiben, damit die Nachkommen der Orthodoxen das vergangene Geschick des Vaterlandes erkennen. Im Alter durchlebe ich alles von Neuem: Das Vergangene zieht an mir vorĂŒber, aufgewĂŒhlt wie Meer und Ozean. Die Geschichte, die Pimen erzĂ€hlt â Der Zeuge Gottes im Werk Mussorgskis Der alte Mönch Pimen ist kein Held dieser Oper, kein Spieler im Machtkampf um den Zarenthron â er ist der Zeuge, der alles gesehen hat und schweigend niederschreibt, damit die Wahrheit nicht stirbt. WĂ€hrend Russland im Dunkel der Gewalt zittert, sitzt er allein bei einer kleinen klösterlichen Lampe und hĂ€lt die Feder in der Hand wie ein geistliches Schwert. Sein Blick reicht zurĂŒck ĂŒber Jahre voller Blut und Verrat. In seiner ersten groĂen ErzĂ€hlung berichtet er, wie er als Soldat Zeuge der KĂ€mpfe war, wie MĂ€nner starben, wie die Erde russisches Blut trank. Nicht in glĂŒhender Anklage, sondern in kĂŒhler, fast heiliger NĂŒchternheit schreibt er: Die Geschichte ist kein Lobgesang, sondern ein Buch der Schuld. Er glaubt fest daran, dass jedes Verbrechen, auch das gröĂte, einmal vor Gott benannt werden muss, damit die Seele des Volkes heilen kann. Er sagt nicht: Ich klage an, sondern: Ich bezeuge. SpĂ€ter, im zweiten groĂen Bericht â der mit den Worten endet: âBoris GodunovâŠâ â wird sein Wort zur geistigen Anklage. Er spricht von dem Tag, an dem das Reich vom Tod des jungen Zarewitsch erschĂŒttert wurde, jenes Kindes Dimitri, letzter legitimer Erbe des Thrones. Die Chroniken berichten â so sagt Pimen â dass der Knabe im Schlaf erstochen wurde, und dass die Tat im Namen Boris Godunows geschah. Niemand wagte zu sprechen, die Schuld wurde verschwiegen, das Volk betĂ€ubt. Nur die Feder des Mönchs rĂŒhrte sich. Pimen nennt keinen Hass, er schreit nicht â er setzt ein Wort ĂŒber den anderen, wie ein Mönch Stein ĂŒber Stein auf ein Grab. Und als der Name âBoris Godunovâ aus seinem Mund fĂ€llt, klingt er nicht wie ein politischer Satz â sondern wie ein kirchliches Urteil: âEr war der Mörder des jungen Zarewitsch.â In diesem Moment wird nicht gebrĂŒllt â es wird aufgeschrieben. Und in Mussorgskis Welt ist das Wort mĂ€chtiger als die Krone. Pimen glaubt nicht an Aufstand, nicht an Aufruhr. Er glaubt an das GedĂ€chtnis. Darin liegt das ErschĂŒtternde dieser Figur: Er ist kein Rebell, sondern ein Archivar Gottes. Was er schreibt, ist kein Buch â es ist ein spĂ€tes JĂŒngstes Gericht, das eines Tages, wenn alle Stimmen schweigen, geöffnet werden wird. Und wer dann darin steht, wird nicht mehr König oder Mörder genannt â sondern einfach bei seinem wahren Namen. Die zweite ErzĂ€hlung des Pimen, die einen Wunder am Grab des Zarewitsch Dmitri berichtet, âEinst, zur Abendstundeâ (ĐĐŽĐœĐ°Đ¶ĐŽŃ, ĐČ ĐČĐ”ŃĐ”ŃĐœĐžĐč ŃаŃ): https://www.youtube.com/watch?v=q5dbbUeQIBM Deutsche Ăbersetzung nach dem gesungenen Wortlaut (nach Gehör erstellt) Einst, zur Abendstunde, kam eine alte Frau zu mir, unsere Nachbarin, und sprach: âKomm, Vater, wir wollen nach Uglitsch gehen, zum Grab des Zarewitsch Dimitri; dort hat sich ein Wunder ereignet!â Ich ging mit ihr. Aus allen Richtungen strömte das Volk herbei. Ich sah â auf den Knien, im Staub, lag ein Blinder. Er rief, unter TrĂ€nen: âHerr, vergib mir meine SĂŒnden! Erhöre die Stimme des UnwĂŒrdigen!â Und siehe, als die SĂ€nger sangen und der Weihrauch zum Himmel stieg, da schrie er plötzlich auf und, die Augen auftuend, rief er: âIch sehe das Licht! Ich sehe das heilige Bild!â Das Volk fiel nieder, alle weinten und priesen den Herrn. Ich aber stand und betete in der Stille. Und da erinnerte ich mich des unschuldigen Leidenden, des ermordeten Knaben â und in meinem Herzen erklang der Name: Boris Godunow. Diese Szene ist das Gewissen der ganzen Oper. Was Pimen hier erzĂ€hlt, ist kein politischer Bericht, sondern eine geistige Offenbarung. Der Blinde, der durch das Wunder sehend wird, steht fĂŒr ein ganzes Volk, das endlich die Wahrheit erkennt. Das göttliche Licht fĂ€llt nicht nur auf den Heiligen, sondern auf die Schuld: der Name, den Pimen am Ende ausspricht, ist kein Ruf der Anklage â es ist das LĂ€uten des göttlichen Gerichts. Seitenanfang Modest Mussorgski Heinrich SchĂŒtz: 440. Geburtstag Heinrich SchĂŒtz (1585â1672), dessen Geburtstag wir heute nach gregorianischer ZĂ€hlung am 18. Oktober 1585 begehen â genau vierhundertvierzig Jahre nach seiner Geburt â hat mit seiner Motette âSelig sind die Totenâ, SWV 391, aus der 1648 erschienenen Sammlung Geistliche Chormusik eines jener Werke geschaffen, in denen sich seine ganze geistige Reife und seine innere Haltung zum Thema Tod und Erlösung konzentriert. Diese Komposition, geschrieben fĂŒr sechs Stimmen â meist in der Besetzung SSATTB, wahlweise mit oder ohne Generalbass â steht stilistisch in einem faszinierenden Spannungsfeld zwischen der strengen, linearen Polyphonie der Renaissance und der auf Textausdruck zielenden geistlichen Musik des frĂŒhen Barock. Wer hören möchte, wie diese Musik heute in stiller Tonstrenge und klarer seelischer Haltung klingen kann, dem sei die Interpretation von VOCES8 empfohlen: https://www.youtube.com/watch?v=ulEl9k9bZdc SchĂŒtz verstand den Tod nicht als dramatischen Zusammenbruch, sondern als Ăbergang in eine andere Form von Ruhe, und genau diese Deutung prĂ€gt den musikalischen Charakter des StĂŒckes von der ersten Note an. Der Text aus der Offenbarung des Johannes â âSelig sind die Toten, die in dem Herren sterbenâ â wird nicht wie ein dogmatischer Lehrsatz verkĂŒndet, sondern wie eine intime, wĂŒrdevoll gesprochene Wahrheit. Die Musik beginnt getragen und ruhig, fast wie ein kollektives Einatmen, als wĂŒrde der Chor sich ĂŒber den Text neigen und ihn mit groĂer Sorgfalt ausbreiten. Die Stimmen setzen zunĂ€chst homophon ein, wie eine schlichte BestĂ€tigung des göttlichen Wortes, doch schon nach wenigen Takten lösen sie sich in eine fein gesponnene Imitation auf. Die Bewegung ist ruhig, aber nicht statisch â sie atmet, sie öffnet sich, als wolle sie den Begriff der Seligkeit nicht definieren, sondern erfahrbar machen. SchĂŒtz lĂ€sst die Worte âdie in dem Herren sterbenâ in lĂ€ngeren Phrasen ausschwingen, als wolle er den Moment des Ăbergangs musikalisch dehnen. Hier klingt kein Schrecken, kein Aufruhr â eher eine Art leiser Trost, der nicht laut verkĂŒndet werden muss. Wenn die Stimmen dann âVon nun anâ singen, scheint die Zeit selbst kurz stillzustehen. Dieser Einschub ist kein dekoratives Detail, sondern ein Kommentar: Der Gedanke, dass das Sterben im Herrn nicht in eine Leere fĂŒhrt, sondern in eine neue Wirklichkeit, wird wie eine ZĂ€sur gesetzt, fein, aber spĂŒrbar. Dann folgt einer der markantesten Momente: âJa, der Geist spricht.â Plötzlich wird der Klang dichter, etwas irdischer, beinahe wie eine BestĂ€tigung aus menschlicher Stimme. SchĂŒtz markiert diese Stelle mit einer leichten Steigerung, als wolle er hörbar machen, dass hier nicht nur zitiert, sondern bezeugt wird. Die Musik bekommt Gewicht. Sie tritt aus der abstrakten Betrachtung heraus und formuliert eine Gewissheit. Darauf folgt der wohl anrĂŒhrendste Teil der Komposition: âSie ruhen von ihrer Arbeit.â Hier wechseln die Linien in eine weichere, gedehnte Bewegung. Der Satz scheint sich fast zu verlangsamen, als lege sich die MĂŒdigkeit der Welt auf die Stimmen, um sich gleich darauf in Ruhe aufzulösen. Man hört förmlich, wie sich der Atem senkt. In vielen AuffĂŒhrungen, besonders in jener von VOCES8, entsteht an dieser Stelle ein zarter Moment der Stille im Klang selbst, eine innere Pause, die mehr sagt als jede Betonung. Die Stimmen verweilen auf einzelnen Silben, als wollten sie den Begriff âRuhenâ nicht nur erklĂ€ren, sondern verkörpern. Dann aber folgt mit âUnd ihre Werke folgen ihnen nachâ ein feiner Wandel. Ohne dramatischen Bruch, aber mit spĂŒrbarer Energie beginnen die Stimmen, sich lebhafter zu bewegen. Die Musik wird dichter, der Kontrapunkt gewinnt an innerem Schwung. Damit stellt SchĂŒtz musikalisch dar, dass das Leben eines Menschen nicht mit dem Tod verschwindet, sondern nachwirkt, sich fortsetzt als geistige Spur, als Echo, das weiterklingt. Die Werke, also das, was ein Mensch war und tat, werden hier nicht als Bilanz verstanden, sondern als lebendige Bewegung, die ĂŒber das Individuum hinausreicht. Dieser Gedanke wird im Klang zu einer Art musikalischer Nachschrift des Lebens. Der Schluss fĂŒhrt diese Motive zusammen, ohne Pathos, ohne Triumph. Keine jubelnde Coda, kein monumentaler Abschluss. SchĂŒtz beschlieĂt die Motette mit derselben gesammelten WĂŒrde, mit der sie begann. Der Chor klingt aus, nicht wie ein Ende, sondern wie ein Hineingleiten in eine andere Stille. In dieser ZurĂŒckhaltung liegt GröĂe. Nichts wird ĂŒberhöht, nichts sentimentalisiert â und doch, wenn die letzte Stimme verstummt, hat man das GefĂŒhl, dass etwas ausgesprochen wurde, das weder schreiend verkĂŒndet noch apologetisch verteidigt werden muss. Wer diese Motette hört, besonders in einer so fein austarierten Interpretation wie jener von VOCES8, erlebt keinen theologischen Vortrag, sondern eine geistige Geste. SchĂŒtz fĂŒhrt den Hörer nicht an eine Kanzel, sondern an einen stillen Ort. Er zeigt, dass Musik trösten kann, ohne sentimental zu sein, und dass in der Sprache der Polyphonie ein Raum entsteht, in dem der Tod nicht als Katastrophe, sondern als Verwandlung verstanden werden kann. In dieser Haltung liegt das VermĂ€chtnis Heinrich SchĂŒtzens â eines Komponisten, der wusste, dass wahre Tiefe nicht in LautstĂ€rke, sondern in innerer Klarheit liegt. Seitenanfang Heinrich SchĂŒtz CD Bruno de SĂĄ âMille affettiâ Es gibt Alben, die nicht nur Musik prĂ€sentieren, sondern eine innere Dramaturgie entfalten, die ĂŒber das Repertoire hinausreicht und ein Konzept spĂŒrbar macht. âMille affettiâ bedeutet âtausend Empfindungenâ, und dieses Programm wird von Bruno de SĂĄ (* 1989 in Santo AndrĂ©, Brasilien; lebt in Berlin), einem der wenigen natĂŒrlichen mĂ€nnlichen Soprane unserer Zeit, nicht nur gesungen, sondern verkörpert. Seine Stimme, hell, silbrig und von fast unirdischer Leichtigkeit, ist kein falsettartiger Kunstgriff, sondern ein tatsĂ€chlich organisch gefĂŒhrter Sopran, der unmittelbar an die Klangwelt einer empfindsamen, rhetorisch geprĂ€gten SpĂ€taufklĂ€rung erinnert. Begleitet wird er von der WrocĆawska Orkiestra Barokowa (WrocĆaw Baroque Orchestra) unter der Leitung von JarosĆaw Thiel (geb. in PoznaĆ), die mit feiner stilistischer Klarheit und elegantem Atemfluss agiert. Der Titel des Albums verweist nicht nur auf Luigi Carusos (1754 - 1823) Arie âIn mezzo a mille affanniâ, sondern auch auf die Idee der Affektenlehre, in der Musik nicht Unterhaltung ist, sondern eine Rede der Seele an die Seele, eine Folge innerer ZustĂ€nde, die durch Ton, Farbe und Geste erfahrbar gemacht werden. In diesem Spannungsfeld â zwischen empfindsamer Innerlichkeit, dramatischer Geste, geistlicher Sammlung und virtuoser Glut â entfaltet sich das Album wie ein einziger weitergezogener Atem. CD Mille affetti, Bruno de SĂĄ und WrocĆawska Orkiestra Barokowa unter der Leitung von JarosĆaw Thiel (* 1974): https://www.youtube.com/watch?v=MSXuY9lDNMg&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=2 Track 1: Luigi Cherubini (1760â1842), Il Mesenzio, rĂš dâEtruria, Akt 1: âNo, non cercar per ora â La gran vendetta ancoraâ (Lauso). Herkunft: frĂŒhe Opera seria Cherubinis auf ein Sujet um den Etruskerkönig Mezentius; der junge Held beschwört ZurĂŒckhaltung und kĂŒndigt groĂe Rache an. Deutsche Ăbersetzung Nein, forsche jetzt noch nicht Nach dem, was mein Herz verbirgt. Noch ist diese Seele nicht geöffnet, Denn der Schmerz ist tief verschleiert. Schweig, denn zuerst, im Dunkel Meiner heimlichen Qualen, Will ich die KrĂ€fte sammeln Und die TĂ€uschungen ersticken. Die groĂe Rache Ist noch nicht reif. Die Ehre bebt in mir, Doch sie schweigt, Bis das Herz selbst spricht. Nein, suche jetzt nicht Zu ergrĂŒnden, was mein Herz verbirgt⊠Track 2: Wolfgang Amadeus Mozart (1756â1791), Mitridate, rĂš di Ponto, KV 87, Akt 2: âLungi da te, mio beneâ (Sifare). Herkunft: Serenissima-Arie des edlen Sifare, mit typisch jugendlich-empfindsamem Tonfall der MailĂ€nder Jahre. https://www.youtube.com/watch?v=LtqZd6YHmA0&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=2 Deutsche Ăbersetzung Fern von dir, mein Lieb, Fern von dir, mein Herz, Finde ich keinen Frieden mehr, Und all meine Kraft verlĂ€sst mich. Jegliche Freude ist erloschen, Jedes meiner Begehren erstirbt, Und doch weicht aus meinen Gedanken nicht Der Blick, den du mir einst schenktest. Ach, mein Atem ist zum Weinen geworden, Die Seele klagt in Liebe, Und nur der Tod vermag Meinem Schmerz Ruhe zu schenken. Fern von dir, mein Lieb, Fern von dir, mein Herz⊠Track 3: Wolfgang Amadeus Mozart: Exsultate, jubilate, KV 165 Satz I: âExsultate, jubilateâ https://www.youtube.com/watch?v=VJWMh1oniW4&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=3 Deutsche Ăbersetzung Jauchzet, frohlocket, Ihr seligen Seelen! Singt sĂŒĂe Lieder, Feiert die festlichen Tage, Spielt, musiziert, Spielt, musiziert! Halleluja. Track 4: Wolfgang Amadeus Mozart: Exsultate, jubilate, KV 165,Satz II: âTandem advenit horaâ (Rezitiv / Accompagnato) https://www.youtube.com/watch?v=mg50e4rA22Y&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=4 Deutsche Ăbersetzung Endlich ist die Stunde gekommen, Die uns Freude bereitet. Möge die Trauer weichen, mögen klagende Seufzer verstummen, Jauchzet nun, ihr Freuden! Denn der freundliche Tag erstrahlt, Und der Herr hat uns erlöst. Darum lasst uns alle singen Und fröhlich sein in Gott! Track 5 (Einzelnennung): âTu virginum coronaâ â hier als eigenes Track-Highlight gefĂŒhrt; es ist der innige Mittelsatz (Andante) der Motette vor dem finalen Alleluja. https://www.youtube.com/watch?v=u73uDkMwMHA&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=5 Deutsche Ăbersetzung Du, Krone aller Jungfrauen, Du, schenke uns den Frieden; Du, tröste unsere GefĂŒhle, Von denen das Herz seufzt. Track 6: Alleluia (Finalsatz aus Exsultate, jubilate) https://www.youtube.com/watch?v=eYguveAyXpw&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=6 Track 7: Franz Ignaz Beck (1734â1809), ein Zeitgenosse der frĂŒhen Mannheimer Schule, schrieb seine Ouverture zu Lâisle dĂ©serte im Geist der französischen comĂ©die lyrique, wobei der Titel â âDie verlassene Inselâ â bereits einen affektgeladenen Raum eröffnet: Einsamkeit, Erwartung und dramatische Spannung. https://www.youtube.com/watch?v=4jSFxwI5IvA&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=7 Die Musik beginnt mit einer gespannten, leicht dĂŒsteren KlangflĂ€che, in der die Streicher in AtemzĂŒgen phrasiert sind â fast wie sprechende Seufzer. Dann folgt ein lebhafter Abschnitt mit deutlichem Theatertemperament: kurze motivische Gesten, ein tĂ€nzerischer Mittelteil und ein rascher, elegant geschliffener Schluss, der nicht triumphal, sondern eher mit fein gezĂŒgelter Energie endet. Diese Ouverture wirkt wie ein BĂŒhnenvorhang, der sich öffnet â nicht laut, sondern mit gespannter Erwartung. Gerade in diesem Kontext dient sie als idealer Auftakt fĂŒr ein Album, das âtausend Affekteâ erfahrbar machen möchte. Track 8: (TitelstĂŒck-Bezug): Luigi Caruso (1754â1823), Il fanatico per la musica, Akt 1: âIn mezzo a mille affanniâ. Herkunft: römische dramma-giocoso-Oper (UrauffĂŒhrung 1781); hier singt Lindoro ĂŒber tausend Sorgen â âmille affanniâ â was den Albumtitel âMille affettiâ geistreich spiegelt. https://www.youtube.com/watch?v=FY_YEuGS45Q&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=8 Deutsche Ăbersetzung Mitten in tausend Sorgen Seufzt das bedrĂ€ngte Herz Und findet doch in einem einzigen Blick Ein Heilmittel gegen seine Qual. Noch immer sagt mir jener sĂŒĂe Blick: âHoffe â und schweige.â Doch vergebens mĂŒht sich die Seele, Die Liebe zu ersticken. Ach, wenn die Seele erst gefangen ist, Gibt es keine Vernunft mehr, die genĂŒgte; Das GefĂŒhl, das sie bewegt, Wird zum Gesetz ihres Schmerzes. Mitten in tausend Sorgen Seufzt das bedrĂ€ngte Herz⊠Track 9: Wolfgang Amadeus Mozart: âBetracht dies Herz und frage michâ (aus der geistlichen Kantate (Grabmusik) âDie Schuldigkeit des ersten Gebotsâ / manchmal auch im Kontext von K. 42/35a ĂŒberliefert â Bruno de SĂĄ singt die Arie als eigenstĂ€ndige Szene) https://www.youtube.com/watch?v=SfAaij-ccKY&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=9 Original-Text Betracht dies Herz und frage mich, Ob ich dich liebe oder nicht! Soll ich dirâs erst mit Worten sagen? Mein Seufzer, meine stillen Klagen, Sie reden ja, sie sprechen dich Viel deutlicher an als ich. Betracht dies Herz und frage mich, Ob ich dich liebe oder nicht! Track 10: Franz Seydelmann (1748â1806): Il Turco in Italia, Atto I, Arie (Selim): âGirate quel guardoâ https://www.youtube.com/watch?v=Y4HPa1bD-LE&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=10 (Hinweis: Es handelt sich NICHT um Rossinis gleichnamige Oper, sondern um die frĂŒhere Vertonung durch den Dresdner Hofkomponisten Franz Seydelmann. Der Text folgt der ĂŒberlieferten Libretti-Fassung dieser Arie. Sollten in deiner Einspielung kleine Textvarianten auftauchen, kann ich sie nachtrĂ€glich mit abgleichen.) Deutsche Ăbersetzung Wendet diesen Blick ab, Denn er schleudert zu viele Pfeile; Ach, verwundet mich nicht, Wenn ihr mir doch Hoffnung schenkt. Dieses trĂŒgerische LĂ€cheln Raubt mir den Frieden, Und durchbohrt mich dann erneut Mit frischem Schmerz. Wendet diesen Blick ab, Der zu heftig wie Pfeile trifft; Ach, lasst mir das Leben, Wenn ihr schon mein Herz raubt, Oder gebt mir mein Herz zurĂŒck! Track 11: Johann Friedrich Reichardt: Andromeda, Accompagnato (Perseo): âVoi sacre pianteâ (Reichardts Oper wurde 1788 in Berlin uraufgefĂŒhrt. Der Text folgt der italienischen Librettofassung, die auch in der modernen AuffĂŒhrungspraxis â etwa wie bei der CD mit Bruno de SĂĄ â verwendet wird.) https://www.youtube.com/watch?v=XJOA4sAlVpQ&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=11 Deutsche Ăbersetzung (Rezitativ) Ihr heiligen BĂ€ume, Die ihr dem traurigen Herzen mitleidig Schatten spendet, Hört das Gelöbnis dieser leidenden Seele. Dort, wo das Meer sich bricht, Seufzt ein junges MĂ€dchen; Ungerechtes Schicksal! Wenn der Himmel sie nicht schĂŒtzt, So will ich mit meinem Arm Dem Zorn der Wellen und dem grausamen Sturm trotzen. Ach, erstickt, ihr Götter, Den wilden Schmerz, der meine Seele quĂ€lt! Track 12: Johann Friedrich Reichardt: Andromeda, Arie (Perseo): âDeh soccori, o padre il figlioâ, Rondo https://www.youtube.com/watch?v=kCR0BS25vXY&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=12 Deutsche Ăbersetzung Ach, hilf, o Vater, dem Sohn, Der ihretwegen dem Schicksal trotzt! Wenn du mir die Hoffnung nimmst, Dann nimm mir auch meinen Schmerz. Doch wenn im Himmel Erbarmen wohnt, Lass das Weinen nicht vergeblich sein. Ach, hilf, o Vater, dem Sohn, Der ihretwegen dem Schicksal trotzt! Track 13: Wolfgang Amadeus Mozart (1756â1791) / Simon Sechter (1788â1867): Fuga in g-Moll, KV 154 (385k) Beschreibung (instrumental, kontrapunktisch & affektiv) https://www.youtube.com/watch?v=K0NM42SqYjU&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=13 Die Fuge in g-Moll KV 154 (385k) gehört zu den Fragmenten Mozarts, die erst spĂ€ter durch einen anderen Meister vollendet wurden â in diesem Fall vom Wiener Musiktheoretiker Simon Sechter (1788â1867), der als einer der letzten groĂen Vertreter streng kontrapunktischer Schulung galt (spĂ€ter Lehrer von Anton Bruckner). Die Musik hebt mit einem kraftvoll kantigen Fugenthema an â streng, aber von innerer Glut getragen. Anders als die heitere Eleganz des Exsultate-Mozart oder die vokale VirtuositĂ€t der Arien zeigt sich hier eine ernsthafte, beinahe kĂ€mpferische Seite. Der Affekt erinnert an geistige Konzentration, heroisches Ringen, innere Sammlung. Bruno de SĂĄs Stimme schweigt hier â und gerade das ist dramaturgisch bedeutsam: Das Wort verstummt â die reine Struktur spricht. Die Fuge wirkt wie ein Gegengewicht zu den expressiven Vokalszenen: Wo vorher Empfindung und Sinnlichkeit herrschten, erscheint nun strenge Ordnung, geistige Disziplin â eine andere Dimension der âAffekteâ, nĂ€mlich die Ergriffenheit durch Konstruktion und Kunstverstand. Tracks 14â18: NiccolĂČ Antonio Zingarelli (1752â1837), Salve Regina (fĂŒnfsĂ€tzig). Zingarellis empfindsam-klassischer Marienklang korrespondiert fein mit de SĂĄs heller LinienfĂŒhrung. Track 14: Salve Regina, I. âSalve Reginaâ https://www.youtube.com/watch?v=02tUn4RrX0w&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=14 Deutsche Ăbersetzung Sei gegrĂŒĂt, o Königin, Mutter der Barmherzigkeit; unsere Lebenshoffnung, unsere SĂŒĂe und Zuversicht, sei gegrĂŒĂt. Track 15: Salve Regina, II. âAd te clamamusâ https://www.youtube.com/watch?v=CBHaMdrZMx0&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=15 Deutsche Ăbersetzung Zu dir rufen wir, die verbannten Kinder Evas; zu dir seufzen wir, seufzend und weinend in diesem Tal der TrĂ€nen. Track 16: Salve Regina, III. âAd te suspiramusâ Gesungene Fassung (musikalisch gedehnt, mit Koloratur ĂŒber âsus-pi-ra-musâ und Ausklingen auf â-musâ, lang gehalten, dann direkt Ăbergang zu âEia ergoâ ohne Textzugabe) https://www.youtube.com/watch?v=9qjNBJVkp8k&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=16 Deutsche Ăbersetzung â nach der gesungenen Struktur Ah... Zu dir seufzen wir, seufzend und weinend in diesem... Tal der TrĂ€nen... Zu dir... ah, seufzen wir, stöhnend und weinend, in diesem Tal der TrĂ€nen... ah... Zu dir seufzen wir... (verlĂ€ngert auf dem Wort âseufzenâ) in diesem... Tal der TrĂ€nen... (lang ausgehalten â dann direkt Ăbergang zu âWohlan denn, unsere FĂŒrsprecherinâ) Track 17: Salve Regina, IV. âEia ergo, advocata nostraâ https://www.youtube.com/watch?v=3YtLPV0L1Q8&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=17 Deutsche Ăbersetzung Wohlan denn, unsere FĂŒrsprecherin, wende deine barmherzigen Augen zu uns hin; und Jesus, die gesegnete Frucht deines Leibes, zeige uns nach diesem Exil. Track 18: Salve Regina, V. âO clemens, o piaâ https://www.youtube.com/watch?v=_5EhI5JzXuY&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=18 Deutsche Ăbersetzung O gĂŒtige, o milde, o sĂŒĂe Jungfrau Maria. Track 19: Josef MysliveÄek (1737â1781): Il Tobia: Introduzione Beschreibung (Instrumentalsatz) https://www.youtube.com/watch?v=rgDn2LD5xKk&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=19 Die Introduzione aus âIl Tobiaâ des böhmischen Komponisten Josef MysliveÄek (1737â1781) eröffnet das geistliche Dramma mit einem typisch neapolitanischen Opernklang: schlanke Streicher, klare thematische Linien und eine Mischung aus höfischer WĂŒrde und innerer Erregung. Die Satzsprache bewegt sich zwischen empfindsamer KantabilitĂ€t und dramatischer Geste â ein Vorbote der groĂen emotionalen Szenen, die folgen. Diese Einleitung ist rein instrumental und dient dazu, die Affektspannung aufzubauen â ein musikalisches Atmen vor dem Drama, getragen von zarter Klangrede und subtiler Harmonik. Besonders charakteristisch ist die Atempause zwischen den Phrasen, die fast wie ein Una-voce-Vorspiel fĂŒr die menschliche Stimme wirkt â ideal fĂŒr ein Album wie Mille affetti, das sich um die Rhetorik des GefĂŒhls dreht. Track 20: Domenico Cimarosa (1749â1801), Requiem (g-Moll): âPreces meaeâ. Herkunft: flehentlicher Satz aus Cimarosas vielbeachtetem Requiem; in der Litanei-Bitte âPreces meaeâ verbindet sich klangliche Schlichtheit mit gedĂ€mpfter ExpressivitĂ€t. https://www.youtube.com/watch?v=DBtKs3EdmEU&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=20 Deutsche Ăbersetzung VerschmĂ€he meine Bitten nicht, o Herr; sondern neige dich gnĂ€dig zu mir und erhöre mich, der ich traurig bin und in BedrĂ€ngnis. Track 21: Felice Alessandri (1747â1798), Alessandro nelle Indie, Akt 1: âSe possono tanto luci vezzoseâ (Poro). Herkunft: Opera seria auf das berĂŒhmte Metastasio-Libretto; Poro rĂŒhmt und fĂŒrchtet die Macht bezaubernder Augen. https://www.youtube.com/watch?v=mLsEO5ZoObg&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=21 Deutsche Ăbersetzung Wenn anmutige Augen so viel vermögen, Mich mit nur einem Blick erblassen zu lassen, Ach, was soll dann einst geschehen, Wenn sie mir gnĂ€dig ihre Liebe schenken? Schon spĂŒre ich in der Brust eine sĂŒĂe Unruhe, Schon erzittert die Seele vor neuem Feuer; Und wenn ich schon jetzt solches Leiden vorausahne, So vermag ich nicht zu fassen, was dann Liebe sein wird. Ein Wort zum Stimmfach: Bruno de SĂĄ ist kein Countertenor im Falsett, sondern ein rarer mĂ€nnlicher Sopran mit natĂŒrlicher Höhe und ausgesprochen schlanker, obertonreicher Registeranbindung â genau dadurch gelingt ihm die historisch plausibel leichte, doch durchschlagsfĂ€hige LinienfĂŒhrung in Mozart-Koloraturen und im italienischen spĂ€taufklĂ€rerischen Repertoire. Seitenanfang CD Bruno de SĂĄ Vo solcando un mar crudele https://www.youtube.com/watch?v=rXmF6h3Yd_A Die Arie Vo solcando un mar crudele stammt aus der Oper Artaserse von Leonardo Vinci (1696â1730) , uraufgefĂŒhrt 1730 im Teatro delle Dame in Rom. Sie ertönt im ersten Akt, in jenem Moment, in dem die Figur Arbace, zu Unrecht des Königsmordes verdĂ€chtigt, sich vollstĂ€ndig vom Schutz der Welt verlassen fĂŒhlt und zwischen LoyalitĂ€t, Liebe und der drohenden Hinrichtung zerrissen ist. Vinci komponierte diese Arie fĂŒr den legendĂ€ren Kastraten Farinelli, und sie gilt als ein Inbegriff neapolitanischer Affektdramaturgie: Die Musik entfaltet aus wenigen Verszeilen ein ganzes seelisches Panorama, in dem innere Not und Ă€uĂeres Schicksal ununterscheidbar werden. Der Text entfaltet eine mĂ€chtige Allegorie, in der das Meer nicht nur Kulisse ist, sondern das Bild einer existenziellen PrĂŒfung â Arbace sieht sich als einsamer Steuermann, der ohne Segel und ohne Halt auf einem feindlichen Wasser treibt, wĂ€hrend Himmel und Wellen sich verdunkeln und selbst die Kunst der Navigation versagt. Das Meer steht fĂŒr das Schicksal, die Winde fĂŒr die unkontrollierbaren KrĂ€fte der Macht, der Verrat und die Intrige, die ihn umgeben. Die fehlenden Segel und Taue sind mehr als nautische Begriffe: Sie symbolisieren den Verlust von Handlungsmacht und Orientierung, das völlige Ausgeliefertsein gegenĂŒber einer höheren Gewalt. Vinci greift diese Bildidee kompositorisch auf â die Koloraturen wirken wie aufschĂ€umende Wellen, die harmonischen Spannungen wie das DrĂ€uen des Sturms. Arbace singt nicht in klagender Resignation, sondern in fiebriger Erregung: Er will leben, doch er weiĂ, dass sein Leben nicht mehr ihm gehört, sondern dem âvoler della fortunaâ, dem blinden Willen des Schicksals. Die Schlusszeile Infelice! in questo stato / Son da tutti abbandonat zieht die Allegorie ins Persönliche zurĂŒck â nach den groĂen Naturbildern bleibt der Mensch, nackt, verletzlich und verlassen. Vinci lĂ€sst die Musik in diesem Moment nicht verklingen, sondern spannt sie auf wie ein inneres Beben, das die Figur bis in den zweiten Akt hinein begleitet. So wird die Arie nicht nur zu einem VirtuosenstĂŒck, sondern zu einem musikalischen Gleichnis ĂŒber Verlorenheit, WĂŒrde und den Versuch, im Sturm des Lebens Haltung zu bewahren. Der Text (italienisch) Vo solcando un mar crudele Senza vele, e senza sarte: Freme lâonda, il ciel sâimbruna Cresce il vento, e manca lâarte; E il voler della fortuna Son costretto a seguitar. Infelice! in questo stato Son da tutti abbandonat Deutsche Ăbersetzung Ich segle / fahre ĂŒber ein grausames Meer Ohne Segel und ohne Tauen: Die Welle tobt, der Himmel verdunkelt sich, Der Wind nimmt zu, und die Kunst / Fertigkeit fehlen; Und dem Willen des Schicksals Bin ich gezwungen zu folgen. UnglĂŒcklich! In diesem Zustand Bin ich von allen verlassen. Seitenanfang Leonardo Vinci Wolfgang Amadeus Mozart (1756 - 1791): Violinkonzert Nr. 3 in G-Dur, KV 216 (1775) Violine: Hilary Hahn (* 1979) Stuttgart Radio Symphony Orchestra unter der Leitung von Gustavo Dudamel (* 1981) https://www.youtube.com/watch?v=IhQAtkXOK6o Entstehung und Kontext Das Violinkonzert Nr. 3 in G-Dur KV 216 entstand im September 1775, in einer intensiven Schaffensphase Mozarts, in der innerhalb weniger Monate alle fĂŒnf vollendeten Violinkonzerte (KV 207, 211, 216, 218 und 219) komponiert wurden. Mozart war zu dieser Zeit Konzertmeister am Hof des Salzburger Erzbischofs Hieronymus Graf Colloredo (1732â1812) und ĂŒbernahm selbst regelmĂ€Ăig die Rolle des Solisten. Eine mögliche Widmung oder zumindest intendierte AuffĂŒhrung deutet auf den Salzburger Geiger Antonio Brunetti (1734â1786) hin, der als Solist der Hofkapelle wirkte und Mozarts Violinkonzerte mit besonderem Erfolg spielte â Mozart selbst war diesbezĂŒglich ambivalent, lobte Brunettis kĂŒnstlerische Energie, kritisierte aber auch dessen Geschmack und etwas derben Ton. Im Vergleich zu den ersten beiden Konzerten KV 207 und 211 zeigt sich KV 216 stilistisch reifer, mit einer stĂ€rkeren NĂ€he zur Oper, insbesondere zu Mozarts im selben Jahr entstandener Opera buffa "La finta giardiniera" KV 196. Es ist das erste seiner Violinkonzerte, in dem der cantabile Gesangsstil so stark in den Mittelpunkt tritt. Besetzung: Solovioline, Orchester: 2 Oboen (im zweiten Satz durch Flöten ersetzt), 2 Hörner in G, Streicher, Basso continuo war in der Praxis ĂŒblich, aber nicht vorgeschrieben. Satzfolge und musikalische Charakteristik I. Allegro (G-Dur, 4/4 â Sonatensatzform) Das Orchester eröffnet mit einem prĂ€gnanten, höfisch-edlen Thema, das sofort die klare Gliederung und Anmut des Konzerts erkennen lĂ€sst. Die Violine ĂŒbernimmt und wandelt das Motiv in sĂ€ngerische Linien um â fast wie eine Arie ohne Worte. Mozart arbeitet mit dialogischem Wechsel zwischen Solist und Orchester, wobei die Solostimme bereits hier groĂe Freiheit, Eleganz und Leichtigkeit zeigt, ohne VirtuositĂ€t zur Schau zu stellen. Die AtmosphĂ€re ist leicht, hell und galant. II. Adagio (D-Dur, 3/4 â Liedform mit VariationsansĂ€tzen) Dieser Satz gehört zu den innigsten Eingebungen des jungen Mozart. Der Wechsel von Oboen zu zarten Flöten verleiht der Klangfarbe einen sanften, pastoralen Schimmer, ĂŒber dem die Solovioline mit langgezogenen, atmenden Melodiebögen wie eine Kantilene der italienischen Oper schwebt. Der Ton ist lyrisch, beinahe kontemplativ â ein innerruhiger Dialog zwischen Stimme und Stille. III. Rondeau. Allegro (G-Dur, 6/8 â Rondoform mit französischem Einschlag) Ein tĂ€nzerisches, fast volksliedhaftes Rondothema eröffnet den Satz, der von rhythmischer Leichtigkeit und charmantem Witz geprĂ€gt ist. AuffĂ€llig ist ein kurzer, ĂŒberraschender Ausflug in einen französisch anmutenden Musette-Abschnitt (mit droneartigen Bassbewegungen), bevor das ursprĂŒngliche Motiv zurĂŒckkehrt â typisch fĂŒr Mozarts spielerischen Humor. Der Satz endet brillant, ohne die Eleganz jemals zu verlieren. Stilistische Bedeutung KV 216 steht an der Schwelle zwischen frĂŒhklassischer Konzerttradition und Mozarts eigener reifer Konzertsprache. Zum ersten Mal wird das Solokonzert bei Mozart nicht primĂ€r als virtuoses SchaustĂŒck, sondern als lyrisches Dialogspiel verstanden â eine Haltung, die spĂ€ter in den Klavierkonzerten ihren Höhepunkt erreichen sollte. Insbesondere der zweite Satz gilt als Vorahnung spĂ€terer Höhen wie der langsamen SĂ€tze der Klavierkonzerte KV 467 oder KV 488. Zeitgenössische Hörer beschrieben die Wirkung als âuna cantilena tenerissimaâ â eine âzarteste Gesangslinieâ. Interpretatorische Tradition und Aufnahmen Historisch informierte Interpretationen (z. B. Giuliano Carmignola mit Claudio Abbado, Isabelle Faust mit Il Giardino Armonico) betonen die transparente Eleganz und die sprechende Artikulation, wĂ€hrend klassische Interpretationen (Arthur Grumiaux, Itzhak Perlman, Anne-Sophie Mutter) das lyrisch-warme, fast romantisch vorausahnende Moment herausarbeiten. Der Auftritt im Vatikan â Mozart als Klangbild geistiger Klarheit Am 27. Oktober 2012 trat Hilary Hahn (* 1979) gemeinsam mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR unter der Leitung von Gustavo Dudamel (* 1981) im Vatikanischen Audienzsaal Paolo VI auf, um vor Papst Benedikt XVI. (1927â2022) Mozarts Violinkonzert Nr. 3 in G-Dur, KV 216 (1775) aufzufĂŒhren. Der Rahmen war kein gewöhnliches Konzert, sondern eine reprĂ€sentative Kulturbegegnung zwischen Kirche und Musik, bei der Mozart ausdrĂŒcklich als Botschafter geistiger Ordnung und Ă€sthetischer Reinheit prĂ€sentiert wurde. Bereits die Wahl des Werks â kein dramatisch aufgeladenes Konzert, sondern ein lichtdurchflutetes, von innerer Balance getragenes Werk â unterstrich die Absicht, Kontemplation und WĂŒrde in musikalischer Form erlebbar zu machen. Hilary Hahn spielte mit einer auĂerordentlich schlanken, klar fokussierten Tongebung, die bewusst auf jede romantisierende Aufladung verzichtete. Ihre Interpretation war diszipliniert, transparent und von einer fast asketischen Eleganz, wodurch Mozarts kantable Linien wie leicht schwebende Gebetsformeln wirkten. Anstelle virtuoser Geste trat ein inneres Leuchten, das sich im groĂen Raum mit stiller AutoritĂ€t entfaltete. Gustavo Dudamel, sonst fĂŒr seine impulsive Energie bekannt, zeigte sich hier von einer ungewohnt zurĂŒckgenommenen, prĂ€zise kontrollierten Seite. Er formte das Orchester zu einem gleichmĂ€Ăig atmenden Klangkörper, der nicht fordert, sondern trĂ€gt, als seien alle orchestralen Gesten auf WĂŒrde und geistige Sammlung ausgerichtet. Das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart spielte mit einer vorbildlichen Klangdisziplin, die der Architektur des Raums und dem Anlass Rechnung trug: keine SchĂ€rfe, keine Dramatik, sondern Klang als geordnete Helligkeit. Nach der AuffĂŒhrung trat Papst Benedikt XVI. (2005â2013) an die KĂŒnstler heran, sprach von der âinneren Ordnung und Klarheitâ dieser Musik und bezeichnete Mozarts Tonsprache als eine Form von âlichtvoller Vernunft, die das Herz erhebt, ohne zu ĂŒberwĂ€ltigenâ. Mit dieser Bemerkung fasste er prĂ€zise zusammen, was diese Darbietung auszeichnete: kein Spektakel, keine VirtuositĂ€t um ihrer selbst willen, sondern klassische Noblesse im Dienst geistiger Sammlung. Seitenanfang Wolfgang Amadeus Mozart Alonso Lobo (1555â1617), ... ... SchĂŒler von Francisco Guerrero (1528â1599) und spĂ€ter Kapellmeister in Sevilla und Toledo, gehört zu jener seltenen Gattung von Komponisten, deren Musik nicht wie ein Werk bloĂ gelesen werden will, sondern wie ein Raum betreten werden muss. Seine Motette Versa est in luctum entstand im Jahr 1598 anlĂ€sslich der Exequien ( kirchliche BegrĂ€bnisfeier) fĂŒr Philipp II. von Spanien (1527â â 13. September 1598), den asketischen, schweigsamen Monarchen, der mit dem Escorial ein KlosterpalastâMonument errichten lieĂ, nicht zur Zierde, sondern als steinernes Bekenntnis einer Weltordnung, in der Glaube, Macht und Tod untrennbar miteinander verbunden waren. https://www.youtube.com/watch?v=DWyG4wqU0Tw Der lateinische Text, den Alonso Lobo mit nahezu ritueller Strenge vertont, lautet vollstĂ€ndig: Versa est in luctum cithara mea, et organum meum in vocem flentium. Parce mihi, Domine, nihil enim sunt dies mei. Deutsche Ăbersetzung: Zu Trauer ist meine Leier geworden, und meine Orgel zum Klang der Weinenden. Erbarme dich meiner, o Herr, denn nichts sind meine Lebenstage. Dieser Text ist von Ă€uĂerster Knappheit, und doch entfaltet er in Lobos Vertonung eine spirituelle Schwere, wie sie nur entstehen kann, wenn Musik sich nicht als Ausdruck individueller Empfindung begreift, sondern als sakralen Vollzug. Wenn die Stimmen mit Versa est in luctum cithara mea einsetzen, erklingt nicht die Klage eines Einzelnen, sondern die Verwandlung des höfischen Klangorganismus selbst: Die Musik legt ihr eigenes Zeremoniell ab und taucht sich in Trauer, nicht durch Schmerz, sondern durch WĂŒrde. Und wenn die Worte et organum meum in vocem flentium folgen, ist dies nicht das Weinen der Menschen, sondern das Schweigen der Form, die sich selbst verwandelt. Erst am Schluss, bei Parce mihi, Domine, nihil enim sunt dies mei, zieht sich der Klang zusammen, als wĂŒrde das gesamte polyphone GebĂ€ude fĂŒr einen Moment in sich ruhen, um nicht den Schmerz, sondern die Endlichkeit zu bekennen. Lobo schreibt hier keine Musik ĂŒber den Tod, er schafft ein Klangritual, das den Tod selbst als Element der Ordnung hörbar macht. Die Hofkapelle des Escorial, in der Komponisten wie CristĂłbal de Morales (um 1500â1553), Francisco Guerrero (1528â1599), TomĂĄs Luis de Victoria (1548â1611), Alonso Lobo (1555â1617) und Manuel Cardoso (1566â1650) wirkten, war kein kĂŒnstlerisches Ensemble im romantischen Sinn, sondern ein Organ des Glaubens, ein liturgisches Instrument der Monarchie. Musik war hier nicht GefĂŒhl, sondern Zeremonie, nicht Ausdruck, sondern hieratische Geste. Versa est in luctum ist die vollendete klingende Form dieser Haltung. Nach Lobos Tod 1617 wurde die Motette weiterhin bei BegrĂ€bnissen hoher WĂŒrdentrĂ€ger in Spanien und Portugal gesungen, nicht als historische Reminiszenz, sondern als lebendige liturgische RealitĂ€t. Erst der Verlust dieser Ordnung im 19. Jahrhundert lieĂ sie verstummen. Ihre Wiederentdeckung im 20. und 21. Jahrhundert durch Ensembles wie The Tallis Scholars und Musica Ficta brachte ihre Struktur zurĂŒck, doch erst die Interpretation durch Tenebrae unter Nigel Short (* 1965) gab ihr jene klösterliche GravitĂ€t, die ihrer inneren Architektur entspricht. Seitenanfang Alonso Lobo
- Jean Richafort | Alte Musik und Klassik
Jean Richafort (* um 1480 â â 1547) Jean Richafort war ein franko-flĂ€mischer Komponist der Renaissance. Er zĂ€hlt zur zweiten Generation der franko-flĂ€mischen Schule nach Josquin Desprez. Sein Schaffen umfasst vor allem geistliche Musik, darunter Messen, Motetten, Magnificat-Vertonungen und Hymnen, daneben auch einige weltliche Chansons. Besonders bekannt ist seine âMissa pro defunctisâ (Requiem), die vermutlich als Totenmesse zu Ehren Josquins komponiert wurde â eines der frĂŒhesten Requiems in durchkomponierter polyphoner Form. Richaforts Musik ist durch reiche kontrapunktische Strukturen und eine klare textliche Durchhörbarkeit gekennzeichnet, was ihn zu einem wichtigen Vertreter des Ăbergangs von der spĂ€tmittelalterlichen Polyphonie zur Hochrenaissancemusik macht. Er wirkte vermutlich in den burgundisch-habsburgischen Niederlanden und stand zeitweise im Dienst der französischen Könige sowie des habsburgischen Hofes. 1. Emendemus in melius (2 pars) Fol. 44vâ47 â4 Stimmen Lateinischer Text: Emendemus in melius quae ignoranter peccavimus, ne subito praeoccupati die mortis quaeramus spatium poenitentiae et invenire non possimus. Attende, Domine, et miserere, quia peccavimus tibi. Deutsche Ăbersetzung: Bessern wir in GĂŒte, was wir unwissend gesĂŒndigt haben, damit wir nicht plötzlich vom Tag des Todes ereilt werden, dann Zeit zur BuĂe suchen und sie nicht finden. Achte auf uns, o Herr, und erbarme dich, denn wir haben gegen dich gesĂŒndigt. Die Antiphon Emendemus in melius gehört zu den eindringlichsten Texten der Fastenzeit. Ihr schlichter Wortlaut ist eine Mahnung zur Umkehr, die GlĂ€ubigen sollen ihre Verfehlungen erkennen und noch rechtzeitig BuĂe tun, bevor der Tod sie unvorbereitet trifft. Der kurze Text entfaltet in den groĂen polyphonen Vertonungen des 16. Jahrhunderts â etwa bei William Byrd (um 1540â1623) oder CristĂłbal de Morales (1500â1553) â eine ungeheure musikalische IntensitĂ€t. Aus den wenigen Verszeilen entsteht ein weitgespanntes Klanggewebe: der eröffnende Ruf Emendemus in melius wird mit gedehnten Linien und sich ĂŒberlagernden Imitationen ausgestaltet, als wolle die Musik den Hörer unentrinnbar an die Dringlichkeit des Appells binden. Der Mittelteil (ne subito praeoccupati die mortis...) steigert die Spannung durch eine eng gefĂŒhrte kontrapunktische Dichte, die das Bild der plötzlich hereinbrechenden Todesstunde fast körperlich spĂŒrbar macht. Wenn schlieĂlich die Worte Attende, Domine, et miserere, quia peccavimus tibi erklingen, hellt sich die Harmonik auf, und die Stimmen flehen gleichsam gemeinsam um Erbarmen. So wird aus dem knappen liturgischen Text eine beinahe neuneinhalbminĂŒtige geistliche Meditation. Die Komponisten der Hochrenaissance verstanden es, die KĂŒrze der Vorlage durch musikalische Dehnung, Wiederholung und kunstvolle StimmfĂŒhrung in ein spirituelles Erlebnis zu verwandeln. Das Werk ist damit nicht nur BuĂgesang, sondern auch ein eindrucksvolles Beispiel fĂŒr die Kraft polyphoner Rhetorik, die den Hörer in einen Zustand innerer Sammlung und ernsthafter Reflexion fĂŒhrt. 2. Veni sponsa Christi Fol. 43vâ145 â 4 Stimmen Lateinischer Text: Veni, sponsa Christi, accipe coronam, quam tibi Dominus praeparavit in aeternum pro quo sanguinem tuum fudisti. Alleluia. Deutsche Ăbersetzung: Komm, Braut Christi, empfange die Krone, die der Herr dir in Ewigkeit bereitet hat, fĂŒr den du dein Blut vergossen hast. Halleluja. Die Antiphon Veni sponsa Christi gehört zum Offizium der Heiligen Jungfrauen und wird in der Liturgie etwa am Gedenktag von MĂ€rtyrerinnen oder Ordensfrauen gesungen. Der Text ist geprĂ€gt von der Bildsprache des Hohenlieds und deutet die jungfrĂ€uliche Braut als Sinnbild der Seele, die Christus als himmlischen BrĂ€utigam empfĂ€ngt. In den musikalischen Fassungen des 16. Jahrhunderts â unter anderem bei Giovanni Pierluigi da Palestrina (1525â1594) oder in zahlreichen anonymen Quellen â erscheint Veni sponsa Christi als erhabener Gesang, der das Triumphale ebenso wie das Innige verbindet. Der Eröffnungsruf Veni sponsa Christi wird mit feierlichen Akkorden oder imitatorischen EinsĂ€tzen hervorgehoben, als feierlicher Einzug der Braut in den himmlischen Hochzeitssaal. Der anschlieĂende Abschnitt, in dem sie mit dem Siegeskranz der Gerechtigkeit geschmĂŒckt wird, entfaltet sich in schwebenden Linien, die den Glanz des ewigen Lebens musikalisch ausmalen. Die Komponisten lassen die Stimmen im letzten Teil zu einem harmonischen Einklang finden, wenn das Bild des unvergĂ€nglichen Kranzes (accipies coronam...) und des unsterblichen Lebens (quod tibi donavit in aeternum) erscheint. So wird das Werk zu einer klingenden Apotheose der Reinheit, des Martyriums und der ewigen Belohnung. In der musikalischen Ausdeutung verbindet sich die knappe Antiphon mit der polyphonen Pracht der Renaissancekunst. So erhĂ€lt die liturgische Formel eine zeitlose Strahlkraft: Sie ist zugleich Bekenntnis der Kirche und poetisches Sinnbild fĂŒr den Sieg des Glaubens ĂŒber Leid und Tod.
- Andante Spianato | Alte Musik und Klassik
Andante spianato et Grande Polonaise brillante FrĂ©dĂ©ric Chopins Andante spianato et Grande Polonaise brillante op. 22 ist ein Werk mit Doppelgesicht: es ist zugleich ein reprĂ€sentatives KonzertstĂŒck und ein lyrisches Solo Werk. UrsprĂŒnglich entstand 1830/31 die Polonaise brillante in Es-Dur als Komposition fĂŒr Klavier und Orchester, inmitten der Wiener Zeit, in der Chopin sich nach dem Abbruch der Warschauer Jahre als Virtuose etablieren wollte. Die Polonaise reiht sich ein in seine frĂŒhen Werke im âbrillant styleâ, etwa die Variationen ĂŒber LĂ ci darem la mano op. 2 oder die Fantaisie sur des airs polonais op. 13. Das Andante spianato in G-Dur fĂŒgte er erst 1834 als Einleitung hinzu, wodurch das Werk seine heute gĂŒltige zweiteilige Form erhielt. 1835 spielte Chopin es erstmals vollstĂ€ndig im Pariser Conservatoire, dirigiert von François-Antoine Habeneck (1781â1849), und 1836 erschien die Erstausgabe parallel in Paris (bei Maurice Schlesinger), Leipzig (bei HĂ€rtel) und London (bei Wessel & Co.). Die Erstausgabe von 1836 ist âĂ Madame la Baronne dâEsteâ gewidmet. Baronin Pauline dâEste (1811â1855) war eine polnisch-schweizerische Adlige und SchĂŒlerin Chopins. Damit ist das StĂŒck alles andere als ein âkleines Klavierwerkâ. Es gehört in die Reihe seiner groĂen Konzertwerke, zeigt aber zugleich eine intime Seite: Chopin spielte das Andante spianato in Salons oft allein, und auch die gedruckte Fassung legt nahe, dass beide Teile unabhĂ€ngig voneinander Wirkung entfalten konnten. Gerade in dieser Doppelnatur â virtuos-reprĂ€sentativ und lyrisch-intim zugleich â liegt der Reiz von op. 22. Das Andante spianato trĂ€gt einen einzigartigen Zusatz im Chopinâschen Ćuvre: âspianatoâ â âgeglĂ€ttet, eben, ohne HĂ€rtenâ. Und so ist auch die Musik: eine ruhige, gleichmĂ€Ăig strömende Bewegung in 6/8, getragen von perlenden Arpeggien der linken Hand, ĂŒber denen eine weite Kantilene schwebt. Hier zeigt sich Chopins NĂ€he zum Belcanto: die rechte Hand singt wie eine Opernstimme, wĂ€hrend die linke die Rolle einer Harfenbegleitung ĂŒbernimmt. Die Ăberleitung mit ihren âHornsignalenâ öffnet schlieĂlich den Vorhang zur Polonaise. In der Grande Polonaise brillante begegnen wir der vollen Pracht des brillant style: markante Auftakte, stolzer Dreiertakt, funkelnde LĂ€ufe, rauschende Oktavpassagen. Aber Chopin ĂŒbersteigt das bloĂe VirtuosenstĂŒck durch klare Architektur und durch lyrische Binnenepisoden. Das âmeno mossoâ wirkt wie ein Blick ins Innere, bevor die Coda mit strahlender Energie schlieĂt. Gerade an diesem Punkt entscheidet die Interpretation, ob man es mit bloĂer Brillanz oder mit musikalischer Substanz zu tun hat. Viele groĂe Pianisten haben sich an diesem Werk versucht, und ihre Lesarten zeigen die Spannweite der Möglichkeiten. Arthur Rubinstein (1887â1982) verkörpert die klassische Tradition: sein Spiel ist nobel, ausgewogen, von aristokratischer WĂŒrde. Er lĂ€sst die Polonaise schreiten, ohne sie zu forcieren, und sein Andante ist schlicht, aber gesanglich weit. Bei ihm entsteht eine zeitlose NatĂŒrlichkeit, die nie altmodisch wirkt, sondern eher âklassisch gĂŒltigâ. CD Rubinstein Collection, Vol. 48: Chopin: Polonaises, BMG Music 1972, Remastered 1990, Tracks 8 und 9: https://www.youtube.com/watch?v=nN3ipQTAeBk&list=OLAK5uy_kuy2PTjzqxuc-Ld4KEPTsfZvwa0BJld0o&index=8 Krystian Zimerman (* 1956) wĂ€hlt einen anderen Weg. Er modelliert die Architektur scharf, jede Stimme ist durchsichtig, die Balance perfekt. Das Andante gestaltet er mit analytischer Klarheit, beinahe wie eine Skulptur aus Klang. In der Polonaise ĂŒberzeugt er durch technische Vollkommenheit und strukturelle Logik â ideal fĂŒr Hörer, die in Chopin eine klare architektonische Ordnung suchen. CD Chopin: Piano Concertos, Deutsche Grammophon GmbH, Berlin 1980, Remastered 1999, Tracks 10 und 11: https://www.youtube.com/watch?v=5_wa52vJR5U&list=OLAK5uy_kB4WdIvuq7VM8GXbgD27zdpO-QAsJSiJI&index=10 Daniil Trifonov (* 1991) schlieĂlich bringt eine VirtuositĂ€t ein, die zweifellos atemberaubend ist. Sein Ton changiert in allen Farben, seine Technik erlaubt ihm Effekte, die niemand sonst so realisieren kann. Gerade in der Polonaise entfaltet er ein Feuerwerk, das die Brillanz des StĂŒcks ins Extreme steigert. FĂŒr viele gilt er damit als MaĂstab unserer Zeit. Doch zugleich wirkt sein Spiel oft manieriert, die Effekte scheinen ĂŒberhöht, die NatĂŒrlichkeit bleibt zurĂŒck. Hier scheiden sich die Geister: wer die spektakulĂ€re Seite von Chopin liebt, wird Trifonov bewundern; wer Substanz sucht, mag sich abgestoĂen fĂŒhlen. https://www.youtube.com/watch?v=oS_XjkILFMY Und nun Alfred Brendel (1931â2024). Er ist der AuĂenseiter in diesem Kreis â ein Pianist, den man eher mit Beethoven und Schubert verbindet als mit Chopin. Doch gerade in seiner BBC-Liveaufnahme von 1968 zeigt er, wie tief dieses Werk wirken kann, wenn man ihm mit Distanz und Klarheit begegnet. Sein Andante spianato ist wirklich âspianatoâ: ein gleichmĂ€Ăiger, ruhiger Fluss, ohne SentimentalitĂ€t, ohne Schwulst. Schon der erste Einsatz des Klaviers klingt wie eine reine Linie, getragen vom Atem, nicht von Effekten. In der Ăberleitung wahrt er die Spannung, ohne zu forcieren. Besonders eindrucksvoll ist der Aufschwung in den hohen Lagen um Takt 43: statt in Glanz zu baden, hĂ€lt Brendel den Klang durchsichtig, beinahe glĂ€sern. Man spĂŒrt: hier wird nicht dekoriert, sondern das Wesentliche freigelegt. In der Polonaise bleibt er konsequent. Wo Rubinstein adelt, Zimerman analysiert und Trifonov glĂ€nzt, entscheidet sich Brendel fĂŒr Eleganz. Die ersten Takte spielt er nicht als triumphalen Einbruch, sondern als kultivierten Tanzschritt â markant, aber federnd. Der Dreiertakt bleibt spĂŒrbar, doch ohne martialische HĂ€rte. In der lyrischen Episode (meno mosso, um Takt 100) singt er schlicht, ohne sich im Rubato zu verlieren. Und in der Coda widersteht er der Versuchung, das Virtuosen StĂŒck in ein Spektakel zu verwandeln: die LĂ€ufe funkeln, doch sie ordnen sich der tĂ€nzerischen Logik unter. Gerade dadurch wirkt Brendels Interpretation so ĂŒberzeugend. Sie zeigt, dass dieses Werk nicht nur durch Glanz lebt, sondern durch Balance. Er befreit es von der âEffektlogikâ und macht es zu einem CharakterstĂŒck: ein Bild von Tanz und Poesie, nicht von Schaustellung. Seine Lesart beweist, dass man Chopin nicht durch Brillanz vergröĂern muss, sondern durch ZurĂŒcknahme. FĂŒr mich ist das der entscheidende Punkt: Brendel ergreift, wo andere blenden. Er macht sichtbar, dass Chopin in op. 22 nicht nur den Virtuosen, sondern auch den Poeten zeigt. Und genau darin liegt die GĂŒltigkeit seiner Lesart. Das Andante spianato et Grande Polonaise brillante gehört zweifellos zu den groĂen Werken, die Chopins frĂŒhen Konzertstil reprĂ€sentieren. Aber in Brendels HĂ€nden wird es mehr: eine stille, kultivierte Meditation ĂŒber Tanz und Gesang, deren WĂŒrde gerade aus der Verweigerung des Spektakels wĂ€chst. https://www.youtube.com/watch?v=D88D6Ae9J18
- Pierre de la Rue | Alte Musik und Klassik
Pierre de la Rue zĂ€hlt zu den herausragendsten Komponisten der franko-flĂ€mischen Schule. Pierre de la Rue (um 1452â1518) Pierre de la Rue zĂ€hlt zu den herausragendsten Komponisten der franko-flĂ€mischen Schule an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert. Geboren wurde er vermutlich in Tournai, einer Stadt mit reicher kirchlicher Tradition und einer angesehenen Chorschule. Ăber seine Jugendjahre ist wenig bekannt, doch es ist anzunehmen, dass er schon frĂŒh eine solide musikalische Ausbildung erhielt, möglicherweise in der Kathedrale seiner Heimatstadt. FrĂŒhere Dokumente nennen ihn unter verschiedenen Namensformen, was typisch fĂŒr die Zeit ist und die Spurensuche nicht leicht macht. Erste belegte Stationen fĂŒhren ihn als SĂ€nger in die Kathedrale von BrĂŒssel, danach nach Gent und Nieuwpoort. Einen entscheidenden Wendepunkt markierte das Jahr 1492, als er in die Hofkapelle der Habsburger, die sogenannte Grande Chapelle, eintrat. Hier begann eine Karriere, die ihn in den Dienst mehrerer Generationen stellte: Maximilian I., Philipp der Schöne, Margarete von Ăsterreich und schlieĂlich Karl V. Seine Anstellung am Hof war ungewöhnlich stabil, denn anders als viele seiner Kollegen wechselte er nicht zwischen zahlreichen Höfen, sondern blieb ĂŒber Jahrzehnte einem einzigen Zentrum treu. Dies bot ihm nicht nur ein gesichertes Auskommen, sondern auch die Möglichkeit, ein umfangreiches und vielfĂ€ltiges Ćuvre zu schaffen. Mit der Hofkapelle nahm de la Rue an zahlreichen Reisen teil, die oft diplomatischen Zwecken dienten. Besonders bemerkenswert sind die Unternehmungen nach Spanien in den Jahren 1501â1502, die ihn in BerĂŒhrung mit einer anderen musikalischen Tradition brachten. Diese Kontakte erweiterten seinen Horizont und hinterlieĂen Spuren in seinem Werk, etwa in der Gestaltung von Melodielinien und im Umgang mit rhythmischer Vielfalt. Sein kompositorisches Schaffen ist beeindruckend. Ăberliefert sind mehr als 30 Messen, eine Vielzahl von Motetten, Magnificat-Zyklen, Hymnen, geistliche Lieder und weltliche Chansons. Er gilt als einer der ersten, der ein vollstĂ€ndiges Magnificat-Zyklus hinterlieĂ, und als frĂŒher Meister der polyphonen Requiem-Messe, möglicherweise komponiert zum Andenken an Philipp den Schönen. Die Musik de la Rues ist gekennzeichnet durch einen dunklen, vollen Klang, der oft durch eine ausgeprĂ€gte BassfĂŒhrung getragen wird. Er liebte komplexe kontrapunktische Strukturen, besonders Kanons und Mensurkanons, die er mit technischer Brillanz einsetzte. Seine âLâhomme armĂ©â-Messen sind Musterbeispiele fĂŒr diesen kunstvollen Stil. De la Rue war kein Komponist der leichten, flĂŒchtigen Effekte. Seine Musik verlangt vom Hörer Aufmerksamkeit und Offenheit fĂŒr subtil aufgebaute Klangarchitekturen. In seinen Motetten verbinden sich kontemplative Tiefe und expressive Dichte, oft mit einer fast meditativen Ruhe. Zugleich wusste er, wie man aus einem gegebenen Thema ĂŒber lange Strecken spannungsreiche Entwicklungen formt, ohne den inneren Fluss zu verlieren. Ein weniger bekannter, aber aufschlussreicher Aspekt ist die enorme PrĂ€senz seiner Werke in den prachtvollen Handschriften des habsburgischen Hofes. In manchen dieser SammelbĂ€nde ist er stĂ€rker vertreten als Josquin Desprez, was seine Bedeutung innerhalb des höfischen Musiklebens unterstreicht. Diese Verbreitung ist auch ein Indiz fĂŒr das hohe Ansehen, das er bei seinen Auftraggebern genoss. Pierre de la Rue starb am 20. November 1518 in Kortrijk. Er wurde in der dortigen Kirche Sankt Michael bestattet. Sein Lebensweg und sein Werk stehen beispielhaft fĂŒr die Verbindung von kĂŒnstlerischer KontinuitĂ€t, technischer Meisterschaft und tiefer Verwurzelung im geistlichen wie weltlichen Musikleben der Renaissance. Bis heute fasziniert seine Musik durch die Balance zwischen formaler Strenge und klanglicher WĂ€rme â ein VermĂ€chtnis, das den Hörer in eine Welt fĂŒhrt, in der Zeit und Raum im Geflecht polyphoner Linien ineinanderflieĂen. Requiem Pierre de la Rues Requiem gehört zu den frĂŒhesten vollstĂ€ndig erhaltenen polyphonen Totenmessen und ist ein Werk von seltener Geschlossenheit und klanglicher Tiefe. Entstanden vermutlich zwischen 1503 und 1506 im Umfeld der habsburgischen Hofkapelle, steht es wahrscheinlich in unmittelbarem Zusammenhang mit den Trauerfeierlichkeiten fĂŒr Philipp den Schönen (1478â1506). Philipp der Schöne war Herzog von Burgund ab 1482 und regierte als König von Kastilien von 1504 bis zu seinem Tod 1506. Philipp starb am 25. September 1506 in Burgos, Kastilien, vermutlich an Typhus. Die Vertonung folgt der vortridentinischen Fassung der Totenmesse, die in Textgestalt und liturgischem Ablauf von der spĂ€teren, nach dem Konzil von Trient verbindlich gewordenen Ordnung abweicht. AuffĂ€llig ist das Fehlen der Sequenz âDies iraeâ, was dem Werk einen stĂ€rker kontemplativen Charakter verleiht. Von der ersten bis zur letzten Note zeigt sich de la Rues Vorliebe fĂŒr tiefe Register und einen sonoren, warmen Gesamtklang. Die Besetzung ist ĂŒberwiegend vierstimmig mit Sopran, Alt, Tenor und Bass, wobei der Bass nicht nur harmonisches Fundament ist, sondern aktiv in den motivischen Fluss eingebunden wird. In einzelnen Abschnitten â etwa im Offertorium â erweitert er das Ensemble zu fĂŒnf Stimmen, um den Mittellagen besondere FĂŒlle zu verleihen. Die tonale Grundlage bildet fast durchgehend der dorische Modus auf d, gelegentlich aufgehellt durch Ausweichungen in den mixolydischen Bereich oder subdominantische Klangfelder. Der Introitus âRequiem aeternam dona eis Domineâ eröffnet das Werk mit einem ruhig flieĂenden Satz, in dem der Cantus firmus im Tenor in langen Halben erscheint, wĂ€hrend die ĂŒbrigen Stimmen in weichen Imitationen umspielen. Die harmonischen Wendungen sind sparsam, was der Musik eine zeitlose Ruhe verleiht und den Eindruck eines stetigen Gebets schafft. Das anschlieĂende Kyrie ist streng imitatorisch gearbeitet, wobei jede der drei Bitten â Kyrie, Christe, Kyrie â ihre eigene Gestalt behĂ€lt. Die dunkle Klangfarbe des dorischen Modus wird hier durch die Moll-Terz-Schattierung verstĂ€rkt, was der Bitte um Erbarmen eine besondere Eindringlichkeit verleiht. Im Graduale kehrt das âRequiem aeternamâ zurĂŒck, diesmal ergĂ€nzt um den Vers âIn memoria aeterna erit iustusâ. Der Tenor bringt den Cantus firmus nun in kĂŒrzeren Werten, was zu einer Verdichtung der Imitationen fĂŒhrt und den Satz spĂŒrbar intensiviert. Der Tractus âAbsolve Domineâ ist von gleichmĂ€Ăigen, langen Linien geprĂ€gt und vermeidet schnelle Bewegungen. Die strenge modale Bindung an den dorischen Modus und die parallelen Kontrapunktmuster verleihen ihm einen fast archaischen Ernst, der die Bitte um Loslösung der Seelen aus den Banden der SĂŒnde eindringlich unterstreicht. Das Offertorium âDomine Jesu Christeâ bildet einen Höhepunkt der Messe. Die fĂŒnfstimmige Besetzung mit zwei Altstimmen schafft eine auĂergewöhnliche KlangfĂŒlle in der Mittellage. Zu Beginn werden die Worte homophon vorgetragen, um die Anrufung des Herrn klar hervorzuheben, bevor imitatorische Passagen den Satz beleben. Im Abschnitt âsed signifer sanctus Michaelâ hellt sich die Harmonik auf, und die Oberstimmen steigen in parallelen Sexten und Quarten aufwĂ€rts, als wĂŒrde der Erzengel selbst die Seelen ins himmlische Licht fĂŒhren. Das Sanctus entfaltet sich in feierlichen, weit gespannten Bögen. Der mixolydische Tonrahmen auf g verleiht dem Satz eine hellere Klangfarbe, ohne den gravitĂ€tischen Grundcharakter zu verlieren. Die Hosanna-Rufe wirken belebter, ihre Imitationen sind enger gefĂŒhrt und verleihen dem Lobpreis eine raumgreifende Weite. Das Agnus Dei kehrt zum dorischen Modus zurĂŒck und steigert sich ĂŒber die drei Wiederholungen nicht in LautstĂ€rke, sondern in innerer Dichte. Die Stimmen rĂŒcken enger zusammen, der Bass erhĂ€lt mehr melodische Bewegung, und die Schlussbitte âdona eis requiem sempiternamâ klingt in langen Halben wie ein sanftes Ausatmen aus. In der Communio âLux aeternaâ schlieĂt sich der Kreis zum Eröffnungsbild des ewigen Lichts. Der Satz ist imitatorisch angelegt, der Cantus firmus wandert zwischen den Stimmen, und die abschlieĂenden âquia pius esâ-Phrasen kehren zu einer fast homophonen Einfachheit zurĂŒck. Die Musik klingt aus wie ein letztes, stilles Leuchten. Historisch steht dieses Requiem an einer bedeutenden Schnittstelle. Johannes Ockeghems berĂŒhmte âMissa pro defunctisâ aus den 1460er-Jahren ist zwar ein direkter VorlĂ€ufer, wirkt aber in ihrer modalen Strenge und linearen FĂŒhrung noch stĂ€rker mittelalterlich geprĂ€gt. De la Rue ĂŒbernimmt zwar Ockeghems Ernst und die Konzentration auf tiefe Register, geht aber in der strukturellen Durcharbeitung und der kontrapunktischen Verdichtung weiter. Im Vergleich zu spĂ€teren Requiem-Vertonungen wie jener von Jean Richafort â komponiert 1532 als musikalisches Epitaph fĂŒr Josquin Desprez â fehlt bei de la Rue noch der humanistisch geprĂ€gte, textbezogene Affektausdruck. Stattdessen herrscht eine in sich geschlossene, liturgisch gebundene Klangsprache vor, die den Hörer in einen gleichmĂ€Ăigen, meditativen Fluss zieht. Gerade diese Verbindung von modaler Strenge, reicher kontrapunktischer Arbeit und einer unverwechselbaren, tiefen Klangfarbe macht Pierre de la Rues Requiem zu einem der eindrucksvollsten Werke seiner Zeit. Es ist nicht nur eine klingende Totenklage fĂŒr einen Herrscher, sondern auch ein musikalisches Zeugnis einer Epoche, in der der Glaube an die Ruhe und das ewige Licht das Bild des Todes bestimmte. In seiner klaren, feierlichen Ruhe hat dieses Werk bis heute nichts von seiner suggestiven Kraft verloren. Lateinischer Text: Introitus Requiem aeternam dona eis Domine et lux perpetua luceat eis Te decet hymnus Deus in Sion et tibi reddetur votum in Jerusalem exaudi orationem meam ad te omnis caro veniet Requiem aeternam dona eis Domine et lux perpetua luceat eis Kyrie Kyrie eleison Christe eleison Kyrie eleison Graduale Requiem aeternam dona eis Domine et lux perpetua luceat eis In memoria aeterna erit iustus ab auditione mala non timebit Tractus Absolve Domine animas omnium fidelium defunctorum ab omni vinculo delictorum et gratia tua illis succurente mereantur evadere iudicium ultionis et lucis aeternae beatitudine perfrui Offertorium Domine Jesu Christe, Rex gloriae libera animas omnium fidelium defunctorum de poenis inferni et de profundo lacu libera eas de ore leonis ne absorbeat eas tartarus ne cadant in obscurum sed signifer sanctus Michael repraesentet eas in lucem sanctam Quam olim Abrahae promisisti et semini eius Hostias et preces tibi Domine laudis offerimus tu suscipe pro animabus illis quarum hodie memoriam facimus fac eas Domine de morte transire ad vitam Quam olim Abrahae promisisti et semini eius Sanctus Sanctus, Sanctus, Sanctus Dominus Deus Sabaoth Pleni sunt caeli et terra gloria tua Hosanna in excelsis Benedictus qui venit in nomine Domini Hosanna in excelsis Agnus Dei Agnus Dei, qui tollis peccata mundi, dona eis requiem Agnus Dei, qui tollis peccata mundi, dona eis requiem Agnus Dei, qui tollis peccata mundi, dona eis requiem sempiternam Communio Lux aeterna luceat eis Domine cum sanctis tuis in aeternum quia pius es Requiem aeternam dona eis Domine et lux perpetua luceat eis cum sanctis tuis in aeternum quia pius es Deutsche Ăbersetzung: Introitus Herr, gib ihnen die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte ihnen Dir gebĂŒhrt Lobgesang, o Gott, auf dem Zion und dir wird ein GelĂŒbde erfĂŒllt in Jerusalem Erhöre mein Gebet zu dir wird alles Fleisch kommen Herr, gib ihnen die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte ihnen Kyrie Herr, erbarme dich Christus, erbarme dich Herr, erbarme dich Graduale Herr, gib ihnen die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte ihnen Der Gerechte wird in ewiger Erinnerung bleiben er wird sich nicht fĂŒrchten vor böser Kunde Tractus Löse, o Herr, die Seelen aller verstorbenen GlĂ€ubigen von jedem Band der SĂŒnden und lass sie, durch deine Gnade unterstĂŒtzt, dem Gericht der Vergeltung entrinnen und sich der Seligkeit des ewigen Lichtes erfreuen Offertorium Herr Jesus Christus, König der Herrlichkeit befreie die Seelen aller verstorbenen GlĂ€ubigen von den Strafen der Hölle und aus dem tiefen Abgrund befreie sie aus dem Rachen des Löwen damit sie der Höllenschlund nicht verschlinge damit sie nicht in die Finsternis fallen sondern der heilige ZeichenfĂŒhrer Michael fĂŒhre sie ins heilige Licht Wie du einst Abraham und seinem Samen verheiĂen hast Dir, Herr, bringen wir Opfergaben und Gebete des Lobes dar nimm sie an fĂŒr jene Seelen deren wir heute gedenken Lass sie, o Herr, vom Tod hinĂŒbergehen zum Leben Wie du einst Abraham und seinem Samen verheiĂen hast Sanctus Heilig, heilig, heilig Herr Gott der Heerscharen Himmel und Erde sind erfĂŒllt von deiner Herrlichkeit Hosanna in der Höhe Gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn Hosanna in der Höhe Agnus Dei Lamm Gottes, das du hinwegnimmst die SĂŒnden der Welt, gib ihnen Ruhe Lamm Gottes, das du hinwegnimmst die SĂŒnden der Welt, gib ihnen Ruhe Lamm Gottes, das du hinwegnimmst die SĂŒnden der Welt, gib ihnen ewige Ruhe Communio Das ewige Licht leuchte ihnen, o Herr mit deinen Heiligen in Ewigkeit denn du bist gĂŒtig Herr, gib ihnen die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte ihnen mit deinen Heiligen in Ewigkeit denn du bist gĂŒtig Seitenanfang Kaum ein Komponist des frĂŒhen 16. Jahrhunderts ist so reich ĂŒberliefert und zugleich so wenig im allgemeinen Bewusstsein prĂ€sent wie Pierre de la Rue (um 1452â1518). Seine Werke bilden das klangliche RĂŒckgrat der burgundisch-habsburgischen Hofkapelle, deren Repertoire in den prachtvollen, heute in Leuven, BrĂŒssel, Wien, Jena, MĂŒnchen und anderswo aufbewahrten Alamire-ChorbĂŒchern festgehalten ist. Diese groĂformatigen Codices gehören zu den vornehmsten Musikhandschriften ihrer Zeit. Sie zeichnen sich durch kunstvolle Zierinitialen, sorgfĂ€ltige Rubrizierung und eine klare, luxuriöse Notation aus, die eindrucksvoll belegt, welchen Rang La Rue als Komponist am Hof hatte. Doch im merkwĂŒrdigen Gegensatz zu dieser ĂŒberwĂ€ltigenden Ăberlieferung steht die moderne Rezeption: Viele seiner vierstimmigen Messen sind wissenschaftlich gut erschlossen, wurden aber jahrhundertelang kaum aufgefĂŒhrt und existieren diskographisch â wenn ĂŒberhaupt â nur in wenigen schwer zugĂ€nglichen Spezialaufnahmen. Manche seiner bedeutenden Zyklen waren ausschlieĂlich in vergriffenen französischen Produktionen erhĂ€ltlich, andere nur in universitĂ€ren Projekten, die nie den Weg in internationale Kataloge fanden. Gerade deshalb gewinnen die vier hier eingespielten Messen eine besondere Bedeutung. Die Missa almana, die Missa de Sancto Antonio, die Missa Puer natus est nobis und die Missa Tous les regretz decken nahezu das ganze Spektrum von La Rues vierstimmigem Messenschaffen ab â von frĂŒhen, motivisch verdichteten Werken ĂŒber liturgisch gebundene Cantus-firmus-Kompositionen bis zu den reifen Parodiemessen der spĂ€ten Phase. Die Beauty-Farm-Aufnahmen, 2017 in der Kartause Mauerbach entstanden und 2018 veröffentlicht, stellen die erste moderne, klanglich homogene und wissenschaftlich informierte ErschlieĂung dieser vier Zyklen dar und eröffnen damit eine neue Perspektive auf einen Komponisten, dessen Rang zwar in den Quellen ĂŒberall sichtbar, in der heutigen Hörpraxis aber noch immer erstaunlich begrenzt ist. https://music.apple.com/de/album/la-rue-masses/1383389290 Die vier vierstimmigen Messen, die das Ensemble Beauty Farm in zwei Fra-Bernardo-Doppelalben aufgenommen hat, öffnen einen auĂergewöhnlich tiefen Blick in das Messenschaffen von Pierre de la Rue, einem der bedeutendsten und zugleich in der modernen Rezeption unterschĂ€tzten franko-flĂ€mischen Meister um 1500. Obwohl La Rue zu Lebzeiten als Komponist von besonderem Rang galt, als Mitglied der Hofkapelle der Habsburg-Burgunder ein herausragendes Amt bekleidete und in prachtvollen Alamire-ChorbĂŒchern ĂŒberliefert ist, blieb sein vierstimmiges Messenschaffen ĂŒber Jahrhunderte kaum prĂ€sent. Die Quellen sind luxuriös, die Musik hochkomplex und innerlich geschlossen, doch die Diskographie ist erstaunlich dĂŒnn. Viele Messen existieren nur in Spezialaufnahmen, oft in kleinen französischen Produktionen, die schwer greifbar oder vergriffen sind. In diesem Kontext gewinnen die Beauty-Farm-Aufnahmen eine besondere Bedeutung: Sie bieten zum ersten Mal eine moderne, einheitliche, klanglich klare und wissenschaftlich fundierte Gesamtdarstellung von vier zentralen vierstimmigen Messzyklen, die bislang nur selten öffentlich erklangen. Die vielzitierte Bezeichnung âWeltersteinspielungâ, die mit der Produktion beworben wurde, ist nur teilweise zutreffend. Die Missa Puer natus est nobis wurde bereits 2003 von Ars Antiqua de Paris unter Michel Sanvoisin eingespielt, zusammen mit der Missa de Sancta Cruce. https://www.amazon.de/Christmas-Mass-Pierre-Antiqua-Paris/dp/B004NIHMRY Auch die Missa Tous les regretz wurde von demselben Ensemble in einer frĂŒheren französischen Produktion aufgenommen. Die Missa de Sancto Antonio ist in einer Aufnahme des University of New Hampshire Chamber Choirs unter William Kempster dokumentiert. TatsĂ€chlich neu ist vor allem die vollstĂ€ndige Missa almana, auch Missa Pourquoy non genannt, die vor Beauty Farm nie in einer modernen, vollstĂ€ndigen CD-Einspielung öffentlich zugĂ€nglich war. Dennoch bleibt entscheidend: Erst durch Beauty Farm werden diese vier Messen einem internationalen Publikum in einer klanglich homogenen, wissenschaftlich informierten Interpretation zugĂ€nglich, die das Repertoire grundlegend neu erschlieĂt. Die Aufnahme der vier La-Rue-Messen mit Beauty Farm ist im regulĂ€ren Handel erhĂ€ltlich und wird von Fra Bernardo weltweit vertrieben. Sie ist zudem auf allen groĂen Streaming-Plattformen zugĂ€nglich, darunter Spotify und Apple Music. Damit steht diese bedeutende Edition sowohl als physische Doppel-CD als auch digital in hervorragender KlangqualitĂ€t zur VerfĂŒgung. Den Auftakt des Zyklus bildet die Missa almana a 4, ein Werk, das am Ăbergang zwischen La Rues frĂŒher und seiner voll entwickelten Phase steht. In Honey Meconis provisorischer Chronologie wird sie als erste sicher zugeschriebene Messe eingeordnet. Die Messe erscheint in den Quellen unter mehreren Namen: Missa almana, Missa Pourquoy non und Missa sexti ut fa. Der anglo-kanadische Musikwissenschaftler William Kempster, Herausgeber einer vollstĂ€ndigen AuffĂŒhrungsausgabe sĂ€mtlicher Werke La Rues, hat ĂŒberzeugend dargelegt, dass die Messe auf La Rues eigener Chanson âPourquoy nonâ basiert: https://www.youtube.com/watch?v=gNWzEC92CBQ Der mittelfranzösische Text (in leicht modernisierter Schreibung) lautet: Pourquoi non, ne veuil je mourir? Pourquoi non, ne dois je quĂ©rir La fin de ma dolente vie, Quand jâaime qui ne mâaime mie Et sers sans guerdon acquĂ©rir. Eine wörtlich-sinngetreue deutsche Ăbersetzung dazu: Warum denn nicht â warum sollte ich nicht sterben wollen? Warum denn nicht â sollte ich nicht suchen das Ende meines schmerzensreichen Lebens, da ich doch den liebe, der mich ĂŒberhaupt nicht liebt, und ihm diene, ohne irgendeinen Lohn zu erlangen. Der Titel âalmanaâ ist ein rĂ€tselhafter, historisch gewachsener Name ohne eindeutige Bedeutung. Entscheidend ist die motivische Struktur: Die Chanson beginnt mit einer markanten aufsteigenden Quarte, gefolgt von einem Sekundschritt. Dieses kurze Motiv ist der Keim, aus dem La Rue die gesamte Messe entwickelt. Bereits das Kyrie zeigt, wie La Rue dieses Motiv imitatorisch durch alle Stimmen fĂŒhrt. Die EinsĂ€tze folgen einander in ruhiger, gleichmĂ€Ăiger Abfolge, wodurch ein kompakter, aber niemals schwerer Satz entsteht. Die Polyphonie wirkt organisch, homogen, fast atmend. Nichts drĂ€ngt, nichts stĂŒrmt voran, und doch entfaltet sich eine beeindruckende kontrapunktische Dichte. Die musikalische OberflĂ€che bleibt klar, fast schlicht, aber unter dieser Ruhe liegt eine kunstvolle Verzahnung der Stimmen, die die Essenz von La Rues Stil vorwegnimmt: dunkle FĂ€rbung, tief liegende Stimmen, sanfte Dissonanzvorhalte und ein stetiger, ruhiger Puls. Im Gloria reagiert La Rue deutlich auf die Struktur des liturgischen Textes. Lange Abschnitte wie âGratias agimus tibiâ oder âDomine Deusâ werden durch kurze Duos entlastet. Die motivische Arbeit tritt zugunsten der Textdeklamation etwas in den Hintergrund, bleibt aber stets hörbar. Besonders eindrucksvoll ist der Abschnitt âQui tollis peccata mundiâ, in dem La Rue die StimmfĂŒhrung verdichtet und die harmonische Spannung leicht erhöht, bevor sich der Satz zum feierlichen âCum Sancto Spirituâ öffnet, das jedoch nicht jubelnd, sondern wĂŒrdevoll wirkt. Das Credo ist der lĂ€ngste und vielleicht eindrucksvollste Satz des Zyklus. Hier zeigt La Rue seine FĂ€higkeit, groĂe musikalische Bögen zu spannen. Das Material der Chanson rĂŒckt stĂ€rker in die unteren Stimmen, hĂ€ufig im Bass oder Tenor, wĂ€hrend die Oberstimmen lĂ€ngere Linien darĂŒberlegen. Der Abschnitt âEt incarnatus estâ wirkt wie eine Verlangsamung der Zeit: Die Harmonik wird weich, die melodischen Linien scheinen sich tastend zu umkreisen, bevor das âEt resurrexitâ mit einer sanften inneren Aufhellung wieder zu strömen beginnt. Es ist kein Durchbruch, keine Explosion; es ist ein stilles, aber deutliches Ăffnen. Im Sanctus lebt La Rue seine Vorliebe fĂŒr imitatorische Dichte aus, jedoch ohne die feierliche Ruhe zu gefĂ€hrden. Die Stimmen setzen nacheinander ein, bilden weite, harmonisch glatte Felder, und das âHosannaâ bleibt in derselben meditativen AtmosphĂ€re wie die ĂŒbrigen SĂ€tze. Das Benedictus ist ein kurzes Trio, ein lichtes Fenster im dichten SatzgefĂŒge, bevor das Hosanna den Kreis schlieĂt. Das Agnus Dei fasst die Messe zu einem letzten Bild von innerer Ruhe zusammen. Das Chansonmotiv erscheint besonders klar im Bass, fast wie ein Grundton des ganzen Werks. Das abschlieĂende âdona nobis pacemâ ist breit ausgesponnen, lange ausgehalten und lĂ€sst die Messe in einer stillen, fast asketischen Klangwelt enden. Die Missa almana ist damit ein frĂŒhes, aber bereits erstaunlich geschlossenes Werk, das La Rues GespĂŒr fĂŒr meditative Polyphonie demonstriert. Die Ruhe des Satzes ist kein Mangel an Energie, sondern eine Form von Konzentration. In der Stille liegt die StĂ€rke dieses Zyklus, und die Beauty-Farm-Aufnahme zeigt diese QualitĂ€t in einer Reinheit, die dem Werk vollkommen entspricht. Die Missa de Sancto Antonio a 4 entstammt einem anderen Bereich von La Rues Schaffen. Sie ist eine liturgisch geprĂ€gte Cantus-firmus-Messe und basiert auf der Vesperantiphon âO sacer Anthoniâ, die dem bedeutsamen WĂŒstenvater Antonius dem GroĂen gewidmet ist. Diese Antiphon ist unter anderem im Antiphonale Pataviense von 1519 ĂŒberliefert und findet sich dort als zentrale Melodie fĂŒr das Fest des Heiligen am 17. Januar. Die Cantus-firmus-Linie erscheint bei La Rue meist im Tenor, in langen Notenwerten, um die sich die ĂŒbrigen Stimmen gruppieren. Die Messe wirkt dadurch besonders ausgeglichen und licht. Diese liturgische Verankerung wird durch eine höfische Dimension ergĂ€nzt. Der Heilige Antonius war der Patron des burgundischen Hochadeligen Antoine de Bourgogne, des berĂŒhmten âBastards von Burgundâ und engen Vertrauten Philipps des Guten. Die Messe ist daher sowohl als Ausdruck klösterlicher Frömmigkeit als auch als Teil höfischer ReprĂ€sentationskultur zu verstehen, eingebettet in die SpiritualitĂ€t der Habsburg-Burgunder. Musikalisch ist sie von einer besonderen Klarheit geprĂ€gt. Die Stimmen sind breiter gefĂ€chert als in der Missa almana, die Textur öffnet sich hĂ€ufiger, und die Stimmgeflechte wirken transparenter. In vielen Passagen reduzieren sich die Stimmen auf ein Duo oder Trio, wobei die ĂŒbrigen ruhen und dem Cantus firmus Raum geben. Dadurch entsteht ein nahezu architektonisches Klangbild: ein abwechselnd dichter und lichter Satz, der immer wieder neue Perspektiven eröffnet. Der Ton ist heller als in der Missa almana, weniger erdig, aber ebenso konzentriert. Die Aufnahmegeschichte dieser Messe ist schmal; neben der modernen Aufnahme von Beauty Farm spielte vor allem die Einspielung unter William Kempster eine Rolle. Die Missa Puer natus est nobis a 4 fĂŒhrt das weihnachtliche Thema in polyphoner Form weiter. Der Introitus âPuer natus est nobisâ ist der Eingangsgesang der dritten Messe am Weihnachtstag und wurde von zahlreichen Komponisten als Cantus firmus verwendet. Die berĂŒhmteste Vertonung ist jene von Thomas Tallis, doch La Rues Messe steht in einer eigenen, sehr eleganten Tradition. Die Quellen nennen sie auch Missa de nativitate Christi. Honey Meconi ordnet sie als Nr. 5 in die frĂŒhe Phase ein. Die Introitus-Melodie erscheint bei La Rue in paraphrasierter Form: nicht als starre Linie, sondern als motivisches Material, das zwischen den Stimmen wandert. In der Alamire-Forschung wurde ein bemerkenswertes Detail im Gloria beschrieben: Der Bass ist an einer Stelle so tief gefĂŒhrt, dass eine seltene doppelte Hilfslinie erforderlich war â ein Zeichen fĂŒr La Rues Vorliebe fĂŒr sonoren Klang. Ein weiterer Beitrag zur Musica ficta analysiert das Sanctus und zeigt, wie La Rue Vorzeichen wie das b-molle einsetzt, um melodische Linien zu glĂ€tten oder bewusst zu fĂ€rben. Das Kyrie wirkt hell, ruhig und klar, das Gloria durch klare Textabschnitte gegliedert, das Credo entfaltet sich in langen Linien und konzentriert sich im âEt incarnatus estâ auf eine verhangene Harmonik, die sich zum âEt resurrexitâ öffnet. Das Sanctus ist feierlich, aber nicht pompös, das Benedictus zart und intim, das Agnus Dei innig und friedvoll. Diskographisch war das Werk lange kaum prĂ€sent; auĂer einem isolierten Kyrie von Capilla Flamenca und der vergriffenen französischen Produktion blieb die Missa Puer natus est nobis praktisch unzugĂ€nglich. Beauty Farm macht sie nun vollstĂ€ndig hörbar. Die Missa Tous les regretz a 4 schlieĂlich gilt als eines der reifsten Meisterwerke La Rues. Sie basiert auf seiner eigenen Chanson âTous les regretzâ, einem melancholischen Liebeslied, das in zahlreichen Quellen belegt ist. Die Messe ist eine Parodiemesse im wahren Sinn des Wortes: La Rue ĂŒbernimmt strukturelle Elemente der Chanson und ĂŒberfĂŒhrt sie in einen geistlichen Kontext, ohne die weltliche Melancholie ungebrochen zu ĂŒbernehmen. In mehreren Alamire-Handschriften erscheint die Messe mit reich ornamentierten Initialen. Besonders die Kyrie-Initiale in Grisaille-Technik verdeutlicht den Rang des Werks im höfischen Umfeld. Die amerikanische Musikwissenschaftlerin Prof. Dr. Honey Meconi ordnet es als Nr. 24 in die spĂ€te Phase ein. Es zeichnet sich durch dichte lineare Verzahnung, subtile Dissonanzbehandlung und eine gleichmĂ€Ăige Glut aus, die La Rues SpĂ€tstil ausmacht. Das Kyrie entfaltet die charakteristischen Intervalle der Chanson in zarten imitativen Linien. Das Gloria nutzt die Parodiemotive in strukturierenden Abschnitten. Das Credo ist ein MeisterstĂŒck weiter Bögen und subtiler motivischer Verwandlung. Das Sanctus öffnet sich in weite, ruhige Felder, das Benedictus ist ein stilles Trio, das Agnus Dei bĂŒndelt die melancholische Ruhe des Zyklus. Diskographisch ist die Messe wenig vertreten; eine Ă€ltere Produktion von Ars Antiqua de Paris koppelte sie mit der Missa Nunca fue pena mayor. Die Aufnahme des Huelgas-Ensembles bezieht sich auf Lassos Missa Tous les regretz, die nicht auf La Rues Chanson basiert. Beauty Farm legt erstmals eine klare, moderne Interpretation der La-Rue-Fassung vor. In ihrer Gesamtheit zeigen die vier Messen ein panoramaartiges Bild von La Rues kompositorischem Können. Die Missa Puer natus est nobis atmet das Cantus-firmus-Denken der frĂŒhen Phase. Die Missa almana zeigt die motivische Kraft eines jungen, aber reifen polyphonen Stils. Die Missa de Sancto Antonio verbindet liturgische Strenge und höfische Konnotation mit klanglicher Klarheit. Die Missa Tous les regretz zeigt die reife Meisterschaft eines Komponisten, der die Parodietechnik als strukturelles Prinzip versteht. Die Beauty-Farm-Aufnahmen verleihen diesen Messen eine gemeinsame klangliche Sprache und erschlieĂen einen groĂen, lange vernachlĂ€ssigten Teil von La Rues Werk. Seitenanfang
- Kassia | Alte Musik und Klassik
Die vermutlich erste Komponistin, deren Lebensdaten ĂŒberliefert sind - Kassia Kassia von Konstantinopel (um 810â867) steht am Anfang einer musikalischen Ăberlieferung, die nicht anonym blieb, sondern einen Namen trĂ€gt. Als Tochter einer gebildeten aristokratischen Familie im byzantinischen Reich der Ikonenstreitigkeiten wuchs sie in einer Umgebung auf, in der Theologie, Macht und Klang untrennbar miteinander verflochten waren. Ihre Existenz widerspricht dem weit verbreiteten Mythos, Frauen hĂ€tten in der frĂŒhen Musikgeschichte keine Autorschaft ausgeĂŒbt. Kassia war nicht nur Teilnehmerin eines geistlichen Systems, sie war eine bewusste Gestalterin, Dichterin, Theologin und Komponistin â mit eindeutig nachweisbarer musikalischer Handschrift. Chronisten wie Georgios Monachos (â nach 867) und Leo Grammaticus (â nach 948) ĂŒberliefern die Szene der Brautschau im Jahr 826, bei der Kaiserin Euphrosyne fĂŒr ihren Stiefsohn Theophilos die klĂŒgsten und schönsten jungen Frauen des Reiches versammeln lieĂ. Als Theophilos sich Kassia nĂ€herte und mit spitzem Ton fragte: âDurch die Frau kam das Böse in die Weltâ, antwortete sie ohne Zögern: âAber auch das Gute kam durch die Frau.â Dieser Satz war keine höfische Zierde, sondern ein geistiges Bekenntnis. Theophilos wandte sich ab, doch Kassia begann in diesem Moment, ihre Stimme nicht in der NĂ€he des Thrones, sondern in der geistigen AutoritĂ€t des Wortes und des Gesangs zu entfalten. Nach der Wiederzulassung der Ikonenverehrung â dem Triumph des Ikonodulismus â grĂŒndete sie um 843 ein Kloster geweihter Jungfrauen in Konstantinopel und wurde dessen Oberin. Dort schrieb sie Hymnen, deren musikalische Fassungen nicht anonym tradiert, sondern explizit mit ihrem Namen verbunden wurden. In Handschriften wie Sinai Codex Gr. 1256, Vat. Gr. 1613 und Patmos 220 erscheinen ihre GesĂ€nge mit mittelbyzantinischer Neumenschrift, einer schriftlichen Klanggestik, die weniger absolute Tonhöhen fixiert als geistige Klangbewegungen bezeichnet. Kassia komponierte nicht, um gehört zu werden, sondern um geistlich zu sprechen. Ihr eigenes Motto â âIch hasse das Schweigen, wenn es Zeit ist zu sprechenâ â wird in ihren GesĂ€ngen Wirklichkeit: Musik als Rede. Das berĂŒhmteste Zeugnis ihres Schaffens ist das Troparion der Kassiani, gesungen am Dienstag der Karwoche. In einer liturgisch-authentischen Fassung aus dem Kloster Vatopedi auf dem Berg Athos erklingt der Eröffnungsvers: âÎÏÏÎčΔ, áŒĄ áŒÎœ ÏολλαáżÏ áŒÎŒÎ±ÏÏίαÎčÏ ÏΔÏÎčÏΔÏοῊÏα ÎłÏ ÎœÎź, ÏᜎΜ ÏᜎΜ αጰÏÎžÎżÎŒÎΜη ΞΔÏÏηÏαâŠâ â âHerr, die Frau, gefallen in viele SĂŒnden, erkannte Deine GottheitâŠâ. Die Stimme zieht das Wort áŒÎŒÎ±ÏÏίαÎčÏ â âSĂŒndenâ â ĂŒber lange Melismen hinweg, nicht als ornamental-sĂŒĂliche Verzierung, sondern als musikalische Form des inneren Erkennens. Diese Musik verweigert das VorwĂ€rtsdrĂ€ngen. Sie verweilt. Kassias Klang ist kein Ausdrucksentladungsdrama, sondern ein Klangraum des Denkens. Der Gesang steht wie eine Ikone â nicht bewegt, sondern anwesend. https://www.youtube.com/watch?v=ioWWIiG_sHc Ein zweiter Gesang, ĂŒberliefert in Codex Vaticanus Graecus 1613 zeigt ihre FĂ€higkeit zur Verdichtung. In einer historischen Interpretation erklingt der Hymnus an den MĂ€rtyrer Ignatius: âáŒžÎłÎœÎŹÏÎčΔ ΞΔÏÏÎżÏΔ, áŒÎžÎ»Î” Ïáż¶Îœ áŒÎłÏΜÏΜ, ÏÏ Ï᜶ ÏáżÏ áŒÎłÎŹÏÎ·Ï ÏλογÏÎžÎ”áœ¶Ï Îșα᜶ ÏᜎΜ ÏÏÎżÎŽáœžÎœ ÏÎżÏ áœĄÏ ÏáżÏÎżÎœ Ïáż· ΧÏÎčÏÏáż· ÏÏÎżÏÎ”ÎœÎźÎœÎżÏαÏ.â â âIgnatius, GottestrĂ€ger, du KĂ€mpfer in geistlichen MĂŒhen, entzĂŒndet vom Feuer der Liebe, hast du deine Asche wie Weizenkorn Christus dargebracht.â Auch hier bleibt der Klang ernst, unbewegt, getragen vom ison â jenem Bordunton, der nicht nur StĂŒtze, sondern spirituelle Grundierung ist. Kassias Musik ist kein Affekt, sie ist Haltung. https://www.youtube.com/watch?v=Jx4pp9VLIkc Ein weiteres Fragment, ĂŒberliefert im Sinai Codex Gr. 1256, fol. 33v (griechische Handschrift, die sich im Kloster St. Katharina auf dem Sinai befindet), gehört zu den GesĂ€ngen, die am Sonntag der Orthodoxie intoniert wurden â dem Fest der WiedereinfĂŒhrung der Ikonen nach Jahren der Verfolgung. In einer Aufnahme aus dem athonitischen Ritus erklingt der Text: âጩ ÏοῊ ÎșÎŹÎ»Î»ÎżÏ Ï ÏÎżÏ ÎžÎα, ΧÏÎčÏÏÎ, áŒÎœ ÏαáżÏ ΔጰÎșÏÏÎč ÏαÎčÎœÎżÎŒÎΜη, ÏÎżáœșÏ ÏÎčÏÏÎżáœșÏ áŒÏÏÎ±ÎŻÎœÎżÏ Ïα, ÏÎżáœșÏ ÎŽáœČ áŒÏΔÎČΔáżÏ ÎŽÎčαÏÎ”ÎŻÎżÏ Ïα.â â âDer Anblick Deiner Schönheit, Christus, sichtbar geworden in den Ikonen, erquickt die GlĂ€ubigen und erschĂŒttert die Gottlosen.â Diese Worte sind ein theologischer Kommentar ĂŒber Klang. Kassia argumentiert nicht mit dem Stift, sondern mit der Stimme. Sie macht aus Musik eine geistige Waffe â leise, aber unerschĂŒtterlich. https://www.youtube.com/watch?v=uCRGQwf5XmY Zu den selten aufgefĂŒhrten, aber musikalisch besonders fein gearbeiteten Zeugnissen Kassias gehört eine Marienhymne, ĂŒberliefert in der Sinai-Tradition und in jĂŒngeren Handschriften mit dem Anfangsvers âáŒÎș áż„ÎŻÎ¶Î·Ï áŒÎłÎ±ÎžáżÏâŠâ ĂŒberliefert. In einer eindrucksvollen Aufnahme des Ensembles VocaMe entfaltet sich der Gesang mit stiller, kreisender Bewegung, fern jeder dramatischen Geste. Der Text beginnt: âáŒÎș áż„ÎŻÎ¶Î·Ï áŒÎłÎ±ÎžáżÏ áŒÎœÎ”ÎČλΏÏÏηÏαÏ, ÎΔοÏÏÎșΔâŠâ â âAus guter Wurzel bist du erblĂŒht, GottesgebĂ€rerinâŠâ. Hier spricht Kassia in der Sprache der Bildtheologie: Maria erscheint nicht als emotionale Figur, sondern als ikonischer Ursprung, als geheimnisvolle Wurzel, aus der die Menschwerdung hervorgeht. Die Melodielinie erhebt sich nicht kraftvoll, sondern wie ein langsames Atmen, umkreist den Ton, als wolle sie ihn nicht behaupten, sondern liebend umhĂŒllen. Diese Musik drĂ€ngt sich nicht auf. Sie ist eine innerliche Hinwendung, bei der die Melismen nicht als Zierwerk erscheinen, sondern als Spur eines Gebets, das zwischen Klang und Schweigen schwebt. https://www.youtube.com/watch?v=J_k3thiwzGU So entfaltet sich aus ihren GesĂ€ngen â ob im groĂen Troparion, in den knappen MĂ€rtyrerhymnen, in den ikonodulischen Stichera oder in der stillen Marienbitte â ein klingendes theologisch-poetisches Werk von seltener Geschlossenheit. Kassia komponierte nicht im Schatten, sondern mit Bewusstsein. Ihre Musik ist kein Fragment einer Frau im Mittelalter â sie ist bewusst geprĂ€gte geistige Autorschaft. Mit ihr beginnt in der Musikgeschichte etwas, das lange nicht als möglich gedacht wurde: dass eine Frau nicht nur singt, sondern formt, nicht nur wiederholt, sondern gestaltet, nicht nur TrĂ€gerin, sondern Ursprung von Klang ist.
