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  • Franz Liszt | Alte Musik und Klassik

    Franz Liszt (1811–1886) Chronik eines Lebens zwischen Virtuosentum, Komposition, Religion und persönlicher Tragödie Ein Weg durch sein Werk Herkunft, Kindheit und erste Ausbildung: 1811–1823 22. Oktober 1811 – Doborján bei Ödenburg, Königreich Ungarn, Habsburgermonarchie. Franz Liszt (ungarisch Liszt Ferencz) wird als Franciscus Liszt [ˈfɛrɛnt͡s ˈlist] geboren. Sein Geburtsort Doborján heißt heute Raiding und liegt im österreichischen Burgenland, etwa fünfzig Kilometer südöstlich von Wien. Das Dorf gehörte damals zum westungarischen Besitzkomplex der Fürsten Esterházy. 23. Oktober 1811 – Doborján. Taufe Franz Liszts in der katholischen Kirche des Ortes. Die Familie gebrauchte im Alltag überwiegend Deutsch; Liszt wuchs nicht mit Ungarisch als Muttersprache auf. Erst später bemühte er sich um die Sprache seines Herkunftslandes, die er jedoch nie vollkommen sicher beherrschte. 1811 – Familie. Der Vater Adam Liszt (1776–1827) ist Beamter im Dienst des Fürsten Nikolaus II. Esterházy (1765–1833). Er verwaltet einen Teil der herrschaftlichen Landwirtschaft, vor allem die Schafzucht. Zugleich ist er ein ernsthafter Liebhabermusiker: Er spielt Violoncello, Klavier, Violine und Gitarre und hat noch Kontakte zur musikalischen Welt des Esterházy-Hofes, an dem Joseph Haydn (1732–1809) jahrzehntelang gewirkt hatte. Adam Liszt (1776–1827) - Vater von Franz Liszt 1811 – Familie. Die Mutter Maria Anna Liszt, geborene Lager (1788–1866), stammt aus österreichisch-deutschem Milieu. Sie hatte keine besondere musikalische Ausbildung, wurde aber während des gesamten Lebens ihres Sohnes zu seiner wichtigsten familiären Stütze. um 1817–1818 – Doborján. Der etwa sechsjährige Franz beginnt, dem Klavierspiel seines Vaters aufmerksam zuzuhören. Adam Liszt erkennt die ungewöhnliche musikalische Begabung seines einzigen Kindes und übernimmt den ersten Unterricht. 1819–1820 – Doborján und Ödenburg. Der Knabe übt außerordentlich intensiv. Zeitgenössische Berichte beschreiben ihn als körperlich zart, blass und empfindlich; zugleich besitzt er eine erstaunliche Ausdauer am Klavier. Schon früh gilt er im regionalen Umfeld als Wunderkind. 26. November 1820 – Ödenburg. Erstes öffentliches Konzert des neunjährigen Franz Liszt. Der Erfolg ist so groß, dass ungarische Magnaten und Angehörige des niederen Adels eine mehrjährige finanzielle Unterstützung für seine Ausbildung zusagen. 1821 – Eisenstadt. Liszt spielt im Umfeld des Esterházy-Hofes. Die Nähe zu jener höfischen Musiktradition, in der Haydn lange gewirkt hatte, prägt seine frühen Vorstellungen von musikalischer Kunst und gesellschaftlicher Repräsentation. Dezember 1821 – Wien. Adam Liszt zieht mit seinem Sohn nach Wien. Franz erhält Klavierunterricht bei Carl Czerny (1791–1857), einem Schüler Ludwig van Beethovens (1770–1827). Czerny erkennt sofort die technische Ausnahmebegabung des Kindes und unterrichtet ihn nach eigener Aussage unentgeltlich. 1822–1823 – Wien. Unterricht in Theorie und Komposition bei Antonio Salieri (1750–1825). Liszt erhält damit eine solide Grundlage im traditionellen Satz, in Kontrapunkt, Harmonie und geistlicher Musik. Der später oft wiederholte Eindruck, Liszt sei als Komponist völlig Autodidakt gewesen, ist daher nur teilweise richtig: Seine formale Ausbildung blieb begrenzt, aber keineswegs bedeutungslos. 13. April 1823 – Wien. Konzert Liszts im Landständischen Saal. Die oft erzählte Geschichte, Beethoven habe den Zwölfjährigen danach umarmt oder geküsst, gehört zur Liszt-Legende; eine zeitgenössisch sichere Bestätigung dafür gibt es nicht. Sicher ist jedoch, dass Beethoven für Liszt lebenslang eine zentrale geistige Autorität blieb. Frühjahr 1823 – Wien und Pest. Abschiedskonzerte vor der geplanten Übersiedlung nach Paris. Der Junge wird nun als europäisches Wunderkind vermarktet, nicht mehr nur als regionale Begabung. Franz Liszt (1811–1886) Paris, London und der frühe Ruhm: 1823–1827 September 1823 – Paris. Franz Liszt kommt mit seinen Eltern nach Paris. Adam Liszt hofft auf eine Aufnahme seines Sohnes in das Conservatoire. 1823 – Paris. Luigi Cherubini (1760–1842), Direktor des Conservatoire, verweigert Liszt die Aufnahme. Ausländer durften damals die Institution nicht besuchen. Liszt wird daher privat unterrichtet. 1823–1824 – Paris. Unterricht bei Anton Reicha (1770–1836) in Theorie und Komposition sowie bei Ferdinando Paër (1771–1839) im Bereich der Oper und des Gesangs. Diese Studien führen zu Liszts einziger früher Oper. 8. März 1824 – Paris. Erstes öffentliches Konzert in Paris. Liszt wird sofort zu einer Sensation des mondänen Musiklebens. Presse und Publikum sehen in ihm ein Wunderkind, dessen technische Möglichkeiten weit über das Gewohnte hinausgehen. 1824–1825 – Frankreich und England. Konzertreisen mit Adam Liszt. Franz spielt in Paris, in Provinzstädten und mehrfach in London. Er tritt vor König Georg IV. (1762–1830) auf und wird in England gefeiert. 17. Oktober 1825 – Paris, Opéra. Uraufführung von Liszts Oper Don Sanche, ou le château d’amour. Das Werk wird freundlich aufgenommen, bleibt aber nur wenige Male auf dem Spielplan. Liszt verfolgt den Weg des Opernkomponisten später nicht weiter. 1825–1827 – Frankreich und England. Weitere Reisen. Der jugendliche Liszt wird zunehmend erschöpft; sein Vater organisiert nahezu jeden Aspekt seines Lebens, von den Verträgen bis zu den Konzertprogrammen. 26. August 1827 – Boulogne-sur-Mer. Adam Liszt stirbt während einer Reise plötzlich an Typhus. Franz ist erst fünfzehn Jahre alt. Der Tod des Vaters beendet die geschützte Kindheit abrupt und zwingt ihn, Verantwortung für sich und seine Mutter zu übernehmen. Krise, Depression und geistige Suche: 1827–1833 Herbst 1827 – Paris. Liszt kehrt mit seiner Mutter nach Paris zurück. Er zieht sich für längere Zeit fast vollständig vom öffentlichen Konzertleben zurück. 1827–1830 – Paris. Liszt erteilt Klavierunterricht, um den Lebensunterhalt für sich und seine Mutter zu sichern. Er gerät in eine schwere seelische Krise; zeitgenössische Berichte sprechen von depressiven Zuständen, religiöser Grübelei und der Absicht, in ein geistliches Leben einzutreten. 1827–1828 – Paris. Liebesbeziehung zu Caroline de Saint-Cricq (1810–1872), Tochter eines einflussreichen Pariser Beamten. Die Familie verhindert eine Verbindung. Die Trennung verstärkt Liszts psychische Erschütterung. 1828–1830 – Paris. Liszt komponiert nur wenig. Er beschäftigt sich intensiv mit Religion, Philosophie und Literatur. Seine späteren geistlichen Werke wurzeln nicht erst in den römischen Jahren, sondern auch in dieser frühen Krise. Juli 1830 – Paris. Die Julirevolution erschüttert Frankreich. Liszt entwirft eine revolutionäre Symphonie, die unvollendet bleibt; später verarbeitet er Material daraus in der symphonischen Dichtung Héroïde funèbre. 4. Dezember 1830 – Paris. Liszt begegnet Hector Berlioz (1803–1869), unmittelbar vor der Uraufführung von dessen Symphonie fantastique. Die Freundschaft mit Berlioz wird für Liszts ästhetische Entwicklung entscheidend: Er erkennt die Möglichkeiten der Programmmusik, der neuen Orchesterfarbe und der musikalischen Idee jenseits traditioneller Formen. 1831 – Paris. Begegnung mit Frédéric Chopin (1810–1849). Zwischen beiden entsteht ein Verhältnis gegenseitiger Achtung, aber keine wirkliche persönliche Nähe. Liszt bewundert Chopins poetische Originalität; Chopin schätzt Liszts Begabung, steht seinem öffentlichen Virtuosentum aber oft kritisch gegenüber. https://www.youtube.com/watch?v=oQRe2NAtFMc April 1832 – Paris. Liszt hört Niccolò Paganini (1782–1840). Das Erlebnis wird zum Wendepunkt: Paganinis dämonische Violintechnik gibt Liszt das Modell für eine neue pianistische Kunst. Liszt beschließt, für das Klavier zu erreichen, was Paganini auf der Violine verwirklicht hatte. 1832–1834 – Paris. Liszt arbeitet bis zu vierzehn Stunden täglich an seiner Technik. Er entwickelt Sprungtechnik, Oktavenspiel, rasende Passagen, orchestrale Klangillusionen und die Fähigkeit, das Klavier wie ein ganzes Ensemble wirken zu lassen. 1833 – Paris. Begegnung mit Marie d’Agoult (1805–1876), einer verheirateten Gräfin deutscher und französischer Herkunft. Sie wird Liszts erste große Lebensgefährtin und später unter dem Namen Daniel Stern als Schriftstellerin und Historikerin bekannt. Marie d’Agoult, Schweiz und Italien: 1834–1839 Marie d’Agoult (1805–1876), 1843, Ölgemälde von Henri Lehmann (1814–1882) 1834 – Paris. Liszt tritt wieder stärker öffentlich auf. Zugleich entwickelt sich seine Beziehung zu Marie d’Agoult zu einem gesellschaftlichen Skandal, da sie noch verheiratet ist. 1834–1835 – Paris. Liszt schreibt Essays über Kunst, Musik und die gesellschaftliche Stellung des Künstlers. Er entwickelt die Vorstellung, der Künstler müsse nicht bloß Unterhaltung liefern, sondern eine geistige und moralische Aufgabe erfüllen. Juni 1835 – Genf. Liszt und Marie d’Agoult verlassen Paris und leben zunächst in der Schweiz. Liszt unterrichtet am Conservatoire de Genève, gibt Konzerte und beginnt an den Eindrücken der Schweizer Landschaft musikalisch zu arbeiten. 18. Dezember 1835 – Genf. Geburt der Tochter Blandine Rachel Liszt (1835–1862). Sie wird später Émile Ollivier (1825–1913), dem späteren französischen Ministerpräsidenten, heiraten. 1835–1836 – Schweiz. Entstehung zahlreicher musikalischer Skizzen, die später in die erste Folge der Années de pèlerinage eingehen. Naturerlebnis, Literatur und persönliche Empfindung verbinden sich in diesen Werken zu einer neuen Art poetischer Klaviermusik. 1836 – Schweiz und Paris. Liszt veröffentlicht seine berühmten Lettres d’un bachelier ès musique. Darin formuliert er ästhetische und gesellschaftliche Positionen, die ihn als Schriftsteller und Musikdenker zeigen. 1836–1837 – Paris. Liszt tritt wieder öffentlich auf. In den Salons wird ein Wettbewerb zwischen ihm und Sigismond Thalberg (1812–1871) inszeniert, dem damals wohl berühmtesten rivalisierenden Klaviervirtuosen Europas. Die spätere Legende eines „Klavierduells“ vereinfacht die Sache: Beide waren grundverschieden. Thalberg galt als aristokratisch, elegant und kontrolliert; Liszt als explosiv, visionär und technisch radikaler. Filmausschnitt: Liszt und Thalberg im Salon der Fürstin Cristina Belgiojoso (1808–1871), Paris, 31. März 1837. Der ungarisch-sowjetische Spielfilm Szerelmi álmok – Liszt („Liebesträume", Regie: Márton Keleti, 1970) gestaltet das berühmte Zusammentreffen der beiden Klaviervirtuosen als dramatisches „Duell“. Thalberg spielt darin seine effektvolle Fantasie über Rossinis Moses in Ägypten; Liszt antwortet mit dem stürmischen Mazeppa. Historisch ist dies jedoch kein genaues Konzertprogramm: Beim tatsächlichen Wohltätigkeitsabend spielte Thalberg zwar ebenfalls seine Moses-Fantasie, Liszt aber seine Fantaisie sur des motifs de Niobe („Große Fantasie über Motive aus Pacinis Oper Niobe“, S. 419) sowie eine Bearbeitung von Webers Konzertstück. Die Szene ist daher filmische Zuspitzung, trifft aber den ästhetischen Gegensatz gut: Thalbergs elegante, scheinbar mühelose Klangillusion gegen Liszts dämonische, dramatisch entflammte Virtuosität. Nach den Filmangaben erklingt Thalberg mit Sviatoslav Richter (1915–1997), Liszt mit György Cziffra (1921–1994). https://www.youtube.com/watch?v=tbZPddowCtM August 1837 – Italien. Liszt und Marie d’Agoult reisen nach Italien. Aufenthalte in Mailand, Bellagio, Venedig, Florenz, Rom und weiteren Städten prägen Liszts Kunst nachhaltig. 24. Dezember 1837 – Como. Geburt der Tochter Francesca Gaetana Cosima Liszt (1837–1930). Cosima wird später zunächst Hans von Bülow (1830–1894), dann Richard Wagner (1813–1883) heiraten und die Bayreuther Festspiele prägen. März 1838 – Pest. Eine verheerende Donauüberschwemmung zerstört große Teile der Stadt. Liszt erfährt in Venedig davon und reagiert sofort mit Benefizkonzerten für die Opfer. April 1838 – Wien. Liszt gibt eine triumphale Reihe von Wohltätigkeitskonzerten zugunsten der Flutopfer in Pest. Diese Hilfe wird zu einem entscheidenden Moment seiner bewussteren Bindung an Ungarn. 1838 – Italien. Arbeit an den späteren Années de pèlerinage, an Opernparaphrasen und an den frühen Fassungen der Paganini-Etüden. Liszt versteht das Klavier nun endgültig als ein Instrument, das Orchester, Gesang und dramatische Szene zugleich sein kann. 9. Mai 1839 – Rom. Geburt des Sohnes Daniel Liszt (1839–1859). Daniel gilt als hochbegabt, musikalisch und intellektuell außergewöhnlich, stirbt aber bereits im Alter von zwanzig Jahren an Tuberkulose. Herbst 1839 – Italien und Paris. Die Beziehung zwischen Liszt und Marie d’Agoult zerbricht zunehmend. Marie kehrt mit den beiden Töchtern nach Paris zurück; Liszt bleibt zunächst auf Reisen. Der europäische Virtuose: 1839–1847 1839–1840 – Wien und Ungarn. Liszt beginnt die große Periode seiner virtuosen Konzertreisen. Er spielt nicht nur in den musikalischen Metropolen, sondern in Städten, die bis dahin kaum internationale Klaviervirtuosen erlebt hatten. Dezember 1839 – Pressburg und Pest. Liszt wird in Ungarn begeistert empfangen. Seine nationale Zugehörigkeit wird nun öffentlich zum Thema; obwohl er sprachlich und kulturell weitgehend deutsch-französisch geprägt ist, identifiziert man ihn in Ungarn als nationale Symbolfigur. 1840–1847 – Europa. Liszt bereist Frankreich, England, Deutschland, Österreich, Ungarn, Böhmen, Polen, Russland, die Walachei, Moldau, die Türkei und weitere Regionen. Seine Tourneen sind beispiellos umfangreich. 1841 – Berlin. Höhepunkt der sogenannten Lisztomanie. Der Begriff wird von Heinrich Heine (1797–1856) geprägt. Liszts Konzerte lösen eine geradezu hysterische Publikumsbegeisterung aus; Frauen sammeln Handschuhe, Taschentücher oder zerbrochene Klaviersaiten als Erinnerungsstücke. 1841–1842 – Deutschland. Liszt festigt seinen Ruf als größter Pianist seiner Zeit. Sein Spiel wird von vielen als übernatürlich empfunden, von anderen als übertrieben oder theatralisch kritisiert. Gerade diese Spannung zwischen Bewunderung und Ablehnung begleitet ihn sein ganzes Leben. 1842 – Weimar. Großherzog Carl Friedrich von Sachsen-Weimar-Eisenach (1783–1853) ernennt Liszt zum Kapellmeister außer Dienst. Zunächst hat der Titel vor allem Ehrencharakter; später wird Weimar zu Liszts wichtigstem Wirkungsort. 1843–1844 – Europa. Liszt erweitert sein Repertoire an Opernparaphrasen, Liedtranskriptionen und Fantasien. Seine Bearbeitungen von Schubert-Liedern tragen wesentlich dazu bei, Schuberts Musik außerhalb Wiens bekannt zu machen. 1844 – Trennung von Marie d’Agoult. Die endgültige Entfremdung zwischen Liszt und Marie d’Agoult vertieft sich. Liszt übernimmt später die Verantwortung für die Erziehung der drei Kinder; Marie erlebt die Trennung als schwere persönliche Demütigung. 1845–1846 – Spanien, Portugal, Deutschland, Ungarn und Russland. Liszt setzt seine Reisen fort. Er entwickelt den Typus des Solokonzerts, bei dem ein einzelner Pianist ein ganzes Programm bestreitet. Den Begriff „Recital“ verwendet Liszt 1840 erstmals bewusst für diese neue Konzertform. 1846 – Bukarest, Jassy, Kiew und Odessa. Liszt reist weit in den Osten Europas. Seine Konzerte besitzen oft auch gesellschaftliche und wohltätige Funktion. Februar 1847 – Kiew. Liszt begegnet der Elisabeth Fürstin zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg-Ludwigsburg (1819–1887), geborene Iwanowska. Sie stammt aus polnischem Adel, ist mit Prinz Nikolaus zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg-Ludwigsburg (1812–1864) verheiratet und Mutter einer Tochter, Marie. Carolyne zu Sayn-Wittgenstein (1819–1887) Herbst 1847 – Woronince in Wolhynien. Liszt besucht Carolyne auf ihrem Gut. Die Begegnung verändert sein Leben. Carolyne drängt ihn, die rastlose Virtuosenlaufbahn zu beenden und sich ganz der Komposition zu widmen. September 1847 – Jelisawetgrad. Liszt gibt eines seiner letzten großen Konzerte als reisender Virtuose. Er beendet nicht vollständig das öffentliche Spiel, aber die Phase des ununterbrochen reisenden Konzertstars ist vorbei. Weimar: Komponist, Dirigent und Mittelpunkt der „Neudeutschen Schule“: 1848–1861 Juli 1848 – Weimar. Liszt zieht nach Weimar und nimmt seine Tätigkeit als Hofkapellmeister ernsthaft auf. Carolyne folgt ihm mit ihrer Tochter. Das Paar lebt zunächst getrennt, später offen zusammen. 1848–1849 – Weimar. Liszt beginnt eine neue Existenz: nicht mehr primär Virtuose, sondern Komponist, Dirigent, Lehrer, Organisator und Förderer anderer Künstler. 1849 – Weimar. Richard Wagner (1813–1883) flieht nach seiner Beteiligung am Dresdner Maiaufstand ins Exil. Liszt unterstützt ihn finanziell, organisatorisch und künstlerisch. Diese Freundschaft gehört zu den folgenreichsten Beziehungen der Musikgeschichte. 1849–1850 – Weimar. Liszt baut das Hoftheater zu einem Zentrum zeitgenössischer Musik aus. Er dirigiert Werke von Hector Berlioz (1803–1869), Robert Schumann (1810–1856), Richard Wagner, Giuseppe Verdi (1813–1901) und anderen Komponisten, die im etablierten Konzertbetrieb oft auf Widerstand stoßen. 28. August 1850 – Weimar. Uraufführung von Richard Wagners Lohengrin unter Liszts Leitung. Wagner lebt im Exil und kann selbst nicht anwesend sein. Liszt setzt damit ein Zeichen für die neue Musik und für seine Loyalität zu Wagner. 1850–1855 – Weimar. Entstehung oder Vollendung zahlreicher großer Werke: der ersten symphonischen Dichtungen, der beiden Klavierkonzerte, der Faust-Symphonie, der Dante-Symphonie, der h-Moll-Sonate sowie bedeutender geistlicher Werke. 1851 – Weimar. Liszt veröffentlicht seine Chopin-Biographie. Das Buch ist stark von Carolyne zu Sayn-Wittgenstein beeinflusst und nicht immer zuverlässig; dennoch prägt es das Chopin-Bild des 19. Jahrhunderts tief. 1851–1854 – Weimar. Liszt entwickelt die symphonische Dichtung zu einer eigenständigen Gattung. Werke wie Tasso, Les Préludes, Orpheus, Prometheus und Mazeppa verbinden literarische oder philosophische Ideen mit einer freien, thematisch verwandelnden musikalischen Form. 1853 – Weimar. Vollendung der h-Moll-Sonate. Das Werk sprengt die üblichen Grenzen der Klaviersonate und vereinigt mehrere traditionelle Satzfunktionen in einem großen, durch thematische Transformation zusammengehaltenen Bogen. 1853 – Zürich. Liszt besucht Wagner im Schweizer Exil. Die Freundschaft ist künstlerisch intensiv, aber nicht spannungsfrei; Wagner erwartet Hilfe und Bewunderung, Liszt versucht zugleich, seine eigene kompositorische Identität zu behaupten. 1854 – Weimar. Uraufführung der Faust-Symphonie. Liszt deutet Goethes Figuren Faust, Gretchen und Mephistopheles nicht erzählerisch, sondern psychologisch und musikalisch-symbolisch. 1855 – Weimar. Liszt fördert den jungen Joachim Raff (1822–1882), Peter Cornelius (1824–1874), Hans von Bülow (1830–1894) und zahlreiche weitere Musiker. Seine Meisterklasse wird zum Zentrum einer neuen Pianistengeneration. 1856 – Gran. Uraufführung der Graner Messe zur Weihe der restaurierten Basilika von Esztergom. Liszt verbindet hier großdimensionierte katholische Kirchenmusik mit modernem harmonischem Denken. 1857 – Weimar. Cosima Liszt heiratet den Pianisten und Dirigenten Hans von Bülow. Liszt schätzt Bülow als einen seiner begabtesten Schüler und wichtigsten künstlerischen Verbündeten. 7. November 1857 – Dresden. Uraufführung der Dante-Symphonie. Das Werk zeigt Liszts Verbindung von Literatur, religiöser Symbolik und orchestralem Experiment. 1858 – Weimar. Uraufführung von Peter Cornelius’ Oper Der Barbier von Bagdad. Eine gegen Liszt gerichtete öffentliche Störung und Intrigen am Weimarer Hof verschärfen die Spannungen. 1858 – Weimar. Liszt legt sein Amt als Hofkapellmeister faktisch nieder. Der Rückzug ist nicht nur eine persönliche Niederlage, sondern zeigt, wie heftig die Widerstände gegen seine musikalische Reformpolitik geworden sind. 1859 – Leipzig und Weimar. Franz Brendel (1811–1868) verwendet den Begriff „Neudeutsche Schule“ für den Kreis um Liszt, Berlioz und Wagner. Die Gegner, darunter viele Anhänger von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847), Robert Schumann (1810–1856) und später Johannes Brahms (1833–1897), sehen darin eine gefährliche Abkehr von klassischen Formen. 1859 – Verhältnis zu Mendelssohn Bartholdy. Mendelssohn hatte Liszts Pianistik und seinen Stil mit deutlicher Skepsis betrachtet. Er bewunderte dessen Begabung, empfand aber vieles als Effektkunst und misstraute dem ästhetischen Programm, das Virtuosentum, Literatur und musikalische Zukunftsvision verband. Liszt wiederum verehrte Mendelssohn als Komponisten, fühlte sich aber von dessen konservativerem Umfeld oft abgelehnt. 13. Dezember 1859 – Berlin. Liszts Sohn Daniel stirbt im Alter von zwanzig Jahren vermutlich an Tuberkulose. Liszt ist bei seinem Sohn. Der Verlust trifft ihn tief und verstärkt seine religiöse und existenzielle Hinwendung nach innen. Mai 1860 – Rom. Carolyne zu Sayn-Wittgenstein reist nach Rom, um die Annullierung ihrer Ehe endgültig zu erreichen. Liszt bleibt zunächst in Weimar zurück und verfällt in eine schwere Niedergeschlagenheit. Rom, geistliche Krise und „Abbé Liszt“: 1861–1869 20. Oktober 1861 – Rom. Liszt trifft in Rom ein. Die geplante Hochzeit mit Carolyne soll am folgenden Tag stattfinden. 22. Oktober 1861 – Rom. Die Eheschließung mit Carolyne zu Sayn-Wittgenstein scheitert in letzter Minute. Kirchliche und familiäre Einwände verhindern die Annullierung ihrer ersten Ehe. Liszt und Carolyne bleiben lebenslang verbunden, leben aber fortan nicht mehr als Paar zusammen. 1861–1863 – Rom. Liszt wohnt zunächst in der Via Felice. Er arbeitet verstärkt an geistlicher Musik und beschäftigt sich mit kirchlichen Reformfragen. 11. September 1862 – Saint-Tropez. Liszts älteste Tochter Blandine stirbt im Alter von sechsundzwanzig Jahren, kurz nach einer Geburt. Innerhalb von weniger als drei Jahren hat Liszt seinen einzigen Sohn und seine älteste Tochter verloren. 20. Juni 1863 – Kloster Madonna del Rosario bei Monte Mario, Rom. Liszt zieht in eine schlichte Unterkunft innerhalb des Klosters. Er besitzt dort ein Klavier und komponiert weiter. Der Rückzug ist kein Verstummen, sondern eine neue Phase konzentrierter, oft religiös geprägter Arbeit. 1863–1865 – Rom. Entstehung oder Fortführung großer geistlicher Projekte, darunter das Oratorium Christus. Liszt sucht eine Verbindung von Gregorianik, katholischer Liturgie, moderner Harmonik und persönlicher Frömmigkeit. 25. April 1865 – Rom. Franz Liszt empfängt aus den Händen des Kardinals Gustav Adolf zu Hohenlohe-Schillingsfürst (1823–1896) die Tonsur, das rituelle Scheren einer kleinen kahlen Stelle am Hinterkopf als äußerliches Zeichen des Eintritts in den geistlichen Stand. Damit gehörte er offiziell dem Klerus an, ohne jedoch Priester zu werden. 30. und 31. Juli 1865 – Tivoli bei Rom. Unter dem Pontifikat Papst Pius’ IX. (1846–1878) empfängt Liszt durch Kardinal Gustav Adolf zu Hohenlohe-Schillingsfürst die vier niederen Weihen: das Ostiariat (Dienst des Türhüters beziehungsweise Aufsehers über den Zugang zur Kirche), das Lektorat (Beauftragung zur Lesung biblischer Texte im Gottesdienst), das Exorzistat (historisches Amt mit dem Auftrag zu Gebeten über Taufbewerber und zur Abwehr des Bösen) und das Akolythat (Dienst des Altardieners; Unterstützung des Priesters bei Messe und liturgischen Handlungen). Seitdem wurde er häufig als „Abbé Liszt“ bezeichnet. Die niederen Weihen bedeuteten jedoch keine Priesterweihe; Liszt empfing weder das Diakonat noch das Presbyterat. 1865 – Pest. Uraufführung der Legende von der heiligen Elisabeth. Liszt wird in Ungarn wieder stärker als nationale Symbolfigur wahrgenommen. 8. Juni 1867 – Buda, Matthias-Kirche. Aufführung der Ungarischen Krönungsmesse zur Krönung Kaiser Franz Josephs I. (1830–1916) und Elisabeths von Österreich (1837–1898) zu König und Königin von Ungarn. 1867–1868 – Rom. Liszt arbeitet weiter an geistlicher Musik, an Oratorien und an einer zunehmend kühnen, reduzierten Klaviersprache. 1869 – Weimar. Liszt kehrt regelmäßig nach Weimar zurück. Er beginnt dort wieder Meisterkurse zu geben, ohne Honorar zu verlangen. Seine Schüler kommen aus ganz Europa und aus Amerika. Das „vie trifurquée“: Rom, Weimar und Budapest: 1869–1886 1869 – Budapest. Liszt beginnt, regelmäßig auch in Ungarn zu leben und zu arbeiten. Sein späteres Leben verteilt sich auf drei Zentren: Rom im Winter, Budapest im Frühjahr und Herbst, Weimar im Sommer. 1869–1875 – Weimar. Liszts Meisterklassen prägen eine neue Pianistengeneration. Er verlangt nicht bloß technische Brillanz, sondern eine Auffassung des Werkes als geistige und dramatische Einheit. 1870 – Europa. Liszt erlebt den Deutsch-Französischen Krieg und die politische Umgestaltung Europas. Seine Musik bleibt europäisch, auch wenn nationale Bewegungen und nationale Schulen immer wichtiger werden. 1872 – Weimar. Die Verbindung zwischen Cosima und Richard Wagner ist inzwischen offenkundig. Cosima trennt sich von Hans von Bülow; Liszt erlebt diese Entwicklung schmerzhaft, bemüht sich aber um eine Versöhnung mit Wagner. 25. August 1870 – Luzern. Geburt Siegfried Wagners (1869–1930), Liszts Enkel. Liszt wird Großvater in einer familiären Konstellation, die lange von Spannungen, Loyalitäten und Verletzungen geprägt bleibt. Liszt - 1870 1873 – Budapest. Liszt nimmt verstärkt am musikalischen Leben Ungarns teil. Er dirigiert unter anderem Werke, die sich auf den ungarischen Nationaldichter Mihály Vörösmarty (1800–1855) und auf Ferenc Kölcsey (1790–1838) beziehen. 1873–1874 – Budapest. Die Planung einer nationalen Musikakademie nimmt konkrete Formen an. Liszt sieht darin die Möglichkeit, das ungarische Musikleben dauerhaft zu stärken. 21. Mai 1875 – Budapest. Liszt wird zum Präsidenten der Königlich-Ungarischen Musikakademie ernannt. Ferenc Erkel (1810–1893), der bedeutendste ungarische Opernkomponist seiner Generation, wird Direktor. 14. November 1875 – Budapest. Eröffnung der Akademie, der heutigen Franz-Liszt-Musikakademie. Liszt ist nicht anwesend, bleibt aber geistige Autorität und wichtigster Repräsentant der Institution. 1875–1880 – Budapest, Weimar und Rom. Liszt lebt nun endgültig in seinem dreigeteilten Jahresrhythmus. Er komponiert unablässig, unterrichtet, reist und hilft jungen Musikern oft finanziell oder durch Empfehlungen. 14. August 1879 – Albano. Liszt wird zum Ehrendomherrn von Albano ernannt. Die Ehrung unterstreicht seine bleibende Bindung an die katholische Kirche, ohne dass er je Priester wird. 1880–1883 – Weimar und Budapest. Liszt schreibt zunehmend knappe, harmonisch gewagte und oft düstere Werke: Nuages gris, Bagatelle sans tonalité, La lugubre gondola, späte Mephisto-Walzer und zahlreiche religiöse Klavierstücke. Diese Musik weist in ihrer Harmonik und formalen Konzentration weit über die romantische Tradition hinaus. 13. Februar 1883 – Venedig. Richard Wagner stirbt. Liszt ist tief erschüttert. Sein Verhältnis zu Wagner war nie frei von Konflikten, aber die Verbindung zwischen beiden blieb eine der stärksten künstlerischen Achsen seines Lebens. 1883 – Venedig. Liszt komponiert die beiden Fassungen von La lugubre gondola, entstanden im Umfeld von Wagners letztem Aufenthalt im Palazzo Vendramin. Die Musik wirkt wie eine Vorahnung und Trauermusik zugleich. 1884–1885 – Rom, Weimar und Budapest. Liszts Gesundheit verschlechtert sich. Er leidet unter Asthma, Schlaflosigkeit, Herzbeschwerden, Augenproblemen und allgemeiner körperlicher Erschöpfung. Dennoch reist er weiter und unterrichtet. 1885 – Budapest und Weimar. Liszt bleibt eine verehrte, aber keineswegs unumstrittene Gestalt. Viele jüngere Musiker bewundern ihn; andere sehen in seiner späten Musik nur Zerfall und Sonderbarkeit. Erst das 20. Jahrhundert erkennt deutlicher, wie weit diese Werke in die musikalische Zukunft weisen. Liszt ca. 1884 (± 2 Jahre) Januar 1886 – Rom. Liszt begegnet dem jungen Claude Debussy (1862–1918) in der Villa Medici. Debussy erlebt Liszts Spiel und erinnert sich später besonders an dessen Pedalgebrauch, den er wie ein Atmen empfunden habe. Frühjahr 1886 – Budapest und Weimar. Liszt ist bereits schwer geschwächt. Trotzdem erfüllt er Verpflichtungen, reist und arbeitet weiter. 20. Juli 1886 – Bayreuth. Liszt trifft zu den Bayreuther Festspielen ein, die von seiner Tochter Cosima geleitet werden. Er ist bereits krank, fiebrig und von Husten geplagt. 24.–30. Juli 1886 – Bayreuth. Sein Zustand verschlechtert sich. Liszt leidet an einer Lungenentzündung; zeitgenössische Beobachtungen nennen Fieber, Husten, Schwäche und zeitweise Delirien. Die genaue medizinische Ursache seines Todes wird in der Forschung unterschiedlich beurteilt; eine Lungenentzündung gilt als unmittelbare Todesursache, möglicherweise verbunden mit einem chronischen Herzleiden. 31. Juli 1886 – Bayreuth. Franz Liszt stirbt im Alter von vierundsiebzig Jahren in seinem Zimmer in der heutigen Wahnfriedstraße 9. Er stirbt während der Festspielzeit, im Schatten jenes Bayreuths, das durch Richard Wagner und Cosima Wagner geprägt worden war. 3. August 1886 – Bayreuther Stadtfriedhof. Beisetzung Franz Liszts. Er wird nicht in Ungarn, nicht in Weimar und nicht in Rom begraben, sondern in Bayreuth. Sein Grab bleibt bis heute dort. Die Grabanlage und das Grab von Franz Liszt auf dem Bayreuther Stadtfriedhof (Quelle: Wikipedia) Liszt in einem Satz Franz Liszt war nicht nur der größte Klaviervirtuose seiner Epoche. Er war zugleich ein europäischer Komponist zwischen Ungarn, Österreich, Frankreich, Deutschland und Italien; ein Förderer Berlioz’, Wagners und unzähliger jüngerer Musiker; ein Erfinder neuer pianistischen und orchestralen Ausdrucksformen; ein Mann großer Liebesbeziehungen und schwerer persönlicher Verluste; ein religiös suchender Katholik; und schließlich ein Komponist, dessen späte Musik bereits in eine Welt hineinweist, die erst nach seinem Tod verstanden wurde. Franz-Liszt-Denkmal auf dem Platz vor dem ehemaligen Wohnhaus Liszts in der Vörösmarty utca, unmittelbar beim heutigen Liszt Ferenc Emlékmúzeum. Dort lebte Franz Liszt von 1881 bis zu seinem Tod 1886 während seiner Aufenthalte in Budapest. Das Gebäude beherbergt heute das Liszt-Gedenkmuseum und Forschungszentrum. Spielfilm über Franz Liszt: Szerelmi álmok – Liszt („Liebesträume – Liszt", Ungarn 1970). Der ungarische Film schildert Liszts Leben nicht als nüchterne Dokumentation, sondern als großes, emotional verdichtetes Künstlerdrama. Im Mittelpunkt stehen der junge Klaviervirtuose, seine Beziehungen zu Marie d’Agoult (1805–1876) und Carolyne zu Sayn-Wittgenstein (1819–1887), die Freundschaften und Spannungen mit Chopin (1810–1849) und Richard Wagner (1813–1883), der Abschied vom virtuosen Wanderleben sowie die religiöse Suche der letzten Jahrzehnte. Der Film nimmt sich, wie fast jeder Künstlerfilm, dramatische Freiheiten. Dennoch kann er einen Zugang zu Liszt eröffnen: Seine Musik entstand nicht im luftleeren Raum, sondern aus außergewöhnlicher Begabung, rastloser Reisetätigkeit, leidenschaftlichen Bindungen, Enttäuschungen, religiöser Sehnsucht und schweren persönlichen Verlusten. Wer Liszts Klavierwerke, seine symphonischen Dichtungen oder seine geistliche Musik besser verstehen möchte, wird diesen Film daher mit Gewinn ansehen – nicht als historische Quelle, wohl aber als lebendige Annäherung an den Menschen hinter der Musik. Franz Liszt wird in seinen späteren Lebensjahren von Imre Sinkovits (1928–2001), als junger Mann von Sándor Oszter (1948–2021) dargestellt. https://www.youtube.com/watch?v=wtH6Sz4A93A Literatur Alan Walker: Franz Liszt. The Virtuoso Years, 1811–1847. Ithaca/London: Cornell University Press, 1983. Alan Walker: Franz Liszt. The Weimar Years, 1848–1861. Ithaca/London: Cornell University Press, 1989; revidierte Ausgabe 1993. Alan Walker: Franz Liszt. The Final Years, 1861–1886. Ithaca/London: Cornell University Press, 1996; Taschenbuchausgabe 1997. Klára Hamburger: Franz Liszt. Eine Biographie. Köln: Böhlau, 2010. Ben Arnold (Hrsg.): The Liszt Companion. Westport, Connecticut: Greenwood Press, 2002. Alan Walker: Reflections on Liszt. Ithaca/London: Cornell University Press, 2005. La Mara, eigentlich Marie Lipsius (1837–1927), Hrsg.: Franz Liszts Briefe. 8 Bände. Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1893–1905. Adrian Williams: Portrait of Liszt: By Himself and His Contemporaries. Oxford: Clarendon Press, 1990. Dana Gooley: The Virtuoso Liszt. Cambridge: Cambridge University Press, 2004. Kenneth Hamilton: Liszt: Sonata in B Minor. Cambridge: Cambridge University Press, 1996. Kenneth Hamilton: After the Golden Age: Romantic Pianism and Modern Performance. Oxford: Oxford University Press, 2008. Humphrey Searle: The Music of Liszt. London: Williams & Norgate, 1954; mehrfach nachgedruckt. New Liszt Edition / Neue Liszt-Ausgabe. Budapest: Editio Musica Budapest, seit 1970. James Deaville: The Symphonic Poems of Franz Liszt. Stuyvesant, New York: Pendragon Press, 1990. Detlef Altenburg: Franz Liszt und die Neudeutsche Schule. Laaber: Laaber-Verlag, 2006. Paul Merrick: Revolution and Religion in the Music of Liszt. Cambridge: Cambridge University Press, 1987. Alan Walker: The Death of Franz Liszt: Based on the Unpublished Diary of His Pupil Lina Ramann. Ithaca/London: Cornell University Press, 2002. Oliver Hilmes: Cosima Wagner. Die Frau des Meisters. München: Siedler, 2007. Grove Music Online, Artikel „Liszt, Franz“ von Alan Walker und weiteren Fachautoren: https://www.oxfordmusiconline.com/grovemusic/search?q=Franz+Liszt&utm_source=chatgpt.com Seitenanfang Franz Liszt – ein Weg durch sein Werk Franz Liszt hinterließ kein überschaubares Werkverzeichnis, sondern ein weit verzweigtes Lebenswerk: Klaviermusik, Orchesterwerke, geistliche Kompositionen, Lieder, Opernparaphrasen, Bearbeitungen und zahlreiche Fassungen eigener Stücke. Die folgende Auswahl will deshalb keine vollständige Werkliste sein. Sie folgt vielmehr den großen musikalischen und menschlichen Linien seines Lebens: dem Virtuosen, dem Reisenden, dem ungarischen Künstler, dem Erneuerer des Orchesters, dem Vermittler fremder Musik, dem religiös Suchenden und dem kühnen späten Komponisten. I. Die großen Werke Franz Liszts 1. Études d’exécution transcendante, S. 139. 2. Grandes Études de Paganini, S. 141. 3. Années de pèlerinage, Première année: Suisse, S. 160. 4. Années de pèlerinage, Deuxième année: Italie, S. 161. 5. Années de pèlerinage, Troisième année, S. 163. 6. Klaviersonate h-Moll, S. 178. 7. Harmonies poétiques et religieuses, S. 173. 8. Deux Légendes, S. 175. 9. Zwei Klavierkonzerte: Es-Dur, S. 124, und A-Dur, S. 125. 10. Totentanz, S. 126. 11. Faust-Symphonie, S. 108. 12. Dante-Symphonie, S. 109. 13. Les Préludes, symphonische Dichtung Nr. 3, S. 97. 14. Tasso, symphonische Dichtung Nr. 2, S. 96. 15. Orpheus, symphonische Dichtung Nr. 4, S. 98. 16. Mazeppa, symphonische Dichtung Nr. 6, S. 100. 17. Die Legende von der heiligen Elisabeth, Oratorium, S. 2. 18. Christus, Oratorium, S. 3. 19. Graner Messe, S. 9. 20. Ungarische Krönungsmesse, S. 11. II. Weitere zentrale Werke und Werkgruppen 21. Rhapsodies hongroises, S. 244. 22. Liebesträume, S. 541. 23. Consolations, S. 172. 24. Ballade Nr. 1 Des-Dur, S. 170, und Ballade Nr. 2 h-Moll, S. 171. 25. Berceuse, S. 174. 26. Variationen über ein Motiv von Bach, S. 180. 27. Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen, S. 179. 28. Mephisto-Walzer Nr. 1, S. 514. 29. Mephisto-Walzer Nr. 2, S. 515; Nr. 3, S. 216; Nr. 4, S. 216b. 30. Réminiscences de Don Juan, S. 418. 31. Rigoletto-Paraphrase, S. 434. 32. Réminiscences de Norma, S. 655. 33. Schubert-Liedtranskriptionen, besonders S. 558–565. 34. Beethoven-Symphonien für Klavier, S. 464. 35. Symphonische Dichtung Héroïde funèbre, S. 102. 36. Prometheus, S. 99. 37. Hamlet, S. 104. 38. Die Ideale, S. 106. 39. Ce qu’on entend sur la montagne, S. 95. 40. Malédiction, S. 121. III. Selten gespielte Werke und besondere Entdeckungen 41. Album d’un voyageur, S. 156. 42. Apparitions, S. 155. 43. Deux Polonaises, S. 223. 44. Valse oubliée Nr. 1–4, S. 215. 45. Nuages gris, S. 199. 46. La lugubre gondola I und II, S. 200 und S. 201. 47. Unstern! Sinistre, disastro, S. 208. 48. Bagatelle sans tonalité, S. 216a. 49. Csárdás macabre, S. 224. 50. Historische ungarische Bildnisse, S. 205. 51. Elegie Nr. 1, S. 196, und Elegie Nr. 2, S. 197. 52. En rêve, S. 207. 53. Via crucis, S. 53. 54. Die sieben Sakramente, S. 50. 55. Cantico del Sol di Francesco d’Assisi, S. 4. 56. Psalm 13, S. 13. 57. Psalm 137, S. 17. 58. Die Glocken des Straßburger Münsters, S. 6. 59. Drei Zigeunerlieder, S. 320. 60. Die Lieder. Was bedeutet das „S.“ bei Liszts Kompositionen? Die Abkürzung S. bedeutet Searle. Sie verweist auf den englischen Komponisten und Musikwissenschaftler Humphrey Searle (1915–1982). Searle erstellte im 20. Jahrhundert ein systematisches Werkverzeichnis von Liszts Kompositionen; die Nummern wurden zunächst in seiner Liszt-Studie von 1954 und später in überarbeiteter Form verbreitet. Deshalb heißt Liszts h-Moll-Sonate beispielsweise S. 178, das Erste Klavierkonzert, S. 124 und die Faust-Symphonie, S. 108. Die Searle-Nummern sind keine Opuszahlen und auch keine reine Reihenfolge der Komposition. Sie ordnen die Werke überwiegend nach Gattungen. Die Nummern helfen vor allem dabei, bei Liszts vielen Fassungen, Umarbeitungen und gleichartigen Titeln genau zu wissen, welches Werk gemeint ist. Searles Werkverzeichnis wurde später von der amerikanischen Musikwissenschaftlerin Sharon Winklhofer (1947–2017) überarbeitet und durch den britischen Liszt-Forscher Michael Short (1937–2023) sowie den australisch-britischen Pianisten und Liszt-Spezialisten Leslie Howard (* 1948) weiter ergänzt und korrigiert. Seienanfang Franz Liszt – ein Weg durch sein Werk Franz Liszt hinterließ kein überschaubares Werkverzeichnis, sondern ein weit verzweigtes Lebenswerk: Klaviermusik, Orchesterwerke, geistliche Kompositionen, Lieder, Opernparaphrasen, Bearbeitungen und zahlreiche Fassungen eigener Stücke. Die folgende Auswahl will deshalb keine vollständige Werkliste sein. Sie folgt vielmehr den großen musikalischen und menschlichen Linien seines Lebens: dem Virtuosen, dem Reisenden, dem ungarischen Künstler, dem Erneuerer des Orchesters, dem Vermittler fremder Musik, dem religiös Suchenden und dem kühnen späten Komponisten. I. Die großen Werke Franz Liszts 1. Études d’exécution transcendante, S. 139. 2. Grandes Études de Paganini, S. 141. 3. Années de pèlerinage, Première année: Suisse, S. 160. 4. Années de pèlerinage, Deuxième année: Italie, S. 161. 5. Années de pèlerinage, Troisième année, S. 163. 6. Klaviersonate h-Moll, S. 178. 7. Harmonies poétiques et religieuses, S. 173. 8. Deux Légendes, S. 175. 9. Zwei Klavierkonzerte: Es-Dur, S. 124, und A-Dur, S. 125. 10. Totentanz, S. 126. 11. Faust-Symphonie, S. 108. 12. Dante-Symphonie, S. 109. 13. Les Préludes, symphonische Dichtung Nr. 3, S. 97. 14. Tasso, symphonische Dichtung Nr. 2, S. 96. 15. Orpheus, symphonische Dichtung Nr. 4, S. 98. 16. Mazeppa, symphonische Dichtung Nr. 6, S. 100. 17. Die Legende von der heiligen Elisabeth, Oratorium, S. 2. 18. Christus, Oratorium, S. 3. 19. Graner Messe, S. 9. 20. Ungarische Krönungsmesse, S. 11. II. Weitere zentrale Werke und Werkgruppen 21. Rhapsodies hongroises, S. 244. 22. Liebesträume, S. 541. 23. Consolations, S. 172. 24. Ballade Nr. 1 Des-Dur, S. 170, und Ballade Nr. 2 h-Moll, S. 171. 25. Berceuse, S. 174. 26. Variationen über ein Motiv von Bach, S. 180. 27. Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen, S. 179. 28. Mephisto-Walzer Nr. 1, S. 514. 29. Mephisto-Walzer Nr. 2, S. 515; Nr. 3, S. 216; Nr. 4, S. 216b. 30. Réminiscences de Don Juan, S. 418. 31. Rigoletto-Paraphrase, S. 434. 32. Réminiscences de Norma, S. 655. 33. Schubert-Liedtranskriptionen, besonders S. 558–565. 34. Beethoven-Symphonien für Klavier, S. 464. 35. Symphonische Dichtung Héroïde funèbre, S. 102. 36. Prometheus, S. 99. 37. Hamlet, S. 104. 38. Die Ideale, S. 106. 39. Ce qu’on entend sur la montagne, S. 95. 40. Malédiction, S. 121. III. Selten gespielte Werke und besondere Entdeckungen 41. Album d’un voyageur, S. 156. 42. Apparitions, S. 155. 43. Deux Polonaises, S. 223. 44. Valse oubliée Nr. 1–4, S. 215. 45. Nuages gris, S. 199. 46. La lugubre gondola I und II, S. 200 und S. 201. 47. Unstern! Sinistre, disastro, S. 208. 48. Bagatelle sans tonalité, S. 216a. 49. Csárdás macabre, S. 224. 50. Historische ungarische Bildnisse, S. 205. 51. Elegie Nr. 1, S. 196, und Elegie Nr. 2, S. 197. 52. En rêve, S. 207. 53. Via crucis, S. 53. 54. Die sieben Sakramente, S. 50. 55. Cantico del Sol di Francesco d’Assisi, S. 4. 56. Psalm 13, S. 13. 57. Psalm 137, S. 17. 58. Die Glocken des Straßburger Münsters, S. 6. 59. Drei Zigeunerlieder, S. 320. 60. Die Lieder. Was bedeutet das „S.“ bei Liszts Kompositionen? Die Abkürzung S. bedeutet Searle. Sie verweist auf den englischen Komponisten und Musikwissenschaftler Humphrey Searle (1915–1982). Searle erstellte im 20. Jahrhundert ein systematisches Werkverzeichnis von Liszts Kompositionen; die Nummern wurden zunächst in seiner Liszt-Studie von 1954 und später in überarbeiteter Form verbreitet. Deshalb heißt Liszts h-Moll-Sonate beispielsweise S. 178, das Erste Klavierkonzert, S. 124 und die Faust-Symphonie, S. 108. Die Searle-Nummern sind keine Opuszahlen und auch keine Études d’exécution transcendante, S. 139 Zwölf Etüden zwischen pianistischer Grenzerfahrung, Poesie und dramatischer Vision Die Études d’exécution transcendante („Etüden von übersteigerter, die gewöhnlichen Grenzen überschreitender Ausführung“) gehören zu den Gipfeln der gesamten Klavierliteratur. Franz Liszt schrieb hier keine Übungen im üblichen Sinn. Zwar verlangt jede der zwölf Etüden eine besondere technische Fähigkeit: rasende Läufe, Sprünge über die ganze Tastatur, Doppelgriffe, Oktaven, Triller, gebrochene Akkorde, ständige Wechsel der Handlagen oder eine ungewöhnlich feine Pedalkunst. Doch das technische Problem ist bei Liszt niemals Selbstzweck. Jede Etüde gestaltet einen eigenen seelischen, landschaftlichen, historischen oder dichterischen Raum. Der Zyklus zeigt Liszt nicht bloß als den berühmtesten Klaviervirtuosen seines Jahrhunderts. Er zeigt ihn als Komponisten, der das Klavier in ein Orchester, in einen Sänger, in einen Erzähler und manchmal in eine ganze dramatische Bühne verwandelt. Zwischen dem strahlenden Beginn von Preludio und dem erstickenden Schneesturm von Chasse-neige liegt ein weiter Weg: Triumph und Niederlage, Natur, Erinnerung, Dämonie, Gebet, Kampf und Vergänglichkeit. Drei Fassungen – ein Werk wächst mit seinem Komponisten Die zwölf Etüden entstanden nicht auf einmal. Sie begleiten Liszt fast sein ganzes künstlerisches Leben und liegen in drei deutlich verschiedenen Fassungen vor. 1826: Étude en douze exercices, S. 136. Der fünfzehnjährige Liszt schrieb zunächst zwölf relativ kurze Übungen. Sie waren als Anfang eines viel größeren Plans gedacht: einer Folge von achtundvierzig Studien durch alle Dur- und Molltonarten. Dieses Vorhaben blieb unvollendet. Die frühen Stücke zeigen noch die Nähe zu Carl Czerny (1791–1857), Liszts Wiener Lehrer: Sie schulen bestimmte technische Bewegungen, besitzen aber bereits Überraschungen, Kühnheiten und pianistische Fantasie, die weit über eine gewöhnliche Lehrsammlung hinausgehen. 1837 / 1838: Douze Grandes Études, S. 137. Der inzwischen weltberühmte Virtuose überarbeitete und vergrößerte die frühen Übungen grundlegend. Diese zweite Fassung ist von fast brutaler Schwierigkeit. Sie verlangt riesige Hände, äußerste Spannweite, ununterbrochene Kraft und eine Technik, die nur wenigen Pianisten erreichbar war. Die Grandes Études dokumentieren Liszts pianistische Revolution nach seiner Begegnung mit Niccolò Paganini (1782–1840): Das Klavier soll nun eine technische und klangliche Macht entfalten, wie sie zuvor kaum vorstellbar war. 1851 / 1852: Douze Études d’exécution transcendante, S. 139. Die dritte und letzte Fassung entstand 1851 und erschien 1852. Sie ist die heute übliche, kanonische Gestalt des Zyklus. Liszt strich viele übermäßige Verdoppelungen, machte manche Passagen spielbarer und schärfte zugleich die musikalische Aussage. Die Etüden wurden dadurch nicht leicht; sie gehören weiterhin zu den schwierigsten Werken des Repertoires. Aber sie gewannen an Klarheit, Charakter und innerer Spannung. Aus dem jungen Virtuosen Liszt wurde der reife Komponist, der nicht alles sagt, was möglich wäre, sondern genau das Notwendige. Die zweite Fassung ist also keineswegs wertlos oder ungültig. Sie ist ein faszinierendes Dokument des virtuosen Liszt um 1838. Die dritte Fassung jedoch ist Liszts endgültige künstlerische Entscheidung und deshalb die richtige Grundlage für eine Einführung in den Zyklus. Die zwölf Etüden https://www.youtube.com/watch?v=KbKwPUgKX68 1. Preludio in C-Dur – Vorspiel Ein kurzer, glänzender Auftakt. Der Titel sagt: Der Zyklus beginnt wie ein Vorhangaufziehen, mit Energie und festlichem Anspruch. Die erste Etüde ist kurz, glanzvoll und wie ein Vorhangaufziehen. Sie beginnt mit scharf akzentuierten Akkorden und rasenden Figuren. Alles drängt nach vorn. Preludio ist kein harmloser Auftakt, sondern eine programmatische Verkündigung: Hier betritt ein Klavier die Bühne, das nicht mehr bescheiden singt oder begleitet, sondern mit orchestraler Kraft spricht. Die Etüde fordert klare Akkorde, blitzschnelle Reaktion und zugleich eine stolze, festliche Haltung. 2. Molto vivace in a-Moll– sehr lebhaft Kein eigentlicher poetischer Titel, sondern nur eine Tempobezeichnung. Liszt verzichtet hier bewusst auf ein äußeres Bild; im Mittelpunkt stehen Bewegung, Unruhe und spielerische Beweglichkeit. Der Charakter der Etüde liegt ganz in der Bewegung: flüchtig, nervös, hellwach, unruhig. Die rechte Hand jagt in kleinen Figuren dahin, während die linke Hand den Boden ständig verändert. Es ist Musik der Beweglichkeit und der Gefahr. Gerade weil Liszt keinen Titel gab, sollte man keinen äußeren Inhalt hineinlesen. Die Etüde wirkt wie ein elektrischer Impuls: kurz, gespannt und voller unsteter Energie. 3. Paysage in F-Dur– Landschaft Eine stille, weite Naturstimmung. Nicht die malerische Oberfläche ist wichtig, sondern die innere Ruhe, Einsamkeit und Tiefe dieser Landschaft. Nach den beiden ersten, hochvirtuosen Nummern öffnet sich plötzlich ein weiter, stiller Raum. Die Melodie steigt ruhig über weichen Begleitfiguren auf; die Musik scheint zu atmen. Aber Liszts Landschaft ist keine Postkarte. Sie besitzt Tiefe, Einsamkeit und einen ernsten, beinahe elegischen Unterton. Das Stück verlangt einen großen, singenden Klang und Geduld mit langen Bögen. Nicht die Schwierigkeit der Finger, sondern die Kunst des Hörens entscheidet. 4. Mazeppa in d-Moll– Mazeppa Benannt nach dem ukrainischen Hetman Iwan Mazeppa (1639–1709), vor allem aber nach Victor Hugos Gedicht. Die Etüde schildert den wilden Ritt des an ein Pferd gefesselten Mannes, seine Qual und seinen späteren triumphalen Aufstieg. Der gefangene Mann wird an ein wildes Pferd gebunden und über die Steppe gejagt; er erleidet Qual, bricht zusammen und wird schließlich zum Führer eines neuen Volkes erhoben. Liszt fasst diese Geschichte in eine dramatische Form: Der Anfang ist ein unerbittlicher Galopp, die Mittelpartie eine erschöpfte, dunkle Klage; am Ende verwandelt sich der Ritt in einen Triumphmarsch. Mazeppa ist weit mehr als ein pianistisch rasantes Pferderennen. Die Etüde handelt von Erniedrigung, Durchhalten und Wiedergeburt. Ihre Oktavsätze, Sprünge und rasenden Figuren müssen das Bild des entfesselten Pferdes hervorrufen; die Musik darf jedoch nie bloß laut und schnell werden. Besonders Bermans Interpretation zeigt, wie aus technischer Wucht ein großes dramatisches Schicksalsbild werden kann. 5. Feux follets in B-Dur – Irrlichter Irrlichter sind flackernde, scheinbar über Sümpfen oder feuchtem Boden schwebende Lichter, die Wanderer in die Irre führen können. Liszt gestaltet sie als flüchtige, funkelnde und ungreifbare Klanggestalten. Diese Etüde ist eines der rätselhaftesten und schwierigsten Klavierstücke Liszts. Die Musik flackert, springt, verschwindet und erscheint an anderer Stelle wieder. Die rechte Hand spielt in ungewöhnlichen, weit gespannten Figuren; die linke Hand muss dazu in großen Sprüngen fast körperlos wirken. Alles soll leicht, schimmernd und ungreifbar klingen. Gerade darin liegt die Gefahr: Wer das Stück nur als technische Höchstleistung begreift, macht es schwer und mechanisch. Feux follets muss den Eindruck erwecken, als berührten die Finger die Tasten kaum. Die Irrlichter verführen, locken und entziehen sich zugleich. Liszt schafft eine Klangwelt, die bereits an Debussys und Ravels feinste Klavierfarben denken lässt. 6. Vision in g-Moll – innere Erscheinung Nicht einfach ein „Anblick“, sondern eine ernste, innere Schau. Die dunkle, feierliche Musik kann an Erinnerung, Tod, Heldentum oder eine schicksalhafte Offenbarung denken lassen. Nach dem flirrenden Spiel der Irrlichter steht plötzlich eine große, ernste Vision vor uns. Tiefe Oktaven und schwere Akkorde geben dem Beginn den Charakter eines Trauermarsches. Die Musik wächst zu machtvollen Höhepunkten, bleibt aber von Anfang bis Ende von Dunkelheit und Würde bestimmt. Worauf sich die „Vision“ bezieht, hat Liszt nicht ausdrücklich erklärt. Man sollte sie deshalb nicht auf ein bestimmtes Ereignis festlegen. Musikalisch ist sie eine Begegnung mit Tod, Erinnerung und Größe. Vielleicht erinnert sie an eine heroische Grabrede; vielleicht an einen inneren Aufstand des Menschen gegen das Unausweichliche. Entscheidend ist der Gegensatz zu Feux follets: Dort flüchtiges Licht, hier dunkle Masse; dort Bewegung, hier Gewicht. 7. Eroica in Es-Dur– die Heroische Der italienische Titel bedeutet „heroisch“. Fanfaren, Märsche und triumphale Gesten geben der Etüde ihren öffentlichen, kämpferischen und festlichen Charakter. Der Titel weist auf öffentliche Festlichkeit. Trompetenartige Akkorde, Fanfaren und wirbelnde Figuren bestimmen den Beginn. Die Etüde besitzt einen glänzenden, militärischen Ton, doch sie ist nicht einfach triumphal. Ihre Energie muss organisiert bleiben; das Stück braucht rhythmische Strenge, klare Artikulation und einen majestätischen Grundcharakter. Eroica zeigt Liszts Fähigkeit, das Klavier in ein imaginäres Orchester zu verwandeln. Man hört Blechbläser, Trommeln und festliche Prozessionen. Gleichzeitig fordert die Etüde dem Pianisten eine unermüdliche Kontrolle ab: Die Brillanz soll nicht zerfallen, sondern eine heroische Gestalt bilden. 8. Wilde Jagd in c-Moll Die „Wilde Jagd“ gehört zu den dämonischsten Werken Liszts. Ihr Hintergrund ist die europäische Sage vom nächtlichen, geisterhaften Reiterzug. Rasende Figuren, schneidende Akzente, jähe Abstürze und wilde Oktaven erzeugen ein Bild von Verfolgung, Bedrohung und entfesselter Natur. Doch das Stück besitzt auch einen lyrischen Mittelteil. Gerade dieser Kontrast ist wichtig: In die Jagd dringt für einen Augenblick etwas Menschliches, Sehnsüchtiges, fast Verletztes ein. Danach kehrt die dämonische Bewegung umso unerbittlicher zurück. Wilde Jagd darf nie als bloßer Lärm gespielt werden. Sie braucht Schärfe, dramatische Phantasie und die Fähigkeit, zwischen furiosem Ausbruch und geheimnisvoller Ferne umzuschalten. 9. Ricordanza in As-Dur– Erinnerung, Andenken „Erinnerung“ oder „Andenken“: Schon der Titel führt in eine ganz andere Welt. Ricordanza ist eine große, poetische Gesangsszene am Klavier. Die Hauptmelodie wirkt belcantistisch, als hätte Liszt eine verlorene Opernarie in eine intime Klavierrede verwandelt. Um sie herum liegen Verzierungen, Triller, Kadenzen und duftige Klangschleier. Oft wird dieses Stück als „Salonmusik“ missverstanden. Tatsächlich ist es von tiefer Melancholie. Die Erinnerung ist hier nicht bloß süß; sie ist schön gerade deshalb, weil sie unwiederbringlich vergangen ist. Der Pianist muss die Verzierungen wie frei improvisierten Gesang behandeln, ohne die große Linie zu verlieren. Bei Claudio Arrau hört man besonders eindringlich, wie viel innere Trauer und Weite in dieser Etüde liegen kann. 10. Allegro agitato molto in f-Moll – sehr bewegt und sehr unruhig Auch diese Etüde hat keinen poetischen Titel. Sie ist die kürzeste und vielleicht am stärksten konzentrierte dramatische Nummer des Zyklus. Das Hauptmotiv stürzt unruhig vorwärts, wird unterbrochen, steigert sich und kehrt immer wieder zurück. Die Musik wirkt wie ein Kampf ohne Ruhepunkt. Im Unterschied zu Mazeppa oder Wilde Jagd erzählt diese Etüde keine erkennbare Geschichte. Ihre Unruhe ist rein musikalisch: drängende Rhythmik, scharfe Akzente, abrupte Wendungen und dunkle Harmonik. Man kann sie als eine Art Scherzo des Zyklus hören – aber als ein Scherzo, dessen Lachen in Nervosität und Bedrohung umschlägt. 11. Harmonies du soir in Des-Dur – Abendharmonien „Abendharmonien“: Diese Etüde gehört zu den schönsten und sinnlichsten Klangschöpfungen Liszts. Weite Akkorde, schwebende Harmonien, Glockenwirkungen und eine große, leidenschaftliche Melodie bilden eine Musik des Abendlichts. Der Titel ist jedoch nicht bloß malerisch. Die Abendstimmung wird zum Symbol für Sammlung, Liebe, Sehnsucht und das langsame Versinken des Tages. Das Stück verlangt einen besonders reichen Pedalgebrauch. Die Klänge müssen miteinander verschmelzen, dürfen aber nicht verschwimmen. Aus den vielen Farben muss eine große Form entstehen. In der Mitte steigert sich die Musik zu einem leidenschaftlichen Höhepunkt, bevor sie wieder in Ruhe zurückkehrt. Harmonies du soir ist ein Schlüssel zu Liszts Klangdenken: Das Klavier wird hier zu einem Raum aus Licht, Duft und Erinnerung. 12. Chasse-neige in b-Moll – Schneewirbel Der Titel bedeutet wörtlich „Schneejagd“, im Französischen eine vom Wind über den Boden getriebene Schneewolke. Liszt schrieb unter den Titel die Worte: „Je mehr der Wind in seiner wilden Jagd heult, desto höher türmt sich der Schnee.“ Die Etüde beginnt fast unmerklich. Kleine, wiederholte Figuren kreisen und verdichten sich; aus ihnen entsteht allmählich ein gewaltiger Sturm. Chasse-neige ist kein virtuoses Schlussfeuerwerk. Sie ist die erschütternde letzte Vision des ganzen Zyklus. Die fortwährenden Tremoli und wirbelnden Figuren lassen die Orientierung verschwinden; die Musik steigt zu einem verzweifelten Höhepunkt und sinkt danach erschöpft in die Tiefe zurück. Hier endet Liszts Weg nicht mit Triumph, sondern mit Auslöschung, Kälte und Stille. Gerade deshalb ist Chasse-neige einer der größten Schlüsse der Klavierliteratur. Sie verwandelt eine technische Aufgabe – das ununterbrochene, immer dichter werdende Spiel – in ein Bild menschlicher Verlorenheit vor einer überwältigenden Naturgewalt. Der innere Weg des Zyklus Die zwölf Etüden bilden keine Sonate und erzählen keine zusammenhängende Geschichte. Dennoch entsteht beim Hören in der richtigen Reihenfolge ein großer Bogen. Der Zyklus beginnt mit Glanz, Bewegung und äußerer Virtuosität. Er führt durch Landschaft, historische Legende, dämonische Jagd und heroische Pose. Dann wird er immer persönlicher, dunkler und nach innen gewendet: Erinnerung, Unruhe, Abendlicht, Schneesturm. Damit beschreibt der Zyklus auch Liszts eigenes künstlerisches Ideal. Der Pianist soll Grenzen überschreiten – nicht, um das Publikum zu verblüffen, sondern um das Klavier zu einer Sprache zu machen, die Natur, Geschichte, Poesie und menschliche Erfahrung ausdrücken kann. „Transzendent“ bedeutet hier daher mehr als „außerordentlich schwierig“. Es meint die Überwindung des bloß Mechanischen: Technik wird zu Ausdruck, Klang zu Bild, Virtuosität zu Kunst. Einspielung Als Hauptempfehlung eignet sich Lazar Berman (1930–2005), Klavier, Melodija, 1963. Berman besitzt die Kraft für Mazeppa, Wilde Jagd und Eroica, ohne ihre musikalische Gestalt zu zerstören; zugleich gibt er Ricordanza, Harmonies du soir und Chasse-neige ihre poetische Tiefe. Seine Deutung zeigt besonders überzeugend, dass Liszts Etüden keine Sammlung von Schwierigkeiten, sondern ein großer Zyklus dramatischer und lyrischer Charakterbilder sind. Berman hat etwas sehr Seltenes: Die ungeheure Gewalt bleibt bei ihm immer Musik. Er spielt nicht „gegen“ das Klavier und zeigt nicht seine Hände – er lässt Liszts große Form, seine Farben und seine innere Tragik sprechen. Bei ihm ist Mazeppa kein Sport, Feux follets kein Kunststück und Chasse-neige keine bloße Klangwolke. CD-Vorschlag Franz Liszt, 12 Transcendental études, S. 139, Lazar Berman (Piano), Melodiya, 2014: https://www.youtube.com/watch?v=kcZxU6H167g&list=OLAK5uy_kHY_4efAhWWdT5LlbyVh5-IvJnq9Nvnks&index=1 Seitenanfang S. 139 Grandes Études de Paganini, S. 141 Paganini auf dem Klavier – sechs Etüden zwischen Virtuosität, Klangzauber und dramatischer Verwandlung Die Grandes Études de Paganini („Große Paganini-Etüden“) gehören zu den berühmtesten und zugleich am häufigsten missverstandenen Klavierwerken Franz Liszts. Ihr Ausgangspunkt ist Niccolò Paganini (1782–1840), der große italienische Violinvirtuose, dessen Spiel auf Zeitgenossen geradezu übermenschlich wirkte. Liszt hatte Paganini im April 1832 in Paris gehört. Dieses Erlebnis wurde für ihn zum Wendepunkt. Er wollte nicht Paganini nachahmen, sondern für das Klavier erreichen, was Paganini für die Violine erreicht hatte: technische Grenzen sprengen, ungeahnte Klangmöglichkeiten eröffnen und das Publikum nicht nur verblüffen, sondern in eine neue Welt hineinziehen. Die sechs Etüden sind daher keine bloßen Klavierbearbeitungen von Violinmusik. Liszt überträgt Paganinis Einfälle nicht mechanisch auf die Tastatur. Er verwandelt sie. Aus dem einsamen Geiger wird ein Pianist, der zugleich Melodie, Begleitung, Orchesterfarbe, Glockenklang, Jagdszene und dramatische Steigerung gestalten muss. Die Stücke verlangen enorme technische Fähigkeiten; aber ihre eigentliche Schwierigkeit liegt tiefer: Der Spieler muss die Virtuosität so beherrschen, dass sie wie natürliche musikalische Sprache wirkt. Zwei Fassungen: der junge Virtuose und der reife Komponist Liszt schrieb die sechs Etüden zunächst 1838 als Études d’exécution transcendante d’après Paganini, S. 140. Diese erste Fassung entstand in der Zeit seiner großen europäischen Konzertreisen. Sie ist ein Dokument des jungen, ungestümen Virtuosen Liszt: überladen, extrem, oft fast unspielbar. Die Hände müssen enorme Spannweiten bewältigen; die Textur ist dicht, die Akkorde sind schwer, viele Passagen verlangen eine Kraft und Beweglichkeit, die selbst große Pianisten an Grenzen bringen. 1851 überarbeitete Liszt den Zyklus grundlegend. Die neue Fassung erschien noch im selben Jahr unter dem Titel Grandes Études de Paganini, S. 141. Sie ist nicht „leichter“ im einfachen Sinn. Auch sie gehört zu den anspruchsvollsten Werken der Klavierliteratur. Doch Liszt nahm überflüssige Verdoppelungen zurück, lichtete Akkorde, machte manche Sprünge sinnvoller und gab den einzelnen Etüden eine klarere musikalische Gestalt. Die frühere Fassung S. 140 ist deshalb keineswegs wertlos oder ungültig. Sie zeigt Liszts pianistische Radikalität um 1838 und ist für seine Entwicklung außerordentlich interessant. Die spätere Fassung S. 141 ist jedoch seine endgültige künstlerische Entscheidung: konzentrierter, klanglich feiner, besser proportioniert und im ganzen Zyklus überzeugender. Die sechs Etüden sind Clara Schumann (1819–1896) gewidmet. Die Widmung ist bemerkenswert, denn Clara Schumann gehörte zu den größten Pianistinnen ihrer Zeit, stand Liszts ästhetischer Richtung aber vielfach kritisch gegenüber. Liszt widmete ihr dennoch beide Fassungen. Das zeigt seinen Respekt vor ihrer Kunst und zugleich sein Selbstbewusstsein: Diese Werke waren eine Herausforderung an die bedeutendsten Pianisten seiner Epoche. 1. Étude g-Moll: Tremolo „Tremolo“ – zitternder Klang, Gesang und dämonische Spannung Die erste Etüde steht in g-Moll und trägt den Titel Tremolo. Ihr Ausgangspunkt liegt in Paganinis Caprice Nr. 6 g-Moll; Einleitung und Schluss beziehen zusätzlich Material aus Caprice Nr. 5. Das Tremolo ist hier nicht bloß eine technische Figur. Es wird zum klanglichen Prinzip des ganzen Stücks. Die Etüde beginnt wie aus der Ferne: rasche Figuren, gebrochene Akkorde und schimmernde Bewegungen bereiten eine Atmosphäre vor, in der sich die eigentliche Melodie erst allmählich heraushebt. Später muss eine Hand wiederholt einen zitternden, vibrierenden Klang erzeugen, während darüber oder darunter eine gesangliche Linie hervortritt. Der Pianist muss mehrere Ebenen zugleich hören lassen: das Beben, den Gesang und die harmonische Spannung. Paganini hatte auf der Violine den Eindruck mehrstimmigen Spiels geschaffen, obwohl nur ein Instrument erklingt. Liszt überträgt dieses Wunder nicht einfach auf das Klavier, sondern vergrößert es. Das Tremolo kann wie eine ferne Orgel, wie das Zittern einer Stimme oder wie eine unruhige, innere Erregung wirken. Diese erste Etüde ist daher kein reiner Auftakt. Sie zeigt bereits, worum es im ganzen Zyklus geht: Das Klavier soll über seine eigene Natur hinauswachsen. Goran Filipec (* 1981) - Das Tremolo bleibt bei ihm nicht bloß pianistische Mechanik, sondern erhält Unruhe, Spannung und einen dunklen Sog. https://www.youtube.com/watch?v=NjQIQBoAodI&list=OLAK5uy_mn0XRSXFUpGhvGlYeEkndLhbv1RD7G_7s&index=1 2. Étude Es-Dur: Octave „Oktaven“ – Eleganz, Sprungkraft und gefährliche Leichtigkeit Die zweite Etüde steht in Es-Dur und basiert auf Paganinis Caprice Nr. 17. Ihr Beiname lautet Octave, also „Oktaven“. Damit ist die wichtigste technische Aufgabe genannt: Die Hände müssen rasche Oktavbewegungen, Sprünge und Läufe mit größter Präzision verbinden. Doch der Charakter des Stückes ist nicht schwer oder martialisch. Liszt schreibt eine Musik von Eleganz, Kaprize und federnder Beweglichkeit. Sie soll nicht klingen, als kämpfe ein Pianist verzweifelt gegen die Tastatur. Im Gegenteil: Die Schwierigkeiten müssen sich in Anmut verwandeln. Gerade darin besteht die höchste Kunst dieser Etüde. Die Oktaven stehen nicht für Kraft allein. Sie können tänzerisch, schalkhaft oder plötzlich glanzvoll sein. Das Stück besitzt etwas von einer virtuosen italienischen Opernszene: schnelle Gesten, überraschende Wendungen, kurze Aufleuchtungen und eine beinahe improvisierte Freiheit. Wer nur die technische Seite hört, verfehlt den feinen Witz und die Leichtigkeit, die Liszt aus Paganinis Vorlage gewinnt. Marc-André Hamelin (* 1961) – Hier passt seine fast unheimliche Kontrolle: Oktaven, Linien und Klang bleiben klar, ohne dass das Stück schwerfällig wird. https://www.youtube.com/watch?v=WEs_kcgiusc&list=OLAK5uy_krF5rUIk0JMG2AMypKidsNs1c4RTDQxQs&index=67 3. Étude gis-Moll: La campanella „Das Glöckchen“ – Verführung durch Klang und Distanz Die dritte Etüde, La campanella („Das Glöckchen“), ist die berühmteste des gesamten Zyklus. Sie steht in gis-Moll und beruht auf dem Finale von Paganinis Zweitem Violinkonzert h-Moll. In diesem Finale erklingt ein kleines Glockenmotiv, das Liszt zum Zentrum seiner Etüde macht. Die Musik beginnt nicht groß oder schwer. Ein heller, hoher Ton erscheint immer wieder wie ein fernes Glöckchen. Um ihn herum entstehen rasche Sprünge, flüchtige Figuren, Kaskaden und schimmernde Passagen. Der Pianist muss die Melodie oft in sehr hoher Lage hervorheben, während die Hand über große Entfernungen springt. Diese Sprünge gehören zu den berühmtesten Prüfungen des Klavierrepertoires. Aber La campanella ist nicht nur ein Showstück. Der Glockenton besitzt etwas Rätselhaftes: Er lockt, ruft, verschwindet und kehrt wieder. Die Musik wirkt manchmal heiter und spielerisch, manchmal fast unheimlich. Gerade weil das Glöckchen so fern und klar bleibt, entsteht eine eigentümliche Spannung zwischen Nähe und Unerreichbarkeit. In der ersten Fassung von 1838 war diese Etüde noch umfangreicher und enthielt zusätzlich Themen aus dem Finale von Paganinis Erstem Violinkonzert. Die Endfassung von 1851 konzentriert sich stärker auf das Glockenmotiv und gewinnt dadurch an Geschlossenheit. Liszt verzichtet hier nicht auf Fantasie, sondern auf Übermaß. Goran Filipec – Er trifft das Richtige zwischen Glockenzauber, Eleganz und Risiko. Die Sprünge wirken nicht geschniegelt, sondern lebendig und musikalisch. https://www.youtube.com/watch?v=p1sZ_FAz7YU&list=OLAK5uy_mn0XRSXFUpGhvGlYeEkndLhbv1RD7G_7s&index=3 4. Étude E-Dur: Arpeggio „Arpeggio“ – die Illusion der Violine auf dem Klavier Die vierte Etüde steht in E-Dur und beruht auf Paganinis Caprice Nr. 1 E-Dur. Ihr Titel Arpeggio bedeutet „gebrochener Akkord“. Die Musik besteht weitgehend aus ununterbrochenen, fließenden Arpeggien, die sich über die ganze Tastatur bewegen. Diese Etüde nimmt im Zyklus eine besondere Stellung ein. Sie ist weniger dramatisch als La campanella, weniger dämonisch als die sechste Etüde und weniger äußerlich brillant als die Oktaven-Etüde. Sie ist eine Studie des Fließens. Die Hände müssen die Klangflächen so gestalten, dass die Harmonie nicht bloß zerlegt, sondern lebendig wird. Liszt spielt dabei bewusst mit der Erinnerung an die Violine. Paganinis Caprice ist für ein einzelnes Saiteninstrument geschrieben, und Liszt bewahrt in seiner Bearbeitung etwas von dieser Linienhaftigkeit. Zugleich erweitert er sie zu einer pianistischen Klanglandschaft. Die linke und rechte Hand verschmelzen; der Hörer soll nicht einzelne technische Bewegungen wahrnehmen, sondern eine einzige große, schwingende Linie. Die Etüde verlangt äußerste Gleichmäßigkeit, aber niemals Gleichförmigkeit. Jeder harmonische Wechsel, jede Steigerung und jede Entspannung muss hörbar werden. Gut gespielt ist Arpeggio keine Fingerübung, sondern eine schwebende Musik aus Licht, Bewegung und atmender Harmonie. Marc-André Hamelin – Diese Etüde braucht Durchsichtigkeit und fließende Harmonie, nicht Kraftdemonstration. Hamelin macht daraus eine schimmernde Klangstudie. https://www.youtube.com/watch?v=d9c8u0ZT0dM&list=OLAK5uy_krF5rUIk0JMG2AMypKidsNs1c4RTDQxQs&index=69 5. Étude E-Dur: La chasse „Die Jagd“ – Hornrufe, Natur und virtuos gebändigte Energie Auch die fünfte Etüde steht in E-Dur. Sie trägt den Titel La chasse („Die Jagd“) und beruht auf Paganinis Caprice Nr. 9 E-Dur. Schon Paganinis Vorlage arbeitet mit der Gegenüberstellung von hornähnlichen Signalen und virtuoser Bewegung. Liszt macht daraus eine lebhafte, farbige Jagdszene. Zu Beginn hört man gleichsam Hörner in der Ferne: kurze Rufe, die von schnellen Antworten und Läufen umspielt werden. Danach entfaltet sich eine Musik voller Bewegung, Richtungswechsel und rhythmischer Spannung. Das Stück braucht Tempo, aber nicht Hast; Energie, aber nicht grobe Gewalt. Die Jagd ist bei Liszt nicht nur ein romantisches Naturbild. Sie wird zur musikalischen Bühne: Rufe, Echo, Verfolgung, Atemholen und erneuter Ansturm wechseln einander ab. Der Pianist muss deshalb sehr genau artikulieren. Die Hornmotive sollen klar und plastisch hervorstehen; die schnellen Figuren müssen leicht bleiben und dürfen die Struktur nicht verdecken. Im Vergleich zu Wilde Jagd aus den Transzendentalen Etüden ist La chasse heller, spielerischer und näher an der italienischen Virtuosenkunst Paganinis. Sie zeigt Liszt als Musiker, der aus einem technischen Caprice eine Szene voller Farbe und Bewegung erschaffen kann. Daniil Trifonov (* 1991) – Seine Nervosität und sein unruhiger Impuls sind hier ein Vorteil: Die Jagd bleibt gefährlich, nicht geschniegelt und nicht salonhaft. https://www.youtube.com/watch?v=Mb0hvSPPWQo&list=PLLnt-8_UycUlIP3xr7xXb21B3aONTnRi4&index=5 6. Étude a-Moll: Thème et variations „Thema und Variationen“ – Paganinis großes Rätsel und Liszts dramatische Antwort Die sechste Etüde steht in a-Moll und ist ein Variationswerk über Paganinis Caprice Nr. 24 a-Moll. Dieses Thema gehört zu den fruchtbarsten der Musikgeschichte. Nach Liszt griffen unter anderem Johannes Brahms (1833–1897), Sergej Rachmaninow (1873–1943), Witold Lutosławski (1913–1994) und zahlreiche weitere Komponisten darauf zurück. Paganinis Caprice besteht aus einem klaren, scharf konturierten Thema und elf Variationen. Liszt übernimmt dieses Grundmodell, verändert es jedoch pianistisch und dramatisch. Das Thema erscheint zunächst streng und fast nüchtern. Dann wird es in immer neuen Formen verwandelt: als rasende Passage, als Oktavspiel, als Arpeggio, als akkordische Steigerung, als virtuoser Sturm und als triumphale Schlussbewegung. Die Etüde verlangt beinahe die gesamte Technik des romantischen Klaviers: weite Sprünge, schnelle Tonleitern, Doppelgriffe, Oktaven, Triller, rasche Wechsel der Klanglage und die Fähigkeit, inmitten der technischen Dichte eine Form zu bewahren. Denn die einzelnen Variationen dürfen nicht wie lose Kunststücke aneinandergereiht wirken. Sie müssen einen Spannungsbogen bilden. Gerade darin liegt Liszts Größe. Er überbietet Paganini nicht einfach an Schwierigkeit. Er macht aus Paganinis Thema ein Drama der Verwandlung. Jede Variation beleuchtet einen anderen Zug der musikalischen Gestalt: tänzerische Schärfe, lyrischen Gesang, Ironie, Dämonie, Brillanz oder triumphale Entladung. Der Schluss wirkt nicht wie ein beliebiges Ende, sondern wie die Krönung eines langen, immer intensiveren Weges. Daniil Trifonov – Die große Variationsetüde braucht Wandlungsfähigkeit, dämonische Energie und zugleich Sinn für dramatische Steigerung. Trifonov hat hier wirklich etwas zu sagen... https://www.youtube.com/watch?v=iktFHtFHrC0&list=PLLnt-8_UycUlIP3xr7xXb21B3aONTnRi4&index=6 Paganini und Liszt: keine Nachahmung, sondern Verwandlung Die Grandes Études de Paganini zeigen Liszt in einer Schlüsselstellung der Musikgeschichte. Paganini hatte die Violine neu gedacht: nicht nur als Träger einer schönen Melodie, sondern als Instrument extremer Farben, unmöglicher Sprünge, scheinbarer Mehrstimmigkeit und dämonischer Virtuosität. Liszt tat für das Klavier etwas Vergleichbares. Aber Liszt geht weiter. Der Geiger Paganini bleibt häufig ein Einzelgänger, ein Magier des Instruments. Liszt erweitert die Perspektive. Sein Klavier kann Orchester sein, Bühne, Landschaft, Glockengeläut, Jagdgesellschaft oder dramatischer Monolog. Die Technik ist bei ihm daher nicht Selbstzweck. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Musik neue Bilder und Gefühle hervorbringen kann. Das gilt besonders für die Endfassung von 1851. Sie wirkt reifer als die Fassung von 1838, weil Liszt die eigentliche Musik stärker hervortreten lässt. Die dritte Etüde ist nicht bloß ein Sprungstück, sondern ein Spiel von Ferne und Lockung. Die vierte ist nicht bloß Arpeggio-Technik, sondern ein Klangstrom. Die sechste ist nicht nur eine Sammlung von Variationen, sondern ein großes Drama der Steigerung. Stellung im Werk Liszts Die Grandes Études de Paganini gehören in die Nähe der Études d’exécution transcendante, S. 139, sind aber anders gebaut und anders gedacht. Die zwölf Transzendentalen Etüden bilden einen großen poetischen Kosmos: Landschaft, Erinnerung, Vision, Jagd, Abend und Schneesturm. Die sechs Paganini-Etüden sind enger an einer fremden Vorlage orientiert und konzentrieren sich stärker auf bestimmte technische und klangliche Ideen. Doch gerade deshalb sind sie für Liszts Entwicklung unverzichtbar. Sie zeigen den Weg vom jungen Pianisten, der die Herausforderung Paganinis annimmt, zum reifen Komponisten, der aus dieser Herausforderung eine eigene Kunst macht. Ohne die Paganini-Etüden wären La campanella, die großen Opernparaphrasen, die Transzendentalen Etüden und letztlich Liszts gesamte Vorstellung vom modernen Klavier nicht denkbar. Empfohlene Einspielung Franz Liszt: Paganini Studies – Goran Filipec (* 1981), Klavier, Naxos, 2016. Goran Filipec spielt nicht nur die endgültige Fassung S. 141, sondern stellt ihr auch die frühere Fassung S. 140 gegenüber. Das macht seine Aufnahme besonders wertvoll. Man kann unmittelbar hören, wie Liszt in den Jahren zwischen 1838 und 1851 um dieselben musikalischen Gedanken rang: zunächst in einer fast überbordenden, technisch extremen Gestalt, später klarer, konzentrierter und künstlerisch geschlossener. Filipec besitzt die nötige Brillanz für La campanella, La chasse und die sechste Etüde. Wichtiger aber ist, dass seine Technik nicht zum Selbstzweck wird. Er lässt die Glocken der dritten Etüde schimmern, gibt der vierten ihr fließendes Atemholen und behandelt die Variationen der sechsten nicht als sportliche Prüfung, sondern als musikalische Verwandlung. Seine Einspielung ist deshalb ein sehr guter Zugang zu diesem Zyklus. Tracks 1 bis 6 (S. 141) + 7 bis 15 (S. 140): https://www.youtube.com/watch?v=NjQIQBoAodI&list=OLAK5uy_mn0XRSXFUpGhvGlYeEkndLhbv1RD7G_7s&index=1 Als Zugabe erklingen die Variationen Le Carnaval de Venise („Variationen über den Karneval von Venedig“), ein Klavierstück über das berühmte venezianische Liedthema, das auch Niccolò Paganini in seinem Il carnevale di Venezia, op. 10, verarbeitet hatte. Das Werk gehört nicht zu den sechs Grandes Études de Paganini, ergänzt die Einspielung jedoch passend durch seine Verbindung zu Paganinis Virtuosenwelt. Track 16: https://www.youtube.com/watch?v=ggf2V3Ttwyg&list=OLAK5uy_mn0XRSXFUpGhvGlYeEkndLhbv1RD7G_7s&index=16 Seitenanfang S. 141 Années de pèlerinage – Première année: Suisse, S. 160 Erste Pilgerjahre: Natur, Freiheit, Liebe, Einsamkeit und Selbstsuche Franz Liszts Années de pèlerinage („Pilgerjahre“) gehören zu den großen Lebenswerken der romantischen Klaviermusik. Der erste Band, Première année: Suisse („Erstes Jahr: Schweiz“), S. 160, besteht aus neun Stücken für Klavier. Er ist keine Suite im herkömmlichen Sinn und keine musikalische Reiseführerfolge. Liszt will weder Berge, Seen und Alpendörfer bloß nachmalen noch die Schweiz in gefälligen Charakterstücken schildern. Die Landschaft wird bei ihm zum Spiegel des Menschen: Freiheit, Liebe, Einsamkeit, innere Unruhe, Erinnerung, Heimweh und religiös anmutende Sammlung erscheinen als musikalische Erfahrungen. Die endgültige Fassung wurde 1855 veröffentlicht. Ihre geistigen und biographischen Wurzeln reichen jedoch fast zwanzig Jahre zurück. Im Juni 1835 verließ Liszt Paris gemeinsam mit Marie d’Agoult (1805–1876), seiner damaligen Geliebten. Die Reise in die Schweiz bedeutete für beide Befreiung aus dem gesellschaftlichen Druck von Paris. Marie war verheiratet und Mutter zweier Kinder; die Verbindung mit dem jungen Liszt war ein Skandal. In der Schweiz lebten beide zeitweise in Genf, reisten durch das Alpenland, begegneten Landschaften und Volksmusik und erlebten eine Phase persönlicher Nähe, die sich tief in Liszts Musik eingeprägt hat. Die frühesten musikalischen Ergebnisse dieser Reise erschienen 1842 unter dem Titel Album d’un voyageur („Album eines Reisenden“). Dieses weitläufige Werk enthielt neunzehn Stücke in drei Teilen. Liszt war später mit dem Jugendwerk nicht zufrieden. Er kaufte 1850 sogar die Rechte an der früheren Ausgabe zurück und schuf aus einer Auswahl, tiefgreifend umgearbeitet, den Schweizer Band der Années de pèlerinage. Die endgültige Fassung ist deshalb nicht einfach eine Neuauflage. Sie ist die rückblickende Neugestaltung eines jungen Lebensabschnitts durch den reiferen Komponisten von Weimar. Die neun Stücke folgen keinem äußeren Reiseweg. Sie bilden jedoch eine innere Bewegung: Freiheit und Aufbruch, stille Naturbetrachtung, pastorale Heiterkeit, Sturm und Selbstzweifel, danach Heimweh und schließlich die Glocken von Genf als Zeichen einer versöhnten, erweiterten Existenz. Literatur, Landschaft und Musik Liszts Titel Années de pèlerinage erinnert bewusst an die romantische Vorstellung des wandernden Menschen. Der „Pilger“ ist bei ihm kein religiöser Wallfahrer im engen Sinn. Er ist ein Mensch, der durch Landschaften, Bücher, Kunst und persönliche Erfahrungen nach sich selbst sucht. Die literarischen Bezüge sind daher keine dekorativen Zitate. Liszt setzt mehreren Stücken Motti aus Werken von Lord Byron (1788–1824), Friedrich Schiller (1759–1805) und Étienne Pivert de Sénancour (1770–1846) voran. Besonders wichtig ist Sénancours Briefroman Obermann von 1804. Dessen Held lebt zurückgezogen in den Alpen und stellt sich verzweifelte Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach Natur, Einsamkeit und dem eigenen Ich. In Liszts Schweizer Band begegnen sich also äußere Natur und innere Landschaft. Die Schweiz war für die Romantik mehr als ein Ferienland. Seit dem 18. Jahrhundert galt sie als Land ursprünglicher Natur, hoher Berge, republikanischer Freiheit und einfacher, unverfälschter Volkskultur. Liszt übernimmt diese Vorstellungen, aber er macht daraus keine bloße Idealisierung. Seine Schweiz ist zugleich hell und dunkel: Wasser, Quellen, Weiden, Glocken und Alpenhörner stehen neben Gewitter, Sehnsucht, Melancholie und existenzieller Unruhe. Die neun Stücke des Zyklus 1. Chapelle de Guillaume Tell in C-Dur Wilhelm-Tell-Kapelle Der Zyklus beginnt nicht leise, sondern mit einem Bekenntnis zur Freiheit. Die Wilhelm-Tell-Kapelle am Vierwaldstättersee erinnert an die Schweizer Befreiungslegende. Liszt stellt der Partitur Schillers Losung aus Wilhelm Tell voran: „Einer für alle – alle für einen.“ Die Musik beginnt mit schweren, weit ausgreifenden Akkorden, die wie eine feierliche Öffnung des Gebirgsraums wirken. Danach erscheint ein breites, würdiges Hauptthema. Im Mittelteil klingt das Echo des Alphorns an: eine Erinnerung an alpine Ferne, aber zugleich ein Ruf zur Freiheit. Liszt gestaltet keinen historischen Bericht über Tell. Er schafft ein musikalisches Freiheitsbild, in dem Landschaft, nationale Erinnerung und menschliche Würde miteinander verschmelzen. Die endgültige Fassung ist erheblich strenger und konzentrierter als das entsprechende Stück im Album d’un voyageur. Liszt reduzierte die frühere pianistische Überfülle und gewann dadurch größere Geschlossenheit. Die Virtuosität tritt zurück; die Haltung wird wichtiger als der Effekt. 2. Au lac de Wallenstadt in As-Dur Am Walensee Dieses kurze Stück gehört zu den stillsten und schönsten Seiten Liszts. Der Titel bezieht sich auf den Walensee im heutigen Kanton St. Gallen. Liszt stellt ihm Verse aus Byrons Childe Harold’s Pilgrimage voran: Der stille See mahnt den Menschen, die unruhigen Gewässer der Welt gegen eine reinere Quelle einzutauschen. Die Musik bewegt sich in sanften, unaufhörlichen Wellen. Die Begleitfigur erinnert an das gleichmäßige Schwingen des Wassers und an den Takt der Ruder. Darüber entfaltet sich eine einfache, gesangliche Melodie. Alles wirkt ruhig; doch die Ruhe ist nicht leer. Sie enthält Erinnerung, Liebe und eine feine Traurigkeit. Marie d’Agoult schrieb später, Liszt habe am Walensee für sie eine „melancholische Harmonie“ komponiert, die das Seufzen der Wellen und den Rhythmus der Ruder nachahme. Ob sie damit genau dieses Stück meinte, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit beweisen. Die Verbindung liegt jedoch nahe. Au lac de Wallenstadt ist jedenfalls eines der persönlichsten Naturbilder des Zyklus: Wasserlandschaft als Bild einer stillen, kostbaren Stunde zu zweit. 3. Pastorale in E-Dur Pastorale Die Pastorale ist ein kurzes, helles und volksliedhaftes Stück. Anders als fast alle anderen Nummern besitzt sie kein literarisches Motto. Liszt übernimmt hier keine bestimmte Handlung und keine philosophische Idee; er gestaltet vielmehr eine Stimmung ländlicher Unmittelbarkeit. Die Melodie ist schlicht, die Begleitung bewegt sich federnd und leicht. Man hört keine konkrete Schweizer Volksweise, sondern Liszts eigene Vorstellung von alpiner Pastorale: Weite, frische Luft, Bewegung und ungekünstelte Freude. Gerade ihre Kürze ist bedeutungsvoll. Nach dem stillen See öffnet sich ein freundlicher, belebter Raum. Die endgültige Fassung unterscheidet sich deutlich von der früheren Vorlage aus den Fleurs mélodiques des Alpes. Liszt kürzte sie stark, verlegte sie von G-Dur nach E-Dur und entfernte einen kontrastierenden Mittelteil. Dadurch wurde das Stück knapper, freier und unmittelbarer. 4. Au bord d’une source in As-Dur An einer Quelle „In säuselnder Kühle beginnen die Spiele der jungen Natur“: Mit diesen Worten aus Schillers Gedicht Der Flüchtling beschreibt Liszt den Charakter dieses berühmten Stückes. Die Quelle wird nicht als massive Naturgewalt dargestellt, sondern als frisches, unablässiges, glitzerndes Spiel. Die rechte Hand lässt helle Figuren wie aufspritzendes Wasser fließen; die linke Hand trägt dazu eine bewegliche, aber fein zurückgenommene Begleitung bei. Das Stück ist technisch anspruchsvoll, doch es darf nie schwer wirken. Der Klang muss durchsichtig, beweglich und frisch bleiben. Die Fingerarbeit soll nicht hörbar werden; der Hörer soll eine Quelle erleben, nicht einen Pianisten bei einer Prüfung. In der früheren Fassung war die Schreibweise noch wesentlich dichter und schwieriger. Liszt überarbeitete sie so, dass der Klang natürlicher und die Form klarer wurde. Diese Verwandlung ist typisch für den reifen Liszt: Nicht geringere Kühnheit, sondern bessere Verteilung der Kräfte und höhere Konzentration. 5. Orage in c-Moll Sturm Orage ist das einzige Stück des Schweizer Bandes, das Liszt erst für die endgültige Fassung neu hinzufügte. Es entstand wahrscheinlich 1854. Damit gehört es nicht unmittelbar zu den Kompositionen der Schweizer Reisejahre, sondern ist eine spätere Erinnerung und Neuschöpfung. Byrons Frage steht über der Partitur: Haben Stürme ein Ziel? Sind sie wie jene Stürme, die in der menschlichen Brust toben? Liszt macht sofort klar, dass dieses Gewitter nicht bloß meteorologisch gemeint ist. Natursturm und innerer Aufruhr werden eins. Die Musik beginnt mit schroffen Gesten, tremolierenden Bewegungen und rastlosen Figuren. Rasende Läufe, Oktaven und jähe Akzente lassen ein Elementarereignis entstehen. Doch Orage ist keine beliebige virtuose Sturmmusik. Der Sturm ist konzentriert, unerbittlich und fast ohne Ausweg. Liszt zeigt nicht eine malerische Wetterstimmung, sondern einen inneren Kampf, der sich in der Natur spiegelt. Gerade die Stellung im Zyklus ist bedeutend: Nach Quelle und pastoraler Helle bricht der Sturm plötzlich herein. Die äußere Schweiz wird zur Bühne einer seelischen Krise. 6. Vallée d’Obermann in e-Moll Obermanns Tal Vallée d’Obermann ist das große Zentrum des Zyklus und eines der bedeutendsten Klavierwerke Liszts überhaupt. Seine Entstehung reicht in die Jahre 1835–1836 zurück; die endgültige Fassung ist jedoch eine tiefgreifende Neubearbeitung. Liszt stellte ihr zwei umfangreiche literarische Motti voran: eines aus Sénancours Obermann, das andere aus Byrons Childe Harold’s Pilgrimage. Sénancours Held fragt: „Was will ich? Was bin ich? Was soll ich von der Natur verlangen?“ Diese Fragen bestimmen die Musik. Das Stück beginnt in dunkler Unruhe. Eine tastende, absteigende Figur und schwere Akkorde schaffen eine Atmosphäre der Einsamkeit. Es folgt kein klarer Sonatensatz, sondern ein musikalischer Monolog: Fragen, Aufbegehren, Erschöpfung, Erinnerung, neue Erhebung. Das Tal selbst ist nicht bloß Landschaft. Es ist ein geistiger Ort. Der Mensch steht vor der Größe der Natur und erkennt zugleich seine eigene Unruhe. Liszt lässt die Musik mehrfach in weite, rezitativische Räume führen, als spreche ein Einzelner ohne Antwort in die Berge hinein. Dann steigert sich alles zu großen Ausbrüchen; das Klavier wird orchestral, dramatisch und fast visionär. Am Ende steht keine einfache Lösung. Die Musik findet zu einer kraftvollen, bejahenden Steigerung, doch sie bleibt durch ihre ganze Vorgeschichte geprägt. Vallée d’Obermann ist kein Naturidyll, sondern ein Werk über Selbstsuche. Hier zeigt sich bereits jener Liszt, der später in der h-Moll-Sonate, den Symphonischen Dichtungen und der Faust-Symphonie seelische Konflikte in große musikalische Formen verwandeln wird. In seinen letzten Lebensjahren ließ Liszt das Werk für Klaviertrio bearbeiten und gab dieser Fassung den Titel Tristia („Traurige Dinge“). Allein dieser spätere Titel zeigt, wie sehr Liszt das Stück selbst als Ausdruck tiefer existenzieller Melancholie verstand. 7. Églogue in Es-Dur Hirtengesang Nach der großen inneren Erschütterung von Vallée d’Obermann folgt eine überraschend einfache, helle Églogue. Das Wort bezeichnet ursprünglich ein bukolisches Gedicht, einen Hirtengesang. Liszt bezieht sich hier auf den schweizerischen Ranz des vaches, den traditionellen Ruf der Hirten an ihre Kühe. Die Musik ist leicht, freundlich und von einer fast klassischen Ausgewogenheit. Ihre Schlichtheit ist nicht belanglos. Nach dem philosophischen Monolog der sechsten Nummer wirkt sie wie ein Atemholen in der freien Natur. Das Stück entstand 1836 und wurde zunächst selbständig veröffentlicht; erst später nahm Liszt es in den Schweizer Band auf. Auch die literarische Einleitung verweist auf Sénancours Überlegungen zur romantischen Empfindung und zum Ranz des vaches. Liszt zeigt damit, dass das Einfachste nicht das Oberflächlichste sein muss. Ein Hirtenruf kann Erinnerung, Heimatgefühl und tiefe seelische Bewegung auslösen. 8. Le mal du pays in e-Moll Heimweh Der französische Ausdruck mal du pays bedeutet „Heimweh“, genauer: die schmerzliche Sehnsucht nach der fernen Heimat. Es ist eines der persönlichsten und stillsten Stücke des Zyklus. Liszt verwendet Material aus früheren Schweizer Stücken und verbindet es zu einer freien, improvisatorisch wirkenden Meditation. Die Musik scheint zu zögern, sich zu erinnern und immer wieder neu anzusetzen. Kein kräftiger Höhepunkt erlöst die Spannung vollständig. Gerade darin liegt die Wirkung: Heimweh ist hier kein sentimentales Gefühl, sondern eine tiefe Unruhe des Menschen, der nicht weiß, wo er wirklich hingehört. Über dem Stück steht ein langer Auszug aus Sénancours Obermann, der zwischen dem bloß „Romanesken“ und dem wahrhaft „Romantischen“ unterscheidet. Das Romaneske reizt die lebhafte Phantasie; das Romantische spricht die tiefe Seele an. Liszt macht aus diesem Gedanken Musik. Le mal du pays will nicht gefallen, sondern eine schwer benennbare innere Sehnsucht hörbar machen. 9. Les cloches de Genève: Nocturne in H-Dur Die Glocken von Genf: Nocturne Der Zyklus endet mit einer Musik der Erinnerung, der Liebe und der Versöhnung. Les cloches de Genève beruht auf einem älteren Stück aus dem Album d’un voyageur, wurde aber für die Fassung von 1855 besonders stark umgearbeitet. Liszt übernahm nur den ersten Teil der alten Komposition und fügte einen neuen, leidenschaftlich aufsteigenden Mittelabschnitt hinzu. Das Glockenmotiv erklingt zunächst aus der Ferne. Es ist kein realistisches Geläut, sondern ein Symbol: für Zeit, Erinnerung, Heimat und das Überschreiten des engen Ich. In der älteren Fassung stand über dem Stück ein Byron-Zitat: „Ich lebe nicht in mir selbst, sondern werde ein Teil dessen, was mich umgibt.“ Dieser Gedanke erklärt die Musik besser als jede äußere Beschreibung. Die Melodie wächst aus dem Glockenklang heraus, erst zurückhaltend, dann mit großer Wärme und Leidenschaft. Manche Hörer verbinden das Stück mit Liszts Liebe zu Marie d’Agoult und mit dem Genfer Aufenthalt, in dessen Zeit am 18. Dezember 1835 die gemeinsame Tochter Blandine geboren wurde. Eine eindeutige musikalische „Botschaft“ an Marie ist jedoch nicht belegbar. Sicher ist nur: Die Musik besitzt eine ungewöhnliche persönliche Innigkeit. Am Schluss kehren die Glocken wieder. Der Zyklus endet nicht mit virtuosem Triumph und nicht mit einer dramatischen Katastrophe. Er endet in einer weiten, milden Stille. Nach Freiheit, Wasser, Quelle, Sturm, Selbstsuche und Heimweh ist dies ein Moment des Einswerdens mit der Welt. Die innere Architektur des Zyklus Die neun Stücke sind sorgfältig angeordnet. Chapelle de Guillaume Tell eröffnet den Band mit öffentlicher, heroischer Haltung. Die Nummern zwei bis vier bilden einen Naturraum aus See, Weide und Quelle. Dann folgt mit Orage die gewaltsame Unterbrechung. Vallée d’Obermann vertieft den Sturm zur existenziellen Frage. Églogue und Le mal du pays führen zurück in die Welt des Hirtengesangs und der Heimatsehnsucht. Die Glocken von Genf schließen den Weg in einer ruhigen, versöhnten Perspektive ab. Diese Ordnung zeigt: Liszt komponiert nicht neun lose Charakterstücke. Er schafft einen großen poetischen Bogen. Alfred Brendel hat treffend gesagt, der Schweizer Band handle von Natur in einem doppelten Sinn: von der Natur um uns und von der Natur in uns. Genau darin liegt die Größe dieses Zyklus. Liszt als Erfinder einer neuen Klavierpoesie Die Première année: Suisse steht am Beginn einer neuen Art von Klaviermusik. Beethoven hatte Natur und inneres Erleben bereits eng verbunden; Schubert hatte Landschaft, Wanderschaft und Einsamkeit in Liedern gestaltet. Liszt geht einen anderen Weg. Er verbindet Reiseerfahrung, Literatur, politische Freiheit, persönliche Erinnerung und pianistische Klangfantasie zu einer neuen Form des poetischen Klavierzyklus. Diese Musik ist nicht programmatisch im engen Sinn. Niemand muss beim Hören von Au lac de Wallenstadt eine bestimmte Stelle am See sehen oder bei Orage ein konkretes Gewitter vorstellen. Liszt gibt Bilder und Texte als Anregung, nicht als Gebrauchsanweisung. Seine eigentliche Absicht ist tiefer: Er will Empfindungen aus der Begegnung mit Natur, Geschichte und Dichtung in Musik verwandeln. Darin liegt auch die Verbindung zu Liszts späteren Symphonischen Dichtungen. Die Schweizer Stücke sind Klaviermusik, aber sie denken bereits orchestral. In ihnen erscheinen Landschaft, Literatur und innere Bewegung als musikalische Form. Vallée d’Obermann und Orage weisen in ihrer dramatischen Anlage unmittelbar auf die späteren großen Orchesterwerke voraus. Schluss Années de pèlerinage – Première année: Suisse ist kein Album aus schönen Ferienerinnerungen. Es ist ein Werk über das Unterwegssein. Liszt zeigt die Schweiz als Ort der Freiheit, der Liebe, der Natur und der Einsamkeit; zugleich macht er sie zu einer Landschaft der Seele. Die Reise des jungen Liszt und Marie d’Agoult (1805–1876) begann als Flucht aus Paris. In der endgültigen Fassung von 1855 wird daraus ein großer Rückblick des reifen Komponisten. Die Musik bewahrt nicht einfach Erinnerungen. Sie ordnet sie, vertieft sie und verwandelt sie in Kunst. Deshalb gehört der Schweizer Band zu den stärksten, menschlichsten und schönsten Werken Liszts. Empfohlene Einspielung: Franz Liszt: Années de pèlerinage. Première année: Suisse, S. 160 – Alfred Brendel (1931–2025), Klavier. Aufnahme 1986, Deutsche Grammophon: https://www.youtube.com/watch?v=YuSFat1PKaY&t=0s Alfred Brendels Aufnahme gehört zu den überzeugendsten Deutungen des Schweizer Bandes. Er behandelt Liszts Musik weder als bloße Naturmalerei noch als virtuose Klavierliteratur. Seine Stärke liegt in der gedanklichen Klarheit, der großen Form und der Fähigkeit, die neun Stücke als zusammenhängenden inneren Weg hörbar zu machen. Au lac de Wallenstadt besitzt bei ihm Ruhe ohne Sentimentalität; Au bord d’une source bleibt leicht und durchsichtig; Orage entwickelt elementare Kraft, ohne in Lärm zu verfallen; und Vallée d’Obermann wird zum großen philosophischen Zentrum des Zyklus. Die Cloches de Genève enden nicht äußerlich schön, sondern mit einer tiefen, versöhnten Stille. Brendel ist für dieses Werk besonders geeignet, weil er Liszt nicht zum bloßen Virtuosen verkleinert. Er zeigt den Reisenden, Leser, Naturmenschen und nachdenklichen Romantiker. Gerade für eine Einführung in den gesamten Schweizer Band ist diese Aufnahme deshalb eine ausgezeichnete Wahl. https://www.youtube.com/watch?v=Li-kNc_E1EY Seitenanfang S. 160 Années de pèlerinage – Deuxième année: Italie, S. 161 Italien als Kunst, Liebe, Erinnerung und Vision Franz Liszts Années de pèlerinage („Pilgerjahre“) sind eines der größten und persönlichsten Lebenswerke der romantischen Klaviermusik. Der zweite Band, Deuxième année: Italie („Zweites Jahr: Italien“), S. 161, führt den Hörer in eine andere Welt als der Schweizer Band. Dort standen Natur, Freiheit, Einsamkeit, Wasser, Sturm und die Landschaft der Seele im Mittelpunkt. Italien bedeutet für Liszt dagegen vor allem Begegnung mit Kunst: mit Raffael, Michelangelo, Petrarca und Dante; mit Malerei, Skulptur, Liebeslyrik, religiöser Vorstellungskraft und dramatischer Dichtung. Die sieben Stücke sind keine musikalischen Reisefotos und keine bloßen Illustrationen berühmter Kunstwerke. Liszt versucht nicht, ein Gemälde nachzumalen oder einen Text Ton für Ton nachzuerzählen. Er fragt vielmehr: Was geschieht im Inneren eines Menschen, wenn er vor großer Kunst steht? Wie werden Schönheit, Liebe, Trauer, Erinnerung, Glauben und Verzweiflung zu Musik? Gerade hierin liegt die Besonderheit des italienischen Bandes. Liszt nimmt äußere Anregungen auf, verwandelt sie aber in eigene musikalische Gestalten. Die italienische Kunst wird bei ihm nicht Gegenstand gelehrter Bewunderung, sondern eine unmittelbare Erfahrung. Das Klavier wird zum Raum, in dem sich Bild, Gedicht, Geschichte und persönliches Empfinden begegnen. Italienreise, Marie d’Agoult und die lange Entstehung Im August 1837 reisten Liszt und seine Lebensgefährtin Marie d’Agoult (1805–1876) von der Schweiz nach Italien. Die Reise dauerte mehr als zwei Jahre. Sie führte über Mailand, den Comer See, Venedig, Florenz, Rom und weitere Orte. In dieser Zeit wurden am 24. Dezember 1837 in Como ihre Tochter Cosima Liszt (1837–1930) und am 9. Mai 1839 in Rom ihr Sohn Daniel Liszt (1839–1859) geboren. Die späteren italienischen Pilgerjahre entstanden jedoch nicht einfach während dieser Reise als unmittelbares Tagebuch. Liszt arbeitete über viele Jahre an den Stücken, änderte ihre Form, überarbeitete frühere Fassungen und stellte den Zyklus erst in Weimar zu einer geschlossenen Folge zusammen. Die endgültige Gestalt von S. 161 entstand in den Jahren 1846 bis 1849; veröffentlicht wurde sie 1858. Darin zeigt sich ein grundlegender Zug Liszts: Er komponiert nicht nur aus dem Augenblick. Er kehrt zu seinen Erfahrungen zurück, prüft sie neu und verwandelt die Erinnerung des jungen Reisenden in die Kunst des reifen Komponisten. Deshalb trägt dieses Werk zugleich die Frische der italienischen Reisezeit und die formale Konzentration der Weimarer Jahre. Die Gestalt des Zyklus Der Zyklus besteht aus sieben Stücken: 1. Sposalizio 2. Il penseroso 3. Canzonetta del Salvator Rosa 4. Sonetto 47 del Petrarca 5. Sonetto 104 del Petrarca 6. Sonetto 123 del Petrarca 7. Après une lecture du Dante: Fantasia quasi Sonata Die Folge besitzt einen deutlichen inneren Weg. Sie beginnt mit einer Hochzeit, die zugleich ein religiöses Bild der Reinheit und Ordnung ist. Danach folgt das Grabmal eines Medici und die Musik der Nachdenklichkeit und des Todes. Eine leichte Canzonetta bringt für einen Moment Bewegung und heitere Freiheit. Die drei Petrarca-Sonette führen in die Welt der Liebe: von Sehnsucht über Leidenschaft bis zur Verklärung. Am Ende steht Dante: nicht die private Liebe, sondern der Mensch vor Hölle, Erlösung und religiöser Vision. 1. Sposalizio in E-Dur Vermählung Sposalizio bedeutet „Vermählung“. Liszt ließ sich von Raffaels (1483–1520) Gemälde Lo sposalizio della Vergine – „Die Vermählung Mariens“ – anregen, das 1504 entstand und heute in der Pinacoteca di Brera in Mailand hängt. Das Bild zeigt Maria und Josef im Augenblick der Eheschließung. Im Zentrum steht ein Priester; im Hintergrund erhebt sich ein klar gegliederter Rundtempel. Die Figuren stehen nicht in dramatischer Bewegung, sondern in einer fast vollkommenen Ordnung. Alles ist von Symmetrie, Ruhe und lichtvoller Schönheit geprägt. Liszt reagiert darauf mit einer Musik, die nicht äußerlich festlich beginnt, sondern aus einem stillen, schwebenden Klangraum wächst. Einzelne Töne und sanfte Akkorde wirken wie Lichtpunkte. Erst langsam entfaltet sich eine Melodie von großer Innigkeit. Sie steigt auf, wird weiter, gewinnt an Wärme und erreicht schließlich eine glanzvolle Höhe. Der entscheidende Gedanke ist nicht Hochzeit als gesellschaftliches Ereignis, sondern Vermählung als Symbol: die Verbindung von menschlicher Liebe, Schönheit und geistiger Reinheit. Liszt gestaltet eine Musik, die sich aus Einfachheit zu größerer Erfüllung entfaltet. Die virtuosen Steigerungen dienen nicht dem Effekt; sie lassen die ursprüngliche Ruhe in ein immer helleres Leuchten übergehen. Sposalizio zeigt Liszt als Komponisten des Klangraums. Das Klavier klingt hier oft nicht wie ein Schlaginstrument, sondern wie ein Fernchor, eine Orgel oder eine Architektur aus Licht. Der Pianist muss die langen Bögen bewahren und darf die vielen Arpeggien nicht mechanisch behandeln. Sie sind kein Schmuck, sondern der Atem der Musik. 2. Il penseroso in cis-Moll Der Nachdenkliche Il penseroso bedeutet „Der Nachdenkliche“ oder „Der in Gedanken Versunkene“. Liszt bezieht sich auf Michelangelos (1475–1564) Skulptur des Lorenzo de’ Medici in der Neuen Sakristei von San Lorenzo in Florenz. Die Grabfigur, in den 1520er Jahren geschaffen, zeigt keinen triumphierenden Herrscher, sondern einen stillen, in sich gekehrten Menschen. Liszt macht daraus eine der eigenwilligsten und düstersten Klavierminiaturen des 19. Jahrhunderts. Tiefe, schwere Akkorde und eine fast unbewegliche Grundhaltung bestimmen den Beginn. Die Musik scheint nicht voranzuschreiten; sie verharrt, denkt nach, blickt in eine Tiefe, die keine einfache Antwort zulässt. Das Werk ist keine Totenklage im üblichen Sinn. Es hat etwas Strenges, Würdevolles, fast Steinernes. Die Harmonien wirken oft ungewöhnlich kühn; der Klang scheint sich von der sicheren Tonalität zu entfernen. Dadurch entsteht eine Atmosphäre, die weit über die romantische Klaviermusik ihrer Zeit hinausweist. Il penseroso ist kurz, aber von großer Wirkung. In ihm zeigt sich Liszts Fähigkeit, eine Skulptur nicht nachzuahmen, sondern ihre geistige Haltung musikalisch zu erfassen: Schwere, Nachdenken, Todesnähe und stille Einsamkeit. Später griff Liszt diese Musik wieder auf und gestaltete daraus die Orchesterfassung La notte („Die Nacht“). 3. Canzonetta del Salvator Rosa in A-Dur Kleines Lied, Salvator Rosa zugeschrieben Die dritte Nummer bildet einen starken Kontrast zu den beiden vorausgehenden Kunstbetrachtungen. Canzonetta bedeutet „kleines Lied“. Der Titel nennt den italienischen Maler, Dichter und Musiker Salvator Rosa (1615–1673), dem das Lied damals zugeschrieben wurde. Diese Zuschreibung ist jedoch nicht richtig. Das Lied Vado ben spesso cangiando loco – „Ich ziehe oft von Ort zu Ort“ – stammt nach heutiger Kenntnis von Giovanni Bononcini (1670–1747), einem italienischen Komponisten der Barockzeit. Liszt übernahm also ein Lied, das man im 19. Jahrhundert irrtümlich Salvator Rosa zuschrieb. Musikalisch ist die Canzonetta ein leichtes, bewegliches und charmantes Stück. Ihre Melodie hat etwas Gesangliches und Tänzerisches; die Begleitung ist unruhig, aber nicht schwer. Nach der stillen Feierlichkeit von Sposalizio und der Grabesdunkelheit von Il penseroso öffnet sich hier ein Fenster zur Welt: Bewegung, Freiheit, italienische Luft und spielerische Eleganz. Doch auch dieses Stück ist mehr als ein freundlicher Zwischenakt. Sein Text handelt vom unsteten Wandern. Deshalb passt es tief in Liszts eigenes Leben: der Künstler als Reisender, der nie ganz bleibt, nie ganz ankommt und aus dem Unterwegssein eine eigene Existenzform macht. 4. Sonetto 47 del Petrarca in D-Dur Petrarca-Sonett 47 Die drei Petrarca-Sonette bilden das lyrische Herz des Zyklus. Sie waren ursprünglich Lieder für Singstimme und Klavier und wurden später von Liszt zu großen Klavierstücken umgestaltet. Dadurch bleibt ihr Ursprung hörbar: Jede Nummer besitzt eine gesangliche Hauptlinie, eine Art imaginäre Stimme, die vom Pianisten mit größter Freiheit und Wärme gestaltet werden muss. Francesco Petrarca (1304–1374) schrieb die Sonette seiner Geliebten Laura. Ob Laura eine historisch eindeutig bestimmbare Person war, bleibt umstritten; für Petrarcas Dichtung wird sie zur Gestalt vollkommener, unerreichbarer Liebe. Ihre Schönheit weckt nicht nur Glück, sondern Sehnsucht, Schmerz, Unruhe und geistige Erhebung. Das Sonett Nr. 47 beginnt mit der Klage eines Liebenden, der in sich selbst brennt und keine Ruhe findet. Liszt gestaltet diese Spannung in einem großen, weit atmenden Gesang. Die Musik beginnt nicht triumphal, sondern suchend und sehnsüchtig. Sie steigt zu leidenschaftlichen Höhepunkten auf, fällt wieder zurück und findet immer neue Farben der Erinnerung. Hier ist Liszt ganz belcantistisch. Die Melodie muss wie eine große italienische Opernarie gesungen werden. Doch sie ist nicht bloß schön. Unter ihrer Oberfläche liegt eine tiefe Unruhe: Liebe als Zustand des Brennens, der Hoffnung und der Verletzlichkeit. 5. Sonetto 104 del Petrarca in E-Dur Petrarca-Sonett 104 Das Sonett Nr. 104 gehört zu Petrarcas berühmtesten Gedichten. Es beginnt mit dem Gedanken: Der Liebende findet weder Frieden noch Krieg; er fürchtet und hofft zugleich, brennt und friert, lebt und stirbt in einem einzigen widersprüchlichen Gefühl. Liszt macht aus dieser dichterischen Antithese eine Musik der Spannung. Der Beginn ist leidenschaftlich und erregt. Rasche Bewegungen, aufsteigende Gesten und scharfe harmonische Wendungen zeigen eine Seele, die nicht zur Ruhe kommt. Die Musik wird immer wieder zurückgenommen, findet in zarten Linien eine lyrische Insel und bricht dann erneut auf. Die Etüde verlangt vom Pianisten einen großen dramatischen Atem. Das Stück darf nicht als schöne Salonarie behandelt werden. Seine Schönheit entsteht gerade aus dem Widerspruch: Zärtlichkeit und Aufruhr, Nähe und Ferne, Liebe und Verzweiflung liegen dicht nebeneinander. Von den drei Petrarca-Sonetten ist Nr. 104 vielleicht das unmittelbar leidenschaftlichste. Liszt zeigt hier die Liebe nicht als sanfte Stimmung, sondern als existenzielle Macht, die den ganzen Menschen ergreift. 6. Sonetto 123 del Petrarca in A-Dur Petrarca-Sonett 123 Das Sonett Nr. 123 führt in eine andere Sphäre. Petrarca beschreibt Laura als eine fast überirdische Erscheinung: eine Gestalt von solcher Schönheit, Güte und Anmut, dass sie wie ein Engel auf Erden wirkt. Liszt antwortet darauf mit Musik von besonderer Innigkeit und Erhebung. Die Hauptmelodie ist breit, weich und von großer Wärme. Sie verlangt keinen äußeren Glanz, sondern einen Klang, der zugleich menschlich und entrückt wirkt. Im Mittelteil steigert sich die Musik zu einem Höhepunkt, der nicht dramatisch zerstört, sondern sich wie ein Licht öffnet. Diese Etüde ist nicht einfach die „friedliche“ unter den drei Sonetten. Auch sie kennt Sehnsucht und Schmerz. Doch die Liebe erscheint hier als Erinnerung an etwas Höheres. Das Persönliche wird geistig; die geliebte Person wird nicht nur begehrt, sondern verehrt. Damit bereitet Liszt bereits den letzten Satz vor. Nach den drei Formen der Liebe – brennende Sehnsucht, leidenschaftlicher Widerspruch und verklärte Bewunderung – öffnet sich der Zyklus für die größere religiöse und kosmische Vision Dantes. 7. Après une lecture du Dante: Fantasia quasi Sonata in d-Moll Nach einer Lektüre Dantes: Fantasie gleichsam eine Sonate Die sogenannte Dante-Sonate ist der gewaltige Abschluss des italienischen Bandes. Ihr Titel ist bewusst doppeldeutig. Liszt bezieht sich auf Dante Alighieri (1265–1321), besonders auf dessen Divina Commedia („Göttliche Komödie“), aber zugleich auf Victor Hugos (1802–1885) Gedicht Après une lecture de Dante. Es geht daher nicht um eine musikalische Nacherzählung einzelner Szenen, sondern um das Erleben einer Lektüre: um die Erschütterung, die Dantes Welt von Hölle, Schuld, Liebe, Gericht und Erlösung auslöst. Die Bezeichnung Fantasia quasi Sonata bedeutet „Fantasie gleichsam eine Sonate“. Liszt verbindet freie, visionäre Gestaltung mit einem großen formalen Bogen. Das Werk wirkt improvisatorisch und entfesselt, besitzt aber eine strenge innere Architektur. Der Beginn wird von einem schroffen Intervall beherrscht: dem Tritonus. Dieses Intervall galt in älterer Musiktheorie als besonders unerquicklich und spannungsvoll; man nannte es gelegentlich diabolus in musica, den „Teufel in der Musik“. Bei Liszt wird es zum Zeichen einer zerrissenen, bedrohlichen Welt. Absteigende Linien, düstere Akkorde und gewaltige Oktaven lassen eine musikalische Hölle entstehen. Doch die Dante-Sonate besteht nicht nur aus Dämonie. In der Mitte erscheint ein großer, lyrischer Abschnitt, der meist mit der Geschichte von Paolo und Francesca aus dem fünften Gesang des Inferno verbunden wird. Die Liebe dieser beiden Gestalten ist schön und tragisch zugleich: Sie führt nicht zur Erlösung, sondern bleibt mit Schuld und Untergang verbunden. Liszt gibt dieser Episode eine Melodie von großer Zärtlichkeit, die jedoch nie wirklich frei von Gefahr ist. Der Kampf zwischen dämonischer Bedrohung und menschlicher Sehnsucht steigert sich schließlich zu einer gewaltigen Schlussvision. Nach der langen Finsternis öffnet sich die Musik nach D-Dur. Der Schlusschoral, den Liszt mit der Idee des Magnificat verbindet, ist keine einfache Beruhigung. Er erscheint als Durchbruch: Licht nicht ohne Erinnerung an die Hölle, Erlösung nicht ohne das Wissen um Schuld, Hoffnung nicht ohne zuvor erlittene Verzweiflung. Die Dante-Sonate ist ein Prüfstein für jeden Pianisten. Ihre technischen Anforderungen sind extrem: große Sprünge, Oktaven, schnelle Doppelgriffe, weite Arpeggien, gewaltige Akkordballungen und ein fast orchestraler Klangumfang. Aber ihre größte Schwierigkeit ist geistiger Art. Wer nur laut und schnell spielt, macht aus dem Werk eine Katastrophenmusik. Liszt verlangt etwas anderes: eine große dramatische Linie, in der Hölle, Liebe und Erlösung als notwendige Gegensätze verbunden bleiben. Die Stellung von Venezia e Napoli, S. 162 Sehr häufig wird der italienische Band gemeinsam mit Venezia e Napoli („Venedig und Neapel“), S. 162, gespielt. Dieser dreiteilige Anhang enthält: Gondoliera – Gondellied Canzone – Lied Tarantella – Tarantella Er gehört jedoch nicht zu den sieben Stücken von S. 161. Liszt veröffentlichte ihn 1861 als Ergänzung zum zweiten Pilgerjahr. Seine frühere Gestalt entstand um 1840; die spätere Fassung überarbeitete Liszt grundlegend. Die drei Stücke zeigen ein anderes Italien: nicht Raffael, Michelangelo, Petrarca und Dante, sondern Gondelgesang, Opernmelodie und neapolitanischer Tanz. Gerade deshalb bildet Venezia e Napoli eine reizvolle Ergänzung, sollte aber in einer Werkbeschreibung klar vom Hauptzyklus unterschieden werden. Die innere Bewegung des italienischen Bandes Der italienische Band ist sorgfältig gebaut. Er beginnt mit dem Bild einer heiligen Ehe und endet mit einer Vision von Hölle und Erlösung. Dazwischen stehen Grab, Wanderschaft und Liebeslyrik. Sposalizio zeigt Schönheit als Harmonie und Ordnung. Il penseroso zeigt Schönheit als ernste, todesnahe Versenkung. Die Canzonetta bringt das bewegte, wandernde Leben. Die Petrarca-Sonette zeigen Liebe in ihren widersprüchlichen und verklärten Formen. Die Dante-Sonate führt über das Private hinaus: Der einzelne Mensch begegnet einer Welt von Schuld, Schmerz und Hoffnung. Dadurch entsteht kein Reisebericht, sondern eine geistige Pilgerfahrt. Liszt reist nicht nur durch Italien; er reist durch die Kunst Italiens und findet darin Bilder seines eigenen Lebens. Liszts italienische Klavierpoesie Mit Deuxième année: Italie erreicht Liszt eine neue Stufe seines Komponierens. Die technische Brillanz des Virtuosen bleibt vorhanden, aber sie hat sich verändert. In Sposalizio wird sie zu Licht und Architektur, in Il penseroso zu Schwere und Stille, in den Petrarca-Sonetten zu Gesang und Leidenschaft, in der Dante-Sonate zu dramatischer Vision. Das Klavier wird zum Instrument der Verwandlung. Es kann Malerei in Klang überführen, Skulptur in Bewegung, Gedicht in Gesang und religiöse Dichtung in musikalische Architektur. Darin liegt die bleibende Größe dieses Zyklus: Er macht aus fremder Kunst keine Illustration, sondern schafft neue Kunst. Deuxième année: Italie gehört deshalb nicht nur zu Liszts schönsten Klavierwerken. Es ist ein Schlüssel zu seinem ganzen Denken. Der junge Reisende begegnet in Italien den großen Gestalten der europäischen Kultur; der reife Komponist verwandelt diese Begegnungen in eine Musik, die selbst zu einem Teil dieser Kultur wird. Empfohlene Einspielung: Franz Liszt: Années de pèlerinage. Deuxième année: Italie, S. 161 – Lazar Berman (1930–2005), Klavier. Deutsche Grammophon, Aufnahme 1977. https://www.youtube.com/watch?v=-tGkv9IAbRY Lazar Berman verbindet in Liszts italienischem Pilgerjahr pianistische Größe mit einem außergewöhnlichen Sinn für Klang, Gesang und dramatische Architektur. In Sposalizio lässt er die Musik aus stiller Helligkeit wachsen; Il penseroso erhält Schwere und Würde, ohne starr zu werden. Die drei Petrarca-Sonette gestaltet er nicht als gefällige Salonmusik, sondern als große, leidenschaftliche Gesänge. Den Abschluss, die Dante-Sonate, spielt Berman mit elementarer Kraft, aber ohne äußerliches Lärmen: Hölle, Liebe und die sehnsüchtige Suche nach Erlösung erscheinen als ein einziger großer musikalischer Weg. Diese Aufnahme zeigt Liszt nicht als Virtuosen, der Italien bereist, sondern als Künstler, der in Raffael, Michelangelo, Petrarca und Dante seine eigene Sprache findet. Die CD: Liszt, Années de Pèlerinage, Complete recording, Lazar Berman, Deutsche Grammophon, 1977, Tracks 10 bis 16: https://www.youtube.com/watch?v=ilVV645cF4U&list=OLAK5uy_mWN8py1Dww6muuZltzrQ6cuO2U63ZW0jM&index=10 Seitenanfang S. 161

  • Alte Musik und Klassik | Musikgeschichte

    Die Seite altemusikundklassik widmet sich der Kunst, alte Musik und klassische Werke neu zu hören. Neuigkeiten Neuigkeiten Franz Liszt (1811–1886) war nicht nur der berühmteste Klaviervirtuose seiner Zeit. Noch bevor er jene Laufbahn begann, die ihn auf den europäischen Konzertpodien zu einer beinahe mythischen Gestalt machte, beschäftigte ihn bereits eine viel grundsätzlichere Frage: Welche Stellung sollte die Musik in der Gesellschaft einnehmen, und welche Verantwortung trugen die Künstler selbst? Die Sinfonie A-Dur KV 201/186a, später als Sinfonie Nr. 29 gezählt, ist ein Werk, in dem der achtzehnjährige Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) mit über die Grenzen der höfischen Unterhaltungsmusik hinauswächst... Prag gehörte im 14. Jahrhundert zu den bedeutendsten geistigen und künstlerischen Zentren Europas... Orlando di Lasso hat den marianischen Antiphontext Ave Regina caelorum mehrfach vertont... Als Heinrich Schütz im Jahr 1625 seine Cantiones sacrae (Geistliche Gesänge) als Opus 4 veröffentlichte, befand sich Europa bereits im siebten Jahr des Dreißigjährigen Krieges... Die Beziehungen zwischen Portugal und China gehören zu den frühesten und zugleich dauerhaftesten Begegnungen Europas mit Ostasien... João Domingos Bomtempo (1775–1842) gehört zu den wichtigsten Gestalten der portugiesischen Musik zwischen Klassik, Frühromantik und liberalem Kulturaufbruch... Am 4. Juni 2026, feiert die katholische Kirche Fronleichnam, das „Hochfest des Leibes und Blutes Christi“... Felix Mendelssohn Bartholdys (1809–1847) „Lauda Sion“, op. 73 / MWV A 24, gehört zu jenen geistlichen Werken des 19. Jahrhunderts, in denen historische Liturgie, konfessionelle Sensibilität und romantische Klangsprache auf besonders glückliche Weise zusammentreffen... Francesco Geminiani (1687–1762) war ein Corelli-Schüler und Virtuose, eine Schlüsselfigur der italienischen Instrumentalmusik in England, ein Autor wichtiger Traktate, ein Unternehmer zwischen London, Dublin und Paris, Vermittler zwischen italienischem Hochbarock und englischer Konzertkultur — und zugleich ein Komponist, dessen Werk bis heute unvollständig erschlossen ist... Heute, am 31. Mai 2026, erinnert der 370. Geburtstag von Marin Marais (1656–1728) an einen der großen Meister der französischen Barockmusik... Die sechs Streichquartette Anh. 2 Nr. 1–6 gehören zu Randgebieten des Beethoven-Katalogs, in denen sich musikalisches Interesse, Zuschreibungsgeschichte und quellenkritische Vorsicht berühren... Pfingsten gehört zu den ältesten und theologisch folgenreichsten Festen des christlichen Kirchenjahres. Sein Ursprung liegt nicht in einer späteren kirchlichen Erfindung, sondern in der engen Verbindung zwischen jüdischer Festtradition und frühchristlicher Deutung... Nach der geistig-liturgischen Welt eines Thomas Tallis (um 1505–1585), bei dem Pfingsten als vielstimmiges Wunder der Sprache erscheint, öffnet Bach einen völlig anderen Raum... Die drei Streichquartetten, die Juan Crisóstomo de Arriaga während seiner Pariser Studienzeit komponierte und 1824 als Sammlung veröffentlichte, bilden den Höhepunkt seines kurzen Schaffens... Wenige Wochen vor dem Tod Wolfgang Amadé Mozarts (1756–1791) erscheint in den Wiener Akten ein Vorgang, der lange Zeit kaum eine Rolle in der Mozart-Biographik spielte: der Rechtsstreit des Fürsten Karl Alois von Lichnowsky (1761–1814) gegen Mozart... Maria Theresia Paradis (1759–1824), Pianistin, Sängerin, Komponistin und Musikpädagogin wurde in Wien geboren, erblindete bereits als Kind und machte dennoch eine bemerkenswerte Karriere... Marianna von Martines gehört zu jenen Künstlerinnen des 18. Jahrhunderts, deren Rang lange Zeit weniger durch ihr tatsächliches Können als durch die gesellschaftlichen Grenzen ihrer Epoche verdeckt wurde... Carl Orffs (1895–1982) „Carmina Burana“ gehört zu den bekanntesten Chorwerken des 20. Jahrhunderts... Bedeutende Einspielungen von Carl Orffs „Carmina Burana“... Zum 459. Todestag von Leonhard Paminger (1495–1567) erinnert ein neuer Beitrag an den Passauer Komponisten, Humanisten und Theologen. Er wurde am 29. März 1495 in Aschach an der Donau in Oberösterreich geboren und starb am 3. Mai 1567 in Passau... Franz Liszts (1811–1886) Totentanz . Paraphrase über „Dies irae“ für Klavier und Orchester gehört zu den bedeutendsten Werken seiner Weimarer Reifezeit... Die Entstehungsidee wird seit Langem mit einem eindrucksvollen Reiseerlebnis verbunden... Adalbert Mathias Gyrowetz, tschechisch Vojtěch Matyáš Jírovec (1763–1850), gehört zu jenen Komponisten, deren Name heute nur noch am Rand des allgemeinen Musikbewusstseins erscheint, obwohl sie zu ihrer Zeit beträchtliches Ansehen genossen und im europäischen Musikleben durchaus sichtbar waren... Ludwig van Beethovens (1770–1827) Tripelkonzert in C-Dur, op. 56 gehört zu jenen Werken, die sich einer schnellen Einordnung entziehen... Mit der CD Les frères Francœur haben Théotime Langlois de Swarte (* 1995) und Justin Taylor (* 1992) eine Einspielung vorgelegt, die weit über den Reiz einer bloßen Repertoire-Rarität hinausgeht... Die Cherubim-Hymne ist bei Pjotr Iljitsch Tschaikowsky (1840–1893) kein selbständiges Einzelwerk, sondern Nr. 6 aus der Liturgie des heiligen Johannes Chrysostomos op. 41, die 1878 entstand und 15 Nummern umfasst... Michael Haydns Missa in honorem Sanctae Ursulae, MH 546, gewöhnlich „Chiemseemesse“ genannt, gehört zu den bedeutendsten geistlichen Werken seines späten Schaffens... Wer Leopold Koželuchs (1747–1818) Sonate op. 2 Nr. 3 in c-Moll und Wolfgang Amadeus Mozarts Fantasie c-Moll KV 475 unmittelbar nacheinander hört, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass beide Werke „verdächtig“ ähnlich klingen... Johann Nepomuk Hummel (1778–1837) gehört zu jenen Komponisten, die heute weit seltener gespielt werden, als es ihre historische Bedeutung rechtfertigt... Bachs Kantate "Ein Herz, das seinen Jesum lebend weiß", BWV 134, ist ein Werk, das oft im Schatten der berühmteren Festkantaten steht und gerade deshalb besondere Aufmerksamkeit verdient... Immer wieder entsteht der Eindruck, Johann Sebastian Bach (1685–1750) habe das Osterfest im Vergleich zu Karfreitag, Weihnachten oder den großen Passionen am Rande behandelt... Bachs Kantate "Bleib bei uns, denn es will Abend werden", BWV 6, gehört zu den eindrucksvollsten geistlichen Werken seines zweiten Leipziger Kantatenjahrgangs... Heinrich Schütz (1585–1672) steht am Anfang der großen deutschen Musiktradition in einem sehr präzisen Sinn: Nicht deshalb, weil man ihn pathetisch zum „Vater der deutschen Musik“ verklären müsste, sondern weil er als erster deutscher Komponist von wirklich europäischem Rang die modernen italienischen Errungenschaften des frühen 17. Jahrhunderts in den deutschen Sprachraum übertrug und sie dort in eine eigenständige, sprachlich hoch sensible Kunst verwandelte... Unter dem Namen Giovanni Battista Pergolesi (1710–1736) ist die kleine Oster-Motette Surrexit Christus überliefert, ein Werk von knapper Form, aber unmittelbarer Wirkung... Die Osterformel „Christus ist auferstanden, Halleluja. Christus ist wahrhaft auferstanden. Christus ist wahrhaft aus dem Grab auferstanden“ wirkt auf den ersten Blick schlicht... Der Karsamstag ist der stillste Tag des Kirchenjahres... Bachs „Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine“ aus der Johannes-Passion, BWV 245, gehört zu jenen Chören, in denen sich Trost und Erinnerung auf besonders ergreifende Weise begegnen... Das Requiem d-Moll KV 626 von Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) gehört zu jenen Werken, deren Berühmtheit den Blick auf ihre tatsächliche historische Gestalt eher verstellt als klärt... Mit Orlando di Lasso (1532–1594) begegnet man einem Komponisten, der zu den höchsten Erscheinungen der europäischen Renaissance gehört... Ubi caritas ist einer der eindrucksvollsten Gesängen des Gründonnerstags... Carlo Gesualdo (1566–1613) gehört zu den faszinierendsten und zugleich ungewöhnlichsten Komponisten an der Schwelle von der Renaissance zum Frühbarock... Guillaume Bouzignac gehört zu jenen französischen Komponisten, deren Name heute nur noch einem kleineren Kreis von Kennern vertraut ist, die aber in der Musikgeschichte des frühen 17. Jahrhunderts einen weit größeren Rang besitzen, als ihre heutige Bekanntheit vermuten lässt... Zeitgenössische Quellen belegen, dass Leopold Koželuch im europäischen Musikleben einen außerordentlich hohen Rang einnahm... Er war einst eine der produktivsten und prägendsten Persönlichkeiten der Wiener Musikszene gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Heute gilt er als einer der meistunterschätzten Komponisten der Wiener Klassik... Die Hymnen von Orlando di Lasso (Hymnarium 1580/81) bilden einen wichtigen Bestandteil seines geistlichen Schaffens und stehen in enger Verbindung mit der täglichen und festlichen Liturgie des Kirchenjahres... Die Sinfonie e-Moll, die heute im Werkverzeichnis von Joseph Martin Kraus (1756–1792) als VB 141 geführt wird, gehört zu jenen Fällen, in denen die Überlieferung eines Werkes lange Zeit unklar war und erst durch neuere Quellenkritik deutlicher geklärt werden konnte. Der Grund für die Verwirrung liegt darin, dass dieselbe Komposition in zwei unterschiedlichen historischen Überlieferungssträngen erscheint: in einer Regensburger Handschrift unter dem Namen Kraus und in einem Pariser Druck von 1787 unter dem Namen Giuseppe Cambini (1746–1825)... Rachmaninows erstes Klavierkonzert ist ein Werk, das weit mehr Aufmerksamkeit verdient, als es gewöhnlich erhält. Es zeigt den jungen Komponisten auf dem Weg zu sich selbst, aber bereits mit erstaunlicher Sicherheit, Wirkungskraft und melodischer Erfindung... Die Arie „Ma se m’è forza perderti“ gehört zu den edelsten und zugleich berührendsten Tenorszenen im gesamten Opernschaffen Giuseppe Verdis (1813–1901)... Die Handlung von Verdis Oper Un ballo in maschera hat ihren Ursprung in einem realen historischen Ereignis: der Ermordung des schwedischen Königs Gustav III... Das berühmte Intermezzo aus der Oper Cavalleria rusticana gehört zu den bekanntesten Orchesterstücken der Operngeschichte... Eine der bemerkenswertesten Episoden der europäischen Kulturgeschichte ereignete sich im Sommer des Jahres 1763 in Frankfurt am Main... Das folgende Video zeigt den siebten Satz des berühmten Gloria in D-Dur RV 589 von Antonio Vivaldi (1678–1741)... Das Short Service gehört zu den bekanntesten liturgischen Kompositionen von William Byrd und stellt ein charakteristisches Beispiel für die anglikanische Kirchenmusik der elisabethanischen Zeit dar... Michael Haydn gehört zu den bedeutendsten, wenn auch lange unterschätzten Vertretern der österreichischen Kirchen- und Bühnenmusik des späten 18. Jahrhunderts... Das Great Service gehört zu den umfangreichsten Kompositionen, die William Byrd für die englische Staatskirche geschaffen hat... In der hier verlinkten Aufnahme interpretiert der mänliche Sopranist Bruno de Sá (* 1989) Bellinis „Casta Diva“ im Rahmen einer Aufführung am Theatro São Pedro... Als Jean-Philippe Rameau (1683–1764) 1735 seine opéra-ballet Les Indes galantes auf die Bühne brachte, war das Pariser Publikum längst fasziniert vom „Exotischen“. Reiseberichte, diplomatische Begegnungen und koloniale Expansion hatten eine Welt eröffnet, die zugleich real und imaginär war. Doch Rameaus „Indien“ – ob Osmanisches Reich, Peru oder Nordamerika – ist kein ethnographisches Dokument, sondern ein ästhetischer Entwurf... Rameau war der bedeutendste französische Opernkomponist der Generation nach Jean-Baptiste Lully (1632–1687). Zugleich war er einer der einflussreichsten Musiktheoretiker des 18. Jahrhunderts: Mit seinem „Traité de l’harmonie“ (1722) legte er die Grundlagen einer systematischen Harmonielehre, die weit über Frankreich hinaus wirkte... Die Hymnen von Orlando di Lasso (Hymnarium 1580/81) bilden einen wichtigen Bestandteil seines geistlichen Schaffens und stehen in enger Verbindung mit der täglichen und festlichen Liturgie des Kirchenjahres... Mozart schätzte Michael Haydn außerordentlich, nicht zuletzt wegen dessen kontrapunktischer Sorgfalt, melodischer Erfindungskraft und seiner natürlichen, nicht demonstrativen Musikalität. Diese Wertschätzung war gegenseitig; Haydn erkannte Mozarts außergewöhnliche Fähigkeiten früh und ohne jede Rivalität... William Hayes war einer der prägenden englischen Musiker des 18. Jahrhunderts außerhalb Londons: Komponist, Organist, Sänger, Musiktheoretiker und über Jahrzehnte zentrale Gestalt des akademischen Musiklebens in Oxford... Die Seite "altemusikundklassik" widmet sich der Kunst, alte Musik und klassische Werke neu zu hören – mit wachen Ohren, offenem Geist und einem Gespür für das, was hinter den Noten liegt. Im Zentrum steht das Verstehen: lateinische Texte werden zugänglich gemacht, verborgene Bedeutungen aufgedeckt, musikalische Strukturen erklärt – nicht akademisch trocken, sondern lebendig und nachvollziehbar. Viele Werke der Vokalpolyphonie, der Renaissance und des Barocks sind heute kaum mehr bekannt. Nicht, weil sie an Tiefe oder Schönheit verloren hätten – sondern weil das Wissen um ihre Sprache, ihren Kontext und ihren geistigen Gehalt langsam verblasst. Diese Seite will dem etwas entgegensetzen: Sie möchte zeigen, was Komponisten einst sagen wollten – und was diese Musik auch uns heute noch zu sagen hat. Dabei geht es nicht um Spezialistentum, sondern um Perspektiven. Um das Staunen über kunstvolle Klänge. Um ein neues Sehen und Hören – jenseits eingefahrener Deutungen, jenseits musealer Stille. Alte Musik wird hier nicht konserviert, sondern zum Sprechen gebracht. Mein Name ist Andreas Pawlik, ich bin Lehrer für Geschichte und Latein – und zugleich jemand, der Musik nicht als bloßes Klangereignis, sondern als kulturelles Gedächtnis versteht. Diese Seite ist aus dem Wunsch entstanden, Klang, Sprache und historische Bedeutung miteinander zu verbinden – so, wie sie von den Komponisten gedacht waren. Ein wesentlicher Teil meiner Arbeit bildet die Übersetzung der Originaltexte, die in der Vokalmusik Europas erklingen. Alle hier veröffentlichten Übertragungen – aus dem Lateinischen, Mittelfranzösischen, Altpolnischen, Alttschechischen, Russischen und Kirchenslawischen – sind von mir selbst angefertigt. Ich verwende grundsätzlich keine bestehenden Übersetzungen, weil ich überzeugt bin, dass nur das unmittelbare Arbeiten am Originalwort die innere Dramaturgie eines Musikstücks wirklich erfahrbar macht. Für lateinische Texte bilden die Biblia Sacra Vulgata (Editio Clementina und Nova Vulgata) die philologische Grundlage, da sie den liturgisch-musikalischen Sprachraum der Renaissance und des Frühbarock geprägt hat. Wo die musikalische Formulierung es erfordert, beziehe ich den griechischen Urtext und die Septuaginta ein, um Bedeutungsfelder präziser zu fassen. Die klassische Lutherbibel dient mir als poetischer Resonanzraum, während die Einheitsübersetzung eher eine kontrollierende Gegenstimme darstellt – hilfreich in der Terminologie, aber bewusst nicht stilprägend. Mittelfranzösische Dichtungen und Texte der franko-flämischen Polyphonie übertrage ich unter Wahrung ihrer historischen Bildlichkeit, ohne sie zu glätten oder in modernes Deutsch umzuschreiben. Altpolnische und alttschechische Quellen, besonders solche aus der reformatorisch-humanistischen Tradition, übersetze ich ohne Umweg über spätere Sprachstufen und mit Respekt vor ihrer ursprünglichen Orthographie. Russische und kirchenslawische Texte, die in geistlichen Konzerten und liturgischen Gesängen erscheinen, überführe ich ins Deutsche so, dass ihre ikonische Sprachschwere, ihre Mystik und rhythmische Gravitation erhalten bleiben.