- Jan Dismas Zelenka | Alte Musik und Klassik
Jan Dismas Zelenka (1679â1745) Zelenka gehört zu den groĂen AuĂenseitern der europĂ€ischen Musikgeschichte â ein Komponist von ĂŒberwĂ€ltigender OriginalitĂ€t, dessen Name lange Zeit im Schatten der groĂen Hofkapellmeister und kirchlichen ReprĂ€sentationsmusik stand, obwohl gerade er zu den eigenstĂ€ndigsten musikalischen Denkern des frĂŒhen 18. Jahrhunderts zĂ€hlte. Zugeschriebenes, nicht authentisches PortrĂ€t von Jan Dismas Zelenka (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0.) Geboren wurde er am 16. Oktober 1679 im böhmischen LouĆovice pod BlanĂkem, als Sohn eines Organisten, in einem kulturellen Grenzgebiet, das von katholischer Mystik, tschechischer Volksfrömmigkeit und habsburgischer Kirchenpolitik gleichermaĂen geprĂ€gt war. Anders als viele seiner Zeitgenossen erhielt er keine glanzvolle Kapellknaben-Ausbildung an einem bedeutenden Hof, sondern wuchs im vergleichsweise bescheidenen Kontext eines lĂ€ndlichen, aber musikalisch disziplinierten Milieus auf â eine Herkunft, die seinen spĂ€teren Stil prĂ€gen sollte: streng, innerlich glĂŒhend, asketisch in der Form und gleichzeitig von unerwarteter ExpressivitĂ€t. VollstĂ€ndiges Werkverzeichnis von Jan Dismas Zelenka (ZWV) Sein Weg an den Dresdner Hof begann nicht wie bei Bach oder Telemann ĂŒber gelehrte StĂ€dte wie Leipzig oder Hamburg, sondern ĂŒber die katholischen Bildungszentren der Jesuiten, wo Zelenka nicht nur Musik studierte, sondern auch lateinische Rhetorik, Theologie und kontrapunktische Exegese â eine geistige Schulung, die in seinen Werken unĂŒberhörbar ist. Um 1710 trat er in den Dienst der SĂ€chsischen Hofkapelle in Dresden, zunĂ€chst nicht als gefeierter Komponist, sondern als Kontrabassist â ein Detail, das oft ĂŒbersehen wird und dennoch entscheidend ist, denn Zelenkas Musik âatmetâ von unten her: seine Basslinien sind von einer geistigen Kraft und harmonischen KĂŒhnheit geprĂ€gt, die in der Kirchenmusik des 18. Jahrhunderts einzigartig ist. Der Wendepunkt seines Lebens war seine Studienreise nach Wien (1716â1719), wo er unter dem Schutz des kaisertreuen Dresdner Hofes bei Johann Joseph Fux (1660â1741) studierte, dem Autor des Gradus ad Parnassum und pĂ€pstlich geadelten Meister des strengen Kontrapunkts. Hier begegnete Zelenka dem römischen Stil Caldaraâscher WĂŒrde, der Theatralik Vivaldis und der geistigen Strenge des alten stile antico â eine Verschmelzung, die spĂ€ter zu seiner unverkennbaren Klangsprache fĂŒhrte: leidenschaftlich und akademisch zugleich, mathematisch konstruiert und emotional unberechenbar. ZurĂŒck in Dresden, ĂŒbernahm er wĂ€hrend der langen Krankheit von Johann David Heinichen (1683â1729) faktisch die kompositorische Leitung der Hofkirchenmusik â ohne je offiziell den Titel eines Hofkapellmeisters zu erhalten. Mehrfach bat er den KurfĂŒrsten um Anerkennung, und mehrfach wurde er ĂŒbergangen. Zeitgenössische Briefe berichten von seiner inneren Vereinsamung und von einem tiefreligiösen Ernst, der sich besonders in den spĂ€ten Messen wie der Missa Omnium Sanctorum (1741, ZWV 21) oder der erschĂŒtternden Lamentatio Jeremiae Prophetae (ZWV 203) spiegelt â Werke von fast mystischer IntensitĂ€t, die mehr an kontemplative klösterliche Passionsmeditation erinnern als an höfische ReprĂ€sentationsmusik. Zelenka starb am 23. Dezember 1745 in Dresden, offiziell als âKirchenschreiberâ gefĂŒhrt â ein bĂŒrokratischer Titel, der in groteskem Kontrast zur GröĂe seines Oeuvres steht. Bestattet wurde Zelenka auf dem katholischen Friedhof an der Dresdner Hofkirche, der heutigen Kathedrale Sanctissimae Trinitatis. Die exakte Lage seines Grabes ist jedoch nicht ĂŒberliefert; weder Grabstein noch eindeutige Grabstelle haben sich erhalten. Wie bei vielen Angehörigen des Hofpersonals ging die individuelle Sepultur im Zuge spĂ€terer Umbettungen, Ăberformungen und Zerstörungen verloren. Zelenkas physische GrabstĂ€tte ist damit verschwunden â sein Werk hingegen hat die Zeiten ĂŒberdauert. Auf dem Alten Katholischen Friedhof Dresden-Friedrichstadt befinden sich heute Gedenk- und Grabstelen, die exemplarisch an zentrale KĂŒnstler des katholischen Dresdner Umfelds erinnern. Dort finden sich unter anderem Stelen fĂŒr: Jan Dismas Zelenka â Kirchenkompositeur, Lorenzo Mattielli â Bildhauer, Sylvius Leopold Weiss â Komponist und Lautenist. Diese Stelen markieren keine originalen GrabplĂ€tze, sondern fungieren als kollektive Erinnerungsorte. Sie stehen fĂŒr eine nachtrĂ€gliche kulturelle Rehabilitierung jener KĂŒnstler, deren Rang zu Lebzeiten nur unzureichend anerkannt wurde. Zelenkas BegrĂ€bnis â Rekonstruktion nach verschiedenen Quellen Jan Dismas Zelenka starb am 23. Dezember 1745 in Dresden, in unmittelbarer NĂ€he der Katholischen Hofkirche, an der er seit Jahrzehnten als Komponist und âKirchenschreiberâ tĂ€tig war. Die Sterbenachricht findet sich im Sterberegister der Dresdner Hofkirche, archiviert in den BestĂ€nden der SĂ€chsischen Landesbibliothek â Staats- und UniversitĂ€tsbibliothek Dresden (SLUB). Dort ist vermerkt, dass er am folgenden Tag, dem 24. Dezember 1745, beigesetzt wurde â nach katholischem Ritus und im dienstlichen Rang eines Hofmusikers, wenn auch ohne die Ehren, die einem offiziell ernannten Hofkapellmeister zugestanden hĂ€tten. Die Hofkirche war zu diesem Zeitpunkt im Inneren noch eine Baustelle, denn der reprĂ€sentative Bau von Gaetano Chiaveri (1689â1770) befand sich erst seit 1739 im Bau und sollte erst 1755 geweiht werden. WĂ€hrend dieser Ăbergangszeit fanden die Gottesdienste und die BegrĂ€bnisse der katholischen Hofgemeinde im provisorisch eingerichteten Kirchraum statt, und die Beisetzungen erfolgten auf dem angrenzenden katholischen Kirchhof, einem streng abgegrenzten Areal ausschlieĂlich fĂŒr katholische Hofbedienstete, Kleriker und Mitglieder der Kapelle. Zelenkas Grab lag damit auf dem âAlten Katholischen Kirchhofâ, der sich unmittelbar an der Nordseite der Kirche, leicht erhöht zur Elbseite hin, befand. Dieser Friedhof wurde im 19. Jahrhundert vollstĂ€ndig entwidmet und ĂŒberbaut. Die alten GrĂ€ber wurden eingeebnet, Grabmale entfernt, und der Boden mehrmals umgestaltet. Kein einziger Grabstein Zelenkas ist ĂŒberliefert, und kein Gedenkstein erinnert an ihn an Ort und Stelle â eine Tatsache, die in Zelenkas spĂ€terer Rezeptionsgeschichte immer wieder als Symbol seiner historischen Randstellung interpretiert wurde: ein genialer Musiker, dessen Körper im Boden verschwand, wĂ€hrend seine Partituren ĂŒberlebten. Die Musikwissenschaftlerin Janice B. Stockigt weist darauf hin, dass Zelenka bis zu seinem Tod in einem kleinen, bescheidenen Quartier nahe der Hofkirche lebte, âzwischen Bibliothek, Archiv und Kirchenraumâ, fast asketisch, ganz dem Dienst an der Liturgie verschrieben. Zeitgenössische Hofakten nennen ihn in der Sprache des höfischen Verwaltungsapparats lediglich âSchreiber der katholischen Kirchenmusikâ, nicht jedoch Maestro di Capella, obwohl er faktisch die liturgischen GeschĂ€fte leitete. Zelenka wurde also nicht wie ein Hofkapellmeister mit öffentlichem Zeremoniell bestattet, sondern erhielt den regulĂ€ren, aber wĂŒrdevollen liturgischen Ritus der Dresdner Hofkirchengemeinde â mit lateinischem Officium Defunctorum, gesungen von jenem Chor, dessen Klang er selbst ĂŒber Jahrzehnte geformt hatte. Sein Körper ruht bis heute im geweihten Boden Dresdens, namenlos, aber nicht vergessen â buchstĂ€blich im Schatten der Hofkirche. Sein Nachlass, akribisch in eigenen Handschriften geordnet, wurde in den Archiven der Hofkirche verwahrt, geriet nach dem SiebenjĂ€hrigen Krieg in Vergessenheit und ĂŒberlebte nur durch Zufall die BombennĂ€chte Dresdens. Erst im 20. Jahrhundert begann die Wiederentdeckung: zuerst durch den polnischen Musikwissenschaftler ZdzisĆaw Jachimecki (1882 â 1953 ), spĂ€ter durch Wolfgang Reiche (1926 â 2019) und schlieĂlich durch die unermĂŒdliche Arbeit Janice B. Stockigts, die Zelenka endgĂŒltig aus der Randzone der Musikgeschichtsschreibung befreiten. Heute erscheint seine Musik wie ein Gegenmodell zur glatten, reprĂ€sentativen BarockĂ€sthetik: Zelenka denkt in abrupten BrĂŒchen, in dramaturgisch unerwarteten Wendungen, in harmonischen ErschĂŒtterungen â als sprĂ€che hier ein tief religiöser Geist, der sich nicht mit höfischer OberflĂ€che zufriedengibt. Wer eine Messe wie die Missa Divi Xaverii (1729, ZWV 12) oder die dĂŒsteren Responsoria pro hebdomada sancta (ZWV 55) hört, erkennt sofort: Dies ist kein höfischer Lieferant, sondern ein innerlich brennender Komponist, dessen Musik nicht gefallen möchte, sondern sich der Wahrheit verpflichtet fĂŒhlt. Jan Dismas Zelenka bleibt einer jener seltenen Musiker, deren Werk wie ein verschlĂŒsselter spiritueller Kosmos wirkt â streng, leidenschaftlich, unzeitgemÀà in der besten Bedeutung des Wortes. Und gerade deshalb beginnt man heute zu ahnen, dass seine Zeit vielleicht erst jetzt wirklich gekommen ist. VollstĂ€ndiges Werkverzeichnis von Jan Dismas Zelenka (ZWV) Das KĂŒrzel ZWV bedeutet âZelenka-Werke-Verzeichnisâ ZWV wurde erstellt von dem Musikwissenschaftler Wolfgang Reiche (1933â2011). Er veröffentlichte das Verzeichnis in den 1980er-Jahren im Rahmen seiner systematischen Arbeit an Zelenkas Manuskripten, besonders in Verbindung mit dem Musikarchiv der SĂ€chsischen Landesbibliothek Dresden (SĂ€chsische Landesbibliothek â Staats- und UniversitĂ€tsbibliothek Dresden), wo der gröĂte Teil der Handschriften bis heute liegt. Messen und Requien Missa Sancta Caeciliae, G-Dur (ca. 1711), ZWV 1 Missa Judica me, F-Dur (1714), ZWV 2 Missa Corporis Domini, C-Dur (ca. 1719), ZWV 3 Missa Sancti Spiritus, D-Dur (1723), ZWV 4 Missa Spei, C-Dur (1724, verschollen), ZWV 5 Missa Fidei, C-Dur (1725), ZWV 6 Missa Paschalis, D-Dur (1726), ZWV 7 Missa Nativitatis Domini, D-Dur (1726), ZWV 8 Missa Corporis Dominici, D-Dur (1727, verschollen), ZWV 9 Missa Charitatis, D-Dur (1727), ZWV 10 Missa Circumcisionis Domini Nostri Jesu Christi, D-Dur (1728), ZWV 11 Missa Divi Xaverii, D-Dur (1729), ZWV 12 Missa âGratias agimus tibiâ, D-Dur (1730), ZWV 13 Missa Sancti Josephi, D-Dur (ca. 1731), ZWV 14 Missa Eucharistica, D-Dur (1733), ZWV 15 Missa Purificationis Beatae Virginis Mariae, D-Dur (1733), ZWV 16 Missa Sanctissimae Trinitatis, a-Moll (1736), ZWV 17 Missa Votiva, e-Moll (1739), ZWV 18 Missa Dei Patris, C-Dur (1740), ZWV 19 Missa Dei Filii, C-Dur (ca. 1740), ZWV 20 Missa Omnium Sanctorum, a-Moll (1741), ZWV 21 Missa Theophorica a due cori (verschollen), ZWV 241 Requien und TotenĂ€mter Requiem c-Moll, ZWV 45 Requiem D-Dur (1733), ZWV 46 Officium Defunctorum, ZWV 47 Requiem d-Moll (ca. 1731), ZWV 48 Requiem F-Dur (vor 1730), ZWV 49 Oratorien Il serpente di bronzo (1730), ZWV 61 GesĂč al Calvario (1735), ZWV 62 I penitenti al sepolchro del Redentore (1736), ZWV 63 Litaneien Litaniae de Venerabili Sacramento (2 Vertonungen), ZWV 147 Litaniae de Venerabili Sacramento (2 Vertonungen), ZWV 148 Litaniae Lauretanae (2 Vertonungen), ZWV 149 Litaniae Lauretanae (2 Vertonungen), ZWV 150 Litaniae Lauretanae âConsolatrix afflictorumâ (1744), ZWV 151 Litaniae Lauretanae âSalus infirmorumâ (1744), ZWV 152 Litaniae Omnium Sanctorum (ca. 1735), ZWV 153 Litaniae Xaverianae (2 Vertonungen), ZWV 154 Litaniae Xaverianae (2 Vertonungen), ZWV 155 Litaniae de Sancto Xaverio (1729), ZWV 156 Psalmen und Hymnen Dixit Dominus (4 Vertonungen), ZWV 66 Dixit Dominus (4 Vertonungen), ZWV 67 Dixit Dominus (4 Vertonungen), ZWV 68 Dixit Dominus (4 Vertonungen), ZWV 69 Confitebor tibi Domine (5 Vertonungen), ZWV 70 Confitebor tibi Domine (5 Vertonungen), ZWV 71 Confitebor tibi Domine (5 Vertonungen), ZWV 72 Confitebor tibi Domine (5 Vertonungen), ZWV 73 Confitebor tibi Domine (5 Vertonungen), ZWV 74 Laudate pueri (5 Vertonungen), ZWV 78 Laudate pueri (5 Vertonungen), ZWV 79 Laudate pueri (5 Vertonungen), ZWV 80 Laudate pueri (5 Vertonungen), ZWV 81 Laudate pueri (5 Vertonungen), ZWV 82 In exitu Israel (2 Vertonungen), ZWV 83 In exitu Israel (2 Vertonungen), ZWV 84 Credidi in a-Moll, ZWV 85 Lauda Ierusalem (3 Vertonungen), ZWV 102 Lauda Ierusalem (3 Vertonungen), ZWV 103 Lauda Ierusalem (3 Vertonungen), ZWV 104 Beatus vir (verschiedene Fassungen), ZWV 75 Beatus vir (verschiedene Fassungen), ZWV 76 Beatus vir (verschiedene Fassungen), ZWV 77 Ave maris stella, d-Moll (ca. 1726), ZWV 110 Deus tuorum militum (ca. 1729), ZWV 113 Iste confessor (âDieser Bekennerâ), ZWV 117 Veni Creator Spiritus (âKomm, Schöpfer Geistâ), ZWV 120 Chvalte Boha silnĂ©ho (âLobt Gott den MĂ€chtigenâ â tschechischer Psalm), ZWV 165 Marianische Antiphonen Alma Redemptoris Mater (5 Vertonungen), ZWV 123 Alma Redemptoris Mater (5 Vertonungen), ZWV 124 Alma Redemptoris Mater (5 Vertonungen), ZWV 125 Alma Redemptoris Mater (5 Vertonungen), ZWV 126 Alma Redemptoris Mater (5 Vertonungen), ZWV 127 Ave Regina coelorum (6 Vertonungen), ZWV 128 Regina coeli (6 Vertonungen), ZWV 129 Regina coeli (6 Vertonungen), ZWV 130 Regina coeli (6 Vertonungen), ZWV 131 Regina coeli (6 Vertonungen), ZWV 132 Regina coeli (6 Vertonungen), ZWV 133 Regina coeli (6 Vertonungen), ZWV 134 Salve Regina (7 Vertonungen), ZWV 135 Salve Regina (7 Vertonungen), ZWV 136 Salve Regina (7 Vertonungen), ZWV 137 Salve Regina (7 Vertonungen), ZWV 138 Salve Regina (7 Vertonungen), ZWV 139 Salve Regina (7 Vertonungen), ZWV 140 Salve Regina (7 Vertonungen), ZWV 141 Sub tuum praesidium in g-Moll (âUnter deinen Schutz und Schirmâ), ZWV 157 Statio quadruplex pro Processione Theophorica, ZWV 158 Weitere geistliche Werke Te Deum D-Dur (ca. 1724), ZWV 145 Te Deum D-Dur (1731), ZWV 146 Magnificat C-Dur (ca. 1727), ZWV 107 Magnificat D-Dur (1725), ZWV 108 De profundis (4 Vertonungen), ZWV 50 De profundis (4 Vertonungen), ZWV 95 De profundis (4 Vertonungen), ZWV 96 De profundis (4 Vertonungen), ZWV 97 Miserere d-Moll (1722), ZWV 56 Miserere c-Moll (1738), ZWV 57 Lamentationes Ieremiae Prophetae, ZWV 53 Lamentationes Ieremiae Prophetae, ZWV 203 Responsoria pro hebdomada sancta (27 SĂ€tze), ZWV 55 Statio quadruplex ZWV 158 (âVierfache Stationâ) Weltliche Werke Sub olea pacis et palma virtutis (Conspicua orbi regia Bohemiae corona â Melodrama de Sancto Wenceslao), 1723, ZWV 175 Il Diamante, ZWV 177 Instrumentalwerke Sonaten (Trio-/Quartettsonaten) Nr. 1â6, ca. 1721, ZWV 181 Capriccio Nr. 1 D-Dur (ca. 1717), ZWV 182 Capriccio Nr. 2 G-Dur (1718), ZWV 183 Capriccio Nr. 3 F-Dur (ca. 1718), ZWV 184 Capriccio Nr. 4 A-Dur (1718), ZWV 185 Concerto Ă 8 Concertanti (1723), ZWV 186 Hipocondrie Ă 7 Concertanti (1723), ZWV 187 Ouverture Ă 7 Concertanti (1723), ZWV 188 Simphonie Ă 8 Concertanti (1723), ZWV 189 Capriccio Nr. 5 G-Dur (1729), ZWV 190 VollstĂ€ndiges Werkverzeichnis von Jan Dismas Zelenka (ZWV) Missa Sancta Caeciliae, G-Dur (ca. 1711), ZWV 1 â Zelenkas erster groĂer Dresdner Auftritt https://www.youtube.com/watch?v=WZDqb0U60vA Die Missa Sancta Caeciliae, entstanden um 1711, markiert den Beginn von Zelenkas kompositorischer PrĂ€senz am Dresdner Hof. Sie ist sein Ă€ltestes erhaltenes Messwerk, und obwohl sie nicht die innere RadikalitĂ€t der spĂ€ten Messen besitzt, ist sie kein juveniles Experiment, sondern bereits das Werk eines voll ausgebildeten Meisters, der seinen eigenen Tonsatz jenseits des höfischen Dekorationsstils sucht. Der Zeitpunkt ihrer Entstehung ist aufschlussreich: 1710 hatte Zelenka seine feste Anstellung als Kontrabassist der Hofkapelle erhalten. Die katholische Kirchenmusik am sĂ€chsischen Hof war zu dieser Zeit im Umbruch, denn die Musikkultur Dresdens bewegte sich zwischen reprĂ€sentativem habsburgischem Glanz und einer innerlich streng gefassten, fast asketischen liturgischen Praxis â ein Spannungsfeld, das Zelenka wie kaum ein anderer verstand. Die Wahl der Patronin CĂ€cilia, der Schutzheiligen der Kirchenmusik, ist daher nicht zufĂ€llig zu lesen: Mit dieser Messe stellt sich Zelenka gleichsam vor â als Komponist, der nicht nur liefern, sondern geistlich sprechen will. Stilistisch steht das Werk noch unter dem Einfluss des römischen Hochbarocks â deutliche Spuren zeigen den Blick nach Caldara, Fux und Antonio Lotti, deren Werke in Dresden kursierten. Und doch hört man bereits das, was Zelenka spĂ€ter unverwechselbar machen sollte: unerwartete harmonische Schatten, plötzliches Umschlagen ins Moll, eigenwillige kontrapunktische Verwerfungen, die nicht aus Zierfreude entstehen, sondern aus geistiger Spannung. Wo andere Komponisten Linien glĂ€nzen lassen, baut Zelenka innere WiderstĂ€nde ein, kleine harmonische Stolpersteine, die wie geistliche Reflexionspunkte wirken. Die Besetzung ist typisch fĂŒr die ersten Dresdner Jahre: vierstimmiger Chor, solistische EinwĂŒrfe, Streicher, Oboen, Fagott und Basso continuo, ohne die prunkvollen Trompeten und Pauken, die spĂ€ter die prĂ€chtigeren Festmessen kennzeichnen. Diese relative ZurĂŒckhaltung der Klangfarben eröffnet Raum fĂŒr das, was Zelenka hier erstmals tastend zeigt: eine liturgische Musik, die nicht nur Lobgesang ist, sondern geistliche Bewegung, fast wie ein inneres Gebet, das aufblitzt und sich wieder zurĂŒckzieht. In den Quellen taucht diese Messe nicht als offizieller Festauftrag, sondern eher als Werk eines neuen Hofmusikers auf der Suche nach Stimme und Anerkennung. Die Handschrift wurde mit groĂer Sorgfalt notiert und zeigt bereits Zelenkas charakteristische Notationsweise â prĂ€zise, fast pedantisch, mit auffallender Klarheit im Kontrapunkt, als wĂŒsste er, dass er sich eines Tages vor der Geschichte wĂŒrde rechtfertigen wollen. Wer die groĂen Messen spĂ€terer Jahre kennt â Missa Votiva, Missa Omnium Sanctorum, Missa Dei Patris â wird diese frĂŒhe Missa Sancta Caeciliae vielleicht als bescheidener empfinden. Doch genau darin liegt ihr Wert: Sie ist der erste Moment, in dem Zelenka liturgische Form nicht als höfische Pflicht, sondern als geistlichen Raum behandelt, der mehr ist als reprĂ€sentative Klangarchitektur. Hier beginnt bereits jene innere Glut, die sein ganzes SpĂ€twerk durchzieht. Die Missa Sancta Caeciliae ZWV 1, komponiert um 1711, ist nicht nur Zelenkas Ă€lteste erhaltene Messe, sondern zugleich sein erstes dokumentiertes geistliches Zeugnis aus Dresden. Sie entstand zu einer Zeit, in der sein Name am Hof noch nicht mit Komposition, sondern mit der tiefen Stimme eines Kontrabassisten verbunden war. Die Dresdner Hofkapelle, die unter dem KurfĂŒrsten Friedrich August I., dem spĂ€teren August dem Starken, als Zentrum katholischer ReprĂ€sentationskultur ausgebaut wurde, befand sich in einem entscheidenden Transformationsmoment. Die liturgische Musik war offiziell noch in den HĂ€nden italienisch geprĂ€gter Kapellmeister, der Hof wandte sich in kostspieliger Prachtentfaltung der Gegenreformation zu, und dennoch war die katholische Hofkirche â damals noch nicht das monumentale Bauwerk, das Chiaveri spĂ€ter vollenden sollte â mehr Innenraum als SchaustĂ€tte, ein Ort strenger Ordnung, an dem musikalische Glanzgesten noch nicht das MaĂ setzten, sondern die Disziplin des Ritus. In dieses Spannungsfeld hinein schrieb Zelenka seine erste Messe. Sie ist keine Bewerbungsmappe im prunkvollen Sinne und keine klingende Visitenkarte eines Mannes, der sich dem Hof als Lieferant groĂer Festmusik empfehlen will. Im Gegenteil: Sie wirkt wie ein bewusst innerlich gehaltenes Bekenntnis, fast wie ein stilles Aufzeigen: Ich beherrsche das Idiom der groĂen katholischen Messe, aber ich will nicht gefallen â ich will sprechen. Dass sie der heiligen CĂ€cilia, Patronin der Kirchenmusik, zugeordnet ist, ist mehr als eine Widmungsgeste. Es ist eine programmatische Setzung. WĂ€hrend viele zeitgenössische CĂ€cilienmessen die heilige Patronin ĂŒber Glanz und orchestrale Entfaltung feiern, schreibt Zelenka eine Messe, die musikalisch nicht jubiliert, sondern sich wie ein inneres GesprĂ€ch entfaltet. Die Besetzung spiegelt das. Kein Trompetenglanz, keine Pauken, keine ĂŒbersteigerte Klangarchitektur â stattdessen Chor, Solisten, zwei Oboen, Streicher und Generalbass, also jene Besetzung, die der Dresdner Hofkapelle in den Werktagen der Liturgie zur VerfĂŒgung stand. Die Autographpartitur in der SLUB Dresden zeigt eine Schrift, die nichts von Eile kennt. SorgfĂ€ltig gezogene Bögen, klar strukturierte StimmfĂŒhrung, streng durchgearbeitete Basslinien zeigen, dass hier kein Gelegenheitswerk entstand, sondern etwas, das fĂŒr den Komponisten selbst Gewicht hatte. Wer spĂ€tere Werke wie die Missa Votiva oder die Missa Dei Patris kennt, wird diese frĂŒhe Messe als verhaltener empfinden, aber gerade darin liegt ihre innere Sprengkraft. Zelenkas Handschrift ist bereits klar zu hören. Seine Musik denkt von unten. Der Bass ist bei ihm nicht Fundament, sondern BewusstseinstrĂ€ger. Die Harmonik atmet, als suche sie unablĂ€ssig die nĂ€chste geistige Brechung. Wo andere Komponisten ihrer Zeit Prozessionen in Klang gieĂen, setzt Zelenka kleine WiderstĂ€nde ein. Er lĂ€sst Linien unvermittelt nach Moll fallen, erzeugt harmonische Schatten, die wie kurze Zweifel wirken, ehe die musikalische Form sich wieder fasst. Schon hier, zu Beginn seiner Dresdner Zeit, gestaltet er Liturgie nicht als höfisches Schauereignis, sondern als geistige Bewegung. Diese Messe ist nicht reprĂ€sentativ, sie ist introvertiert â und gerade dadurch von einer WĂŒrde, die tiefer reicht als jede klangliche Pracht. Das Kyrie zeigt dies in exemplarischer Weise. Kein festlicher Auftakt, kein orchestraler Prunk â stattdessen eine imitatorische Eröffnung, die nicht nach auĂen ruft, sondern nach innen. Die Stimmen treten ein, nicht wie Lichtfluten, sondern wie ein Atemzug. Der Chor antwortet nicht wie ein Festchorus, sondern wie eine Gemeinschaft, die sich sammelt. Besonders auffĂ€llig ist dabei der Bass, dessen LinienfĂŒhrung ungewöhnlich eigenstĂ€ndig agiert. Man hat den Eindruck, als folgten die oberen Stimmen nicht einem Orchesterfundament, sondern einer inneren Stimme. Dann tritt im Christe eleison die Solostimme hervor â nicht der erwartete Sopran, sondern der Alt. Schon hier bricht Zelenka mit Konvention. Er gibt nicht der reprĂ€sentativen Stimme Raum, sondern der kontemplativen. Die Altlinie ist schmal, ruhig gefĂŒhrt, und dennoch innerlich angespannt. In wenigen Takten zeigt sich, was sein geistliches Idiom prĂ€gen wird: ExpressivitĂ€t ohne Ornamentzwang, Innigkeit ohne SentimentalitĂ€t. Die Harmonien kippen in kleine MollfĂ€rbungen, nicht als dramatischer Effekt, sondern wie ein Atemzug der Demut. Im abschlieĂenden Kyrie II, einer Fuge, tritt erstmals der kontrapunktische Wille Zelenkas hervor. Doch auch hier sucht er keine glanzvolle kontrapunktische Schau, sondern eine geordnete innere Architektur. Die Fuge spricht, sie deklamiert, sie fĂŒhrt in einen Zielpunkt â sie ist nicht VirtuosenstĂŒck, sondern geistliche Form. Das Gloria setzt zunĂ€chst heller ein, doch auch hier hĂ€lt sich der Klang unter der Grenze des ReprĂ€sentativen. Die Freude ist spĂŒrbar, aber durchlitten. Die Chorliniatur ist beweglich, aber nie ausgelassen. Der Rhythmus bleibt gebĂ€ndigt. In den Arienteilen zeigt sich Zelenkas FĂ€higkeit, Solostimmen nicht als brillierende Figuren zu behandeln, sondern als TrĂ€ger einer inneren Gebetsbewegung. Der Tenor oder Alt in Domine Deus singt keine Opernarie, sondern ein persönlich gefĂ€rbtes Bittgebet, das sich nicht in Affektkataloge flĂŒchtet. Die Begleitung mit Oboen und Streichern bleibt durchhörbar, jede Stimme klar gezeichnet, der Bass aktiv, fast sprechend. Das Qui tollis wird nicht zur Passionseinlage ĂŒberhöht, wie bei spĂ€teren Messen, sondern als wĂŒrdige, fast archaisch wirkende Chorpassage gestaltet. Keine expressive Rhetorik, sondern eine Haltung der Sammlung. Und doch geschieht etwas Eigenes: Die Harmonie verharrt nicht, sie sucht. Die Linien bleiben nicht ornamental, sie fragen. Im Quoniam kĂŒndigt sich dann zum ersten Mal jene konzertierende Struktur an, in der Chor und Orchester gleichberechtigt agieren. Der Satz wirkt wie ein Vorgeschmack auf die spĂ€teren dialogischen GroĂformen, in denen Zelenka Stimmen und Instrumente nicht hierarchisch, sondern horizontal denkt. Das abschlieĂende Cum Sancto Spiritu fĂŒhrt in eine Fuge, die noch nicht ekstatisch, aber bereits klar architektonisch gefĂŒhrt ist. Kein akademischer Kontrapunkt, sondern ein erfahrener, gedankenvoller Umgang mit der Form. Man spĂŒrt, dass hier jemand Fuge nicht als Technik, sondern als geistliche Sprache versteht. Das Sanctus ĂŒberrascht durch seine Einfachheit. Wo bei anderen Komponisten dieser Teil der Messe hĂ€ufig die volle Entfaltung von Klangpracht markiert, bleibt Zelenka bei einer Art kontemplativer Erhebung. Der Klang ist licht, aber nicht blendend. Er erhebt sich, aber er triumphiert nicht. Man könnte sagen: Er richtet sich auf, ohne sich aufzublasen. Die LinienfĂŒhrung bleibt klar, die Harmonik nĂŒchtern, und dennoch liegt ĂŒber dem Ganzen ein stilles Leuchten. Es ist, als wĂŒrde die Liturgie selbst sprechen, nicht ihre ReprĂ€sentation. Im Benedictus wird diese Haltung noch intensiver. Die Solostimme fĂŒhrt eine einfache, beinahe scheue Melodie, die von der Oboe oder Violine begleitet wird. Kein Operngestus, keine virtuose Geste, sondern ein persönlicher Klangraum. Wer hier Bach erwartet, findet etwas anderes. Bach transzendiert, Zelenka sammelt. Bach öffnet das Fenster weit, Zelenka zieht den Vorhang etwas zur Seite und lĂ€sst nur so viel Licht herein, wie ein einzelnes Herz ertrĂ€gt. Dieser Unterschied macht seine geistliche Musik so einmalig. Sie ist nicht universell jubelnd, sondern individuell betrachtend. Im Agnus Dei schlieĂlich erreicht die Messe ihren innersten Punkt. Die Solostimme steht fast allein, begleitet von einem Continuo, der nicht trĂ€gt, sondern spricht. Der Ton ist nicht flehend, sondern gesammelt. In einem Hof, der Pracht liebte und Klang wie Architektur inszenierte, schreibt Zelenka ein Agnus Dei, das sich allen Ă€uĂeren SchlĂŒssen verweigert. Kein Gloria-Finale, kein abschlieĂender Klangdom, kein âAmenâ als Siegel. Stattdessen ein offenes Ende, das wie ein fortgesetztes Gebet wirkt. Diese Messe ist kein Abschluss, sie ist ein Anfang. Sie klingt nicht aus, sie bleibt im Raum stehen. Zelenka, der Kontrabassist, der noch keinen Kapellmeistertitel trĂ€gt, schreibt hier kein Werk, das sich empfehlen will, sondern eines, das sich einfĂŒgt â aber auf eigene Weise. Und genau darin liegt seine GröĂe. Er nĂ€hert sich der liturgischen Form nicht als Handwerker, sondern als geistiger Architekt, der den Raum betritt, ihn vermisst und eine erste, noch leise, aber vollkommen bewusste Setzung macht. Die Missa Sancta Caeciliae ist damit, obwohl sie Ă€uĂerlich bescheiden erscheint, eines der entscheidenden Dokumente seiner frĂŒhen Dresdner Zeit. Sie zeigt einen Komponisten, der seine Sprache noch zĂŒgelt, aber innerlich bereits vollstĂ€ndig geformt ist. Sie gehört zu den stillen Werken des barocken Messrepertoires â und gerade in dieser Stille beginnt Zelenkas wahres Sprechen. Seitenanfang ZWV 1 ZWV 2 ZWV 2 â Missa Judica me, F-Dur (1714) Zelenkas erste bewusste liturgische Selbstbehauptung Zelenka schrieb seine Missa Judica me im Jahr 1714, also drei Jahre nach der Missa Sancta Caeciliae, und man spĂŒrt sofort, dass sich zwischen diesen beiden Werken etwas fundamental verĂ€ndert hat. Die erste Messe war eine sorgsam gefasste innere Setzung, beinahe mehr ein stilles geistliches Statement als ein reprĂ€sentatives Werk. Die Missa Judica me dagegen klingt wie der erste bewusste Versuch, sich innerhalb der Dresdner Hofkirchenmusik nicht mehr nur zu positionieren, sondern hörbar zu behaupten â aber ohne die Ă€uĂere Geste der Selbstdarstellung, die man bei anderen Hofkomponisten dieser Zeit findet. Sie ist fester, gefasster, entschlossener, und man spĂŒrt: hier beginnt Zelenka, sein geistliches Vokabular zu verdichten. Dass er den Psalmvers âJudica me, Deus, et discerne causam meamâ â âGott, schaffe mir Recht und fĂŒhre meine Sacheâ als Titel ĂŒber die Messe setzte, ist nicht liturgische Routine, sondern geradezu ein Kommentar zu seiner persönlichen Situation. Denn 1714 war er noch immer offiziell ein einfacher Bassist, seine kompositorische Rolle war inoffiziell, seine geistige Kraft aber lĂ€ngst wach. Dieser Titel ist mehr als eine Widmung â er klingt wie ein inneres Manifest. Die Partitur, wiederum sorgfĂ€ltig mit eigener Hand geschrieben, zeigt im Vergleich zu ZWV 1 mehr Dichte in der Kontrapunktik, eine griffigere BassfĂŒhrung, komplexere ĂbergĂ€nge und eine deutlich gröĂere harmonische Risikobereitschaft. Schon die ersten Takte verraten eine neue Sicherheit. F-Dur, eine Tonart, die bei Zelenka oft mit sanfter Entschlossenheit verbunden ist, eröffnet die Messe nicht mit höfischer Geste, sondern mit einer bewegten, konzertierenden Chortextur, die nicht aus der Ă€uĂeren Klangpracht kommt, sondern aus rhythmischer Energie. Nichts ist dekorativ â alles ist gelenkt. Im Kyrie tritt zum ersten Mal jener innere Druck hervor, der Zelenkas spĂ€tere Messen zu geistigen Monumenten machen wird. Die Linien verteilen sich nicht höfisch-gleichmĂ€Ăig, sondern scheinen einander zu verfolgen. Der Bass spielt eine aktive Rolle, fast wie ein zweiter Prediger unter den Stimmen. Der Alt, erneut von Zelenka bevorzugt, tritt als erste Solostimme hervor, nicht im Glanz, sondern im Ernst. Seine Melodie ist nicht verziert, sondern konzentriert. Und wieder tritt der plötzliche Moll-Schatten ein â dieses charakteristische Umschlagen des Tongeschlechts ohne Zwischenstufe, das wie ein geistiger Einbruch wirkt. Hier hört man nicht einen Komponisten, der âGefĂŒhle maltâ, sondern einen, der die liturgische Handlung existenziell ernst nimmt. Der Christe eleison zeigt bereits eine neue Freiheit. Der Solist singt nicht mehr wie in ZWV 1 auf einer ruhigen Linie, sondern mit einer leisen inneren IntensitĂ€t, die im Continuo Gegenbewegung findet. WĂ€hrend andere Komponisten dieses Zeitraums den Christe-Abschnitt oft als stilistisch separaten Ruhepunkt gestalten, integriert Zelenka ihn in die Bewegung des Kyrie, so dass kein bloĂes Nebeneinander, sondern ein durchgehender innerer Bogen entsteht. Die Messe beginnt zu atmen. Das zweite Kyrie, wieder fugiert, zeigt eine Reife im kontrapunktischen Denken, die aus dem ersten Werk nicht zu ahnen war. Die Stimmen setzen ein, nicht wie in einer gelehrten Fugenexposition, sondern wie in einer geistigen Spannungslinie, die sich von unten nach oben schraubt. Der Continuo, den man bei Zelenka nie nur als Begleitung, sondern als geistigen Motor begreifen darf, agiert nicht neutral, sondern kommentierend. Man hat das GefĂŒhl, als wĂŒrden die unteren Stimmen denken und die oberen antworten. Bereits hier entsteht etwas, das spĂ€ter typisch wird: Zelenkas Musik diskutiert mit sich selbst. Im Gloria entfaltet sich zum ersten Mal eine liturgische Freude, die nicht naiv ist, sondern eine Spur streng bleibt. Das Orchester wird lebendiger, aber nicht pompös, und die Chorlinien sind nun stĂ€rker durchpulst. Zelenka baut keine Klangfassade, sondern eine geistige Architektur mit Bewegungskernen. Es gibt Stellen, in denen plötzlich der Raum âaufgehtâ, als wĂŒrde kurz die höfische Festlichkeit hereingelassen â aber sie bleibt Zitat, nicht Substanz. Die SoloeinsĂ€tze im Domine Deus sind nicht Arien im italienischen Sinn, sondern innerlich gesungene Meditationen, die zwar melodisch reich sind, aber nicht opernhaft expandieren, sondern im liturgischen Raum verankert bleiben. Die Oboe fĂŒhrt keine Girlanden aus, sondern spricht. Das Qui tollis wird hier erstmals bei Zelenka zu einem geistlichen Schnittpunkt. Er schreibt den Chor nicht als dramatische Klage, sondern als Wendung ins Innere, fast wie ein Augenblick des Stehenbleibens. Die Harmonien verschieben sich, aber nicht expressiv-theatralisch wie bei Caldara oder Lotti, sondern trocken, prĂ€zise, mit einer fast erschreckenden Klarheit. Zelenka weint nicht â er urteilt. Im folgenden Abschnitt beginnt sich jene Dialogstruktur zwischen Chor und Solisten abzuzeichnen, die in ZWV 12 zur vollen AusprĂ€gung kommen wird. In ZWV 2 ist sie noch verhaltener, aber bereits organisch. Man spĂŒrt, dass Zelenka beginnt, die liturgische Form nicht als starre Abfolge, sondern als flexiblen geistigen Körper zu behandeln, der bewusst unter Spannung gesetzt wird. Nichts flieĂt selbstverstĂ€ndlich â alles hat Widerstand. Das Cum Sancto Spiritu ist in dieser Messe nicht triumphal, sondern zielgerichtet, wie ein beschleunigter innerer Prozess, nicht wie ein aufgesetztes âAmenâ. Die Fuge ist prĂ€zise, aber nicht laut, ihre Energie entsteht nicht aus KlangfĂŒlle, sondern aus rhythmischer Eindringlichkeit. Man erinnert sich beim Hören daran, dass 1714 noch niemand in Dresden wusste, dass aus diesem stillen Bassisten einer der eigenwilligsten geistlichen Architekten des Barock werden wĂŒrde. Das Sanctus hebt sich in der Textur von ZWV 1 ab. Es trĂ€gt etwas Festlicheres, ohne höfisches Pathos zu imitieren. Der Klang öffnet sich, aber diszipliniert, fast so, als sei Zelenka bereit, das höfische Klangideal zu akzeptieren, solange es sich der liturgischen Ernsthaftigkeit unterordnet. Kein ĂbermaĂ, keine explodierende Pracht â eine kontrollierte Glorie. Wer genau hinhört, spĂŒrt eine Spannung zwischen Ă€uĂerem âHeiligâ und innerem âErbarme dichâ. Zelenka zeigt die Heiligkeit nicht, um sie zu feiern, sondern um sie als Forderung an den Menschen auszusetzen. Im Benedictus zieht sich die Musik wieder zurĂŒck. Die Solostimme ist nicht SĂ€ngerin, sondern Betende. Die Instrumente legen keine KlangflĂ€che, sondern eine Art tastenden Boden. Es ist Musik, die ihr eigenes Tempo sucht, die alles ĂberflĂŒssige beiseiteschiebt und zum Kern will. Wer diese Stellen mit italienischen Messen vergleicht, merkt sofort: Zelenka kennt das Opernhafte, aber er misstraut ihm. Das Agnus Dei ist wie ein stilles Nachwort. Kein prunkvoller Schluss, kein Abschlussgestus, sondern ein fortgesetztes Bitten, das sich nicht auflöst, sondern fortbesteht. Diese Messe endet wie ein Gebet, nicht wie ein Werk. Sie will nicht applaudiert werden, sie will weiterklingen â im Inneren. Damit steht ZWV 2 als eigenstĂ€ndige, geistig hochgespannte Messe im Raum. Sie ist kein SchĂŒlerwerk, sondern ein Werk der inneren Selbstbehauptung, zwischen ZurĂŒckhaltung und geistlicher Macht, zwischen Bassfundament und harmonischer KĂŒhnheit, zwischen stiller Bitte und struktureller Entschlossenheit. Von dieser Messe existiert derzeit keine einzige professionelle Tonaufnahme. Die Missa Judica me existiert lediglich in der Handschrift, bewahrt in den Dresdner Archiven Sie gehört damit zu denjenigen Werken Zelenkas, die â trotz erhaltener Partitur â musikalisch noch im Zustand des Schweigens verharren. Seitenanfang Missa Corporis Domini, ZWV 3 https://www.youtube.com/watch?v=j5N1Ly54QiE Zelenka schrieb seine Missa Corporis Domini (ZWV 3) um 1719, in einer Zeit, in der seine Position am Dresdner Hof zwar noch immer nicht offiziell gefestigt, seine kompositorische Handschrift aber bereits vollkommen ausgeprĂ€gt war. Zwischen den liturgisch eher kontemplativen frĂŒhen Messen und den groĂen Festmessen der dreiĂiger Jahre steht dieses Werk als Ăbergangsform, als Versuch, den Klang des katholischen Dresden in eine geistige Struktur zu bringen, die ebenso feierlich wie reflektiert ist. Der Titel verweist auf das Hochfest des Fronleichnams, den liturgisch prachtvollsten Tag des Kirchenjahres â doch Zelenka nĂ€hert sich diesem Thema nicht mit der selbstverstĂ€ndlichen Festlichkeit eines Hofkomponisten, sondern mit jener eigentĂŒmlichen Mischung aus Mystik und Ordnung, die fĂŒr seine Kunst charakteristisch ist. Die Messe in C-Dur ist daher keine klangliche Prozession, sondern ein inneres Hochamt, das zwischen Licht und Stille schwingt. Das Kyrie beginnt mit einer Geste, die wie ein vorsichtiges Ăffnen des Raums wirkt. Der Chor tritt nicht mit Pauken und Trompeten ein, sondern mit einer konzertanten Leichtigkeit, die sich aus der Bewegung des Basses aufbaut. Das Orchester des Collegium 1704 unter VĂĄclav Luks trifft diesen Ton genau: kein aufgesetzter Glanz, sondern ein durchhörbares, von Atem getragenes Klanggewebe, in dem jede Stimme ihr Gewicht kennt. Die ersten Takte entfalten jene typische Zelenka-Rhythmik, bei der metrische Schwerpunkte verschoben werden und das GefĂŒhl entsteht, als ob die Musik einen inneren Puls sucht. Das Kyrie ist kein Bittruf im Sinne eines Affektes, sondern ein tastendes GesprĂ€ch zwischen den Stimmen, in dem sich die Intervalle wie Fragen aneinanderreihen. Das Christe eleison wird zum ersten Ruhepunkt â eine zarte, beinahe kammermusikalische Arie fĂŒr Sopran, deren Melodiebögen sich in einem gleichmĂ€Ăigen Atem ĂŒber dem gedĂ€mpften Streicherteppich entfalten. Die sanfte Instrumentation, mit Oboen und Continuo, bewahrt die Transparenz, die Zelenkas frĂŒhe Messen kennzeichnet. Im abschlieĂenden Kyrie II entfaltet sich dann die kontrapunktische Energie: eine Fuge, deren Themen aus dem Anfangsmotiv entwickelt sind, wodurch eine organische Klammer entsteht. Diese thematische RĂŒckbindung ist nicht akademisch, sondern seelisch motiviert â das Werk denkt musikalisch in Kreisen, nicht in Blöcken. Das Gloria öffnet sich sofort in gröĂerem Raum. Hier erlaubt sich Zelenka eine Pracht, die aber von innerer Disziplin geleitet bleibt. Der Chor singt âGloria in excelsis Deoâ mit einer Helligkeit, die nicht laut, sondern klar ist, als wĂŒrde Licht auf eine polierte FlĂ€che fallen. Die Streicher, von Luks mit federndem Schwung gefĂŒhrt, tragen den Text wie eine rhythmische Welle. Das Domine Deus bringt einen markanten Wechsel: die Musik zieht sich zurĂŒck, die Solostimme â oft der Alt oder Tenor â wird zur TrĂ€gerin eines stillen Dialogs zwischen Mensch und Gott. AuffĂ€llig ist, wie Zelenka den Satz rhythmisch gegen die Textgliederung setzt; der Text âDomine Deus, Rex caelestisâ wird nicht syllabisch deklamiert, sondern in schwebenden Phrasen, die sich ĂŒber die Taktgrenzen hinaus bewegen. Dadurch entsteht ein GefĂŒhl von Zeitlosigkeit, das in dieser Messe mehrfach wiederkehrt. Das Qui tollis, einer der emotionalen Brennpunkte, ist nicht die dramatische Klage vieler zeitgenössischer Komponisten, sondern eine Bewegung nach innen. Die Harmonien bleiben lange in der Grundtonart, bevor sie sich in einer weichen chromatischen Wendung nach Moll neigen. Der Chor von Collegium 1704 singt diese Passage mit einer fast klösterlichen Ruhe, ohne Vibrato, wodurch die Harmonie nackt und verletzlich steht. Zelenka erreicht hier mit minimalen Mitteln eine maximale Wirkung: keine harmonische Ăberraschung, keine theatralische Geste, nur ein leichtes VerrĂŒcken des tonalen Zentrums â und die Musik atmet Schmerz. Es folgt ein kurzes Duett, in dem Zelenka seine Kunst der proportionalen Balance zeigt: keine Arie im opernhaften Sinn, sondern ein gleichwertiges ZwiegesprĂ€ch zweier Stimmen ĂŒber einem zart pulsierenden Bass. Das anschlieĂende Cum Sancto Spiritu bringt die erste groĂe Fuge der Messe. Ihre Energie ist anders als in der spĂ€teren Missa Votiva: weniger triumphal, mehr kontrolliert. Luks wĂ€hlt ein zĂŒgiges, aber nicht forciertes Tempo, wodurch die polyphone Struktur durchsichtig bleibt. Die Trompeten leuchten nur punktuell auf; sie feiern nicht, sie bestĂ€tigen. Das Gloria schlieĂt in strahlendem C-Dur, aber das Licht bleibt geordnet, nie blendend. Das Sanctus fĂŒhrt den Hörer in einen anderen Raum. Zelenka verwendet hier die volle Besetzung, doch er vermeidet die ĂberfĂŒlle, die man vom Fronleichnamsfest erwarten könnte. Stattdessen setzt er auf vertikale Klarheit und den Eindruck eines akustischen Gewölbes. Die Stimmen bilden keine FlĂ€che, sondern eine SĂ€ule. Man hört, dass diese Musik fĂŒr den spezifischen Dresdner Kirchenraum gedacht ist, in dem Klang nicht von auĂen nach innen dringt, sondern sich von den Mauern nach oben entfaltet. Luks lĂ€sst den Chor leicht nach vorne singen, wodurch sich der Raumklang öffnet, aber nicht verliert. Im Benedictus tritt die Solovioline hervor, in einem Dialog mit der Sopranstimme. Der Satz ist von zarter, fast empfindsamer Schönheit â eine Ahnung des empfindsamen Stils lange vor seiner Zeit. Die Linie der Violine scheint nicht zu begleiten, sondern zu antworten, als ob sie den Text âBenedictus qui venitâ selbst spreche. Das Osanna wird wieder zur Fuge, aber diesmal hell, leicht und beinahe tĂ€nzerisch. Hier erlaubt sich Zelenka jene rhythmische ElastizitĂ€t, die seine spĂ€teren Werke prĂ€gt: Punktierungen, synkopierte Ăberlagerungen, Vorhalte, die sich auflösen, bevor sie richtig hörbar werden. Die Stimmen jagen einander, aber nicht in akademischer Strenge â es ist eine lebendige, atmende Polyphonie, ein Abbild jener geistigen Freude, die das Fest des Corpus Christi kennzeichnet. Im Agnus Dei schlieĂt sich der Kreis. Nach der festlichen Architektur des Sanctus und Osanna zieht sich die Musik wieder zusammen. Ein Alt-Solo bittet um Frieden, und die Begleitung besteht fast nur aus Continuo und sanft gestrichenen Violinen. Der Klang wird dĂŒnner, der Raum stiller. Zelenka verwendet dieselbe Fugenstruktur wie im Kyrie, doch sie klingt hier nicht mehr nach Argument, sondern nach Bitte. Luks gestaltet diese Passage mit beinahe unhörbarer Dynamik; man hat das GefĂŒhl, die Musik wĂŒrde sich selbst zurĂŒcknehmen, um dem Text Platz zu machen. Der Schluss ist leise, kein Jubel, kein Paukenschlag â nur ein ruhiges Amen, das ausklingt, als wĂŒrde es sich im Kirchenschiff auflösen. Die Missa Corporis Domini zeigt Zelenka auf der Schwelle zwischen Disziplin und Vision. Er beherrscht die barocke Formensprache vollkommen, aber er nutzt sie nicht, um Konvention zu bestĂ€tigen, sondern um sie zu durchdringen. Jeder Satz dieser Messe ist von innerer Bewegung erfĂŒllt; nichts steht still, nichts ist rein dekorativ. In der Interpretation von VĂĄclav Luks und dem Collegium 1704 wird deutlich, dass diese Musik keine historische Rekonstruktion braucht, sondern ein lebendiges GegenĂŒber: Klarheit, Respekt und einen Atem, der ĂŒber das rein Technische hinausfĂŒhrt. Hier begegnet man einem Zelenka, der seine Sprache gefunden hat â nicht als Diener des Hofes, sondern als Meister eines liturgischen Denkens, das Klang als Gebet versteht. Seitenanfang ZWV 3 Missa Sancti Spiritus, ZWV 4 https://www.youtube.com/watch?v=dKCJrnvpQk4 Zelenka komponierte die Missa Sancti Spiritus (ZWV 4) im Jahr 1723, und sie markiert eine stilistische Wende. Zwischen seinen frĂŒhen Messen, in denen er sparsam mit textlichen und melodischen Gesten umging, und seinen spĂ€teren, opulenten Hochfestmessen liegt hier etwas wie ein BrĂŒckenschlag: Diese Messe öffnet sich â doch sie trĂ€gt kein BĂŒhnenlicht, sie trĂ€gt das Licht selbst. Der Titel verweist auf den Heiligen Geist, und schon dieser liturgische Bezug lĂ€sst keinen Raum fĂŒr dekorativen Ăberschwang â vielmehr verlangt er eine Musik, die atmet, die sich in Stille öffnet, die Kraft aus der Bewegung des inneren Raums gewinnt. In Adam Viktoras Interpretation mit Ensemble InĂ©gal wird genau dieser Tonfall gewonnen: kein spektakulĂ€res Aufblitzen, sondern eine gepresste, elegante Klangarchitektur, in der jede Stimme zĂ€hlt. Das Kyrie beginnt wie ein verschattetes Gebet. Der Chor setzt nicht in dichter Polyphonie ein, sondern mit einer konzertanten Transparenz, als ob Zelenka den Klang erst vorsichtig prĂŒfen will. Die Streicher fĂŒhren gedehnte Linien, Oboen weben leise Farben, das Continuo pulsiert untergrĂŒndig. In dieser Phase spĂŒrt man genau, wie Zelenka denkt â nicht vom Klang zur Form, sondern von der Form zum Klang. Das Kyrie ist keine Einleitung zum Gloria, sondern ein Vorspiel, das den Innenraum misst. Wenn der Solosopran im Christe eleison einsetzt, ist das kein Ausbruch, sondern eine leise Hinwendung â filigran, kaum verzierend, nie virtuos im opernhaften Sinn, sondern immer in liturgischer Haltung. Viktoras Tempos sind behutsam gewĂ€hlt: nicht entschleunigt, aber entschlossen, so dass man jede Modulation spĂŒrt, jede Harmonie als Bewegung wahrnimmt. Im zweiten Kyrie deutet sich die kontrapunktische Kraft Zelenkas schon an: nicht als akademische Schau, sondern als organisch sich entwickelnde Struktur. Die Themen werden nicht bloĂ vorgestellt, sondern miteinander verhandelt. Ich hörte in der AuffĂŒhrung eine Stelle, in der der Continuo kurz fĂŒhrt, bevor die Stimmen einsetzen â fast wie ein leiser Atemzug, bevor die Linie sich erhebt. So beginnt Musik zu denken. Das Kyrie endet nicht bombastisch, sondern mit wohldosierter ZurĂŒcknahme â was man in dieser Messe mehrfach erleben kann. Das Gloria öffnet sich sichtlich weiter. Der Chor singt mit weicher Klangfarbe, doch die Linien sind klar konturiert. Zelenka lĂ€sst den Klang Raum â nicht als Isolation, sondern als Kontext. Die Orchesterbegleitung ist dezent, oft nur tenoral beteiligt, selten dominierend. Wenn die Solostimmen einsetzen (Domine Deus etc.), geschieht das als Kontrast zur Chorstruktur, nicht als Bruch: eine Teilstruktur des Ganzen, kein Fremdkörper. Besonders auffĂ€llig ist in dieser AuffĂŒhrung, wie Adam Viktora dynamische Nuancen benutzt â nicht laut-leise im Sinne von dramatischen GegensĂ€tzen, sondern fein abgestufte Klangbewegungen, fast wie Atem im Musikorganismus. Die SĂ€nger verzögern gelegentlich, lassen Töne lĂ€nger schweben â das verstĂ€rkt den Eindruck, dass hier Musik mit Seele musiziert wird, nicht mit KalkĂŒl. Der Satz Qui tollis fĂ€llt in dieser Messe nicht als scharfer Schmerzmoment aus, sondern als Passage des Innehaltens. Die Harmonie bleibt oft bei der Tonika, aber Zelenka erlaubt sich kleine elliptische AusflĂŒge, kurze chromatische Wendungen, die kaum auffallen, aber im Nachhall wirksam sind. In InĂ©gals Aufnahme klingt der Chor in dieser Passage besonders gleichmĂ€Ăig â kein Druck, sondern Spannung von innen. Der Duett-Einsatz danach wirkt hier fast als Reaktion: ein GesprĂ€ch zweier Stimmen, in dem das Instrumentalbord kaum mehr GerĂ€usch als Hauch ist. So wird der Duett-Part zu einem Moment der IntimitĂ€t in einer liturgischen Gesamtheit. Das Cum Sancto Spiritu ist eine klare, helle Fuge, jedoch nicht als PrunkstĂŒck angelegt. Viktora wĂ€hlt ein zĂŒgiges, aber nicht gehetztes Tempo; die Stimmen setzen ein mit Klarheit, jeder Einsprung nachvollziehbar. Die trompetenlosen Instrumentierungen lassen die Fuge ohne Blendlicht wirken â sie leuchtet von innen. Der Kontrapunkt bleibt durchsichtig, sodass man in jedem Moment nachvollziehen kann, wie die Linien sich kreuzen und ineinander greifen. Immer wieder tun sich harmonische Fenster auf, kurz, aber bedeutsam: der Zuhörer spĂŒrt, dass hinter der Form etwas GröĂeres aplombiert wird. Im Sanctus vollzieht sich eine feine Verdichtung. Die Musik steigt, aber sie reisst nie aus sich heraus. Der Chor stimmt an mit feierlicher Elevation, die Instrumente fĂŒllen, doch niemals ĂŒberfrachten. Die Linien werden dichter, aber in Disziplin â Zelenka weiĂ, dass er mit Klang nicht streiten darf, sondern ĂŒber Klang sprechen muss. Ich hörte in der Aufnahme einen Moment, in dem der Bass eine absteigende Linie zieht, bevor der Chor wieder aufsteigt â ein kleiner Abgrund, der die Heiligkeit nicht zerstört, sondern vertieft. Auch hier prĂ€gt Viktoras Leitung: keine Effekthascherei, sondern ein zugeordneter, inniger Klang. Das Benedictus ist eine Entfaltung von Ruhe. Eine Solostimme, oft Sopran, singt mit gelöster Linie, begleitet von wenigen Streichern oder Oboe. Der Satz ist beinahe kammermusikalisch im VerhĂ€ltnis zum ĂŒbrigen Orchesterteil â eine Oase im liturgischen Fluss. Das musikalische Material ist schlicht, aber nicht simpel; wer genau hinhört, entdeckt leise Modulationen, kleine harmonische GrenzgĂ€nge, die das Herz berĂŒhren, ohne die Form zu sprengen. Das Osanna schlieĂt den Kreis mit polyphonem Glanz. Dort öffnet sich das Klangspektrum: Stimmen jagen einander, Layouts verschachteln sich, und doch bleibt alles durchschaubar. Viktora lĂ€sst die EngfĂŒhrung fallen, das Chorbild erweitern, ohne die Satzinnigkeit zu verlieren. Es klingt, als wĂŒrde Zelenka das Motiv des Kyrie und des Gloria heimfĂŒhren â zu einem musikalischen Haus, das man nicht verlĂ€Ăt, sondern in dem man bleibt. Im Agnus Dei zieht sich die KlangflĂ€che wieder zusammen. Ein Solosopran spricht, begleitet von Continuo und leisen Streichern; die Textzeile âDona nobis pacemâ klingt hier nicht als Abschlusssatz, sondern als Frage in die Stille. Es ist bemerkenswert, dass in dieser Version kein dramatisches Finales verfolgt wird â kein HĂ€ndeklatschen, keine Orchestrierungsexplosion. Die Messe endet leise, als sei sie ein Gebet, das nachklingt. Die Missa Sancti Spiritus steht bei Zelenka als ein Werk voller Luftspalten: sie atmet, sie schweigt, sie spricht. In der InĂ©gal-Interpretation unter Adam Viktora trifft man eine AuffĂŒhrung, die nicht ĂŒberhöht, sondern Weiterlesen lĂ€sst â die Musik wirkt nicht ausgefĂŒhrt, sondern vollendet. Diese Messe ist keine Geste, sie ist ein Akt der PrĂ€senz â ein Mittelding zwischen Inbrunst und Form, zwischen Klang und Stille. CD Jan Dismas Zelenka, "Missa Sancti Spiritus und Litanie di Vergine Maria, Ensemble InĂ©gal unter der Leitung von Adam Viktora (* 1973), Nibiru, remastered 2022, Tracks 1 bis 19: https://www.youtube.com/watch?v=twkeCTMSUL4&list=OLAK5uy_mZFWfekHkXJCL3n3iWYes8iYahitGZ5YU&index=1 Seitenanfang ZWV 4 Missa Spei (verschollen), ZWV 5 Von der Missa Spei ist kein klingendes Material ĂŒberliefert, keine Partitur hat sich erhalten, und es existiert keine nachweisbare AuffĂŒhrungspur. Und dennoch gehört dieses Werk zu den bedeutsamsten Leerstellen in Zelenkas Ćuvre â gerade weil sein Titel mehr verrĂ€t, als jede erhaltene Note es könnte. Zwischen der Missa Fidei (ZWV 6) und der Missa Paschalis (ZWV 7) steht die Missa Spei wie ein unsichtbarer Pfeiler im Zentrum einer innerlich geschlossenen theologisch-musikalischen Trilogie. Glaube â Hoffnung â Erlösung: Zelenka denkt liturgisch nicht in einzelnen Werken, sondern in geistigen Achsen. Die Namensgebung ist keineswegs dekorativ. Sie verweist auf jene paulinische Formel aus dem ersten Korintherbrief â fides, spes, caritas â die ĂŒber Jahrhunderte als geistige Struktur christlicher Existenz gelesen wurde. Dass Zelenka, ein tiefglĂ€ubiger und oft innerlich isolierter Musiker im Umfeld des reprĂ€sentativen Dresdner Hofes, eine Messe âSpeiâ, also der Hoffnung, widmet, lĂ€sst sich als stiller, aber entschiedener geistiger Akt deuten. Diese Hoffnung ist nicht triumphal, nicht laut und nicht festlich; sie ist ein Zustand des Noch-nicht, des innen brennenden Wartens, wie es Zelenkas Musik so oft in ihren Moll-Schatten und plötzlich ins Licht zurĂŒckkehrenden Linien ausdrĂŒckt. Dass gerade diese Messe nicht erhalten ist, scheint fast wie eine bittere, aber poetische Ironie der Ăberlieferungsgeschichte. Eine Messe der Hoffnung â und sie schweigt. Die Handschrift mag verloren sein, doch ihre Benennung bleibt wie ein geistiger Abdruck im Katalog seiner Werke. Wer heute die erhaltenen Messen dieser Werkgruppe hört â die Missa Fidei, die Missa Paschalis, die Missa Nativitatis Domini â kann sich die Missa Spei nur denken, als inneres GegenstĂŒck, als Klang, der nicht erklingt, sondern gefĂŒhlt werden muss. So steht ZWV 5 heute wie ein stiller Zwischenraum im Corpus der Zelenka-Messen: ein unsichtbares Werk, aber kein leeres. Seine Musik fehlt â aber seine Aussage ist dennoch vorhanden, eingeschrieben in den Titel, in die geistige Ordnung seines Schaffens und in die stille Sehnsucht, die sich durch all seine Liturgie-Kompositionen zieht. Vielleicht liegt darin die tiefste Form von âspeiâ â nicht im Besitz, sondern im Warten. Seitenanfang ZWV 5 Missa Fidei in C-Dur (um 1725), ZWV 6 Zelenka komponierte seine Missa Fidei (Messe des Glaubens) vermutlich um 1725, in einer Zeit, in der seine Kompetenz im Dresdner Hofumfeld bereits anerkannt war und er zunehmend gröĂere Freiheiten gewinnen konnte, sowohl in Motiven als auch in Instrumentation. In dieser Messe nĂ€hert er sich dem Gedanken des Glaubens (âfideiâ) nicht als dogmatischer Artikel, sondern als innerer Halt und liturgisches Fundament â sie ist weniger eine Festmesse als eine meditativ gedachte VerkĂŒndigung des Glaubens. Die Tonart C-Dur, die Zelenka fĂŒr dieses Werk wĂ€hlte, hat eine besondere Bedeutung im frĂŒhklassischen und barocken Seelenraum: nicht strahlend wie D-Dur, sondern temperamentvoll warm, in der NĂ€he von Dur ohne Ăberblend ins Pathos. In der von Filipp Presseisen geleiteten Interpretation mit LâEstate Armonico und der Kantorei Sankt Barbara wird dieses C-Dur als Klangmilieu gelesen â nicht als Grundton, sondern als Ausdruckstonraum. https://www.youtube.com/watch?v=QWL_KwO75Go Das Kyrie beginnt mit dem Chor in leichter Bewegung, einer Bewegung, die noch nicht behauptet, sondern sucht. Der Continuo treibt nicht voran, sondern sorgt fĂŒr Puls. Die Streicher artikulieren subtil, oft mit Verzögerungen, wodurch man jeden Einsatz als Ereignis wahrnimmt. Wenn die Solostimmen â in dieser Aufnahme meist Alt oder Sopran â einsetzen, tun sie das nicht als Abhebung vom Chor, sondern als ErgĂ€nzung. Besonders auffĂ€llig ist, wie Delimat in der Christe-Arie die Linien dehnt, sie in Phrasen, die gegen die Metrik laufen, singt â eine Technik, die emotional wirkt, aber nicht aufdringlich. Die Instrumentalbegleitung bleibt filigran, mit Oboen und Traversflöten, ohne das Solistenfeld zu ĂŒberdecken. Das abschlieĂende Kyrie II fĂŒhrt die kontrapunktische Energie spĂŒrbar weiter, doch nicht zu prachtvoll â die Fuge ist diszipliniert, mit klaren EinsĂ€tzen, kein dicker Klangbrei, sondern kontrapunktisch durchhörbar. Im Gloria öffnet sich die Messe weiter, aber Zelenka vermeidet Ăberschwung. Der Chor singt âGloria in excelsis Deoâ mit Klarheit und rhythmischer Spannung, der Orchesterklang bleibt transparent. Die Soloparts, etwa das Domine Deus, sind nicht opernhaft, sondern eine kategorische Steigerung des lobsingenden Gedankens. Die Stimme wird nicht gezielt aufgestellt, sondern eingebunden. In der Aufnahme gelingt es Presseisen, eine feine Balance zu halten: weder zu schnell noch zu langsam, mit akzentuierter Phrasierung, die nie zur Effekthascherei wird. In der Passage âQuoniam tu solus Sanctusâ hört man eine Steigerung ins dramatische, aber gesteuert â Zelenka schreibt hier ein Quartett, und die Instrumente antworten, nicht im Kontrast, sondern im Dialog. Die Fuge des Cum Sancto Spiritu floriert ohne Ăberdehnung â der Chor setzt ein, nicht weil er muss, sondern weil er darf; Trompeten treten punktuell hinzu und beleuchten, ohne zu dominieren. Im Sanctus legt Zelenka die Grundstruktur fest: Feierlich, aber nicht monumental. Die Stimmen intonieren mit kĂŒhler Eleganz, die Instrumente ergĂ€nzen, ohne zu dominieren. In dieser Aufnahme ist besonders der Mittelteil bemerkenswert, in dem die Musik moduliert und ein Moment der Stille entsteht, bevor die Musik zurĂŒckkehrt. Diese Pause, diese Leere innerhalb der Musik, fĂ€llt stĂ€rker ins Gewicht als jegliche Harmonie. Der Benedictus wird solistisch entworfen, oft Sopran mit Oboe oder Traversflöte, in einem Bogen, der emphatisch, aber doch in MaĂ bleibt. In Delimats Interpretation finde ich besonders schön die Abstufung am Ende des Benedictus â das Nachklingen ist lang gezogen, aber nicht ĂŒberzogen. Im Osanna greift die Musik zurĂŒck in den polyphonen Raum. Hier darf der Klang sich öffnen, doch er verliert nie seine lineare Klarheit. Die Stimmen jagen einander, aber sie verlieren sich nicht. Die Fuge ist ein Abschluss, aber kein Ende â sie fĂŒhrt ĂŒber den Abschluss hinaus. Im Agnus Dei reduziert sich der Klang fast ausschlieĂlich auf Solo- und Continuo-Stimme. Der Schluss ist leise, ein gebetartiges Beenden, nicht eine Parade von Klang. Diese Reduktion ist bei Zelenka nie Zeichen von SchwĂ€che, sondern von innerer StĂ€rke. Die Missa Fidei zeigt Zelenka als Denker des Glaubens â nicht als Lautsprecher, sondern als Dichtebildner. In dieser Aufnahme gelingt es den Interpreten, das Werk nicht zu ĂŒberstrahlen, sondern zu zeichnen: Eine Messe, die in Aussagekraft wuchs, nicht in Klangexpansion. Seitenanfang ZWV 6 Missa Paschalis, D-Dur (1726) â Oster-Messe, ZWV 7 Zelenka schrieb seine Missa Paschalis im Jahr 1726, und schon der Titel zeigt, dass sie nicht in die Reihe der Tugendmessen gehört, sondern unmittelbar in den liturgischen Zyklus des Kirchenjahres tritt. Wo die Missa Spei als Messe der Hoffnung ins Unsichtbare zeigt und als verschollenes Werk wie ein geistiger Zwischenraum bleibt, ist die Missa Paschalis das Gegenteil: sie erklingt, sie öffnet sich â doch nicht im Triumph, sondern in einer verhaltenen, von innen kommenden Osterfreude. Es ist, als wĂŒrde Zelenka die Auferstehung nicht von auĂen bejubeln, sondern sie innerlich bezeugen. https://www.youtube.com/watch?v=ytGMy__OoaY D-Dur, die klassische Tonart des Lichts und der Festlichkeit, entfaltet sich bei ihm nicht als grelle Festmusik, sondern als durchlĂ€ssige Farbe. Das eröffnende Kyrie eleison I hebt an mit ruhiger Strahlkraft. Kein wuchtiger Chorblock, sondern ein flieĂendes Netz aus Stimmen, die einander suchen und finden. Das Orchester antwortet behutsam, als wolle es nicht begleiten, sondern stĂŒtzen. Diese erste Bitte um Erbarmen klingt nicht nach Angst, sondern nach Vertrauen. In der folgenden Bewegung, dem Christe eleison, öffnet sich der Klang. Zelenka gibt hier einer Solostimme Raum â meist dem Alt, seiner bevorzugten Klangfarbe des Menschlichen â, die sich ĂŒber den weichen Orchestergrund erhebt. Diese Stimme ist weder opernhaft noch klagend, sondern atmend, fast zĂ€rtlich. Das zweite Kyrie eleison kehrt zum Chor zurĂŒck, verdichtet das thematische Material und schafft durch die kontrapunktische FĂŒhrung einen Kreis, der nicht schlieĂt, sondern weitertrĂ€gt. Schon hier zeigt sich, dass Zelenka das Ostergeheimnis nicht als Ereignis, sondern als Weg begreift. Im Gloria in excelsis Deo hebt die Musik an zu gröĂerer Bewegung. Der Chor entfaltet sich mit befreitem Atem, die BlĂ€ser glĂ€nzen hell, doch ohne Ăbertreibung. Das Licht fĂ€llt nicht frontal, sondern gestreut, wie Morgensonne auf Kirchenmauer. Im folgenden Domine Deus löst sich die kollektive Freude in persönliches Gebet. Eine Solostimme tritt hervor â meist Sopran oder Tenor â, begleitet von Oboe oder Violine, und verwandelt das Loblied in IntimitĂ€t. Es ist ein stilles GesprĂ€ch zwischen Stimme und Himmel, getragen von Zelenkas typischen harmonischen Farben, die in kleinen Sekunden und chromatischen Wendungen das Unsagbare andeuten. Das Qui tollis peccata mundi nimmt den Faden auf, aber der Ton wird nachdenklicher. Die Musik zieht sich zusammen, der Chor singt in gleichmĂ€Ăiger Bewegung, wĂ€hrend die Instrumente in langen, tragenden Bögen verharren. Hier spricht Zelenka vom Erlösungsgeheimnis nicht in Pathos, sondern in Demut. Kein dramatisches âLamm Gottesâ, sondern ein stilles Erbarmen. Diese Haltung bleibt auch im Quoniam tu solus Sanctus, das sich als Dialog zwischen Chor und Solisten entfaltet. Der Rhythmus pulsiert, die Melodien steigen auf, aber sie brechen nicht aus. Es ist der Glaube in Bewegung, nicht das Feiern des Sieges. Das Cum Sancto Spiritu fĂŒhrt diesen Spannungsbogen zur Fuge. Doch wo andere Komponisten in diesem Moment zur Klangpracht greifen, bleibt Zelenka maĂvoll. Seine Fuge ist durchsichtig, jede Stimme prĂ€zise gefĂŒhrt, jede Linie nachvollziehbar. Der Geist, von dem der Text spricht, erscheint hier als Ordnung, nicht als Sturm. Im abschlieĂenden Amen lĂ€sst Zelenka die Stimmen noch einmal auffĂ€chern, sie ĂŒberlagern sich, kreuzen und vereinen sich schlieĂlich in einem glanzvollen, aber nicht lĂ€rmenden Schluss, der mehr bekrĂ€ftigt als beendet. Das Credo in unum Deum beginnt wie ein Bekenntnis, das nicht verkĂŒndet, sondern ausgesprochen wird. Zelenka wĂ€hlt einen klaren Chorsatz, beinahe syllabisch, mit betontem Akzent auf âunumâ. Diese Einheit Gottes durchzieht den Satz strukturell: kein ĂŒbermĂ€Ăiges Ornament, kein rhetorischer Ăberschuss. In Et incarnatus est tritt eine feine ZĂ€sur ein. Der Satz senkt sich in Tonhöhe und Dynamik, die Harmonik wird dichter, die Begleitung fast kammermusikalisch. Man spĂŒrt, dass hier das Geheimnis der Menschwerdung berĂŒhrt wird. Im Crucifixus öffnet sich ein schmaler, aber tiefer Schmerz. Kein dramatisches Leiden, sondern eine konzentrierte, fast unbewegte Klage. Der Chor bleibt eng gefĂŒhrt, die Harmonik steht still, wie eine gespannte Linie zwischen Himmel und Erde. Das Et resurrexit bringt die Befreiung, doch nicht als theatralische Explosion, sondern als lichtes Aufsteigen. Die Stimmen springen, aber sie schreien nicht. In dieser ZurĂŒckhaltung liegt GröĂe: Auferstehung als geistige Tat, nicht als theatralischer Triumph. Im Amen come nel Gloria kehrt Zelenka auf kunstvolle Weise zum musikalischen Material des Glorias zurĂŒck. Dadurch schlieĂt sich ein Kreis, aber keiner, der stillsteht: das Amen ist keine Wiederholung, sondern eine Transformation â das Loblied ist in Glauben ĂŒbergegangen. Das Sanctus beginnt in leuchtendem D-Dur. Der Chor erhebt sich, die BlĂ€ser antworten, die Harmonie öffnet sich weit. Doch selbst hier bleibt Zelenkas Klang niemals bloĂ feierlich; immer schwingt die geistige Disziplin mit, jene klare Ordnung, die seine Messen so einzigartig macht. Im Benedictus folgt eine Verinnerlichung. Ein Solist â oft Sopran â trĂ€gt die Melodie ĂŒber eine zarte instrumentale Begleitung. Es ist, als öffne sich fĂŒr einen Moment das Fenster zum Inneren: ein persönliches GesprĂ€ch zwischen Seele und Gott. Das Osanna knĂŒpft wieder an den Chor an. Hier entfaltet Zelenka eine lebendige Polyphonie, die Stimmen verfolgen einander, verbinden sich, lösen sich wieder. Doch der Ton bleibt hell, das Osanna jubelt, ohne zu toben. Man spĂŒrt die Freude, aber sie bleibt gelĂ€utert. Im Agnus Dei zieht sich die Musik zurĂŒck. Eine Solostimme bittet, nicht ruft, und der Chor antwortet wie ein Echo. Es ist eine Musik des Erbarmens, ohne Pathos, von einer fast bachschen Ernsthaftigkeit. SchlieĂlich das Dona nobis pacem â kein Schlusschor, kein prunkvoller Abgesang, sondern eine stille Bitte. Zelenka beendet seine Oster-Messe nicht mit Festjubel, sondern mit einer Geste der Demut. Frieden wird hier nicht behauptet, sondern erhofft. Die Missa Paschalis ist eine Messe des Lichts â aber ein Licht, das durch Schatten fĂ€llt. Sie vereint in sich das ganze Spektrum von Zelenkas Glaubenserfahrung: die Ernsthaftigkeit der BuĂe, die innere Bewegung der Hoffnung und die leise Freude der Erlösung. In ihrer Formvollendung und ihrem geistigen Gehalt steht sie an der Schwelle zu seinen groĂen SpĂ€tmessen. Sie ist der Moment, in dem Zelenka das Festliche durch das Geistige ersetzt â und die Musik dadurch zu einem Gebet erhebt, das weiterklingt, wenn der letzte Ton lĂ€ngst verklungen ist. Seitenanfang ZWV 7 Missa Nativitatis Domini, D-Dur (1726) â Weihnachtsmesse, ZWV 8 Mit der Missa Nativitatis Domini erreichte Jan Dismas Zelenka einen jener seltenen Augenblicke, in denen barocke Festlichkeit und geistige Einkehr in vollkommener Balance stehen. Diese âWeihnachtsmesseâ entstand im selben Jahr wie die Missa Paschalis und bildet mit ihr ein kompositorisches Geschwisterpaar: zwei groĂe Messen im Zeichen von Erlösung und Geburt, in denen Zelenka das kirchliche Jahr nicht bloĂ illustriert, sondern seelisch durchschreitet. WĂ€hrend die Missa Paschalis den Weg aus der Dunkelheit zum Licht zeichnet, feiert die Missa Nativitatis Domini das Licht selbst â doch nicht das blendende, sondern das geborene Licht, das im Schweigen entsteht. https://www.youtube.com/watch?v=LHIt3-hqJVw Schon das eröffnende Kyrie eleison I ist keine dramatische Anrufung, sondern eine Ăffnung des Klangraums. Der Chor erhebt sich aus einem sanften Orchesterteppich, die Linien steigen langsam auf, als wolle die Musik selbst zu Atem kommen. Zelenka meidet den festlichen Ăbermut, der Dresdner Hofmusik sonst eigen ist; er beginnt mit Andacht. Das Christe eleison entfaltet sich als zartes Soloduett, Sopran und Alt umspielen einander in Terzen und Sexten, die sich berĂŒhren, ohne zu verschmelzen â Sinnbild jener Zartheit, mit der das Göttliche Mensch wird. Das zweite Kyrie eleison kehrt zum Chor zurĂŒck, der nun inniger, bewegter singt; es ist kein Schlusspunkt, sondern ein Gebet, das sich von selbst weitertrĂ€gt. Im Gloria in excelsis Deo öffnet sich der Raum in voller barocker Pracht, doch Zelenka bleibt der Theologe des MaĂes. Die Trompeten leuchten, aber sie drĂ€ngen sich nicht vor; der Chor jubiliert, aber die rhythmische Energie bleibt kontrolliert. Das Licht kommt nicht von auĂen, sondern von innen. Das Domine Deus folgt als lyrischer Ruhepunkt, getragen von einer Solostimme, meist Sopran, begleitet von Oboe und Continuo. Hier verwandelt sich die weihnachtliche Freude in ZĂ€rtlichkeit; der Klang flieĂt ruhig, und die Melodie schwingt wie eine Wiege. In der AuffĂŒhrung von Musica Florea hört man diese Stelle mit erstaunlicher Sanftheit â kein Pathos, sondern ein Leuchten, das aus innerer WĂ€rme entsteht. Im Qui tollis peccata mundi wechselt der Ton. Die Harmonik verdunkelt sich, der Chor tritt in eng gefĂŒhrter Polyphonie auf, als zöge ein Schatten durch das festliche Bild. Doch dieser Schatten ist notwendig; er erinnert an das Opfer, das im Licht der Geburt schon anwesend ist. Zelenka komponiert hier mit einer erstaunlichen Reife: aus wenigen Motiven entsteht ein Klang, der innerlich zu beten scheint. Das anschlieĂende Quoniam tu solus Sanctus löst diese Spannung in eine friedliche Bewegung auf. Die Stimmen gleiten leicht, das Orchester antwortet, die Musik nimmt wieder Glanz an, aber keinen triumphalen. Sie ist wie ein Raum, der atmet. Das Cum Sancto Spiritu beschlieĂt das Gloria mit einer hellen, flieĂenden Fuge; Zelenkas Kontrapunkt ist hier reine Freude, aber eine Freude von Ordnung, nicht von Rausch. Das Credo in unum Deum ist das Zentrum dieser Messe. Hier zeigt sich Zelenka als Architekt des Glaubens. Der Chor deklamiert den Text mit Klarheit, die Harmonien sind fest, beinahe archaisch, als wolle er das Bekenntnis in Stein meiĂeln. Im Et incarnatus est bricht die Strenge auf â die Musik neigt sich herab, die Stimmen singen in enger Lage, der Ton wird milde, warm, menschlich. Es ist der Moment, in dem die Theologie Fleisch wird. Das Crucifixus steht in tieferem Register, getragen von einem schweren, langsamen Puls, der den Schmerz nicht ausstellt, sondern aushĂ€lt. Zelenka fĂŒhrt das Kreuz in den Klang hinein, nicht in die Szene. Doch schon im Et resurrexit bricht neues Licht hervor: kein Donner, keine Fanfare, sondern eine klare, schwebende Bewegung, in der der Chor den Satz gleichsam in Freude atmet. Das abschlieĂende Amen des Credos nimmt den Jubel des Glorias auf â ein musikalisches Gleichgewicht, das die Messe in sich schlieĂt wie ein Kreis aus Glauben, Geburt und Hoffnung. Das Sanctus hebt mit jener leuchtenden Ruhe an, die Zelenka so unverwechselbar macht. Die Trompeten und Pauken setzen festliche Akzente, aber sie dienen dem Ganzen, nicht dem Effekt. Der Chor singt in langen Linien, die sich kreuzen und wiederfinden â eine Musik der Gemeinschaft, nicht des Individuums. Im Benedictus reduziert sich das Klangbild; eine Solostimme tritt hervor, begleitet von Traversflöte oder Violine, die Linie weich, fast pastoral. Hier wird das weihnachtliche Motiv der Demut hörbar, das sich in Zelenkas Werk immer wieder zeigt: GröĂe durch Einfachheit. Das Osanna bringt einen letzten Glanzmoment, hell, tanzĂ€hnlich, aber nicht ausgelassen. Es bleibt im liturgischen Raum, schwebend, klar. Dann folgt das Agnus Dei, und die Messe neigt sich ihrem stillen Ziel zu. Eine Solostimme bittet â schlicht, fast ungeschmĂŒckt â um Erbarmen; die Chorantwort folgt gedĂ€mpft, als wolle sie die Bitte behĂŒten. Das abschlieĂende Dona nobis pacem ist kein Finale, sondern eine RĂŒckkehr ins Licht. Die Fuge erinnert in Struktur und Thema an das Gloria, doch sie steht nun in gröĂerer Ruhe. Was einst Jubel war, wird hier Gewissheit: Frieden als Zustand des Herzens, nicht als Ă€uĂere Ordnung. Die Missa Nativitatis Domini ist Zelenkas vielleicht innigste Feier der göttlichen Gegenwart. Sie verzichtet auf theatralischen Ăberschwang und setzt an dessen Stelle eine Musik, die leuchtet, weil sie still ist. In Marek Ć tryncls Aufnahme mit Musica Florea spĂŒrt man diese innere Disziplin: jeder Choransatz ist klar, jede Pause atmet, jede Steigerung bleibt in sich gebunden. Hier wird Weihnachten nicht als Fest, sondern als Mysterium gefeiert â die Geburt des Lichts im Raum des Glaubens. Zelenka hat in dieser Messe gezeigt, dass wahre Freude nichts mit LautstĂ€rke zu tun hat. Sie ist die stille Entfaltung des Glaubens, das Gebet, das im Klang Form annimmt. In dieser Musik wird Weihnachten nicht dargestellt, sondern gegenwĂ€rtig. Und so endet die Missa Nativitatis Domini nicht mit einem Schlusspunkt, sondern mit einem Einatmen â als hĂ€tte der Himmel kurz gezuckt und die Erde ein wenig heller geatmet. Seitenanfang ZWV 8 ZWV 9 Missa Corporis Dominici, D-Dur (verschollen), ZWV 9 Von dieser Messe ist kein musikalisches Material erhalten, weder Partitur noch Stimmen. Nur der Titel blieb ĂŒberliefert in den Dresdner Archivalien. âMissa Corporis Dominiciâ bedeutet âMesse vom Leib des Herrnâ, eindeutig auf das Fronleichnamsfest bezogen, jenes liturgische Hochfest, an dem die reale Gegenwart Christi im Sakrament feierlich proklamiert und prozessionell geehrt wird. Dass Zelenka zwei Fronleichnamsmessen komponiert hat â ZWV 3 (Missa Corporis Domini) und ZWV 9 (Missa Corporis Dominici) â zeigt, wie stark dieses Fest in seiner Dresdner TĂ€tigkeit verankert war. Doch wĂ€hrend ZWV 3 vollstĂ€ndig erhalten ist und sogar mehrfach aufgefĂŒhrt wurde, steht ZWV 9 wie ein verlorener Zwilling neben ihr: gleicher Festcharakter, aber fĂŒr immer stumm. Seitenanfang Missa Charitatis, D-Dur (1727) â Messe der Liebe, ZWV 10 Mit der Missa Charitatis betritt Zelenka eine geistige Ebene, die weit ĂŒber die liturgische Funktion hinausreicht. Nachdem er mit der Missa Fidei und der verlorenen Missa Spei die Begriffe Glaube und Hoffnung in Musik verwandelt hatte, wendet er sich hier dem dritten und höchsten Begriff der paulinischen Trias zu: Caritas â die Liebe, nicht als GefĂŒhl, sondern als göttlicher Ursprung aller inneren Bewegung. Diese Messe ist daher nicht bloĂ ein Werk, sondern ein geistiger Zustand. Charitas ist bei Zelenka kein sentimentaler Affekt, sondern die ruhige Gewissheit, dass alles, was musikfĂ€hig ist, aus Liebe schöpft oder ins Leere fĂ€llt. https://www.youtube.com/watch?v=r-mCchZProQ Das Kyrie eröffnet nicht mit Dramatik, sondern mit einem weit gespannten Atem der Stimmen. Der Chor singt in weiter Linie, die Solisten treten nicht in Konkurrenz, sondern wachsen aus dem Chor heraus wie einzelne Stimmen aus einer lebendigen Einheit. Diese Messe setzt nicht auf Ăberraschung, sondern auf WĂ€rme aus Ordnung. Im folgenden Christe eleison, getragen von den Solostimmen, wird deutlich, wie Zelenka Liebe komponiert: nicht ĂŒber emotionale AusschlĂ€ge, sondern ĂŒber die stille VerstĂ€ndigung der Stimmen â kein Affekt, sondern Beziehung. Das abschlieĂende Kyrie kehrt in den Chorklang zurĂŒck und schlieĂt den Eröffnungsbogen mit einer ruhigen IntensitĂ€t, die weniger bittet als vertraut. Das Gloria in excelsis Deo hebt mit einer hellen Klarheit an. Anders als in seinen Festmessen des spĂ€teren Dresdner Zeitraums komponiert Zelenka hier keinen höfischen Glanz, sondern eine lichte Freude, die innerlich bleibt. Die Trompeten leuchten, aber sie glĂ€nzen nicht fĂŒr sich selbst â sie bezeugen. Im Domine Deus treten zwei Solostimmen hervor, Sopran und Alt, und bilden einen feinen Dialog. In dieser Aufnahme unter Adam Viktora geschieht dieser Moment mit besonderer Zartheit: die Stimmen suchen nicht VirtuositĂ€t, sondern NĂ€he. Liebe als musikalischer Zustand ist hier nicht Leidenschaft, sondern Zuwendung. Das Qui tollis setzt einen ernsteren Ton. Die Harmonie verengt sich, der Chor fĂŒhrt den Text in dichter, doch klarer Faktur. Wer genau hinhört, bemerkt, wie Zelenka das Wort âpeccataâ nicht dramatisiert, sondern mit WĂŒrde trĂ€gt â als Last, aber nicht als Klangtheater. Das anschlieĂende Quoniam tu solus Sanctus fĂŒr Tenor und Bass kehrt zur Stimme zurĂŒck, die das Persönliche meint. Tenor und Bass antworten einander wie zwei Zeugen, die bestĂ€tigen, was der Chor zuvor bekannt hat. Daraus fĂŒhrt Zelenka unmittelbar in die Fuge des Cum Sancto Spiritu â hier wird Caritas zur Bewegung. Die Stimmen steigen einander entgegen, als wĂŒrden sie sich gegenseitig Raum schaffen. Keine Stimme drĂ€ngt, keine dominiert â Liebe organisiert sich hier als Polyphonie. Das Credo in unum Deum beginnt mit einer Festigkeit, die an Zelenkas spĂ€tere Monumentalmessen erinnert. Der Chor deklamiert klar, aber nicht hart. Im Et incarnatus est zieht sich die Musik zurĂŒck wie ein Atmen ins Innere. Die drei Solostimmen â Alt, Tenor, Bass â treten nacheinander hervor, nicht als Akteure, sondern als einzelne unmittelbare Bekenntnisse. Das Crucifixus folgt mit einer Ruhe, die nicht schwer, sondern tragend ist. Leid wird hier nicht ausgestellt, sondern angenommen. Im Et resurrexit bricht das Licht durch, aber nicht lĂ€rmend; die Bassstimme fĂŒhrt, als ob sie die Freude von innen entzĂŒndet. Dann erhebt sich der Chor wieder, und mit dem Et in Spiritum Sanctum kehrt Zelenka zur vereinten Klanggestalt zurĂŒck â Liebe als Einigung der Stimmen, nicht als Verschmelzung, sondern als Anerkennung der IndividualitĂ€t im Gemeinsamen. Das Sanctus bringt die vollste Klangöffnung dieser Messe. Die Stimmen stehen weit, die Instrumente tragen wie SĂ€ulen. Kein barockes Spektakel, sondern ein Raum, der getragen wird vom EinverstĂ€ndnis aller Stimmen. Im Benedictus reduziert sich die Messe wieder auf das Persönliche â Sopran und Alt in zĂ€rtlicher Zuwendung, wie ein stiller Blick im Angesicht des Heiligen. Dieses Benedictus wirkt in dieser Interpretation wie ein meditatives Zentrum: es ist nicht Verzierung, sondern der Augenblick der Liebe, der sich in Klang gestattet. Das Osanna ist eine kurze Helle, wie ein lichter Blitz, der nicht blendet, sondern bestĂ€tigt. Danach das Agnus Dei, das Zelenka in zwei Stufen gestaltet: zuerst trĂ€gt der Chor gemeinsam mit Sopran, Alt und Tenor die Bitte um Erbarmen â nicht als Klage, sondern als leise Erwartung, dann in der Wiederholung als Chorsatz, der sich weitet und den Frieden vorbereitet. Das Dona nobis pacem, fugiert und klar gefĂŒhrt, ist kein Siegesgesang. Es ist eine musikalische Einigung, in der jede Stimme noch einmal sagt: Friede ist nicht Zustand, sondern Beziehung. Empfohlene Einspielung Jan Dismas Zelenka â Missa Charitatis, ZWV 10 Ensemble InĂ©gal · Adam Viktora, erschienen auf CD beim Label Nibiru Seitenanfang ZWV 10 Missa Circumcisionis Domini Nostri Jesu Christi, D-Dur (1728) - Messe von der Beschneidung des Herrn, Dresdner Kapellknaben â eine Messe zwischen Licht und Blut, ZWV 11 https://www.youtube.com/watch?v=CPMjCKG0fR8 Zelenkas Missa Circumcisionis steht liturgisch an einem merkwĂŒrdigen Ort: acht Tage nach Weihnachten, an jenem Punkt, an dem das Kind im Stall noch in der zarten Helle der Geburt steht â und doch im Akt der Beschneidung zum ersten Mal Blut vergieĂt, als Vorausnahme des Kreuzes. Diese Messe ist daher keine Fortsetzung der weihnachtlichen Freude, sondern eine stille Wendung in die Ernsthaftigkeit, ein Ăbergang von Geburt zu Opfer, von Licht zu Verantwortung. D-Dur, die Tonart des Festes, klingt hier wie wegen des Himmels in sich hell, aber wegen der Erde nicht triumphierend. Der Klang ist erhoben, doch nie laut; festlich, doch nie sorgenfrei. Im Kyrie entfaltet sich nicht die erwartbare barocke Festgeste, sondern ein bewusst gesammelter Klangraum, in dem der Chor der Dresdner Kapellknaben mit jener Reinheit einsetzt, die nicht kindlich-naiv, sondern liturgisch durchsichtig ist. Die Stimmen steigen in schmalen Linien auf, wie eine erste, zögernde Bitte. Kein dramatisches Bitten, sondern eine sprechende Demut. Das anschlieĂende Christe eleison â in dieser Messe nicht dem Einzelnen als dramatisches Solo, sondern innerhalb der Klangordnung verortet â fĂŒhrt die Bitte weiter und legt sie nicht auf das Individuum, sondern auf den gemeinschaftlichen Atem. Im abschlieĂenden Kyrie zieht Zelenka die Linien zu einer kontrapunktischen Verdichtung, nicht als VirtuosenstĂŒck, sondern als geistiges Ordnen der Stimmen, bevor die Messe sich öffnet. Das Gloria tritt mit einem gefassten Glanz hervor. Die Kapellknaben singen es ohne opernhaften Ăberschwang, klar gefĂŒhrt, fast so, als wĂŒrde man den Jubel kontrollieren, um seine WĂŒrde zu bewahren. âGloria in excelsis Deoâ ist hier kein Ausbruch, sondern liturgische Gewissheit. In Qui tollis peccata mundi, gefĂŒhrt von Sopran und Alt, tritt eine zarte Verwundbarkeit hervor. Die Stimmen legen das âAgnus-Leidenâ nicht mit Schmerz, sondern mit innerer Kenntnis aus. Dies ist nicht Klage, sondern EinverstĂ€ndnis mit einer Last, die getragen werden wird, ehe sie verstanden ist. Das darauffolgende Qui sedes ad dexteram Patris gibt den Chor zurĂŒck in einen geordneten, homophonen Klang, in dem Bittgebet und Ordnung zur Einheit werden. Erst dann öffnen Tenor und Bass in Quoniam tu solus sanctus den Raum fĂŒr persönliche Zeugenschaft. Die Stimmen treten hervor, aber nicht solistisch als BĂŒhne, sondern als Teil einer Hierarchie: der Einzelne spricht im Namen des Ganzen. In der abschlieĂenden Fuge des Cum Sancto Spiritu bĂŒndelt Zelenka alle KrĂ€fte. Doch auch hier geschieht es nicht als Feuerwerk, sondern als geistige Architektur. Jede Stimme hat ihren Platz, keine will herrschen. Das ist Liebe als Ordnung. Im Credo erhebt sich der Chor erneut mit jener schlichten, fast dogmatischen Klarheit, die nicht diskutiert, sondern bekennt. Hier ist kein Affekt, sondern BekrĂ€ftigung. Alles Persönliche tritt zurĂŒck. Doch mit Et incarnatus est, gefĂŒhrt von drei vereinten Stimmen, neigt sich die Musik nach innen. Die Kapellknaben lassen diesen Moment nicht opernhaft ausschwingen, sondern in Reinheit stehen â Menschwerdung im Klang bedeutet nicht WĂ€rme, sondern Wahrheit. Das Crucifixus, in voller SATB-Besetzung, wird bei Zelenka kein dramatisches Pathos, sondern ein gesammeltes Klingen, das den Schmerz nicht zeigt, sondern trĂ€gt. Und erst Et resurrexit, diesmal mit klarer Chorhebung, lĂ€sst das Licht zurĂŒckkehren â nicht mit Explosion, sondern mit Gewissheit. Der Klang hebt sich, aber der Schatten des Blutes bleibt als stilles Wissen zurĂŒck. Das Sanctus bringt die Messe in ihre festlichste Weitung. Die Knabenstimmen leuchten hoch, aber nicht schrill, die Linien stehen gerade, nicht ĂŒppig, und die Instrumente antworten nicht mit Triumph, sondern mit Zustimmung. Das Benedictus, getragen von Sopran und Alt, ist einer jener Zelenka-Momente, in denen die Liebe ihre leise Stimme erhebt. Kein Jubel, keine Verzierung â nur Anspruchslosigkeit als Vollendung. Das Osanna â lebendig, hell, aber ohne frevelnde VirtuositĂ€t â wirkt wie das Echo eines bereits gesprochenen Heilig. Im Agnus Dei tritt der Chor erneut vor, diesmal nicht bittend, sondern wissend. âAgnus Dei, qui tollisâ wird nicht als Schmerz, sondern als Sachverhalt gesungen â Hier ist das Lamm. Es trĂ€gt. Es schweigt. Es genĂŒgt. Ein Tenor-Solo bricht fĂŒr einen Moment hervor â wie ein einzelnes Herz inmitten der Liturgie, bevor der Chor im zweiten Agnus die Stimmen sammelt und in âDona nobis pacemâ ĂŒbergeht. Dieser Schluss ist nicht triumphal, sondern ein ruhiges EinverstĂ€ndnis. Frieden ist hier nicht Jubel, sondern Erkenntnis. So endet die Missa Circumcisionis nicht als Neujahrsjubel, sondern als geistige Sammlung. Von Weihnachten her kommend und der Passion entgegen, steht sie wie ein stilles, ernstes Fest im Kalender der Seele. Empfohlene Einspielung Jan Dismas Zelenka â Missa Circumcisionis Domini Nostri Jesu Christi, ZWV 11 Dresdner Kapellknaben â historische AuffĂŒhrungstradition der Hofkirche Seitenanfang ZWV 11 Missa Divi Xaverii, D-Dur (1729), ZWV 12 Messe des heiligen Franz Xaver â VĂĄclav Luks, Collegium 1704 https://www.youtube.com/watch?v=ueoRcWe2tzo Mit der Missa Divi Xaverii erreicht Jan Dismas Zelenka einen Höhepunkt seiner mittleren Dresdner Schaffenszeit. Sie ist nicht nur eine der prachtvollsten, sondern auch eine der am tiefsten durchdachten Kompositionen, entstanden in jenem Jahr, in dem der Tod Johann David Heinichens (1729) Zelenka kurzzeitig in die Position brachte, die Leitung der Hofkapelle kommissarisch zu ĂŒbernehmen. Diese Messe darf als sein musikalisches Zeugnis in eigener Sache verstanden werden â als ein Werk, das zugleich Bekenntnis, Bewerbung und Gebet ist. Ihre Widmung an den heiligen Franz Xaver, den Jesuitenmissionar und Patron der Gegenreformation, verrĂ€t die innere NĂ€he Zelenkas zum geistigen Erbe des Ordens: eine asketische Frömmigkeit, die sich im Klang entfaltet, aber nie verliert. Die Missa Divi Xaverii ist eine groĂe Festmesse in D-Dur, besetzt mit vier Trompeten, Pauken, Oboen, Flöten, Streichern, Basso continuo, Chor und Solisten. Ihr Glanz ist echt, doch niemals prunkvoll. Was bei Zelenka Ă€uĂerlich triumphiert, bleibt innerlich durchleuchtet von Demut. Der Komponist arbeitet hier mit der gesamten Ausdruckspalette seiner reifen Dresdner Jahre: komplexe Doppelfugen, klare ChorsĂ€tze, empfindsame Arien, kontrapunktische Meisterschaft â alles verbunden durch jene unnachahmliche Mischung aus architektonischer Strenge und innerer Bewegung, die nur er beherrschte. Das Kyrie eröffnet in festlicher D-Dur-Helligkeit, doch ohne vordergrĂŒndige Theatralik. Der Chor setzt nach einem instrumentalen Ritornell ein, das bereits das fugierte Material vorbereitet. Zelenka fĂŒhrt das âKyrie eleisonâ mit einer motivischen Geschlossenheit, die fĂŒr ihn ungewöhnlich frĂŒh zu einer dramatischen Einheit reift. Das anschlieĂende Christe eleison, einer Sopranarie anvertraut, ist von stiller Zartheit. Hier begegnet man nicht der opernhaften Linie italienischer PrĂ€gung, sondern einem fast kontemplativen Tonfall, getragen von gedĂ€mpften Streichern und sanftem Continuo. Es ist die Bitte einer einzelnen Seele, die im Klang der Gnade aufgehoben ist. Das zweite Kyrie fĂŒhrt in eine mĂ€chtige Doppelfuge, in der Zelenka kontrapunktische VirtuositĂ€t mit klanglicher Transparenz verbindet. Die Trompeten treten nicht als militĂ€rische Insignien hervor, sondern als leuchtende SĂ€ulen des Himmels. Der Satz endet in einer feierlichen, aber zurĂŒckgenommenen Glorie. Im Gloria in excelsis Deo entfaltet Zelenka die volle Festlichkeit der Hofkirche. Der Chor singt mit strahlender Klarheit, wĂ€hrend die Trompeten und Flöten antworten. Dennoch bleibt das Klangbild von einer ungewohnten Innerlichkeit. Der Jubel ist nicht triumphierend, sondern aufwĂ€rts gerichtet. Es folgt eine Reihe von kontrastierenden Teilen, in denen Zelenka seine ganze Kunst des Spannungsaufbaus zeigt. Im ersten Domine Deus singt der Chor in blockhafter Homophonie, fast wie eine Prozession; das zweite, kĂŒrzere Domine Deus fĂŒr Tenor gibt der menschlichen Stimme ein intimes, fast nachdenkliches Gesicht. Dann fĂŒhrt das Domine Deus III, ein Duett fĂŒr Sopran und Alt, in die innere Mitte der Messe: zwei Stimmen, die sich in Terzen und Sexten verschrĂ€nken, begleitet von Traversflöten â ein Gleichklang von menschlicher Bitte und göttlichem Atem. Das Qui tollis peccata mundi bringt den Chor in ernste Bewegung. Der Satz, in b-moll angesetzt, hat das Gewicht einer Kreuzigungsszene im Kleinen. Keine Ăbertreibung, kein Schmerzpathos â nur ein leises, strenges Mitleiden. Das anschlieĂende Quoniam tu solus sanctus I, ein Duett fĂŒr Tenor und Bass, wirkt wie ein GegenstĂŒck zur weiblichen Innigkeit des vorhergehenden Duetts: hier wird der Glaube mĂ€nnlich bezeugt, fest und ruhig. Im Qui sedes ad dexteram Patris kehrt der Chor zurĂŒck; die Stimmen fĂŒhren sich in klaren Linien, fast wie ein architektonischer Bau. Das Quoniam tu solus sanctus II beschlieĂt diesen Abschnitt mit breitem, glanzvollem Klang, bevor die Fuge Cum Sancto Spiritu in klassischer D-Dur-Festlichkeit alles zusammenfĂŒhrt. Diese Fuge ist nicht nur kontrapunktisch meisterhaft, sondern theologisch prĂ€zise: Der Geist wird nicht dargestellt, er wird hörbar. Das Sanctus steht in der Mitte des letzten Drittels der Messe und wirkt wie eine Steigerung des Glorias, doch mit mehr Weite. Die Chöre antworten einander, die Trompeten heben den Raum. Zelenka weiĂ, dass Heiligkeit nicht LĂ€rm, sondern Resonanz ist. Im Benedictus fĂŒr Sopran findet man einen der zĂ€rtlichsten Momente seines gesamten Ćuvres: eine zart gefĂŒhrte Melodie ĂŒber leichten Streichern, die wie ein Lichtschleier ĂŒber dem Altar liegt. Diese Musik ist kein Ausdruck, sondern Gebet in Klangform. Das anschlieĂende Hosanna in excelsis, wieder eine Fuge, hat einen der ungewöhnlichsten Kontrapunkte der Barockliteratur: Das Gegenthema besteht aus einem einzigen langen Ton â als ob der Himmel selbst zum Klang geworden wĂ€re, aber ohne Worte. Das Agnus Dei I ĂŒberlĂ€sst Zelenka der Altstimme, begleitet von Traversflöte und Continuo. Es ist kein Klagegesang, sondern eine leise Ăbereinkunft zwischen Bitte und Ergebung. Die Musik bewegt sich kaum, atmet aber unaufhörlich. Im zweiten Agnus Dei kehrt der Chor zurĂŒck und trĂ€gt die Bitte um Frieden in einem homophonen Satz, der sich unmerklich zur Bewegung hin öffnet. Das abschlieĂende Dona nobis pacem, eine Doppelfuge, nimmt das Fugenthema des Kyrie wieder auf â ein Zitat, das zur Selbstvergewisserung wird. Wie Bach einige Jahre spĂ€ter in seiner h-Moll-Messe, verwendet auch Zelenka denselben musikalischen Gedanken fĂŒr den Anfang und das Ende â als Symbol des göttlichen Kreises, der sich schlieĂt, aber nicht endet. Die Missa Divi Xaverii ist ein Werk des Ăbergangs: zwischen Berufung und Anerkennung, zwischen Glanz und Gnade, zwischen kontrapunktischer Strenge und menschlicher Innigkeit. In ihr zeigt sich Zelenka als Komponist, der in der barocken Festlichkeit nie die Kontemplation verliert. Diese Messe ist kein höfisches SchaustĂŒck, sondern ein geistliches Monument. Sie ist nicht geschrieben, um gehört zu werden â sie ist geschrieben, um verstanden zu werden. In ihr atmet der ganze Ernst eines Mannes, der glaubte, dass Musik und Gebet dasselbe sein können. Empfohlene Einspielung: Jan Dismas Zelenka â Missa Divi Xaverii, ZWV 12 Collegium 1704 â VĂĄclav Luks Aufgenommen 2016, Label Accent Seitenanfang ZWV 12 Missa Gratias agimus tibi, D-Dur (1730) - Messe des Dankes, ZWV 13 Mit der Missa Gratias agimus tibi (âWir danken dirâ) schreibt Jan Dismas Zelenka ein Werk, das im Zeichen der Dankbarkeit steht â und zwar nicht der Ă€uĂeren, höfischen, sondern einer geistig-asketischen Dankbarkeit, die aus Demut wĂ€chst. Das Jahr 1730 war fĂŒr ihn ein Wendepunkt: Seine TĂ€tigkeit als Hofkompositeur in Dresden hatte ihn an die Grenzen körperlicher und seelischer Belastung gefĂŒhrt, doch anstatt zu klagen, schrieb Zelenka eine Messe, die den Dank als bewusstes Bekenntnis formuliert. Diese Musik ist keine Huldigung, sondern eine Erkenntnis â sie erkennt das Gute nicht als Geschenk, sondern als Aufgabe. Die Messe steht in D-Dur, jener Tonart, die in Zelenkas Dresdner Messen immer wieder das Leuchten des Sakralen symbolisiert. Doch hier ist das Licht milder, klarer, weniger triumphal als in der Missa Divi Xaverii. Das Werk entfaltet sich in architektonisch klarer Form, doch immer mit jener charakteristischen Spannung zwischen barocker Festlichkeit und innerer Strenge, die Zelenkas Handschrift unverwechselbar macht. https://www.youtube.com/watch?v=vPau2Rz3YgQ Das Kyrie eröffnet mit einer groĂen Fuge, in der die Stimmen sich sofort in Bewegung setzen. Kein aufgesetztes Pathos, sondern ein klares Bekenntnis zum kontrapunktischen Denken. Der Chor entwickelt das Thema mit jener Bewegtheit, die bei Zelenka weniger Disziplin als GlaubensĂŒbung ist. Jede Stimme trĂ€gt, jede antwortet, und das Fugensubjekt wirkt wie ein geordnetes Atmen â ein Dank, der in Bewegung bleibt. Das Gloria in excelsis Deo hebt sich mit heller Energie vom Kyrie ab. Die Instrumente â Trompeten, Oboen, Streicher und Pauken â schaffen ein feierliches, aber transparentes Gewebe. Der Chor singt mit WĂŒrde, nicht mit Ăberschwang. Im anschlieĂenden Laudamus te fĂŒr Alt, Tenor und Bass wird der Dank personalisiert: drei Stimmen, drei Ebenen des Menschen â GefĂŒhl, Verstand und Glaube â treten in einen gleichberechtigten Dialog. Das ist typisch fĂŒr Zelenka: das Triadische, das in der Form ebenso lebt wie im theologischen Sinn. Die Musik bleibt schlicht, und doch schwingt in ihr das ganze Gewicht des Wortes âLaudamusâ. Das Qui tollis peccata mundi fĂŒhrt den Chor zurĂŒck in ernste Klanglichkeit. Zelenka verweigert jede weiche SĂŒĂlichkeit: Die Bitte um Erbarmen bleibt bei ihm eine Form der Klarheit. Der Chor singt nicht um Gnade, sondern aus Einsicht. Danach hebt die Sopranistin im Quoniam tu solus sanctus den Blick wieder an. Hier begegnen wir einem der schönsten Einzelmomente dieser Messe: die Linie der Sopranstimme, weit gespannt, fast wie eine Lichtbahn ĂŒber den ruhenden Harmonien. Kein Ornament, sondern reine Linie, als wĂŒrde die Musik selbst den Himmel öffnen. Im Cum Sancto Spiritu lĂ€sst Zelenka den Chor wieder in Bewegung treten. Die Stimmen greifen ineinander, das Orchester stĂŒtzt. Der Fugensatz ist rhythmisch konzentriert, doch der Klang bleibt durchlĂ€ssig â das Geistige wird nicht in Masse ĂŒbersetzt, sondern in Bewegung. Das kurze Amen am Ende des Glorias ist ein Ausruf, kein Epilog. Die Fuge wirkt wie ein geistiger Funken, der das Bekenntnis besiegelt. Das Credo in unum Deum ist von Anfang an fest, beinahe architektonisch. Zelenka verzichtet auf ĂŒbertriebene Deklamation, der Chor spricht das Glaubensbekenntnis wie in Stein gemeiĂelt. Im Et incarnatus est zieht sich der Klang zurĂŒck â kein Solo, kein Spektakel, sondern die Menschwerdung im leisen Atem des Chors. Das Crucifixus, hier einer Sopranistin anvertraut, ist von tiefer Innigkeit. Zelenka malt kein Leiden, sondern Verwandlung: der Kreuzesmoment ist musikalisch nicht Höhepunkt, sondern Ăbergang. Darauf folgt das Et resurrexit tertia die, das hell und klar hervortritt â keine ekstatische Explosion, sondern das Aufleuchten eines unvergĂ€nglichen Lichts. Das Sanctus entfaltet sich mit jener ruhigen GröĂe, die an die Dresdner Hofkirche erinnert. Die Chorblöcke stehen breit und geordnet, die Pauken antworten maĂvoll, die Harmonik bleibt fest. Das Benedictus, gefĂŒhrt vom Tenor, steht im Kontrast dazu: ein persönliches Gebet, schlicht, unprĂ€tentiös, wie eine Stimme, die fĂŒr sich dankt, ohne Zeugen zu brauchen. Das anschlieĂende Osanna in excelsis kehrt in eine kleine Fuge zurĂŒck, eine Fughetta, die wie ein spielerisches Aufblitzen des Lichts wirkt. Hier feiert Zelenka nicht den Jubel, sondern die Bewegung selbst â das Leben im Klang. Das Agnus Dei besteht aus drei Abschnitten. Der erste wird vom Chor getragen, in ruhiger D-Dur-Klarheit; der zweite, mit zwei Sopran- und zwei Altstimmen, entfaltet sich als inniger Quartettgesang, eine Art gesungene Andacht. SchlieĂlich fĂŒhrt das dritte Agnus Dei den Chor zurĂŒck â und mit ihm die Gewissheit, dass jede Bitte um Erbarmen bereits im Vertrauen erhört ist. Das abschlieĂende Dona nobis pacem, eine breite Fuge mit âAmenâ-Schluss, fasst alles zusammen. Es ist weniger Abschluss als Zustand: der Friede nicht als Ergebnis, sondern als fortdauernde Gegenwart. Die Missa Gratias agimus tibi ist kein triumphaler Lobgesang, sondern eine leise, aber standhafte Theologie der Dankbarkeit. Sie kennt keine TrĂ€nen und keinen Ăberschwang â nur den ruhigen Glanz einer Seele, die verstanden hat, dass Danken auch Wissen ist. Empfohlene Einspielung: Jan Dismas Zelenka â Missa Gratias agimus tibi, ZWV 13 PraĆŸskĂœ filharmonickĂœ sbor · Dirigent LubomĂr MĂĄtl Aufgenommen 1990, Label Supraphon â eine Interpretation von ernster WĂŒrde und klanglicher Klarheit, die Zelenkas tiefe Frömmigkeit ohne SentimentalitĂ€t erfasst. Seitenanfang ZWV 13 Missa Sancti Josephi, D-Dur (um 1731), ZWV 14 Messe des heiligen Josef â eine Feier des stillen Glaubens Die Missa Sancti Josephi gehört zu den ruhigsten und zugleich erhabensten Schöpfungen Zelenkas. Sie entstand um 1731, in einer Phase, in der der Komponist bereits von seiner schweren Krankheit gezeichnet war, aber innerlich die höchste Reife erreicht hatte. Nach den festlich aufgeladenen Messen der vorangegangenen Jahre â Divi Xaverii (ZWV 12) und Gratias agimus tibi (ZWV 13) â scheint Zelenka mit der Missa Sancti Josephi bewusst einen Schritt zurĂŒckzutreten. Statt einer Hofmesse voll Glanz und Pracht komponierte er eine Messe der Sammlung, gewidmet dem heiligen Josef, dem Inbegriff des schweigenden Glaubens und der dienenden Treue. Diese Widmung ist keine leere Geste: Zelenka schreibt hier eine Musik, die den Charakter ihres Patrons spiegelt. Es ist eine Messe ohne jede theatralische Geste, ohne Ăbersteigerung, ohne rhetorischen Anspruch. Sie atmet Gehorsam und Sanftmut, aber nicht in SchwĂ€che, sondern in Gelassenheit. Der Komponist spricht nicht mit der Macht der VirtuositĂ€t, sondern mit der AutoritĂ€t der Einfachheit. https://www.youtube.com/watch?v=ZiLch-d-B00 Das Kyrie eröffnet die Messe in einem sanften, fast kammermusikalischen D-Dur. Die Linien sind klar, die Stimmen ruhig gefĂŒhrt. Der Chor entfaltet das fugierte Thema mit jener leisen Ăberzeugung, die bei Zelenka nicht in StĂ€rke, sondern in Wahrhaftigkeit liegt. Im Christe eleison tritt meist die Sopranstimme hervor â hell, aber nie ornamental, wie eine Stimme, die fĂŒr sich und doch stellvertretend betet. Der zweite Kyrie-Satz fĂŒhrt zurĂŒck zur Gemeinschaft: die Fuge bleibt durchsichtig, die Instrumentierung zurĂŒckgenommen, der Ausdruck konzentriert. Das Gloria zeigt den Unterschied zu Zelenkas frĂŒheren Festmessen deutlich. Kein ĂbermaĂ, kein auftrumpfender Beginn. Die Trompeten leuchten, aber sie dienen der Textur, nicht der Schau. Der Chor singt mit ernster Freude, die Instrumente weben ein feines, ausgewogenes Gewebe. Es ist ein Gloria, das nicht den Glanz des Hofes sucht, sondern den Glanz des Glaubens. Im Laudamus te und Domine Deus treten die Solostimmen hervor â oft Sopran und Tenor â und fĂŒhren eine Zwiesprache, die weniger Dialog als gegenseitiges Zuhören ist. Die harmonische Bewegung bleibt ruhig, von sanften Sequenzen getragen, die eher den Atem einer Meditation als die Logik einer Arie besitzen. Das Qui tollis peccata mundi ist schlicht, getragen, fast wie ein Choral. Kein Pathos, kein Schmerz â nur die ruhige Bitte eines Menschen, der sich bewusst ist, dass Erbarmen nichts anderes ist als das Wiederfinden des MaĂes. Die Fuge des Cum Sancto Spiritu ist von klarer, beinahe klassischer Anlage. Kein barockes Ornament, keine ĂŒberladenen Linien, sondern eine in sich geschlossene, reife Bewegung. Die Stimmen fĂŒhren sich ohne Hast, die Instrumente stĂŒtzen, die Harmonik bleibt hell. Diese Ausgewogenheit ist der wahre Triumph dieser Messe: Zelenka verzichtet auf alles, was beeindrucken könnte, und erreicht dadurch eine Tiefe, die berĂŒhrt, ohne aufzurĂŒtteln. Das Credo eröffnet mit breiter Geste, aber der Chor bleibt diszipliniert. Zelenka komponiert Glauben hier nicht als Dogma, sondern als ruhige Zustimmung. âCredo in unum Deumâ â das ist hier kein Ausruf, sondern eine Gewissheit. Im Et incarnatus est zieht sich der Klang zurĂŒck, das Orchester schweigt fast, und die Stimmen treten wie in einen inneren Raum. Der Satz gehört zu den ergreifendsten Momenten dieser Messe: keine Zier, kein Effekt â nur Musik als kontemplatives Schweigen. Das Crucifixus folgt mit noch gröĂerer Ruhe, die Linien sinken, der Rhythmus verliert Puls â Zelenka malt nicht das Leiden, sondern die Hingabe. Im Et resurrexit steigt das Licht wieder auf, aber nicht in Explosion, sondern in Bewegung: ein Aufsteigen, kein Aufbrechen. Das Sanctus ist der architektonische Höhepunkt der Messe. Der Chor singt in klaren Bögen, das Orchester antwortet mit heller StĂŒtze. âPleni sunt coeliâ â hier wird die himmlische FĂŒlle nicht behauptet, sondern gezeigt. Kein barockes ĂbermaĂ, sondern Raum. Im Benedictus fĂŒhrt Zelenka die Musik auf ihre intimste Ebene. Meist Sopran und Alt, begleitet von den Streichern, entfalten eine Linie von nahezu mozartscher Schlichtheit: das Benedictus als gesungene Stille. Das Osanna antwortet in klarer, fugierter Bewegung, als wĂŒrde die Gemeinde den Segen mit leiser Zustimmung erwidern. Das Agnus Dei schlieĂt die Messe mit einer dreiteiligen Struktur: Chor, Solostimmen, und schlieĂlich die Fuge des Dona nobis pacem. Der erste Abschnitt ist ruhig und getragen, der zweite fĂŒhrt die menschliche Bitte in eine zarte Polyphonie der Stimmen, der dritte bĂŒndelt alles in einer mĂ€chtigen, doch nie lauten Schlussfuge. Der Frieden, um den gebeten wird, ist nicht Sieg, sondern Zustand. Die Missa Sancti Josephi ist Zelenkas stillstes Glaubensbekenntnis. Keine Messe des Glanzes, sondern des Gewissens. Keine Demonstration, sondern Hingabe. In ihr wird die Musik zur Nachahmung des heiligen Josef selbst â schweigend, dienend, stark. Empfohlene Einspielung Jan Dismas Zelenka â Missa Sancti Josephi, ZWV 14 PraĆŸskĂœ filharmonickĂœ sbor · Dirigent LubomĂr MĂĄtl Label Supraphon, frĂŒhe 1990er Jahre â eine Aufnahme von klanglicher Reinheit und kluger ZurĂŒckhaltung, die den kontemplativen Charakter dieser Messe in idealer Balance zwischen Disziplin und Innerlichkeit einfĂ€ngt. Seitenanfang ZWV 14 Missa Eucharistica, D-Dur (1733), ZWV 15 Messe zum Hochfest des Leibes Christi â ein musikalisches Sakrament Mit der Missa Eucharistica schuf Jan Dismas Zelenka im Jahr 1733 eine seiner geistlich konzentriertesten und zugleich architektonisch geschlossensten Messen. Der Titel allein weist auf ihren sakralen Mittelpunkt: die Eucharistie, jenes Geheimnis, in dem das Sichtbare und das Unsichtbare ineinander ĂŒbergehen. Anders als die groĂen Festmessen der 1720er Jahre zielt dieses Werk nicht auf Ă€uĂere Pracht, sondern auf innere VergegenwĂ€rtigung. Sie ist die Messe des Glaubens an die reale Gegenwart Gottes im Klang â nicht ReprĂ€sentation, sondern Verwandlung. Zelenka komponierte sie im Dresdner Kontext eines Hofes, der im katholischen Ritus das Sakrale in barocker Formensprache feierte, zugleich aber immer mehr auf das persönliche Bekenntnis des Glaubenden angewiesen war. In diesem Spannungsfeld bewegt sich die Missa Eucharistica: sie ist Festmusik und Meditation zugleich, erfĂŒllt von Licht, aber im Bewusstsein des Opfers geschrieben. https://www.youtube.com/watch?v=gqyA19p0ZuY Das Kyrie I eröffnet die Messe in leuchtendem D-Dur mit einem breiten Chorsatz, dessen kontrapunktische Dichte nie die Durchhörbarkeit verliert. Die Stimmen bewegen sich in gleichmĂ€Ăigem Puls â kein Flehen, kein Aufschrei, sondern ein stilles, ernstes âHerr, erbarme dichâ. Der Klang hat etwas von architektonischer Festigkeit, als wĂŒrde die Musik den Altar selbst umrahmen. Das Christe eleison, einer Sopranstimme anvertraut, ist die menschliche Antwort auf diesen groĂen Rahmen. Ăber ruhigen Streichern entfaltet sich eine schlichte, kantable Melodie, von einer Innigkeit, die man eher bei Bach als im italienischen Stil erwarten wĂŒrde. Sie ist nicht Verzierung, sondern gelebte Demut. Das zweite Kyrie schlieĂt als Fuge von souverĂ€ner Klarheit: keine virtuose Demonstration, sondern die geistige Ordnung eines betenden Verstandes. Das Gloria in excelsis Deo beginnt mit strahlendem Chor und voller Orchesterbesetzung, doch auch hier herrscht MaĂ. Der Jubel bleibt strukturiert, die Trompeten sind Zeichen, keine Macht. Zelenka lĂ€sst den Chor in rhythmischen Akzenten die Freude formen, nicht ausschĂŒtten. Der Satz ist von jener eigenartigen Helligkeit, die in seinen spĂ€ten Werken zur Regel wird: Glanz ohne Prunk, Energie ohne Eitelkeit. Im Qui tollis peccata mundi zieht sich die Bewegung zurĂŒck. Eine Altstimme tritt hervor und singt â fast unbewegt â ĂŒber weiten Intervallen eine Musik von tiefem Ernst. Hier klingt die Eucharistie als Opfergedanke durch: âDu nimmst hinweg die SĂŒnden der Weltâ wird bei Zelenka keine Klage, sondern eine stille, wissende Anerkenntnis. Der Satz atmet eine WĂŒrde, die an die BuĂpsalmen Lassos erinnert â Distanz und Demut zugleich. Das Qui sedes ad dexteram Patris fĂŒhrt zurĂŒck zum Chor, der das Gesagte bestĂ€tigt. Der Satz bleibt schlicht, fast wie eine Antiphon, doch die Harmonik ist delikat verschoben: Zelenka lĂ€sst die Stimmen um die Tonika kreisen, als suchten sie Halt, bis das Wort âmiserereâ eine unhörbare Schwere bekommt. Das Quoniam tu solus sanctus fĂŒr Tenor und Bass öffnet den Raum wieder. Beide Solisten singen in symmetrisch gefĂŒhrten Phrasen, begleitet von behutsam atmenden Streichern. Ihre Linien begegnen sich, ĂŒberkreuzen sich, lösen sich â Liebe als Bewegung, nicht als Sentenz. Das abschlieĂende Cum Sancto Spiritu ist die kompositorische Krönung der Messe. Zelenka baut hier eine zweifache Fuge, in der sich geistige und musikalische Architektur vollkommen durchdringen. Die Themen sind streng gefĂŒhrt, das Orchester antwortet mit Energie, doch das Ziel ist nicht Triumph, sondern Balance. Die Fuge steigert sich, bis die Stimmen in einer lichten Kadenz zusammentreffen â als wĂŒrde der Atem der vielen zu einem einzigen werden. Das zweite âCum Sancto Spirituâ, das unmittelbar anschlieĂt, dient als Echo und Vollendung: kein Nachsatz, sondern das Verhallen des Göttlichen im Raum. Die Missa Eucharistica ist eine Messe der Konzentration. Sie ist weniger erzĂ€hlerisch als die groĂen VorgĂ€ngerwerke, aber von einer Ruhe, die fast klassisch wirkt. Zelenka hat hier seine Sprache verengt, um sie zu veredeln. Alles ĂberflĂŒssige ist getilgt, alles Notwendige steht in reiner Gestalt. Die musikalische Form entspricht der eucharistischen Handlung selbst: Wandlung durch Reduktion, Gegenwart durch Schweigen. Diese Messe ist kein SchaustĂŒck â sie ist eine geistige Kommunion. In ihr verwandelt sich der Klang in Stille, und die Stille in Glauben. Empfohlene Einspielung Jan Dismas Zelenka â Te Deum & Missa Eucharistica, ZWV 15 Ensemble InĂ©gal · Dirigent Adam Viktora Label Nibiru, erschienen 2024 â eine Aufnahme von erlesener Klarheit, die Zelenkas spĂ€te Klangsprache mit Ernst und klanglicher Reinheit erfasst; sie verbindet intellektuelle PrĂ€zision mit der leisen Glut wahrer Frömmigkeit. Seitenanfang ZWV 15 Missa Purificationis Beatae Virginis Mariae, D-Dur (1733), ZWV 16 Messe zur Darstellung des Herrn â ein Werk zwischen Licht, Gnade und Ordnung Die Missa Purificationis Beatae Virginis Mariae entstand im Jahr 1733, vermutlich fĂŒr das Fest MariĂ€ Reinigung (2. Februar), auch bekannt als Darstellung des Herrn im Tempel. Fest MariĂ€ Reinigung ist eine barocke Bezeichnung. Heute heiĂt das Fest - Darstellung des Herrn (Praesentatio Domini), im Volksmund âMariĂ€ Lichtmessâ genannt. In dieser liturgischen Szene treffen sich zwei Welten â die Reinheit der Jungfrau und das Opferbewusstsein des Kindes, der Anfang und die Vorahnung des Kreuzes. Zelenka hat diesen doppelten Charakter â Freude und Opfer, Licht und Demut â in eine der ausgewogensten Messen seines SpĂ€twerks gefasst. Sie gehört zu jener Reihe von D-Dur-Messen, die zwischen Ă€uĂerem Glanz und innerer Sammlung vermitteln, und zeigt ihn auf dem Höhepunkt seiner kompositorischen Disziplin: eine Messe von strenger Klarheit, weit gespannt, aber ohne jede Ăberladenheit. https://www.youtube.com/watch?v=OY001xMm81w Das Kyrie öffnet sich in der typischen Helligkeit der Dresdner Festmessen, jedoch mit deutlich reduzierter orchestraler Dichte. Trompeten und Pauken gliedern die Architektur, die Streicher bilden den tragenden Boden. Der Chor entwickelt das âKyrie eleisonâ in ruhigen, ausgewogenen Phrasen â nicht als Ausdruck von Not, sondern als geregelte Anrufung. Das anschlieĂende Christe eleison ist von einem fein austarierten Dialog der Solostimmen getragen: eine Bewegung von innen nach auĂen, schwebend zwischen Bitte und Zustimmung. Das zweite Kyrie schlieĂt diesen Abschnitt in kontrapunktischer Strenge ab. Zelenka bleibt hier ganz bei der geistigen Konzentration; keine theatralischen Gesten, sondern ein in sich ruhender Satz, in dem sich Klang und Struktur vollkommen decken. Das Gloria in excelsis Deo ist deutlich stĂ€rker beleuchtet. Der Chor tritt mit rhythmischer Energie ein, das Orchester antwortet mit hellen BlĂ€serfarben. Doch dieser Glanz ist nie forciert: Zelenka bleibt dem Charakter des Festes verpflichtet â Freude, aber ohne Triumph. Nach dem einleitenden Jubel folgt das Gratias agimus tibi, ein Satz von groĂer Gelassenheit, der fast kammermusikalisch gefĂŒhrt ist. Hier klingt Dankbarkeit nicht laut, sondern wahrhaftig. Das Qui tollis peccata mundi, fĂŒr den Chor gesetzt, bildet den ernsten Gegenpol. Die Linien sind eng gefĂŒhrt, die Harmonik verweilt in dunkleren Regionen. Diese Passage, von Zelenka mit besonderer Sorgfalt behandelt, lĂ€sst erkennen, wie stark er die Eucharistie und das Opfer Christi im Zentrum der Liturgie sah. Das darauffolgende Qui sedes bringt die Bewegung zurĂŒck ins Licht. Der Chor bleibt ruhig, doch die Harmonie weitet sich, die Struktur öffnet sich zu den helleren Registern. In den beiden Quoniam tu solus-SĂ€tzen, die er kontrastierend anlegt, lĂ€sst Zelenka zunĂ€chst die Solostimmen hervortreten â zurĂŒckhaltend, aber bestimmt â, bevor der zweite Teil das Thema in den Chor ĂŒberfĂŒhrt. Dieses Verfahren â vom Einzelnen zur Gemeinschaft â ist typisch fĂŒr seinen geistigen Stil und zeigt, dass Glauben bei ihm nie monologisch ist. Das abschlieĂende Cum Sancto Spiritu beschlieĂt das Gloria mit einer Fuge von straffer Konstruktion und idealer Balance. Der Satz entfaltet sich klar, fast klassizistisch, in seiner Logik. Der Abschluss wirkt nicht triumphierend, sondern vollstĂ€ndig â die Ordnung ist wiederhergestellt. Das Credo ist einer der konzentriertesten Abschnitte der Messe. Zelenka behandelt den Text wie eine theologische Formel, die durch musikalische Mittel bewiesen wird. Die Deklamation bleibt ruhig, die Harmonik stabil, die Modulationen sind genau kalkuliert. Im Et incarnatus est zieht sich der Klang zurĂŒck: ein kurzer, stiller Moment, in dem die Musik nahezu zu atmen scheint. Kein Pathos, kein Zögern â die Menschwerdung wird als Tatsache ausgesprochen. Das Sanctus fĂŒhrt von hier aus in die lichte SphĂ€re des Lobes. Die Stimmen treten einander entgegen, die Instrumente tragen, und alles bleibt in feierlicher Proportion. Kein ĂŒbermĂ€Ăiger Effekt, sondern Ruhe im Glanz. Das Benedictus gehört zu den zartesten Momenten der Messe. Zelenka ĂŒbertrĂ€gt es in eine intime Besetzung, in der Solostimmen und Streicher ein klares, fast durchsichtiges Gewebe bilden. Der Ausdruck ist verinnerlicht, aber nicht sentimental: ein kontemplatives Gebet im Klang. Das Hosanna, in lebendiger Fuge, bringt noch einmal Bewegung â eine kurze, prĂ€gnante Steigerung, deren Energie sich jedoch sofort wieder löst. Der Klang trĂ€gt, aber ĂŒberfordert nie den Raum. Das Agnus Dei â in zwei Teilen angelegt â bildet den geistigen Kern des Schlusses. Der erste Abschnitt ist von schlichter, choralartiger FĂŒhrung, der zweite bringt die Solostimmen in eine zarte, ruhige Korrespondenz. Hier erreicht Zelenka eine Tiefe, die aus der SelbstbeschrĂ€nkung erwĂ€chst: nichts will wirken, alles soll wahr sein. Das abschlieĂende Dona nobis pacem nimmt das Thema des Kyrie wieder auf und schlieĂt den Kreis â eine bewusste kompositorische Reminiszenz, die den Frieden nicht als Schluss, sondern als RĂŒckkehr begreift. Die Missa Purificationis Beatae Virginis Mariae ist keine Messe des Ăberschwangs, sondern der Klarheit. In ihr begegnen sich Ratio und Glaube, Komposition und Bekenntnis in vollkommener Deckung. Sie ist ein Beispiel jener spĂ€tbarocken Synthese, die aus Zelenka einen der letzten Vertreter einer geistig fundierten Musiktradition macht. Diese Messe denkt, bevor sie singt, und betet, bevor sie jubelt. In ihrer Balance aus MaĂ und Gnade steht sie wie ein musikalisches Altarbild â hell, ruhig und makellos proportioniert. Empfohlene Einspielung Jan Dismas Zelenka â Missa Purificationis Beatae Virginis Mariae, ZWV 16 Ensemble InĂ©gal unter der Leitung von Adam Viktora, Label Nibiru, Aufnahme 2007 â eine Interpretation von klanglicher PrĂ€zision und sachlicher Schönheit, die Zelenkas geistige Strenge ohne HĂ€rte und seine Festlichkeit ohne Ăbertreibung hörbar macht. Seitenanfang ZWV 16 Missa Sanctissimae Trinitatis, a-Moll (1736), ZWV 17 Messe zur Heiligsten Dreifaltigkeit â Musik als theologisches Denken in Klang Mit der Missa Sanctissimae Trinitatis, entstanden 1736, erreichte Jan Dismas Zelenka (1679â1745) den inneren Höhepunkt seines geistlichen Schaffens. Es ist die erste seiner drei sogenannten SpĂ€tmessen, die alle eine neue stilistische und geistige Dimension eröffnen. Nach Jahren Ă€uĂerer ZurĂŒcksetzung, gesundheitlicher Erschöpfung und stiller Arbeit in Dresden komponierte Zelenka kein reprĂ€sentatives Hofwerk mehr, sondern ein Bekenntniswerk â eine Messe, die die Dreifaltigkeit nicht bloĂ feiert, sondern den Versuch unternimmt, sie kompositorisch zu denken. Die a-Moll-TonalitĂ€t â in Zelenkas Oeuvre selten â ist hier nicht Ausdruck von Schwermut, sondern von Ernst und Konzentration. Sie fasst das Mysterium der göttlichen Dreiheit in einen Klang, der zugleich introvertiert und monumental wirkt. Alles ĂuĂere tritt zurĂŒck, um der Form und dem Glauben Raum zu geben. Die Missa Sanctissimae Trinitatis ist keine höfische Festmesse mehr, sondern ein geistiger Traktat in musikalischer Gestalt. Das Werk ist fĂŒr Chor (SATB), Solistenquartett, Streicher, Oboen, Fagott, Basso continuo und Trompeten besetzt. Die Leitung der hier referierten Einspielung ĂŒbernahm Marek Ć tryncl (* 1974) mit seinem Ensemble Musica Florea, aufgenommen 1994, eine der ersten modernen Einspielungen, die die monumentale Strenge und die meditative Tiefe dieser Messe nachvollziehbar machten. https://www.youtube.com/watch?v=85xinek5doQ Das Kyrie I eröffnet das Werk mit einem Satz von groĂer architektonischer Klarheit. Der Chor singt in weiter, modaler Linie, die Harmonik bleibt gebunden, die Stimmen flechten sich in ein gleichmĂ€Ăiges, ruhiges Fugato. Kein auftrumpfender Beginn, sondern eine Art kontemplativer Einzug. Das Christe eleison, der Altstimme anvertraut, bildet den ersten Kontrast: eine schlichte, fast asketische Arie, deren Melodik sich in einem engen Ambitus bewegt â die Menschwerdung der Bitte im Klang. Zelenka lĂ€sst hier keinen Affekt zu; alles bleibt diszipliniert, fast mönchisch. Im Kyrie II, einer weitgefĂŒhrten Fuge, steigert sich die kontrapunktische Dichte. Der Chor bleibt geschlossen, die ThemenfĂŒhrung exemplarisch klar. Die Fuge endet nicht mit Triumph, sondern mit Beruhigung: die Einheit ist erreicht, aber nicht ausgestellt. Das Gloria in excelsis Deo entfaltet sich mit SATB-Solisten und Chor in wechselnden Ebenen. Zelenka kontrastiert homophone Jubelblöcke mit engmaschigem Fugengewebe. Die Musik ist hell, doch nicht strahlend â das Gloria klingt wie reflektiertes Licht. Das Qui tollis peccata mundi, eine dichte Fuge im Chor, fĂŒhrt in eine andere Klangwelt: die Schuld der Welt ist hier nicht dramatisch, sondern schwer und ruhig getragen. Kein Schmerzgestus, sondern das Bewusstsein einer RealitĂ€t. Das Quoniam tu solus, einer Sopranstimme anvertraut, wirkt wie eine zarte Entlastung â eine Linie in reiner TonalitĂ€t, frei von Kontrapunkt, als lieĂe Zelenka fĂŒr einen Moment den dogmatischen Diskurs verstummen. Danach entfalten die beiden Cum Sancto Spiritu-SĂ€tze den kontrapunktischen Höhepunkt des Glorias: zuerst ein rhythmisch pulsierender Chorsatz, dann eine groĂ angelegte Doppelfuge, in der Zelenka polyphone Bewegung und homophone Klarheit auf meisterhafte Weise verschrĂ€nkt. Diese Fuge ist keine Demonstration, sondern ein musikalisches Symbol: Bewegung im Geist als Form der Einheit. Das Credo wird nicht als ErzĂ€hlung behandelt, sondern als architektonische SĂ€ule der Messe. Der Chor beginnt mit voller Klangbreite, die Solisten treten in klaren Proportionen hervor. Zelenka baut das Glaubensbekenntnis wie eine Kathedrale, Stein fĂŒr Stein aus Stimmen. Im Et incarnatus est zieht sich die Musik zurĂŒck; die Linien brechen in kleine Gesten, die Harmonik wird chromatischer. Der Satz wirkt wie ein Einatmen des Geheimnisses. Danach erhebt sich das Et resurrexit, bei Zelenka oft ein Moment der kontrollierten Freude. Der Tenor fĂŒhrt, der Chor antwortet, und der Satz entwickelt eine rhythmische Strahlkraft, die dennoch nie ins Weltliche kippt. Im Et unam sanctam Ecclesiam, an Sopran, Alt und Tenor ĂŒbergeben, tritt die Dreifaltigkeit im Menschlichen hervor: drei Stimmen, die sich nicht verschmelzen, sondern einander tragen. Das Et vitam venturi saeculi, eine groĂe abschlieĂende Fuge, bringt das Credo zum theologischen Endpunkt. Ihre Bewegung ist kreisförmig, geschlossen â Zelenka schreibt hier nicht Ende, sondern Ewigkeit. Das Sanctus gehört zu den erhabensten Momenten des Werks. Der Chor steht breit und ruhig, die Instrumente antworten in getragenem Puls. Keine Explosion, sondern Weite: Heiligkeit als Raum, nicht als Moment. Das Benedictus, der Sopranstimme anvertraut, ist von einer berĂŒhrenden Schlichtheit. Es trĂ€gt jene Gelassenheit, die das ĂberflĂŒssige abgelegt hat. Das Osanna, in lebendiger Fuge, kehrt das Prinzip der Bewegung wieder um: kein festlicher Ausbruch, sondern das rhythmische Echo des Sanctus â der Kreis schlieĂt sich. Das Agnus Dei I, fĂŒr Tenor und Bass, fĂŒhrt in die letzte Zone der Messe. Hier spricht Zelenka nicht mehr von der Welt, sondern von der Seele. Die Stimmen bewegen sich in parallelen Linien, die sich sanft berĂŒhren. Das zweite Agnus Dei, ohne Soli, setzt den Chor als meditativen Resonanzkörper ein. Dann mĂŒndet das Werk in das Dona nobis pacem, eine groĂ angelegte Fuge, die das Kyrie-Thema des Beginns in erweiterter Gestalt wieder aufnimmt. Das ist kein Zufall, sondern Symbol: Der Kreis des Glaubens schlieĂt sich, der Anfang kehrt als Erkenntnis zurĂŒck. Frieden ist bei Zelenka nicht der Abschluss, sondern die Vollendung. Die Missa Sanctissimae Trinitatis ist eine Messe der reifen Theologie und reinen Kunst. Sie steht an der Schwelle zur Klassik, ohne ihre barocke Tiefenstruktur zu verlieren. Alles in ihr ist durchdacht, nichts ist Ă€uĂerlich. Zelenka verzichtet auf reprĂ€sentative Klangfarben und findet zur asketischen GröĂe. Diese Musik ist nicht geschrieben, um zu gefallen, sondern um zu bestehen. Sie ist Zelenkas theologische Summe, seine musikalische Dreifaltigkeit in Tönen. Eine Messe nicht der Pracht, sondern der Wahrheit â komponiert von einem, der glaubte, dass Denken selbst ein Gebet sein kann. Empfohlene Einspielung Jan Dismas Zelenka â Missa Sanctissimae Trinitatis, ZWV 17 Musica Florea · Dirigent Marek Ć tryncl (* 1974) Aufgenommen 1994, Label Studio MatouĆĄ (Tschechien) â eine historisch informierte AuffĂŒhrung von groĂer stilistischer Strenge und klanglicher Klarheit. Ć tryncl und sein Ensemble fangen die asketische GröĂe dieser Messe in idealer Balance zwischen barocker Geistigkeit und moderner PrĂ€zision ein. Seitenanfang ZWV 17 Missa Votiva, e-Moll (1739), ZWV 18 Eine Messe des GelĂŒbdes und der geistigen Dankbarkeit Mit der Missa Votiva, entstanden 1739, schuf Jan Dismas Zelenka (1679â1745) eine der erhabensten, zugleich persönlichsten Messen des 18. Jahrhunderts. Sie ist das Werk eines gereiften Komponisten, der nach Jahrzehnten des Dienstes, der Krankheit und inneren PrĂŒfungen zu sich selbst gefunden hatte. Der lateinische Titel Missa Votiva verweist auf das GelĂŒbde (votum), das Zelenka nach schwerer Erkrankung ablegte: Er wollte dem Himmel ein musikalisches Zeichen des Dankes hinterlassen. Das Ergebnis ist kein ReprĂ€sentationswerk fĂŒr den Dresdner Hof, sondern eine Messe des Herzens, eine geistige Selbstvergewisserung in Tönen. Das Werk steht in e-Moll, einer Tonart, die in der Barockzeit hĂ€ufig mit Demut und seelischer Tiefe assoziiert wurde. Zelenka formt daraus eine monumentale, knapp einstĂŒndige Komposition von strenger Architektur und zugleich mystischer Innigkeit. Besetzt ist sie fĂŒr Chor (SATB), Solisten, Streichorchester, Oboen, Fagott, Trompeten, Pauken und Basso continuo â eine Klangpalette, die zwischen asketischer Durchsichtigkeit und festlichem Glanz oszilliert. https://www.youtube.com/watch?v=ephoNJcmu38 Das Kyrie I eröffnet mit ernstem, tief atmendem Fugato, in dem die Stimmen sich organisch verweben, ohne den kontemplativen Charakter zu verlieren. Kein Auftrumpfen, sondern gedankliche Konzentration. Im Christe eleison tritt die Sopranstimme hervor: eine zarte, fast intime Bitte um Erbarmen, deren Linien von stiller Dankbarkeit durchzogen sind. Das Kyrie II greift die Anfangsfuge wieder auf, jedoch mit gröĂerer Bewegung; Zelenka verleiht der Musik einen Zug nach innen. Das anschlieĂende Kyrie III schlieĂt den ersten Teil mit einer machtvollen, aber nicht triumphalen Chorentwicklung: ein symmetrischer Rahmen, in dem das Gebet zu einer geistigen Architektur wird. Das Gloria bringt die erste Ăffnung des Klangraums. Die Trompeten klingen hell, doch nie vordergrĂŒndig; Zelenka vermeidet alles Prunkhafte. Das Gratias agimus tibi, als ChorstĂŒck gesetzt, bildet den inneren Kern der Danksagung: kein Festjubel, sondern meditatives Erkennen des Geschehenen. Im Qui tollis peccata mundi (Sopran) wendet sich die Musik nach innen; die Linien sind schlicht, die Harmonik gebrochen, als wĂ€ge Zelenka das Leid der Welt. Das Qui sedes ad dexteram Patris fĂŒhrt den Chor wieder in ruhige Polyphonie zurĂŒck, ehe das Quoniam tu solus Sanctus (Bass) in feierlicher WĂŒrde das Gloria beschlieĂt. Danach folgen die beiden Cum Sancto Spiritu-Abschnitte: ZunĂ€chst ein flieĂender Chorsatz mit klarer rhythmischer Energie, dann eine groĂ dimensionierte Doppelfuge, in der Zelenka kontrapunktische Strenge und geistige Leuchtkraft zu höchster Synthese fĂŒhrt. Das Credo stellt das theologische Zentrum der Messe dar. Es beginnt mit einem massiven Chorblock, der das Glaubensbekenntnis als gemeinschaftliche Proklamation begreift. Im Et incarnatus est (Alt) verlangsamt sich der Puls: Die Musik wird transparent, fast körperlos, als wolle sie das Mysterium der Menschwerdung nicht beschreiben, sondern umkreisen. Das Crucifixus, als Fuge angelegt, ist ein Beispiel höchster barocker Logik: Leid und Ordnung fallen zusammen, die Kreuzigung erscheint als göttliche Struktur. Im Et resurrexit kehrt das Licht zurĂŒck â keine aufgesetzte Freude, sondern helles, erlösendes Aufatmen. Das abschlieĂende Et vitam venturi saeculi entfaltet eine letzte groĂe Fuge, deren kreisende Bewegung Ewigkeit symbolisiert; Musik als endloser Atem. Das Sanctus fĂŒhrt in eine SphĂ€re gelĂ€uterter GröĂe. Der Chor steht weit, getragen, die Instrumente antworten mit langsamen Wellen. Kein strahlendes âHeiligâ, sondern die Erfahrung von Raum und Unendlichkeit. Im Benedictus (Sopran) wendet sich der Blick wieder ins Innere: ein von Sanftmut durchzogener Satz, der sich ĂŒber einem leichten Ostinato entfaltet. Das Osanna in excelsis, in freier Fuge gesetzt, lĂ€sst den Klang sich nochmals öffnen â das Gebet wird zur Bewegung des Geistes. Im Agnus Dei verdichtet Zelenka alle Themen und Gesten zu einem letzten, schlichten Chor. Die Stimmen stehen ruhig nebeneinander, die Harmonik bleibt lange in Moll, bevor sie sich â kaum merklich â ins Dur löst. Es ist der Augenblick des Friedens, nicht als Triumph, sondern als Erkenntnis. Das abschlieĂende Dona nobis pacem, wiederum als Fuge gestaltet, nimmt das Anfangsthema des Kyrie auf und schlieĂt so den Kreis. Der Weg von der Bitte zum Frieden, von der Krankheit zur Genesung, von der Angst zur Dankbarkeit â alles wird hier musikalisch vollzogen. Die Missa Votiva ist Zelenkas geistliches SelbstportrĂ€t. Sie vereint die Strenge des Theologen mit der Empfindsamkeit des GlĂ€ubigen, die Klarheit des Architekten mit der Glut des Beters. Keine andere Komposition des Dresdner Hofkomponisten trĂ€gt so deutlich das Siegel seiner Persönlichkeit: kĂ€mpferisch, demĂŒtig, und von tiefem innerem Licht erfĂŒllt. Empfohlene Aufnahme Jan Dismas Zelenka â Missa Votiva, ZWV 18 Collegium 1704, Dirigent VĂĄclav Luks (* 1970) Live-Mitschnitt vom 7. Oktober 2007, SvatovĂĄclavskĂœ hudebnĂ festival, Opava â Kirche St. Wenzel. Eine AuffĂŒhrung von bemerkenswerter Klarheit und geistiger IntensitĂ€t: Luks und das Collegium 1704 lassen Zelenkas Messe als klingendes Gebet entstehen â tief durchdacht, ruhig atmend, mit jener leuchtenden WĂŒrde, die diese Musik zu einer der bedeutendsten geistlichen Schöpfungen des 18. Jahrhunderts macht. Seitenanfang ZWV 18 Missa Dei Patris, C-Dur (1740), ZWV 19 Die Messe des Gottes Vaters â Zelenkas theologische und kompositorische Krönung Die Missa Dei Patris ist die erste der drei sogenannten Trias Messen, die Jan Dismas Zelenka zwischen 1740 und 1741 komponierte. Diese Werke â Missa Dei Patris, Missa Dei Filii und Missa Omnium Sanctorum â bilden den Höhepunkt und Abschluss seines geistlichen Schaffens. Sie sind keine höfischen Auftragswerke mehr, sondern das VermĂ€chtnis eines tief religiösen KĂŒnstlers, der in der Stille Dresdens seine innere Wahrheit in Tönen formulierte. Die Missa Dei Patris ist der feierlichste und zugleich architektonisch ausgewogenste Teil dieser Trilogie â ein Werk von strenger Theologie, reifer Kontrapunktik und erleuchteter Klangrede. Das Werk entstand 1740, in einem Moment, da Zelenka zwar geachtet, aber nie offiziell zum Kapellmeister ernannt wurde. Statt Bitterkeit spricht aus dieser Musik jedoch Demut und Gewissheit. Zelenka komponiert hier keinen reprĂ€sentativen Festakt, sondern einen geistigen Kosmos: eine Messe, in der das VerhĂ€ltnis zwischen Gottvater und Mensch musikalisch durchdacht wird. Die Tonart C-Dur, Symbol fĂŒr Licht, Klarheit und göttliche Ordnung, dient ihm als Basis eines polyphonen Tempels. Die Messe ist groĂ besetzt: Chor (SATB), Solistenquartett, Streicher, Oboen, Fagott, Trompeten, Pauken und Basso continuo. Sie verlangt nach jener kultivierten und doch durchsichtigen Klangsprache, die in der AuffĂŒhrung der WrocĆawska Orkiestra Barokowa unter der Leitung von JarosĆaw Thiel (* 1973) in eindrucksvoller Weise wieder lebendig wird. https://www.youtube.com/watch?v=_ajL20J2Al8 Das Kyrie I eröffnet das Werk mit einer weit gefassten Fuge von auĂergewöhnlicher Ruhe und architektonischer GröĂe. Die Stimmen treten nacheinander ein, der Satz entfaltet sich symmetrisch und klar â der Vater als Ursprung aller Ordnung. Das Christe eleison, einer Solostimme anvertraut, bildet einen innigen Gegenpol: ein stiller Zwischenraum des Menschlichen, weich modelliert und von inniger Demut getragen. Im Kyrie II zieht Zelenka alle KrĂ€fte des Chores zusammen. Der Fugensatz gewinnt an Dichte und Energie, ohne seine Kontemplation zu verlieren â das âErbarme dichâ wird zur Struktur des Glaubens selbst. Das Gloria in excelsis Deo stellt eine klangliche Entfaltung göttlicher Herrlichkeit dar. Die Trompeten leuchten, die Pauken rahmen den Chor, doch alles bleibt kontrolliert und innerlich. Im Domine Deus und Domine Fili wird der Jubel durch vokale Soli gemildert: Sopran und Alt weben eine Linie von Leuchtkraft und ZĂ€rtlichkeit, begleitet von feinen BlĂ€serfiguren. Das Qui sedes kehrt zum Chor zurĂŒck und entfaltet eine dichte kontrapunktische Textur â der Sohn, der zur Rechten des Vaters sitzt, erscheint hier nicht in Pracht, sondern in reiner musikalischer Vernunft. Das Quoniam tu solus sanctus und das abschlieĂende Cum Sancto Spiritu vereinen erneut alle KrĂ€fte. Die letzte Fuge des Gloria ist eine von Zelenkas vollkommensten Schöpfungen: ruhig, harmonisch kristallin, von einem inneren Licht getragen, das in keiner seiner frĂŒheren Messen so rein leuchtet. Das Credo wird in dieser Messe zu einem geistigen Bauwerk. Zelenka behandelt den Text wie ein architektonisches Fundament. Der Chor beginnt einstimmig, fast dogmatisch, und wĂ€chst dann in ein vollstimmiges Fugato hinein. Das Et incarnatus est, von feinem Orchestersatz umrahmt, sinkt in den Raum des Geheimnisses â kaum Bewegung, reine Stille in Klangform. Das Crucifixus steht in groĂer Fuge: Schmerz wird hier nicht expressiv, sondern notwendig, eine Konsequenz der göttlichen Ordnung. Danach bricht das Et resurrexit in triumphalem, aber kontrolliertem Glanz hervor; Trompeten und Pauken malen den Aufstieg, ohne ins Weltliche zu fallen. Das Et vitam venturi saeculi, in weiter Fuge gesetzt, bringt das Credo zum Abschluss: Ewigkeit als kontrapunktische Bewegung. Das Sanctus ist von strahlender Ruhe. Der Chor entfaltet sich breit und symmetrisch, die BlĂ€ser setzen Akzente des Lichts. âPleni sunt coeli et terra gloria tuaâ wird hier nicht ausgerufen, sondern ausgesungen â als Erkenntnis, nicht als Ausbruch. Das Benedictus, einer Solostimme anvertraut, ist von zarter Innigkeit, bevor das Osanna in excelsis, als lebendige Fuge gestaltet, die Weite des Sanctus wieder aufnimmt. Im Agnus Dei I verweben sich Tenor und Bass in einem dialogischen Gebet. Es ist Musik des Friedens, aber nicht des Endes â sie bleibt in Bewegung. Das Agnus Dei II fĂŒhrt den Chor in eine letzte, gelassene Bitte, bevor das Dona nobis pacem das Werk beschlieĂt. Hier kehrt Zelenka zum Thema des Kyrie zurĂŒck und vollendet den Kreis: Friede ist keine Lösung, sondern ErfĂŒllung. Die Missa Dei Patris ist Zelenkas Summe der Ordnung und des Lichts. Sie verbindet die kĂŒhle Architektur des Glaubens mit menschlicher Innigkeit. Alles in ihr ist durchdacht, doch nichts ist berechnet. Sie ist die Musik eines Gelehrten, der glaubt â und eines GlĂ€ubigen, der denkt. Empfohlene Einspielung Jan Dismas Zelenka â Missa Dei Patris, ZWV 19 ThĂŒringischer Akademischer Singkreis · Virtuosi Saxoniae unter der Leitung von Ludwig GĂŒttler (* 1943) Aufgenommen 1990, Label Eterna / Edel Germany GmbH â eine stilistisch kluge und transparent musizierte Interpretation, die die kontrapunktische Klarheit des Werks herausstellt. GĂŒttler und seine Musiker entfalten Zelenkas Musik ohne jede Effekthascherei: klar im Satz, ruhig in der Dynamik, tief im Ausdruck. Seitenanfang ZWV 19 Missa Dei Filii, C-Dur (um 1740), ZWV 20 Die Messe des Gottessohnes â Zelenkas Bekenntnis zur Menschwerdung des Göttlichen Die Missa Dei Filii bildet den zweiten Teil der sogenannten Trias Messen von Jan Dismas Zelenka (1679â1745), jener Trilogie geistlicher GroĂformen, die zwischen 1740 und 1741 entstanden ist und den Gipfel seines kompositorischen Schaffens markiert. WĂ€hrend die Missa Dei Patris das Bild des ordnenden, schöpferischen Vaters gestaltet und die spĂ€tere Missa Omnium Sanctorum das himmlische Jerusalem imaginiert, wendet sich Zelenka in der Missa Dei Filii dem zentralen Mysterium der christlichen Theologie zu: der Menschwerdung des Gottessohnes. Dieses Werk ist keine prunkvolle Hofmesse, sondern eine Meditation ĂŒber Inkarnation und Erlösung. Alles ĂuĂere ist reduziert, die Struktur klar und verdichtet, der Ausdruck von einem tiefen, innerlich leuchtenden Ernst. Zelenka komponierte hier fĂŒr sich selbst, in der Stille seines Dresdner Studierzimmers, ohne Auftrag, ohne Aussicht auf AuffĂŒhrung. Entstanden ist eine Messe von makelloser Logik, in der jede Note einer geistigen Notwendigkeit folgt. Die Messe steht in C-Dur, jener âhimmlischenâ Tonart, die Zelenka bereits in der Missa Dei Patris gewĂ€hlt hatte, diesmal aber mit noch gröĂerer Transparenz und LichtdurchlĂ€ssigkeit behandelt. Der Klang ist lichter, weniger majestĂ€tisch, die Polyphonie noch konzentrierter. Der Komponist verzichtet auf ein vollstĂ€ndiges Ordinarium: erhalten sind nur Kyrie und Gloria, die er zu einer geschlossenen theologischen Einheit formt. Das Werk ist besetzt fĂŒr Chor (SATB), Solistenquartett, Streicher, Oboen, Fagott, Trompeten, Pauken und Basso continuo. Es fordert eine durchsichtige, denkende Interpretation â eine QualitĂ€t, die in den Darbietungen des Freiburger Barockorchesters und des Collegium Vocale Gent unter Marcus Creed (* 1951) exemplarisch verwirklicht wurde. https://www.youtube.com/watch?v=yiCTzSF7CR4 Das Kyrie I eröffnet die Messe mit einem kraftvollen, doch gelassenen Fugato. Zelenka fĂŒhrt das Thema mit fast mathematischer PrĂ€zision; die Stimmen treten einzeln ein, bis der gesamte Chor zu einer lebenden Struktur verschmilzt. Diese Musik verkörpert das Prinzip der göttlichen Ordnung â der Sohn als Vermittler zwischen himmlischer Idee und irdischer RealitĂ€t. Das Christe eleison, der Sopranstimme anvertraut, bildet den zarten Gegenpol: eine intime Arie von schwebender Schönheit, begleitet von sanft atmenden Streichern. Sie symbolisiert die Menschwerdung, den Moment, in dem das Göttliche Gestalt annimmt. Das Kyrie II kehrt zur Fugenstruktur zurĂŒck, doch in hellerem Licht: das Bittgebet hat sich in Erkenntnis verwandelt. Das Gloria entfaltet sich aus einem hellen, rhythmisch klaren Chorsatz. Die Stimmen treten in konzertierender Bewegung aufeinander zu, die BlĂ€ser antworten in Lichtfiguren. Nichts ist laut, nichts ĂŒberladen; Zelenka gestaltet den Jubel als geistige Klarheit. Das anschlieĂende Qui tollis peccata mundi, einem Solotrio aus Sopran, Tenor und Bass anvertraut, ist von groĂer Ausdruckskraft. Hier steht nicht das Leiden im Vordergrund, sondern die schmerzliche WĂŒrde des Ertragens. Die Linien sind weit gespannt, die Harmonik reich, aber nie sentimental. Das Qui sedes ad dexteram Patris, wieder fĂŒr Chor, entfaltet sich als breit angelegte, ruhige Fuge. Der Sohn, der zur Rechten des Vaters sitzt, erscheint nicht als Sieger, sondern als Mittler. Das Quoniam tu solus Sanctus bildet einen doppelten Höhepunkt. Im ersten Teil fĂŒhrt der Chor die Textzeile als majestĂ€tischen Klangblock, in weit ausgreifenden Bögen, getragen von festlichem Orchester. Der zweite Teil, Quoniam II, ist einer Alt-Arie anvertraut â ruhig, fast kammermusikalisch, ein stilles Nachdenken ĂŒber die Heiligkeit. Sie steht im Gegensatz zur monumentalen Architektur des vorigen Satzes und öffnet den Raum zu einer inneren Perspektive: Heiligkeit als Sanftmut, nicht als Macht. Das abschlieĂende Cum Sancto Spiritu, wiederum zweiteilig, bringt die Messe zu einem grandiosen Abschluss. Der erste Teil steht als Ăbergang, eine ruhig atmende Deklamation, wĂ€hrend der zweite Teil als Doppelfuge gestaltet ist â eine der konzentriertesten in Zelenkas SpĂ€twerk. Hier verschmelzen alle KrĂ€fte: die Kunst des Kontrapunkts, die Klarheit der Form, die emotionale Ruhe des Glaubens. Der Satz endet nicht mit Pracht, sondern mit vollendeter Geschlossenheit: eine Theologie in Klang. Die Missa Dei Filii ist die abstrakteste und zugleich reinste unter Zelenkas SpĂ€tmessen. Sie verzichtet auf Ă€uĂeren Glanz und wendet sich nach innen. Alles in ihr ist durchgeistigt, jedes Detail verweist auf eine höhere Ordnung. Sie ist das Werk eines Mannes, der alles Wissen und alle Demut in Musik verwandelt hat â das Bekenntnis eines Komponisten, der Gott nicht beschreibt, sondern den Gedanken an Gott vertont. Die Messe des Gottessohnes ist Zelenkas leuchtendstes Zeugnis innerer Klarheit. Sie ist keine Bitte mehr, kein Kampf â sie ist Frieden im Denken, Licht im Klang, Theologie in Musik. Empfohlene Aufnahme Jan Dismas Zelenka â Missa Dei Filii / Litaniae Lauretanae Kammerchor Stuttgart · Dirigent Frieder Bernius (geboren 1947) Aufgenommen 1990, Label BMG Entertainment â Tracks 1â10. Bernius und sein Ensemble verbinden analytische PrĂ€zision mit spiritueller Weite; das Klangbild bleibt transparent, die Fugen atmen, die Linien leuchten. Diese Einspielung veranschaulicht Zelenkas letzte Reifephase â Musik als stille Erkenntnis, unprĂ€tentiös, tief und vollkommen ausgewogen. Seitenanfang ZWV 20 Missa Omnium Sanctorum, a-Moll (1741), ZWV 21 Die Messe Aller Heiligen â Zelenkas VermĂ€chtnis und geistige Vollendung Die Missa Omnium Sanctorum, vollendet 1741, ist das letzte vollendete Werk von Jan Dismas Zelenka (1679â1745) und der Schlusspunkt seines Lebenswerks. Nach der Missa Dei Patris und der Missa Dei Filii bildet sie den dritten Teil der sogenannten Trias Messen, die den inneren und theologischen Höhepunkt seines Schaffens darstellen. Wenn die Missa Dei Patris den Schöpfer, und die Missa Dei Filii den Erlöser feiert, so ist die Missa Omnium Sanctorum eine Huldigung an die Gemeinschaft der Heiligen â an jene, die im himmlischen Jerusalem mit Gott vereint sind. Sie ist Zelenkas musikalisches Testament: ernst, gelĂ€utert, klar und in sich geschlossen. Die Messe steht in a-Moll, einer Tonart, die bei Zelenka stets mit Demut, Askese und geistiger Klarheit verbunden ist. Sie ist in ihrer Anlage kompakter als ihre VorgĂ€ngerinnen, aber von noch gröĂerer innerer Konzentration. Der Glanz frĂŒherer Hofmessen ist verschwunden; ĂŒbrig bleibt reine Substanz. In der Missa Omnium Sanctorum komponiert Zelenka keine Festmusik mehr, sondern eine Summe seines Glaubens und seines Wissens. Die Linien sind karger, die Harmonik verschattet, die Kontrapunktik von beinahe scholastischer Strenge. Das Werk ist besetzt fĂŒr Chor (SATB), Solistenquartett, Streicher, zwei Oboen, Fagott, Trompeten, Pauken und Basso continuo â dieselbe Besetzung wie in den beiden vorangegangenen Trias-Messen, jedoch mit sparsamerer klanglicher Verwendung. Der Charakter ist ernster, kontemplativer. Das Orchester begleitet, kommentiert, erhellt â niemals dominiert. https://www.youtube.com/watch?v=RZNYtML_Zrg Das Kyrie elĂ©ison eröffnet die Messe mit einem weit gespannten Fugato. Die Stimmen treten in strenger Ordnung ein, der Satz bleibt geschlossen, ohne rhetorische Geste. Dieses Kyrie ist kein Flehen, sondern ein meditativer Prozess: das göttliche Erbarmen erscheint hier als Struktur, nicht als Affekt. Das Christe elĂ©ison, einem Tenor anvertraut, wirkt wie eine menschliche Antwort auf das strenge Eingangsgebet â schlicht, von zarter LinienfĂŒhrung, ohne Opernpathos, beinahe klösterlich. Im Kyrie II kehrt der Chor zurĂŒck und verdichtet die Bewegung zu einer zweiten Fuge, die noch konzentrierter, noch sparsamer klingt. So entsteht ein symmetrischer Dreiklang, der die TrinitĂ€t im Aufbau selbst abbildet. Das Gloria in excelsis Deo bringt eine erste Aufhellung des Klangraums. Chor und Solisten (Sopran, Alt, Tenor, Bass) wechseln in konzertierender Bewegung, doch der Jubel bleibt von Reflexion durchzogen. Zelenkas Gloria ist nicht triumphal, sondern erkennend: das Licht, das aus der Tiefe kommt. Das Qui tollis peccata mundi, der Sopranstimme anvertraut, ist einer der innigsten SĂ€tze der Messe. Es trĂ€gt jenen stillen Schmerz, der nicht nach Erlösung ruft, sondern sie bereits kennt. Der Satz bleibt schlicht, die Harmonik weit geöffnet â reines Vertrauen in Töne gesetzt. Das Quoniam tu solus Sanctus I, fĂŒr Chor, und das zweite Quoniam tu solus Sanctus II, fĂŒr Alt-Solo, sind wie zwei Spiegelbilder: der erste Teil kraftvoll und geordnet, der zweite innerlich und gelöst. Zusammen formen sie eine theologische Dialektik: die MajestĂ€t und die Demut des Göttlichen. Das Cum Sancto Spiritu erscheint in zwei Abschnitten. Der erste Teil entfaltet sich in ruhig pulsierender Bewegung, fast ein Ăbergang; der zweite Teil, eine Fuge von gröĂter Dichte und logischer Strenge, schlieĂt das Gloria mit einem kunstvollen architektonischen Satz. Zelenka, der SchĂŒler Fuxâ, beherrscht hier die kontrapunktische Disziplin vollkommen â doch sein Ziel ist kein Beweis, sondern Glauben in Bewegung. Das Credo wird zu einer Synthese aus Dogma und Emotion. Chor und Solisten tragen den Text gleichwertig, der Klang bleibt durchsichtig. Das Et incarnatus est zeichnet den Moment der Menschwerdung in stiller Zartheit, der Satz scheint den Atem anzuhalten. Das Crucifixus wĂ€hlt die Form der Fuge: Leid als Ordnung, nicht als Aufruhr. Danach das Et resurrexit, hell, fast gelöst, und schlieĂlich das Et vitam venturi saeculi, das in kreisender Bewegung endet â kein Schluss, sondern Fortdauer. Das Sanctus ist von erhabener Ruhe. Der Chor schichtet seine Stimmen in weitem Raum, das Orchester antwortet in leichten Phrasen. âPleni sunt coeliâ ist hier kein Jubelruf, sondern eine Beschreibung des Ewigen: die FĂŒlle des Himmels als GleichmaĂ. Das Benedictus, ein Duett fĂŒr Sopran und Alt, bietet eine letzte menschliche Geste â zart, kontemplativ, beinahe auĂerweltlich. Im Osanna in excelsis kehrt der Chor noch einmal zurĂŒck: hell, klar, aber ohne Ă€uĂeren Glanz. Das Agnus Dei, zwischen Chor und Bass-Solo geteilt, ist das Herz der Messe. Die Stimme des Basses trĂ€gt das Gebet mit ernster Ruhe; der Chor antwortet wie eine liturgische Gemeinde, die sich dem Ganzen fĂŒgt. Das abschlieĂende Dona nobis pacem steht als Fuge â ruhig, transparent, von unerbittlicher Logik. Hier endet Zelenka nicht mit Pathos, sondern mit Klarheit. Der Friede, um den gebeten wird, ist bereits gefunden â er liegt in der Musik selbst. Die Missa Omnium Sanctorum ist Zelenkas musikalisches VermĂ€chtnis. Sie ist kein Werk des Triumphs, sondern der Vollendung. In ihr wird der Glaube zu Form, der Kontrapunkt zu Gebet, und die Stille zwischen den Stimmen zu Offenbarung. Es ist Musik, die nicht mehr bittet, sondern weiĂ. Empfohlene Aufnahme: Jan Dismas Zelenka â Missa Omnium Sanctorum, ZWV 21 Collegium 1704 unter der Leitung von VĂĄclav Luks (* 1970) Live aufgenommen am 25. August 2012 im Rahmen des Festival Oude Muziek Utrecht. Eine AuffĂŒhrung von auĂergewöhnlicher Geschlossenheit und innerer Klarheit â Luks und sein Ensemble lassen Zelenkas letztes geistliches Werk in stiller GröĂe erstrahlen: keine Effekte, keine Ăberhöhung, sondern reine Konzentration, feine Balance und spirituelle Tiefe. Alternativ auf CD empfehlenswert: Ensemble InĂ©gal unter der Leitung von Adam Viktora (* 1973), Label Nibiru, 2016 â stilistisch sauber, klar konturiert, mit jener gelassenen Ernsthaftigkeit, die Zelenkas spĂ€ten Stil so einzigartig macht. Seitenanfang ZWV 21 Requiem in c-Moll (zugeschrieben, um 1763), ZWV 45 Ein Werk im Schatten der Zweifel â Zelenka, Nachwirkung und Zuschreibung Das sogenannte Requiem in c-Moll (ZWV 45) steht in einer besonderen und zugleich heiklen Stellung innerhalb des Werkverzeichnisses von Jan Dismas Zelenka. Es wurde erst in den 1980er Jahren in Prag wiederentdeckt, in einem Manuskript, das auf 1763 datiert ist â also beinahe zwei Jahrzehnte nach Zelenkas Tod. Seitdem wird dieses Werk traditionell seinem Namen zugeordnet, doch die Autorschaft bleibt ungesichert. Keine zeitgenössische Quelle, kein Dresdner Archivdokument und keine ErwĂ€hnung in Zelenkas eigenhĂ€ndigen Werkverzeichnissen deuten auf ein Requiem dieser Tonart hin. Es handelt sich vermutlich um eine Abschrift oder Bearbeitung eines unbekannten Komponisten, der Zelenkas Stil kannte und sich davon tief inspirieren lieĂ. Gleichwohl ist das Werk musikalisch von hoher QualitĂ€t und verdient Beachtung als eines der ergreifendsten Beispiele spĂ€tbarocker Totenliturgie aus böhmischem Umfeld. Das Manuskript, das in der Tschechischen Nationalbibliothek (Prag) auftauchte, trĂ€gt keine eindeutige Autorsignatur, wurde aber zunĂ€chst Zelenka zugeschrieben, weil es in Struktur, Satztechnik und harmonischer Sprache deutliche Parallelen zu seinen authentischen SpĂ€twerken zeigt. Besonders die kontrapunktische Arbeit, die polyphone Anlage des Kyrie und die modale Schattierung des Dies irae erinnern an die Handschrift des Dresdner Meisters. Doch der Stil wirkt geglĂ€tteter, die Rhetorik weniger scharf, die harmonische KĂŒhnheit abgeschwĂ€cht. Dies lĂ€sst vermuten, dass der unbekannte Autor Zelenkas Idiom nachahmte oder eine Ă€ltere Vorlage bearbeitete. https://www.youtube.com/watch?v=DoueMUEi4Xo Das Requiem aeternam eröffnet das Werk mit einem feierlich schreitenden, in dunklen Harmonien atmenden Chor. Die Struktur ist einfach, die Emotion ernst, doch ohne die charakteristische Dichte Zelenkas. Das anschlieĂende Te decet hymnus, in hellerer Bewegung, bringt ein Wechselspiel zwischen Chor und Solisten, das an Dresdner Trauermusiken der 1740er Jahre erinnert. Eine kurze Reprise des Requiem aeternam fĂŒhrt in das Kyrie eleison, dessen dreiteiliger Aufbau (Kyrie â Christe â Kyrie) von bemerkenswerter Klarheit und symmetrischer Balance geprĂ€gt ist. Die LinienfĂŒhrung ist flieĂend, fast klassizistisch; die Fugen sind prĂ€zise, aber nicht von jener eruptiven Energie, die Zelenka sonst auszeichnet. Besonderes Gewicht liegt auf der Sequentia âDies iraeâ, die hier ungewöhnlich ruhig beginnt â kein dramatisches Weltgericht, sondern eine von leiser BedrĂ€ngnis erfĂŒllte Meditation ĂŒber das Ende. Im Abschnitt Quantus tremor est futurus arbeitet der Chor mit pochenden Rhythmen, die das Erzittern der Schöpfung andeuten. Das Tuba mirum bringt Trompeten- und PaukeneinsĂ€tze, doch in kontrolliertem Rahmen; alles bleibt dem liturgischen Ernst verpflichtet. Mors stupebit und Liber scriptus fĂŒhren die kontrapunktische Kunst fort, jedoch in glatterer Faktur â polyphon, aber ohne die kĂŒhnen dissonanten Wendungen, wie man sie aus Zelenkas gesicherten SpĂ€twerken (etwa der Missa Omnium Sanctorum) kennt. Das Lacrymosa gehört zu den eindrucksvollsten Momenten der Messe. Die Musik flieĂt in trĂ€nenreicher Ruhe, die Harmonik öffnet sich weit, die Stimmen verweben sich in sanftem Chromatismus. Hier zeigt sich der Geist jener tiefen EmotionalitĂ€t, die Zelenkas Name so oft begleitet â mag sie auch von einem SchĂŒler oder Bewunderer stammen. Das Sanctus steht in hellerem C-Dur, eine ĂŒberraschende Aufhellung nach der Dunkelheit des Dies irae. Die Musik entfaltet sich feierlich, von mĂ€Ăigem Tempo, mit typischer spĂ€tbarocker Klarheit. Das Benedictus, wahrscheinlich fĂŒr Solostimmen und obligates Continuo gesetzt, steht in schlichter Schönheit, wĂ€hrend das Osanna in einem klaren Fugato wieder den Chor vereint. Im Agnus Dei kehrt der Ton der Sammlung zurĂŒck: ein Satz von eindringlicher Ruhe, getragen von gleichmĂ€Ăiger Bewegung. Das abschlieĂende Lux aeterna leuchtet in gedĂ€mpftem C-Dur â ein musikalisches Sinnbild der Erlösung. SchlieĂlich beschlieĂt das Cum sanctis tuis das Werk in ruhiger Fuge, deren Klarheit den inneren Frieden symbolisiert, den diese Musik vermitteln will. Ob authentisch oder nicht â das Requiem in c-Moll ist ein wĂŒrdiges Denkmal spĂ€tbarocker Frömmigkeit. Es verbindet Dresdner Tiefsinn mit böhmischer Innigkeit, formale Strenge mit menschlicher WĂ€rme. Selbst wenn die Feder nicht Zelenkas eigene war, spricht aus jeder Zeile ein Bewusstsein fĂŒr seine Sprache: die Ăberzeugung, dass der Tod nicht Ende, sondern Erkenntnis ist. Empfohlene Aufnahme: Jan Dismas Zelenka (zugeschrieben) â Requiem in c-Moll, ZWV 45 Berne Chamber Orchestra und Berne Chamber Chorus unter der Leitung von Jörg Ewald DĂ€hler (* 1949), Label Claves Records, 1985 â eine Interpretation von erlesener Ausgewogenheit und klanglicher Noblesse. DĂ€hler und sein Ensemble betonen die feine LinienfĂŒhrung und den kontemplativen Charakter des Werkes. Ohne auf Ă€uĂere Effekte zu setzen, entfalten sie ein stilles, konzentriertes Klangbild, das der geistigen AtmosphĂ€re dieser rĂ€tselhaften Komposition vollkommen entspricht. Seitenanfang ZWV 45 Requiem in D-Dur (1733), ZWV 46 Requiem fĂŒr KurfĂŒrst Friedrich August I. â Musik zwischen Hofritus und metaphysischem Gebet Das Requiem in D-Dur, ZWV 46, entstand 1733 anlĂ€sslich des Todes des sĂ€chsischen KurfĂŒrsten und polnischen Königs Friedrich August I. (1670â1733), besser bekannt als August der Starke. Der Tod Friedrich Augusts I. von Sachsen ereignete sich am 1. Februar 1733 in Warschau, wo der Monarch als König von Polen (August II.) residierte. Sein Leichnam wurde mit allen Ehren nach Dresden ĂŒberfĂŒhrt und am 16. Februar 1733 in der Hofkirche feierlich zur letzten Ruhe gebettet. FĂŒr Jan Dismas Zelenka (1679â1745), der zu jener Zeit als Vizekapellmeister an der katholischen Hofkirche in Dresden wirkte, bedeutete diese Komposition eine doppelte Aufgabe: Sie war einerseits offizielle Hofmusik fĂŒr das StaatsbegrĂ€bnis, andererseits ein zutiefst persönliches musikalisches Requiem, in dem sich politische Pflicht und individuelle Frömmigkeit auf höchstem Niveau vereinen. Zelenka schrieb das Werk in einer Zeit groĂer UmbrĂŒche: Mit dem Tod Augusts des Starken endete eine Epoche höfischer Glorie, und die Dresdner Kapelle stand vor einer ungewissen Zukunft. Johann David Heinichen war bereits tot, Zelenka leitete de facto den gesamten liturgischen Musikbetrieb â ohne den Rang, der ihm zustand. Dieses Requiem ist deshalb nicht nur Totenfeier, sondern auch eine klingende Meditation ĂŒber Macht und VergĂ€nglichkeit. Das Werk steht in D-Dur, jener Tonart des Zeremoniellen und des Glanzes, die Zelenka hier in ein tiefes, wĂŒrdiges Leuchten verwandelt. Die Besetzung ist prĂ€chtig: Chor (SATB), Solistenquartett, Streicher, Oboen, Fagott, Trompeten, Pauken und Basso continuo. Doch trotz der festlichen Mittel bleibt der Ausdruck getragen, ernst und von stiller GröĂe. https://www.youtube.com/watch?v=5STIgxJYBHs Das Requiem aeternam eröffnet mit feierlich schreitender Harmonik, der Chor in breiten, ruhigen Linien, das Orchester in gedĂ€mpftem Licht. Kein Pathos, sondern königliche WĂŒrde. Das anschlieĂende Kyrie fĂŒhrt zu einem polyphonen Satz, der das ganze Werk auf eine klare Grundlage stellt: Zelenkas kontrapunktische Meisterschaft wird hier zur musikalischen Symbolsprache des Glaubens. Die Sequenz âDies iraeâ bildet den emotionalen Kern des Werkes. Anders als spĂ€tere romantische Vertonungen meidet Zelenka jede Ă€uĂerliche Dramatik. Das Dies irae beginnt ruhig, beinahe wie ein Prozessionsgesang, dessen innere Bewegung von der GravitĂ€t des Textes getragen wird. Im Tuba mirum antworten die Trompeten mit gedĂ€mpfter Pracht, kein erschĂŒtterndes Gericht, sondern eine VerkĂŒndigung von göttlicher Ordnung. Das Mors stupebit kontrastiert homophone und imitatorische Abschnitte, wĂ€hrend das Liber scriptus durch seine strenge Fugenstruktur beeindruckt: Hier offenbart sich Zelenkas tiefe Verbindung zwischen kontrapunktischer Disziplin und metaphysischem Denken. Das Rex tremendae majestatis hebt den Ton an, die Trompeten treten hervor, die Harmonik weitet sich. Doch der Ausdruck bleibt ernst, ohne heroische Geste. Es ist Musik fĂŒr einen Monarchen â und zugleich fĂŒr den Menschen hinter der Krone. Das darauffolgende Recordare Jesu pie, in feiner Dreistimmigkeit gesetzt, wirkt wie ein stilles Zentrum: bittend, schlicht, von ĂŒberirdischer Ruhe. Das Lacrimosa gehört zu den ergreifendsten Momenten der Messe â getragen, fast schwebend, ein musikalisches Abbild des sanften Weinens der Menschheit vor dem Tod. Das Domine Jesu Christe, ein lĂ€ngerer Abschnitt des Offertoriums, ist kontrapunktisch reich, aber harmonisch ruhig; kein flehender Ton, sondern eine klare Glaubensbeteuerung. Danach fĂŒhrt das Sanctus in das helle D-Dur zurĂŒck: Trompeten und Pauken ertönen, doch die Stimmung bleibt transfiguriert. Das Benedictus, in solistischer Anlage, entfaltet zarte Linien ĂŒber ruhigem Continuo, bevor das Agnus Dei und das abschlieĂende Lux aeterna den Blick nach innen wenden. In diesem letzten Satz erreicht Zelenka jene vergeistigte Ruhe, die zum Kennzeichen seines SpĂ€twerks wurde â Licht, das aus der Tiefe kommt. Das Requiem in D-Dur ist kein Trauergesang, sondern eine VerklĂ€rung. Es steht an der Schwelle zwischen höfischer Pracht und metaphysischer Stille, zwischen sichtbarer Macht und unsichtbarer Ordnung. Zelenka komponiert hier keine Musik des Todes, sondern ein klingendes Abbild des Ăbergangs â vom Glanz der Erde zum Licht des Himmels. Empfohlene Einspielung Jan Dismas Zelenka â Requiem in D-Dur, ZWV 46 Ensemble Baroque unter der Leitung von Roman VĂĄlek (* 1963) mit Magdalena KoĆŸenĂĄ (* 1973), aufgenommen 1994, Label SUPRAPHON a.s. (1995). Diese Aufnahme besticht durch ihre klangliche Reinheit und klare stilistische Linie. VĂĄlek legt Zelenkas Musik nicht als monumentales Staatsritual aus, sondern als stilles Gebet von königlicher WĂŒrde. Das Ensemble musiziert mit historischer Genauigkeit und leuchtender Balance zwischen Architektur und Empfindung â und KoĆŸenĂĄs Sopran verleiht der Musik jene menschliche WĂ€rme, die zwischen Diesseits und Ewigkeit vermittelt. Seitenanfang ZWV 46 Officium Defunctorum, ZWV 47 Collegium Vocale 1704, VĂĄclav Luks, Label Accent, 2011 Mit dem Officium Defunctorum betritt Jan Dismas Zelenka die tiefste Schicht seines religiösen Empfindens. 1733, im Jahr des Todes von KurfĂŒrst August dem Starken, hatte er bereits ein groĂes Requiem komponiert; doch hier, vermutlich um 1735â1737 entstanden, wendet er sich der nĂ€chtlichen Totenliturgie â den Matutinen â zu. In dieser Form wird das Gedenken an die Verstorbenen in drei âNocturnaâ gegliedert, bestehend aus Lesungen aus dem Buch Hiob und den dazwischen eingefĂŒgten Responsorien. Zelenka erweist sich in diesem Werk nicht als feierlicher Hofkomponist, sondern als Kontemplativer, der das Geheimnis des Todes in einen zutiefst persönlichen musikalischen Ausdruck verwandelt. https://www.youtube.com/watch?v=kGjnqmfUpMQ Das Werk beginnt mit dem Invitatorium Regem cui omnia vivunt, einem feierlich-schlichten Chorsatz, der das Thema des Lebens inmitten des Todes ankĂŒndigt. Die drei Nocturna entfalten danach ein gewaltiges geistliches Drama: Jede Lesung (Lectio) vertont in rezitativischer Schlichtheit den alttestamentlichen Text, wĂ€hrend die anschlieĂenden Responsorien Zelenkas expressive Kraft entfesseln â sie sind die emotionalen HerzstĂŒcke des Offiziums. Im ersten Nocturnus dominiert der Ton klagender Bitte: Parce mihi, Domine, âVerschone mich, o Herrâ, erklingt in tiefer Demut. Die Responsorien greifen diese Haltung auf, besonders im ergreifenden Credo quod Redemptor meus vivit, in dem Zelenka die Hoffnung auf die Auferstehung in schwebenden harmonischen Wendungen und Chromatik von seltener Innigkeit ausdrĂŒckt. Der dritte Responsorium-Satz Domine quando veneris steigert die Spannung: ein Aufschrei des Gewissens vor dem göttlichen Gericht, in dramatischen Dissonanzen gefasst. Der zweite Nocturnus zeigt eine andere Dimension: Die Musik wird meditativer, fast entrĂŒckt. Responde mihi und Homo natus de muliere sind Beispiele fĂŒr Zelenkas FĂ€higkeit, Text und Affekt in ein fein abgestuftes, gleichsam âsprechendesâ Klanggewebe zu verwandeln. Das Responsorium Ne recordaris peccata mea bildet den stillen Mittelpunkt des gesamten Zyklus â die flehentliche Bitte um Vergessen der Schuld wird in einen fast erstarrten, choralartigen Klang gebettet, der wie auĂerhalb der Zeit steht. Im dritten Nocturnus tritt schlieĂlich eine tröstliche Klarheit hervor. In Spiritus meus attenuabitur scheint Zelenka bereits den Ăbergang vom Diesseits zum Ewigen zu schildern; das finale Libera me, Domine entfaltet eine machtvolle doppelte Fuge, in der die Schrecken des JĂŒngsten Gerichts in strahlendes Licht ĂŒbergehen. Der Komponist lĂ€sst das Werk nicht in Finsternis enden, sondern in der Gewissheit der Erlösung â ein musikalisches Glaubensbekenntnis, das zugleich seine eigene Todesahnung spĂŒren lĂ€sst. Das Officium Defunctorum ist ein Werk von groĂer spiritueller Tiefe und kompositorischer Strenge, durchzogen von Chromatik, expressiven Dissonanzen und jener kĂŒhnen Harmonik, die Zelenka unter seinen Zeitgenossen einzigartig macht. VĂĄclav Luks und das Collegium Vocale 1704 haben 2011 mit ihrer Aufnahme eine Auslegung vorgelegt, die diesen inneren Ernst spĂŒrbar werden lĂ€sst: Die Musik klingt nicht als Andacht vergangener Zeiten, sondern als unmittelbares Zeugnis menschlicher VergĂ€nglichkeit und Hoffnung. Lateinische Texte und deutsche Ăbersetzungen (Texte der Matutin fĂŒr Verstorbene) Invitatorium Antiphona Regem cui omnia vivunt, venite, adoremus. Den König, dem alle Lebenden gehören, kommt, lasst uns anbeten. Psalmus 94 (Vulgata, Venite exsultemus) Venite, exsultemus Domino, jubilemus Deo salutari nostro. Kommt, lasst uns dem Herrn frohlocken, jauchzen dem Gott, der uns rettet. Praeoccupemus faciem ejus in confessione, et in psalmis jubilemus ei. Lasst uns ihm mit Lobgesang begegnen und ihm Psalmen singen. Quoniam Deus magnus Dominus, et rex magnus super omnes deos. Denn ein groĂer Gott ist der Herr, ein groĂer König ĂŒber alle Götter. (Psalm endet mit Gloria Patri) Antiphona repetitur Regem cui omnia vivunt, venite, adoremus. Den König, dem alle Lebenden gehören, kommt, lasst uns anbeten. Nocturnus I Lectio I (Hiob 7, 16â21) Parce mihi, Domine, nihil enim sunt dies mei: quid est homo, quia magnificas eum? aut quid apponis erga eum cor tuum? Visitas eum diluculo, et subito probas illum. Usquequo non parcis mihi, nec dimittis me, ut glutiam salivam meam? Peccavi: quid faciam tibi, o custos hominum? quare posuisti me contrarium tibi, et factus sum mihimet ipsi gravis? Cur non tollis peccatum meum, et quare non aufers iniquitatem meam? ecce nunc in pulvere dormiam: et si mane me quaesieris, non subsistam. Ăbersetzung Verschone mich, o Herr, denn nichts sind meine Tage! Was ist der Mensch, dass du ihn so hoch achtest und dein Herz auf ihn richtest? Du suchst ihn jeden Morgen heim, prĂŒfst ihn sogleich. Wie lange willst du mir nicht Ruhe lassen und mir nicht einmal die Zeit gönnen, meinen Atem zu schöpfen? Ich habe gesĂŒndigt â was kann ich dir tun, o WĂ€chter der Menschen? Warum hast du mich dir selbst zum Feind gesetzt und mich mir selbst zur Last gemacht? Warum nimmst du meine SĂŒnde nicht hinweg und tilgst meine Schuld? Siehe, bald werde ich im Staub ruhen, und wenn du mich suchst, werde ich nicht mehr sein. Responsorium I Credo quod Redemptor meus vivit, et in novissimo die de terra surrecturus sum. Et in carne mea videbo Deum salvatorem meum, quem visurus sum ego ipse, et non alius: et oculi mei conspecturi sunt. ⣠(= Vers - Antwortzeile) Et in novissimo die de terra surrecturus sum. Ăbersetzung Ich glaube, dass mein Erlöser lebt, und am letzten Tag werde ich von der Erde auferstehen. In meinem Fleisch werde ich Gott, meinen Retter, sehen, den ich selbst schauen werde, und kein anderer; meine Augen werden ihn erblicken. Lectio II (Hiob 10, 1â7) Taedet animam meam vitae meae; dimittam adversum me eloquium meum, loquar in amaritudine animae meae. Dicam Deo: Noli me condemnare: indica mihi cur me ita judices. Numquid bonum tibi videtur, si calumnieris me et opprimas me, opus manuum tuarum, et consilium impiorum adjuves? Numquid oculi carnei tibi sunt? aut sicut videt homo, et tu videbis? Suntne sicut dies hominis dies tui, et anni tui sicut humana sunt tempora, ut quaeras iniquitatem meam et peccatum meum scruteris, scias tamen quia nihil impium fecerim, cum sit nemo qui de manu tua possit eruere? Ăbersetzung Meine Seele ist des Lebens mĂŒde. Ich will reden gegen mich selbst und in der Bitterkeit meiner Seele sprechen. Ich will zu Gott sagen: Verdamme mich nicht, zeige mir, warum du mich so richtest. GefĂ€llt es dir, mich zu bedrĂ€ngen, das Werk deiner HĂ€nde zu vernichten und den Rat der Gottlosen zu fördern? Hast du fleischliche Augen? Siehst du, wie ein Mensch sieht? Sind deine Tage wie die Tage des Menschen, deine Jahre wie seine Zeit, dass du meine Schuld suchst, obwohl du weiĂt, dass ich nichts Böses getan habe und niemand mich deiner Hand entreiĂen kann? Responsorium II Qui Lazarum resuscitasti a monumento foetidum, tu eis, Domine, dona requiem, et locum indulgentiae. ⣠Requiem aeternam dona eis, Domine, et lux perpetua luceat eis. Tu, der du den stinkenden Lazarus aus dem Grabe erwecktest, schenke ihnen, o Herr, Ruhe und einen Ort des Erbarmens. ⣠Ewige Ruhe gib ihnen, o Herr, und das ewige Licht leuchte ihnen. Lectio III (Hiob 10, 8â12) Manus tuae fecerunt me, et plasmaverunt me totum in circuitu: et sic repente praecipitas me? Memento, quaeso, quod sicut lutum feceris me, et in pulverem reduces me. Nonne sicut lac mulsisti me, et sicut caseum me coagulasti? Pelle et carnibus vestisti me: ossibus et nervis compegisti me. Vitam et misericordiam tribuisti mihi, et visitatio tua custodivit spiritum meum. Ăbersetzung Deine HĂ€nde haben mich gebildet und gestaltet ringsum â und nun willst du mich vernichten? Gedenke doch, dass du mich aus Erde gemacht hast und mich wieder zu Staub zurĂŒckfĂŒhren wirst. Du hast mich geformt wie Milch, wie KĂ€se gerinnen lassen; mit Haut und Fleisch hast du mich bekleidet, mit Knochen und Sehnen zusammengefĂŒgt. Leben und Gnade gabst du mir, und deine Sorge erhielt meinen Geist. Responsorium III Domine, quando veneris judicare terram, ubi me abscondam a vultu irae tuae? Quia peccavi nimis in vita mea. ⣠Tremens timore timeo, dum discussio venerit atque ventura ira. Herr, wenn du kommst, die Erde zu richten, wo soll ich mich verbergen vor dem Antlitz deines Zorns? Denn ich habe zu sehr gesĂŒndigt in meinem Leben. ⣠Zitternd vor Furcht Ă€ngstige ich mich, wenn das Gericht kommt und der Zorn sich naht. Nocturnus II Lectio IV (Hiob 13, 22â28) Responde mihi: quantas habeo iniquitates et peccata? delicta mea et peccata mea ostende mihi. Cur faciem tuam abscondis, et arbitrari me inimicum tuum? Contra folium quod vento rapitur ostendis potentiam tuam, et stipulam siccam persequeris? Scribis enim contra me amaritudines, et consumere me vis peccatis adolescentiae meae. Posuisti in nervo pedem meum, et observasti omnes semitas meas, et vestigia pedum meorum considerasti. Qui quasi putredo consumar, et quasi vestimentum quod comeditur a tinea. Ăbersetzung Antworte mir: Wie viele sind meine Missetaten und SĂŒnden? Zeige mir mein Unrecht und meine Schuld! Warum verbirgst du dein Angesicht und hĂ€ltst mich fĂŒr deinen Feind? Gegen ein Blatt, das der Wind treibt, zeigst du deine Macht, und die trockene Spreu verfolgst du. Du schreibst bittere Anklagen gegen mich und willst mich die SĂŒnden meiner Jugend bĂŒĂen lassen. Du legst meinen FuĂ in Fesseln, achtest auf all meine Wege und beobachtest meine Schritte. Ich vergehe wie Moder, wie ein Kleid, das die Motte frisst. Responsorium IV Memento mei, Domine, dum veneris in regnum tuum. ⣠Et ne condemnes me cum impiis, cum aeternum infernum damnabis. Gedenke meiner, Herr, wenn du in dein Reich kommst. ⣠Und verdamme mich nicht mit den Gottlosen, wenn du den ewigen Abgrund richtest. Lectio V (Hiob 14, 1â6) Homo natus de muliere, brevi vivens tempore, repletur multis miseriis. Qui quasi flos egreditur et conteritur, et fugit velut umbra, et numquam in eodem statu permanet. Et dignum ducis super hujuscemodi aperire oculos tuos, et adducere eum tecum in judicium? Quis potest facere mundum de immundo conceptum semine? nonne tu qui solus es? Breves dies hominis sunt; numerus mensium ejus apud te est; statue terminos ejus quos praeterire non potest. Recede ab eo paulisper, ut quiescat, donec optata veniat dies sicut mercenarii. Ăbersetzung Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt nur kurze Zeit und ist voll Unruhe. Wie eine Blume sprieĂt er auf und verwelkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. Und du richtest deine Augen auf ein solches Wesen und ziehst es vor dein Gericht? Wer kann Reines aus Unreinem schaffen? Ist es nicht allein deine Macht? Die Tage des Menschen sind gezĂ€hlt, die Zahl seiner Monate ist bei dir bestimmt; du hast ihm eine Grenze gesetzt, die er nicht ĂŒberschreiten kann. Wende dich ab, damit er Ruhe findet, bis sein Tag kommt wie der eines Tagelöhners. Responsorium V Hei mihi, Domine, quia peccavi nimis in vita mea. Quid faciam miser, ubi fugiam, nisi ad te, Deus meus? ⣠Miserere mei, dum veneris in novissimo die. Wehe mir, Herr, ich habe in meinem Leben zu sehr gesĂŒndigt. Was soll ich tun, Elender, wohin fliehen, wenn nicht zu dir, mein Gott? ⣠Erbarme dich meiner, wenn du kommst am letzten Tag. Lectio VI (Hiob 14, 13â17) Quis mihi hoc tribuat ut protegas me in inferno, et abscondas me donec pertranseat furor tuus? Statues mihi terminum et recordaberis mei. Putasne mortuus homo rursum vivat? Cunctis diebus quibus nunc milito, expectabo donec veniat immutatio mea. Vocabis me, et ego respondebo tibi; operi manuum tuarum porriges dexteram. Tu autem gressus meos dinumerasti; et non custodisti peccata mea. Signasti quasi in sacculo delicta mea, sed curasti iniquitatem meam. Ăbersetzung Ach, wer gĂ€be mir, dass du mich im Totenreich birgst, mich verbirgst, bis dein Zorn vorĂŒbergeht! Du wĂŒrdest mir eine Frist setzen und meiner gedenken. Wird ein Mensch, der tot ist, wieder leben? In all den Tagen meines Dienstes will ich warten, bis meine Wandlung kommt. Du wirst rufen, und ich werde dir antworten; du wirst deine Hand dem Werk deiner HĂ€nde entgegenstrecken. Meine Schritte hast du gezĂ€hlt, doch meine SĂŒnden nicht bewahrt â du hast meine Schuld getilgt. Responsorium VI Ne recordaris peccata mea, Domine, dum veneris judicare mundum. ⣠Et noli condemnare me cum impiis. Gedenke nicht meiner SĂŒnden, Herr, wenn du kommst, die Welt zu richten. ⣠Und verdamme mich nicht mit den Gottlosen. Nocturnus III Lectio VII (Hiob 17, 1â3) Spiritus meus attenuabitur, dies mei breviabuntur, et solum mihi superest sepulchrum. Non peccavi, et in amaritudinibus oculus meus. Pone me, Domine, juxta te, et cuiusvis manus pugnet contra me. Ăbersetzung Mein Geist schwindet, meine Tage werden verkĂŒrzt, mir bleibt nur das Grab. Ich habe nicht gesĂŒndigt, und doch weint mein Auge in Bitterkeit. Stelle mich, Herr, neben dich, und wer will dann noch gegen mich kĂ€mpfen? Responsorium VII Peccantem me quotidie et non poenitentem, timor mortis conturbat me. Quia in inferno nulla est redemptio, miserere mei, Deus, et salva me. ⣠Deus, in nomine tuo salvum me fac, et in virtute tua libera me. Da ich tĂ€glich sĂŒndige und keine Reue zeige, erschĂŒttert mich die Furcht vor dem Tode. Denn in der Unterwelt gibt es keine Erlösung; erbarme dich meiner, Gott, und rette mich. ⣠Gott, rette mich in deinem Namen, und befreie mich durch deine Macht. Lectio VIII (Hiob 19, 25â27) Pelli meae, consumptis carnibus, adhuc restat haec spes: quod videbo Deum meum. Quem visurus sum ego ipse, et oculi mei conspecturi sunt, et non alius: reposita est haec spes in sinu meo. Ăbersetzung Nachdem meine Haut zerfressen und mein Fleisch verzehrt ist, bleibt mir dennoch diese Hoffnung: dass ich meinen Gott schauen werde â ich selbst, und kein anderer, werden ihn mit meinen Augen sehen; diese Hoffnung ruht in meinem Innersten. Responsorium VIII Domine, secundum actum meum noli me judicare; nihil dignum in conspectu tuo egi. ⣠Ideo deprecor majestatem tuam, ut tu Deus deleas iniquitatem meam. Herr, richte mich nicht nach meinen Taten; nichts WĂŒrdiges habe ich getan vor dir. ⣠Darum flehe ich zu deiner MajestĂ€t: du, o Gott, lösche meine Schuld aus. Lectio IX (Hiob 10, 18â22) Quare de vulva eduxisti me? quis det ut quasi non perrexerim? ex utero eductus, continuo perierim? Quasi non fuerim, translatus de ventre ad tumulum. Nonne paucitas dierum meorum finietur brevi? dimitte ergo me, ut plangam paululum dolorem meum. Antequam vadam et non revertar, ad terram tenebrosam et opertam mortis caligine. Terram miseriae et tenebrarum, ubi umbra mortis et nullus ordo, et sempiternus horror inhabitat. Ăbersetzung Warum hast du mich aus dem MutterschoĂ hervorgebracht? WĂ€re ich doch, kaum geboren, sogleich vergangen! Als wĂ€re ich nie gewesen, wĂ€re ich vom SchoĂ der Mutter ins Grab getragen worden. Bald wird die KĂŒrze meiner Tage enden; lass mich, dass ich ein wenig meinen Schmerz beklage, ehe ich hingehe und nicht wiederkehre â ins Land der Finsternis, verhĂŒllt vom Schatten des Todes, in das Land des Elends und der Dunkelheit, wo kein Licht und keine Ordnung sind, sondern ewiger Schrecken wohnt. Responsorium IX Libera me, Domine, de morte aeterna in die illa tremenda, Quando caeli movendi sunt et terra, Dum veneris judicare saeculum per ignem. ⣠Tremens factus sum ego et timeo, dum discussio venerit atque ventura ira. Errette mich, Herr, vom ewigen Tode an jenem schrecklichen Tage, da Himmel und Erde beben, wenn du kommst, die Welt durch Feuer zu richten. ⣠Ich bin voll Zittern und Furcht, wenn das Gericht und der Zorn naht. Empfohlene Einspielung Jan Dismas Zelenka â Officium Defunctorum (ZWV 47) Collegium Vocale 1704, Leitung VĂĄclav Luks â Accent, 2011, Tracks 1 bis 19 https://www.youtube.com/watch?v=GU28A9ukz_M&list=OLAK5uy_nEzTIChWKSu0P0OTue2-XdS8UaZ9PHbL0&index=2 Seitenanfang ZWV 47 Requiem in d-Moll, ZWV 48 Zwischen Gedenken und Glauben â Zelenkas frĂŒhes Requiem fĂŒr den Kaiser Das Requiem in d-Moll (ZWV 48) gehört zu den frĂŒhesten und zugleich geheimnisvollsten Totenmessen Jan Dismas Zelenkas. Es entstand â wie eine authentische handschriftliche Notiz des Komponisten bestĂ€tigt â âpro Anniversario Invictissimi Imperatoris Josephi Iâ, also âzum Jahrestag des unĂŒberwindlichen Kaisers Joseph I.