  • Präludien | Alte Musik und Klassik

    Präludien Das Wort Präludium geht auf das lateinische prae-ludere zurück und bedeutet ursprünglich ein Vorspiel, etwas, das einer anderen Komposition vorangestellt wird. In der Barockzeit war es meist eine freie, improvisationsartige Einleitung, die den Tonraum eröffnete und den Spieler wie den Hörer auf das Folgende vorbereiten sollte. Bei Johann Sebastian Bach nehmen die Präludien bereits eine feste Gestalt an, etwa im Wohltemperierten Klavier, wo sie jeweils mit einer Fuge verbunden sind. Sie sind dort nicht mehr bloße Einleitungen, sondern selbständige kompositorische Stücke, die den Charakter und die Stimmung einer Tonart entfalten. Chopin knüpft an diese Tradition an, führt sie aber in eine völlig neue Richtung. Seine 24 Préludes op. 28, die 1838/39 während seines Aufenthalt auf Mallorca entstanden, sind nicht mehr als Vorspiele gedacht. Sie bilden eine in sich geschlossene Sammlung von Charakterstücken, die alle Dur- und Molltonarten durchschreiten, wobei die Reihenfolge an das System von Bachs Wohltemperiertem Klavier erinnert, aber freier angelegt ist. Jedes Prélude ist ein selbständiges Kunstwerk, das oft nur wenige Takte umfasst und doch eine ganze seelische Welt in konzentrierter Form ausdrückt. Manche dauern kaum eine halbe Minute, andere entfalten sich zu kleinen Dramen mit dramatischer Steigerung und Entladung. Gerade in dieser Verdichtung liegt Chopins Neuerfindung der Gattung. Das Präludium wird zum musikalischen Gedicht, zum Spiegel seelischer Stimmungen, mal zart und flüchtig, mal wild und eruptiv. Spätere Komponisten sahen darin ein Modell, das sie jeweils auf ihre Weise weiterführten. Skrjabin schuf ein eigenes, durch alle Tonarten laufendes Opus, Rachmaninow entwickelte die Form zu großen, virtuos-dramatischen Stücken, Debussy gab seinen poetischen Miniaturen denselben Titel und bekannte sich damit indirekt zu Chopins Erbe. So wurde das Präludium seit Chopin von einem vorbereitenden Vorspiel zu einer eigenständigen Gattung. Für Chopin selbst bedeutete es die Möglichkeit, frei von den Zwängen der großen Sonatenform oder der Tanzsatz-Tradition, die intimsten und unmittelbarsten musikalischen Eingebungen festzuhalten, wie hingeworfene, aber vollendete Skizzen seiner inneren Welt. Übersicht über die 24 Préludes op. 28 von Frédéric Chopin Prélude C-Dur op. 28 Nr. 1 (1836–1839) Prélude a-Moll op. 28 Nr. 2 (1836–1839) Prélude G-Dur op. 28 Nr. 3 (1836–1839) Prélude e-Moll op. 28 Nr. 4 (1836–1839) Prélude D-Dur op. 28 Nr. 5 (1836–1839) Prélude h-Moll op. 28 Nr. 6 (1836–1839) Prélude A-Dur op. 28 Nr. 7 (1836–1839) Prélude fis-Moll op. 28 Nr. 8 (1836–1839) Prélude E-Dur op. 28 Nr. 9 (1836–1839) Prélude cis-Moll op. 28 Nr. 10 (1836–1839) Prélude H-Dur op. 28 Nr. 11 (1836–1839) Prélude gis-Moll op. 28 Nr. 12 (1836–1839) Prélude Fis-Dur op. 28 Nr. 13 (1836–1839) Prélude es-Moll op. 28 Nr. 14 (1836–1839) Prélude Des-Dur op. 28 Nr. 15 („Regentropfen-Prélude“) (1836–1839) Prélude b-Moll op. 28 Nr. 16 (1836–1839) Prélude As-Dur op. 28 Nr. 17 (1836–1839) Prélude f-Moll op. 28 Nr. 18 (1836–1839) Prélude Es-Dur op. 28 Nr. 19 (1836–1839) Prélude c-Moll op. 28 Nr. 20 (1836–1839) Prélude B-Dur op. 28 Nr. 21 (1836–1839) Prélude g-Moll op. 28 Nr. 22 (1836–1839) Prélude F-Dur op. 28 Nr. 23 (1836–1839) Prélude d-Moll op. 28 Nr. 24 (1836–1839) Alle 24 Stücke wurden im Jahr 1839 in Paris und Leipzig veröffentlicht. Zwar gibt es einzelne Hinweise darauf, dass Chopin an einigen Préludes schon 1836 in Paris arbeitete, den geschlossenen Zyklus formte er aber erst auf Mallorca im Winter 1838/39. Die 24 Préludes op. 28 bilden den Kern von Chopins Auseinandersetzung mit dieser Gattung. Entstanden in den Jahren 1836 bis 1839 und veröffentlicht 1839 in Paris und Leipzig, sind sie als Zyklus konzipiert und durchschreiten alle Dur- und Molltonarten in einer systematischen Abfolge. Doch Chopin begnügte sich nicht mit dieser Sammlung. Er schrieb später noch drei weitere Préludes, die jeweils eine besondere Stellung einnehmen. Das Prélude Des-Dur op. 45 von 1841 ist ein Werk von größerer Ausdehnung, das mit seinen weiten harmonischen Ausweichungen fast improvisatorisch wirkt. Daneben existieren zwei postum veröffentlichte Stücke, die den Blick auf Chopins Werkstatt ergänzen: ein kurzes As-Dur-Prélude aus den 1830er Jahren, das im Nachlass gefunden wurde, sowie ein fragmentarisches cis-Moll-Prélude, das Chopin 1841 komponierte, um es der Fürstin Obreskoff zu widmen. Diese drei Werke zeigen, dass Chopin das Genre über den Zyklus op. 28 hinaus als Ausdrucksform schätzte, auch wenn er es nicht zu einer weiteren geschlossenen Sammlung ausbaute. Übersicht der zusätzlichen Préludes Prélude Des-Dur op. 45 (1841) Prélude As-Dur op. posth. (um 1834, veröffentlicht 1868) Prélude cis-Moll op. posth. (1841, veröffentlicht 1855) Die Einspielungen der Préludes gehören zu den Prüfsteinen der Chopin-Interpretation. Einen „einzigen besten“ Interpreten gibt es nicht, vielmehr verschiedene Ansätze, die jeweils ihre eigenen Stärken zeigen. Einige Pianisten, die von Kritikern immer wieder hervorgehoben werden: Martha Argerich (* 1941) – Deutsche Grammophon 1975/76. Feurig, elektrisierend, hochvirtuos; voller Spontaneität und unmittelbarer Glut; jeder Prélude wirkt wie ein kleines, dramatisches Ereignis. Claudio Arrau (1903–1991) – Philips 1974. Klanglich edel, tief durchdacht und ruhig; eine philosophische, reflektierte Gesamtinterpretation mit warmem Ton und großer innerer Ruhe. Wladimir Aschkenasi (* 1937) – Decca 1975. Klare, direkte Lesart, eher sachlich als exaltiert, mit kultiviertem Ton und ausgewogenem Tempo. Weniger romantische Freiheit, dafür klassische Übersichtlichkeit. Rafał Blechacz (* 1985) – Deutsche Grammophon 2019. Poetisch, ausgewogen, von kantabler Schönheit. Schlankes, elegantes Klangbild, sehr kontrolliert und farbig, mit polnischem Gespür für die innere Melodik Chopins. Seong-Jin Cho (* 1994) – Deutsche Grammophon 2021. Modern, transparent, poetisch; kristallklar in Technik, schlank im Klang – ausgewogen und jung. Alfred Cortot (1877–1962) – Aufnahmen 1926, 1942, 1950 (HMV/EMI). Poetisch-frei, mit Rubato-getränkter, fast improvisatorischer Phrasierung; stilbildend für die spätere Deutung des Zyklus. Jewgeni Kissin (* 1971) – RCA 1999. Virtuos, glänzend, hochpoliert. Er zeigt packende Energie und große Spannweite der Dynamik, manchmal etwas monumental, aber technisch von überragender Brillanz. Jan Lisiecki (* 1995) – Deutsche Grammophon 2013. Klar, jugendlich und transparent; ein respektvoller, fast „unromantischer“ Zugang mit Frische, allerdings noch ohne tiefes interpretatorisches Niveau. Yundi Li (* 1982) – Deutsche Grammophon 2015. Lyrisch, elegant, im Schönklang verhaftet; leichter, moderner Stil mit kontrollierter Phrasierung und sanfter Artikulation. Garrick Ohlsson (* 1948) – Arabesque 1990er / Hyperion 2008. Kraftvoll, ausgewogen, klassisch; eine edle Gesamtschau ohne extreme Gestik, aber mit solidem, ausgewogenem Stil. Maria João Pires (* 1944) – Deutsche Grammophon 1992/94; Teil des Gesamtprojekts Prä ludes + Klavierkonzert Nr. 2 (1994). Feinfühlig, elegant, introspektiv – Chopin als poetisches Nachdenken, keine Effekte, aber tiefe emotionale Wahrheit. Ivo Pogorelich (* 1958) – Deutsche Grammophon 1989/90. Eigenwillig, extrem, polarisierend; radikale Tempokontraste, starke Dynamik – ungewohnt, schwer zu greifen, aber unverwechselbar. Maurizio Pollini (1942–2023) – Deutsche Grammophon 1975, remastered 2023. Kristallklar, analytisch, strukturell streng; jede Stimme durchleuchtet, architektonisch präzise, manchmal kühl, aber technisch unerreicht. Sviatoslav Richter (1915–1997) – Live-Aufnahmen Sofia 1959, Moskau 1960 (diverse Labels). Monumental, düster, existenziell; deutet den Zyklus als dramatische Tragödie in 24 Szenen – intensiv und kompromisslos. Arthur Rubinstein (1887–1982) – RCA Victor 1946. Kantabel, klassisch, natürlich – mit großem Gesangston und unaufdringlicher Noblesse; für viele bis heute die „Referenz-Chopin Lesart“. Krystian Zimerman (* 1956) – Deutsche Grammophon 1994. Noblesse, klangliche Verfeinerung, poetische Tiefe – eine Synthese aus Pollini und Rubinstein, mit großer Detailarbeit und Perfektion im Klang. ... und andere. Ich erlaube mir, drei ganz unterschiedliche Interpreten der Préludes von Frédéric Chopin vorzuschlagen. Sie repräsentieren verschiedene Generationen, ästhetische Ansätze und Hörerfahrungen – und eröffnen so einen vielschichtigen Zugang zu diesem einzigartigen Zyklus. Maurizio Pollini (1942–2023) steht für die klassische Referenzaufnahme. Seine 1975 entstandene Einspielung gilt bis heute als Maßstab für Klarheit, strukturelle Durchsichtigkeit und technische Präzision. Pollini beleuchtet die Architektur des Zyklus mit analytischem Blick und formaler Strenge – manchmal kühl, aber stets von makelloser Logik und bestechender Konsequenz. Martha Argerich (*1941) bildet dazu das lebendige Gegenstück. Ihre Aufnahme von 1975/76 ist elektrisierend, voller Energie und Spontaneität. Sie spielt Chopin mit einer ungestümen Leidenschaft, die jedes Prélude in ein dramatisches Ereignis verwandelt. Was bei Pollini von strenger Klarheit geprägt ist, erscheint bei Argerich als ein Feuerwerk aus Temperament und improvisatorischem Elan. Seong-Jin Cho (*1994) schließlich bringt die Stimme der jungen Generation ein. Seine 2021 erschienene Aufnahme verbindet makellose Technik mit moderner Transparenz und poetischer Ausgewogenheit. Cho spricht mit seiner klanglichen Eleganz und seiner jugendlichen Frische ein breites, auch jüngeres Publikum an und zeigt, dass Chopins Préludes auch heute noch unmittelbar berühren und zeitgemäß wirken können. Gerade an diesen drei so unterschiedlichen Lesarten wird deutlich, dass Chopins Préludes nicht als bloße Sammlung einzelner Miniaturen verstanden werden dürfen. Sie bilden einen geschlossenen Zyklus, dessen Spannweite vom flüchtigen Aphorismus bis zur dramatischen Verdichtung reicht. Jede Interpretation muss deshalb den inneren Bogen der 24 Stücke erfassen – und genau darin offenbart sich, wie unterschiedlich Pollini, Argerich und Cho Chopins Meisterwerk deuten. Maurizio Pollini - Frédéric Chopin: 24 Preludes, Op. 28, 1975 Deutsche Grammophon GmbH, Berlin (Tracks 25 bis 48) Martha Argerich- Frédéric Chopin: 24 Preludes, Op. 28, 1977 Deutsche Grammophon GmbH, Berlin Seong-Jin Cho - Frédéric Chopin: 24 Preludes, Op. 28, Live, Gilmore Keyboard Festival, Kalamazoo, Michigan, USA, 2021 Prélude Nr. 1 C-Dur op. 28 Komponiert 1836–1839, veröffentlicht 1839 bei Maurice Schlesinger in Paris, Breitkopf & Härtel in Leipzig und Wessel & Co. in London. Der gesamte Zyklus op. 28 wurde dem befreundeten Kollegen Joseph Christoph Kessler (1800–1872) gewidmet, einem österreichischen Pianisten und Komponisten, der seinerseits Chopin das Préludien-Opus 31 zugeeignet hatte. Das erste Prélude steht in C-Dur und ist von sprühender Energie und aufwärtsstrebender Bewegung geprägt. Schon in den ersten Takten entfaltet sich eine wellenartige Figur der rechten Hand, die ununterbrochen durchläuft, während die linke Hand mit kräftigen Akkorden ein festes Fundament legt. Die Musik gleicht einem rauschenden Vorhang, der sich öffnet und den Zyklus in hellstem Licht beginnen lässt. Obwohl das Stück kaum eine Seite umfasst, ist seine Wirkung frappierend: es wirkt wie ein Aufschwung, ein musikalisches „Aufatmen“ zu Beginn der Reise durch alle Tonarten. Interpretatorisch wird das Stück oft als ein Charakterbild jugendlicher Frische und ungebrochener Vitalität gedeutet. Pollini hebt die kristalline Struktur hervor, lässt jede Figur präzise und klar durchscheinen. Argerich hingegen betont den Funkenflug, macht daraus ein brillantes Feuerwerk, das sich ungestüm entfaltet. Cho findet einen Mittelweg: flüssig, transparent, dabei doch kontrolliert – wie ein modernes, elegantes Vorspiel zu den kommenden Stimmungsbildern. So eröffnet Chopin seinen Zyklus nicht mit einer feierlichen Ouvertüre, sondern mit einem Stück, das wie ein Strom aus Licht und Bewegung wirkt – ein bewusst schlichtes, aber wirkungsvolles Portal in die vielgestaltige Welt der 24 Préludes. Prélude Nr. 2 a-Moll op. 28 Komponiert 1836–1839, veröffentlicht 1839 gemeinsam mit dem gesamten Zyklus. Wie alle Stücke der Sammlung trägt auch dieses Prélude die Gesamtwidmung an Joseph Christoph Kessler (1800–1872). Nach dem strahlenden Aufschwung des ersten Préludes in C-Dur schlägt Chopin mit dem a-Moll-Stück eine geradezu schockierende Wendung ein. Plötzliche Schwere, fast trostlose Monotonie prägen den Charakter. Die linke Hand wiederholt in gleichmäßiger Bewegung kurze, absteigende Bassfiguren, während die rechte Hand eine düstere, von Seufzermotiven geprägte Linie darüberlegt. Die harmonische Sprache ist von dissonanten Reibungen durchzogen, was dem Stück einen unruhigen, klagenden Ton gibt. Robert Schumann nannte dieses Prélude einst eine „kleine Szene, wie von einer kranken und beängstigten Seele hingeworfen“. Es wirkt beinahe fragmentarisch, als würde Chopin hier ein Bild der Verzweiflung oder Resignation in wenigen Takten verdichten. In der Interpretation zeigen sich die unterschiedlichen Pianistenprofile besonders stark. Pollini spielt das Stück mit unerbittlicher Strenge, jede dissonante Schärfe tritt hervor, was den Eindruck einer eisigen Klarheit erzeugt. Argerich formt es freier, beinahe improvisierend, mit einer nervösen Intensität, die an einen inneren Aufruhr denken lässt. Cho hingegen gestaltet es moderner, kontrollierter, mit feinem Sinn für Balance zwischen der monotonen Bassfigur und der gespannten Oberstimme – weniger tragisch, mehr wie eine introvertierte Klage. Das zweite Prélude ist damit der bewusste Gegenpol zum ersten: Statt vitaler Energie herrscht hier Schwermut, statt Aufbruch Resignation. Chopin zeigt gleich zu Beginn des Zyklus die extreme Spannweite seiner Ausdrucksmöglichkeiten – eine Seelenskizze in Miniaturform, die von Interpreten große innere Konzentration verlangt. Prélude Nr. 3 G-Dur op. 28 Entstanden 1836–1839, veröffentlicht 1839 in Paris, Leipzig und London. Nach der düsteren Schwere des a-Moll-Préludes erscheint dieses Stück wie eine lichte Brise. In ununterbrochenen Sechzehntelfiguren entfaltet die rechte Hand einen funkelnden Fluss, während die linke Hand eine schlichte, aber beschwingte Begleitung beisteuert. Die Musik wirkt tänzerisch, fast wie ein improvisiertes Capriccio, heiter und unbeschwert. Sie strahlt eine Eleganz aus, die typisch für Chopins kürzere Klavierminiaturen ist: ein Moment reiner Freude, von fast flüchtiger Leichtigkeit. Charakteristisch ist die schwebende Motorik, die nie ins Virtuose kippt, sondern stets graziös bleibt. Robert Schumann hörte darin einen „Spielplatz der Elfen“. Trotz seiner Kürze besitzt das Stück eine erstaunliche Leuchtkraft – ein Intermezzo voll Frische, das den dunklen Ton des zweiten Préludes gleichsam hinwegwischt. In der Deutung der großen Pianisten zeigen sich feine Unterschiede. Pollini legt Wert auf makellose Gleichmäßigkeit und Klarheit, das Sechzehntelgeflecht funkelt wie ein präzises Uhrwerk. Argerich bringt einen Hauch Übermut ins Spiel, lässt die Figuren perlen und schimmern, als seien sie spontan erfunden. Cho wiederum betont die Eleganz und Ruhe, die diesem heiteren Stück innewohnen, und verbindet jugendliche Frische mit kontrollierter Balance. Das G-Dur-Prélude ist damit ein Musterbeispiel für Chopins Fähigkeit, in wenigen Takten eine Welt der Grazie und Leichtigkeit zu erschaffen – wie ein kurzes Aufblitzen des Lichts im wechselvollen Strom des Zyklus. Prélude Nr. 4 e-Moll op. 28 Entstanden 1838/39, veröffentlicht 1839 in Paris, Leipzig und London. Dieses Prélude gehört zu den bekanntesten des gesamten Zyklus und gilt als Inbegriff von Chopins Melancholie. Ein ruhiger, gleichmäßiger Puls in der linken Hand – gebrochene Akkorde, die in schweren Schritten auf- und absteigen – bildet den Hintergrund für eine schlichte, klagende Melodie in der rechten Hand. Die Harmonik schreitet in großen Seufzern voran, jede Wendung klingt wie ein neues Aufbäumen und ein erneutes Versinken. Der Charakter ist von tiefer Traurigkeit durchzogen, doch nicht in theatralischer, sondern in schlichter, ergreifender Weise. Robert Schumann beschrieb das Stück als „ein Trauergesang, den niemand schöner hätte schreiben können“. Die innere Spannung liegt weniger im Rhythmus als in den subtilen harmonischen Fortschreitungen, die immer wieder überraschend und bedrückend wirken. Gerade dieses Prélude erfordert von Interpreten höchste Konzentration und inneres Gleichmaß. Pollini spielt es mit strengem Ernst und unbeirrbarer Ruhe, was die Tragik wie in Stein gemeißelt erscheinen lässt. Argerich hingegen lässt die Linie freier fließen, betont das Atemhafte, fast Improvisatorische der Klage. Cho gestaltet es mit poetischer Schlichtheit, klaren Linien und moderner Transparenz – eine Lesart, die nicht im Pathos schwelgt, sondern auf innere Wahrheit setzt. Das e-Moll-Prélude ist ein Stück, das Hörer immer wieder unmittelbar trifft: ein musikalisches Bekenntnis von tiefer Trauer, zugleich schlicht, intim und universell verständlich. Prélude Nr. 5 D-Dur op. 28 Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839. Nach der klagenden Trauermusik in e-Moll setzt Chopin mit dem D-Dur-Prélude ein leuchtendes Gegenzeichen. Es ist ein Stück von tänzerischem Schwung, voller Heiterkeit und Anmut. Rasch aufsteigende Figuren, punktierte Rhythmen und lebhafte Akzente verleihen der Musik den Charakter eines beschwingten Tanzes. Die rechte Hand zeichnet eine elegante Melodielinie, während die linke mit federnden Akkorden stützt und antreibt. Trotz seiner Kürze besitzt das Stück die Wirkung einer kleinen Festmusik. Es vermittelt heitere Gelöstheit und wirkt fast wie ein musikalisches Lächeln, das den düsteren Eindruck des vorangegangenen Préludes vertreibt. Gleichzeitig zeigt sich Chopins Meisterschaft darin, ein Miniaturstück mit so klarer Form und Ausdrucksstärke zu füllen. Die Unterschiede in der Interpretation sind deutlich spürbar. Pollini spielt das Stück mit makelloser Klarheit und rhythmischer Präzision, wodurch es wie ein makellos funkelndes Kleinod wirkt. Argerich betont die Leichtigkeit, lässt die Figuren tanzen, fast übermütig, und verleiht der Miniatur den Charakter einer improvisierten Kaprice. Cho verbindet Klarheit und Eleganz, mit einem modernen, fast kammermusikalischen Klang, der an ein filigranes Gespräch erinnert. Das D-Dur-Prélude zeigt exemplarisch, wie Chopin Kontraste im Zyklus organisiert: auf eine tiefe Klage folgt ein Ausbruch von Lebensfreude, als wollte er das ganze Spektrum menschlicher Empfindungen in immer neuen Facetten durchmessen. Prélude Nr. 6 h-Moll op. 28 Entstanden 1838/39, veröffentlicht 1839. Dieses Prélude steht in scharfem Kontrast zur Heiterkeit des vorangegangenen D-Dur-Stücks. Ein schwerer, absteigender Bass in der linken Hand bildet die Grundlage, über der die rechte Hand eine schlichte, klagende Melodie entfaltet. Schon die ersten Takte lassen den Eindruck einer Grabgesang-artigen Musik entstehen: langsam, ernst, von melancholischer Schwere durchzogen. Die gleichmäßigen Akkorde erinnern an den Klang einer Trauerglocke, und das Ganze entfaltet sich wie ein stiller, eindringlicher Choral. Das Stück ist von auffallender Einfachheit in der Struktur, doch gerade diese Reduktion macht seine Wirkung so stark. In wenigen Takten erschafft Chopin ein Bild tiefer Trauer, von resignativer Schwere, die aber niemals in dramatischen Ausbruch umschlägt. Stattdessen herrscht hier ein stiller Ernst, eine fast liturgische Stimmung. In der Interpretation zeigen sich drei Zugänge. Pollini spielt es mit unbeirrbarer Ruhe und klanglicher Strenge, wodurch die Musik wie in Stein gemeißelt wirkt. Argerich gestaltet es weicher, atmender, mehr als schmerzlich gesungene Kantilene, bei der die Melodie wie ein Wehklagen erscheint. Cho betont die schlichte Schönheit und die Modernität der Harmonik, legt den Fokus auf den reinen, transparenten Klang und vermeidet Pathos – was dem Stück etwas Meditatives verleiht. Das h-Moll-Prélude ist ein Beispiel dafür, wie Chopin mit minimalen Mitteln größte Ausdruckskraft erreicht. Es ist keine „große“ Trauermusik, sondern eine intime, persönliche Klage, die den Hörer unmittelbar berührt. Prélude Nr. 7 A-Dur op. 28 Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839. Dieses kurze, nur wenige Takte umfassende Stück ist eines der bekanntesten des Zyklus. Sein Charakter erinnert an ein schlichtes Choral- oder Liedthema, getragen von klaren, blockhaften Akkorden. In seiner Kürze und Einfachheit wirkt es wie ein kurzes Gebet oder eine musikalische Miniatur von volksliedhafter Reinheit. Die Melodie entfaltet sich in ruhigen Schritten, getragen von der harmonischen Wärme des A-Dur. Kein überflüssiges Ornament stört die Klarheit, und doch liegt in der Knappheit eine erstaunliche Ausdruckstiefe. Gerade die Unmittelbarkeit und Kürze machen das Stück zu einem der eindringlichsten Momente im Zyklus. In der Interpretation ergeben sich feine Unterschiede. Pollini betont die strenge Klarheit, fast architektonisch, und lässt das Stück wie einen stilisierten Choral wirken. Argerich spielt es mit weicherer, gesanglicher Phrasierung, beinahe wie eine intime Erinnerung, in die ein Hauch Nostalgie gelegt ist. Cho verbindet die Schlichtheit mit moderner Eleganz: transparent, zurückhaltend, mit feinem Klang. Das A-Dur-Prélude ist in seiner Kürze fast ein „Atemzug“ im Zyklus – ein Moment der Ruhe und Sammlung, bevor Chopin im folgenden fis-Moll-Stück zu neuer Bewegtheit und Dramatik ansetzt. Prélude Nr. 8 fis-Moll op. 28 Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839. Dieses Prélude bricht den ruhigen Choralcharakter des A-Dur-Stücks abrupt auf. Rasende Figuren in der rechten Hand, die unablässig in Sechzehnteln wirbeln, prallen auf eine energische Begleitung der linken Hand. Das Stück wirkt wie ein Sturm, voller Unruhe, Drang und nervöser Spannung. Harmonisch bewegt es sich kühn, mit plötzlichen Modulationen und unerwarteten Wendungen, die den ungestümen Charakter noch verstärken. Trotz seiner Kürze ist es ein höchst virtuoses Prélude. Die Technik verlangt absolute Präzision und Beherrschung der raschen Figurationen. Gleichzeitig muss der Pianist eine klare Linie und dramatische Steigerung gestalten, damit das Stück nicht nur als „Etüde“ wirkt, sondern seine innere Dramatik entfalten kann. Die Unterschiede der Interpreten sind hier besonders deutlich. Pollini besticht durch gnadenlose Präzision: jede Figur sitzt, der Sturm bleibt unter Kontrolle, was der Musik monumentale Wucht gibt. Argerich hingegen entfesselt die ganze Wildheit, lässt die Läufe aufglühen, fast improvisiert, als würde das Stück im Augenblick entstehen. Cho nimmt eine vermittelnde Haltung ein: er spielt mit Brillanz, aber ohne Überhitzung, klar strukturiert und modern, sodass die Rasanz des Stückes zugleich elegant und durchsichtig bleibt. Das fis-Moll-Prélude zeigt Chopins Fähigkeit, auf engstem Raum maximale Dramatik zu bündeln. Es ist ein kurzer Ausbruch leidenschaftlicher Energie, wie ein Unwetter, das plötzlich über die ruhige Landschaft hereinbricht. Prélude Nr. 9 E-Dur op. 28 Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839. Nach dem ungestümen Sturm des achten Préludes kehrt Chopin zu einem gänzlich anderen Ausdruck zurück. Das E-Dur-Prélude ist getragen, fast hymnisch, von einer ruhigen und feierlichen Grundhaltung bestimmt. Breite Akkorde in der linken Hand geben der Musik eine choralartige Basis, während die rechte Hand eine gesangliche Melodie darüberlegt, die in langen Bögen strömt. Die Stimmung ist würdevoll und gelassen, beinahe pastorale Ruhe durchzieht das Stück. Es ist weniger dramatisch als kontemplativ – eine Art stilles Innehalten im Zyklus, das den Hörer nach den emotionalen Extremen der vorangegangenen Stücke wieder zur Sammlung bringt. Die Interpretationen zeigen verschiedene Nuancen dieser Ruhe. Pollini gestaltet das Stück mit klassischer Klarheit und feierlicher Strenge, wodurch es einen architektonischen, fast sakralen Charakter erhält. Argerich lässt die Linie weicher und lyrischer fließen, ihre Phrasierung wirkt atmend, als würde sie die Melodie in eine intime Erinnerung verwandeln. Cho interpretiert es mit eleganter Schlichtheit, modern im Ton, transparent und klar, was dem Stück eine jugendlich-poetische Ausstrahlung verleiht. Das E-Dur-Prélude ist ein Moment der inneren Sammlung und verleiht dem Zyklus eine Dimension des Schlicht-Feierlichen. Es erinnert daran, dass Chopins Préludes nicht nur dramatische Szenen, sondern auch stille, gesangliche Meditationen enthalten. Prélude Nr. 10 cis-Moll op. 28 Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839. Dieses kurze, aber hochvirtuose Prélude ist ein Wirbelsturm aus rasenden Figuren. In der rechten Hand fliegen unablässig Sechzehntelketten auf und ab, während die linke Hand mit sprunghaften Oktaven und Akkorden einen kraftvollen Widerpart bildet. Das Stück ist geprägt von nervöser Energie, plötzlichen Ausbrüchen und dramatischen Kontrasten, die in gerade einmal wenigen Takten eine packende Intensität erzeugen. Formal gleicht es einer Mini-Etüde, doch Chopin füllt diese Virtuosität mit dramatischem Gehalt. Es wirkt wie ein Blitzgewitter, ein Ausbruch nervöser Kraft, der im Zyklus eine entscheidende dramatische Spitze setzt. Seine Kürze macht es nicht weniger wirkungsvoll – im Gegenteil, die komprimierte Energie steigert die Eindringlichkeit. Die Interpretationen unterstreichen die unterschiedlichen Facetten. Pollini bewältigt die technische Rasanz mit gnadenloser Präzision, wodurch das Stück wie ein perfekt gefasstes Juwel wirkt. Argerich entfesselt die ganze Virtuosität in leidenschaftlichem Aufglühen, mit dem Eindruck spontaner Improvisation, wodurch es brennt und glüht. Cho präsentiert eine moderne, elegante Lesart: brillant, transparent, klar strukturiert, mit jugendlicher Frische, die dem Sturm eine gewisse Leichtigkeit gibt. Das cis-Moll-Prélude ist damit ein Paradebeispiel für Chopins Fähigkeit, auf engstem Raum dramatische Explosionen zu gestalten – ein elektrisierender Moment im Zyklus, der kaum eine Minute dauert und doch unvergesslich wirkt. Prélude Nr. 11 H-Dur op. 28 Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839. Nach der virtuosen Explosion des cis-Moll-Préludes wendet sich Chopin wieder einer lyrischen, fast tänzerischen Geste zu. Das H-Dur-Prélude ist von zarter Heiterkeit und einem perlenden Bewegungsfluss geprägt. Die rechte Hand zeichnet ein ununterbrochenes Geflecht aus leichten Figuren, während die linke eine einfache, aber elegante Begleitung liefert. Der Charakter erinnert an ein kurzes Scherzo oder Intermezzo: fließend, leicht und voller Anmut. Die Stimmung wirkt fast improvisatorisch, als ob Chopin im Moment eine kleine musikalische Idee hingeworfen hätte. Doch gerade in dieser scheinbaren Mühelosigkeit steckt große Kunst: das Stück bleibt transparent und hell, ohne ins Banale zu kippen. Es ist wie ein kleiner Sonnenstrahl innerhalb des Zyklus. Die drei Pianisten deuten es auf unterschiedliche Weise. Pollini bringt kristalline Klarheit und präzise Artikulation, wodurch das Stück wie feines Uhrwerk funkelt. Argerich lässt die Figuren freier fließen, mit einem Hauch von Übermut und tänzerischem Schwung, sodass es spielerisch und spontan wirkt. Cho betont Eleganz und Leichtigkeit, modern, luftig, mit einem klaren poetischen Ton, der dem Prélude eine fast kammermusikalische Zartheit verleiht. Das H-Dur-Prélude ist eine Miniatur voller Anmut und zeigt Chopins Fähigkeit, auch kleinste musikalische Einfälle mit poetischem Gewicht zu erfüllen. Es bildet einen hellen Ruhepunkt im dramaturgischen Verlauf des Zyklus. Prélude Nr. 12 gis-Moll op. 28 Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839. Dieses Prélude ist ein wahres Ausbruchswerk. Schon der Beginn mit kraftvollen Akkorden in der linken Hand und aufgewühlten Figurationen in der rechten zeigt, dass Chopin hier eine Szene höchster dramatischer Spannung zeichnet. Rasche Sechzehntelketten steigen und fallen, durchsetzt von markanten Akzenten, die dem Stück den Charakter einer stürmischen Klage verleihen. Es ist ein Stück von leidenschaftlicher Dringlichkeit, voller Unruhe und innerem Aufruhr. Die Harmonik ist kühner als in den vorangegangenen Préludes, plötzliche Modulationen und chromatische Verdichtungen verstärken die nervöse Erregung. Trotz seiner Kürze wirkt es wie ein dramatischer Monolog, der von innerer Zerrissenheit erzählt. Manche Interpreten sehen darin einen Vorgriff auf die existenzielle Ausdruckswelt späterer Komponisten wie Scriabin oder Rachmaninow. In der Interpretation setzen die Pianisten sehr unterschiedliche Akzente. Pollini verleiht dem Stück monumentale Geschlossenheit, jede Figur ist präzise gefasst, der Sturm bleibt klar durchhörbar. Argerich entfesselt die ganze Leidenschaft, lässt die Sechzehntelketten lodern und die Akzente wie Schläge hereinbrechen – ihre Lesart wirkt spontan und brennend. Cho gestaltet das Stück mit jugendlicher Brillanz, klanglich klar und durchsichtig, was den Eindruck eines kontrollierten, modernen Dramas vermittelt. Das gis-Moll-Prélude ist einer der Höhepunkte des Zyklus: ein kurzer, aber überwältigender Ausbruch, der die expressive Spannweite Chopins auf engstem Raum erfahrbar macht. Prélude Nr. 13 Fis-Dur op. 28 Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839. Dieses Prélude bildet nach dem leidenschaftlichen Ausbruch des gis-Moll-Stücks einen Ruhepol. Es ist von gesanglicher Schönheit geprägt und erinnert in seiner Anlage fast an eine kleine Nocturne. Die rechte Hand entfaltet eine weit gespannte, lyrische Melodie, die linke begleitet mit sanften Akkorden und subtilen harmonischen Wendungen. Der Charakter ist innig, träumerisch, von einer zarten Melancholie durchzogen. Die Musik schreitet mit ruhigem Puls voran und strahlt dabei eine noble Gelassenheit aus. Chopin zeigt hier seine Meisterschaft in der Kunst der Kantilene: die Melodie singt über den Tasten, als würde sie einer menschlichen Stimme nachempfunden sein. Dieses Stück gehört zu den poetischsten Momenten des gesamten Zyklus und offenbart Chopins Fähigkeit, in Miniaturform die Tiefe einer Nachtstimmung einzufangen. In der Interpretation betonen die Pianisten unterschiedliche Facetten. Pollini bringt die Linie klar und unaufgeregt zur Geltung, mit einem edlen, reinen Ton, der das Stück wie eine stilisierte Nocturne erscheinen lässt. Argerich lässt die Melodie leidenschaftlicher aufblühen, mit atmender Phrasierung und einer fast improvisatorischen Wärme. Cho legt den Schwerpunkt auf Eleganz und Balance, seine Lesart ist von jugendlicher Frische geprägt, zugleich schlicht und poetisch, mit moderner Klarheit. Das Fis-Dur-Prélude ist ein musikalischer Ruhepunkt, ein lyrischer Gesang, der inmitten der dramatischen Extreme des Zyklus wie ein Moment des stillen Träumens wirkt. Prélude Nr. 14 es-Moll op. 28 Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839. Dieses kurze, aber äußerst intensive Prélude ist von eruptiver Dramatik durchzogen. Es beginnt ohne Einleitung mit hämmernden Akkorden, die in dichtem Rhythmus aufeinanderfolgen. Der Charakter ist schroff, fast aggressiv – ein Stück von packender Energie, das den Hörer sofort in seinen Bann zieht. Die ständige Wiederholung und Verdichtung der rhythmischen Gestalt erzeugt eine Atmosphäre fieberhafter Unruhe, die keinen Augenblick zur Ruhe kommt. Die Harmonik steigert die Spannung zusätzlich, durch plötzliche, dissonante Reibungen und schnelle Wendungen. In weniger als einer halben Minute entfaltet Chopin ein musikalisches Drama von größter Intensität – ein Stück, das wie ein Schrei oder ein Aufbegehren wirkt. Die drei Interpreten gestalten diesen kurzen Ausbruch auf sehr unterschiedliche Weise. Pollini spielt es mit unnachgiebiger Strenge und Präzision, wodurch die Härte und Wucht der Akkorde unerbittlich hervortreten. Argerich verwandelt es in ein aufglühendes Feuer, voller Leidenschaft und mit einem Hauch improvisatorischer Freiheit, sodass das Stück wie ein spontaner Ausbruch wirkt. Cho legt den Akzent auf Klarheit und rhythmische Durchsichtigkeit, wodurch die rasende Energie modern, kontrolliert und dennoch dramatisch wirkt. Das es-Moll-Prélude ist ein Musterbeispiel für Chopins Fähigkeit, extreme Ausdruckswelten in engstem Raum zu bündeln – eine dramatische Explosion von kaum einer halben Minute Dauer, die im Zyklus wie ein elektrischer Schlag wirkt. Prélude Nr. 15 Des-Dur op. 28 („Regentropfen-Prélude“) Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839. Dieses Prélude gehört zu den berühmtesten Stücken Chopins und ist unter dem Beinamen „Regentropfen-Prélude“ bekannt. Die Bezeichnung rührt von der gleichmäßig wiederkehrenden As-Tönen her, die wie das stetige Fallen von Regentropfen wirken. Ob Chopin selbst diesen Eindruck so beabsichtigte, ist umstritten, sicher ist jedoch, dass er in diesem Stück eine außergewöhnliche Wirkung von Ruhe und Bedrohung zugleich erzielt. Die Anlage ist dreiteilig: Zunächst erklingt ein friedlicher, fast pastoraler Mittelstimmen-Gesang in Des-Dur, getragen von den unablässigen Tropfenfiguren. In der Mittelpartie jedoch kippt die Stimmung abrupt: düstere Harmonien in cis-Moll türmen sich auf, die Begleitung wird drängender, der Ton dramatisch verdunkelt. Schließlich kehrt die helle Des-Dur-Stimmung zurück, doch mit einem leicht melancholischen Schatten. In diesem Prélude verbinden sich Einfachheit und Dramatik auf faszinierende Weise. Es ist ein Stück von beinahe meditativer Ruhe, das in der Mitte zum erschütternden Aufschrei anwächst, bevor es am Ende wieder in Stille versinkt. Die Interpretationen der drei Pianisten sind aufschlussreich. Pollini spielt das Stück mit makelloser Kontrolle und betont die architektonische Form: klar, streng, fast objektiv, wodurch die dramatische Mitte umso wirkungsvoller hervortritt. Argerich lässt die Musik atmender und leidenschaftlicher fließen, sie gestaltet das „Regentropfen“-Motiv wie ein lebendiges Pulsieren und steigert die Mittelpartie zu einem leidenschaftlichen Ausbruch. Cho wiederum zeigt eine moderne Lesart: elegant, transparent, lyrisch, mit poetischer Ruhe, die sich besonders in der Rückkehr der Des-Dur-Teile zeigt – eine Interpretation, die für ein heutiges, auch junges Publikum unmittelbar zugänglich wirkt. Das Des-Dur-Prélude ist so etwas wie das Herzstück des Zyklus – ein Stück, das mit seiner Bildhaftigkeit und emotionalen Spannweite seit Chopins Zeiten bis heute fasziniert und in keinem Konzertprogramm fehlt. Prélude Nr. 16 b-Moll op. 28 Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839. Dieses Prélude gehört zu den technisch anspruchsvollsten des gesamten Zyklus. Rasende Sechzehntel in der rechten Hand stürzen unaufhörlich in Kaskaden herab, während die linke Hand mit mächtigen Akkorden und Sprüngen dagegenhält. Das Stück entfaltet von der ersten Note an eine überwältigende Virtuosität, die wie ein Gewitter über den Tasten niedergeht. Es gilt als eines der brillantesten und zugleich schwierigsten Préludes Chopins. Der Charakter ist ungestüm und leidenschaftlich. Die Musik scheint vor Dringlichkeit und Energie zu bersten, ohne den Hörer einen Moment der Entspannung zu gönnen. Trotz der Kürze – es dauert kaum zwei Minuten – entfaltet sich ein dramatischer Sturm, der wie eine virtuose Demonstration wirkt, aber zugleich tiefen Ausdruck transportiert. Manche Hörer haben es mit einer wild aufschäumenden Etüde verglichen, doch im Zyklus ist es weit mehr: ein Höhepunkt der eruptiven Leidenschaft. In der Interpretation offenbaren sich große Unterschiede. Pollini bewältigt das Stück mit absoluter Präzision und eiserner Kontrolle; seine Lesart wirkt monumental, als sei der Sturm in klare architektonische Linien gezwungen. Argerich entfesselt dagegen eine brennende Wildheit, ihre Hände rasen über die Tasten, und sie lässt das Stück wie ein improvisiertes Inferno erscheinen – voller Leidenschaft und Gefahr. Cho bietet eine moderne, elegante Lösung: brillant, aber durchsichtig, mit technischer Makellosigkeit und jugendlicher Energie, die den Sturm glühen lässt, ohne dass die Struktur verloren geht. Das b-Moll-Prélude ist einer der atemberaubenden Höhepunkte des Zyklus – ein Beweis für Chopins Fähigkeit, Virtuosität und Ausdruck zu verschmelzen, sodass der Hörer nicht nur technische Brillanz, sondern ein leidenschaftliches musikalisches Drama erlebt. Prélude Nr. 17 As-Dur op. 28 Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839. Dieses Prélude gehört zu den umfangreicheren des Zyklus und entfaltet eine weit gespannte, fast hymnische Ruhe. Über gleichmäßigen Akkordfolgen entwickelt die rechte Hand eine breit angelegte, kantable Melodie, die in langen Bögen geführt wird. Der Charakter ist von edler Gelassenheit, manchmal als „kleine Nocturne im Zyklus“ bezeichnet, doch in seiner Monumentalität eher ein gesangliches Hymnusstück. Das As-Dur-Prélude steht in deutlichem Kontrast zum tobenden b-Moll-Vorgänger. Hier öffnet sich der Klangraum, und die Musik atmet mit großen Perioden. Es ist ein Moment des Innehaltens, beinahe von kontemplativer Feierlichkeit – ein Ruhepunkt, der den Zyklus für einige Minuten in eine lyrische, warme Klangwelt führt. Die drei Pianisten heben jeweils verschiedene Qualitäten hervor. Pollini formt die Melodie mit edler Strenge, klar konturiert, wodurch das Stück die Würde einer stilisierten Nocturne erhält. Argerich lässt die Linien gesanglicher und atmender erklingen, mit mehr Rubato, fast wie eine improvisierte Ballade, die den persönlichen Ausdruck betont. Cho legt besonderen Wert auf Transparenz und Ausgewogenheit, gestaltet das Stück elegant und poetisch, wodurch es eine jugendliche Frische gewinnt. Das As-Dur-Prélude zeigt Chopins Fähigkeit, im Rahmen der Miniaturform große Bögen und eine erhabene, fast zeitlose Stimmung zu schaffen. Es ist ein Ruhepol und zugleich ein lyrischer Höhepunkt im dramaturgischen Verlauf des Zyklus. Prélude Nr. 18 f-Moll op. 28 Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839. Dieses kurze, aber hochdramatische Stück steht im schroffen Gegensatz zur weit ausgespannten Ruhe des As-Dur-Préludes. Schon der Beginn mit stürzenden Akkorden und ungestümen Gesten macht deutlich, dass es hier um einen leidenschaftlichen Ausbruch geht. Das Prélude wirkt wie ein aufgewühlter Monolog, in dem Schmerz und Aufbegehren in konzentrierter Form verdichtet sind. Die Harmonik ist kühn und spannungsreich, schnelle Bewegungen der rechten Hand treffen auf energische Basslinien, die die Dramatik verstärken. Es gibt kaum Momente der Entspannung – das Stück rast von Beginn an in einem leidenschaftlichen Strom, der abrupt endet. Mit seiner knappen Form, aber explosiven Intensität gehört es zu den ausdrucksstärksten Miniaturen des Zyklus. Die Interpretationen zeigen deutliche Unterschiede. Pollini spielt das Stück mit schneidender Präzision, was die dramatische Härte und Unerbittlichkeit der Akkorde betont. Argerich entfesselt ein fast improvisatorisches Feuer, sie lässt das Stück lodern und glühen, als würde es in einem Moment des Affekts geboren. Cho bewältigt die dramatische Rasanz mit jugendlicher Brillanz, klar, strukturiert und dennoch voller Energie – eine moderne Lesart, die den Ausbruch dramatisch, aber nie chaotisch wirken lässt. Das f-Moll-Prélude ist ein leidenschaftlicher Aufschrei, ein eruptives Stück von großer Intensität, das zeigt, wie Chopin auf wenigen Takten extreme seelische Erregung zum Ausdruck bringen konnte. Prélude Nr. 19 Es-Dur op. 28 Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839. Dieses Prélude gehört zu den heiteren und sonnigen Momenten im Zyklus. Eine tänzerische Leichtigkeit durchzieht die Musik: die rechte Hand entfaltet helle, wellenartige Figuren, während die linke Hand mit rhythmischer Klarheit begleitet. Die Stimmung ist beschwingt, fast pastoral, als wollte Chopin nach den dunklen Ausbrüchen des f-Moll-Stücks wieder Licht und Gelassenheit hereinlassen. Besonders auffällig ist die Eleganz der Melodielinie, die wie eine kleine, spielerische Arabeske wirkt. Alles scheint leicht und selbstverständlich zu fließen, doch hinter dieser Leichtigkeit steckt große Kunst: Chopin schafft eine feine Balance zwischen tänzerischem Schwung und melodischer Zartheit. In der Interpretation treten die Pianisten auf unterschiedliche Weise hervor. Pollini spielt das Stück mit makelloser Klarheit, jeder Ton ist durchhörbar, wodurch die tänzerische Struktur präzise und edel erscheint. Argerich bringt mehr Spontaneität und überschäumende Energie hinein, sie lässt das Stück geradezu funkeln und mit überschäumender Lebendigkeit aufblühen. Cho findet eine elegante Mitte: poetisch, modern, mit feiner Transparenz, was dem Stück eine jugendlich-frische Ausstrahlung gibt. Das Es-Dur-Prélude ist wie ein kleiner Sonnenstrahl im Zyklus – ein Moment der Heiterkeit und des tänzerischen Schwungs, der den Kontrast zu den benachbarten düsteren Préludes besonders eindrucksvoll macht. Prélude Nr. 20 c-Moll op. 28 Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839. Dieses Prélude ist eines der kürzesten, aber zugleich eindrucksvollsten des gesamten Zyklus. Mit seinen schweren Akkorden und blockhaften Fortschreitungen erinnert es an eine feierliche, fast choralartige Musik. Der Charakter ist monumental und ernst, von einer Würde geprägt, die über den engen Rahmen der Miniatur hinausweist. Die rechte und linke Hand bewegen sich fast parallel, wodurch eine mächtige Klangmasse entsteht. Harmonisch wirkt das Stück schlicht, aber von großer Wirkung: die abwärtsgerichteten Akkordfolgen klingen wie Schläge, die sich in das Gedächtnis des Hörers einbrennen. Franz Liszt schätzte dieses Prélude besonders und fertigte selbst eine Bearbeitung an, in der er die choralhafte Strenge unterstrich. Die Interpreten zeigen sehr unterschiedliche Ansätze. Pollini spielt das Stück mit eiserner Strenge und makelloser Kontrolle, wodurch die Architektur wie gemeißelt wirkt. Argerich legt mehr Gewicht auf die innere Spannung, lässt die Akkorde atmender klingen, mit einem Hauch von improvisatorischer Freiheit, die dem Stück mehr Dramatik gibt. Cho interpretiert es mit moderner Klarheit, etwas leichter im Ton, aber von edler Transparenz, wodurch die monumentale Geste jugendlich-frisch wirkt. Das c-Moll-Prélude zeigt Chopins Fähigkeit, in größter Kürze ein Musikstück von nahezu liturgischer Erhabenheit zu schaffen. Es ist eine der berühmtesten Miniaturen des Zyklus, oft isoliert gespielt, aber im Zusammenhang des Ganzen besonders eindrucksvoll, weil es wie ein feierliches Innehalten wirkt. Prélude Nr. 21 B-Dur op. 28 Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839. Dieses Prélude bringt nach der monumentalen Schwere des c-Moll-Stücks eine hellere, beinahe heitere Stimmung. Von Anfang an entfaltet es eine tänzerische Leichtigkeit: die rechte Hand zeichnet eine lyrische Melodie in geschwungenen Bögen, während die linke eine ruhige, aber bewegte Begleitung liefert. Es herrscht ein kantables, gesangliches Element vor, das dem Stück den Charakter eines kleinen, eleganten Liedes verleiht. Die harmonischen Wendungen sind sanft, aber nicht banal. Immer wieder leuchtet ein zarter Hauch von Melancholie durch, doch ohne die heitere Grundfarbe zu verdunkeln. Das B-Dur-Prélude wirkt wie eine Atempause im Zyklus – ein Stück, das innere Ruhe und Grazie vermittelt, ohne dramatischen Anspruch. Die drei Pianisten betonen unterschiedliche Aspekte dieser Eleganz. Pollini gestaltet die Linien mit edler Klarheit, wodurch das Stück wie ein kammermusikalisch-feines Intermezzo wirkt. Argerich lässt die Melodie freier und wärmer aufblühen, sie spielt es wie ein kurzes, improvisiertes Lied voller Zärtlichkeit. Cho verbindet Klarheit und Schlichtheit mit jugendlicher Eleganz; seine Lesart klingt transparent, lyrisch und zugänglich. Das B-Dur-Prélude ist damit ein Moment des Aufatmens – ein schlichtes, aber poetisch leuchtendes Kleinod, das den Zyklus in seiner Vielgestaltigkeit wunderbar abrundet. Prélude Nr. 22 g-Moll op. 28 Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839. Dieses Prélude schlägt mit voller Kraft in den Zyklus ein. Von den ersten Takten an herrscht ein dramatischer, ungestümer Tonfall. Mächtige Akkorde und markante Rhythmen in der linken Hand stützen die leidenschaftlichen Gesten der rechten, die sich in kraftvollen Figurationen entlädt. Die Energie dieses Stücks ist ungebremst, die Atmosphäre von leidenschaftlicher Unruhe und kämpferischer Dringlichkeit erfüllt. Die Harmonik unterstreicht den dramatischen Charakter durch häufige, spannungsvolle Wendungen, die das Stück immer wieder antreiben. Trotz seiner Kürze besitzt es eine fast orchestrale Wirkung: die Akkorde klingen wie Fanfaren, die Läufe wie ein flammender Aufschrei. Es ist eines der expressivsten und kompromisslosesten Préludes Chopins. Die Interpretationen heben diese Gegensätze auf verschiedene Weise hervor. Pollini verleiht dem Stück monumentale Wucht, die Energie ist stets in strenger Kontrolle gebändigt, was ihm etwas Architektonisches gibt. Argerich entfesselt ein glühendes, impulsives Feuer, die Leidenschaft lodert ungebremst, was dem Stück eine fast improvisierte Dramatik verleiht. Cho bringt eine jugendliche Brillanz ein, klar, transparent, energisch, aber nie überladen – eine moderne Lesart, die den Sturm elegant fasst. Das g-Moll-Prélude ist ein kurzer, aber heftiger Ausbruch, ein Stück von fast beängstigender Intensität, das Chopins dramatische Seite in reinster Form zeigt. Prélude Nr. 23 F-Dur op. 28 Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839. Nach dem stürmischen Ausbruch des g-Moll-Préludes wirkt dieses Stück wie ein Aufatmen. In leichten, fließenden Figuren entfaltet die rechte Hand ein heiteres, spielerisches Motiv, während die linke eine einfache, aber rhythmisch stabile Begleitung liefert. Der Charakter ist tänzerisch, graziös, fast scherzhaft, als wollte Chopin hier ein kleines Stück unbeschwerter Freude einflechten. Besonders auffällig ist die Transparenz der Textur: nichts klingt überladen, die Linien sind klar voneinander getrennt. Es ist ein Beispiel für Chopins Meisterschaft in der Kunst der Miniatur – ein kurzer Moment von Leichtigkeit, der den Zyklus aufhellt, bevor er in der Schlussnummer wieder in tiefere Abgründe hinabsteigt. Die drei Pianisten heben die verschiedenen Facetten hervor. Pollini betont die makellose Klarheit, wodurch das Stück wie ein funkelndes Kleinod wirkt. Argerich spielt es mit federnder Leichtigkeit, beinahe übermütig, was ihm den Charakter eines improvisierten Tanzes verleiht. Cho gestaltet es elegant und durchsichtig, mit jugendlicher Frische, die dem Stück ein modernes, unbeschwertes Gesicht gibt. Das F-Dur-Prélude ist ein Moment heiterer Grazie im Zyklus – ein kurzes Lächeln, das umso stärker wirkt, weil es direkt vor dem dramatischen Finale steht. Prélude Nr. 24 d-Moll op. 28 Komponiert 1838/39, veröffentlicht 1839. Dieses Prélude ist der monumentale Schlusspunkt des Zyklus. Es entfaltet von Beginn an eine Atmosphäre von dramatischer Entschlossenheit: rasende Figuren, hämmernde Akkorde und mächtige Oktaven jagen in unaufhaltsamem Drang dahin. Alles wirkt wie ein großer, leidenschaftlicher Kampf, der mit wuchtigen Gesten geführt wird. Die Struktur ist klar auf ein Ziel ausgerichtet: nach den stürmischen Einleitungen steigert sich die Musik in immer dichteren Figuren, bis sie in einem finalen Ausbruch kulminiert. Der Schluss, mit seinen markanten, schlagartigen Akkorden, wirkt wie eine endgültige Setzung – ein kompromissloses Ende, das den ganzen Zyklus in dramatischer Wucht zusammenfasst. Interpretatorisch zeigt sich die Spannweite der Ansätze. Pollini gestaltet das Stück mit unerbittlicher Präzision und architektonischer Strenge – die Dramatik ist monumental, kontrolliert, wie in Stein gemeißelt. Argerich lässt die Musik in flammender Leidenschaft auflodern, mit atemloser Energie, sodass das Finale wie ein improvisiertes Inferno wirkt. Cho präsentiert eine moderne Deutung: brillant, klar, voller jugendlicher Energie, ohne dass die Übersicht verloren geht – eine Synthese aus Virtuosität und poetischem Maß. Das d-Moll-Prélude ist nicht nur der Höhepunkt des Zyklus, sondern auch ein Schlusspunkt von elementarer Kraft. Chopin entlässt den Hörer nicht in Ruhe oder Versöhnung, sondern in einen letzten, überwältigenden Ausbruch. Damit wird deutlich, dass die 24 Préludes mehr sind als eine lose Sammlung: sie bilden einen dramatischen Bogen, der von Licht und Heiterkeit bis zu tiefster Schwermut reicht und in einem unvergesslichen Finale kulminiert. Prélude Des-Dur op. 45 Komponiert 1841, veröffentlicht 1841 bei Schlesinger in Paris. Gewidmet ist es Prinzessin Élisabeth Czernicheff (1818–1881). Dieses Einzelstück unterscheidet sich von den 24 Préludes op. 28 durch seinen weiten Atem und seine freiere Struktur. Es ist kein Miniaturbild, sondern eine ausgedehnte, fast improvisatorische Meditation, die auf einem ruhig schreitenden Rhythmus basiert. Chopin moduliert kühn und entfernt sich weit von der Grundtonart Des-Dur, bevor er in einer langen Linie wieder zurückkehrt. Die Musik ist von schwebender Eleganz, träumerisch, von innerer Ruhe und poetischer Verfeinerung. Argerich gestaltet es weich und atmend, beinahe wie eine improvisierte Fantasie: Prélude As-Dur, op. posth. Wahrscheinlich um 1834 komponiert, veröffentlicht erst 1868. Dieses kleine Stück ist von schlichter, zarter Anmut. Es wirkt beinahe wie eine Skizze: nur wenige Takte, doch voller Wärme und Gesanglichkeit. Eine ruhige Melodie entfaltet sich über einer schlichten Begleitung, von einer eleganten, fast volksliedhaften Reinheit. Gerade seine Kürze macht den Zauber aus – es ist wie ein musikalischer Gedanke, den Chopin in einem einzigen Atemzug niederschrieb. In der Interpretation lassen Pianisten oft die Schlichtheit für sich sprechen. Argerich bringt Wärme und Freiheit in die Phrasierung, lässt es wie eine improvisierte Eingebung erscheinen. Prélude cis-Moll, op. posth. Entstanden 1841, veröffentlicht 1855 nach Chopins Tod. Chopin schenkte es der Fürstin Jeanne Obreskoff (1812–1895). Dieses kurze Stück ist leidenschaftlich und dramatisch. Es beginnt mit gewichtigen Akkorden, die eine klagende Stimmung aufbauen, und steigert sich zu einer leidenschaftlichen Passage voller Dringlichkeit. Trotz seiner Kürze hat es den Charakter eines dramatischen Monologs. Es ist vielleicht das ausdrucksstärkste der drei zusätzlichen Préludes, da es die innere Zerrissenheit Chopins besonders eindringlich vermittelt. Artur Rubinstein (1887–1982): Rubinstein nähert sich diesem Werk mit einer Noblesse und Wärme, die ganz seinem pianistischen Wesen entspricht. Sein Ton ist nie aufdringlich, sondern von einer tiefen Ruhe und Ausgeglichenheit getragen. Schon die einleitenden Akkorde gestaltet er mit edlem Gewicht, ohne Härte, sodass sie wie eine feierliche Grundlage wirken, auf der sich die Melodie entfalten kann. Im Verlauf der Modulationen – die Chopin mit fast improvisatorischer Kühnheit über weite harmonische Räume führt – behält Rubinstein stets die Übersicht. Er betont nicht das Abenteuerliche, sondern das Organische dieser harmonischen Reisen. Alles klingt folgerichtig, so als würde sich die Musik aus innerer Notwendigkeit entwickeln. Seine Kantilene ist unvergleichlich: gesanglich, warm, mit einem weiten Atem. Er phrasiert die Linie wie ein Sänger, der die innere Bedeutung jeder Wendung nachspürt. Wo andere Pianisten zu stark auf den dramatischen Ausbruch setzen, bleibt Rubinstein in der Balance – die Leidenschaft ist vorhanden, aber eingebettet in eine Haltung klassischer Würde. Besonders eindrucksvoll ist die Rückkehr nach Des-Dur am Ende: Rubinstein lässt die Spannung langsam zur Ruhe kommen, nicht abrupt, sondern wie in einem sanften Verklingen. Der Schluss klingt wie ein nach innen gesprochener Gedanke – intim, gelassen, voller innerer Würde. So wird das Prélude cis-Moll op. 45 bei Rubinstein nicht zu einem Moment flüchtiger Virtuosität oder improvisatorischer Exzentrik, sondern zu einer poetischen Meditation, die in schlichter Größe leuchtet. Chopins Préludes bilden einen einzigartigen Zyklus, der in Miniaturen das ganze Spektrum menschlicher Empfindungen umfasst. Sie sind keine bloßen Skizzen oder Vorübungen, sondern vollendete Charakterstücke, die in größter Kürze ganze seelische Welten eröffnen. Von flüchtigen Lichtblicken bis zu Momenten tiefster Verzweiflung, von tänzerischer Anmut bis zu monumentaler Wucht zeigt sich hier Chopins unerschöpfliche Fantasie. Jede Interpretation offenbart neue Facetten: mal kristallin und streng, mal leidenschaftlich und spontan, mal modern und poetisch. So bleibt dieser Zyklus ein offenes Buch, das jede Generation neu liest – und das bis heute zu den eindringlichsten und universellsten Zeugnissen romantischer Klavierkunst zählt. Zur CD Zur CD

  • Duarte Lobo | Alte Musik und Klassik

    Duarte Lobo (1565 - 1646) Duarte Lobo (*Alcáçovas oder Lissabon, um 1565 – 24. September 1646) war ein portugiesischer Komponist an der Schwelle zwischen Spätrenaissance und Frühbarock. Er gilt als der bedeutendste portugiesische Komponist seiner Zeit. Gemeinsam mit Filipe de Magalhães (um 1571–1652), Manuel Cardoso (1566–1650) und König Johann IV. (1604–1656) zählt er zu den führenden Vertretern der „Goldenen Ära“ der portugiesischen Polyphonie Über Lobos Leben sind nur wenige gesicherte Informationen bekannt. Er wurde entweder in Alcáçovas oder in Lissabon geboren und erhielt seine musikalische Ausbildung bei Manuel Mendes in Évora. Seine erste nachweisbare Anstellung war die des Kapellmeisters an der Kathedrale von Évora; ab 1594 wirkte er in gleicher Funktion in Lissabon. Dort unterrichtete er Musik am Collegium des Domkapitels der Kathedrale, wo er mindestens bis 1639 tätig war. Später übernahm er die Leitung der Kapelle des Seminars São Bartolomeu in der portugiesischen Hauptstadt. Seine Werke signierte er lateinisiert als Eduardus Lupus. Obwohl er zeitlich bereits in die Epoche des Barock fällt, blieb seine Musik – ähnlich wie die seines Zeitgenossen Manuel Cardoso – stilistisch der Hochrenaissance verpflichtet. Sein kontrapunktischer Satz orientiert sich an der Polyphonie Palestrinas, was nicht zuletzt darauf zurückzuführen ist, dass Portugal von den musikalischen Neuerungen Italiens und Deutschlands weitgehend unberührt blieb. Lobo veröffentlichte sechs Sammlungen geistlicher Musik, die Messen, Responsorien, Antiphonen, Magnificats und Motetten umfassen. Seine Kompositionen zeichnen sich durch eine kraftvolle Ausdrucksstärke aus, die den rhythmischen und harmonischen Gehalt der lateinischen Texte meisterhaft zur Geltung bringt – ganz im Sinne der Reformen des Trienter Konzils. Erhaltene Druckausgaben seiner Werke – veröffentlicht in Antwerpen (Plantin, 1602–1639) und Lissabon (Craesbeck, 1607) – sind heute über verschiedene Städte Europas verstreut, darunter Coimbra, Évora, Vila Viçosa, Valladolid, Sevilla, München, London und Wien. Lobos Missa pro defunctis a 6 gehört zu seinen eindrucksvollsten Werken und ist ein herausragendes Beispiel für die iberische Polyphonie des frühen 17. Jahrhunderts. https://www.youtube.com/watch?…MHzSs1-ik0MsZgnro&index=2 (Track 1 bis 37) Lobos Requiem wurde 1621 in seinem "Liber Missarum I" in Lissabon veröffentlicht. Es zeigt die charakteristischen Merkmale der portugiesischen Polyphonie: Die Stimmen sind ausgewogen geführt, sodass der liturgische Text gut verständlich bleibt. Lobo orientierte sich an Palestrinas kontrapunktischen Prinzipien, fügte aber iberische Klangfarben und dichte harmonische Strukturen hinzu. Besonders in den "Kyrie"- und "Agnus Dei"-Sätzen sorgt dies für eindringliche Kontraste. Die Besetzung (SSATBB) sorgt für einen vollen, sonoren Klang, der an die Kathedralkapellen Portugals angepasst war. Introitus ("Requiem aeternam") – Sanft fließende Linien, die den feierlichen Charakter des Werkes betonen. Kyrie – Wechsel zwischen imitativen Einsätzen und harmonisch geführten Passagen. Dies irae (fehlt!) – Lobo ließ diese Sequenz aus, da sie in Portugal damals nicht Bestandteil der Messe war. Offertorium ("Domine Jesu Christe") – Ausdrucksstarke Harmonik und subtile Wortmalerei. Sanctus und Agnus Dei – Besonders das "Agnus Dei" enthält kunstvolle Stimmverflechtungen und einen feierlichen Abschluss. Lobos Requiem ist ein Meisterwerk der iberischen Sakralmusik. Es steht in einer Linie mit Werken von Tomás Luis de Victoria (um 1548 - 1611) und Cristóbal de Morales (um 1500 - 1553), weist aber eine eigene, feierliche Klangsprache auf. Heute wird es von Ensembles für Alte Musik wie The Tallis Scholars oder A Sei Voci interpretiert. Die CD enthält zwei Messen. Die zweite Messe (Track 38 bis 65) ist die Missa Vox clamantis von Duarte Lobo. Sie ist eine der weniger bekannten, aber dennoch bedeutenden Messen des portugiesischen Komponisten. Die Messe wurde in seinem zweiten Messbuch, dem Liber Missarum II (1639), veröffentlicht und basiert auf einer verlorenen Vorlage mit dem Titel "Vox clamantis". Es ist nicht genau bekannt, ob es sich dabei um eine eigene Motette Lobos oder um eine Vorlage eines anderen Komponisten handelt. Missa Vox clamantis bedeutet wörtlich „Messe [über] die Stimme des Rufenden“. Der Ausdruck „Vox clamantis“ stammt aus der Bibel, genauer gesagt aus Jesaja 40,3 und wird im Neuen Testament auf Johannes den Täufer bezogen: „Vox clamantis in deserto: Parate viam Domini.“ „Die Stimme eines Rufenden in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn.“ (Matthäus 3,3) Lobo verwendet thematisches Material der verlorenen Vorlage, entwickelt es weiter und passt es kunstvoll an die mehrstimmige Struktur der Messe an. Die Messe nutzt eine reichhaltige Klangfülle, die typisch für Lobos Spätstil ist: Sechsstimmigkeit (SSATTB). Sie folgt dem Vorbild der römischen Polyphonie (Palestrina-Tradition), kombiniert mit der portugiesischen Vorliebe für warme, breite Akkorde. Besonders in den Abschnitten Gloria und Credo sorgt dies für Klarheit und Ausdruck. Die harmonische Sprache bleibt innerhalb des Renaissance-Modalsystems, zeigt aber bereits Tendenzen zum Barock. Obwohl die Missa Vox clamantis nicht so bekannt ist wie Lobos Missa pro defunctis, ist sie ein eindrucksvolles Beispiel für die hohe Qualität der portugiesischen Sakralmusik im 17. Jahrhundert. Sie zeigt, wie sich der Palestrina-Stil in Portugal weiterentwickelt hat und welche Rolle Lobo als führender Vertreter dieser Tradition spielte. Missa pro Defunctis, a 8 (1621) https://youtu.be/2XvwP31PEvw Duarte Lobos Requiem von 1621 ist ein bemerkenswertes Werk der portugiesischen Sakralmusik und ein Beispiel für die raffinierte Verschmelzung traditioneller Polyphonie mit moderneren Klangfarben. Die Messe ist zwar achtstimmig, doch weniger als doppelchöriges Werk angelegt. Vielmehr entfalten sich sieben Stimmen kontrapunktisch über dem gregorianischen Choral, den sie stellenweise paraphrasieren. Dies führt zu einer vielschichtigen Klangstruktur mit Passagen für acht Stimmen, dialogischen Chören und reduzierten Besetzungen – etwa im Trio „In memoria“ im Graduale. Lobo bewahrte dabei den klassischen polyphonen Stil, wie er von Giovanni Pierluigi da Palestrina (1525–1594) geprägt wurde, integrierte jedoch ausdrucksstärkere Dissonanzen und eine subtile Textdeklamation, die an den Stil von Tomás Luis de Victoria (1548–1611) erinnert. Insgesamt bleibt die Messe eher schlicht und homophon, wobei besonders das Graduale und das Offertorium kunstvoll verwobene Kontrapunkte aufweisen. Trotz dieser lebendigen Abschnitte dominiert eine feierliche, würdevolle Atmosphäre, die der liturgischen Funktion des Werks gerecht wird und seine tief empfundene spirituelle Dimension unterstreicht. Missa Cantate Domino https://youtu.be/L3bK_c6iV98 Die "Missa Cantate Domino" ist ein herausragendes Beispiel für die portugiesische Sakralmusik des frühen 17. Jahrhunderts. Komponiert für acht Stimmen (SSAATTBB), entfaltet sie eine majestätische Klangfülle, die Lobos Meisterschaft in der polyphonen Vokalkunst unter Beweis stellt. Die Messe verbindet Klarheit und Ausdrucksstärke mit einer raffinierten Stimmführung, die an den Stil der römischen Schule erinnert, jedoch mit einem unverkennbar portugiesischen Charakter. Besonders beeindruckend ist die Weise, in der Lobo die Stimmen miteinander verwebt – dichte Imitationen wechseln sich mit weitgespannten, homophonen Passagen ab, wodurch eine eindrucksvolle dynamische Balance entsteht. Die Messe strahlt eine feierliche Erhabenheit aus, bleibt dabei jedoch stets durchdrungen von einer schlichten, fast meditativen Schönheit. Dieses Werk wurde in Lobos ‚Liber Missarum‘ veröffentlicht, das 1621 in Antwerpen bei der Officina Plantiniana gedruckt wurde. Messen und andere geistliche Werke: https://www.jpc.de/jpcng/classic/detail/-/art/masses-responsories-motets/hnum/10257589 https://partner.jpc.de/go.cgi?pid=101&wmid=cc&cpid=1&target=https://www.jpc.de/jpcng/classic/detail/-/hnum/10257589 "Missa Sancta Maria" und "Missa Elisabeth Zachariae", Weihnachtsresponsorien: "Hodie nobis caelorum rex", "Hodie nobis de caelo", "Quem vidistis pastores?", "O magnum mysterium", "Beata Dei genitrix", "Sancta et immaculata", "Beata viscera", "Verbum caro", Antiphon „Alma Redemptoris Mater“ und Motette „Audivi vocem de caelo“. Die Messe „Sancta Maria“ ist eine Komposition des portugiesischen Renaissance-Komponisten Duarte Lobo. Lobo war einer der bedeutendsten Vertreter der portugiesischen Polyphonie und wirkte als Kapellmeister an der Kathedrale von Lissabon. Diese Messe wurde erstmals 1621 in Lobos Sammlung „Liber missarum“ veröffentlicht und ist ein Beispiel für die Parodietechnik, bei der ein bestehendes musikalisches Werk als Grundlage für eine neue Komposition dient. Im Falle der „Missa Sancta Maria“ basiert sie auf dem gleichnamigen Motette des spanischen Komponisten Francisco Guerrero (1528–1599). Lobo integriert Motive, Rhythmen und Harmonien aus Guerreros Vorlage und demonstriert dabei sein meisterhaftes Können in der Verarbeitung und Transformation des ursprünglichen Materials Ein bemerkenswertes Merkmal dieser Messe ist der zweite Agnus Dei-Satz, der für sechs Stimmen (SSAATB) komponiert wurde. Hier verwendet Lobo ein kontrapunktisches Rätsel, indem er einen Kanon zwischen dem Superius I und dem Tenor einführt, begleitet von der lateinischen Anweisung "Per aliam viam reversi sunt" (Sie kehrten auf einem anderen Weg zurück). Diese Anweisung bezieht sich auf die biblische Erzählung der Weisen aus dem Morgenland und dient als Hinweis zur Entschlüsselung des musikalischen Rätsels Die „Missa Sancta Maria“ wurde in jüngerer Zeit von dem portugiesischen Vokalensemble Cupertinos unter der Leitung von Luís Toscano aufgenommen. Diese Aufnahme wurde 2019 in der Basilika do Bom Jesus in Braga, Portugal, eingespielt und von Hyperion Records veröffentlicht. Sie bietet einen authentischen Einblick in Lobos polyphone Meisterschaft und trägt zur Wiederentdeckung portugiesischer Renaissance-Musik bei. Zusammenfassend ist die „Missa Sancta Maria“ ein herausragendes Beispiel für Duarte Lobos Fähigkeit, bestehende musikalische Werke in neue, tiefgründige Kompositionen zu transformieren, und spiegelt die reiche Tradition der portugiesischen Polyphonie wider. Die CD enthält auch andere Werke von Lobo: „Hodie nobis caelorum rex“ ist ein vierstimmiges Responsorium. Dieses Werk wurde 1602 in seiner Sammlung „Opuscula“ veröffentlicht und ist das erste Responsorium der Matutin am Weihnachtstag. Ein Responsorium ist ein liturgisches Musikstück, das in der christlichen Kirchenmusik, besonders im Rahmen der Psalmodie, verwendet wird. Es handelt sich um ein kurzes musikalisches Werk, das häufig eine Wechselgesangform zwischen einem Solisten (oder einem Chor) und der Gemeinde oder einem zweiten Chor umfasst. Das Responsorium hat seinen Ursprung in der monastischen Liturgie, speziell im Rahmen des Stundengebetes (wie den Vespern). Es wird typischerweise nach einem biblischen Text (z. B. einem Psalm Vers oder einer Lesung) gesungen und ist in seiner Struktur so angelegt, dass der Solist oder der Chor einen Vers oder Text singt, auf den die Gemeinde oder ein zweiter Chor mit einem Refrain (dem "Respons" – der Antwort) reagiert. Das Responsorium beginnt mit der Zeile "Hodie nobis caelorum rex de Virgine nasci dignatus est" (Heute ist für uns der König des Himmels von der Jungfrau geboren worden). Der Text reflektiert die Freude der Engel über die Geburt Christi und endet mit der Doxologie "Gloria Patri, et Filio, et Spiritui Sancto". „Heute ist der König der Himmel aus der Jungfrau geboren, der Erlöser der Welt.“ Dieser Text hebt das Wunder der Geburt Jesu hervor, der als der König der Himmel und Erlöser der Menschheit bezeichnet wird. Er betont die Heiligkeit des Ereignisses und die besondere Rolle der Jungfrau Maria in der Geburt des Erlösers. Das „O magnum mysterium“ ist ein vierstimmiges Responsorium. Dieses Werk wurde 1602 in seiner Sammlung „Opuscula“ veröffentlicht. Der Text des Responsoriums, "O magnum mysterium et admirabile sacramentum, ut animalia viderent Dominum natum, jacentem in praesepio", reflektiert das Staunen über das große Geheimnis der Geburt Christi, bei dem selbst die Tiere den neugeborenen Herrn in der Krippe sehen durften. Lobos Vertonung zeichnet sich durch einen Wechsel zwischen imitatorischer Polyphonie und homophonen Passagen aus, wobei chromatische Elemente weitgehend fehlen. Der Text des Responsoriums übersetzt von mir: „O großes Mysterium, und wunderbare Verborgenheit, dass Tiere ihren Erhalter in der Krippe sehen, der Herr der Engel! Halleluja.“ Dieser Text spricht die Erstaunen und das Mysterium der Geburt Jesu an, dass der Schöpfer des Universums in einer Krippe geboren wurde und von einfachen Tieren verehrt wird. Es betont die demütige Geburt des Erlösers und das Staunen der Engel und der Schöpfung über dieses göttliche Ereignis. Das Responsorium „Quem vidistis, pastores?“ ist ein zentraler Bestandteil der liturgischen Feierlichkeiten zur Weihnachtszeit und wurde von verschiedenen Komponisten vertont. Der Text fordert die Hirten auf, zu berichten, wen sie gesehen haben, und verkündet die Geburt Christi. Der portugiesische Komponist Duarte Lobo vertonte dieses Responsorium und veröffentlichte es 1602 in seiner Sammlung „Opuscula“. Seine Komposition zeichnet sich durch einen Wechsel zwischen imitatorischer Polyphonie und homophonen Passagen aus, wobei er die emotionale Tiefe des Textes musikalisch einfängt. Der Text des Responsoriums übersetzt von mir: „Was habt ihr, Hirten, gesehen? Sagt uns, was es für ein Zeichen war, das euch erschienen ist? Ein Kind, das in einer Krippe lag, umhüllt von Licht und Herrlichkeit. Preiset den Herrn, der den Erlöser gesandt hat, den die Engel verkündeten.“ Diese Antiphon bezieht sich auf die biblische Erzählung der Hirten, die von den Engeln erfahren, dass der Erlöser, Jesus Christus, in Bethlehem geboren wurde (Lukas 2,8-20). Sie beschreibt das Wunder der Geburt und ruft die Hirten dazu auf, das Ereignis zu feiern und zu preisen. „Beata Dei genitrix“ ist ein vierstimmiges Responsorium. Dieses Werk wurde 1602 in seiner Sammlung „Opuscula“ veröffentlicht. Da die Tenor-I-Stimme in der Originalquelle fehlt, wurde sie von José Antonio Abreu (1939 – 2018) rekonstruiert. José Antonio Abreu war ein venezolanischer Komponist, Ökonom, Politiker, Erzieher, Aktivist und Gründer des größten musikalischen Projektes in Venezuela, der Orquesta Sinfónica de la Juventud Venezolana Simón Bolívar. Das Responsorium ist Teil der liturgischen Feierlichkeiten und wird als fünftes Responsorium in der Matutin am Weihnachtstag verwendet. Der Text ehrt die Gottesmutter Maria und ihre Rolle in der Geburt Christi: „Selige Gottesgebärerin Maria, immerwährende Jungfrau, Tempel des Herrn, Wohnstatt des Heiligen Geistes, allein ohne Beispiel hast du unserem Herrn Jesus Christus gefallen; bete für das Volk, trete für den Klerus ein, vermittle für den frommen weiblichen Stand“ Die Übersetzung stammt von mir. Diese Antiphon betont die einzigartige Stellung Marias als Mutter Gottes und ihre Fürsprache für die Gläubigen, insbesondere für das Volk, den Klerus und die Frauen, die ein gottgeweihtes Leben führen. „Sancta et immaculata“ ist ein vierstimmiges Responsorium. Dieses Werk wurde 1602 in seiner Sammlung „Opuscula“ veröffentlicht und ist Teil der liturgischen Feierlichkeiten zur Weihnachtszeit. Der Text des Responsoriums ehrt die Jungfrau Maria und betont ihre Heiligkeit und Unbeflecktheit. Lobos Vertonung zeichnet sich durch einen Wechsel zwischen imitatorischer Polyphonie und homophonen Passagen aus, wobei er die emotionale Tiefe des Textes musikalisch einfängt. Der Text des Responsoriums übersetzt von mir: „Heilig und unbefleckt, O Jungfrau Maria, von dir ging das Licht hervor, das den ganzen Erdkreis erleuchtet. Du hast den Erlöser in deinem Schoß getragen, der uns erlöst hat. Preiset die Jungfrau Maria, die den Sohn Gottes zur Welt brachte, der uns von der Sünde befreit hat.“ Diese Antiphon unterstreicht Marias Rolle als die unbefleckte Mutter des Erlösers und ihre Heiligkeit, die sie in der christlichen Tradition als „neuen Garten“ und „unbefleckte Braut Christi“ darstellt. „Beata viscera“ ist ein vierstimmiges Responsorium. Es wurde 1602 in seiner Sammlung „Opuscula“ veröffentlicht und ist das siebte Responsorium der Matutin am Weihnachtstag. In der Originalquelle fehlt die Tenor-I-Stimme, die von José Abreu rekonstruiert wurde. Der Text des Responsoriums beginnt mit "Beata viscera Mariae Virginis, quae portaverunt aeterni Patris Filium" und lobt die gesegneten Leibesfrüchte der Jungfrau Maria, die den Sohn des ewigen Vaters getragen hat. Der Text des Responsoriums übersetzt von mir: „Gesegnete Eingeweide der Jungfrau Maria, die den Sohn des ewigen Vaters getragen haben, gesegnet ist der Schoß, der Christus getragen hat. Preiset die Jungfrau, die Christus geboren hat, der uns erlöst hat.“ „Verbum caro“ ist ein vierstimmiges Responsorium. Dieses Werk wurde 1602 in seiner Sammlung „Opuscula“ veröffentlicht und ist das achte Responsorium der Matutin am Weihnachtstag. In der Originalquelle fehlt die Tenor-I-Stimme, die von José Abreu rekonstruiert wurde. Der Text beginnt mit "Verbum caro factum est et habitavit in nobis" (Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt) und reflektiert das zentrale Mysterium der Menschwerdung Christi. Lobos Vertonung zeichnet sich durch einen Wechsel zwischen imitatorischer Polyphonie und homophonen Passagen aus, die die feierliche Botschaft des Textes unterstreichen. Der Text des Responsoriums übersetzt von mir: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des eingeborenen Sohnes des Vaters, voller Gnade und Wahrheit.“ (Joh. 1,14) Die „Missa Elisabeth Zachariae“ (Der Titel bezieht sich auf die heilige Elisabeth, die Mutter von Johannes dem Täufer, Ehefrau von Zacharias) ist eine fünfstimmige Messe (SATTB). Sie wurde 1621 in seinem „Liber missarum“ veröffentlicht und basiert auf der gleichnamigen fünfstimmigen Motette des spanischen Komponisten Francisco Guerrero (1528 – 1599). Diese Messe ist ein Beispiel für die Parodietechnik, bei der Lobo Motive, Rhythmen und Harmonien aus Guerreros Vorlage übernimmt und kunstvoll weiterentwickelt In der Missa Elisabeth Zachariae beginnt jeder Abschnitt – Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Benedictus und Agnus Dei – mit einer ausgefeilten Modifikation des Anfangsmotivs der Motette, kombiniert mit neuem, von Lobo eingeführtem Material. Diese Herangehensweise verleiht der Messe einen einheitlichen Charakter und sorgt gleichzeitig für Überraschungsmomente, wie beispielsweise das unerwartete B natural (Im deutschen Notensystem ist das „B natural“ einfach das H, also die Note zwischen A und C. „Natural“ bedeutet, dass die Note nicht erhöht (#) oder erniedrigt (♭) wurde) zu Beginn des Benedictus. „Alma Redemptoris Mater“ ist eine achtstimmige marianische Antiphon. Dieses Werk wurde 1602 in seiner Sammlung „Opuscula“ veröffentlicht und basiert auf der bekannten gleichnamigen gregorianischen Melodie, die für die Adventszeit vorgesehen ist. Trotz ihrer Kürze demonstriert die Komposition Lobos Meisterschaft in der polychoralen Schreibweise. Nach einer längeren Einleitung des ersten Chores, die die Mutter des Erlösers würdigt, entwickelt sich ein Dialog zwischen den beiden Chören. Besonders bemerkenswert ist die Passage "succurre cadenti surgere qui curat populo" (komm dem fallenden Volk zu Hilfe, das sich bemüht, wieder aufzustehen), in der durch intensivere Rhythmen und eine dichtere Textur die Dringlichkeit der Bitte musikalisch unterstrichen wird. Die Antiphon kulminiert in einem eindringlichen Flehen an Maria, "peccatorum miserere" (erbarme dich der Sünder), das durch Textwiederholung und reiche Klangfülle hervorgehoben wird. Der Text der Antiphon übersetzt von mir: „Hochheilige Mutter des Erlösers, die du immer Jungfrau geblieben bist, glückseliges Tor des Himmels, bitte für uns! O du, die du den Erlöser geboren hast, unsern Schöpfer, bitte für uns!“ Diese Antiphon wird während der Adventszeit und zu Beginn der Weihnachtszeit in der Liturgie der römisch-katholischen Kirche gesungen und betet die Gottesmutter Maria an, die den Erlöser geboren hat und als Fürsprecherin für die Gläubigen eintritt. „Audivi vocem de caelo“ ist ein sechsstimmiges (SSAATB) Begräbnis-Motette. Der Text entstammt der Vesper für Verstorbene und lautet: "Audivi vocem de caelo, dicentem mihi: Beati mortui qui in Domino moriuntur." (Ich hörte eine Stimme vom Himmel, die zu mir sprach: Selig sind die Toten, die im Herrn sterben.) Lobos Komposition beginnt mit einer schlichten, imitatorischen Einleitung, bei der das Thema zunächst vom ersten Sopran vorgestellt wird und sich über eine Oktave erstreckt. Anschließend entfaltet sich ein reichhaltiges polyphones Gewebe, das die feierliche und meditative Atmosphäre des Textes unterstreicht. Diese Motette zählt zu den meistbewunderten und am häufigsten aufgeführten Werken der portugiesischen Polyphonie. Der Text der Motette von mir übersetzt: „Ich hörte eine Stimme vom Himmel, die zu mir sprach": „Selig sind die Toten, die im Herrn sterben, von nun an, spricht der Geist. Sie ruhen von ihren Mühen, und ihre Werke folgen ihnen nach.“ (Der Text ist inspiriert von Offenbarung 14,13)

  • Johannes Tourot | Alte Musik und Klassik

    Johannes Tourot – Ein kaiserlicher Kantor zwischen Flandern und Mitteleuropa Johannes Tourot (* um 1430, † nach 1466), dessen Name in historischen Quellen in zahlreichen Varianten erscheint – etwa Tourout, Touront, Thauranth oder Tauront – zählt zu den schillernden, lange verkannten Figuren der franko-flämischen Musik des 15. Jahrhunderts. Obwohl seine Biografie bis in die jüngste Zeit weitgehend im Dunkeln lag, lässt sich mittlerweile ein eindrucksvolles künstlerisches Profil skizzieren: jenes eines fähigen Kapellmeisters und Komponisten, der sowohl in Flandern als auch im Reich unter Kaiser Friedrich III. (1415–1493) wirkte und dessen Werke in zentral- und osteuropäischen Handschriften überliefert sind. Tourot stammte vermutlich aus Torhout in Westflandern (französisch: Thourout), worauf sowohl der Familienname als auch ein päpstliches Dokument vom 3. Juli 1460 hinweist, das ihn als Geistlichen der Diözese Tournai ausweist. Dieses bislang bedeutendste biografische Zeugnis – heute im Vatikanischen Archiv – belegt seine Funktion als Kantor in der Hofkapelle Kaiser Friedrichs III. (Amtszeit 1440–1493). Im Rahmen dieser Tätigkeit war er offenbar in Wien tätig und erhielt dort aus kaiserlicher Hand auch Pfründen, wie es für Mitglieder der Hofkapelle üblich war. Zwischen 1450 und 1480 war Tourot als Komponist aktiv, wobei er im Umfeld bedeutender Zeitgenossen wie Johannes Ockeghem (um 1410–1497) oder Johannes Regis (um 1425–um 1496) wirkte. Seine Musik weist typische Merkmale der franko-flämischen Vokalpolyphonie auf, zeigt zugleich aber auch eine eigenständige Handschrift, die auf seine hohe Kunstfertigkeit als Kontrapunktist hinweist. Seine Werke sind in mehreren zentral- und osteuropäischen Handschriften überliefert, darunter: die "Trienter Codices" (um 1445–1475, v. a. Manuskripte 88 und 89), das Schedelsche Liederbuch (um 1460–1470), der "Codex Speciálnik" (entstanden um 1470–1480), sowie der "Strahov-Codex" (2. Hälfte des 15. Jahrhunderts). Besonders der Codex Speciálnik war Grundlage für eine exemplarische Aufnahme durch das Hilliard Ensemble (Aufnahme um 1995), und auch das Ensemble Cappella Mariana unter Vojtěch Semerád (geb. 1980) widmete ihm 2023 ein vollständiges Porträtalbum (Johannes Tourot: Portrait of an Imperial Cantor, Label Pasacaille, PAS1124). Diese Produktion entstand in Zusammenarbeit mit der Alamire Foundation (gegründet 1991) und wurde in Prag feierlich präsentiert – unter Anwesenheit von Vertretern der belgischen Stadt Torhout. Sein heute gesichertes Werk umfasst: die vierstimmige Missa „Monyel“, die dreistimmige Missa „Sine nomine“, ein Magnificat sexti toni für drei Stimmen, sowie neun Motetten, die über verschiedene Handschriften verstreut erhalten sind. Nach 1466 verliert sich seine Spur in den Reichsrechnungen, was darauf hindeutet, dass seine Tätigkeit am Hof Friedrichs III. († 1493) in dieser Zeit endete. Über sein weiteres Leben und Todesdatum ist bislang nichts bekannt. Johannes Tourot bleibt ein faszinierender Vertreter der spätmittelalterlichen Musik zwischen Flandern und dem Reich – ein Komponist, dessen Wiederentdeckung gerade erst beginnt, dessen Werke aber bereits heute durch ihre hohe Qualität und stilistische Vielfalt beeindrucken. GD Portrait of an Imperial Cantor Johannes Tourot (* um 1430, † nach 1466) Capella Mariana unter der Leitung von Vojtěch Semerád (* 1984) https://www.youtube.com/watch?v=ms0MjEx2Nr4&list=OLAK5uy_nNIW9JpwGc2SKLPb2MKGp_BkqvbUgkzrw&index=3 Track 1: „Adieu m'amour, adieu ma joye“ Originaltext (Mittelfranzösisch): "Adieu m'amour, adieu ma joye, Adieu le solas que j'avoye, Adieu ma leale mastresse! Le dire adieu tant fort me blesse, Qu'il me semble que morir doye. De desplaisir forment lermoye. Il n'est reconfort que je voye, Quant vous esloigne, ma princesse. Adieu m'amour, adieu ma joye, Adieu le solas que j'avoye, Adieu ma leale mastresse! Je prie a Dieu qu'il me convoye, Et doint que briefment vous revoye, Mon bien, m'amour et ma deesse! Car advis m'est, de ce que laisse, Qu'apres ma paine joye aroye. Adieu m'amour, adieu ma joye, Adieu le solas que j'avoye, Adieu ma leale mastresse! Le dire adieu tant fort me blesse, Qu'il me semble que morir doye." Deutsche Übersetzung: "Leb wohl, meine Liebe, leb wohl, meine Freude, Leb wohl, der Trost, den ich hatte, Leb wohl, meine treue Geliebte! Das Lebewohl zu sagen schmerzt mich so sehr, Dass es mir scheint, ich müsse sterben. Vor Kummer weine ich heftig. Es gibt keinen Trost, den ich sehe, Wenn du dich entfernst, meine Prinzessin. Leb wohl, meine Liebe, leb wohl, meine Freude, Leb wohl, der Trost, den ich hatte, Leb wohl, meine treue Geliebte! Ich bete zu Gott, dass er mich geleite, Und gewähre, dass ich dich bald wiedersehe, Mein Glück, meine Liebe und meine Göttin! Denn ich glaube, von dem, was ich verlasse, Dass ich nach meinem Schmerz Freude haben werde. Leb wohl, meine Liebe, leb wohl, meine Freude, Leb wohl, der Trost, den ich hatte, Leb wohl, meine treue Geliebte! Das Lebewohl zu sagen schmerzt mich so sehr, Dass es mir scheint, ich müsse sterben." „Adieu m'amour, adieu ma joye“ ist ein vierstimmiges Chanson, das Johannes Tourout zugeschrieben wird. Es steht exemplarisch für die franko-flämische Vokalpolyphonie des 15. Jahrhunderts. Das Stück ist in mehreren zentral- und osteuropäischen Handschriften überliefert, darunter der Codex Speciálnik und die Trienter Codices. Es wurde auch von Guillaume Dufay (um 1397 - 1474) vertont, was auf die Popularität des Textes in dieser Epoche hinweist. Die Komposition zeichnet sich durch eine kunstvolle Verflechtung der Stimmen aus, wobei jede Stimme melodisch eigenständig ist und dennoch harmonisch mit den anderen interagiert. Die melancholische Stimmung des Textes wird durch die modale Harmonik und die sanften Dissonanzen unterstrichen, die typisch für die Musik dieser Zeit sind. In der Interpretation durch das Ensemble Cappella Mariana unter der Leitung von Vojtěch Semerád wird das Chanson mit großer Sensibilität und klanglicher Transparenz dargeboten. Die klare Artikulation und die ausgewogene Balance zwischen den Stimmen lassen die emotionale Tiefe und die kompositorische Raffinesse des Werkes eindrucksvoll zur Geltung kommen. Track 2: "O generosa nata David" Originaltext (Latein): "O generosa nata David, quia te praedixere prophetae, Spiritus sanctus in te veraciter spiravit verbum sanctum, quod in te impressit." Deutsche Übersetzung: "O edle Tochter Davids, da dich die Propheten vorhergesagt haben, hauchte der Heilige Geist wahrhaftig in dich das heilige Wort, das er in dich einprägte." „O generosa nata David“ ist eine dreistimmige Motette von Johannes Tourout), die sich durch ihre klare Struktur und tief empfundene Spiritualität auszeichnet. Die Komposition ist in mehreren zentral- und osteuropäischen Handschriften überliefert, darunter der Codex Speciálnik und der Strahov-Codex. Die Motette beginnt mit einer feierlichen Anrufung der „edlen Tochter Davids“, einer Referenz auf Maria, die Mutter Jesu. Die Musik reflektiert die Ehrfurcht und das Staunen über das göttliche Mysterium der Menschwerdung. Die Stimmen sind kunstvoll miteinander verwoben, wobei jede Stimme ihre eigene melodische Linie verfolgt, die harmonisch mit den anderen interagiert. In der Interpretation durch das Ensemble Cappella Mariana unter der Leitung von Vojtěch Semerád wird die Motette mit großer Sensibilität und klanglicher Transparenz dargeboten. Die klare Artikulation und die ausgewogene Balance zwischen den Stimmen lassen die emotionale Tiefe und die kompositorische Raffinesse des Werkes eindrucksvoll zur Geltung kommen. Track 3: „O gloriosa regina mundi“ Originaltext (Latein): "O gloriosa regina mundi, succurre nobis, tua benignitas." Deutsche Übersetzung: "O glorreiche Königin der Welt, komm uns zu Hilfe, du Gütige." „O gloriosa regina mundi“ ist eine dreistimmige Motette von Johannes Tourout, die der Jungfrau Maria gewidmet ist. Das Werk ist in mehreren zentral- und osteuropäischen Handschriften überliefert, darunter der Codex Speciálnik und der Strahov-Codex. Die Motette zeichnet sich durch ihre klare Struktur und tief empfundene Spiritualität aus. Die Komposition beginnt mit einer feierlichen Anrufung der „glorreichen Königin der Welt“, einer Referenz auf Maria, die Mutter Jesu. Die Musik reflektiert die Ehrfurcht und das Staunen über das göttliche Mysterium der Menschwerdung. Die Stimmen sind kunstvoll miteinander verwoben, wobei jede Stimme ihre eigene melodische Linie verfolgt, die harmonisch mit den anderen interagiert. In der Interpretation durch das Ensemble Cappella Mariana unter der Leitung von Vojtěch Semerád wird die Motette mit großer Sensibilität und klanglicher Transparenz dargeboten. Die klare Artikulation und die ausgewogene Balance zwischen den Stimmen lassen die emotionale Tiefe und die kompositorische Raffinesse des Werkes eindrucksvoll zur Geltung kommen. Track 4: „Mais que ce fut secretement“ Originaltext (Mittelfranzösisch): "Mais que ce fut secretement Je l’ay servie longuement En la plus belle obeissance Que cuer d’amant eust desirance. Et si l’ay servie en tel guise Que je n’en ay eu nulle guise De recompense ne de joye, Et si n’ay point changé ma voye." Deutsche Übersetzung: "Auch wenn es im Verborgenen geschah, habe ich ihr lange gedient in der schönsten Unterwerfung, die ein Liebender sich nur wünschen könnte. Und ich habe ihr auf solche Weise gedient, dass ich keinerlei Belohnung oder Freude erhielt, und dennoch habe ich meinen Weg nicht geändert." „Mais que ce fut secretement“ ist eine dreistimmige Chanson, die Johannes Tourout zugeschrieben wird. Das Werk ist in mehreren zentral- und osteuropäischen Handschriften überliefert, darunter der Codex Speciálnik. Die Chanson zeichnet sich durch ihre klare Struktur und tief empfundene Emotionalität aus. Die Komposition beginnt mit einer feierlichen Anrufung, die die Thematik der heimlichen Liebe aufgreift. Die Musik reflektiert die Sehnsucht und das Verlangen nach der Geliebten. Die Stimmen sind kunstvoll miteinander verwoben, wobei jede Stimme ihre eigene melodische Linie verfolgt, die harmonisch mit den anderen interagiert. In der Interpretation durch das Ensemble Cappella Mariana unter der Leitung von Vojtěch Semerád wird die Chanson mit großer Sensibilität und klanglicher Transparenz dargeboten. Die klare Artikulation und die ausgewogene Balance zwischen den Stimmen lassen die emotionale Tiefe und die kompositorische Raffinesse des Werkes eindrucksvoll zur Geltung kommen. Track 5: "O castitatis lilium" Originaltext (Latein): "O castitatis lilium O castitatis lilium et patientiae vas integrum, Maria, mater gratiae, mater misericordiae, sancta Dei genitrix, virgo virginum, erige miseros ad gaudium, perduc nos ad gloriam. Amen." Deutsche Übersetzung: "O Lilie der Reinheit, du unversehrtes Gefäß der Geduld, Maria, Mutter der Gnade, Mutter der Barmherzigkeit, heilige Gottesgebärerin, Jungfrau der Jungfrauen, erhebe die Elenden zur Freude, führe uns zur Herrlichkeit. Amen." Die Motette „O castitatis lilium“ ist ein geistliches Lobgesangswerk zu Ehren der Jungfrau Maria. Die Bildsprache ist typisch für marianische Dichtung des Spätmittelalters: Maria erscheint als Lilie der Keuschheit und Gefäß der Geduld – traditionelle Symbole der Reinheit, Tugend und Demut. Tourout vertont diesen Text mit einer feinsinnigen, dreistimmigen Satztechnik, die sich durch ruhige melodische Linien, homophone Passagen und punktuell eingesetzte imitatorische Elemente auszeichnet. Die Komposition stammt vermutlich aus dem Umfeld der Habsburger Hofkapelle unter Kaiser Friedrich III. (Amtszeit 1440–1493) und knüpft stilistisch an die franko-flämische Tradition des 15. Jahrhunderts an, etwa an Werke von Johannes Ockeghem (um 1410–1497) oder Antoine Busnois (um 1430–1492). Die Klangsprache ist getragen und meditativ – passend zur Bitte um himmlische Fürsprache. Besonders der Schluss „perduc nos ad gloriam“ („führe uns zur Herrlichkeit“) wird musikalisch als Höhepunkt gestaltet, als klanglicher Ausblick auf das ewige Heil. In der Interpretation durch Cappella Mariana unter Vojtěch Semerád entfaltet sich das Werk mit klanglicher Klarheit und vokaler Feinzeichnung. Die Stimmen greifen sanft ineinander, wobei jeder musikalische Gedanke mit kontemplativer Würde dargeboten wird – eine würdige Huldigung an die Virgo virginum, die Jungfrau der Jungfrauen. Track 6: "O florens rosa" Originaltext (Latein): O florens rosa, speciosa, Dei mater gratiosa, Virgo sola gloriosa, Peccatorum miserere. Mundi regem proles veri, Ab ô caeli consessus, Miseris confratres feri, Salutaris esto nummus. Pro totius orbis crimine Deprecare filium, Ut deleatur scelus omne, Dans nobis suffragium." Deutsche Übersetzung: "O blühende, anmutige Rose, gnadenreiche Mutter Gottes, einzig ruhmreiche Jungfrau – erbarme dich der Sünder! Dem König der Welt, deinem wahren Sohn, o du Sitz des Himmels, bring die Elenden, deine Brüder, und sei uns Heil und Lösegeld. Für die Schuld der ganzen Welt flehe zu deinem Sohn, dass jede Sünde getilgt werde – gewähre uns deine Fürsprache." Die dreistrophige Motette „O florens rosa“ gehört zu den eindrucksvollsten marianischen Anrufungen im Schaffen von Johannes Tourout. In einer Sprache voller poetischer Bilder – etwa der blühenden Rose als Symbol der Jungfräulichkeit und Reinheit – wird Maria zugleich als Mittlerin, Fürsprecherin und erlösende Mutter angesprochen. Musikalisch bewegt sich das Werk im idiomatischen Rahmen der spätmittelalterlichen franko-flämischen Vokalpolyphonie: drei eigenständige Stimmen entfalten sich in einem engen kontrapunktischen Geflecht, das zwischen klanglicher Intimität und sakralem Ernst changiert. Die modale Grundlage der Komposition – wahrscheinlich im dorischen oder phrygischen Modus – verleiht dem Stück eine ruhige Würde, während kleine rhythmische Freiheiten die Gliederung der Verse nachzeichnen. Inhaltlich ist besonders die zweite Strophe bemerkenswert: Maria wird hier nicht nur als Mater Dei, sondern geradezu als heilbringende „Münze“ (nummus salutaris) bezeichnet – ein eindrucksvolles Bild für ihren Lösepreis-Charakter in der Heilsgeschichte. In der dritten Strophe wird sie dann zur Fürsprecherin für die ganze Welt, in einer Theologie, die an Bernhard von Clairvaux (1090 - 1153) oder die marianischen Sequenzen des 13.–15. Jahrhunderts erinnert. Die Interpretation durch Cappella Mariana unter der Leitung von Vojtěch Semerád bringt die klangliche Transparenz und die expressive Zurückhaltung dieser Motette meisterhaft zur Geltung. Der Text wird in kontemplativer Ruhe getragen, die polyphonen Linien bleiben stets klar und ausbalanciert. Der flehentliche Schluss „dans nobis suffragium“ bildet einen würdigen Abschluss dieser innigen marianischen Bitte. Track 7: „Fors seulement“ Originaltext (Mittelfranzösisch): "Fors seulement l’attente que je meure, En mon las cueur nul espoir ne demeure, Car mon malheur si tresfort me tourmente Qu’il n’est douleur que pour vous je ne sente, Pour ce que suis de vous perdre bien seure. Vostre rigueur tellement m’y quert seure Qu’en ce parti il fault que je m’asseure, Dont je n’ay bien qui en riens me contente Fors seulement l’attente que je meure, En mon las cueur nul espoir ne demeure, Car mon malheur si tresfort me tourmente. Mon desconfort toute seule je pleure En maudisant sur ma foy à toute heure Ma leaulte qui tant me fait dolente. Las que je suis de vivre malcontente Quant de par vous n’ay riens qui me demeure Fors seulement l’attente que je meure, En mon las cueur nul espoir ne demeure, Car mon malheur si tresfort me tourmente Qu’il n’est douleur que pour vous je ne sente, Pour ce que suis de vous perdre bien seure." Deutsche Übersetzung: "Nur noch die Erwartung meines Todes Bleibt in meinem müden Herzen, keine Hoffnung mehr, Denn mein großes Unglück quält mich so sehr, Dass ich keinen Schmerz empfinde, der nicht von dir kommt, Weil ich sicher bin, dich zu verlieren. Deine Strenge verfolgt mich so sehr, Dass ich in dieser Lage Gewissheit finden muss, Wodurch ich nichts habe, das mich in irgendeiner Weise erfreut, Nur noch die Erwartung meines Todes Bleibt in meinem müden Herzen, keine Hoffnung mehr, Denn mein großes Unglück quält mich so sehr. Mein Kummer weine ich ganz allein, Verfluchend meinen Glauben zu jeder Stunde, Meine Treue, die mich so sehr schmerzt. Ach, wie unzufrieden bin ich mit dem Leben, Da ich von dir nichts mehr habe, was mir bleibt, Nur noch die Erwartung meines Todes Bleibt in meinem müden Herzen, keine Hoffnung mehr, Denn mein großes Unglück quält mich so sehr, Dass ich keinen Schmerz empfinde, der nicht von dir kommt, Weil ich sicher bin, dich zu verlieren." „Fors seulement“ ist eine der bekanntesten Chansons des 15. Jahrhunderts und wurde von zahlreichen Komponisten vertont, darunter Johannes Ockeghem, Josquin Desprez und Antoine Brumel. Die Version von Johannes Tourout reiht sich in diese Tradition ein und zeigt seine Fähigkeit, emotionale Tiefe mit musikalischer Raffinesse zu verbinden. Die Chanson ist in der Form eines Rondeaus verfasst, einer beliebten Liedform des Mittelalters, die sich durch ihre Wiederholungsstruktur auszeichnet. Tourouts Vertonung nutzt die dreistimmige Satzweise, wobei jede Stimme eine eigenständige melodische Linie verfolgt, die harmonisch mit den anderen interagiert. Die Musik spiegelt die Verzweiflung und das Leid des lyrischen Ichs wider, das sich in der Erwartung des Todes befindet, da es keine Hoffnung mehr auf die Liebe der Angebeteten hat. In der Interpretation durch das Ensemble Cappella Mariana unter der Leitung von Vojtěch Semerád wird die Chanson mit großer Sensibilität und klanglicher Transparenz dargeboten. Die klare Artikulation und die ausgewogene Balance zwischen den Stimmen lassen die emotionale Tiefe und die kompositorische Raffinesse des Werkes eindrucksvoll zur Geltung kommen. Track 8: „O gloriosa regina“ (Instrumental Version) Die instrumentale Version von „O gloriosa regina“ bietet eine neue Perspektive auf Johannes Tourouts Motette. Die Entscheidung, dieses Werk rein instrumental zu präsentieren, ermöglicht es, die polyphone Struktur und die harmonischen Feinheiten ohne den Einfluss des Textes zu erleben. Im 15. Jahrhundert war es üblich, vokale Kompositionen auch instrumental aufzuführen. Diese Praxis erlaubte es Musikern, die melodischen und rhythmischen Elemente eines Werkes hervorzuheben und bot gleichzeitig Flexibilität in der Aufführungspraxis. In dieser Aufnahme interpretiert das Ensemble Cappella Mariana unter der Leitung von Vojtěch Semerád die Motette mit historischen Instrumenten wie der Vielle, Renaissance-Blockflöten und der Viola da Gamba. Diese Instrumentierung verleiht dem Stück eine besondere Klangfarbe und unterstreicht die modale Harmonik sowie die kontrapunktischen Linien der Komposition. Die instrumentale Darbietung hebt die musikalische Raffinesse von Tourouts Werk hervor und ermöglicht es dem Hörer, die Struktur und die melodischen Entwicklungen der Motette in ihrer reinen Form zu erleben. Dies bietet eine wertvolle Ergänzung zur vokalen Version und zeigt die Vielseitigkeit und Tiefe von Tourouts musikalischem Schaffen. Track 9: Magnificat quarti toni – I. Magnificat – II. "Et exultavit" Originaltext (Latein): "Magnificat anima mea Dominum Et exultavit spiritus meus in Deo salutari meo. Deutsche Übersetzung: "Meine Seele preist den Herrn und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter." Der Magnificat quarti toni von Johannes Tourout ist eine Vertonung des Lobgesangs der Maria, wie er im Lukasevangelium überliefert ist. Der Titel „quarti toni“ verweist auf den vierten der acht traditionellen Kirchentöne, den sogenannten Hypophrygischen Modus, der durch seine ernste und kontemplative Klangfarbe charakterisiert ist. In den ersten beiden Versen entfaltet Tourout eine dreistimmige Polyphonie, die durch klare Linienführung und harmonische Ausgewogenheit besticht. Die Stimmen sind kunstvoll miteinander verwoben, wobei jede Stimme ihre eigene melodische Linie verfolgt, die harmonisch mit den anderen interagiert. Die Musik reflektiert die Ehrfurcht und das Staunen über das göttliche Mysterium der Menschwerdung. Die Interpretation durch das Ensemble Cappella Mariana unter der Leitung von Vojtěch Semerád bringt die klangliche Transparenz und die expressive Zurückhaltung dieser Motette meisterhaft zur Geltung. Der Text wird in kontemplativer Ruhe getragen, die polyphonen Linien bleiben stets klar und ausbalanciert. Der flehentliche Schluss „Et exultavit spiritus meus in Deo salutari meo“ bildet einen würdigen Abschluss dieser innigen marianischen Bitte. Track 10: Magnificat quarti toni – III. "Quia respexit" – IV. "Quia fecit" Originaltext (Latein): "Quia respexit humilitatem ancillae suae: ecce enim ex hoc beatam me dicent omnes generationes. Quia fecit mihi magna qui potens est: et sanctum nomen eius." Deutsche Übersetzung: "Denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen: siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat Großes an mir getan: und heilig ist sein Name." In den Versen "Quia respexit" und "Quia fecit" des Magnificat quarti toni entfaltet Johannes Tourout eine tief empfundene musikalische Meditation über die Demut und das Lob Mariens. Der vierte Kirchenton, der sogenannte Hypophrygische Modus, verleiht diesen Abschnitten eine ernste und kontemplative Klangfarbe. Die Komposition zeichnet sich durch eine klare dreistimmige Polyphonie aus, in der jede Stimme eine eigenständige melodische Linie verfolgt, die harmonisch mit den anderen interagiert. Die Musik reflektiert die Ehrfurcht und das Staunen über das göttliche Mysterium der Menschwerdung. In der Interpretation durch das Ensemble Cappella Mariana unter der Leitung von Vojtěch Semerád wird die Motette mit großer Sensibilität und klanglicher Transparenz dargeboten. Die klare Artikulation und die ausgewogene Balance zwischen den Stimmen lassen die emotionale Tiefe und die kompositorische Raffinesse des Werkes eindrucksvoll zur Geltung kommen. Track 11: Magnificat quarti toni – V. "Et misericordia" – VI. "Fecit potentiam" Originaltext (Latein): "Et misericordia eius a progenie in progenies timentibus eum. Fecit potentiam in brachio suo; dispersit superbos mente cordis sui." Deutsche Übersetzung: "Und seine Barmherzigkeit währt von Generation zu Generation für die, die ihn fürchten. Er hat Macht vollbracht mit seinem Arm; er hat die Hochmütigen zerstreut in der Gesinnung ihres Herzens." In den Versen "Et misericordia" und "Fecit potentiam" des Magnificat quarti toni entfaltet Johannes Tourout eine tief empfundene musikalische Meditation über die Barmherzigkeit und die Macht Gottes. Der vierte Kirchenton, der sogenannte Hypophrygische Modus, verleiht diesen Abschnitten eine ernste und kontemplative Klangfarbe. Die Komposition zeichnet sich durch eine klare dreistimmige Polyphonie aus, in der jede Stimme eine eigenständige melodische Linie verfolgt, die harmonisch mit den anderen interagiert. Die Musik reflektiert die Ehrfurcht und das Staunen über das göttliche Mysterium der Menschwerdung. In der Interpretation durch das Ensemble Cappella Mariana unter der Leitung von Vojtěch Semerád wird die Motette mit großer Sensibilität und klanglicher Transparenz dargeboten. Die klare Artikulation und die ausgewogene Balance zwischen den Stimmen lassen die emotionale Tiefe und die kompositorische Raffinesse des Werkes eindrucksvoll zur Geltung kommen. Track 12: Magnificat quarti toni – VII. "Deposuit potentes" – VIII. "Esurientes" Originaltext (Latein): "Deposuit potentes de sede et exaltavit humiles. Esurientes implevit bonis et divites dimisit inanes." Deutsche Übersetzung: "Er stieß die Mächtigen vom Thron und erhob die Niedrigen. Die Hungrigen füllte er mit Gütern und ließ die Reichen leer ausgehen." In den Versen Deposuit potentes und Esurientes des Magnificat quarti toni entfaltet Johannes Tourout eine tief empfundene musikalische Meditation über die Umkehrung gesellschaftlicher Verhältnisse durch göttliches Handeln. Der vierte Kirchenton, der sogenannte Hypophrygische Modus, verleiht diesen Abschnitten eine ernste und kontemplative Klangfarbe. Die Komposition zeichnet sich durch eine klare dreistimmige Polyphonie aus, in der jede Stimme eine eigenständige melodische Linie verfolgt, die harmonisch mit den anderen interagiert. Die Musik reflektiert die Ehrfurcht und das Staunen über das göttliche Mysterium der Menschwerdung. In der Interpretation durch das Ensemble Cappella Mariana unter der Leitung von Vojtěch Semerád wird die Motette mit großer Sensibilität und klanglicher Transparenz dargeboten. Die klare Artikulation und die ausgewogene Balance zwischen den Stimmen lassen die emotionale Tiefe und die kompositorische Raffinesse des Werkes eindrucksvoll zur Geltung kommen. Track 13: Magnificat quarti toni – IX. "Suscepit Israel" – X. "Sicut locutus" Originaltext (Latein): "Suscepit Israel puerum suum, recordatus misericordiae suae. Sicut locutus est ad patres nostros, Abraham et semini eius in saecula." Deutsche Übersetzung: "Er hat sich seines Knechtes Israel angenommen, eingedenk seiner Barmherzigkeit. Wie er gesprochen hat zu unseren Vätern, Abraham und seinem Samen in Ewigkeit." In den abschließenden Versen "Suscepit Israel" und "Sicut locutus" des Magnificat quarti toni entfaltet Johannes Tourout eine tief empfundene musikalische Meditation über die Treue Gottes zu seinem Volk und die Erfüllung seiner Verheißungen. Der vierte Kirchenton, der sogenannte Hypophrygische Modus, verleiht diesen Abschnitten eine ernste und kontemplative Klangfarbe. Die Komposition zeichnet sich durch eine klare dreistimmige Polyphonie aus, in der jede Stimme eine eigenständige melodische Linie verfolgt, die harmonisch mit den anderen interagiert. Die Musik reflektiert die Ehrfurcht und das Staunen über das göttliche Mysterium der Menschwerdung. In der Interpretation durch das Ensemble Cappella Mariana unter der Leitung von Vojtěch Semerád wird die Motette mit großer Sensibilität und klanglicher Transparenz dargeboten. Die klare Artikulation und die ausgewogene Balance zwischen den Stimmen lassen die emotionale Tiefe und die kompositorische Raffinesse des Werkes eindrucksvoll zur Geltung kommen. Track 14: Magnificat quarti toni – XI. "Gloria Patri" – XII. "Sicut erat" Originaltext (Latein): "Gloria Patri, et Filio, et Spiritui Sancto. Sicut erat in principio, et nunc, et semper, et in saecula saeculorum. Amen." Deutsche Übersetzung: "Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist. Wie es war im Anfang, so auch jetzt und immerdar und in Ewigkeit. Amen." In den abschließenden Versen "Gloria Patri" und "Sicut erat" des Magnificat quarti toni von Johannes Tourout findet das Werk seinen feierlichen Abschluss. Die Doxologie, die das Magnificat traditionell beschließt, wird hier in einer dreistimmigen Polyphonie präsentiert, die durch klare Linienführung und harmonische Ausgewogenheit besticht. Die Musik reflektiert die Ehrfurcht und das Staunen über das göttliche Mysterium der Dreifaltigkeit. Die Stimmen sind kunstvoll miteinander verwoben, wobei jede Stimme ihre eigene melodische Linie verfolgt, die harmonisch mit den anderen interagiert. In der Interpretation durch das Ensemble Cappella Mariana unter der Leitung von Vojtěch Semerád wird die Motette mit großer Sensibilität und klanglicher Transparenz dargeboten. Die klare Artikulation und die ausgewogene Balance zwischen den Stimmen lassen die emotionale Tiefe und die kompositorische Raffinesse des Werkes eindrucksvoll zur Geltung kommen. Track 15: "Mon œil lamente" Originaltext (Mittelfranzösisch): "Mon œil lamente, Mon cueur dolente, Mon dueil tourmente Et importune, Quant je regard D’un oultre regard Ce que mon cueur endure." Deutsche Übersetzung: "Mein Auge klagt, mein Herz ist voller Schmerz, meine Trauer quält und bedrängt mich, wenn ich betrachte mit tiefem Blick was mein Herz erträgt." Die kurze, aber eindringliche Chanson „Mon œil lamente“ ist ein Beispiel für Johannes Tourouts Fähigkeit, subtile lyrische Affekte mit schlichter, aber ausdrucksstarker Musik zu verbinden. Die aus sieben Versen bestehende Miniatur in französischer Sprache verweist durch Vokabular und Metrik klar in den Bereich der spätmittelalterlichen Klagepoesie, wie sie auch bei Dufay, Binchois oder Gilles Binchois (um 1400–1460) anzutreffen ist. Inhaltlich steht das Stück ganz im Zeichen des persönlichen Schmerzes: Blick (œil), Herz (cueur) und Leid (dueil) werden als drei Quellen innerer Zerrissenheit genannt – eine Art dreifacher Affektstruktur, wie sie für höfisch-elegische Liebesklagen des 15. Jahrhunderts typisch ist. Musikalisch besticht die Komposition durch eine klare Dreistimmigkeit mit schlichter Imitationstechnik, enger Stimmführung und klanglich weicher Dissonanzbehandlung. Die Modalität (vermutlich phrygisch) verstärkt den melancholischen Ausdruck, während sich die Linienführung vor allem im Alt- und Tenorbereich entfaltet. Tourout verzichtet auf übermäßige Virtuosität zugunsten einer intimen, fast resignativen Klangsprache. Die Interpretation durch das Ensemble Cappella Mariana unter Vojtěch Semerád erweist sich hier als besonders stilsicher: Mit subtiler Klangbalance und zurückhaltender Phrasierung lässt die Aufnahme die emotionale Tiefe der Musik durchscheinen – eine meditative, stille Elegie am Rande des höfischen Ausdrucksrepertoires. Tracks 16–19: Missa „Mon œil“ – Messe auf ein weltliches Chanson Die vierteilige Messe „Mon œil“ gehört zu jenen Vokalzyklen des 15. Jahrhunderts, die auf einem weltlichen Lied basieren – hier auf Tourouts eigener Chanson "Mon œil lamente" (Track 15). Dieses Verfahren, eine Messe auf einem weltlichen Cantus firmus oder thematischen Material aufzubauen, war im 15. Jahrhundert weit verbreitet und wurde von Komponisten wie Guillaume Dufay (1397–1474), Johannes Ockeghem (um 1410–1497) und Antoine Busnois (um 1430–1492) meisterhaft kultiviert. Die Messe ist dreistimmig und folgt dem klassischen Ordinarium-Modell: Track 16: Kyrie, Track 17: Gloria, Track 18: Credo, Track 19: Sanctus und Agnus Dei Der zentrale Bezugspunkt der Messe ist das Material der Chanson "Mon œil lamente", das in paraphrasierter oder kontrapunktisch umspielter Form in verschiedenen Stimmen erklingt. Tourout wendet hier eine Mischform von Tenor- und paraphrasierter Cantus-firmus-Technik an – die Themen sind zwar präsent, aber nie mechanisch eingewoben. Sie erscheinen frei verarbeitet in verschiedenen Stimmen, oft in rhythmisch abgewandelter Form. Die Messe zeichnet sich durch eine betonte Linearität der Stimmen aus – typische Merkmale der franko-flämischen Schule sind erkennbar: motivische Imitationen, klanglich ausgeglichene Satzstruktur, fließende rhythmische Gestaltung mit gelegentlichen Synkopen zur Ausdrucksverstärkung. Insbesondere im Kyrie und Agnus Dei entfaltet sich eine fast kontemplative Atmosphäre, während Gloria und Credo textbedingt etwas lebhafter und syllabischer gefasst sind. Die Satzweise bleibt übersichtlich, aber niemals monoton. Tourout kombiniert schlichte Harmonik mit raffinierten Dissonanzen auf Akzentwörtern – etwa in der Passage „Et incarnatus est“ im Credo oder „miserere nobis“ im Agnus Dei. Die Messe ist vokal gut singbar und setzt eher auf Ausdruckskraft als auf Virtuosität – ein Charakteristikum vieler Messvertonungen im Umkreis der habsburgischen Hofkapelle unter Kaiser Friedrich III. (Amtszeit 1440–1493). Das Ensemble Cappella Mariana unter Vojtěch Semerád interpretiert die Messe mit sensibler Linienführung, klarer Artikulation und makelloser Intonation. Die polyphonen Stimmen bleiben stets transparent, wobei die klangliche Schlichtheit der Messe in den Vordergrund tritt. Besonders das Agnus Dei erhält durch die zurückhaltende Gestaltung eine eindrucksvolle spirituelle Tiefe. Die Missa „Mon œil“ steht exemplarisch für eine Gattungspraxis, die im 15. Jahrhundert zwischen weltlichem Lied und geistlichem Kult oszillierte. Tourout zeigt sich hier als ein Komponist, der nicht nur höfische Eleganz beherrscht, sondern auch in der Gattung der Messe eine persönliche Handschrift einbringt: poetisch, konzentriert, voll innerer Ruhe. Seine Musik stellt eine Brücke zwischen der Chansonkunst Burgunds und der geistlichen Polyphonie Mitteleuropas dar.