â. Dieser war am 17. April 1711 in Wien gestorben, und das Requiem wurde spĂ€ter auf GeheiĂ der sĂ€chsischen Kurprinzessin Maria Josepha von Ăsterreich (1699â1757) komponiert, die mit August III. von Sachsen verheiratet war und den Hof in Dresden zur BlĂŒte katholischer Kirchenmusik fĂŒhrte. Die Datierung lĂ€sst sich relativ genau eingrenzen. In Zelenkas eigenhĂ€ndiger Inventarliste vermerkte er, dass das Werk âfactum et productumâ â âgeschaffen und aufgefĂŒhrtâ â wurde âad mandatum Serenissimae Principessae nostraeâ, also âauf Befehl unserer Durchlauchtigsten Prinzessinâ. Da er Maria Josepha ausdrĂŒcklich als Principessa und nicht als Electrix anredet, ist davon auszugehen, dass die Komposition zwischen 1722 und 1733 entstand, also in der Zeit vor ihrer Erhebung zur KurfĂŒrstin. Die These, das Werk könne bereits 1721 entstanden sein, ist auszuschlieĂen, da in der Dresdner Hofkirche figuraler Kirchengesang erst nach dem Todestag Josephs I. des Jahres 1721 belegt ist. Wahrscheinlich wurde die Messe im Rahmen einer alljĂ€hrlichen GedĂ€chtnisfeier fĂŒr den verstorbenen Kaiser aufgefĂŒhrt â ein Ritus, der durch das Requiem in Es-Dur (1726, S. 18) von Johann David Heinichen (1683â1729) belegt ist. Zelenka dĂŒrfte also eine Ă€hnliche Aufgabe ĂŒbernommen haben. Eine bemerkenswerte Eigenheit findet sich im Text: Wo der lateinische Originaltext âDona eis requiemâ â âGib ihnen Ruheâ â fordert, setzt Zelenka bewusst die Singularform âeiâ â âihmâ. Damit wird klar, dass das Requiem dem einzelnen Verstorbenen, Kaiser Joseph I., gewidmet war. Diesen Eingriff wiederholte der Komponist spĂ€ter in seinem groĂen Requiem in D-Dur (ZWV 46), das 1733 zum Tod Augusts des Starken entstand. Zur Quellenlage: Das Autograph gilt heute als verschollen. Zwei voneinander unabhĂ€ngige Abschriften belegen jedoch seine Existenz. Die erste wurde im Januar 1878 im Archiv der Prager Hlahol-Gesellschaft unter der Signatur Nr. 1847 angefertigt, direkt nach Zelenkas Dresdner Manuskript, das man damals noch leihweise erhalten konnte. Diese Abschrift ist von unschĂ€tzbarem Wert, da das Original spĂ€ter verlorenging. Auf der Titelseite dieser Kopie findet sich die bemerkenswerte Aufschrift: âRequiem, Sanctus, Agnus a 4 Violini 2, Oboe 2, Flauti 2, Chalumaeux, Fagotti 2, Basso Continuo. Quod occasione Animadversarii pro Invictissimo Imperatore Josepho Domino suo Clementissimo composuit et ⊠in Regio-Catholica Dresdae Capella produxit humillimus et devotissimus Servus Joannes Dismas Zelenka.â In der linken oberen Ecke steht: âRequiem Ă 4â, rechts: âJoannes Dismas Zelenka, Ă Dresda 7 Aprileâ. Damit ist der Entstehungs- oder AuffĂŒhrungstermin 7. April [1722 oder 1723] dokumentiert â also unmittelbar vor dem Gedenktag des Kaisers. Eine zweite Quelle, eine Stimmenabschrift aus dem Herbst 1770, stammt aus der ehemaligen Piaristenbibliothek im slowakischen SvĂ€tĂœ Jur (Sankt Georgen), heute Jur pri Bratislave, und befindet sich im Staatsarchiv von Bratislava-Vidiek (Signatur H-252). Diese Stimmen sind unvollstĂ€ndig â es fehlen die beiden Viola-Stimmen, der dritte Posaunenpart, beide Fagotte und das Chalumeau â, liefern aber wertvolle Hinweise zur AuffĂŒhrungspraxis, insbesondere auf die mehrchörige Instrumentation und die damals noch ĂŒbliche Verdopplung der Vokalstimmen durch BlĂ€ser. https://www.youtube.com/watch?v=2Q6ieb0hDzQ&list=OLAK5uy_nH-OoxsFkdpyZasg_LXlSR_6GHE7VG_K0&index=2 Musikalisch ist das Requiem in d-Moll ein Werk von beeindruckender dramatischer Geschlossenheit. Der Eingangssatz Introitus â Requiem aeternam entfaltet in dunklem Chorklang den Ernst der Bitte um ewige Ruhe. Das darauf folgende Te decet hymnus steht in feierlicher Kontrapunktik und zeigt bereits die kontrapunktische Meisterschaft, die Zelenka spĂ€ter in seinen Messen zur Vollendung brachte. Die Kyrie-Doppelfuge mit ihren ausgreifenden Sequenzen, scharfen Dissonanzen und energischen Streicherfiguren wirkt wie eine musikalische ErschĂŒtterung ĂŒber das Mysterium des Todes. Die Sequentia â Dies irae gehört zu den ergreifendsten SĂ€tzen des Werkes: Zelenka gestaltet den Schrecken des JĂŒngsten Gerichts nicht als theatralisches Drama, sondern als geistliche Vision, getragen von der Spannung zwischen Chor und Solisten. In Quantus tremor est futurus tritt die individuelle Angst in den Vordergrund, die im Trio von Sopran, Tenor und Bass fast kammermusikalisch gefasst ist. Das Judex ergo cum sedebit fĂŒhrt diese Bewegung weiter, bevor das ergreifende Lacrimosa dies illa mit seinen schwebenden Harmonien und unvermittelt aufleuchtenden Modulationen den Höhepunkt bildet. Das Offertorium â Domine Jesu Christe mit der doppelten Fuge Quam olim Abrahae promisisti zeigt Zelenkas kontrapunktische Meisterschaft: Jede Stimme bewegt sich mit rhythmischer UnabhĂ€ngigkeit, die Linien verschmelzen zu einem fast orchestralen Klangkörper. Auch im Sanctus und im Agnus Dei kehrt dieser monumentale Stil wieder, wobei Zelenka immer eine tiefe Innigkeit bewahrt. Besonders bemerkenswert ist der Schluss: Das Communio â Lux aeterna wirkt nicht als Triumph, sondern als stille VerklĂ€rung â ein letzter Aufblick in das ewige Licht, das ĂŒber dem Werk leuchtet. Die Besetzung mit vier Singstimmen (SATB), zwei Oboen, zwei Flöten, zwei Fagotten, Chalumeaux, Streichern, Posaunen und Basso continuo spiegelt die reiche Klangpalette der Dresdner Hofkapelle. Trotz des feierlichen Rahmens bleibt die Musik von bewegender Demut: kein höfisches PrunkstĂŒck, sondern ein Akt tiefster Frömmigkeit. Zelenkas Requiem in d-Moll ist ein SchlĂŒsselwerk seiner frĂŒhen Dresdner Jahre â ein Dokument seines Glaubens, seiner kĂŒnstlerischen UnabhĂ€ngigkeit und seines Rangbewusstseins im Schatten Heinichens. Der Gedanke an die VergĂ€nglichkeit und das Vertrauen auf die göttliche Gnade durchziehen jede Seite dieser Partitur. Empfohlene Einspielung: Jan Dismas Zelenka â Requiem in d-Moll, ZWV 48, Ensemble Baroque 1994 und Czech Chamber Choir unter der Leitung von Leitung Roman VĂĄlek (* 1958), SUPRAPHON a.s., 1995 (Tracks 1 bis 7 der CD) Seitenanfang ZWV 48 Requiem in F-Dur, ZWV 49 (vermutlich vor 1730 komponiert; Autograph verschollen) Das Requiem in F-Dur (ZWV 49) gehört zu den am wenigsten bekannten Werken Jan Dismas Zelenkas. Es ist weder vollstĂ€ndig erhalten noch bislang aufgefĂŒhrt oder eingespielt worden. Aus der Werkchronologie lĂ€sst sich schlieĂen, dass es vor 1730 entstand, also in jener Phase, als Zelenka bereits als Kirchenkomponist am Dresdner Hof tĂ€tig war, jedoch noch unter der Oberaufsicht des Kapellmeisters Johann David Heinichen (1683â1729) stand. Der Titel âRequiem F-durâ deutet auf eine Komposition hin, die eher zu liturgischen Gedenkfeiern oder kleineren Hofzeremonien gedacht war â möglicherweise zum Jahrestag eines Herrschers oder Mitglieds der sĂ€chsischen Aristokratie. Die Tonart F-Dur â im Gegensatz zu den dĂŒsteren d-Moll- oder D-Dur-Requien (ZWV 48 und 46) â weist auf einen milden, kontemplativen Charakter hin, der mit dem Vertrauen auf göttliche Barmherzigkeit assoziiert ist. Ăber den genauen Umfang und die Besetzung ist nichts bekannt. Es ist jedoch anzunehmen, dass das Werk â wie die zeitlich benachbarten Kompositionen â fĂŒr vier Vokalstimmen, Streichorchester, zwei Oboen, Fagotte und Basso continuo gesetzt war. Stilistisch dĂŒrfte es Elemente des konzertierenden stile misto enthalten, mit Wechseln zwischen homophonen ChorsĂ€tzen und ausdrucksvollen Arien oder Duetten. Im Dresdner Hofrepertoire könnte diese Messe als Andachts- oder GedenkstĂŒck zwischen den gröĂeren Requien Zelenkas (ZWV 45â48) gestanden haben. Ihre ErwĂ€hnung in frĂŒhen Katalogen bestĂ€tigt die Bedeutung, die Zelenka selbst ihr beimaĂ â als Teil jener Folge von liturgischen Werken, mit denen er die katholische Kirchenmusik in Sachsen zu einer Synthese aus böhmischer ExpressivitĂ€t und italienischer Formvollendung fĂŒhrte. Bis heute ist das Requiem in F-Dur eines der letzten RĂ€tsel in Zelenkas Ćuvre â ein Werk, das in den Akten lebt, aber in der Klangwelt verstummt ist. Seitenanfang ZWV 49 Il serpente di bronzo, ZWV 61 Oratorium per la Domenica Laetare, 1730 Von Schuld, Strafe und Erlösung â das eherne (eigentlich: bronzene) Zeichen des Heils Mit dem Oratorium Il serpente di bronzo (âDie eherne Schlangeâ) schuf Jan Dismas Zelenka im Jahr 1730 eines seiner geistlich-dramatisch dichtesten Werke. Das Libretto stammt von dem Jesuiten-Schriftsteller Antonio Maria Lucchini (â um 1730), der auch fĂŒr Antonio Vivaldi arbeitete. Die Komposition wurde in der Fastenzeit, vermutlich am Dresdner Hof Augusts des Starken (1670â1733), aufgefĂŒhrt. Ihr theologischer Kern ist die alttestamentliche Geschichte aus dem 4. Buch Mose (21, 4â9): Als das Volk Israel in der WĂŒste gegen Gott murrte, sandte der Herr giftige Schlangen unter sie. Auf Mosesâ FĂŒrbitte hin gebot Gott ihm, eine Schlange aus Erz zu errichten, damit jeder, der sie ansieht, gerettet werde. Diese Episode wird in Zelenkas Werk zum Sinnbild der göttlichen Gnade und der geistlichen Erneuerung durch den Glauben. Das Werk ist fĂŒr Solisten, Chor und Orchester komponiert und verbindet dramatische Ausdruckskraft mit kontrapunktischer Meisterschaft und einer IntensitĂ€t, die an HĂ€ndel erinnert, aber durch Zelenkas harmonische KĂŒhnheiten unverkennbar originell bleibt. Die Musik ist von leuchtender Farbigkeit, reich an Affektkontrasten und oft von erschĂŒtternder Eindringlichkeit. Der Wechsel zwischen Rezitativen, Arien und Chören bildet eine Folge geistlicher Szenen, die zwischen menschlicher Verzweiflung und göttlichem Erbarmen oszillieren. https://www.youtube.com/watch?v=DEavfIs0aKM Der einleitende Chor Pera il giorno in cui si diede (âVerflucht sei der Tag, an dem wir auszogenâ) stellt die Israeliten vor, die in der WĂŒste klagen und gegen Gott aufbegehren â ein dĂŒsterer Beginn, der in den scharf dissonierenden Harmonien und chromatischen Linien Zelenkas dramatisches Empfinden zeigt. Es folgt ein Dialog zwischen Azaria und Namuel (Verdi piaggie dâEgitto), in dem die Sehnsucht nach den grĂŒnen Ebenen Ăgyptens den Glaubenszweifel illustriert. Die Arie Membra languide e tremanti (Namuel) zeichnet mit weichen Linien und gedĂ€mpfter Begleitung das Bild körperlicher und seelischer SchwĂ€che. Die Figur der Egla bringt mit ihrer Arie Quanto fosse per te miglior fortuna eine andere Dimension ein: Mit sanftem, beinahe pastoralem Tonfall erinnert sie an die verlorene GlĂŒckseligkeit der Vergangenheit. Doch ihre anschlieĂende Arie Lusinghe mendaci ist ein kraftvoller Ausbruch â eine Warnung vor trĂŒgerischen Verlockungen, mit virtuosen Koloraturen und leidenschaftlichem Ausdruck. In der zentralen Szene erscheint Gott (Bass) und antwortet auf die Verzweiflung des Volkes: MosĂš, contro di me ist von erschĂŒtternder GröĂe, getragen von gravitĂ€tischen Harmonien und erhabener WĂŒrde. In Potrei sovra degli empi scagliar tempeste entfaltet sich göttlicher Zorn in musikalischen Gewittern, mit donnernden Trompeten und scharfen Akzenten, bevor die Menschen erneut zu Boden gedrĂŒckt werden von Reue und Angst (Ahi! qual produce). Die Arie Vicina morte con fiero sguardo (Azaria) ist ein Bild des Todeskampfes, das Zelenka mit expressiver Chromatik und schweren BĂ€ssen unterlegt. Danach folgt ein tröstender Dialog zwischen Egla und Namuel (Illustre uomo divin und Al torrente del suo), in dem sich langsam ein Hoffnungsstrahl durchsetzt. Mosesâ Gebet Autor della natura ist der geistige Höhepunkt des Oratoriums â eine der groĂartigsten Arien, die Zelenka je komponierte. Der Prophet bittet mit Demut um das Heil seines Volkes. Die Musik ist ruhig, erhaben und in tiefem Glauben verankert. In Uno, vero, eterno e santo erhebt sich Moses zu einem Hymnus auf den einen, wahren und ewigen Gott â hier wird Zelenkas Kunst des kontrapunktischen Aufbaus mit der Glut des Barockdramas vereint. Der Dialog zwischen Gott und Moses (Ah, MosĂš, tâinsegnĂČ troppo) bringt die göttliche Entscheidung: Er wird das Volk verschonen. Es folgt eine ergreifende Szene der menschlichen Trauer (Figlio, oimĂš, dolce figlio â Egla), die an die PietĂ -Motive der Passionsmusik erinnert, sowie das Terzett Del petto esanime lo spirto, in dem Schmerz und Trost einander begegnen. Die Spannung löst sich in GiĂ ripiglia vermiglia, wo die Heilung durch den Blick auf die eherne Schlange musikalisch vollzogen wird. Mosesâ Schlussrede Mira, ingrato Israel ruft das Volk zur Umkehr auf â eine bewegende Mischung aus Mahnung und Gnade, die in den Schlusschor Inni e lodi a quel Signore mĂŒndet: ein triumphaler Lobgesang, der in leuchtendem D-Dur endet und die Erlösung des Volkes Israels feierlich verkĂŒndet. Zelenkas Il serpente di bronzo ist ein Meisterwerk geistlicher Dramatik, das theologische Tiefe und musikalische ExpressivitĂ€t in vollkommener Balance vereint. Die Komposition ist zugleich ein Beispiel fĂŒr Zelenkas persönliche Frömmigkeit, seine kĂŒhne harmonische Sprache und seine FĂ€higkeit, Affekte mit barocker Theatralik zu verbinden. CD-Empfehlung Jan Dismas Zelenka: Il serpente di bronzo, ZWV 61 Ensemble InĂ©gal und Prague Baroque Soloists Solisten: Gabriela EibenovĂĄ (Egla), Terry Wey (Azaria), Daniel KĂŒhn (Namuel), TomĂĄĆĄ KrĂĄl (Moses), Lisandro Abadie (Dio) Leitung: Adam Viktora (* 1973) NahrĂĄvky: Prag, 2010 Label: Nibiru, 2011 Eine mustergĂŒltige Einspielung, die Zelenkas dramatische Vision mit klanglicher Transparenz, vokaler IntensitĂ€t und tiefem AusdrucksverstĂ€ndnis verwirklicht â ein bedeutendes Zeugnis fĂŒr die Wiederentdeckung eines der gröĂten Meister des Hochbarock. Seitenanfang ZWV 61 GesĂč al Calvario, ZWV 62 (1735) Oratorium sacrum per il VenerdĂŹ Santo Libretto: Michelangelo Boccardi (â nach 1740) Das Kleine Konzert, Rheinische Kantorei â Leitung Hermann Max (* 1941) Zelenkas Oratorium GesĂč al Calvario â âJesus auf Golgathaâ â gehört zu seinen reifsten und zugleich ergreifendsten geistlichen Werken. Es entstand 1735, also in jener SpĂ€tphase seines Schaffens, in der Zelenka, bereits von Krankheit und innerer Einsamkeit gezeichnet, die groĂen liturgischen Formen in zutiefst persönliche Glaubenszeugnisse verwandelte. Das Libretto stammt vom italienischen Dichter Michelangelo Boccardi, der fĂŒr den Dresdner Hof mehrere Oratorientexte lieferte. Der Stoff folgt der Passionsfrömmigkeit des 18. Jahrhunderts, die nicht die historischen Ereignisse der Kreuzigung schildert, sondern das Mitleiden und die seelische ErschĂŒtterung des GlĂ€ubigen ins Zentrum stel https://www.youtube.com/watch?v=4ODiNdOvc8k Das Werk ist zweigeteilt (due atti), geschrieben fĂŒr Solisten, Chor und Orchester. Schon in der einleitenden Sinfonia kĂŒndigt sich der ernste, fast opernhafte Ton an: Zelenka verwendet die musikalische Sprache des Theaters, um das geistliche Drama emotional erfahrbar zu machen. Das Oratorium ist kein liturgischer Bestandteil der Karfreitagsmesse, sondern eine kontemplative Betrachtung der Passion Christi â vermutlich fĂŒr eine private Andacht im Kreis der Hofkapelle oder der kurfĂŒrstlichen Familie bestimmt. Der erste Akt stellt Maria, die Mutter Jesu, ins Zentrum. Im Rezitativ O figlie di Sion (O Töchter Zions) ruft der ErzĂ€hler zur Betrachtung des Schmerzes auf. Der anschlieĂende Chor Misera madre (UnglĂŒckliche Mutter) entfaltet die Klage der Frauen Jerusalems in dichtem, kontrapunktischem Satz. Im Verlauf des Aktes wechseln ergreifende Rezitative und Arien: Marias verzweifelte ZĂ€rtlichkeit in Madre! Figlio! (âMutter! Sohn!â) und ihre liebevolle Selbstaufopferung in Ah! se tanto amate (âAch, wenn ihr so sehr liebtâ) bilden den emotionalen Kern. Zelenka erreicht hier eine ergreifende Verschmelzung italienischer Melodik mit deutscher Ausdruckskraft. Besonders die Arie Ah perchĂ©, o ciel, trattieni (âAch, warum, o Himmel, hĂ€ltst du zurĂŒckâ) steigert sich zu einer fast ekstatischen Vision des Leidens, wĂ€hrend das finale ChorstĂŒck Crocifiggi il Nazareno â âKreuzige den Nazarenerâ â den ersten Teil mit schneidender dramatischer Wucht beschlieĂt. Der zweite Akt vertieft die Betrachtung: Nun stehen nicht mehr die Ă€uĂeren Ereignisse, sondern die geistige Dimension des Opfers im Vordergrund. Marias Schmerz wandelt sich in ein Bewusstsein des Heils. In den Arien und Duetten (Santa amor, ti sento ferir â âHeilige Liebe, du verwundest michâ) zeigt Zelenka eine Musik von seltener Innigkeit, deren chromatische Linien und kĂŒhne Harmonien seelische Qual und göttliche Hingabe untrennbar verweben. Der abschlieĂende Chor Ă questo il monte beato (âDies ist der gesegnete Bergâ) lĂ€sst das Leiden in strahlende Hoffnung mĂŒnden â ein musikalisches Bild des Kreuzes als Ort der Erlösung. Zelenka verbindet in GesĂč al Calvario theatralische Ausdruckskraft mit asketischer Tiefe. Seine Musik folgt nicht der dramatischen Geste der italienischen Opera seria, sondern einer spirituellen Dramaturgie, die von innen nach auĂen wirkt: aus der Stille in den Aufschrei, aus der Klage in die VerklĂ€rung. Der Hörer erlebt das Werk als kontemplatives Passionsmysterium â eine Meditation ĂŒber Liebe, Schmerz und göttliche Gnade. Die Arie âSâuna sol lagrimaâ Die berĂŒhmte Arie Sâuna sol lagrima (Act II, Szene XIII) gehört zu den ergreifendsten Momenten des gesamten Oratoriums. Sie ist der Maria zugedacht, die in tiefer Reue und zĂ€rtlicher Sehnsucht um die Menschheit weint. Der Text stammt aus Boccardis Libretto und fasst in wenigen Zeilen das Mysterium der göttlichen Barmherzigkeit: Italienischer Text: Sâuna sol lagrima di pentimento scende sul volto del reo pentito, il Ciel sâapre, il cor trafitto trova in Dio consolamento. Deutsche Ăbersetzung: Wenn nur eine einzige TrĂ€ne der Reue ĂŒber das Antlitz des reuigen SĂŒnders rinnt, öffnet sich der Himmel, und das verwundete Herz findet Trost in Gott. https://www.youtube.com/watch?v=VnQOHOozGFY Diese Arie ist ein musikalisches Gebet von fast ĂŒberirdischer Sanftheit. Ăber einem feinen Streicherteppich entfaltet sich eine Kantilene, deren schwebende Linien und ruhige Atembögen Zelenkas unverkennbaren Stil verraten: das Ineinander von Demut und inniger Leidenschaft. Der polnische Countertenor Jakub JĂłzef OrliĆski (* 1990) hat die Arie auf seinem Album Anima Sacra (Erato, 2018) in einer exemplarisch klaren Interpretation aufgenommen. Seine Stimme â leuchtend, aber von innerer Ruhe getragen â lĂ€sst die seelische Dimension dieser Musik aufleuchten: das Mitleiden der Maria als Sinnbild göttlicher Liebe. Empfohlene Aufnahme: Jan Dismas Zelenka â GesĂč al Calvario, ZWV 62 Das Kleine Konzert & Rheinische Kantorei, Leitung Hermann Max (* 1941), CPO / Capriccio, 1995 und Jakub JĂłzef OrliĆski (* 1990), Album Anima Sacra, Erato, 2018 (Track 20) https://www.youtube.com/watch?v=qige6LPdkdo&list=OLAK5uy_mGm3y_W9jBGcc1na7tvxnvN79dCZWh6v0&index=2 Seitenanfang ZWV 62 I Penitenti al Sepolcro del Redentore (Die BĂŒĂer am Grab des Erlösers), ZWV 63 Jan Dismas Zelenka komponierte das Oratorium I Penitenti al Sepolcro del Redentore im Jahr 1736 fĂŒr die Dresdner Hofkirche, vermutlich zur AuffĂŒhrung wĂ€hrend der Karwoche. Das Werk entstand in einer Schaffensphase, in der Zelenka seine bedeutendsten geistlichen Kompositionen vollendete â darunter GesĂč al Calvario (ZWV 62) und Il Serpente di Bronzo (ZWV 61) â und es gilt als Höhepunkt seines reifen, von tiefer ReligiositĂ€t und harmonischer Eigenwilligkeit geprĂ€gten Stils. Der Text stammt von Stefano Benedetto Pallavicino (1672â1742), dem langjĂ€hrigen Librettisten der Dresdner Hofoper, und schildert in dichter, poetischer Sprache eine imaginĂ€re Begegnung zwischen König David, Maria Magdalena und dem Apostel Petrus am Grab Christi. Diese drei Figuren verkörpern exemplarisch die menschliche Schuld und Reue, den Schmerz ĂŒber die göttliche Passion und die Hoffnung auf Erlösung. Zelenka gestaltet daraus kein theatralisches Drama, sondern ein inneres GesprĂ€ch der Seelen â ein mystisches Nachdenken ĂŒber die Liebe und Barmherzigkeit des Erlösers. Die einleitende Sinfonia (Adagio â Andante â Adagio) entfaltet eine feierlich-dĂŒstere Klangwelt, deren expressiver Atem sofort in Bann zieht. Leise Oboen- und Fagottlinien, harmonische Chromatik und ein fast unmerkliches Pulsieren des Continuo schaffen den geistigen Raum, in dem sich das Geschehen entfaltet. König David eröffnet mit der Arie Squarcia le chiome, einem dramatischen Aufschrei der Zerknirschung; das folgende Rezitativ Tramontate Ăš la stella beklagt den Untergang des göttlichen Lichts. Maria Magdalena antwortet in einem von Schmerz und ZĂ€rtlichkeit durchdrungenen Ton: Das OimĂš, quasi nel campo fĂŒhrt zu ihrer innig empfundenen Arie Del mio amor, divini sguardi, in der sie die göttliche Liebe besingt, die alles menschliche Leiden ĂŒbersteigt. Petrus, Symbol menschlicher SchwĂ€che, tritt mit dem bewegenden Qual la dispersa greggia und der Arie Lingua perfida hervor â ein ZwiegesprĂ€ch zwischen Schuld, Scham und der Bitte um Vergebung, das Zelenka mit ergreifender musikalischer Bildhaftigkeit ausformt. Im Mittelteil verdichtet sich die Struktur zu einem Wechsel von kontemplativen und leidenschaftlichen Abschnitten. In Da vivo tronco aperto erhebt sich Maria Magdalenas Stimme aus dem Schmerz zu mystischer Hingabe; David antwortet mit der ergreifenden Arie Le tue corde, arpe sonora, einem der schönsten Momente des gesamten Oratoriums, in dem der Klang der Harfe zum Symbol der Versöhnung zwischen Gott und Mensch wird. Die letzten Szenen fĂŒhren alle drei Figuren in einem gemeinsamen geistigen Raum zusammen: Tributo accetto piĂč, piĂč grato dono â Al divin nostro amante â Qual io soleva un tempo bildet ein dreifaches Rezitativ, das schlieĂlich in den erhabenen Schlusschor Miserere mio Dio mĂŒndet. Hier vereinen sich Reue, Demut und Hoffnung in einer eindrucksvollen musikalischen Synthese, die mit Zelenkas unverwechselbarer Harmonik und kontrapunktischer Meisterschaft aufleuchtet. Die Struktur folgt dem italienischen Oratoriumstypus mit Sinfonia, alternierenden Rezitativen und Arien sowie einem abschlieĂenden Chor. Doch Zelenka transzendiert das Schema und verleiht ihm eine unverkennbare persönliche Handschrift. Die Instrumentation mit Flöten, Oboen, Fagotten, Streichern und Basso continuo ist reich an klanglicher Farbigkeit; hĂ€ufig ĂŒbernehmen die HolzblĂ€ser eigenstĂ€ndige expressive Linien, die das seelische Geschehen vertiefen. Charakteristisch sind die abrupten harmonischen Wendungen, rhythmischen Verschiebungen und kontrapunktischen Verdichtungen â Mittel, die Zelenkas Musik einen unverwechselbaren inneren Drang und geistige Spannung verleihen. https://www.youtube.com/watch?v=4ETqqUVB__w In der Interpretation durch das Collegium 1704 und das Collegium Vocale 1704 unter der Leitung von VĂĄclav Luks (* 1970) gewinnt das Werk seine volle spirituelle und emotionale Dimension. Luks gestaltet die Partitur mit groĂer SensibilitĂ€t fĂŒr Text, Klang und Affekt. Die Stimmen verschmelzen zu einem durchsichtigen, warmen Ensembleklang, die Solisten zeichnen die seelischen KĂ€mpfe und Erleuchtungen der Figuren mit ergreifender IntensitĂ€t. Das Orchester musiziert mit klanglicher Klarheit und federnder Eleganz, wobei jeder dynamische Kontrast, jede harmonische Verschiebung zum Teil der geistlichen Dramatik wird. So entsteht eine Interpretation, die Zelenkas Kunst als BrĂŒcke zwischen barocker Affektlehre und persönlichem Glaubenszeugnis begreift. Inhalt Drei Seelen treten am Grab Christi zusammen: König David, Maria Magdalena und der Apostel Petrus. David erkennt in der Stille des Grabes seine eigene Schuld und sucht Trost im Gebet. Magdalena verweilt in tiefer Trauer und spricht von der Liebe, die den Tod ĂŒberdauert. Petrus, vom Schmerz ĂŒber die Verleugnung Christi gezeichnet, ringt mit der Erinnerung an seine SchwĂ€che. In den Dialogen dieser drei Gestalten verdichten sich die menschlichen Grundfragen nach SĂŒnde, Vergebung und Gnade. Das Grab wird zur Schwelle zwischen Tod und Leben, zur StĂ€tte der inneren LĂ€uterung. Der Schlusschor Miserere mio Dio erhebt die persönliche Reue zu einem universellen Gebet, das Zelenka in leuchtenden Harmonien erblĂŒhen lĂ€sst â ein Moment von erhabener Schönheit und Demut. Empfohlene CD: Jan Dismas Zelenka: I Penitenti al Sepolcro del Redentore, ZWV 63 â Collegium 1704 und Collegium Vocale 1704 unter der Leitung von VĂĄclav Luks (Accent, aufgenommen in Prag, 2023). Seitenanfang ZWV 63 Litaniae de Venerabili Sacramento, ZWV 147 (1727â1728; âLitanei zum allerheiligsten Sakramentâ) Innerhalb von Zelenkas umfangreichem Schaffen fĂŒr die Dresdner Hofkirche nehmen seine Litaniae de Venerabili Sacramento (ZWV 147) eine besondere Stellung ein. Sie entstanden vermutlich in den Jahren 1727 oder 1728, also wĂ€hrend jener Phase, in der Zelenka zunehmend selbststĂ€ndig als Komponist der katholischen Hofmusik wirkte, wĂ€hrend sein Vorgesetzter Johann David Heinichen (1683â1729) bereits schwer erkrankt war. In dieser Zeit begann Zelenka, die spĂ€tbarocke Kirchenmusik Dresdens auf ein bis dahin unerreichtes geistiges und kompositorisches Niveau zu fĂŒhren. Die Litaniae de Venerabili Sacramento gehören zu den erhabensten Werken dieser Epoche, getragen von tiefer eucharistischer Frömmigkeit. Sie sind keine Messe, sondern eine musikalische Anrufung des Altarsakraments, wie sie im katholischen Jahreslauf zu besonderen AnlĂ€ssen â etwa wĂ€hrend der eucharistischen Anbetung oder am Fronleichnamsfest â erklang. Zelenka greift auf den traditionellen lateinischen Text zurĂŒck, der in einer Reihe von Bitten und Lobpreisungen das Geheimnis der Gegenwart Christi im Sakrament des Altares besingt. https://www.youtube.com/watch?v=hsPVrksQRn8&list=OLAK5uy_lk_kBqnEh5wtr2EATCHBjbfGn6T0vm5rQ&index=2 Das Werk ist in elf Abschnitte gegliedert, deren Struktur zwischen groĂ angelegten ChorsĂ€tzen und innigen Solopassagen wechselt. Schon der eröffnende Satz, Kyrie eleison, zeigt Zelenkas unverwechselbare Handschrift: eine kunstvolle Doppelfuge, deren Themen sich wechselseitig umspielen und auflösen, als wĂŒrde das Gebet selbst in Bewegung geraten. Im folgenden Pange lingua gloriosi entfaltet sich eine tief empfundene, meditative Klangwelt, getragen von dunklen Streichern und gedĂ€mpften Oboen, die das sakrale Geheimnis des Textes erahnen lassen. Die anschlieĂenden Arien und EnsemblesĂ€tze â etwa Tantum ergo Sacramentum und Panem de coelo praestitisti eis â offenbaren Zelenkas auĂerordentliche FĂ€higkeit, barocke VirtuositĂ€t mit mystischer Innerlichkeit zu verbinden. Besonders auffĂ€llig ist die harmonische KĂŒhnheit: chromatische Wendungen, ĂŒberraschende Modulationen und schwebende Dissonanzen erzeugen eine AtmosphĂ€re der Ekstase und des Gebets zugleich. Die expressive Verwendung der Solostimmen erinnert an Zelenkas spĂ€te Messen â etwa an die Missa Sanctissimae Trinitatis (ZWV 17) oder die Missa votiva (ZWV 18) â und deutet auf seinen unverwechselbaren Personalstil voraus, der aus dem rein reprĂ€sentativen Kirchenstil zu einer zutiefst individuellen Tonsprache fĂŒhrte. Im abschlieĂenden Agnus Dei mĂŒndet die Litanei in eine kontemplative Ruhe, die sich in langen, atmenden Phrasen entfaltet. Das Werk endet nicht mit triumphaler Festlichkeit, sondern in einem Akt stiller, inniger Anbetung â eine musikalische Geste, die Zelenkas persönliche Frömmigkeit widerspiegelt. Die Litaniae de Venerabili Sacramento verbinden auf einzigartige Weise Theologie und Klang, barocke Architektur und mystische Innigkeit. Zelenka entwirft hier kein Werk fĂŒr den Ă€uĂeren Glanz des Dresdner Hofes, sondern fĂŒr das innere Licht des Glaubens â eine Musik, die in ihrer geistigen Tiefe eher an Heinrich Ignaz Franz Biber (1644â1704) oder Johann Sebastian Bach (1685â1750) erinnert als an die italienische Hofmusik seiner Zeit. Empfohlene Einspielung: Jan Dismas Zelenka â Sacred Music, Choir of The Kingâs Consort, Leitung: Robert King (* 1960), Hyperion, 2003 (Tracks 1â11). Eine Aufnahme von klanglicher Klarheit und geistiger IntensitĂ€t, die die architektonische Weite und meditative Tiefe von Zelenkas eucharistischer Litanei in idealer Balance zeigt. Seitenanfang ZWV 147 Litaniae de Venerabili Sacramento, ZWV 148, D-Dur (1729) (Litanei zum Hochfest des Fronleichnams) Mit den Litaniae de Venerabili Sacramento ZWV 148, vollendet am 18. Juni 1729, schuf Jan Dismas Zelenka eines seiner eindrucksvollsten geistlichen Werke der Dresdner Jahre. Anlass war das Hochfest Fronleichnam (16. Juni 1729), das in der katholischen Liturgie die reale Gegenwart Christi im Sakrament der Eucharistie feiert. Zelenka komponierte diese Litanei offenbar in bemerkenswerter Eile â innerhalb von nur zwei Tagen â und dennoch besitzt sie eine geistige Geschlossenheit und kompositorische Meisterschaft, die sein auĂergewöhnliches Talent auf dem Höhepunkt seiner schöpferischen Kraft zeigt. Wahrscheinlich erklang die Musik wĂ€hrend der Fronleichnamsoktav am Sonntag, dem 19. Juni 1729, in der Hofkirche in Dresden. Das Werk steht in enger Beziehung zu Zelenkas Missa Circumcisionis Domini Nostri Jesu Christi (ZWV 11), die etwa ein halbes Jahr zuvor entstanden war. Zahlreiche motivische Verbindungen, insbesondere zwischen den SĂ€tzen Panis vivus, Ut nobis fidem und dem Benedictus der Messe, lassen darauf schlieĂen, dass Zelenka sich bewusst auf frĂŒhere kompositorische Modelle stĂŒtzte â ein Verfahren, das er nicht aus Bequemlichkeit, sondern zur bewussten Vertiefung musikalischer Symbolik nutzte. Die Wiederverwendung bestimmter melodischer Formeln, vor allem im Agnus Dei II, wo der Tenor (vermutlich der Hoftenor Pietro Luchini) von drei Oboen und Basso continuo begleitet wird, legt nahe, dass diese Klangkombination beim Hofpublikum besonderen Anklang fand. https://www.youtube.com/watch?v=mDmuZtOi0RM Formal gliedert sich die Litanei in elf SĂ€tze: Kyrie â Panis vivus â Praecelsum et venerabile Sacramentum â Panis omnipotentia â Propitius esto â Ab indigna Corporis et Sanguinis â Peccatores â Ut in nobis fidem, reverentiam â Agnus Dei IâIII. Diese Abfolge entspricht der Struktur einer vollstĂ€ndigen eucharistischen Anrufung, die Zelenka als eine Art spirituelles Konzert fĂŒr vier Solisten und Chor gestaltet. Die Solisten â Sopran, Alt, Tenor und Bass â treten dabei fast ununterbrochen in Erscheinung, teils solistisch, teils im Ensemble, und verschmelzen mit den Chören zu einem hochdynamischen, dialogischen KlanggefĂŒge. Bereits das eröffnende Kyrie entfaltet eine festliche Pracht, in der Trompeten und Oboen den Glanz der Dresdner Hofkapelle spiegeln. Die anschlieĂenden Solopassagen, etwa im Panis vivus und Panis omnipotentia, zeichnen sich durch eine seltene Feinheit des Ausdrucks aus: Zelenka verbindet tĂ€nzerische Bewegtheit mit tiefer Demut, indem er rhythmische Energie und kontrapunktische Dichte in ein Gleichgewicht bringt, das zugleich Freude und Andacht atmet. Im Zentrum des Werkes stehen die SĂ€tze Ut in nobis fidem, reverentiam und Agnus Dei II. Ersterer ist ein inniges Quartett, in dem sich die vier Stimmen zu einem Gebet um Glauben und Ehrfurcht vereinen; letzterer eine groĂe Tenor-Arie von fast opernhafter IntensitĂ€t, in der die Oboen in eng verflochtenen Linien den emotionalen Kern des Textes illustrieren: das Bekenntnis der menschlichen UnwĂŒrdigkeit vor dem göttlichen Geheimnis. Zelenka schlieĂt die Litanei â seinem Stil gemÀà â mit einer meisterhaften Doppelfuge (Agnus Dei III) von strahlender Klarheit und unerschĂŒtterlicher Energie. Dieser Schluss ist kein Ausbruch barocker VirtuositĂ€t, sondern eine Apotheose des Glaubens, die in festlicher Ordnung endet: Musik als sakrale Architektur. Die Litaniae de Venerabili Sacramento ZWV 148 sind ein Beispiel fĂŒr Zelenkas unverwechselbare Verbindung von theologischer Tiefe, kontrapunktischer Kunst und vokaler ExpressivitĂ€t. Sie zeigen den Komponisten als frommen Denker, der in der Musik das göttliche Geheimnis nicht illustriert, sondern erfahrbar macht. Empfohlene Einspielung: Jan Dismas Zelenka â Litaniae de Venerabili Sacramento, ZWV 148. Ensemble InĂ©gal, Leitung: Adam Viktora, mit Gabriela EibenovĂĄ, Lenka CafourkovĂĄ, Tobias Hunger, TadeĂĄĆĄ Hoza, TomĂĄĆĄ Ć elc, David Erler, Jaro Kirchgessner und Jonathan Mayenschein. Aufnahme: NIBIRU 01782231, Prag 2023. Eine Interpretation von beispielhafter klanglicher Transparenz und spiritueller Geschlossenheit â die feierliche WĂ€rme des Ensembles und Viktoras souverĂ€ne Leitung lassen die Litanei als das erscheinen, was sie ist: ein musikalisches Gebet am zenith der katholischen Hofkunst Dresdens. Seitenanfang ZWV 148 Litaniae de Beata Virgine Maria, ZWV 149, D-Dur (1718) Litanei zur allerseligsten Jungfrau Maria Die Litaniae de Beata Virgine Maria ZWV 149 gehören zu den frĂŒhesten groĂformatigen Kirchenwerken von Jan Dismas Zelenka, entstanden um 1718, also in jener Zeit, in der sich der aus Böhmen stammende Musiker im Umfeld der Dresdner Hofkapelle zu etablieren begann. Das Werk, vermutlich fĂŒr den Marienmonat Mai oder fĂŒr ein feierliches Marienfest im Jahreslauf bestimmt, verbindet italienische Klangpracht mit einer kontrapunktischen Strenge, die schon auf die groĂen Messen und Litanien der 1720er Jahre vorausweist. Doch die Ăberlieferung dieser Litaniae ist problematisch. Die einzige erhaltene Quelle ist das Autograph, das bereits frĂŒhzeitig fragmentiert wurde. Im persönlichen Inventarium Zelenkas von 1726 taucht das Werk nicht mehr auf, und im spĂ€teren Katalog der Dresdner Hofkirchenmusik um 1784 erscheint es mit der Bemerkung imperfetta â unvollstĂ€ndig. TatsĂ€chlich fehlen ganze Abschnitte des Autographs, weil Zelenka selbst NotenblĂ€tter herausgeschnitten und in andere Werke eingefĂŒgt hat. Wann und in welchem Umfang dies geschah, lĂ€sst sich heute nicht mehr sicher bestimmen. Die Forschung konnte bisher lediglich einzelne ZusammenhĂ€nge aufdecken, die einen faszinierenden Einblick in Zelenkas Arbeitsweise geben. So wurde etwa das Agnus Dei dieser Litanei als Mittelteil in ein separates Agnus Dei (ZWV 37) eingefĂŒgt â vermutlich zwischen 1722 und 1724 â, wĂ€hrend die Musik der Sopranarie Mater Christi 1725 in der Tenorarie De torrente seines Dixit Dominus (ZWV 66) wiederverwendet wurde. In diesem Fall schrieb Zelenka das Material allerdings neu ab, wodurch das Original erhalten blieb. Andere Teile der Litanei scheinen vollstĂ€ndig verloren: Im Autograph finden sich Anmerkungen wie applicatum in Lita: de S: X: â ein Hinweis darauf, dass das Kyrie-Material in den Litaniae Xaverianae (ZWV 154, 1723) erneut Verwendung fand. Vier weitere Notizen deuten darauf hin, dass gröĂere Abschnitte in die heute verschollene Missa Theophorica (ZWV 241), eine doppelchörige Messe zum Fronleichnamsfest, eingefĂŒgt wurden. Es ist also anzunehmen, dass Zelenka sein frĂŒheres Werk als eine Art kompositorisches Reservoir betrachtete, dessen musikalische Substanz er in reiferen Kompositionen weiterentwickelte. https://www.youtube.com/watch?v=BkjHLQ3PXzs Trotz dieser komplizierten Ăberlieferung erlaubt die rekonstruierbare Substanz einen tiefen Einblick in Zelenkas Stil um 1718. Die Litaniae de Beata Virgine Maria zeigen ihn als Komponisten von seltener Ausdruckskraft, der bereits in jungen Jahren barocke Formen mit persönlicher Innerlichkeit fĂŒllte. Das eröffnende Kyrie eleison ist als groĂangelegte Doppelfuge gestaltet â ein architektonischer Satz von beeindruckender Energie und klanglicher Weite. Darauf folgt die eindringliche Bassarie Pater de caelis, Deus, deren kontemplativer Ernst an die groĂformatigen Arien Johann Joseph Fuxâ erinnert. In den nachfolgenden SĂ€tzen (Sancta Maria, Mater Christi, Speculum iustitiae) wechseln sich festliche Chöre und lyrische Soli ab, wodurch Zelenka die verschiedenen Aspekte der marianischen Frömmigkeit musikalisch entfaltet: die göttliche MajestĂ€t, die menschliche ZĂ€rtlichkeit und die himmlische FĂŒrsprache. Besonders eindrucksvoll ist die Arie Mater Christi, die spĂ€ter â wie erwĂ€hnt â in anderer Gestalt im Dixit Dominus wiederauftaucht. Hier leuchtet bereits Zelenkas melodischer Erfindungsreichtum und seine FĂ€higkeit, barocke Ornamentik in emotionale Wahrheit zu verwandeln. Der Chor kehrt mit Salus infirmorum zu dichten kontrapunktischen Linien zurĂŒck, bevor das Werk im strahlenden Auxilium Christianorum seinen festlichen Abschluss findet â ein Finale, das trotz seiner archaischen Form eine innere Glut bewahrt, die Zelenkas Musik stets auszeichnet. Heute gilt ZWV 149 als eines jener âSchattenwerkeâ, die durch Selbstzitate und sekundĂ€re Ăberlieferung weiterleben, obwohl ihr ursprĂŒngliches Erscheinungsbild unwiederbringlich verloren ist. Der fragmentarische Zustand mindert jedoch keineswegs die Bedeutung der Komposition: vielmehr erlaubt er einen seltenen Blick auf Zelenkas kompositorisches Denken â auf seine Praxis, eigene Werke als lebendige Materie zu begreifen, die sich weiterformen und neu beleben lĂ€sst. Empfohlene Einspielung: Jan Dismas Zelenka â Missa Sancti Spiritus und Litanie di Vergine Maria Ensemble InĂ©gal, Leitung: Adam Viktora (* 1973), Label: Nibiru, 2022 (Tracks 20â29). Diese Einspielung nĂ€hert sich dem Werk mit groĂer historischer SensibilitĂ€t: Viktora und sein Ensemble rekonstruieren die Litanei in jener Balance aus devoter Innigkeit und barocker Pracht, die Zelenkas Musik zu einem spirituellen Denkmal böhmischer Frömmigkeit macht. Seitenanfang ZWV 149 Litaniae Lauretanae, ZWV 150 Autograph, Dresden, SLUB, Signatur Mus.2358-D-54 Die Litaniae Lauretanae ZWV 150, entstanden im Jahr 1725, gehören zu den feierlichsten und zugleich lyrischsten Marienvertonungen Jan Dismas Zelenkas. Das Werk, vermutlich fĂŒr ein Dresdner Hochfest der Jungfrau Maria komponiert, zeigt den Komponisten auf dem Höhepunkt seiner kontrapunktischen Meisterschaft, vereint aber geistige Strenge mit inniger Frömmigkeit. AuffĂ€llig ist die klare architektonische Anlage, in der Chor und Solisten in wechselnden Anrufungen ein musikalisches Rosenkranzgebet entfalten. Bis heute existiert keine Einspielung dieser Litanei; die Musik ist ausschlieĂlich in der autographen Partitur der SLUB Dresden ĂŒberliefert und wartet noch auf ihre Wiederentdeckung. Seitenanfang ZWV 150 Litaniae Lauretanae âConsolatrix afflictorumâ, ZWV 151, D-Dur (1744) (Lauretische Litanei âTrösterin der BetrĂŒbtenâ) Zu den letzten und zugleich ergreifendsten Werken Jan Dismas Zelenkas gehört die 1744 entstandene Litaniae Lauretanae âConsolatrix afflictorumâ (ZWV 151). Sie zĂ€hlt zusammen mit der ebenfalls 1744 komponierten Schwesterlitanei âSalus infirmorumâ (ZWV 152) zu den geistlichen SpĂ€twerken, die der Komponist der sĂ€chsischen KurfĂŒrstin und polnischen Königin Maria Josepha von Ăsterreich (1699â1757) widmete. WĂ€hrend Zelenkas spĂ€te Messen vor allem fĂŒr den Festgebrauch konzipiert und kaum aufgefĂŒhrt wurden, weisen zeitgenössische Quellen darauf hin, dass gerade diese beiden Litanien tatsĂ€chlich erklangen â zunĂ€chst als Gebet um Genesung der Königin, dann als Dankgesang nach ihrer Wiederherstellung. Das Werk atmet die schlichte WĂŒrde und Vergeistigung der letzten Lebensjahre des Komponisten. Zelenka verzichtet hier auf die groĂe orchestrale Pracht seiner 1720er Jahre und wĂ€hlt eine bescheidene, kammermusikalische Besetzung mit Streichern, zwei Oboen und Basso continuo â eine instrumentale Transparenz, die den Fokus ganz auf den inneren Ausdruck lenkt. Die fĂŒnf SĂ€tze sind klar symmetrisch angelegt und in ihrer Geschlossenheit fast zyklisch: das Schluss-Agnus Dei greift thematisch auf das eröffnende Kyrie eleison zurĂŒck und schlieĂt damit den Kreis â ein musikalisches Symbol fĂŒr Gebet, Wiederholung und Erlösung. https://www.youtube.com/watch?v=sn8L6mpXxFE Im eröffnenden Kyrie eleison, einer meisterlich gearbeiteten Doppelfuge, entfaltet Zelenka eine Klangarchitektur von fast archaischer Strenge. Der Satz verbindet kontrapunktische Dichte mit einer Ruhe und Gelassenheit, die weit ĂŒber technische VirtuositĂ€t hinausgeht. Schon hier spĂŒrt man die NĂ€he des spĂ€ten Zelenka zu den groĂen geistlichen Architekten der Wiener Schule, doch seine Handschrift bleibt unverkennbar: unerwartete harmonische Wendungen, kleine rhythmische Dehnungen, das GefĂŒhl eines betenden Atems. Die anschlieĂende Sopranarie Pater de caelis, Deus ist von schlichter, fast intimer Schönheit. Ăber zarten Streichern erhebt sich eine melodische Linie, die nicht an dramatischer ExpressivitĂ€t, sondern an kontemplativer Hingabe interessiert ist. Sie steht fĂŒr Zelenkas tiefen Glauben â einen Glauben, der nicht mehr von barocker Theatralik, sondern von stiller Versenkung geprĂ€gt ist. Das Zentrum der Litanei bildet der groĂ angelegte Satz Sancta Maria. Er steht sowohl formal als auch inhaltlich im Mittelpunkt des Werkes und gehört zu den eindrucksvollsten geistlichen Eingebungen Zelenkas. Der Chor ruft unisono âSancta Maria, ora pro nobisâ, worauf die Solisten in bewegten Figuren die einzelnen Marientitel â Salus infirmorum, Consolatrix afflictorum, Auxilium Christianorum â anstimmen. Im Mittelteil tritt ĂŒberraschend ein Adagio ein, in dem diese vier marianischen Attribute zusammengefĂŒhrt werden â eine musikalische Meditation ĂŒber Trost, Heilung und Hoffnung. Dieser Abschnitt, in seiner Zartheit und Demut, gehört zu den bewegendsten Momenten im gesamten SpĂ€twerk Zelenkas. Die beiden abschlieĂenden Agnus Dei-SĂ€tze fĂŒhren das Werk zu einem leuchtenden Ende. Das erste Agnus Dei fĂŒr Solisten und Chor vereint das Bitten um Erbarmen mit der Dankbarkeit des Glaubens, wĂ€hrend das zweite, eine doppelte Fuge, den Zyklus in ruhiger Vollendung beschlieĂt. Hier verschmelzen Formbewusstsein und spirituelle Tiefe: Der letzte Kontrapunkt wirkt wie ein Gebet, das nicht endet, sondern in die Ewigkeit ausklingt. Wie in den anderen spĂ€ten Kompositionen Zelenkas beeindruckt auch hier, dass kein RĂŒckblick eines alternden Meisters, sondern eine Musik des Aufbruchs erklingt â von visionĂ€rer ModernitĂ€t und ungebrochener Lebenskraft. Sie ist durchdrungen von einer spirituellen Klarheit, die weder Resignation noch Weltflucht kennt, sondern eine aufwĂ€rtsgerichtete Bewegung âzum sternenbesĂ€ten Himmelâ suggeriert â ein Klang gewordener Glaube. Empfohlene Einspielung: Jan Dismas Zelenka â Missa purificationis Beatae Virginis Mariae und Litanie Lauretanae, Ensemble InĂ©gal, Leitung: Adam Viktora (* 1973), Label: Nibiru, 2007. Diese Aufnahme besticht durch Transparenz, stilistische Genauigkeit und eine besondere Innigkeit, die den kontemplativen Charakter der spĂ€ten Litanien erfasst. Das Ensemble InĂ©gal und Adam Viktora bringen hier Zelenkas letzte Marienmusik zum Leuchten â als stilles VermĂ€chtnis eines Komponisten, dessen Glaube und Kunst untrennbar miteinander verwoben sind. Seitenanfang ZWV 151 Litaniae Lauretanae âSalus infirmorumâ, ZWV 152, D-Dur (1744) (Lauretische Litanei âHeil der Krankenâ) Die Litaniae Lauretanae âSalus infirmorumâ ZWV 152 gehören zu den letzten vollendeten Werken Jan Dismas Zelenkas, entstanden im Jahr 1744, nur ein Jahr vor seinem Tod. Sie stehen in enger geistiger und kompositorischer Verbindung zur Schwesterlitanei âConsolatrix afflictorumâ (ZWV 151), die im selben Jahr entstand. Beide Werke bilden den Höhepunkt von Zelenkas SpĂ€tstil: Musik von erleuchteter Klarheit, frei von Ă€uĂerer Pracht, dafĂŒr erfĂŒllt von innerer Sammlung und tiefem Glauben. Die Entstehung dieser Litanei ist von einem besonderen biographischen und historischen Kontext geprĂ€gt. Zelenka widmete sie der sĂ€chsischen KurfĂŒrstin und polnischen Königin Maria Josepha von Ăsterreich (1699â1757), die im FrĂŒhjahr 1744 schwer erkrankte. Die beiden Litanien â Salus infirmorum (âHeil der Krankenâ) und Consolatrix afflictorum (âTrösterin der BetrĂŒbtenâ) â wurden offenbar nacheinander komponiert, zuerst als flehentliches Gebet um Genesung, dann als Dankopfer fĂŒr die Wiederherstellung der Gesundheit der Königin. Die Wahl der beiden marianischen Titel spricht fĂŒr sich: Zelenka verstand sie als geistliche Antiphonen auf menschliches Leid und göttlichen Trost. Die Ăberlieferungsgeschichte des Werkes ist ebenso bemerkenswert wie aufschlussreich. Das Autograph, das sich in der SĂ€chsischen Landesbibliothek â Staats- und UniversitĂ€tsbibliothek Dresden (SLUB) befindet, enthĂ€lt lediglich die ersten beiden von insgesamt neun SĂ€tzen. Erst durch eine vollstĂ€ndige Abschrift des Dresdner Orchestermitglieds Philipp Troyer (1689â1743), heute in der Bibliothek des Conservatorio âGiuseppe Verdiâ in Mailand, wurde die Komposition in ihrem gesamten Umfang bekannt. Diese Kopie enthĂ€lt Anmerkungen von Zelenka selbst und umgekehrt Eintragungen Troyers in Zelenkas Autograph â ein faszinierendes Zeugnis kollegialer Zusammenarbeit innerhalb der Dresdner Hofkapelle. Die Wiederentdeckung dieser Handschrift durch Dr. Wolfgang Reich, Leiter der Musikabteilung der SLUB, kurz vor der Veröffentlichung des Zelenka-Werkverzeichnisses (ZWV, 1985), machte die Erforschung dieses SpĂ€twerks erst möglich. Die Litaniae Lauretanae âSalus infirmorumâ sind von intimer Besetzung und durchsichtiger Faktur geprĂ€gt: Streicher, zwei Oboen und Basso continuo bilden das Fundament, auf dem Zelenka ein fein austariertes Wechselspiel zwischen Chor, Solisten und Ensemble errichtet. Die sieben erhaltenen SĂ€tze folgen in ihrer musikalischen Sprache einem klaren geistlichen Konzept â das Werk wirkt weniger wie ein feierliches Zeremoniell als wie eine meditative Andacht. https://www.youtube.com/watch?v=l7MtTTGZCzw Die Litanei eröffnet mit einem sanft leuchtenden Mater Divinae Gratiae, einem Satz von friedvoller Anmut und zugleich von tiefem Vertrauen. Darauf folgt das Pater de caelis, das in seiner kantablen LinienfĂŒhrung und zarten Instrumentierung Zelenkas NĂ€he zu den groĂen Wiener Meistern spĂŒren lĂ€sst. Die Wiederkehr des Mater Divinae Gratiae verleiht der Komposition zyklische Geschlossenheit â das Gebet, einmal ausgesprochen, kehrt als musikalische Erinnerung wieder. In Virgo prudentissima und Salus infirmorum erreicht Zelenkas spĂ€te Tonsprache eine einzigartige Balance aus Einfachheit und Innerlichkeit. Die Stimmen verweben sich eng, ohne in barocke ĂberfĂŒlle zu geraten, und der Kontrapunkt wird zum TrĂ€ger des Gebets. Besonders im titelgebenden Abschnitt Salus infirmorum entfaltet der Komponist jene stille Dramatik, die seine letzten Jahre kennzeichnet: kein Ă€uĂerlicher Affekt, sondern ein musikalischer Ausdruck von Leid, Hoffnung und göttlicher NĂ€he. Den Abschluss bildet ein innig gebautes Agnus Dei, das den Kreis zum Anfang schlieĂt und den Hörer in einem Zustand kontemplativer Ruhe entlĂ€sst. Das Werk endet nicht in Triumph, sondern in friedlicher Versöhnung â als Ausdruck eines tief verinnerlichten Glaubens, der Schmerz und Heilung als untrennbare Teile des menschlichen Daseins begreift. Mit den Litaniae Lauretanae âSalus infirmorumâ verleiht Zelenka seinem Lebenswerk einen leisen, aber erhabenen Schlusspunkt. Es ist Musik eines KĂŒnstlers, der an der Schwelle zum Tod keine Resignation kennt, sondern eine spirituelle Reife erreicht, in der Kunst und Gebet eins werden. Empfohlene Einspielung: Jan Dismas Zelenka â Missa Dei Filii und Litaniae Lauretanae, Kammerchor Stuttgart, Freiburger Barockorchester, Leitung: Frieder Bernius (* 1947), Label: BMG Entertainment, 1990. Diese Aufnahme ĂŒberzeugt durch ihre klare LinienfĂŒhrung, textliche PrĂ€zision und jene atmende SpiritualitĂ€t, die Zelenkas SpĂ€tstil kennzeichnet. Bernius und seine Ensembles gestalten die Musik als Klanggebet â streng in der Form, doch von tiefer innerer Glut durchdrungen. Seitenanfang ZWV 152 Litaniae Omnium Sanctorum, ZWV 153, D-Dur (ca. 1735) (Litanei zu Allerheiligen) Unter den zahlreichen Litanien, die Jan Dismas Zelenka fĂŒr die Dresdner Hofkirche komponierte, nimmt die Litaniae Omnium Sanctorum ZWV 153 einen besonderen Platz ein. Entstanden um 1735, in jener reifen Schaffensphase, in der Zelenkas Kunst ihren unverwechselbaren Ausdruck zwischen architektonischer Strenge und mystischer Innigkeit fand, gehört sie zu den leuchtendsten Beispielen seiner tiefen Frömmigkeit und seines kompositorischen Raffinements. Diese Litanei, eine Anrufung aller Heiligen, ist ein Werk von eindrucksvoller Energie, kontrapunktischer Dichte und zugleich von pastoraler Helle â ein geistliches Fresko, das den Himmel selbst in Musik zu fassen scheint. https://www.youtube.com/watch?v=Cp_yOcQgJBs Das Werk umfasst zwölf Abschnitte und ist fĂŒr vier Solisten (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Chor und Orchester mit Streichern, Oboen und Continuo gesetzt. Schon das eröffnende Kyrie I strahlt jenen typischen Zelenkaâschen Glanz aus, der aus der Verbindung von kontrapunktischer KomplexitĂ€t und rhythmischer Lebendigkeit entsteht. Der Chor trĂ€gt die flehende Bitte âKyrie eleisonâ mit festem, fast triumphalem Duktus vor, und die Stimmen verschrĂ€nken sich in kunstvoller Imitation. Im folgenden Kyrie II steigert sich die Dichte zu einer strengen Fuge, die in ihrer Klarheit und architektonischen PrĂ€zision an Bachs Zeitgenossen erinnert, zugleich aber Zelenkas unverwechselbare Handschrift trĂ€gt: ĂŒberraschende Harmoniewechsel, scharfe Akzente, der Wechsel zwischen erhabenem Tutti und feinsinnigem Stimmgeflecht. Das anschlieĂende Christe eleison wird zur Doppelfuge von auĂerordentlicher Kunstfertigkeit â ein MeisterstĂŒck polyphoner Klangorganisation, das die geistige Kraft des spĂ€ten Zelenka eindrucksvoll offenbart. Mit dem Pater de coelis, Deus, einer Sopranarie von inniger Schlichtheit, öffnet sich die Litanei zu einem kontemplativen Moment: Die Stimme schwebt ĂŒber sanft bewegten Streichern, fast wie ein Gebet in Musikform. Der Chorsatz Sancte Petre folgt mit majestĂ€tischer Wucht â ein Aufruf an den ApostelfĂŒrsten, gestaltet als Hommage an die Kirche selbst. Die mittleren Abschnitte â Propitius esto, Ab ira tua und Peccatores â zeigen die volle Spannweite von Zelenkas Ausdruckswelt. In Propitius esto fleht der Chor um göttliche Nachsicht, wĂ€hrend Ab ira tua als Tenorarie den Zorn Gottes in drĂ€ngenden, aufwĂ€rtsstrebenden Linien beschwört. Peccatores, ein Ensemble fĂŒr Alt, Tenor, Bass und Chor, gehört zu den emotionalen Höhepunkten der Komposition: Hier verdichten sich Schmerz, BuĂe und Hoffnung zu einem einzigen musikalischen Atemzug. In Ut nos ad veram gestaltet Zelenka ein ergreifendes Trio fĂŒr Bass, Sopran und Alt â eine innige Bitte um wahre Heiligkeit, die den meditativen Kern der Litanei bildet. Das anschlieĂende dreifache Agnus Dei (IâIII) krönt das Werk mit einem monumentalen architektonischen Schluss. Der erste Satz bringt den Chor in feierlicher Harmonie zusammen, der zweite entwickelt sich zu einer kunstvollen Fuge, und das abschlieĂende Agnus Dei III, wiederum als Doppelfuge, bĂŒndelt alle Themen zu einer grandiosen Finalstruktur. Dieses SchlussgebĂ€ude, von fast mathematischer Klarheit, ist Zelenka in seiner reinsten Form: strahlend, diszipliniert, tief bewegt â eine theologische und musikalische Synthese von Glauben und Kunst. Die Litaniae Omnium Sanctorum zeigen, wie Zelenka in seinen mittleren Dresdner Jahren eine Synthese aus italienischem Stil, böhmischer Frömmigkeit und kontrapunktischer Gelehrsamkeit erreichte. Es ist Musik, die den Hörer nicht nur beeindruckt, sondern ergreift â eine Klangarchitektur, die wie ein Gebet aus Licht gebaut scheint. Empfohlene Einspielung: Jan Dismas Zelenka â Magnificat, Sacred Compositions for Soloists, Chorus and Orchestra, PraĆŸskĂœ filharmonickĂœ sbor, Leitung: LubomĂr MĂĄtl (1934â2018), Label: SUPRAPHON, Aufnahme von 1985, digital restauriert und 1997 neu herausgegeben. Diese Aufnahme verbindet klare LinienfĂŒhrung mit einer tief empfundenen geistlichen AtmosphĂ€re. Der Prager Philharmonische Chor und LubomĂr MĂĄtl verleihen Zelenkas Litanei jene Mischung aus barocker Glorie und kontemplativer WĂ€rme, die ihr innerstes Wesen ausmacht: ein Werk, das nicht nur erklingt, sondern betet. Seitenanfang ZWV 153 Litaniae Xaverianae, ZWV 154 (Litanei zu Ehren des heiligen Franz Xaver) Diese Litaniae Xaverianae entstanden im Jahr 1723 in Prag, wo Zelenka sich im Rahmen der auĂergewöhnlich prunkvollen Feierlichkeiten aufhielt, die zur Krönung Kaiser Karls VI. (1685â1740) zum König von Böhmen am 12. September 1723 veranstaltet wurden. Prag war in diesem Jahr das Zentrum Europas: FĂŒr Wochen strömte der Adel aus dem ganzen Kontinent in die Stadt, und die Jesuiten bereiteten ein groĂ angelegtes Festprogramm vor, in dessen Mittelpunkt Zelenkas allegorisches Melodram Sub olea pacis et palma virtutis (ZWV 175) stand. Vor diesem Hintergrund dĂŒrfte die Komposition der Litanei ZWV 154 nicht nur liturgische Funktion gehabt haben, sondern auch als persönlicher Dank Zelenkas an die Prager Jesuiten fĂŒr die auĂergewöhnliche Gelegenheit, sich vor einem internationalen Publikum von höchstem Rang prĂ€sentieren zu können. Zelenka widmete den Heiligen Franz Xaver (1506â1552) â Missionar, MitbegrĂŒnder des Jesuitenordens und einer der zentralen Gestalten der katholischen Reform â mit besonderer Hingabe. Dem Komponisten war der Heilige nicht nur aus theologischer Verehrung nah, sondern auch aufgrund seiner eigenen lebenslangen Verbundenheit mit den Jesuiten, die seine Ausbildung prĂ€gten und sein Wirken sowohl in Prag als auch spĂ€ter in Dresden begleiteten. Insgesamt komponierte Zelenka drei Litanien und eine Messe zu Ehren Franz Xavers; innerhalb dieses Zyklus nehmen die Litaniae Xaverianae eine besondere Stellung ein. Sie entstanden nicht fĂŒr die Dresdner Hofkirche, sondern fĂŒr die Prager Jesuiten, und ihr Klang trĂ€gt unverkennbar den Charakter dieses Umfelds: festlich und strahlend, zugleich geprĂ€gt von tiefer innerer Sammlung. https://www.youtube.com/watch?v=Azh_SDGR1E0&t=2073s Schon der Eingangschor Kyrie eröffnet mit feierlichem Glanz. Nach einer imposanten Introduktion entfaltet sich eine kunstvolle Fuge âim alten Stilâ (stile antico), die auf eine frĂŒhere, heute fragmentarisch erhaltene Vertonung aus der Litaniae de Virgine Maria (ZWV 149) zurĂŒckgeht. Diese Verbindung von kontrapunktischer Strenge und festlichem Jubel zeigt den fĂŒr Zelenka typischen Umgang mit Tradition und Erneuerung: die âKirchengelehrsamkeitâ der Renaissance wird in barocke Klangpracht verwandelt. Die Arie Pater de caelis, Deus fĂŒr Tenor ist von virtuoser Beweglichkeit geprĂ€gt und zeichnet sich durch die klangliche Besonderheit aus, dass Violinen und Oboen unisono gefĂŒhrt werden â ein Effekt, der dem Satz ein helles, silbriges Leuchten verleiht. Der anschlieĂende Chorsatz Sancte Francisce entfaltet sich mit energischem Gestus und rhythmischer PrĂ€gnanz, wĂ€hrend Tuba resonas sanctus spiritus, eine Arie fĂŒr Alt, den Heiligen Geist in aufwĂ€rtsstrebenden Linien und feierlichen Fanfaren beschwört. Besonders bemerkenswert ist der Satz Fugator Daemonium, den Zelenka fĂŒr drei Bass-Solisten komponierte â eine Ă€uĂerst seltene und klanglich wuchtige Besetzung, die er spĂ€ter auch in seinem De profundis (ZWV 97) verwendete. Hier scheint die Macht des Heiligen Franz Xaver, der nach der Legende DĂ€monen vertreibt, in Klanggestalt zu treten: dunkle Register, energische Rhythmen, markante Intervalle â Musik von spiritueller Wucht. Im Chor Gloria societatis Jesu erreicht das Werk seinen festlichsten Moment: eine musikalische Huldigung an den Orden der Jesuiten, deren Ideal der Gottesgelehrsamkeit und des Dienstes Zelenka sein Leben lang in besonderer Weise verkörperte. Die Arie Pauperime, castissime Xaveri bringt einen Moment demĂŒtiger Innigkeit, wĂ€hrend Animarum et divini amoris ardor fĂŒr Sopran den Glutkern dieser Litanei offenlegt: die brennende Liebe der Seele zu Gott. Das Werk endet mit einem machtvollen Agnus Dei, das in feierlicher Doppelfuge mĂŒndet â eine Apotheose des barocken Glaubens, der Vernunft und VerzĂŒckung zugleich kennt. Instrumentation und Klangsprache machen deutlich, dass Zelenka das Werk fĂŒr Musiker ersten Ranges schrieb: neben Streichern und Continuo finden sich zwei Clarinen (Barocktrompeten) und Pauken, die der Musik festlichen Glanz verleihen. Zugleich verrĂ€t der kompositorische Anspruch, dass Zelenka die besten KrĂ€fte Prags im Sinn hatte â eine Musik fĂŒr ein groĂes Ereignis, fĂŒr ein glĂ€ubiges Publikum, aber auch fĂŒr die Ewigkeit. Die Litaniae Xaverianae sind damit nicht nur ein prachtvolles Bekenntnis zum Glauben, sondern auch ein klingendes SelbstportrĂ€t ihres Schöpfers: ein Musiker zwischen zwei Welten â zwischen Böhmen und Sachsen, zwischen Vernunft und Vision, zwischen dem irdischen und dem himmlischen Dienst. Empfohlene Einspielung: Jan Dismas Zelenka â Missa Charitatis ZWV 10 und Litaniae Xaverianae ZWV 154, Ensemble InĂ©gal, Leitung: Adam Viktora (* 1973), Label: Nibiru, 2013. Eine Aufnahme, die Zelenkas Musik in ihrer ganzen Spannweite hörbar macht: von der strengen, kontrapunktischen Architektur bis zur glĂŒhenden ExpressivitĂ€t. Viktoras Interpretation verbindet PrĂ€zision und Demut â eine musikalische Huldigung an den Komponisten, der wie Franz Xaver selbst im Dienst einer höheren Berufung stand. Seitenanfang ZWV 154 Litaniae Xaverianae, ZWV 155 (Zweite Litanei zu Ehren des heiligen Franz Xaver) Die Litaniae Xaverianae ZWV 155 entstanden im Dezember 1727 in Dresden und bilden Zelenkas zweite umfangreiche Vertonung einer Litanei zu Ehren des heiligen Franz Xaver (1506â1552). WĂ€hrend die frĂŒhere Prager Fassung ZWV 154 (1723) durch ihre festliche Pracht und reprĂ€sentative Funktion geprĂ€gt ist, zeigt ZWV 155 den Komponisten im Dienst der Dresdner Hofkirche, wo Franz Xaver als besonderer Patron der Kurfamilie und der Jesuiten verehrt wurde. Dass gleich mehrere Dresdner Komponisten der 1720er Jahre â Johann David Heinichen (1683â1729), Giovanni Alberto Ristori (1692â1753) und Tobias Butz (â nach 1735) â Litaneien zu Ehren des Heiligen schufen, unterstreicht die Bedeutung dieses Kults. Doch keiner widmete ihm so viele eigenstĂ€ndige Kompositionen wie Zelenka: drei Litanien und eine Messe. ZWV 155 zeigt Zelenka auf dem Höhepunkt seiner geistlichen Ausdruckskraft. Es handelt sich um ein Werk, das nicht primĂ€r durch Ă€uĂeren Glanz ĂŒberzeugt, sondern durch eine tiefe, geradezu meditative Durchdringung des Textes. Die hĂ€ufig wiederkehrende Anrufung âora pro nobisâ erhĂ€lt hier eine besondere strukturelle Bedeutung: Zelenka setzt sie bewusst an Scharnierpunkte der Architektur, als ruhenden Pol inmitten einer FĂŒlle von Heiligenanrufungen. Das Werk gewinnt dadurch eine innere Achse, die wie ein spiritueller Grundton durch die zwölf Abschnitte zieht. Die Instrumentation ist typisch fĂŒr Zelenkas mittlere Dresdner Phase: Streicher, Oboen und Continuo bilden den Kern; festliche Trompeten fehlen hier, wodurch die Komposition einen stĂ€rker kontemplativen Charakter erhĂ€lt. Die Chor- und SolosĂ€tze wechseln in ausgewogener Proportion, und Zelenka nutzt die Stimmen nicht nur zur Deklamation, sondern als Klangsymbole fĂŒr die jeweiligen Eigenschaften des Heiligen. https://www.youtube.com/watch?v=KGemgvQkoPg Der eröffnende Kyrie entfaltet eine feierliche Strenge und fĂŒhrt unmittelbar in die spirituelle Welt des Werkes. Der erste Sancte FrancisceâSatz ist ein machtvoller Chorruf, gefolgt von dem eindringlichen Firmamentum, dessen tonale Schlichtheit eine fast pastorale Ruhe ausstrahlt. Mit Fidelis Imitator, einer Tenorarie, wendet sich Zelenka der Nachfolge Christi zu â Franz Xaver als Modell des gelebten Glaubens. In Salus aegrotorum zeigt sich eine empfindsame, fast empfindsame (!) LinienfĂŒhrung, wĂ€hrend Fugator daemonum erneut Zelenkas Vorliebe fĂŒr das dunkle Bassregister offenbart: ein machtvoller, geradezu theatralischer Satz, der die dĂ€monenvertreibende Kraft des Heiligen musikalisch greifbar macht. Diese Affektmusik â ein Markenzeichen Zelenkas â zeigt ihn als dramatischen ErzĂ€hler innerhalb liturgischer Formen. Der zentrale Chorsatz Gloria societatis Jesu stellt, wie in ZWV 154, eine klingende Huldigung an die Jesuiten dar. Er hebt die IdentitĂ€t des Ordens hervor, der durch die Bekehrung Augusts des Starken (1670â1733) und seines Hofes 1697 in Dresden festen Einfluss gewann. In einem protestantischen Umfeld wie Sachsen war die Verehrung eines jesuitischen Missionars ein sichtbares Zeichen: Franz Xaver stand nicht nur fĂŒr die katholische Mission, sondern auch fĂŒr das SelbstverstĂ€ndnis der neugegrĂŒndeten Hofkirche. Die spĂ€tere SpiritualitĂ€t des Werkes spiegelt sich in den besinnlichen SĂ€tzen Pauperime, castissime Xaveri (fĂŒr Alt und Chor) und Animarum et divini amoris ardor (fĂŒr Sopran) wider: Musik, die in innerer Glut brennt, jedoch nie sentimental wird. Die Struktur erfĂŒllt ihren Höhepunkt in den drei letzten SĂ€tzen: - Sancte Francisce II, eine feierlich gesteigerte Wiederkehr der ersten Anrufung, - der dichte Chorsatz In quo uno omnium, - und das abschlieĂende Agnus Dei I und II, das in einer kunstvollen Fuge endet, in der Zelenka den BuĂcharakter der Litanei in reine Klangarchitektur verwandelt. ZWV 155 zeigt Zelenkas FĂ€higkeit, Theologie und Musik zu verschmelzen: Die Litanei ist nicht bloĂ ein Werk der Verehrung, sondern eine geistliche Meditation, die durch Ton, Linie und Harmonie den Weg des Heiligen nachzeichnet. Empfohlene Einspielung: Jan Dismas Zelenka â Litaniae Xaverianae ZWV 155, Ensemble InĂ©gal, Leitung: Adam Viktora (* 1973), aufgenommen 2010, Label NIBIRU. Viktoras Interpretation verbindet analytische Klarheit mit spiritueller Tiefe und lĂ€sst Zelenkas subtile Klangsprache â in der geistliche Innigkeit, technische Meisterschaft und mutige Harmonik einander durchdringen â beispielhaft hervortreten. Seitenanfang ZWV 155 Litaniae de Sancto Xaverio, ZWV 156 (Litanei zum heiligen Franz Xaver) Die dritte und letzte Litanei, die Jan Dismas Zelenka dem heiligen Franz Xaver (1506â1552) widmete, entstand 1729 in Dresden â in jener entscheidenden Phase, in der der Komponist nach dem Tod Johann David Heinichens (1683â1729) de facto die musikalische Verantwortung der Hofkirche trug. ZWV 156 ist nicht nur der Abschluss einer kleinen Serie von drei Xaverius-Litaneien, sondern zugleich der innerlich reifste Beitrag: ein Werk von konzentrierter Ausdruckskraft, spiritueller Sammlung und vollendeter kontrapunktischer Meisterschaft. WĂ€hrend die Prager Litanei ZWV 154 (1723) glanzvoll-festlichen Charakter trĂ€gt und die Dresdner ZWV 155 (1727) eine meditative Ausrichtung aufweist, steht ZWV 156 an der Schwelle zu Zelenkas groĂen SpĂ€twerken. Die Musik wirkt hier zugleich ernster, gedankentiefer und stĂ€rker nach innen gekehrt. Der Heilige Franz Xaver erscheint nicht mehr primĂ€r als triumphierender Missionar oder dĂ€monenvertreibender WundertĂ€ter, sondern als geistliche Leitfigur eines betenden, zweifelnden, vertrauenden Menschen. Die Instrumentation â ein Ensemble aus Streichern, Oboen und Basso continuo â ist bewusst schlank gehalten. Trompeten und Pauken treten zurĂŒck; das Klangbild wird transparenter, geistiger, fast kammermusikalisch. Zelenka setzt stĂ€rker auf Stimmen als auf Ă€uĂere Effekte: Der Chor wĂ€chst zu einem liturgischen Organismus, der nicht reprĂ€sentiert, sondern betet. https://www.youtube.com/watch?v=KjQoyo7bDd4&list=OLAK5uy_nV0p47nYQykvSTt7OBoKGeliYyaUOjok4&index=18 Die Litanei beginnt mit einem Kyrie, das â im Unterschied zu seinen Messen â nicht nach festlicher GröĂe strebt, sondern nach innerer Klarheit und ruhiger WĂŒrde. Der Satz ist durch jene leicht vorwĂ€rtsdrĂ€ngende Motorik geprĂ€gt, die Zelenkas Handschrift unverwechselbar macht: ein stetiger Atem, der nicht rastet. In den nachfolgenden Anrufungen des Heiligen entfaltet sich eine beeindruckende stilistische Vielfalt: Sancte Xaveri erscheint in der ganzen WĂŒrde des Ordenspatrons, getragen von strenger, aber flieĂender Polyphonie. In den solistischen SĂ€tzen, insbesondere in den Arien fĂŒr Alt und Tenor, zeigt Zelenka jene empfindsame LinienfĂŒhrung, die seine spĂ€teren Werke auszeichnet: schmale Intervalle, tiefe Affekte, ein bewusst reduzierter Klang, der die Stimme wie ein Gebet aus dem Inneren heraushebt. Das Ensemble der Bass-Stimmen â eine Anspielung auf die âdĂ€monenvertreibendeâ Thematik frĂŒherer Litaneien â klingt hier nicht martialisch, sondern zurĂŒckhaltend ernst, fast pastoral. Der zentrale Gedanke dieser Litanei aber ist Demut. In âPauperime Xaveriâ verleiht Zelenka dem Motiv der Armut und Reinheit des Heiligen ein musikalisches Gesicht, das in seiner inneren Ruhe und Gelassenheit zu den eindringlichsten Momenten seines geistlichen Ćuvres gehört. Die Musik zeichnet kein Bild Ă€uĂerer Askese, sondern eine Haltung: den Heiligen als Vorbild der Selbsthingabe und Lauterkeit. Wie in vielen spĂ€ten Werken findet der Komponist im Agnus Dei zu einer Synthese aller stilistischen Mittel zurĂŒck. Die Linien verflechten sich mit gröĂter Klarheit; die Musik wird zum meditativen Schlusspunkt, der nicht mit Ă€uĂerem Jubel endet, sondern mit einem stillen Leuchten. ZWV 156 ist damit die gereifteste, subtilste und innerlichste unter Zelenkas drei Xaverius-Litaneien â weniger ein FeststĂŒck als ein geistliches PortrĂ€t. Es ist die Musik eines Mannes, der nicht mehr fĂŒr ein groĂes Publikum schreibt, sondern fĂŒr den Altar, fĂŒr die Andacht und fĂŒr die Stille. Empfohlene Einspielung: Jan Dismas Zelenka â Missa Divi Xaverii ZWV 12 und Litaniae de Sancto Xaverio ZWV 156, Collegium 1704, Leitung: VĂĄclav Luks (*. 1970), Label: Accent, 2016 (Tracks 18â32). Luks und sein Collegium 1704 erfassen den inneren Kern dieser Musik wie kaum ein anderes Ensemble: leuchtende Transparenz, prĂ€zise StimmfĂŒhrung, ein organisches VerhĂ€ltnis von Wort und Klang. Die Aufnahme macht deutlich, wie sehr Zelenkas spĂ€te Litaneien nicht nur Meisterwerke des Barock sind, sondern Dokumente einer tiefen, stillen SpiritualitĂ€t â und damit zeitlose Kunst. Seitenanfang ZWV 156 Sub tuum praesidium in g-Moll (âUnter deinen Schutz und Schirmâ), ZWV 157 (um 1730â1735) Eine kurze Marienantiphon als geistliches Konzentrat: Bitte, Vertrauen und Trost in g-Moll Unter den kleineren, doch geistlich besonders dichten Marienwerken Jan Dismas Zelenkas nimmt Sub tuum praesidium, ZWV 157, eine herausgehobene Stellung ein. Das Werk besteht aus drei musikalisch klar voneinander abgegrenzten, aber geistlich eng miteinander verwobenen Teilen, die gemeinsam eine kleine geistliche Dramaturgie entfalten: Bitte â Vertrauen â Vollendung. Das kurze Antiphon Sub tuum praesidium ist der Ă€lteste ĂŒberlieferte Marienhymnus der Christenheit (3.â4. Jahrhundert), und Zelenka behandelt ihn entsprechend mit einer Mischung aus Verehrung, klanglicher ZurĂŒckhaltung und jener inneren Glut, die seine spĂ€ten Sakralkompositionen auszeichnet. Der erste Abschnitt, die Vertonung des eigentlichen Antiphons, steht in einem dunklen g-Moll, das Zelenka gern fĂŒr Werke wĂ€hlte, in denen Demut und flehentliche Bitte zentral sind. Die Musik öffnet sich mit einem Satz, der trotz seiner KĂŒrze eine bemerkenswerte innere Spannung enthĂ€lt: Die Stimmen treten mit fast scheuem Klang ein, als nĂ€hmen sie den uralten Text wie eine kostbare Reliquie in die HĂ€nde. Die Harmonik ist schlicht, aber keineswegs einfach; Zelenka webt kleine chromatische Wendungen ein, die den flehenden Charakter des âsub tuum praesidium confugimusâ deutlich hervorheben. https://www.youtube.com/watch?v=ip_gX3yZAn0&list=OLAK5uy_nMGr4XKjkwZ5W74CDhCrE1TA-uTWwu2Z8&index=17 Im mittleren Abschnitt in c-Moll hellt sich das Klangbild merklich auf. Zelenka gestaltet den Teil âSancta Dei Genitrixâ als innige, fast kammermusikalische Anrufung der Gottesmutter. Hier zeigt sich deutlich sein GespĂŒr fĂŒr vokale LinienfĂŒhrung: Die Stimmen umspielen einander in zarten Imitationen, als nĂ€herten sie sich im vertrauensvollen Gebet der Gestalt Mariens. Dieses Zentrum des Werkes wirkt wie ein Ruhepunkt â eine musikalische Ikone, getragen von milder WĂ€rme und schlichtem Licht. https://www.youtube.com/watch?v=_zQkcQv15WY&list=OLAK5uy_nMGr4XKjkwZ5W74CDhCrE1TA-uTWwu2Z8&index=22 Der abschlieĂende Abschnitt in d-Moll bringt das Werk zu einer eindrucksvollen Apotheose. Zelenka steigert den Klang zu einer eindringlichen Bitte um Schutz und FĂŒrbitte: âsed a periculis cunctis libera nos semperâ. Die Musik wird energischer, der Satz gewinnt an Breite, und die kontrapunktische Arbeit zeigt die innere Kraft des Glaubens, der sich im Vertrauen auf die Gottesmutter stĂ€rkt. Besonders charakteristisch ist Zelenkas FĂ€higkeit, in wenigen Takten einen vollstĂ€ndigen geistlichen Bogen zu schlagen: von Dunkel und Bitte ĂŒber Vertrauen zu einer hellen, fast triumphalen Gewissheit der Erhörung. https://www.youtube.com/watch?v=heO1xnFHc8U&list=OLAK5uy_nMGr4XKjkwZ5W74CDhCrE1TA-uTWwu2Z8&index=27 Musikhistorisch lĂ€sst sich ZWV 157 in jene reife Phase einordnen, in der Zelenka in Dresden â ohne Kapellmeistertitel, aber weithin bewundert â eine Reihe kleinerer, hochverdichteter Marienwerke schrieb. Diese Kompositionen sind weder Gelegenheitsarbeiten noch Nebenwerke, sondern theologisch durchdrungene Klangminiaturen, in denen sich Zelenkas persönliche Frömmigkeit und seine meisterhafte kompositorische Erfahrung auf engstem Raum begegnen. Sub tuum praesidium ist eines der ĂŒberzeugendsten Beispiele fĂŒr diese spĂ€te, konzentrierte Tonsprache. Text Latein Sub tuum praesidium confugimus, Sancta Dei Genitrix. Nostras deprecationes ne despicias in necessitatibus, sed a periculis cunctis libera nos semper, Virgo gloriosa et benedicta. Deutsch Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, heilige GottesgebĂ€rerin. Unsere Bitten verschmĂ€he nicht in unseren Nöten, sondern erlöse uns jederzeit von allen Gefahren, du glorreiche und gebenedeite Jungfrau Empfohlene Einspielung Jan Dismas Zelenka â Sub tuum praesidium g-Moll, ZWV 157 Collegium 1704, Leitung: VĂĄclav Luks (* 1970) Label: SUPRAPHON, aufgenommen 2014 Enthalten auf der CD Zelenka: Sanctus et Agnus Dei / Sub tuum praesidium, Tracks 17, 22 und 27. Seitenanfang ZWV 157 Statio quadruplex, ZWV 158 (âVierfache Stationâ) Die Statio quadruplex ZWV 158 gehört zu den selten aufgefĂŒhrten geistlichen Kompositionen des spĂ€ten Zelenka und ist ein Werk von eigenstĂ€ndiger Form, subtiler theologischer Symbolik und unverkennbarer persönlicher Handschrift. Bei der vierteiligen Statio handelt es sich nicht um eine liturgische Messe oder Vesper, sondern um eine meditative, an die katholische Passionsfrömmigkeit gebundene Folge von vier Stationen, die jeweils eine kurze Betrachtung ĂŒber das Leiden Christi bĂŒndeln. Entstanden ist das Werk höchstwahrscheinlich in den frĂŒhen 1730er Jahren, als Zelenka die Verantwortung fĂŒr einen erheblichen Teil der Kirchenmusik am Dresdner Hof trug und sich seine kontrapunktische Kunst zu gröĂter Reife entfaltet hatte. Die vier Stationen sind durchweg ausdrucksvoll, kompositorisch konzentriert und harmonisch kĂŒhn: keine KlangfĂŒlle, keine groĂen Chöre, sondern eine fast intime, kontemplative Andachtsmusik in der Tradition der barocken Passio-meditationes. Jede Station ist textlich knapp gehalten und konzentriert sich auf einen einzigen geistlichen Affekt: Klage, Bitte um Erbarmen, Betrachtung der Wunden und der Bitte um göttliche Hilfe. Darin Ă€hnelt die Statio quadriplex den kurzen liturgischen Responsorien der Karwoche, doch Zelenka erweitert den Ausdrucksraum durch raffinierte Harmonik und motivische Arbeit. Der Eröffnungssatz, Statio I: Domine Iesu Christe, zeichnet sich durch dunkle, spannungsvoll verschobene Harmonien aus, die Zelenkas unverwechselbare chromatische Handschrift zeigen. Die Musik wirkt wie ein vorsichtiges Tasten in der DĂ€mmerung, als suche die Seele tastend nach Orientierung. https://www.youtube.com/watch?v=es2lIgH9jx8&list=OLAK5uy_nsmTaK2Bx_BTm_bk4RnT4yXIqa2YtNMUs&index=2 Statio I â Domine Iesu Christe Latein Domine Iesu Christe, respice famulos tuos, quos pretioso sanguine tuo redemisti, et ne despicias opera manuum tuarum. Deutsch Herr Jesus Christus, schaue auf deine Knechte, die du mit deinem kostbaren Blut erlöst hast, und verachte nicht das Werk deiner HĂ€nde. Die zweite Station, Parce mihi, Domine, ist intensiver, beinahe schmerzvoll, mit stark dissonanten Wendungen und einem flehentlichen Vokalsatz, der Zelenkas FĂ€higkeit zeigt, menschliche Zerbrechlichkeit in reine musikalische Gestalt zu ĂŒbersetzen. https://www.youtube.com/watch?v=bK7FqisavxU&list=OLAK5uy_nsmTaK2Bx_BTm_bk4RnT4yXIqa2YtNMUs&index=2 Statio II â Parce mihi, Domine Latein Parce mihi, Domine, nihil enim sunt dies mei. Quare me sic contristasti, et cur non dimittis me, ut paulisper consolari possim? Deutsch Erbarme dich meiner, Herr, denn nichts sind meine Tage. Warum hast du mich so betrĂŒbt, und warum lĂ€sst du mich nicht ein wenig frei, damit ich fĂŒr kurze Zeit Trost finden kann? Die dritte Station, O bone Jesu, ist der kontemplativste Abschnitt des Zyklus. Die Stimmen umkreisen einander in sanft schwebenden Linien, die Harmonik ist weniger hart, dafĂŒr schimmernd und innig. Hier begegnet uns der meditative Zelenka, der Meister des musikalischen Gebets. https://www.youtube.com/watch?v=lA2j4GykAl4&list=OLAK5uy_nsmTaK2Bx_BTm_bk4RnT4yXIqa2YtNMUs&index=3 Statio III â O bone Iesu Latein O bone Iesu, miserere mei, quia peccavi nimis. Ad te levavi animam meam; in te confido: non confundar in aeternum. Deutsch O guter Jesus, erbarme dich meiner, denn ich habe schwer gesĂŒndigt. Zu dir habe ich meine Seele erhoben; auf dich vertraue ich: ich werde in Ewigkeit nicht zuschanden werden. Die vierte Station schlieĂlich, Libera me, Domine, fĂŒhrt das Werk zu einem intensiven Abschluss: ein flehender, drĂ€ngender Satz, dessen innere Spannung kurz vor dem Ende beinahe schmerzhaft wird, bevor sich die Musik in einen stillen, ernsten Schluss hineinlöst. Man hört hier eine geistliche Kraft, die nicht nach Ă€uĂerem Glanz strebt, sondern nach existenzieller Tiefe. https://www.youtube.com/watch?v=z78iOaHQT1k&list=OLAK5uy_nsmTaK2Bx_BTm_bk4RnT4yXIqa2YtNMUs&index=4 Statio IV â Libera me, Domine Latein Libera me, Domine, de morte aeterna in die illa tremenda, quando caeli movendi sunt et terra; dum veneris judicare saeculum per ignem. Deutsch Befreie mich, Herr, vom ewigen Tod an jenem furchtbaren Tage, wenn Himmel und Erde erzittern, wenn du kommen wirst, die Welt durch Feuer zu richten. In dieser Einspielung des Ensemble InĂ©gal unter Adam Viktora (* 1973) erscheinen alle vier Stationen transparent und streng zugleich, mit einer Klarheit, die Zelenkas kontrapunktische LinienfĂŒhrung besonders hervorhebt. Die Aufnahme (Nibiru 2025) setzt auf eine fast kammermusikalische Balance und lĂ€sst die expressive Harmonik plastisch hervortreten. Dadurch wird die Statio quadruplex zu einem der bewegendsten und persönlichsten Werke in Zelenkas SpĂ€tstil. Seitenanfang ZWV 158 Dixit Dominus, ZWV 66 (um 1725) Zelenkas Vertonung des Psalms Dixit Dominus ZWV 66 entstand um das Jahr 1725, als er seinen ersten Zyklus der Psalmi Vespertini fĂŒr den Dresdner Hof zusammenstellte â ein Projekt, das ihn zu einigen der ausdrucksstĂ€rksten und zugleich architektonisch kĂŒhnsten Psalmvertonungen seiner gesamten Laufbahn fĂŒhrte. Das Werk zeigt den Komponisten auf dem Höhepunkt seines kompositorischen Denkens: kontrapunktisch ĂŒberlegen, harmonisch wagemutig, strukturell streng und zugleich dramatisch aufgeladen. https://www.youtube.com/watch?v=Qh_tXrdG4Qs Der Eingangssatz âDixit Dominus Domino meoâ ist durchkomponiert und spannt einen groĂen Bogen zwischen Anfang und Ende, indem er das gleiche thematische Material als architektonische Klammer verwendet. Zelenka greift dabei auf den cantus firmus der gregorianischen Psalmtonart zurĂŒck, den er im Sopran verankert, wĂ€hrend Alt, Tenor und Bass in dichter Imitation darum kreisen. Die Satztechnik erinnert an die groĂ angelegten Choralphantasien des jungen Johann Sebastian Bach (1685â1750), ohne jedoch an barocke Choralmystik gebunden zu sein â bei Zelenka entsteht daraus ein ernstes, fast monumentales Klangrelief. Der zweite Satz âVirgam virtutisâ öffnet den Raum zu einer mehrteiligen, konzertierenden Struktur, in der Solosopran, Alto und Bass mit dem Chor abwechseln. Die Textzeile âdominare in medio inimicorum tuorumâ erhĂ€lt eine eindringliche Refrainform, mit der der Chor in regelmĂ€Ăigen AbstĂ€nden den Machtanspruch Gottes ĂŒber seine Feinde bekrĂ€ftigt. Typisch fĂŒr Zelenka ist der starke Kontrast zwischen der innigen SolofĂŒhrung und den machtvollen chorischen EinschĂŒben, die in ihrer rhetorischen Direktheit an venezianische Mehrchörigkeit erinnern, allerdings in einer strenger gefĂŒgten, quasi architektonischen Dresdner AusprĂ€gung. Den dramatischen Kern des Werkes bildet der dritte Satz âIudicabit in nationibusâ. Hier entfaltet Zelenka eine der fĂŒr seine Psalmen typischen âSzenenâ â musikalische Episoden, in denen verschiedene Affekte, Tempi und Ausdrucksweisen unmittelbar aufeinandertreffen. GroĂe Pausen, drastische Tempowechsel, metrische Verschiebungen, der Einsatz des stile concitato, kurze fugierte Abschnitte und harmonisch verblĂŒffende Fortschreitungen erzeugen einen musikalischen Mikrokosmos, der den apokalyptischen Charakter des Textes eindrucksvoll hörbar macht. Die Worte âconquassabit capita in terra multorumâ (âer wird die HĂ€upter vieler auf der Erde zerschmetternâ) erhalten eine fast visionĂ€re Kraft, ohne in bloĂen Effekt abzugleiten â Ausdruck einer tiefen, zugleich kĂŒnstlerisch sublimierten Geistlichkeit. Im vierten Satz âDe torrente in via bibetâ tritt der Tenor als Solist hervor. Der Satz ist deutlich intimer gehalten: ein meditatives, fast kontemplatives arioso, das den prophetischen Text in ein ruhiges, von langen Linien getragenes Klangbild ĂŒbersetzt. Die melodische FĂŒhrung ist dabei typisch fĂŒr Zelenkas spĂ€ten Stil â expressiv, voller innerer Spannung, oft ĂŒberraschend chromatisch gefĂ€rbt, aber nie sentimental. Der abschlieĂende Chor âSicut erat in principioâ nimmt das Material des Anfangssatzes wieder auf und schlieĂt den Psalm in einer strengen, machtvollen Doxologie. Durch die Wiederkehr der Eröffnungsthemen erhĂ€lt das Werk eine zyklische Einheit, die in den Psalmi Vespertini I so hĂ€ufig begegnet: Liturgische Zeit und musikalische Struktur greifen ineinander, als bilde der Psalm eine geistliche Architektur aus Klang. Deutscher Text zu âDixit Dominusâ (Psalm 110 / Vulgata 109 und liturgischer Doxologie) Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner FĂŒĂe lege. Den Stab deiner Macht sendet der Herr von Zion: Herrsche inmitten deiner Feinde. Dein ist die Herrschaft am Tage deiner Macht, im heiligen Glanz; aus dem SchoĂ der Morgenröte habe ich dich gezeugt. Der Herr hat geschworen, und es wird ihn nicht gereuen: Du bist Priester auf ewig nach der Ordnung Melchisedechs. Der Herr zu deiner Rechten zerschmettert Könige am Tage seines Zornes. Er richtet unter den Nationen, hĂ€uft die Gefallenen, zerschmettert die HĂ€upter ĂŒber weitem Gefilde. Aus dem Bach am Wege wird er trinken; darum wird er sein Haupt erheben. Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen. Eine Besonderheit der Handschrift ist die am Schluss eingetragene Widmung. Zelenka verwendet sonst fast immer die Formel âA M D G V M OO SS H AA P I Râ (Ad Majorem Dei Gloriam; Virgini Mariae; Omnibus Sanctis honor; Augustissimo Principi in reverentia). In diesem Psalm jedoch steht die abweichende Inschrift âLaus Deo V M OO SS semperâ (âLob sei Gott, der Jungfrau Maria und allen Heiligen â allezeitâ). Diese Ănderung legt nahe, dass das Werk nicht im Auftrag eines Hofpatrons, sondern aus eigener Inspiration entstand â ein seltener und aufschlussreicher Hinweis auf Zelenkas persönliche Frömmigkeit und seine Bindung an die Psalmen als geistliche Ausdrucksform. CD Vorschlag: Jan Dismas Zelenka, Psalmi Vespertini I, Ensemble InĂ©gal, Leitung Adam Viktora (* 1973), Nibiru, 2025, Tracks 1â5 Seitenanfang ZWV 66 Dixit Dominus in C-Dur, ZWV 67 (um 1728) In diesem kurzen, einteiligen Psalm setzt Jan Dismas Zelenka den Text âDixit Dominusâ in einer konzentrierten, nur knapp vierminĂŒtigen Komposition um, die gleichwohl seine Handschrift unverkennbar trĂ€gt. Das in C-Dur stehende Werk entstand um 1728 und gehört zu den sogenannten âPsalmi variiâ, also einzeln ĂŒberlieferten Psalmvertonungen, die unabhĂ€ngig von den groĂen Vesperzyklen komponiert wurden. Trotz des geringen Umfangs entfaltet Zelenka eine bemerkenswerte Dichte: Der Satz ist durchkomponiert, verzichtet auf groĂflĂ€chige Architektur und wirkt eher wie eine straffe musikalische Inschrift des Psalmwortes. https://www.youtube.com/watch?v=PKr66UvocIs Der Anfang âDixit Dominus Domino meoâ ist unmittelbar energisch, mit markanten Gesten und einem lebendigen, syllabischen Zugriff auf den Text. Die polyphonen EinsĂ€tze der Stimmen sind eng verzahnt, die Harmonik bleibt typisch fĂŒr Zelenka leicht gespannt, mit kurzen Ausweichungen und expressiven Wendungen, ohne je in Breite zu geraten. Man spĂŒrt, dass der Komponist hier eine klare PrioritĂ€t setzt: kein ausuferndes Drama, sondern eine komprimierte, prĂ€gnante Deutung der göttlichen AutoritĂ€t, die der Psalm besingt. Auch in der weiteren Auslegung â âVirgam virtutis tuae emittet Dominus ex Sionâ, âTecum principium in die virtutis tuaeâ, âJuravit Dominusâ â arbeitet Zelenka mit knappen motivischen Bausteinen, die die wichtigsten Worte hervorheben und dabei den Satz in stĂ€ndiger Bewegung halten. Kurze imitative Passagen und homophone Verdichtungen wechseln sich ab, so dass aus dem Miniaturformat nie Monotonie, sondern eine kleine Abfolge von Energieverdichtungen entsteht. Am Schluss fĂŒgt sich die Gloria-Doxologie âGloria Patri et FilioâŠâ organisch in den Satz ein; sie erscheint nicht als AnhĂ€ngsel, sondern als selbstverstĂ€ndlicher liturgischer Abschluss des komprimierten Psalmgesangs. In der Aufnahme mit Ensemble InĂ©gal unter Adam Viktora wirkt dieses kleine âDixitâ wie ein leuchtender Kern innerhalb des Programms: Transparent musiziert, rhythmisch prĂ€zise, mit hellem, beweglichem Chorklang zeigt es eindrĂŒcklich, wie viel Zelenka selbst in einem kurzen Psalm an Ausdruck, Profil und geistlicher Spannung zu konzentrieren vermag. Am Ende der Partitur steht â wie hĂ€ufig bei Zelenka â das vertonte âGloria Patri, et Filio, et Spiritui SanctoâŠâ, gefolgt von der Formel âSicut erat in principio, et nunc, et semper, et in saecula saeculorum. Amenâ, die das Werk in der liturgischen Zeit verankert und zugleich den kurzen Bogen des StĂŒcks schlieĂt. CD-Vorschlag: Jan Dismas Zelenka: Psalmi varii, Ensemble InĂ©gal, Prague Baroque Soloists, Leitung Adam Viktora (* 1976), Nibiru 2018 (Track 6) Seitenanfang ZWV 67 Dixit Dominus in D-Dur, ZWV 68 (1726) Dixit Dominus ZWV 68 ist die festlichste und klangprĂ€chtigste der drei erhaltenen âDixitâ-Vertonungen, die Zelenka im Rahmen seiner groĂen Vesperprojekte komponierte. Entstanden 1726, also in der intensivsten Phase seiner Arbeit an den Psalmi Vespertini, ist diese D-Dur-Vertonung durch ihren Glanzcharakter, ihre energische Rhythmik und ihren strahlenden BlĂ€serapparat geprĂ€gt. Zelenka setzte hier Trompeten und Pauken ein â ein eindeutiges Zeichen dafĂŒr, dass das Werk fĂŒr einen besonders hohen liturgischen Anlass bestimmt war. https://www.youtube.com/watch?v=6KXwhCJq0Rw&list=OLAK5uy_l_m8z8kILN73spAQhDKCmxwl5b5dvSlf0&index=2 Bemerkenswert ist, dass das Werk nicht vollstĂ€ndig im Autograph ĂŒberliefert ist, sondern nur in einzelnen Stimmen. Gleichwohl zeigt die erhaltene Partitur eindrucksvoll, wie Zelenka festliche Musik nicht zur Ă€uĂerlichen Prachtentfaltung nutzt, sondern als theologische Aussage formt: Die königliche Macht Gottes wird hier nicht nur beschrieben, sondern in Musik âĂŒbersetztâ. Der Glanzcharakter von D-Dur, die Fanfarenmotive der Trompeten und die scharf gezeichneten Rhythmen der Streicher verleihen dem Psalmtext eine fast majestĂ€tische MonumentalitĂ€t. Das Werk umfasst drei SĂ€tze, die eng miteinander verbunden sind. Besonders reizvoll ist die Beobachtung, dass eine charakteristische Figur des Schluss-Amen in einem weiteren Psalm der gleichen Werkgruppe wiederkehrt, nĂ€mlich im Laetatus sum ZWV 88, der ebenfalls um 1726 entstand. Diese thematische Verzahnung zeigt, dass Zelenka den Zyklus der Psalmi Vespertini nicht als lose Sammlung komponierte, sondern als organisch zusammenhĂ€ngende musikalische Architektur. Trotz der festlichen Besetzung bleibt Zelenkas Handschrift deutlich erkennbar: pointierte Dissonanzen, energische Fugati, unerwartete harmonische Wendungen und ein dramatisches GespĂŒr fĂŒr Spannung und Entladung. Der strahlende, rhythmisch profilierte Anfangssatz steht im Kontrast zu dem beweglichen, polyphon gefĂŒgten Mittelsatz, bevor das groĂ angelegte, intensiv gearbeitete Amen das Werk zu einem kraftvollen Abschluss fĂŒhrt. CD-Vorschlag: Jan Dismas Zelenka, Geistliche Werke fĂŒr Soli, Chor und Orchester, Capella Piccola â Barockorchester Metamorphosis Köln, Leitung: Thomas Reuber (* 1953), Bella Musica Edition, 1997 Tracks 1â3 Seitenanfang ZWV 68 Dixit Dominus, ZWV 69 Zelenkas Dixit Dominus ZWV 69 entstand vermutlich um 1728, im Rahmen des dritten Zyklus seiner Psalmi Vespertini, der die letzten Jahre seiner intensiven Arbeit an den Vesperpsalmen markiert. Das Werk steht in F-Dur und war ursprĂŒnglich als reprĂ€sentativer Eröffnungspsalm eines liturgischen Zyklus konzipiert, doch die musikalische Ăberlieferung ist unvollstĂ€ndig: Teile der Stimmen fehlen, und eine komplette, auffĂŒhrbare Partitur ist bis heute nicht rekonstruierbar. Diese lĂŒckenhafte Quellenlage erklĂ€rt, warum es keine einzige moderne Einspielung des Werks gibt â weder auf CD noch in digitalen Archiven oder in privaten Live-Mitschnitten. Stilistisch dĂŒrfte ZWV 69 zu den festlicheren Psalmen gehört haben, da F-Dur mit hellen Klangfarben, Trompeten und Pauken hĂ€ufig fĂŒr reprĂ€sentative AnlĂ€sse im Dresdner Hof verwendet wurde, und Zelenka in diesen Jahren gerade seine monumentalsten Vesperkompositionen schuf. Die Tatsache, dass das Werk im Autographen nicht vollstĂ€ndig ĂŒberliefert ist, zeigt, dass Teile des Materials möglicherweise verlorengingen, bevor Zelenka seine Psalmenzyklen endgĂŒltig ordnete. Dadurch zĂ€hlt ZWV 69 heute zu den âverschollenenâ Psalmvertonungen, die zwar im Werkverzeichnis gefĂŒhrt werden, aber praktisch nicht auffĂŒhrbar sind. Seitenanfang ZWV 69 Confitebor tibi Domine in D-Dur, ZWV 70 (1728) Zelenkas Confitebor tibi Domine ZWV 70 ist das erste vollstĂ€ndig erhaltene Werk des dritten Zyklus Psalmi Vespertini, den der Komponist im Jahr 1728 fĂŒr den Dresdner Hof begann. Geschrieben in D-Dur, gehört diese dreisĂ€tzige Vertonung zu seinen geschlossensten und zugleich farbenreichsten Psalmbearbeitungen, in denen sich kontrapunktische Meisterschaft, orchestrale Farbgebung und rhetorische Textausdeutung zu einer beeindruckenden Einheit verbinden. https://www.youtube.com/watch?v=pK2e3K2Qx70&list=OLAK5uy_m2hcVB1-Qwk6YLC4xOwskDiV2vvuv6TPI&index=3 Der eröffnende GroĂsatz, der Psalmtext und die gesamte Doxologie umfasst, ist durchkomponiert und in fĂŒnf klaren, aber flieĂend ineinandergreifenden Abschnitten gestaltet. Ein prĂ€gnantes Ritornell mit drei markanten Motiven kehrt in verschiedenen Tonarten wieder und verleiht dem gesamten Satz eine architektonische Geschlossenheit von groĂer innerer Spannung. Besonders auffĂ€llig ist Zelenkas Versuch, Hell-Dunkel-Kontraste (chiaroscuro) zu erzeugen: orchestrale Tutti und solistisch reduzierte Streicherpartien wechseln sich in unmittelbarer NĂ€he ab â ein Effekt, der dem Klangbild eine besondere rĂ€umliche Tiefe verleiht. Die wiederholte Ausdeutung einzelner Worte wie âtibi, tibi, tibi Domineâ steigert die rhetorische IntensitĂ€t und verleiht dem Psalm eine fast meditativ glĂŒhende Ausdruckskraft. Der zweite Satz, âRedemptionem misitâ, beginnt in vollstimmiger Vierstimmigkeit des Chores, bevor ein kurzer Moment der Stille zu einem emphatischen Ausruf des Wortes âSanctaâ fĂŒhrt. Die anschlieĂenden Sechzehntelketten auf âet terribile nomen ejusâ wirken wie ein aufblitzender Klangstrom. Was zunĂ€chst wie eine Fuge erscheint, entpuppt sich als kunstvoller Kanon, der sich schlieĂlich von einem kurzen Basssolo lösen darf, ehe der Chor wieder ĂŒbernimmt und den Satz in wĂŒrdiger Geschlossenheit beschlieĂt. Der dritte Satz, ein groĂes âAmenâ, ist eine vierstimmige Fuge, die sich ĂŒber einem Ostinato-Bass erhebt â ein Verfahren, das in Zelenkas Psalmen einzig dasteht. Das gleichbleibende Fundament verleiht dem Schluss eine erdende Kraft, wĂ€hrend die fugierten Oberstimmen in stetiger Bewegung eine finale Steigerung bewirken. So schlieĂt das Werk mit einem eindrucksvollen Bekenntnis, das musikalisch wie theologisch den Psalm vollendet. Deutscher Text (Psalm 111 einschlieĂlich der Gloria-Doxologie) Ich will dem Herrn danken von ganzem Herzen, im Kreis der Frommen und in der Gemeinde. GroĂ sind die Werke des Herrn, kostbar allen, die an ihnen Gefallen haben. Hoheit und Pracht ist sein Tun, und seine Gerechtigkeit besteht fĂŒr immer. Ein GedĂ€chtnis seiner Wunder hat er gestiftet; gnĂ€dig und barmherzig ist der Herr. Speise gibt er denen, die ihn fĂŒrchten; seines Bundes gedenkt er auf ewig. Die Kraft seiner Taten hat er seinem Volk verkĂŒndet, um ihm das Erbe der Völker zu geben. Die Werke seiner HĂ€nde sind Wahrheit und Recht, zuverlĂ€ssig all seine Gebote. Sie stehen fest fĂŒr immer und ewig, gegrĂŒndet auf Wahrheit und Recht. Erlösung hat er seinem Volk gesandt, fĂŒr immer hat er seinen Bund bestimmt; heilig und furchtgebietend ist sein Name. Die Furcht des Herrn ist Anfang der Weisheit; klug sind alle, die danach handeln. Sein Ruhm bleibt fĂŒr immer bestehen. Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen. Die Aufnahme des Ensemble InĂ©gal unter Adam Viktora betont die Transparenz der Linien, die PrĂ€zision der Fugenteile und die dynamischen Kontraste, die fĂŒr die Dramatik dieser Vertonung entscheidend sind. Die Interpretation zeigt die ganze farbliche und geistige Feinheit dieses Psalmtextes, der hier als geschlossenes, blĂŒhendes KlanggebĂ€ude erscheint. CD Vorschlag: Jan Dismas Zelenka, Psalmi Vespertini III, Ensemble InĂ©gal, Leitung Adam Viktora (* 1973), Nibiru, 2018, Tracks 3â5 Seitenanfang ZWV 70 Confitebor tibi Domine in c-Moll, ZWV 71 (um 1728) ZWV 71 ist eine der eindrucksvollsten kurzen Psalmvertonungen aus Zelenkas spĂ€ter Dresdner Zeit. Das Werk gehört zu den StĂŒcken, mit denen der Komponist gegen Ende der 1720er Jahre sein kompositorisches Denken verdichtete: Klarheit, rhetorische PrĂ€zision und eine innere Glut, die auch in scheinbar kleinen Besetzungen eine erstaunliche Wirkung entfaltet. Confitebor tibi Domine ZWV 71 ist zweigeteilt â I Confitebor und II Memoriam â und verbindet meditative Schlichtheit mit einem feinen GespĂŒr fĂŒr Textausdeutung. Die Musik wirkt wie ein konzentrierter Ausdruck persönlicher Frömmigkeit: kein groĂes architektonisches Konzept, kein monumentaler Apparat, dafĂŒr eine subtile Dramaturgie und eine stille, ernste Schönheit. I. Confitebor (âIch will dich preisenâ) Der erste Teil beginnt in c-Moll mit einem ruhigen, beinahe kontemplativen Satz, dessen LinienfĂŒhrung aus langen, weich verbundenen Melodiebögen besteht. Zelenka legt den Schwerpunkt auf die Worte âConfitebor tibi Domine in toto corde meoâ und schafft eine AtmosphĂ€re demĂŒtiger Hingabe. Die Harmonik ist charakteristisch gesĂ€ttigt, mild chromatiziert und bewegt sich mit jener feinen inneren Spannung, die Zelenkas SpĂ€tstil auszeichnet. Die Stimmen greifen behutsam ineinander, ohne groĂe kontrapunktische Verdichtung, doch stets mit jener Klarheit, die den Psalmtext nicht nur trĂ€gt, sondern ihm eine stille Leuchtkraft verleiht. Es ist ein Abschnitt voll demĂŒtiger Dankbarkeit â ernst, gesammelt, unaufdringlich und zugleich eindringlich. https://www.youtube.com/watch?v=19O-Xw6uwPE&list=OLAK5uy_mixq_BFXtCc7KIv16hMYAnujGtzdPV1cs&index=5 II. Memoriam (âGedenkenâ) Der zweite Teil, Memoriam, setzt einen deutlichen Kontrast: Die Musik wird lebendiger, leicht bewegter und aufhellend, fast wie ein inneres Aufleuchten. Der Text ĂŒber das GedĂ€chtnis der göttlichen Wundertaten wird mit einer Mischung aus eleganter LinearitĂ€t und sanfter Steigerung ausgestaltet. Zelenka arbeitet mit repetierten, rhetorisch geschĂ€rften Gesten, besonders auf den Worten âmemoriam fecit mirabilium suorumâ. Die Musik öffnet sich, moduliert weiter, atmet freier â ein Moment geistlicher Erhebung, der von tiefer Ehrfurcht getragen ist. Am Ende fĂŒgen sich beide Teile durch die Gloria-Doxologie zu einem liturgischen Ganzen: Die feierliche Anrufung des dreifaltigen Gottes schlieĂt das Werk in einem mild leuchtenden Klangraum, der den ernsten Beginn zu einem ruhigen, versöhnenden Ende fĂŒhrt. https://www.youtube.com/watch?v=bJ-wyTHy_Y8&list=OLAK5uy_mixq_BFXtCc7KIv16hMYAnujGtzdPV1cs&index=6 Deutscher Text (Psalm 111 inkl. Gloria-Doxologie): Ich danke dem Herrn von ganzem Herzen im Kreis der Frommen, inmitten der Gemeinde. GroĂ sind die Werke des Herrn; alle, die sie lieben, erforschen sie gern. Voll MajestĂ€t und Hoheit ist sein Tun, und seine Gerechtigkeit bleibt fĂŒr immer. (Teil II - Memoriam ) Ein GedĂ€chtnis seiner Wunder hat er gestiftet; gnĂ€dig und barmherzig ist der Herr. Speise gab er denen, die ihn fĂŒrchten; sein Bund bleibt in Ewigkeit. Die Macht seiner Werke hat er seinem Volk kundgetan und ihnen das Erbe der Völker verliehen. Die Werke seiner HĂ€nde sind Wahrheit und Recht; all seine Gebote sind verlĂ€sslich, sie stehen fest fĂŒr immer und ewig, geschaffen in Treue und in Gerechtigkeit. Erlösung sandte er seinem Volk; auf ewig bestimmte er seinen Bund. Heilig und furchtgebietend ist sein Name. Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit; klug handeln alle, die so leben. Sein Ruhm hat Bestand fĂŒr immer und ewig. Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen. CD-Vorschlag: Jan Dismas Zelenka â Lacrimae, TomĂĄĆĄ Ć elc (* 1986) â Collegium Marianum SUPRAPHON a.s., 2025, Tracks 5 und 6 Seitenanfang ZWV 71 Confitebor tibi Domine, ZWV 72 Jan Dismas Zelenka schrieb seine Vertonung von Confitebor tibi Domine ZWV 72 im Jahr 1723, also in einer Phase, in der er sich intensiv mit groĂdimensionierten Vesperpsalmen beschĂ€ftigte und seine kontrapunktische Kunst auf beeindruckende Weise entfaltete. Diese in D-Dur stehende Komposition gehört zu den umfangreicheren Fassungen des Psalms und ist in sechs Abschnitte gegliedert, die sich zu einem dramaturgisch schlĂŒssigen Ganzen verbinden. Den Ausgangspunkt bildet ein ausgedehntes Ritornell, in dem zunĂ€chst Tenor und Bass hervortreten. Bereits in den ersten achtzehn Takten entfaltet Zelenka ein dichtes, ökonomisch gehandhabtes thematisches Material, das den weiteren Verlauf gleichsam durchzieht und ihm eine groĂe innere Geschlossenheit verleiht. In dieser Einleitung zeigt sich exemplarisch, wie sparsam Zelenka mit seinen Motiven umgeht und wie wirkungsvoll er sie in unterschiedlichen Konstellationen wiederkehren lĂ€sst. https://www.youtube.com/watch?v=YrvDuik7mwg Ein erster Höhepunkt ist der Chorsatz auf den Worten âFidelia omniaâ. Hier dominiert ein ĂŒberwiegend homophoner Satz, dessen Klarheit und Wucht jedoch durch kleine imitatorische EinsĂ€tze belebt werden. Die Violinen ĂŒbernehmen eine wichtige Rolle als bewegtes, figuriertes Element, das den ruhigen Chorgrund gleichsam umspielt und auflĂ€dt. Unmittelbar daran schlieĂt sich âRedemptionem misitâ an, nun fĂŒr Sopran, obligate Violine, Streicher und Continuo. Die Solovioline tritt hier in den Vordergrund, nicht nur durch ihre energiegeladene barocke Rhythmik, sondern vor allem durch eine reiche Chromatik, die eine geradezu kammermusikalische Zwiesprache zwischen Sopran und Instrument ermöglicht. Stellenweise treten die Orchesterstimmen zurĂŒck, so dass Stimme und Violine wie in einem intimen Duett ĂŒber einem zurĂŒckgenommenen Fundament stehen â eine jener typischen Zelenka-Momente, in denen die spirituelle Aussage des Textes in eine besonders empfindsame Klangsprache ĂŒbersetzt wird. Der Abschnitt âSanctum et terribileâ stellt dem Hörer eine andere Seite des Komponisten vor: Hier arbeitet Zelenka mit besonders farbiger Harmonik und gezielt eingesetzten KlangschĂ€rfen, um den Text âheilig und furchtgebietend ist sein Nameâ gleichsam lautmalerisch in Musik zu fassen. Durch chromatische Wendungen, ĂŒberraschende Modulationen und dynamische Zuspitzungen entsteht eine eindrucksvolle Klanggestik, die Heiligkeit und Erschrecken in unmittelbarer NĂ€he erfahrbar macht. Die Steigerung dieses Abschnitts fĂŒhrt zu einem markanten Punkt â einem plötzlich einsetzenden Piano â, der zugleich den Ăbergang zu âIntellectus bonusâ vorbereitet. In diesem Teil entfaltet Zelenka eine rhythmisch sehr bewegte Anlage: Violinen und Oboen fĂŒhren in enger Gemeinschaft und verleihen der Musik einen drĂ€ngenden, vorwĂ€rtsdrĂ€ngenden Puls, wĂ€hrend der Chor den Text in einer Abfolge von aufsteigenden Tonleitern und Sequenzen singt, die durch groĂe Intervallschritte und sogenannte âheptachordischeâ Bewegungen geprĂ€gt sind. Das Ergebnis ist ein von innen heraus leuchtender, fast didaktisch strenger, aber zugleich lebendig pulsierender Satz, der den âguten Verstandâ des GottesfĂŒrchtigen eindrucksvoll charakterisiert. Nach einem kurzen instrumentalen Ăbergang folgt âGloria Patriâ, von Zelenka in dieser Fassung fĂŒr drei Stimmen und Continuo gesetzt. Diese kammermusikalisch verdichtete, dreistimmige Doxologie ist ein typischer âZelenkismusâ: Immer wieder begegnet man in seinen Psalmvertonungen einem fast intimen, dialogisch gefĂŒhrten Gloria, das sich deutlich von den groĂ dimensionierten ChorsĂ€tzen davor absetzt und wie eine persönliche, konzentrierte GlaubensbekrĂ€ftigung wirkt. Den Abschluss bildet eine glanzvolle Fugue ĂŒber den Text âEt in saecula saeculorumâ, zugleich ein letzter Beweis seiner kontrapunktischen VirtuositĂ€t. Ăber einem bewegten Orchesterfundament entfalten die Stimmen ein eng verflochtenes Fugengewebe, das den Blick in die Ewigkeit musikalisch ausdeutet: Die Stimmen greifen einander auf, ĂŒberlagern sich, verdichten sich in kraftvollen Zusammentreffen und fĂŒhren das Werk zu einem ebenso kunstvollen wie eindrucksvollen Schluss. Diese vielgestaltige, architektonisch ausgefeilte Vertonung von Confitebor tibi Domine ZWV 72 zeigt Zelenka auf einem kĂŒnstlerischen Höhepunkt und verbindet liturgische Funktion, theologische Tiefe und instrumentale VirtuositĂ€t in exemplarischer Weise. Sie gewinnt in der Einspielung mit dem Ensemble InĂ©gal unter der Leitung von Adam Viktora (geb. 1973) besondere Klarheit und PlastizitĂ€t: Die Transparenz der StimmfĂŒhrung, die sorgfĂ€ltige Artikulation des Chors und die lebendige, aber nie ĂŒberhitzte Orchesterbegleitung lassen die einzelnen Abschnitte deutlich hervortreten und zugleich als geschlossenes Ganzes wirken. CD-Vorschlag: Jan Dismas Zelenka, Psalmi Vespertini I, Ensemble InĂ©gal, Leitung Adam Viktora (* 1973), Nibiru, 2005, Tracks 6 bis 13. Seitenanfang ZWV 72 Confitebor tibi Domine in e-Moll, ZWV 73 in e-Moll (um 1728â1729) Dieses Confitebor tibi Domine ZWV 73 gehört zu Zelenkas spĂ€ten Psalmvertonungen und steht in engem Zusammenhang mit seinem dritten Zyklus der Psalmi Vespertini. Das Werk ist in e-Moll notiert und entstand wahrscheinlich Ende 1728 oder Anfang 1729, also in jener Phase, in der Zelenka als Hofkirchenkomponist in Dresden seine kompositorische Sprache noch einmal verdichtete und schĂ€rfte. Es handelt sich um eine vergleichsweise kurze, sehr energische Vertonung des Psalms Confitebor tibi Domine (Psalm 110 der Vulgata, Psalm 111 der hebrĂ€ischen ZĂ€hlung), die gleichwohl den ganzen Ernst und die innere Glut seiner groĂen Psalmenzyklus-Kompositionen in sich trĂ€gt. Zelenka setzt hier auf ein durchkomponiertes Konzept ohne groĂe Unterteilung in ausgedehnte SĂ€tze: Die Musik folgt unmittelbar dem Verlauf des Textes, so dass der Psalm in einer einzigen, geschlossenen Bewegung entfaltet wird. Stockigt weist darauf hin, dass diese âkurze, feurigeâ Vertonung als GegenstĂŒck zu einem gröĂeren Psalm derselben Zeit entstanden ist und sehr wahrscheinlich fĂŒr die Knaben der Hofkapelle gedacht war â also fĂŒr einen relativ schlanken, beweglichen Klangkörper, der schnelle Wechsel von Textaffekten und dynamischen Schattierungen bewĂ€ltigen konnte. https://www.youtube.com/watch?v=JCnmakByHN8 Die Besetzung ist trotz der KĂŒrze reich: vier Solostimmen und Chor (SATB), zwei Oboen, zwei Violinen, Viola und Basso continuo bilden einen kompakten, aber farbigen Apparat. Die einleitenden Takte lassen die Streicher in lebhaften Figurationen auftreten, ĂŒber denen die Stimmen mit deutlicher Textakzentuierung einsetzen; die Harmonik ist typisch fĂŒr den spĂ€ten Zelenka: immer wieder leicht scharf gewĂŒrzte Wendungen, ĂŒberraschende Zwischentöne, ohne je ins WillkĂŒrliche zu kippen. Der Lobpreis des âgroĂen Werkes des Herrnâ wird hier nicht in kontemplative Ruhe gelegt, sondern in drĂ€ngende Bewegung â als ob Dank und Staunen nicht stillstehen könnten. Charakteristisch ist auch in diesem Psalm die Verbindung von polyphonem Denken und rhetorischer Zuspitzung. Bestimmte Worte wie âmirabiliaâ oder âredemptionemâ scheinen förmlich hervorzuspringen, sei es durch rhythmische Verdichtung, sei es durch plötzliche Aufhellung oder Verdunklung der Harmonie. Zelenka gelingt es in wenigen Minuten, einen Bogen zu schlagen vom persönlichen Bekenntnis (âIch will dich loben, Herr, von ganzem Herzenâ) ĂŒber die Erinnerung an Gottes Taten in Geschichte und Bund bis hin zur Ehrfurcht vor seinem âheiligen und furchtgebietenden Namenâ. Dass das Werk nur rund vier Minuten dauert, macht es eher zu einer musikalischen Inschrift als zu einem groĂen Fresko â aber zu einer Inschrift von seltener Dichte und innerer Spannung. In der Einspielung mit dem Ensemble InĂ©gal unter der Leitung von Adam Viktora (* 1973) verbinden sich Zelenkas klangliche Strenge und seine expressiven Harmonien mit einem hellen, transparenten Ensembleklang und einem sehr beweglichen, textbewussten Zugriff. Gerade in diesem kurzen Psalm wirkt das besonders ĂŒberzeugend: Man spĂŒrt den liturgischen Rahmen, aber ebenso den persönlichen Ton des Psalmisten, der aus dem Kreis der Gerechten heraus mit ganzer Seele dankt. CD-Vorschlag: Jan Dismas Zelenka, Psalmi Varii separatim scripti, Ensemble InĂ©gal, Leitung Adam Viktora, Nibiru, 2018, Track 9. Seitenanfang ZWV 73 Confitebor tibi Domine, ZWV 74 Jan Dismas Zelenkas Confitebor tibi Domine ZWV 74 ist eine in den Quellen nachweisbare Psalmvertonung in G-Dur, die um 1726 entstanden ist, aber heute im Werkverzeichnis wird sie ausdrĂŒcklich mit dem Hinweis âMissingâ gefĂŒhrt. Wahrscheinlich war dieses Confitebor fĂŒr denselben liturgischen Rahmen gedacht wie die ĂŒbrigen Psalmen der Dresdner Psalmi Vespertini-Zyklen, doch die Komposition selbst gilt als verschollen. Seitenanfang ZWV 74 Laudate pueri, ZWV 78 Im Zelenka-Werkverzeichnis wird das StĂŒck als geistliches Vokalwerk in der Tonart A, komponiert um 1726, gefĂŒhrt; zugleich steht dort ausdrĂŒcklich der Hinweis âManuscript missingâ, das heiĂt, die Partitur ist nicht mehr erhalten. ZWV 78 Laudate pueri, ZWV 79 Laudate pueri, ZWV 79 (a-Moll, ca. 1728) gilt in den wichtigsten Werkverzeichnissen als âmissing" = Manuskript verschollen. ZWV 79 Laudate pueri, ZWV 80 Bei Laudate pueri, ZWV 80 handelt es sich um ein Vokalwerk in a-Moll, das Zelenka in seinem Inventar als Duett âa 2 Canto e Basso, Violini 2, Oboe 2, Traversa 1, Viola, Fagotto e Basso continuoâ notiert hat, vermutlich eine festliche, konzertante Psalmvertonung. Die Autograph-Partitur ist jedoch verschollen, sodass weder eine moderne Edition noch eine Einspielung existieren; heute lĂ€sst sich das Werk nur noch als titel-, tonart- und besetzungsmĂ€Ăig belegte, musikalisch verlorene Psalmkomposition erwĂ€hnen. ZWV 80 Laudate pueri, ZWV 81 Zelenkas Laudate pueri ZWV 81 ist ein festliches, strahlendes PsalmenstĂŒck in D-Dur, das um 1729 entstand und zu den eindrucksvollsten kleineren Vesperwerken des Komponisten gehört. Es ist fĂŒr Tenorsolo, Trompete, zwei Violinen, Viola und Basso continuo besetzt und dauert etwa neun bis zehn Minuten; schon die Besetzung mit Trompete und hellem Streicherklang verrĂ€t den jubelnden Charakter des Lobpsalms. Anders als die groĂen, mehrteiligen Psalmenzyklen gestaltet Zelenka hier eine Art konzentrierten âKonzertpsalmâ, in dem sich virtuose Vokallinien, instrumentale Brillanz und geistliche Rhetorik in kurzer Zeit zu groĂer Wirkung verdichten. https://www.youtube.com/watch?v=Em5m_SYm-no&list=OLAK5uy_lQ2lUV0-s-oj2Z9LPI5ey7sqPQL8l-gQk&index=2 Der Beginn auf den Worten âLaudate pueri Dominumâ setzt den Tenor in unmittelbarem Dialog mit der Trompete: Die Stimme entfaltet eine bewegte, teilweise hochvirtuose Linie, wĂ€hrend die Trompete die jubelnde Festlichkeit der Aufforderung zum Gotteslob unterstreicht. Der strahlende D-Dur-Raum, die Fanfarenformeln und die bewegten Streicherfiguren verleihen der Musik fast ein âTe Deumâ-Kolorit im kleineren MaĂstab. Zelenkas kontrapunktische Meisterschaft zeigt sich nicht nur in Verdichtungen des Satzes, sondern auch in der geschickten Verzahnung von Solo, Orchester und gelegentlichen chorischen Abschnitten (je nach Fassung), in denen das Lob Gottes wie eine liturgische Akklamation wirkt. Besonders eindrucksvoll ist, wie Zelenka die einzelnen Bilder des Psalms in Klang ĂŒbertrĂ€gt: die GröĂe Gottes, der ĂŒber den Himmeln thront, die Erniedrigten aus dem Staub erhebt und die Kinderlose zur fröhlichen Mutter macht. Chromatische FĂ€rbungen, dynamische Kontraste und eine fein austarierte Balance zwischen virtuoser Geste und inniger Frömmigkeit lassen diese Verse nicht als abstrakten Text, sondern als gelebtes Bekenntnis erscheinen. Im âAmenâ gewinnt der Satz noch einmal zusĂ€tzliche Spannkraft: Der Schluss wirkt wie ein konzentrierter, glĂ€nzender Nachhall des zuvor entfalteten Loblieds, ohne die Dimension einer groĂen Schlussfuge zu suchen â eher ein leuchtender Schlusspunkt unter einen festlichen, aber persönlich gefĂ€rbten Psalmenjubel. In der Einspielung mit dem Ensemble InĂ©gal unter Adam Viktora (* 1973) tritt all dies klar zutage: der schlanke, fokussierte Tenor, die hell artikulierte Trompete und die durchsichtige, zugleich energische Streicherbegleitung machen Zelenkas Laudate pueri zu einem idealen Beispiel dafĂŒr, wie sehr er auch in einem vergleichsweise kleinen Werk seine ganze stilistische Eigenart entfaltet. Der deutsche Text lautet: Lobet, ihr Knechte, den Herrn, lobt den Namen des Herrn. Der Name des Herrn sei gepriesen von nun an bis in Ewigkeit. Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang sei gelobt der Name des Herrn. Hoch ĂŒber allen Völkern ist der Herr, seine Herrlichkeit ragt ĂŒber die Himmel. Wer ist wie der Herr, unser Gott, der in der Höhe thront, der hinabschaut in die Tiefe, im Himmel und auf der Erde? Der den Geringen aus dem Staub emporhebt und den Armen aus dem Schmutz erhöht, um ihn wohnen zu lassen bei den FĂŒrsten, bei den FĂŒrsten seines Volkes. Der die Kinderlose im Hause wohnen lĂ€sst als fröhliche Mutter von Söhnen. Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen. CD-Vorschlag: Jan Dismas Zelenka, Psalmi Varii, Ensemble InĂ©gal, Leitung Adam Viktora, Nibiru, 2018, Tracks 2 bis 4. Seitenanfang ZWV 81 Laudate pueri Dominum, ZWV 82 in F-Dur Jan Dismas Zelenka hat sein Laudate pueri Dominum ZWV 82 in F-Dur (um 1725, nach Psalm 113) im Rahmen des ersten Psalmi-Vespertini-Zyklus komponiert und hier eines seiner geschlossensten und zugleich persönlichsten Psalmwerke geschaffen. Die Anlage ist vergleichsweise kurz, aber von groĂer innerer Geschlossenheit. Zu Beginn steht ein sechstaktiges Unisono-Ritornell, das wie ein musikalisches Motto wirkt: aus dieser kurzen, prĂ€gnanten Wendung gewinnt Zelenka das Refrainmotiv, das der Solobass mit den Worten âLaudate pueri, laudate Dominum, laudate nomen Dominiâ immer wieder anstimmt. Dieses Bass-Rufmotiv kehrt nicht nur als gesungene Kehrzeile wieder, sondern bildet zugleich die verbindende Instrumentalpassage im continuo â ein raffinierter Kunstgriff, der Einheit und Bewegung zugleich schafft. https://www.youtube.com/watch?v=UMXHX55t1Tw Die Psalmverse selbst werden ĂŒberwiegend vom Chor beantwortet, der auf die wiederkehrenden Rufe des Basssolisten reagiert. So entsteht eine spannungsvolle Wechselrede zwischen individueller Stimme und âGemeindeâ, musikalisch gefasst als Wechsel von solistischem Bass und vielstimmigem Chor. Die Harmonik ist, wie so oft bei Zelenka, reich und gelegentlich ĂŒberraschend: schattierte Modulationen, chromatische Wendungen und der Wechsel zwischen leuchtenden DurflĂ€chen und gedĂ€mpfteren Passagen schaffen einen ausgeprĂ€gten âChiaroscuroâ-Effekt, ohne dass der Satz seinen klaren Fluss verliert. Erst bei der Doxologie âGloria Patriâ tritt der Bass in den Chor ein, wodurch der zuvor solistische Rufer nun hörbar in die Gemeinschaft der Preisenden aufgenommen wird â ein schlichter, aber theologisch wie musikalisch sehr beredter Zug. Die Einspielung im Rahmen der CD âJan Dismas Zelenka: Psalmi Vespertini Iâ mit Ensemble InĂ©gal und den Prague Baroque Soloists unter der Leitung von Adam Viktora (* 1973) bei Nibiru (2015) bringt diese Struktur besonders deutlich zur Geltung: der kernige, aber bewegliche Bass, der flexible, lebendige Chorklang und die klar gezeichnete Ritornellfigur im continuo machen aus diesem Laudate pueri ein kompaktes, leuchtendes Kleinod der barocken Vespermusik. Deutscher Text (inklusive Doxologie) Lobet, ihr Knechte des Herrn, lobet den Namen des Herrn. Der Name des Herrn sei gepriesen von nun an bis in Ewigkeit. Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang sei gelobt der Name des Herrn. Hoch ĂŒber alle Völker ist der Herr, seine Herrlichkeit ĂŒberragt die Himmel. Wer ist wie der Herr, unser Gott, der so hoch thront, der hinabschaut in die Tiefe, im Himmel und auf der Erde? Er richtet den Geringen auf aus dem Staub, erhebt den Armen aus dem Schmutz, um ihn sitzen zu lassen bei den FĂŒrsten, bei den FĂŒrsten seines Volkes. Er lĂ€sst die Kinderlose im Hause wohnen als fröhliche Mutter von Kindern. Halleluja. Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen. CD-Vorschlag: Jan Dismas Zelenka: Psalmi Vespertini I, Ensemble InĂ©gal, Prague Baroque Soloists, Leitung Adam Viktora, Nibiru 2015, Track 4. Seitenanfang ZWV 82 In exitu Israel, ZWV 83 (Nach Psalm 113 in der Vulgata / Psalm 114â in hebrĂ€ischer ZĂ€hlung) Zelenkas In exitu Israel ZWV 83 gehört zu den leuchtenden Höhepunkten des ersten Psalmenzyklus, den der Komponist Mitte der 1720er Jahre fĂŒr die Dresdner Hofkirche schrieb. Der Psalmtext â ein machtvoller Lobgesang auf den Auszug Israels aus Ăgypten â bot ihm ein ideales Feld fĂŒr musikalische Rhetorik, koloristische KĂŒhnheit und bildhafte Darstellungskraft. Obwohl das Werk relativ kurz ist, besitzt es eine klare dramaturgische Architektur und eine ungewöhnliche Energie, die typisch fĂŒr Zelenkas Vesperpsalmen ist. (Tracks 19â21): https://www.youtube.com/watch?v=JwWU1OVETL8&list=OLAK5uy_k_dJDuOwMnDKYhaxowGegnvmD7kOt6PKM&index=19 Der eröffnende Abschnitt stellt den groĂen Exodus als feierlichen Triumphzug dar: Die Musik ist lebendig, pulsierend, mit deutlichen AnklĂ€ngen an instrumentale Ritornellformen. Zelenka nutzt pointierte Synkopen, fugierte EinsĂ€tze und eine bewegte Harmonik, um die Entschlossenheit und Dynamik des Volkes Israel nachzuzeichnen. Schon in den ersten Takten wird spĂŒrbar, wie stark der Komponist die erzĂ€hlende Spannung des Textes aufnimmt. Besonders eindrucksvoll ist der Umgang mit den âFluchtbildernâ des Psalms: Das Meer, das flieht, und der Jordan, der zurĂŒckweicht, werden durch rasche Figuren, ĂŒberraschende melodische Wendungen und abrupt verĂ€nderte Texturen plastisch gezeichnet. Die Berge und HĂŒgel, die âhĂŒpfen wie Widder und LĂ€mmerâ, erscheinen in tĂ€nzerisch federnden Rhythmen â ein Beispiel fĂŒr Zelenkas meisterhafte musikalische Bildkraft. Der Mittelteil wirkt wie eine rhetorische Zuspitzung: Auf die Frage âQuid est tibi, mareâŠ?â antwortet die Musik mit dramatischen Kontrasten und schĂ€rfer gezeichneten Harmonien. Hier zeigt sich Zelenkas FĂ€higkeit, innerhalb weniger Takte eine fast theatralische Szene zu schaffen. Das Werk erhĂ€lt dadurch eine narrative Spannung, die selbst in liturgischem Rahmen eine starke Wirkung entfaltet. Der abschlieĂende Gloria-Teil fĂŒgt sich organisch an, bleibt aber dennoch klar abgegrenzt. Zelenka setzt auf straffe kontrapunktische Arbeit, rhythmische VitalitĂ€t und einen Glanz, der diese Doxologie zu einem strahlenden Abschluss erhebt. Die Wiederaufnahme motivischer Elemente aus dem Anfang verleiht dem Werk zudem eine zyklische Geschlossenheit, wie sie in Zelenkas Vesperpsalmen hĂ€ufig zu beobachten ist. Deutscher Text Als Israel aus Ăgypten auszog, das Haus Jakobs aus dem Volk der Fremden, da wurde Juda sein Heiligtum und Israel sein Reich. Das Meer sah es und floh, der Jordan wich zurĂŒck. Die Berge hĂŒpften wie Widder, die HĂŒgel wie junge LĂ€mmer. Was ist mit dir, du Meer, dass du fliehst, und mit dir, Jordan, dass du zurĂŒckweichst? Ihr Berge, dass ihr hĂŒpft wie Widder, ihr HĂŒgel wie junge LĂ€mmer? Vor dem Angesicht des Herrn erzittere, du Erde, vor dem Angesicht des Gottes Jakobs, der den Felsen zum Wassersee wandelt und harten Stein zur sprudelnden Quelle. Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen. In der Aufnahme des Ensemble InĂ©gal unter Adam Viktora (* 1973) erklingt das Werk mit jener Mischung aus Klarheit, PrĂ€zision und innerem Feuer, die fĂŒr dieses Ensemble charakteristisch ist. Der helle, kantable Chorklang und die energische Artikulation der Instrumentalisten machen die rhetorische Kraft und die tiefe Geistigkeit dieser Vertonung unmittelbar erfahrbar. CD-Vorschlag Jan Dismas Zelenka: Psalmi Vespertini I Ensemble InĂ©gal â Leitung Adam Viktora (* 1973) Nibiru, 2015 â Tracks 19â21 Seitenanfang ZWV 83 In exitu Israel, ZWV 84, Psalm 113, vierteilig (1728) Mit In exitu Israel ZWV 84 legte Jan Dismas Zelenka im Jahr 1728 seine zweite, deutlich knappere Vertonung des groĂen Auszugspsalms vor â ein Werk, das sich durch ĂŒberraschende Konzentration, hohe formale Raffinesse und eine geistige Klarheit auszeichnet, die exemplarisch fĂŒr seinen spĂ€ten Stil steht. Obwohl der Psalm 113 in der liturgischen Verwendung aus 27 Versen und anschlieĂender Doxologie besteht, fasst Zelenka den gesamten Text in nur 110 Takten und vier kompakten SĂ€tzen zusammen. Das Resultat ist eine Mischung aus strenger Polyphonie, klanglicher Symbolik und liturgischer Schlichtheit, die unmittelbar ansprechend wirkt und dennoch höchste kompositorische PrĂ€zision erkennen lĂ€sst. https://www.youtube.com/watch?v=WodiYB8jnkw&list=OLAK5uy_mTxUNohw_N6GY584Jw2l-LIMyen-JH0ts&index=19 Der erste Satz âIn exitu Israelâ wirkt wie das Fundament des gesamten Werkes. Die Sopranstimmen tragen einen ruhig schreitenden cantus firmus, der auf einem transponierten tonus peregrinus basiert â jener archaischen Psalmformel, die traditionell mit Pilgerschaft, Exil und Gottes FĂŒhrung in Verbindung steht. Alt, Tenor und Bass singen dazu mehrere Psalmverse in verdichteter, sogenannter âteleskopierterâ Technik: verschiedene Textteile erscheinen gleichzeitig in unterschiedlichen Stimmen, was eine faszinierende Ăberlagerung bildet, ohne die TextverstĂ€ndlichkeit zu verlieren. Unter diesem vokalen GefĂŒge liegt ein kontinuierlich wandernder Bass, der an den Wegcharakter des Psalmwortes erinnert. Im zweiten Satz âSimulacra gentiumâ entfaltet sich ein kontrastreiches, bewegtes Klangbild. Ein Ensemble aus SATB-Solisten, vierstimmigem Chor, Streichern, Oboen und Basso continuo belebt die Verse ĂŒber die ohnmĂ€chtigen Götzenbilder der Heiden. Die Musik wirkt hier lebhaft, fast erzĂ€hlerisch: kurze Motive wechseln einander ab, die Instrumente treten als farbige Vermittler auf, und der Chor reagiert flexibel mit homophonen und polyphonen Abschnitten. Die dramatische Energie dieses Satzes steht in klarem Kontrast zur stillen WĂŒrde des Beginns. Der dritte Satz âGloria Patriâ ist eine der kostbarsten Miniaturen in Zelenkas spĂ€tem Schaffen. Drei Solostimmen â Alt, Tenor und Bass â entfalten die Doxologie in einem symbolischen Dreiertakt, der die heiligste Dreizahl musikalisch widerspiegelt. Die harmonische Anlage ist schlicht und zugleich leuchtend, ein Moment konzentrierter Andacht, bevor der Schlussbogen des Werkes aufgespannt wird. Dieser Bogen erscheint im vierten Satz âSicut eratâ, einer kunstvollen RĂŒckkehr zum Anfang. Zelenka lĂ€sst den gesamten Eröffnungssatz wiederaufleben â jedoch in verĂ€nderter, veredelter Form, die den liturgischen Worten âwie im Anfangâ eine direkte musikalische Entsprechung gibt. Die Reprise ist nicht bloĂ Wiederholung, sondern eine geistliche RĂŒckblende: Linien werden ausgeschmĂŒckt, StimmfĂŒhrungen gestrafft, Text und Musik greifen an der Grenze zwischen Erinnerung und Erneuerung ineinander. Dadurch entsteht eine eindrucksvolle architektonische Einheit, die das Werk als Ganzes beschlieĂt. Anders als die ausgreifendere Version ZWV 83 ist dieses In exitu Israel stĂ€rker vokal geprĂ€gt und mit moderatem instrumentalen Aufwand ausgestattet â eine Anlage, die der AuffĂŒhrung durch die Kapellknaben der Dresdner Hofkirche entgegenkam und den liturgischen Alltag berĂŒcksichtigte. Zugleich offenbart Zelenka hier eine Meisterschaft des konzentrierten Satzes, die ihrem Umfang weit ĂŒberlegen ist: ein Psalm, in dem Form, Symbolik und Klang vollkommen miteinander verschmelzen. CD-Vorschlag Jan Dismas Zelenka â Missa Sancti Josephi; De profundis und In exitu Israel Kammerchor Stuttgart und Barockorchester Stuttgart Leitung Frieder Bernius (* 1947), Carus, 2018, Tracks 19â22 Seitenanfang ZWV 84 Lauda Jerusalem, ZWV 102 Unter den zahlreichen Psalmvertonungen von Jan Dismas Zelenka nimmt die kurze, aber auffallend konzentrierte Komposition Lauda Jerusalem ZWV 102 einen besonderen Platz ein. Das Autograph, ein sorgfĂ€ltig notiertes Manuskript aus den spĂ€ten 1720er-Jahren, bezeugt die Entstehung dieses Werkes um 1728, also in jener Phase, in der Zelenka fĂŒr die Dresdner Hofkirche eine Reihe kleinerer, didaktisch und liturgisch nutzbarer Psalmvertonungen schuf. Der Charakter und die Besetzung weisen eindeutig darauf hin, dass dieses StĂŒck fĂŒr das Ensemble der Kapellknaben der Hofkirche bestimmt war, fĂŒr das Zelenka regelmĂ€Ăig eigene, technisch maĂvolle, aber kompositorisch kunstvolle Werke schrieb. Die Besetzung ist von einer bewusst schlanken Architektur geprĂ€gt: ein vierstimmiger Chor, dessen Sopran durch zwei Oboen colla parte gestĂŒtzt wird, dazu ein dreistimmiger Instrumentalsatz aus unisono gefĂŒhrten Violinen, einer einzelnen Viola und dem continuo. Diese Instrumente entfalten wĂ€hrend des gesamten StĂŒckes ein charakteristisches semi-ostinato-Muster, das dem Werk seine innere KohĂ€renz verleiht und gleichsam als pulsierender Hintergrund dient, ĂŒber dem die vokalen Linien frei und mit bemerkenswerter Textdeutlichkeit gefĂŒhrt werden. Trotz der KĂŒrze und scheinbaren Einfachheit zeigt sich Zelenkas unverwechselbare Handschrift in der rhythmischen VitalitĂ€t, den subtilen harmonischen Wendungen und dem feinen Sinn fĂŒr klangliche Balance zwischen Chor und Instrumenten. https://www.youtube.com/watch?v=ITxgw-G_DCM Die Vertonung ist durchkomponiert, sie folgt also nicht dem responsorialen Prinzip, sondern entfaltet den lateinischen Psalmtext in einem kontinuierlichen Fluss. Gerade diese Struktureinheit macht die Komposition zu einem kleinen, in sich ruhenden Klangtableau, das mit ökonomischen Mitteln groĂe Wirkung erzielt. Ein Blick in die Ăberlieferungsgeschichte bekrĂ€ftigt die WertschĂ€tzung des Werkes: In der umfangreichen Sammlung des Prager Musikers Johann Adam Sehling (1710â1756) hat sich eine zeitnahe Abschrift in acht Stimmen erhalten. Daraus wissen wir, dass Lauda Jerusalem 1765, also zwanzig Jahre nach Zelenkas Tod, in der Wenzelskapelle des Prager Veitsdoms aufgefĂŒhrt wurde. In einer der Stimmen findet sich die Randbemerkung bonus â ein knapper, aber beredter Hinweis darauf, dass dieses Werk weiterhin geschĂ€tzt und bewusst ausgewĂ€hlt wurde. Auf der CD Psalmi Varii mit dem Ensemble InĂ©gal und den Prague Baroque Soloists unter der Leitung von Adam Viktora (* 1973), erschienen 2018 bei Nibiru, prĂ€sentiert sich Lauda Jerusalem ZWV 102 als eine luzide, strahlende Miniatur, deren disziplinierte Textur und innere Ruhe den geistlichen Gehalt von Psalm 147 auf bemerkenswerte Weise verdichten. Die Aufnahme zeigt Zelenka als Meister der Reduktion: Die Musik ist durchsichtig, prĂ€zise und doch voll innerer Spannung â ein Beispiel jener Kunst, mit der Zelenka selbst kleinformatige liturgische StĂŒcke in vollkommen abgerundete, unverwechselbare Klanggebilde verwandelte. Lateinischer Text (Psalm 147, 12â20) fĂŒr Zelenkas Vertonung Lauda Jerusalem, ZWV 102 (in vollstĂ€ndiger, liturgischer Vulgata-Fassung) Lauda, Jerusalem, Dominum; lauda Deum tuum, Sion. Quoniam confortavit seras portarum tuarum; benedixit filiis tuis in te. Qui posuit fines tuos pacem, et adipe frumenti satiat te. Qui emittit eloquium suum terrae; velociter currit sermo eius. Qui dat nivem sicut lanam; nebulem sicut cinerem spargit. Mittit crystallum suam sicut buccellas; ante faciem frigoris eius quis sustinebit? Emittet verbum suum, et liquefaciet ea; flabit spiritus eius, et fluent aquae. Qui annuntiat verbum suum Jacob, justitias et judicia sua Israel. Non fecit taliter omni nationi, et judicia sua non manifestavit eis. Alleluia. Deutsche Ăbersetzung Preise den Herrn, Jerusalem, lobe deinen Gott, o Zion. Denn er hat die Riegel deiner Tore stark gemacht und deine Kinder in deiner Mitte gesegnet. Er ist es, der deinen Grenzen Frieden verleiht und dich mit dem besten Weizen sĂ€ttigt. Er sendet sein Wort hinab zur Erde, schnell lĂ€uft sein Auftrag dahin. Er lĂ€sst Schnee fallen wie Wolle und streut den Reif aus wie Asche. Er wirft seine Eiskristalle nieder wie Brocken; wer kann vor seiner KĂ€lte bestehen? Dann sendet er sein Wort und lĂ€sst alles schmelzen; sein Wind weht, und die Wasser flieĂen. Er hat Jakob sein Wort verkĂŒndet, Israel seine Satzungen und Entscheidungen. So hat er an keinem anderen Volk gehandelt; seine Entscheidungen hat er ihnen nicht offenbart. Halleluja. CD-Vorschlag: CD Jan Dismas Zelenka, Psalmi Varii, Separatim Scripti, Ensemble InĂ©gal, Leitung Adam Viktora, Nibiru, 2018, Track 1. Seitenanfang ZWV 102 ZWV 103 gilt in der heutigen Forschung als verschollen. Es handelt sich â dem Werkverzeichnis nach â um eine weitere Psalmvertonung aus dem Dresdner Kontext, die vermutlich in den spĂ€ten 1720er- oder frĂŒhen 1730er-Jahren entstanden ist. Das Autograph ist nicht erhalten, und auch zeitgenössische Abschriften sind bislang nirgends nachgewiesen. In den Ă€lteren Dresdner Katalogen erscheint lediglich ein Eintrag, der die Existenz des Werkes bestĂ€tigt â jedoch ohne Textincipit, ohne Besetzungsangabe und ohne Umfangsbeschreibung. Damit zĂ€hlt ZWV 103 zu denjenigen Kompositionen Zelenkas, von denen wir zwar sicher wissen, dass sie existierten, deren Musik jedoch vollstĂ€ndig verloren ist. GrĂŒnde dafĂŒr könnten die allgemeinen Verluste der Dresdner HofkirchenbestĂ€nde sein, die mehrfach â u. a. durch Verlagerungen, Kriegsereignisse und spĂ€tere Aussonderungen â dezimiert wurden. ZWV 103 Lauda Jerusalem, ZWV 104 Mit Lauda Jerusalem ZWV 104 schuf Jan Dismas Zelenka eine der kraftvollsten und musikalisch reichsten Fassungen des Jerusalemer Lobliedes aus Psalm 147. WĂ€hrend die eng gefasste Komposition ZWV 102 fĂŒr die Kapellknaben der Dresdner Hofkirche bestimmt war, begegnet uns in der spĂ€teren Version ZWV 104 ein Werk von deutlich gröĂerem Format, das stilistisch und konzeptionell auf die festlichen Anforderungen der Hofkirchenmusik der 1730er-Jahre ausgerichtet ist. Es entstand wahrscheinlich zwischen 1733 und 1735, also genau in jener Phase, in der Zelenka mit auĂergewöhnlicher IntensitĂ€t an seinen Vesperpsalmen arbeitete und gleichzeitig als de-facto-Leiter der Kirchenmusik des sĂ€chsischen Hofes wirkte. https://www.youtube.com/watch?v=CH9IC-aFgfs Schon die Besetzung macht klar, dass ZWV 104 eine vollgĂŒltige, reprĂ€sentative Psalmvertonung war, die fĂŒr die groĂen geistlichen AnlĂ€sse vorgesehen war. Der vierstimmige Chor wird von einem farbig und klanglich differenziert eingesetzten Orchester getragen, das in der Aufnahme von Ensemble InĂ©gal und den Prague Baroque Soloists unter Adam Viktora (* 1973) seine ganze Leuchtkraft entfaltet. Charakteristisch fĂŒr dieses Werk ist Zelenkas FĂ€higkeit, die monumentale Textarchitektur des Psalms zugleich energisch, durchsichtig und rhetorisch prĂ€gnant in Musik zu ĂŒbertragen. Besonders die eröffnenden Zeilen âLauda, Jerusalem, Dominumâ vertont er mit einer eindrucksvollen Mischung aus klanglicher Strahlkraft und kontrapunktischer PrĂ€zision: Die Stimmen setzen sich in klaren gestaffelten EinsĂ€tzen ab, wĂ€hrend das Orchester einen rhythmisch pulsierenden Untergrund bildet, der den Lobcharakter des Textes unmittelbar erfahrbar macht. Im Verlauf des Werkes entwickelt Zelenka eine bemerkenswerte Vielfalt an Satztechniken und Ausdrucksnuancen. Die Textzeilen ĂŒber den Frieden an den Grenzen Israels, ĂŒber Schnee und Frost sowie ĂŒber das schmelzende Wort Gottes erhalten jeweils musikalische Gestalt, ohne je ins bloĂ illustrative Klangmalen abzugleiten. Typisch fĂŒr Zelenka ist die Wechselwirkung von kontrapunktischer Arbeit und konzertierendem Duktus, bei der das Orchester nicht nur begleitet, sondern aktiv strukturelle Impulse gibt. Immer wieder wird der Chorsatz durch instrumentale Linien aufgehellt, sei es durch figuriert gefĂŒhrte Violinen, markante BassgĂ€nge oder durch die charakteristisch straff gesetzten Mittelstimmen, die dem Ganzen eine auĂergewöhnliche kompositorische Dichte verleihen. Besonders eindrucksvoll ist der groĂe Schlussabschnitt, in dem Zelenka das Alleluia mit einer Mischung aus tĂ€nzerischem Schwung und gelehrter StimmfĂŒhrung behandelt. Die abschlieĂende Steigerung, harmonisch kĂŒhn und rhythmisch von innerer Spannung getragen, verleiht dem Werk jene typisch âzelenkascheâ Erhabenheit, die seine Vesperpsalmen so unverwechselbar macht: eine Mischung aus Energie, Ernst, kontrapunktischer Meisterschaft und barocker KlangfĂŒlle. In der Einspielung auf der CD Psalmi Vespertini II (Nibiru 2017), Track 9, erscheint ZWV 104 als ein reifes, grandios proportioniertes VesperstĂŒck, das Zelenkas Rang als einer der eigenstĂ€ndigsten Kirchenkomponisten des 18. Jahrhunderts eindrucksvoll bestĂ€tigt. Die Interpretation von Ensemble InĂ©gal und den Prague Baroque Soloists unter Adam Viktora hebt sowohl den liturgischen Glanz als auch die strukturelle Feinheit der Komposition hervor und ermöglicht einen eindrucksvollen Zugang zu diesem meisterhaften Psalmmusik-Tableau, das im Gesamtwerk Zelenkas zu den Höhepunkten der Psalmvertonungen zĂ€hlt. CD-Vorscchlag Jan Dismas Zelenka, Psalmi Vespertini II, Ensemble InĂ©gal, Prague Baroque Soloists, Leitung Adam Viktora, Nibiru, 2017, Track 9. Seitenanfang ZWV 104 Beatus vir in G-Dur, ZWV 75 (nach Psalm 111) Zelenkas Beatus vir ZWV 75 gehört zu den farbenreichsten und zugleich wĂŒrdevollsten Psalmvertonungen seines ersten Vesperzyklus. Die Komposition entstand um 1725, in jener Phase, in der Zelenka mit besonderem Eifer an der groĂen Dreigliederung seiner drei Psalmi Vespertini-Zyklen arbeitete. Der Psalm Beatus vir, ein Preisgesang auf den frommen und standhaften Gerechten, bot ihm Gelegenheit zu einer vielseitigen musikalischen Ausdeutung: Licht und Glanz, innige Frömmigkeit, aber auch der strenge moralische Ton des biblischen Weisheitsstils verbinden sich zu einem Werk von auĂerordentlicher Geschlossenheit. Zelenkas Beatus vir ZWV 75 ist eine lichtdurchflutete, festliche und zugleich kunstvoll gebaute Vertonung des Psalms Beatus vir, die den Charakter des ersten Psalmi-Vespertini-Zyklus wie unter einem Brennglas sichtbar macht. Das Werk entfaltet sich in vier deutlich voneinander abgesetzten SĂ€tzen, die jedoch durch motivische Verbindungen und eine konsistente TonalitĂ€t zu einem geschlossenen Ganzen verschmelzen. Der Grundton ist freudig, dennoch nie oberflĂ€chlich; Zelenka verbindet strahlende Klangfarben mit strenger kontrapunktischer Disziplin. https://www.youtube.com/watch?v=zfFEtrE3jnU Der erste Satz eröffnet mit einem hellen, energischen Choreinsatz, in dem der Sopransolist immer wieder hervortritt und die Seligpreisung des Gerechten in einer Mischung aus Festlichkeit und innerer Haltung zum Leuchten bringt. Die Musik bewegt sich rasch, fast tĂ€nzerisch, jedoch stets in sauberer LinienfĂŒhrung. Der Wechsel von solistischen Partien und Tutti schafft ein dialogisches GefĂŒge, das den Psalmvers Beatus vir qui timet Dominum zugleich nach auĂen hin verkĂŒndet und innerlich meditativ ausleuchtet. Im zweiten Satz bringt Zelenka den Satz Peccator videbit in Form einer Fughetta. Dieser Abschnitt kontrastiert deutlich mit der vorangegangenen Festlichkeit: die Musik wird schĂ€rfer, kontrapunktischer, dichter, ohne den Fluss zu verlieren. Die Fughetta zeigt Zelenkas meisterhafte FĂ€higkeit, selbst kurze Abschnitte mit klarer kontrapunktischer Struktur, rhythmischer Energie und rhetorischer PrĂ€gnanz auszustatten. Der Gegensatz zwischen dem Gerechten und dem SĂŒnder wird nicht nur theologisch, sondern auch musikalisch greifbar. Der dritte Satz, Gloria Patri et Filio, wird dem Sopransolo anvertraut. Hier wechselt die AtmosphĂ€re zu einem feierlich-innerlichen Ton, beinahe arios, mit eleganten Melodielinien, die ĂŒber einem zurĂŒckhaltenden Fundament schweben. Dieser Abschnitt wirkt wie ein vertrĂ€umter Moment der Sammlung, bevor das Werk in seine abschlieĂende Krönung eintritt. Der vierte Satz, das Amen, ist eine voll ausgearbeitete Fuge und zeigt Zelenka auf der Höhe seiner kontrapunktischen Kunst. Die Stimmen greifen klar ineinander, das Thema wird mit groĂer Meisterschaft gefĂŒhrt, und der Satz endet in einer machtvollen, triumphierenden Geste. Wie so oft bei Zelenka erhĂ€lt das Amen nicht bloĂ einen liturgischen Abschluss, sondern eine musikalische Apotheose, die das gesamte Werk krönt. Die Aufnahme des Ensemble InĂ©gal unter Adam Viktora lĂ€sst dieses strahlende, klar gegliederte und kontrapunktisch reich gesĂ€ttigte Werk in seiner ganzen Eleganz und farblichen Transparenz erklingen. Klanglich verbindet sie schlanken Kammerchorklang mit prĂ€ziser Artikulation und hoher stilistischer SensibilitĂ€t. Deutscher Text â Psalm âBeatus virâ (Psalm 111) Wohl dem Menschen, der den Herrn fĂŒrchtet und groĂe Freude hat an seinen Geboten. MĂ€chtig wird seine Nachkommenschaft im Lande; das Geschlecht der Redlichen wird gesegnet sein. Reichtum und FĂŒlle sind in seinem Haus, und seine Gerechtigkeit besteht fĂŒr immer. Den Redlichen geht ein Licht auf in der Finsternis: ein GnĂ€diger, ein Barmherziger, ein Gerechter. Wohl dem, der freigebig ist und leiht, der seine Angelegenheiten ordnet mit Bedacht. Niemals wird er wanken; fĂŒr immer wird des Gerechten gedacht. Vor böser Kunde fĂŒrchtet er sich nicht; sein Herz ist fest, vertrauend auf den Herrn. UnerschĂŒtterlich ist sein Herz, ohne Furcht; er wird schauen, wie seine Feinde fallen. Er streut aus, er gibt den Armen; seine Gerechtigkeit bleibt in Ewigkeit, sein Horn wird erhoben in Ehre. Der Frevler sieht es und zĂŒrnt; mit den ZĂ€hnen knirscht er und vergeht. Doch was die Frevler wĂŒnschen â das wird zunichte. CD-Vorschlag Jan Dismas Zelenka: Psalmi Vespertini I Ensemble InĂ©gal â Leitung Adam Viktora (* 1973), Nibiru, 2015 Tracks 14â17 https://www.youtube.com/watch?v=NWlFFyUhNUg&list=OLAK5uy_k_dJDuOwMnDKYhaxowGegnvmD7kOt6PKM&index=14 Seitenanfang ZWV 75 Beatus vir, ZWV 76 Das Beatus vir ZWV 76, vermutlich in den frĂŒhen 1720er-Jahren entstanden und in G-Dur angelegt, gehört zu jenen straff gearbeiteten, zugleich auĂerordentlich leuchtenden Psalmvertonungen Zelenkas, in denen der Komponist seine kontrapunktische Meisterschaft mit einem ausgeprĂ€gt festlichen Klangideal verbindet. Der Eröffnungssatz âBeatus virâ ist fĂŒr Bass-Solo und Chor konzipiert und steht exemplarisch fĂŒr Zelenkas FĂ€higkeit, solistische und chorische KrĂ€fte in einer einzigen musikalischen Bewegung zu verschmelzen. https://www.youtube.com/watch?v=ydZJfeXEoeE Der Bass eröffnet mit einem markanten thematischen Gestus, dessen energische Intervalle und vitale Rhythmik unmittelbar die geistliche Kernbotschaft des Psalms â die Seligkeit des Gerechten â ins Klangbild heben. Der Chor nimmt dieses Material auf, kommentiert, verdichtet und kontrastiert es, sodass ein lebendiger Dialog entsteht, der durch die strahlende Tonart und den festlich gefĂŒhrten Satz eine nahezu litaneiartige Klarheit gewinnt. Der zweite Teil âGloria Patriâ, hier einem Sopran anvertraut, bildet den lyrischen Mittelpunkt der Komposition. Zelenka wĂ€hlt eine ariose, hell timbrierte LinienfĂŒhrung, deren Melodik einerseits dem Charakter der Doxologie entspricht, andererseits aber jene fĂŒr ihn typische innere Spannung erkennen lĂ€sst: feine chromatische EinfĂ€rbungen, gezielte harmonische Schattierungen und eine geschmeidige, fast instrumental gedachte Sopranlinie verleihen dem kurzen Satz einen unerwarteten Reichtum. Die Doxologie wird so nicht bloĂ rezitiert, sondern meditativ ausgeleuchtet. Den Abschluss bildet das âAmenâ, eine groĂ angelegte Doppelfuge, wie man sie nur bei Zelenka findet. Der Satz verbindet gelehrte Strenge mit barocker VirtuositĂ€t: zwei Themen, gegensĂ€tzlich im Charakter und doch eng verwandt, werden in kunstvoller Permutation gefĂŒhrt, geschichtet, verschrĂ€nkt und am Höhepunkt in einem machtvollen Tutti zusammengefĂŒhrt. Die kontrapunktische Dichte ist auĂergewöhnlich, doch bleibt der Satz durchsichtig: Die Fuge wirkt nicht akademisch, sondern wie ein musikalisches Bekenntnis, das den Psalm mit einer finalen Geste von Kraft und innerer Gewissheit beschlieĂt. ZWV 76 zeigt Zelenka als Meister des liturgischen Formats: konzentriert in der Form, reich im Ausdruck, festlich im Klang und von einer inneren, fast meditativen Strahlkraft getragen. Die Kombination aus solistischer IndividualitĂ€t, chorischer Wucht und kontrapunktischer Kunst macht dieses Beatus vir zu einem der eindrĂŒcklichsten kleineren Psalmen seines frĂŒhen Dresdner Schaffens. Deutsche Ăbersetzung Wohl dem Menschen, der den Herrn fĂŒrchtet und groĂe Freude hat an seinen Geboten. MĂ€chtig wird sein Geschlecht im Lande, das Geschlecht der Frommen wird gesegnet sein. Reichtum und FĂŒlle wohnen in seinem Haus, und seine Gerechtigkeit bleibt ewig bestehen. Dem Rechtschaffenen geht ein Licht auf in der Finsternis: gĂŒtig, barmherzig und gerecht ist er. Wohl dem, der gnĂ€dig ist und leiht, der seine Sachen ordnet, wie es recht ist. Niemals gerĂ€t er ins Wanken; in ewiger Erinnerung bleibt der Gerechte. Er fĂŒrchtet sich nicht vor böser Kunde; sein Herz ist fest, auf den Herrn vertraut er. Sein Herz ist sicher, er fĂŒrchtet sich nicht, bis er seine Lust sieht an seinen Feinden. Er streut aus und gibt den Armen; seine Gerechtigkeit bleibt ewig bestehen; sein Horn wird erhöht in Herrlichkeit. Der Frevler wird es sehen und sich Ă€rgern, mit den ZĂ€hnen wird er knirschen und vergehen; die WĂŒnsche der Gottlosen werden zunichte. Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen. CD-Vorschlag Jan Dismas Zelenka: Missa Gratias agimus tibi Kammerchor Stuttgart · Barockorchester Stuttgart Leitung Frieder Bernius (* 1947), Carus, 2024, Tracks 22â24 https://www.youtube.com/watch?v=iF5RmjLXcCQ&list=OLAK5uy_lcF22gCt0bZuv4TaLqF-2yZJQtRKEUxLw&index=22 Seitenanfang ZWV 76 Beatus vir, ZWV 77 ZWV 77 ist im Zelenka-Werkverzeichnis als ein weiteres âBeatus virâ verzeichnet, doch das Werk gilt vollstĂ€ndig verschollen. Es existieren weder Partituren noch Stimmen, keine Abschriften, keine Fragmente und keinerlei musikalische Substanz, die eine Edition oder AuffĂŒhrung ermöglichen wĂŒrde. Die Quellenlage beschrĂ€nkt sich auf eine reine TitelĂŒberlieferung, vermutlich aus einem alten Dresdner Inventar. Tonart, Besetzung, Umfang und Entstehungsjahr sind nicht ĂŒberliefert. Da keine Quelle erhalten ist, existiert keine Einspielung und auch keine Rekonstruktion. Damit steht ZWV 77 heute als titelbelegtes, aber musikalisch vollstĂ€ndig verlorenes Werk in Zelenkas Vesperpsalm-Projekten â vergleichbar mit einigen anderen verschollenen Psalmen seiner Dresdner Jahre. ZWV 77 Ave maris stella in d-Moll, ZWV 110 Von Zelenkas Ave maris stella in d-Moll (ZWV 110) ist keine Musik ĂŒberliefert. Zwar wird die Komposition im Zelenka-Werkverzeichnis eindeutig genannt â einschlieĂlich Tonartangabe â doch das Werk selbst ist vollstĂ€ndig verschollen: weder Stimmen noch Partitur haben sich erhalten, und auch Hinweise auf zeitgenössische AuffĂŒhrungen fehlen. Daher existieren weder moderne Editionen noch Einspielungen. In der Forschung gilt ZWV 110 als eines jener verloren gegangenen Marienmotetten Zelenkas, deren Existenz nur durch die archivalische TitelĂŒberlieferung belegt ist. ZWV 110 Deus tuorum militium in C-Dur (âGott deiner Streiterâ), ZWV 113 Hymnus zum Fest eines MĂ€rtyrers Dieses Werk ist eine kurze Hymnenvertonung Jan Dismas Zelenkas, gesetzt fĂŒr Stimmen, Violine und Basso continuo. Die Tonart ist C-Dur; der Text geht auf einen anonymen Hymnus des 6. Jahrhunderts zurĂŒck (Deus tuorum militum â ein traditioneller Heiligenhymnus im römischen Brevier). Das StĂŒck gehört zu einer kleinen Gruppe liturgischer Hymnen, die Zelenka vermutlich in den 1720er Jahren komponierte. Die Musik ist ĂŒberliefert, aber es existiert keine moderne Einspielung. ZWV 113 Iste confessor (âDieser Bekennerâ), ZWV 117 Hymnus zum Fest eines Heiligen, der kein MĂ€rtyrer ist Auch dieses Werk ist eine kurze Hymnenvertonung fĂŒr Stimmen, Violine und Basso continuo. Iste confessor ist ein klassischer Brevierhymnus zu Ehren eines heiligen Bekenners (z. B. Bischöfe, Heilige ohne Martyrium). Eine Tonart ist in den heutigen Quellen nicht eindeutig ĂŒberliefert, die Entstehung dĂŒrfte ebenfalls in die 1720er Jahre fallen. Die Komposition ist erhalten, jedoch gibt es derzeit keine bekannte Aufnahme. ZWV 117 Veni Creator Spiritus (âKomm, Schöpfer Geistâ), ZWV 120 Pfingsthymnus, einer der Ă€ltesten der Kirche Librettist: anonym, traditionell meist Hrabanus Maurus ? (um 776â856) zugeschrieben. Diese Vertonung des bekannten Pfingsthymnus ist wie die anderen beiden fĂŒr Stimmen, Violine und Basso continuo geschrieben. Die Tonart wird in den Quellen nicht eindeutig genannt, das Werk gehört aber klar zu Zelenkas Sammlung liturgischer Hymnen. Veni Creator Spiritus ist einer der zentralen Texte des Pfingstfestes und der Firmung. Auch dieses Werk ist ĂŒberliefert, aber bis heute nicht eingespielt. ZWV 120 Chvalte Boha silnĂ©ho in G-Dur (âLobt Gott den MĂ€chtigenâ), ZWV 165 Chvalte Boha silnĂ©ho, ZWV 165, gehört zu den ganz ungewöhnlichen BeitrĂ€gen im Ćuvre Jan Dismas Zelenkas. WĂ€hrend fast alle seine geistlichen Werke lateinische Liturgie-Texte vertonen, steht hier ein tschechischer Psalm im Mittelpunkt â ein klarer Hinweis darauf, dass dieses Werk fĂŒr einen besonderen Anlass oder eine spezifische lokale Gemeinschaft gedacht war, möglicherweise fĂŒr eine Bruderschaft oder ein privates Andachtsumfeld im böhmischen Raum. Die Komposition ist dreiteilig angelegt und zeigt, wie souverĂ€n Zelenka auch in einer Volkssprache bleiben konnte, ohne seine typische kontrapunktische PrĂ€zision oder seinen expressiven Ernst zu verlieren. https://www.youtube.com/watch?v=dtb160xvlEs Der erste Teil (Chvalte Boha silnĂ©ho) beginnt mit einem krĂ€ftigen, fast festlichen Choreinsatz, der den Psalmvers in homophonen Gesten mit deutlicher TextverstĂ€ndlichkeit prĂ€sentiert. Die Harmonik ist hell, eindeutig und klar strukturiert â ein bewusster Schritt Zelenkas, um die volkssprachliche Botschaft unmittelbar verstĂ€ndlich zu machen. Der zweite Teil (Chvalte zvuku trouby) ist bewegter und kontrastiert durch schnelle Figuren, lebendige Rhythmen und kurze imitatorische EinsĂ€tze. Die Musik wirkt wie ein Aufruf zum aktiven Gotteslob: energiegeladen, elegant gebaut und mit typischen Zelenka-SchĂ€rfen in der Harmonik. Hier spĂŒrt man den Komponisten der Dresdner Hofkirche, der selbst einem tschechischen Text dramatische Kraft verleihen kann. Der dritte Teil (VĆĄelikĂœ duch chval Hospodina, Allelujah!) rundet das Werk mit einer Mischung aus ruhiger Andacht und festlicher Erhöhung ab. Zelenka kombiniert homophone Linien mit kurzen polyphonen Verdichtungen und fĂŒhrt die Musik zu einem klaren, fast leuchtenden Abschluss. Die klangliche Balance zwischen volkssprachlicher Direktheit und barocker Kunstfertigkeit zeigt sich hier besonders deutlich â als hĂ€tte Zelenka bewusst eine BrĂŒcke zwischen böhmischer Frömmigkeit und höfischer Musikkultur geschlagen. Die Aufnahme mit den PraĆŸĆĄtĂ madrigalistĂ© unter Pavel Baxa (1951â2020) hebt gerade diese Mischung hervor: Klarheit des Textes, schlanke LinienfĂŒhrung, und ein eindringlicher, wĂŒrdevoller Ton, der die spirituelle IntensitĂ€t des ungewöhnlichen Werkes sehr gut einfĂ€ngt. Tschechischer Text Chvalte Boha silnĂ©ho, chvalte PĂĄna mocnĂ©ho, chvalte jmĂ©no jeho svatĂ©. On jest PĂĄn nĂĄĆĄ velikĂœ, on jest ochrĂĄnce nĂĄĆĄ, on jest svÄtla naĆĄeho dĂĄrce. Chvalte jej na vĂœsostech, chvalte jej na zemi, chvalte jej vĆĄickni lidĂ©. Deutsche Ăbersetzung Lobet Gott, den MĂ€chtigen, lobet den Herrn, den Gewaltigen, lobet seinen heiligen Namen. Er ist unser groĂer Herr, er ist unser BeschĂŒtzer, er ist der Spender unseres Lichtes. Lobet ihn in der Höhe, lobet ihn auf Erden, lobet ihn, all ihr Menschen. CD-Vorschlag Jan Dismas Zelenka â Psalmi PraĆŸĆĄtĂ madrigalistĂ© â Leitung Pavel Baxa (1951â2020) SUPRAPHON a.s., 1994, Track 1: https://www.youtube.com/watch?v=iBnKzYbwfS4&list=OLAK5uy_krNye7TdR6z0pOpW3x9kVkasnugSxmptI&index=2 Seitenanfang ZWV 165 Alma redemptoris mater in g-Moll (âMilde Mutter des Erlösersâ), ZWV 123 Das Alma redemptoris mater ZWV 123 gehört zu einer kleinen Gruppe marianischer Antiphonen, die Zelenka Mitte der 1720er Jahre fĂŒr die Dresdner Hofkirche komponierte. Eine genaue Datierung ist aufgrund der lĂŒckenhaften Quellenlage unsicher, doch stilistische Merkmale und die Handschriftenanalyse deuten auf die Jahre 1725â1726. Das Werk ist in drei Abschnitte gegliedert â Alma redemptoris mater, SĂșrgere und Virgo prius â und folgt damit einer Form, die Zelenka mehrfach fĂŒr Antiphonen verwendet hat: Ein eröffnender, frei gestalteter Satz, ein bewegter Mittelteil und ein kontemplativer Abschluss. https://www.youtube.com/watch?v=sEuVe7qFJp4 Der erste Abschnitt, âAlma redemptoris materâ, ist von einer warmen, kantablen LinienfĂŒhrung geprĂ€gt und entfaltet ein klangliches Bild der marianischen Milde. Zelenka verbindet Polyphonie und homophone Passagen, arbeitet mit sanften Dissonanzen und erzeugt damit eine AtmosphĂ€re inniger Verehrung. Der zweite Teil, âSĂșrgereâ, bringt eine deutliche Steigerung: lebhaftere Rhythmen, engere Imitationen und eine klare textliche Pointierung, die den Gedanken der ĂŒbernatĂŒrlichen Geburt und des göttlichen Eingreifens musikalisch hervorhebt. Der abschlieĂende Abschnitt, âVirgo priusâ, ist ruhiger und zentriert, oft im Dialog zwischen Stimmen gefĂŒhrt, mit einer Harmonik, die in die fĂŒr Zelenka typische Mischung aus strenger LinearitĂ€t und schimmernder Chromatik ĂŒbergeht. Diese Dreiteiligkeit macht ZWV 123 zu einer marianischen Meditation, die trotz ihrer KĂŒrze den ganzen Reichtum seines geistlichen Ausdrucks enthĂ€lt. Eine moderne Einspielung dieses Werkes ist bislang nicht bekannt, doch die erhaltene Handschrift zeigt, dass es sich um ein sorgfĂ€ltig konzipiertes, liturgisch voll funktionsfĂ€higes Antiphonensetting handelt, das zu den wichtigen marianischen StĂŒcken in Zelenkas Schaffen gehört. Lateinischer Text und deutsche Ăbersetzung I. Alma redemptoris mater Latein Alma Redemptoris Mater, quae pervia caeli porta manes, et stella maris, succurre cadenti, surgere qui curat populo. Tu quae genuisti, natura mirante, tuum sanctum Genitorem, Virgo prius ac posterius, Gabrielis ab ore sumens illud Ave, peccatorum miserere. Deutsch Milde Mutter des Erlösers, du bleibst das offene Tor des Himmels und der Stern des Meeres. Steh dem fallenden Volk bei, das sich mĂŒht, wieder aufzustehen. Du hast geboren â zum Staunen der Natur â den heiligen Urheber deines Lebens. Du Jungfrau vor wie nach der Geburt, du nahmst aus Gabriels Mund das Wort des GruĂes: Erbarme dich der SĂŒnder. II. SĂșrgere Latein SĂșrgere tandem fac populum tuum, Domina, et obtine pro nobis misericordiam. Deutsch Lass endlich dein Volk aufstehen, Herrin, und erflehe fĂŒr uns Erbarmen. (Dies ist ein traditioneller Zusatzvers, der in vielen mittelalterlichen Handschriften erscheint und in Zelenkas Version ebenfalls vertont ist.) III. Virgo prius Latein Virgo prius, ac posterius, Gabrielis ab ore sumens illud Ave, peccatorum miserere. Deutsch Du Jungfrau zuvor und danach, die aus Gabriels Mund das âGegrĂŒĂet seist duâ empfing, erbarme dich der SĂŒnder. Seitenanfang ZWV 123 Alma redemptoris Mater in d-Moll, ZWV 124 ZWV 124 ist eine kurze, konzentrierte Vertonung der marianischen Antiphon âAlma redemptoris materâ, vermutlich um 1725â1726 entstanden. Das Werk gehört zu mehreren Fassungen, die Zelenka diesem Text widmete, und zĂ€hlt zu seinen kompaktesten Antiphonen. Die musikalische Anlage ist schlicht, aber prĂ€gnant: ein fein gearbeiteter Vokalsatz, der den Text in ruhiger, ernster d-Moll-FĂ€rbung auslegt. Charakteristisch ist Zelenkas harmonische Klarheit, die er hier mit sparsamer, aber wirkungsvoller StimmfĂŒhrung verbindet. Trotz der KĂŒrze zeigt sich seine FĂ€higkeit, eine liturgische Antiphon mit innerer Spannung, feinem Ausdruck und ausgewogener LinearitĂ€t zu gestalten. Eine autographe Quelle existiert; das Werk ist jedoch nur selten aufgefĂŒhrt und kaum auf CD dokumentiert. https://www.youtube.com/watch?v=O3Vd_V31V98 ZWV 124 Alma redemptoris mater, ZWV 125 Alma redemptoris mater ZWV 125 gehört zu Zelenkas kleinen marianischen Antiphonen und ist vermutlich um 1725â1726 entstanden â in derselben Zeit wie ZWV 123 und 124. Die Forschungslage ist Ă€uĂerst dĂŒnn; das Werk gilt als kurzes VokalstĂŒck, wahrscheinlich fĂŒr einfachen liturgischen Gebrauch in der Dresdner Hofkirche. Die Besetzung ist nicht eindeutig ĂŒberliefert, doch aufgrund der Parallelen zu ZWV 123 und 124 ist von einer kleinen Vokalformation mit Continuo auszugehen. Das Werk ist nicht vollstĂ€ndig erforscht, weder modern ediert noch professionell eingespielt. In allen modernen Verzeichnissen erscheint ZWV 125 als ĂŒberliefert, aber ohne bekannte AuffĂŒhrung, ohne CD und ohne Aufnahme. Die Tonart ist in den frei zugĂ€nglichen Quellen nicht angegeben, und es gibt auch keine verlĂ€ssliche Aussage ĂŒber den Umfang der SĂ€tze. Trotzdem ist es wahrscheinlich, dass ZWV 125 â Ă€hnlich wie ZWV 123 und 124 â eine kurze, klar strukturierte Antiphon ist, die den liturgischen Text Alma redemptoris mater vollstĂ€ndig oder in knapper Form vertont. Eine Einspielung existiert nicht. ZWV 125 Alma redemptoris mater in d-Moll, ZWV 126 (30. Dezember 1730) Zelenkas Alma redemptoris mater ZWV 126 gehört zu seinen eindrucksvollsten Marienantiphonen und ist zugleich das einzige dieser vier Werke, das sich autograph datiert erhalten hat: Dresda / 1730 / 30 Decembris. Damit liegt es in der festlichen Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr, in der die Dresdner Hofkirche besonders reichhaltige Marienmusik pflegte. Dass am 31. Dezember 1730 laut Jesuiten-Tagebuch zuerst die Litanei von Loreto und anschlieĂend das Alma redemptoris mater gesungen wurde, legt sehr nahe, dass Zelenkas neue Komposition genau an diesem Tag erklang â wahrscheinlich sogar als ErstauffĂŒhrung. https://www.youtube.com/watch?v=ETfBNeBER9A Das Werk ist dreisĂ€tzig angelegt und zeigt Zelenka auf dem Höhepunkt seiner lyrischen, farblich schillernden SpĂ€tphase. Der erste Satz, Alma redemptoris mater, steht im Larghetto und entfaltet eine fast kammermusikalische Transparenz: Zwei Traversflöten â vermutlich von Pierre-Gabriel Buffardin (1689â1768) und Johann Joachim Quantz (1697â1773) gespielt â umspielen eine zarte Sopranlinie. Die Violinen spielen con sordini, die Viola ist ad libitum, der Bass trĂ€gt den leisen, atmenden Grund (solo pianissimo sempre). Es entsteht ein Klangbild von auĂergewöhnlicher ZĂ€rtlichkeit und kontemplativer Sanftheit â eine musikalische Marienikone in pastellfarbenem Licht. Der zweite Satz, SuccĂșrre cadĂ©nti, bildet einen scharfen Kontrast: Markiert mit âForte. Senza Sordini. Senza Flautiâ, entfaltet er eine drĂ€ngende, kraftvolle Dramatik. Hier begegnet uns Zelenkas unverkennbares Temperament â rhythmisch gespannt, rhetorisch scharf konturiert und harmonisch kĂŒhn. Der Text âSurgere qui curatâŠâ erhĂ€lt eine energische, geradezu kĂ€mpferische Deutung, die das Bittgebet des GlĂ€ubigen in leidenschaftliche Bewegung setzt. Der dritte Satz, PeccatĂłrum miserĂ©re, schlieĂt das Werk in einem innigen Adagio. Die Flöten schweigen erneut, die Streicher begleiten mit gedĂ€mpfter WĂ€rme. Der Satz wirkt wie ein musikalischer Gebetsraum, in dem sich die gesamte Antiphon zu einem stillen, demĂŒtigen Schluss sammelt. Die Bitte um Erbarmen wird zu einem der bewegendsten Momente innerhalb von Zelenkas Marienkompositionen. ZWV 126 zeigt in exemplarischer Weise Zelenkas Meisterschaft, Text und Klang in seelische Tiefe zu verwandeln. Die ungewöhnliche Instrumentierung, die prĂ€zise Affektregie und die Mischung aus IntimitĂ€t und dramatischer Kraft machen dieses Werk zu einer der kostbarsten Marienantiphonen des Dresdner Barock. Deutscher Text Heilige Mutter des Erlösers, du offener Himmel, du leuchtendes Tor, du Meeresstern, komm zu Hilfe dem gefallenen Volk, das aufzustehen sucht. Du hast den staunenswĂŒrdigen Schöpfer der Welt geboren, und doch bist du Jungfrau geblieben: Du, die du Gabrielâs GruĂ vernommen hast, gewĂ€hre uns SĂŒnderinnen und SĂŒndern dein Erbarmen. CD-Vorschlag Jan Dismas Zelenka: Solo Motettes Countertenor Alex Potter â Capriccio Basel Baroque Orchestra, Leitung: Dominik Kiefer, Pan Classics, 2012, Track 2: https://www.youtube.com/watch?v=2vUr7sC88-4&list=OLAK5uy_kr8hTzFTEiBrl2DAGSoCVlMMbl75pQagk&index=2 Seitenanfang ZWV 126 Alma redemptoris mater, ZWV 127 (um 1728) ZWV 127 gehört zu Zelenkas vier bekannten Vertonungen der marianischen Antiphon Alma redemptoris mater. Die Entstehung wird in die spĂ€ten 1720er Jahre gelegt, wahrscheinlich um 1728, doch die Quellenlage ist schmal, und die Forschung konnte bislang keine genauere Einordnung liefern. Stilistisch steht das Werk ZWV 127 zwischen dem strengeren liturgischen Typus und einem stĂ€rker solistisch geprĂ€gten Antiphonensatz: Die Musik ist ĂŒbersichtlich, klar gebaut und konzentriert sich auf die unmittelbare Textausdeutung, ohne die dramatischen Kontraste der spĂ€teren, reich orchestrierten Vertonung von 1730 (ZWV 126). https://www.youtube.com/watch?v=kjO3_nNKbBA Der erste Abschnitt âAlma redemptoris materâ ist kantabel und ruhig gehalten; die LinienfĂŒhrung ist weich, der Satz kompakt, und die Harmonik bleibt eng gefĂŒhrt. Zelenka legt den Schwerpunkt auf flieĂende Melodik und eine betonte Andachtlichkeit, wodurch die Antiphon eine intime, fast kontemplative FĂ€rbung erhĂ€lt. Der zweite Teil âSĂșrgereâ ist bewegter, mit strafferer Rhythmik und einer deutlich hervorgehobenen Bitte um Beistand. Hier wird der Text âStehe auf, der du sorgstâŠâ musikalisch als AufwĂ€rtsdrĂ€ngen gestaltet, ohne jedoch in virtuose GebĂ€rden auszubrechen. Der dritte Abschnitt âVirgo priusâ bildet den Abschluss: ein kurzer, wĂŒrdevoller Teil, in dem die Reinheit und das Geheimnis der Gottesmutterschaft mit zarter Harmonik und klarer LinienfĂŒhrung hervorgehoben werden. Auch hier zeigt Zelenka seine FĂ€higkeit, aus kleinsten Formen geistliche IntensitĂ€t zu gewinnen. Insgesamt ist ZWV 127 ein schlichtes, dabei aber ausdrucksvolles Werk von hoher Reinheit und Konzentration â eine Antiphon, die liturgische Schlichtheit mit der typisch zartsinnigen Musiksprache Zelenkas verbindet. Deutscher Ăbersetzung Alma redemptoris mater Erhabene Mutter des Erlösers, du Pforte des Himmels und Stern des Meeres, komm dem gefallenen Volk zu Hilfe, das nach Wiederaufrichtung verlangt. SĂșrgere Erhebe dich, du, der fĂŒr uns eintritt; du hast den Schöpfer der Welt geboren zum Staunen der Natur. Virgo prius Du bist Jungfrau zuvor, Jungfrau in der Geburt und Jungfrau auch danach geblieben. Erbarme dich unser. Himmlische Weyhnacht â Festliche GesĂ€nge von Luther bis Bach BellâArte Salzburg â Marie Luise Werneburg (Sopran), Leitung Annegret Siedel (* 1963), Track 11: https://www.youtube.com/watch?v=YpNmkB_9BOY&list=OLAK5uy_k3C7DcakDkCxD-rbB4YXvKqip-iBM7gMA&index=11 Seitenanfang ZWV 127 Ave Regina coelorum in g-Moll, ZWV 128/1 Zelenkas Ave Regina coelorum ZWV 128 gehört zu seinen innigsten und zugleich kunstvollsten Marienantiphonen. Vermutlich entstand das Werk um die Mitte der 1720er Jahre, in jener Schaffensphase, in der der Komponist sich intensiv mit den vier groĂen marianischen Antiphonen des Kirchenjahres beschĂ€ftigte. Diese g-Moll-Vertonung greift den gesungenen Gebetscharakter des Textes mit einer eindrucksvollen Mischung aus schlichter Andacht und kontrapunktischer SubtilitĂ€t auf â ein typisch âzelenkischerâ Klang, der zwischen Spannung und ZĂ€rtlichkeit schwebt. https://www.youtube.com/watch?v=20wYNSihzpM Der Beginn wirkt wie eine leise, ehrfĂŒrchtige Anrufung: Die Stimmen steigen weich und dennoch bestimmt an, fast wie ein musikalisches Niederknien vor der Gottesmutter. Zelenka verwendet hier eine melodische LinienfĂŒhrung, die reich an kleinen expressiven Seufzermotiven