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Geboren wurde er in Venedig; als Knabe sang er an San Marco und erhielt wahrscheinlich Unterricht bei Giovanni Legrenzi (1626–1690). Früh war er nicht nur als Komponist, sondern auch als Violoncellist bekannt. In einer seiner frühen Druckausgaben bezeichnete er sich selbst ausdrücklich als „musico di violoncello“ – als Musiker des Violoncellos. Seine Laufbahn führte ihn durch die wichtigsten musikalischen Zentren seiner Zeit. Nach Jahren als Kapellmeister in Mantua arbeitete er in Rom im Umfeld des Fürsten Francesco Maria Ruspoli (1672–1731), komponierte für den spanisch-habsburgischen Hof in Barcelona und trat schließlich in den Dienst Kaiser Karls VI. (1685–1740). Seit 1716 war Caldara Vizehofkapellmeister der Wiener Hofmusikkapelle unter Johann Joseph Fux (1660–1741). Bis zu seinem Tod am 26. Dezember 1736 blieb Wien sein Hauptwirkungsort. Dort wurde er zu einem der produktivsten und angesehensten Komponisten Europas: Opern, Oratorien, Messen, Motetten, Kantaten, Instrumentalkonzerte und Kammermusik entstanden in großer Zahl. Heute kennt man Caldara vor allem durch geistliche Werke wie das Oratorium Maddalena ai piedi di Cristo („Maria Magdalena zu den Füßen Christi“) oder durch seine Opern und Kantaten. Seine Instrumentalmusik ist dagegen vergleichsweise selten zu hören. Gerade deshalb sind die Cellosonaten eine so erfreuliche Entdeckung: Sie zeigen einen anderen Caldara – weniger den höfischen Theaterkomponisten, dafür den Musiker, der das Cello in seiner Singfähigkeit, Beweglichkeit und Wärme ganz unmittelbar versteht. Die sechzehn Sonaten entstanden im Jahr 1735, also im letzten Lebensjahrzehnt des Komponisten. Caldara datierte die einzelnen Werke zwischen dem 22. April und dem 26. Juli 1735. Sie stehen offenbar im Zusammenhang mit Graf Rudolf Franz Erwein von Schönborn (1677–1754), einem leidenschaftlichen Sammler und Förderer von Musik. Fast alle Sonaten folgen dem Modell der viersätzigen sonata da chiesa („Kirchensonate“): langsam – schnell – langsam – schnell. Doch Caldara behandelt diese Form keineswegs schematisch. Die langsamen Sätze besitzen oft einen ausgesprochen vokalen Charakter. Das Cello singt nicht bloß eine Melodie über dem Generalbass, sondern entfaltet sich wie eine Opernstimme: klagend, schmeichelnd, innig oder würdevoll. Manchmal meint man, eine große Arie ohne Worte zu hören. Die schnellen Sätze dagegen verlangen Beweglichkeit, klare Artikulation und eine elegante Virtuosität, die nie zum Selbstzweck wird. Besonders reizvoll ist die Verbindung von venezianischer Kantabilität und Wiener Hofstil. Caldara bewahrt die Wärme und melodische Großzügigkeit Italiens, verbindet sie aber mit einer stärkeren kontrapunktischen Disziplin und einer sorgfältigeren formalen Balance. So stehen diese Sonaten zwischen Corelli, Vivaldi und dem bereits aufscheinenden galanten Stil. Sie sind keine bloßen Studien oder Nebenwerke eines berühmten Vokalkomponisten, sondern kostbare Kammermusik eines Cellisten, der sein Instrument aus eigener Erfahrung kannte. Die Aufnahme Die 2025 bei Brilliant Classics erschienene Box Antonio Caldara: Complete Cello Sonatas versammelt auf drei CDs die sechzehn Sonaten für Violoncello und Basso continuo vollständig. Ergänzt wird der Zyklus durch drei Lezioni („Lektionen“) aus Caldaras Sammlung von 44 Cellostücken, durch eine Sinfonia in D-Dur sowie ein Konzert in d-Moll. Insgesamt umfasst die Edition 71 Einzeltitel und rund drei Stunden Musik. Francesco Galligioni ist der Mittelpunkt dieser Einspielung. Sein Spiel besitzt genau jene Verbindung aus Klangschönheit, Beweglichkeit und natürlicher Rede, die diese Musik verlangt. Er behandelt Caldara nicht als bloßen Vorläufer Vivaldis und auch nicht als museales Repertoirestück, sondern als lebendigen, ideenreichen Komponisten. Das Cello klingt warm und voll, aber niemals schwer; die schnellen Sätze haben federnde Energie, die langsamen behalten Ruhe, Würde und eine feine innere Spannung. Besonders überzeugend ist, dass Galligioni keine künstliche Dramatik erzeugt. Er vertraut der Musik. Die vielen Arien-Sätze, Larghetti und Adagios dürfen wirklich singen; die Allegri bleiben klar gegliedert und tänzerisch, ohne gehetzt zu wirken. Dadurch entsteht über die drei CDs hinweg kein Eindruck von Gleichförmigkeit. Jede Sonate erhält ihr eigenes Gesicht: einmal hell und anmutig, dann wieder schwermütig und dunkel, gelegentlich fast kühn in ihren harmonischen Wendungen. Der Basso continuo ist vorzüglich besetzt. Roberto Loreggian spielt Cembalo und Orgel, Alberto Galligioni wirkt als zweiter Cellist mit, Paolo Zuccheri übernimmt das Violone; in Sinfonia und Konzert tritt das Ensemble L’Arte dell’Arco hinzu. Diese Begleitung bleibt nicht im Hintergrund, sondern führt ein aufmerksames, atmendes Gespräch mit dem Solocello. Gerade die wechselnde Verwendung von Orgel und Cembalo gibt den Sonaten unterschiedliche Farben: einmal kirchlich ernst und dunkel grundiert, dann wieder leicht, elegant und beinahe kammermusikalisch-intim. Die drei eingestreuten Lezioni sind mehr als bloße Zugaben. Sie erinnern daran, dass Caldara auch eine umfangreiche Sammlung von 44 Stücken für Cello und Continuo hinterlassen hat. Diese Werke haben etwas Lehrhaftes im besten Sinn: Sie erkunden typische Bassgänge, Kadenzmodelle, Lagenwechsel und Figuren des barocken Cellospiels. Doch bei Caldara wird selbst das Pädagogische musikalisch; aus einer Übung kann ein kleines Präludium, eine improvisatorisch wirkende Fantasie werden. Diese Edition ist daher weit mehr als eine vollständige Repertoireaufnahme. Sie erschließt ein nahezu vergessenes Kapitel der Cellogeschichte. Wer Vivaldis Cellosonaten liebt, wird hier vieles Verwandte finden – das singende Instrument, die italienische Leichtigkeit, den Wechsel zwischen elegischem Largo und brillantem Allegro. Caldara klingt jedoch ernster, dichter und bisweilen persönlicher. Seine Musik besitzt weniger unmittelbaren Effekt als Vivaldis, aber oft eine größere Innigkeit. Für Freunde des Barockcellos, der italienischen Kammermusik und überhaupt für Hörer, die hinter den bekannten Namen noch echte Entdeckungen suchen, ist diese Box sehr hörenswert. Sie zeigt Antonio Caldara nicht als Randfigur zwischen Venedig und Wien, sondern als Meister eigener Prägung: als Komponisten, dessen Cello singen, sprechen, klagen und leuchten kann. CD-Vorschlag Antonio Caldara, Complete Cello Sonatas, Brilliant Classics, 2025: https://www.youtube.com/watch?v=BFGlcepRs34&list=OLAK5uy_ly8kX1QXOA944zhdZWUALbJnOoOJYOd9U&index=1 Seitenanfang Antonio Caldara Anima nostra, MH 452 Michael Haydns Anima nostra, MH 452, ist ein Offertorium in G-Dur, entstanden am 12. November 1787. Das Werk gehört zu Haydns Salzburger Kirchenmusik und ist, nach den überlieferten Angaben, für drei hohe Stimmen beziehungsweise Frauen- oder Knabenchor mit Instrumentalbegleitung bestimmt; eine Doblinger-Ausgabe nennt als Besetzung Soli SSA, Chor SSA, zwei Violinen, Violoncello, Kontrabass und Orgel. In einem Carus-Vorwort wird das Stück ausdrücklich als Offertorium zum Fest der Unschuldigen Kinder bezeichnet; damit erhält der Text eine besonders eindringliche liturgische Bedeutung, denn das Fest gedenkt der Kinder von Bethlehem, die nach dem Matthäusevangelium auf Befehl des Herodes getötet wurden. Der lateinische Text stammt aus Psalm 123 (Vulgata) / 124, Vers 7 und ist von großer Bildkraft: Die Seele wird mit einem Vogel verglichen, der dem Netz der Jäger entrissen wurde. Der Strick ist zerrissen, und die Befreiten können aufatmen. In der liturgischen Verwendung zum Fest der Unschuldigen Kinder bekommt diese Psalmstelle eine doppelte Deutung. Einerseits spricht sie von Rettung, Befreiung und göttlichem Eingreifen; andererseits steht sie vor dem Hintergrund kindlicher Wehrlosigkeit und menschlicher Gewalt. Gerade diese Spannung macht den Text so bewegend: Die Seele ist bedroht, aber nicht verloren; sie war gefangen, aber der Fangstrick ist zerbrochen. Michael Haydn behandelt diesen Text nicht als dramatische Szene, sondern als geistliche Betrachtung. Das Bild des Vogels, der dem Netz entkommt, verlangt keine äußere Theatralik; es trägt seine Bewegung bereits in sich. Man darf sich die Musik deshalb als eine Verbindung aus Leichtigkeit, Dankbarkeit und innerer Erhebung vorstellen. Die hohe Stimmenbesetzung ist dabei besonders passend: Sie gibt dem Werk eine helle, fast transparente Klangfarbe, die zum Bild der befreiten Seele und zugleich zum Fest der Unschuldigen Kinder sehr gut passt. Diese Musik wirkt nicht schwer, nicht triumphal im lauten Sinn, sondern eher gelöst, klar und von einer stillen Freude erfüllt. Bemerkenswert ist die Kürze des Textes. Haydn hat hier keine lange dogmatische Aussage zu vertonen, sondern einen einzigen dichterischen Gedanken: Die Seele war in Gefahr, aber Gott hat sie herausgerissen. Dadurch entsteht eine große Konzentration. Die Worte „Anima nostra sicut passer“ eröffnen den geistlichen Raum mit einem empfindsamen Bild; „erepta est de laqueo venantium“ benennt die Rettung aus der tödlichen Falle; und „Laqueus contritus est et nos liberati sumus“ fasst das Ganze in eine knappe, jubelnde Aussage: Der Strick ist zerbrochen, wir sind befreit. Es ist kein abstraktes Lehrstück, sondern ein kleines musikalisches Dankgebet nach überstandener Gefahr. https://www.youtube.com/watch?v=oCYkrnpbzNU Gerade im Zusammenhang mit dem Fest der Unschuldigen Kinder gewinnt das Offertorium eine besondere Tiefe. Der Text spricht nicht unmittelbar von den Kindern Bethlehems, aber er kann auf sie bezogen werden: Nicht die irdische Rettung steht im Vordergrund, sondern die endgültige Bewahrung der Seele durch Gott. Die Unschuldigen erscheinen in der christlichen Tradition als erste Zeugen Christi, nicht durch ein bewusstes Bekenntnis, sondern durch ihr Leiden. So erhält Haydns kurze Komposition eine zarte, aber ernste geistliche Färbung: Die Musik feiert nicht den Tod, sondern die Befreiung aus der Macht des Todes. Lateinischer Text Anima nostra sicut passer erepta est de laqueo venantium. Laqueus contritus est, et nos liberati sumus. Deutsche Übersetzung Unsere Seele ist wie ein Vogel entrissen worden aus dem Netz der Jäger. Der Strick ist zerrissen, und wir sind befreit worden. „Anima nostra“, MH 452, gehört damit zu jenen kleineren geistlichen Werken Michael Haydns, in denen seine Kunst der liturgischen Verdichtung besonders deutlich wird. Es ist kein großes Kirchenstück im repräsentativen Sinn, sondern ein prägnantes Offertorium, das mit wenigen Worten und vermutlich ebenso knapper musikalischer Anlage eine ganze geistliche Bewegung entfaltet: Bedrohung, Rettung, Dank. Die helle Besetzung, der psalmische Text und die Zuordnung zum Fest der Unschuldigen Kinder verbinden sich zu einem Werk von schlichter, aber sehr berührender Aussagekraft. CD Vorschlag Michael Haydn, Missa in hon. s. Gotthardi, Alleluia!, Anima Nostra, Effuderunt Sanguinem, Zurich Boys Choir, Munich Chamber Orchestra, Leitung Christoph Poppen (* 1956), Tudor, 1998, Track 8: https://www.youtube.com/watch?v=FnkXjwEaIrw&list=OLAK5uy_mUS01XpUWiTLn9wRAR14hRfniJRaedZ8E&index=8 Seitenanfang Michael Haydn Erster Mephisto-Walzer S. 514 Der Erste Mephisto-Walzer S. 514, im Druck von 1862 seinem außerordentlich begabten Schüler Carl Tausig (1841–1871) gewidmet, gehört zu den kühnsten und wirkungsvollsten Klavierwerken Franz Liszts. Seine Entstehung fällt in die Weimarer Jahre um 1856 bis 1861; er steht in engem Zusammenhang mit dem Orchesterwerk Zwei Episoden aus Lenaus Faust, dessen zweiter Teil den Titel Der Tanz in der Dorfschenke trägt. Liszt schuf das Werk nicht als bloßes Virtuosenstück, sondern als musikalische Szene: als eine dramatische, in Klang und Bewegung verwandelte Faust-Episode. Die literarische Vorlage stammt nicht aus Goethes Faust, sondern aus dem 1836 erschienenen dramatischen Gedicht Faust des österreichischen Dichters Nikolaus Lenau (1802–1850). Lenau entwirft Faust als eine noch düsterere, haltlosere Gestalt als Goethe: nicht Erkenntnissucher und Weltdeuter, sondern ein ruheloser, von Begierde und Verzweiflung getriebener Mensch. In der Szene der Dorfschenke gelangen Faust und Mephistopheles zu einer ländlichen Hochzeitsfeier. Mephisto nimmt einem müden Geiger die Fiedel aus der Hand und entfesselt ein Spiel von solcher Verführungskraft, dass Faust mit einer jungen Tänzerin, Hannchen, in einen immer wilderen Tanz hineingerät. Schließlich verlassen beide den Saal und verschwinden, vom Rausch des Augenblicks fortgerissen, in der nächtlichen Natur. Diese Handlung ist der Schlüssel zum Werk. Schon der Beginn stellt keine gemütliche Walzerseligkeit her, sondern eine nervöse, unruhige Atmosphäre: kurze, scharf akzentuierte Gesten, abrupte dynamische Kontraste und ein geradezu höhnisches Spiel mit rhythmischen Erwartungen. Der Walzer erscheint zunächst wie aus der Ferne, nicht als eleganter Gesellschaftstanz, sondern als etwas Lockendes, Gefährliches, bereits vom Dämonischen berührt. Mephistos Geigenspiel wird nicht wörtlich nachgeahmt; es lebt vielmehr in der Schärfe der Artikulation, in den raschen Figuren, den gleitenden Harmonien und der unablässigen Verwandlung des musikalischen Materials weiter. Dann öffnet Liszt jene große, sinnlich ausschwingende Walzermelodie, die den inneren Mittelpunkt der Komposition bildet. Ihre weite Linie, ihr schwebender Rhythmus und ihre klangliche Verführung stehen in äußerstem Gegensatz zur dämonischen Nervosität des Beginns. Gerade darin liegt die Größe des Werkes: Die Musik zeigt nicht lediglich den Teufel als lärmende Macht, sondern die Verführung selbst. Der Walzer wird zum Rausch, weil Schönheit und Gefahr untrennbar ineinander übergehen. Faust tanzt nicht gegen Mephisto, sondern folgt der Musik, die Mephisto ihm eingibt. Von hier an steigert Liszt die Szene mit einer geradezu symphonischen Vorstellungskraft. Die brillanten Passagen, die Sprünge, die flackernden Läufe und die rhythmischen Verschiebungen sind keine äußeren Effekte. Sie verdichten das Gefühl, dass der Tanz zunehmend jede Kontrolle verliert. Das Pianistische ist außerordentlich anspruchsvoll, doch der Virtuose darf diese Musik nicht in eine Folge glänzender Schwierigkeiten zerlegen. Entscheidend bleibt die große Form: der Weg von der unheimlichen Ankunft über die betörende Walzerseligkeit bis zur fieberhaften Entgrenzung. Am Ende löst sich die Szene nicht in triumphaler Kraft auf. Der Walzer entzieht sich vielmehr der festen Realität: Faust und Hannchen sind aus dem Raum der Schenke hinausgerissen, die Musik verliert ihren Boden und verschwindet in einem eigentümlich flüchtigen, unheimlichen Schluss. Liszt gestaltet damit keine moralische Lehrszene, sondern einen Augenblick, in dem die Verlockung stärker ist als jede Vernunft. Der Teufel herrscht hier nicht durch Gewalt, sondern durch Klang. Evgeny Kissin (* 1971) ist für dieses Werk ein besonders überzeugender Interpret, weil er dessen Gegensätze nicht verwischt. Bei ihm besitzt der Beginn Schärfe, Gewicht und eine fast orchestral gedachte Dunkelheit; die lyrische Walzermelodie dagegen erhält wirkliche Sinnlichkeit, ohne süßlich zu werden. Vor allem bewahrt Kissin die große architektonische Linie: Die virtuosen Höhepunkte erscheinen nicht als Selbstzweck, sondern als Stationen eines immer gefährlicher werdenden Tanzes. Seine Deutung macht hörbar, dass Liszts Mephisto-Walzer weder Salonmusik noch Zirkusnummer ist, sondern ein großes dramatisches Gedicht für Klavier. https://www.youtube.com/watch?v=G903YgL1K1Q&list=OLAK5uy_nWcsN6hx341pOcHijV8xk9nX5aB9t69_8&index=1 Eine besonders eindrucksvolle Gegenperspektive bietet eine frühe Aufnahme von Yunchan Lim (* 2004), der den Ersten Mephisto-Walzer bereits im Alter von etwa fünfzehn Jahren spielte. Erstaunlich ist dabei weniger die fast mühelose technische Bewältigung der enormen Schwierigkeiten als die natürliche dramatische Spannung seiner Deutung. Lim behandelt Liszts Musik nicht als Schaustück pianistischen Könnens; die gefährlichen Übergänge, die jähen Akzente und das gleitende Verlöschen am Ende wirken bei ihm bereits wie Teile einer zusammenhängenden Szene. Noch fehlt vielleicht jene abgeklärte, schwere Dämonie, die Kissins Interpretation auszeichnet, doch Lim besitzt etwas anderes: eine unmittelbare, ungekünstelte Energie und ein instinktives Gespür dafür, dass dieser Walzer zugleich Tanz, Verführung und Absturz ist. Lim kann Klangflächen mit orchestralem Atem aufbauen und hat jene natürliche Kühnheit, die Liszt braucht. Kritiker beschreiben ihn wiederholt als „volcanic“ und als Pianisten, der Liszt spiele, als sei diese Musik seine eigene Sprache. https://www.youtube.com/watch?v=Tnw7YyqEdV0&list=RDTnw7YyqEdV0&start_radio=1 Seitenanfang Franz Liszt Sinfonie Nr. 29 A-Dur KV 201/186a Die Sinfonie A-Dur KV 201/186a, später als Sinfonie Nr. 29 gezählt, ist ein Werk, in dem der achtzehnjährige Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) mit erstaunlicher Sicherheit über die Grenzen der bloßen höfischen Unterhaltungsmusik hinauswächst. Vollendet wurde sie in Salzburg am 6. April 1774; die Besetzung ist noch vergleichsweise schlank und entspricht den dortigen Möglichkeiten: zwei Oboen, zwei Hörner und Streicher. Gerade diese begrenzten Mittel werden jedoch nicht als Einschränkung empfunden, sondern als Voraussetzung einer besonders durchsichtigen, kammermusikalisch feinen und zugleich energisch gespannten Schreibweise. Man spürt in dieser Sinfonie noch den jungen Mozart, aber keineswegs mehr den bloß gefälligen Lieferanten von Fest- oder Reisemusik. Das Werk steht in unmittelbarer Nachbarschaft zur dramatischen g-Moll-Sinfonie KV 183/173dB und zur C-Dur-Sinfonie KV 200/189k; gemeinsam markieren diese Werke einen wichtigen Schritt in Mozarts Salzburger Sinfonik. Die italienische Ouvertürenform ist hier endgültig überwunden: KV 201 ist eine viersätzige Sinfonie mit eigenem Gewicht, innerer Geschlossenheit und einer motivischen Konzentration, die bereits weit über die Konvention hinausweist. Dass der Satz nicht durch äußeren Glanz, sondern durch thematische Arbeit, feine Stimmführung und eine ungewöhnliche Mischung aus Eleganz und innerer Spannung wirkt, gehört zu seinen besonderen Qualitäten. Der erste Satz, Allegro moderato, beginnt nicht mit einem lärmenden Auftakt, sondern mit einem Thema, das fast kammermusikalisch anhebt und sich sofort in imitatorischer, beinahe kanonischer Führung entfaltet. Diese Eröffnung ist berühmt, weil sie Mozarts neue sinfonische Denkweise besonders klar zeigt: Aus einer scheinbar einfachen, sanglichen Figur entsteht ein dichtes Netz von Antworten, Weiterführungen und Gegenbewegungen. Die Musik besitzt Feuer, aber kein äußerliches Pathos; sie wirkt konzentriert, beweglich und von innen her belebt. Bemerkenswert ist auch, dass Mozart die Streicher nicht bloß als harmonisches Fundament behandelt, sondern ihnen eine lebendige, dialogische Funktion gibt. Oboen und Hörner setzen Farbe und Glanzlichter, doch der eigentliche Kern des Satzes liegt in der fein gearbeiteten motivischen Substanz. Die von dir gezeigte Parallelstelle zur g-Moll-Sinfonie KV 183 ist dabei durchaus hörenswert. In beiden Fällen begegnet eine ähnliche melodische Wendung, doch der Ausdruck ist verschieden. In KV 183 steht sie im Zusammenhang einer dunkleren, stärker affektgeladenen Sprache; in KV 201 erscheint sie heller, linearer und stärker in den Fluss des A-Dur-Satzes eingebunden. Man sollte daraus keine Abhängigkeit im engen Sinn konstruieren, aber die Nähe zeigt, wie Mozart in dieser Schaffensphase verwandte Gesten prüfte, schärfte und in unterschiedliche sinfonische Charaktere übertrug. Das Andante ist einer der schönsten langsamen Sätze aus Mozarts früherer Sinfonik. Die Verwendung der gedämpften Streicher verleiht der Musik einen weichen, entrückten Klang, der nicht einfach leiser, sondern anders gefärbt ist. Der Satz atmet eine ruhige, fast intime Kantabilität; er ist kein bloßer Ruhepunkt zwischen zwei bewegten Sätzen, sondern eine eigene poetische Welt. Mozart vermeidet jede Schwerfälligkeit: Die Melodik bleibt klar, die Harmonik fein schattiert, der Ausdruck zurückhaltend empfindsam. Gerade hier zeigt sich, wie sehr er bereits mit Klangfarben und seelischen Abstufungen zu arbeiten versteht. Das Menuetto: Allegretto wirkt auf den ersten Blick höfisch und regelhaft, besitzt aber eine eigentümliche Festigkeit und beinahe herbe Kontur. Es ist kein galantes Zwischenspiel, sondern ein Satz mit Profil. Die Akzente, die rhythmische Energie und der robuste Gang verleihen ihm eine gewisse Strenge, während das Trio den Kontrast öffnet und die Klangfläche aufhellt. Mozart behandelt auch diesen Satz nicht als bloße Konvention; er nutzt die Form, um zwischen gesellschaftlicher Gebärde und musikalischer Individualität zu vermitteln. Das Finale, Allegro con spirito, beschließt die Sinfonie mit einer Beweglichkeit, die geistreich, aber nicht leichtgewichtig ist. Die Musik besitzt Witz, Rasanz und federnde Energie, doch auch hier bleibt alles kontrolliert und formal präzise. Mozart schreibt kein bloß effektvolles Schlussstück, sondern einen Satz, der die innere Spannung des Werkes nochmals bündelt. Die Themen erscheinen klar profiliert, die Durchführung ist knapp und wirksam, die rhythmische Motorik treibt den Satz voran, ohne ihn zu vergröbern. Gerade diese Verbindung aus Eleganz, Feuer und kompositorischer Ökonomie macht den Rang der Sinfonie aus. Die 2026 veröffentlichte Aufnahme mit der Polnische Violinistin Martyna Pastuszka (* 1980) und {oh!} Orkiestra Historyczna beim Fryderyk Chopin Institute / Narodowy Instytut Fryderyka Chopina ist deshalb besonders interessant, weil sie das Werk nicht als „kleine frühe Mozart-Sinfonie“ behandelt, sondern als ernst zu nehmendes, bereits reifes Orchesterstück. Die vier Tracks der Aufnahme entsprechen den vier Sätzen: Allegro moderato, Andante, Menuetto. Allegretto – Trio und Allegro con spirito; die Gesamtspielzeit liegt bei etwa 21 Minuten. https://www.youtube.com/watch?v=LrxQBfRnzoA Die Aufnahme mit Martyna Pastuszka und {oh!} Orkiestra Historyczna gewinnt zusätzliches Interesse durch ihre historisch informierte Klangästhetik. Das Ensemble sucht nicht den schweren, spätromantisch geprägten Orchesterklang moderner Tradition, sondern eine schlankere, transparentere und stärker artikulierte Spielweise, die sich an Instrumenten und Aufführungspraktiken des 18. Jahrhunderts orientiert. Gerade bei Mozarts A-Dur-Sinfonie KV 201 kommt dadurch die kammermusikalische Beweglichkeit des Satzes besonders deutlich zur Geltung: Die Streicher wirken leichter und sprechender, die Bläserfarben treten klarer hervor, und die motivische Feinarbeit erscheint weniger geglättet, sondern lebendig und unmittelbar. Das passt sehr gut zu einem Werk, das nicht durch monumentalen Klang, sondern durch innere Spannung, Eleganz und kompositorische Präzision überzeugt. In dieser Sinfonie ist Mozart noch nicht der späte Meister der „Prager“, der g-Moll-Sinfonie KV 550 oder der „Jupiter“-Sinfonie KV 551. Aber KV 201 ist weit mehr als ein Vorstadium. Das Werk zeigt einen jungen Komponisten, der die höfische Formensprache seiner Zeit kennt, sie aber bereits mit persönlichem Ton, motivischer Konsequenz und empfindsamer Ausdruckskraft erfüllt. Gerade deshalb gehört die A-Dur-Sinfonie KV 201 zu den überzeugendsten Werken der frühen Mozart-Sinfonik: nicht durch äußere Monumentalität, sondern durch Klarheit, innere Spannung und eine Schönheit, die nie bloß dekorativ bleibt. Seitenanfang Wolfgang Amadeus Mozart Requiem c-Moll op. 23, „À memória de Camões“ João Domingos Bomtempo (1775–1842) gehört zu den wichtigsten Gestalten der portugiesischen Musik zwischen Klassik, Frühromantik und liberalem Kulturaufbruch. Er wurde am 28. Dezember 1775 in Lissabon geboren und starb dort am 18. August 1842. Anders als viele portugiesische Musiker seiner Zeit suchte er seine Laufbahn nicht in Italien und nicht primär auf dem Gebiet der Oper, sondern wandte sich nach Paris und London, wo er als Pianist, Komponist und Musikorganisator wirkte. Dadurch wurde er für Portugal zu einer ungewöhnlich europäischen Gestalt: Er kannte die französische und englische Konzertkultur, stand den liberalen Ideen seiner Zeit nahe und versuchte nach seiner Rückkehr, das öffentliche Musikleben in Portugal auf eine neue Grundlage zu stellen. 1822 gründete er in Lissabon die Sociedade Filarmónica, und 1835 wurde er erster Direktor des neu geschaffenen Conservatório de Música, das an die Stelle älterer kirchlicher Ausbildungsstrukturen trat. Bomtempo war damit nicht nur Komponist, sondern auch einer der Begründer des modernen portugiesischen Musiklebens. Sein bedeutendstes geistliches Werk ist das Requiem c-Moll op. 23, „À memória de Camões“, das 1819/20 entstand und 1820 veröffentlicht wurde. Es ist Luís Vaz de Camões (um 1524/25–1580) gewidmet, dem großen Nationaldichter Portugals und Autor der Lusiaden. Camões verkörperte für das portugiesische Bewusstsein die Erinnerung an die Seefahrten, an die globale Ausdehnung des Reiches, an Ruhm, Verlust, Exil und nationale Selbstdeutung. Ein Requiem zu seinem Gedächtnis war daher mehr als eine liturgische Totenmesse. Es war ein musikalischer Akt nationaler Erinnerung: Portugal gedachte in Camões nicht nur eines Dichters, sondern seiner eigenen geschichtlichen Größe und Tragik. https://www.youtube.com/watch?v=W2xlOYjVYlo Das Requiem ist für Solisten, gemischten Chor und Orchester geschrieben und umfasst die traditionellen Teile der Totenmesse einschließlich Sequenz und Offertorium. Stilistisch steht es zwischen klassischer Klarheit und frühromantischer Ausdrucksverdichtung. Die Tonsprache ist nicht opernhaft äußerlich, sondern ernst, großflächig und würdevoll. Man spürt die Nähe zu den großen europäischen Requiem-Traditionen nach Mozart (1756–1791), aber auch die strengere, monumentale Haltung, wie sie bei Luigi Cherubini (1760–1842) begegnet. Bomtempo sucht nicht den theatralischen Effekt, sondern eine feierliche Verbindung von liturgischer Ordnung, dramatischer Spannung und nationalem Pathos. Besonders eindrucksvoll ist die Behandlung des Chores: Er trägt das Werk nicht nur als liturgische Gemeinschaft, sondern auch als Stimme eines kollektiven Gedächtnisses. Die Solisten treten weniger als opernhafte Individuen hervor, sondern fügen sich in eine größere, ernste Gesamtarchitektur ein. Gerade im Zusammenhang einer portugiesischen Musikgeschichte ist dieses Requiem wichtig. Es zeigt Portugal nicht als Randgebiet Europas, sondern als Land, das die großen Formen der europäischen Kunstmusik aufnehmen und mit eigener geschichtlicher Bedeutung füllen konnte. Während frühere portugiesische Musik oft mit Kirche, Hof oder Kolonialgeschichte verbunden ist, steht Bomtempos Requiem für ein neues nationales Bewusstsein im 19. Jahrhundert. Die Erinnerung an Camões macht aus der Totenmesse ein Denkmal: nicht laut, nicht äußerlich patriotisch, sondern getragen von Würde, Ernst und historischer Tiefe. CD Vorschlag Haydn, Missa Sanctae Caeciliae and Bomtempo, Requiem, Orquestra Gulbenkian, Coro Gulbenkian, Leitung Michel Corboz (1934–2021), Warner Classics / Erato, 1994, Tracks 19 bis 33: https://www.youtube.com/watch?v=mherlDSuzlU&list=OLAK5uy_mk0eTygYsCP3eb1Y79aXOHplYjKRIi5Wg&index=19 Seitenanfang João Domingos Bomtempo Lauda Sion op. 73 - 2015 Felix Mendelssohn Bartholdys (1809–1847) „Lauda Sion“, op. 73 / MWV A 24, gehört zu jenen geistlichen Werken des 19. Jahrhunderts, in denen historische Liturgie, konfessionelle Sensibilität und romantische Klangsprache auf besonders glückliche Weise zusammentreffen. Der äußere Anlass war außergewöhnlich: Mendelssohn schrieb das Werk 1845/46 für die Feier des 600-jährigen Jubiläums des Fronleichnamsfestes in Lüttich, wo das Fest im 13. Jahrhundert einen seiner wichtigsten Ursprünge hatte. Die Uraufführung fand am 11. Juni 1846 in der Kirche St. Martin in Lüttich statt. Damit ist „Lauda Sion“ keine allgemein geistliche Festmusik, sondern ein Werk, das unmittelbar aus dem historischen Gedächtnis des Fronleichnamsfestes hervorgegangen ist. Der Text „Lauda Sion Salvatorem“ ist die große Sequenz der Fronleichnamsmesse und wird traditionell Thomas von Aquin (1225–1274) zugeschrieben. In ihr wird das eucharistische Geheimnis in einer zugleich poetischen und dogmatisch präzisen Sprache entfaltet: Sion wird aufgerufen, den Erlöser, den Hirten und Führer zu loben; Brot und Wein werden als Zeichen des neuen Bundes gedeutet; die Gegenwart Christi im Sakrament wird nicht erzählend, sondern bekennend ausgesprochen. Mendelssohn vertont nicht einfach einen frommen lateinischen Text, sondern eine der zentralen theologischen Dichtungen der katholischen Sakramentsfrömmigkeit. Gerade das macht das Werk so bemerkenswert, denn Mendelssohn nähert sich diesem katholischen Festtext nicht äußerlich oder dekorativ, sondern mit auffallender Würde, Klarheit und innerer Anteilnahme. Die Komposition ist für Solisten, vierstimmigen Chor und Orchester geschrieben und umfasst acht Sätze; der Chor trägt dabei den größten Teil des Werkes. Breitkopf beschreibt die Anlage treffend als Wechsel zwischen gemischtem Chor, Solistenquartett und Sopransolo, wobei der Chor die dominierende Rolle behält. Dadurch entsteht keine opernhafte Dramatisierung, sondern eine festliche, oratorisch geprägte Folge von Betrachtungen. Das Werk dauert etwa eine halbe Stunde und steht damit zwischen liturgischer Gebrauchsmusik, Kantate und kleinem Oratorium. Musikalisch zeigt sich Mendelssohn hier von einer besonders hellen, südlich geprägten Seite. Mehrere Werkkommentare betonen den italienischen, melodisch geschmeidigen Charakter der Komposition. Die Musik ist klangreich, feierlich und durchsichtig; sie verzichtet auf schwere kontrapunktische Gelehrsamkeit als Selbstzweck, ohne deshalb einfach oder oberflächlich zu werden. Schon der Beginn in strahlendem C-Dur entfaltet eine Atmosphäre festlicher Helligkeit: Der Lobpreis wirkt nicht triumphalistisch, sondern gesammelt, klar und liturgisch erhoben. Besonders schön ist, dass Mendelssohn den Text nicht als bloße Abfolge lateinischer Strophen behandelt. Er gliedert ihn musikalisch nach Sinnabschnitten: Lobpreis, Erinnerung an das Abendmahl, eucharistische Lehre, sakramentale Verehrung und abschließende Bitte. So entsteht ein geistlicher Bogen, der vom äußeren Festjubel zur inneren Anbetung führt. Die Chorsätze geben dem Werk seine festliche Grundgestalt, während die solistischen Partien den Text persönlicher und inniger beleuchten. Wo der Chor spricht, erscheint die Kirche als feiernde Gemeinschaft; wo Solisten hervortreten, wird die theologische Aussage gleichsam zur individuellen Meditation. Gerade für einen Beitrag zum Fronleichnamsfest ist Mendelssohns „Lauda Sion“ daher ein sehr glücklicher Mittelpunkt. Es verbindet den liturgischen Kern des Tages mit einer musikalischen Sprache, die auch heutigen Hörern unmittelbar zugänglich bleibt. Die Komposition besitzt nicht die asketische Strenge älterer Renaissancepolyphonie und auch nicht die überwältigende Monumentalität großer romantischer Oratorien. Ihre Stärke liegt vielmehr in einer edlen Mitte: festlich, aber nicht prunkhaft; fromm, aber nicht sentimental; gelehrt, aber niemals trocken. Mendelssohn lässt den Fronleichnamstext leuchten, ohne ihn zu überladen. Das Werk wirkt wie eine musikalische Prozession im Inneren: Es bewegt sich voran, aber in ruhiger Ordnung; es feiert, aber mit gesammelter Ehrfurcht. https://www.youtube.com/watch?v=B1GMSlfKAzE&t=1s „Lauda Sion“ op. 73 ist eines der bedeutendsten romantischen Werke, die unmittelbar mit dem Fronleichnamsfest verbunden sind. Mendelssohn antwortet auf den mittelalterlichen Hymnus des Thomas von Aquin nicht mit historisierender Nachahmung, sondern mit einer eigenen, klaren und festlichen Tonsprache. In dieser Musik begegnen sich das alte eucharistische Bekenntnis der Kirche und die helle, kultivierte Frömmigkeit eines Komponisten, der auch in einem katholischen Festtext nicht das Fremde, sondern das musikalisch und geistig Wahre suchte. Der gesungene Text - deutsche Übersetzung Lobe, Sion, den Erlöser, lobe den Führer und Hirten in Hymnen und Gesängen. So viel du kannst, so viel wage; denn er ist größer als alles Lob, und du vermagst ihn nicht genug zu preisen. Das besondere Thema des Lobes, das lebendige und lebenspendende Brot, wird heute vorgestellt. Dass es beim Tisch des heiligen Mahles der Schar der zwölf Brüder gegeben wurde, daran besteht kein Zweifel. Voll sei das Lob, klangvoll sei es; freudig sei und würdig der Jubel des Geistes. Denn ein feierlicher Tag wird begangen, an dem die erste Einsetzung dieses Mahles vergegenwärtigt wird. An diesem Tisch des neuen Königs setzt das neue Pascha des neuen Gesetzes dem alten Pascha ein Ende. Das Neue vertreibt das Alte, die Wahrheit den Schatten, das Licht die Nacht. Was Christus beim Abendmahl vollzog, das gebot er zu tun zu seinem Gedächtnis. Durch heilige Weisungen unterrichtet, weihen wir Brot und Wein zur Opfergabe des Heils. Den Christen wird die Lehre gegeben, dass Brot in Fleisch übergeht und Wein in Blut. Was du nicht begreifst, was du nicht siehst, das bekräftigt der mutige Glaube jenseits der Ordnung der Dinge. Unter verschiedenen Gestalten, nur in Zeichen und nicht in den Dingen selbst, verbergen sich erhabene Wirklichkeiten. Fleisch ist Speise, Blut ist Trank, doch bleibt Christus ganz unter jeder der beiden Gestalten. Vom Empfangenden wird er nicht zerschnitten, nicht zerbrochen, nicht geteilt, sondern unversehrt empfangen. Einer empfängt ihn, tausend empfangen ihn; so viel jene empfangen, so viel empfängt auch dieser, und durch den Empfang wird er nicht verzehrt. Die Guten empfangen ihn, die Bösen empfangen ihn, doch mit ungleichem Ausgang: zum Leben oder zum Verderben. Tod ist er den Bösen, Leben den Guten; sieh, wie verschieden der Ausgang bei gleichem Empfang sein kann. Ist schließlich das Sakrament gebrochen, so wanke nicht, sondern bedenke, dass unter dem Bruchstück ebenso viel enthalten ist, wie im Ganzen verborgen liegt. Keine Teilung der Wirklichkeit geschieht, nur eine Brechung des Zeichens; dadurch werden weder Zustand noch Größe des Bezeichneten vermindert. Siehe, das Brot der Engel, zur Speise der Pilger geworden, wahrhaft das Brot der Kinder, nicht den Hunden hinzuwerfen. In Vorbildern ist es vorausbezeichnet: als Isaak geopfert wird, als das Paschalamm bestimmt wird, als den Vätern das Manna gegeben wird. Guter Hirt, wahres Brot, Iesu, erbarme dich unser. Du weide uns, du schütze uns, du lass uns die Güter schauen im Land der Lebenden. Du, der du alles weißt und vermagst, der du uns Sterbliche hier nährst, mach uns dort zu deinen Tischgenossen, zu Miterben und Gefährten der heiligen Bürger. Amen Seitenanfang Felix Mendelssohn Bartholdy Marin Marais (1656–1728) Heute, am 31. Mai 2026, erinnert der 370. Geburtstag von Marin Marais (1656–1728) an einen der großen Meister der französischen Barockmusik. Marais war nicht nur Komponist, sondern vor allem einer der bedeutendsten Virtuosen der Viola da gamba, jenes warm und tief klingenden Streichinstruments, das im Frankreich Ludwigs XIV. eine besondere Blüte erlebte. Geboren in Paris, stammte Marais aus einfachen Verhältnissen. Als Chorknabe erhielt er eine solide musikalische Ausbildung, später wurde er Schüler des berühmten Gambenmeisters Monsieur de Sainte-Colombe und studierte Komposition bei Jean-Baptiste Lully (1632–1687), der das französische Musiktheater am Hof Ludwigs XIV. entscheidend prägte. 1676 trat Marais in den Dienst des königlichen Musiklebens, 1679 wurde er zum „ordinaire de la chambre du roi pour la viole“ ernannt, also zum ordentlichen Gambisten der königlichen Kammermusik. Diese Stellung behielt er über Jahrzehnte. Sein Ruhm beruht vor allem auf den fünf Büchern mit Pièces de viole, die zwischen 1686 und 1725 erschienen. In ihnen zeigt sich Marais als vollendeter Meister der französischen Suite: Tänze, Charakterstücke, Tombeaux und freie Fantasien verbinden höfische Eleganz mit großer Ausdruckstiefe. Viele dieser Stücke wirken intim, dunkel schimmernd und zugleich von höchster Kunstfertigkeit getragen. Daneben schrieb Marais auch Bühnenwerke, darunter die Tragédie lyrique Alcyone, deren berühmte Sturmszene zu den eindrucksvollen orchestralen Momenten der französischen Barockoper gehört. Wer Marin Marais hört, begegnet einer Musik, die nicht laut wirken muss, um eindringlich zu sein. Sie lebt aus Klangfarbe, Verzierungskunst, Atem und innerer Spannung. Gerade deshalb passt sie wunderbar in ein Fenster „Hörenswert“: Marais öffnet den Blick auf eine Welt, in der Virtuosität nicht bloß Glanz bedeutet, sondern Verfeinerung, Empfindsamkeit und die Kunst, mit wenigen Tönen eine ganze seelische Landschaft entstehen zu lassen. https://www.youtube.com/watch?v=mbVOP0WOeHk „Die siebente Saite" (im Original „Tous les matins du monde") ist ein französischer Historienfilm von Alain Corneau (1943–2010 aus dem Jahr 1991 nach dem Roman von Pascal Quignard (* 1948) und gehört zu den eindrucksvollsten filmischen Annäherungen an die Welt der französischen Barockmusik. Erzählt wird die Geschichte des zurückgezogen lebenden Gambisten Monsieur de Sainte-Colombe (* um 1640 – † zwischen 1690 und 1700), der nach dem Tod seiner Frau ganz in der Musik und in der Erinnerung lebt. Nur widerwillig nimmt er den jungen Marin Marais (1656–1728) als Schüler auf, einen begabten, aber ehrgeizigen Musiker, der später am Hof Ludwigs XIV. (1638–1715) zu Ruhm und gesellschaftlichem Erfolg gelangt. Zwischen beiden entsteht ein Spannungsverhältnis, das weit über Lehrer und Schüler hinausgeht: Hier begegnen sich zwei Auffassungen von Kunst – Musik als innerste Wahrheit, Trost und Zwiesprache mit den Toten auf der einen Seite, Musik als Weg zu Anerkennung, Karriere und Glanz auf der anderen. Der Film lebt von der stillen Intensität seiner Bilder, vom warmen, dunklen Klang der Viola da gamba und von einer Atmosphäre, in der Licht, Schweigen, Erinnerung und Musik untrennbar miteinander verbunden sind. Kein äußerlich lautes Künstlerdrama, sondern ein stilles, tief berührendes Werk über Verlust, Liebe, Schuld, Ehrgeiz und die Frage, ob Musik dem Leben dient – oder etwas bewahrt, das dem Leben bereits entglitten ist. Sehenswert: https://www.youtube.com/watch?v=pnriefsHKsQ&list=PL3CF579B95FA15578&index=1 Seitenanfang Marin Marais Erschallet, ihr Lieder, erklinget, ihr Saiten! Johann Sebastian Bachs (1685–1750) Kantate Erschallet, ihr Lieder, erklinget, ihr Saiten! BWV 172 (1714) ist ausführlich dokumentiert; Entstehung, liturgischer Ort, Textgrundlage und Fassungsfragen können auf der entsprechenden Werkseite nachgelesen werden. https://de.wikipedia.org/wiki/Erschallet,_ihr_Lieder,_erklinget,_ihr_Saiten! Hier soll weniger das Nachzeichnen der Werkgeschichte im Mittelpunkt stehen als die Frage, warum gerade diese Kantate am Pfingstsonntag so unmittelbar wirkt. Nach der geistig-liturgischen Welt eines Thomas Tallis (um 1505–1585), bei dem Pfingsten als vielstimmiges Wunder der Sprache erscheint, öffnet Bach einen völlig anderen Raum: Pfingsten wird zum klingenden Festereignis. Trompeten, Pauken, Chor, Streicher und Singstimmen setzen eine Energie frei, die nicht nur feierlich ist, sondern den Gedanken des Herabkommens des Geistes geradezu körperlich erfahrbar macht. https://www.youtube.com/watch?v=SLot19EqhDo Schon der Eingangschor ist nicht einfach eine festliche Eröffnung, sondern ein musikalischer Ausbruch. „Erschallet, ihr Lieder, erklinget, ihr Saiten!“ — dieser Ruf wird bei Bach unmittelbar in Klang verwandelt. Die Musik scheint sich selbst zu entzünden: Die Trompeten geben dem Ganzen eine herrscherliche, strahlende Farbe, die Pauken verstärken den festlichen Charakter, und der Chor wirkt wie eine Gemeinde, die nicht mehr still bleiben kann. Pfingsten ist hier nicht kontemplative Erinnerung, sondern Gegenwart: Der Geist kommt nicht als abstrakter Gedanke, sondern als Bewegung, als Kraft, als festlicher Impuls, der alles in Schwingung versetzt. Gerade in der Leipziger D-Dur-Fassung gewinnt diese Wirkung noch an Glanz. D-Dur ist bei Bach häufig eine Tonart des Festlichen, des Hellen, des Trompetenhaften; sie gibt der Kantate eine besonders repräsentative und offene Klanggestalt. Deshalb passt diese Fassung für den Pfingstsonntag so gut: Sie wirkt nicht nur fromm oder schön, sondern unmittelbar erhebend. Man spürt fast körperlich, dass hier ein großes Fest gefeiert wird. Die Musik richtet sich nach außen, öffnet den Raum, hebt die Stimmung und lässt Pfingsten als Ereignis der Freude, der Erneuerung und der geistlichen Lebendigkeit hörbar werden. Dabei bleibt die Kantate keineswegs nur beim äußeren Jubel stehen. Nach dem festlichen Beginn wendet sich Bach auch der inneren Seite des Pfingstgeschehens zu. Der Heilige Geist ist nicht nur Macht und Feuer, sondern auch Trost, Wohnung Gottes im Menschen und innere Erneuerung. Besonders schön ist der Wechsel zwischen öffentlicher Festlichkeit und persönlicher Frömmigkeit: Was im Eingangschor mit größter Pracht beginnt, wird später stiller, inniger und stärker auf das Verhältnis zwischen Christus, Seele und Geist bezogen. Dadurch erhält die Kantate ihre eigentliche Tiefe. Bach zeigt Pfingsten nicht nur als triumphalen Feiertag, sondern als Bewegung von außen nach innen: vom klingenden Jubel der Kirche zum Geheimnis der göttlichen Gegenwart im Herzen. Das Werk erklärt sich beim Hören sofort, ohne oberflächlich zu sein. Der erste Eindruck ist festlich, hell und mitreißend; darunter aber liegt eine sorgfältig gebaute geistliche Dramaturgie. Bach verbindet Pracht und Theologie, Jubel und Innerlichkeit, repräsentativen Klang und persönliche Andacht. Gerade im Kontrast zu Tallis wird das besonders deutlich: Dort die alte englische Polyphonie, die das Wunder der vielen Sprachen in geordnete Vielstimmigkeit fasst; hier der lutherische Barock, der Pfingsten als klingende Explosion des Geistes begreift. Wer am Pfingstsonntag Musik sucht, die sofort ergreift und zugleich geistlich sinnvoll bleibt, findet in Erschallet, ihr Lieder, erklinget, ihr Saiten! eine der schönsten Antworten Bachs. Seitenanfang Johann Sebastian Bach CD Empfehlung Ragna Schirmer – Maria Theresia Paradis Mit dieser CD stellt Ragna Schirmer (* 1972) eine Musikerin in den Mittelpunkt, die lange vor allem als Randfigur der Wiener Klassik wahrgenommen wurde, obwohl sie zu Lebzeiten eine viel beachtete Künstlerin war: Maria Theresia Paradis (1759–1824), Pianistin, Sängerin, Komponistin und Musikpädagogin. Sie wurde in Wien geboren, erblindete bereits als Kind und machte dennoch eine bemerkenswerte Karriere als Virtuosin. Ihre musikalische Ausbildung war außergewöhnlich breit; zu ihren Lehrern gehörten unter anderem Leopold Koželuch (1747–1818) und Antonio Salieri (1750–1825). Schon früh trat sie in Wien als Pianistin und Sängerin hervor, später unternahm sie eine große Europareise, die sie unter anderem nach Paris und London führte. 1808 gründete sie in Wien eine eigene Musikschule, an der sie Mädchen und junge Frauen in Klavier, Gesang und Musiktheorie unterrichtete; auch ihr Engagement für blinde Menschen und für neue Formen musikalischer Vermittlung gehört zu den wichtigen Aspekten ihres Lebens. https://www.youtube.com/watch?v=9TTThuGvPQw Das Programm der CD ist sehr sinnvoll zusammengestellt. Es stellt Paradis nicht isoliert vor, sondern zeigt sie in jenem musikalischen Umfeld, in dem sie wirkte: zwischen eigener schöpferischer Arbeit, Wiener Klassik, Konzertpraxis und historischer Klangwelt. Den Rahmen bilden zwei Werke von Paradis selbst: die Ouvertüre zu dem Singspiel „Der Schulkandidat“ und die Fantasie G-Dur für Klavier. Der Schulkandidat entstand 1792 und war ein ländliches Singspiel in drei Akten; erhalten und heute wieder aufführbar ist vor allem die Ouvertüre, die auf dieser CD den Auftakt bildet. Sie wirkt nicht wie ein bloßes Kuriosum, sondern wie ein lebendiges Bühnenstück: leicht, beweglich, theaternah, mit jener Mischung aus Charme, Energie und klassischer Klarheit, die sofort zeigt, dass Paradis mehr war als nur eine berühmte blinde Pianistin. Die Fantasie G-Dur führt dann in eine andere, intimere Klangwelt. Hier steht nicht das Theater im Vordergrund, sondern das freie, empfindsame Sprechen des Tasteninstruments. Gerade dieses Stück macht deutlich, wie sehr Paradis aus der Kultur des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts kommt: aus einer Welt, in der Improvisation, Ausdruck, gesangliche Linie und klangliche Überraschung noch eng miteinander verbunden waren. Ragna Schirmer spielt diese Fantasie auf einem originalen Hammerflügel von Joseph Böhm aus der Zeit um 1821, einem besonderen Instrument aus der Sammlung des Greifenberger Instituts; bemerkenswert ist dabei vor allem das eingebaute Orgelregister, das dem Klang eine fast unwirkliche, zwischen Klavier und Orgel schwebende Farbe geben kann. Zwischen diesen beiden Paradis-Werken stehen zwei Konzerte, die nicht zufällig gewählt sind. Joseph Haydns (1732–1809) Klavierkonzert G-Dur Hob. XVIII:4 gehörte zu den Werken, die Paradis auf ihrer Europatournee spielte. Es ist ein helles, spielfreudiges Konzert, dessen Solopart noch aus der älteren Welt des Cembalos und Hammerklaviers kommt, aber bereits eine sehr natürliche, konzertante Beweglichkeit besitzt. Haydn war kein reisender Klaviervirtuose im Sinne Mozarts; gerade deshalb wirkt dieses Konzert weniger demonstrativ als elegant, geistreich und transparent. Die Kadenz dieser Aufnahme stammt von Timo Jouko Herrmann (geb. 1978), was dem historischen Werk einen behutsam heutigen Akzent gibt, ohne den klassischen Stilrahmen zu sprengen. Noch enger mit Paradis verbunden ist Wolfgang Amadeus Mozarts (1756–1791) Klavierkonzert Nr. 18 B-Dur KV 456. In der Überlieferung gilt es seit Langem als das sogenannte „Paradis-Konzert“. Leopold Mozart (1719–1787) erwähnte 1785 in einem Brief ein Konzert, das sein Sohn für Paradis geschrieben habe; die genaue Identifizierung ist in der Forschung nicht völlig frei von Diskussionen, doch KV 456 wird bis heute am häufigsten mit ihr verbunden. Mozart vollendete das Konzert am 30. September 1784. Es gehört zu jener großen Wiener Konzertserie der Jahre 1784/85, in der Mozart die Gattung des Klavierkonzerts zu einer geradezu dramatischen Gesprächsform zwischen Soloinstrument und Orchester entwickelte. Gerade dieses Mozart-Konzert bildet den eigentlichen Höhepunkt der CD. Sein erster Satz besitzt jene federnde Noblesse, die Mozarts B-Dur-Welt oft auszeichnet: hell, elegant, aber nie oberflächlich. Der langsame Satz, Andante un poco sostenuto, führt in eine ernstere, beinahe schattierte Ausdruckssphäre; es ist kein bloßes lyrisches Intermezzo, sondern ein empfindsamer Mittelpunkt des Konzerts. Das Finale kehrt zur Beweglichkeit zurück, jedoch nicht im Sinne harmloser Heiterkeit, sondern mit der für Mozart typischen Mischung aus Spiel, Geist und innerer Differenzierung. Wenn man dieses Werk im Zusammenhang mit Paradis hört, bekommt es eine zusätzliche biographische Farbe: Es erscheint nicht nur als „Mozart-Konzert“, sondern als Musik, die für eine konkrete Künstlerin, eine konkrete Klangwelt und eine konkrete Aufführungspraxis denkbar wurde. Die besondere Qualität dieser Aufnahme liegt auch in den Instrumenten. Ragna Schirmer spielt nicht auf einem modernen Konzertflügel, sondern auf historischen beziehungsweise historisch nachgebauten Hammerflügeln: einem Nachbau eines Anton-Walter-Flügels aus der Zeit Mozarts und Paradis’ sowie dem originalen Joseph-Böhm-Hammerflügel für die Fantasie G-Dur. Dadurch verschiebt sich das Klangbild grundlegend. Das Soloinstrument klingt schlanker, sprachähnlicher, durchsichtiger; die Töne haben weniger massive Kraft als auf einem modernen Steinway, dafür aber mehr Kontur, Atem und Artikulation. Zusammen mit der Hofkapelle München unter Rüdiger Lotter entsteht ein Klang, der die Musik nicht museal behandelt, sondern sie in ihre eigene akustische Welt zurückführt. https://www.youtube.com/watch?v=kHtjb9N4PkY&list=OLAK5uy_lCM9tz-VeMeTtfcNzFRnhnOPGDkL4REXo&index=1 So ist diese CD weit mehr als eine reizvolle Zusammenstellung dreier Namen. Sie erzählt von einer Musikerin, die im Schatten berühmter Männer fast verschwunden wäre, obwohl sie selbst Teil derselben musikalischen Kultur war. Paradis erscheint hier nicht als bloße biographische Besonderheit, sondern als Mittelpunkt eines Netzwerks: Haydn zeigt die Konzertpraxis, mit der sie auf Reisen Erfolg hatte; Mozart zeigt ihre Nähe zum höchsten Niveau der Wiener Klassik; ihre eigenen Werke geben ihr endlich wieder eine hörbare Stimme. Für „Hörenswertes“ ist diese Aufnahme deshalb besonders geeignet: Sie öffnet ein Fenster in eine vertraute Epoche, aber aus einer ungewohnten Perspektive — und gerade darin liegt ihr Reiz. Seitenanfang Maria Theresia Paradis Zwischen Klangmagie und Schicksalsrad – bedeutende Einspielungen von Carl Orffs „Carmina Burana“ Neben der berühmten Referenzaufnahme unter Eugen Jochum (1902–1987), die bereits im Werktext behandelt wurde, gibt es mehrere Einspielungen von Carl Orffs (1895–1982) „Carmina Burana“, die aus ganz unterschiedlichen Gründen wichtig sind. Gerade dieses Werk fordert den Vergleich heraus, weil es in jeder überzeugenden Deutung anders erscheint: als archaisches Ritual, als grelles Musiktheater, als Chor- und Klangereignis, als rhythmisch geschärfte Partitur oder als moderne Präzisionsmaschine. Nicht jede große Aufnahme sucht dieselbe Wahrheit. Manche betonen das Monumentale, andere das Derbe, wieder andere die Textverständlichkeit, die szenische Zuspitzung oder die fast rituelle Härte der Musik. Deshalb lohnt es sich, einige bedeutende Einspielungen nicht einfach nach Rangordnung, sondern nach ihrem jeweiligen Charakter zu betrachten. Eine besonders vorzeigbare und musikalisch sehr überzeugende Aufnahme ist die Einspielung unter André Previn (1929–2019) mit Sheila Armstrong (* 1942), Gerald English (1925–2019), Thomas Allen (*. 1944), dem London Symphony Chorus, dem Knabenchor der St. Clement Danes Grammar School und dem London Symphony Orchestra. Das Orff-Zentrum München dokumentiert diese EMI-Aufnahme mit dem Aufnahmeort Kingsway Hall, London, und dem Aufnahmedatum 25.–27. November 1974; Warner Classics hebt in seiner Beschreibung besonders die Klarheit und charaktervolle Präsenz der Solisten sowie die unmittelbare, spontane Wirkung der Aufnahme hervor. https://www.youtube.com/watch?v=n8n7UUqaxa4&list=OLAK5uy_nzeNIiDBiglyROGAnHFSnF5IXzcD-aAWI&index=1 Diese Previn-Aufnahme ist keine bloß massive „Carmina Burana“. Sie hat Wucht, aber sie erschlägt das Werk nicht. Ihr besonderer Vorzug liegt in der Verbindung von rhythmischer Energie, guter Durchhörbarkeit und auffallend plastischer Textbehandlung. Orffs Musik wird hier nicht nur als Chorblock verstanden, sondern als Sprach- und Bühnentheater. Die Chöre bleiben beweglich, die Einsätze wirken präzise, die grotesken Szenen behalten ihren Witz, und die Liebespartien werden nicht zu süßlich ausgesungen. Sheila Armstrong bringt in die Sopranpartie eine helle, klare, aber nicht entrückte Linie; Gerald English gestaltet den Schwan weniger als bloße Kuriosität denn als scharf profilierte theatralische Miniatur; Thomas Allen verleiht den Baritonstellen jugendliche Geschmeidigkeit und sehr gute sprachliche Kontur. Diese Aufnahme eignet sich besonders für Hörer, denen bei Orff nicht nur Klangpracht, sondern Verständlichkeit wichtig ist. Sie zeigt „Carmina Burana“ als lebendiges, farbiges, direkt ansprechendes Werk, das nicht im Monumentalen erstarrt. Eine ganz andere Sonderstellung besitzt die Aufnahme unter Kurt Eichhorn (1908–1994) mit Lucia Popp (1939–1993), John van Kesteren (1921–2008), Hermann Prey (1929–1998), dem Chor des Bayerischen Rundfunks, dem Tölzer Knabenchor und dem Münchner Rundfunkorchester. Das Orff-Zentrum München nennt als Aufnahmeort den Bayerischen Rundfunk in München und als Aufnahmezeit Juli 1973; spätere CD-Ausgaben erschienen unter anderem bei BMG beziehungsweise RCA-nahen Labels. Diese Aufnahme ist eng mit der berühmten Filmfassung von Jean-Pierre Ponnelle (1932–1988) verbunden. Die DVD-Ausgabe wird mit Lucia Popp, John van Kesteren, Hermann Prey, dem Münchner Rundfunkorchester und Kurt Eichhorn geführt; als zusätzliches Material bietet sie ein Interview mit Carl Orff, und in der Beschreibung wird ausdrücklich erwähnt, dass Orff bei den Dreharbeiten in den Münchner Bavaria-Studios anwesend war. https://www.youtube.com/watch?v=A-AiAlzpaTY&list=OLAK5uy_lSmy-5N74U_hrPrWgc1xijdPhuZQKPmX0&index=1 Diese Eichhorn/Ponnelle-Produktion ist deshalb nicht nur eine weitere Tonaufnahme, sondern ein besonders wichtiges Dokument der szenischen Werkvorstellung. Orffs eigener Untertitel spricht von „instrumentis atque imaginibus magicis“, also von Instrumenten und magischen Bildern. In der Filmfassung wird diese Idee sichtbar: „Carmina Burana“ erscheint nicht als abstraktes Konzertstück, sondern als Bühnenspiel aus Körpern, Blicken, Gesten, Symbolen, Gruppenbewegungen und theatralischen Bildern. Eichhorn dirigiert entsprechend weniger luxuriös als unmittelbar szenisch. Die Musik hat Zug, Deutlichkeit und eine gewisse theatralische Trockenheit; sie wird nicht romantisiert, sondern als Abfolge von Situationen und Tableaus verstanden. Lucia Popp bringt Leuchtkraft und vokale Noblesse in die Sopranpartie, John van Kesteren setzt den Schwan mit charakteristischem Profil, Hermann Prey gibt den Baritonpartien eine Mischung aus Natürlichkeit, Charme und Bühnenpräsenz. Diese Aufnahme sollte nicht nur als CD, sondern im Zusammenhang mit dem Film verstanden werden. Wer die „Carmina Burana“ als Orffs szenisches Musiktheater begreifen will, kommt an Eichhorn/Ponnelle kaum vorbei. https://www.youtube.com/watch?v=QXyaASZjtTU https://www.jpc.de/jpcng/classic/detail/-/art/Carl-Orff-1895-1982-Carmina-Burana/hnum/4141679 Von ganz anderer Art ist die Leipziger Aufnahme unter Herbert Kegel (1920–1990) mit Jutta Vulpius (1927–2016), Hans-Joachim Rotzsch (1929–2013), Kurt Rehm, Kurt Hübenthal (1918–2007), Rundfunkchor Leipzig, Rundfunk-Kinderchor Leipzig und Rundfunk-Sinfonieorchester Leipzig. Digitale Kataloge führen diese Eterna-Produktion mit dem Jahr 1961; Qobuz nennt Herbert Kegel, Rundfunkchor Leipzig, Rundfunk-Sinfonieorchester Leipzig und Rundfunk-Kinderchor Leipzig sowie die Solisten unter dem Eterna/Edel-Copyright von 1961. https://www.youtube.com/watch?v=Cj5EOtQ7Hco&list=OLAK5uy_kip-O03_x4h8nZMk5iPY1wKgFu0i-Y3fs&index=1 Kegel zeigt die „Carmina Burana“ von ihrer härteren und archaischeren Seite. Diese Aufnahme sucht nicht den glatten Glanz, sondern die Schärfe. Sie wirkt kantiger, weniger bequem, manchmal fast asketisch im Zugriff, obwohl das Werk selbst voller Rausch, Körperlichkeit und derber Szenen ist. Gerade dadurch bekommt die Partitur eine eigentümliche Härte. Die Chorblöcke wirken nicht als polierter Klangteppich, sondern als kollektive Kraft. Die Schenken-Szenen bekommen eine fast brutale Direktheit; die rhythmischen Formeln treten deutlich hervor; die Musik wirkt weniger dekorativ, stärker wie Schlag, Ruf, Ritual und Beschwörung. Kegel ist damit ein Gegenpol zu Aufnahmen, die Orffs Werk vor allem großflächig, luxuriös oder effektvoll präsentieren. Hier erscheint „Carmina Burana“ als schroffes, elementares Musiktheater, in dem die archaische Energie des Werks besonders ungeschönt hervortritt. Eine weitere bedeutende Aufnahme ist die EMI-Einspielung unter Riccardo Muti (* 1941) mit Arleen Augér (1939–1993), John van Kesteren (1921–2008), Jonathan Summers (* 1946), dem Philharmonia Chorus, dem Southend Boys’ Choir und dem Philharmonia Orchestra. Das Orff-Zentrum München führt diese Aufnahme als EMI-Produktion von 1980; Discogs dokumentiert Aufnahmeangaben zu Abbey Road Studios im März 1979, und der Philharmonia Chorus weist darauf hin, dass Jeremy Summerly diese Aufnahme in BBC Radio 3s „Record Review“ als beste unter den verfügbaren Einspielungen auswählte. https://www.youtube.com/watch?v=OqOB3jbVHI0&list=OLAK5uy_lhUs1E2ki2Qv73gwB0nzDSBy759VhOsBY&index=1 Mutis Deutung besitzt eine andere Art von Spannung als Previn oder Kegel. Sie ist weniger spontan-theatralisch als Previn, weniger rau und schneidend als Kegel, dafür strenger, konzentrierter und von großer chorischer Disziplin. Muti nimmt Orffs Partitur sehr ernst als große Form. Die rhythmischen Blöcke haben Festigkeit, die Steigerungen sind kontrolliert, die Chöre wirken nicht chaotisch entfesselt, sondern präzise geführt. Dadurch entsteht eine eindrucksvolle Mischung aus mediterraner Farbigkeit, dramatischer Energie und klassischer Formstrenge. Arleen Augér bringt eine schöne, klare Sopranlinie, John van Kesteren ist als Schwan auch hier von Bedeutung, und Jonathan Summers gibt den Baritonpartien eine kräftige, direkte Kontur. Die Muti-Aufnahme empfiehlt sich besonders dort, wo Orffs Werk nicht als bloßer Effekt, sondern als streng gebautes, hochprofessionell realisiertes Chor- und Orchestertheater erscheinen soll. Als moderner, klanglich sehr sauberer und unmittelbar zugänglicher Gegenpol kann die Aufnahme unter Eiji Oue (* 1956) mit Heidi Elisabeth Meier, Jean-Sébastien Stengel, Stefan Adam, dem Mädchenchor Hannover, dem Knabenchor Hannover und der NDR Radiophilharmonie genannt werden. Das Orff-Zentrum München führt diese Rondeau-Produktion mit dem Aufnahmeort Großer Sendesaal des NDR in Hannover und dem Datum 17. Mai 2008; Apple Music listet das Album mit 28 Titeln und einer Laufzeit von etwa einer Stunde unter dem Jahr 2008 beziehungsweise einer späteren digitalen Veröffentlichung bei Rondeau. https://www.youtube.com/watch?v=Z1yFrDfj9O4&list=OLAK5uy_mmR95FsqNIHb2HMbyshyjHDeADt7Ii8_M&index=1 Oue steht für eine moderne, sehr gut ausgeleuchtete Lesart. Diese Aufnahme wirkt weniger historisch schwer als viele ältere Produktionen. Sie hat einen klaren, transparenten Klang, gute räumliche Präsenz und eine präzise Chor- und Orchesterbalance. Der Mädchenchor und der Knabenchor Hannover geben der Aufnahme eine besondere vokale Frische; die NDR Radiophilharmonie liefert einen kontrollierten, farbigen und rhythmisch stabilen Orchesterklang. Heidi Elisabeth Meier bewältigt die hohen Sopranstellen mit Kraft und Sicherheit; Jean-Sébastien Stengel setzt den Schwan eindringlich, Stefan Adam trägt die Baritonpartien mit deutlicher Präsenz. Diese Aufnahme eignet sich besonders als moderne Alternative für Hörer, die Orffs Werk klanglich sauber, durchsichtig und technisch auf hohem Niveau erleben möchten. Sie ist weniger historisch aufgeladen als Eichhorn, weniger referenzhaft als Jochum, weniger kantig als Kegel und weniger klassisch gerundet als Muti; gerade darin liegt ihr Eigenwert. Aus diesen fünf Aufnahmen ergibt sich ein sehr aufschlussreiches Bild der „Carmina Burana“. Previn zeigt das Werk als farbiges, textverständliches und lebendig atmendes Musiktheater. Eichhorn/Ponnelle führt in die szenische Welt Orffs und besitzt durch Film, DVD-Interview und Orffs Anwesenheit bei den Dreharbeiten eine besondere dokumentarische Bedeutung. Kegel macht die archaische, schroffe, fast rituelle Härte der Partitur hörbar. Muti stellt die große Form, die chorische Disziplin und die dramatische Kontrolle in den Vordergrund. Oue bietet eine moderne, transparente, klanglich sehr gepflegte und technisch überzeugende Sicht auf das Werk. Gerade bei „Carmina Burana“ ist diese Vielfalt kein Nebenaspekt, sondern Teil der Werkgeschichte. Orffs Partitur ist so elementar gebaut, dass sie extreme Deutungen zulässt. Sie kann archaisch, brutal, klar, theatralisch, glanzvoll, grotesk oder kühl präzise wirken. Keine dieser Aufnahmen ersetzt die andere vollständig. Jede zeigt einen anderen Zugang zu demselben problematischen, faszinierenden und hochwirksamen Werk: Previn die verständliche Sprache, Eichhorn/Ponnelle die szenische Vision, Kegel die Härte, Muti die Formkraft, Oue die moderne Transparenz. So entsteht nicht eine einzige „richtige“ „Carmina Burana“, sondern ein Panorama möglicher Lesarten eines Werks, das bis heute zwischen Faszination, Unbehagen, Klangmagie und historischer Belastung steht. Die von Carl Orff ausgewählten und vertonten Texte der „Carmina Burana“ sind hier im Original sowie in deutscher Übersetzung nachzulesen: https://s-a-c-s.net/files/Carmina_Burana_uebersetzt.pdf Seitenanfang Carl Orff Ne irascaris, Domine / Civitas sancti tui – gesungen von VOCES8 Es gibt geistliche Musik, die nicht durch äußeren Glanz überwältigt, sondern durch eine stille, fast schmerzliche Innigkeit. William Byrds Motette Ne irascaris, Domine / Civitas sancti tui gehört zu diesen Werken. Der lateinische Text stammt aus dem Buch Jesaia und ist ein Gebet aus der Erfahrung der Verlassenheit: Gott möge nicht zürnen, er möge die Schuld seines Volkes nicht für immer im Gedächtnis behalten; die heilige Stadt ist verwüstet, Zion ist zur Einöde geworden, Ierusalem liegt verlassen da. Schon diese Worte tragen eine starke geschichtliche und geistliche Spannung in sich. Bei Byrd, der als katholischer Komponist im elisabethanischen England unter schwierigen konfessionellen Bedingungen lebte, konnte dieser biblische Klagegesang weit mehr bedeuten als nur eine alttestamentliche Erinnerung. Die verlassene Stadt, das verstummte Heiligtum und das bittende Volk erhalten bei ihm eine fast persönliche, ja existenzielle Färbung. Musikalisch ist die Motette von einer bewundernswerten Zurückhaltung geprägt. Byrd vermeidet jeden dramatischen Überschwang; gerade dadurch gewinnt das Stück seine außerordentliche Kraft. Die Stimmen bewegen sich in langen, ruhigen Linien, treten nacheinander ein, verdichten sich und lösen sich wieder, als würde die Musik selbst zwischen Bitte, Erinnerung und Schmerz atmen. Besonders eindringlich ist der Übergang zum zweiten Teil Civitas sancti tui. Hier scheint die Musik noch weiter nach innen zu gehen. Die Worte von der verlassenen Stadt werden nicht illustrativ ausgemalt, sondern in einen Zustand tiefer Trauer verwandelt. Wenn „Sion deserta facta est“ erklingt, entsteht ein Klangbild von großer Leere: nicht theatralisch, sondern gesammelt, würdevoll und erschütternd schlicht. https://www.youtube.com/watch?v=Wo8qfyK9c3c Die Interpretation von VOCES8 trifft genau diesen Ton. Der Ensembleklang ist makellos ausbalanciert, aber nie kühl; die Stimmen bleiben durchsichtig, ohne ihre menschliche Wärme zu verlieren. Man hört jede Linie, und doch steht nie die Virtuosität im Vordergrund. Das Entscheidende ist die innere Spannung: die Ruhe, mit der VOCES8 die langen Phrasen trägt, die feine Abstufung der Dynamik und die fast schwebende Reinheit der Akkorde. Dadurch wird Byrds Musik nicht museal oder bloß „schön“, sondern gegenwärtig. Man versteht sofort, warum dieses Video so viele Hörer erreicht hat: Es öffnet einen Raum der Stille, in dem Klage, Bitte und Trost untrennbar miteinander verbunden sind. Eine Motette in zwei Teilen: 1. Ne irascaris, Domine 2. Civitas sancti tui Lateinischer Text Ne irascaris, Domine, satis, et ne ultra memineris iniquitatis nostrae. Ecce, respice, populus tuus omnes nos. Civitas sancti tui facta est deserta. Sion deserta facta est, Ierusalem desolata est. Deutsche Übersetzung Zürne nicht allzu sehr, Herr, und gedenke nicht länger unserer Schuld. Sieh doch herab: Wir alle sind dein Volk. Die Stadt deines Heiligtums ist zur Einöde geworden. Zion ist verlassen, Jerusalem ist verwüstet. Seitenanfang William Byrd Totentanz – zwischen Virtuosität, Dämonie und metaphysischer Strenge Franz Liszts (1811–1886) Totentanz . Paraphrase über „Dies irae“ für Klavier und Orchester, S. 126, gehört zu den bedeutendsten Werken seiner Weimarer Reifezeit. Die ersten gedanklichen Anstöße reichen bis in die späten 1830er Jahre zurück; die eigentliche Ausarbeitung erfolgte jedoch vor allem zwischen 1847 und 1853 und wurde von Liszt später mehrfach überarbeitet. Die endgültige Fassung entstand um 1859–1864 und wurde am 15. April 1865 in Den Haag von Hans von Bülow (1830–1894) uraufgeführt, dem Liszt das Werk auch widmete. Schon die Entstehungsgeschichte zeigt, dass Liszt den Totentanz nicht als bloßes Bravourstück behandelte, sondern als ein Werk von besonderem Gewicht. Die erste Fassung für Klavier und Orchester entstand zwischen 1847 und 1853 und wurde in mehreren Stufen weitergeformt; innerhalb dieser frühen Werkgestalt lassen sich weitere Bearbeitungsphasen um 1853 und 1859 erkennen. Die heute maßgebliche zweite Version für Klavier und Orchester, S. 126/2, entstand wohl zwischen 1859 und 1864. Daneben richtete Liszt das Werk auch für zwei Klaviere, S. 652, sowie für Klavier solo, S. 525, ein. Diese Fülle an Fassungen ist aufschlussreich: Sie zeigt Liszt nicht als Komponisten des flüchtigen Effekts, sondern als einen Künstler, der an Klang, Form, Gewichtung und dramatischer Zuspitzung immer weiter feilte. Schon die Wahl des alten Sequenzmotivs Dies irae zeigt, dass Liszt hier nicht an ein äußerliches Virtuosenstück dachte, sondern an eine musikalische Vision des Todes, in der mittelalterliche Gerichtssymbolik, romantische Dämonie und pianistische Grenzerfahrung zu einer einzigen, unerbittlich vorwärtsdrängenden Klangdramaturgie verschmelzen. Äußerlich scheint dieses Werk zunächst ganz auf Wirkung angelegt zu sein: harte Oktaven, grelle Kontraste, eruptive Läufe, eine fast brutale Zuspitzung des Klavierparts gegen das Orchester. Doch diese Oberfläche täuscht. Der Totentanz ist kein bloßes Schaustück der Virtuosität, sondern eine der radikalsten Auseinandersetzungen Liszts mit Tod, Gericht, mittelalterlicher Klangsymbolik und romantischer Grenzerfahrung. Das Dies irae erscheint nicht als dekoratives Thema, sondern als musikalisches Schicksalszeichen: unerbittlich, archaisch, wiederkehrend, verwandelt und doch niemals entschärft. Gerade deshalb ist die Interpretation so heikel. Ein Pianist kann an diesem Werk auf sehr verschiedene Weise scheitern. Spielt er es nur brillant, wird der Totentanz leicht zur effektvollen Konzertnummer; spielt er ihn zu kultiviert, verliert das Werk seine Schärfe, seine Unheimlichkeit und seine existenzielle Erregung. Besonders verräterisch ist der lyrisch-choralhafte Bereich. Dort darf die Musik nicht gemütlich, sentimental oder bieder wirken. Der Choral ist bei Liszt kein Ruhepol im bürgerlichen Sinn, sondern ein Moment der Vision, der Sammlung vor dem Abgrund, vielleicht sogar der mystischen Erstarrung. In dieser Passage zeigt sich, ob ein Pianist den geistigen Hintergrund des Werkes ernst nimmt. Unter den großen Deutungen nimmt Arturo Benedetti Michelangeli (1920–1995) eine Sonderstellung ein. Bei ihm wird die technische Schwierigkeit fast unsichtbar, nicht weil sie verschwindet, sondern weil sie vollständig in musikalischen Ausdruck verwandelt ist. Michelangeli spielt nicht auf Effekt, sondern auf Verdichtung. Die virtuosen Passagen wirken nicht mechanisch, nicht äußerlich, nicht als Beweis pianistischer Überlegenheit, sondern wie eine kristallisierte Form von Energie. Das Dämonische erscheint bei ihm nicht grell ausgestellt, sondern kalt, unerbittlich und von einer beinahe metaphysischen Präzision. Gerade im Choralhaften bewahrt er jene Spannung, die das Werk vor bloßer Klangschönheit schützt: keine Andacht im harmlosen Sinn, sondern ein Zustand gesteigerter innerer Wahrnehmung. Man hört bei Michelangeli einen Liszt, der zugleich virtuos, streng, unheimlich und geistig kontrolliert ist. https://www.youtube.com/watch?v=83juBErsuOo Ganz anders, aber ebenso unverzichtbar, wirkt György Cziffra (1921–1994). Wenn Michelangeli das Dämonische gleichsam in Marmor schlägt, entfesselt Cziffra es. Seine Liszt-Interpretation besitzt eine unmittelbare, fieberhafte Kraft, eine spontane Gefährlichkeit, die kaum ein anderer Pianist erreicht. Bei ihm bricht der Totentanz nicht nur los, er lodert. Die Oktaven, die Sprünge, die klirrenden Figurationen bekommen etwas Mephistophelisches, manchmal fast Überwirkliches. Cziffra ist nicht der Pianist der nüchternen Objektivität, sondern der große Beschwörer. Sein Liszt steht in der Tradition des romantischen Virtuosen, aber nicht im oberflächlichen Sinn des artistischen Prunks. Die Virtuosität wird bei ihm zur dramatischen Sprache. Man kann Einwände gegen das Maß, gegen die Freiheit oder gegen die Exaltiertheit haben; aber gerade im Totentanz ist diese gefährliche Nähe zum Abgrund ein entscheidender Gewinn. https://www.youtube.com/watch?v=J1OFxSUCV7A Jorge Bolet (1914–1990) führt wiederum in eine andere Welt. Bei ihm ist Liszt nicht weniger bedeutend, aber aristokratischer, abgeklärter, klanglich nobler. Bolet vermeidet jede grelle Überzeichnung; seine Kunst besteht darin, Charakter und Linie freizulegen. Der Totentanz bekommt bei ihm eine Würde, die das Werk vor dem bloß Dämonischen bewahrt. Besonders überzeugend ist seine Fähigkeit, Liszts Musik nicht als Effektfolge, sondern als große rhetorische Form erscheinen zu lassen. Die choralhaften Abschnitte gewinnen bei Bolet eine strenge, fast gotische Kontur; man spürt den Bezug zum Alten, zum Sakralen, zum kontrapunktisch Gebändigten. Wo Cziffra das Fieber zeigt und Michelangeli die unerbittliche Verwandlung von Technik in Ausdruck, zeigt Bolet die innere Noblesse und die charakteristische Gestalt dieser Musik. https://www.youtube.com/watch?v=3P_lt0v9kf0 Krystian Zimerman (geb. 1956), dessen Aufnahme mit dem Boston Symphony Orchestra unter Seiji Ozawa (1935–2024) zu den meistgerühmten modernen Einspielungen gehört, darf in diesem Zusammenhang keinesfalls fehlen. Seine Deutung ist pianistisch überwältigend, klanglich luxuriös, dramatisch klar disponiert und von souveräner technischer Vollendung. Der Beginn besitzt Wucht und Präzision, die Kontraste sind scharf gezeichnet, das Zusammenspiel mit dem Orchester ist von höchstem Niveau. Dennoch kann man verstehen, wenn manche Hörer diese Aufnahme nicht ganz an die Spitze setzen. Zimerman gestaltet Liszt mit grandioser Beherrschung; aber gerade diese Beherrschung kann den Eindruck erwecken, als sei das Unheimliche zu vollkommen organisiert. In den choralhaften Momenten wirkt seine Lesart edel und schön, aber nicht unbedingt so visionär, archaisch oder seelisch aufgerissen wie bei Michelangeli oder Bolet. Das mindert nicht den Rang der Aufnahme; es zeigt nur, dass technische Perfektion und interpretatorische Endgültigkeit nicht dasselbe sind. https://www.youtube.com/watch?v=8BFT2rlaMIo Alfred Brendel (1931–2025) nähert sich dem Werk auf andere Weise. Seine Interpretation sucht nicht zuerst das Dämonische, nicht die wilde Virtuosenpose und auch nicht den mephistophelischen Rausch, sondern die innere Logik der Form. Bei ihm wirkt Liszts Totentanz klarer, gedanklicher, beinahe analytischer; die schroffen Kontraste werden nicht geglättet, aber sie erscheinen stärker in einen großen musikalischen Zusammenhang eingebunden. Gerade darin liegt der Reiz dieser Deutung: Brendel zeigt, dass Liszts Werk nicht nur von pianistischer Übermacht lebt, sondern von Konstruktion, Variationstechnik und geistiger Konzentration. Wer im Totentanz vor allem den Abgrund, das Fieberhafte und die dämonische Überspannung sucht, wird vielleicht eher zu Cziffra oder Michelangeli greifen; wer jedoch hören möchte, wie streng, kontrolliert und musikalisch durchdacht dieses Werk gebaut ist, findet bei Brendel eine ernstzunehmende, sehr respektable Alternative. https://www.youtube.com/watch?v=f3yP1iaXmL0 Als unverzichtbare Aufnahmen würde ich daher vor allem Michelangeli, Cziffra und Bolet nennen, ergänzt durch Zimerman als glänzende moderne Einspielung und Brendel als geistig durchleuchtete Gegenposition. Michelangeli zeigt den Totentanz als vollkommen beherrschte Dämonie, Cziffra als eruptive romantische Beschwörung, Bolet als nobel geformte Charakterrede, Zimerman als pianistisch nahezu makellose, dramatisch hochgespannte Großaufnahme und Brendel als analytisch klare, formbewusste Lesart. Gerade der Vergleich dieser Deutungen macht deutlich, wie reich und vielschichtig Liszts Werk ist. Der Totentanz verlangt nicht nur Finger, Kraft und Virtuosität, sondern Phantasie, geistige Spannung und ein Gefühl für das Unheimliche. Erst dort, wo die technische Schwierigkeit nicht mehr als Schwierigkeit hörbar bleibt, sondern zu Klang, Gestalt und innerer Notwendigkeit wird, erreicht diese Musik ihre eigentliche Größe. Seitenanfang Franz Liszt Klavierkonzert Nr. 2 g-Moll op. 22 Bei Arthur Rubinstein (1887–1982) und Camille Saint-Saëns (1835–1921) kommt eine Verbindung zustande, die außerordentlich gut passt: hier der französische Komponist mit seiner Mischung aus klassischer Klarheit, Virtuosität und Eleganz, dort der große Pianist, dessen Spiel nie bloß brillant, sondern fast immer gesanglich, nobel und von innerer Kultur geprägt war. Rubinstein hat Saint-Saëns’ zweites Klavierkonzert mehrfach aufgeführt und aufgenommen; besonders greifbar sind heute unter anderem ein Live-Mitschnitt mit dem BBC Symphony Orchestra unter Rudolf Schwarz vom 27. November 1957 sowie eine Studioaufnahme mit Alfred Wallenstein und dem Symphony of the Air aus den späten 1950er Jahren. Es gibt außerdem eine spätere Film-/Fernsehaufführung mit dem London Symphony Orchestra unter André Previn (1929–2019). Zu Camille Saint-Saëns selbst: Er war einer der erstaunlichsten musikalischen Universalisten des 19. Jahrhunderts, ein Wunderkind, glänzender Pianist, Organist, Dirigent und Komponist, zugleich ein Mann von enormer Bildung und außerordentlicher technischer Sicherheit. In seinem Schaffen treffen französische Feinheit, klassische Formdisziplin und virtuose Brillanz aufeinander. Er gehörte zu jenen Komponisten, die nie nur den Effekt suchten, sondern selbst in den glänzendsten Passagen auf Struktur, Transparenz und stilistische Kontrolle achteten. Gerade deshalb eignet sich seine Musik nicht für schweres, überladenes Pathos, sondern verlangt Beweglichkeit, Klarheit und Geschmack. Das Klavierkonzert Nr. 2 g-Moll op. 22 entstand 1868 in bemerkenswert kurzer Zeit. Saint-Saëns schrieb das Werk in nur wenigen Wochen für einen Auftritt in Paris; bei der Uraufführung am 13. Mai 1868 spielte er selbst den Solopart, während Anton Rubinstein (1829–1894) dirigierte. Gerade dieser Entstehungshintergrund erklärt ein wenig den besonderen Charakter des Konzerts: Es ist kein akademisch ausgewogenes, langsam gereiftes Werk, sondern ein geistesgegenwärtiger, spontaner, funkelnder Einfall von einem Komponisten, der sein Material mit unglaublicher Souveränität beherrschte. Dass das Werk heute zu den beliebtesten Klavierkonzerten Saint-Saëns’ gehört, überrascht deshalb nicht. Formal besteht das Konzert aus drei Sätzen: Andante sostenuto, Allegro scherzando und Presto. Berühmt ist vor allem der Anfang. Statt eines effektvollen orchestralen Auftakts beginnt das Werk mit einer großen solistischen Einleitung des Klaviers, die fast improvisatorisch wirkt und oft mit Bach oder auch mit einer frei fantasierten barocken Präludienkunst in Verbindung gebracht wird. Danach entwickelt sich ein erster Satz von ernster, teilweise fast strenger Würde. Der zweite Satz schlägt dann schlagartig um: Er ist leicht, beweglich, geistreich und federnd, beinahe kapriziös. Das Finale schließlich ist ein virtuoser Wirbel, voller Energie, Witz und pianistischer Brillanz. Gerade diese starke Kontrastdramaturgie führte zu dem berühmten Bonmot, das Konzert beginne „mit Bach und ende mit Offenbach“. Musikalisch liegt der besondere Reiz des Werkes darin, dass es verschiedene Welten zusammenführt. Der erste Satz zeigt Saint-Saëns als Meister der Form und des ernsten Tons, der zweite als Komponisten von Charme, Elan und urbaner Eleganz, der dritte als Virtuosen mit beinahe dämonischem Temperament. Das Konzert lebt also nicht nur von technischen Schwierigkeiten, sondern vor allem von Stilwechseln, Charakterkontrasten und der Fähigkeit des Solisten, diese heterogenen Elemente zu einer überzeugenden Einheit zu machen. Ein Pianist muss hier nicht nur schnell und brillant sein, sondern auch fein phrasieren, transparent artikulieren und innerhalb weniger Minuten von feierlicher Größe zu spielerischem Esprit und dann zu elektrisierender Rasanz wechseln. Genau hier liegt die Stärke Rubinsteins. Sein Spiel besitzt nicht jene schneidende, stählerne Virtuosität, die manche jüngere Pianisten in diesem Konzert hervorheben, sondern etwas musikalisch Reiferes: Tonkultur, Natürlichkeit, rhythmische Noblesse und einen unaufdringlichen, aber sehr wirksamen Sinn für große Linie. Im ersten Satz wirkt Rubinstein nicht trocken gelehrt, sondern ruhig, würdevoll und sprechend; er lässt die große Einleitung wie ein ernstes Nachdenken entstehen, nicht wie eine bloße pianistische Schaunummer. Im zweiten Satz trifft ihm die elegante Beweglichkeit besonders gut: Hier hört man Witz ohne Grobheit, Leichtigkeit ohne Oberflächlichkeit. Und im Finale wird deutlich, dass Rubinstein auch in hochvirtuosen Passagen nie den musikalischen Kern aus dem Blick verliert. Die Technik dient dem musikalischen Impuls, nicht umgekehrt. Die oft gerühmte „singende“ Qualität seines Anschlags kommt gerade in Saint-Saëns sehr schön zur Geltung. Neben der häufig zirkulierenden Londoner Live-Aufnahme von 1957 mit dem BBC Symphony Orchestra unter Rudolf Schwarz (1905–1994) existiert auch eine spätere Aufführung mit dem London Symphony Orchestra unter André Previn (1929–2019), die einen etwas anderen interpretatorischen Akzent setzt. Während der Mitschnitt von 1957 vor allem durch seine Unmittelbarkeit, seine spontane Energie und die souveräne Reife Rubinsteins besticht, wirkt die Zusammenarbeit mit Previn orchestraler durchgearbeitet und klanglich geschlossener. Das London Symphony Orchestra präsentiert das Werk mit größerem symphonischem Glanz, und Previn begleitet mit jener stilvollen Präzision und Eleganz, die dem Konzert sehr zugutekommt. So stehen sich zwei gleichermaßen reizvolle Perspektiven gegenüber: hier die fesselnde Spannung des Live-Moments, dort eine abgerundetere, luxuriöser wirkende Darstellung mit stärker ausgeformtem orchestralen Profil. Welche Deutung den Vorzug verdient, bleibt letztlich eine Frage des Geschmacks. 27. November 1957: https://www.youtube.com/watch?v=_hTTzggtkxY April 1975: https://www.youtube.com/watch?v=tVCvJZtzkqQ&t=1050s Unterm Strich ist diese Verbindung von Rubinstein und Saint-Saëns sehr überzeugend. Rubinstein macht aus dem Werk kein reines Virtuosenstück, sondern zeigt, dass dieses Konzert mehr ist als blendender Effekt. Er betont die Würde des ersten Satzes, den Charme des zweiten und den funkelnden Schwung des Finales, ohne je ins Äußerliche abzugleiten. Gerade deshalb wirkt seine Deutung bis heute so anziehend: Sie verbindet pianistische Meisterschaft mit Stilbewusstsein, Eleganz und musikalischer Intelligenz. Seitenanfang Camille Saint-Saëns Polylog der drei Stimmen – Beethovens Tripelkonzert Ludwig van Beethoven (1770–1827) wird im öffentlichen Bewusstsein bis heute vor allem als der große Symphoniker wahrgenommen. Die neun Symphonien, dazu die Klavierkonzerte, die Klaviersonaten und die späten Streichquartette stehen so sehr im Zentrum der Beethoven-Rezeption, dass andere Werke leicht in ihren Schatten geraten. Gerade dazu gehört das Tripelkonzert C-Dur op. 56, ein Stück, das lange Zeit mit einer gewissen Herablassung behandelt wurde: nicht selten galt es als weniger zwingend, weniger kühn, weniger „beethovenisch“ als die großen heroischen Hauptwerke. Ein solches Urteil greift jedoch zu kurz. Das Werk ist nicht als Konkurrenz zu den Symphonien gedacht, sondern verfolgt ein anderes Ideal: Es verbindet konzertante Repräsentation mit kammermusikalischem Gespräch und stellt nicht das heroische Einzelgenie, sondern das dialogische Miteinander ins Zentrum. Beethoven schrieb hier kein Solokonzert im herkömmlichen Sinn, sondern ein Werk eigener Art, in dem Klavier, Violine und Violoncello zugleich als Solisten und als Ensemble erscheinen. Gerade darin liegt die eigentliche Besonderheit der Komposition. Das Tripelkonzert ist kein Virtuosenstück, das seine Wirkung durch äußerliche Brillanz erzwingt, sondern ein fein ausbalanciertes Gefüge von Rollen, Farben und Gewichten. Schon die Besetzung ist ungewöhnlich: Das Solocello erhält eine besonders prominente Aufgabe und eröffnet vielfach den solistischen Diskurs, während das Klavier nicht in der späteren, orchestral dominierten Konzertmanier auftritt, sondern stärker in den Gesamtklang eingebunden bleibt. Die Violine vermittelt oft zwischen beiden Polen. So entsteht der Eindruck eines vergrößerten Klaviertrios, das mit Orchester musiziert, ohne seinen kammermusikalischen Ursprung zu verleugnen. Im ersten Satz entfaltet Beethoven diesen Gedanken in einer weitgespannten Form, die weniger auf dramatische Kontraste als auf die allmähliche Entfaltung des gemeinsamen musikalischen Raums setzt. Der kurze Largo-Mittelsatz bildet dann keinen autonomen Ruhepunkt von symphonischem Gewicht, sondern eine Übergangszone von besonderer Innigkeit, aus der das Finale fast nahtlos hervorgeht. Dieses Rondo alla Polacca verleiht dem Werk zum Schluss Eleganz, tänzerische Noblesse und ein bewusst repräsentatives Moment; Beethoven verbindet hier Grazie und Kunstverstand, ohne ins bloß Gefällige abzugleiten. Die drei Sätze und ihre auf der Harmonia-Mundi-Veröffentlichung angegebenen Spielzeiten – Allegro, Largo und Rondo alla Polacca – zeigen zudem, wie stark das Werk auf einen großen Kopfsatz, einen konzentrierten Mittelsatz und ein charaktervoll abschließendes Finale hin disponiert ist. Wer das Tripelkonzert nur an den Maßstäben des „Emperor“-Konzerts oder der Eroica misst, wird ihm schwer gerecht werden. Es lebt nicht primär von titanischer Wucht, sondern von Verhältniskunst. Seine Schönheit liegt in der Intelligenz des Miteinanders, in der Balance zwischen Orchester und Solisten, in der Fähigkeit, öffentliche Konzertform und intime Trio-Kultur zu verschränken. Eben deshalb verlangt das Werk Interpreten, die nicht bloß technisch souverän sind, sondern die innere Dramaturgie des Dialogs verstehen. Misslingt diese Balance, wirkt das Stück leicht episodisch; gelingt sie, erscheint es als höchst origineller Beitrag innerhalb von Beethovens konzertantem Schaffen. Diese Sichtweise wird auch in neueren Besprechungen der Harmonia-Mundi-Aufnahme deutlich, die gerade den Versuch würdigen, das Werk aus dem alten Vorurteil des „schwächeren Beethoven“ herauszulösen. Die Einspielung mit Isabelle Faust (* 1972), Jean-Guihen Queyras (* 1967), Alexander Melnikov (* 1973), dem Freiburger Barockorchester und Pablo Heras-Casado (* 1977), erschienen 2021 bei Harmonia Mundi, ist in diesem Zusammenhang von besonderem Interesse. Das Album kombiniert das Tripelkonzert mit dem Trio op. 36 nach der Zweiten Symphonie; die Veröffentlichung erschien am 26. Februar 2021, und Alexander Melnikov spielt hier ausdrücklich Fortepiano, also nicht den modernen Konzertflügel. Schon diese Entscheidung ist mehr als ein klangliches Detail: Sie verändert die Proportionen des ganzen Werks. Das historische Instrumentarium verschlankt den Klang, schärft die Konturen und lässt Binnenstimmen deutlicher hervortreten. Dadurch gewinnt das Tripelkonzert an Beweglichkeit und Transparenz; es erscheint weniger als spätklassisches Prestigestück im symphonischen Großformat, sondern stärker als feingliedriges, lebendiges Geflecht aus Rede und Gegenrede. Besonders überzeugend ist an dieser Aufnahme die Qualität der Zusammenarbeit. Hier treten nicht drei Solisten auf, die sich abwechselnd profilieren wollen, sondern drei Musiker, die einander hörbar zuhören. Gerade das macht diese Interpretation so plausibel. Jean-Guihen Queyras führt die Cellostimme mit Noblesse, Klarheit und einer natürlichen Präsenz, ohne sie zu überladen. Isabelle Faust bringt in die Violinstimme jene luzide Artikulation und stilistische Disziplin ein, die man mit ihrem Beethoven-Spiel verbindet. Alexander Melnikov wiederum versteht es, den Klavierpart nicht als dominierende Kraft, sondern als integrativen Bestandteil des Gesamtgesprächs zu gestalten. So entsteht tatsächlich jener Eindruck, den eine gute Aufführung dieses Werkes vermitteln muss: nicht Konkurrenz, sondern Konsens; nicht bloßes Nebeneinander, sondern musikalische Verständigung. Dass die Aufnahme in der Kritik stark beachtet wurde, unterstreicht diesen Eindruck zusätzlich; das BBC Music Magazine bewertete sie mit fünf Sternen, und auch andere Besprechungen hoben die Energie, den Farbenreichtum und die charaktervolle Verwendung historischer Instrumente hervor. Das Freiburger Barockorchester leistet dazu einen wesentlichen Beitrag. Unter Pablo Heras-Casado wird das Orchester nicht zum schweren Klangblock, sondern zum aktiven Partner der Solisten. Die Tuttis besitzen Substanz, aber keine träge Massigkeit; rhythmische Impulse bleiben spürbar, die Bläserfarben sind markant, die Streicherrede bleibt beweglich. Gerade im ersten Satz zeigt sich, wie sinnvoll dieser Zugriff ist: Das Orchester führt in die musikalische Welt des Werks mit Nachdruck ein, ohne den späteren Solistendialog zu erdrücken. Im Finale wiederum profitiert die Polonaise-Rhetorik von der federnden Artikulation und der eleganten Motorik des Ensembles. Neuere Rezensionen betonen genau diesen Punkt: Die historische Klangsprache ist hier kein dekoratives Etikett, sondern eine interpretatorische Entscheidung, die das Werk in seinem Bau und in seiner Physiognomie neu beleuchtet. So erweist sich diese Harmonia-Mundi-Einspielung als eine moderne, stilistisch reflektierte und künstlerisch hochrangige Deutung des Tripelkonzerts. Sie empfiehlt sich nicht deshalb, weil sie auf Originalinstrumenten musiziert, sondern weil sie mit deren Hilfe etwas Wesentliches freilegt: den kammermusikalischen Kern dieses oft missverstandenen Werkes. Gerade dadurch wird Beethoven hier nicht verkleinert, sondern präziser gesehen. Das Tripelkonzert erscheint in dieser Lesart weder als problematisches Nebenwerk noch als bloß gefällige Gelegenheitskomposition, sondern als eigensinnige, feinsinnige und in ihrer besten Gestalt faszinierende Schöpfung eines Komponisten, dessen Ruhm sich zwar auf anderes gründet, dessen Größe aber eben auch in solchen Werken sichtbar wird, die lange im Schatten standen. Beethovens Tripelkonzert, also ein Konzert für Violine, Violoncello, Klavier und Orchester, Tracks 1 bis 3 der CD: https://www.youtube.com/watch?v=t4i-omF_UVE&list=OLAK5uy_kSxxQSeK-yFTTsHyi1n7Zlxqrr-v_51RI&index=1 Seitenanfang Ludwig van Beethoven CD Empfehlung Mit der CD Les frères Francœur haben Théotime Langlois de Swarte (* 1995) und Justin Taylor (* 1992) eine Einspielung vorgelegt, die weit über den Reiz einer bloßen Repertoire-Rarität hinausgeht. Das Album erschien am 7. Oktober 2022 bei Alpha Classics unter der Katalognummer ALPHA 895 und umfasst rund 78 Minuten Musik. Es ist einem weitgehend vergessenen Kapitel der französischen Musikgeschichte gewidmet, nämlich der Geiger- und Komponistendynastie der Francœur und ihrem weiteren stilistischen Umfeld. Interpretiert wird das Programm von zwei Musikern, die seit einigen Jahren zu den markantesten und künstlerisch überzeugendsten Vertretern der jüngeren Alte-Musik-Generation zählen: Théotime Langlois de Swarte und Justin Taylor, beide eng mit dem Ensemble Le Consort verbunden. Schon die äußere Konzeption der CD zeigt, dass hier nicht einfach eine hübsche Folge einzelner Barockstücke geboten werden soll, sondern ein zusammenhängendes, sorgfältig gedachtes musikalisches Porträt. Das Besondere dieser Veröffentlichung liegt zunächst in der Repertoireidee. Die Francœurs waren keine Randfiguren, sondern Teil einer hoch angesehenen Musikerfamilie, die im Paris des 18. Jahrhunderts eng mit Oper, Hof und öffentlichem Musikleben verbunden war. Dennoch ist ihre Musik heute selbst unter Kennern erstaunlich wenig präsent. Gerade deshalb wirkt dieses Album wie eine kleine Rückgewinnung verlorenen Terrains. Es führt nicht nur Sonaten für Violine und Cembalo vor, sondern stellt ihnen Opernauszüge, eine Chaconne, ein kurzes Prélude und Werke nahestehender Komponisten zur Seite. Dadurch entsteht kein monotones Sonatenprogramm, sondern ein farbenreicher Bogen, der die französische Violintradition in ihrer ganzen Breite erahnen lässt: als Kunst der Eleganz, des Tanzes, des Theaters, der geschmeidigen Deklamation und der nie demonstrativ, aber doch sehr real vorhandenen Virtuosität. Dass ein großer Teil des Albums Neuland erschließt, ist keine Werbefloskel: BBC Music Magazine betonte ausdrücklich, dass 21 der 31 Tracks Ersteinspielungen seien. François Francœur (1698–1787), einer der zentralen Namen des Programms, war nicht nur Komponist, sondern vor allem auch ein eminenter Geiger und eine bedeutende Persönlichkeit des Pariser Musiklebens. Er wirkte an der Académie Royale de Musique und stand damit im Zentrum jenes höfisch-öffentlichen Kulturbetriebs, in dem sich repräsentative Oper, Instrumentalmusik und höfischer Geschmack gegenseitig durchdrangen. Seine Sonaten zeigen, wie souverän französische Anmut, geigerische Beweglichkeit und ein feines Gespür für formale Balance miteinander verbunden werden können. Besonders die hier eingespielten Sonaten op. 1 Nr. 10 und op. 2 Nr. 6 offenbaren eine Musik, die niemals bloß dekorativ wirkt. Sie ist elegant, aber nicht oberflächlich; kunstvoll, aber nie schwerfällig; gefällig, aber keineswegs belanglos. Immer wieder hört man, wie stark diese Musik aus der Welt des Tanzes und der Bühne heraus gedacht ist: Phrasen scheinen zu atmen, Themen wenden sich mit einer fast sprechenden Selbstverständlichkeit, und selbst virtuose Figuren behalten etwas Nobles, nie bloß Sportliches. Louis Francœur (1692–1745), der ältere Bruder, erscheint auf dieser CD als ein Meister des feineren Tons. Seine Musik wirkt stellenweise etwas introvertierter, etwas konzentrierter, bisweilen auch von einer ruhigen Ernsthaftigkeit durchzogen, die ihr besonderes Gewicht verleiht. Die Sonate op. 1, Nr. 4 und das Largo aus op. 1, Nr. 6 gehören zu den stärksten Momenten des Albums, weil sie zeigen, wie viel Ausdruckskraft in einem bewusst begrenzten stilistischen Raum liegen kann. Hier geht es nicht um dramatische Extreme, sondern um die Kunst der dosierten Bewegung, der noblen Linie und der gedämpften Empfindung. Gerade das Largo entfaltet in dieser Einspielung eine beinahe meditative Würde. Diese Musik sucht nicht den großen Effekt, sondern gewinnt durch Haltung, innere Spannung und geschmackvolle Zurücknahme. In einer Zeit, in der manche Barockaufführungen auf äußerliche Schärfe oder demonstrative Exzentrik setzen, ist das besonders wohltuend. Louis-Joseph Francœur (1738–1804), Vertreter der jüngeren Generation der Familie, führt diese Tradition in veränderter Zeit weiter. Auch er war mit dem Pariser Opernbetrieb verbunden und steht bereits an einer Schwelle, an der sich das elegante Spätbarock langsam mit neuen Ausdrucksweisen berührt. Seine Chaconne que j’ai faitte pour donner à mon oncle ist mehr als nur eine hübsche Kuriosität. Das Stück besitzt Charme, Witz und einen bewusst persönlichen Ton; zugleich zeigt es, wie lebendig innerhalb einer Musikerfamilie stilistische Anknüpfung, Reverenz und individuelle Handschrift nebeneinander bestehen konnten. Dass gerade ein solches Werk in dieses Programm aufgenommen wurde, ist bezeichnend: Die CD will nicht nur „große“ Werke dokumentieren, sondern ein Familiennetz hörbar machen, ein Milieu, eine Tradition, eine Weitergabe von Stil und Praxis. Besonders klug ist, dass das Album die Francœurs nicht isoliert behandelt. Jean-Jacques-Baptiste Anet (1676–1755), dessen Sonate Nr. 11 in c-Moll hier erklingt, erweitert das Bild um einen wichtigen Vorläufer. Anet war ein bedeutender Geiger der älteren Generation und ist auch deshalb interessant, weil sich bei ihm französische Feinheit und italienischer Einfluss auf markante Weise durchdringen. Seine c-Moll-Sonate bringt eine andere Farbe in das Album: mehr Gravität, stärkere motivische Kontur, einen dunkleren, entschiedeneren Zug. Das Werk ist nicht nur ein reizvoller Kontrast innerhalb des Programms, sondern auch ein Hinweis darauf, dass die französische Geigenmusik des 18. Jahrhunderts keineswegs nur aus höfischer Zierlichkeit bestand. Sie konnte auch Charakter, Gewicht und dramatische Energie besitzen. Jean Durocher (* um 1700–1755), vermutlich in Nantes geboren, von dem auf dieser CD das Prélude aus einer Suite in C-Dur zu hören ist, bleibt biographisch deutlich schwerer zu fassen; er erscheint heute eher als Randfigur. Gerade deshalb ist seine Aufnahme in das Programm so sympathisch. Dieses kurze Stück wirkt beinahe wie eine bewusst gesetzte Miniatur, ein kleiner Öffnungsraum innerhalb des Albums. Es erinnert an die improvisatorische Freiheit und die stilistische Selbstverständlichkeit, mit der sich französische Instrumentalmusik oft zwischen schriftlich fixierter Form und frei atmender Geste bewegte. Dass direkt daneben auch ein improvisiertes Prélude von Théotime Langlois de Swarte (geb. 1995) erscheint, vertieft diesen Eindruck zusätzlich: Die CD bleibt nicht bei der historischen Rekonstruktion stehen, sondern versucht, etwas vom Geist dieser Musik wieder in Bewegung zu setzen. Von besonderem Reiz sind die eingestreuten Auszüge aus Bühnenwerken von François Francœur (1698–1787) und François Rebel (1701–1775), darunter Les Augustales, Tarcis et Zélie, Scanderberg und Le prince de Noisy. Gerade diese Nummern verhindern, dass das Album zu einer rein kammermusikalischen Angelegenheit wird. Sie öffnen ein Fenster zur Oper, zum Theater, zur Pariser Bühne, also zu jenem Raum, in dem die Francœurs künstlerisch zu Hause waren. Hier hört man Pastoralton, repräsentative Festlichkeit, empfindsame Eleganz und dekorative Geste in wechselnden Mischungen. Diese kurzen Stücke wirken nicht wie bloßes Füllmaterial, sondern wie bewusst platzierte Lichtwechsel: kleine Szenen, Farbflächen und Affektbilder, die dem Hörer immer wieder neue Perspektiven auf denselben Stilkreis eröffnen. Das Programm gewinnt dadurch etwas Erzählerisches; man hat nicht den Eindruck einer bloßen Werksammlung, sondern einer dramaturgisch geordneten Folge musikalischer Charakterbilder. Der große Vorzug dieser CD liegt jedoch nicht nur im Repertoire, sondern vor allem in der Art, wie es gespielt wird. Théotime Langlois de Swarte verfügt über genau jene Mischung aus technischer Souveränität, klanglicher Geschmeidigkeit und stilistischer Wachheit, die diese Musik braucht. Sein Ton ist schlank, aber nie dünn; farbig, aber nie aufdringlich; beweglich, aber nie nervös. Er spielt mit Eleganz, doch diese Eleganz ist keine glatte Oberfläche, sondern Ausdruck einer tiefen Vertrautheit mit Sprache und Gestus dieser Werke. Verzierungen wirken organisch, Phrasen fließen selbstverständlich, und selbst in virtuosen Passagen bleibt der musikalische Gedanke stets spürbar. Besonders schön ist, dass er die Geige nicht als dominierendes Soloinstrument vorführt, sondern als sprechende, singende Stimme in einem partnerschaftlichen Dialog. Justin Taylor ist dabei weit mehr als ein Begleiter. Sein Cembalospiel verleiht der gesamten Aufnahme Fundament, Farbe und Intelligenz. Er trägt die Harmonik, strukturiert die Form, setzt rhythmische Akzente und schafft zugleich jene feine Beweglichkeit, ohne die diese Musik leicht trocken wirken könnte. Zwischen beiden Musikern herrscht eine seltene Selbstverständlichkeit des Zusammenspiels. Man hört nicht zwei hervorragende Einzelkünstler nebeneinander, sondern ein Duo, das gemeinsam phrasiert, atmet und gestaltet. Gerade in den ruhigeren Sätzen wird deutlich, wie sorgfältig beide den Spannungsverlauf formen; in den rascheren Sätzen wiederum zeigen sie Witz, federnden Puls und ein Gespür für Tanzcharakter, das nie plakativ wird. Eine zeitgenössische Kritik sprach davon, die beiden ließen eine musikalische Sprache entstehen, die nur schöne Wörter kenne; das ist poetisch formuliert, trifft aber den Eindruck dieser Einspielung erstaunlich gut. Die besondere Qualität der Aufnahme besteht also darin, dass sie Entdeckerfreude und künstlerische Reife miteinander verbindet. Viele Wiederentdeckungsprojekte haben ihren Wert vor allem auf dokumentarischer Ebene; man ist dankbar, die Werke überhaupt kennenzulernen, spürt aber, dass sie interpretatorisch noch nicht ganz verwandelt wurden. Hier ist es anders. Langlois de Swarte und Taylor spielen diese Musik mit einer Überzeugung, als gehöre sie selbstverständlich zum lebendigen Kern des Repertoires. Eben dadurch wird der Hörer nicht nur informiert, sondern wirklich gewonnen. Man hört diese Stücke nicht als historische Pflichtübung, sondern als Musik, die Charme, Substanz, Farbe und Persönlichkeit besitzt. Dass die Kritik das Album mit Nachdruck hervorhob, überrascht deshalb nicht. https://www.youtube.com/watch?v=vNELDgWmR1Y&list=OLAK5uy_nDW8K7HMUoxB8i7va2K3Fhzfyi9stCaYg&index=1 Diese CD ist nicht nur eine gelungene Neuerscheinung, sondern auch eine echte Empfehlung für Liebhaber französischer Barockmusik. Sie ist hörenswert, weil sie unbekanntes Repertoire erschließt, ohne jemals den Eindruck wissenschaftlicher Trockenheit zu erwecken. Sie ist hörenswert, weil sie ein ganzes musikalisches Familien- und Kulturmilieu sichtbar macht. Sie ist hörenswert, weil sie zeigt, wie reich, fein und abwechslungsreich die französische Violinmusik des 18. Jahrhunderts jenseits der ganz großen Standardnamen sein kann. Und sie ist hörenswert, weil hier zwei Interpreten am Werk sind, die diese Musik nicht nur beherrschen, sondern hörbar lieben. So entsteht eine Einspielung von seltener Frische, Noblesse und Überzeugungskraft — eine CD, die man mit Gewinn hört, wiederhört und gern weiterempfiehlt. Seitenanfang Les frères Francœur Cherubim-Hymne Die Cherubim-Hymne ist bei Pjotr Iljitsch Tschaikowsky (1840–1893) kein selbständiges Einzelwerk, sondern Nr. 6 aus der Liturgie des heiligen Johannes Chrysostomos op. 41, die 1878 entstand und 15 Nummern umfasst. Innerhalb dieses Zyklus gehört sie zu den bekanntesten und wirkungsvollsten Sätzen. Liturgisch steht sie im Zusammenhang mit dem Großen Einzug und bezeichnet einen Moment äußerster Sammlung, in dem alles Irdische zurücktreten soll, um den kommenden Herrn zu empfangen. Tschaikowsky gestaltet diesen Abschnitt nicht opernhaft und nicht effektsüchtig, sondern in ruhigem, getragenem a-cappella-Klang, der Würde, Innigkeit und innere Erhebung miteinander verbindet. Gerade diese Verbindung aus liturgischer Funktion, schlichter klanglicher Geschlossenheit und geistlicher Spannung hat die Cherubim-Hymne zu einem der bekanntesten Stücke aus Tschaikowskys geistlichem Schaffen gemacht. Zwischen November 1884 und April 1885 schrieb der Komponist noch drei weitere Vertonungen der Cherubim-Hymne; die bekannteste blieb jedoch die Fassung aus op. 41. https://www.youtube.com/watch?v=KhbuNZ8p3hg Der Originaltext: Wir, die wir im Geheimnis die Cherubim darstellen und der lebensschaffenden Dreifaltigkeit den dreimalheiligen Hymnus singen, lasst uns nun alle irdische Sorge ablegen, damit wir den König des Alls empfangen, der unsichtbar von den Engelscharen getragen wird. Halleluja. Seitenanfang Pjotr Iljitsch Tschaikowsky Klavierkonzert Nr. 2 in a-Moll op. 85 Johann Nepomuk Hummel (1778–1837) gehört zu jenen Komponisten, die heute weit seltener gespielt werden, als es ihre historische Bedeutung rechtfertigt. Als gefeierter Pianist und Komponist an der Schwelle von der Wiener Klassik zur frühen Romantik nahm er eine Schlüsselstellung zwischen Mozart und Chopin ein. Sein Klavierkonzert Nr. 2 in a-Moll op. 85, 1816 in Wien komponiert und 1821 veröffentlicht, zeigt diese besondere Zwischenstellung auf eindrucksvolle Weise: Noch spürt man die klassische Formkultur, doch zugleich drängen bereits jener pianistischer Glanz, jene kantable Empfindung und jene dramatische Zuspitzung hervor, die später für das romantische Klavierkonzert selbstverständlich werden sollten. Das Werk ist nicht nur virtuos, sondern auch ernst, elegant und melodisch außerordentlich reizvoll. Gerade deshalb wirkt es heute zu Unrecht unterschätzt und beinahe vergessen. In der Aufführung mit Dmitry Igorevich Shishkin (* 1992), dem Russischen Nationalorchester und Michail Wassiljewitsch Pletnjow (* 1957), aufgenommen am 15. November 2016 in der Tschaikowsky-Konzerthalle in Moskau, erscheint dieses Konzert in bestem Licht: Shishkin spielt mit Brillanz, Klarheit und Stilgefühl, ohne die Musik in bloßen Effekt zu verwandeln, während Orchester und Dirigent für einen tragfähigen, noblen und zugleich beweglichen Rahmen sorgen. So wird hörbar, dass Hummels a-Moll-Konzert weit mehr ist als eine historische Kuriosität: Es ist ein hochrangiges, zu Unrecht vernachlässigtes Werk zwischen zwei Epochen. Das Klavierkonzert Nr. 2 a-Moll op. 85 gehört zu jenen Werken, die unter dem Schatten der „Großen“ gelitten haben. Es entstand 1816 in Wien und erschien 1821 im Druck. Schon diese Datierung ist aufschlussreich: Das Werk steht zeitlich zwischen Beethoven und der vollen romantischen Entfaltung des Klavierkonzerts. Es ist also kein spätes klassisches Schaustück mehr, sondern ein Werk mit deutlich gesteigerter Expressivität, mit größerem Gewicht des Soloparts und einer pianistischen Sprache, die schon weit über Mozart hinausweist. Genau deshalb wirkt es heute so interessant: Man hört hier nicht bloß elegante Übergangsmusik, sondern ein Stück, in dem die künftige Romantik bereits deutlich an die Tür klopft. Der Aufbau des Konzerts ist dreisätzig: ein ausgedehntes Allegro moderato, ein Larghetto und ein abschließendes Rondo: Allegro moderato. Schon der erste Satz zeigt, dass Hummel nicht einfach auf effektvolle Virtuosität setzt. Zwar fordert er vom Solisten enorme Geläufigkeit, Brillanz und Spannkraft, doch der Reiz des Satzes liegt ebenso in seiner melodischen Erfindung und in der klugen Verbindung von dramatischem Ernst und eleganter Linienführung. Das a-Moll verleiht dem Werk von Anfang an einen dunkleren, ernsthafteren Grundton als vielen seiner bekannteren Vorgänger. Im langsamen Satz entspannt sich diese Spannung nicht einfach in bloße Süße; vielmehr öffnet sich ein Raum für kantables, fast schon poetisch-romantisches Singen des Klaviers. Das Finale bringt dann Bewegung, Esprit und Glanz zurück, ohne ins Leichte oder Oberflächliche abzugleiten. Gerade diese Verbindung von Virtuosität, Empfindung und formaler Balance macht das Konzert so wertvoll. Man könnte sogar sagen, dass das Werk unter seiner historischen Position leidet. Für die Klassikfreunde ist es oft schon zu weit von Mozart entfernt, für viele Romantik-Hörer aber noch nicht „heroisch“ oder subjektiv genug, um neben Chopin oder Liszt sofort aufzufallen. Doch gerade dieses Dazwischen ist seine Stärke. Hummel schreibt hier Musik von großer pianistischer Raffinesse, geschmackvoll instrumentiert, nobel in der Haltung und zugleich schon deutlich emotionaler, als es der Ruf eines bloß „gefälligen“ Komponisten vermuten ließe. Dass dieses Konzert heute unterschätzt ist, hat deshalb wohl weniger mit seiner Qualität zu tun als mit der späteren Kanonbildung, die einige wenige Namen bevorzugt und andere zu Unrecht an den Rand gedrängt hat. Diese Einordnung als Bindeglied zwischen klassischem und proto-romantischem Stil wird in der Fachliteratur immer wieder hervorgehoben. https://www.youtube.com/watch?v=8UPMZm3PLIs Die vorliegende Aufführung mit Dmitry Igorevich Shishkin, dem Russischen Nationalorchester und Michail Wassiljewitsch Pletnjow besitzt dafür genau das richtige Profil. Der YouTube-Mitschnitt weist Shishkin als Solisten sowie das Russische Nationalorchester unter Pletnjow aus; nach Ihrer Angabe handelt es sich um die Aufführung vom 15. November 2016 in der Tschaikowsky-Konzerthalle in Moskau. Schon diese Besetzung weckt Erwartungen: Pletnjow ist ein Dirigent und Pianist von großer struktureller Klarheit, während Shishkin über jene technische Souveränität verfügt, die Hummels Musik braucht, ohne sie in bloßen Tastenzauber zu verwandeln. Entscheidend an Shishkins Spiel ist, dass er das Konzert nicht wie ein museales Nebenwerk behandelt. Er nimmt es ernst. Die virtuosen Passagen klingen bei ihm nicht geschniegelt und geschniegelt schön, sondern zielgerichtet, präzise und mit innerem Zug. Dabei bewahrt er eine bemerkenswerte Klarheit der Artikulation, was gerade bei Hummel unverzichtbar ist: Diese Musik lebt nicht von romantischem Klangrausch allein, sondern von Transparenz, federnder Beweglichkeit und stilistischer Noblesse. Shishkin bringt all das mit. Gleichzeitig vermeidet er jene trockene Korrektheit, die Hummel gelegentlich blass erscheinen lässt. Stattdessen hört man ein Spiel, das Glanz besitzt, aber auch Spannung, Atem und Charakter. Diese Einschätzung bezieht sich auf den dokumentierten Mitschnitt der genannten Aufführung. Pletnjow und das Russische Nationalorchester sorgen dazu für einen orchestralen Rahmen, der das Werk nicht erdrückt. Das ist wichtig, denn Hummels Konzert verlangt ein partnerschaftliches Verhältnis zwischen Solist und Orchester. Wo das Orchester zu schwer spielt, verliert das Werk seine Eleganz; wo es zu leicht begleitet, wirkt es belanglos. Hier entsteht ein guter Mittelweg: Das Orchester stützt, konturiert und antwortet, ohne dem Klavier die Beweglichkeit zu nehmen. Dadurch erscheint das Konzert nicht als dekorativer Salonrest, sondern als ernst zu nehmender Beitrag zur Geschichte des Klavierkonzerts zwischen Beethoven und Chopin. Seitenanfang Johann Nepomuk Hummel Kantate für den dritten Ostertag Bachs Kantate "Ein Herz, das seinen Jesum lebend weiß", BWV 134, ist ein Werk, das oft im Schatten der berühmteren Festkantaten steht und gerade deshalb besondere Aufmerksamkeit verdient. Sie ist für den dritten Ostertag bestimmt, also für den Dienstag der Osterwoche; im Jahr 2026 fällt dieser Tag auf den 7. April. Die erste Aufführung der Leipziger Fassung erfolgte am 11. April 1724 in Leipzig. Auffällig ist schon die Besetzung: Nicht ein groß angelegter festlicher Apparat mit Trompeten und Pauken steht im Mittelpunkt, sondern ein eher schlanker, beweglicher Klangkörper mit Alt- und Tenorsolo, vierstimmigem Chor, zwei Oboen, Streichern und Basso continuo. Das passt sehr gut zu einem Osterfesttag, der liturgisch noch in den Glanz der Auferstehung gehört, zugleich aber bereits stärker von Betrachtung, innerer Gewissheit und dankbarer Vergegenwärtigung lebt. Das Besondere an dieser Kantate liegt zudem in ihrer Herkunft. Bach griff hier auf eine ältere weltliche Köthener Serenata zurück, Die Zeit, die Tag und Jahre macht (BWV 134a), die 1719 entstanden war. Aus dem höfischen Dialog von „Zeit“ und „Göttlicher Vorsehung“ wurde in Leipzig ein Osterdialog, in dem Alt und Tenor die Freude über den lebendigen Christus, den Dank für das Heil und das Lob Gottes entfalten. Gerade dieser Ursprung verleiht dem Werk einen eigentümlichen Charakter: Die Musik trägt noch etwas von der höfischen Festlichkeit und eleganten Beweglichkeit der Serenata in sich, ist nun aber ganz in den Dienst der Osterbotschaft gestellt. Bach übernahm zunächst die Grundanlage der Vorlage und ließ nur zwei Sätze weg; später, für eine Wiederaufführung 1731, komponierte er die drei Rezitative neu, offenbar weil ihm deren früherer musikalischer Ausdruck nicht mehr völlig genügte. Inhaltlich ist die Kantate weniger erzählend als viele andere geistliche Werke Bachs. Sie schildert nicht unmittelbar die Erscheinung des Auferstandenen, sondern kreist um die innere Wirkung dieses Geschehens auf das gläubige Herz. Schon der Eingangssatz sagt alles: Ein Herz, das weiß, dass sein Jesus lebt, kann gar nicht anders, als sich in Dank, Freude und Lobpreis zu verwandeln. Daraus entwickelt sich eine Musik, die nicht ins Dunkel des Karfreitags zurückschaut, sondern ganz vom österlichen Licht lebt. Die Tenorarie Auf! Gläubige, singet die lieblichen Lieder wirkt wie ein unmittelbarer Aufruf zum Mitsingen, zum inneren Aufstehen, zum freudigen Bekenntnis. In der Duettarie Wir danken und preisen dein brünstiges Lieben wird diese Freude verinnerlicht und vergeistigt: Hier geht es nicht mehr nur um äußeren Jubel, sondern um das dankbare Gespräch der Seele mit ihrem Heiland. Der Schlusschor Erschallet, ihr Himmel, erfreue dich, Erde führt schließlich Himmel und Erde in einen großen gemeinsamen Jubel zusammen. So wächst das Werk aus persönlicher Ostergewissheit zu einem umfassenden Lobgesang an, der die ganze Schöpfung mit einschließt. Musikalisch ist die Kantate darum so reizvoll, weil sie zwischen Intimität und Festlichkeit vermittelt. Die Rezitative sind dialogisch angelegt und geben Alt und Tenor die Möglichkeit, Osterfreude nicht nur zu verkünden, sondern gleichsam miteinander zu bedenken. Die Arien sind von jener beschwingten, hellen Beweglichkeit geprägt, die man bei Bach oft dann findet, wenn geistliche Freude nicht schwer und monumental, sondern lebendig, anmutig und voller innerer Energie erscheinen soll. Besonders schön ist, dass die Kantate nicht in einer schlichten Choralstrophe ausklingt, sondern in einem großen Schlusschor, der den Jubel bündelt und zugleich noch die Herkunft aus der weltlichen Festmusik ahnen lässt. Gerade deshalb wirkt dieses Werk ein wenig anders als viele der bekannteren Leipziger Kirchenkantaten: weniger streng gebaut, weniger auf theologischen Tiefgang im rezitativischen Sinne hin zugespitzt, dafür unmittelbarer, lichter und in seiner Freude fast entwaffnend offen. https://www.youtube.com/watch?v=_BiJlogItqY In der Aufführung mit dem Chor und Orchester der J. S. Bach-Stiftung unter Rudolf Lutz (* 1949) kommt diese Eigenart sehr gut zur Geltung. Lutz betont nicht das Monumentale, sondern das Sprechende, Tänzerische und Helle dieser Musik. Gerade bei einer Kantate wie BWV 134 ist das entscheidend, denn sie lebt nicht von äußerem Prunk, sondern von jener österlichen Lebendigkeit, die aus dem Bewusstsein erwächst: Christus ist nicht Erinnerung, sondern Gegenwart. Darum ist Ein Herz, das seinen Jesum lebend weiß ein besonders schönes Gegenbeispiel zu der Behauptung, Bach habe für Ostern zu wenig komponiert. Er hat sehr wohl für diese Zeit geschrieben – nur nicht immer in den allerberühmtesten Werken. BWV 134 zeigt Bach auf einer etwas weniger bekannten, aber außerordentlich liebenswerten Höhe: froh, beweglich, dankbar und ganz vom Licht der Auferstehung durchdrungen. Seitenanfang Jochan Sebastian Bach Johann Sebastian Bach Bachs Ostern ist mehr als Glanz Die Emmaus-Kantate „Bleib bei uns, denn es will Abend werden“, BWV 6 Johann Sebastian Bachs (1685–1750) Kantate "Bleib bei uns, denn es will Abend werden", BWV 6, gehört zu den eindrucksvollsten geistlichen Werken seines zweiten Leipziger Kantatenjahrgangs. Sie wurde für den zweiten Osterfesttag komponiert und am 2. April 1725 in Leipzig erstmals aufgeführt. Ihr Ausgangspunkt ist die Emmaus-Erzählung aus dem 24. Kapitel des Lukasevangeliums: Zwei Jünger bitten den unerkannten Christus, bei ihnen zu bleiben, weil der Tag sich neigt und es Abend wird. Aus diesem knappen, einfachen Satz gewinnt Bach eine Kantate von außerordentlicher geistlicher Dichte. Denn hier geht es nicht nur um die konkrete biblische Szene, sondern um eine Grundsituation christlicher Existenz: Christus ist auferstanden, und doch bleibt die Erfahrung der Welt von Dunkelheit, Unsicherheit und Anfechtung bestimmt. Gerade darin liegt die besondere Stellung dieser Kantate innerhalb der Osterzeit. Bach verzichtet weitgehend auf festlichen Glanz und auf den unmittelbaren Gestus des Triumphs. Stattdessen entfaltet er eine Musik, die von Bitte, Sammlung und innerer Wachheit lebt. Der Eingangschor mit dem eindringlichen Ruf „Bleib bei uns“ gehört zu den großen Chorsätzen seiner Leipziger Kirchenmusik. Er macht aus dem Wort des Evangeliums keine bloße Illustration, sondern eine existentielle Bitte, die weit über die Emmaus-Szene hinausweist. Das Hereinbrechen des Abends erscheint dabei nicht nur als Naturbild, sondern als geistliche Erfahrung: Licht schwindet, Orientierung wird unsicher, und gerade deshalb wird die Bitte um die Gegenwart Christi umso dringlicher. Diese Spannung zwischen Ostergewissheit und bedrohtem Glauben prägt die gesamte Kantate. Die Anlage des Werkes ist klar und zugleich inhaltlich sehr sorgfältig gebaut. Auf den groß dimensionierten Eingangschor folgen eine Alt-Arie, ein Sopran-Choral, ein Bass-Rezitativ, eine Tenor-Arie und ein Schlusschoral. Der Text verbindet das Evangelienwort aus Lukas 24 mit Strophen aus dem Kirchenliedschatz der Reformationszeit. Dabei begegnen Dichtungen von Nikolaus Selnecker (1530–1592), eine auf Philipp Melanchthon (1497–1560) zurückgehende Choralstrophe sowie zum Abschluss ein Choral Martin Luthers (1483–1546). Dadurch wird die biblische Bitte der Emmausjünger in die Sprache der Kirche überführt: Aus dem historischen Geschehen wird gegenwärtiges Gebet, aus der Erinnerung an Ostern eine Bitte um bleibende Nähe Christi in der eigenen Zeit. Auch musikalisch ist die Kantate außerordentlich fein disponiert. Die Besetzung mit Sopran, Alt, Tenor und Bass, Chor, zwei Oboen, Oboe da caccia, Streichern und Basso continuo verleiht dem Werk einen warmen, gedeckten und zugleich ausdrucksreichen Klang. In der originalen Quellenüberlieferung ist außerdem ein Violoncello piccolo eigens genannt, was für die Klangfarbe und die Feinzeichnung des Satzes von besonderem Interesse ist. Nichts wirkt hier äußerlich prachtvoll; vielmehr entsteht die Wirkung aus der Genauigkeit, mit der Bach Text, Affekt und Instrumentalfarbe aufeinander bezieht. Die Dunkelheit, von der der Text spricht, wird nicht plakativ ausgemalt, sondern in eine Klangsprache übersetzt, die Ernst, Vertrauen und innere Bewegung miteinander verbindet. https://www.youtube.com/watch?v=i-ed7SFbSow Die einzelnen Sätze vertiefen diesen Grundgedanken auf unterschiedliche Weise. Die Alt-Arie „Hochgelobter Gottessohn“ wendet sich unmittelbar an Christus und bittet um sein bleibendes Licht in einer Welt, die auf seine Gegenwart angewiesen ist. Der folgende Choral „Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ“ führt diese Bitte in die Sprache des Gemeindelieds über und verankert sie im lutherischen Kirchenlied. Im Bass-Rezitativ wird die Bedrohung durch Finsternis, Verirrung und geistlichen Verlust deutlich benannt; hier zeigt sich, dass die Kantate nicht von abstrakter Frömmigkeit handelt, sondern die Gefährdung des Glaubens ernst nimmt. Umso wichtiger wird danach die Tenor-Arie „Jesu, laß uns auf dich sehen“, in der sich die Blickrichtung klärt: Der Mensch soll sich nicht von Dunkelheit und Zweifel bestimmen lassen, sondern auf Christus ausgerichtet bleiben. Der Schlusschoral fasst das Ganze noch einmal zusammen und beschließt das Werk nicht mit äußerer Größe, sondern mit fester, kirchlich gebundener Gewissheit. Gerade deshalb ist BWV 6 eine der geistig gehaltvollsten Osterkantaten Bachs. Sie gehört nicht zu den Werken, die Ostern allein als Fest des Jubels darstellen. Vielmehr zeigt sie, dass die Osterbotschaft sich erst dort bewährt, wo die Erfahrung des Dunkels nicht verdrängt wird. Die Kantate spricht von der Nähe Christi in einer Welt, in der es Abend wird; von Orientierung in einer Zeit der Unsicherheit; von Treue in einer Situation, in der Glaube nicht selbstverständlich ist. Ihre Wirkung beruht auf dieser Verbindung von theologischer Tiefe, textlicher Klarheit und musikalischer Konzentration. Die Aufführung der J. S. Bach-Stiftung aus der evangelischen Kirche Trogen in der Schweiz vom 22. März 2024 ist dafür besonders geeignet. Es singt und musiziert das Chor und Orchester der J. S. Bach-Stiftung unter der Leitung von Rudolf Lutz, die Solopartien übernehmen Lia Andres (Sopran), Annekathrin Laabs (Alt), Georg Poplutz (Tenor) und Jonathan Sells (Bass). Dass auf dem Video, unten, der vollständige Text der Kantate mitgelesen werden kann, ist hier ein besonderer Vorzug, denn BWV 6 erschließt sich nicht nur aus ihrer Musik, sondern in hohem Maß aus dem sorgfältig gebauten Verhältnis von Wort und Ton. Diese Aufführung erlaubt es, genau diesen Zusammenhang mitzuvollziehen: vom ernsten, eindringlichen Eingangschor über die persönlich gefärbten Arien und das gewichtige Rezitativ bis zum schlichten, festen Schlusschoral. So erweist sich Bleib bei uns, denn es will Abend werden als weit mehr als nur ein Werk für den zweiten Ostertag. Die Kantate macht die Emmaus-Bitte zu einer bleibenden Formel christlicher Hoffnung. Sie handelt von der Stunde, in der das Licht schwindet, und von der Bitte, dass Christus gerade dann nicht fern sei. Darin liegt ihre theologische Kraft, ihre menschliche Wahrheit und ihre unverminderte Aktualität. Seitenanfang Surrexit Christus Unter dem Namen Giovanni Battista Pergolesi (1710–1736) ist die kleine Oster-Motette Surrexit Christus überliefert, ein Werk von knapper Form, aber unmittelbarer Wirkung. Sie gehört nicht zu den großen, sicher beglaubigten Hauptwerken des Komponisten, sondern eher in den Bereich eines reizvollen, lichtvollen Gelegenheitsstücks. Gerade darin liegt ihr besonderer Charme: Die Motette wirkt nicht durch dramatische Größe, sondern durch klare, fast unbeschwerte Festlichkeit. In wenigen Takten entsteht ein österlicher Jubel, der nicht schwer oder pathetisch auftritt, sondern hell, beweglich und einnehmend. https://www.youtube.com/watch?v=ujc6_wX7t0c Zugleich ist bei diesem Werk Vorsicht geboten. Es besitzt keine fest etablierte P-Nummer, und seine Zuschreibung an Pergolesi gilt als unsicher. Nach der Ausgabe von Richard Proulx (1937–2010), dem US-amerikanischen Komponisten, Arrangeur, Herausgeber und einem der bekanntesten Kirchenmusiker des 20. Jahrhunderts, soll die Motette aus einer Sammlung von 64 Solfeggi für drei Stimmen stammen; diese Herkunft würde ihren schlichten, lehrhaften, aber dennoch wirkungsvollen Zuschnitt gut erklären. Damit steht Surrexit Christus nicht allein, denn auch bei anderen geistlichen Werken Pergolesis ist die Überlieferung nicht immer eindeutig. Vergleichbar war lange Zeit die Lage bei den Septem verba a Christo in cruce moriente prolata, deren Zuschreibung ebenfalls diskutiert worden ist. Gerade deshalb empfiehlt es sich, Surrexit Christus vorsichtig als ein Pergolesi zugeschriebenes Osterstück zu bezeichnen. Musikalisch bleibt die Motette dennoch bemerkenswert: ein kleines, leuchtendes Osterbild von großer Direktheit, das seine Wirkung nicht aus Gelehrsamkeit oder Pathos bezieht, sondern aus Kürze, Klarheit und einer heiteren, südlich anmutenden Beweglichkeit. Lateinischer Text Surrexit Christus, alleluia. Surrexit Christus vere, alleluia. Surrexit Christus vere de sepulcro, alleluia. Deutsche Übersetzung Christus ist auferstanden, Halleluja. Christus ist wahrhaft auferstanden, Halleluja. Christus ist wahrhaft aus dem Grab auferstanden, Halleluja. Literaturhinweise Marvin E. Paymer, Giovanni Battista Pergolesi: A Thematic Catalogue of the Opera Omnia. Claudio Bacciagaluppi, Classifying Misattributions in Pergolesi’s Sacred Music. Seitenanfang Giovanni Battista Pergolesi Ein Video von leiser Eindringlichkeit https://www.youtube.com/watch?v=pyws8MYWNok Bachs „Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine“ aus der Johannes-Passion, BWV 245, gehört zu jenen Chören, in denen sich Trost und Erinnerung auf besonders ergreifende Weise begegnen. Diese Musik strahlt Ruhe und Sammlung aus, und doch bleibt das Leid, aus dem sie hervorgeht, noch als leiser Schatten gegenwärtig. Gerade darin liegt ihre tiefe Wirkung: Sie schenkt Frieden, ohne die Wunde zu verleugnen. Über allem liegt ein stiller Nachklang von Schmerz, eine milde Melancholie, die diesen Schlusschor so menschlich und so bewegend macht. In dieser Aufführung gewinnt das Werk noch eine eigene, sehr unmittelbare Kraft. Die jungen Sängerinnen und Sänger des Nationaal Gemengd Jeugdkoor musizieren mit sichtbarer Ernsthaftigkeit, mit innerer Beteiligung und einer Haltung, die dem Charakter des Stückes vollkommen entspricht. Nichts wirkt äußerlich, nichts bloß dekorativ; vielmehr entsteht der Eindruck einer stillen, ernsthaften Hingabe an die Musik. Gerade dadurch berührt diese Wiedergabe so stark: Sie lässt den Chor nicht nur schön erklingen, sondern macht auch jene Atmosphäre der Ruhe und des Abschieds spürbar, die Bach hier in Töne gefasst hat. Unter der Leitung von Irene Verburg entfaltet sich diese Musik mit großer Schlichtheit und Würde. Zusammen mit dem IBF Orchestra entsteht eine Deutung, die nicht auf äußeren Effekt zielt, sondern auf innere Sammlung. So wird „Ruht wohl“ zu einem Gesang des Trostes im eigentlichen Sinn: zu einer Musik, die das Leiden nicht ausblendet, es aber in eine Ruhe überführt, die tiefer wirkt als jedes Pathos. Die Aufnahme vom 23. März 2019 im Muziekgebouw aan ’t IJ in Amsterdam verleiht diesem Eindruck noch zusätzlich etwas Gegenwärtiges und Unmittelbares. Text Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine, die ich nun weiter nicht beweine, ruht wohl und bringt auch mich zur Ruh! Das Grab, so euch bestimmet ist und ferner keine Not umschließt, macht mir den Himmel auf und schließt die Hölle zu. Seitenanfang Johann Sebastian Bach Orlando di Lasso Stabat mater Mit Orlando di Lasso (1532–1594) begegnet man einem Komponisten, der zu den höchsten Erscheinungen der europäischen Renaissance gehört. Seine Musik steht auf dem Gipfel jener franko-flämischen Vokalpolyphonie, die das geistliche Musikleben des 16. Jahrhunderts entscheidend geprägt hat. Dabei verbindet Lasso vollendete Satzkunst mit einer seltenen Fähigkeit, religiöse Texte nicht nur würdevoll, sondern auch innerlich bewegend auszudeuten. Sein Stabat mater ist für den Karfreitag von besonderer Eindringlichkeit. Der mittelalterliche Text Stabat mater dolorosa, der traditionell Jacopone da Todi (um 1230–1306) zugeschrieben wird, richtet den Blick auf Maria unter dem Kreuz und gehört zu den ergreifendsten Dichtungen der Passionsfrömmigkeit. Nicht das dramatische äußere Geschehen steht im Mittelpunkt, sondern das stille Ausharren, das Mitleiden und die versunkene Betrachtung des Leidens Christi. Gerade darin liegt die besondere Wirkung von Lassos Vertonung. Diese Musik sucht nicht den starken äußeren Effekt, sondern einen ernsten, innigen und gesammelten Ton. Schmerz und Würde, Klage und Haltung bleiben in einem feinen Gleichgewicht. So entsteht keine theatralische Passionsmusik, sondern eine Kunst der stillen Vertiefung, die ganz dem Geist des Karfreitags entspricht. In dieser Zurückhaltung liegt ihre eigentliche Größe. Lasso entfaltet den Text mit jener ruhigen Meisterschaft, die den Hörer nicht überwältigen will, sondern nach innen führt. Gerade deshalb wirkt dieses Werk so nachhaltig: als Musik der Sammlung, der Anteilnahme und des stillen Verweilens vor dem Kreuz. https://www.youtube.com/watch?v=z6hEsD_DjMs Die von Currende unter Erik Van Nevel (* 1956) vorgelegte Einspielung bringt diese Qualitäten auf besonders überzeugende Weise zur Geltung. Sie meidet jeden romantisierenden Überschwang und vertraut ganz auf die Ausdruckskraft der Linie, auf die Reinheit des Vokalklangs und auf die innere Spannung der Polyphonie. Gerade dadurch gewinnt Lassos Musik jene stille Eindringlichkeit, die zum Karfreitag in besonderer Weise passt. Diese Interpretation wirkt nicht äußerlich pathetisch, sondern gesammelt, ernst und von einer Schlichtheit, die den Geist des Werkes sehr schön trifft. So wird das Stabat mater hier zu einer Musik des Innehaltens, der Versenkung und der stillen Teilnahme am Kreuzesgeschehen. Die hier vorgestellte Einspielung befindet sich auf der CD Passietijd in polyfonie / Polyphony for Passion-tide, gesungen von Currende unter der Leitung von Erik Van Nevel, erschienen bei Eufoda (Katalognummer 1248). Lassos Stabat mater ist dort als Track 5 enthalten und nimmt mit 15:50 Minuten innerhalb des Programms einen zentralen Platz ein. Deutsche Übersetzung des lateinischen Textes Die schmerzensreiche Mutter stand weinend bei dem Kreuz, an dem ihr Sohn hing. Ihre seufzende, klagende und schmerzvolle Seele durchdrang ein Schwert. O wie traurig und wie betrübt war jene gesegnete Mutter des Eingeborenen. Wie sie trauerte und litt, die fromme Mutter, als sie die Qualen ihres glorreichen Sohnes sah. Wer ist der Mensch, der nicht weinen würde, wenn er die Mutter Christi in so großer Pein sähe? Wer könnte nicht mitleiden, wenn er die fromme Mutter mit ihrem Sohn leiden sähe? Wegen der Sünden seines Volkes sah sie Jesus in Qualen und den Geißeln unterworfen. Sie sah ihren süßen Sohn verlassen sterben, als er den Geist aufgab. O Mutter, Quelle der Liebe, lass mich die Gewalt des Schmerzes fühlen, damit ich mit dir weine. Lass mein Herz entbrennen in der Liebe zu Christus, meinem Gott, damit ich ihm gefalle. Heilige Mutter, dies erbitte ich: Präge die Wunden des Gekreuzigten tief in mein Herz ein. Lass mich die Leiden deines verwundeten Sohnes, der sich gewürdigt hat, für mich zu leiden, mit dir teilen. Lass mich wahrhaft mit dir weinen, mit dem Gekreuzigten mitleiden, solange ich lebe. Bei dem Kreuz mit dir zu stehen und mich mit dir in Klage zu vereinen, das wünsche ich von Herzen. Auserwählte Jungfrau unter den Jungfrauen, sei mir nicht bitter, lass mich mit dir weinen. Lass mich den Tod Christi tragen, an seinem Leiden Anteil nehmen und seine Wunden betrachten. Lass mich von seinen Wunden verwundet werden, vom Kreuz berauscht werden und von der Liebe zu deinem Sohn. Von Flammen entzündet und entbrannt, möge ich, Jungfrau, durch dich verteidigt werden am Tag des Gerichts. Christus, wenn ich einst scheiden muss, so gib, dass ich durch deine Mutter zum Sieg gelange. Wenn mein Leib stirbt, lass meiner Seele die Herrlichkeit des Paradieses zuteilwerden. Amen. Seitenanfang Responsoria et alia ad Officium Hebdomadae Sanctae spectantia Carlo Gesualdo (1566–1613) gehört zu den faszinierendsten und zugleich ungewöhnlichsten Komponisten an der Schwelle von der Renaissance zum Frühbarock. Der Fürst von Venosa nahm in der Musik seiner Zeit eine Sonderstellung ein: Seine Werke verbinden höchste kunstvolle Satztechnik mit einer Ausdrucksintensität, die oft geradezu verstörend wirkt. Kühne Chromatik, abrupte harmonische Wendungen und eine fast schmerzhafte Zuspitzung des Affekts verleihen seiner Musik eine Unruhe und innere Glut, die bis heute unmittelbar berührt. Zu den bedeutendsten geistlichen Schöpfungen Gesualdos zählt die 1611 veröffentlichte Sammlung Responsoria et alia ad Officium Hebdomadae Sanctae spectantia. Schon der Titel verweist auf ihre liturgische Bestimmung: Es handelt sich um Responsorien und weitere Gesänge für das Offizium der Karwoche. Das Wort Responsoria bezeichnet dabei die Responsorien, also die Antwortgesänge nach den Lesungen des nächtlichen Stundengebets. Tenebrae bedeutet wörtlich „Finsternis“ und benennt jene eindrucksvolle Feier der Kartage, bei der mit dem Fortschreiten des Gottesdienstes die Kerzen nach und nach ausgelöscht werden, bis der Raum in symbolische Dunkelheit getaucht ist. In dieser Verbindung von Liturgie, Text und Klang entfaltet Gesualdos Musik ihre ganze Wirkung: nicht als äußere Pracht, sondern als Ausdruck von Angst, Verlassenheit, Verrat und nahendem Leiden. Für den Gründonnerstag enthält die Sammlung neun Tenebrae-Responsorien, geordnet in drei Nocturnen zu je drei Stücken. Sie führen Schritt für Schritt in die Nacht von Gethsemane, in die Einsamkeit Christi und in das Drama des Verrats. Die Reihenfolge der neun Stücke für Feria V in Cena Domini ist liturgisch fest überliefert und wird auch für Gesualdos Zyklus so geführt. CD Vorschlag Gesualdo, Tenebrae, The Hilliard Ensemble, ECM Records GmbH, 1991; Tracks 1 bis 9: https://www.youtube.com/watch?v=Vw6nu6RXkOU&list=OLAK5uy_nT_8RAbEqRgGUMkcOCU3VYswsg-bmVW8w&index=1 Die lateinischen Texte und ihre deutschen Übersetzungen 1. In monte Oliveti In monte Oliveti oravit ad Patrem: Pater, si fieri potest, transeat a me calix iste; spiritus quidem promptus est, caro autem infirma. Fiat voluntas tua. Auf dem Ölberg betete er zum Vater: Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; der Geist ist zwar willig, das Fleisch aber ist schwach. Dein Wille geschehe. 2. Tristis est anima mea Tristis est anima mea usque ad mortem: sustinete hic, et vigilate mecum. Iam videbitis turbam, quae circumdabit me: vos fugam capietis, et ego vadam immolari pro vobis. V. (= Versus) Ecce appropinquat hora, et Filius hominis tradetur in manus peccatorum. Meine Seele ist betrübt bis zum Tod. Bleibt hier und wacht mit mir. Bald werdet ihr die Schar sehen, die mich umringen wird. Ihr werdet die Flucht ergreifen, und ich werde hingehen, um für euch geopfert zu werden. V. Siehe, die Stunde naht, und der Menschensohn wird in die Hände der Sünder ausgeliefert werden. 3. Ecce vidimus eum Ecce vidimus eum non habentem speciem, neque decorem: aspectus eius in eo non est. Vere languores nostros ipse tulit, et dolores nostros ipse portavit, cuius livore sanati sumus. Siehe, wir sahen ihn: er hatte keine Gestalt und keine Schönheit; sein Anblick war nicht von solcher Art, dass er gefallen hätte. Wahrhaftig, er hat unsere Leiden auf sich genommen und unsere Schmerzen getragen; durch seine Wunden sind wir geheilt. 4. Amicus meus osculi Amicus meus osculi me tradidit signo: Quem osculatus fuero, ipse est, tenete eum: Hoc malum fecit signum, qui per osculum adimplevit homicidium. Infelix praetermisit pretium sanguinis, et in fine laqueo se suspendit. V. Bonum erat ei, si natus non fuisset homo ille. Mein Freund verriet mich mit dem Zeichen des Kusses: Wen ich küssen werde, der ist es; haltet ihn fest. Dieses böse Zeichen gab der, der durch einen Kuss den Mord vollendete. Unglücklich warf er den Blutpreis von sich und erhängte sich am Ende im Strick. V. Es wäre besser für ihn gewesen, wenn jener Mensch nicht geboren worden wäre. 5. Iudas mercator pessimus Iudas mercator pessimus osculo petiit Dominum: ille ut agnus innocens non negavit osculum Iudae. Denariorum numero Christum Iudaeis tradidit. V. Melius illi erat, si natus non fuisset. Judas, der elendeste Händler, suchte den Herrn mit einem Kuss. Jener aber, wie ein unschuldiges Lamm, verweigerte Judas den Kuss nicht. Für eine Anzahl von Silberlingen lieferte er Christus den Juden aus. V. Für ihn wäre es besser gewesen, wenn er nicht geboren worden wäre. 6. Unus ex discipulis meis Unus ex discipulis meis tradet me hodie: Vae illi, per quem tradar ego: melius illi erat, si natus non fuisset. V. Qui intingit mecum manum in paropside, hic me traditurus est in manus peccatorum. Einer meiner Jünger wird mich heute verraten. Wehe dem, durch den ich verraten werde. Für ihn wäre es besser gewesen, wenn er nicht geboren wäre. V. Der mit mir die Hand in die Schüssel taucht, der wird mich in die Hände der Sünder ausliefern. 7. Eram quasi agnus innocens Eram quasi agnus innocens: ductus sum ad immolandum, et nesciebam: consilium fecerunt inimici mei adversum me, dicentes: Venite, mittamus lignum in panem ejus, et eradamus eum de terra viventium. V. Omnes inimici mei adversum me cogitabant mala mihi: verbum iniquum mandaverunt adversum me, dicentes: Venite... Ich war wie ein unschuldiges Lamm; ich wurde zur Schlachtung geführt und wusste es nicht. Meine Feinde fassten einen Plan gegen mich und sprachen: Kommt, wir wollen Holz in sein Brot legen und ihn aus dem Land der Lebenden tilgen. V. Alle meine Feinde dachten Böses gegen mich; sie redeten arglistig gegen mich und sprachen: Kommt ... 