ist, aber nie ins Sentimentale gleitet. Der harmonische Raum bleibt weit und beweglich; charakteristisch sind chromatische DurchgĂ€nge und ĂŒberraschende Wendungen, die das Gebet zum Leuchten bringen. In der Mittelpartie entfaltet sich eine fein abgestimmte Polyphonie, in der jede Stimme ein eigenes Gewicht erhĂ€lt. Besonders eindrucksvoll ist die Art, wie Zelenka den Text âAve, Domina angelorumâ ausdeutet: Der Chorsatz weitet sich, wird strahlender, beinahe visionĂ€r, ohne die Grundhaltung der Demut aufzugeben. Die Linien bleiben klar, und doch schwingen im Hintergrund jene typisch dichten harmonischen Verflechtungen, die Zelenka unverwechselbar machen. Die abschlieĂende Bitte âOra pro nobisâ gestaltet der Komponist mit innigem Ernst. Der Schluss ist nicht triumphal, sondern sanft, leicht verdunkelt, wie ein stilles, glĂ€ubiges Vertrauen. Die g-Moll-Tonart verleiht dem Werk einen empfindsamen Ernst, der die Architektur des StĂŒckes zu einer eindrucksvollen Einheit fĂŒhrt: ein kurzes, aber auĂerordentlich konzentriertes Meisterwerk geistlicher Musik. Lateinischer Text â deutsche Ăbersetzung Ave, Regina coelorum, ave, Domina angelorum: Sei gegrĂŒĂt, Himmelskönigin, sei gegrĂŒĂt, Herrin der Engel. Salve radix, salve porta, ex qua mundo lux est orta: Sei gegrĂŒĂt, du Wurzel, sei gegrĂŒĂt, du Tor, aus dem das Licht der Welt hervorgegangen ist. Gaude, Virgo gloriosa, super omnes speciosa: Freue dich, ruhmreiche Jungfrau, schöner als alle anderen. Vale, o valde decora, et pro nobis Christum exora. Leb wohl, du ĂŒberaus Schöne, und bitte Christus fĂŒr uns. CD-Vorschlag Jan Dismas Zelenka: Geistliche Werke fĂŒr Soli, Chor und Orchester Capella Piccola â Barockorchester Metamorphosis Köln, Leitung Thomas Reuber (* 1952), Bella Musica Edition, 1997, Track 6: https://www.youtube.com/watch?v=N4OGnRSt118&list=OLAK5uy_l_m8z8kILN73spAQhDKCmxwl5b5dvSlf0&index=6 Es gab sechs Fassungen Ave Regina coelorum: ZWV 128/1 â in G-Moll (die berĂŒhmteste; hĂ€ufig mit Video / Aufnahme zu finden) ZWV 128/2 â in d-Moll ZWV 128/3 â in a-Moll ZWV 128/4 â in a-Moll ZWV 128/5 â in F-Dur ZWV 128/6 â in D-Dur Nur einige wenige davon sind musikalisch wirklich erhalten, und nur eine, nĂ€mlich die G-Moll-Version ZWV 128/1, ist derzeit in Aufnahmen zugĂ€nglich. Seitenanfang ZWV 128 Regina caeli laetare (C-Dur / a-Moll / C-Dur), ZWV 129 ZWV 129 enthĂ€lt drei verschiedene Vertonungen der marianischen Oster-Antiphon Regina caeli laetare. Die Quelle listet die Tonarten C-Dur â a-Moll â C-Dur und die Besetzung SATB, 2 Oboen, 2 Violinen, Viola, Continuo auf. Das Werk stammt aus der Zeit nach 1728. Eine veröffentlichte Einspielung ist nicht nachweisbar; keine der Diskographien (Carus, Supraphon, Nibiru, Accent) fĂŒhrt ZWV 129. Auch bei YouTube erscheint keine Audiodatei, die eindeutig ZWV 129 ist. Text, den Zelenka vertont: Regina caeli, laetare, alleluia; quia quem meruisti portare, alleluia, resurrexit sicut dixit, alleluia. Ora pro nobis Deum, alleluia. Deutsche Ăbersetzung: Himmelskönigin, freue dich, Halleluja! Denn der, den du zu tragen wĂŒrdig warst, Halleluja, ist auferstanden, wie er gesagt hat, Halleluja. Bitte fĂŒr uns zu Gott, Halleluja. ZWV 129 Regina caeli laetare ZWV 130, (Nr. 2 in a-Moll), um 1729 ZWV 130 ist eine eigenstĂ€ndige weitere Vertonung der Osterantiphon Regina caeli. Die Quellen geben an: ca. 1729, Besetzung SS-Solisten, SSATB-Chor, Violine, Continuo. Dieses Werk existiert in einer gesicherten Aufnahme (Link) - ein Fragment, es ist das Einzige, was eingespielt worden ist: https://www.youtube.com/watch?v=XigfRu5OUBc Die Vertonung ist feierlich und virtuoser als ZWV 129, mit stark ausgeprĂ€gten Sopranpassagen und einer kompakten, typisch âspĂ€tenâ Dresdner Klangsprache. Text: (identisch wie oben) Regina caeli laetare⊠Seitenanfang ZWV 130 Liturgische Antiphon, ZWV 131 ZWV 131 ist eine der kleinen liturgischen Antiphonen (antiphonae), die Jan Dismas Zelenka in den spĂ€ten 1720erâfrĂŒhen 1730er Jahren fĂŒr den Dresdner Hof komponiert hat. Der Titel der Komposition lautet: ZWV 131 â âRegina coeliâ (nicht zu verwechseln mit ZWV 129, ebenfalls âRegina coeliâ, aber anderer Satz und anderer Tonumfag) Gattung: Marianische Antiphon (Regina coeli) Text: Regina caeli laetare, alleluia⊠(klassischer Ostertext) Ăberlieferung: Autographe Quelle vorhanden (Bibliothek Dresden) Tonart: C-Dur (laut KatalogeintrĂ€gen der SLUB Dresden und IMuB) Instrumentation: SATB, Violinen, Viola, basso continuo Datierung: nach 1728 (so im Quellenkatalog dokumentiert) SĂ€tze: eine einzige zusammenhĂ€ngende Vertonung, kein mehrteiliger Aufbau Diskographie Es gibt keine veröffentlichte CD-Einspielung von ZWV 131. Weder bei Nibiru, Supraphon, Carus, Accent, Pan Classics, Hyperion, ECM, Chandos, Archiv, harmonia mundi oder Brilliant Classics taucht das Werk auf. Auch YouTube, Spotify und andere Plattformen zeigen keine Aufnahme. Lateinischer Text (Standardtext der Antiphon âRegina coeliâ â identisch fĂŒr alle vier Regina-coeli-Vertonungen Zelenkas) Regina coeli, laetare, alleluia: Quia quem meruisti portare, alleluia, Resurrexit, sicut dixit, alleluia. Ora pro nobis Deum, alleluia. Deutsche Ăbersetzung Himmelskönigin, freue dich, Halleluja! Denn der, den du zu tragen wĂŒrdig warst, Halleluja, ist auferstanden, wie er gesagt hat, Halleluja. Bitte fĂŒr uns zu Gott, Halleluja. Seitenanfang ZWV 131 Regina coeli (C-Dur), ZWV 132 Im Werkverzeichnis von Jan Dismas Zelenka wird ZWV 132 als âRegina coeliâ gefĂŒhrt. Tonart: C-Dur (laut Katalogangaben). Status: Missing / verloren â das Werk ist nicht ĂŒberliefert. Es existieren keine Partituren, keine Stimmen, keine moderne Edition, keine CD-Einspielung, keine nachweisbare AuffĂŒhrung. Die Quellenlage beschrĂ€nkt sich auf eine katalogisierte ErwĂ€hnung (Titel + Tonart). Auch groĂe Datenbanken (IMSLP, DIAMM, Klassika, jdzelenka.net) bestĂ€tigen den Verlust. ZWV 132 ist also ein titelseitig belegtes, aber vollstĂ€ndig verlorenes Werk Zelenkas in C-Dur. Mehr Informationen existieren nach heutigem Stand nicht. ZWV 132 Regina caeli laetare in F-Dur, ZWV 134 ZWV 134 ist eine von Zelenkas marianischen Osterantiphonen und wurde vor 1728 komponiert. Die Autograph-Ăberlieferung zeigt eine schlanke, bewusst einfache Anlage, wahrscheinlich als repertoiretaugliches StĂŒck fĂŒr das Fest MariĂ€ VerkĂŒndigung (25. MĂ€rz) oder andere Osterfeiern im Dresdner Hofgottesdienst bestimmt. Ăber konkrete historische AuffĂŒhrungen sind keine Quellen erhalten. https://www.youtube.com/watch?v=YjyTRgSKoZk Die Komposition ist bemerkenswert durch ihre ungewöhnliche Besetzung fĂŒr drei hohe Stimmen, die zunĂ€chst den cantus firmus des gregorianischen Antiphons ĂŒber einem âgehenden Bassâ der Instrumente tragen. Die oberen Streicher und Oboen schaffen eine helle Harmonik, die spĂ€ter die drei Stimmen in enger Dreiklangsharmonie zusammenfĂŒhrt. Ein kurzer Abschnitt im dreifachen Takt fĂŒr Stimmen und Basso continuo bildet den Mittelteil; anschlieĂend kehren die Instrumente zum einleitenden Material zurĂŒck und fĂŒhren das Werk zu einem klaren, freudigen âalleluiaâ. Insgesamt ist ZWV 134 eine kompakte, lichtdurchflutete Antiphon, deren formale Einfachheit und gezielt reduzierte Besetzung den festlichen Ostercharakter unterstreichen, ohne die kontrapunktische Strenge der groĂen Vesperpsalmen zu ĂŒbernehmen. Lateinischer Text Regina caeli, laetare, alleluia: Quia quem meruisti portare, alleluia, Resurrexit, sicut dixit, alleluia. Ora pro nobis Deum, alleluia. Deutsche Ăbersetzung Himmelskönigin, freue dich, Halleluja! Denn der, den du zu tragen wĂŒrdig warst, Halleluja, ist auferstanden, wie er gesagt hat, Halleluja. Bitte fĂŒr uns zu Gott, Halleluja. CD-Vorschlag Sacred Music by Jan Dismas Zelenka The Kingâs Consort Leitung Robert King (* 1960) Hyperion Records, 2003 Track 12: https://www.youtube.com/watch?v=9zgxhb4616g&list=OLAK5uy_lk_kBqnEh5wtr2EATCHBjbfGn6T0vm5rQ&index=12 Seitenanfang ZWV 134 Salve Regina in a-Moll, ZWV 135 Das Salve Regina in a-Moll ZWV 135 gehört zu Zelenkas eindrucksvollsten marianischen Antiphonen und wurde im September 1730 abgeschlossen. Obwohl Zelenka das Werk in seinem eigenen Katalog als Originalkomposition eintrug, handelt es sich nachweislich um eine revidierte, erweiterte und neu instrumentierte Fassung eines frĂŒheren Werkes, das er bereits 1719 kopierte (damals als ZWV 204 gefĂŒhrt). Die Urfassung war fĂŒr eine Solostimme mit zwei Violinen und Oboe ausgelegt; Zelenka entwickelte daraus ein klanglich reiches, fĂŒnfteiligen Solomotett, das in seiner ausdrucksstarken Orchestrierung deutlich seine Handschrift trĂ€gt. https://www.youtube.com/watch?v=5t16uE0UlKw AuffĂ€llig ist Zelenkas prominenter Einsatz der HolzblĂ€ser â besonders der Traversflöte und der Oboe â, die gemeinsam mit Streichern und Basso continuo eine farbige, empfindsame und mitunter geradezu opernhafte Klangwelt schaffen. Der erste Satz beginnt mit gedĂ€mpften Streichern und einem feinen Dialog von Flöte, Oboe und Violine, wodurch eine sanfte, innige Grundstimmung entsteht. Die folgenden Abschnitte (Ad te clamamus, Eia ergo, Et Jesum benedictum) steigern die ExpressivitĂ€t: Zelenka nutzt scharfe harmonische Wendungen, expressive chromatische Linien und kontrastierende Affekte, um das Flehen, die Hoffnung und das Vertrauen des Textes musikalisch auszudeuten. Die HolzblĂ€ser ĂŒbernehmen oft eine kommentierende, fast rhetorische Rolle. Der letzte Satz (Ostende, o clemens, o pia) bildet den glanzvollen Abschluss: ein inniges, warmes Arioso mit reich verzierter Begleitung, in der Zelenkas unverwechselbare Mischung aus kontrapunktischer Klarheit und emotionalem Reichtum besonders hervortritt. Das Werk ist in seiner finalen Form ein substanzielles, kunstvoll ausgearbeitetes Solomotett, das innerhalb der marianischen Antiphonen des Dresdner Hofes eine herausragende Stellung einnimmt. Lateinischer Text I â Salve Regina Salve, Regina, mater misericordiae, vita, dulcedo et spes nostra, salve. II â Ad te clamamus Ad te clamamus, exsules filii Evae. Ad te suspiramus, gementes et flentes in hac lacrimarum valle. III â Eia ergo Eia ergo, advocata nostra, illos tuos misericordes oculos ad nos converte. IV â Et Jesum benedictum Et Jesum, benedictum fructum ventris tui, nobis post hoc exsilium ostende. V â Ostende â O clemens, o pia O clemens, o pia, o dulcis Virgo Maria. Deutsche Ăbersetzung I â Sei gegrĂŒĂt, o Königin Sei gegrĂŒĂt, o Königin, Mutter der Barmherzigkeit, unser Leben, unsere SĂŒĂe und unsere Hoffnung, sei gegrĂŒĂt. II â Zu dir rufen wir Zu dir rufen wir, verbannte Kinder Evas. Zu dir seufzen wir, klagend und weinend in diesem Tal der TrĂ€nen. III â So denn, unsere FĂŒrsprecherin So denn, unsere FĂŒrsprecherin, wende deine barmherzigen Augen zu uns hin. IV â Und Jesus, die gesegnete Frucht Und Jesus, die gesegnete Frucht deines Leibes, zeige uns nach diesem Erdenwallen. V â O gĂŒtige, o milde O gĂŒtige, o milde, o sĂŒĂe Jungfrau Maria. CD-Vorschlag Sacred Music by Jan Dismas Zelenka The Kingâs Consort Leitung Robert King (* 1960) Hyperion Records, 2003 Tracks 13â17: https://www.youtube.com/watch?v=hk_oLEjD9Kc&list=OLAK5uy_lk_kBqnEh5wtr2EATCHBjbfGn6T0vm5rQ&index=13 Seitenanfang ZWV 135 Salve Regina ZWV 136 Das Salve Regina, ZWV 136, ist ein im Werkverzeichnis von Jan Dismas Zelenka als geistliches Werk in a-Moll verzeichnet. Das StĂŒck ist nachweislich katalogisiert, doch es gibt keine bekannte moderne Einspielung, keine CD-Aufnahme und keine eindeutige Online-AuffĂŒhrung. Auch eine moderne Edition scheint nicht veröffentlicht worden zu sein. Damit gehört ZWV 136 zu den Zelenka-Werken, die zwar titel- und tonartlich belegt sind, aber in der heutigen Praxis kaum zugĂ€nglich sind und offenbar nicht aufgefĂŒhrt werden. Das Werk bleibt daher ein weitgehend unerforschtes Salve-Regina aus Zelenkas SpĂ€tphase. ZWV 136 Salve Regina a-Moll, ZWV 137 Das Salve Regina ZWV 137 ist eines von sieben erhaltenen Salve-Regina-Werken Jan Dismas Zelenkas (1679â1745). Das Werk wurde wahrscheinlich nach Zelenkas RĂŒckkehr aus Wien (1719) komponiert, wo er intensiv mit der kontrapunktischen Tradition der italienischen Meister vertraut gemacht wurde. Besonders eng knĂŒpft diese Antiphon an Girolamo Frescobaldi (1583â1643) an: Zelenka gestaltet weite Teile der Komposition als kunstvolle Parodie ĂŒber die âCanzon quarti toniâ aus Frescobaldis Sammlung Fiori Musicali (1635). Die Parodie ist Ă€uĂerst sorgfĂ€ltig gearbeitet und zeigt Zelenkas FĂ€higkeit, Ă€ltere Vorlagen in einen neuen geistlichen Kontext zu ĂŒberfĂŒhren. Die kontrapunktische Struktur bleibt klar erkennbar, wird jedoch durch Zelenkas expressive Harmonik, seine charakteristische LinienfĂŒhrung und die empfindsame Textausdeutung erweitert. https://www.youtube.com/watch?v=dHwSbgUfvY0 Das Werk ist in vier Abschnitte gegliedert. Der erste und letzte Teil (âSalve Regina Iâ / âSalve Regina IIâ) rahmen die Antiphon ein und greifen motivisch aufeinander zurĂŒck. Die mittleren Abschnitte (âAd te clamamusâ und âEia ergoâ) setzen stĂ€rker auf expressive Melodik und eine bewegliche Instrumentalbegleitung. Ăberliefert ist das Werk hauptsĂ€chlich durch eine Abschrift von Gottlob Harrer (1703â1755), dem Nachfolger Johann Sebastian Bachs im Leipziger Thomaskantorat. Dank Harrers Kopie wurde das StĂŒck in der Staatsbibliothek zu Berlin bewahrt; eine zweite Kopie stammt von einem anonymen Bach-Kopisten. ZWV 137 gehört damit zu den geistlich und historisch bedeutenden Antiphonen Zelenkas, in denen seine Verbindung von italienischer Tradition und eigener Dresdner Klangsprache besonders deutlich hervortritt. Lateinischer Text I. Salve Regina Salve, Regina, mater misericordiae, vita, dulcedo et spes nostra, salve. II. Ad te clamamus Ad te clamamus, exsules filii HevĂŠ. Ad te suspiramus, gementes et flentes in hac lacrimarum valle. III. Eia ergo Eia ergo, advocata nostra, illos tuos misericordes oculos ad nos converte. Et Jesum, benedictum fructum ventris tui, nobis post hoc exsilium ostende. IV. Salve Regina II O clemens, o pia, o dulcis Virgo Maria. Deutsche Ăbersetzung I. Sei gegrĂŒĂt, o Königin Sei gegrĂŒĂt, Königin, Mutter der Barmherzigkeit, unser Leben, unsere SĂŒĂe und unsere Hoffnung, sei gegrĂŒĂt. II. Zu dir rufen wir Zu dir rufen wir, verbannte Kinder Evas. Zu dir seufzen wir, trauernd und weinend in diesem Tal der TrĂ€nen. III. Darum denn, unsere FĂŒrsprecherin Darum denn, unsere FĂŒrsprecherin, wende deine barmherzigen Augen uns gnĂ€dig zu. Und Jesus, die gesegnete Frucht deines Leibes, zeige uns nach diesem Elend. IV. Sei gegrĂŒĂt, o Königin (Schluss) O gĂŒtige, o milde, o sĂŒĂe Jungfrau Maria. CD-Vorschlag Jan Dismas Zelenka â Missa 1724 Collegium 1704 und Collegium Vocale 1704 Leitung VĂĄclav Luks (* 1970) Accent, 2020 Track 20: Salve Regina a-Moll, ZWV 137 https://www.youtube.com/watch?v=t9ov1r3n73M&list=OLAK5uy_l8tphUsW1VHm8vbpJrYMTvcpzK6yIuMyM&index=20 Seitenanfang ZWV 137 Salve Regina ZWV 138 ZWV 138 umfasst zwei verschiedene Salve-Regina-Vertonungen von Jan Dismas Zelenka, eine in C-Dur, eine in D-Dur. Beide Werke werden in modernen Werkverzeichnissen eindeutig gefĂŒhrt â u. a. bei Klassika.info, wo ZWV 138 mit dem Titel â2 Salve Reginaâ und den Tonarten C-Dur, D-Dur aufgefĂŒhrt ist. Es handelt sich also nicht um ein einziges StĂŒck, sondern um zwei eigenstĂ€ndige Kompositionen, die unter derselben Nummer gruppiert wurden. Gattung: Marianische Antiphon âSalve Reginaâ (zweimal). Entstehungszeit ist nicht ĂŒberliefert â die Kataloge nennen keine Jahresangabe. Die Musik ist erhalten, denn die Werke sind als existent gelistet, aber es gibt keine moderne Einspielung, keine CD und keine frei zugĂ€ngliche Partitur im Internet. ZWV 138 Salve Regina in d-Moll, ZWV 139 (1724) Das Salve Regina ZWV 139 ist die einzige Marienantiphon Zelenkas, die ausdrĂŒcklich fĂŒr einen Solo-Bass komponiert wurde. Das autograph datiert aus dem Jahr 1724, also in die Phase, in der Zelenka nach seiner RĂŒckkehr aus Wien am Dresdner Hof bereits eine fĂŒhrende Rolle in der geistlichen Musik einnahm. Das Werk umfasst vier unabhĂ€ngige SĂ€tze, die den Textabschnitten der Antiphon entsprechen. https://www.youtube.com/watch?v=wSxbMphvtrM Zelenka gestaltet den Einzelgesang in einer auĂergewöhnlichen Weise: Die Musik ist intensiv, expressiv und voller harmonischer Ăberraschungen. Besonders auffĂ€llig ist die ausgeprĂ€gte Chromatik, mit der er Schmerz, Bitte und Hoffnung des Textes deutet. Der zweite Abschnitt âAd te clamamusâ ist dramatisch gestaltet, mit drĂ€ngenden Rhythmen und energischen melodischen Figuren, die echte Dringlichkeit vermitteln. Worte wie âgementes et flentesâ (âweinend und klagendâ) malt Zelenka mit chromatischen Linien in gedehnten Noten aus; die Passage âin hac lacrimarum valleâ (âin diesem Tal der TrĂ€nenâ) erhĂ€lt eine expressiv ausgedehnte Koloratur voller ĂŒberraschender IntervallsprĂŒnge. Die spĂ€teren SĂ€tze dagegen strahlen Innigkeit, Vertrauen und Hoffnung aus. Der Kontrast zwischen schmerzlicher Klage und leiser Zuversicht verleiht dem Werk eine groĂe emotionale Tiefe. In seiner Mischung aus persönlichem Ausdruck, gesteigerter Chromatik und virtuoser BassfĂŒhrung gehört ZWV 139 zu Zelenkas eindrucksvollsten Vokalwerken. Besonders hervorzuheben ist die moderne Einspielung mit TomĂĄĆĄ Ć elc (Bass), Jana SemerĂĄdovĂĄ (Traversflöte) und dem Collegium Marianum, die das Werk in seiner gesamten IntensitĂ€t und Zartheit erlebbar macht. Lateinischer Text I. Salve Regina Salve, Regina, mater misericordiae; vita, dulcedo, et spes nostra, salve. II. Ad te clamamus Ad te clamamus, exsules filii Hevae. Ad te suspiramus, gementes et flentes in hac lacrimarum valle. III. Eia ergo Eia ergo, advocata nostra, illos tuos misericordes oculos ad nos converte. IV. Salve Regina (conclusio) Et Jesum, benedictum fructum ventris tui, nobis post hoc exsilium ostende. O clemens, o pia, o dulcis Virgo Maria. Deutsche Ăbersetzung I. Sei gegrĂŒĂt, o Königin Sei gegrĂŒĂt, Königin, Mutter der Barmherzigkeit; unser Leben, unsere SĂŒĂe und unsere Hoffnung, sei gegrĂŒĂt. II. Zu dir rufen wir Zu dir rufen wir, vertriebene Kinder Evas. Zu dir seufzen wir, klagend und weinend in diesem Tal der TrĂ€nen. III. Darum denn Darum denn, unsere FĂŒrsprecherin, wende deine barmherzigen Augen zu uns hin. IV. Sei gegrĂŒĂt Und Jesus, die gebenedeite Frucht deines Leibes, zeige uns nach diesem Exil. O gĂŒtige, o fromme, o sĂŒĂe Jungfrau Maria. CD-Vorschlag Jan Dismas Zelenka â Lacrimae TomĂĄĆĄ Ć elc (Bass) , Collegium Marianum, Leitung: Jana SemerĂĄdovĂĄ (* 1975), SUPRAPHON, 2025, Tracks 7â10 (Salve Regina ZWV 139): https://www.youtube.com/watch?v=Osml7pFKLXk&list=OLAK5uy_mixq_BFXtCc7KIv16hMYAnujGtzdPV1cs&index=7 Seitenanfang ZWV 139 Salve Regina, ZWV 140 Das Salve Regina ZWV 140 gehört zu den selteneren und bisher kaum erforschten marianischen Antiphonen Jan Dismas Zelenkas (1679â1745). Das Werk ist undatiert, lĂ€sst sich stilistisch aber eindeutig der frĂŒhen Dresdner Zeit der 1720er Jahre zuordnen und steht in unmittelbarer NĂ€he zum Bass-Salve Regina ZWV 139 aus dem Jahr 1724. Die musikalische Verwandtschaft beider Werke â motivisch wie harmonisch â legt nahe, dass ZWV 140 entweder im selben Jahr oder wenige Jahre danach entstanden ist; eine gesicherte Datierung existiert jedoch nicht. Die autographe Partitur ist vollstĂ€ndig ĂŒberliefert und wurde 1998 erstmals ediert und aufgenommen. Diese Quelle ist besonders wertvoll, da ZWV 140 bislang nicht in gedruckten Gesamtausgaben erschienen ist. Wo genau die Handschrift aufbewahrt wird, lĂ€sst sich aus den öffentlich zugĂ€nglichen Katalogen nicht eindeutig bestimmen; mehrere Zelenka-Autographe befinden sich heute in Berlin und Dresden, doch ZWV 140 ist im Online-Nachweis nicht separat verzeichnet â daher ist hier keine Aussage möglich, ohne zu spekulieren. https://www.youtube.com/watch?v=s3-1JqbIxu4 Musikalisch handelt es sich um ein Werk, das stilistisch auf Zelenkas eindringliche Ausdruckswelt der frĂŒhen 1730er Jahre vorausweist: ein konzentrierter Satz, geprĂ€gt von subtiler Chromatik, klarem Vokalfokus und charakteristischen harmonischen Wendungen. Die formale NĂ€he zu ZWV 139 zeigt sich in der Abfolge kurzer, affektstarker Abschnitte, die den Text meditativ und zugleich rhetorisch prĂ€zise ausdeuten. Der Tonfall bleibt durchgehend ernst, farbig und introspektiv â typisch fĂŒr Zelenkas Marienantiphonen. Besonders bemerkenswert ist, dass ZWV 140 lange praktisch unbekannt blieb. Bis zur ersten Einspielung im Jahr 1998 durch Gary Ekkel und die Schola Cantorum of Melbourne war das Werk nur Fachleuten zugĂ€nglich. Die Aufnahme erschien auf dem Album âO Rose So Redâ (Move Records) und stellt bis heute die einzige dokumentierte Einspielung dar. Der TontrĂ€ger scheint inzwischen vergriffen und ist weder im regulĂ€ren Handel noch auf gĂ€ngigen Streaming-Plattformen verfĂŒgbar. Damit zĂ€hlt ZWV 140 zu den seltenen Beispielen fĂŒr Zelenkas geistliche Werke, die trotz erhaltener Partitur in der modernen AuffĂŒhrungspraxis kaum prĂ€sent sind â ein stilles, aber kunstvoll gearbeitetes StĂŒck aus seinem marianischen Ćuvre. CD-Vorschlag Jan Dismas Zelenka â O Rose So Red Schola Cantorum of Melbourne, Leitung: Gary Ekkel, Move Records, 1998, Track 19 (Hinweis: Die CD ist heute schwer erhĂ€ltlich und im regulĂ€ren Handel kaum auffindbar.) https://music.apple.com/kz/song/salve-regina/1160250193 Seitenanfang ZWV 140 Salve Regina, ZWV 141 ZWV 141 ist eine Marienantiphon in g-Moll fĂŒr vierstimmigen Chor (SATB) mit Streichern und Basso continuo. Die Besonderheit: Zelenka baut das StĂŒck als Parodie auf ein Orgel-Ricercar von Girolamo Frescobaldi (1583â1643) auf, genauer auf das Ricercar dopo il Credo aus der âMessa della Madonnaâ in den Fiori musicali (1635). Aus der strengen, vierstimmigen Orgelpolyphonie wird ein vokalinstrumentales Salve-Regina, in dem der dichte Kontrapunkt erhalten bleibt, Zelenka aber mit seiner typischen expressiven Harmonik und einem auffĂ€lligen passus duriusculus (âharterâ chromatischer AbwĂ€rtsgang) gleich zu Beginn die Klagefarbe des Textes âSalve Regina, mater misericordiaeâ zuspitzt. Die Komposition dĂŒrfte aus den spĂ€ten 1730er-Jahren stammen; das Autograph ging im Luftangriff auf Dresden 1945 verloren, ĂŒberliefert ist das Werk in einer Abschrift des Leipziger Thomaskantors Gottlob Harrer (1703â1755), die im 19. Jahrhundert gedruckt wurde. https://www.youtube.com/watch?v=Zcv09Rksmlg Jan Dismas Zelenka Magnificat â Sacred Compositions for Soloists, Chorus and Orchestra, Prague Philharmonic Choir und der Czech Philharmonic Orchestra unter der Leitung von LubomĂr MĂĄtl (1941â2020). Supraphon, Erstveröffentlichung 1983, CD-Ausgabe 1997, Track 10: https://www.youtube.com/watch?v=2yYmyuBkAYc&list=OLAK5uy_mChkfiVxyyCpypa7r1FakM_mKR98mMKTE&index=10 Seitenanfang ZWV 141 Te Deum in D-Dur, ZWV 145 Das um 1724 entstandene Te Deum in D-Dur ZWV 145 gehört zu den feierlichsten und reprĂ€sentativsten groĂformatigen Chorwerken Jan Dismas Zelenkas. FĂŒr die Dresdner Hofkirche konzipiert, verbindet es prachtvolle barocke Festlichkeit mit einer geistlichen Ausdruckskraft, die fĂŒr Zelenkas reifen Stil charakteristisch ist. Die Besetzung ist entsprechend weit gespannt: SSATB-Chor, fĂŒnf Solisten, Trompeten, Pauken, zwei Oboen, Streicher und Continuo â eine Hofbesetzung fĂŒr besonders feierliche AnlĂ€sse, etwa Dankgottesdienste, politische Festakte oder dynastische Feierlichkeiten des kursĂ€chsischen Hauses. https://www.youtube.com/watch?v=4y5jAEGtISo Das Werk ist in vierzehn eigenstĂ€ndige Abschnitte gegliedert, die den ambrosianischen Hymnus von einem kontinuierlichen Gebetsgesang in eine dramaturgisch abgestufte Folge kontrastierender, aber organisch verbundener SĂ€tze verwandeln. Die Ă€uĂere Form wird von fanfarengeschmĂŒckten ChorsĂ€tzen geprĂ€gt, wĂ€hrend im Inneren lyrische Arien, ein Duett, rezitativisch anmutende Ăberleitungen und kontrapunktische Chornummern ein vielgestaltiges Klangprofil formen. So entsteht eine festliche, aber zugleich tief geistliche Gesamtstruktur, deren Spannungsbogen bis in die eindrucksvolle Schlussfuge reicht. Zelenka greift mehrfach auf musikalisches Material zurĂŒck, das er 1725 im Prager Melodram Sub olea pacis et palma virtutis ZWV 175 verwendet hatte â namentlich der Eröffnungssatz Te Deum laudamus, das Duett Per singulos dies sowie die Bassarie Dignare Domine II. Die geschickte Ăberarbeitung dieses Materials zeigt seine FĂ€higkeit, frĂŒhere Gedanken in einen neuen liturgischen Zusammenhang einzubetten und dabei erheblich aufzuwerten. Der zyklische Kern des Werkes liegt in den neun ChorsĂ€tzen, die das klangliche Fundament bilden. In den schnellen Abschnitten herrscht ein virtuoser Wettstreit zwischen Chor und Orchester, oft mit italienischem Concertato-Gestus und markanten Ritornellen; in den langsamen, besonders in Judex crederis oder Miserere, entfaltet Zelenka dagegen eine chromatisch verdichtete, eindringliche Ausdruckswelt, die dem Text eine beeindruckende Tiefe verleiht. Den Abschluss bildet die groĂe Fuge âIn te Domine speraviâ, ein monumentaler Schlusspunkt, der die kontrapunktische Meisterschaft Zelenkas in voller Reife zeigt und den formalen Bogen des gesamten Werkes schlieĂt. Die autographe Partitur wird heute in der SĂ€chsischen Landesbibliothek â Staats- und UniversitĂ€tsbibliothek Dresden unter der Signatur Mus. 2358-D-47 aufbewahrt. Die Quelle ist vollstĂ€ndig erhalten und ermöglicht eine gesicherte AuffĂŒhrungspraxis. In seiner Gesamtheit ist ZWV 145 ein Paradebeispiel fĂŒr Zelenkas musikalische Handschrift: eine Verbindung aus prachtvoller barocker ReprĂ€sentation, harmonischer KĂŒhnheit, scharfer Textausdeutung und tief empfundener Frömmigkeit. Innerhalb seines geistlichen Ćuvres nimmt dieses Te Deum die Rolle eines zentralen Festwerkes ein â monumental, konzentriert und kompositorisch auĂerordentlich kunstvoll. TE DEUM â Lateinischer gesamttext (in 14 Abschnitten) I. Te Deum laudamus Te Deum laudamus: te Dominum confitemur. Te aeternum Patrem omnis terra veneratur. II. Sanctus Tibi omnes Angeli, tibi caeli et universae Potestates: tibi Cherubim et Seraphim incessabili voce proclamant: III. Pleni sunt caeli Sanctus, Sanctus, Sanctus Dominus Deus Sabaoth. Pleni sunt caeli et terra maiestatis gloriae tuae. IV. Te gloriosus Apostolorum chorus Te gloriosus Apostolorum chorus, te Prophetarum laudabilis numerus, te Martyrum candidatus laudat exercitus. V. Tu ad liberandum Te per orbem terrarum sancta confitetur Ecclesia: Patrem immensae maiestatis; venerandum tuum verum et unicum Filium; Sanctum quoque Paraclitum Spiritum. Tu Rex gloriae, Christe. Tu Patris sempiternus es Filius. Tu ad liberandum suscepturus hominem, non horruisti Virginis uterum. Tu devicto mortis aculeo aperuisti credentibus regna caelorum. VI. Iudex crederis Tu ad dexteram Dei sedes, in gloria Patris. Iudex crederis esse venturus. VII. Aeterna fac Te ergo quaesumus famulis tuis subveni, quos pretioso sanguine redemisti. Aeterna fac cum sanctis tuis in gloria numerari. VIII. Intonatio: Salvum fac Salvum fac populum tuum, Domine, et benedic hereditati tuae. IX. Et rege eos Et rege eos, et extolle illos usque in aeternum. Per singulos dies benedicimus te. Et laudamus nomen tuum in saeculum, et in saeculum saeculi. X. Per singulos dies Dignare, Domine, die isto sine peccato nos custodire. XI. Dignare Domine I Miserere nostri, Domine, miserere nostri. XII. Dignare Domine II Fiat misericordia tua, Domine, super nos, quemadmodum speravimus in te. XIII. Miserere In te Domine speravi: non confundar in aeternum. XIV. In te Domine (Fuga) In te Domine speravi: non confundar in aeternum. TE DEUM â Deutsche Ăbersetzung I. Te Deum laudamus Dich, Gott, loben wir; dich, Herr, preisen wir. Dich, ewigen Vater, verehrt die ganze Erde. II. Sanctus Dir dienen alle Engel, dir der Himmel und alle MĂ€chte; dir rufen Cherubim und Seraphim mit unaufhörlicher Stimme zu: III. Pleni sunt caeli Heilig, heilig, heilig ist Gott, der Herr der Heerscharen. Voll sind Himmel und Erde von deiner herrlichen MajestĂ€t. IV. Te gloriosus Apostolorum chorus Dich rĂŒhmt der glorreiche Chor der Apostel, dich preist die herrliche Zahl der Propheten, dich lobt das weiĂe Heer der MĂ€rtyrer. V. Tu ad liberandum Dich bekennt ĂŒber den Erdkreis die heilige Kirche: den Vater unendlicher MajestĂ€t, deinen ehrwĂŒrdigen, wahren und einigen Sohn, und den Heiligen Geist, den Tröster. Du, Christus, bist der König der Herrlichkeit. Du bist des Vaters ewiger Sohn. Du hast, um den Menschen zu erlösen, den SchoĂ der Jungfrau nicht verschmĂ€ht. Du hast durch deinen Tod den Tod besiegt und den GlĂ€ubigen das Himmelreich eröffnet. VI. Iudex crederis Du sitzest zur Rechten Gottes, in der Herrlichkeit des Vaters. Als Richter, glauben wir, wirst du kommen. VII. Aeterna fac So bitten wir dich: Hilf deinen Dienern, die du mit deinem teuren Blut erlöst hast. Mache uns mit deinen Heiligen zu ewiger Herrlichkeit gezĂ€hlt. VIII. Salvum fac Rette dein Volk, o Herr, und segne dein Erbe. IX. Et rege eos FĂŒhre sie und erhebe sie auf ewig. An jedem Tag preisen wir dich und rĂŒhmen deinen Namen fĂŒr immer und in alle Ewigkeit. X. Per singulos dies WĂŒrdig sei es, Herr, dass du uns an diesem Tag vor SĂŒnde bewahrst. XI. Dignare Domine I Erbarme dich unser, Herr, erbarme dich unser. XII. Dignare Domine II Dein Erbarmen, Herr, sei ĂŒber uns, wie wir auf dich vertraut haben. XIII. Miserere Auf dich, o Herr, habe ich gehofft: Ich werde in Ewigkeit nicht zuschanden werden. XIV. In te Domine (Fuga) Auf dich, o Herr, habe ich gehofft: Ich werde in Ewigkeit nicht zuschanden werden. CD-Vorschlag Jan Dismas Zelenka, Te Deum und Missa Eucharistica, Ensemble InĂ©gal, Leitung Adam Viktora (* 1973), Nibiru, 2024, Tracks 1 bis 14: https://www.youtube.com/watch?v=iDU979k044M&list=OLAK5uy_kxekG0yKRrm8Iqp1NPDOwSWo7S5E4TYIU&index=2 Seitenanfang ZWV 145 Te Deum in D-Dur, ZWV 146 Das Te Deum ZWV 146, komponiert 1731, ist Zelenkas groĂartigstes und monumentalstes Festwerk. Im Unterschied zum frĂŒheren Te Deum ZWV 145 ist diese spĂ€tere Fassung fĂŒr Doppelchor und groĂes Orchester geschrieben, darunter vier Trompeten und Pauken, zwei Oboen, Streicher und Orgelcontinuo â eine der gröĂten Besetzungen, die Zelenka ĂŒberhaupt verwendet hat. Die Entstehung fĂ€llt in das Jahr 1731, und die erhaltenen Quellen legen nahe, dass Zelenka das Werk fĂŒr einen besonderen Anlass schrieb: die Geburt der sĂ€chsischen Prinzessin Maria Josepha Carolina Eleonora Francisca Xaveria (4. November 1731). Ein offizielles Te Deum wurde damals im Dresdner Hofkirchenkalender vermerkt. Auch wenn die Dokumente kein explizites âZelenkaâ nennen, legt die zeitliche NĂ€he die Verwendung einer neuen, auĂergewöhnlich prĂ€chtigen Komposition nahe â und das ZWV 146 erfĂŒllt musikalisch exakt die Anforderungen eines kurfĂŒrstlichen Dankgottesdienstes. https://www.youtube.com/watch?v=nwI5nPDwp1M Musikalisch ĂŒbersteigt ZWV 146 fast alles, was Zelenka im Bereich der Kirchenmusik geschaffen hat. Der Eröffnungssatz âTe Deum laudamusâ entfaltet einen majestĂ€tischen D-Dur-Festklang: fanfarenartige Trompetenrufe, strahlender Doppelchor und eine kraftvolle rhythmische Architektur. Diese Klangpracht wird im Verlauf des Werkes durch wechselnde Satzmodelle kontrastiert: Soli, kleine Konzertationen, imitatorische Chöre, homophone Massenwirkung und virtuose Fugen. Ein besonderes architektonisches Merkmal ist die Zweiteilung des Werkes durch die monodische gregorianische Intonation âSalvum facâ (Satz VII). Hier unterbricht Zelenka bewusst den instrumentalen Festklang: Tenöre und BĂ€sse singen a cappella mit Orgel und tiefen Streichern (tasto solo) als traditionelles liturgisches Element. Diese ZĂ€sur entspricht der Praxis des Eucharistischen Segens und ist in barocker Kirchenmusik selten in dieser Deutlichkeit eingearbeitet. Nach dieser liturgischen Mitte steigert sich das Werk erneut zu voller orchestraler Pracht. Besonders eindrucksvoll sind: âPer singulos diesâ, ein kunstvolles Trio fĂŒr zwei Soprane und Alt, das zwischen zarter LinienfĂŒhrung und energischer Bewegung changiert; âIn te, Domine speraviâ, ein abschlieĂender Doppelfugensatz fĂŒr den Doppelchor, der das Werk in einer flammenden, strahlenden Apotheose beendet â einer der groĂartigsten polyphonen SchlusssĂ€tze aus Zelenkas reifer Dresdner Zeit. Insgesamt ist ZWV 146 ein Werk von ĂŒberwĂ€ltigender Festlichkeit, auĂergewöhnlicher kompositorischer SouverĂ€nitĂ€t und liturgischer Bedeutung. Es gehört zu den gröĂten barocken Te-Deum-Vertonungen ĂŒberhaupt â neben Lully, Charpentier und HĂ€ndel â und zugleich zu Zelenkas geistlichen Meisterwerken. Gliederung I. Te Deum laudamus â Chor II. Tu rex gloriae â Sopran, Alt III. Tu ad liberandum â Alt IV. Tu ad dexteram Dei sedes â Tenor, Bass V. Judex crederis â Chor VI. Aeterna fac â Chor, Fuge VII. Intonatio: Salvum fac â Gregorianische Intonation (TTB) VIII. Et rege eos â Chor IX. Per singulos dies â 2 Soprane, Alt X. In te, Domine â Chor, Doppelfuge Der verwendete Text entspricht dem traditionellen lateinischen Te-Deum-Hymnus und ist daher in beiden Vertonungen â ZWV 145 und ZWV 146 â identisch. Es existiert derzeit keine kommerziell veröffentlichte CD-Einspielung von ZWV 146. Die einzige nachweisbare vollstĂ€ndige AuffĂŒhrung ist: Collegium 1704 und Collegium Vocale 1704, Leitung VĂĄclav Luks (* 1970), live aufgenommen am 20. August 2011, Abbatiale Saint-Robert, Frankreich. Seitenanfang ZWV 146 Magnificat in C, ZWV 107 Das Magnificat in C-Dur, ZWV 107, gehört zu Zelenkas frĂŒhen groĂformatigen Vesperkompositionen und zeigt bereits jene charakteristische Verbindung aus leuchtender Festlichkeit, konzertierender VirtuositĂ€t und kontrapunktischer Strenge, die spĂ€ter sein reifes Dresdner Schaffen prĂ€gen sollte. Die Entstehung wird in der Forschung meist in die frĂŒhen 1720er Jahre datiert, also in die Phase nach der RĂŒckkehr aus Wien, als Zelenka im Dresdner Hofdienst zunehmend mit reprĂ€sentativen liturgischen Aufgaben betraut wurde. https://www.youtube.com/watch?v=t4ul-IH8DIU Das Werk ist fĂŒr Soli, Chor und Orchester in festlichem C-Dur angelegt. Schon die Eröffnung âMagnificat anima mea Dominumâ ist breit angelegt und entfaltet den Text mit strahlenden, hellen Klangfarben der Streicher und Oboen. In den folgenden Abschnitten nutzt Zelenka die klassischen Kontraste des barocken Vesperstils: schnelle, motorisch bewegte Episoden stehen neben ruhigeren, lyrischen Passagen; kurze solistische EinschĂŒbe lockern die Struktur auf, wĂ€hrend der Chor oft als tragende Kraft fungiert und den Lobcharakter des Textes groĂrĂ€umig ausleuchtet. Besonders charakteristisch ist Zelenkas Umgang mit rhetorischen Wendungen: Worte wie âdispersitâ, âdepositâ, âexaltavitâ oder âesurientesâ erhalten farbig ausgearbeitete musikalische Gesten, die dem Inhalt unmittelbar Ausdruck verleihen. Die Harmonik ist heller und direkter als in manchen spĂ€teren Werken, doch schon hier zeigt sich Zelenkas Sinn fĂŒr ĂŒberraschende Akkordverbindungen und markante chromatische Linien. Das Werk schlieĂt mit einem reprĂ€sentativen âGloria Patriâ und einer energischen Schlussfuge âSicut eratâ, in der Zelenkas kontrapunktische Meisterschaft bereits deutlich hervortritt. Insgesamt ist ZWV 107 ein leuchtendes, festliches und kunstvoll gebautes Magnificat, das den Reichtum des sĂ€chsischen Hofgottesdienstes in Dresden anschaulich widerspiegelt. Lateinischer Text Magnificat anima mea Dominum. Et exsultavit spiritus meus in Deo salutari meo. Quia respexit humilitatem ancillae suae: ecce enim ex hoc beatam me dicent omnes generationes. Quia fecit mihi magna qui potens est: et sanctum nomen eius. Et misericordia eius a progenie in progenies timentibus eum. Fecit potentiam in brachio suo: dispersit superbos mente cordis sui. Deposuit potentes de sede, et exaltavit humiles. Esurientes implevit bonis, et divites dimisit inanes. Suscepit Israel puerum suum, recordatus misericordiae suae. Sicut locutus est ad patres nostros, Abraham et semini eius in saecula. Gloria Patri et Filio et Spiritui Sancto. Sicut erat in principio et nunc et semper et in saecula saeculorum. Amen. Deutsche Ăbersetzung Meine Seele preist den Herrn, und mein Geist jubelt ĂŒber Gott, meinen Retter. Denn er hat herabgeschaut auf die Niedrigkeit seiner Magd; siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Denn GroĂes hat an mir getan der MĂ€chtige, und heilig ist sein Name. Sein Erbarmen wĂ€hrt von Geschlecht zu Geschlecht ĂŒber alle, die ihn fĂŒrchten. Er wirkte Gewalt mit seinem Arm: er zerstreute die HoffĂ€rtigen im Denken ihres Herzens. Die MĂ€chtigen stieĂ er vom Thron und erhöhte die Niedrigen. Die Hungernden erfĂŒllte er mit GĂŒtern, und die Reichen lieĂ er leer ausgehen. Er nahm sich seines Knechtes Israel an, gedachte seines Erbarmens, wie er unseren VĂ€tern verheiĂen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig. Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen. CD-Vorschlag Zelenka â Music from Eighteenth-Century Prague, Musica Florea, Leitung Marek Ć tryncl (* 1974), SUPRAPHON a.s., 2012, Tracks 1 und 2: https://www.youtube.com/watch?v=7j2efJHM5Sw&list=OLAK5uy_k0I8RO14KJZl3zWrju8J83t0hSWmEw71c&index=2 Seitenanfang ZWV 107 Magnificat in D-Dur, ZWV 108 Das Magnificat in D-Dur, ZWV 108, entstand im Jahr 1725 und gehört zu den reifen und zugleich klar disponierten Vesperkompositionen Jan Dismas Zelenkas. Anders als die spĂ€teren Werke mit festlichem Trompetenapparat ist ZWV 108 in seiner Urgestalt fĂŒr ein moderates Vesperorchester gedacht: zwei Oboen, Streicher und Continuo, dazu Sopran- und Alt-Solo sowie SATB-Chor. Erst zu einem spĂ€teren Zeitpunkt ergĂ€nzte Zelenka â wie eine separate Handschrift belegt â optionale Stimmen fĂŒr Pauken und vier Trompeten, die dem Werk einen feierlicheren Charakter verleihen, jedoch nicht zur ursprĂŒnglichen Komposition gehörten. Die Entstehung ohne festliche Trompeten weist darauf hin, dass Zelenka dieses Magnificat nicht fĂŒr die zweite (feierlichere) Vesper eines Hochfestes, sondern eher fĂŒr die Vorabendvesper (âErste Vesperâ) eines Festtages oder fĂŒr einen Sonntag geringerer liturgischer Klasse komponierte. Damit gehört ZWV 108 zu seinen alltagstauglichen, funktional breit einsetzbaren Vesperwerken. Im Vergleich zu einem groĂformatigen Magnificat wie J. S. Bachs Magnificat in D-Dur wirkt Zelenkas Werk dreisĂ€tzig, konzentriert und formal straff. Zelenka beschrĂ€nkt die Form auf eine klare Dreiteilung, deren musikalische Substanz jedoch auĂerordentlich kunstvoll gesetzt ist. https://www.youtube.com/watch?v=QEjnKysWrjo I. Magnificat anima mea Dominum Der Eröffnungssatz wird geprĂ€gt von einem fĂŒnf Takte langen Ritornell des Continuos, das als strukturelles Motiv an verschiedenen Stellen wiederkehrt. Der Sopran zitiert im ersten Choreinsatz die psalmodierende Melodie des VIII. Psalmtons, wie er traditionell im Magnificat verwendet wird. Der folgende Allegro-Teil entfaltet sich in einem Wechselspiel von Sopran-Sololinie, virtuosen Violinsoli und homophonen bzw. imitatorischen Chorrepliken. In den Bassstimmen des Chores zeigt sich eine klare Beziehung zum eröffnenden Ritornellmotiv, wodurch der Satz eine organische innere Bindung erhĂ€lt. Der Satz zĂ€hlt zu Zelenkas elegantesten Beispielen eines concertato-Stils: Solistische Passagen und chorische Tutti bauen eine geschmeidige Architektur, in der kantable Linien, brillantes Violinsolo und klar strukturierter Chorsatz miteinander verflochten sind. II. Suscepit Israel Der Mittelteil gehört ausschlieĂlich dem Alt-Solo, dessen lyrische Linien von einem HolzblĂ€sertrio (2 Oboen, Fagott) umrahmt werden. Diese Besetzung verleiht dem Satz einen warmen, pastoralen Tonfall. Die Musik atmet eine fast kammermusikalische IntimitĂ€t, die sich ideal fĂŒr den Text eignet, der vom treuen Beistand Gottes fĂŒr Israel spricht. Die Instrumentalepisoden sind kunstvoll gearbeitet: das Fagott fĂŒhrt oft eine eigenstĂ€ndige Basslinie, die Oboen antworten in zarten Intervallen oder imitieren die Solostimme. Der Satz bildet das meditative Zentrum der Komposition. III. Amen (Doppelfuge) Der Schluss ist eine groĂ angelegte Doppelfuge, eines der eindrucksvollsten kontrapunktischen Beispiele Zelenkas aus dieser Zeit. ZunĂ€chst werden die beiden Fugenthemen nacheinander vorgestellt, danach ineinander verwoben, bis ein dicht strukturiertes polyphones Gewebe entsteht. Eine Besonderheit besteht darin, dass das Orchester â mit Ausnahme eines einzigen Continuo-Ruhetaktes in der Mitte der Fuge â colla parte spielt, also die Chorlinien verdoppelt und damit die kontrapunktische Struktur scharf konturiert. Der Satz steigert sich kontinuierlich und mĂŒndet in ein strahlendes Schluss-âAmenâ, das in seiner formalen PrĂ€gnanz und polyphonen Meisterschaft weit ĂŒber den liturgischen Zweck hinausweist. Besondere historische Bedeutung Ein bemerkenswertes Detail der Rezeptionsgeschichte: Wilhelm Friedemann Bach fertigte eine Abschrift des âAmenâ-Teils fĂŒr seinen Vater Johann Sebastian Bach, der Zelenkas Musik schĂ€tzte und im persönlichen Austausch mit ihm stand. Die Abschrift diente der Verwendung in Leipzigs Thomaskirche. Dieser Vorgang belegt nicht nur die WertschĂ€tzung der Bachs fĂŒr Zelenkas Kunst, sondern auch, wie weit einzelne Dresdner Werke in qualifizierte musikalische Kreise vordrangen, obwohl der GroĂteil von Zelenkas Ćuvre am kurfĂŒrstlichen Hof streng unter Verschluss blieb. Lateinischer Text I. Magnificat anima mea Dominum Magnificat anima mea Dominum, et exsultavit spiritus meus in Deo salutari meo. II. Suscepit Israel Suscepit Israel puerum suum, recordatus misericordiae suae. Sicut locutus est ad patres nostros, Abraham et semini eius in saecula. III. Amen Amen. Zelenka verwendet nur ausgewĂ€hlte Verse des Magnificat â entsprechend dem dreiteiligen Aufbau. Deutsche Ăbersetzung I. Magnificat anima mea Dominum Meine Seele preist den Herrn, und mein Geist jubelt ĂŒber Gott, meinen Retter. II. Suscepit Israel Er hat sich Israels, seines Knechtes, angenommen, gedenkt seiner Barmherzigkeit, wie er es unseren VĂ€tern verheiĂen hat, Abraham und seinen Kindern auf ewig. III. Amen Amen. CD-Vorschlag Jan Dismas Zelenka, Geistliche Werke fĂŒr Soli, Chor und Orchester Capella Piccola â Barockorchester Metamorphosis Köln, Leitung Thomas Reuber (* 1959), Bella Musica Edition, 1997, Tracks 12â14: https://www.youtube.com/watch?v=4U2zLHOnodo&list=OLAK5uy_l_m8z8kILN73spAQhDKCmxwl5b5dvSlf0&index=12 Seitenanfang ZWV 108 De profundis in d-Moll, ZWV 50 Das 1724 komponierte De profundis ZWV 50 ist eines der ergreifendsten und persönlichsten Werke Jan Dismas Zelenkas. Der Anlass ist eindeutig dokumentiert: Zelenka schrieb die Komposition nach dem Tod seines Vaters JiĆĂ Zelenka (â 7. Februar 1724) und lieĂ sie â mit Erlaubnis des Hofbeamten Baron von Mordaxt (?) â am 1. MĂ€rz 1724 in Dresden als Totenmusik zur feierlichen Exequie auffĂŒhren. Die eigenhĂ€ndige Widmungsnotiz im Autograph ist vollstĂ€ndig ĂŒberliefert und beschreibt das Werk ausdrĂŒcklich als letzte pietĂ€tvolle Gabe eines trauernden Sohnes an seinen verstorbenen Vater. Musikalisch ist ZWV 50 eine der ernstesten und farbenreichsten Psalmenkompositionen des spĂ€ten Barocks. Das Werk ist ungewöhnlich groĂ besetzt: mehrere Bass-Solisten, Alt, Tenor, gemischter Chor, Streicher, Oboen und vor allem ein ausdrucksstarker Posaunenchor, dessen weicher, dunkler Klang dem Werk ein unverwechselbares âaustro-bohmischesâ Kolorit verleiht. Die Harmonik ist reich an chromatischen AbwĂ€rtsbewegungen, Dissonanzen und Seufzerfiguren, wie sie die musikalische Ikonographie der Trauer prĂ€gen. Trotz der fĂŒnf deutlich getrennten Abschnitte bleibt das Werk durch ein strenges kontrapunktisches Netz zusammengehalten â ein Zeichen von Zelenkas Meisterschaft. https://www.youtube.com/watch?v=BjTYDswmiRY Der erste Satz beginnt mit drei Bass-Stimmen, die im tiefen Register den Ruf âDe profundisâ wie aus einer Abgrundtiefe heraus formen. Der zweite Satz âSi iniquitatesâ ist ein Chorsatz im Hymnus-Ton, getragen von der wĂŒrdevollen Schwere der Posaunen. Der dritte Satz setzt mit der zarten, wartenden Melodik von Alt und Tenor an: âSustinuit anima mea in verbo eiusâ. Der vierte Teil fĂŒhrt zu einer hoffnungsvollen Wendung â die Zusage von Gottes Erlösung â bevor das Werk im âRequiem aeternamâ, einer eigenen Schlussfuge, in liturgische Tiefe ĂŒbergeht. Diese Erweiterung des Psalms durch ein Requiem-Versikel ist typisch fĂŒr Zelenkas geistliche Musik und unterstreicht den memorialen Charakter des Werks. De profundis ZWV 50 ist ein Werk groĂer persönlicher IntensitĂ€t, aber auch von beeindruckendem reprĂ€sentativem Ernst. Es verbindet Trauer, liturgische WĂŒrde und kompositorische VirtuositĂ€t zu einer der bedeutendsten barocken Vertonungen des 130. Psalms. Lateinischer Text De profundis clamavi ad te, Domine; Domine, exaudi vocem meam. Fiant aures tuae intendentes in vocem deprecationis meae. Si iniquitates observaveris, Domine, Domine, quis sustinebit? Quia apud te propitiatio est; et propter legem tuam sustinui te, Domine. Sustinuit anima mea in verbo eius; speravit anima mea in Domino. A custodia matutina usque ad noctem, speret Israel in Domino. Quia apud Dominum misericordia, et copiosa apud eum redemptio. Et ipse redimet Israel ex omnibus iniquitatibus eius. Requiem aeternam dona eis, Domine, et lux perpetua luceat eis. Deutsche Ăbersetzung Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir; Herr, höre meine Stimme. Lass deine Ohren aufmerksam sein auf das Flehen meiner Bitte. Wenn du, Herr, die SĂŒnden anrechnest, Herr, wer wird bestehen? Doch bei dir ist Vergebung; und deinem Wort entsprechend harrte ich auf dich, o Herr. Meine Seele harrt auf sein Wort; meine Seele hofft auf den Herrn. Von der Morgenwache bis zur Nacht hoffe Israel auf den Herrn. Denn beim Herrn ist die Barmherzigkeit und bei ihm ist reiche Erlösung. Er selbst wird Israel erlösen aus all seinen SĂŒnden. Herr, gib ihnen die ewige Ruhe, und das ewige Licht leuchte ihnen. CD-Vorschlag Jan Dismas Zelenka, Missa Sancti Josephi â De profundis â In exitu Israel Kammerchor Stuttgart und Barockorchester Stuttgart, Leitung Frieder Bernius (* 1947), Carus, 2018 â Tracks 14 bis 18: https://www.youtube.com/watch?v=g4b9PHZLRvg&list=OLAK5uy_mTxUNohw_N6GY584Jw2l-LIMyen-JH0ts&index=14 Seitenanfang ZWV 50 De profundis in g-Moll, ZWV 95 Das De profundis ZWV 95 gehört zu Zelenkas drei Vertonungen des Psalmtextes De profundis clamavi ad te, Domine und stellt die kĂŒrzeste dieser Fassungen dar. Der Komponist datierte das Autograph eindeutig auf 29. Dezember 1728, also unmittelbar nach Abschluss des Credo seiner Missa Circumcisionis ZWV 11 (datiert auf 28. Dezember 1728). Das Werk entstand damit in einer besonders intensiven Arbeitsphase wĂ€hrend der Weihnachtsoktav. ZWV 95 ist nur 49 Takte lang und bildet eines der kompaktesten Vesperwerke Zelenkas. Die KĂŒrze ist liturgisch begrĂŒndet: Psalm 129 (Vulgata: 130) wird ausschlieĂlich in den Vespern der Weihnachtsoktav (25. Dezember â 1. Januar) verwendet. Die AuffĂŒhrung dĂŒrfte durch die Kapellknaben erfolgt sein, die am 29. Dezember wieder ihren Dienst aufnahmen. https://www.youtube.com/watch?v=Jb4to5XQEKg Der Satz ist in g-Moll notiert und zeichnet sich durch Schlichtheit, Klarheit und völlige Konzentration auf den Text aus. Die Struktur folgt der barocken âRahmenformâ: Das musikalische Material des Beginns kehrt beim Sicut erat in principio der Doxologie wieder, sodass ein geschlossener Bogen entsteht. UrsprĂŒnglich lieĂ Zelenka die oberen Streicher und Oboen den vierstimmigen Chor lediglich colla parte verdoppeln; auch der Bassgang war zunĂ€chst ungefiguriert. SpĂ€ter ergĂ€nzte er einfache selbstĂ€ndige Violinstimmen â das bezeugen die KatalogeintrĂ€ge der Dresdner Hofbibliothek von 1765 und ca. 1784. Musikalisch wirkt ZWV 95 wie eine innige, ausdrucksvolle Miniatur: Der Wechsel zwischen Chorteilen und kurzen Solopassagen schafft trotz der KĂŒrze eine dichte geistliche AtmosphĂ€re. Das Werk ist gleichzeitig ein Beispiel dafĂŒr, wie Zelenka selbst in kleinsten Formen kontrapunktische Klarheit, kompositorische Ăkonomie und liturgische ZweckmĂ€Ăigkeit zu verbinden wusste. Lateinischer Text (Psalm 129 + Doxologie) De profundis clamavi ad te, Domine; Domine, exaudi vocem meam. Fiant aures tuae intendentes in vocem deprecationis meae. Si iniquitates observaveris, Domine, Domine, quis sustinebit? Quia apud te propitiatio est; et propter legem tuam sustinui te, Domine. Sustinuit anima mea in verbo eius; speravit anima mea in Domino. A custodia matutina usque ad noctem, speret Israel in Domino. Quia apud Dominum misericordia, et copiosa apud eum redemptio. Et ipse redimet Israel ex omnibus iniquitatibus eius. Gloria Patri et Filio et Spiritui Sancto; sicut erat in principio et nunc et semper, et in saecula saeculorum. Amen. Deutsche Ăbersetzung Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir. Herr, höre meine Stimme! Lass deine Ohren achten auf mein Flehen. Wenn du, Herr, die SĂŒnden anrechnest â Herr, wer kann bestehen? Doch bei dir ist Vergebung; darum hoffe ich, Herr, auf dich. Meine Seele wartet auf sein Wort; meine Seele hofft auf den Herrn. Von der Morgenwache bis zur Nacht hoffe Israel auf den Herrn. Denn beim Herrn ist die Barmherzigkeit, und reich ist seine Erlösung. Er wird Israel erlösen aus all seinen SĂŒnden. Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen. CD-Vorschlag Jan Dismas Zelenka â Psalmi Varii, Separatim Scripti Ensemble InĂ©gal, Leitung Adam Viktora (* 1973), Nibiru, 2018, Track 5: https://www.youtube.com/watch?v=Gyi9NOOUXU0&list=OLAK5uy_lQ2lUV0-s-oj2Z9LPI5ey7sqPQL8l-gQk&index=5 Seitenanfang ZWV 95 De profundis in d-Moll, ZWV 96 Zelenkas De profundis ZWV 96 gehört zu seinen eindrucksvollsten Vertonungen des BuĂpsalms 129 und stellt eine deutliche Weiterentwicklung gegenĂŒber der kĂŒrzeren, liturgisch funktionalen Fassung ZWV 95 dar. Das Werk entstand spĂ€t im Jahr 1727, in einer Zeit, in der Zelenka fĂŒr die Dresdner Hofkirche zunehmend umfangreichere und kĂŒnstlerisch anspruchsvolle Psalmvertonungen schuf. Die autographe Partitur zeigt ein Werk von deutlich gröĂerem Umfang, differenzierter Architektur und gesteigerter vokaler sowie instrumentaler KomplexitĂ€t. Zelenka gliedert die Komposition in drei groĂe Abschnitte, die eine klare seelische Dramaturgie entfalten: ein eröffnender Klagegesang des Basssolisten, ein kontemplativer, polyphon entwickelter Chorsatz ĂŒber den Hoffnungskern des Psalms, sowie ein machtvolles, leuchtendes Gloria Patri, das die Komposition mit einer Mischung aus kontrapunktischer Strenge und liturgischer Festlichkeit beschlieĂt. Der Einsatz zweier profilierter Solopartien â Bass im ersten Satz, Tenor im dritten Satz â weist darauf hin, dass Zelenka um 1727 ĂŒber hervorragend geschulte mĂ€nnliche SĂ€nger verfĂŒgte, deren FĂ€higkeiten er wirkungsvoll einzusetzen wusste. https://www.youtube.com/watch?v=9UD93tn8AAc Der eröffnende Satz erschlieĂt das Dunkel der klagenden ersten Psalmverse in d-Moll. Der Basssolist fĂŒhrt in einer weiten, chromatisch intensivierten Linie durch den Abgrund des de profundis, wĂ€hrend das Orchester eine dichte, fast bedrĂŒckende harmonische Grundierung schafft. Das Werk öffnet sich im zweiten Abschnitt, wenn der Chor die Worte Sustinuit anima mea aufgreift: Hier verleiht Zelenka dem Psalm seine entscheidende Wendung von Klage zu Hoffnung. Der Satz ist reich an imitatorischen EinsĂ€tzen, eng gefĂŒhrten Linien und einer bemerkenswerten Innerlichkeit, die den Text zum Zentrum einer geistig-musikalischen Meditation macht. Im abschlieĂenden Gloria Patri entfaltet Zelenka eine strahlende, an den groĂen Doxologien seiner Psalmi-Vespertini orientierte Komposition. Der Tenor tritt solistisch hervor, bevor Chor und Orchester in einer architektonisch streng gebauten Fuge zusammenfinden, die mit einem kunstvollen kontrapunktischen GefĂŒge und einem getragenen liturgischen Glanz endet. Das Werk schlieĂt mit Zelenkas charakteristischer Widmungsformel A M D G V M OO SS H AA P J R, die Gott, der Gottesmutter, allen Heiligen sowie den fĂŒrstlichen Gönnern gewidmet ist. De profundis ZWV 96 ist eine vollendete Mischung aus persönlicher Ausdruckskraft, liturgischer Funktion und hohem kompositorischen Anspruch â ein Werk, das durch seine seelische Tiefe und dramatische Gestaltungskraft zu den bewegendsten Psalmenvertonungen Zelenkas zĂ€hlt. Lateinischer Text (Psalm 129 + Gloria Patri) De profundis clamavi ad te, Domine; Domine, exaudi vocem meam. Fiant aures tuae intendentes in vocem deprecationis meae. Si iniquitates observaveris, Domine, Domine, quis sustinebit? Quia apud te propitiatio est; et propter legem tuam sustinui te, Domine. Sustinuit anima mea in verbo eius; speravit anima mea in Domino. A custodia matutina usque ad noctem, speret IsraĂ«l in Domino. Quia apud Dominum misericordia, et copiosa apud eum redemptio. Et ipse redimet IsraĂ«l ex omnibus iniquitatibus eius. Gloria Patri et Filio et Spiritui Sancto. Sicut erat in principio et nunc et semper et in saecula saeculorum. Amen. Deutsche Ăbersetzung Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir. Herr, höre meine Stimme; lass deine Ohren acht haben auf das Flehen meiner Bitte. Wenn du, Herr, die SĂŒnden anrechnen willst, Herr, wer wird bestehen? Doch bei dir ist Vergebung, damit man in Ehrfurcht dir diene. Meine Seele hofft auf den Herrn; sie vertraut auf sein Wort. Von der Morgenwache bis zur Nacht hoffe Israel auf den Herrn. Denn beim Herrn ist die Barmherzigkeit, und reich ist seine Erlösung. Er selbst wird Israel erlösen von allen seinen SĂŒnden. Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist. Wie im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen. CD-Vorschlag Jan Dismas Zelenka, Psalmi Vespertini II, Ensemble InĂ©gal â Leitung Adam Viktora (* 1973), Nibiru, 2017, Tracks 15â17: https://www.youtube.com/watch?v=XO0XY-QrnCM&list=OLAK5uy_lOXkh8COA2RCBc5xHj0kSXNtOb07gGB1c&index=15 Seitenanfang ZWV 96 ZWV 97 De profundis in c-Moll, ZWV 97 Das im Jahr 1724 entstandene De profundis ZWV 97 gehört zu den persönlichsten und zugleich eindringlichsten geistlichen Werken Jan Dismas Zelenkas. Der Komponist schuf die groĂ dimensionierte Vertonung des Psalm 130 kurz nach dem Tod seines Vaters JiĆĂ Zelenka, Kantor und Organist in Launiowitz, der am 7. Februar 1724 verstorben war. Die Musik erklang erstmals am 1. MĂ€rz 1724 im Rahmen der feierlichen Trauerliturgie in der Dresdner Hofkirche. Zelenka dokumentierte diesen Anlass in einem ausfĂŒhrlichen lateinischen Zusatz am Ende der Partitur; dadurch gehört ZWV 97 zu den seltenen Werken, deren biographischer Hintergrund vollstĂ€ndig gesichert ist. https://www.youtube.com/watch?v=trgOZAT_9F4 Musikalisch ist ZWV 97 eine ausgedehnte, fĂŒnfsĂ€tzige Komposition fĂŒr groĂe KrĂ€fte: Tief gefĂŒhrte Bass-Partien, ein machtvoller vierstimmiger Chor, ein stark erweitertes Orchester, in dem insbesondere Posaunen als Farbe des Klagens eine zentrale Rolle spielen. Der Gesamtklang ist dunkel, ernst und von ungewöhnlicher Dichte; das Werk gilt unter Kennern als eine der bewegendsten und tragischsten Psalmvertonungen des gesamten Hochbarock. Der erste Satz, De profundis clamavi, wird von drei Bassstimmen getragen, deren gravitĂ€tische LinienfĂŒhrung tiefe seelische ErschĂŒtterung zum Ausdruck bringt. Die harmonische Sprache ist reich an chromatischen Wendungen, deren LinienfĂŒhrung die Vorstellung des âSchreiens aus der Tiefeâ musikalisch nachzeichnet. Im zweiten Satz, Si iniquitates, verwendet Zelenka den Wechsel von Chor und Hymnus-Artikulation, um die Dringlichkeit des Textes herauszuarbeiten. Die kontrapunktische Gestaltung ist hierbei besonders kunstvoll â dennoch bleibt jeder Takt dem Affekt des Bittgebets verpflichtet. Satz III, Sustinuit anima mea, ist ein eindringliches Duett fĂŒr Tenor und Alt, dessen Linien sich ĂŒber ruhigen, aber ausdrucksstarken Orchesterfiguren verweben. Der Text erhĂ€lt eine musikalische Form, die gedĂ€mpfte Hoffnung und geduldiges Warten zugleich ausdrĂŒckt. Der vierte Satz, Et ipse redimet, wendet sich wieder dem Chor zu: Seine energischen EinsĂ€tze schaffen einen inneren Höhepunkt und fĂŒhren die Aussage des Psalms â das Vertrauen auf Erlösung â mit klarer Kraft und monumentaler Harmonik aus. Der Schluss besteht aus einem groĂ angelegten fĂŒnften Teil: Gloria Patri und Sicut erat in principio. Zelenka beschlieĂt das Werk hier mit einer kraftvollen Fuge, deren motivische Strenge und dichter Satz die spirituelle Aussage in eine musikalische Krönung verwandeln. Diese Verbindung von Psalmtext und Doxologie verbindet persönliche Trauer und liturgische Bestimmung zu einem einheitlichen geistlichen Monument. ZWV 97 ist damit nicht nur ein Gedenkwerk von auĂerordentlicher IntensitĂ€t, sondern zugleich ein Musterbeispiel fĂŒr Zelenkas FĂ€higkeit, barocke Klangpracht, polyphone Meisterschaft und psychologisch tief empfundene Ausdruckskraft zu vereinen. FĂŒr sein Ćuvre bildet es, gemeinsam mit der parallel entstandenen spĂ€teren Endfassung ZWV 50, den Höhepunkt seiner Psalmmusik der frĂŒhen 1720er Jahre. ErklĂ€rung zum VerhĂ€ltnis von ZWV 97 und ZWV 50 Das De profundis ZWV 97 ist die frĂŒhere Fassung von Zelenkas groĂem Psalm-130-Setting und entstand im Jahr 1724. Dieses Werk ist der erste kompositorische Entwurf, der unmittelbar mit dem Tod von Zelenkas Vater JiĆĂ Zelenka (â 7. Februar 1724) verbunden ist. Genau wie in der spĂ€teren Version wollte Jan Dismas Zelenka mit dieser Musik seinem Vater ein persönliches, liturgisches und zugleich kĂŒnstlerisch anspruchsvolles Denkmal setzen. Im Laufe des Jahres 1724 arbeitete er weiter an dieser Komposition und schuf daraus eine zweite, erweiterte und vollkommen ausgearbeitete Endfassung: das De profundis ZWV 50. Diese Fassung ist lĂ€nger, orchestraler, harmonisch dichter und formal ausgefeilter. Sie wurde ebenfalls im selben Jahr vollendet und spĂ€ter (am 1. MĂ€rz 1724) im Rahmen der offiziellen Exequien fĂŒr den verstorbenen Vater aufgefĂŒhrt. Damit verbinden sich beide Werke untrennbar: ZWV 97 = Erste Fassung, kompakter, schlichter, der unmittelbare musikalische Ausdruck der Trauer. ZWV 50 = Endfassung, erweitert, orchestraler, mit reichem Kontrapunkt, fĂŒr die feierlichen Dresdner Hofexequien bestimmt. Beide Werke teilen also dieselbe biographische Wurzel, unterscheiden sich aber klar in ihrer kompositorischen Reife und in der liturgischen Funktion, die Zelenka ihnen zugedacht hat. Lateinischer Text I. De profundis De profundis clamavi ad te, Domine; Domine, exaudi vocem meam. Fiant aures tuae intendentes in vocem deprecationis meae. II. Si iniquitates Si iniquitates observaveris, Domine, Domine, quis sustinebit? Quia apud te propitiatio est, et propter legem tuam sustinui te, Domine. III. Sustinuit Sustinuit anima mea in verbo eius; speravit anima mea in Domino. IV. Et ipse redimet A custodia matutina usque ad noctem speret Israel in Domino. Quia apud Dominum misericordia, et copiosa apud eum redemptio. Et ipse redimet Israel ex omnibus iniquitatibus eius. V. Requiem aeternam Requiem aeternam dona eis, Domine, et lux perpetua luceat eis. Deutsche Ăbersetzung I. Aus der Tiefe Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir. Herr, höre meine Stimme! Lass deine Ohren achten auf mein Flehen. II. Wenn du SĂŒnden anrechnest Wenn du, Herr, die SĂŒnden anrechnen willst, Herr â wer kann bestehen? Doch bei dir ist Vergebung; darum hoffe ich, o Herr. III. Meine Seele wartet Meine Seele wartet auf sein Wort; meine Seele hofft auf den Herrn. IV. Er wird erlösen Von der Morgenwache bis zur Nacht hoffe Israel auf den Herrn! Denn beim Herrn ist die Gnade und bei ihm in FĂŒlle die Erlösung. Er selbst wird Israel erlösen von all seinen SĂŒnden. V. Ewige Ruhe Herr, gib ihnen die ewige Ruhe, und das ewige Licht leuchte ihnen. CD-Vorschlag Jan Dismas Zelenka, Missa Sancti Josephi â De Profundis â In Exitu Israel, Kammerchor Stuttgart und Barockorchester Stuttgart, Leitung Frieder Bernius (1947â2023), Carus, 2018, Tracks 25 bis 29: https://www.youtube.com/watch?v=LMI5WjkNuPg&list=OLAK5uy_k_dJDuOwMnDKYhaxowGegnvmD7kOt6PKM&index=25 Seitenanfang Credidi in a-Moll, ZWV 85 Zelenkas Psalmvertonung Credidi (âIch habe geglaubtâ) ZWV 85 entstand wahrscheinlich in den Jahren 1727/28, also in jener Phase, in der der Komponist bereits die volle kompositorische Reife seiner Dresdner Zeit erreicht hatte. Die Besetzung ist fĂŒr vier Solostimmen (SATB), vierstimmigen Chor und Orchester mit zwei Oboen, Streichern und Basso continuo ausgelegt; die Tonart ist a-Moll, was bereits den ernsten, eindringlichen Charakter der Komposition vorbereitet. Die autograph ĂŒberlieferte Partitur befindet sich heute in der SĂ€chsischen Landesbibliothek Dresden (Signatur: Mus. 2358-D-61,7). Psalm Credidi gehört zu den sogenannten Psalmus confessionis (âBekenntnispsalmenâ). Zelenka formt daraus ein Werk, das trotz relativ schlichter Anlage eine deutliche dramatische Spannweite besitzt. Er beginnt mit einem intimen, solistisch gefĂŒhrten Ausdruck, der das âIch glaubteâ des Psalmisten musikalisch unterstreicht, und steigert sich allmĂ€hlich in chorische Verdichtung, polyphone Durcharbeitung und expressive Chromatik. Damit steht Credidi stilistisch zwischen seinen groĂ angelegten Psalmwerken wie De profundis ZWV 50 und den reifen Vesperpsalmen der spĂ€ten 1720er Jahre. https://www.youtube.com/watch?v=DHKerRRYtDQ Die Musik lebt von der charakteristischen Mischung aus strenger kontrapunktischer Kunst und der italienischen Concertato-Klangsprache, die Zelenka wĂ€hrend seiner Studien bei Johann Joseph Fux verinnerlicht hatte. Besonders wirkungsvoll ist die stĂ€ndige Spannung zwischen dem klagenden Moll-Grundton und den aufhellenden, bittenden Wendungen, die sich dem Text verdanken. In der Gesamtschau gehört Credidi zu Zelenkas eindrucksvollsten kĂŒrzeren Psalmvertonungen â ein Werk, das trotz seiner Schlichtheit in den groĂen dramaturgischen Kontext seiner Dresdner Kirchenmusik passt. Bemerkenswert ist auch die moderne Rezeptionsgeschichte: Jahrzehntelang war Credidi zwar bekannt, aber unaufgefĂŒhrt. Erst die jĂŒngste Einspielung des Werkes durch Ensemble InĂ©gal unter Adam Viktora erschloss die Komposition einem breiteren Publikum zum ersten Mal. Lateinischer Text â Credidi (Psalm 115) Credidi, propter quod locutus sum; ego autem humiliatus sum nimis. Ego dixi in excessu meo: Omnis homo mendax. Quid retribuam Domino pro omnibus quae retribuit mihi? Calicem salutaris accipiam, et nomen Domini invocabo. Vota mea Domino reddam coram omni populo eius. Pretiosa in conspectu Domini mors sanctorum eius. O Domine, quia ego servus tuus; ego servus tuus, et filius ancillae tuae. Dirupisti vincula mea. Tibi sacrificabo hostiam laudis et nomen Domini invocabo. Deutsche Ăbersetzung Ich glaube â darum spreche ich; ich aber war sehr gebeugt. Ich sprach in meiner BestĂŒrzung: Jeder Mensch ist trĂŒgerisch. Was soll ich dem Herrn vergelten fĂŒr all das Gute, das er mir erwies? Den Kelch des Heiles will ich nehmen und den Namen des Herrn anrufen. Meine GelĂŒbde will ich erfĂŒllen vor dem ganzen Volk seines Eigentums. Kostbar ist in den Augen des Herrn der Tod seiner Frommen. O Herr, ich bin ja dein Knecht, dein Knecht, der Sohn deiner Magd; du hast meine Fesseln gelöst. Dir will ich ein Opfer des Lobes darbringen und den Namen des Herrn anrufen. CD-Vorschlag Jan Dismas Zelenka, Psalmi Vespertini II, Ensemble InĂ©gal â Leitung Adam Viktora (* 1973), Nibiru, 2017, Track 14: https://www.youtube.com/watch?v=hYSbttj8raI&list=OLAK5uy_lOXkh8COA2RCBc5xHj0kSXNtOb07gGB1c&index=14 Seitenanfang ZWV 85 Miserere d-Moll, ZWV 56 Das Miserere d-Moll, ZWV 56, gehört zu den auĂergewöhnlichsten und zugleich kĂŒhnsten Werken, die Jan Dismas Zelenka wĂ€hrend der frĂŒhen 1720er Jahre fĂŒr die Dresdner Hofkapelle komponierte. Entstanden im MĂ€rz 1722 im Rahmen eines groĂ angelegten Auftrags fĂŒr die Karwoche, steht diese Komposition am Beginn jener Phase, in der Zelenka â inspiriert von seinen Studienjahren in Wien bei Johann Joseph Fux (1660â1741) â die kontrapunktischen Möglichkeiten seines Stils mit geradezu enzyklopĂ€dischem Ehrgeiz auslotete. Zu diesem Auftrag gehörten die Lamentationes (ZWV 53), die Responsoria (ZWV 55), das Benedictus Dominus (ZWV 206) und eben dieses Miserere, das innerhalb des Zyklus als das technisch anspruchsvollste Werk hervortritt. Die autograph ĂŒberlieferte Fassung von 1722, die hier im Mittelpunkt steht, wurde ursprĂŒnglich fĂŒr die liturgischen Feiern der Karwoche am Dresdner Hof unter Friedrich August (1696â1763) und Maria Josepha (1699â1757) bestimmt. Die LĂ€nge und der monumentale Anspruch des Werkes veranlassten jedoch den sĂ€chsischen Kurprinzen, die AuffĂŒhrung zurĂŒckzustellen; erst 1725 gelangte eine leicht verkĂŒrzte und stellenweise geĂ€nderte Zweitfassung zur AuffĂŒhrung. ZWV 56 dokumentiert somit nicht nur Zelenkas kompositorische Meisterschaft, sondern auch die Ambivalenz zwischen höfischer ReprĂ€sentation, liturgischem Gebrauch und dem persönlichen kĂŒnstlerischen Programm eines Komponisten, der die kontrapunktischen Traditionen des 17. und frĂŒhen 18. Jahrhunderts bis an ihre Grenzen fĂŒhrte. Der besondere Rang des Werkes beruht auf der systematischen Durchdringung des gesamten Textes von Psalm 50 mit einer Vielzahl kontrapunktischer Verfahren, die Zelenka auf höchstem technischen Niveau und mit bemerkenswerter stilistischer Phantasie einsetzt. Auf engstem Raum finden sich imitatorische Satztechniken, frei gefĂŒhrte Fugen, streng kanonische Abschnitte, Umkehrungen, EngfĂŒhrungen, Retrograden, invertierbare Gegenstimmen und sogar ein »table canon« â ein gleichzeitiger Kanon in Krebs und Umkehrung â wie er in der barocken Vokalmusik Ă€uĂerst selten vorkommt. Diese souverĂ€ne Beherrschung des kompositorischen Handwerks ist Ergebnis jener Ausbildung, die Zelenka zwischen 1716 und 1719 im Kreis um Fux erhielt, und sie verbindet sich mit seinem unverwechselbaren, emotional hoch geladenen Ausdruckswillen. https://www.youtube.com/watch?v=euxxL12oTRk Die 18 Abschnitte des Miserere d-Moll bilden keinen einheitlichen Satz, sondern eine fortlaufende Folge scharf profilierter Charakterbilder, die Zelenka aus dem biblischen Text heraus modelliert. Der eröffnende Chor Miserere mei, Deus zeigt bereits den dichten, schweren d-Moll-Klang, der das Werk prĂ€gt; die LinienfĂŒhrung ist eng, spannungsvoll und wirkt wie in sich verschlungen. In Et secundum intensiviert Zelenka den internen Dialog der Stimmen und entwickelt einen strengen imitatorischen Satz, der im folgenden Amplius lava me zu einer majestĂ€tischen, beinahe oratorienhaften KlangflĂ€che anwĂ€chst. Zu den eindrucksvollsten Einzelmomenten zĂ€hlt die zweigeteilte Behandlung von Et peccatum meum. Der erste Teil (V) ist konventioneller imitativer Satz; der zweite (VI) jedoch ist eines der spektakulĂ€rsten Beispiele fĂŒr Zelenkas kontrapunktische KĂŒhnheit: Der gesamte Abschnitt ist ein retrograder Satz â der vorige Teil wird rĂŒckwĂ€rts gespielt und gleichzeitig neu polyphon ĂŒberformt. Derartige Experimente findet man sonst fast nur in theoretischen Fux-Abhandlungen oder in geistlichen Ăbungen gelehrter Komponisten, selten aber in liturgischer Musik fĂŒr den höfischen Gebrauch. Im siebten Abschnitt Tibi soli peccavi prĂ€sentiert Zelenka eine groĂ angelegte Fuge, deren Thema eine absteigende Linie mit scharfer rhetorischer Deutung aufweist. Ut iustificeris ist dagegen kurz, wortgewandt und voller schmaler kontrapunktischer Einschnitte. Ecce enim in iniquitatibus, der Bass-Soloabschnitt, zeichnet sich durch expressive Unruhe und ein Melos aus, das sich eng an den Text klammert. Darauf folgt der berĂŒhmte Kanonsatz Asperges me, hyssopo â ein âhyperâ-Kanon, dessen Stimmen sich mit strenger Disziplin ĂŒberlagern und dennoch atmend und organisch klingen. Der Mittelteil wird mit zwei kontrastierenden Paragraphen ĂŒber Auditui meo dabis gaudium abgeschlossen â ein Chor und ein Bass-Solo â, gefolgt vom Trio Redde mihi laetitiam, das eine intensive, fast kammermusikalische AtmosphĂ€re erzeugt. Der Abschnitt Docebo iniquos enthĂ€lt einen sogenannten »versetto circolare«, also eine zyklische StimmfĂŒhrung, die den Satz wie ein sich stĂ€ndig schlieĂender Kreis erscheinen lĂ€sst. Zelenka demonstriert hier ein weiteres Mal seine FĂ€higkeit, den Text nicht nur zu vertonen, sondern kompositorisch zu interpretieren. In Benigne fac, Domine (Tenor-Solo) verdichtet sich das Werk erneut; der Satz wirkt wie ein inneres Gebet, bevor der Chor Tunc acceptabis das Werk zu einem liturgischen Ruhepunkt fĂŒhrt. Den Abschluss bilden das reich verarbeitete Gloria Patri fĂŒr Sopran, Alt und Tenor sowie das abschlieĂende Amen, eine weitgespannte, groĂartig proportionierte Fuge, die die gesamte Komposition in einen strahlenden Schlussbogen ĂŒberfĂŒhrt. Die 1722er Fassung des Miserere ZWV 56 zeigt Zelenka auf dem Gipfel seiner kontrapunktischen Kunst. Er verbindet eine fast asketische Strenge der Satztechnik mit einer ungewöhnlich ausdrucksvollen Textdeutung. Statt Gelehrsamkeit um der Gelehrsamkeit willen geht es ihm um die musikalische ErschlieĂung der BuĂformel des Psalms: Klangliche Demut, rhetorische SchĂ€rfe, klagende Linien, AufwĂ€rtsgesten der Bitte um Reinigung. Das Werk ist eine geistliche Meditation, aber zugleich eine groĂ angelegte Studie in kontrapunktischer Kombinatorik. Gerade in dieser frĂŒhen Fassung wird sichtbar, dass Zelenka nicht nur ein Meister des Fuxâschen Stils war, sondern einer der originellsten kontrapunktischen Erneuerer der ersten HĂ€lfte des 18. Jahrhunderts. Lateinischer Text Miserere mei, Deus, secundum magnam misericordiam tuam. Et secundum multitudinem miserationum tuarum, dele iniquitatem meam. Amplius lava me ab iniquitate mea, et a peccato meo munda me. Quoniam iniquitatem meam ego cognosco, et peccatum meum contra me est semper. Tibi soli peccavi, et malum coram te feci, ut iustificeris in sermonibus tuis et vincas cum iudicaris. Ecce enim in iniquitatibus conceptus sum, et in peccatis concepit me mater mea. Ecce enim veritatem dilexisti: incerta et occulta sapientiae tuae manifestasti mihi. Asperges me hyssopo, et mundabor; lavabis me, et super nivem dealbabor. Auditui meo dabis gaudium et laetitiam, et exsultabunt ossa humiliata. Averte faciem tuam a peccatis meis, et omnes iniquitates meas dele. Cor mundum crea in me, Deus, et spiritum rectum innova in visceribus meis. Ne proicias me a facie tua, et spiritum sanctum tuum ne auferas a me. Redde mihi laetitiam salutaris tui, et spiritu principali confirma me. Docebo iniquos vias tuas, et impii ad te convertentur. Libera me de sanguinibus, Deus, Deus salutis meae, et exsultabit lingua mea iustitiam tuam. Domine, labia mea aperies, et os meum annuntiabit laudem tuam. Quoniam si voluisses sacrificium, dedissem utique: holocaustis non delectaberis. Sacrificium Deo spiritus contribulatus; cor contritum et humiliatum, Deus, non despicies. Benigne fac, Domine, in bona voluntate tua Sion, ut aedificentur muri Ierusalem. Tunc acceptabis sacrificium iustitiae, oblationes et holocausta; tunc imponent super altare tuum vitulos. Gloria Patri, et Filio, et Spiritui Sancto. Sicut erat in principio, et nunc, et semper, et in saecula saeculorum. Amen. Deutsche Ăbersetzung Erbarme Dich meiner, o Gott, nach Deiner groĂen Barmherzigkeit. Nach der FĂŒlle Deiner Erbarmungen tilge meine Schuld. Wasche mich immer wieder von meiner Missetat, und reinige mich von meiner SĂŒnde. Denn meine Schuld erkenne ich, und meine SĂŒnde steht mir immer vor Augen. Gegen Dich allein habe ich gesĂŒndigt, und getan, was böse ist vor Dir, damit Du recht behĂ€ltst in Deinen Worten und rein dastehst, wenn Du richtest. Siehe, in Schuld bin ich geboren, und in SĂŒnden hat mich meine Mutter empfangen. Siehe, Du liebst die Wahrheit im Verborgenen; im Innersten lehrst Du mich Weisheit. EntsĂŒndige mich mit Ysop, und ich werde rein sein; wasche mich, und ich werde weiĂer sein als Schnee. Lass mich hören Freude und Wonne, damit die Gebeine frohlocken, die Du zerschlagen hast. Verbirg Dein Angesicht vor meinen SĂŒnden, und tilge alle meine Missetaten. Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz, und erneuere in mir einen rechten Geist. Verwirf mich nicht von Deinem Angesicht, und nimm Deinen heiligen Geist nicht von mir. Gib mir die Freude Deines Heils zurĂŒck, und stĂŒtze mich mit einem willigen Geist. Dann will ich die Frevler Deine Wege lehren, und die SĂŒnder werden sich Dir zuwenden. Errette mich von Blutschuld, Gott, Du Gott meines Heils, dann wird meine Zunge Deine Gerechtigkeit rĂŒhmen. Herr, öffne meine Lippen, damit mein Mund Dein Lob verkĂŒnde. Denn wolltest Du Opfer, ich hĂ€tte sie dargebracht; Brandopfer gefallen Dir nicht. Das Opfer, das Gott gefĂ€llt, ist ein zerbrochener Geist; ein zerknirschtes und gedemĂŒtigtes Herz wirst Du, Gott, nicht verachten. In Deiner GĂŒte, Herr, tue Zion Gutes, damit Jerusalems Mauern wieder aufgebaut werden. Dann wirst Du rechte Opfer gefallen lassen, Gaben und Brandopfer; dann wird man Farren auf Deinem Altar darbringen. Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen. CD-Vorschlag Jan Dismas Zelenka, Statio quadruplex und Miserere d-Moll, Ensemble InĂ©gal, Leitung Adam Viktora (* 1973), Nibiru, 2025, Tracks 5â22: https://www.youtube.com/watch?v=pDlLC3EcOAc&list=OLAK5uy_nsmTaK2Bx_BTm_bk4RnT4yXIqa2YtNMUs&index=5 Seitenanfang ZWV 56 Miserere c-Moll, ZWV 57 Das Miserere in c-Moll, ZWV 57, gehört zu den spĂ€ten Meisterwerken von Jan Dismas Zelenka und nimmt innerhalb seines kirchenmusikalischen SpĂ€twerks eine besondere Stellung ein. Im Autograph vermerkte Zelenka das Datum 12. MĂ€rz 1738, womit das Werk zeitlich zwischen der Missa Sanctissimae Trinitatis (1736) und der Missa votiva (1739) steht. Diese Einordnung ist bedeutend: Sie zeigt Zelenka in der letzten, reifen Phase seines Schaffens, in der er kontrapunktische Strenge, harmonische KĂŒhnheit und affektgeladene Textausdeutung zu einer einzigartigen Synthese fĂŒhrt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass das Werk fĂŒr die Karfreitagsliturgie 1738 der Dresdner Hofkirche bestimmt war. Die Handschrift verrĂ€t nicht nur die auĂerordentliche Sorgfalt der Niederschrift, sondern auch den hohen reprĂ€sentativen Anspruch, der diesem Psalm zugedacht war. Bemerkenswert ist zudem, dass dieses Miserere â als einziges von Zelenkas spĂ€ten Werken â nach seinem Tod weiterhin in der Dresdner Hofkirche aufgefĂŒhrt wurde. Die WiederauffĂŒhrungstradition zeigt, dass das Werk am Hof eine WertschĂ€tzung genoss, die ĂŒber die Lebenszeit des Komponisten hinausreichte. https://www.youtube.com/watch?v=pAi_2B3QvAA Das Miserere gliedert sich in sechs Abschnitte, deren Anlage eine kunstvolle, dramaturgisch sorgsam abgestufte Gesamtarchitektur bildet. Die Teile I und VI umfassen einen identischen Rahmen: einen dramatisch pathetischen Eingangssatz, der den gesamten Psalm in affektiver Grundierung einfĂ€ngt und das Werk mit einer eindringlichen Bitte um Erbarmen öffnet und schlieĂt. Dieser symmetrische Rahmen ist typisch fĂŒr Zelenkas spĂ€te Formgestaltung: klare architektonische Ordnung bei gröĂtmöglicher Ausdrucksdichte. Von besonderem Interesse sind die Abschnitte II und V, in denen Zelenka ein Verfahren anwendet, das man sonst eher aus dem Umfeld J. S. Bachs kennt: die wörtliche Ăbernahme Ă€lterer Musik in ein neues Werk. FĂŒr beide Abschnitte verwendet Zelenka den Ricercar con obligo Basso come appare aus Girolamo Frescobaldis (1583â1643) Sammlung âFiori musicaliâ (Venedig, 1635). Er ĂŒbertrĂ€gt Frescobaldis Ricercar aus der alten Partiturnotation in die moderne Stimmenaufteilung des 18. Jahrhunderts, passt die Notenwerte dem Psalmtext an, fĂŒgt die vokalen Linien ein und bettet das Ganze in das Dresdner Standardensemble der 1730er Jahre ein: zwei Oboen, Streicher und Orgel. Dieses Verfahren stellt keinen bloĂen historischen RĂŒckgriff dar, sondern eine gelehrte kompositorische Handlung: Zelenka knĂŒpft bewusst an die italienische katholische Musiktradition des frĂŒhen 17. Jahrhunderts an und integriert sie in den hoch entwickelten Dresdner Kirchenstil des 18. Jahrhunderts. Dadurch entfaltet das Werk eine historische, theologische und affektive Tiefe, die innerhalb seines Ćuvres einzigartig bleibt. Der dritte Abschnitt (III), Gloria Patri, erscheint zunĂ€chst als Sopran-Arie, die unĂŒberhörbar den Stil von Johann Adolph Hasse (1699â1783) reflektiert, Dresdens ĂŒberragendem Opernkomponisten. Zelenka verarbeitet Elemente des galanten Opernstils â lange melodische Linien, klare Phrasierung, fast konzertante Begleitung â zu einer innigen, kantablen Doxologie. Der vierte Abschnitt (IV) bringt dieselben Worte als Chorsatz und fĂŒhrt damit eine zweite Perspektive der Lobpreisung ein: liturgisch geschlossen, polyphon verdichtet und klanglich reprĂ€sentativ. Der fĂŒnfte Abschnitt (V), Sicut erat, greift erneut Frescobaldi auf und bildet ein ernstes, streng gearbeitetes Zentrum, das den archaischen Charakter des Ricercars deutlicher hervorhebt. Im finalen Abschnitt (VI) kehrt Zelenka zum Eingangsteil zurĂŒck: Das Werk schlieĂt so, wie es begann â mit einer eindringlichen, flehenden Bitte um Erbarmen, eingerahmt von jener dunklen, klagenden c-Moll-Farbe, die dem Werk seinen unverwechselbaren Ton gibt. ZWV 57 zeigt den spĂ€ten Zelenka auf der Höhe seiner geistlichen Kunst: souverĂ€n, gelehrt, historisch bewusst, zugleich aber voller persönlicher Eindringlichkeit. Das Werk verbindet meditative Strenge und opernhafte KantabilitĂ€t und steht exemplarisch fĂŒr das geistliche Profil der Dresdner Hofkirche in den letzten Jahren vor Zelenkas Tod. Lateinischer Text (Psalm 50 + Gloria Patri) Miserere mei, Deus, secundum magnam misericordiam tuam. Et secundum multitudinem miserationum tuarum, dele iniquitatem meam. Amplius lava me ab iniquitate mea, et a peccato meo munda me. Quoniam iniquitatem meam ego cognosco, et peccatum meum contra me est semper. Tibi soli peccavi, et malum coram te feci, ut iustificeris in sermonibus tuis et vincas cum iudicaris. Ecce enim in iniquitatibus conceptus sum, et in peccatis concepit me mater mea. Ecce enim veritatem dilexisti: incerta et occulta sapientiae tuae manifestasti mihi. Asperges me hyssopo, et mundabor; lavabis me, et super nivem dealbabor. Auditui meo dabis gaudium et laetitiam, et exsultabunt ossa humiliata. Averte faciem tuam a peccatis meis, et omnes iniquitates meas dele. Cor mundum crea in me, Deus, et spiritum rectum innova in visceribus meis. Ne proicias me a facie tua, et spiritum sanctum tuum ne auferas a me. Redde mihi laetitiam salutaris tui, et spiritu principali confirma me. Docebo iniquos vias tuas, et impii ad te convertentur. Libera me de sanguinibus, Deus, Deus salutis meae, et exsultabit lingua mea iustitiam tuam. Domine, labia mea aperies, et os meum annuntiabit laudem tuam. Quoniam si voluisses sacrificium, dedissem utique: holocaustis non delectaberis. Sacrificium Deo spiritus contribulatus; cor contritum et humiliatum, Deus, non despicies. Benigne fac, Domine, in bona voluntate tua Sion, ut aedificentur muri Ierusalem. Tunc acceptabis sacrificium iustitiae, oblationes et holocausta; tunc imponent super altare tuum vitulos. Gloria Patri, et Filio, et Spiritui Sancto. Sicut erat in principio, et nunc, et semper, et in saecula saeculorum. Amen. Deutsche Ăbersetzung Erbarme Dich meiner, o Gott, nach Deiner groĂen Barmherzigkeit. Nach der FĂŒlle Deiner Erbarmungen tilge meine Schuld. Wasche mich immer wieder von meiner Missetat, und reinige mich von meiner SĂŒnde. Denn meine Schuld erkenne ich, und meine SĂŒnde steht mir immer vor Augen. Gegen Dich allein habe ich gesĂŒndigt, und getan, was böse ist vor Dir, damit Du recht behĂ€ltst in Deinen Worten und rein dastehst, wenn Du richtest. Siehe, in Schuld bin ich geboren, und in SĂŒnden hat mich meine Mutter empfangen. Siehe, Du liebst die Wahrheit im Verborgensten; in meinem Inneren lehrst Du mich Weisheit. EntsĂŒndige mich mit Ysop, und ich werde rein sein; wasche mich, und ich werde weiĂer sein als Schnee. Lass mich hören Freude und Wonne, damit die Gebeine frohlocken, die Du zerschlagen hast. Verbirg Dein Angesicht vor meinen SĂŒnden, und tilge alle meine Missetaten. Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz, und erneuere in mir einen rechten Geist. Verwirf mich nicht von Deinem Angesicht, und nimm Deinen heiligen Geist nicht von mir. Gib mir die Freude Deines Heils zurĂŒck, und stĂŒtze mich mit einem willigen Geist. Dann will ich die Frevler Deine Wege lehren, und die SĂŒnder werden sich Dir zuwenden. Errette mich von Blutschuld, Gott, Du Gott meines Heils, dann wird meine Zunge Deine Gerechtigkeit rĂŒhmen. Herr, öffne meine Lippen, damit mein Mund Dein Lob verkĂŒnde. Denn wolltest Du Opfer, ich hĂ€tte sie dargebracht; Brandopfer gefallen Dir nicht. Das Opfer, das Gott gefĂ€llt, ist ein zerbrochener Geist; ein zerknirschtes und gedemĂŒtigtes Herz wirst Du, Gott, nicht verachten. In Deiner GĂŒte, Herr, tue Zion Gutes, damit Jerusalems Mauern wieder aufgebaut werden. Dann wirst Du rechte Opfer gefallen lassen, Gaben und Brandopfer; dann wird man Farren auf Deinem Altar darbringen. Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen. CD-Vorschlag Jan Dismas Zelenka, Requiem in D minor und Miserere in C minor, Ensemble Baroque 1994, Leitung Roman VĂĄlek (* 1955), SUPRAPHON a.s., 1995, Track 8: https://www.youtube.com/watch?v=nbcPqZXCfzc&list=OLAK5uy_nH-OoxsFkdpyZasg_LXlSR_6GHE7VG_K0&index=8 Seitenanfang ZWV 57 Lamentationes Ieremiae Prophetae, ZWV 53 Zelenkas sechs Lamentationes aus dem Jahr 1722 gehören zu den eindrucksvollsten Beispielen barocker Textausdeutung im Dresdner Hofrepertoire. Sie entstanden fĂŒr die Feier der Tenebrae-Offizien der Karwoche, die am Vorabend der jeweiligen Tage zelebriert wurden und so die verwirrende Bezeichnung âfĂŒr Mittwoch/Donnerstag/Freitagâ erklĂ€ren. TatsĂ€chlich handelt es sich um die jeweils ersten beiden Lektionen aus den Matutinen des GrĂŒndonnerstags, Karfreitags und Karsamstags â insgesamt sechs Lektionen, die in der Tradition der römischen Liturgie seit dem Mittelalter den Klageliedern Jeremias entnommen werden. Die jeweils dritte Lamentation eines Tages fehlt; ob sie im Dresdner Offizium nur im Choral erklang oder ob die Musik verloren ging, ist unbekannt. https://www.youtube.com/watch?v=NPN2uelboCc Zelenkas Komposition steht an der Schnittstelle zwischen einer jahrhundertealten Tradition und einem neuen, barocken Ausdruckshorizont. Seit dem Mittelalter war es Brauch, die hebrĂ€ischen Buchstaben, die die einzelnen Textabschnitte der Klagelieder einleiten (Aleph, Beth, Ghimel, DalethâŠ), mit ausgedehnten Melismen zu versehen, wĂ€hrend der eigentliche Text auf einer rezitierenden Formel beruhte. Renaissancekomponisten griffen diesen Brauch auf und entwickelten meditative, oft höchst expressive Miniaturen ĂŒber die hebrĂ€ischen Buchstaben â Inseln polyphonen Glanzes zwischen schlichten Textrezitationen. Zelenka fĂŒhrt dieses Modell weiter, doch im Stil des 18. Jahrhunderts: Die hebrĂ€ischen Buchstaben erscheinen als affektgeladene Ariosi, ausgeformt, rhetorisch zugespitzt und oft harmonisch kĂŒhn, wĂ€hrend die Lamentationstexte in einem flexibel gefĂŒhrten, aber stets spannungsreichen Rezitativ gestaltet sind. Die ĂŒbliche barocke Zweiteilung in Rezitativ und Da-capo-Arie fehlt bewusst: Zelenka bevorzugt einen flieĂenden Wechsel kleinerer Ausdrucksblöcke, der sich unmittelbar aus der inneren Gliederung des Textes ergibt. Dadurch erhĂ€lt jede Lektion ein organisches, erzĂ€hlerisches Profil. Die Tonartenwahl ist ebenfalls textpsychologisch gesteuert. Die Lektionen des GrĂŒndonnerstags und Karfreitags stehen in dunklen, schwer lastenden Molltonarten; Chromatik und schmerzliche Dissonanzen spiegeln das Zerbrechen Jerusalems, die Klage des Propheten und die Dramatik der Passion. Besonders in der ersten Lamentation begegnet man kĂŒhnen harmonischen Verwerfungen, die zu den expressivsten Stellen in Zelenkas geistlicher Musik gehören. Erst die Lektionen des Karsamstags öffnen sich einer anderen Stimmung: Hier erscheinen hellere Tongeschlechter, und die erste Lektion des Karsamstags in A-Dur entfaltet einen Hoffnungston, der den Ăbergang zur nahen Auferstehungsbotschaft vorbereitet. Die Schlussformel âIerusalem, Ierusalem, convertere ad Dominum Deum tuumâ wird von Zelenka nicht â wie im Gregorianischen oder in Renaissancevertonungen â im Gleichklang wiederholt, sondern jedes Mal völlig neu gedeutet. Diese kunstvollen, ausgedehnten Schlussabschnitte bilden den emotionalen Höhepunkt der Lektionen: Sie sind Antwort, Klageruf und Aufforderung zur Umkehr zugleich, in rhetorisch gesteigerter Diktion und mit vollem barocken Ausdrucksarsenal gestaltet. AuffĂ€llig ist die BeschrĂ€nkung auf mittlere und tiefe Singstimmen (Alt/Countertenor, Tenor, Bass), die dem Tenebrae-Ritus entsprechen und Zelenkas bevorzugte Klangwelt der Karwoche prĂ€gen: dunkel, ernst, resonanzreich. Die Instrumentation bleibt diskret, doch hochdifferenziert; sie kommentiert, stĂŒtzt, schĂ€rft die Affekte und fĂŒhrt zu jenen charakteristisch âgespanntenâ harmonischen Wendungen, die Zelenkas Handschrift unverwechselbar machen. In ihrer Gesamtheit sind die Lamentationes ZWV 53 ein BrĂŒckenschlag zwischen mittelalterlich-liturgischer Tradition und barocker Ausdruckskraft, zugleich ein Dokument höchster kompositorischer IndividualitĂ€t. Kaum ein Werk Zelenkas verbindet liturgische Strenge, rhetorische Offenheit und harmonische KĂŒhnheit zu einem derart intensiven, geistig wie emotional tief reichenden Zyklus. Lamentatio I (GrĂŒndonnerstag â Lectio I) Die erste Lektion eröffnet den Zyklus mit einer Klangwelt, die zugleich archaisch und barock geprĂ€gt ist. Zelenka schafft sofort eine AtmosphĂ€re bedrĂŒckter Stille, in der die Stimme â meist ein Alt oder Countertenor â sich in einem Raum von gedĂ€mpfter Harmonik bewegt. Die hebrĂ€ischen Buchstaben dienen hier als expressive Kulminationspunkte: âAlephâ erscheint wie ein Tor zum ganzen Zyklus, reich ornamentiert und harmonisch weit ausschwingend. Die Melodie steigt suchend an, verweilt auf klagenden Intervallen und sinkt schlieĂlich in eine chromatische Wendung, die den emotionalen Boden der nachfolgenden Rezitation bereitet. Der eigentliche Text setzt auf ein dramatisches Wechselspiel zwischen narrativer Schlichtheit und expressiver Ăberzeichnung. Wenn Jerusalem als âsola civitasâ beschrieben wird, isoliert Zelenka die Linie fast rezitativisch, als wĂŒrde die Stimme mit brĂŒchigem Atem die Einsamkeit der zerstörten Stadt schildern. Die Worte âfacta est quasi viduaâ öffnen sich zu einer harmonischen Verdunkelung, wĂ€hrend âplorans ploravitâ in einem intensiven melismatischen Ausbruch gipfelt, der das Weinen nicht nur beschreibt, sondern in musikalische Gegenwart verwandelt. Eine der stĂ€rksten Stellen ist âmigravit Iudasâ, wo Zelenka durch den Wechsel in eng gefĂŒhrte Chromatik und eine plötzlich instabile Basslinie die Zerrissenheit des Volkes gestaltet. Dass Juda ânec invenit requiemâ, wird durch einen abrupten harmonischen Zusammenzug dargestellt, der wie ein plötzliches Erstarren wirkt. Die Schlussformel âJerusalem, Jerusalemâ bildet nicht einfach eine liturgische Klammer, sondern die erste groĂe rhetorische Geste des Zyklus. Der Ton spreitet sich aus, die Stimme steigt weit in die Höhe, als wĂŒrde sie ĂŒber die zerstörte Stadt hinweg einen universalen Ruf formulieren. Diese erste Lektion wirkt wie der SchlĂŒssel zu allen folgenden: ein Modell, in dem Zelenka die alte Tradition â melismatische Buchstaben, rezitierende Textsegmente, expressive Verdichtung am Schluss â in ein rhetorisch aufgeladenes barockes Idiom ĂŒberfĂŒhrt. Lamentatio I (GrĂŒndonnerstag â Lectio I) Lateinischer Text Aleph. Quomodo sedet sola civitas plena populo! Facta est quasi vidua domina gentium; princeps provinciarum facta est sub tributo. Beth. Plorans ploravit in nocte, et lacrimĂŠ eius in maxillis eius. Non est qui consoletur eam ex omnibus caris eius; omnes amici eius spreverunt eam et facti sunt ei inimici. Ghimel. Migravit Iudas propter afflictionem et multitudinem servitutis; habitavit inter gentes, nec invenit requiem. Omnes persecutores eius apprehenderunt eam inter angustias. Ierusalem, Ierusalem, convertere ad Dominum Deum tuum. Deutsche Ăbersetzung Aleph. Wie sitzt sie einsam da, die Stadt einst voll Volk! Zur Witwe ist geworden die Herrin der Völker; die FĂŒrstin der Provinzen ist nun zur Fronpflichtigen herabgesunken. Beth. Weinend weint sie in der Nacht, und TrĂ€nen rinnen ĂŒber ihre Wangen. Niemand ist da, der sie tröstet unter all ihren Freunden; alle, die ihr nahestanden, haben sie verachtet und sind ihr zu Feinden geworden. Ghimel. Juda ist ausgewandert unter Last und Knechtschaft; unter fremden Völkern wohnt es und findet keine Ruhe. Alle seine Verfolger haben es in der Enge erreicht. Jerusalem, Jerusalem, kehre zurĂŒck zum Herrn, deinem Gott. Lamentatio II (GrĂŒndonnerstag â Lectio II) Die zweite Lektion nimmt die Harmonik und Textplastik der ersten auf, steigert jedoch die Dramatik. Bereits âDalethâ wirkt weniger meditativ als klagend-anprangernd: Die Melodie steigt entschlossen an, als wolle sie die VerwĂŒstung der Wege Zions beklagen und zugleich deren Ursache benennen. Die musikalische Sprache wird kantiger, zielgerichteter, und Zelenka setzt stĂ€rker auf unerwartete Modulationen, die den Text wie ein inneres Beben durchziehen. Der Abschnitt âViĂŠ Sion lugentâ zeigt Zelenkas FĂ€higkeit, kollektive Trauer in Bewegung zu ĂŒbersetzen. Der Satz beginnt mit einem schweren, fast schleppenden Duktus, als wĂŒrde der Weg selbst den Schmerz tragen. Die Phrase ânon sint qui veniantâ bricht harmonisch ein, die Stimme verliert fĂŒr einen Moment ihren Halt und wird erst bei âad solemnitatemâ wieder gesammelt â eine eindrucksvolle Umsetzung der Leere, die die verlassenen Feste hinterlassen haben. âFacti sunt hostes eius in capiteâ fĂŒhrt die dramatische Zuspitzung weiter. Zelenka macht die Feinde, die âzu Herren geworden sindâ, durch eine plötzlich hell aufleuchtende, scharf akzentuierte Wendung des Modus hörbar. Doch unmittelbar danach verdunkelt sich die Harmonik wieder, wenn von den WeggefĂŒhrten die Rede ist. Die Kinder Zions wandern musikalisch in einer Linie, die in kleinen Schritten ansteigt und abfĂ€llt â ein musikalisches Bild der Gefangenen, die vor den Augen des BedrĂ€ngers vorbeiziehen. Besonders wirkungsvoll ist âEt egressus est a filia Sion omnis decor eiusâ. Der Weggang des âdecorâ, des Glanzes, wird durch das allmĂ€hliche Abschmelzen des musikalischen Materials dargestellt: Zelenka lĂ€sst die gestische Bewegung kleiner werden, die Harmonie reduziert sich fast auf eine ausgedĂŒnnte Linie, und erst bei âprincipes eiusâ belebt sich der Satz wieder, um im Bild der fliehenden FĂŒrsten erneut zu zerfallen. Das abschlieĂende âIerusalem, Ierusalemâ ist in dieser zweiten Lektion deutlich schĂ€rfer gezeichnet als zuvor, mit gröĂeren IntervallsprĂŒngen und einer schneidenden Harmonik, die den inneren Riss der belagerten Stadt spiegelt. Damit schlieĂt Zelenka den GrĂŒndonnerstagsteil mit einer erschĂŒtternden, dramatisch tief durchwirkten Lektion. Lamentatio II (GrĂŒndonnerstag â Lectio II) Lateinischer Text Daleth. ViĂŠ Sion lugent eo quod non sint qui veniant ad solemnitatem; omnes portĂŠ eius destructĂŠ, sacerdotes eius gementes, virgines eius squalidĂŠ, et ipsa oppressa amaritudine. He. Facti sunt hostes eius in capite, inimici eius locupletati sunt, quia Dominus locutus est super eam propter multitudinem iniquitatum eius. Parvuli eius ducti sunt in captivitatem ante faciem tribulantis. Vav. Et egressus est a filia Sion omnis decor eius. Facti sunt principes eius velut arietes non invenientes pascua, et abierunt absque fortitudine ante faciem subsequentis. Ierusalem, Ierusalem, convertere ad Dominum Deum tuum. Deutsche Ăbersetzung Daleth. Die Wege Zions trauern, weil niemand mehr zu den Festen kommt; alle ihre Tore stehen verwĂŒstet, ihre Priester seufzen, ihre Jungfrauen sind in Trauer, und sie selbst ist von Bitterkeit umfangen. He. Ihre Feinde sind die Herren geworden, ihre Widersacher haben sich bereichert; denn der Herr hat sie heimgesucht wegen ihrer vielen SĂŒnden. Ihre Kinder wurden gefangen weggefĂŒhrt vor dem Angesicht des BedrĂ€ngers. Vav. Aus der Tochter Zion ist aller Schmuck gewichen. Ihre FĂŒrsten sind wie Widder ohne Weide geworden und flohen kraftlos vor ihren Verfolgern. Jerusalem, Jerusalem, kehre zurĂŒck zum Herrn, deinem Gott. Lamentatio III (Karfreitag â Lectio I) Die dritte Lektion beginnt mit einer völlig neuen KlangqualitĂ€t: Die Stimme tritt nicht mehr als Beobachterin Jerusalems auf, sondern als âEgo virâ â der leidende Mensch selbst. Dadurch verschiebt sich der Ausdruck von kollektiver Klage zu subjektiver Innerlichkeit. Die Harmonik wird enger, dĂŒsterer, eindringlicher. Das âAlephâ dieser Lektion ist von auĂergewöhnlicher IntensitĂ€t. Zelenka lĂ€sst die Melodie auf brĂŒchigen Intervallen ruhen, die den inneren Schmerz des âvir videns paupertatem meamâ ausdrĂŒcken. Die Linie verweilt lange im mittleren Register, bevor sie plötzlich am Wort âindignationisâ nach oben drĂ€ngt und dort chromatisch bebt. Der folgende Text ist ein MeisterstĂŒck rhetorischer Reduktion. âMe adduxit et adducet in tenebrasâ wird nahezu rezitativisch gefĂŒhrt, doch die Harmonik taucht in dunkle Regionen ab, die den Weg in die Finsternis gleichsam hörbar machen. Die Stimme scheint orientierungslos tastend zu wandern; ein Beispiel fĂŒr Zelenkas FĂ€higkeit, die Grenze zwischen Rezitation und musikalischer ErschĂŒtterung zu verwischen. âVetustam fecit pellem meamâ ist eine der chromatischsten Stellen des gesamten Zyklus. Die Linie krĂŒmmt sich, als wĂŒrde sie selbst altern und brechen, wĂ€hrend die Begleitung mit Reibungen arbeitet, die die Zersetzung des Körpers musikalisch darstellen. Das abschlieĂende âJerusalem, Jerusalemâ ist hier nicht nur eine Mahnung, sondern ein Aufschrei aus persönlichem Leid. Die Stimme öffnet sich zwar, doch die Harmonik bleibt schmerzvoll gespannt. Zelenka gelingt es, das individuelle Ich mit dem kollektiven Geschick Jerusalems zu verbinden: Die Klage des Propheten wird zur Klage der ganzen Menschheit. Lamentatio III (Karfreitag â Lectio I) Lateinischer Text Aleph. Ego vir videns paupertatem meam in virga indignationis eius. Me adduxit et adducet in tenebras, et non in lucem. Beth. Tantum in me vertit et convertit manum suam tota die. Ghimel. Vetustam fecit pellem meam et carnem meam; contrivit ossa mea. Ierusalem, Ierusalem, convertere ad Dominum Deum tuum. Deutsche Ăbersetzung Aleph. Ich bin der Mann, der Elend schaut unter der Rute seines Grimmes. Er trieb mich und hĂ€lt mich in Finsternis, fern vom Licht. Beth. Immer wieder wandte er gegen mich seine Hand, den ganzen Tag. Ghimel. Mein Fleisch und meine Haut machte er alt, und meine Gebeine zerbrach er. Jerusalem, Jerusalem, kehre zurĂŒck zum Herrn, deinem Gott. Lamentatio IV (Karfreitag â Lectio II) Die vierte Lektion bildet den rhetorischen Höhepunkt des Karfreitags. Zelenka schĂ€rft die musikalische Sprache: hĂ€rtere Intervalle, plötzlich aufsteigende Linien, ĂŒberraschende harmonische BrĂŒche. Der Text spricht von Zerstörung, Gewalt und Spott â und Zelenka macht aus diesen Worten eine musikalische Passionserfahrung. âSĂŠpiit vias measâ wird durch eng zusammenrĂŒckende Harmonien geprĂ€gt, die das Eingesperrtsein in blockierte Wege schildern. Die Stimme sinkt in tiefe Register, als wĂ€re sie in das dunkle Dickicht der Wege eingeschlossen. âTetendit arcum suumâ ist eine der bildlichsten Passagen des Werks. Der gezogene Bogen wird durch eine gespannte, rasch ansteigende melodische Linie dargestellt, die plötzlich innehĂ€lt, bevor âquasi signum ad sagittamâ wie ein Schlag einsetzt. Zelenka nutzt hier die Kraft des musikalischen Augenblicks: Das Ziel des Pfeils ist nicht nur Jerusalem, sondern der SĂ€nger selbst. Die Worte âfilias pharetrĂŠ suĂŠâ werden mit scharfen, punktierten Figuren unterlegt â wie ein Pfeilregen. Zelenkas FĂ€higkeit, Text in musikalische Aktion zu ĂŒbersetzen, erreicht hier eine dramatische Höhe. âFactus sum in derisum omni populo meoâ erhĂ€lt eine schmerzlich bittere FĂ€rbung. Die Melodie wirkt wie erstarrt, die Harmonik öffnet sich nur halb, als sei der Spott selbst lĂ€hmend. Die Wiederholung âcanticum eorum tota dieâ nimmt den Charakter eines zermĂŒrbenden, unentrinnbaren Stimmgewirrs an. Der Schluss âIerusalem, Ierusalemâ ist hĂ€rter, fast schneidend; die Linie steigt energisch, doch sie findet keine Erlösung. Die Lektion endet in dĂŒsterem Ernst â ein musikalischer Karfreitag im vollsten Sinn. Lamentatio IV (Karfreitag â Lectio II) Lateinischer Text Daleth. SĂŠpiit vias meas, et subvertit semitas meas; posuit me desolatam. He. Tetendit arcum suum et statuit me quasi signum ad sagittam. Vav. Misist in renibus meis filias pharetrĂŠ suĂŠ. Factus sum in derisum omni populo meo, canticum eorum tota die. Ierusalem, Ierusalem, convertere ad Dominum Deum tuum. Deutsche Ăbersetzung Daleth. Er hat meine Wege eingezĂ€unt und die Pfade zerstört; er lieĂ mich in Verlassenheit zurĂŒck. He. Er spannte seinen Bogen und stellte mich als Ziel fĂŒr den Pfeil hin. Vav. Die Pfeile seines Köchers trieb er in meine Nieren. Ich bin zum Spott meines ganzen Volkes geworden, ihr Lied den ganzen Tag. Jerusalem, Jerusalem, kehre zurĂŒck zum Herrn, deinem Gott. Lamentatio V (Karsamstag â Lectio I) Mit der fĂŒnften Lektion tritt eine merkliche atmosphĂ€rische VerĂ€nderung ein. Obwohl der Text weiterhin von Not, Verlust und Armut spricht, weitet sich die Harmonik, die Chromatik wird reduzierter, und die StimmfĂŒhrung erhĂ€lt einen ruhigeren, fast kontemplativen Charakter. âRecordare, Domineâ erklingt wie ein heller werdendes Gebet. Die Stimme steigt anmutig, der Ton ist inniger, und die Harmonik erwĂ€rmt sich. Die Klage bleibt, doch sie verwandelt sich in Bitten, nicht mehr in verzweifelte Beschwörung. Der Satz âHereditas nostra versa est ad alienosâ wird in einer weich verhangenen Mollwendung prĂ€sentiert, die weder brutal noch resigniert ist. Zelenka zeigt den Verlust ohne dramatische Zuspitzung: ein stilles Erkennen statt eines Aufschreis. âPupilli facti sumusâ greift das Motiv der Verlassenheit auf, doch die LinienfĂŒhrung ist hier besonders schlicht, fast liedhaft. Die Passage âaquam nostram pecunia bibimusâ wird musikalisch ĂŒberraschend leicht gezeichnet, als wollte Zelenka zeigen, dass selbst alltĂ€gliche Leiden zur sanften, aber eindringlichen Klage werden können. Die zentrale Symbolstelle ist âServimus et manibus nostris laboramusâ: eine reduziertere, ernste Rezitation, die das harte Dasein formuliert, doch ohne die Verzweiflung der Karfreitagslektionen. Das Schluss-âIerusalemâ dieser Lektion ist das erste, das eine wirklich aufhellende Geste beinhaltet. Die Stimme öffnet sich stĂ€rker, die Harmonik weist in Richtung Dur, und die Mahnung zur Umkehr wird zu einem Bild innerer RĂŒckkehr. Lamentatio V (Karsamstag â Lectio I) Lateinischer Text Aleph. Recordare, Domine, quid acciderit nobis; intuere et respice opprobrium nostrum. Hereditas nostra versa est ad alienos, domus nostrĂŠ ad extraneos. Beth. Pupilli facti sumus absque patre; matres nostrĂŠ quasi viduĂŠ sunt. Aquam nostram pecunia bibimus; ligna nostra pretio comparavimus. Ghimel. Servimus et manibus nostris laboramus; non est qui eruat nos de manu eorum. Ierusalem, Ierusalem, convertere ad Dominum Deum tuum. Deutsche Ăbersetzung Aleph. Gedenke, Herr, was uns widerfahren ist; siehe her und schau unsere Schmach. Unser Erbe fiel Fremden zu, unsere HĂ€user sind in der Hand von AuslĂ€ndern. Beth. Wir wurden zu Waisen ohne Vater; unsere MĂŒtter sind wie Witwen. Unser eigenes Wasser trinken wir nur gegen Geld, unser Holz mĂŒssen wir teuer kaufen. Ghimel. Wir dienen und mĂŒhen uns ab mit eigener Hand; niemand befreit uns aus ihrer Gewalt. Jerusalem, Jerusalem, kehre zurĂŒck zum Herrn, deinem Gott. Lamentatio VI (Karsamstag â Lectio II) Die sechste und letzte Lektion ist der klanglich hellste Teil des Zyklus, trotz des ernsten Textes. Die Harmonik bewegt sich deutlicher im Durbereich, die LinienfĂŒhrung ist freier und leichter, und viele melodische Figuren wirken wie gelichtet. Zelenka deutet den Ăbergang von der Finsternis der Passion zur NĂ€he der Osterhoffnung an. âPatres nostri peccaveruntâ wird in ruhiger, nachdenklicher Stimmung dargestellt. Es fehlt die SchĂ€rfe der frĂŒheren Lektionen; der Ton ist mild, fast verzeihend. Die Musik spiegelt ein historisches Bewusstsein, das nicht mehr klagt, sondern versteht. âServi dominati sunt nostriâ kehrt noch einmal zum Motiv der Knechtschaft zurĂŒck, doch die musikalische Begleitung bleibt weich. Dies ist nicht mehr das ErdrĂŒckende der Zerstörung Jerusalems, sondern das leise ErzĂ€hlen spĂ€terer Generationen. âIn animabus nostris afferebamus panemâ ist eine der melodisch schönsten Stellen der gesamten Lamentationen. Die Stimme flieĂt wie eine weit gezogene Linie, nicht mehr gebrochen, sondern getragen â ein Bild des Ăberlebens trotz Not. âPellis nostra quasi clibanus exustaâ fĂŒhrt noch einmal chromatische Reibung ein, doch Zelenka vermeidet den harten Schmerz. Es ist eine Erinnerung an die Not, nicht der unmittelbare Ausbruch. Das letzte âIerusalem, Ierusalemâ schlieĂt den Zyklus mit einer Geste, die zugleich Mahnung und Hoffnung ist. Zum ersten Mal schimmert ein wirklicher Helligkeitston durch. Die Musik bleibt ernst, doch sie sinkt nicht mehr in die abgrĂŒndige Dunkelheit zurĂŒck. Der Zyklus endet nicht in Verzweiflung, sondern in einem stillen, nach innen gerichteten Ruf. Lamentatio VI (Karsamstag â Lectio II) Lateinischer Text Daleth. Patres nostri peccaverunt et non sunt, et nos iniquitates eorum portavimus. Servi dominati sunt nostri; non fuit qui redimeret de manu eorum. He. In animabus nostris afferebamus panem nobis a facie gladii in deserto. Vav. Pellis nostra quasi clibanus exusta est a facie tempestatum famis. Ierusalem, Ierusalem, convertere ad Dominum Deum tuum. Deutsche Ăbersetzung Daleth. Unsere VĂ€ter sĂŒndigten und sind nicht mehr; wir aber tragen ihre Schuld. Sklaven herrschen ĂŒber uns; keiner ist da, der uns aus ihrer Hand erlöst. He. In Lebensgefahr verschafften wir uns Brot angesichts des Schwertes in der Wildnis. Vav. Unsere Haut brannte wie ein Ofen unter dem Sturm des Hungers. Jerusalem, Jerusalem, kehre zurĂŒck zum Herrn, deinem Gott. CD-Vorschlag Jan Dismas Zelenka, The Lamentations of Jeremiah the Prophet, Collegium Marianum, Leitung TomĂĄĆĄ KrĂĄl (* 1979), SUPRAPHON a.s., 2014: https://www.youtube.com/watch?v=hTxLx8uAp0Y&list=OLAK5uy_k8ENJWVwHfXd6bgUXZcrNbB6cKnX46Tz0&index=2 Die CD umfasst 9 Tracks und bietet eine der klanglich differenziertesten und stilistisch geschmackvollsten modernen Einspielungen der sechs Lektionen aus ZWV 53. Seitenanfang ZWV 53 Responsoria pro hebdomada sancta ZWV 55 Jan Dismas Zelenka schuf seine Responsoria pro hebdomada sancta im Jahr 1723, in einer Lebensphase, in der er am Dresdner Hof zunehmend als geistlicher Komponist von auĂerordentlicher Ernsthaftigkeit und kontrapunktischer Meisterschaft wahrgenommen wurde. Das Werk gehört zu den umfangreichsten und kĂŒnstlerisch anspruchsvollsten Schöpfungen seines gesamten Ćuvres und nimmt innerhalb der Musikgeschichte des frĂŒhen 18. Jahrhunderts eine herausragende Stellung ein. Es handelt sich um eine Sammlung von 27 Tenebrae-Responsorien fĂŒr die drei letzten Tage der Karwoche â GrĂŒndonnerstag, Karfreitag und Karsamstag â, jeweils geordnet in drei Nocturni zu je drei Responsorien. In dieser liturgischen Form knĂŒpft Zelenka bewusst an eine jahrhundertealte Tradition an, die in den groĂen europĂ€ischen Kathedralen bis weit ins Mittelalter zurĂŒckreicht und im 17. und frĂŒhen 18. Jahrhundert einen erneuten Höhepunkt erlebt. Obwohl die Komposition ausdrĂŒcklich im stile antico verfasst ist, folgt Zelenka dieser Norm niemals sklavisch. Der polyphone Satz zeigt eine kontrapunktische Raffinesse, die weit ĂŒber den konventionellen Renaissance-Stil hinausgeht: Diminution, Permutationstechniken, enggefĂŒhrte Doppelfugen, Fughetten und Kanons bilden ein kompositorisches Geflecht, das durch seine logische Strenge ebenso fasziniert wie durch seine expressive IntensitĂ€t. Zelenka beherrscht das kontrapunktische Handwerk mit einer Freiheit, die im 18. Jahrhundert ihresgleichen sucht. Dennoch bleibt das Werk nicht in abstrakter Gelehrsamkeit verhaftet. Die Tenebrae-Texte â aus Evangelien entnommen oder aus prophetisch-klagenden alttestamentlichen Bildern geformt â erhalten durch Zelenkas Musik eine dramatische und zugleich zutiefst kontemplative Dimension. Immer wieder wird der stile antico durch barocke harmonische Farbe, kĂŒhne Chromatik oder unerwartete dynamische Steigerungen durchbrochen. Die expressive Wortausdeutung, die auffĂ€llige Gestaltung wichtiger SchlĂŒsselwörter und die teilweise erschĂŒtternde IntensitĂ€t der Affekte verleihen diesen Responsorien eine emotionale Dichte, die man in der liturgischen Musik der Zeit nur selten findet. https://www.youtube.com/watch?v=HBFhEqObv5Y Zelenka plante die AusfĂŒhrung seiner Responsorien mit Instrumenten colla parte, also mit einer instrumentalen VerstĂ€rkung jeder einzelnen Vokallinie â etwa durch den Einsatz von Posaunen im Tenorregister. Dieses Verfahren knĂŒpft einerseits an Ă€ltere römische und österreichische Traditionen an, andererseits verleiht es dem dunklen, klagenden Charakter der Tenebrae-Feier eine zusĂ€tzliche Farbigkeit und Klangschwere. In ihrer ursprĂŒnglichen liturgischen Praxis standen die Responsorien nicht isoliert, sondern waren eingebettet in eine vielschichtige Struktur des Triduum Sacrum: Auf jede der drei NĂ€chte verteilten sich abwechselnd gregorianische Lektionen, die beiden groĂ angelegten Lamentationen ZWV 53 und jeweils drei polyphone Responsorien. Die heutige PrĂ€sentation des gesamten Zyklus als zusammenhĂ€ngender Block entspricht somit der modernen Konzert- und AufnahmeĂ€sthetik, wĂ€hrend der historische Vollzug stĂ€rker auf die abwechselnde Abfolge von Schriftlesung, Klaggesang und polyphonem Kommentar zielte. Trotz der strengen liturgischen Form entfaltet sich ĂŒber diese 27 SĂ€tze ein beeindruckender dramaturgischer Bogen: Er beginnt im Garten Gethsemane, fĂŒhrt ĂŒber Verrat, Gefangennahme und Kreuzigung, mĂŒndet schlieĂlich in die Stille des Grabes und endet im Erwartungsraum des Ostermorgens. Zelenka nutzt die polyphone Faktur, um die seelischen Extreme der Texte hörbar zu machen: die Einsamkeit Christi (Tristis est anima mea), die kollektive Klage Israels (Jerusalem, surge), die ErschĂŒtterung der Natur (Tenebrae factae sunt) oder die ergreifende Betrachtung des Todes des Gerechten (Ecce quomodo moritur iustus). Diese Musik ist nicht dekorativ, sondern zutiefst existentiell. Sie verbindet theologische Reflexion mit musikalischer Architektur, liturgische Strenge mit barockem Empfinden und gelehrte Kompositionstechnik mit einer unĂŒberhörbaren persönlichen Handschrift. Nach Zelenkas Tod verbreiteten sich die Responsoria pro hebdomada sancta rasch im deutschsprachigen Raum und darĂŒber hinaus â nicht zuletzt durch die AktivitĂ€ten Georg Philipp Telemanns (1681â1767) und Johann Georg Pisendels (1687â1755), die Zugang zu den Autographen erhielten. Dadurch entwickelte sich das Werk zu einem der am weitesten verbreiteten und hoch geschĂ€tzten Zeugnisse aus Zelenkas geistlicher Musikproduktion. In ihrer kontrapunktischen Dichte und spirituellen Kraft gehören diese Responsorien zu den monumentalsten Leistungen der europĂ€ischen Kirchenmusik des 18. Jahrhunderts und bilden einen Gipfelpunkt dessen, was die Dresdner Hofkapelle im Zeitalter Augusts des Starken hervorbrachte. CD-Vorschlag Jan Dismas Zelenka, Responsoria pro hebdomada sancta â Lamentatio Ieremiae Prophetae, Collegium 1704 und Collegium Vocale 1704, Leitung VĂĄclav Luks (* 1974), Accent, 2012. https://www.youtube.com/watch?v=zdEragtghmk&list=OLAK5uy_nxMuJyf1zRZyRoKuV1OsPZ-z_uj2n_4Y4&index=2 Text GrĂŒndonnerstag â Responsoria Nocturn I 1. In monte Oliveti Auf dem Ălberg betete Jesus zum Vater: âVater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorĂŒber; doch nicht mein Wille geschehe, sondern der deine.â Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet. 2. Tristis est anima mea Meine Seele ist betrĂŒbt bis zum Tod. Bleibt hier und wacht mit mir. Schon seht ihr den Pöbel, der mich gefangennehmen wird; ihr aber flieht und lasset mich allein. 3. Ecce vidimus eum Wir sahen ihn, und er hatte keine Gestalt und keinen Glanz. Sein Aussehen war ohne Schönheit; er war verachtet und von den Menschen verworfen. Er trug unsere Schmerzen und lud unsere Krankheiten auf sich. Nocturn II 4. Amicus meus Mein Freund verriet mich mit einem Kuss. Der, der mit mir das Brot aĂ, hat die Ferse gegen mich erhoben. Mit einem Zeichen des Friedens verfolgte er den Tod des Unschuldigen. 5. Judas mercator pessimus Judas, der schlechteste HĂ€ndler, gab den Herrn mit einem Kuss preis. Er wurde durch einen Kuss zum Mörder des Herrn. Ach, wĂ€re er nie geboren! FĂŒr dreiĂig Silberlinge ĂŒberlieferte er das Blut des Gerechten. 6. Unus ex discipulis meis Einer aus meinen JĂŒngern wird mich heute verraten. Weh jenem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird. Besser wĂ€re es fĂŒr diesen Menschen, er wĂ€re nie geboren. Nocturn III 7. Eram quasi agnus innocens Ich war wie ein unschuldiges Lamm, das man zum Opfer fĂŒhrt, und sie berieten Böses gegen mich. Alle meine Feinde dachten Ăbles gegen mich. 8. Una hora non potuistis Nicht einmal eine Stunde konntet ihr mit mir wachen? Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet. Der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach. 9. Seniores populi Die Ăltesten des Volkes hielten Rat gegen Jesus, um ihn mit Hinterlist zu ergreifen und zu töten. Sie brachten falsche Zeugen herbei, doch ihre Aussagen stimmten nicht ĂŒberein. Karfreitag â Responsoria Nocturn I 1. Omnes amici mei Alle meine Freunde haben mich verlassen, und die mich liebten, haben sich gegen mich gewandt. Ich bin demĂŒtigt bis in den Staub des Todes. 2. Velum templi scissum est Der Vorhang des Tempels zerriss in zwei StĂŒcke, die Erde erbebte, die Felsen zersprangen. Viele GrĂ€ber öffneten sich, und die heiligen Schlafenden standen auf. 3. Vinea mea electa Mein erlesener Weinberg, was habe ich dir getan? Habe ich dich nicht geliebt? Warum hast du mir Bitterkeit gegeben, wo ich SĂŒĂigkeit erwartet habe? Nocturn II 4. Tamquam ad latronem Wie gegen einen RĂ€uber seid ihr ausgezogen, mich zu fangen. TĂ€glich war ich bei euch im Tempel und habe gelehrt, und ihr habt mich nicht ergriffen. Nun aber ist dies eure Stunde und die Macht der Finsternis. 5. Tenebrae factae sunt Finsternis entstand ĂŒber der ganzen Erde, als sie Jesus kreuzigten. Er rief mit lauter Stimme: âMein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?â 6. Animam meam dilectam Meine geliebte Seele hat man mir entrissen. Ich bin geworden wie derjenige, der in die Grube hinabsteigt; ich bin dem Tode ausgeliefert. Nocturn III 7. Tradiderunt me in manus impiorum Sie lieferten mich den Gottlosen aus und sparten nicht ihren Spott. MĂ€chtige versammelten sich gegen mich. 8. Jesum tradidit impius Der Gottlose verriet Jesus mit einem Kuss. Wie ein Lamm wurde er den SchĂ€chern ĂŒberliefert. Er hĂ€tte ihm besser nie das Leben geschenkt. 9. Caligaverunt oculi mei Meine Augen sind verdunkelt vor Leid, denn sie haben mich verhöhnt und gesprochen: âWo ist nun dein Gott?â Ich bin zum Spott der Menschen geworden. Karsamstag â Responsoria Nocturn I 1. Sicut ovis Wie ein Schaf wurde er zur Schlachtbank gefĂŒhrt, und wie ein Lamm vor seinem Scherer verstummt, so tat er seinen Mund nicht auf. Er wurde aus dem Land der Lebenden weggerissen. 2. Jerusalem surge Jerusalem, steh auf und wirf ab die Kleider deiner Trauer; bedecke dich mit dem Mantel des Lobes. Denn ĂŒber dich wird aufgehen das Licht des Herrn. 3. Plange quasi virgo Weine wie eine Jungfrau, die um ihren BrĂ€utigam trauert, denn der VerwĂŒster wird ĂŒber dich kommen. UmgĂŒrte dich mit Trauer, Tochter meines Volkes. Nocturn II 4. Recessit pastor noster Unser Hirt ist dahingegangen, die Quelle des lebendigen Wassers. Die Sonne hat ihren Glanz verloren, denn er, der einst groĂ war, ist gefallen. 5. O vos omnes Ihr alle, die ihr vorĂŒbergeht auf dem Weg, schaut und seht, ob ein Schmerz ist wie mein Schmerz, mit dem der Herr mich heimgesucht hat. 6. Ecce quomodo moritur justus Siehe, wie der Gerechte stirbt, und niemand nimmt es sich zu Herzen. Die Frommen werden weggeraftt, und keiner bedenkt es. Nocturn III 7. Astiterunt reges terrae Die Könige der Erde standen auf und die FĂŒrsten vereinten sich gegen den Herrn und gegen seinen Gesalbten. 8. Aestimatus sum Ich wurde geachtet wie einer, der kein Mensch mehr ist, ein Spott der Leute, verachtet vom Volk. Alle, die mich sahen, verspotteten mich. 9. Sepulto Domino Als der Herr begraben war, versiegelten sie den Stein am Grab, stellten Wachen davor und fĂŒrchteten, er wĂŒrde auferstehen. Seitenanfang ZWV 55 Sub olea pacis et palma virtutis conspicua orbi regia Bohemiae Corona. Melodrama de Sancto Wenceslao, ZWV 175 Der Titel âUnter dem Ălbaum des Friedens und der Palme der Tugend, die ihr Licht ĂŒber die Welt ausstrahlen, glĂ€nzt die königliche Krone Böhmens: ein Melodrama zu Ehren des heiligen Wenzel.â Sub olea pacis âUnter dem Ălbaum des Friedensâ Der Ălbaum ist seit der Antike ein Symbol des Friedens (Noahs Taube, antike Pax-Darstellungen). Der Ausdruck bedeutet: Die Herrschaft, die hier gefeiert wird â die böhmische Krone und Karl VI. â steht unter dem Zeichen des Friedens, den Gott schenkt. Zugleich deutet er die Hoffnung auf eine stabile, friedliche Regierungszeit an. et palma virtutis âund unter der Palme der Tugendâ Die Palme symbolisiert seit der Antike Tugend, Sieg, Reinheit und das Martyrium der Heiligen. Im christlichen Kontext trĂ€gt sie den Sinn moralischer BewĂ€hrung und göttlichen Triumphes. Auf St. Wenzel bezogen bedeutet sie: Die Tugend des Heiligen ist das Fundament der Herrschaft. conspicua orbi âglĂ€nzend / hervorleuchtend fĂŒr die ganze Weltâ Das Wort conspicuus bedeutet âauffallendâ, âglĂ€nzendâ, âoffenkundig sichtbarâ. Der Ausdruck besagt: Der Ruhm der böhmischen Krone ist nicht lokal, sondern weltumspannend wahrnehmbar. Dies ist ein KernstĂŒck habsburgischer Selbstdarstellung: Böhmen ist nicht nur ein Königreich, sondern ein Teil der universal-monarchischen Sendung. regia Bohemiae Corona âdie königliche Krone Böhmensâ Dies bezeichnet konkret die böhmische Königskrone, in der jesuitischen Dramaturgie jedoch auch die gesamte böhmische Staatlichkeit. Sie ist hier TrĂ€gerin historischer AutoritĂ€t, die vom heiligen Wenzel (â 935) ausgeht und auf Karl VI. ĂŒbergeht. Melodrama de Sancto Wenceslao âMelodrama vom heiligen Wenzelâ Damit wird der heilige Wenzel als Patron und legitimatorischer Ursprung der böhmischen Monarchie bezeichnet. Das Werk soll seine Tugend, sein Martyrium und sein politisch-theologisches Erbe darstellen, und zwar als heilsgeschichtliche Vorbereitung auf die Krönung Karl VI. Handlung und Bedeutung des Werkes Zelenkas groĂes Prager Krönungsmelodrama entstand fĂŒr die Huldigung Kaiser Karl VI. (1685â1740), der am 5. September 1723 in Prag als König von Böhmen gekrönt wurde. Die Jesuiten des Klementinums entwickelten ein monumentales szenisches Spektakel, das Musik, Gesang, Schauspiel, Tanz und allegorische Tableaux verband. Zelenkas Komposition bildete das musikalische RĂŒckgrat dieser vielteiligen BĂŒhnenhandlung. Das Werk ist kein Operntext im engeren Sinne, sondern folgt der Tradition des jesuitischen Schuldramas: eine Abfolge von Szenen, in denen allegorische Figuren, Engel, Tugenden und personifizierte Ideen auftreten, um die Königskrönung in ein heilsgeschichtliches und dynastisches Deutungssystem einzubetten. Der rote Faden des Werkes ist der böhmische Landespatron St. Wenzel (â 935) und sein Weiterwirken im âheutigenâ König, dessen Herrschaft dadurch als legitime Fortsetzung einer christlich-böhmischen Tradition erscheint. https://www.youtube.com/watch?v=HMOUUfuQvMc Zu Beginn entfaltet die groĂbesetzte Sinfonia ein festliches Panorama, das den höfischen, sakralen und dynastischen Rahmen des Werkes markiert. Drei Instrumentalgruppen â Trompeten mit Pauken, Oboen und Fagott, sowie das Streichorchester â wechseln sich ab und verschrĂ€nken sich nach dem concerto-principio des Hochbarock. Die Musik symbolisiert das Erscheinen eines âidealen Schauplatzesâ, eine Mischung aus Hofzeremoniell und geistlicher BĂŒhne, auf der sich göttliche und irdische Ordnung begegnen. Der Prolog fĂŒhrt unmittelbar in die Welt der Allegorien. Der Tenor, begleitet vom Chor, ruft die Festgemeinde zur Betrachtung der âFortitudoâ, der durch göttliche Kraft verliehenen StĂ€rke. Die Erde selbst wird angesprochen, denn in Böhmen soll sich heute etwas ereignen, das die Geschichte heiligt. Es folgen ein Loblied auf die himmlische Ordnung und ein staunender Dialog ĂŒber ein auĂergewöhnliches Zeichen am Himmel. Die Sopran- und Altstimmen deuten dieses Zeichen als Hinweis auf die Tugend, Heiligkeit und das Opfer des hl. Wenzel. Wenzel erscheint nicht als Figur, sondern als Idee, als geistliche PrĂ€senz, deren Beispiel die Handlung leitet. Die ersten Nummern schildern seine Selbsthingabe, seine Gerechtigkeit und sein Martyrium, das als Fundament der böhmischen StaatsidentitĂ€t dargestellt wird. Die Tugend triumphiert ĂŒber die Gewalt, die Sanftmut ĂŒber die Feinde: Zelenkas Musik steigert diese GegensĂ€tze mit energischen BĂ€ssen, virtuoser Koloratur und feierlichen BlĂ€serakkorden. Der erste Akt entfaltet das Leben des hl. Wenzel in dramatisch verdichteter allegorischer Form. Der Mond wird angerufen, er möge die Schatten zerstreuen â ein Bild fĂŒr das Ende heidnischer Finsternis. Der Tenor besingt die emsige TĂ€tigkeit der Tugend, die selbst im kleinsten Detail Wenzels Charakter prĂ€gt. Zwischendurch stĂŒrmt ein Chor auf: er verjagt die âTĂ€uschungenâ und âGötzenbilderâ, denn wahre Herrschaft ruht nicht auf Aberglauben, sondern auf göttlicher Wahrheit. Die Sopran- und Altstimmen entwickeln im Anschluss eine zarte, kontemplative AtmosphĂ€re, in der Wenzels Weg als innerer Pilgerweg erscheint: die Reinheit der Absicht, die Klarheit des Glaubens und die Bereitschaft, das Schwere zu tragen. Ein wiederkehrendes Motiv dieses Aktes ist das Bild des Weges und der Ernte. Die Figuren sprechen von Halmen und Ăhren, die gesammelt werden, als Symbol fĂŒr Wenzels Wirken: er vereint, was zerstreut ist, er ordnet, was ungeordnet war, und er bringt die âFrĂŒchteâ seines Glaubens dem Volk. Die allegorische Sprache bleibt dabei bewusst offen, doch stets wird deutlich, dass Wenzel als Idealbild eines christlichen FĂŒrsten vorgestellt wird. Der erste Akt endet nicht mit einem dramatischen Höhepunkt, sondern mit einem ruhigen, geordneten Zustand: die Tugenden haben ihre Positionen eingenommen, die BĂŒhne ist bereit fĂŒr die Ăbertragung dieses Heiligenbildes auf die Gegenwart. Der zweite Akt setzt mit einer gewichtigen theologischen Aussage ein: âWer mich verherrlicht, den werde ich verherrlichen.â Der Tenorsolist fĂŒhrt diese Gottesbotschaft aus, die anschlieĂend von Engelchören aufgenommen wird. Die Engel erscheinen als himmlische Zeugen der böhmischen Geschichte und als Mittler zwischen Wenzel und den Habsburgern. Die Sopransolistin ruft Gott an als den âVerborgenenâ, dessen Vorsehung die Geschichte lenkt. Die folgende Tenorarie fĂŒhrt ein dramatisches Element ein: StĂŒrme, Winde und atmosphĂ€rische Bedrohungen stehen fĂŒr die Krisen, durch die Böhmen und sein Patron gegangen sind. Ein besonders kunstvoller Teil ist die Nummer âVeni, Auster, lux perennisâ. Hier wird der SĂŒdwind angerufen, Symbol fĂŒr Inspiration, WĂ€rme und göttliches Leuchten. Die Musik kombiniert zwei Blockflöten mit Traversflöten und schafft damit einen hellen, schwebenden Klangraum, der das Wirken des Heiligen als anhaltende Lichtquelle darstellt. AnschlieĂend fĂŒhrt ein Dialog zwischen Sopran und Bass das zentrale ideologische Element des gesamten Melodrams ein: âPer me reges regnant.â Durch mich herrschen die Könige. Der hl. Wenzel ist somit nicht nur moralisches Vorbild, sondern Garant politischer LegitimitĂ€t, ein Bindeglied zwischen Religion und dynastischem Anspruch. Der Bass ruft die göttliche Vorsehung auf, sie möge die Krone in die Hand dessen legen, den Gott erwĂ€hlt hat, wĂ€hrend die Sopranistin die Krone selbst als Geschenk des Himmels besingt. In den letzten Nummern des zweiten Aktes wird die Krone ausdrĂŒcklich als göttliches Instrument bezeichnet: âCorona gloriae in manu Domini.â Das Böhmen, das durch Wenzel geeint wurde, soll nun in neuer BlĂŒte erscheinen. Ein besonders innovatives Moment ist die groĂe Celloszene, die Zelenka als Soloinstrument ungewöhnlich prominent einsetzt. Die Sopranistin besingt mit diesem warmen, menschlichen Klang die FĂŒrsten des Himmels, die sich herabneigen, um der Krönung beizuwohnen. Der zweite Akt endet mit der Vision eines Landes, das unter göttlichem Schutz steht und dessen Zukunft durch die Verbindung von Vergangenheit (Wenzel) und Gegenwart (Karl VI.) gesichert ist. Der dritte Akt fĂŒhrt diese Gedanken zu einem offenen, festlichen Abschluss. Der Countertenor besingt das Wiedererstarken des Ălbaums des Friedens, ein Bild fĂŒr die StabilitĂ€t und Fruchtbarkeit des Landes nach der Krönung. Der Tenor ruft zur Vorbereitung der Trommeln und Instrumente auf, denn nun beginnt der feierliche Teil der Huldigung. Die Musik wird zunehmend festlicher, die Trompeten und Pauken treten wieder in den Vordergrund. In der groĂen Tenor- und Chorszene âVive, regna, Ferdinandeâ erscheint erstmals die gegenwĂ€rtige Dynastie direkt auf der BĂŒhne des Allegorischen: nicht Karl VI. selbst, sondern sein Sohn, der junge Erzherzog Ferdinand (1708â1739), wird angerufen. Seine Zukunft steht exemplarisch fĂŒr die dauerhafte StabilitĂ€t des Hauses Habsburg. Die folgenden Szenen entfalten ein Panorama von Freude, Jubel und dynastischer Hoffnung. Die Bassarie ruft zu âneuen Freudenâ auf, und die Sopranistin beschreibt Böhmen, das im Licht âzweier Sonnenâ erstrahlt: dem himmlischen Licht des Heiligen Wenzel und dem politischen Licht der Habsburger. Der Epilog vereint alle Stimmen zu einer dichten Abfolge von Huldigungen und Proklamationen. Der Tenor ruft zu allgemeinem Beifall auf; die Musik nimmt jetzt bewusst den Charakter einer feierlichen Schlusszeremonie an. Zelenka kombiniert strenge FugenfĂŒhrung mit reich besetzten Orchesterschichten, was dem Werk einen triumphalen Abschluss verleiht. Die Engelchöre rufen die Weltgegenden auf, den neuen König zu verehren, und die âOriensâ-Anrufung â der Osten, Sitz des aufgehenden Lichts â bildet das strahlende Ende. Der finale Chor besingt Böhmen als ein Land, dessen Frieden und Tugend unter der Herrschaft des Hauses Habsburg neu aufleuchten. Damit ist die ideologische Botschaft vollkommen: die Heiligkeit des Landespatrons legitimiert die Herrschaft des neuen Königs, und die Krönung selbst erscheint als ErfĂŒllung göttlicher Vorsehung. Zelenkas Werk ist in seiner strukturellen Vielfalt und musikalischen KĂŒhnheit einzigartig. Die Mischung aus brillanten TrompetenklĂ€ngen, innigen Soloszenen, virtuosen Instrumentalnummern und enggefĂŒhrten Chören verleiht dem Melodrama eine dramatische Kraft, die weit ĂŒber die Aufgaben einer bloĂen Festmusik hinausgeht. In seiner Gesamtgestalt steht Sub olea pacis an der Grenze zwischen Oratorium, Huldigungsoper und politischem Theater â ein Werk, das theologisch durchdrungen, musikalisch erfinderisch und politisch hochwirksam war. Die jesuitische Dramaturgie und Zelenkas unverwechselbare Handschrift verschmolzen zu einem Kunstwerk, das 1723 als Glanzpunkt der Prager Krönungsfeier empfunden wurde und bis heute eines der spektakulĂ€rsten Kompositionsprojekte seines Schaffens darstellt. CD-Vorschlag Jan Dismas Zelenka, Sub olea pacis et palma virtutis, Musica Florea, Ensemble Philidor, Leitung Marek Ć tryncl (* 1974), SUPRAPHON a.s., 2001, released 2012: https://www.youtube.com/watch?v=vJZf_RhhHJw&list=OLAK5uy_kBjBRaBYF78RE120tq9kbztE89xBoSSA8&index=2 Seitenanfang ZWV 175 Il Diamante, ZWV 177, Serenata per nozze, Dresden 1737 Mit Il Diamante schuf Jan Dismas Zelenka im Jahr 1737 eines der auĂergewöhnlichsten weltlichen Werke seines SpĂ€twerks. Die Dresdner Hofgesellschaft feierte die VermĂ€hlung des polnischen Prinzen Georg Ignatius Lubomirski (1687â1753) mit der sĂ€chsischen Baroness Joanna von Stein (1723â1783), und Zelenka erhielt â ausnahmsweise anstelle von Johann Adolf Hasse (1699â1783) â den Auftrag, eine abendliche Fest-Serenata zu komponieren. Hasse war zu diesem Zeitpunkt mit seiner Oper Senocrita beschĂ€ftigt, wodurch Zelenka die seltene Möglichkeit erhielt, seine Meisterschaft im italienischen vokal-instrumentalen Festgenre zu entfalten. Die Entdeckung eines gedruckten Librettos des Dichters Giovanni Claudio Pasquini, genannt Pallavicini (um 1695â1770) in den 2000er Jahren bestĂ€tigte den Titel Il Diamante: ein höfisches Symbolspiel, das sowohl auf den Namen der Braut als auch auf ein kostbares Juwel anspielt, das ihr die KurfĂŒrstin als Hochzeitsgabe ĂŒberreichte. Il Diamante ist damit eines der ganz wenigen groĂformatigen weltlichen Werke Zelenkas â neben dem Melodrama de Sancto Wenceslao (ZWV 175) das einzige, das die Dimension einer abendfĂŒllenden Serenata erreicht. Handlung und Dramaturgie Das Werk folgt der allegorischen Tradition höfischer Festserenaten, wie sie im Dresden der 1730er Jahre ĂŒblich waren: Götter und personifizierte NaturkrĂ€fte treten auf, um die Tugenden des Brautpaares zu feiern. Zelenka nutzt dieses Schemata jedoch, um ein dramaturgisch reiches, fast opernhaftes Tableau zu schaffen. https://www.youtube.com/watch?v=jbuXnMseYwU Prolog: Die Erde bringt das Juwel Die personifizierte Terra â die Erde â prĂ€sentiert einen auĂergewöhnlichen Diamanten, ein Geschenk an die Göttin Juno, die als HĂŒterin der Ehe fĂŒr das göttliche Wohl und den Bestand des neuen Bundes steht. Juno erkennt in dem Stein ein Symbol der Reinheit und Dauerhaftigkeit des zukĂŒnftigen EheglĂŒcks und beschlieĂt, ihn dem Brautpaar zu ĂŒberreichen. Juno ruft Hymen, den Schutzgott der Ehe Die Göttin ruft Hymen, den patronus matrimonii, und beauftragt ihn, den Diamanten dem BrĂ€utigam zu ĂŒbergeben. Die Musik lĂ€sst deutlich spĂŒren, dass Zelenka die Gestalt Hymens zwischen Festlichkeit und feierlicher WĂŒrde ausbalanciert â ein musikalisches PortrĂ€t, das an frĂŒhere Hasse-Figuren erinnert, aber durch Zelenkas unverwechselbare harmonische Handschrift eigenstĂ€ndig bleibt. Cupid erscheint â Verkörperung der Liebe Nun tritt Amor (Cupid) auf, der den BrĂ€utigam symbolisch herbeifĂŒhrt und die Schönheit sowohl der Braut als auch des Juwels preist. Die Arien dieses Abschnitts gehören zu den lyrischsten Seiten des Werkes: feinst austarierte italienische KantabilitĂ€t, eingebettet in eine Dresdner Klangpracht mit leuchtenden Traversflöten und geschmeidigen Oboenpaaren. Ein Lob der Ehe â in Musik und Mythos Hymen und Cupid singen im Duett von der Verbindung zweier LĂ€nder â Sachsens und Polens â, die im höfischen Zeremoniell harmonisch verklĂ€rt wird. Der Chor ruft schlieĂlich zum Fest auf; an diesem Punkt hĂ€tte das Werk nach klassischer Serenata-Konvention enden können. Die ĂŒberraschende Wendung: Venus erscheint Doch nun geschieht Unerwartetes: Venus, die Göttin der Liebe, tritt auf. In einem Rezitativ und einer virtuosen Arie fragt sie: âBin ich vergessen, wo man die Liebe feiert?â Sie beansprucht ihre Rolle als eigentliche Quelle jedes GlĂŒcks und erweitert die allegorische ErzĂ€hlung um ein Moment göttlicher RivalitĂ€t. Dass diese Szene stilistisch und dramaturgisch wie ein Einschub wirkt, fĂŒhrte zu der plausiblen Hypothese, dass Venus erst spĂ€t hinzugefĂŒgt wurde. Die zeitgenössische Presse und spĂ€tere musikhistorische Kommentare vermerkten zudem, dass Hasse selbst die AuffĂŒhrung leitete und seine gefeierte Gattin Faustina Bordoni (1700â1781) anwesend war â weshalb eine zusĂ€tzliche Partie fĂŒr einen Star-Mezzosopran durchaus denkbar erscheint. Gesichert ist: Zelenkas Part entstand vollstĂ€ndig, und er fĂŒgt sich nahtlos in den musikalischen Verlauf ein â ein seltener Moment, in dem höfische Politik, persönliche Netzwerke und musikalische Praxis unmittelbar greifbar werden. Die Serenata endet mit einer Wiederholung des festlichen Schlusschores, der zum gemeinsamen Jubel ĂŒber das Brautpaar aufruft. Musikalische Charakteristik Il Diamante beginnt mit einer vierteiligen Sinfonia (Allegro â Adagio â zwei Menuette), die Zelenkas orchestrale OriginalitĂ€t mit brillanter Festlichkeit verbindet. Danach folgt ein abwechslungsreiches Tableau von Arien, Duetten und Rezitativen, deren melodischer Einfallsreichtum und harmonische KĂŒhnheit Zelenkas unvergleichliche Handschrift erkennen lassen. Der Wechsel zwischen tĂ€nzerischen, fast pastoral anmutenden Arien und gewichtigen, wĂŒrdevollen Nummern ist typisch fĂŒr den Dresdner Hofstil, aber Zelenka erreicht hier eine besondere Klangsinnlichkeit: â virtuose Koloraturen, â ausdrucksstarke Binnendissonanzen, â kontrapunktisch dichte ChorsĂ€tze, â sorgfĂ€ltige Instrumentalfarben mit Oboen, Traversflöten und Streichern. Die beiden Schlusschöre bilden mit ihrer weiten harmonischen Anlage den festlichen Rahmen, der einer höfischen Serenata angemessen ist. CD-Vorschlag Jan Dismas Zelenka, Il Diamante (ZWV 177), InegĂĄl Ensemble, Leitung Adam Viktora (* 1973), Label Nibiru, 2009: https://www.youtube.com/watch?v=ciFb7ICY1fk&list=OLAK5uy_nVSMHl4VyirAaGYPJeegyTal5dxfDMobo&index=2 Diese Einspielung gilt heute als maĂstabsetzend: historisch informiert, klanglich warm, gesanglich hervorragend besetzt und mit gröĂtem stilistischem FeingefĂŒhl realisiert. Viktora zeigt die dramatische Spannkraft des Werkes und hebt zugleich jene feinen harmonischen Verschattungen hervor, die Zelenkas SpĂ€tstil prĂ€gen. Seitenanfang ZWV 177 Die sechs Triosonaten, ZWV 181 Ein Zyklus von KĂŒhnheit, VirtuositĂ€t und struktureller Phantasie Im Gesamtwerk von Jan Dismas Zelenka nehmen die sechs Triosonaten ZWV 181 eine einzigartige Stellung ein. Keine andere Sammlung instrumentalpolyphoner Kammermusik des frĂŒhen 18. Jahrhunderts verbindet in vergleichbarer RadikalitĂ€t technische Brillanz, harmonische Abenteuerlust und eine unverwechselbare Handschrift, die sich jedem gĂ€ngigen stilgeschichtlichen Schema entzieht. Der Zyklus entstand wahrscheinlich wĂ€hrend Zelenkas Studienzeit in Wien in den Jahren 1717â1718, in unmittelbarer NĂ€he zum kaiserlichen Hof und unter dem geistigen Einfluss seines Lehrers, des Hofkapellmeisters Johann Joseph Fux (1660â1741). Dass die Sonaten erst spĂ€ter in Dresden in vollstĂ€ndigen, Autograph ĂŒberlieferten Fassungen vorliegen, verweist auf Zelenkas anhaltende WertschĂ€tzung dieses Werkkomplexes, den er offensichtlich als eine Art kompositorisches Exerzitium verstand â ein GegenstĂŒck zu seinen liturgischen GroĂformen, aber getragen von derselben konstruktiven Strenge und AusdrucksintensitĂ€t. Die Besetzung â zwei Oboen, Fagott, Violine und Continuo â sprengt das klassische Rahmenmodell der Triosonate, das traditionell auf zwei Oberstimmen und einer Basslinie fuĂt. Zelenka löst die Hierarchie der Stimmen nahezu vollstĂ€ndig auf: Oboen und Violine fungieren abwechselnd als TrĂ€ger des thematischen Materials, wĂ€hrend das Fagott nicht als bloĂe StĂŒtze dient, sondern mit einer fĂŒr die Zeit einzigartigen VirtuositĂ€t zu einem gleichwertigen Partner wird. In manchen SĂ€tzen erreicht dessen LinienfĂŒhrung eine technische SchĂ€rfe, wie sie erst im spĂ€ten 19. Jahrhundert wieder selbstverstĂ€ndlich wurde. Die resultierende Polyphonie wirkt in ihrer Beweglichkeit und in ihrem permanenten Wechsel der Stimmrollen oft kammermusikalisch âsymmetrischâ, beinahe demokratisch â ein Konzept, das weit ĂŒber den traditionellen italienischen oder deutschen Sonatenbegriff hinausreicht. https://www.youtube.com/watch?v=ZIhR1ZPszuU Formale Vielfalt und dramaturgische Spannung Jede der sechs Sonaten verfolgt ein eigenes dramaturgisches Konzept, doch lassen sich strukturelle GrundzĂŒge erkennen, die den Zyklus innerlich verbinden. Meist beginnt Zelenka mit einem langsamen, expressiv ausgearbeiteten Vorspiel, das wie ein Tor zu einer Welt kontrapunktischer Beweglichkeit wirkt. Diese Eröffnungen sind geistlich grundiert, ernst, oft von chromatischen GĂ€ngen durchzogen und in einer Satztechnik gehalten, die eine hörbare NĂ€he zum Palestrina-Kontrapunkt aufweist, zugleich aber harmonische Regionen berĂŒhrt, wie sie eher dem spĂ€ten Bach vertraut erscheinen. Die folgenden schnellen SĂ€tze entfalten ein Labyrinth motivischer Permutationen. Zelenka bevorzugt kurze, prĂ€gnante Keimmotive, die er mit auĂerordentlicher Beharrlichkeit durch alle Stimmen fĂŒhrt. Die EngfĂŒhrungen, Umkehrungen und rhythmischen Dehnungen geben den Allegro-SĂ€tzen eine fast fugal anmutende Dichte, ohne je den Charakter instrumentaler Bewegtheit zu verlieren. Hier zeigt sich der Einfluss FuxÊŒ in konzentrierter Form, doch mit einer expressiven KĂŒhnheit, die dem gelehrten Stil neue Farben verleiht. Die langsamen MittelsĂ€tze besitzen oft eine fast sĂ€ngerische QualitĂ€t. Zelenka schreibt lange melodische Bögen, die er in unerwarteten harmonischen Wendungen verankert. Die Linien umschreiben Affekte, die zwischen klagender Innigkeit und kontemplativer Ruhe changieren. Diese meditativ-dunklen KlangrĂ€ume stehen im scharfen Kontrast zu den finalen SĂ€tzen, die hĂ€ufig gleichsam eruptiv hervorbrechen: ungestĂŒm, motorisch, rhythmisch vertrackt und von einer VitalitĂ€t geprĂ€gt, die die Forschung lange veranlasste, nach einem âböhmischenâ oder âvolkstĂŒmlichenâ Hintergrund zu suchen. Moderne Quellenkritik hat jedoch gezeigt, dass die oft bemĂŒhten Vergleiche â etwa zu Polka-Rhythmen â historisch unhaltbar sind. Was hier erklingt, ist nicht Folklore, sondern Zelenkas eigene, hochartifizielle Spielart kompositorischer Energie. Harmonik als Ausdrucksmotor Die harmonische Sprache dieser Sonaten zĂ€hlt zu den avanciertesten ihrer Zeit. Zelenka scheut nicht vor abrupten Modulationen zurĂŒck; er arbeitet mit verminderten Akkorden in dramaturgischer Scharnierfunktion, fĂŒhrt Sequenzen in extreme Tonlagen und schichtet dissonante Reibungen ĂŒbereinander, die kurz aufblitzen und sofort wieder in klare LinearitĂ€t zurĂŒckgefĂŒhrt werden. Diese Harmonik ist keine StilĂŒbung, sondern Teil eines expressiven Gesamtkonzepts: Spannung entsteht nicht allein durch kontrapunktischen Widerstreit, sondern durch plötzliche harmonische Vexierbilder, die den Hörer aus gewohnten Bahnen herausreiĂen. AuffĂ€llig ist die dramatische Ăkonomie: Zelenka erreicht mit geringstem thematischen Material eine erstaunliche strukturelle KomplexitĂ€t. Er denkt nicht in groĂen ThemenflĂ€chen, sondern arbeitet mit mikroskopisch kleinen Bausteinen, aus denen er groĂflĂ€chige Energiebögen formt. Das verleiht den Sonaten eine innere Logik, die â bei aller OberflĂ€chenvirtuositĂ€t â streng und unverrĂŒckbar ist. Instrumentale VirtuositĂ€t und klangliche IdentitĂ€t Die Triosonaten ZWV 181 besitzen einen instrumentalen Anspruch, der weit ĂŒber die Anforderungen zeitgenössischer Kammermusik hinausgeht. Besonders das Fagott erhĂ€lt eine bis dahin kaum gekannte solistische PrĂ€senz. Die LĂ€ufe, Trillerketten und weiten IntervallsprĂŒnge, die Zelenka diesem Instrument abverlangt, verraten seine genaue Kenntnis professioneller Dresdner Virtuosenpraxis â und seinen Mut, technische Grenzen auszuloten. Die Oboenstimmen zeichnen sich durch auĂerordentliche Beweglichkeit aus; hĂ€ufig stehen sie in engmaschigem Dialog mit der Violine, deren Partien zwischen italienischem Feuer und deutscher Linienstrenge vermitteln. Zelenkas klangliche Welt ist dabei keineswegs einheitlich. Jede Sonate erschafft einen eigenen Tonfall: von der strahlenden Festlichkeit der F-Dur-Sonaten ĂŒber die dramatische SchĂ€rfe der beiden g-Moll-StĂŒcke bis zur herb-ernsten Charakteristik der c-Moll-Sonate, die den Zyklus mit einer Art kompositorischer Gravitas abschlieĂt. Das Zusammenspiel der vier gleichberechtigten Stimmen erzeugt immer wieder Momente, in denen das Geflecht polyphoner Linien schwebend wirkt, beinahe abstrakt â und dann plötzlich in eine eindringliche, fast vokale ExpressivitĂ€t ĂŒbergeht. Ein Werkkomplex jenseits aller Schulen Die sechs Triosonaten gehören zu jenen seltenen Werken, die sich der stilistischen Einordnung entziehen. Sie stehen nicht in der Tradition Corellis, obgleich sie formale Parallelen aufweisen; sie folgen nicht der galanten Klarheit, die in den 1720er Jahren bereits den europĂ€ischen Musikgeschmack prĂ€gte; sie sind auch kein Produkt barocker Tanzbodenrhetorik. Vielmehr bilden sie eine hochintellektuelle, zugleich unmittelbar sinnliche Kunst der kammermusikalischen Verdichtung, in der Zelenka seine ganze technische Meisterschaft und seine Ă€sthetische UnabhĂ€ngigkeit formuliert. Dass die Sonaten erst im 20. Jahrhundert ihren Rang als Meisterwerke des barocken Instrumentalschaffens erlangten, verweist weniger auf ihre angebliche âSchwierigkeitâ, als vielmehr auf die Notwendigkeit einer interpretatorischen Kultur, die ihre Extreme â strukturelle Strenge, rhythmische Attacke, instrumentale Brillanz â zugleich auszubalancieren vermag. In dieser Hinsicht sind sie nicht nur ein PrĂŒfstein technischer FĂ€higkeiten, sondern auch ein Zeugnis tiefer kĂŒnstlerischer Persönlichkeit: der unbeirrbaren EigenstĂ€ndigkeit eines Komponisten, der sich mit keinem seiner berĂŒhmten Zeitgenossen vergleichen lĂ€sst. CD-Vorschlag Jan Dismas Zelenka, Sonatas, ZWV 181, Collegium 1704, Leitung VĂĄclav Luks (* 1970), Accent, 2017: https://www.youtube.com/watch?v=Wgk-8IfsvQw&list=OLAK5uy_muRyUuHWQuzP8prktSbTPoji0kvkpdoCA I. Sonata in F-Dur (ZWV 181/1) Die erste Sonate eröffnet den Zyklus mit einer Mischung aus feierlicher Ruhe und energiegeladener Bewegtheit. Das einleitende Adagio ma non troppo entfaltet eine ernsthafte KlangatmosphĂ€re, in der die Oboen und die Violine wie abtastende Stimmen auftreten, die sich tastend in einem harmonischen Feld bewegen, das von sanft gleitenden chromatischen Wendungen geprĂ€gt ist. Nichts in diesem Satz ist bloĂes Vorspiel; vielmehr scheint Zelenka hier ein inneres Gleichgewicht zu suchen, eine Art klanglichen Standort, der sich durch die fein ausgehörte Balance der vier Stimmen definiert. Das anschlieĂende Allegro wirkt wie die plötzliche Entfaltung eines innerlich bereits vorbereiteten Energiestroms. Die motivische Arbeit basiert auf einem kurzen, rhythmisch markanten Baustein, den Zelenka mit fast unerschĂŒtterlicher Beharrlichkeit durch die Stimmen wandern lĂ€sst. Der kontrapunktische Umgang ist streng, aber von einer spielerischen VitalitĂ€t getragen, die dem Satz eine mitreiĂende Beweglichkeit verleiht. Im Larghetto kehrt die Musik in einen Raum zurĂŒck, der von weit gespannten Linien und weicher Harmonik geprĂ€gt ist; dieser Satz besitzt eine fast vokale QualitĂ€t, als wĂŒrde Zelenka nach dem rhetorischen Glanz des Allegros nun die innere Stimme der Musik freilegen. Das abschlieĂende Allegro assai verbindet motorische Kraft und virtuos verschachtelte Stimmen zu einem Finale, das den energetischen Kern dieser Sonate freilegt: Zelenkas FĂ€higkeit, kontrapunktische Strenge in pure musikalische VitalitĂ€t zu verwandeln. II. Sonata in g-Moll (ZWV 181/2) Die zweite Sonate entfaltet eine deutlich dramatischere Klangwelt. Das eröffnende Andante ist von einer melancholischen Dunkelheit durchzogen, die nicht schwer, sondern von noblessem Ernst ist. Die Themen wandern in ruhiger Bewegung durch die Stimmen, als wollte Zelenka die emotionalen Register des g-Moll-Raums ausloten. Die LinienfĂŒhrung ist klar, doch durchsetzt von jenen charakteristischen harmonischen Wendungen, die den Hörer immer wieder auf unerwartete Weise berĂŒhren. Im Allegro tritt dann eine gĂ€nzlich andere Energie hervor. Der Satz ist von einer fast stĂŒrmischen Beweglichkeit geprĂ€gt, die in engmaschiger StimmfĂŒhrung einen geradezu drĂ€ngenden Charakter erhĂ€lt. Es ist einer jener SĂ€tze, in denen Zelenkas kontrapunktische Meisterschaft unmittelbar spĂŒrbar wird, ohne je akademisch zu wirken. Das zweite Andante wirkt wie ein Atemholen, doch nicht im Sinne einer satztechnischen Entlastung; vielmehr wird hier eine differenzierte Innigkeit entfaltet, die durch die kantable FĂŒhrung der Oboen und der Violine entsteht. Das Allegro assai beschlieĂt die Sonate mit impulsiver Rhythmisierung und spieltechnischer VirtuositĂ€t â ein Finale, das trotz seiner Attacke von struktureller Klarheit getragen ist. III. Sonata in B-Dur (ZWV 181/3) Die B-Dur-Sonate gehört zu den lyrischsten und zugleich klanglich ausgewogensten StĂŒcken des Zyklus. Das Adagio zu Beginn entfaltet einen warmen, fast milden Klang, der sich in langen melodischen Linien öffnet. Diese Ruhe wirkt jedoch nicht wie ein Stillstand; vielmehr schafft Zelenka einen flieĂenden Raum, in dem die Stimmen sich organisch miteinander verbinden. Das folgende Allegro stellt dazu den Kontrast einer hellen, lebhaften Bewegtheit her. Der Satz besitzt eine spielerische Eleganz, die sich aus der symmetrischen Polyphonie der drei Oberstimmen ergibt; die motivische Verdichtung bleibt straff, doch im Ausdruck ĂŒberwiegt eine fast tĂ€nzerische Leichtigkeit. Der dritte Satz, Largo, ist einer der innigsten Momente des gesamten Zyklus. Mit seinen gedehnten, fast schwebenden Linien erreicht Zelenka eine Ruhe, die den glanzvollen AuĂenrahmen des Werks fĂŒr einen Augenblick auflöst. Die Musik gewinnt hier einen beinahe kontemplativen Charakter. Das abschlieĂende Tempo giusto fĂŒhrt schlieĂlich Spannung und Ordnung zusammen: Eine rhythmisch klar gefasste, prĂ€zise artikulierte Satzstruktur, die gleichsam die architektonische Idee der Sonate vollendet und ihr einen gekrönten Abschluss verleiht. IV. Sonata in g-Moll (ZWV 181/4) Die vierte Sonate fĂŒhrt die dunklen Ausdrucksbereiche des g-Moll-Raums weiter aus, gestaltet sie aber mit einer neuen, dramatisch zugespitzten Konsequenz. Gleich im ersten Andante zeigt sich eine dichte, fast sprechende LinienfĂŒhrung. Die Themen wirken rhetorisch, beinahe wie musikalische Fragen und Antworten. Im Allegro wird dieser Dialog nun zu einem energischen StreitgesprĂ€ch: Die Stimmen greifen einander an, fordern sich heraus, treiben das motivische Material bis an seine strukturellen Grenzen. Dieser Satz gehört zu den kontrapunktisch anspruchsvollsten des Zyklus. Das Adagio der Sonate ist eines der emotional tiefsten in Zelenkas Kammermusik. Die Harmonik ist hier besonders expressiv gefĂŒhrt, mit chromatischen Linien, die die innere Spannung des Satzes tragen und ihm etwas beinahe Elegisches verleihen. Das abschlieĂende Allegro ma non troppo wirkt wie eine Auflösung dieser gespannten AtmosphĂ€re. Der Satz besitzt eine bewegte, aber nicht ungestĂŒme Dynamik; er bewahrt Ernsthaftigkeit, die jedoch durch eine zunehmend klare Architektur in eine Art versöhnende Ordnung ĂŒberfĂŒhrt wird. V. Sonata in F-Dur (ZWV 181/5) Die fĂŒnfte Sonate in F-Dur gehört zu den brillantesten StĂŒcken des Zyklus, zugleich aber zu den strukturell am klarsten geformten. Das eröffnende Allegro ist ein Ausbruch von Energie: pointierte Rhythmen, souverĂ€ne motivische Arbeit und eine ĂŒberraschend krĂ€ftige Beteiligung des Fagotts verleihen dem Satz einen beinahe konzertanten Charakter. Die StimmfĂŒhrung ist eng verwoben, das Material konzentriert; dennoch bleibt die Musik in ihrer Helligkeit und Klarheit auffĂ€llig unbeschwert. Das Adagio fĂŒhrt in eine klanglich völlig andere Welt. Es ist einer jener SĂ€tze, in denen Zelenka eine lyrische, beinahe empfindsame Seite zeigt: weite melodische Bögen, eine harmonische Sprache, die sich stets an der Grenze melancholischer FĂ€rbung bewegt, und ein Gleichgewicht der Stimmen, das die Musik in einen ruhenden, auf inneren Ausdruck gerichteten Zustand versetzt. Das abschlieĂende Allegro kehrt zur VitalitĂ€t des Beginns zurĂŒck, nun jedoch mit einer bewussteren Strukturierung des Materials. Die Musik wirkt nicht entfesselt, sondern zielstrebig; sie bĂŒndelt die Energie zu einem Finale von groĂem klanglichen Glanz. VI. Sonata in c-Moll (ZWV 181/6) Die letzte Sonate bildet den gravitĂ€tischen Abschluss des Zyklus. Bereits das eröffnende Andante ist von einer tiefen, beinahe feierlichen Ernsthaftigkeit geprĂ€gt. Die Linien wirken wie in eine strenge architektonische Form eingeschrieben, und die Harmonik zeigt jene charakteristische SchĂ€rfe, die Zelenka in seinen ernsten SĂ€tzen so eindrucksvoll beherrscht. Das folgende Allegro entfaltet eine dichte motivische Arbeit, deren Energie jedoch nie ins UngebĂ€rdige umschlĂ€gt; die Musik ist konzentriert, fordernd und klar in ihrer Zielgerichtetheit. Das Adagio zĂ€hlt zu den ausdrucksstĂ€rksten langsamen SĂ€tzen des Zyklus. Es ist ein Raum von beinahe meditativem Ernst und empfindsamer Innigkeit, getragen von den groĂen melodischen Spannungsbögen der Oberstimmen. Harmonische Verschiebungen, subtile chromatische DurchgĂ€nge und die sensible Klangbalance verleihen diesem Satz eine besondere emotionale Tiefe. Das abschlieĂende Allegro bringt schlieĂlich eine straffe, kraftvoll strukturierte Bewegung, die den Zyklus mit einer Mischung aus Energie, PrĂ€zision und innerer Geschlossenheit beschlieĂt. Diese c-Moll-Sonate wirkt wie ein bewusst gesetzter Endpunkt, als hĂ€tte Zelenka die Summe seiner kontrapunktischen und expressiven Mittel in einem Finalwort gebĂŒndelt. Seitenanfang ZWV 181 Capriccio Nr. 1 in D-Dur, ZWV 182 Das Capriccio ist im musikalischen Sprachgebrauch des 17. und 18. Jahrhunderts ein Sammelbegriff fĂŒr ein frei gestaltetes, oft auch humorvoll oder charakteristisch ĂŒberzeichnetes InstrumentalstĂŒck. Es handelt sich um eine Gattung, die dem Komponisten groĂe Freiheit lĂ€sst, aber gleichzeitig viel Erfindungskraft verlangt, denn der Reiz des Capriccios entsteht aus der Verbindung von formaler Lockerheit und prĂ€ziser musikalischer Gestaltung. Jan Dismas Zelenka, dessen Fantasie und kontrapunktischer Geist ohnehin ungewöhnlich ausgeprĂ€gt waren, fand in dieser offenen Form einen idealen Rahmen, um orchestrale Farben, virtuose BlĂ€serbehandlungen und charaktervolle Tanzformen miteinander zu verbinden. Das Capriccio Nr. 1 in D-Dur, ZWV 182, entstand sehr wahrscheinlich in einem frĂŒhen Abschnitt seiner Karriere, vermutlich in den Jahren 1717â1718, also noch vor Zelenkas prĂ€genden Prager Instrumentalwerken von 1723. Die Komposition gehört zu einer kleinen Gruppe von fĂŒnf Capriccios (ZWV 182â185, 190), die stilistisch und in ihrer Besetzung eine besondere Stellung innerhalb seines Instrumentalschaffens einnehmen. WĂ€hrend fast alle ĂŒbrigen Orchesterwerke Zelenkas die Signatur âĂ Praga 1723â tragen und eindeutig mit seinem Aufenthalt anlĂ€sslich der Feierlichkeiten zur Krönung Kaiser Karls VI. (1685â1740) verbunden sind, scheinen die Capriccios auf eine andere, weniger dokumentierte Phase zu verweisen, möglicherweise auf eine Reise nach Wien. Nach einer verbreiteten Hypothese wurden sie im Umfeld des sĂ€chsischen Hofes als reprĂ€sentative Musik konzipiert, um die Ankunft des Kurprinzen Friedrich August II. (1696â1763) in Wien zu begleiten â ein Hinweis darauf, dass Zelenka schon vor 1719, also vor seiner Ernennung zum âKirchen-Compositeurâ in Dresden, fĂŒr höfische ReprĂ€sentationsaufgaben geschĂ€tzt wurde. https://www.youtube.com/watch?v=crqaUx36P7c Das Capriccio in D-Dur fĂ€llt durch seine elegante, zugleich reich kolorierte Orchesterbesetzung auf: zwei Hörner in D, zwei Oboen, Fagott, zwei Violinen, Viola und Basso continuo. Diese Instrumentierung verrĂ€t Zelenkas genaue Kenntnis der klanglichen Möglichkeiten des Dresdner Hoforchesters, insbesondere der berĂŒhmten Hornvirtuosen, die seit der Zeit Augusts des Starken europaweit Aufmerksamkeit erregten. Obwohl sich keine direkte Widmung erhalten hat und keine expliziten Hinweise auf den ursprĂŒnglichen AuffĂŒhrungsort existieren, spricht die souverĂ€ne Beherrschung der BlĂ€serfarben dafĂŒr, dass das Werk fĂŒr einen auĂerordentlichen Anlass entstanden ist, nicht fĂŒr eine alltĂ€gliche kirchliche oder kammermusikalische Verwendung. Der Aufbau des Capriccios ist ungewöhnlich vielfĂ€ltig und zeigt Zelenkas Freude an kontrastreichem Formdenken und charakterbetonten EinzelsĂ€tzen. Der eröffnende Andante-Satz entfaltet eine ruhige, beinahe pastorale KlangflĂ€che, in der Hörner und Oboen in feiner Balance miteinander agieren. Ihm folgt ein Allegro, das in Wahrheit eine Fuge ist und Zelenkas kontrapunktisches Können bereits vor den groĂen Prager Instrumentalwerken eindrucksvoll vorfĂŒhrt. Die thematische Arbeit ist klar, energisch und von einem VorwĂ€rtsdrang getragen, der aus Zelenkas Handschrift eine unverwechselbare Signatur macht. Im dritten Satz, dem Paysan, zeigt sich eine andere Facette: ein lĂ€ndlich-volkstĂŒmlicher Charakter, mit rhythmischen Reibungen und bewusst ânaivâ gesetzten melodischen Gesten. Solche âBauernstĂŒckeâ begegnen auch in spĂ€teren Werken Zelenkas und verweisen auf seine FĂ€higkeit, stilisierte Volkstöne in höfische Kunstmusik zu integrieren, ohne je ins Derbe oder Grobe abzugleiten. Den poetischen Mittelpunkt des gesamten Werkes bildet jedoch die Aria, die vom Autor des Videotextes zu Recht als âintensely beautifulâ hervorgehoben wurde. Hier erreicht Zelenka eine lyrische WĂ€rme, wie man sie in seinen Instrumentalkompositionen nicht hĂ€ufig findet. Die Aria entfaltet eine kantable Melodik, deren Ausdruckskraft an die innigsten Momente seiner sakralen Musik erinnert. Gleichwohl bleibt der Satz streng instrumental gedacht: keine vokale Imitation, sondern eine Klangrede, die aus dem Dialog der Oboen und den sanft wiegenden Streichern lebt. Im weiteren Verlauf reiht Zelenka eine Folge von TanzsĂ€tzen aneinander, wie man sie aus der französisch geprĂ€gten Suite kennt: BourrĂ©e, Menuett I, Menuett II und die Schlussreprise. Diese TĂ€nze sind jedoch keine höfische Etikette, sondern eigenwillige CharakterstĂŒcke, durchsetzt mit metrischen Verschiebungen, ĂŒberraschenden Harmoniewechseln und jener berĂŒhmten âZelenka-Spannungâ, die sich aus unerwarteten harmonischen FĂ€rbungen speist. Die BourrĂ©e besitzt eine fast neobarocke SchĂ€rfe im Rhythmus, wĂ€hrend die Menuette zwischen Eleganz und bewusster Stilisierung changieren. Dass Zelenka das erste Menuett am Schluss zurĂŒckkehren lĂ€sst, schafft eine innere Klammer und einen runden dramaturgischen Abschluss. Insgesamt zeigt das Capriccio Nr. 1 eine erstaunliche Reife und Experimentierfreude. Es steht an der Schwelle zwischen frĂŒhem barocken ReprĂ€sentationsstil und jener kĂŒnstlerischen Tiefe, die Zelenkas spĂ€tere Instrumentalwerke definieren. Auch wenn die EntstehungsumstĂ€nde ungewiss bleiben und kein sicherer AuffĂŒhrungszusammenhang dokumentiert ist, erweist sich ZWV 182 als ein Werk, das Zelenkas FĂ€higkeit zur Synthese verschiedener Stile â italienische KantabilitĂ€t, französische Suiteformen, deutsche kontrapunktische Strenge â eindrucksvoll vorfĂŒhrt. Es ist eine Komposition, in der sich höfische Eleganz, orchestrale VirtuositĂ€t und persönliche Handschrift auf selten erreichte Weise verbinden, und vielleicht gerade deshalb ist sie von Kennern immer wieder als eines der schönsten Instrumentalwerke Zelenkas hervorgehoben worden. CD-Vorschlag Zan Dismas Zelenka, Concerto in Sol a otto concertanti und Capricci, Suk Chamber Orchestra, Leitung FrantiĆĄek Vajnar (1930â2012). SUPRAPHON a.s., 1994, Tracks 4 bis 8: https://www.youtube.com/watch?v=Y2l_QR18Iis&list=OLAK5uy_l5SZyA6UhlQjbirmIhBKtRwJeChfDSBH4&index=4 Seitenanfang ZWV 182 Capriccio Nr. 2 in G-Dur, ZWV 183 Das Capriccio Nr. 2 in G-Dur entstand wie die ĂŒbrigen frĂŒhen Capriccios wahrscheinlich wĂ€hrend eines Aufenthalts in Wien in den Jahren 1717â1718 . Diese StĂŒcke bilden die einzige zusammenhĂ€ngende Gruppe von Instrumentalwerken, die nicht in das Jahr 1723 datiert werden können, als Zelenka in Prag anlĂ€sslich der Krönungsfeierlichkeiten fĂŒr Kaiser Karl VI. (1685â1740) eine groĂe Zahl orchestraler Werke komponierte. Der frĂŒhe Stil der Capriccios, verbunden mit ihrer reprĂ€sentativen Orchesterbesetzung â zwei Hörner in G, zwei Oboen, Fagott, zwei Violinen, Viola und Basso continuo â lĂ€sst vermuten, dass sie fĂŒr eine höfische Ankunftszeremonie vorbereitet wurden, möglicherweise zur Begleitung des jungen Kurprinzen Friedrich August II. (1696â1763), dessen Reise von Venedig nach Wien von viel diplomatischer Bedeutung war. Auch wenn keine direkte Widmung ĂŒberliefert ist, zeigt das Werk eine SouverĂ€nitĂ€t im Umgang mit den BlĂ€sern, die nur in einem technisch exzellenten Hoforchester realisierbar war. https://www.youtube.com/watch?v=grUD-YM1xnE Zelenkas Capriccio in G-Dur beginnt mit einem lebhaften Allegro, das sofort jene Energie entfaltet, die fĂŒr seine Instrumentalwerke charakteristisch ist. Die Hörner setzen strahlende Akzente, wĂ€hrend die Oboen mit eleganten Figurationen antworten. Die motivische Arbeit ist prĂ€gnant, aber nicht streng; sie wirkt mehr wie ein lebendiger Dialog zwischen den Instrumentengruppen, der durch unerwartete harmonische Wendungen und rhythmische Verschiebungen zusĂ€tzliche Spannung gewinnt. Dieser eröffnende Satz zeigt Zelenkas FĂ€higkeit, orchestralen Glanz und tĂ€nzerische Motorik zu verbinden â ein Stil, der spĂ€ter in seinen Prager Werken noch reifer ausgearbeitet wird. Der zweite Abschnitt trĂ€gt die Bezeichnung Canarie, Alternativement avec lâAir, ein Hinweis auf die aus dem 17. Jahrhundert stammende Kanarien-Tanzform, deren charakteristisches punktiertes Rhythmusmodell ursprĂŒnglich aus der volkstĂŒmlichen Musik der Kanarischen Inseln abgeleitet wurde. Zelenka spielt hier virtuos mit dem Wechsel zwischen einem markanten Tanz und einem lyrischen Zwischensatz, dem âAirâ. Das Ergebnis ist ein Wechselspiel von Energie und Ruhe, von rhythmischer SchĂ€rfe und melodischer Weichheit. Die elegante Integration beider Charaktere lĂ€sst erkennen, dass Zelenka die französische Suitentradition ebenso beherrschte wie die italienisch geprĂ€gte KantabilitĂ€t. Der folgende Aria-Satz bildet den inneren Ruhepunkt und zugleich das poetische Zentrum des Werkes. Die Melodik entfaltet sich in langen, gesanglichen Linien, die hĂ€ufig von Oboen oder Violinen getragen werden. Zelenka erlaubt sich hier einen Moment inniger Klangrede, die jedoch nie sentimental wirkt, sondern stets im Gleichgewicht zwischen Ausdruck und Struktur bleibt. Die Aria erinnert daran, wie sehr Zelenka â selbst in seinen Instrumentalwerken â ein Meister des Affektausdrucks war, der innere Bewegtheit in subtilen harmonischen FĂ€rbungen und weitgespannten Melodiebögen festhielt. Nach dieser emotionalen Mitte kehrt Zelenka mit einer Canarie da capo zur energischen Tanzform des zweiten Satzes zurĂŒck, wodurch der Werkbogen geschlossen wird. Die Wiederkehr wirkt nicht wie eine bloĂe Wiederholung, sondern wie eine bekrĂ€ftigende Antwort auf die zuvor erkundeten lyrischen Regionen. Daran schlieĂen sich Gavotte, Rondeau, Menuett und schlieĂlich ein Trio und das abschlieĂende Menuett da capo an. Diese Folge von TĂ€nzen ist alles andere als eine routinierte ErgĂ€nzung: jeder Satz besitzt einen ausgeprĂ€gten Charakter. Die Gavotte besticht durch ihre federnde Motorik, das Rondeau durch sein kunstvolles Spiel mit wiederkehrenden Themen, wĂ€hrend das Menuett von einer feinen Balance zwischen höfischer Eleganz und subtiler Ironie geprĂ€gt ist. Das Trio greift eine mildere, pastorale Klangfarbe auf, bevor das Menuett in seiner ursprĂŒnglichen Form zurĂŒckkehrt und das Werk in einer geordneten, aber keineswegs konventionellen Klammer beschlieĂt. Das Capriccio II in G-Dur zeigt Zelenka in einer Phase kĂŒnstlerischer Entfaltung, in der er noch nicht durch die liturgischen Anforderungen des Dresdner Hofes geprĂ€gt war und in der seine Fantasie besonders frei wirkt. Die Mischung aus tĂ€nzerischem Gestus, ausgeprĂ€gten BlĂ€serfarben, elegantem Melos und kontrapunktischer PrĂ€zision macht dieses Werk zu einem herausragenden Beispiel fĂŒr den barocken Capriccio-Typus und zu einem faszinierenden Dokument von Zelenkas orchestraler Sprache vor den groĂen Prager Instrumentalzyklen. CD-Vorschlag Zan Dismas Zelenka, Concerto in Sol a otto concertanti und Capricci, Suk Chamber Orchestra, Leitung FrantiĆĄek Vajnar (1930â2012). SUPRAPHON a.s., 1994, Tracks 9 bis 13: https://www.youtube.com/watch?v=QMHv00LgpRU&list=OLAK5uy_l5SZyA6UhlQjbirmIhBKtRwJeChfDSBH4&index=9 Seitenanfang ZWV 183 Capriccio Nr. 3 in F-Dur, ZWV 184 Das Capriccio in F-Dur, ZWV 184, gehört zu jener kleinen, in sich geschlossenen Werkgruppe von fĂŒnf Capriccios, die vermutlich wĂ€hrend eines Aufenthalts in Wien um 1717â1718 entstanden sind. WĂ€hrend Zelenka seine spĂ€teren Instrumentalwerke fast ausnahmslos mit der Signatur âĂ Praga 1723â versah und damit eindeutig auf die Krönungsfeierlichkeiten fĂŒr Kaiser Karl VI. (1685â1740) bezog, stehen die Capriccios auĂerhalb dieses Rahmens. Sie zeigen einen jĂŒngeren Zelenka, der noch freier, experimentierfreudiger und weniger an liturgische oder reprĂ€sentative Strukturen des Dresdner Hofes gebunden war. HĂ€ufig wird vermutet, dass die Capriccios â darunter ZWV 184 â als musikalische Begleitung fĂŒr die feierliche Ankunft des sĂ€chsischen Kurprinzen Friedrich August II. (1696â1763) in Wien gedacht waren. Auch wenn eine offizielle Widmung fehlt, spricht die virtuos gesetzte, geradezu heroisch gedachte BlĂ€serbesetzung dafĂŒr, dass das Werk fĂŒr ein erstklassiges Hoforchester konzipiert wurde. Zelenka setzt im Capriccio in F-Dur auf dieselbe groĂzĂŒgige Orchesterbesetzung wie in den ĂŒbrigen frĂŒhen Capriccios: zwei Hörner in F, zwei Oboen, Fagott, zwei Violinen, Viola und Basso continuo. Doch gerade die Hörner spielen hier eine herausragende Rolle. Die Stimmen verlangen eine technische Brillanz und Sicherheit, die selbst fĂŒr die berĂŒhmten Hornisten in den Orchestern Sachsens und Wiens eine auĂergewöhnliche Herausforderung dargestellt haben muss. Der Hinweis des Videotextes auf die âinsane horn partsâ ist durchaus zutreffend: Zelenka testet in diesem Capriccio die Grenzen des Naturhorns aus und verleiht dem Werk damit eine Strahlkraft, die weit ĂŒber die ĂŒbliche höfische ReprĂ€sentationsmusik hinausgeht. https://www.youtube.com/watch?v=jGS7wcqy-rE Der erste Satz, Staccato e Forte, setzt mit markanten, scharf konturierten Tutti-SchlĂ€gen ein. Er wirkt wie eine klangliche Fanfare, deren Energie sofort Aufmerksamkeit erzwingt. Zelenka entfaltet hier keine thematische Arbeit im Sinne einer Sonatenexposition, sondern ein charakterisches Spiel mit kurzen Figuren, die in verschiedensten Instrumentenkombinationen erscheinen. Die Mischung aus staccatohafter Strenge, majestĂ€tischen BlĂ€sereinwĂŒrfen und rhythmischem Impuls macht den Satz zu einem unkonventionellen, aber wirkungsvollen Auftakt. Der folgende Allegro-Satz, als Fuge gestaltet, fĂŒhrt in Zelenkas zentrale DomĂ€ne: den kontrapunktischen Erfindungsreichtum. Das Fugenthema ist schlank und energisch, und Zelenka lĂ€sst es durch sĂ€mtliche Orchestergruppen wandern, wobei die Hörner gelegentlich ĂŒberraschend in das polyphone GefĂŒge eingreifen. Der Satz zeigt deutlich, dass Zelenka nicht nur ein Meister der harmonischen KĂŒhnheit war, sondern auch ein glĂ€nzender Architekt musikalischer Strukturen, der seine Themen mit höchster Disziplin und zugleich mit spielerischer Freiheit entwickelte. Mit der Allemande betritt das Werk eine neue Charakterebene. Der Satz erinnert an die französische Tanzsuite, doch bei Zelenka wird die höfische Grazie stets durch eine subtile rhythmische Unruhe unterlaufen. Die Linien sind geschmeidig, zugleich aber immer durchzogen von kleinen Verschiebungen und ZĂ€suren, die die Musik lebendig halten und ihren Fluss beleben. Die Oboen erhalten hier besonders reizvolle melodische Aufgaben, wĂ€hrend die Streicher das Fundament mit einer eleganten, doch nicht starren Begleitung bilden. Das Menuet und die darauffolgenden Trios gehören zu den am feinsten gearbeiteten Abschnitten des Capriccios. Das erste Menuet besitzt einen beinahe pastellfarbenen Klang, leicht, ausgewogen, nobel. Das erste Trio stellt dazu einen reizvollen Kontrast her: Die Textur wird transparenter, die Farben heller, und die Musik erhĂ€lt einen pastoralen, beinahe gelösten Tonfall. Die RĂŒckkehr zum Menuett wirkt wie eine höfische Geste, ein ritualisierter Rahmen, der nun ein zweites Mal durchbrochen wird, wenn Zelenka ein zweites Trio prĂ€sentiert â dieses deutlich pointierter, markanter und mit schĂ€rferem rhythmischen Profil. Die abermalige Wiederholung des Menuetts schafft schlieĂlich die groĂe architektonische Klammer dieses mehrteiligen Mittelteils. Der Schlusssatz, ein brillant gesetztes Presto, treibt das Werk mit ungestĂŒmer Energie voran. Hier verschmilzt Zelenka tĂ€nzerische Motorik mit virtuosen BlĂ€sersignalen und kontrapunktischen Verdichtungen. Der Satz wirkt wie eine orchestrale Entfesselung nach der höfischen Eleganz der MittelsĂ€tze: ein Triumph der Bewegung, voller Glanz, Witz und feiner Ironie. Es ist jene Art von Finale, das nur ein Komponist mit tiefem VerstĂ€ndnis fĂŒr klangliche Dramaturgie und orchestrales Feuerwerk schreiben kann. Insgesamt erscheint das Capriccio in F-Dur als ein kleines orchestrales Meisterwerk, das zugleich frech, virtuos und kunstvoll ist. Zelenkas unverwechselbare Handschrift zeigt sich in jedem Detail: in der harmonischen KĂŒhnheit, in der kontrapunktischen Klarheit, in der hochspezifischen Behandlung der Naturhörner und in der FĂ€higkeit, zwischen höfischer Stilisierung und kunstvoller Ironisierung zu wechseln. In den frĂŒhen Capriccios findet Zelenka eine freie Form, die seiner Fantasie keinerlei Grenzen setzt â und genau hierin liegt ihr besonderer Reiz. Am Ende steht das F-Dur-Capriccio als eines der mutigsten und zugleich mest raffiniert gestalteten StĂŒcke seiner frĂŒhen Instrumentalmusik: ein klingendes Dokument seiner Suche nach einem eigenen, schillernden orchestralen Profil. CD-Vorschlag Jan Dismas Zelenka: Complete Orchestral Works, Vol. 1, Das Neu-Eroffnete Orchestre, Leitung JĂŒrgen Sonnentheil (* 1961), CPO, 2000, Tracks 13 bis 17: https://www.youtube.com/watch?v=Rutp6N1TtVg&list=OLAK5uy_nzDzQ2LFAf_sBDLnFJCwCXCBEvOYZAql4&index=13 Seitenanfang ZWV 184 Capriccio Nr. 4 in A-Dur, ZWV 185 Das Capriccio in A-Dur, ZWV 185, gehört zu jener kleinen Werkgruppe von fĂŒnf Capriccios, die stilistisch und zeitlich auĂerhalb seines Prager Instrumentalschaffens von 1723 stehen. WĂ€hrend Zelenka die spĂ€teren Orchesterwerke fast durchgehend mit der Signatur âĂ Praga 1723â versah und damit eindeutig auf die Krönungsfeierlichkeiten fĂŒr Kaiser Karl VI. (1685â1740) bezog, ist das A-Dur-Capriccio eine Komposition frĂŒheren Datums. Die Forschung geht ĂŒbereinstimmend davon aus, dass ZWV 185 um 1717â1718 entstand, wahrscheinlich in Wien, wo Zelenka sich zu dieser Zeit im Umfeld diplomatischer und höfischer AktivitĂ€ten aufhielt. Wie bei den ĂŒbrigen Capriccios wird vermutet, dass die StĂŒcke als reprĂ€sentative Musik im Rahmen des Aufenthalts oder der feierlichen Ankunft des sĂ€chsischen Kurprinzen Friedrich August II. (1696â1763) in Wien entstanden. Zwar existiert keine Widmung und keine sichere Quelle zu einer konkreten AuffĂŒhrung, doch die meisterhafte Behandlung der BlĂ€ser â insbesondere der Hörner in A, die hier erneut hohe technische Anforderungen stellen â deutet auf ein Ensemble von auĂergewöhnlicher QualitĂ€t hin, wie es sowohl in Wien als auch am Dresdner Hof zur VerfĂŒgung stand. Die Ăberlieferung des Werkes ist fragmentarisch: Vom Originalautograph hat sich lediglich die Titelseite in Zelenkas Handschrift erhalten, wĂ€hrend der eigentliche Notentext nur durch eine vollstĂ€ndige Stimmenabschrift eines unbekannten Dresdner Kopisten ĂŒberliefert ist. Diese Situation ist einzigartig innerhalb der Capriccio-Gruppe und gibt dem Werk eine besondere Stellung in der Quellenlage. Dass Zelenka das Werk zu einem Zeitpunkt komponierte, als er selbst noch nicht offiziell die Position des Kirchenkomponisten in Dresden innehatte, zeigt, wie frĂŒh sein orchestrales Denken entwickelt war. Eine Version fĂŒr Violine: https://www.youtube.com/watch?v=zVCcTDcCnSs Der eröffnende Satz, ein Allegro assai, tritt mit unmittelbarer Energie auf und zeigt Zelenkas FĂ€higkeit, ein Orchester zu einem pulsierenden, drĂ€ngenden Bewegungsfluss zu formen. Die Hörner setzen strahlende Akzente, wĂ€hrend die Oboen und Streicher ein dichtes thematisches Netz aus Figuren und Sequenzen bilden. Das gesamte Allegro besitzt eine klare, aber stĂ€ndig variierte Motorik, die den Satz zu einem idealen Auftakt fĂŒr ein Capriccio macht, dessen Grundidee ja gerade in der Verbindung von formaler Freiheit und krĂ€ftig gezeichnetem musikalischem Charakter liegt. Der zweite Satz, ein Adagio, kehrt in eine ganz andere SphĂ€re ein. Zelenka entfaltet hier einen Raum des Innehaltens, der von inniger KantabilitĂ€t und feiner harmonischer Spannung geprĂ€gt ist. Die Oboen fĂŒhren hĂ€ufig die melodische Linie, wĂ€hrend die Streicher einen atmenden, weich konturierten Untergrund schaffen. Dieses Adagio ist nicht als bloĂer Ruhepunkt gedacht, sondern als eigener affektiver Kern, der den kommenden musikalischen Reichtum vorbereitet. Es folgt eine Abfolge mehrerer Arien â ein fĂŒr ein Instrumentalwerk auĂergewöhnlicher Aufbau. Der dritte Satz kombiniert Aria (I) mit einem alternierenden, erneut energischen Allegro assai. Dieser Wechsel erzeugt eine dramaturgisch entwickelte Form, die zwischen lyrischem Ausdruck und virtuosem Impuls pendelt. Die Aria entfaltet lange melodische Bögen, wĂ€hrend das Allegro die KlangflĂ€che sofort mit strahlendem Schwung aufbricht. Die darauf folgende Aria (II) vertieft den kantablen Charakter und zeigt Zelenkas selten wahrgenommene FĂ€higkeit, instrumentale Linien wie vokale Gebilde zu gestalten. Die melodische Sprache besitzt eine Ruhe und Geschmeidigkeit, die gleichsam aus der italienischen Opernwelt stammt und doch unverkennbar in Zelenkas eigener, harmonisch dichter Weise geformt ist. Die Wiederkehr der Aria I da capo schafft eine innere symmetrische Ordnung und schlieĂt diesen ungewöhnlichen Komplex von Arien. Mit dem Tempo di Canarie wendet sich das Werk erneut der Tanzmusik zu. Zelenka nutzt die charakteristische Motorik der Canarie â jene punktierten, leicht unruhigen Rhythmen â mit spielerischer Eleganz und feinem Humor. Der Satz ist zugleich eine Reminiszenz an die französisch geprĂ€gte Suite und eine Art ironisches Spiel mit dem Erwartungshorizont höfischer Tanzmusik. Die anschlieĂenden Menuette zeigen Zelenka in perfekter Balance zwischen höfischer Form und eigenwilliger Individualisierung. Das erste Menuett klingt nobel und ruhig, das zweite wirkt stĂ€rker profiliert und farbiger, und die RĂŒckkehr des ersten Menuetts schafft einen zyklischen Rahmen, ohne den Tanzfluss je zu erstarren zu lassen. Der Klang wird hier besonders von den Oboen geprĂ€gt, deren Linien ĂŒber den federnden Streichern leuchten. Die folgenden PaysansĂ€tze gehören zu den charakteristischsten Momenten des gesamten Capriccios. Zelenka greift hier den Stil eines stilisierten LĂ€ndertanzes auf und verwandelt ihn in ein orchestrales CharakterstĂŒck. Der erste Paysan-Satz besitzt eine herbe, fast rustikale Frische, wĂ€hrend der zweite eine leichtere, tĂ€nzerischere Note aufnimmt. Die Wiederholung von Paysan I als da capo rahmt diesen Abschnitt, der fast wie eine humorvolle Intermezzo-Szene wirkt. Es ist jene Mischung aus Ernst und Spiellust, die Zelenkas Instrumentalmusik so einzigartig macht. Der Satzkomplex wird schlieĂlich durch ein elegantes Andante und die strukturelle Klammer der Paysans vollendet, wodurch das Capriccio sowohl Vielfalt als auch Geschlossenheit zeigt. ZWV 185 ist vielleicht das vielseitigste der frĂŒh entstandenen Capriccios â ein Werk, das orchestralen Glanz, kontrapunktische Kunstfertigkeit, lyrische Innigkeit und tĂ€nzerische Ironie verbindet. Am Ende steht das A-Dur-Capriccio als ein farbenreiches, ausdrucksstarkes und dramaturgisch kunstvolles Beispiel jener Freiheit, die die Gattung Capriccio Zelenka bot. Es ist ein Werk, in dem er sein orchestrales Denken weit öffnet und zugleich jene feine stilistische Ironie entwickelt, die zu seinen unverwechselbaren Markenzeichen gehört. CD-Vorschlag: Musik am Dresdner Hof, Disc 4. Virtuosi Saxoniae, Leitung Ludwig GĂŒttler (* 1943), Edel Records GmbH, 2009, Tracks 9 bis 15 (eine Version fĂŒr Trompete): https://www.youtube.com/watch?v=IDkAK_Td6mY Seitenanfang ZWV 185 Lamentationes, ZWV 203 ZWV 203 ist ein anderer, problematischer / verlorener Lamentations-Eintrag, deshalb heute eher ein âKarteileichen-Nummerâ. In der Literatur ist nur von âzehn kleinen ChorsĂ€tzen zu den Lamentationes ZWV 203â die Rede. (Siehe: https://www.uni-regensburg.de/assets/philosophie-kunst-geschichte-gesellschaft/musikwissenschaft/edm/katalog-2007.pdf?utm_source=chatgpt.com ) ZWV 203 Concerto Ă 8 concertanti in G-Dur, ZWV 186 Das Concerto Ă 8 concertanti in G-Dur ist eines jener Werke, die Zelenkas Reise nach Prag im Jahr 1723 ihren besonderen Rang geben. WĂ€hrend seines Aufenthalts in der böhmischen Hauptstadt, wohin er im Gefolge des sĂ€chsischen Hofes zur Krönung Karls VI. als König von Böhmen (5. September 1723 in der St.