8. Una hora non potuistis Una hora non potuistis vigilare mecum, qui exhortabamini mori pro me? Vel Iudam non videtis, quomodo non dormit, sed festinat tradere me Iudaeis? V. Quid dormitis? Surgite, et orate, ne intretis in tentationem. Konntet ihr nicht eine einzige Stunde mit mir wachen, ihr, die ihr doch bereit wart, für mich zu sterben? Seht ihr denn Judas nicht, wie er nicht schläft, sondern eilt, mich den Juden auszuliefern? V. Warum schlaft ihr? Steht auf und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet. 9. Seniores populi consilium Seniores populi consilium fecerunt: ut Jesum dolo tenerent, et occiderent: cum gladiis et fustibus exierunt tamquam ad latronem. V. Collegerunt pontifices et pharisaei concilium, ut Jesum dolo tenerent, et occiderent. Die Ältesten des Volkes fassten einen Beschluss, um Jesus mit List festzunehmen und zu töten; mit Schwertern und Knüppeln zogen sie aus, als ginge es gegen einen Räuber. V. Die Hohenpriester und die Pharisäer versammelten den Rat, um Jesus mit List festzunehmen und zu töten. Bei einzelnen Responsorien begegnen je nach liturgischer Überlieferung oder Edition kleinere Varianten in Orthographie und Interpunktion, gelegentlich auch im Wortlaut einzelner Verse. Die hier gegebene Folge entspricht der gebräuchlichen Ordnung der Gründonnerstags-Responsorien in der Tenebrae-Tradition und der bei Gesualdo vertonten Reihe. Gerade in diesen Responsorien zeigt sich Gesualdos Kunst in ihrer eindringlichsten Form. Die Musik scheint die seelischen Erschütterungen der Texte unmittelbar aufzufangen und in Klang zu verwandeln. Schmerz, Beklemmung und Finsternis werden nicht nur dargestellt, sondern geradezu hörbar gemacht. Die Einspielung mit dem Hilliard Ensemble bringt diese besondere Welt in bestechender Klarheit zur Geltung: asketisch, konzentriert und von einer inneren Spannung, die diese Musik nicht als bloßes historisches Dokument erscheinen lässt, sondern als erschütternde Gegenwart. Für die Kartage gibt es kaum Werke, in denen die Atmosphäre der Nacht von Gründonnerstag so eindringlich und so kompromisslos Gestalt gewinnt. Seitenanfang Carlo Gesualdo Giovanni Pierluigi da Palestrina Pueri Hebraeorum Giovanni Pierluigi da Palestrina (um 1525–1594) zeigt in seiner Vertonung von Pueri Hebraeorum jene Kunst der Verknappung und inneren Ausgewogenheit, die seinen Stil bis heute als Inbegriff römischer Kirchenmusik erscheinen lässt. Der Text ist außerordentlich kurz, doch gerade diese Kürze wird bei Palestrina nicht zum Nachteil, sondern zum kompositorischen Vorteil. Er behandelt die Worte nicht als bloße liturgische Formel, sondern als einen in sich geschlossenen musikalischen Augenblick: den Jubel des Volkes beim Einzug Christi in Jerusalem. Die Stimmen sind klar geführt, der Satz wirkt gesammelt, durchsichtig und frei von jeder äußerlichen Übersteigerung. Nichts drängt sich vor, nichts sucht Effekt um des Effekts willen; vielmehr entsteht der Eindruck einer ruhigen, geordneten Festlichkeit, die den liturgischen Charakter des Palmsonntags vollkommen trifft. https://www.youtube.com/watch?v=VTGeSIPjzpc Dass Palestrina gerade bei einem so knappen Text auf große Dichte der Wirkung zielt, ist bezeichnend für seine Kunst: Wenige Worte genügen ihm, um Feierlichkeit, Bewegung und Anbetung in eine ideal ausbalancierte Form zu bringen. Als Musik zum Palmsonntag eignet sich dieses Stück deshalb in besonderer Weise, weil es den Einzug Christi nicht dramatisch ausmalt, sondern in jene helle, würdevolle Klangsprache fasst, in der Jubel und Andacht eine Einheit bilden. Zugleich gehört das Werk in den Bereich der Palmsonntags-Prozessionsgesänge und steht damit unmittelbar im liturgischen Zusammenhang dieses Tages. Palestrina vertont hier also nicht irgendeinen frommen Text, sondern einen der klassischen Gesänge der Palmsonntagsliturgie. Der lateinische Text lautet: Pueri Hebraeorum portantes ramos olivarum, obviaverunt Domino clamantes et dicentes: Hosanna in excelsis. Deutsche Übersetung: Die Kinder der Hebräer, Ölzweige tragend, zogen dem Herrn entgegen und riefen: Hosanna in der Höhe. Seitenanfang Naïve-Vivaldi-Edition Vivaldi – New Discoveries II gehört zu jenen Veröffentlichungen der großen Naïve-Vivaldi-Edition, die den Blick auf Antonio Vivaldi (1678–1741) in besonders eindrucksvoller Weise erweitern. Während viele Einspielungen sich naturgemäß auf die berühmten und längst kanonisierten Werke konzentrieren, verfolgt diese CD einen anderen, für die heutige Vivaldi-Forschung geradezu exemplarischen Weg: Sie versammelt Kompositionen oder Werkteile, die erst in neuerer Zeit wieder ans Licht getreten, erstmals genauer identifiziert oder in ihren überlieferten Resten editorisch rekonstruiert worden sind. Grundlage dieser Reihe sind vor allem die Handschriften der sogenannten Turiner Sammlung (Foà- und Giordano-Bestände), deren Bedeutung für die Vivaldi-Forschung kaum zu überschätzen ist: Sie haben das Bild des Komponisten in den letzten Jahrzehnten grundlegend erweitert und korrigiert. Damit ist diese Aufnahme weit mehr als nur eine Folge hübscher Raritäten. Sie dokumentiert vielmehr den lebendigen Prozess der Wiederentdeckung eines Komponisten, dessen Schaffen trotz seiner Berühmtheit bis heute noch nicht vollständig erschlossen ist. Die Vivaldi Edition insgesamt stützt sich dabei in erheblichem Maß auf die in Turin bewahrten Handschriftenbestände, die das erhaltene Œuvre des Komponisten in einer Fülle überliefern, wie man sie noch vor wenigen Jahrzehnten kaum überblickte. Gerade die konkrete Zusammenstellung dieser CD macht ihren besonderen Reiz aus. Sie verbindet konzertante, vokale und kammermusikalische Stücke zu einem Panorama, das Vivaldis Vielseitigkeit in konzentrierter Form vorführt. Den Anfang bildet das Flötenkonzert d-Moll RV 431a „Il Gran Mogol“, ein Werk von besonderem Rang innerhalb der neueren Vivaldi-Entdeckungen. Es folgen aus der Oper L’inganno trionfante in amore, RV 721, die Arien „Son nel mar d’aspri tormenti“ und „S’odo quel rio che mormora“, später dann auch „Palpita il core, e freme“ und „Langue il fior su l’arsa sponda“. Dazwischen steht das Violinkonzert A-Dur RV 817, danach die Violinsonate D-Dur RV 816, sodann die Arie „Vaghe luci, luci belle“ aus Ipermestra, RV 722, und zum Abschluss die Violinsonate C-Dur RV 815. Genau diese Abfolge zeigt, dass das Album nicht bloß einzelne Fundstücke nebeneinanderstellt, sondern ein dramaturgisch wohlüberlegtes Bild entwirft: Vivaldi als Komponist des Konzerts, des Musiktheaters und der Sonate erscheint hier in einem einzigen Atemzug. https://www.youtube.com/watch?v=83F4SfphBlo Das Flötenkonzert RV 431a „Il Gran Mogol“ nimmt in diesem Zusammenhang eine Sonderstellung ein. Schon sein Beiname weckt jene Vorstellung von exotischer Ferne, wie sie im Europa des 18. Jahrhunderts nicht selten mit klingender Fantasie verbunden war. Zugleich gehört das Werk zu den prominentesten Beispielen dafür, wie stark neue Quellenfunde das Vivaldi-Bild verändern können. Das Konzert ist in seiner heute aufführbaren Form nicht einfach lückenlos überliefert, vielmehr mussten fehlende Teile rekonstruiert werden; im Booklet der Ausgabe wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die fehlenden Partien von Federico Maria Sardelli ergänzt wurden. Gerade das macht diese Einspielung auch musikwissenschaftlich interessant: Man hört hier nicht nur Vivaldi, sondern zugleich moderne editorische Arbeit am Werk. Musikalisch wirkt das Konzert dennoch keineswegs wie ein Torso, sondern entfaltet einen geschlossenen, farbigen und lebhaften Eindruck. Der Flötenpart besitzt jene Mischung aus Beweglichkeit, Eleganz und virtuoser Leuchtkraft, die Vivaldis beste Instrumentalmusik kennzeichnet. Nicht minder aufschlussreich sind die vier Arien aus L’inganno trionfante in amore, RV 721. Mit „Son nel mar d’aspri tormenti“, „S’odo quel rio che mormora“, „Palpita il core, e freme“ und „Langue il fior su l’arsa sponda“ tritt uns Vivaldi als Opernkomponist entgegen, also als Meister der zugespitzten Affekte und der charakterisierenden Gesangslinie. Schon die Titel dieser Arien deuten auf ein Spektrum seelischer Zustände hin: stürmische innere Erregung, empfindsame Naturbeobachtung, Herzunruhe, Erschlaffung und Klage. Dass diese Stücke aus dem Zusammenhang einer Oper herausgelöst wurden, mindert ihre Wirkung keineswegs; vielmehr zeigen sie in konzentrierter Form, wie wirkungsvoll Vivaldi musikalische Rhetorik einzusetzen verstand. Die Stimme wird nie bloß ornamentaler Träger einer hübschen Melodie, sondern immer Ausdrucksträger eines genau umrissenen Affekts. In dieser Hinsicht bilden die Arien den idealen Gegenpol zu den Instrumentalwerken der CD, denn auch dort ist Vivaldis Musik im Kern von dramatischer Energie durchzogen. Das Violinkonzert A-Dur RV 817 fügt sich nahtlos in dieses Bild ein. Es steht nicht im Schatten der berühmteren Violinkonzerte, sondern behauptet sich mit eigener physiognomischer Kraft. Hier zeigt sich Vivaldis Fähigkeit, dem Soloinstrument ein klares, profilreiches Gegenüber im Orchester zu schaffen und aus dem Wechsel von tutti und solo Spannung zu gewinnen. Die Musik wirkt weder dekorativ noch formelhaft, sondern lebt von der unmittelbaren Prägnanz ihrer Einfälle. Man erkennt daran sehr schön, dass die neu entdeckten oder neu bewerteten Werke keineswegs nur als philologische Kuriositäten interessant sind, sondern oft auch kompositorisch ein erstaunlich hohes Niveau besitzen. Gerade solche Stücke korrigieren das oberflächliche Klischee vom unermüdlich sich wiederholenden Vivaldi und zeigen stattdessen einen Komponisten, der selbst innerhalb vertrauter Gattungsformen zu charakteristischen und farbigen Lösungen findet. Einen besonders reizvollen Kontrast dazu bilden die beiden Violinsonaten RV 816 in D-Dur und RV 815 in C-Dur. Sie führen aus dem Bereich des öffentlichen, auf Wirkung angelegten Konzerts in die intimere Welt der Kammermusik. Doch auch hier bleibt Vivaldis musikalische Sprache unverkennbar. Die Sonaten zeigen nicht weniger Erfindungskraft als die größeren Orchesterwerke, sondern konzentrieren sie auf schlankere Mittel. Die Linienführung ist klar, der melodische Einfall geschmeidig, die Satztechnik ökonomisch und wirkungssicher. Gerade in solcher kammermusikalischen Verdichtung lässt sich erkennen, wie tragfähig Vivaldis Stil auch jenseits des orchestralen Glanzes bleibt. Die Aufnahme lässt diese Werke nicht wie bloßes Beiwerk erscheinen, sondern als wesentlichen Bestandteil eines Albums, das die Breite von Vivaldis Schaffen ernst nimmt. Von besonderem Interesse ist auch der Einschub aus Ipermestra, RV 722. Auf der CD erscheint nicht die Oper als Ganzes, sondern die Arie „Vaghe luci, luci belle“, die gleichsam als weiteres Fenster in Vivaldis Bühnenwelt fungiert. Damit erhält die Zusammenstellung eine zusätzliche Perspektive: Neben den Ausschnitten aus L’inganno trionfante in amore tritt ein zweites dramatisches Werk hinzu, sodass die Oper nicht als Randgebiet, sondern als ein zentraler Bestandteil von Vivaldis künstlerischer Existenz hörbar wird. Gerade für Hörer, die Vivaldi vor allem mit Konzerten verbinden, liegt hier ein besonderer Gewinn dieser CD: Sie zeigt, wie organisch sich seine instrumentale und vokale Sprache gegenseitig durchdringen. Die kantable Qualität vieler langsamer Sätze, die Theatralik mancher ritornellartigen Zuspitzungen und die Affektrhetorik der Arien gehören letztlich derselben musikalischen Denkweise an. Interpretatorisch wird dieser Befund durch Modo Antiquo unter Federico Maria Sardelli überzeugend unterstrichen. Die Aufnahme lebt von einem Zugriff, der wissenschaftliche Seriosität und musikalische Lebendigkeit nicht gegeneinander ausspielt. Gerade weil es sich um Werke mit editorischer Problematik und zum Teil lückenhafter Überlieferung handelt, wäre eine allzu trockene, rein dokumentarische Darbietung denkbar gewesen; stattdessen hört man hier eine Aufführung, die die Musik mit Energie, Beweglichkeit und klanglicher Präsenz ernst nimmt. Die Solisten sind dabei nicht bloß Ausführende, sondern eigentliche Charakterträger der jeweiligen Stücke. Die Stimme von Ann Hallenberg verleiht den Opernausschnitten Nachdruck und Ausdruckstiefe, Alexis Kossenko bringt im Flötenkonzert jene Wendigkeit und Durchzeichnung ein, die ein solches Werk braucht, und Anton Steck gibt den Violinstücken Kontur und Eleganz. So wird die CD zu einer echten Entdeckungsreise, nicht nur im editorischen, sondern auch im hörenden Sinn. Gerade deshalb darf man Vivaldi – New Discoveries II als eine besonders wertvolle Veröffentlichung innerhalb der Naïve-Reihe ansehen. Sie ist keine bloße Ergänzung zu den bekannten Hauptwerken, sondern ein selbständiges Kapitel der Vivaldi-Rezeption. Hier wird sichtbar, wie reich, wie weit verzweigt und wie überraschend dieses Œuvre tatsächlich ist. Das Album führt vor, dass die Wiederentdeckung Vivaldis keineswegs abgeschlossen ist, sondern immer noch neue Facetten hervorbringen kann: ein exotisch überschriebenes Flötenkonzert, Opernarien voller Affekt und Bewegung, ein kraftvolles Violinkonzert, zwei feinsinnige Sonaten und ein weiterer Blick in die Bühnenwelt von Ipermestra. So entsteht das Bild eines Komponisten, der nicht nur in den oft gespielten Meisterwerken von Rang ist, sondern auch in jenen Stücken, die lange im Schatten lagen und erst durch geduldige Forschung sowie engagierte Interpretation wieder hörbar geworden sind. Eben darin liegt die eigentliche Bedeutung dieser CD: Sie erweitert nicht einfach den Katalog, sondern vertieft das Verständnis für Vivaldis schöpferische Persönlichkeit. Seitenanfang Antonio Vivaldi O Ildephonse von Tomás Luis de Victoria Die Motette O Ildephonse von Tomás Luis de Victoria (um 1548 – 1611) gehört zu den späten Werken, in denen sich die reife, konzentrierte Tonsprache des Komponisten in exemplarischer Weise entfaltet. Sie erschien im Jahr 1600 im Druck der Sammlung Motecta festorum totius anni, einer Publikation, die Victoria nach seiner Rückkehr nach Spanien herausgab und die liturgisch gebundene Kompositionen für das Kirchenjahr enthält. In dieser Phase seines Schaffens zeigt sich eine auffallende Verdichtung des Ausdrucks, eine Reduktion äußerer Effekte zugunsten innerer Intensität sowie eine besonders subtile Behandlung des Wort-Ton-Verhältnisses. Der Text der Motette ist dem Offizium zu Ehren des heiligen Ildefons von Toledo (um 607–667) entnommen, Benediktiner, der im 7. Jahrhundert als Erzbischof von Toledo wirkte und als einer der bedeutendsten marianischen Theologen der westgotischen Kirche gilt. Sein Hauptwerk De perpetua virginitate Mariae verteidigt mit großer theologischer Schärfe die immerwährende Jungfräulichkeit Mariens – ein Thema, das auch den poetischen Kern des vorliegenden Textes bildet. Die Legende berichtet, dass die Gottesmutter selbst ihm als Zeichen ihrer Gunst ein himmlisches Gewand überreichte, eine Szene, die im Text ausdrücklich aufgegriffen wird. Sein liturgisches Gedächtnis wird jährlich am 23. Januar begangen. Victoria gelingt es, diese dichte, symbolisch aufgeladene Bildwelt in eine Musik zu übersetzen, die sich durch eine außergewöhnliche Klarheit und zugleich tiefe Innigkeit auszeichnet. Die Anlage der Motette ist von ruhiger Feierlichkeit geprägt; breite, fließende Linien bestimmen den Satz, während die Stimmen in enger Imitation miteinander verwoben sind. Dabei vermeidet Victoria jede übermäßige Komplexität zugunsten einer transparenten Polyphonie, die den Text jederzeit verständlich trägt. https://www.youtube.com/watch?v=_bgKaSmfH7o Besonders eindrucksvoll ist die musikalische Gestaltung der zentralen Aussage „per te Domina mea vivit“ – „durch dich lebt meine Herrin“. Hier entfaltet sich eine sanft leuchtende Klangfläche, in der sich die Stimmen gleichsam gegenseitig tragen und stützen, wodurch der Gedanke der Vermittlung und Fürsprache klanglich erfahrbar wird. Auch die Passage, in der vom „vestem cœlestem“ die Rede ist – dem himmlischen Gewand –, erhält durch eine leicht gehobene Lage und eine subtil intensivierte Klangfarbe eine besondere Hervorhebung, ohne dass Victoria dabei je in plakative Effekte verfiele. Charakteristisch für dieses Werk ist die Balance zwischen kontemplativer Ruhe und innerer Bewegung. Die Musik scheint weniger auf dramatische Kontraste als auf ein stetiges, organisches Fließen angelegt zu sein, wodurch sich eine Atmosphäre stiller Verehrung einstellt. Erst im abschließenden „Alleluia“ gewinnt der Satz eine etwas freiere, freudigere Bewegung, ohne jedoch den insgesamt verhaltenen, würdevollen Ton zu verlassen. Der lateinische Text lautet: O Ildephonse, per te Domina mea vivit quæ cœli culmina tenet, at ab ipsa vestem cœlestem, de thesauriis fili ejus angelicis manibus præparatam suscepisti, quam defendendo ejus virginitatem, virgo meruisti. Alleluia. Deutsche Übersetzung: O Ildefons, durch dich lebt meine Herrin, die die Höhen des Himmels innehat; doch von ihr selbst hast du ein himmlisches Gewand empfangen, aus den Schatzkammern ihres Sohnes, von Engelshänden bereitet, das du, indem du ihre Jungfräulichkeit verteidigtest, als Jungfräulicher verdient hast. Halleluja. Diese Übersetzung erfordert eine kleine interpretierende Glättung, insbesondere im letzten Vers, dessen lateinische Formulierung eine gewisse Verdichtung aufweist: Das Wort virgo ist hier nicht wörtlich als „Jungfrau“ im biologischen Sinne zu verstehen, sondern im übertragenen Sinn als Ausdruck geistlicher Reinheit und asketischer Lebensführung. Insgesamt gehört O Ildephonse zu jenen Werken Victorias, in denen sich Theologie, Legende und Musik zu einer Einheit von bemerkenswerter Geschlossenheit verbinden. Die Motette ist weniger ein erzählendes als vielmehr ein meditatives Stück: Sie lädt dazu ein, die Gestalt des Heiligen und seine besondere Beziehung zur Gottesmutter in einem Zustand innerer Sammlung nachzuvollziehen. Gerade diese Konzentration auf das Wesentliche macht den nachhaltigen Eindruck dieser Komposition aus und zeigt Victoria auf dem Höhepunkt seiner künstlerischen Reife. Seitenanfang Tomás Luis de Victoria Sergei Wassiljewitsch Rachmaninow (1873–1943): Klavierkonzert Nr. 1 in fis-Moll, op. 1 Sergei Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 1 in fis-Moll op. 1 ist ein faszinierendes Werk, das bis heute häufig im Schatten der beiden späteren und populäreren Klavierkonzerte steht, dabei aber bereits zahlreiche Merkmale von Rachmaninows unverwechselbarem Stil erkennen lässt. Es ist ein Werk des Anfangs, aber keineswegs nur ein tastender Versuch. Vielmehr begegnet man hier schon jenem eigentümlichen Zusammenklang aus jugendlichem Feuer, virtuoser Brillanz, melodischer Weite und lyrischer Empfindung, der Rachmaninows Musik so unverkennbar prägt. Das Konzert entstand 1890/91, als der Komponist noch Student am Moskauer Konservatorium war; die erste Aufführung erfolgte 1892 mit Rachmaninow selbst als Solisten. Später unterzog er das Werk einer gründlichen Revision, deren Ergebnis 1917 abgeschlossen wurde. Diese überarbeitete Fassung ist heute die gebräuchliche und verleiht dem Konzert größere Klarheit, mehr innere Geschlossenheit und eine deutlich reifere Orchesterbehandlung. Das Werk folgt der klassischen dreisätzigen Form, zeigt aber schon im ersten Satz, Vivace – Moderato – Allegro, ein beachtliches Maß an Eigenprofil. Ein markantes, fast fanfarenartiges Eröffnungsmotiv des Orchesters setzt sofort einen energischen Akzent. Das Klavier antwortet nicht zögernd, sondern mit Entschlossenheit, Kraft und technischer Virtuosität. Rasche Läufe, Oktavpassagen und brillante Zuspitzungen durchziehen den Satz, ohne dass die Musik jemals bloß äußerlich effektvoll wirkte. Besonders die lyrische zweite Thematik zeigt bereits Rachmaninows melodische Begabung: Sie kündigt jene weit gespannten, gesanglichen Einfälle an, die später zu einem der stärksten Kennzeichen seines Schaffens werden sollten. Der zweite Satz, Andante, bildet dazu einen wirkungsvollen Gegenpol. Er entfaltet eine ruhige, beinahe träumerische Atmosphäre und lebt weniger von dramatischer Entwicklung als von Klangschönheit, sanglicher Linie und feiner harmonischer Schattierung. Hier zeigt sich bereits jene spätromantische Chromatik, die für Rachmaninows Tonsprache so charakteristisch ist. Das Klavier wirkt nicht mehr kämpferisch oder brillant, sondern zurückgenommen, innig und empfindsam. Gerade in diesem Satz hört man deutlich, dass der junge Komponist nicht nur ein geborener Virtuose, sondern auch ein Meister poetischer Stimmung war. Das Finale, Allegro vivace, bringt noch einmal neue Energie und tänzerischen Schwung. Rasante Passagen im Klavier, energische Orchestereinsätze und rhythmische Zuspitzungen verleihen dem Satz eine jugendliche Frische, die bis zum Schluss anhält. Anders als in den späteren Klavierkonzerten, in denen Tragik, Schwere und große seelische Spannweite oft eine stärkere Rolle spielen, bewahrt dieses Finale eine gewisse Unmittelbarkeit und helle Beweglichkeit. Gerade darin liegt ein besonderer Reiz des Werkes: Es trägt noch nicht die ganze Last der späteren Rachmaninow-Welt, besitzt dafür aber eine Frische und Direktheit, die ihm eine eigene Stellung innerhalb des Gesamtwerks sichern. Im Vergleich zum Zweiten und Dritten Klavierkonzert ist das Erste kürzer, kompakter und in mancher Hinsicht unmittelbarer. Einflüsse von Frédéric Chopin (1810–1849), Edvard Grieg (1843–1907) und Pjotr Iljitsch Tschaikowski (1840–1893) lassen sich noch wahrnehmen, doch ist bereits deutlich zu hören, dass hier eine eigene Handschrift Gestalt gewinnt. Die revidierte Fassung von 1917 hat das Werk nicht verfremdet, sondern geschärft. Sie nimmt ihm nichts von seiner jugendlichen Energie, verleiht ihm aber mehr formale Sicherheit und orchestrale Überzeugungskraft. Rachmaninows erstes Klavierkonzert ist deshalb weit mehr als ein bloßes Frühwerk. Es ist ein jugendliches, leidenschaftliches und oft unterschätztes Werk, das bereits den späteren Meister erkennen lässt. Oft wird gefragt, wer Rachmaninows Klavierkonzerte am besten spielt. Eine endgültige Antwort kann es darauf nicht geben, denn jedes dieser Werke verlangt eine eigene Sichtweise, und jeder Hörer hört mit einem anderen inneren Maßstab. Es geht dabei nicht allein um technische Perfektion oder orchestrale Wucht. Ein Interpret muss auch den geistigen und seelischen Raum dieser Musik erfassen: ihre Spannungen, ihre Melancholie, ihren weiten Atem, ihre Mischung aus Leidenschaft und innerer Reserve. Gerade bei Rachmaninow entscheidet nicht allein die Virtuosität, sondern die Fähigkeit, hinter dem Glanz der Oberfläche jene seelische Temperatur hörbar zu machen, aus der diese Musik eigentlich lebt. Swjatoslaw Richter (1915–1997) gehört ohne Zweifel zu den großen Rachmaninow-Interpreten des 20. Jahrhunderts. Sein Spiel besitzt jene besondere innere Spannung, jene geistige Dichte und Unerbittlichkeit, die selbst bekannten Werken ein neues Gewicht verleihen kann. Bei Richter entsteht oft der Eindruck, dass nichts beiläufig geschieht: Jede Steigerung ist logisch vorbereitet, jede rhythmische Zuspitzung hat innere Notwendigkeit, jede klangliche Entladung wirkt zwingend. Gerade in Rachmaninow kann das zu einer Deutung führen, die weniger auf äußere Schönheit als auf strukturelle Kraft und existenzielle Ernsthaftigkeit zielt. Wer im Ersten Klavierkonzert vor allem Nachdruck, Konzentration und große pianistische Autorität sucht, wird bei Richter vieles finden, was bis heute Maßstäbe setzt. https://www.youtube.com/watch?v=IdIikTjGE0Q Wladimir Dawidowitsch Aschkenasi (* 1937) nimmt innerhalb der Rachmaninow-Tradition wiederum eine eigene Stellung ein. Sein Spiel wirkt oft natürlicher fließend, unmittelbarer und idiomatischer, als spreche diese Musik gleichsam aus ihm selbst heraus. Gerade darin liegt die Stärke seiner Rachmaninow-Deutungen. Er verbindet Virtuosität mit Natürlichkeit, Klangschönheit mit rhythmischer Beweglichkeit und lyrische Empfindung mit technischer Sicherheit. Seine Einspielung des Ersten Klavierkonzerts mit dem London Symphony Orchestra unter der Leitung von André Previn (1929–2019), veröffentlicht 1972, gehört seit langem zu den bekanntesten modernen Referenzpunkten der Diskographie. Sie beeindruckt weniger durch demonstrative Originalität als durch stilistische Selbstverständlichkeit, orchestrale Geschlossenheit und einen Ton, der das Werk weder künstlich aufbläht noch unterschätzt. Gerade wer Rachmaninow in einer klassischen, ausgewogenen und idiomatisch überzeugenden Deutung hören möchte, wird bei Aschkenasi sehr gut aufgehoben sein. (Tracks 1 bis 3 der CD): https://www.youtube.com/watch?v=AfrniVMJX70 Neben diesen großen Namen erscheint Krystian Zimerman (* 1956) im Ersten Klavierkonzert als ein Interpret, der dem Werk in besonderer Weise gerecht wird. Seine Deutung verbindet technische Meisterschaft mit klanglicher Delikatesse, struktureller Klarheit und einem außergewöhnlich feinen Gespür für Proportionen. Vor allem aber nimmt er dieses Konzert ernst. Er behandelt es nicht als bloßen Vorläufer der späteren Meisterwerke und auch nicht als jugendliche Virtuosenmusik, sondern als eigenständige Komposition mit unverwechselbarem Charakter. In seinem Spiel treten die Energie des ersten Satzes, die poetische Innigkeit des Andante und die brillante Frische des Finales gleichermaßen überzeugend hervor. Gerade darin liegt die besondere Qualität dieser Interpretation: Sie macht hörbar, dass das Erste Klavierkonzert nicht nur interessant, sondern wirklich bedeutend ist. Mehrere Kritiken haben an Zimermans Aufnahme gerade die Verbindung von rhythmischer Kraft, lyrischer Poesie und klanglicher Differenzierung hervorgehoben. (Tracks 1 bis 3 der CD): https://www.youtube.com/watch?v=MRNV0wouFhU Rachmaninows erstes Klavierkonzert bleibt damit ein Werk, das weit mehr Aufmerksamkeit verdient, als es gewöhnlich erhält. Es zeigt den jungen Komponisten auf dem Weg zu sich selbst, aber bereits mit erstaunlicher Sicherheit, Wirkungskraft und melodischer Erfindung. Wer nur die späteren, berühmteren Konzerte kennt, sieht hier den Anfang einer Entwicklung; wer genauer hinhört, entdeckt bereits ein Werk von eigenem Rang. In der Interpretation öffnet es zugleich einen weiten Raum für unterschiedliche pianistische Temperamente: für Richters geistige Strenge, für Aschkenasis idiomatische Selbstverständlichkeit und für Zimermans Verbindung aus Präzision, Farbe und innerer Durchdringung. Gerade deshalb lohnt es sich, dieses Konzert nicht als Randwerk zu behandeln, sondern als einen frühen, kraftvollen und charaktervollen Beitrag zu Rachmaninows Konzertschaffen. Seitenanfang Sergei Wassiljewitsch Rachmaninow Un ballo in maschera – Arie „Ma se m’è forza perderti“ Die Arie „Ma se m’è forza perderti“ gehört zu den edelsten und zugleich berührendsten Tenorszenen im gesamten Opernschaffen Giuseppe Verdis (1813–1901). Sie erklingt im dritten Akt von Un ballo in maschera und stellt einen Moment tiefster innerer Entscheidung dar. Riccardo, der Gouverneur von Boston, liebt Amelia, die jedoch mit seinem treuen Freund Renato verheiratet ist. Nachdem Riccardo erkannt hat, welche Katastrophe seine Gefühle heraufbeschwören könnten, entschließt er sich zu einem schmerzhaften Opfer: Er will Amelia endgültig aufgeben und sie gemeinsam mit ihrem Mann fortschicken. Verdi gestaltet diesen Augenblick nicht als dramatischen Ausbruch, sondern als eine Szene von großer innerer Würde. Die Musik entfaltet sich in langen, weit gespannten Melodiebögen von fast elegischer Schönheit. Die Orchesterbegleitung bleibt zurückhaltend und transparent, wodurch der Gesang in den Mittelpunkt rückt. Der Ausdruck ist von nobler Melancholie geprägt – eine Abschiedsgeste voller Größe und Resignation. In der hier zu hörenden Aufnahme aus der Wiener Staatsoper (1986) zeigt sich Luciano Pavarotti (1935–2007) in geradezu idealer Form. Seine Stimme verbindet strahlende Höhe mit einer außergewöhnlich geschmeidigen Legato-Linie. Besonders beeindruckend ist die scheinbar mühelose Atemführung, mit der er die großen melodischen Bögen dieser Arie trägt. Pavarotti vermeidet jede Übertreibung und vertraut ganz auf die Schönheit des Tons. Gerade dadurch gewinnt seine Interpretation eine besondere Wirkung: Riccardos Schmerz erscheint nicht pathetisch, sondern von einer stillen, menschlichen Größe geprägt. In dieser Aufnahme scheint sich Pavarotti tatsächlich selbst zu übertreffen – eine Darbietung, die beispielhaft zeigt, warum er zu den größten Verdi-Tenören des 20. Jahrhunderts gezählt wird. https://www.youtube.com/watch?v=KuSWLb-lxmk Text (Rezitiv + Arie) Forse la soglia attinse ove s'accoglie amore. O luce cara della mia vita, addio! Ma se m’è forza perderti per sempre, o luce mia, a Dio la vita addio, addio del cor delizia. Tutto finì per me! Non lagrimar, non lagrimar; il pianto tuo non val a lenir il mio dolor. Addio, addio, addio. Deutsche Übersetzung Vielleicht hat sie schon die Schwelle erreicht, wo unsere Liebe einst Zuflucht fand. O teures Licht meines Lebens, leb wohl! Doch wenn ich dich verlieren muss, für immer, o mein Licht, dann sei auch meinem Leben für immer Lebewohl gesagt. Für mich ist alles vorbei! Weine nicht, weine nicht – deine Tränen vermögen meinen Schmerz nicht zu lindern. Leb wohl, leb wohl, leb wohl. Seitenanfang Giuseppe Verdi Cavalleria rusticana Das berühmte Intermezzo aus der Oper Cavalleria rusticana gehört zu den bekanntesten Orchesterstücken der Operngeschichte. Komponiert wurde es von Pietro Mascagni (1863–1945) für seine 1890 uraufgeführte Oper, die auf einer Erzählung des sizilianischen Schriftstellers Giovanni Verga (1840–1922) basiert. Das Werk gilt als eines der ersten großen Beispiele des sogenannten Verismo, einer Opernrichtung, die das wirkliche Leben mit seinen Leidenschaften, Konflikten und Tragödien auf die Bühne brachte. https://www.youtube.com/watch?v=7OvsVSWB4TI Die Handlung spielt in einem sizilianischen Dorf am Ostersonntag. Im Mittelpunkt steht ein Geflecht aus Liebe, Eifersucht und verletzter Ehre: Der junge Turiddu hat seine Geliebte Santuzza verlassen und eine heimliche Affäre mit Lola begonnen, die inzwischen mit Alfio verheiratet ist. Als Santuzza aus Verzweiflung Alfio die Untreue seiner Frau verrät, nimmt die Tragödie ihren unausweichlichen Lauf – Alfio fordert Turiddu zum Duell. Genau in der Mitte der Oper erklingt das Intermezzo. Mascagni fügte dieses rein orchestrale Stück bewusst als musikalische Zäsur ein, die das Werk in zwei Teile gliedert. Auf der Bühne geschieht in diesem Moment nichts; die Musik steht allein im Raum. Dramaturgisch ist es der Augenblick, in dem die Katastrophe bereits vorbereitet ist, aber noch nicht ausbricht. Deshalb wirkt die Musik so eigenartig doppeldeutig. Zunächst klingt sie wie eine friedliche Meditation: ruhige Streicher, ein weit gespannter, inniger Gesangston, beinahe wie ein stilles Gebet am Ostermorgen. Doch unter dieser scheinbaren Ruhe liegt eine tiefe Melancholie. Viele Hörer empfinden das Intermezzo als „Ruhe vor dem Sturm“, als Moment der Sammlung, bevor das tragische Ende der Oper – Turiddus Tod – unausweichlich eintritt. Gerade diese Mischung aus zarter Schönheit und verborgenem Schmerz macht den Reiz dieser Musik aus. Sie wirkt wie ein kurzer Blick in eine andere Welt – eine Welt der Hoffnung, der Andacht und der inneren Stille – während im Hintergrund bereits das menschliche Drama weiterläuft. Vielleicht erklärt das auch, warum dieses Intermezzo längst ein Eigenleben außerhalb der Oper führt und oft als selbstständiges Konzertstück gespielt wird. Die hier gezeigte Aufnahme stammt von einer Live-Aufführung des Evergreen Symphony Orchestra unter der Leitung des taiwanischen Dirigenten Lim Kek-tjiang (1928–2917). Die Musiker lassen die Melodie mit großer Ruhe und Wärme entstehen – fast so, als würde sich die Zeit für einen Moment verlangsamen. Gerade diese Schlichtheit passt wunderbar zu Mascagnis Musik: kein äußerer Effekt, sondern ein stilles, tief empfundenes musikalisches Gebet. Wer dieses Intermezzo hört, versteht sofort, warum es zu den unvergesslichen Momenten der Opernliteratur gehört. Es ist Musik, die tröstet – und zugleich ahnen lässt, dass hinter der Schönheit auch Tragik verborgen liegt. Weil dieses Intermezzo so schön klingt, folgen hier noch zwei weitere Einspielungen: https://www.youtube.com/watch?v=BIQ2D6AIys8 oder... https://www.youtube.com/watch?v=cri8dVTcG5I Seitenanfang Pietro Mascagni Gloria in D-Dur RV 589 von Antonio Vivaldi Das folgende Video zeigt den siebten Satz des berühmten Gloria in D-Dur RV 589 von Antonio Vivaldi (1678–1741). Dieses Gloria gehört zu den bekanntesten geistlichen Werken Vivaldis und entstand höchstwahrscheinlich während seiner Tätigkeit am venezianischen Ospedale della Pietà, jener berühmten Musikschule für Waisenmädchen, deren hervorragendes Orchester und Chor europaweit bewundert wurden. Die Aufführung, die Sie im Video erwähnen, knüpft bewusst an diese historische Tradition an: ein vollständig weibliches Ensemble musiziert in der Kirche der Pietà und erinnert damit an die Praxis des 18. Jahrhunderts, als sämtliche vokalen und instrumentalen Partien von den Schülerinnen des Instituts ausgeführt wurden. https://www.youtube.com/watch?v=KAr-M5i6v08 Der siebte Satz „Domine Fili unigenite“ bildet innerhalb der Gloria-Vertonung einen wichtigen dramaturgischen Wendepunkt. Nachdem die vorangehenden Sätze vor allem den Lobpreis Gottes entfaltet haben, richtet sich der Text nun ausdrücklich an Christus, den eingeborenen Sohn des Vaters. Vivaldi gestaltet diese Passage als eine ruhige, kontemplative Arie für Altstimme mit Orchesterbegleitung. Der musikalische Charakter unterscheidet sich deutlich von den festlichen Chorsätzen des Werkbeginns: An die Stelle der strahlenden Klangpracht tritt eine innigere, beinahe kammermusikalische Klangsprache. Typisch für Vivaldis Stil ist die klare formale Anlage im Da-Capo-Prinzip. Der erste Abschnitt entfaltet eine weit gespannte melodische Linie der Altstimme, die von den Streichern in sanften, regelmäßig pulsierenden Figuren getragen wird. Die Musik bewegt sich in ruhigem Tempo und vermittelt eine Atmosphäre würdevoller Andacht. Im Mittelteil intensiviert sich der Ausdruck kurzzeitig, bevor der Anfangsteil wiederkehrt und den Satz in stiller Sammlung beschließt. Die Wahl der Altstimme ist dabei keineswegs zufällig: Vivaldi nutzt ihre warme, dunkle Klangfarbe, um die Worte „Domine Fili unigenite“ besonders eindringlich zu gestalten. Der Satz wirkt dadurch weniger triumphal als vielmehr meditativ – ein Moment innerer Versenkung innerhalb der groß angelegten Gloria-Vertonung. Die Aufführungspraxis am Ospedale della Pietà erklärt auch die ungewöhnliche Besetzung, die im Video beschrieben wird. In den historischen Kirchenemporen (cantorie) musizierten die Sängerinnen und Instrumentalistinnen häufig räumlich getrennt voneinander, wodurch ein dialogischer Klang entstand. Solche räumlichen Effekte konnten die Wirkung der Musik erheblich verstärken und gehörten zum charakteristischen Klangbild der venezianischen Kirchenmusik. Lateinischer Text Domine Fili unigenite, Iesu Christe, Domine Deus, Agnus Dei, Filius Patris. Deutsche Übersetzung Herr, eingeborener Sohn, Jesus Christus, Herr und Gott, Lamm Gottes, Sohn des Vaters. So bildet dieser Satz einen ruhigen Mittelpunkt innerhalb des Gloria RV 589: eine innige Anrufung Christi, deren schlichte Schönheit und melodische Eleganz exemplarisch für Vivaldis geistlichen Stil stehen. Die Verbindung von klarer melodischer Führung, ausgewogener Form und emotionaler Wärme macht „Domine Fili unigenite“ zu einem der eindrucksvollsten meditativen Momente dieses berühmten Werkes. Seitenanfang Antonio Vivaldi Casta Diva: Bruno de Sá Die Arie „Casta Diva“ aus der Oper Norma von Vincenzo Bellini (1801–1835) gehört zu den anspruchsvollsten und zugleich exponiertesten Momenten des romantischen Belcanto-Repertoires. Ihre langen, getragenen Linien, die extreme Atemökonomie und die feine dynamische Modellierung verlangen nicht nur technische Souveränität, sondern auch ein hohes Maß an stilistischer Reife. Die Arie ist historisch mit prägenden Interpretationen des 20. Jahrhunderts verbunden; ihre heutige Aufführung sucht jedoch bewusst eine eigene klangästhetische Lesart. In der hier verlinkten Aufnahme interpretiert der mänliche Sopranist Bruno de Sá (* 1989) „Casta Diva“ im Rahmen einer Aufführung am Theatro São Pedro. Seine Stimme zeichnet sich durch ein reines, schlank fokussiertes Timbre und eine bemerkenswerte Leuchtkraft in der Höhe aus. Die Phrasen entfalten sich mit kontrollierter Ruhe; das Vibrato bleibt schnell und präzise geführt, wodurch die langen Legato-Bögen eine gleichmäßige innere Spannung behalten. Gerade im pianissimo entfaltet seine Stimme eine bemerkenswerte Feinzeichnung, die der kontemplativen Gebetsatmosphäre der Arie entgegenkommt. Die melodischen Linien werden nicht dramatisch zugespitzt, sondern in einer eher ätherischen, klar strukturierten Weise ausgeformt. Koloraturen erscheinen sauber artikuliert und nahezu instrumental gedacht. Die Einbettung in ein groß besetztes romantisches Orchester stellt dabei eine spezifische Herausforderung dar. Das helle, schlanke Klangprofil verlangt eine sensible Balance im Orchesterapparat, um die vokale Linie nicht zu überdecken. Einzelne Rezensionen weisen auf eine gewisse Zurückhaltung im tieferen Register oder auf eine leicht bebende Ansatzgestaltung in Live-Situationen hin – Beobachtungen, die im Kontext dieser außergewöhnlichen Stimmlage zu sehen sind. https://www.youtube.com/watch?v=xx3cmZWRhzk Als männlicher Sopran nimmt Bruno de Sá innerhalb der gegenwärtigen Opernlandschaft eine besondere Stellung ein. Sein Stimmtypus verbindet natürliche Sopranhöhe mit klarer Tongebung und technischer Präzision. In „Casta Diva“ entsteht dadurch eine Lesart, die weniger auf dramatische Verdichtung als auf Linienführung, klangliche Reinheit und kontrollierte Atemführung setzt. So erscheint die Arie nicht als Monument vergangener Interpretationsgeschichte, sondern als lebendiges Werk, das auch heute neue klangliche Perspektiven eröffnet. Deutsche Übersetzung der Arie: Keusche Göttin, die du mit silbernem Glanz diese heiligen, uralten Bäume überziehst, wende uns dein schönes Antlitz zu, ohne Wolke und ohne Schleier. Mildere, o Göttin, mildere die glühenden Herzen, zähme auch den kühnen Eifer, verbreite auf Erden jenen Frieden, den du im Himmel herrschen lässt. Das Opfer sei beendet; der heilige Hain werde von den Ungeweihten geräumt. Wenn die erzürnte, finstere Gottheit das Blut der Römer fordert, wird aus dem druidischen Heiligtum meine Stimme donnern. Er wird fallen; ich habe die Macht, ihn zu bestrafen. Doch mein Herz vermag es nicht. Ach, kehre schön zu mir zurück, du treue Liebe der ersten Stunde; und gegen die ganze Welt will ich dir Schutz gewähren. Ach, kehre schön zu mir zurück, du Strahl deines heiteren Lichtes; in deinem Schoß werde ich Leben finden, Heimat und Himmel zugleich. Seitenanfang Vincenzo Bellini Les Indes galantes Jean-Philippe Rameau (1683–1764) war der bedeutendste französische Opernkomponist der Generation nach Jean-Baptiste Lully (1632–1687). Zugleich war er einer der einflussreichsten Musiktheoretiker des 18. Jahrhunderts: Mit seinem „Traité de l’harmonie“ (1722) legte er die Grundlagen einer systematischen Harmonielehre, die weit über Frankreich hinaus wirkte. Erst relativ spät – mit fast fünfzig Jahren – begann seine glanzvolle Karriere als Opernkomponist in Paris. Seine Bühnenwerke verbinden elegante Melodik, raffinierte Harmonik, farbenreiche Orchesterbehandlung und eine unvergleichliche Sensibilität für Tanzrhythmen. „Les Indes galantes“ (1735) ist die berühmteste opéra-ballet von Rameau und zählt zu den zentralen Werken dieses französischen Operntyps. Das Werk besteht aus einem Prolog und vier selbständigen Entrées; statt einer fortlaufenden Handlung entfaltet es vier voneinander unabhängige Liebesgeschichten in fernen Weltgegenden – im Osmanischen Reich, in Peru, in Persien und in Nordamerika. Im Zentrum steht das Thema Liebe jenseits europäischer Konventionen. Rameau und sein Librettist Louis Fuzelier greifen die damalige Faszination für das „Fremde“ auf, zeichnen jedoch zugleich ein Idealbild natürlicher, unverstellter Empfindung. Besonders berühmt wurde die vierte Entrée „Les Sauvages“, die in Nordamerika spielt und die Begegnung zwischen europäischen Kolonisten und indigenen Figuren schildert. Die Oper hatte nachhaltige Wirkung: Sie erweiterte die französische Oper um orchestrale Kühnheit, lebendige Chorszenen und tänzerische Energie. Heute zählt sie zu Rameaus meistgespielten Bühnenwerken. Die Aufnahme zeigt das berühmte Rondeau „Forêts paisibles“ aus der vierten Entrée. Hier singen Zima (Magali Léger) und Adario (Laurent Naouri) im Duett, später vom Chor der „Sauvages“ aufgegriffen. Inhaltlich preist diese Szene das Ideal eines friedlichen Lebens in der Natur. Die Figuren wenden sich gegen Eitelkeit, Machtstreben und falschen Glanz. Sie besingen die „friedlichen Wälder“, in denen keine eitlen Wünsche die Herzen beunruhigen. Reichtum und gesellschaftliche Größe erscheinen als trügerisch; wahres Glück liege in Unschuld, Ruhe und gegenseitiger Zuneigung. https://www.youtube.com/watch?v=RKvd4tMkFHc Musikalisch entfaltet Rameau hier ein eingängiges, tänzerisches Rondeau-Thema. Der Chor verstärkt die Aussage, indem er die zentralen Verse wiederholt und so ein Gefühl gemeinschaftlicher Harmonie erzeugt. Die Musik verbindet pastorale Sanftheit mit rhythmischer Eleganz – ein Musterbeispiel für Rameaus Fähigkeit, Szene, Tanz und Affekt zu verschmelzen. Die Solisten: Magali Léger (Sopran) und Laurent Naouri (Baryton) gestalten ihre Partien mit stilistischer Sicherheit und klarem französischem Idiom. Der Chor bleibt schlank, beweglich und transparent, wodurch der tänzerische Charakter des Stücks erhalten bleibt. Das Orchester (Les Musiciens du Louvre) musiziert mit federnder Leichtigkeit, farbenreich in den Holzbläsern und präzise im Rhythmus. Und über allem steht ein Dirigent - Marc Minkowski (* 1962) - der diese Musik hörbar liebt: mit Energie, Eleganz und Sinn für dramatische Pointierung führt er Ensemble und Sänger durch die Szene. Man spürt Spielfreude, gegenseitige Aufmerksamkeit und jene besondere Atmosphäre, die entsteht, wenn engagierte Künstler ein Werk nicht nur korrekt, sondern begeistert zum Klingen bringen. Dass diese Aufnahme zehntausende Zustimmung findet, überrascht nicht – sie vermittelt genau das, was Rameaus Musik ausmacht: Lebensfreude, Raffinement und einen Hauch barocker Magie. Seitenanfang Jean-Philippe Rameau Gregorio Allegri Miserere mei, Deus Gregorio Allegri (1582–1652), wurde am 14. Januar 1582 in Rom geboren und wirkte nahezu sein gesamtes Leben im Umfeld der päpstlichen Kapelle. Seit 1629 war er Sänger (Tenor) der Cappella Sistina. Stilistisch steht er noch ganz in der Tradition der römischen Spätrenaissance, wie sie von Giovanni Pierluigi da Palestrina (1525–1594) geprägt worden war, doch verbindet er diese mit frühbarocken Elementen, insbesondere im Wechsel zwischen schlichter Fauxbourdon-Harmonik und kunstvoller Polyphonie. Er starb am 17. Februar 1652 in Rom und wurde – seinem lebenslangen Wirken im Dienst der päpstlichen Kapelle entsprechend – in der Kirche Chiesa Nuova (Santa Maria in Vallicella) beigesetzt, einem zentralen geistlichen Ort des römischen Oratorianer-Milieus des 17. Jahrhunderts. Sein Ruhm gründet sich fast ausschließlich auf ein Werk: Miserere mei, Deus. Das Miserere entstand wahrscheinlich um 1638 für die Tenebrae-Liturgie der Karwoche in der Sixtinischen Kapelle. Es handelt sich um eine Vertonung des 51. Psalms (Vulgata-Zählung 50), eines der eindringlichsten Bußpsalmen der Bibel. Die Komposition ist für zwei Chöre geschrieben: Ein fünfstimmiger Chor singt in relativ schlichter, an Palestrina erinnernder Polyphonie. Ein vierstimmiger Chor antwortet in einem reduzierten, akkordischen Stil (Fauxbourdon), der durch improvisierte Verzierungen – besonders im Sopran – eine fast entrückte Klangwirkung entfaltet. Berühmt ist die hohe Sopranstelle (das sogenannte „hohe C“), die allerdings nicht in der ursprünglichen Notation stand, sondern aus der Aufführungspraxis der Sixtinischen Kapelle hervorging. Über Jahrhunderte durfte das Werk ausschließlich in der Sixtinischen Kapelle gesungen werden. Die oft erzählte Geschichte, Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) habe das Werk 1770 nach einmaligem Hören aus dem Gedächtnis niedergeschrieben, ist historisch im Kern glaubwürdig, wenngleich die Legendenbildung später stark ausgeschmückt wurde. https://www.youtube.com/watch?v=IsDRUVDsZRg Lateinischer Text (Psalm 51) Miserere mei, Deus, secundum magnam misericordiam tuam. Et secundum multitudinem miserationum tuarum, dele iniquitatem meam. Amplius lava me ab iniquitate mea, et a peccato meo munda me. Quoniam iniquitatem meam ego cognosco, et peccatum meum contra me est semper. Tibi soli peccavi et malum coram te feci, ut justificeris in sermonibus tuis, et vincas cum judicaris. Ecce enim in iniquitatibus conceptus sum, et in peccatis concepit me mater mea. Ecce enim veritatem dilexisti; incerta et occulta sapientiae tuae manifestasti mihi. Asperges me hyssopo et mundabor; lavabis me et super nivem dealbabor. Auditui meo dabis gaudium et laetitiam; et exsultabunt ossa humiliata. Averte faciem tuam a peccatis meis, et omnes iniquitates meas dele. Cor mundum crea in me, Deus, et spiritum rectum innova in visceribus meis. Ne projicias me a facie tua, et spiritum sanctum tuum ne auferas a me. Redde mihi laetitiam salutaris tui, et spiritu principali confirma me. Docebo iniquos vias tuas, et impii ad te convertentur. Libera me de sanguinibus, Deus, Deus salutis meae; et exsultabit lingua mea justitiam tuam. Domine, labia mea aperies, et os meum annuntiabit laudem tuam. Quoniam si voluisses sacrificium, dedissem utique; holocaustis non delectaberis. Sacrificium Deo spiritus contribulatus; cor contritum et humiliatum, Deus, non despicies. Benigne fac, Domine, in bona voluntate tua Sion; ut aedificentur muri Jerusalem. Tunc acceptabis sacrificium justitiae, oblationes et holocausta; tunc imponent super altare tuum vitulos. Deutsche Übersetzung Sei mir gnädig, o Gott, nach deiner großen Barmherzigkeit. Nach der Fülle deines Erbarmens tilge meine Schuld. Wasche mich rein von meiner Missetat und reinige mich von meiner Sünde. Denn ich erkenne meine Vergehen, meine Sünde steht mir immer vor Augen. Gegen dich allein habe ich gesündigt und getan, was böse ist in deinen Augen. Siehe, in Schuld bin ich geboren, in Sünde hat mich meine Mutter empfangen. Besprenge mich mit Ysop, dann werde ich rein; wasche mich, dann werde ich weißer als Schnee. Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, beständigen Geist. Verwirf mich nicht von deinem Angesicht und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir. Ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verschmähen. Handle gütig an Zion und baue die Mauern Jerusalems wieder auf. Voces8 wählt einen Ansatz, der sich deutlich von älteren, „mystisch-verhangenen“ Interpretationen unterscheidet (etwa durch extrem langsame Tempi oder stark hallige Raumwirkung). Ihre Interpretation zeichnet sich aus durch: Transparenz der Linienführung – jede Stimme bleibt klar unterscheidbar. Sehr kontrollierte Dynamik – die Steigerungen wirken organisch, nicht sentimental. Ein schlanker, heller Sopran im berühmten hohen Einsatz – nicht opernhaft, sondern beinahe ätherisch. Intime, kammermusikalische Balance statt monumentaler Wirkung. Gerade diese Mischung aus historischer Sensibilität und moderner Vokaltechnik macht die Darbietung sehr eigenständig. Sie wirkt weniger wie eine „mystische Legende“ und mehr wie ein bewusst durchleuchtetes, meditatives Gebet – konzentriert, rein und ohne Pathos. Seitenanfang Lamentazioni del profeta Geremia Die Lamentazioni del profeta Geremia von Francesco Durante (1684–1755), entstanden um 1750, gehören zu den eindrucksvollsten Vertonungen der Klagelieder Jeremias im neapolitanischen Spätbarock. Durante zählt zu den zentralen Gestalten der neapolitanischen Schule, weniger bekannt als Opernkomponist, dafür umso bedeutender als Lehrer und geistlicher Musiker. Zu seinen Schülern gehörten unter anderem Giovanni Battista Pergolesi (1710–1736), Niccolò Jommelli (1714–1774) und Giovanni Paisiello (1740–1816). In seinen geistlichen Werken verbindet Durante strenge kontrapunktische Schulung mit einer außergewöhnlich textnahen, zurückgenommenen und zugleich eindringlichen Ausdruckssprache, die ganz auf innere Sammlung und geistliche Vertiefung zielt. Die Klagelieder des Propheten Jeremia gehören zum Alten Testament und bestehen aus fünf poetisch streng gestalteten Gedichten. Sie beklagen die Zerstörung Jerusalems im Jahr 586 v. Chr. durch die Babylonier, den Verlust des Tempels und den moralischen wie geistigen Zusammenbruch des Volkes Israel. Trotz aller Verzweiflung sind diese Texte nicht allein von Klage bestimmt, sondern auch von Buße, Selbstprüfung und dem leisen Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit. Gerade diese Spannung zwischen Hoffnungslosigkeit und Glauben verleiht ihnen ihre besondere liturgische und musikalische Tiefe. In der katholischen Liturgie wurden ausgewählte Abschnitte der Klagelieder während der Karwoche in der Matutin gesungen, dem nächtlichen Stundengebet der sogenannten Tenebrae-Feiern. Diese Andachten fanden bei zunehmender Dunkelheit statt, während nach und nach die Kerzen gelöscht wurden – ein eindrucksvolles Sinnbild für das Leiden Christi. Die Lamentationen bildeten dabei den meditativen Mittelpunkt dieser Feiern, weniger als dramatische Darstellung, vielmehr als inneres Miterleben von Verlust, Schuld und Hoffnung. Textlich greift die Liturgie auf Passagen aus den ersten drei Kapiteln des Buches zurück. Charakteristisch ist der alphabetische Aufbau des hebräischen Originals: Jeder Abschnitt beginnt mit einem der hebräischen Buchstaben – Aleph, Heth, Teth, Lod und andere –, die auch in der lateinischen Liturgie beibehalten werden. Diese Buchstaben strukturieren den Text und verleihen ihm eine archaisch-feierliche Ordnung, die Durante musikalisch bewusst hervorhebt. https://www.youtube.com/watch?v=-3klUL-UHLc Die erste Lesung eröffnet mit der formelhaften Einleitung Incipit lamentatio Ieremiae prophetae („Es beginnt die Klage des Propheten Jeremia“), die den geistlichen Rahmen absteckt. In ruhigem Largo entfaltet sich die Klage, bevor mit Misericordiae Domini quia non sumus consumpti („Durch die Barmherzigkeit des Herrn sind wir nicht zugrunde gegangen“) erstmals ein Hoffnungsmoment aufscheint. Der Gedanke der göttlichen Treue – Novi sunt diluculo, magna est fides tua („Jeden Morgen sind sie neu, groß ist deine Treue“) – wird von Durante mit schlichter, fast tröstender Klanggebung gestaltet. In den folgenden Versen Bonus est Dominus sperantibus in eum („Gut ist der Herr zu denen, die auf ihn hoffen“) und Sedebit solitarius et tacebit („Einsam sitzt er da und schweigt“) verdichtet sich die Stimmung zu stiller, resignativer Sammlung. Besonders eindringlich wirkt Dabit percutienti se maxillam („Er bietet dem, der ihn schlägt, die Wange dar“), wo Leidensbereitschaft und Demut musikalisch nahezu entblößt erscheinen. Den Abschluss bildet der Ruf Ierusalem, convertere ad Dominum Deum tuum („Jerusalem, kehre um zum Herrn, deinem Gott“), nicht als pathetischer Appell, sondern als müde, eindringliche Bitte. Die zweite Lesung richtet den Blick stärker auf das Bild der zerstörten Stadt. Quomodo obscuratum est aurum („Wie ist das Gold verdunkelt“) beschreibt den Verlust aller früheren Herrlichkeit. Das Leid der Menschen wird drastisch geschildert, etwa in Qui vescebantur voluptuose, interierunt in viis („Die einst in Wohlstand lebten, verschmachten nun auf den Straßen“). Besonders erschütternd ist der Vergleich Et maior effecta est iniquitas filiae populi mei peccato Sodomorum („Die Schuld der Tochter meines Volkes ist größer geworden als die Sünde Sodoms“). Durante verschärft hier den Ausdruck, ohne äußerliche Dramatik zu suchen. Auch diese Lesung endet mit Ierusalem, convertere („Jerusalem, kehre um“), das nun wie ein immer schwerer wiegendes Mahnwort erscheint. Die dritte Lesung nimmt die Form eines Gebets an. Incipit oratio Ieremiae prophetae („Es beginnt das Gebet des Propheten Jeremia“) markiert den Übergang von der Klage zur direkten Anrufung Gottes. Die Texte sprechen nun offen von Verlassenheit und Elend: Pupilli facti sumus absque patre („Wir sind zu Waisen geworden ohne Vater“) und Patres nostri peccaverunt („Unsere Väter haben gesündigt“) verbinden persönliches Leid mit kollektiver Schuld. Bilder von Hunger und Gewalt – Pellis nostra sicut clibanus exusta est („Unsere Haut ist wie ein Ofen versengt“) und Mulieres in Sion humiliaverunt („Die Frauen in Zion wurden geschändet“) – lassen die Not der Menschen unmittelbar spürbar werden. Der abschließende Ruf Ierusalem, convertere ad Dominum Deum tuum („Jerusalem, kehre um zum Herrn, deinem Gott“) erhält hier einen lamentohaften Charakter, als sei die Stimme selbst bereits erschöpft von der langen Klage. Traditionell umfasst der Zyklus der Tenebrae-Lamentationen neun Lesungen, jeweils drei für Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag. Durantes Vertonung steht fest in dieser jahrhundertealten Tradition und trägt zugleich eine unverwechselbare persönliche Handschrift. Seine Lamentazioni verzichten auf äußere Effekte und konzentrieren sich ganz auf die innere Bewegung des Textes. Gerade darin liegt ihre eindringliche Kraft: Sie laden nicht zum bloßen Hören ein, sondern zum stillen Verweilen – zwischen Klage, Erinnerung und Hoffnung. CD-Vorschlag Francesco Durante, Lamentatione Jeremiæ prophetæ, Kölner Kammerchor, Collegium Cartusianum, Leitung Peter Neumann (1940–2025), CPO, 2000: https://www.youtube.com/watch?v=3ucHLDBkdqI&list=OLAK5uy_kQo5zdHKjL304W-Ewcgxa0lJgcyB9guvs&index=1 Seitenanfang Francesco Durante Rondo in a-Moll, KV 511 Die Interpretation des Rondo in a-Moll, KV 511 durch Seong-Jin Cho (* 1994 in Seoul, seit August 2017 lebt er in Berlin) gehört zu jenen Deutungen, die weniger durch äußere Brillanz als durch innere Spannung und klangliche Selbstdisziplin überzeugen. Cho nähert sich diesem späten Klavierwerk Mozarts mit großer Zurückhaltung, fast scheu, und lässt gerade dadurch dessen außergewöhnliche Ausdruckstiefe hervortreten. Sein Spiel ist von äußerster klanglicher Kontrolle geprägt, die Linien sind sorgfältig gewichtet, jede Verzierung erscheint organisch in den musikalischen Fluss eingebunden. Nichts wirkt ornamental um seiner selbst willen; vielmehr entsteht der Eindruck eines tastenden, nach innen gerichteten Monologs, in dem sich Melancholie, Resignation und leise Auflehnung untrennbar verbinden. Besonders auffällig ist Chos Umgang mit Zeit: Er dehnt die Phrasen nicht willkürlich, sondern lässt sie atmend entstehen, sodass das Rondo weniger als geschlossene Form denn als fortwährender seelischer Prozess erfahrbar wird. https://www.youtube.com/watch?v=qeEJtifzuL0 Das Rondo in a-Moll KV 511 entstand im Jahr 1787 und zählt zu den rätselhaftesten Klavierwerken von Wolfgang Amadeus Mozart (1756– 1791). Es steht in auffälligem Kontrast zu dem heiteren, brillanten Mozart-Bild, das lange Zeit das öffentliche Bewusstsein geprägt hat. Die Wahl der Tonart a-Moll ist bereits ein starkes Ausdruckssignal, denn Molltonarten sind bei Mozart selten und fast immer mit existenziell gefärbten Affekten verbunden. Das Werk ist formal als Rondo angelegt, doch wird das wiederkehrende Thema hier nicht stabilisierend eingesetzt, sondern erscheint jedes Mal leicht verändert, gebrochen, mit neuen harmonischen Eintrübungen versehen. Dadurch entsteht kein Gefühl von Heimkehr, sondern vielmehr von Erinnerung, die sich bei jeder Wiederkehr weiter verdunkelt. Besonders charakteristisch ist der dichte Einsatz von Chromatik und Vorhalten, die den harmonischen Raum permanent in Schwebe halten. Die reichhaltigen Verzierungen – Triller, Vorschläge, Schleifer – sind nicht dekorativ, sondern tragen wesentlich zur Ausdrucksintensität bei. Sie wirken wie Seufzer, wie stockende Gedanken, die den melodischen Fluss immer wieder unterbrechen. In der Mittelpartie verdichtet sich diese expressive Spannung nochmals, bevor das Werk in einer resignativen Schlusswendung ausklingt, die keine eigentliche Auflösung mehr anbietet. Seong-Jin Cho macht diese kompositorischen Feinheiten mit großer Sensibilität hörbar. Er verzichtet bewusst auf romantisierende Überzeichnung und vertraut stattdessen auf die innere Logik der Musik. Gerade dadurch gewinnt seine Interpretation eine stille Eindringlichkeit: Das Rondo erscheint nicht als virtuoses Charakterstück, sondern als intimes Spätwerk, in dem Mozart einen selten offenen Blick in eine verletzliche, nachdenkliche Seelenlandschaft gewährt. Seitenanfang Wolfgang Amadeus Mozart Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur op. 73 Die Aufführung des Klavierkonzerts Nr. 5 Es-Dur op. 73 von Ludwig van Beethoven (1770–1827) mit Krystian Zimerman (* 1956) und den Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Leonard Bernstein (1918–1990), aufgenommen im September 1989 im Großen Saal des Musikverein Wien, zählt zu den eindrucksvollsten Beethoven-Interpretationen des späten 20. Jahrhunderts. Der 2024 neu gemasterte Mitschnitt dokumentiert eine Live-Aufführung von außergewöhnlicher künstlerischer Geschlossenheit und Intensität und umfasst alle drei Sätze des Konzerts: Allegro, Adagio un poco mosso und Rondo: Allegro. https://www.youtube.com/watch?v=m0evC5OMofs Was diese Einspielung besonders auszeichnet, ist die seltene Balance zwischen monumentaler Weite und innerer Konzentration. Zimermans Klavierspiel verbindet technische Vollkommenheit mit strukturellem Bewusstsein und klanglicher Noblesse; Virtuosität wird nie Selbstzweck, sondern stets in den Dienst der musikalischen Architektur gestellt. Bernstein wiederum formt den orchestralen Verlauf mit großer Atemweite und plastischer Spannung, ohne den symphonischen Charakter des Werks zu überzeichnen. Die Wiener Philharmoniker tragen mit ihrem unverwechselbar warmen, farbenreichen Klang entscheidend zu jener Mischung aus Würde, Transparenz und emotionaler Tiefe bei, die diese Aufführung prägt. Der Live-Charakter der Aufnahme verstärkt den Eindruck einer existenziell durchdrungenen, zugleich hochkonzentrierten Deutung. Spontane Energie und sorgfältige Gestaltung stehen in idealem Gleichgewicht; besonders der fließende Übergang vom entrückten Adagio in das jubelnde Finale gelingt mit einer Selbstverständlichkeit, die das Werk als organisches Ganzes erfahrbar macht. In dieser Interpretation erscheint Beethovens fünftes Klavierkonzert nicht als bloß heroisches Schaustück, sondern als humanistisch grundiertes Bekenntnis von außergewöhnlicher geistiger Größe. Der remasterte Klang hebt zudem die Transparenz der Orchesterfarben und die Präsenz des Klaviers deutlich hervor, ohne den ursprünglichen Charakter des historischen Mitschnitts zu verfälschen. Damit steht diese Aufnahme nicht nur als bedeutendes Zeitdokument, sondern auch als weiterhin gültige Referenz für eine große, stilistisch ausgewogene und tief empfundene Beethoven-Interpretation. Seitenanfang Ludwig van Beethoven Concerto für drei Violinen F-Dur, RV 551 Das Concerto für drei Violinen, Streicher und Basso continuo in F-Dur (RV 551) gehört zu den ungewöhnlichsten und zugleich brillantesten Instrumentalkonzerten Antonio Vivaldis (1678–1741). Es entstand wahrscheinlich um 1710–1720 im Umfeld des Ospedale della Pietà in Venedig, wo Vivaldi über herausragende Violinistinnen verfügte und gezielt mit ungewöhnlichen Besetzungen experimentierte. Das Werk folgt der dreisätzigen Konzertform (Allegro – Largo – Allegro), hebt sich jedoch durch die gleichberechtigte Behandlung von drei Soloviolinen deutlich vom üblichen Solokonzert ab. Statt eines klaren Gegensatzes zwischen Solist und Tutti entwickelt Vivaldi ein dichtes, dialogisches Geflecht: Die drei Violinen treten wechselweise hervor, imitieren einander, verschränken sich in Sequenzen und verschmelzen stellenweise zu kammermusikalischer Polyphonie innerhalb des konzertanten Rahmens. Im ersten Allegro dominieren energiegeladene Ritornellabschnitte, in denen das Orchester thematische Pfeiler setzt, während die Soloviolinen in virtuosen Episoden mit Läufen, Doppelgriffen und Echoeffekten brillieren. Das Largo bildet einen konzentrierten Ruhepunkt: Über einem schlichten Continuo entfalten die drei Violinen einen gesanglichen, beinahe intimen Dialog, der an Triosonaten erinnert. Das abschließende Allegro kehrt zur motorischen Energie zurück und steigert den Wettstreit der Solisten zu einem lebhaften, spielerischen Finale. RV 551 ist zugleich ein Schlüsselwerk für Vivaldis experimentelle Mehrfachkonzerte und ein frühes Beispiel für konzertante Kammermusik im großen Rahmen. Es zeigt eindrucksvoll, wie Vivaldi Virtuosität, formale Klarheit und farbige Instrumentation zu einer unverwechselbaren musikalischen Sprache verbindet. https://www.youtube.com/watch?v=1aoycIYVAM4&list=OLAK5uy_njLoKdg5YO7MUHwtKs8_I3VLlmDa2owiQ&index=2 Seitenanfang Antonio Vivaldi Kommt, ihr angefochtnen Sünder In einer Leipziger Kirche, nur vom flackernden Kerzenlicht erhellt, entsteht Klang noch tastend, suchend, verletzlich. Ordnung und Disziplin stehen sichtbar bereit, doch die Musik findet ihren Weg nicht über Vorschrift, sondern über das Unerwartete. Eine Stimme erhebt sich, zunächst verborgen, dann unüberhörbar – rein, selbstverständlich, ohne Anspruch auf Bühne oder Anerkennung. In dem Moment, in dem sie erklingt, wird alles andere zweitrangig: Rollen, Regeln, Ausreden. Entscheidend ist allein, dass der Ton wahr ist. Der Blick des Komponisten verrät, dass hier nicht Autorität triumphiert, sondern Erkenntnis: Musik duldet keine Masken. Sie offenbart, wer wirklich singt. https://www.youtube.com/watch?v=9ep9wONkU2c Dass die singende Stimme verborgen bleibt, ist ein bewusst eingesetzter Kunstgriff der Filmmacher. Er umgeht die historische Realität nicht, sondern nimmt sie ernst und transformiert sie in filmische Sprache. Zurzeit Bachs war es Frauen streng untersagt, während des Gottesdienstes in den Leipziger Hauptkirchen – insbesondere in der Thomaskirche und der Nikolaikirche – zu singen. Sopran- und Altpartien wurden ausschließlich von Knaben oder jungen Männern übernommen. Die Entscheidung, die Stimme im Film zunächst unsichtbar erklingen zu lassen, respektiert diese Ordnung und erlaubt zugleich, Bachs Musik durch eine Frauenstimme zum Ausdruck zu bringen. Gerade dieses Versteckspiel macht den Moment der Erkenntnis umso eindringlicher: Die Wahrheit des Klangs setzt sich durch, obwohl – oder gerade weil – sie nicht sichtbar sein darf. Als Bach die Täuschung erkennt, folgt kein Tadel. Dass er die singende Magd Johanna nicht zurückweist, sondern sie an die Orgel führt und weitersingen lässt, sagt mehr über ihn als viele gelehrte Abhandlungen. Musik steht über Konvention, wenn sie wahrhaftig ist. In diesem Moment zählt weder Rang noch Rolle, weder Ordnung noch Geschlecht, sondern allein das, was tatsächlich erklingt. Der Film trifft damit etwas Wesentliches an Bach: seine kompromisslose Beziehung zum Klang selbst. Nicht Theorie, nicht Vorschrift, nicht soziale Hierarchie entscheiden – sondern das hörbare Resultat. Spekulativ, aber nicht beliebig, lässt sich der sich entziehende Knabe als Sohn Bachs denken. Sollte diese Deutung zutreffen, käme nur Johann Christoph Friedrich Bach (1732–1795) in Frage. Er war im Jahr 1738 sechs Jahre alt. In diesem Alter erhielten die Bach-Söhne bereits intensiven Musikunterricht und waren auf den Besuch der Thomasschule vorbereitet oder standen ihm unmittelbar bevor. Das kindliche Ausweichen, die vorgetäuschte Krankheit, das Sich-Verlassen auf eine andere Stimme gewinnen vor diesem Hintergrund eine leise Plausibilität: nicht als biografische Behauptung, sondern als erzählerische Verdichtung. Die unterlegte Arie stammt aus der Kantate „Freue dich, erlöste Schar“ (BWV 30), komponiert für das Johannisfest und am 24. Juni 1738 in Leipzig uraufgeführt. Der Alt-Satz „Kommt, ihr angefochtnen Sünder“ gehört zu jenen Stücken, in denen Bach die theologische Dringlichkeit des Textes mit einer zugleich tröstenden und vorwärtsdrängenden Musik verbindet: kein moralischer Zeigefinger, sondern ein offener Ruf, warm, beweglich, von innen heraus. In der hier verwendeten Aufnahme singt Magdalena Kožená (* 1973), begleitet vom Musica Florea unter der Leitung von Marek Štryncl (* 1974). Johann Sebastian Bach (1685–1750), Kantate BWV 30 „Freue dich, erlöste Schar“, Teil I, Nr. 5: Arie (Alt) Text der Arie Kommt, ihr angefochtnen Sünder, Eilt und lauft, ihr Adamskinder, Euer Heiland ruft und schreit! Kommet, ihr verirrten Schafe, Stehet auf vom Sündenschlafe, Denn itzt ist die Gnadenzeit! Seitenanfang Johann Sebastian Bach Das Gespensterschloss Die Arie des Skołuba aus der Oper Straszny Dwór („Das Gespensterschloss") von Stanisław Moniuszko (1819–1872) gehört zu den markantesten Bassnummern der polnischen Opernliteratur des 19. Jahrhunderts. Skołuba, der alte Diener des Hauses, ist eine komische, zugleich aber psychologisch fein gezeichnete Figur: abergläubisch, geschwätzig, voller Angst vor Geistern und dunklen Mächten – und gerade dadurch von großer Bühnenwirkung. Das Libretto der Oper Straszny Dwór von Stanisław Moniuszko stammt von Jan Konstanty Chęciński (1826–1874), einem polnischen Dramatiker, Librettisten und Theaterkritiker, der eng mit der Entwicklung der polnischen Nationaloper im 19. Jahrhundert verbunden war. In seiner Arie entfaltet Moniuszko ein meisterhaftes Charakterporträt. Die Musik ist bewusst volksnah gehalten, mit klarer Periodik, sprechender Deklamation und rhythmisch pointierten Wendungen, die den Text plastisch tragen. Humor entsteht weniger durch grobe Effekte als durch musikalische Überzeichnung: plötzliche dynamische Kontraste, unerwartete harmonische Wendungen und eine fast erzählerische Führung der Basslinie, die Skołubas Angst, Aufgeregtheit und Selbstüberschätzung zugleich offenlegt. Dabei bleibt die Arie stets fest im Tonfall der polnischen Nationaloper verwurzelt, in der sich komische Elemente mit patriotischem Ernst und folklorischer Färbung verbinden. Skołuba, der alte Diener des Hauses, ist keine bloße Buffo-Figur. In seiner Arie schildert er die geheimnisvolle alte Uhr, deren nächtliches Schlagen ihm als unheimliches Zeichen erscheint. Moniuszko nutzt diese Szene zu einem fein ausgearbeiteten musikalischen Psychogramm: Die Basslinie ist erzählerisch geführt, mit deutlicher Nähe zur gesprochenen Sprache, während plötzliche Akzente, harmonische Verschiebungen und dynamische Kontraste Skołubas Angst und Aberglauben plastisch machen. Der Humor entsteht nicht aus Übertreibung, sondern aus präziser Beobachtung menschlicher Schwäche – genau darin liegt die zeitlose Wirkung der Arie. https://www.youtube.com/watch?v=zH68LYBNL-o Bernard Ładysz (1922–2020) verbindet eine dunkel grundierte, vollkommen ruhige Bassstimme mit mustergültiger polnischer Diktion und einem unvergleichlichen Gespür für die Mischung aus Angst, Komik und erzählerischem Ton. Sein Skołuba wirkt nicht überzeichnet, sondern wie eine reale Figur aus dem polnischen Adelshaus – genau im Geist Moniuszkos. Er gestaltet Skołuba nicht als bloße Karikatur, sondern als lebendige Bühnenfigur, deren Angst und Aberglaube zugleich komisch und menschlich wirken. Polnischer Originaltext der Arie (Bühnenfassung) Ten zegar stary gdyby świat Kuranty ciął jak z nut Zepsuty wszakże od stu lat Nakręcać próżny trud Lecz jeśli niespodzianie Ktoś obcy tutaj stanie Pan zegar gdy zapieje kur Dmie w rząd przedętych rur Dziś zbudzi cię Koncercik taki Boisz się Nie Zażyj tabaki Te wielkie malowidła dwa Na względzie wasze miej Miecznika praprababka ta Ta praprababką tej Przy obcych w nocnej dobie Te praprababki obie Wyłażą z ram gdy pieje kur I nuż w zacięty spór Niejednym się już Dały we znaki Strach waści Nie Zażyj tabaki Deutsche Übersetzung Diese alte Uhr – wenn die Welt ihre Glockenschläge wie aus Noten schnitte, doch verdorben seit hundert Jahren, aufziehen ist vergebliche Mühe. Doch wenn unerwartet ein Fremder hier erscheint, Herr Uhr, wenn der Hahn kräht, bläst er in eine Reihe aufgeblähter Pfeifen. Heute wirst du geweckt – ein solches kleines Konzert. Hast du Angst? Nein. Nimm Schnupftabak. Diese beiden großen Gemälde, habt sie im Blick: die Ururgroßmutter dieses Miecznik, die Ururgroßmutter jener. Bei Fremden zur nächtlichen Stunde steigen diese beiden Ururgroßmütter aus ihren Rahmen, wenn der Hahn kräht, und geraten sogleich in heftigen Streit. Schon manchem haben sie sich bemerkbar gemacht. Habt Ihr Angst? Nein. Nehmt Schnupftabak. So zeigt diese Arie exemplarisch, warum Straszny Dwór als Höhepunkt von Moniuszkos Opernschaffen gilt: Sie verbindet nationale Identität, volkstümliche Musiksprache und raffinierte Charakterzeichnung zu einem Musiktheater von nachhaltiger Wirkung. Trailer zur Oper „Straszny dwór“ von Stanisław Moniuszko: https://www.youtube.com/watch?v=ihrou8B-iFo CD-Vorschlag Stanisław Moniuszko, Straszny dwór, Orkiestra Polskiego Radia i Telewizji w Krakowie, Chór Polskiego Radia i Telewizji w Krakowie Leitung Jan Krenz (1926–2020), Polskie Nagrania, 1978: https://www.youtube.com/watch?v=CpE_u7LIKUo&list=OLAK5uy_kgjZwYvrQMsLkuJFikclLDXd-XOzh3d4s&index=2 Seitenanfang Stanisław Moniuszko Die Taufe Jesu Das Fest der Taufe Jesu gehört in beiden großen westlichen Konfessionen in den Zusammenhang der Epiphaniaszeit. Der Begriff Epiphanie (griechisch ἐπιφάνεια) bedeutet „Erscheinung“ und bezeichnet im christlichen Verständnis das Sichtbarwerden der göttlichen Sendung Jesu. Neben der Anbetung durch die Weisen aus dem Morgenland zählt auch die Taufe Jesu im Jordan zu diesen Offenbarungsereignissen. In der römisch-katholischen Kirche wird die Taufe des Herrn als eigenes Herrenfest begangen und heute markiert liturgisch den Abschluss der Weihnachtszeit. Im Mittelpunkt steht die Taufe Jesu durch Johannes im Jordan als trinitarisches Offenbarungsgeschehen: der Sohn im Wasser, der Geist in Gestalt der Taube, die Stimme des Vaters. In der evangelischen Tradition ist dasselbe Ereignis dem 1. Sonntag nach Epiphanias zugeordnet; hier liegt der Akzent stärker auf der theologischen Bedeutung der Taufe insgesamt, insbesondere auf der Verbindung zwischen der Taufe Jesu und der christlichen Taufe als Zusage und Berufung. Trotz unterschiedlicher liturgischer Akzentsetzung ist die Taufe Jesu in beiden Traditionen ein zentrales Epiphanie-Thema. Einen besonders eindringlichen musikalischen Ausdruck findet dieses Motiv in der Vertonung von Psalm 113 (Vulgata), dessen Bildsprache vom Jordan, der „zurückweicht“, seit dem Mittelalter typologisch auf die Taufe Christi bezogen wird. Ein herausragendes Beispiel ist der III. Chor „Jordanis conversus est retrorsum“ aus dem Grand Motet In exitu Israel von Jean-Joseph Cassanéa de Mondonville (1711–1772). Mondonville gehört zu den prägenden Gestalten des französischen Spätbarock. Als Geiger, Komponist und Musiktheoretiker wirkte er vor allem in Paris und entwickelte eine eigenständige, kraftvolle Tonsprache, die französische Klangtradition mit dramatischer Zuspitzung verbindet. Seine großformatigen Psalmvertonungen nehmen im geistlichen Repertoire des 18. Jahrhunderts eine Sonderstellung ein. In exitu Israel ist eine großangelegte Vertonung von Psalm 113 (Vulgata) in der Gattung des Grand Motet. Diese typisch französische Form verbindet Soli, Chor und Orchester zu einer dramatisch gegliederten Auslegung des biblischen Textes. Der Psalm wird dabei nicht meditativ entfaltet, sondern szenisch und rhetorisch zugespitzt. Gesungen wird der zusammenhängende Psalmtext, der berühmte Vers vom zurückweichenden Jordan bildet dabei das inhaltliche und musikalische Zentrum innerhalb einer größeren dramatischen Architektur. Markante Rhythmik, dichte Choreinsätze und klare Kontraste verleihen dem Text eine unmittelbare Präsenz. Der Chor ist nicht begleitende Klangfläche, sondern tragende, handelnde Instanz. Die Musik beschreibt nicht, sie setzt Bewegung in Klang um – und macht so den epiphanischen Charakter der Taufe Jesu hörbar, ohne ihn ausdrücklich zu benennen. Der Vers „Iordanis conversus est retrorsum“ wird hier nicht historisch-exegetisch gelesen, sondern typologisch: Der Jordan steht für den Übergang, das Wasser für Wandlung, Reinigung und Neubeginn. In der Taufe Jesu erreicht dieses Bild seine christologische Zuspitzung. Mondonvilles Musik verleiht dieser Deutung eine ungewohnt körperliche Präsenz. https://www.youtube.com/watch?v=Fb9bm_Vmvl8 Lateinischer Text (Psalm 113, Vulgata) In exitu Israël de Aegypto, domus Iacob de populo barbaro Facta est Iudæa sanctificatio ejus; Israël potestas ejus Mare vidit, et fugit; Iordanis conversus est retrorsum Montes exsultaverunt ut arietes, et colles sicut agni ovium Quid est tibi, mare, quod fugisti? et tu, Iordanis, quia conversus es retrorsum? Montes, exsultastis sicut arietes? et colles, sicut agni ovium? A facie Domini mota est terra, a facie Dei Iacob: Qui convertit petram in stagna aquarum, et rupem in fontes aquarum Deutsche Übersetzung Als Israel aus Ägypten auszog, das Haus Jakob aus einem fremden Volk, da wurde Juda sein Heiligtum, Israel sein Herrschaftsbereich. Das Meer sah es und floh, der Jordan wich zurück. Die Berge hüpften wie Widder, die Hügel wie Lämmer der Herde. Was ist mit dir, Meer, dass du fliehst? Und du, Jordan, dass du zurückweichst? Ihr Berge, warum hüpft ihr wie Widder, ihr Hügel wie Lämmer der Herde? Vor dem Angesicht des Herrn erbebte die Erde, vor dem Angesicht des Gottes Jakobs, der den Felsen in Wasserteiche verwandelte und den harten Stein in sprudelnde Quellen. CD-Vorschlag Campra, Messe de Requiem, Mondonville, In exitu Israel, Rameau, In convertendo Dominus, Ensemble: Le Concert d'Astrée, Leitung Emmanuelle Haïm (* 1962), ERATO, 2023, Track 19. Seitenanfang Jean-Joseph Cassanéa de Mondonville Visionaries of Piano Music Die CD William Byrd & John Bull – The Visionaries of Piano Music (Deutsche Grammophon, 2021) widmet sich der englischen Tastenmusik um 1600 und stellt Werke von William Byrd (um 1540–1623) und John Bull (1562–1628) vor, zwei der zentralen Komponisten der sogenannten Virginalisten-Tradition. Beide stehen für einen historischen Moment, in dem sich die englische Tastenmusik von höfischer Gebrauchsmusik zu einer eigenständigen, hochkomplexen Instrumentalkunst entwickelte. https://www.youtube.com/watch?v=J2_o4sMAr1E&list=OLAK5uy_m4I7HMbHAt4vtyV09PmTsWYuSf1KfttYA&index=2 Das Repertoire umfasst Fantasien, Pavans, Galliarden, Variationswerke und Kanons, überwiegend aus dem Umfeld des Fitzwilliam Virginal Book (um 1600). Die Auswahl zeigt bewusst die stilistischen Gegensätze: Byrds streng gearbeitete, kontrapunktisch dichte Fantasien und Variationen stehen Bulls technisch kühnen, formal oft extremen Kompositionen gegenüber, insbesondere in seinen groß angelegten Variationszyklen und Kanons. Byrds Tastenmusik ist geprägt von formaler Ausgewogenheit, kontrollierter Affektgestaltung und motivischer Ökonomie. Virtuosität dient hier der strukturellen Durchdringung des musikalischen Materials. https://www.youtube.com/watch?v=K86xCd6COBo John Bull verfolgt dagegen einen experimentelleren Ansatz: rhythmische Zuspitzung, technische Brillanz und formale Grenzerkundung sind zentrale Elemente seines kompositorischen Denkens. https://www.youtube.com/watch?v=72mPeMcsL7U Der Pianist Kit Armstrong (* 1992 in Los Angeles, USA) spielt dieses Repertoire auf dem modernen Konzertflügel. Sein Ansatz ist analytisch und textnah; im Mittelpunkt stehen klare Stimmführung, präzise Artikulation und rhythmische Kontrolle. Armstrong vermeidet sowohl historisierende Klangimitation als auch romantisierende Überformung und behandelt die Werke als autonome Instrumentalmusik. Gerade darin liegt der besondere Wert dieser Aufnahme. Die Übertragung der Virginalmusik auf den modernen Flügel ist kein Effekt, sondern ein Mittel, um die strukturelle Modernität, den kontrapunktischen Reichtum und die konzeptionelle Kühnheit dieser Musik hörbar zu machen. Diese CD ist hörenswert, weil sie Byrd und Bull nicht als historische Spezialisten präsentiert, sondern als Komponisten von außergewöhnlicher geistiger Tragfähigkeit, deren Musik auch heute als anspruchsvolle Instrumentalkunst überzeugt. Sie ist Zeitlos. Seitenanfang William Byrd & John Bull Orlando di Lasso (1532–1594): Videntes stellam magi Die Motette Videntes stellam magi ist eine dem Epiphaniasfest (6. Januar) zugeordnete Komposition Orlando di Lassos. Der Text entstammt dem Bericht des Matthäusevangeliums (Mt 2,1–12) und konzentriert sich auf den zentralen theologischen Moment des Festes: die Offenbarung Christi an die Völker, symbolisiert durch den Stern, dem die Weisen aus dem Morgenland