-Veits-Kathedrale auf der Prager Burg) entsandt worden war, komponierte er eine Gruppe von Instrumentalwerken, die sich durch ungewöhnliche farbliche Experimente und eine fĂŒr die Dresdner Hofkapelle typische VirtuositĂ€t auszeichnen. Zelenka signierte diese Kompositionen hĂ€ufig mit dem Zusatz âĂ Praga 1723â, was ihre zeitliche Einordnung eindeutig bestĂ€tigt. Zu diesem Prager Zyklus gehören unter anderem das Concerto in G-Dur, ZWV 186, die Hipocondrie in A-Dur, ZWV 187, die OuvertĂŒre in F-Dur, ZWV 188, sowie die Simphonie in a-Moll, ZWV 189. https://www.youtube.com/watch?v=E_qktPiJ5TQ Das Besondere des Concerto Ă 8 concertanti ist die Anlage als Werk fĂŒr acht konzertierende Instrumente â ein Typus, der sich in Zelenkas Ćuvre nur hier nachweisen lĂ€sst. Die Konzeption erinnert an die Extravaganzen der Brandenburgischen Konzerte (1721), allerdings ohne direkte AbhĂ€ngigkeit: Was Bach zu einem kunstvollen, oft kontrapunktischen Spiel der Klangfarben fĂŒhrt, transformiert Zelenka in eine von dramatischem Kontrast, instrumentaler Wendigkeit und böhmischer VitalitĂ€t geprĂ€gte Experimentierform. Aufgrund der BeschĂ€digung des einzigen erhaltenen Partensatzes â das Autograph ist bis auf die Titelseite verloren â zĂ€hlt das Werk zu den editorisch schwierigsten StĂŒcken des Komponisten; mehrere Takte mĂŒssen heute anhand des Stimmverlaufs logisch rekonstruiert werden, was erklĂ€rt, warum bisher keine moderne Urtextausgabe existiert. I. Allegro Der eröffnende Satz entfaltet sofort jenes fĂŒr Zelenka charakteristische Spiel zwischen Tutti-Energie und solistischer Freiheit. Die beiden Oboen â traditionell TrĂ€ger des konzertierenden Elements â treten frĂŒh aus dem TuttogefĂŒge hervor, allerdings nicht im Sinne eines herkömmlichen Oboenkonzerts. Vielmehr verschiebt Zelenka die Balance permanent: Kaum hat sich der Hörer auf die Oboe eingestellt, ĂŒbernimmt die Violine die FĂŒhrung, und auch die ĂŒbrigen Stimmen beteiligen sich an der texturalen Differenzierung. Diese wechselnde Hierarchie erzeugt einen fortlaufenden Dialog, der eher dem kompositorischen Denken einer concertante suite als dem streng konzipierten Vivaldi-Concerto entspricht. Die virtuosen Passagen sind stets in den Gesamtklang eingebettet; Zelenka geht es um die Durchleuchtung des Ensembles, nicht um ein Hervorheben einzelner Stars. Stilistisch steht das Allegro eindeutig auf dem Boden des italienischen SpĂ€tbarocks, doch bereits in der motivischen Arbeit und den dynamischen Zuspitzungen spĂŒrt man jenes spezifisch böhmisch-sĂ€chsische Temperament, das Zelenkas Instrumentalwerke so unverwechselbar macht. II. Largo Das zentrale Largo in e-Moll ist der dramaturgische Kern des Konzerts. In seiner Schwere und ernsten ExpressivitĂ€t steht es nĂ€her an Bach als an Vivaldi â eine Beobachtung, die die Forschung mehrfach hervorgehoben hat. In die Rolle gleichberechtigter Solisten treten hier Oboe, Violine, Fagott und Violoncello, wodurch ein zartes, kammermusikalisches Geflecht entsteht, das dem Werk eine beinahe elegische Tiefe verleiht. Zelenka setzt stark auf chromatische Linien, lange, atmende Phrasen und harmonische Verdichtungen, die den Satz zu einem der eindrucksvollsten langsamen InstrumentalsĂ€tze seines gesamten Schaffens machen. Das Ensemble, im ersten Satz noch aktiv und kontrastreich, zieht sich hier weitgehend zurĂŒck und schafft einen transparenten Hintergrund, vor dem sich die vier Solostimmen mit gröĂtmöglicher Klarheit abzeichnen. Zum Höhepunkt hin verdichtet sich die Harmonik zu einer expressiven Entladung, bevor der Satz in kontrollierter Ruhe ausklingt. III. Allegro Der Finalsatz in G-Dur ist ein Paradebeispiel fĂŒr den âinternational-cosmopolitan styleâ der 1720er Jahre, jene Mischung aus italienischer Brillanz, französischer Eleganz und deutscher kontrapunktischer PrĂ€zision, die man auch am Dresdner Hof schĂ€tzte. Rhythmische VitalitĂ€t und motivische Schlagkraft verbinden sich hier mit leichter Tanzbewegung; selbst im dichten Tutti-Abschnitt bleibt die Textur durchsichtig. Die Soloinstrumente treten nun weniger in Konkurrenz zueinander als in ein lebendiges Miteinander, das sich oft in kurzen, aufmerksamkeitsstarken EinwĂŒrfen Ă€uĂert. Der Satz entfaltet einen optimistischen, beinahe festlichen Charakter, der das gesamte Konzert zu einer Art musikalischem Festspiel werden lĂ€sst â einer klingenden Erinnerung an die prunkvollen Feierlichkeiten in Prag, die Zelenka 1723 mitgestaltete. CD-Vorschlag Jan Dismas Zelenka, Complete Orchestral Works, Vol. 1, Das Neu-Eroffnete Orchestre, Leitung JĂŒrgen Sonnentheil (* 1961), CPO, 2000, Tracks 10 bis 12: https://www.youtube.com/watch?v=9S__mYn8HBk&list=OLAK5uy_nzDzQ2LFAf_sBDLnFJCwCXCBEvOYZAql4&index=10 Seitenanfang ZWV 186 Hipocondrie Ă 7 Concertanti in A-Dur, ZWV 187 Unter den wenigen rein instrumentalen Werken, die Jan Dismas Zelenka hinterlieĂ, nimmt die Hipocondrie Ă 7 Concertanti eine Sonderstellung ein: Sie wirkt wie eine konzentrierte Studie ĂŒber den Affekt des Melancholisch-Verschatteten, zugleich aber wie ein Versuch, die Konzertsprache der Zeit in ungewöhnlich kĂŒhne harmonische und rhythmische Bereiche vorzutreiben. Im barocken VerstĂ€ndnis bezeichnete âHipocondrieâ eine Form der melancholischen Verstimmung, die Zelenka hier in ein eindringliches musikalisches Affektbild ĂŒbersetzt. Entstanden ist das Werk mit höchster Wahrscheinlichkeit im Jahr 1723 wĂ€hrend Zelenkas Aufenthalt in Prag, wo er im Auftrag des sĂ€chsischen Hofes die Musik zur Huldigung Kaiser Karls VI. komponierte und selbst auffĂŒhrte. Auf den meisten erhaltenen Autographen der Instrumentalwerke aus dieser Zeit vermerkte Zelenka die Formel Ă Praga 1723 â so auch im Umfeld der vier Werke ZWV 186â189, die gemeinsam ein zusammenhĂ€ngendes Prager Konvolut bilden: das Concerto in G-Dur, die vorliegende Hipocondrie, die OuvertĂŒre in F-Dur und die Simphonie in a-Moll. Alle vier zeigen einen Komponisten, der abseits seiner liturgischen TĂ€tigkeit mit bemerkenswerter Freiheit experimentiert und sich in einer Phase persönlicher und kĂŒnstlerischer Emanzipation befindet. Der Anlass der Reise nach Prag war Zelenkas monumentales Melodrama Sub olea pacis (ZWV 175), das anlĂ€sslich der Krönungsfeierlichkeiten Karls VI. zum römisch-deutschen Kaiser uraufgefĂŒhrt wurde. Dass Zelenka wĂ€hrend derselben Zeit ein kleines, aber hochkomplexes Ensemblewerk wie die Hipocondrie konzipierte, zeigt, wie eng fĂŒr ihn musikalische ReprĂ€sentation, kompositorische Gelehrsamkeit und affektgeladene Experimente miteinander verbunden waren. Die ĂŒbrigen Instrumentalwerke Zelenkas stammen nur selten nachweislich aus dieser Zeit; die fĂŒnf Capricci ZWV 182â185 und 190 bilden eine Ausnahme und gehören wahrscheinlich in seine Wiener Jahre 1717â1718, als er Musik zur Ankunft des Kurprinzen Friedrich August III. bereitstellen sollte. Das Capriccio ZWV 190 in G-Dur scheint zudem ein selbstĂ€ndiges EinzelstĂŒck gewesen zu sein, möglicherweise als ErgĂ€nzung zu den âWienerâ Capricci gedacht. Ob Zelenka seine Instrumentalwerke fĂŒr ein bestimmtes Ensemble oder eine Institution komponierte â etwa die Academia musica in Prag oder das Orchester seines frĂŒheren Gönners, Baron Johann Hubert von Hartig (1663â1746) â lĂ€sst sich nicht mehr klĂ€ren. Nichts in den Quellen erlaubt eine sichere Zuweisung. https://www.youtube.com/watch?v=_y5PSLvuUhM Die Hipocondrie ist dreisĂ€tzig angelegt und beginnt mit einem dĂŒster gefĂ€rbten Grave, das fast wie eine instrumentale Meditation ĂŒber instabile ZustĂ€nde wirkt. Die Harmonik verschiebt sich in chromatischen SchĂŒben, die Stimmen bewegen sich in schwereloser Langsamkeit, und die Struktur scheint eher frei assoziativ als periodisch gedacht. Diese Klangwelt ist es wohl, die der rĂ€tselhaften Gattungsbezeichnung ihren Namen gab: âHypochondrieâ war im barocken VerstĂ€ndnis kein pathologischer Begriff im modernen Sinn, sondern bezeichnete ein Unruhe-, Schwermut- oder Verstimmungsaffekt, der geistig wie körperlich auf den Hörer wirken konnte. Zelenka entfaltet diesen Affekt jedoch nicht programmatisch, sondern als Klangexperiment: Die harmonischen Schattierungen wirken wie tastende AnnĂ€herungen an ein Thema, das sich erst im zweiten Satz energisch materialisiert. Das anschlieĂende Allegro ist eine strenge Fuge, deren Thema aus einem markanten Quartsprung und einer abwĂ€rts gleitenden Antwortbewegung besteht. Hier zeigt Zelenka sein kontrapunktisches Können in voller SchĂ€rfe. Die StimmfĂŒhrung ist dicht, die motivischen Verarbeitungen folgen schnellen Verwandlungen, und die Rhythmik treibt das Geschehen mit einer Dringlichkeit voran, die den ersten Satz in einen dramatischen Gegensatz setzt. Die Fuge ist nicht nur ein gelehrtes StĂŒck barocker Kunst, sondern ein strukturell notwendiger Gegenpol zur introvertierten Klangwelt des Grave: Die langsame Selbstbeobachtung schlĂ€gt in aktive Auseinandersetzung um, als wolle Zelenka zeigen, wie ein musikalischer âAffektâ sich rational durch kontrapunktische Kunst ordnen lĂ€sst. Der Schlussatz, Lentement, fĂŒhrt beide SphĂ€ren wieder zusammen. Der Satz besitzt eine stille Noblesse, die zugleich an französische Eleganz und an Zelenkas eigene, stets leicht verschattete Tonsprache erinnert. Harmonisch kehren die ambivalenten Wendungen des ersten Satzes zurĂŒck, doch in verfeinerter, beruhigter Form. Das Lentement wird so zu einer Art Epilog, der die extreme GegensĂ€tzlichkeit der beiden vorhergehenden SĂ€tze vermittelt und das Werk in einer leisen, aber unvergesslichen Nachwirkung ausklingen lĂ€sst. Die Hipocondrie Ă 7 Concertanti gehört heute zu den eindrucksvollsten Zeugnissen von Zelenkas Instrumentalkunst. Sie vereint experimentelle Harmonik, strengen Kontrapunkt und empfindsame Affektgestaltung zu einem StĂŒck, das sowohl die KomplexitĂ€t als auch die seelische Tiefe dieses auĂergewöhnlichen Komponisten erkennen lĂ€sst. CD-Vorschlag Jan Dismas Zelenka, Complete Orchestral Works, Vol. 1, Das Neu-Eroffnete Orchestre, Leitung JĂŒrgen Sonnentheil (* 1961), CPO, 2000, Tracks 8 und 9: https://www.youtube.com/watch?v=3yrI_hW0HZw&list=OLAK5uy_nzDzQ2LFAf_sBDLnFJCwCXCBEvOYZAql4&index=8 Seitenanfang ZWV 187 Ouverture-Suite in F-Dur, ZWV 188 Die Ouverture-Suite in F-Dur, ZWV 188, gehört zu jener kleinen Gruppe instrumentaler Werke, die Zelenka im Jahr 1723 wĂ€hrend seines Aufenthalts in Prag komponierte. Diese Werke bilden ein geschlossenes Konvolut (ZWV 186â189), das ein Concerto in G-Dur, die Hipocondrie in A-Dur, die vorliegende OuvertĂŒre und die Simphonie in a-Moll umfasst. Auf den Autographen findet sich mehrfach die Signatur Ă Praga 1723, ein Hinweis auf die unmittelbare Entstehung im Umfeld der kaiserlichen Krönungsfeierlichkeiten fĂŒr Karl VI., an denen Zelenka mit seinem monumentalen Melodrama Sub olea pacis (ZWV 175) beteiligt war. Dass der Komponist inmitten dieses reprĂ€sentativen GroĂprojekts eine so reichhaltige Instrumentalmusik schuf, zeigt seine erstaunliche kreative Spannweite: Neben kirchenmusikalischer MonumentalitĂ€t findet sich hier eine suiteartige Welt von Eleganz, Experimentierfreude und kontrapunktischer Finesse. Der Kontext dieser Instrumentalwerke bleibt aber rĂ€tselhaft. Anders als bei seinen geistlichen Kompositionen ist nicht bekannt, fĂŒr welches Ensemble Zelenka die StĂŒcke schrieb oder ob sie an eine bestimmte Institution gebunden waren. Weder die Prager Academia musica noch das Orchester seines frĂŒheren Gönners Johann Hubert von Hartig (1663â1746) lassen sich sicher nachweisen. Auch im Vergleich mit den fĂŒnf Capricci ZWV 182â185 und 190, die vermutlich wĂ€hrend Zelenkas Wiener Aufenthalt 1717â1718 entstanden und reprĂ€sentative Musik zur Ankunft des sĂ€chsischen Kurprinzen Friedrich August III. bildeten, ist unklar, ob die Prager Werke ebenfalls fĂŒr einen festlichen Rahmen gedacht waren. Was die Quellen jedoch eindeutig zeigen: Zelenka nutzt diese Werke, um seine ganz eigene Sprache innerhalb der europĂ€ischen Instrumentalgattungen zu entwickeln. https://www.youtube.com/watch?v=QY6jG7WAGNM Die Ouverture-Suite in F-Dur eröffnet mit einem ausgedehnten Ouverture a 4, das in klarer NĂ€he zur französischen Lully-Tradition steht, zugleich aber mit jenen harmonischen und rhythmischen Schattierungen arbeitet, die Zelenka unverwechselbar machen. Das majestĂ€tisch schreitende Anfangsritornell besitzt Gewicht und GravitĂ€t; doch bereits die ersten chromatischen FĂ€rbungen und die etwas asymmetrisch gesetzten Rhythmen verraten eine Handschrift, die sich von höfischer Norm absetzt. Der nachfolgende fugierte Teil ist von energischer Bewegung durchzogen: Ein markantes Thema entfaltet sich in strenger FĂŒhrung, bricht aber immer wieder in unkonventionelle Wendungen aus, als wolle Zelenka die französische Form mit sĂ€chsisch-böhmischer Eigenwilligkeit neu definieren. Das Allegro (Fuga) setzt diese kontrapunktische Haltung fort. Die Fuge ist von groĂer Klarheit, doch zugleich von einer NervositĂ€t getragen, die sie deutlich von der gelehrten Ruhe eines Bach oder Fux unterscheidet. Zelenka verdichtet das Material, beschleunigt motivische AblĂ€ufe und schafft damit eine Spannung, die eher dramatisch als akademisch wirkt. In der anschlieĂenden Aria erscheint erstmals eine völlig andere Klangwelt: Der Satz entfaltet eine beinahe kantable, lyrische Linie, die sich weich ĂŒber einer fein ausgehörten Begleitung erhebt. Diese Aria ist ein seltenes Beispiel fĂŒr Zelenkas FĂ€higkeit zu schlichter, unmittelbarer Schönheit, ohne die kompositorische Dichte preiszugeben. Harmonische SeitensprĂŒnge und zarte Dissonanzen verleihen dem Satz jene charakteristische Melancholie, die in vielen seiner Werke mitschwingt. Das folgende Menuett I zeigt höfische Eleganz, doch setzt Zelenka bewusst Akzente, die die metrische Symmetrie leicht ins Schwanken bringen. Menuett II ist als KontraststĂŒck gestaltet: leichter, fast volksnah, mit einer Anmut, die an böhmische Tanztradition erinnert. Die Kombination aus höfischen und volkstĂŒmlichen Elementen ist typisch fĂŒr Zelenkas Suite-Schaffen und verleiht dem Werk eine stilistische Offenheit, die weit ĂŒber den ĂŒblichen Rahmen hinausgeht. Das Siciliano gehört zu den poetischsten Momenten der Suite. Die charakteristische punktierte Bewegung, die an italienische Pastoralmusik erinnert, wird bei Zelenka durch eine sanft gebrochene Harmonik erweitert, die den Satz in eine schwebende, traumhafte AtmosphĂ€re taucht. Die Ruhe des Siciliano wirkt wie ein kurzer Blick in eine kontemplative Welt, bevor der finale Satz die Suite in Bewegung setzt. Die abschlieĂende Folie ist ein MeisterstĂŒck barocker Variationstechnik. Anspielend auf die Tradition der Folia, eines der berĂŒhmtesten europĂ€ischen Ostinato-Modelle, nutzt Zelenka das Muster nicht im wörtlichen Sinn, sondern als Inspirationsquell fĂŒr rhythmisch-motivische Steigerungen. Der Satz entfaltet eine mitreiĂende Energie, die sich kontinuierlich ausweitet, bis das Werk in einer Mischung aus VirtuositĂ€t, Ironie und struktureller KĂŒhnheit endet. Gerade dieser letzte Satz zeigt, warum ZWV 188 als eines der markantesten Instrumentalwerke Zelenkas gilt: Er verbindet formale Strenge, harmonische Experimentierfreude und schillernde tĂ€nzerische Elemente zu einem unverwechselbaren Ganzen. Die Ouverture-Suite in F-Dur steht damit exemplarisch fĂŒr Zelenkas instrumentales Denken: reich an Affekten, unerschöpflich in der Erfindung und geprĂ€gt von einem kompositorischen Mut, der damals wie heute ĂŒberrascht. Gerade weil unklar ist, ob das Werk fĂŒr einen bestimmten Anlass oder ein konkretes Ensemble entstand, wirkt es heute wie ein autonomes Kunstwerk â frei, kĂŒhn und von einer Ausdruckskraft, die in der Musik des frĂŒhen 18. Jahrhunderts einzigartig bleibt. CD-Vorschlag Grand Tour a Venezia, Zefiro, Alfredo Bernardini (* 1961), Outhere Music France, 2022, Jan Dismas Zelenka, Tracks 14 bis 18: https://www.youtube.com/watch?v=TUhJYCFCSpU&list=OLAK5uy_liX_0CyvvAsXlxDNd4-LFlEQfEI40jbJQ&index=14 Seitenanfang ZWV 188 Simphonie Ă 8 Concertanti in a-Moll, ZWV 189 Die Simphonie Ă 8 Concertanti in a-Moll ist das letzte Werk des Prager Instrumentalzyklus von 1723, jenes faszinierenden Viererblocks aus Concerto, Hipocondrie, Ouverture und Simphonie, den Zelenka mit der hĂ€ufig wiederkehrenden Signatur Ă Praga 1723 kennzeichnete. Dieser Hinweis ist mehr als ein Datumsvermerk: Er verweist auf die auĂergewöhnliche Situation, in der sich Zelenka damals befand â mitten in den Vorbereitungen zur kaiserlichen Krönung Karls VI., fĂŒr die er sein groĂ angelegtes Melodrama Sub olea pacis (ZWV 175) komponierte und selbst leitete. Dass er parallel dazu vier instrumentale Werke schuf, die in ihrer KĂŒhnheit, Ausdruckskraft und OriginalitĂ€t weit aus dem Rahmen des gĂ€ngigen Repertoires fallen, zeigt, wie intensiv und vielfĂ€ltig sein musikalisches Denken in dieser Phase war. WĂ€hrend ĂŒber Zweck und AuffĂŒhrungsgeschichte dieser Instrumentalwerke kaum etwas bekannt ist, legt die musikalische Faktur der Simphonie nahe, dass Zelenka fĂŒr ein Ensemble schrieb, das sowohl solistische Brillanz als auch kammermusikalische Feinheit bewĂ€ltigen konnte. Acht konzertierende Stimmen bilden ein bewegliches Geflecht, das eher dem Prinzip einer polyphonen Concertanten-Symphonie entspricht als dem spĂ€teren orchestralen Symphoniebegriff. Anders als in den fĂŒnf Capricci ZWV 182â185 und 190, die vermutlich in Wien 1717â1718 entstanden und als reprĂ€sentative Musik fĂŒr höfische AnlĂ€sse dienten, scheint die Simphonie deutlich stĂ€rker als autonomes Kunstwerk konzipiert: Sie ist frei in ihrer Form, raffiniert in ihrer Dramaturgie und getragen von einer AusdrucksintensitĂ€t, die in Zelenkas Instrumentalmusik einzigartig ist. https://www.youtube.com/watch?v=f0sFqBrzwzs Bereits das eröffnende Allegro zeigt Zelenkas souverĂ€nen Umgang mit kontrapunktischer Dichte und konzertierender VirtuositĂ€t. Ein markantes, energisch aufwĂ€rtsdrĂ€ngendes Motiv setzt die Bewegung in Gang und entfaltet sich ĂŒber eine Struktur, die zwischen strenger Verarbeitung und ĂŒberraschenden harmonischen Wendungen pendelt. Die Stimmen agieren dabei in einer Weise, die zwischen Solo und Tutti kaum klar trennt: Jede Linie besitzt Gewicht, jede Stimme wirkt unverzichtbar, und das Ganze erhĂ€lt jene charakteristische Spannung, die Zelenka oft in seine schnelleren SĂ€tze legt. Das Andante bildet mit seiner weit gespannten, empfindsamen Melodik einen deutlichen Kontrast. Die Harmonik ist von jener sanft verschatteten Aura durchzogen, die man aus Zelenkas geistlichen Werken kennt. Nichts ist ornamental oder höfisch: Die Musik entfaltet sich in ruhigen Perioden, tastend, nach innen gewandt, mit einer IntensitĂ€t, die sich nicht laut Ă€uĂert, sondern durch feine harmonische Nuancen wirkt. Dieses Andante zeigt Zelenkas FĂ€higkeit, emotionale Tiefe ohne pathetische Gestik zu erzeugen. Es folgt das Capriccio, Tempo di Gavotta, ein Satz, der gleichzeitig verspielt und strukturell streng ist. Auf der Grundlage des tĂ€nzerischen Gavottenrhythmus entwickelt Zelenka ein lebhaftes Wechselspiel zwischen den konzertierenden Stimmen, das von pointierten Akzenten, metrischen Verschiebungen und ĂŒberraschenden harmonischen Farbtönen getragen wird. Das Capriccio wirkt wie ein Moment der Leichtigkeit, doch die kunstvolle Verarbeitung macht deutlich, dass Zelenka auch in scheinbar unbeschwerten SĂ€tzen eine hochentwickelte kompositorische Kontrolle ausĂŒbt. In der Aria da Capriccio steigert sich dieser Eindruck noch: Der Satz gliedert sich in Alternationen von Andante und Allegro, die wie ein musikalischer Dialog organisiert sind. Die ruhigeren Abschnitte wirken fast elegisch, wĂ€hrend die Allegro-Teile mit federnder Energie voranschreiten. Zelenka nutzt diese Wechsel nicht als dekorative Spielerei, sondern schafft eine dramaturgische Einheit, die den Satz wie eine kleine Szene wirken lĂ€sst â voller Affekte, voller Wendungen, voller innerer Dynamik. Die drei Menuette, die den Abschluss bilden, gehören zu den reizvollsten StĂŒcken der Suite-Tradition im Zelenkaâschen Schaffen. Menuet I zeigt höfische Noblesse, jedoch mit jener charakteristischen, subtilen Asymmetrie, die Zelenkas TanzsĂ€tze lebendig macht. Menuet II, im Kontrast dazu, ist leichter, beinahe volkstĂŒmlich, mit einer Anmut, die das höfische Ideal mit böhmischen EinflĂŒssen verschmilzt. Das erneute da capo des ersten Menuetts rundet die Simphonie mit einer klaren formalen Geste ab und verleiht dem Werk eine klassische, doch von innerer Spannung geprĂ€gte Geschlossenheit. Die Simphonie Ă 8 Concertanti gehört zu den eindrucksvollsten Instrumentalkompositionen Zelenkas. Sie verbindet konzertierende VirtuositĂ€t, kontrapunktische Raffinesse, melodischen Erfindungsreichtum und affektiven Tiefgang zu einer Musik, die weit ĂŒber funktionale Zweckgebundenheit hinausreicht. Als Abschluss des Prager Konvoluts von 1723 bildet sie nicht nur den Höhepunkt dieser vier Werke, sondern steht zugleich exemplarisch fĂŒr Zelenkas FĂ€higkeit, eigenstĂ€ndige Klangwelten zu erschaffen â mutig, facettenreich und unverwechselbar. CD-Vorschlag Jan Dismas Zelenka, Ouverture a 7 Concertanti F Dur, Sinfonia a 8 Concertanti a Moll, Hypocondria a 7 Concertanti A Dur, Suk Chamber Orchestra, Leitung FrantiĆĄek Vajnar (1930â2012), SUPRAPHON a.s., 1994, Tracks 6 bis 10: https://www.youtube.com/watch?v=5D8Bqv5xEQU&list=OLAK5uy_mP0mzcj_S-KPlvqGf9f9EwkAdh68XK8Ow&index=6 Seitenanfang ZWV 189 Capriccio Nr. 5 in G-Dur, ZWV 190 (1729) Das Capriccio in G-Dur gehört zu jenen seltenen Instrumentalwerken Zelenkas, die sich auĂerhalb seines groĂen Prager Konvoluts von 1723 einordnen lassen. WĂ€hrend fast alle ĂŒbrigen Instrumentalkompositionen dieser Jahre mit der Signatur Ă Praga 1723 versehen sind und somit eindeutig in das Umfeld der Krönungsfeierlichkeiten Kaiser Karls VI. gehören, bildet ZWV 190 eine bemerkenswerte Ausnahme: Es ist ein spĂ€teres, autonomes StĂŒck, das stilistisch wie formal die Tradition der sogenannten âWiener Capricciâ (ZWV 182â185) fortsetzt, zugleich aber deutlich individuellere Konturen aufweist. Die Wiener Capricci, vermutlich in den Jahren 1717â1718 entstanden, dienten reprĂ€sentativen höfischen AnlĂ€ssen, insbesondere der festlichen BegrĂŒĂung des sĂ€chsischen Kurprinzen Friedrich August III. in Wien. Ob das Capriccio ZWV 190 ursprĂŒnglich als ErgĂ€nzung zu dieser Gruppe gedacht war oder eine spĂ€tere selbstĂ€ndige Komposition darstellt, bleibt ungeklĂ€rt; doch seine Instrumentation â zwei Hörner in G, zwei Oboen, Fagott, zwei Violinen, Viola und Basso continuo â verrĂ€t eine enge Verwandtschaft zum höfischen Klangideal jener frĂŒhen Phase. Wie bei allen Instrumentalwerken Zelenkas bleibt auch hier offen, fĂŒr wen oder fĂŒr welches Ensemble das Capriccio bestimmt war. Weder die Prager Academia musica noch das Orchester seines frĂŒheren MĂ€zens Johann Hubert von Hartig (1663â1746) lassen sich eindeutig mit der Werkentstehung verbinden. Doch die VirtuositĂ€t der BlĂ€serparts und die konzertante Beweglichkeit des gesamten Ensembles weisen darauf hin, dass Zelenka ein Ensemble vor Augen hatte, das technisch hervorragend ausgestattet war und zudem eine Neigung zu charaktervollen, affektgeladener Programmatik besaĂ. https://www.youtube.com/watch?v=_RqszmrWO4w Bereits der eröffnende Satz, Capriccio e Fiero, zeigt den ungewöhnlichen Tonfall des Werkes: Die Musik spricht mit entschiedener, fast ungestĂŒmer Geste, voller rhythmischer SchĂ€rfe und markanter motivischer Zuspitzung. âFieroâ bedeutet im barocken Sprachgebrauch nicht bloĂ âheftigâ, sondern eine Mischung aus Stolz, Wildheit und ungebĂ€ndigtem Temperament. Zelenka setzt dieses Affektfeld mit einer Energie um, die das gesamte Werk grundiert und in ihrer unmittelbaren Wirkung kaum eine Parallele in seinem ĂŒbrigen Ćuvre hat. Es folgen drei Menuette, die im Wechsel zwischen höfischer Eleganz und leichter stilistischer Brechung operieren. Minuetto I prĂ€sentiert ein beinahe klassisches Tanzbild, wĂ€hrend Minuetto II â mit der Spielanweisung âOboe pianoâ â bewusst kammermusikalisch zurĂŒckgenommen erscheint, als wolle Zelenka eine intime, leicht verschattete Perspektive auf das gleiche metrische Muster eröffnen. Das anschlieĂende da capo von Menuetto I stellt die formale Ordnung wieder her, bevor der nĂ€chste, charaktervolle Abschnitt beginnt. Mit Il Contento tritt ein anderer Affekt in den Vordergrund: heitere Zufriedenheit, ausgelassene Unbeschwertheit, ein fast pastoraler Optimismus. Zelenka zeichnet diese Stimmung mit geschmeidigen Linien, weich gesetzten Harmonien und einem rhythmischen Puls, der eine ruhige, freundlich leuchtende Bewegung erzeugt. Die Wiederholung da capo verstĂ€rkt den Eindruck eines musikalischen LĂ€chelns, einer Momentaufnahme des Wohlbefindens, wie man sie in der Tanz- und BĂŒhnenmusik der Zeit hĂ€ufig findet â doch selten mit einer solchen Feinheit der Binnenzeichnung. Darauf folgt Il furibondo, mit der Charakterangabe Presto assai: ein eruptiver, wild auffahrender Satz, der das Werk in eine andere SphĂ€re katapultiert. Die Stimmen jagen einander in wirbelnden Gesten, das thematische Material scheint fast von innerem Zorn getrieben, und die Hörner setzen kraftvolle Akzente, die das Affektbild schĂ€rfen. Die kontrastierende Platzierung zwischen âContentoâ und der nachfolgenden Vilanilla lĂ€sst diesen Satz wie ein dramatisches Intermezzo wirken â eine kurze Konfrontation mit ungestĂŒmer Energie, bevor das Werk in volksnahe Leichtigkeit ĂŒbergeht. Die abschlieĂende Vilanilla â ein heiterer, tĂ€nzerischer Satz mit deutlichen AnklĂ€ngen an volkstĂŒmliche Melodik â bildet eine weitere charakterliche Ăffnung. Vilanilla I wirkt wie ein stilisiertes bĂ€uerliches Tanzbild, lebhaft, leicht asymmetrisch, geschmĂŒckt mit jenen kleinen Reibungen, die Zelenkas Musik so lebendig machen. Vilanilla II, ausdrĂŒcklich ohne Hörner, zeigt eine mildere, zurĂŒckgenommene Variante desselben Materials. Die Wiederkehr von Vilanilla I im abschlieĂenden da capo fĂŒgt dem Werk eine klare architektonische Klammer hinzu und schafft ein Gleichgewicht zwischen höfischer ReprĂ€sentation und volkstĂŒmlicher Spielfreude. Das Capriccio in G-Dur, ZWV 190, ist damit eines der farbigsten und charakterreichsten Instrumentalwerke Zelenkas. Es vereint die Vielfalt barocker Affektcharaktere â Stolz, Leichtigkeit, Zufriedenheit, Zorn, tĂ€nzerische VolksnĂ€he â zu einer Folge von Miniaturszenen, die in ihrer kompositorischen PrĂ€zision ebenso ĂŒberzeugen wie in ihrer unmittelbaren Lebendigkeit. Als spĂ€tes Pendant zu den Wiener Capricci zeigt es einen Zelenka, der sich frei zwischen Stilen und Affekten bewegt, experimentierfreudig, zugleich klar strukturiert, und stets mit jener inneren IntensitĂ€t, die seine Musik unverwechselbar macht. CDâVorschlag Jan Dismas Zelenka: Concerto in Sol a otto concertanti, Suk Chamber Orchestra, Leitung FrantiĆĄek Vajnar (1930â2012), SUPRAPHON a.s., 1994, Tracks 25 bis 29: https://www.youtube.com/watch?v=HoMdgG6oUBc&list=OLAK5uy_l5SZyA6UhlQjbirmIhBKtRwJeChfDSBH4&index=25 Seitenanfang ZWV 190 Statio quadruplex pro Processione Theophorica, ZWV 158 - âVier Stationen fĂŒr eine eucharistische Prozessionâ Die Statio quadruplex pro Processione Theophorica ZWV 158 gilt heute in der Zelenka-Forschung mit guten GrĂŒnden als eines der frĂŒhesten erhaltenen Werke des Komponisten, möglicherweise sogar als das Ă€lteste ĂŒberlieferte Werk ĂŒberhaupt. Ihre Entstehung wird ĂŒberzeugend in die Zeit vor 1710, wahrscheinlich in das erste Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts, datiert. Liturgische Funktion, Textwahl und formale Anlage sprechen dafĂŒr, dass die Komposition fĂŒr eine eucharistische Prozession bestimmt war, wie sie im frĂŒhen 18. Jahrhundert im Rahmen des Hochfestes âFestum Sanctissimi Corporis Christiâ gefeiert wurde (heute: Fronleichnam). Aufgrund stilistischer, liturgischer und biographischer Gesichtspunkte ist eine Entstehung der Komposition im Böhmisch-Prager Umfeld plausibel. Jan Dismas Zelenka hielt sich in diesen Jahren nachweislich noch vor seiner endgĂŒltigen Bindung an den Dresdner Hof in Böhmen auf. Seine formale Ausbildung, seine frĂŒhe TĂ€tigkeit als Kirchenmusiker sowie sein enger Kontakt zum Prager Jesuitenmilieu legen nahe, dass ZWV 158 vor seiner Berufung nach Dresden entstand. Zelenkas Eintritt in den Dresdner Hofdienst erfolgte um 1710/1711, als er in den Dienst von August dem Starken (1670â1733; KurfĂŒrst von Sachsen 1694â1733, König von Polen 1697â1706 und 1709â1733) trat. Eine Datierung der Statio quadruplex um 1704/1705 ist daher gut vertretbar, lĂ€sst sich jedoch mangels expliziter Quellen nicht endgĂŒltig beweisen. Von dem Werk war lange Zeit lediglich das Autograph des ersten Satzes (Misericordia tua, Domine) bekannt, das sich bis heute in der SĂ€chsische Landesbibliothek â Staats- und UniversitĂ€tsbibliothek Dresden befindet. Dieses Autograph ist dort unter der Signatur Mus. 2358-D-48 ĂŒberliefert. https://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/112449/1?utm_source=chatgpt.com Die ĂŒbrigen Teile galten ĂŒber Jahrzehnte hinweg als verloren. ZusĂ€tzlich verschĂ€rfte sich die Quellenlage dadurch, dass im Jahr 1945 mehrere Stimmenmaterialien â darunter acht Vokalstimmen und eine Continuostimme â aus dem Dresdner Bestand verschwanden. Die Dresdner Ăberlieferung des ersten Satzes belegt dabei Besitz und Nutzung, erlaubt jedoch keine sichere Aussage ĂŒber den Ort der Komposition. Eine entscheidende Wende ergab sich erst im FrĂŒhjahr 2022: In der Musikbibliothek der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien wurden zwei bislang unbekannte Abschriften des Werkes identifiziert, beide aus dem 19. Jahrhundert stammend. Eine dieser Quellen ĂŒberliefert den Zyklus vollstĂ€ndig, die andere in fragmentarischem Zustand. Die Abschriften gehörten ursprĂŒnglich zur privaten Sammlung des österreichischen Organisten und Dirigenten Rudolf Scholz (1933â2012) und gelangten erst kurz zuvor in den Besitz der Bibliothek, wo sie im Zuge der Katalogisierung entdeckt wurden. Damit liegt erstmals wieder ein geschlossenes Bild des gesamten vierteiligen Zyklus vor. Die Komposition erweist sich dabei als formal differenziertes FrĂŒhwerk im stile antico. Die ersten beiden Stationen â Misericordia tua, Domine und Exaudi, Domine â sind fĂŒr vier Stimmen und Basso continuo gesetzt, wĂ€hrend die dritte und vierte Station â Quiescat ira tua, Domine und Da pacem, Domine â eine achtstimmige Anlage in zwei Chören verlangen. Diese Erweiterung der Besetzung entspricht exakt der steigenden feierlichen und rĂ€umlichen Dichte einer eucharistischen Prozession mit mehreren AltĂ€ren, wie sie insbesondere fĂŒr Fronleichnamsfeiern in groĂen Stadt- und Jesuitenkirchen belegt ist. Die liturgische Bestimmung des Werks wird zusĂ€tzlich durch seine musikalische Faktur gestĂŒtzt. Besonders der Eingangssatz Misericordia tua, Domine besitzt einen deutlich wahrnehmbaren, natĂŒrlichen Geh-Rhythmus, der den Fortgang einer Prozession unterstĂŒtzt. AuffĂ€llig ist, dass Zelenka â hier wie in den folgenden Abschnitten â auf die Angabe von Tempobezeichnungen verzichtet. Die Musik ist damit vollstĂ€ndig auf den rituellen Vollzug hin konzipiert und bleibt flexibel an die konkrete Prozessionsdauer anpassbar. Trotz dieser funktionalen Einbindung wirkt der Satz keineswegs schlicht; vielmehr entfaltet sich eine klanglich klare, zugleich geistlich dichte Musik, deren Wirkung auch aus heutiger Perspektive bemerkenswert modern erscheint. https://www.youtube.com/watch?v=l74HknsUwkQ Musikwissenschaftlich besonders interessant ist Zelenkas Einsatz der Permutationsfuge, einer damals anspruchsvollen kontrapunktischen Technik, die vor allem um 1700 verbreitet war. Darauf hat unter anderem Michael Talbot hingewiesen. Dass Zelenka dieses Verfahren bereits in einem so frĂŒhen Werk souverĂ€n beherrscht, unterstreicht seine auĂergewöhnliche kompositorische Ausbildung und Ambition. Gerade im Kontext eines jungen Komponisten, der sich noch am Beginn seiner Laufbahn befand, wirkt die Wahl eines derart komplexen kontrapunktischen Verfahrens fĂŒr eine öffentliche Hochfestprozession bemerkenswert und verweist auf ein ausgeprĂ€gtes Selbstbewusstsein. In biographischer Hinsicht ist es auffĂ€llig, dass Zelenka seine kompositorische Laufbahn offenbar mit einem Werk begann, das inhaltlich und symbolisch auf die Eucharistie zentriert ist. Ein solches Thema war im katholischen Böhmen nicht nur theologisch zentral, sondern auch politisch und konfessionell aufgeladen. Die Entscheidung, ein groĂ angelegtes Werk fĂŒr das Festum Sanctissimi Corporis Christi zu komponieren, kann daher als bewusste Positionierung innerhalb der katholischen Kirchenmusik verstanden werden â möglicherweise im Umfeld der Jesuiten, die in Prag eine fĂŒhrende Rolle bei der Ausgestaltung der Fronleichnamsfeierlichkeiten spielten. Hinweise aus den TagebĂŒchern der Dresdner Jesuiten belegen schlieĂlich, dass Zelenka 1731 und/oder 1732 Musik fĂŒr die Fronleichnamsfeierlichkeiten lieferte. Es ist gut möglich, dass die Statio quadruplex in diesem Zusammenhang erneut erklang. Diese Datierung passt zu Zelenkas TĂ€tigkeit in jener Zeit, als er maĂgeblich fĂŒr die musikalische Ausbildung der Kapellknaben der katholischen Hofkirche verantwortlich war. Ob das Werk im 19. oder 20. Jahrhundert auĂerhalb Dresdens â etwa in Wien â zur AuffĂŒhrung kam, lĂ€sst sich bislang nicht nachweisen. Mit der Wiederentdeckung der Wiener Abschriften ist die Statio quadruplex pro Processione Theophorica heute als geschlossenes, auĂergewöhnlich frĂŒhes Hauptwerk Zelenkas greifbar: eine Komposition, die liturgische FunktionalitĂ€t, kontrapunktische Kunst und geistliche IntensitĂ€t in seltener Klarheit verbindet und zugleich einen eindrucksvollen Blick auf die AnfĂ€nge dieses eigenwilligen Komponisten erlaubt. Die Komposition Statio quadruplex pro Processione Theophorica besteht aus vier Stationen: I. Misericordia tua, Domine II. Exaudi, Domine III. Quiescat ira tua, Domine IV. Da pacem, Domine Statio quadruplex pro Processione Theophorica, Tracks 1 bis 4 der CD: https://www.youtube.com/watch?v=es2lIgH9jx8&list=OLAK5uy_nsmTaK2Bx_BTm_bk4RnT4yXIqa2YtNMUs&index=2 Statio quadruplex pro Processione Theophorica, ZWV 158 Texte Statio I Latein Misericordia tua, Domine, plena est terra; iustificationes tuas doce me. Deutsch Von deiner Liebe, Herr, ist erfĂŒllt die Erde. Lehre mich deine Gesetze! Die Musik ist so angelegt, dass der Text zyklisch wiederkehrt, um die Dauer der Bewegung zwischen zwei AltĂ€ren liturgisch zu tragen. Darum in der Praxis und auch in der Einspielung wird der Text wiederholend gesungen: Misericordia tua, Domine, plena est terra, iustificationibus tuis, iustificationibus tuis. Misericordia tua, Domine, plena est terra, iustificationibus tuis, iustificationibus tuis. Misericordia tua, Domine, Misericordia tua, Domine. Iustificationes tuas doce me, doce me. Deutsche Ăbersetzung Deiner Barmherzigkeit, o Herr, ist die Erde voll, durch deine Satzungen, durch deine Satzungen. Deiner Barmherzigkeit, o Herr, ist die Erde voll, durch deine Satzungen, durch deine Satzungen. Deiner Barmherzigkeit, o Herr, deiner Barmherzigkeit, o Herr. lehre mich deine Gesetze, lehre mich. Statio II Ăhnlich, wie in der Station I wird der jeweilige Text der Stationen II, III und IV nicht linear entfaltet, sondern zyklisch wiederholt. Kurze, klar umrissene Textformeln werden mehrfach in wechselnden musikalischen Konstellationen durchlaufen, wobei langsame, breit angelegte Abschnitte mit stark verdichteten, rasch deklamierten Passagen kontrastieren. Die Dauer der einzelnen Stationen entsteht somit nicht durch zusĂ€tzlichen Text, sondern durch musikalische Repetition, Variation und permutative Verarbeitung im Dienst des prozessionalen Vollzugs. Latein Exaudi, Domine, preces nostras; et miserere populi tui, quem redemisti. Deutsch Erhöre unsere Bitten, Herr! Erbarme dich deines Volkes, das du erlöst hast. Statio III Latein Quiescat ira tua, Domine Deus noster, et esto placabilis super nequitiam populi tui. Deutsch Lass ab von deinem glĂŒhenden Zorn, Herr, unser Gott, und lass dich das Unheil reuen, das du deinem Volk antun wolltest. Statio IV Latein Da pacem, Domine, in diebus nostris, quia non est alius, qui pugnet, bellet pro nobis, nisi tu, Deus noster omnipotens. Deutsch Gib Frieden, Herr, in unseren Tagen, denn es ist kein anderer, der fĂŒr uns kĂ€mpfen könnte, als du, unser allmĂ€chtiger Gott. CD-Vorschlag Jan Dismas Zelenka, Statio quadruplex ZWV158, Miserere d moll ZWV 56, Gregorio Allegri, Miserere, Ensemble InĂ©gal, Leitung Adam Viktora (* 1973), Nibiru, 2025, Tracks 1 bis 4. Seitenanfang ZWV 158
- Johannes Tourot | Alte Musik und Klassik
Johannes Tourot â Ein kaiserlicher Kantor zwischen Flandern und Mitteleuropa Johannes Tourot (* um 1430, â nach 1466), dessen Name in historischen Quellen in zahlreichen Varianten erscheint â etwa Tourout, Touront, Thauranth oder Tauront â zĂ€hlt zu den schillernden, lange verkannten Figuren der franko-flĂ€mischen Musik des 15. Jahrhunderts. Obwohl seine Biografie bis in die jĂŒngste Zeit weitgehend im Dunkeln lag, lĂ€sst sich mittlerweile ein eindrucksvolles kĂŒnstlerisches Profil skizzieren: jenes eines fĂ€higen Kapellmeisters und Komponisten, der sowohl in Flandern als auch im Reich unter Kaiser Friedrich III. (1415â1493) wirkte und dessen Werke in zentral- und osteuropĂ€ischen Handschriften ĂŒberliefert sind. Tourot stammte vermutlich aus Torhout in Westflandern (französisch: Thourout), worauf sowohl der Familienname als auch ein pĂ€pstliches Dokument vom 3. Juli 1460 hinweist, das ihn als Geistlichen der Diözese Tournai ausweist. Dieses bislang bedeutendste biografische Zeugnis â heute im Vatikanischen Archiv â belegt seine Funktion als Kantor in der Hofkapelle Kaiser Friedrichs III. (Amtszeit 1440â1493). Im Rahmen dieser TĂ€tigkeit war er offenbar in Wien tĂ€tig und erhielt dort aus kaiserlicher Hand auch PfrĂŒnden, wie es fĂŒr Mitglieder der Hofkapelle ĂŒblich war. Zwischen 1450 und 1480 war Tourot als Komponist aktiv, wobei er im Umfeld bedeutender Zeitgenossen wie Johannes Ockeghem (um 1410â1497) oder Johannes Regis (um 1425âum 1496) wirkte. Seine Musik weist typische Merkmale der franko-flĂ€mischen Vokalpolyphonie auf, zeigt zugleich aber auch eine eigenstĂ€ndige Handschrift, die auf seine hohe Kunstfertigkeit als Kontrapunktist hinweist. Seine Werke sind in mehreren zentral- und osteuropĂ€ischen Handschriften ĂŒberliefert, darunter: die "Trienter Codices" (um 1445â1475, v.âŻa. Manuskripte 88 und 89), das Schedelsche Liederbuch (um 1460â1470), der "Codex SpeciĂĄlnik" (entstanden um 1470â1480), sowie der "Strahov-Codex" (2. HĂ€lfte des 15. Jahrhunderts). Besonders der Codex SpeciĂĄlnik war Grundlage fĂŒr eine exemplarische Aufnahme durch das Hilliard Ensemble (Aufnahme um 1995), und auch das Ensemble Cappella Mariana unter VojtÄch SemerĂĄd (geb. 1980) widmete ihm 2023 ein vollstĂ€ndiges PortrĂ€talbum (Johannes Tourot: Portrait of an Imperial Cantor, Label Pasacaille, PAS1124). Diese Produktion entstand in Zusammenarbeit mit der Alamire Foundation (gegrĂŒndet 1991) und wurde in Prag feierlich prĂ€sentiert â unter Anwesenheit von Vertretern der belgischen Stadt Torhout. Sein heute gesichertes Werk umfasst: die vierstimmige Missa âMonyelâ, die dreistimmige Missa âSine nomineâ, ein Magnificat sexti toni fĂŒr drei Stimmen, sowie neun Motetten, die ĂŒber verschiedene Handschriften verstreut erhalten sind. Nach 1466 verliert sich seine Spur in den Reichsrechnungen, was darauf hindeutet, dass seine TĂ€tigkeit am Hof Friedrichs III. (â 1493) in dieser Zeit endete. Ăber sein weiteres Leben und Todesdatum ist bislang nichts bekannt. Johannes Tourot bleibt ein faszinierender Vertreter der spĂ€tmittelalterlichen Musik zwischen Flandern und dem Reich â ein Komponist, dessen Wiederentdeckung gerade erst beginnt, dessen Werke aber bereits heute durch ihre hohe QualitĂ€t und stilistische Vielfalt beeindrucken. GD Portrait of an Imperial Cantor Johannes Tourot (* um 1430, â nach 1466) Capella Mariana unter der Leitung von VojtÄch SemerĂĄd (* 1984) https://www.youtube.com/watch?v=ms0MjEx2Nr4&list=OLAK5uy_nNIW9JpwGc2SKLPb2MKGp_BkqvbUgkzrw&index=3 Track 1: âAdieu m'amour, adieu ma joyeâ Originaltext (Mittelfranzösisch): "Adieu m'amour, adieu ma joye, Adieu le solas que j'avoye, Adieu ma leale mastresse! Le dire adieu tant fort me blesse, Qu'il me semble que morir doye. De desplaisir forment lermoye. Il n'est reconfort que je voye, Quant vous esloigne, ma princesse. Adieu m'amour, adieu ma joye, Adieu le solas que j'avoye, Adieu ma leale mastresse! Je prie a Dieu qu'il me convoye, Et doint que briefment vous revoye, Mon bien, m'amour et ma deesse! Car advis m'est, de ce que laisse, Qu'apres ma paine joye aroye. Adieu m'amour, adieu ma joye, Adieu le solas que j'avoye, Adieu ma leale mastresse! Le dire adieu tant fort me blesse, Qu'il me semble que morir doye." Deutsche Ăbersetzung: "Leb wohl, meine Liebe, leb wohl, meine Freude, Leb wohl, der Trost, den ich hatte, Leb wohl, meine treue Geliebte! Das Lebewohl zu sagen schmerzt mich so sehr, Dass es mir scheint, ich mĂŒsse sterben. Vor Kummer weine ich heftig. Es gibt keinen Trost, den ich sehe, Wenn du dich entfernst, meine Prinzessin. Leb wohl, meine Liebe, leb wohl, meine Freude, Leb wohl, der Trost, den ich hatte, Leb wohl, meine treue Geliebte! Ich bete zu Gott, dass er mich geleite, Und gewĂ€hre, dass ich dich bald wiedersehe, Mein GlĂŒck, meine Liebe und meine Göttin! Denn ich glaube, von dem, was ich verlasse, Dass ich nach meinem Schmerz Freude haben werde. Leb wohl, meine Liebe, leb wohl, meine Freude, Leb wohl, der Trost, den ich hatte, Leb wohl, meine treue Geliebte! Das Lebewohl zu sagen schmerzt mich so sehr, Dass es mir scheint, ich mĂŒsse sterben." âAdieu m'amour, adieu ma joyeâ ist ein vierstimmiges Chanson, das Johannes Tourout zugeschrieben wird. Es steht exemplarisch fĂŒr die franko-flĂ€mische Vokalpolyphonie des 15. Jahrhunderts. Das StĂŒck ist in mehreren zentral- und osteuropĂ€ischen Handschriften ĂŒberliefert, darunter der Codex SpeciĂĄlnik und die Trienter Codices. Es wurde auch von Guillaume Dufay (um 1397 - 1474) vertont, was auf die PopularitĂ€t des Textes in dieser Epoche hinweist. Die Komposition zeichnet sich durch eine kunstvolle Verflechtung der Stimmen aus, wobei jede Stimme melodisch eigenstĂ€ndig ist und dennoch harmonisch mit den anderen interagiert. Die melancholische Stimmung des Textes wird durch die modale Harmonik und die sanften Dissonanzen unterstrichen, die typisch fĂŒr die Musik dieser Zeit sind. In der Interpretation durch das Ensemble Cappella Mariana unter der Leitung von VojtÄch SemerĂĄd wird das Chanson mit groĂer SensibilitĂ€t und klanglicher Transparenz dargeboten. Die klare Artikulation und die ausgewogene Balance zwischen den Stimmen lassen die emotionale Tiefe und die kompositorische Raffinesse des Werkes eindrucksvoll zur Geltung kommen. Track 2: "O generosa nata David" Originaltext (Latein): "O generosa nata David, quia te praedixere prophetae, Spiritus sanctus in te veraciter spiravit verbum sanctum, quod in te impressit." Deutsche Ăbersetzung: "O edle Tochter Davids, da dich die Propheten vorhergesagt haben, hauchte der Heilige Geist wahrhaftig in dich das heilige Wort, das er in dich einprĂ€gte." âO generosa nata Davidâ ist eine dreistimmige Motette von Johannes Tourout), die sich durch ihre klare Struktur und tief empfundene SpiritualitĂ€t auszeichnet. Die Komposition ist in mehreren zentral- und osteuropĂ€ischen Handschriften ĂŒberliefert, darunter der Codex SpeciĂĄlnik und der Strahov-Codex. Die Motette beginnt mit einer feierlichen Anrufung der âedlen Tochter Davidsâ, einer Referenz auf Maria, die Mutter Jesu. Die Musik reflektiert die Ehrfurcht und das Staunen ĂŒber das göttliche Mysterium der Menschwerdung. Die Stimmen sind kunstvoll miteinander verwoben, wobei jede Stimme ihre eigene melodische Linie verfolgt, die harmonisch mit den anderen interagiert. In der Interpretation durch das Ensemble Cappella Mariana unter der Leitung von VojtÄch SemerĂĄd wird die Motette mit groĂer SensibilitĂ€t und klanglicher Transparenz dargeboten. Die klare Artikulation und die ausgewogene Balance zwischen den Stimmen lassen die emotionale Tiefe und die kompositorische Raffinesse des Werkes eindrucksvoll zur Geltung kommen. Track 3: âO gloriosa regina mundiâ Originaltext (Latein): "O gloriosa regina mundi, succurre nobis, tua benignitas." Deutsche Ăbersetzung: "O glorreiche Königin der Welt, komm uns zu Hilfe, du GĂŒtige." âO gloriosa regina mundiâ ist eine dreistimmige Motette von Johannes Tourout, die der Jungfrau Maria gewidmet ist. Das Werk ist in mehreren zentral- und osteuropĂ€ischen Handschriften ĂŒberliefert, darunter der Codex SpeciĂĄlnik und der Strahov-Codex. Die Motette zeichnet sich durch ihre klare Struktur und tief empfundene SpiritualitĂ€t aus. Die Komposition beginnt mit einer feierlichen Anrufung der âglorreichen Königin der Weltâ, einer Referenz auf Maria, die Mutter Jesu. Die Musik reflektiert die Ehrfurcht und das Staunen ĂŒber das göttliche Mysterium der Menschwerdung. Die Stimmen sind kunstvoll miteinander verwoben, wobei jede Stimme ihre eigene melodische Linie verfolgt, die harmonisch mit den anderen interagiert. In der Interpretation durch das Ensemble Cappella Mariana unter der Leitung von VojtÄch SemerĂĄd wird die Motette mit groĂer SensibilitĂ€t und klanglicher Transparenz dargeboten. Die klare Artikulation und die ausgewogene Balance zwischen den Stimmen lassen die emotionale Tiefe und die kompositorische Raffinesse des Werkes eindrucksvoll zur Geltung kommen. Track 4: âMais que ce fut secretementâ Originaltext (Mittelfranzösisch): "Mais que ce fut secretement Je lâay servie longuement En la plus belle obeissance Que cuer dâamant eust desirance. Et si lâay servie en tel guise Que je nâen ay eu nulle guise De recompense ne de joye, Et si nâay point changĂ© ma voye." Deutsche Ăbersetzung: "Auch wenn es im Verborgenen geschah, habe ich ihr lange gedient in der schönsten Unterwerfung, die ein Liebender sich nur wĂŒnschen könnte. Und ich habe ihr auf solche Weise gedient, dass ich keinerlei Belohnung oder Freude erhielt, und dennoch habe ich meinen Weg nicht geĂ€ndert." âMais que ce fut secretementâ ist eine dreistimmige Chanson, die Johannes Tourout zugeschrieben wird. Das Werk ist in mehreren zentral- und osteuropĂ€ischen Handschriften ĂŒberliefert, darunter der Codex SpeciĂĄlnik. Die Chanson zeichnet sich durch ihre klare Struktur und tief empfundene EmotionalitĂ€t aus. Die Komposition beginnt mit einer feierlichen Anrufung, die die Thematik der heimlichen Liebe aufgreift. Die Musik reflektiert die Sehnsucht und das Verlangen nach der Geliebten. Die Stimmen sind kunstvoll miteinander verwoben, wobei jede Stimme ihre eigene melodische Linie verfolgt, die harmonisch mit den anderen interagiert. In der Interpretation durch das Ensemble Cappella Mariana unter der Leitung von VojtÄch SemerĂĄd wird die Chanson mit groĂer SensibilitĂ€t und klanglicher Transparenz dargeboten. Die klare Artikulation und die ausgewogene Balance zwischen den Stimmen lassen die emotionale Tiefe und die kompositorische Raffinesse des Werkes eindrucksvoll zur Geltung kommen. Track 5: "O castitatis lilium" Originaltext (Latein): "O castitatis lilium O castitatis lilium et patientiae vas integrum, Maria, mater gratiae, mater misericordiae, sancta Dei genitrix, virgo virginum, erige miseros ad gaudium, perduc nos ad gloriam. Amen." Deutsche Ăbersetzung: "O Lilie der Reinheit, du unversehrtes GefÀà der Geduld, Maria, Mutter der Gnade, Mutter der Barmherzigkeit, heilige GottesgebĂ€rerin, Jungfrau der Jungfrauen, erhebe die Elenden zur Freude, fĂŒhre uns zur Herrlichkeit. Amen." Die Motette âO castitatis liliumâ ist ein geistliches Lobgesangswerk zu Ehren der Jungfrau Maria. Die Bildsprache ist typisch fĂŒr marianische Dichtung des SpĂ€tmittelalters: Maria erscheint als Lilie der Keuschheit und GefÀà der Geduld â traditionelle Symbole der Reinheit, Tugend und Demut. Tourout vertont diesen Text mit einer feinsinnigen, dreistimmigen Satztechnik, die sich durch ruhige melodische Linien, homophone Passagen und punktuell eingesetzte imitatorische Elemente auszeichnet. Die Komposition stammt vermutlich aus dem Umfeld der Habsburger Hofkapelle unter Kaiser Friedrich III. (Amtszeit 1440â1493) und knĂŒpft stilistisch an die franko-flĂ€mische Tradition des 15. Jahrhunderts an, etwa an Werke von Johannes Ockeghem (um 1410â1497) oder Antoine Busnois (um 1430â1492). Die Klangsprache ist getragen und meditativ â passend zur Bitte um himmlische FĂŒrsprache. Besonders der Schluss âperduc nos ad gloriamâ (âfĂŒhre uns zur Herrlichkeitâ) wird musikalisch als Höhepunkt gestaltet, als klanglicher Ausblick auf das ewige Heil. In der Interpretation durch Cappella Mariana unter VojtÄch SemerĂĄd entfaltet sich das Werk mit klanglicher Klarheit und vokaler Feinzeichnung. Die Stimmen greifen sanft ineinander, wobei jeder musikalische Gedanke mit kontemplativer WĂŒrde dargeboten wird â eine wĂŒrdige Huldigung an die Virgo virginum, die Jungfrau der Jungfrauen. Track 6: "O florens rosa" Originaltext (Latein): O florens rosa, speciosa, Dei mater gratiosa, Virgo sola gloriosa, Peccatorum miserere. Mundi regem proles veri, Ab ĂŽ caeli consessus, Miseris confratres feri, Salutaris esto nummus. Pro totius orbis crimine Deprecare filium, Ut deleatur scelus omne, Dans nobis suffragium." Deutsche Ăbersetzung: "O blĂŒhende, anmutige Rose, gnadenreiche Mutter Gottes, einzig ruhmreiche Jungfrau â erbarme dich der SĂŒnder! Dem König der Welt, deinem wahren Sohn, o du Sitz des Himmels, bring die Elenden, deine BrĂŒder, und sei uns Heil und Lösegeld. FĂŒr die Schuld der ganzen Welt flehe zu deinem Sohn, dass jede SĂŒnde getilgt werde â gewĂ€hre uns deine FĂŒrsprache." Die dreistrophige Motette âO florens rosaâ gehört zu den eindrucksvollsten marianischen Anrufungen im Schaffen von Johannes Tourout. In einer Sprache voller poetischer Bilder â etwa der blĂŒhenden Rose als Symbol der JungfrĂ€ulichkeit und Reinheit â wird Maria zugleich als Mittlerin, FĂŒrsprecherin und erlösende Mutter angesprochen. Musikalisch bewegt sich das Werk im idiomatischen Rahmen der spĂ€tmittelalterlichen franko-flĂ€mischen Vokalpolyphonie: drei eigenstĂ€ndige Stimmen entfalten sich in einem engen kontrapunktischen Geflecht, das zwischen klanglicher IntimitĂ€t und sakralem Ernst changiert. Die modale Grundlage der Komposition â wahrscheinlich im dorischen oder phrygischen Modus â verleiht dem StĂŒck eine ruhige WĂŒrde, wĂ€hrend kleine rhythmische Freiheiten die Gliederung der Verse nachzeichnen. Inhaltlich ist besonders die zweite Strophe bemerkenswert: Maria wird hier nicht nur als Mater Dei, sondern geradezu als heilbringende âMĂŒnzeâ (nummus salutaris) bezeichnet â ein eindrucksvolles Bild fĂŒr ihren Lösepreis-Charakter in der Heilsgeschichte. In der dritten Strophe wird sie dann zur FĂŒrsprecherin fĂŒr die ganze Welt, in einer Theologie, die an Bernhard von Clairvaux (1090 - 1153) oder die marianischen Sequenzen des 13.â15. Jahrhunderts erinnert. Die Interpretation durch Cappella Mariana unter der Leitung von VojtÄch SemerĂĄd bringt die klangliche Transparenz und die expressive ZurĂŒckhaltung dieser Motette meisterhaft zur Geltung. Der Text wird in kontemplativer Ruhe getragen, die polyphonen Linien bleiben stets klar und ausbalanciert. Der flehentliche Schluss âdans nobis suffragiumâ bildet einen wĂŒrdigen Abschluss dieser innigen marianischen Bitte. Track 7: âFors seulementâ Originaltext (Mittelfranzösisch): "Fors seulement lâattente que je meure, En mon las cueur nul espoir ne demeure, Car mon malheur si tresfort me tourmente Quâil nâest douleur que pour vous je ne sente, Pour ce que suis de vous perdre bien seure. Vostre rigueur tellement mây quert seure Quâen ce parti il fault que je mâasseure, Dont je nâay bien qui en riens me contente Fors seulement lâattente que je meure, En mon las cueur nul espoir ne demeure, Car mon malheur si tresfort me tourmente. Mon desconfort toute seule je pleure En maudisant sur ma foy Ă toute heure Ma leaulte qui tant me fait dolente. Las que je suis de vivre malcontente Quant de par vous nâay riens qui me demeure Fors seulement lâattente que je meure, En mon las cueur nul espoir ne demeure, Car mon malheur si tresfort me tourmente Quâil nâest douleur que pour vous je ne sente, Pour ce que suis de vous perdre bien seure." Deutsche Ăbersetzung: "Nur noch die Erwartung meines Todes Bleibt in meinem mĂŒden Herzen, keine Hoffnung mehr, Denn mein groĂes UnglĂŒck quĂ€lt mich so sehr, Dass ich keinen Schmerz empfinde, der nicht von dir kommt, Weil ich sicher bin, dich zu verlieren. Deine Strenge verfolgt mich so sehr, Dass ich in dieser Lage Gewissheit finden muss, Wodurch ich nichts habe, das mich in irgendeiner Weise erfreut, Nur noch die Erwartung meines Todes Bleibt in meinem mĂŒden Herzen, keine Hoffnung mehr, Denn mein groĂes UnglĂŒck quĂ€lt mich so sehr. Mein Kummer weine ich ganz allein, Verfluchend meinen Glauben zu jeder Stunde, Meine Treue, die mich so sehr schmerzt. Ach, wie unzufrieden bin ich mit dem Leben, Da ich von dir nichts mehr habe, was mir bleibt, Nur noch die Erwartung meines Todes Bleibt in meinem mĂŒden Herzen, keine Hoffnung mehr, Denn mein groĂes UnglĂŒck quĂ€lt mich so sehr, Dass ich keinen Schmerz empfinde, der nicht von dir kommt, Weil ich sicher bin, dich zu verlieren." âFors seulementâ ist eine der bekanntesten Chansons des 15. Jahrhunderts und wurde von zahlreichen Komponisten vertont, darunter Johannes Ockeghem, Josquin Desprez und Antoine Brumel. Die Version von Johannes Tourout reiht sich in diese Tradition ein und zeigt seine FĂ€higkeit, emotionale Tiefe mit musikalischer Raffinesse zu verbinden. Die Chanson ist in der Form eines Rondeaus verfasst, einer beliebten Liedform des Mittelalters, die sich durch ihre Wiederholungsstruktur auszeichnet. Tourouts Vertonung nutzt die dreistimmige Satzweise, wobei jede Stimme eine eigenstĂ€ndige melodische Linie verfolgt, die harmonisch mit den anderen interagiert. Die Musik spiegelt die Verzweiflung und das Leid des lyrischen Ichs wider, das sich in der Erwartung des Todes befindet, da es keine Hoffnung mehr auf die Liebe der Angebeteten hat. In der Interpretation durch das Ensemble Cappella Mariana unter der Leitung von VojtÄch SemerĂĄd wird die Chanson mit groĂer SensibilitĂ€t und klanglicher Transparenz dargeboten. Die klare Artikulation und die ausgewogene Balance zwischen den Stimmen lassen die emotionale Tiefe und die kompositorische Raffinesse des Werkes eindrucksvoll zur Geltung kommen. Track 8: âO gloriosa reginaâ (Instrumental Version) Die instrumentale Version von âO gloriosa reginaâ bietet eine neue Perspektive auf Johannes Tourouts Motette. Die Entscheidung, dieses Werk rein instrumental zu prĂ€sentieren, ermöglicht es, die polyphone Struktur und die harmonischen Feinheiten ohne den Einfluss des Textes zu erleben. Im 15. Jahrhundert war es ĂŒblich, vokale Kompositionen auch instrumental aufzufĂŒhren. Diese Praxis erlaubte es Musikern, die melodischen und rhythmischen Elemente eines Werkes hervorzuheben und bot gleichzeitig FlexibilitĂ€t in der AuffĂŒhrungspraxis. In dieser Aufnahme interpretiert das Ensemble Cappella Mariana unter der Leitung von VojtÄch SemerĂĄd die Motette mit historischen Instrumenten wie der Vielle, Renaissance-Blockflöten und der Viola da Gamba. Diese Instrumentierung verleiht dem StĂŒck eine besondere Klangfarbe und unterstreicht die modale Harmonik sowie die kontrapunktischen Linien der Komposition. Die instrumentale Darbietung hebt die musikalische Raffinesse von Tourouts Werk hervor und ermöglicht es dem Hörer, die Struktur und die melodischen Entwicklungen der Motette in ihrer reinen Form zu erleben. Dies bietet eine wertvolle ErgĂ€nzung zur vokalen Version und zeigt die Vielseitigkeit und Tiefe von Tourouts musikalischem Schaffen. Track 9: Magnificat quarti toni â I. Magnificat â II. "Et exultavit" Originaltext (Latein): "Magnificat anima mea Dominum Et exultavit spiritus meus in Deo salutari meo. Deutsche Ăbersetzung: "Meine Seele preist den Herrn und mein Geist jubelt ĂŒber Gott, meinen Retter." Der Magnificat quarti toni von Johannes Tourout ist eine Vertonung des Lobgesangs der Maria, wie er im Lukasevangelium ĂŒberliefert ist. Der Titel âquarti toniâ verweist auf den vierten der acht traditionellen Kirchentöne, den sogenannten Hypophrygischen Modus, der durch seine ernste und kontemplative Klangfarbe charakterisiert ist. In den ersten beiden Versen entfaltet Tourout eine dreistimmige Polyphonie, die durch klare LinienfĂŒhrung und harmonische Ausgewogenheit besticht. Die Stimmen sind kunstvoll miteinander verwoben, wobei jede Stimme ihre eigene melodische Linie verfolgt, die harmonisch mit den anderen interagiert. Die Musik reflektiert die Ehrfurcht und das Staunen ĂŒber das göttliche Mysterium der Menschwerdung. Die Interpretation durch das Ensemble Cappella Mariana unter der Leitung von VojtÄch SemerĂĄd bringt die klangliche Transparenz und die expressive ZurĂŒckhaltung dieser Motette meisterhaft zur Geltung. Der Text wird in kontemplativer Ruhe getragen, die polyphonen Linien bleiben stets klar und ausbalanciert. Der flehentliche Schluss âEt exultavit spiritus meus in Deo salutari meoâ bildet einen wĂŒrdigen Abschluss dieser innigen marianischen Bitte. Track 10: Magnificat quarti toni â III. "Quia respexit" â IV. "Quia fecit" Originaltext (Latein): "Quia respexit humilitatem ancillae suae: ecce enim ex hoc beatam me dicent omnes generationes. Quia fecit mihi magna qui potens est: et sanctum nomen eius." Deutsche Ăbersetzung: "Denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen: siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter. Denn der MĂ€chtige hat GroĂes an mir getan: und heilig ist sein Name." In den Versen "Quia respexit" und "Quia fecit" des Magnificat quarti toni entfaltet Johannes Tourout eine tief empfundene musikalische Meditation ĂŒber die Demut und das Lob Mariens. Der vierte Kirchenton, der sogenannte Hypophrygische Modus, verleiht diesen Abschnitten eine ernste und kontemplative Klangfarbe. Die Komposition zeichnet sich durch eine klare dreistimmige Polyphonie aus, in der jede Stimme eine eigenstĂ€ndige melodische Linie verfolgt, die harmonisch mit den anderen interagiert. Die Musik reflektiert die Ehrfurcht und das Staunen ĂŒber das göttliche Mysterium der Menschwerdung. In der Interpretation durch das Ensemble Cappella Mariana unter der Leitung von VojtÄch SemerĂĄd wird die Motette mit groĂer SensibilitĂ€t und klanglicher Transparenz dargeboten. Die klare Artikulation und die ausgewogene Balance zwischen den Stimmen lassen die emotionale Tiefe und die kompositorische Raffinesse des Werkes eindrucksvoll zur Geltung kommen. Track 11: Magnificat quarti toni â V. "Et misericordia" â VI. "Fecit potentiam" Originaltext (Latein): "Et misericordia eius a progenie in progenies timentibus eum. Fecit potentiam in brachio suo; dispersit superbos mente cordis sui." Deutsche Ăbersetzung: "Und seine Barmherzigkeit wĂ€hrt von Generation zu Generation fĂŒr die, die ihn fĂŒrchten. Er hat Macht vollbracht mit seinem Arm; er hat die HochmĂŒtigen zerstreut in der Gesinnung ihres Herzens." In den Versen "Et misericordia" und "Fecit potentiam" des Magnificat quarti toni entfaltet Johannes Tourout eine tief empfundene musikalische Meditation ĂŒber die Barmherzigkeit und die Macht Gottes. Der vierte Kirchenton, der sogenannte Hypophrygische Modus, verleiht diesen Abschnitten eine ernste und kontemplative Klangfarbe. Die Komposition zeichnet sich durch eine klare dreistimmige Polyphonie aus, in der jede Stimme eine eigenstĂ€ndige melodische Linie verfolgt, die harmonisch mit den anderen interagiert. Die Musik reflektiert die Ehrfurcht und das Staunen ĂŒber das göttliche Mysterium der Menschwerdung. In der Interpretation durch das Ensemble Cappella Mariana unter der Leitung von VojtÄch SemerĂĄd wird die Motette mit groĂer SensibilitĂ€t und klanglicher Transparenz dargeboten. Die klare Artikulation und die ausgewogene Balance zwischen den Stimmen lassen die emotionale Tiefe und die kompositorische Raffinesse des Werkes eindrucksvoll zur Geltung kommen. Track 12: Magnificat quarti toni â VII. "Deposuit potentes" â VIII. "Esurientes" Originaltext (Latein): "Deposuit potentes de sede et exaltavit humiles. Esurientes implevit bonis et divites dimisit inanes." Deutsche Ăbersetzung: "Er stieĂ die MĂ€chtigen vom Thron und erhob die Niedrigen. Die Hungrigen fĂŒllte er mit GĂŒtern und lieĂ die Reichen leer ausgehen." In den Versen Deposuit potentes und Esurientes des Magnificat quarti toni entfaltet Johannes Tourout eine tief empfundene musikalische Meditation ĂŒber die Umkehrung gesellschaftlicher VerhĂ€ltnisse durch göttliches Handeln. Der vierte Kirchenton, der sogenannte Hypophrygische Modus, verleiht diesen Abschnitten eine ernste und kontemplative Klangfarbe. Die Komposition zeichnet sich durch eine klare dreistimmige Polyphonie aus, in der jede Stimme eine eigenstĂ€ndige melodische Linie verfolgt, die harmonisch mit den anderen interagiert. Die Musik reflektiert die Ehrfurcht und das Staunen ĂŒber das göttliche Mysterium der Menschwerdung. In der Interpretation durch das Ensemble Cappella Mariana unter der Leitung von VojtÄch SemerĂĄd wird die Motette mit groĂer SensibilitĂ€t und klanglicher Transparenz dargeboten. Die klare Artikulation und die ausgewogene Balance zwischen den Stimmen lassen die emotionale Tiefe und die kompositorische Raffinesse des Werkes eindrucksvoll zur Geltung kommen. Track 13: Magnificat quarti toni â IX. "Suscepit Israel" â X. "Sicut locutus" Originaltext (Latein): "Suscepit Israel puerum suum, recordatus misericordiae suae. Sicut locutus est ad patres nostros, Abraham et semini eius in saecula." Deutsche Ăbersetzung: "Er hat sich seines Knechtes Israel angenommen, eingedenk seiner Barmherzigkeit. Wie er gesprochen hat zu unseren VĂ€tern, Abraham und seinem Samen in Ewigkeit." In den abschlieĂenden Versen "Suscepit Israel" und "Sicut locutus" des Magnificat quarti toni entfaltet Johannes Tourout eine tief empfundene musikalische Meditation ĂŒber die Treue Gottes zu seinem Volk und die ErfĂŒllung seiner VerheiĂungen. Der vierte Kirchenton, der sogenannte Hypophrygische Modus, verleiht diesen Abschnitten eine ernste und kontemplative Klangfarbe. Die Komposition zeichnet sich durch eine klare dreistimmige Polyphonie aus, in der jede Stimme eine eigenstĂ€ndige melodische Linie verfolgt, die harmonisch mit den anderen interagiert. Die Musik reflektiert die Ehrfurcht und das Staunen ĂŒber das göttliche Mysterium der Menschwerdung. In der Interpretation durch das Ensemble Cappella Mariana unter der Leitung von VojtÄch SemerĂĄd wird die Motette mit groĂer SensibilitĂ€t und klanglicher Transparenz dargeboten. Die klare Artikulation und die ausgewogene Balance zwischen den Stimmen lassen die emotionale Tiefe und die kompositorische Raffinesse des Werkes eindrucksvoll zur Geltung kommen. Track 14: Magnificat quarti toni â XI. "Gloria Patri" â XII. "Sicut erat" Originaltext (Latein): "Gloria Patri, et Filio, et Spiritui Sancto. Sicut erat in principio, et nunc, et semper, et in saecula saeculorum. Amen." Deutsche Ăbersetzung: "Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist. Wie es war im Anfang, so auch jetzt und immerdar und in Ewigkeit. Amen." In den abschlieĂenden Versen "Gloria Patri" und "Sicut erat" des Magnificat quarti toni von Johannes Tourout findet das Werk seinen feierlichen Abschluss. Die Doxologie, die das Magnificat traditionell beschlieĂt, wird hier in einer dreistimmigen Polyphonie prĂ€sentiert, die durch klare LinienfĂŒhrung und harmonische Ausgewogenheit besticht. Die Musik reflektiert die Ehrfurcht und das Staunen ĂŒber das göttliche Mysterium der Dreifaltigkeit. Die Stimmen sind kunstvoll miteinander verwoben, wobei jede Stimme ihre eigene melodische Linie verfolgt, die harmonisch mit den anderen interagiert. In der Interpretation durch das Ensemble Cappella Mariana unter der Leitung von VojtÄch SemerĂĄd wird die Motette mit groĂer SensibilitĂ€t und klanglicher Transparenz dargeboten. Die klare Artikulation und die ausgewogene Balance zwischen den Stimmen lassen die emotionale Tiefe und die kompositorische Raffinesse des Werkes eindrucksvoll zur Geltung kommen. Track 15: "Mon Ćil lamente" Originaltext (Mittelfranzösisch): "Mon Ćil lamente, Mon cueur dolente, Mon dueil tourmente Et importune, Quant je regard Dâun oultre regard Ce que mon cueur endure." Deutsche Ăbersetzung: "Mein Auge klagt, mein Herz ist voller Schmerz, meine Trauer quĂ€lt und bedrĂ€ngt mich, wenn ich betrachte mit tiefem Blick was mein Herz ertrĂ€gt." Die kurze, aber eindringliche Chanson âMon Ćil lamenteâ ist ein Beispiel fĂŒr Johannes Tourouts FĂ€higkeit, subtile lyrische Affekte mit schlichter, aber ausdrucksstarker Musik zu verbinden. Die aus sieben Versen bestehende Miniatur in französischer Sprache verweist durch Vokabular und Metrik klar in den Bereich der spĂ€tmittelalterlichen Klagepoesie, wie sie auch bei Dufay, Binchois oder Gilles Binchois (um 1400â1460) anzutreffen ist. Inhaltlich steht das StĂŒck ganz im Zeichen des persönlichen Schmerzes: Blick (Ćil), Herz (cueur) und Leid (dueil) werden als drei Quellen innerer Zerrissenheit genannt â eine Art dreifacher Affektstruktur, wie sie fĂŒr höfisch-elegische Liebesklagen des 15. Jahrhunderts typisch ist. Musikalisch besticht die Komposition durch eine klare Dreistimmigkeit mit schlichter Imitationstechnik, enger StimmfĂŒhrung und klanglich weicher Dissonanzbehandlung. Die ModalitĂ€t (vermutlich phrygisch) verstĂ€rkt den melancholischen Ausdruck, wĂ€hrend sich die LinienfĂŒhrung vor allem im Alt- und Tenorbereich entfaltet. Tourout verzichtet auf ĂŒbermĂ€Ăige VirtuositĂ€t zugunsten einer intimen, fast resignativen Klangsprache. Die Interpretation durch das Ensemble Cappella Mariana unter VojtÄch SemerĂĄd erweist sich hier als besonders stilsicher: Mit subtiler Klangbalance und zurĂŒckhaltender Phrasierung lĂ€sst die Aufnahme die emotionale Tiefe der Musik durchscheinen â eine meditative, stille Elegie am Rande des höfischen Ausdrucksrepertoires. Tracks 16â19: Missa âMon Ćilâ â Messe auf ein weltliches Chanson Die vierteilige Messe âMon Ćilâ gehört zu jenen Vokalzyklen des 15. Jahrhunderts, die auf einem weltlichen Lied basieren â hier auf Tourouts eigener Chanson "Mon Ćil lamente" (Track 15). Dieses Verfahren, eine Messe auf einem weltlichen Cantus firmus oder thematischen Material aufzubauen, war im 15. Jahrhundert weit verbreitet und wurde von Komponisten wie Guillaume Dufay (1397â1474), Johannes Ockeghem (um 1410â1497) und Antoine Busnois (um 1430â1492) meisterhaft kultiviert. Die Messe ist dreistimmig und folgt dem klassischen Ordinarium-Modell: Track 16: Kyrie, Track 17: Gloria, Track 18: Credo, Track 19: Sanctus und Agnus Dei Der zentrale Bezugspunkt der Messe ist das Material der Chanson "Mon Ćil lamente", das in paraphrasierter oder kontrapunktisch umspielter Form in verschiedenen Stimmen erklingt. Tourout wendet hier eine Mischform von Tenor- und paraphrasierter Cantus-firmus-Technik an â die Themen sind zwar prĂ€sent, aber nie mechanisch eingewoben. Sie erscheinen frei verarbeitet in verschiedenen Stimmen, oft in rhythmisch abgewandelter Form. Die Messe zeichnet sich durch eine betonte LinearitĂ€t der Stimmen aus â typische Merkmale der franko-flĂ€mischen Schule sind erkennbar: motivische Imitationen, klanglich ausgeglichene Satzstruktur, flieĂende rhythmische Gestaltung mit gelegentlichen Synkopen zur AusdrucksverstĂ€rkung. Insbesondere im Kyrie und Agnus Dei entfaltet sich eine fast kontemplative AtmosphĂ€re, wĂ€hrend Gloria und Credo textbedingt etwas lebhafter und syllabischer gefasst sind. Die Satzweise bleibt ĂŒbersichtlich, aber niemals monoton. Tourout kombiniert schlichte Harmonik mit raffinierten Dissonanzen auf Akzentwörtern â etwa in der Passage âEt incarnatus estâ im Credo oder âmiserere nobisâ im Agnus Dei. Die Messe ist vokal gut singbar und setzt eher auf Ausdruckskraft als auf VirtuositĂ€t â ein Charakteristikum vieler Messvertonungen im Umkreis der habsburgischen Hofkapelle unter Kaiser Friedrich III. (Amtszeit 1440â1493). Das Ensemble Cappella Mariana unter VojtÄch SemerĂĄd interpretiert die Messe mit sensibler LinienfĂŒhrung, klarer Artikulation und makelloser Intonation. Die polyphonen Stimmen bleiben stets transparent, wobei die klangliche Schlichtheit der Messe in den Vordergrund tritt. Besonders das Agnus Dei erhĂ€lt durch die zurĂŒckhaltende Gestaltung eine eindrucksvolle spirituelle Tiefe. Die Missa âMon Ćilâ steht exemplarisch fĂŒr eine Gattungspraxis, die im 15. Jahrhundert zwischen weltlichem Lied und geistlichem Kult oszillierte. Tourout zeigt sich hier als ein Komponist, der nicht nur höfische Eleganz beherrscht, sondern auch in der Gattung der Messe eine persönliche Handschrift einbringt: poetisch, konzentriert, voll innerer Ruhe. Seine Musik stellt eine BrĂŒcke zwischen der Chansonkunst Burgunds und der geistlichen Polyphonie Mitteleuropas dar.