folgen. Lasso gestaltet den Text nicht erzählerisch, sondern meditativ. Der musikalische Beginn ist ruhig und gesammelt angelegt; die Wendung videntes stellam wird klanglich so gefasst, dass weniger das äußere Sehen als vielmehr das innere Erkennen im Vordergrund steht. Die Freude der Magier (gavisi sunt gaudio magno) äußert sich nicht in demonstrativer Klangpracht, sondern in einer behutsamen Belebung der polyphonen Struktur. Der Abschnitt der Anbetung (procidentes adoraverunt eum) führt die Motette in eine Haltung stiller Ehrfurcht, bevor die Darbringung der Gaben – Gold, Weihrauch und Myrrhe – den geistlichen Gehalt des Textes bündelt und abschließt. https://www.youtube.com/watch?v=yvYUwlthBWg In Videntes stellam magi zeigt sich Lassos reife geistliche Schreibweise exemplarisch: textnah, ausdrucksbewusst und von innerer Ausgeglichenheit geprägt. Die Motette verzichtet auf äußerliche Effekte und entfaltet ihre Wirkung aus der klaren Verbindung von Wort und Klang. Gerade dadurch eignet sie sich in besonderem Maß für den liturgischen Gebrauch am Fest Epiphanias. Lateinischer Text Videntes stellam magi gavisi sunt gaudio magno, et intrantes domum obtulerunt Domino aurum, thus et myrrham. Procidentes adoraverunt eum. Deutsche Übersetzung Als die Weisen den Stern sahen, sie wurden von großer Freude erfüllt. Sie traten in das Haus und brachten dem Herrn Gold, Weihrauch und Myrrhe dar. Sie fielen nieder und beteten ihn an. Seitenanfang Orlando di Lasso Christmas Concertos mit I Musici Die CD „Christmas Concertos“ mit I Musici (gegründet 1951 in Rom) versammelt in exemplarischer Weise jene italienischen Concerti grossi, die seit dem 18. Jahrhundert mit der Weihnachtszeit verbunden sind. Die Aufnahme entstand im August 1984 in La Chaux-de-Fonds und erschien bei Philips. Sie dokumentiert I Musici in einer späten, stilistisch gereiften Phase, noch klar der klassischen, nicht historisierenden Aufführungstradition verpflichtet, zugleich aber von großer klanglicher Disziplin, Transparenz und eleganter Artikulation geprägt. Im Zentrum steht das berühmteste aller sogenannten Weihnachtskonzerte, das Concerto grosso g-Moll op. 6 Nr. 8 „fatto per la notte di Natale“ von Arcangelo Corelli (1653–1713). Dieses Werk wurde bereits von Zeitgenossen als musikalisches Sinnbild der Heiligen Nacht verstanden. Die Abfolge festlicher und tänzerischer Sätze mündet in eine ruhige, weit ausgesponnene Pastorale, deren schlichte, wiegende Bewegung bewusst an die Hirtenmusik der Weihnachtsgeschichte erinnert. I Musici gestalten dieses Finale mit weichem Streicherklang, ruhigem Atem und einer fast kontemplativen Ruhe, ohne in Sentimentalität zu verfallen. Das Concerto grosso g-Moll op. 8 Nr. 6 von Giuseppe Torelli (1658–1709) knüpft unmittelbar an diese Tradition an. Auch hier wechseln lebhafte Allegro-Sätze mit getragenen Largo-Abschnitten, in denen pastorale Klangbilder dominieren. Torellis Musik wirkt direkter, rhythmisch prägnanter und tänzerischer als Corellis, zugleich aber von einer warmen, volkstümlichen Innigkeit geprägt, die den weihnachtlichen Charakter unterstreicht. Mit dem Concerto grosso C-Dur op. 3 Nr. 12 von Francesco Onofrio Manfredini (1684–1762) erweitert sich der Horizont um ein Werk, das festliche Strahlkraft und lyrische Besinnung besonders ausgewogen verbindet. Helle Klangfarben, klare Tutti-Passagen und ruhig fließende langsame Sätze verleihen diesem Konzert eine heitere, fast lichtdurchflutete Grundstimmung, die sich deutlich von der eher introvertierten Klangwelt Corellis unterscheidet. Den Abschluss bildet das Concerto grosso f-Moll op. 1 Nr. 8 von Pietro Antonio Locatelli (1695–1764) , dessen Musik bereits in eine virtuosere, spannungsreichere Klangsprache weist. Die Kontraste zwischen Concertino und Ripieno sind schärfer gezeichnet, die harmonischen Wendungen kühner, die Ausdrucksskala weiter. Trotz dieser gesteigerten Komplexität bleibt auch hier der Bezug zur pastoralen Weihnachtstradition hörbar, nun allerdings aus einer späteren, bereits vorbarock-klassischen Perspektive. https://www.youtube.com/watch?v=5O4QK3AHlgQ&list=OLAK5uy_nemVKt8yepx7zg3DZ02ZOtDJ9AtEE1s3U&index=1 I Musici spielen diese Werke mit ihrem charakteristischen, warmen Streicherklang, schlanker Phrasierung und einer rhythmischen Lebendigkeit, die den tänzerischen Ursprung vieler Sätze klar hervortreten lässt. Vibrato wird maßvoll, aber bewusst eingesetzt, die Linienführung bleibt kantabel, das Zusammenspiel transparent und ausgewogen. Gerade diese Verbindung aus Eleganz, klanglicher Geschlossenheit und unaufdringlicher Festlichkeit macht die Aufnahme zu einer idealen Begleiterin für die Advents- und Weihnachtszeit. Als Ganzes bietet diese CD keinen bloßen Querschnitt durch barocke Konzertmusik, sondern ein geschlossenes Stimmungsbild: italienische Weihnachtsmusik zwischen Andacht, pastoraler Ruhe und festlicher Bewegung. Sie eignet sich gleichermaßen zum konzentrierten Hören wie als atmosphärischer Rahmen – ein klassischer, zeitloser Beitrag für jede Sammlung zur Weihnachtszeit. Seitenanfang Weihnachten mit I Musici Passacaglia für Solovioline g-Moll Die Passacaglia für Solovioline g-Moll von Heinrich Ignaz Franz von Biber (1644–1706), entstanden 1676, gehört zu den singulärsten Werken der gesamten Violingeschichte des 17. Jahrhunderts. Sie ist nicht nur formal außergewöhnlich, sondern auch geistig, symbolisch und kompositorisch von einer Dichte, die weit über das hinausgeht, was man von einem „Schlussstück“ erwarten würde. In der handschriftlichen Überlieferung steht sie am Ende des Zyklus der sogenannten Rosenkranz- (oder Mysterien-) Sonaten, wobei sie ohne Scordatura, also in Normalstimmung, notiert ist – ein Umstand von erheblicher Bedeutung. Stellung innerhalb der Rosenkranzsonaten Die Rosenkranzsonaten bestehen aus fünfzehn Sonaten, die den freudenreichen, schmerzhaften und glorreichen Geheimnissen des Rosenkranzes zugeordnet sind. Die Passacaglia bildet den epilogischen Abschluss dieses geistlichen Zyklus, obwohl sie keiner der fünfzehn Mysterien-Sonaten selbst angehört. Ihre ikonographische Überschrift – ein Engel mit Schutzengel-Symbolik, der ein Kind an der Hand führt – verweist nicht auf ein einzelnes Rosenkranzgeheimnis, sondern auf das Fortwirken göttlicher Führung im Leben des Menschen nach Durchschreiten von Inkarnation, Passion und Auferstehung. Dass Biber die Passacaglia ohne Generalbass, ohne Begleitung, ohne Scordatura und in strenger Variationstechnik konzipiert, verleiht ihr den Charakter eines meditativen Resümees: Alles Ornamentale, alles Farbenreiche der vorausgehenden Sonaten ist hier zurückgenommen. Übrig bleibt die nackte Linie, die einsame Stimme – musikalisch wie geistlich. Form und Struktur: Passacaglia als geistige Architektur Der Satz beruht auf einem vier Takte umfassenden Ostinato-Bass, der mehr als sechzig Mal wiederkehrt. Dieses Ostinato ist nicht als real erklingender Bass vorhanden, sondern implizit gedacht – eine außerordentliche kompositorische Herausforderung, da die Violine sowohl Träger der Oberstimme als auch Projektionsfläche für die gedachte Bassstruktur ist. Biber gliedert das Werk nicht durch äußerliche Abschnitte, sondern durch graduelle Verdichtung und Entleerung: beginnend mit fast asketischer Linearität, über zunehmend komplexe Figurationen, Doppelgriffe und Akkordballungen, bis hin zu einer Phase äußerster Spannung und schließlich zur Rücknahme, zur Auflösung, zur stillen Akzeptanz. Diese Architektur ist nicht virtuos im späteren, barock-klassischen Sinn. Sie ist konsequent rhetorisch, der Variation unterworfen wie ein geistiges Mantra. Die Wiederholung des Ostinatos wirkt dabei nicht mechanisch, sondern kontemplativ: Jeder Durchgang beleuchtet dieselbe Struktur aus neuer Perspektive. Violinistische und kompositorische Bedeutung Technisch verlangt die Passacaglia höchste Kontrolle: absolute Bogendisziplin, perfekte Intonation in mehrfachen Doppelgriffen, Balance zwischen linearer Melodik und akkordischer Statik und vor allem die Gestaltung langer Spannungsbögen ohne äußere Impulse. Doch ihre wahre Schwierigkeit liegt nicht in der Technik, sondern in der inneren Ökonomie des Vortrags. Jeder Ton steht unter Beobachtung. Jeder Akzent hat semantisches Gewicht. Hier ist nichts dekorativ, nichts beiläufig. In der Geschichte der Soloviolinenliteratur steht dieses Werk isoliert: Vor Bach, vor Westhoff, vor Pisendel existiert kein vergleichbares Stück dieser strukturellen und geistigen Konsequenz. Bibers Passacaglia ist kein bloßer Vorläufer späterer Chaconnen-Traditionen, sondern ein eigenständiges Monument, das eher aus der Welt geistlicher Meditation als aus der Welt instrumentaler Virtuosität stammt. https://www.youtube.com/watch?v=sgcR183f8gA&list=RDsgcR183f8gA&start_radio=1 Interpretation von Elicia Silverstein (* 1990) Die Aufnahme mit Elicia Silverstein, live aufgenommen am 20. Juni 2014 in der First Church, Cambridge (Massachusetts), ist in diesem Zusammenhang besonders bemerkenswert. Silverstein spielt auf einer Barockvioline, mit Darmsaiten und barockem Bogen, was dem Werk seine ursprüngliche klangliche Askese zurückgibt. Charakteristisch für ihre Interpretation sind ein bewusst zurückgenommenes Vibrato, eine klug austarierte Tempodisposition, die weder statisch noch dramatisierend wirkt, eine sprechende Artikulation, die den rhetorischen Gehalt der Variationen hörbar macht, und vor allem ein Vertrauen in die Stille: Pausen, Nachklänge und Resonanzen werden nicht gefüllt, sondern zugelassen. Der Kirchenraum trägt wesentlich zur Wirkung bei; die Akustik unterstützt das Konzept des impliziten Basses, sodass der Hörer mehr „hört“, als tatsächlich gespielt wird. Gerade in den ruhigeren Variationen entsteht eine fast körperliche Präsenz der Struktur – ein Eindruck, der im Studio kaum reproduzierbar wäre. Scordatura und Schlussbedeutung: warum dieses „Finale“ alles bündelt An dieser Stelle muss ausdrücklich hervorgehoben werden, dass die außerordentliche Schwierigkeit dieses Schlusses nur im Zusammenhang mit den vorausgehenden Sonaten vollständig verständlich wird. In vierzehn der fünfzehn Rosenkranzsonaten verlangt Biber eine jeweils eigene Scordatura, teils mit gekreuzten Saiten und stark veränderten Spannungsverhältnissen. Diese Umstimmungen verändern nicht nur den Klang, sondern heben alle gewohnten Orientierungen des Geigers auf: Griffbilder verlieren ihre Selbstverständlichkeit, Intervalle greifen sich anders, Resonanzen verschieben sich. Der Spieler liest Notation in Normalform, hört aber ein anderes klingendes Ergebnis – eine permanente geistige Doppelbelastung, die absolute instrumentale Beherrschung voraussetzt. Vor diesem Hintergrund ist die Passacaglia in Normalstimmung kein technisches Entgegenkommen, sondern ein bewusster symbolischer Akt. Nachdem das Instrument durch alle Verformungen, Spannungen und klanglichen Extreme der Scordatura gegangen ist, wird es am Ende „entlassen“ – zurückgeführt in seine natürliche Ordnung. Die Herausforderung verlagert sich nun vollständig nach innen: von der physischen Bewältigung zur geistigen Konzentration, von äußerer Komplexität zur reinen Verantwortung für Linie, Zeit und Sinn. Es muss jedem klar sein: Wer sich dieser Musik stellt, ist ein absoluter Könner. Nicht, weil hier äußerliche Virtuosität demonstriert würde, sondern weil Technik, Intellekt und geistige Haltung untrennbar ineinandergreifen. Die Rosenkranzsonaten – und in besonderer Weise ihr Schluss, die Passacaglia – gehören damit zu den höchsten Gipfeln der Violinenliteratur. Sie verlangen nicht nur spielerische Souveränität, sondern die Bereitschaft, Musik als geistig durchdrungenen Akt zu verstehen. Bibers Passacaglia ist kein „Finale“ im dramatischen Sinn, sondern ein Nachhall. Nach der symbolischen Durchwanderung der Rosenkranzgeheimnisse bleibt der Mensch allein mit seiner Stimme – geführt, aber nicht begleitet. In dieser Einsamkeit liegt ihre Größe. Die Aufnahme von Elicia Silverstein macht diese Dimension hörbar: nicht spektakulär, nicht demonstrativ, sondern mit jener stillen Autorität, die nur Werke von innerer Notwendigkeit besitzen. Seitenanfang Heinrich Ignaz Franz von Biber Zum neuen Jahr Der liturgische 1. Januar ist in der Alten Musik kein kalendarischer Neubeginn, sondern der theologisch hoch verdichtete Oktavtag von Weihnachten und zugleich das Fest der Gottesmutter Maria. In dieser Spannung zwischen Inkarnation und Mariologie entstand ein Repertoire, das weder jubelnd noch dramatisch ist, sondern gesammelt, reflektierend und von bemerkenswerter textlicher Präzision. Besonders deutlich lässt sich dies an den Vertonungen zentraler Antiphonen durch Giovanni Pierluigi da Palestrina (1525–1594), Tomás Luis de Victoria (1548–1611) und William Byrd (um 1540–1623) beobachten, deren Werke exemplarisch zeigen, wie unterschiedlich ein identischer liturgischer Text musikalisch durchdrungen werden kann – in Rom, in Spanien und im konfessionell gespaltenen England. Palestrina, der als maßgebliche Gestalt der römischen Kirchenmusik der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gilt, verbindet in seinen Motetten eine streng kontrollierte Polyphonie mit höchster Textverständlichkeit. Seine Vertonung der Antiphon O admirabile commercium, die fest zum liturgischen Kontext des 1. Januar gehört, entfaltet das theologische Paradox der Menschwerdung Christi in ruhigem, gleichmäßigem musikalischem Fluss. Der Text spricht vom „wunderbaren Austausch“, bei dem Gott menschliche Natur annimmt und dem Menschen Anteil an seiner Gottheit schenkt. Palestrina setzt diese Gedanken nicht affektiv zugespitzt um, sondern lässt sie in klaren, ausgewogenen Linien hörbar werden. Die Imitationen sind sparsam und funktional, der Klang bleibt gesammelt und frei von äußerer Dramatik. Gerade diese Zurückhaltung verleiht der Motette ihre besondere Dichte und macht sie zu einer idealen musikalischen Ausdeutung des Oktavgedankens. https://www.youtube.com/watch?v=Uv1ab6Qr-60 O admirabile commercium: Creator generis humani, animatum corpus sumens, de Virgine nasci dignatus est; et procedens homo sine semine, largitus est nobis suam deitatem. O wunderbarer Austausch: Der Schöpfer des Menschengeschlechts hat, einen beseelten Leib annehmend, sich gewürdigt, aus der Jungfrau geboren zu werden; und als Mensch ohne menschlichen Samen hervorgegangen, hat er uns Anteil an seiner Gottheit geschenkt. Tomás Luis de Victoria, der in Rom ausgebildet wurde, aber eine deutlich intensivere, innerlich bewegtere Ausdruckssprache entwickelte, vertont denselben Text mit spürbar gesteigerter Spannung. Auch bei ihm steht der liturgische Ernst außer Frage, doch ist seine Musik stärker affektiv aufgeladen. In seiner Motette O admirabile commercium verdichten sich die Stimmen enger, chromatische Wendungen treten deutlicher hervor, und die musikalischen Spannungsbögen scheinen den theologischen Gehalt des Textes unmittelbar nachzuzeichnen. Der geheimnisvolle Austausch zwischen göttlicher und menschlicher Natur wird hier nicht nur dargelegt, sondern gleichsam meditierend durchlebt. Die Musik wirkt weniger distanziert als bei Palestrina, beinahe kontemplativ im persönlichen Sinn, ohne dabei den liturgischen Rahmen zu verlassen. https://www.youtube.com/watch?v=BZd5yBTS6zc O admirabile commercium: Creator generis humani, animatum corpus sumens, de Virgine nasci dignatus est; et procedens homo sine semine, largitus est nobis suam deitatem. O wunderbarer Austausch: Der Schöpfer des Menschengeschlechts, der einen lebendigen Leib annahm, hat sich gewürdigt, aus der Jungfrau geboren zu werden; und als Mensch ohne irdischen Samen hervorgegangen, hat er uns seine Gottheit geschenkt. William Byrd schließlich, dessen katholische Kirchenmusik im England Elisabeths I. unter politisch und religiös hoch prekären Bedingungen entstand, greift denselben Text auf und überträgt ihn in eine ganz eigene, unverwechselbare Klangsprache. Seine Vertonung von O admirabile commercium steht chronologisch etwas später und ist zugleich Ausdruck einer bewussten Rückbindung an die universale lateinische Liturgie jenseits konfessioneller Grenzen. Byrds Satz ist dichter und harmonisch reicher, zugleich von einer stillen Innerlichkeit geprägt, die den Text nicht erklärt, sondern versenkt. Die Stimmen sind eng geführt, die Harmonik schwebt oft in leicht verdunkelten Farben, wodurch der Gedanke des „wunderbaren Austauschs“ eine existentielle, beinahe intime Dimension erhält. Dass Byrd den lateinischen Text einschließlich des abschließenden „Alleluia“ beibehält, ist dabei nicht nur liturgisch korrekt, sondern auch ein bewusstes Bekenntnis zur Kontinuität der vorreformatorischen Tradition. https://www.youtube.com/watch?v=zHXNwZecD1g O admirabile commercium: creator generis humani, animatum corpus sumens, de Virgine nasci dignatus est; et procedens homo sine semine, largitus est nobis suam deitatem. Alleluia. O wunderbarer Austausch: O wunderbarer Austausch: der Schöpfer des Menschengeschlechts, indem er einen beseelten Leib annahm, hat sich gewürdigt, aus der Jungfrau geboren zu werden; und als Mensch, ohne Samen entstanden, hat er uns seine Gottheit geschenkt. Alleluja. In dieser Abfolge – von der ausgewogenen Klarheit Palestrinas über die affektive Verdichtung Victorias bis hin zur innerlich konzentrierten, fast introvertierten Deutung Byrds – wird sichtbar, wie ein einziger liturgischer Text des 1. Januar in unterschiedlichen kulturellen und historischen Kontexten immer neu gelesen und musikalisch durchdrungen werden konnte, ohne seinen theologischen Kern zu verlieren. Seitenanfang Giovanni Pierluigi da Palestrina Tomás Luis de Victoria William Byrd Michael Praetorius' weihnachtliches Marienlied „Es ist ein Ros entsprungen“ gehört zu den zentralen Liedern der deutschen Advents- und Weihnachtstradition und nimmt zugleich eine besondere Stellung in der Geschichte des geistlichen Liedes ein. Seine Wirkung beruht auf der Verbindung von archaischer Bildsprache, biblischer Tiefenschicht und einer musikalischen Gestalt, die im Laufe der Jahrhunderte immer wieder neu gedeutet und ausgestaltet wurde, ohne ihren ursprünglichen Kern zu verlieren. https://www.youtube.com/watch?v=OAIro_A1CYw&list=RDOAIro_A1CYw&start_radio=1 Der Text des Liedes ist anonym und reicht in seinen Ursprüngen bis ins 15. Jahrhundert zurück. Er wurde in verschiedenen Handschriften überliefert und erschien erstmals 1599 im sogenannten Speyerer Gesangbuch, das in Köln gedruckt wurde. Die dichterische Sprache ist bewusst schlicht gehalten, zugleich aber von hoher symbolischer Dichte. Ausgangspunkt ist das Bild der „Rose“, die „mitten im kalten Winter“ aus einem alten Stamm hervorbricht. Diese Metapher verweist unmittelbar auf die alttestamentliche Weissagung aus Jesaja 11,1, nach der aus der „Wurzel Jesse“ ein neuer Spross hervorgehen werde. In der christlichen Auslegung wird diese Prophezeiung auf die Geburt Christi bezogen, dessen Kommen als leise, unscheinbare, aber heilsgeschichtlich entscheidende Erscheinung verstanden wird. Gleichzeitig ist das Lied tief in der marianischen Symbolik des Spätmittelalters verwurzelt. Die Rose steht nicht nur für Christus selbst, sondern auch für Maria als „mystische Rose“, aus deren Reinheit das Heil hervorgeht. In späteren Strophen wird diese Deutung explizit, wenn Maria als „die reine Magd“ bezeichnet wird, die das „Blümlein“ getragen hat. Damit steht das Lied an der Schnittstelle zwischen mittelalterlicher Marienfrömmigkeit und frühneuzeitlicher Christozentrik, wie sie für die Zeit um 1500 charakteristisch ist. Die Melodie des Liedes ist ebenfalls älter als ihre bekannteste Gestalt und lässt sich nicht eindeutig einem einzelnen Komponisten zuweisen. Ihre nachhaltige Prägung verdankt sie jedoch der vierstimmigen Satzfassung von Michael Praetorius (1571–1621), der mit bürgerlichem Namen Michael Schultheis hieß. Praetorius veröffentlichte diesen Chorsatz 1609 in seiner Sammlung Musae Sioniae, einem der bedeutendsten Druckwerke protestantischer Kirchenmusik zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Seine Bearbeitung verlieh dem Lied jene klangliche Gestalt, die bis heute als maßgeblich gilt. Die musikalische Harmonisierungsweise Praetorius’ ist dabei keineswegs bloß dekorativ, sondern Ausdruck einer bewussten ästhetischen und theologischen Haltung. Der Satz ist überwiegend homophon angelegt, sodass der Text klar verständlich bleibt und seine Aussage unmittelbar wirkt. Gleichzeitig zeugt die Stimmführung von großer kontrapunktischer Sorgfalt und feinem Gespür für klangliche Balance. Die Harmonik ist ruhig, weitgehend frei von scharfen Spannungen, und unterstreicht den kontemplativen Charakter des Liedes. Gerade diese Zurückhaltung verleiht der Musik ihre nachhaltige Ausdruckskraft. Im Kontext der Reformation und der sich herausbildenden protestantischen Choralmusik kommt dieser Satz eine besondere Bedeutung zu. Das geistliche Lied sollte nicht länger ausschließlich Sache des Klerus oder professioneller Sänger sein, sondern von der Gemeinde verstanden und innerlich mitvollzogen werden können. Praetorius’ Bearbeitung erfüllt dieses Ideal in exemplarischer Weise: Sie ist kunstvoll, ohne elitär zu sein, und geistlich, ohne in demonstrative Komplexität auszuweichen. Damit steht „Es ist ein Ros entsprungen“ in einer Linie mit anderen Chorälen jener Zeit, die Glaubensinhalte nicht nur verkündeten, sondern meditativ erschlossen. Die Wirkungsgeschichte des Liedes reicht weit über das 17. Jahrhundert hinaus. Komponisten verschiedenster Epochen haben die Melodie aufgegriffen und neu interpretiert. Johannes Brahms integrierte sie in eines seiner späten Orgelchoralvorspiele, Hugo Distler schuf im 20. Jahrhundert expressive Chorsätze, und moderne Bearbeitungen – etwa in mehrschichtigen A-cappella-Fassungen – zeigen, wie wandlungsfähig dieses musikalische Material geblieben ist. Trotz aller stilistischen Veränderungen bleibt der Kern stets derselbe: die stille Verkündigung des göttlichen Wunders in einer einfachen, beinahe zerbrechlichen musikalischen Geste. So verbindet „Es ist ein Ros entsprungen“ mittelalterliche Bildwelt, reformatorische Liedkultur und jahrhundertelange musikalische Rezeption zu einem Werk von außergewöhnlicher Dichte. Es ist weniger ein festliches Jubellied als eine musikalische Meditation über das Geheimnis der Menschwerdung – zurückhaltend, innig und von zeitloser poetischer Kraft. Text (leicht modernisierte Fassung) Es ist ein Ros entsprungen auß einer Wurtzel zart, als uns die Alten sungen: auß Jesse kam die Art und hat ein Blümlein bracht mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht. Das Röselein, das ich meine, darvon Isaias sagt, ist Maria, die Reine, die uns das Blümlein hat bracht. Auß Gottes ewigem Rat hat sie ein Kindlein geboren und blieb eine reine Magd. Seitenanfang Michael Praetorius Mykola Leontovych Mykola Leontovych Das heute weltweit bekannte Chorstück, das im Video in englischer Sprache erklingt, geht auf das ukrainische Volkslied „Щедрик" zurück. Dieses Lied („Щедрий вечір" = „Großzügiger Abend“) ist ursprünglich kein Weihnachtsgesang, sondern ein traditioneller Neujahrsruf, der zum Jahreswechsel Glück, Wohlstand und Fülle für das kommende Jahr verheißt. Der ursprüngliche Text erzählt von einer Schwalbe, die ein Haus besucht und seinem Bewohner Reichtum und Gedeihen ankündigt – ein Bild tief verwurzelt in der vorchristlichen und volkstümlichen Symbolik Osteuropas. Die Melodie wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Mykola Leontovych (1877–1921) kunstvoll für Chor bearbeitet. Diese Fassung, entstanden zwischen 1914 und 1916, zeichnet sich durch ihr prägnantes Ostinato, ihre klare formale Anlage und ihre eindringliche rhythmische Spannung aus. Die Uraufführung erfolgte 1916 in Kyjiw. Gerade diese musikalische Konzentration machte das Werk außergewöhnlich wirkungsvoll und bereitete den Boden für seine internationale Verbreitung. International bekannt wurde das Werk erst nach dem Ersten Weltkrieg. In den USA erhielt es 1936 einen englischen Text von Peter J. Wilhousky (1902–1978) und wurde unter dem Titel „Carol of the Bells“ populär. Der neue Text hat keinen inhaltlichen Bezug zum ukrainischen Original, das von einem Glück verheißenden Schwalbenbesuch handelt. https://www.youtube.com/watch?v=SQadcm_dwEM Die im Video zu hörende Interpretation durch Chor Libera, in einem modernen Arrangement von Robert Prizeman (1952,–2021) steht ganz in dieser Rezeptionslinie. Sie verbindet die schlichte, eindringliche musikalische Substanz mit einem zeitgenössischen Klangideal und verankert das Werk eindeutig im weihnachtlichen Kontext, auch wenn seine Wurzeln klar im Neujahrsbrauchtum der Ukraine liegen. In der heute weltweit bekannten englischen Fassung „Carol of the Bells“ ist das ursprünglich ukrainische Neujahrslied „Щедрик“ zu einem festen Bestandteil der Weihnachtsmusik geworden. Dass das Stück u. a. im Film „Home Sweet Home Alone" („Allein zu Haus: Der Weihnachts-Coup“) verwendet wurde, erklärt seine enorme Reichweite – die musikalische Substanz jedoch stammt vollständig aus Leontovytschs genialer Bearbeitung von „Щедрик“. „Carol of the Bells" – deutscher Text (Übersetzung der englischen Fassung) Hört, wie die Glocken klingen, hell erklingt ihr Chor, künden allen Menschen Freude immerfort. Fröhlich tönt ihr Läuten, weit und breit erklingt’s, bringt die frohe Botschaft, die das Glück euch bringt. Frohlocket, Menschenkinder, macht euch nun bereit, denn die Weihnachtsfreude ist nicht mehr so weit. Glocken, Glocken klingen, klingen ohne Ruh, bringen gute Hoffnung jedem Herzen zu. Fröhlich, fröhlich, fröhlich, fröhlich klingt der Glockenchor, Weihnachtsfreude, Weihnachtsfreude dringt aus jedem Tor. Seitenanfang Messe de minuit à 4 voix, flûtes et violons, pour Noël Die Messe de minuit à 4 voix, flûtes et violons, pour Noël, H. 9 gehört zu den eindrucksvollsten und zugleich originellsten geistlichen Werken von Marc-Antoine Charpentier (1643–1704). Entstanden um 1694, steht diese Mitternachtsmesse exemplarisch für Charpentiers besondere Fähigkeit, liturgische Würde mit klanglicher Anschaulichkeit und unmittelbarer Festlichkeit zu verbinden. Vermutlich wurde sie für die Weihnachtsliturgie der Pariser Jesuitenkirche Saint-Louis komponiert, wo Charpentier als musikalischer Leiter wirkte und über ausgezeichnete vokale und instrumentale Mittel verfügte. https://www.youtube.com/watch?v=hFhoFZ1iRpA Das Besondere dieser Messe liegt in ihrer bewussten Einbindung traditioneller französischer Weihnachtslieder, der sogenannten noëls. Charpentier greift mehrere populäre Melodien auf, die im Frankreich des 17. Jahrhunderts weithin bekannt waren, und integriert sie kunstvoll in die festen Teile des Messordinariums. Diese Weisen erscheinen nicht bloß als dekorative Zitate, sondern werden motivisch verarbeitet, kontrapunktisch umgeformt und in den musikalischen Zusammenhang der jeweiligen Messteile eingebettet. So entsteht ein Werk, das einerseits tief in der Volksfrömmigkeit verwurzelt ist, andererseits aber höchsten kompositorischen Ansprüchen genügt. Die Besetzung unterstreicht diesen Charakter. Vier Singstimmen – die je nach Aufführung solistisch oder chorisch eingesetzt werden können – werden von Flöten, Streichern und Continuo begleitet. Der helle Klang der Flöten, oft eng mit den Violinen verflochten, verleiht der Messe eine pastorale, beinahe lichtdurchflutete Farbigkeit, die besonders gut zur nächtlichen Weihnachtsliturgie passt. Trotz der vergleichsweise kammermusikalischen Anlage wirkt das Werk nie kleinformatig; vielmehr entfaltet es eine feierliche Ruhe, die sich aus der Klarheit der Linien und der ausgewogenen Proportionen speist. Stilistisch steht die Messe de minuit in der Tradition der Parodiemesse, geht jedoch in ihrer Konzeption über das bloße Übertragen vorhandenen Materials hinaus. Charpentier gelingt es, den vertrauten Melodien eine neue geistliche Bedeutung zu verleihen, ohne ihren volkstümlichen Ursprung zu verleugnen. Gerade in dieser Spannung zwischen Bekanntem und Neuem, zwischen sakralem Rahmen und populärer Melodik liegt der nachhaltige Reiz des Werkes. In der heutigen Aufführungspraxis zählt die Messe zu den beliebtesten französischen Weihnachtskompositionen des Barock. Sie wird regelmäßig von Ensembles der historischen Aufführungspraxis aufgeführt und hat sich als fester Bestandteil des weihnachtlichen Repertoires etabliert. Ihre Wirkung beruht weniger auf äußerer Pracht als auf einer stillen, leuchtenden Festlichkeit – einer Musik, die den Zauber der Christnacht ebenso einfängt wie die geistige Tiefe der liturgischen Feier. Seitenanfang Marc-Antoine Charpentier Magnificat in D-Dur, BWV 243 Johann Sebastian Bachs Magnificat in D-Dur, BWV 243, gehört zu den repräsentativsten geistlichen Werken seines Leipziger Schaffens und entstand in seiner endgültigen Fassung um 1733. Bach (1685–1750) wählte mit D-Dur bewusst eine festlich strahlende Tonart, die den Einsatz von Trompeten und Pauken erlaubt und dem Lobgesang Mariens aus dem Lukasevangelium eine geradezu triumphale Klanggestalt verleiht. Die Komposition gliedert den lateinischen Text in eine Folge klar charakterisierter Einzelsätze für Chor, Solisten und Ensemble, wobei affektive Differenzierung und textbezogene Rhetorik beispielhaft ineinandergreifen. Jubelnde Chorsätze wie Magnificat anima mea oder Gloria Patri stehen neben hochkonzentrierten, oft kammermusikalisch durchleuchteten Solonummern wie Quia respexit oder Esurientes, in denen Bach Demut, Innigkeit und geistliche Sammlung mit größter Ökonomie der Mittel gestaltet. Obwohl der Text des Magnificat nicht unmittelbar zur Weihnachtsliturgie gehört, wurde Bachs Vertonung seit jeher eng mit dem Weihnachtsfest verbunden, da sie in Leipzig traditionell am ersten Weihnachtstag erklang und in ihrer festlichen D-Dur-Gestalt die theologische Freude über die Menschwerdung Christi klanglich vorwegnimmt. https://www.youtube.com/watch?v=41blIyHQ0hs&list=RD41blIyHQ0hs&start_radio=1&t=132s In der Interpretation von Nikolaus Harnoncourt erscheint das Werk in seiner ganzen historischen und theologischen Spannung. Harnoncourt versteht das Magnificat nicht als bloßes festliches Schaustück, sondern als dramatische Auslegung eines biblischen Textes, der soziale Umkehr, göttliche Macht und menschliche Niedrigkeit gleichermaßen thematisiert. Seine historisch informierte Lesart zeichnet sich durch schlanke Tempi, scharfe Artikulation und eine konsequente Textverständlichkeit aus. Chor und Solisten agieren nicht ornamental, sondern sprachlich präzise; jede musikalische Geste ist auf den Sinngehalt des Textes bezogen. Besonders in den kontrastreichen Abschnitten – etwa zwischen Deposuit potentes und Esurientes – wird Bachs kompositorische Dialektik von Macht und Demut mit eindringlicher Klarheit erfahrbar. Harnoncourts Deutung legt damit weniger Wert auf barocken Glanz als auf strukturelle Transparenz und geistige Durchdringung. Das Magnificat erscheint als ein Werk von großer innerer Beweglichkeit, in dem festliche Pracht und existenzielle Tiefe untrennbar verbunden sind – ganz im Sinne eines Bach, der musikalische Kunst stets als Auslegung des Wortes verstand. Seitenanfang Johann Sebastian Bach Heiligste Nacht Mit dem Weihnachtsgesang "Heiligste Nacht" schuf Johann Michael Haydn (1737–1806) eines seiner innigsten und zugleich wirkungsvollsten geistlichen Werke zur Weihnachtszeit. Die Komposition entstand in Salzburg, wo Haydn über Jahrzehnte als Hof- und Domorganist wirkte und das musikalische Leben der Stadt entscheidend prägte. Anders als viele repräsentative Festmusiken richtet sich Heiligste Nacht nicht auf äußeren Glanz, sondern auf stille Betrachtung und erzählerische Nähe zum Weihnachtsgeschehen. Der Text führt in meditativer Sprache in die Nacht der Geburt Christi. Er verbindet lyrische Ruhe mit einer sanften Dramaturgie, die nicht auf Kontraste oder dramatische Zuspitzung zielt, sondern auf inneres Erleben. Michael Haydn greift diese Haltung musikalisch auf, indem er klare, sangliche Melodien mit einer transparenten, ausgewogenen Begleitung verbindet. Die Musik wirkt bewusst schlicht, doch niemals einfach: Jede Wendung ist sorgfältig gesetzt, jede harmonische Bewegung dient dem Text. Charakteristisch für "Heiligste Nacht" ist Haydns Gespür für Zeit und Raum. Die musikalischen Abläufe sind weit gespannt, die Tempi ruhig, fast schreitend. Dadurch entsteht der Eindruck eines Innehaltens – als würde die Musik selbst den Atem anhalten vor dem Geheimnis der Menschwerdung. Besonders auffällig ist Haydns Fähigkeit, Wärme und Sanftheit zu erzeugen, ohne in Sentimentalität zu verfallen. Die Frömmigkeit bleibt zurückgenommen, ernsthaft und von leiser Freude getragen. https://www.youtube.com/watch?v=KkO9xJLkdl8 Stilistisch steht das Werk an der Schwelle zwischen Spätbarock und Klassik. Die klare Periodik und die ausgewogene Harmonik verraten den klassisch geschulten Komponisten, während die tiefe Textbindung und der kontemplative Charakter noch stark in der barocken Andachtstradition verwurzelt sind. Gerade diese Verbindung macht Heiligste Nacht so zeitlos: Die Musik spricht unmittelbar an, ohne historisch fern zu wirken. Im Kontext der Weihnachtsmusik nimmt "Heiligste Nacht" eine besondere Stellung ein. Es ist kein Werk des lauten Jubels, sondern eines der stillen Vorbereitung – geeignet für den Abend vor dem Fest, für die Sammlung vor der Mitternachtsmesse oder für das private Hören. Michael Haydn zeigt hier eindrucksvoll, dass wahre Wirkung nicht aus Größe oder Lautstärke entsteht, sondern aus Maß, Klarheit und innerer Wahrhaftigkeit. Heiligste Nacht ist damit ein Beispiel für jene leise Größe, die Michael Haydns geistliche Musik insgesamt auszeichnet: Musik, die nicht überwältigt, sondern begleitet – und gerade dadurch lange nachklingt. Text 1. Heiligste Nacht! Heiligste Nacht! Finsternis weichet, es glänzet hienieden. Harfen verbreiten den süssesten Klang. Engel erscheinen, verkünden den Frieden, lieblich ertönet ihr froher Gesang. Christen, erwachet und kommet geschwind, folget den Hirten, die eifriger sind, eilet nach Bethlehem, seht euer Diadem, hier liegt das Kind. 2. Göttliches Kind! Göttliches Kind! Nacht ist vergangen, nun strahlt uns ein Morgen. Gott hat sich unser in Liebe erbarmt. Wir sind in Gnade und Güte geborgen, Gott hat die Welt, hat die Menschen umarmt. Geht nun zur Krippe und sehet das Kind, sehet die Hirten, wie freudvoll sie sind. Jubelt und singt dem Herrn, den Welt und Himmel ehrn. Halleluja! CD-Vorschlag Weihnachten in Wien, Wiener Sängerknaben, Ambassade Orchester Wien, Leitung Gerald Wirth (* 1965), DECCA, 1999, Track 2. Seitenanfang Johann Michael Haydn Veni, veni Emmanuel Veni, veni Emmanuel ist eine der eindringlichsten Antiphonen der Adventszeit und gehört zum ältesten Kernbestand der lateinischen Liturgie. Ihr Ursprung liegt im mittelalterlichen Gregorianischen Choral, vermutlich im 12. Jahrhundert. Der Text greift die sogenannten O-Antiphonen (17.–23. Dezember) auf, in denen Christus mit alttestamentlichen Hoheitstiteln angerufen wird. Die Antiphon bündelt diese Erwartung in einer einzigen, klagend-hoffenden Bitte: das Kommen des Erlösers. Musikalisch ist Veni, veni Emmanuel von schlichter, archaischer Kraft. Die einstimmige Melodie bewegt sich in ruhigen, schmalen Intervallen und verzichtet auf jede äußerliche Zier. Gerade diese Zurückhaltung verleiht dem Gesang seine Tiefe: Die Trauer über die Gefangenschaft Israels und die Sehnsucht nach Erlösung werden nicht dramatisiert, sondern getragen und ausgehalten. Der wiederkehrende Ruf Gaude, gaude! wirkt dabei nicht als ausgelassener Jubel, sondern als verhaltene Verheißung – Freude, die noch nicht erfüllt, aber bereits gewiss ist. Inhaltlich verbindet die Antiphon Exil und Hoffnung. Emmanuel – „Gott mit uns“ – wird als der Erwartete angerufen, der die Trennung zwischen Gott und Mensch überwindet. Der Text hält die Spannung des Advents exemplarisch fest: Klage und Trost, Dunkelheit und Verheißung stehen unaufgelöst nebeneinander. Genau darin liegt seine zeitlose Wirkung. Bis heute bildet Veni, veni Emmanuel einen geistlichen Gegenpol zur weihnachtlichen Festlichkeit. Es ist Musik des Wartens, der Sammlung und der inneren Vorbereitung – nicht des erfüllten Festes, sondern der stillen Erwartung. https://www.youtube.com/watch?v=xRi1GDoaQu4 Deutsche Übersetzung Komm, komm, Emmanuel, erlöse dein gefangenes Israel, das seufzt in der Verbannung und der Nähe des Gottessohnes beraubt ist. Komm, komm, o Herr, der du deinem Volk auf dem Sinai das Gesetz gegeben hast in erhabener Herrlichkeit. Komm, komm, o Spross aus der Wurzel Jesse, der du als Zeichen für die Völker stehst; vor dir werden die Könige verstummen, dich werden die Nationen anflehen. Komm, komm, o Schlüssel Davids, der du öffnest und niemand schließt, der du schließt und niemand öffnet; komm und führe den Gefangenen aus dem Kerker, der im Dunkel sitzt. Komm, komm, o Aufgang aus der Höhe, tröste uns durch dein Kommen, vertreibe die Nebel der Nacht und die finsteren Schatten des Todes. Seitenanfang Veni, veni Emmanuel Eintritt in den Klangraum CD Orlando di Lasso, Choral Music, The Choir of Christ Church Cathedral, Oxford, Leitung Stephen Darlington (* 1952), Nimbus, 1987: https://www.youtube.com/watch?v=LTQMrKMJpxM&list=OLAK5uy_kreGU3yRija6p5OlXnicOMppcBaTgvM18&index=2 Diese Aufnahme gehört nicht zu jenen musikalischen Dokumenten, die sich dem Hörer anbieten, um Bewunderung einzufordern. Sie glänzt nicht, sie fordert nichts, sie tritt nicht vor. Sie klingt, als wäre sie schon da – und wir dürften eintreten. Wer diese Musik nur hört, um Polyphonie zu erleben, wird ihre Schönheit erfassen, aber nicht ihr Wesen. Denn diese Nimbus-CD ist keine Demonstration, keine Leistungsschau historischer Vokalkultur, sondern ein still gedeckter Tisch, auf dem etwas liegt, das nicht erklärt, sondern aufgenommen werden will. Die Musik Lassos, so wie sie hier erklingt, will nicht beeindrucken – sie will atmen. Sie geschieht nicht in der Absicht zu gefallen, sondern in der Haltung des Gebets, auch dort, wo der Text weltlich scheint. Der Klang erhebt sich nicht – er senkt sich in die Stille. Und der Hörer, der dies nicht konsumierend, sondern empfangend hört, bemerkt plötzlich, dass Polyphonie nicht Klangfülle, sondern Raum für Gegenwart ist. Man kann diese CD hören wie ein Konzert. Man kann sie aber auch nicht „anhören“, sondern mit ihr verweilen wie mit einer stillen Gemeinschaft. In diesem Hören wird Musik nicht mehr Werk, sondern Weg. Wer nur Schönheit sucht, wird verweilen. Wer Stille sucht, wird bleiben. Seitenanfang Orlando di Lasso Collegium Aureum Die Collegium-Aureum-Edition vereint ein Repertoire, das den Kern der europäischen Musik des 17. und 18. Jahrhunderts abbildet. Vertreten sind unter anderem Claudio Monteverdi (1567–1643) und Heinrich Schütz (1585–1672) als Wegbereiter der barocken Klangsprache, Heinrich Ignaz Franz Biber (1644–1704), Johann Heinrich Schmelzer (ca. 1620–1680) und Georg Muffat (1653–1704) für den süddeutsch-österreichischen Raum, Arcangelo Corelli (1653–1713) und Antonio Vivaldi (1678–1741) für Italien, Jean-Baptiste Lully (1632–1687) und François Couperin (1668–1733) für Frankreich sowie Henry Purcell (1659–1695) für England. Einen zentralen Platz nehmen außerdem Georg Philipp Telemann (1681–1767), Georg Friedrich Händel (1685–1759) und Johann Sebastian Bach (1685–1750) ein, deren Werke hier in frühen, stilistisch wegweisenden historisch informierten Interpretationen begegnen. Damit spannt die Edition einen großen Bogen von der frühbarocken Vokal- und Instrumentalmusik bis zur Hochblüte des Barock. Sie ist weniger eine Sammlung spektakulärer Einzelwerke als eine klug kuratierte musikalische Bibliothek, die stilistische Vielfalt, historische Tiefe und klangliche Noblesse auf exemplarische Weise verbindet – genau darin liegt ihr bleibender Wert. https://www.youtube.com/watch?v=usPqzzHh280&list=OLAK5uy_nAIfoo18f_GrSYXrhZTQLYfbDW43Jz04o&index=2 Das Collegium Aureum entstand Ende der 1960er-Jahre im Umfeld von Franzjosef Maier (1936–2014) und wurde vor allem durch seine Einspielungen für Deutsche Harmonia Mundi bekannt. Viele Aufnahmen dieser Edition entstanden in den 1970er- und frühen 1980er-Jahren und waren ihrer Zeit voraus: gespielt wurde auf historischen Instrumenten oder originalgetreuen Nachbauten, mit einem bewussten Blick auf Quellen, Besetzungsfragen und barocke Klangrhetorik – noch bevor sich die „HIP-Bewegung“ endgültig etabliert hatte. Die 10-CD-Edition wirkt heute wie ein klingendes Kompendium: keine spektakuläre Virtuosität, kein demonstratives Tempo, sondern ein warmer, kultivierter Klang, große innere Ruhe und ein tiefes Verständnis für musikalische Architektur. Besonders beeindruckend ist die Selbstverständlichkeit, mit der sich französische, italienische und deutsch-österreichische Musik nebeneinander entfalten dürfen – stets getragen von stilistischer Disziplin und großer musikalischer Noblesse. Für Hörer ist diese Box geradezu ideal: Sie ist keine Sammlung von „Hits“, sondern eine musikalische Bibliothek. Viele dieser Aufnahmen haben bis heute Referenzcharakter, nicht weil sie modern klingen, sondern weil sie musikalisch wahrhaftig sind. Man hört ihnen an, dass hier nicht Effekt, sondern Substanz gesucht wurde. Seitenanfang Collegium Aureum Cristóbal de Morales: Motette Veni Domine, et noli tardare Cristóbal de Morales (1500–1553) entfaltet in seiner Motette Veni Domine, et noli tardare ein polyphones Satzgewebe, das exemplarisch die hochentwickelte römisch-iberische Stilistik der mittleren Renaissance verkörpert. Die vierstimmige Faktur (SATB) basiert auf einem modal organisierten Tonsatz, der meist im dorischen Bereich verankert ist und durch eine kontinuierliche, streng kontrollierte Stimmführung geprägt wird. Morales arbeitet im eröffnenden Abschnitt Veni Domine mit einer charakteristischen Kopfmotivik: einer kurzen, aufwärts gerichteten Motivzelle, die unmittelbar in eine enggeführte Sekundbewegung mündet. Dieses Motiv erscheint imitatorisch versetzt zunächst im Sopran, dann im Alt, gefolgt vom Tenor und abschließend vom Bass; der imitatorische Abstand ist knapp bemessen, sodass früh ein dichtes kontrapunktisches Gefüge entsteht, das trotz seiner Polyphonie eine bemerkenswerte Textdeutlichkeit bewahrt. Die lineare Faktur ist bei Morales weniger gläsern und neutral als bei Palestrina: Die melodischen Konturen sind leicht asymmetrisch, die Intervalle häufig schrittweise geführt, doch bei rhetorisch signifikanten Textstellen mit kalkulierten Terz- und Quartgriffen versehen, wodurch die expressive Energie des adventlichen Gebets subtil gesteigert wird. https://www.youtube.com/watch?v=dlvSw9EcVwY Der Abschnitt et noli tardare markiert eine polyphone Intensivierung, die Morales durch Engführungstechniken und gesteigerte Dissonanzfrequenz erreicht. Die Stimmen treten in engeren zeitlichen Abständen ein, die Zwischenräume zwischen den imitatorischen Kopfeinsätzen verkürzen sich, und die kontrapunktische Linienführung verdichtet sich zu einem beinahe kontinuierlichen Netz aus vorbereiteten und sofort aufgelösten Vorhaltsdissonanzen. Dieses Verdichtungsprinzip fungiert als klangliche Entsprechung zur semantischen Dringlichkeit des Textes („und zögere nicht“). Der folgende Vers relaxare fac vincula plebis tuae ist eines der eindrucksvollsten Beispiele für die rhetorische Textbehandlung Morales’: Die Intervalle verengen sich zunächst zu eng gesetzten Sekundreibungen, die musikalisch die „Fesseln“ (vincula) symbolisieren; darauf folgt eine deutliche Erweiterung des Tonsatzes, in dem sich die Stimmen voneinander lösen und der polyphone Raum wieder geweitet wird – ein kunstvolles musikalisches Bild des „Lösens“ und „Befreiens“. Der zweite, dreigliedrige Teil – qui lapsus est, respice; et qui cecidit, erige; et qui errat, revoca – ist polyphon auf höchstem Niveau rhetorisch differenziert. Morales gestaltet die drei Bitten als sequenzielle Mikrostrukturen, die jeweils eine spezifische musikalische Kontur besitzen: Auf qui lapsus est („wer gefallen ist“) sinken die Stimmverläufe deutlich ab, oft in parallelen, schrittweisen Bewegungen der Mittelstimmen; auf et qui cecidit, erige („richte den Gestürzten auf“) kehrt er dieses Bewegungsprinzip vollständig um, indem er die Melodielinien mit aufwärts zielender Intervallspannung versieht, bevorzugt über Terz- und Quartschritte, welche die motivische Wiederaufrichtung hörbar beglaubigen. In et qui errat, revoca („führe den Irrenden zurück“) arbeitet Morales mit einer leicht oszillierenden, suchenden Linienführung, bei der die Stimmen den modalen Zentralton kurz verlassen und dann in enggeführter Imitation zu ihm zurückkehren. Diese klangliche Rückkehr ist nicht bloß ein kontrapunktisches Verfahren, sondern eine musikalische Metaphorik theologischer Heimführung – exemplarisch für die anthropologisch geprägte Ausdrucksästhetik der hispanischen Renaissance. Der Schlussabschnitt realisiert eine graduelle Texturauflockerung: Die Dissonanzdichte nimmt ab, die Phrasen verlängern sich, und die Stimmen konvergieren zunehmend auf einen homorhythmisch stabilisierten Schlusspunkt. Morales verzichtet bewusst auf eine spektakuläre Kadenz; stattdessen führt er den modalen Satz in eine ruhige, beinahe kontemplative Ausgleichslage zurück, die der liturgischen Funktion der Motette vollkommen entspricht. Veni Domine, et noli tardare endet nicht in Erfüllung, sondern im Zustand einer geistlichen Erwartung, die musikalisch als balancierte Ruhe, theologisch jedoch als offener Adventsmodus zu verstehen ist. Lateinischer Text Veni, Domine, et noli tardare; relaxare fac vincula plebis tuae. Qui lapsus est, respice; et qui cecidit, erige; et qui errat, revoca. Deutsche Übersetzung Komm, o Herr, und zögere nicht; löse die Fesseln deines Volkes. Auf den Gefallenen blicke herab; den Gestürzten richte wieder auf; und den Irrenden führe zurück. Seitenanfang Cristóbal de Morales Pavane pour une infante défunte Maurice Ravel (1875–1937) komponierte seine Pavane pour une infante défunte 1899 zunächst für Klavier – ein elegisches Charakterstück, das bewusst an den höfischen Tanz der spanischen Renaissance anknüpft. Der Titel ist kein Hinweis auf ein reales Ereignis, sondern eine poetische Fantasie: Ravel wollte sich lediglich vorstellen, wie eine „Pavane für eine verstorbene Infantin“ klingen könnte. Das Werk lebt von seiner schwebenden Melancholie, von der feinen Schattierung der Dynamik und von einer Melodie, die in stiller Würde durch die weit ausgehörten Klangräume schreitet. Die Pavane verbindet klassische Klarheit mit impressionistischer Farbigkeit und gehört seit ihrer Entstehung zu Ravels populärsten Stücken. https://www.youtube.com/watch?v=UIXe7H52UkA Seong-Jin Cho (* 1994) gilt seit seinem Sieg beim Internationalen Chopin-Wettbewerb 2015 als einer der markantesten Pianisten seiner Generation. Er verbindet technische Makellosigkeit mit einer Ästhetik, die gleichermaßen kontrolliert, poetisch und stilistisch präzise ist. Cho arbeitet bevorzugt mit transparentem Klang, subtilen Farben und einem beinahe kammermusikalischen Verständnis von Linie und Atem. Weltweit gefragt, hat er sich durch seine Einspielungen von Debussy, Ravel und Chopin als herausragender Interpret französischer Klangkunst etabliert. In seiner Interpretation der Pavane pour une infante défunte nimmt Cho den elegischen Charakter des Stücks mit exemplarischer Ruhe auf. Der Klang bleibt stets weich modelliert, niemals schwer, und die innere Spannung entsteht aus feinsten Abstufungen des Tempos und der Phrasierung. Die Melodie wirkt wie eine schwebende Erinnerung, getragen von einer vollkommen kontrollierten, fast durchsichtigen Anschlagskultur. Cho zeigt, dass Ravel hier keine Trauermusik komponierte, sondern ein zartes, nostalgisches Portrait – ein musikalischer Blick zurück in eine Welt höfischer Anmut, den der Pianist mit großer Sensibilität einfängt. Seitenanfang Maurice Ravel Palestrinas Stabat Mater Die zweichörige Motette Stabat Mater von Giovanni Pierluigi da Palestrina gehört zu den stillsten und zugleich eindrucksvollsten Klangikonen der römischen Renaissance. In acht Stimmen entfaltet sich eine feierlich-ruhige Klangarchitektur, in der zwei Chöre wie im Gebet aufeinander antworten und den Schmerz Marias unter dem Kreuz in reiner, strahlender Harmonie nachzeichnen. Das Werk, lange Zeit ein Geheimstück der Sixtinischen Kapelle und nur am Karfreitag gesungen, beeindruckt bis heute durch seine noble Schlichtheit und seine leuchtende, fast zeitlose Ruhe. Eine besonders eindrucksvolle moderne Interpretation bietet das Ensemble VOCES8, das die Transparenz und innere Ruhe dieser Musik mit außergewöhnlicher Klarheit und feinsinniger Balance zum Leuchten bringt. https://www.youtube.com/watch?v=sLkLhZXCmmo Eine ausführlichere Darstellung dieser Motette – einschließlich Entstehung, Textfassung und stilistischer Einordnung – findet sich direkt bei Palestrina unter Motetten. Seitenanfang Giovanni Pierluigi da Palestrina Tomás Luis de Victoria (1548–1611) – O vos omnes (Responsorium für Karsamstag, aus dem Officium Hebdomadae Sanctae, Rom 1585), Tenebrae – Leitung: Nigel Short (* 1965) https://www.youtube.com/watch?v=n0NyxdS4Zhw Victorias O vos omnes gehört zu jenen kurzen, aber tief eindringlichen Responsorien der Karwochenliturgie, die ihr ganzes Gewicht aus der Intensität weniger Takte schöpfen. In der Interpretation des Ensembles Tenebrae unter Nigel Short erhält die Komposition jene schwebende Transparenz, die Victorias Handschrift besonders auszeichnet: eine archaisch wirkende Klarheit, die dennoch von tiefer Emotion getragen ist. Der Satz lebt von ruhigen Stimmverläufen, langen Atemzügen und jenem typisch iberischen Ausdruck des Leidens, der nie in Dramatik ausbricht, sondern sich innerlich verdichtet. Die Musik beginnt mit einer fast unbewegten Akkordfolge, die den Blick der Hörenden unmittelbar auf den Text lenkt: den Aufruf an die Vorübergehenden, für einen Augenblick stehen zu bleiben und das Leiden des Gerechten zu betrachten. Victoria gestaltet diese Worte mit einer Mischung aus asketischer Strenge und einer fast körperlichen Wärme des Klanges. Besonders berührend ist der Moment, in dem die Stimmen den zentralen Satz Si est dolor similis sicut dolor meus umkreisen: Die Harmonik wird dichter, die Intervalle enger, als würde das Leid zu einem einzigen, in sich versenkten Atemzug. Tenebrae formt diesen Satz mit großer Ruhe, vollkommen kontrollierter Dynamik und einem geradezu überirdischen Legato. Die Linien verschmelzen zu einer Klangfläche, die nicht drückt, sondern trägt. Dadurch entfaltet sich jene spirituelle Intensität, für die Victoria berühmt ist: Eine Traurigkeit, die zugleich Trost spendet; ein Schmerz, der nicht schreit, sondern bittet, verstanden zu werden. Lateinischer Text O vos omnes, qui transitis per viam, attendite et videte, si est dolor similis sicut dolor meus. Deutsche Übersetzung O ihr alle, die ihr des Weges kommt, bleibt stehen und schaut hin: ob irgendein Schmerz dem meinen gleicht. Seitenanfang Tomás Luis de Victoria Georg Friedrich Händel (1685–1759): The Coronation Anthems – festliche englische Kirchenmotetten (HWV 258–261) Als Georg Friedrich Händel (1685–1759) im Jahr 1727 die Aufgabe erhielt, für die Krönung von King George II (1683–1760) vier großangelegte Anthems zu komponieren, war dies eine der bedeutendsten öffentlichen Auftragskompositionen seiner Karriere. Die Feierlichkeiten am 11. Oktober 1727 in der Westminster Abbey verlangten Musik, die gleichermaßen königliche Pracht, religiöse Erhabenheit und festliche Anrufung ausdrücken konnte. Händels Antwort war ein Werkzyklus von monumentaler Klangfülle, der bis heute als Inbegriff britischer Krönungsmusik gilt und seit 1727 bei nahezu jeder Krönung wieder erklang. Die Kombination aus strahlender Orchesterbesetzung, machtvollem Chor und der Verwendung biblischer Texte aus dem First Book of Kings sowie aus den Psalmen lassen die Anthems wie eine musikalische Apotheose monarchischer Würde und sakraler Erhebung erscheinen. Die Einspielung mit The Sixteen unter Harry Christophers (* 1953) gehört zu den künstlerisch eindrucksvollsten modernen Interpretationen. Sie verbindet vokale Klarheit, flexible Tempi, raffiniert gewichtete Klangbalance und ein überwältigendes Verständnis für Händels dramaturgische Architektur: https://www.youtube.com/watch?v=vAyVVqseYZo 1. Zadok the Priest, HWV 258 Kein anderes Werk Händels hat eine vergleichbare ikonische Wirkung entfaltet wie dieses Anthem, dessen orchestraler Auftakt mit langsam wachsender Spannung und anschließender Chorexplosion längst zu einem musikalischen Symbol britischer Staatlichkeit geworden ist. Händel entfaltet aus einem scheinbar unbeweglichen Klangfeld heraus eine gewichtige Harmoniefläche; das Orchester steigert sich schrittweise, bis der Chor mit der Macht eines akustischen Donners einsetzt: Zadok the priest, and Nathan the prophet anointed Solomon king. Die Musik evoziert die Salbung des Königs als göttlich legitimierten Akt und verbindet alttestamentliche Würde mit barocker Festlichkeit. In den folgenden Abschnitten steigert sich das Werk zu einem Jubelstrom, der sich in der vielgeteilten Schlussformel Amen, alleluia zu höchster musikalischer Strahlkraft verdichtet. Englischer Text Zadok the priest And Nathan the prophet Anointed Solomon king. And all the people rejoiced, and said: God save the King! Long live the King! God save the King! May the King live forever. Amen, amen, alleluia, alleluia, amen. Deutsche Übersetzung Zadok, der Priester, und Nathan, der Prophet, salbten Salomo zum König. Und das ganze Volk jauchzte und rief: Gott schütze den König! Lang lebe der König! Gott schütze den König! Der König lebe für immer. Amen, amen, Halleluja, Halleluja, amen. 2. Let Thy Hand Be Strengthened, HWV 259 Dieses zweite Anthem besitzt einen stärker kontemplativen, aber dennoch festlichen Ton. Händel betont die theologische Dimension königlicher Macht: Stärke, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Wahrheit erscheinen nicht als weltliche Eigenschaften, sondern als göttliche Gaben. Der musikalische Satz ist von eleganter Strenge, klare melodische Linien stehen im Vordergrund, und die Chorpolyphonie wird von kraftvollen homophonen Passagen durchbrochen. Das abschließende Alleluia ist kurz, aber strahlend – wie eine bündige Bekräftigung der göttlichen Legitimation königlicher Herrschaft. Englischer Text Let thy hand be strengthened, and thy right hand be exalted. Let justice and judgment be the preparation of thy seat. Let mercy and truth go before thy face. Alleluia. Deutsche Übersetzung Es werde deine Hand gestärkt und deine Rechte erhoben. Gerechtigkeit und Gericht seien das Fundament deines Thrones. Barmherzigkeit und Wahrheit gehen vor deinem Angesicht her. Halleluja. 3. The King Shall Rejoice, HWV 260 Das dritte Anthem ist musikalisch das glänzendste der vier und verbindet triumphale Kraft mit feiner orchestraler Eleganz. Händel greift Worte aus Psalm 21 auf und zeichnet ein idealisiertes Bild des Königs, dessen Freude aus göttlicher Stärke und Schutz erwächst. Der Chor jubiliert im eröffnenden Satz The King shall rejoice, während das Orchester mit festlich tanzenden Gesten antwortet. Besonders eindrucksvoll ist die Passage Thou hast set a crown of pure gold upon his head: Ein majestätischer Klangraum entsteht, der förmlich die goldene Krone hörbar macht. Das abschließende Alleluia entfaltet sich mit voller, unerschütterlicher Klangpracht. Englischer Text The King shall rejoice in thy strength, O Lord; and exceeding glad shall he be of thy salvation. Thou hast given him his heart’s desire and hast not withholden the request of his lips. Glory and great worship hast thou laid upon him. Thou hast prevented him with the blessings of goodness and hast set a crown of pure gold upon his head. Alleluia. Deutsche Übersetzung Der König freut sich über deine Stärke, o Herr, und sehr froh ist er über deine Rettung. Du hast ihm seines Herzens Wunsch erfüllt und das Verlangen seiner Lippen nicht abgewiesen. Ehre und Würde hast du auf ihn gelegt. Du bist ihm mit dem Segen des Guten entgegengekommen und hast ihm eine Krone reinen Goldes auf das Haupt gesetzt. Halleluja. 4. My Heart Is Inditing, HWV 261 Das vierte Anthem ist das längste und zugleich lyrischste. Händel verwendet Verse aus Psalm 45, einem „Hochzeitspsalm“, der die königliche Braut beschreibt. Dieses Anthem wurde während der Zeremonie beim Einzug der Königin gesungen, weshalb der Text die weibliche Würde besonders hervorhebt. Die Musik ist anmutig, farbenreich und melodisch opulent. Händel entfaltet eine warm leuchtende Klangsprache, die die königliche Braut in majestätischem Licht erscheinen lässt. Besonders eindrucksvoll ist der Abschnitt Upon thy right hand did stand the Queen in vesture of gold, in dem der Chor wie ein musikalischer Hofstaat klingt. Der spätere Vers Kings shall be thy nursing fathers erhält eine ruhige, nach innen gewandte Deutung, in der Händel die Vorstellung königlicher Schutzpflicht in eine zarte, beinahe pastoral anmutende Klangwelt versetzt. Englischer Text My heart is inditing of a good matter: I speak of the things which I have made unto the King. Kings’ daughters were among thy honourable women. Upon thy right hand did stand the Queen in vesture of gold and all glorious within. Hearken, O daughter; consider, incline thine ear. The King shall have pleasure in thy beauty. Kings shall be thy nursing fathers, and queens thy nursing mothers. Deutsche Übersetzung Mein Herz dichtet von einer schönen Sache: Ich spreche von dem, was ich dem König bereitet habe. Königstöchter standen unter deinen edlen Frauen. Zu deiner Rechten stand die Königin, in goldener Gewandung und innerlich strahlend. Höre, o Tochter, bedenke und neige dein Ohr. Der König wird Gefallen an deiner Schönheit haben. Könige werden deine nährenden Väter sein, und Königinnen deine pflegenden Mütter. CD-Vorschlag: G. F. Händel: Coronation Anthems. The Sixteen unter der Leitung von Harry Christophers (* 1953). CORO, COR16066, ℗ 2009 The Sixteen Productions Ltd., erschienen am 02.02.2009. (Tracks 2 bis 5, 10 bis 14 und 16 bis 18) https://www.youtube.com/watch?v=cfQuWlfRmq0&list=OLAK5uy_nzUPah-9VRU8z9TJ9oKBtipzhJ9UYqEys&index=1 Seitenanfang Georg Friedrich Händel William Byrds Motette „Ne irascaris, Domine - Civitas sancti tui“ William Byrd (* um1543 – † 5. Juli 1623) zählt zu den schöpferisch eindrucksvollsten und zugleich widersprüchlichsten Gestalten der englischen Renaissance. Er wuchs in einer Epoche konfessioneller Umbrüche auf und fand dennoch eine eigene musikalische Sprache von außergewöhnlicher geistiger Intensität und struktureller Kühnheit. Als Gentleman der Chapel Royal stand er im Dienst der Krone, doch sein künstlerisches Herz schlug weiterhin für den verbotenen katholischen Ritus. In diesem Spannungsfeld zwischen öffentlicher Loyalität und privater Glaubensüberzeugung entstanden seine bedeutendsten Werke: die großen lateinischen Motetten, die er – oft unter ernsten persönlichen Risiken – für die im Untergrund lebenden katholischen Gemeinden schrieb. Byrds Musik lebt von einer seltenen Verbindung aus Feinheit des Satzes, rhetorischer Klarheit und emotionaler Schärfe. Seine Motetten greifen häufig auf biblische Texte zurück, die das Leiden eines verfolgten Volkes beschreiben – Texte, die in seiner Zeit als verschlüsselte Selbstinterpretation der bedrängten englischen Katholiken verstanden wurden. Keine andere englische Musik des 16. Jahrhunderts spiegelt so deutlich die inneren Brüche, Hoffnungen und Ängste dieser Gemeinschaft wider wie die seine. Die Motette „Ne irascaris, Domine - Civitas sancti tui“ gehört zu seinen bekanntesten und am häufigsten aufgeführten. Sie erschien erstmals 1589 in der Sammlung Cantiones Sacrae I. https://www.youtube.com/watch?v=Wo8qfyK9c3c Der Text stammt aus dem Alten Testament (Jesaja 64, 9) und spricht von Zorn, Sühne, Verlassenheit – Bild für das Exil Israels nach dem Untergang Jerusalems. Für die katholische Untergrundgemeinde im England Byrds war dieser Text zugleich Anklage und Klage über das Schicksal ihrer Kirche. Latein (Vulgata) Ne irascaris, Domine, satis, et ne ultra memineris iniquitatis nostrae. Ecce, respice: populus tuus omnes nos. Civitas sancti tui facta est deserta. Sion deserta facta est, Jerusalem desolata est. Zeitgemäße deutsche Übersetzung: „Sei nicht übermäßig zornig, Herr, und gedenke nicht länger unserer Schuld. Sieh doch hin: wir alle sind dein Volk. Die Stadt deines Heiligen ist zur Wüste geworden. Zion wurde zur Öde, Jerusalem liegt verwüstet.“ Musikalisch ist die Motette ein Meisterwerk expressiver Zurückhaltung: Der Beginn führt mit dunklen, tiefen Stimmen und erinnert in Stimmung und Stimmungslage an eine getragene Trauer. Eine homophone Stelle bei „Ecce“ („Sieh!“) richtet die Aufmerksamkeit eindringlich auf das Volk in Elend; anschließend setzt imitierender Satz ein für „populus tuus omnes nos“ („dein Volk sind wir alle“). Der Übergang zur zweiten Hälfte („Civitas sancti tui …“) beginnt ruhig und unscheinbar, steigert sich aber zu einem dramatischen Ausdruck innerer Verlassenheit: Der Choral verdichtet sich – gerade auch durch eine lange Sequenz verzweifelter „desolata est“-Wiederholungen – zu einem Klangbild von Ruinen und Exil. Trotz (oder gerade wegen) der zurückhaltenden, nahezu kontemplativen Tonsprache – ohne starke Dissonanzen und ohne explizite Moll-Kadenz – gelingt Byrd eine eindrückliche musikalische Darstellung des Textschlusses, die mit ihrer stillen, resignativen Stimmung bis heute tief berührt. Seitenanfang William Byrd Konzert für zwei Violinen in d-Moll Johann Sebastian Bachs (1685–1750) Konzert für zwei Violinen in d-Moll, BWV 1043 gehört zu den kostbarsten Schöpfungen seines instrumentalen Œuvres. Seine Berühmtheit verdankt es nicht allein der vollendeten Balance zwischen polyphoner Strenge und melodischer Innigkeit, sondern vor allem dem einzigartigen Dialog zweier Violinen, die einander in ständig wechselnden Konstellationen begegnen: einmal als gleichberechtigte Partner, dann wieder als kontrastierende Charaktere, oder schließlich als zwei Stimmen, die sich zu einer einzigen Klanggestalt verweben. Besonders im zweiten Satz, dem largo ma non tanto, erreicht Bach eine Tiefe und Innigkeit, die innerhalb der barocken Konzertliteratur ihresgleichen sucht. Über einem unablässig schreitenden, beinahe meditativen Continuo entfalten die beiden Violinen eine kantable, in sich kreisende Melodik, die den Hörer unmittelbar in einen Zustand zarter, fast zeitlos wirkender Kontemplation versetzt. Eine der bedeutendsten und bis heute exemplarischen Interpretationen stammt von Yehudi Menuhin (1916–1999) und David Oistrach (1908–1974), zwei Giganten des 20. Jahrhunderts, deren künstlerische Welten eigentlich unterschiedlicher kaum sein könnten. Menuhin verkörperte den suchenden, spirituell weit geöffneten Musiker, der aus jedem Ton eine innere Wahrheit herauszuhören versuchte; Oistrach hingegen stand für technische Vollendung, warme Klangfülle und jenes souveräne Gleichmaß, das aus tief empfundener Musikalität erwuchs. Wenn sich diese beiden Temperamente im Doppelkonzert begegnen, entsteht ein Spannungsbogen zwischen Expressivität und Ruhe, zwischen luzider Linienführung und großzügigem Gesangston, der das Werk in einer Weise aufschließt, die weit über den historischen Konzertstil hinausreicht. https://www.youtube.com/watch?v=DJh6i-t_I1Q Ihre gemeinsame Einspielung – entstanden im Rahmen der legendären Zusammenarbeit zwischen sowjetischen und westlichen Musikern in den 1960er-Jahren – ist nicht nur ein musikalisches Dokument von höchstem Rang, sondern auch ein Symbol einer seltenen künstlerischen Begegnung. Der Klang beider Violinen verbindet sich zu einer nahezu idealen Verschmelzung: Menuhin mit seinem silbrigen, fast ätherischen Timbre, Oistrach mit seiner goldenen, warmen Tongebung. Im ersten Satz entsteht daraus eine lebendige, von spontaner Energie getragene Polyphonie, deren Stimmen sich mit spielerischer Eleganz in- und umeinander bewegen. Der langsame Satz wird zum Herzstück: ein Dialog des Atmens, des Hörens, des Antwortens, getragen von großer innerer Ruhe. Der Finalsatz schließlich zeigt beide Solisten in vollendeter Virtuosität, jedoch stets im Dienste der Musik, ohne jede äußerliche Brillanz. Diese Aufnahme gilt nicht zufällig als Referenz für Generationen von Hörern und Geigern. Sie vereint zwei völlig verschiedene Persönlichkeiten zu einer Interpretation, die von tiefer gegenseitiger Wertschätzung getragen ist und so einen besonderen Zauber entfaltet. Für jede Sammlung und jede Webseite, die sich seriös mit Klassik befasst, gehört diese Einspielung des Doppelkonzerts ohne Einschränkung zu den unverzichtbaren Empfehlungen. Seitenanfang Johann Sebastian Bach Auf dem Gebirge Heinrich Schütz (1585–1672) steht wie eine monumentale Gestalt an der Schwelle zwischen Renaissance und Barock, als ein Musiker, der die Ausdruckskraft der deutschen Sprache in der Musik neu definierte. Sein Lebensweg beginnt in Kassel, wo man seine außergewöhnliche Begabung früh erkannte und ihn gefördert hat. Entscheidend wurde jedoch seine Ausbildung in Venedig, zunächst bei Giovanni Gabrieli (ca. 1554–1612), später unter dem Einfluss Claudio Monteverdis (1567–1643). Dort lernte er, wie Wort, Klang und Affekt eine innere Einheit bilden können – ein Gedanke, der ihn sein ganzes Leben begleitet und sein Werk wie eine geistige Signatur durchzieht. Als Kapellmeister in Dresden wirkte Schütz über Jahrzehnte hinweg in politisch unruhigen Zeiten, geprägt vom Dreißigjährigen Krieg, materieller Not und menschlichem Verlust. Seine Musik ist daher nicht nur Kunst, sondern oft Trostschrift und geistige Bewältigung. Sie zeigt, dass wahre Größe nicht in äußerer Pracht liegt, sondern in der Fähigkeit, menschliche Erfahrung in ihrer ganzen Tiefe hörbar zu machen. Schütz bleibt bis heute der Komponist, der Schmerz, Glauben, Hoffnung und das metaphysische Dunkel des Daseins mit einer Reinheit des Ausdrucks verbindet, die ihresgleichen sucht. Die Komposition „Auf dem Gebirge“ aus der Geistlichen Chormusik Nr. 28 von 1648 gehört zu den eindrucksvollsten Zeugnissen dieser inneren Welt. Schütz arbeitet hier ohne instrumentale Begleitung, ausschließlich mit Stimmen, die in einem empfindlichen Gleichgewicht zwischen Nähe und Distanz wirken. Der verwendete Text aus dem Buch Jeremia beschreibt Rahels Klage über ihre getöteten Kinder – ein biblisches Bild des Leidens, das zugleich persönlich und universell ist. Schütz verwandelt diesen Text nicht in ein dramatisches Tableau, sondern in eine Art seelisches Mikroskop: Jede Stimme trägt einen Faden des Schmerzes, und doch ist es niemals bloß Ausdruck, sondern ein Sprechen nach innen, ein meditatives Betreten eines Raumes, der weder Trost kennt noch Trost sucht. Wenn die Musik die Worte „sie wollte sich nicht trösten lassen“ gestaltet, schwebt sie in einer Zeitlosigkeit, als ob die Stimmen selbst den Atem anhalten müssten, um nicht in Gefühlsausbruch zu verfallen. Diese Zurückhaltung ist ein Zeichen von Schütz’ Größe – er formuliert Trauer nicht als Dramatik, sondern als Zustand. Besonders eindringlich ist der Schluss: „Denn es war aus mit ihnen.“ Hier bricht nichts zusammen, es ertönt kein Pathos. Stattdessen zieht sich die Musik zurück wie ein Licht, das plötzlich kleiner wird, bis nur noch ein Rest Glimmen übrig bleibt. Diese Schlichtheit ist erschütternder als jede laute Geste. Sie zeigt, dass Leid eine Form der Erkenntnis sein kann: die Einsicht, dass es Erfahrungen gibt, die sich nicht wandeln lassen, und dass Musik sie nicht auflösen, aber hörbar machen kann. In der Aufnahme mit Iestyn Davies (* 1979) und Hugh Cutting (* 1997), begleitet vom Gambenconsort Fretwork, gewinnt dieses Werk eine zusätzliche Dimension: https://www.youtube.com/watch?v=4cR2mw0r488 Die beiden Countertenöre lösen den Satz aus jeder Schwere und schaffen einen Klang, der zugleich schattenhaft und leuchtend wirkt. Ihre Stimmen sind wie zwei filigrane Linien, die sich an manchen Stellen berühren, an anderen wieder voneinander entfernen – ein vokales Bild von Nähe und Verlust. Fretwork fügt sich mit seinen Violen da Gamba nicht als Ornament ein, sondern als untergründige Resonanz, die den affektiven Kern der Komposition trägt: weich, dunkel, atmend. Diese Interpretation lebt von ihrer Zurückhaltung. Sie versucht nichts hinzuzufügen, was nicht im Werk liegt, und öffnet gerade dadurch einen Raum, in dem man die geistige Nacktheit dieser Musik unmittelbar spürt. Man hört nicht einfach einen Chorsatz des 17. Jahrhunderts; man hört den Klang einer Klage, die Jahrhunderte überdauert, weil sie jenseits der Zeit steht. Die Aufnahme besitzt jene seltene Fähigkeit, Stille nicht als Leere, sondern als Form des Ausdrucks wirken zu lassen. Man hält unwillkürlich den Atem an – nicht, weil etwas Spektakuläres geschieht, sondern weil die Musik das Unsagbare berührt. In dieser Verbindung von Schütz’ kompositorischer Tiefenschärfe und der interpretatorischen Feinheit der britischen Musiker wird „Auf dem Gebirge“ zu einer existentiellen Erfahrung. Das Werk zeigt, dass große geistliche Musik nicht Trost spenden muss, um wahr zu sein. Sie zeigt den Menschen so, wie er ist: verletzlich, suchend und doch fähig, im Schmerz eine Würde zu finden, die sich nur in Klang ausdrücken lässt. Seitenanfang Heinrich Schütz Franz Liszt (1811–1886): Legenden- Legende Nr. 1, S. 175 St. Francois d'Assise: La prédication aux oiseaux („Heiliger Franz von Assisi: Die Predigt an die Vögel") Klavier: Leslie Howard (1893–1943): https://www.youtube.com/watch?v=Q1DK0MLxZQQ Liszt komponierte die erste Legende von Franziskus von Assisi († 1226), der zu den Vögeln predigt, im Jahr 1863. Er versuchte das berühmte Kapitel der "Fioretti" in klingende Bilder umzusetzen. Der Komponist hat den Heiligen um "Vergebung dafür gebeten, den wunderbaren Ausdruck des Textes verarmt zu haben". Die „Fioretti di San Francesco“ oder „Blümlein des Hl. Franziskus“ sind ein in 53 kurze Kapitel eingeteiltes Florilegium über das Leben des Franz von Assisi. Ein Florilegium war eine im Mittelalter gebräuchliche Form, die Auszüge aus Schriften antiker und mittelalterlicher Autoren, meist Versdichtern, umfasste. Der anonyme italienische Text des späten 14. Jahrhunderts, geschrieben vermutlich von einem toskanischen Autor, ist eine Version des lateinischen „Actus beati Francisci et sociorum eius“, dessen ältestes erhaltenes Manuskript von 1390 stammt. Die Komposition ist ein Funkeln von Klängen, das durch schnelle Triller und Fragmente von Tonleitern und Arpeggien erzeugt wird. Hier wird beabsichtigt, den Gesang und das Flattern der Vögel heraufzubeschwören; während das Wechseln dieser Muster mit kurzen melodischen Phrasen wie ein Rezitativ das musikalische Äquivalent der Rede des Heiligen darstellen soll. Auf den ersten Teil des Stücks, der eher beschreibend und farbenfroh ist, folgt ein ausgedehntes, singbares Zwischenspiel, das zu einem intensiven Crescendo führt. Der Abschluss erfolgt mit der Rückkehr zur anfänglichen Atmosphäre. Da sie lange nach dem Tod des Franz von Assisi entstanden sind, gelten die „Fioretti“ im Allgemeinen nicht als wichtige Quelle für sein Leben, sind aber die beliebteste Legendensammlung für ein breites Publikum geworden. Legenden – Legende II, S. 175 „San Francesco di Paola che cammina sulle onde“ (Fantasia quasi Sonata in E - Dur) („Der heilige Franz von Paola, der auf den Wellen geht.") Klavier: Leslie Howard (1893–1943): https://www.youtube.com/watch?v=WpIu5vEE-OM Komposition: 1863 Verlag: Rózsavőlgyi, Budapest, 1866 Widmung: Tochter Cosima Liszt von Bülow (1837–1930) Die Legende von Franz von Paola (1416–1505), der über die Wellen geht, bezieht sich auf das Wunder, das der Heilige vollbracht hat, als einige Bootsleute sich weigerten, ihn auf ihrem Boot mitzunehmen, und er die Straße von Messina überquerte, indem er ruhig über die Wellen ging. Die Komposition wurde von einem Gemälde des österreichischen Malers Edward von Steinle (1810–1888) inspiriert, das die Episode darstellt und von der Lebensgefährtin von Franz Liszt, der Prinzessin Carolyne zu Sayn-Wittgenstein (1819–1887), Liszt geschenkt wurde. Im Gegensatz zu dem anderen Stück, das als impressionistisch bezeichnet werden kann, ist dieses Stück auf die Entwicklung oder besser gesagt "Ausdehnung" des Hauptthemas gerichtet, das zu Beginn der Komposition in den Bässen dargelegt wird. Der aufsteigende, agogische und dynamische Charakter dieser melodischen Figur wird gegen Ende von einer neuen Idee unterbrochen, die kurz in einem langsamen, rezitativischen Stil dargelegt wird. Das Hauptthema wird dann in fortissimo wieder aufgenommen. Seitenanfang Franz Liszt Jacobus Gallus (1550–1591): Ecce quomodo moritur iustus Diese Motette gehört zu den eindringlichsten und bekanntesten Werken von Jacobus Gallus (eigentlich Jacob Handl), dem aus dem heutigen Slowenien stammenden Komponisten der Spätrenaissance. Sie erschien 1587 im zweiten Band seines monumentalen „Opus Musicum“ innerhalb der Gruppe „De Passione Domini nostri Iesu Christi“ und nimmt ihren Text aus Jesaja 57,1–2 der Vulgata, einem Abschnitt, der in der christlichen Liturgie mit dem Tod Christi, aber auch ganz allgemein mit dem Sterben der Gerechten verbunden ist. In der vortridentinischen Tenebrae-Liturgie der Karwoche wurde „Ecce quomodo moritur iustus“ als Responsorium des Karsamstags gesungen; das Stück hat seither seinen festen Platz im Karfreitags- und Begräbnisrepertoire gefunden und wurde über Konfessionsgrenzen hinweg geschätzt. https://www.youtube.com/watch?v=BB_Qnbz9gpw Musikalisch arbeitet Gallus mit vierstimmigem Chorsatz (SATB) und verbindet knappe, syllabische Textdeklamation mit dichtem imitatorischem Satz. Die Motette ist relativ kurz, aber von großer Konzentration: gleich zu Beginn legt Gallus auf „moritur iustus“ gewichtige Akkorde und expressive Vorhalte, so dass der Hörer den Moment des Sterbens des Gerechten nahezu körperlich spürt. Die folgenden Zeilen „et nemo percipit corde…“ sind meist homophon gesetzt; Gallus lässt die Stimmen hier gemeinsam sprechen, als wollte er die Blindheit der Menschen gegenüber dem Leid der Gerechten musikalisch als kollektive, schwerfällige Bewegung hörbar machen. Besonders eindrucksvoll ist „a facie iniquitatis sublatus est iustus“: hier nutzt er Dissonanzen und eng geführte Imitation, um die Bedrohung durch die „iniquitas“ zu schildern, bevor sich der Satz auf „et erit in pace memoria eius“ in ruhigere, leuchtende Harmonien löst. Die zweite Hälfte „In pace factus est locus eius…“ wirkt wie eine klangliche Verklärung: die Harmonik klärt sich, die Intervalle werden weiter, und der Chor findet zu einer Atmosphäre des versöhnten Friedens, in der der Gerechte seinen Ort und seine Wohnung auf Sion gefunden hat. Gerade in Aufführungen in Kirchen – etwa in der Jakobskirche in Ljubljana – entfaltet diese Musik eine eindringliche, kontemplative Wirkung, die zwischen Passion, Trauermusik und stiller Auferstehungshoffnung vermittelt. In dieser Aufführung verwendet der Chor eine historisch orientierte lateinische Aussprache, wie sie in der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kirchenmusik üblich war. Lateinischer Text Ecce quomodo moritur iustus et nemo percipit corde. Viri iusti tolluntur et nemo considerat. A facie iniquitatis sublatus est iustus et erit in pace memoria eius. In pace factus est locus eius, et in Sion habitatio eius, et erit in pace memoria eius. Deutsche Übersetzung Siehe, wie der Gerechte stirbt, und niemand nimmt es sich zu Herzen. Gerechte Menschen werden hinweggenommen, und niemand bedenkt es. Vor dem Angesicht der Bosheit ist der Gerechte weggenommen, und sein Gedächtnis wird in Frieden sein. In Frieden ist seine Stätte bereitet, und auf Sion ist seine Wohnung, und sein Gedächtnis wird in Frieden sein. Seitenanfang Jacobus Gallus Jean-Philippe Rameau (1683–1764): „Forêts paisibles“ aus Les Indes galantes – Magali Léger, Laurent Naouri, Les Musiciens du Louvre, Marc Minkowski In diesem Konzertmitschnitt entfaltet sich eines der poetischsten und zugleich charakteristischsten Bilder des französischen Barock: der Rondeau „Forêts paisibles“ aus der vierten Entrée Les Sauvages von Jean-Philippe Rameaus Les Indes galantes, jenem 1735 uraufgeführten Opéra-ballet, das wie kaum ein anderes Werk die weite Fantasie- und Ideallandschaft des französischen 18. Jahrhunderts eröffnet. Der Ausschnitt wird von der Sopranistin Magali Léger (* 1976) und dem Bariton Laurent Naouri (* 1964) gemeinsam mit Les Musiciens du Louvre, geleitet von Marc Minkowski (* 1962), mit einer Feinheit und Klangkultur gestaltet, die den besonderen Geist dieser Musik vollkommen zur Geltung bringt. Les Indes galantes trägt seinen poetischen Kern nicht in dramatischer Zuspitzung, sondern in der Kraft der Bilder und Stimmungen. Die Oper besteht aus einem Prolog und vier in sich geschlossenen Entrées, die jeweils exotische Schauplätze in symbolischer Überhöhung darstellen. Die vierte Entrée, Les Sauvages, spielt in Nordamerika, und sie ist zugleich jene, in der Rameau die Vorstellung des „natürlichen Menschen“ am eindringlichsten musikalisch formt. In einer Welt, die im Pariser 18. Jahrhundert von gesellschaftlicher Rivalität, höfischer Glätte und sozialen Masken geprägt war, steht dieser Abschnitt für ein Gegenbild – für eine Natur, die reine Empfindung erlaubt und die verletzliche Harmonie des Herzens schützt. https://www.youtube.com/watch?v=RKvd4tMkFHc Genau hier setzt der Rondeau „Forêts paisibles“ an. Zima und Adario besingen gemeinsam die friedliche Ruhe der Wälder, deren Stille und Klarheit kein eitler Wunsch zu stören vermag. In diesen Versen verdichtet sich das zentrale Ideal der Entrée: dass wahres Glück dort entsteht, wo äußere Ambitionen schweigen und wo die Natur selbst den Takt eines einfachen, aber vollkommenen Lebens vorgibt. Die Stimmen von Léger und Naouri verweben sich in einem beinahe schwerelosen Dialog, der von Minkowskis Ensemble mit zarter Bewegtheit getragen wird. Die Musik bleibt stets im Schwebezustand zwischen Tanz und Arie – leicht, atmend, durchsichtig – und wirkt dadurch wie ein musikalischer Atemzug, der aus einer Welt jenseits der höfischen Manieriertheit stammt. Der Chor der „Sauvages“ übernimmt die Worte der beiden Solisten und verstärkt sie zu einem ruhigen, aber eindrucksvollen Klangbild. Rameau zeichnet diesen Moment nicht als exotische Kulisse, sondern als moralische Landschaft. Seine Musik erhebt keinen Anspruch auf ethnographische Echtheit, sondern entfaltet ein französisches Ideal: die Suche nach Unschuld, Frieden und natürlicher Reinheit. Dass dieses Idealmusikstück zugleich in einer Entrée endet, deren Abschluss die berühmte „Danse du Grand Calumet de la Paix“ bildet – später oft einfach „Danse des Sauvages“ genannt –, unterstreicht die dramaturgische Idee, dass Fest, Tanz und Harmonie untrennbar zusammengehören. In der Interpretation Minkowskis, eines der prägenden Dirigenten der historisch informierten Aufführungspraxis in Frankreich, wird diese Szene zu einer längst vergangenen, aber vollkommen gegenwärtigen Vision. Les Musiciens du Louvre verleihen dem Rondeau jene Eleganz und Klarheit, die Rameaus Klangsprache auszeichnet: die feine Feder der Traversflöten, die warmen Bordunfarben der Streicher, das perlende Spiel der Oboen und das genaue, nie überzeichnete rhythmische Fundament. Nichts drängt sich vor; alles fügt sich zu jenem musikalischen Gefüge, das Rameaus Bühnenstil seit jeher auszeichnet – ein Tanz, der atmet, und eine Melodie, die sich aus Licht und Luft zu formen scheint. Der Rondeau „Forêts paisibles“ ist nicht nur einer der bekanntesten, sondern auch einer der tiefsten Momente in Les Indes galantes. Er zeigt, wie Rameau jenseits äußerer Effekte eine innere Welt erschafft – eine Welt, in der Glück, Natur und Wahrheit miteinander verschmelzen. Die hier eingefangene Interpretation besitzt jene Mischung aus Zartheit und innerer Ruhe, die die besten Darbietungen französischer Barockmusik auszeichnet, und ist zugleich ein ideales Beispiel dafür, wie Konzert und Bühne sich berühren können, ohne einander zu widersprechen. Sie lässt einen Ort entstehen, an dem Musik das Versprechen eines friedlichen Waldes tatsächlich einlöst. Deutsche Übersetzung Zima, Adario Friedliche Wälder, niemals stört ein eitler Wunsch hier unsere Herzen. Sind sie empfänglich für Gefühle, so kommt das Glück nicht als Preis deiner Gunst, o Fortuna. Chor der „Wilden“ Friedliche Wälder, niemals stört ein eitler Wunsch hier unsere Herzen. Sind sie empfänglich für Gefühle, so kommt das Glück nicht als Preis deiner Gunst, o Fortuna. Zima, Adario In unseren stillen Rückzugsorten soll Größe niemals erscheinen und ihre trügerischen Reize bieten. Himmel, du hast sie geschaffen für Unschuld und für den Frieden. Lasst uns in unseren Zufluchtsstätten die stillen Güter genießen. Ach – kann man glücklich sein, wenn im Herzen schon andere Wünsche entstehen? Seitenanfang Jean-Philippe Rameau Eine Einladung auf eine musikalische Pilgerreise nach Italien, auf den Spuren von Francesco Petrarca (1304 - 1374) und Dante Alighieri (1265 – 1321), geführt durch den jungen koreanischen Pianisten, der schon mit 16 Jahren die Tiefe der Seele von Liszt erreicht hat. (Ein ganzes Konzert) Franz Liszt (1811 - 1886): "Années de pèlerinage" (Pilger Jahre), "Deuxième année: Italie" (Das zweite Jahr: Italien), S.161, S.162/2 und S.158, komponiert ca. 1839 – 1846, veröffentlicht 1846 Klavier: Yunchan Lim (* 2004) – der Pianist aus Südkorea ist 16 Jahre alt (Oktober 2020) https://www.youtube.com/watch?v=GFjtI3ggpFc 00:00 Titel 00:09 Sposalizio – Vermählung – nach Raffaels Gemälde „Vermählung Mariä“ (S.161/1) 07:38 Il penseroso – Der Nachdenkliche – nach einer Statue Michelangelos in der Florentiner Medici-Kapelle (S.161/2) 11:43 Canzonetta del Salvator Rosa (S.162/2) 14:17 Sonett 47 von Petrarca (S.158/1) 20:08 Sonett 104 von Petrarca (S.158/2) 26:46 Sonett 123 von Petrarca (S.158/3) 33:37 Nach der Lektüre von Dante („Dante-Sonate“), Fantasie quasi Sonate (S.161/7) Der Titel "Années de pèlerinage" bezieht sich auf Goethes berühmten Entwicklungsroman "Wilhelm Meisters Lehrjahre". Wie Wilhelm Meister seinen Charakter auf seiner Reise entwickelt, nimmt der Komponist Liszt seine Reiseerfahrungen zum Anlass für neue Kompositionen. Mehrfach zitiert Liszt Byrons "Childe Harold’s Pilgrimage". Er knüpft aber auch an andere Autoren an, wie Dante, Petrarca, Schiller oder Senancour. Aufnahme: Kumho Art Hall, Theater in Seoul, Südkorea, 29. Oktober 2020 Seitenanfang Franz Liszt Josquin Desprez (* nach 1450 – † am 27. August 1521): "La déploration de Jehan Ockeghem" „La déploration de Jehan Ockeghem“, auch bekannt unter dem Anfangsvers „Nymphes des bois“, ist Josquin Desprez’ ergreifende Totenklage auf den Tod seines verehrten Lehrers und Vorgängers Johannes Ockeghem (* nach 1420 – † 6. Februar 1497). https://www.youtube.com/watch?v=2on2P7syDzQ Das Werk zählt zu den bedeutendsten musikalischen Trauerstücken der Renaissance und ist ein Schlüsselwerk für das Verständnis von Josquins persönlichem Stil und seinem Selbstverständnis als Teil einer musikalischen Tradition. Der Text stammt vom Dichter Jean Molinet (1435 - 1507) und ist eine Elegie in französischer Sprache, die in der Form eines poetischen Klagelieds verfasst ist. Josquin vertont diesen Text in einer kunstvollen fünfstimmigen Motette, wobei er in der unteren Stimme das „Requiem aeternam dona eis, Domine“ als liturgisches Cantus-firmus-Zitat einfügt. Diese gleichzeitige Verwendung von französischem Trauergedicht und lateinischer Totenmesse ist ein eindrucksvolles Symbol: Die weltliche Trauer wird mit dem kirchlichen Gebet für die Verstorbenen verbunden – eine Verbindung von Kultur und Liturgie, von Gefühl und Glaube. Der Text beschwört die Trauer der Musen und Nymphen, die aus den Wäldern herbeieilen, um gemeinsam mit den berühmten Komponisten jener Zeit – namentlich Agricola, Compère, Brumel und Josquin selbst – den Tod Ockeghems zu betrauern. Die Verse sind reich an poetischen Bildern und zugleich sehr konkret im historischen Bezug. Die Musik trägt diesen Charakter auf subtile Weise: Der Beginn ist ruhig, fast stockend – als müsse sich die Trauer erst artikulieren. Die Stimmen setzen nacheinander ein und verschmelzen allmählich zu einem dichten, klagenden Klangbild. Dabei wird der Cantus firmus des Requiem-Gebets langsam und würdevoll durch den Bass geführt – ein musikalisches Fundament der Trauer, auf dem sich die klagenden Stimmen aufbauen. Josquin gelingt in diesem Werk eine tiefe musikalische Empfindung, ohne dass er zu Pathos oder Überladenheit greift. Die Kunst der Polyphonie wird hier ganz in den Dienst des Ausdrucks gestellt. Besonders eindrucksvoll ist, wie jede Strophe des französischen Gedichts eine neue klangliche Farbe annimmt – mal eindringlich flehend, mal resignativ, mal fast liturgisch entrückt. Das Hilliard Ensemble interpretiert diese „Déploration“ mit großer Würde und Ernsthaftigkeit. Die Stimmen sind sorgfältig ausbalanciert, jede Stimme fügt sich in das große Ganze ein. Paul Hillier lässt die Musik ruhig atmen, wahrt den zeremoniellen Charakter und bringt zugleich die zarte Emotionalität des Werkes zum Leuchten. Der Requiem-Cantus firmus wird dabei mit besonderer Zurückhaltung hervorgehoben – ein leises, stetiges Gebet unter dem Klang der trauernden Stimmen. Hier ein Ausschnitt aus dem Text von Jean Molinet in Originalsprache und Übersetzung. Mittelfranzösisch: "Nymphes des bois, déesses des fontaines, Chantres experts de toutes nations, Changez vos voix claires et hautaines En cris tranchants et lamentations. Car Atropos, très terrible satrape, A Ockeghem attrappé en sa trappe…" Deutsch (sinngemäß): Nymphen der Wälder, Göttinnen der Quellen, Sänger aus allen Ländern, wandelt eure hellen und stolzen Stimmen in scharfe Schreie und Klagelieder. Denn Atropos, die grausame, unerbittliche, hat Ockeghem in ihre Falle gelockt, den treuen Diener, der stets bereit war, vor allen anderen seinem Herrn zu dienen. Er ist tot, er ruht in kühler Erde – der wahre Bass, das Fundament der Musik, der Meister, ohnegleichen in seiner Kunst. Lasst nun Brumel, Compère und Josquin in schwarzem Kleid und mit Trauerflor die Totenmesse singen, die er selbst verfasste. Sie sollen ihre Stimmen senken und in Tränen den großen Ockeghem beweinen. Er ist dahin – unser Licht, unser Stern. Musik, du wirst ihn nie ersetzen. Möge Gott seine Seele in Frieden ruhen lassen. Amen. „La déploration de Jehan Ockeghem“ ist ein musikalisches Denkmal – nicht nur ein persönlicher Abschied Josquins von seinem Lehrer, sondern ein Ausdruck von Kontinuität, von musikalischer Brüderlichkeit und spirituellem Respekt. Es ist das feierliche Finale dieser CD – und zugleich ein stilles Gebet für die Toten. CD The Hilliard Ensemble, Josquin Desprez – Motets und Chansons, Leitung: Paul Hillier (* 1959), Label: EMI Reflexe (oder auch Ausgabe über Virgin Veritas), Erstveröffentlichung: 1983 / 84, Aufnahme vom 14.–16. Februar 1983 im Temple Church, London, Track 13 Seitenanfang Josquin Desprez John Browne (* 1453 – † nach 1505): Salve Regina Unter den Werken des berühmten Eton Choirbook nimmt John Brownes monumentales Salve Regina eine herausragende Stellung ein. Diese Marienantiphon, wahrscheinlich um 1490 entstanden, zählt zu den eindrucksvollsten Beispielen englischer Polyphonie an der Schwelle zwischen Mittelalter und Renaissance. Browne, der vermutlich mit dem Magdalen College in Oxford verbunden war und später als „gentleman“ der Chapel Royal diente, gehört zu jener Generation englischer Komponisten, die den klanglichen Reichtum und die spirituelle Glut der spätgotischen Kathedralmusik auf ihren Höhepunkt führten. https://www.youtube.com/watch?v=9b5Vlba9Oj0 Das Salve Regina ist sechsstimmig angelegt (SSATTB) und zeigt in exemplarischer Weise die für den Eton Choirbook typische klangliche Pracht: ein dichtes, fast schwebendes Gewebe aus langen melismatischen Linien, die sich kunstvoll verschränken und doch immer auf die Wortausdeutung bezogen bleiben. Browne verbindet hier die hohe Kunst kontrapunktischer Beherrschung mit einer ausgeprägt expressiven, fast mystischen Klangsprache. Der Beginn – „Salve, Regina, mater misericordiae“ – entfaltet sich in ruhigen, weitgespannten Bögen; die Stimmen treten nacheinander ein, bis sich ein strahlender Gesamtklang formt. Besonders eindrucksvoll ist der Abschnitt „Eia ergo, advocata nostra“, in dem Browne durch weite Registersprünge und Wechselwirkungen der Stimmgruppen ein Gefühl demütiger Anrufung erzeugt. Der Schluss mit „O clemens, O pia, O dulcis Maria“ steigert sich zu einem geradezu überirdischen Klangrausch, in dem sich Kunstfertigkeit und Andacht zu einer Einheit verbinden. Brownes Vertonung ist nicht nur ein liturgisches Gebet, sondern ein klingendes Symbol jener englischen Marienfrömmigkeit, die durch die Reformation bald unterbrochen wurde. Die Musik spiegelt eine Welt, in der Klang als Ausdruck des Göttlichen verstanden wurde – ein Klang, der zwischen Himmel und Erde schwebt. Lateinischer Text Salve, Regina, mater misericordiae, vita, dulcedo, et spes nostra, salve. Ad te clamamus, exsules filii Hevae. Ad te suspiramus, gementes et flentes in hac lacrimarum valle. Eia ergo, advocata nostra, illos tuos misericordes oculos ad nos converte. Et Jesum, benedictum fructum ventris tui, nobis post hoc exsilium ostende. O clemens, O pia, O dulcis Maria. Deutsche Übersetzung Sei gegrüßt, o Königin, Mutter der Barmherzigkeit, unser Leben, unsere Süße und unsere Hoffnung, sei gegrüßt. Zu dir rufen wir, die verbannten Kinder Evas. Zu dir seufzen wir, klagend und weinend in diesem Tal der Tränen. Wohlan denn, unsere Fürsprecherin, wende deine barmherzigen Augen uns zu. Und Jesus, die gesegnete Frucht deines Leibes, zeige uns nach diesem Exil. O gütige, o fromme, o milde Maria. Musikalischer Vorschlag Empfohlene Aufnahme: John Browne – Salve Regina The Tallis Scholars, Leitung: Peter Phillips (* 1953) Label: Gimell, aufgenommen 1990 in der Kirche St. Peter and Paul, Salle (Norfolk). Seitenanfang John Browne Henry Purcell (1659–1695): Hear my prayer, O Lord (Höre mein Gebet, o Herr), Z. 15 Gesungen von VOCES8 Henry Purcells kurze, aber ergreifende Motette Hear my prayer, O Lord (Höre mein Gebet, o Herr) gehört zu den eindrucksvollsten A-cappella-Kompositionen der englischen Barockmusik. Der nur achtstimmige Satz auf den ersten Vers von Psalm 102 nach hebräischer Zählung (Psalm 101 in der Vulgata) – „Hear my prayer, O Lord, and let my crying come unto thee“ („Domine, exaudi orationem meam, et clamor meus ad te veniat“ – „Höre mein Gebet, o Herr, und lass mein Rufen zu dir kommen“) – ist ein Musterbeispiel für Purcells Fähigkeit, mit wenigen Mitteln eine außerordentliche emotionale Spannung zu erzeugen. Entstanden vermutlich um 1682, also in der Zeit, als Purcell als Organist an der Chapel Royal wirkte, entfaltet das Werk eine klangliche Dichte, die weit über seine Kürze hinausgeht. https://www.youtube.com/watch?v=OISUntqbXvc Der Aufbau ist streng linear: Von einem anfänglich schlichten, beinahe flehenden Beginn („Hear my prayer“) aus verdichtet sich die Polyphonie schrittweise zu einem erdrückenden Klanggefüge. Purcell verzichtet dabei fast vollständig auf Kadenzierungen oder rhythmische Entlastungen. Stattdessen steigern sich die Stimmen in eng geführten Dissonanzen („and let my crying come unto thee“ – „und lass mein Rufen zu dir kommen“), die eine beklemmende Intensität erzeugen und das Wort „crying“ gleichsam hörbar machen. Die Spannung kulminiert in einem expressiven Höhepunkt, der sich erst am Ende in einen schweren, resignativen Schlussakkord auflöst. Musikwissenschaftlich ist bestätigt, dass das Werk unvollendet geblieben sein könnte. Der erhaltene Autograph befindet sich in der British Library (Add. MS 30930) und bricht genau nach diesem einzigen Vers ab. Mehrere Forscher – unter anderem Peter Holman (* 1946) und Bruce Wood (* 1944) – vermuten, dass Purcell ursprünglich eine vollständige Vertonung des gesamten Psalms oder mehrerer Verse beabsichtigte. Holman, Professor emeritus an der University of Leeds und Spezialist für englische Musik des 17. Jahrhunderts, verweist auf die untypisch monumentale Anlage des Werkes im Verhältnis zu seinem geringen Textumfang. Bruce Wood, ebenfalls Professor emeritus und langjähriger Herausgeber der Purcell Society Edition, sieht darin ein Anzeichen dafür, dass Hear my prayer, O Lord als Einleitung zu einem größeren liturgischen Zyklus gedacht gewesen sein könnte. Dafür sprechen die ungewöhnlich monumentale Anlage des Beginns, die schrittweise Erweiterung des Stimmgeflechts und die fehlende Kadenz am Schluss. Gleichwohl wirkt die Komposition in ihrer heutigen Gestalt vollkommen abgeschlossen – eine in sich geschlossene, architektonisch vollkommene Miniatur von überwältigender Ausdruckskraft. Musikhistorisch betrachtet steht Hear my prayer, O Lord (Höre mein Gebet, o Herr) in der Tradition der anglikanischen Anthem, greift aber harmonisch und expressiv bereits weit in das 18. Jahrhundert voraus. Purcell verbindet hier den strengen Satz der alten englischen Kathedralmusik mit einer zutiefst persönlichen, fast opernhaften Expressivität. Man hat dieses Werk oft als „Miniatur eines Oratoriums“ bezeichnet – eine Verdichtung des Gebets in reine Klangsprache. In der Interpretation von VOCES8 offenbart sich die ganze spirituelle Wucht dieser Komposition. Der Ensembleklang bleibt dabei transparent und kontrolliert, jede Dissonanz wird als Ausdruck seelischer Spannung hörbar gemacht. Das Ensemble gestaltet die Steigerung von der stillen Bitte („Hear my prayer“) bis zum eruptiven Ausbruch („and let my crying come unto thee“) mit geradezu architektonischer Präzision. Besonders eindrucksvoll ist die Reinheit der Intonation im dichten, clusterartigen Mittelteil, die den Schmerz des Textes in fast überirdische Klangreinheit verwandelt. Ein Werk von kaum vier Minuten Dauer – und doch ein Abgrund aus Klang und Empfindung. Purcells Hear my prayer, O Lord (Höre mein Gebet, o Herr) ist weniger ein Gebet als ein Aufschrei der Seele, der im Schweigen verhallt. Originaltext (Psalm 102:1 nach hebräischer Zählung / Psalm 101:2 in der Vulgata): Hear my prayer, O Lord, and let my crying come unto thee. Lateinische Fassung (Vulgata): Domine, exaudi orationem meam, et clamor meus ad te veniat. Deutsche Übersetzung: Höre mein Gebet, o Herr, und lass mein Rufen zu dir kommen. Seitenanfang Henry Purcell Der Hurrianische Hymnus Nr. 6 an Nikkal – die älteste notierte Musik der Welt Die älteste vollständig rekonstruierbare Musiküberlieferung der Menschheit stammt nicht aus Ägypten oder Griechenland, sondern aus dem bronzezeitlichen Ugarit, dem heutigen Ras Schamra an der syrischen Mittelmeerküste. Dort entdeckten Archäologen in den 1950er Jahren eine Gruppe von rund drei Dutzend Tontafeln mit Keilschriftinschriften in hurritischer Sprache. Eine dieser Tafeln, heute im Nationalmuseum von Damaskus aufbewahrt, enthält den sogenannten Hurrianischen Hymnus Nr. 6 an die Göttin Nikkal, der um 1400 v. Chr. entstanden ist. Sie gilt als die älteste weitgehend vollständige musikalische Notation der Welt. Die drei Bruchstücke der Tafel (Katalognummern RS 15.30, 15.49 und 17.387) wurden zunächst getrennt inventarisiert, bevor sie der französische Hethitologe Emmanuel Laroche (1914–1991) als zusammengehörig erkannte und 1955 sowie 1968 publizierte. In seinem Korpus der Textes hourrites en cunéiformes syllabiques trug er sie als h.6 ein. Der Hymnus ist Nikkal, der Gemahlin des Mondgottes, gewidmet und verbindet poetischen Text mit einer Reihe musiktheoretischer Anweisungen. Der Aufbau der Tafel folgt einer klaren Ordnung: Oben steht der vierzeilige hurritische Liedtext, darunter – durch eine Doppellinie abgesetzt – finden sich akkadische Zeichenkombinationen aus Intervallbezeichnungen und Zahlen. Eine einfache Abschlusslinie trennt den sogenannten Kolophon, der in akkadischer Sprache lautet: „Dies ist ein Lied in der nitkibli-Stimmung, ein zaluzi [= Kultgesang]; niedergeschrieben von Ammurabi.“ Der Schreiber trägt einen semitischen Namen, der Komponist, dessen Name bei anderen Tafeln überliefert ist, bleibt hier unbekannt. Die Bezeichnungen in der Notation gehören zu einem System, das bereits aus älteren babylonischen musiktheoretischen Texten bekannt ist. Sie beziehen sich auf Intervalle zwischen bestimmten Saiten eines neunsaitigen Instruments, wahrscheinlich einer Lyra. Die „Stimmung“ (nitkibli bzw. nid qabli – „Fall der Mitte“) definiert die spezifische Tonordnung, innerhalb derer gespielt wurde. Somit repräsentiert der Hymnus nicht nur einen Kultgesang, sondern auch eine angewandte Theorie der Tonbeziehungen, deren Terminologie Jahrhunderte vor der griechischen Musiktheorie ausgeprägt war. Seit den 1970er Jahren bemühten sich verschiedene Forscherinnen und Forscher um eine Übertragung der Zeichen in moderne Notenschrift. David Wulstan (1937–2017) interpretierte die Zeichenfolgen zunächst als konkrete Tonhöhenabfolge. Anne Draffkorn Kilmer (geb. 1928), amerikanische Assyriologin, schlug 1974 eine alternative Lesart vor, bei der die Silben des Textes mit den Zahlenwerten der Notation synchronisiert wurden. Sie deutete die Einheiten als Dyaden – Zweiklänge aus einer gesungenen und einer instrumentalen Stimme. Marcelle Duchesne-Guillemin (1910–2017), belgische Musikologin und Orientalistin, kritisierte Kilmers Deutung und legte 1984 eine eigene Rekonstruktion vor, die sich stärker an der mesopotamischen Stimmungstheorie orientierte und Parallelen zu späteren syrisch-chaldäischen Gesängen herstellte. Manfried Dietrich (geb. 1935) und Oswald Loretz (geb. 1935) überprüften 1975 die Lesung der Zeichen philologisch. Weitere Beiträge stammen von Hans Gustav Güterbock (1908–2000), der den musikalischen Charakter der Texte als Erster erkannte, sowie von Hans-Jochen Thiel (1932–1994) und Theo J. H. Krispijn (geb. 1946), die die Textstruktur und den Sprachgebrauch neu analysierten. Eine umfassende musiktheoretische Neubewertung erfolgte 1994 durch den britischen Klassischen Philologen Martin L. West (1937–2015), der die Terminologie der babylonischen Intervalllehre systematisch mit der Notation von h.6 verglich. Aus musikwissenschaftlicher Sicht ist entscheidend, wie man den Status dieses Stückes bestimmt. Der Hymnus an Nikkal ist keine „Melodie“ im modernen Sinn, die sich einfach eins zu eins auf ein Notensystem des 19. Jahrhunderts übertragen ließe. Die Tafel dokumentiert vielmehr das Zusammenwirken von kultischer Dichtung, spezialisierter Spielpraxis auf einem neunsaitigen Saiteninstrument und einer systematischen Terminologie für Intervalle und Stimmungen. Die Kombination aus lyrischem Text, exakt formuliertem Kolophon und geordneten musikalischen Anweisungen macht h.6 mit guten Gründen zum ältesten substantiell vollständig überlieferten Werk mit notierter Musik, das wir kennen; alle späteren Beispiele wie das Seikilos-Epitaph oder die delphischen Hymnen stehen zeitlich mindestens ein Jahrtausend dahinter zurück und gehören bereits einem anderen kulturhistorischen Horizont an. Dass heutige Einspielungen – wie die von dir genannte Rekonstruktion – sehr unterschiedlich klingen, ist kein Zeichen von Beliebigkeit, sondern Ausdruck der Tatsache, dass die Tafel einen Rahmen vorgibt, innerhalb dessen mehrere plausible Lesarten möglich sind. Jede seriöse Interpretation muss offenlegen, auf welchem Modell von Stimmung, Intervalldeutung und Text-Melodie-Bezug sie beruht und an welchen Punkten sie notwendige Hypothesen einführt. Trotz der unterschiedlichen Ansätze herrscht heute weitgehende Einigkeit darüber, dass die Tafel einen in sich geschlossenen Kultgesang enthält, der aus Text, gesungener Linie und instrumentaler Struktur besteht. Die Kombination aus poetischem Inhalt und musikalischer Anweisung macht den Hymnus Nr. 6 zum ältesten vollständig überlieferten Beispiel bewusster kompositorischer Organisation. Die Tatsache, dass moderne Rekonstruktionen unterschiedlich klingen, spiegelt nicht Unsicherheit, sondern den Reichtum der möglichen Lesarten innerhalb des überlieferten Systems wider. In musikhistorischer Perspektive steht der Hymnus an Nikkal am Beginn einer langen Linie, die von den altorientalischen Klangsystemen über die griechische Theorie bis zu den mittelalterlichen Modi führt. Er zeigt, dass Musik bereits in der Spätbronzezeit eine bewusste Struktur, ein eigenes Fachvokabular und eine Verbindung von Religion, Dichtung und Klang besaß. Wer diesen Gesang hört, hört nicht bloß einen archäologischen Fund, sondern den frühesten greifbaren Ausdruck dessen, was Menschen unter „komponierter Musik“ verstanden haben. Die Musik: https://www.youtube.com/watch?v=tAc2KDNHEw4 Eine plausible Gesangs-Rekonstruktion des Hurrian Hymn Nr. 6 an Nikkal: https://www.youtube.com/watch?v=w8tfBLvlN98 Der in dieser Aufnahme verwendete Text ist authentisch und beruht auf der originalen hurritischen Überlieferung, doch die musikalische Umsetzung selbst – also Melodie, Harmonik und Klanggestaltung – ist eine moderne Rekonstruktion, die dem historischen Original nur angenähert werden kann. Der charakteristische Hintergrundklang gehört nicht zur ursprünglichen Musik, sondern ist eine zeitgenössische Interpretation Hurrianischer Text (nach Laroche 1968 und Kilmer 1974) tigi šaššate uštamari ḫe … nikkal wašaššani ḫe … ḫaššu urukatti … tigi nikkal ḫe … wašaššani ḫe … ḫaššu ḫe … ḫe nikkal Diese Transkription folgt der auf den Tontafeln erkennbaren Silbenstruktur; zerstörte Zeichen sind mit Auslassungspunkten markiert. Sinngemäße deutsche Übersetzung (nach Kilmer, Duchesne-Guillemin, Krispijn) Erhebe, o Göttin Nikkal, deine Stimme, nimm an die Opfergaben, die wir vor dir niederlegen. Fruchtbarkeit spende dem Garten, und lasse die Bäume gedeihen. Segne das Leben des Königs, und empfange unseren Gesang. Diese Übersetzung ist nicht wortgetreu im philologischen Sinn, sondern stellt eine rekonstruierte inhaltliche Annäherung dar. Der Hymnus verbindet offenbar die Bitte um Fruchtbarkeit der Obstbäume (Nikkal ist die Göttin der Gärten und Früchte) mit einer kultischen Opferhandlung und der Bitte um göttlichen Schutz. Der häufige Wechsel zwischen dem Anruf „ḫe … Nikkal“ („O Nikkal“) und Verben der Darbringung oder des Segens weist auf einen rituellen Gesang, vermutlich in einem sakralen Kontext mit Tanz oder Prozession, hin. Die Wiederholung der letzten sieben Silben jeder Zeile am Anfang der nächsten – ein Verfahren, das Laroche zunächst als Schreibhilfe, andere Forscher als Refrain interpretierten – könnte eine musikalische Wiederholung markieren. Das Lied dürfte also strophisch mit Refrain aufgebaut gewesen sein. Quellen und Literatur Emmanuel Laroche: Ugaritica V. Textes hourrites en cunéiformes syllabiques. Mission de Ras Shamra, Paris 1968. Hans Gustav Güterbock: Musical Notation in Ugarit. In: Revue d’Assyriologie 64 (1970), 95–98. David Wulstan: The Earliest Musical Notation. In: Music & Letters 52 (1971), 365–382. Anne Draffkorn Kilmer: The Cult Song with Music from Ancient Ugarit: Another Interpretation. In: Revue d’Assyriologie 68 (1974), 69–82. Manfried Dietrich / Oswald Loretz: Kollationen zum Musiktext aus Ugarit. In: Ugarit-Forschungen 7 (1975), 521–522. Marcelle Duchesne-Guillemin: A Hurrian Musical Score from Ugarit: The Discovery of Mesopotamian Music. In: Sources from Ancient Near East 2/2 (1984), 5–32. Hans-Jochen Thiel: Zur Deutung der hurritischen Lieder aus Ugarit. In: Ugarit-Forschungen 9 (1977), 287–297. Theo J. H. Krispijn: Studies in Hurrian and Urartian Grammar and Lexicon II. Leiden 2001. Martin L. West: The Babylonian Musical Notation and the Hurrian Melodic Texts. In: Music & Letters 75 (1994), 161–179. Seitenanfang Georg Friedrich Händel (1685–1759): Dixit Dominus, HWV 232 English Baroque Soloists – Monteverdi Choir Leitung: Sir John Eliot Gardiner (* 1943) Aufnahme: Juni 2014 https://www.youtube.com/watch?v=dS65-ZvUSSM Unter den frühen Werken Georg Friedrich Händels nimmt das Dixit Dominus HWV 232 eine herausragende Stellung ein. Es entstand im Jahr 1707 während seines Aufenthalts in Rom – jener Zeit, in der der junge, aus Halle stammende Komponist die italienische Sprache, den römischen Kirchenstil und den Glanz des päpstlichen Barock in sich aufnahm. Die Komposition über den 109. Psalm (Dixit Dominus Domino meo: Sede a dextris meis...) gilt als Händels erstes vollständig erhaltenes großdimensioniertes Chorwerk und ist zugleich ein virtuoses Bekenntnis seiner neuentdeckten Meisterschaft im polyphonen und dramatischen Stil. Die Musik ist von überwältigender Energie, Kühnheit und Ausdrucksvielfalt. Händel verzichtet auf die kontemplative Strenge des stile antico und entfesselt stattdessen eine geradezu theatralische Klangsprache, die bereits den Opernkomponisten erkennen lässt. Schon der eröffnende Chor Dixit Dominus Domino meo steigert sich zu einem vokalen Sturm von rhythmischer Vitalität und kontrapunktischer Brillanz. In den anschließenden Sätzen wechselt Händel zwischen inniger Empfindsamkeit (Virgam virtutis tuae), strahlender Triumphgeste (Tecum principium in die virtutis tuae) und tief empfundener Andacht (De torrente in via bibet). Dabei zeigt sich der junge Komponist als Erbe der römischen Tradition, wie sie durch Corelli, Alessandro Scarlatti und Colonna geprägt war, zugleich aber als ein Künstler von eigenständiger Handschrift, der bereits in diesen Jahren über Italien hinauszudenken begann. Das Werk ist in seiner formalen Architektur außergewöhnlich dicht gearbeitet. Händel lässt Solistenensembles und Chor in ständigem Wechsel agieren, verbindet fugierte Passagen mit homophonen Kulminationen und erreicht im abschließenden Gloria Patri eine überwältigende Apotheose – eine mehrschichtige Doxologie, die das gesamte Werk in leuchtender C-Dur-Pracht beschließt. Trotz seiner Entstehung im katholischen Rom bleibt das Dixit Dominus kein bloßes liturgisches Stück, sondern eine leidenschaftliche geistliche Kantate, die den ekstatischen Ausdruck der italienischen Barockkunst in den protestantisch-nordischen Geist Händels überführt. Sir John Eliot Gardiner, einer der bedeutendsten Vertreter der historisch informierten Aufführungspraxis, hat Händels Dixit Dominus vielfach interpretiert – stets mit jener elektrisierenden Mischung aus Präzision, rhetorischer Klarheit und expressiver Intensität, die seine Arbeit auszeichnet. Die hier genannte Aufführung aus dem Juni 2014 mit den English Baroque Soloists und dem Monteverdi Choir zählt zu den eindrucksvollsten modernen Realisationen des Werkes. Sie verbindet vokale Brillanz mit stilistischer Reinheit, das Feuer des jungen Händel mit der reifen Erfahrung eines Dirigenten, der diese Musik bis in ihre theologische und emotionale Tiefe hinein versteht. Die Einblendung des deutschen Textes im Video macht dieses Erlebnis noch zugänglicher: sie führt den Hörer Satz für Satz durch das lateinische Original, lässt die Wucht der Psalmworte im eigenen Sprachraum nachklingen und verdeutlicht, dass Händels Musik aus der Verbindung von Text, Glaube und Affekt ihre überwältigende Wirkung zieht. Seitenanfang Georg Friedrich Händel Tomás Luis de Victoria (1548 – 1611): Tenebrae Responsories Ensemble Tenebrae – Leitung: Nigel Short (* 1965) Aufnahme 2012 – Signum Records (SIGCD 301, 2013) Die Responsoria pro Hebdomada Sancta („Responsorien - Antwortgesänge - für die Heilige Woche“) sind Victorias großartigste Meditation über das Leiden Christi – 18 Vertonungen der nächtlichen Tenebrae-Offizien des Gründonnerstags, Karfreitags und Karsamstags, veröffentlicht 1585 in Rom im Rahmen des monumentalen Officium Hebdomadae Sanctae. Jede Gruppe von drei Responsorien gehört zu einem Nocturn des jeweiligen Tages; sie wurden in der Dunkelheit der Nacht gesungen, während nach und nach die Kerzen gelöscht wurden – Sinnbild für das Erlöschen der Welt im Tod des Erlösers. Nigel Short und sein Ensemble Tenebrae haben 2012 diese Gesänge mit beispielhafter Klarheit und glühender Innerlichkeit aufgenommen. Der Chor singt in reiner Intonation, schlanker Polyphonie und fast körperloser Klangbalance – eine Interpretation, die auf Zurücknahme statt Effekt zielt und dadurch die tiefe Spiritualität dieser Musik freilegt. https://www.youtube.com/watch?v=wcHZAxrnkGk&list=OLAK5uy_nyLmyYK-dP4kOUc01sVjrkO3ondcOv9Z4&index=1 Die Aufnahme gliedert sich in die drei Tage des Triduum Sacrum: Gründonnerstag – Nocturn II und III Der Verrat und die beginnende Passion. Amicus meus osculi me tradidit signa – „Mein Freund hat mir mit einem Kuss das Zeichen des Verrats gegeben.“ Ein leises Drama aus schmerzvoller Zärtlichkeit und innerem Schrecken. Iudas mercator pessimus – Der „schlechteste Kaufmann“ verkauft den Herrn für Silber; Victoria formt den Text zu einem unruhig zuckenden Dialog. Unus ex discipulis meis tradet me hodie – „Einer meiner Jünger wird mich heute verraten.“ Die Stimmen kreuzen sich in ängstlicher Verflechtung, Symbol der verwirrten Gemeinde. Eram quasi agnus innocens – „Ich war wie ein unschuldiges Lamm.“ Ein Lamento von erstaunlicher Stille und Weite. Una hora non potuistis vigilare mecum – „Nicht eine Stunde konntet ihr mit mir wachen.“ Der Klang verlangsamt sich bis zum Stillstand – Müdigkeit und Verlassenheit. Seniores populi consilium fecerunt – Die Ältesten beschließen den Tod Jesu; Victoria lässt die Stimmen in unheilvollem Gleichmaß kreisen – eine musikalische Vorahnung der Kreuzigung. Karfreitag – Nocturn II und III Das Leiden und Sterben Christi. Tamquam ad latronem existis – „Wie gegen einen Räuber seid ihr ausgezogen.“ Ein Ausbruch empörter Würde – Christus wird unschuldig ergriffen. Tenebrae factae sunt – „Finsternis breitete sich aus.“ Der Zentralpunkt des Zyklus: scharfe Dissonanzen, lang gehaltene Töne, ein Bild kosmischer Erschütterung. Animam meam dilectam – „Meine geliebte Seele gab ich den Feinden preis.“ Schmerzlich verlöschend, mit unfassbarer Zärtlichkeit. Tradiderunt me in manus impiorum – „Sie haben mich in die Hände der Gottlosen gegeben.“ Eine Klage voll bitterer Wehmut. Iesum tradidit impius summis principibus – „Der Gottlose übergab Jesus den Hohenpriestern.“ Der Chor schichtet die Linien zu einem kalten Schweigen am Ende. Caligaverunt oculi mei – „Meine Augen sind verdunkelt vor Tränen.“ Der Trauergesang der Mutter, der Jünger, der Kirche. Karsamstag – Nocturn II und III Der Tod und die Grabesruhe – der Beginn der Hoffnung. Recessit pastor noster – „Unser Hirt ist dahingegangen.“ Ein Lied der Grabesruhe, ruhig und schwebend. O vos omnes – „O ihr alle, die ihr des Weges zieht, schaut, ob ein Schmerz ist wie mein Schmerz.“ Victoria verdichtet das Leiden in zarter Klangtransparenz. Ecce quomodo moritur iustus – „Seht, wie der Gerechte stirbt.“ Ein Abschied voll Frieden – die Welt hält den Atem an. Astiterunt reges terrae – „Die Könige der Erde erhoben sich gegen den Herrn.“ Ein kurzer, ernster Aufschrei vor der Stille. Aestimatus sum cum descendentibus in lacum – „Ich bin gezählt unter die, die in die Grube hinabsteigen.“ Ein fast erstarrtes Lamento, reine Chorpolyphonie ohne Trostakkorde. Sepulto Domino – „Nachdem der Herr begraben war.“ Die letzte Musik des Officiums: sanftes Verlöschen, ein Hauch von Licht am Rand der Finsternis. Diese Aufnahme des Ensembles Tenebrae unter Nigel Short ist ein Meisterwerk der Gegenwart. Sie verbindet technische Perfektion mit meditativer Innerlichkeit, bewahrt den lateinischen Klang in klarer Aussprache und gestaltet jeden Satz als eigenes geistiges Bild. Wo Harry Christophers (The Sixteen) noch feierlicher und heller klingt, ist Short intimer, mystischer, ernster. Die Stille zwischen den Sätzen wird zum Teil des Gebets. In seiner geschlossenen Gestalt zeigt dieser Zyklus, dass Victoria am Ende des 16. Jahrhunderts die Grenze zwischen Kunst und Andacht aufgehoben hat. Die Tenebrae Responsories gehören zu den kostbarsten Schätzen der Renaissance, und diese Aufnahme macht ihren stillen Glanz hörbar wie kaum eine andere. Siehe auch Tomás Luis de Victoria : Officium Hebdomadae Sanctae (1585) Seitenanfang Tomás Luis de Victoria Johann Sebastian Bach (1685–1750): Konzert a-Moll für vier Cembali und Streicher, BWV 1065 Unter den Konzerten Johann Sebastian Bachs nimmt das a-Moll-Konzert für vier Cembali BWV 1065 eine Sonderstellung ein. Es ist das einzige Werk des Komponisten, das gleich vier Soloinstrumente einsetzt, und zugleich ein eindrucksvolles Beispiel für seine schöpferische Auseinandersetzung mit dem venezianischen Konzertstil Antonio Vivaldis (1678–1741). Bach übernahm als Vorlage Vivaldis Konzert h-Moll für vier Violinen und Streicher, RV 580, das 1711 in der Sammlung L’Estro armonico, op. 3, erschienen war – einer jener Zyklen, die den jungen Bach tief beeindruckten und seine Entwicklung als Konzertkomponist nachhaltig beeinflussten. In seiner Weimarer und späteren Leipziger Zeit studierte Bach Vivaldis Werke intensiv, schrieb sie teils für Tasteninstrumente um und machte sie so im deutschen Raum bekannt. Das Konzert BWV 1065 ist dabei weit mehr als eine bloße Übertragung. Es ist eine Art kompositorischer Dialog zwischen zwei Genies: Bach übernimmt die formale Architektur und thematische Substanz des italienischen Originals, verwandelt sie aber durch seinen polyphonen Denkstil, seine harmonische Kühnheit und seine unerschöpfliche kontrapunktische Phantasie in ein Werk eigener Handschrift. Bereits der erste Satz (ohne Tempobezeichnung) zeigt, wie Bach den konzertanten Wechsel von Soli und Tutti in ein dichtes, spannungsvoll verwobenes Gewebe verwandelt. Wo Vivaldi auf klare, virtuos geführte Linien setzt, schafft Bach ein Netzwerk aus imitatorischen Einsätzen und rhythmischen Überlagerungen, das die vier Cembali in einen lebhaften, beinahe orchestralen Dialog treten lässt. Die Stimmen kreuzen sich, antworten einander, verschmelzen zu einem hellen, flirrenden Klang – ein technisches Wunderwerk und zugleich ein Spiel mit der Klangidentität des Tasteninstruments, das hier fast zu atmen scheint. Das Largo in a-Moll (3/4-Takt) steht in starkem Kontrast zu den äußeren Sätzen. Hier tritt der expressive, fast gesangliche Charakter des Cembalos hervor. Über einem ruhig schreitenden Bass entfalten sich die Stimmen in einem feinen, melancholischen Dialog, der die Empfindsamkeit des mittleren 18. Jahrhunderts bereits vorwegnimmt. Die Musik scheint still zu kreisen, wie in einer kontemplativen Zwiesprache zwischen vier gleichgesinnten Partnern. Das abschließende Allegro (6/8-Takt) bringt den zyklischen Bogen zum Abschluss mit unbändiger Energie. Bach gestaltet Vivaldis lebhaften Kehraus mit noch größerer kontrapunktischer Dichte, schärferer Rhythmik und einer Fülle an harmonischen Wendungen. Er fügt sogar einen zusätzlichen Takt ein – eine kleine, aber bedeutende Geste, die das Gleichgewicht des Satzes subtil verändert und den musikalischen Verlauf noch spannungsvoller macht. Vergleicht man beide Fassungen, so erscheint Vivaldis Original als ein funkelndes, impulsives Meisterwerk jugendlicher Erfindungskraft, während Bachs Bearbeitung den reifen Geist eines Komponisten offenbart, der aus dem Material des Italieners ein Kunstwerk von architektonischer Geschlossenheit und geistiger Tiefe formt. Aus dem Konzert der vier Violinen wird ein Konzert der vier Geister – ein klingender Beweis für Bachs Fähigkeit, fremdes Gedankengut zu verwandeln, zu durchdringen und ihm eine neue Dimension zu geben. Das Konzert BWV 1065 gehört heute zu den faszinierendsten Zeugnissen jener fruchtbaren Begegnung zwischen italienischer Virtuosität und deutscher Gelehrsamkeit, die das barocke Musikleben so entscheidend prägte. In Bachs Händen wird Vivaldis Feuer zu einem kristallklaren, geistvollen Glanz – ein Beispiel dafür, wie schöpferische Aneignung zur höchsten Form des Respekts werden kann. Johann Sebastian Bach: Konzert a-Moll für vier Cembali und Streicher, BWV 1065 Siebe Henstra – Menno van Delft – Pieter-Jan Belder – Tineke Steenbrink, Cembali Netherlands Bach Society, aufgenommen am 16. April 2016 in Utrecht (Ottone) https://www.youtube.com/watch?v=emkJ0A7IfkY In der Aufnahme der Netherlands Bach Society entfaltet sich Bachs Konzert in jener Klangwelt, für die es geschaffen wurde – der silbrig funkelnden, zugleich präzisen Artikulation des Cembalos. Vier Solisten, alle erfahrene Interpreten der historischen Aufführungspraxis, treten in einen Dialog, der so sehr von geistiger Wachheit wie von kammermusikalischer Disziplin lebt. Siebe Henstra, Menno van Delft, Pieter-Jan Belder und Tineke Steenbrink gestalten das Zusammenspiel mit vollendeter Klarheit: kein Virtuosenwettlauf, sondern ein fein gewebtes Netz aus Stimmen, das sich mit den begleitenden Streichern zu einer vibrierenden Klangarchitektur verbindet. Der erste Satz wirkt wie ein lebendiges Mosaik: jede Phrase, jeder Einsatz erhält Gewicht, und das Wechselspiel der vier Cembali erzeugt ein faszinierendes Flimmern. Im Largo wird die Musik zu einer stillen Zwiesprache – das Instrument, oft als „unempfindlich“ bezeichnet, zeigt hier seine lyrische Seite in zarten, perlenden Linien. Das abschließende Allegro schließlich lässt die barocke Spielfreude triumphieren: rhythmisch federnd, brillant und mit jener feinen Balance zwischen Strenge und tänzerischer Leichtigkeit, die typisch ist für die beste niederländische Bach-Tradition. Diese Aufnahme überzeugt nicht durch Pathos, sondern durch Reinheit, Präzision und Transparenz. Sie zeigt, dass vier Cembali kein klanglicher Exzess sein müssen, sondern – in Bachs Händen – eine polyphone Lichtarchitektur, in der jede Stimme ihren Platz und jede Geste Bedeutung hat. und Johann Sebastian Bach: Konzert a-Moll für vier Klaviere und Orchester, BWV 1065 Martha Argerich – Evgeny Kissin – James Levine – Mikhail Pletnev, Klaviere Verbier Festival, 22. Juli 2002 https://www.youtube.com/watch?v=tJ49G2-Chhs Diese legendäre Aufführung aus dem Verbier Festival 2002 ist ein Ereignis von ganz anderer Art – eine pianistische Sternstunde. Vier der größten Künstler unserer Zeit begegnen einander in einem Werk, das ursprünglich für Cembali gedacht war, und verwandeln es in ein Feuerwerk klanglicher Energie und Temperamente. Martha Argerich, Evgeny Kissin, James Levine und Mikhail Pletnev sitzen nebeneinander an vier Konzertflügeln – eine Konstellation, die schon durch ihre physische Wucht elektrisiert. Was hier entsteht, ist keine historisierende Rekonstruktion, sondern eine Hommage an Bach durch die Sprache des modernen Klaviers. Die kraftvolle Sonorität der Flügel lässt das Werk in orchestraler Pracht erstrahlen, während die vier Pianisten mit spontaner Lebendigkeit und gegenseitiger Wachheit agieren. Argerichs flackernde Impulsivität trifft auf Kissins Präzision, Levines dirigierendes Bewusstsein auf Pletnevs aristokratische Gelassenheit – und aus dieser Spannung entsteht ein Rausch aus Bewegung und Klang. Im Largo verlangsamt sich die Zeit: die vier Flügel verschmelzen zu einem atmenden Organismus, und der Klang erhält jene weiche, gläserne Tiefe, die auf dem Cembalo nur zu ahnen ist. Das Allegro hingegen entfesselt Virtuosität pur – ein musikalischer Dialog auf höchstem Niveau, zugleich festlich, übermütig und kontrolliert. Diese Aufführung ist kein Gegenentwurf, sondern eine Verwandlung: Sie beweist, dass Bachs Musik in jedem Jahrhundert neu geboren werden kann – sei es auf Cembali, sei es auf Steinways. Wo die niederländische Aufnahme die Reinheit des barocken Ideals sucht, feiert Verbier die Vitalität und Freiheit der Moderne. Beide Interpretationen – jede in ihrer eigenen Sprache – zeigen, wie unerschöpflich Bachs Geist bleibt. Seitenanfang Johann Sebastian Bach Jakub Józef Orliński (Countertenor) – „Anima Sacra“ Il Pomo d’Oro – Leitung: Maxim Emelyanychev Erato / Warner Classics, 2018 https://www.youtube.com/watch?v=pbHFv_m9Jis&list=OLAK5uy_mGm3y_W9jBGcc1na7tvxnvN79dCZWh6v0&index=1 Mit seinem Debütalbum „Anima Sacra“ hat der polnische Countertenor Jakub Józef Orliński (* 1990) ein künstlerisches Zeichen gesetzt, das weit über den bloßen Effekt jugendlicher Virtuosität hinausgeht. Begleitet vom herausragenden Ensemble Il Pomo d’Oro unter der Leitung des russischen Dirigenten und Cembalisten Maxim Emelyanychev (* 1988), widmet sich Orliński hier geistlichen Arien des 18. Jahrhunderts – Werken von Komponisten, die heute nur selten auf den Konzertpodien zu hören sind. Das Repertoire, aus Archiven und Bibliotheken mit akribischer Sorgfalt zusammengetragen, vereint Namen wie Nicola Fago (1677–1745), Johann David Heinichen (1683–1729), Francesco Feo (1691–1761), Domenico Natale Sarro (1679–1744), Gaetano Maria Schiassi (1698–1754), Johann Adolf Hasse (1699–1783) und Jan Dismas Zelenka (1679–1745). Diese Auswahl offenbart eine bislang kaum beachtete Klangwelt zwischen neapolitanischem Spätbarock und deutscher Sakraltradition, in der empfindsame Linienführung, kontrapunktische Kunst und vokale Virtuosität zu einer bewegenden Einheit verschmelzen. Orliński gestaltet die Arien mit makelloser Technik, schlankem, silbrig schimmerndem Timbre und einer emotionalen Intensität, die das Sakrale zu etwas zutiefst Menschlichem werden lässt. Besonders eindrucksvoll gelingt ihm dies in Zelenkas ergreifender Arie “S’una sol lagrima”, in der Mitleid und Glauben zu einer einzigen Klage verschmelzen, oder in Schiassis “L’agnelletta timidetta”, wo zarte Empfindsamkeit und barocke Ausdrucksfülle in vollkommener Balance stehen. Il Pomo d’Oro, eines der führenden Ensembles für historische Aufführungspraxis, erweist sich als idealer Partner: Die Musiker reagieren mit federnder Leichtigkeit, expressiver Dynamik und einem feinen Gespür für Farbe und Atmung auf jede vokale Nuance. Unter Emelyanychevs präziser und zugleich atmender Leitung entsteht ein kammermusikalischer Dialog von seltener Intensität. „Anima Sacra“ – die heilige Seele – ist damit nicht nur ein programmatischer Titel, sondern auch eine künstlerische Haltung. Das Album verbindet musikalische Entdeckungsfreude mit spiritueller Innerlichkeit und zeigt, dass auch abseits der bekannten Meisterwerke der Barockzeit eine ganze Welt verborgen liegt: eine Welt, in der die menschliche Stimme als Ausdruck göttlicher Empfindung verstanden wird. Track 1: Komponist: Nicola Fago (1677–1745) Werk: Il Faraone sommerso (Oratorium, Neapel, um 1710) Arie: Alla gente a Dio diletta Deutsche Übersetzung: Dem von Gott geliebten Volk wird Hilfe gesandt aus der Höhe. Der Himmel neigt sich voll Erbarmen, und die Hand des Höchsten rettet die Gerechten aus den Fluten der Bedrängnis. Track 2: Komponist: Nicola Fago Werk: Confitebor tibi Domine (Psalmvertonung, Neapel, um 1715) Satz I: Confitebor tibi Domine Deutsche Übersetzung: Ich will dich preisen, o Herr, von ganzem Herzen, vor dem Rate der Gerechten und in der Gemeinde. Groß sind die Werke des Herrn, erforschbar für alle, die sie lieben. Track 3: Komponist: Nicola Fago Werk: Confitebor tibi Domine Satz II: Memoriam fecit – Escam dedit Deutsche Übersetzung: Er hat ein Gedächtnis gestiftet seiner Wunder, gnädig und barmherzig ist der Herr. Er gibt Speise denen, die ihn fürchten; für immer gedenkt er seines Bundes. Track 4: Komponist: Nicola Fago Werk: Confitebor tibi Domine Satz III: Fidelia omnia mandata ejus Deutsche Übersetzung: Treu sind alle seine Gebote, sie stehen fest für immer und ewig, geschaffen in Wahrheit und Gerechtigkeit. Track 5: Komponist: Nicola Fago Werk: Confitebor tibi Domine Satz IV: Sanctum et terribile Deutsche Übersetzung: Heilig und ehrfurchtgebietend ist sein Name. Der Anfang der Weisheit ist die Furcht des Herrn; klug sind alle, die danach handeln. Sein Lob bleibt ewig bestehen. Track 6: Komponist: Nicola Fago Werk: Confitebor tibi Domine Satz V: Initium sapientiae timor Domini Deutsche Übersetzung: Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit; klug sind alle, die danach handeln. Sein Lob bleibt ewig bestehen. Track 7: Komponist: Nicola Fago Werk: Confitebor tibi Domine Satz VI: Intellectus bonus omnibus – Gloria Deutsche Übersetzung: Einsicht haben alle, die seine Gebote befolgen; sein Lob bleibt ewig bestehen. Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen. Track 8: Komponist: Nicola Fago Werk: Confitebor tibi Domine Satz VII: Sicut erat in principio – Amen Deutsche Übersetzung: Wie es war im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen. Track 9: Komponist: Johann David Heinichen (1683–1729) Werk: Alma Redemptoris Mater, S. 22 (um 1710) Satz I: Alma Redemptoris Mater Deutsche Übersetzung: Milde Mutter des Erlösers, du stets offene Pforte des Himmels und Stern des Meeres, komm dem gefallenen Volk zu Hilfe, das sich bemüht, aufzustehen. Du, die du den Schöpfer der Welt zur Geburt gebracht hast und dabei ewig Jungfrau bliebest, nimm dich der Sünder an. Track 10: Komponist: Johann David Heinichen Werk: Alma Redemptoris Mater, S. 22 Satz II: Tu quae genuisti Deutsche Übersetzung: Du, die du den Schöpfer geboren hast, und doch ewig Jungfrau geblieben bist, Maria, nimm dich der Sünder an. Track 11: Komponist: Johann David Heinichen Werk: Alma Redemptoris Mater, S. 22 Satz III: Gabrielis ab ore Deutsche Übersetzung: Du hast durch Gabriels Botschaft den Gruß empfangen und den Schöpfer der Welt geboren; erbarme dich unser, bitte für uns, o Jungfrau Maria. Track 12: Komponist: Domènec Terradellas (1713–1751) Werk: Dixit Dominus Satz: Donec ponam Deutsche Übersetzung: Bis ich deine Feinde hinlege zum Schemel deiner Füße. Der Herr wird das Zepter deiner Macht vom Zion her aussenden: Herrsche inmitten deiner Feinde. Track 13: Komponist: Nicola Fago Werk: Tam non splendet sol creatus (Motette, Neapel, frühes 18. Jahrhundert) Satz I: Tam non splendet sol creatus Deutsche Übersetzung: Nicht so hell erstrahlt die erschaffene Sonne, wie das göttliche Licht erglänzt, das in der Jungfrau wohnt, von der das wahre Licht der Welt geboren wird. Track 14: Komponist: Nicola Fago Werk: Tam non splendet sol creatus Satz II: O nox clara? Deutsche Übersetzung: O klare Nacht, die heller leuchtet als der Tag! In deinem Schweigen ward geboren der Herr des Himmels, der der Welt das wahre Licht gebracht hat. Track 15: Komponist: Nicola Fago Werk: Tam non splendet sol creatus Satz III: Dum infans iam dormit Deutsche Übersetzung: Während das Kind schon schläft, wachen die Engel in Jubelgesang, und die Hirten beten voll Staunen an, denn in der Schwachheit des Fleisches ruht die Macht des Himmels. Track 16: Komponist: Nicola Fago Werk: Tam non splendet sol creatus Satz IV: Alleluia Deutsche Übersetzung: Halleluja! Lobpreis und Ehre sei Gott in der Höhe, der uns durch die Geburt seines Sohnes das Licht des Heils geschenkt hat. Halleluja! Track 17: Komponist: Domenico Natale Sarro (1679–1744) Werk: Messa a 5 voci Satz: Laudamus te Deutsche Übersetzung: Wir loben dich, wir preisen dich, wir beten dich an, wir verherrlichen dich. Track 18: Komponist: Francesco Feo (1691–1761) Werk: Dies irae Satz: Juste Judex ultionis Deutsche Übersetzung: Gerechter Richter der Vergeltung, verleihe mir die Gnade der Vergebung, noch ehe der Tag der Abrechnung kommt. Track 19: Komponist: Jan Dismas Zelenka (1679–1745) Werk: Gesù al Calvario, ZWV 62 (1735) Arie: Smanie di dolci affetti … Deutsche Übersetzung: Sehnsüchte süßer Gefühle durchdringen mein Herz mit Schmerz und Liebe. Zwischen Furcht und Hoffnung zittert meine Seele, denn die Liebe kämpft mit dem Leiden, und das Mitleid verzehrt mich ganz. Track 20: Komponist: Jan Dismas Zelenka Werk: Gesù al Calvario, ZWV 62 (1735) Arie: S’una sol lagrima Deutsche Übersetzung: Wenn nur eine einzige Träne aus mitleidsvollem Herzen flösse, würde sie schon genügen, um den Zorn des Himmels zu besänftigen. Doch wer kann weinen, wenn Schmerz und Liebe die Seele zugleich bezwingen? Track 21: Komponist: Johann Adolf Hasse (1699–1783) Werk: Mea tormenta, properate! (Arie aus einer Kantate oder Oratorium, Dresden, um 1730) Deutsche Übersetzung: Eilt herbei, ihr Qualen, kommt, vollendet mein Leiden! Wenn Schmerz mich töten soll, so sterb’ ich willig — denn mein Herz sehnt sich nach dem Himmel, wo das Leid sich in Trost verwandelt. Track 22: Komponist: Gaetano Maria Schiassi (1698–1754) Werk: Maria Vergine al Calvario (Oratorium, Bologna, um 1730) Arie: L’agnelletta timidetta Deutsche Übersetzung: Wie ein zaghaftes Lämmchen folgt sie den blutigen Spuren des Sohnes, zitternd vor Schmerz und Liebe. Ihr Herz vergeht in Trauer, doch ihr Glaube bleibt standhaft unter dem Kreuz des Herrn. Track 23: Komponist: Francesco Durante (1684–1755) Werk: Messa a 5 voci Satz: Domine Fili unigenite Deutsche Übersetzung: Herr, eingeborener Sohn, Jesus Christus, Herr Gott, Lamm Gottes, Sohn des Vaters, du nimmst hinweg die Sünden der Welt, erbarme dich unser. Seitenanfang Jakub Józef Orliński Sergei Rachmaninow Sergei Rachmaninow (1873–1943): Klavierkonzert Nr. 2 in c-Moll op. 18 Klavier: Krystian Zimerman (* 1956) Boston Symphony Orchestra, Leitung: Seiji Ozawa (1935–2024) Deutsche Grammophon, Aufnahme: Dezember 2000 https://www.youtube.com/watch?v=DZTAXk2NOdc Rachmaninows Zweites Klavierkonzert gehört zu den unvergänglichen Meisterwerken der Spätromantik – ein Werk, das zwischen Melancholie und triumphaler Kraft schwebt. Nach einer tiefen schöpferischen Krise, ausgelöst durch das Scheitern seiner ersten Sinfonie, fand der Komponist mit diesem Konzert zu sich selbst zurück. Die Entstehung zwischen 1900 und 1901 fiel in eine Zeit, in der Rachmaninow durch hypnotherapeutische Sitzungen mit Dr. Nikolai Dahl (1860–1939) neuen Mut schöpfte – und die Musik dieses Konzerts atmet förmlich den Aufbruch aus Dunkelheit ins Licht. Der eröffnende Satz beginnt ungewöhnlich: mit einer Reihe von geheimnisvoll anschwellenden Akkorden des Solisten, die wie aus der Tiefe des Herzens steigen, bis das Orchester den dramatischen Hauptgedanken entfaltet. Zimerman gestaltet diesen Beginn mit einem idealen Gleichgewicht aus Spannung und innerer Ruhe – kraftvoll, aber nie laut, von einer klanglichen Noblesse, die an große russische Traditionen erinnert. Ozawa und das Boston Symphony Orchestra antworten mit einem satten, fein abgestuften Klangbild, das Rachmaninows weitgespannten Bogen organisch trägt. Im zweiten Satz, dem Adagio sostenuto, öffnet sich eine der schönsten lyrischen Seiten der gesamten Klavierliteratur. Über einem zarten Puls der Streicher schwebt eine melancholische Melodie, die sich mit dem Klavier zu einem stillen Dialog verbindet – voll Sehnsucht und zeitloser Schönheit. Zimermans Anschlag bleibt dabei von größter Delikatesse, jede Phrase ist modelliert wie ein Atemzug. Das Finale schließlich führt vom energischen c-Moll zum strahlenden C-Dur. Hier verschmelzen Virtuosität und emotionale Größe: das heroische Thema, die wogenden Klavierfiguren, das immer wiederkehrende Aufbäumen – alles kulminiert in einer Apotheose, die Zimerman und Ozawa mit packender Dramatik, aber auch mit leuchtender Klarheit gestalten. Diese Einspielung gilt als eine der vollkommensten modernen Interpretationen des Werkes. Zimermans makellose Technik, seine Kontrolle über Klangfarben und Tempo, sowie Ozawas einfühlsame, weiträumige Orchesterführung verbinden sich zu einer Darbietung, die zugleich von Noblesse, Leidenschaft und tiefem Respekt vor der Partitur geprägt ist. Eine Aufnahme, die Rachmaninows Musik nicht sentimental verklärt, sondern in ihrer emotionalen Wahrhaftigkeit erstrahlen lässt – zweifellos hörenswert. Seitenanfang Tomás Luis de Victoria (1548–1611): Requiem a 6 (Officium Defunctorum, 1605) The Tallis Scholars, Leitung: Peter Phillips (* 1953) https://www.youtube.com/watch?v=RI_U6o7tAzk Das Officium Defunctorum, Victorias letztes und vollendetstes Werk, entstand 1603 zum Gedenken an Kaiserin Maria von Österreich (1528–1603), die im Madrider Kloster der Descalzas Reales verstarb. Zwei Jahre später wurde es in Madrid gedruckt und gilt bis heute als Höhepunkt der spanischen Vokalpolyphonie. In dieser sechsstimmigen Totenmesse erreicht Victoria eine einzigartige Verbindung von kontrapunktischer Meisterschaft, innerer Ruhe und spiritueller Klarheit. Keine theatralischen Gesten, keine äußeren Wirkungen – nur reine Klangarchitektur, die sich über der Erde zu erheben scheint. Die Einspielung der Tallis Scholars unter Peter Phillips gehört zu den eindrucksvollsten und reinsten Interpretationen. Ihre Stimmen verschmelzen zu einem transparenten, schwebenden Gesamtklang, der den meditativen Charakter dieser Musik in vollendeter Form spürbar macht. In der YouTube-Aufnahme entfaltet sich die erhabene Ruhe des Werkes in feierlicher Klarheit. Text Introitus: Requiem aeternam dona eis, Domine, et lux perpetua luceat eis. Herr, gib ihnen die ewige Ruhe, und das ewige Licht leuchte ihnen. Te decet hymnus, Deus, in Sion, et tibi reddetur votum in Jerusalem: exaudi orationem meam, ad te omnis caro veniet. Dir gebührt das Lob, o Gott, auf dem Zion, und dir wird das Gelübde erfüllt in Jerusalem. Erhöre mein Gebet; zu dir kommt alles Fleisch. Kyrie eleison. Christe eleison. Kyrie eleison. Herr, erbarme dich. Christus, erbarme dich. Herr, erbarme dich. Offertorium: Domine Jesu Christe, Rex gloriae, libera animas omnium fidelium defunctorum de poenis inferni et de profundo lacu. Herr Jesus Christus, König der Herrlichkeit, erlöse die Seelen aller verstorbenen Gläubigen von den Strafen der Hölle und dem tiefen Abgrund. Sed signifer sanctus Michael repraesentet eas in lucem sanctam. Doch der heilige Michael, der Bannerträger, möge sie in das heilige Licht führen. Quam olim Abrahae promisisti et semini eius. Wie du es einst Abraham und seinen Nachkommen verheißen hast. Sanctus, Sanctus, Sanctus Dominus Deus Sabaoth. Pleni sunt caeli et terra gloria tua. Hosanna in excelsis. Heilig, heilig, heilig ist der Herr, Gott der Heerscharen. Himmel und Erde sind erfüllt von deiner Herrlichkeit. Hosanna in der Höhe. Agnus Dei, qui tollis peccata mundi, dona eis requiem sempiternam. Lamm Gottes, das du hinwegnimmst die Sünden der Welt, gib ihnen die ewige Ruhe. Communio: Lux aeterna luceat eis, Domine, cum sanctis tuis in aeternum, quia pius es. Das ewige Licht leuchte ihnen, o Herr, mit deinen Heiligen in Ewigkeit, denn du bist barmherzig. Alonso Lobo (1555–1617): Versa est in luctum Diese Motette, 1598 für die Exequien von König Philipp II. (1527–1598) komponiert, steht in enger geistiger Verwandtschaft zu Victorias Requiem. Sie erklingt in der Tallis-Scholars-Aufnahme unmittelbar nach dem Lux aeterna und führt das Thema der stillen Klage weiter – schlicht, ergreifend und voller Demut. https://www.youtube.com/watch?v=fZ_FeBMsIlw Text Versa est in luctum cithara mea, et organum meum in vocem flentium. Parce mihi, Domine, nihil enim sunt dies mei. Meine Harfe ist in Klage verwandelt, und mein Spiel in die Stimme der Weinenden. Verschone mich, o Herr, denn ein Nichts sind meine Tage. Responsory: Libera me, Domine, de morte aeterna in die illa tremenda, quando caeli movendi sunt et terra. Dum veneris iudicare saeculum per ignem. Befreie mich, Herr, vom ewigen Tod an jenem schrecklichen Tag, wenn Himmel und Erde beben werden, wenn du kommst, die Welt durch Feuer zu richten. Tremens factus sum ego et timeo, dum discussio venerit atque ventura ira. Dies illa, dies irae, calamitatis et miseriae, dies magna et amara valde. Ich zittere und fürchte mich, bis das Gericht kommt und der Zorn erscheint. Jener Tag, der Tag des Zorns, des Unglücks und des Elends, der große und überaus bittere Tag. Dona eis requiem. Amen. Gib ihnen die Ruhe. Amen. Diese Aufnahme aus der Kapelle des Merton College in Oxford zeigt The Tallis Scholars unter der Leitung von Peter Phillips auf dem Höhepunkt ihrer Kunst. In vollkommener Intonation, klarer Linienführung und fast überirdischer Ruhe wird Victorias Officium Defunctorum zu einem Gebet aus Klang – ein stiller Triumph der Reinheit und ein bleibendes Zeugnis für die spirituelle Größe der spanischen Renaissance. Seitenanfang Alonso Lobo Tomás Luis de Victoria Festum Omnium Sanctorum Am 1. November, feiert die katholische Kirche das Hochfest Allerheiligen (Festum Omnium Sanctorum), an dem aller Heiligen gedacht wird. Aus diesem Anlass sei an ein erhabenes Werk von Jan Dismas Zelenka (1679–1745) erinnert: die „Missa Omnium Sanctorum“, ZWV 21, komponiert um 1741 in Dresden. Sie ist Zelenkas letzte vollendete Messvertonung und zeichnet sich durch eine außergewöhnliche Tiefe, kontrapunktische Meisterschaft und zugleich bewegende Expressivität aus. In dieser Messe verschmelzen festliche Strahlkraft und innige Frömmigkeit zu einem musikalischen Denkmal des Glaubens – ein würdiger Beitrag zum heutigen Hochfest aller Heiligen. https://www.youtube.com/watch?v=RZNYtML_Zrg Genaue Beschreibung - siehe Jan Dismas Zelenka, „Missa Omnium Sanctorum“, ZWV 21 Seitenanfang Jan Dismas Zelenka Johannes Brahms (1833–1897): „Die Meere“ op. 20 Nr. 3 Text: Wilhelm Müller (1794–1827), nach einer italienischen Vorlage Die frühe Liedkomposition „Die Meere“ gehört zu jenen Werken, in denen Johannes Brahms die poetische Welt der Romantik mit einer neuen, tief innerlichen Tonsprache verbindet. Entstanden um 1860, also in der Zeit seines reifen Liedschaffens, ist dieses Stück Teil des Opus 20, das ursprünglich für Frauenstimmen mit Klavierbegleitung konzipiert wurde. Der Text stammt tatsächlich von Wilhelm Müller, dem bekannten Dichter der Schubert-Zyklen Die schöne Müllerin und Winterreise, der hier eine italienische Vorlage in eine zart melancholische, von Sehnsucht und Naturbildern durchzogene Sprache überträgt. Auf YouTube liegt eine eindrucksvolle Interpretation des Liedes vor, in der Steinaunn Soffia Skjenstadt (Sopran, Island), Judith Thielsen ( Mezzosopran, Deutschland) und Mariana Popova (Klavier, Bulgarien) mit feinem stilistischen Gespür den stillen Zauber dieses Werkes entfalten. Das Wechselspiel zwischen den beiden Frauenstimmen lässt die Linien ineinanderfließen wie Lichtreflexe auf Wasser, während Popova am Klavier mit gedämpfter Intensität den Atem der See und das unergründliche Sehnen des Herzens spürbar macht. https://www.youtube.com/watch?v=LqQo56vUFkQ Brahms gestaltet das Gedicht „Alle Winde schlafen“ mit feinem Sinn für Atmosphäre. Schon die erste Zeile wird von einer weichen, wiegenden Begleitung getragen, die das ruhige Atmen des Meeres suggeriert. Über diesem klanglich schimmernden Grund bewegt sich eine schlichte, weit gespannte Melodie, die an ein Wiegenlied erinnert. Das Meer ist hier nicht bedrohlich, sondern ein Gleichnis für Ruhe und Einkehr. In den tiefen Registern des Klaviers fließt das Wasser träge dahin, während in den hohen Lagen die zarten Wellenlichter des Mondes aufblitzen. Doch Brahms wäre nicht Brahms, wenn diese Ruhe nicht zugleich ein Spiegel innerer Unruhe wäre. Das dritte und vierte Verspaar („Alles, alles stille / auf dem weiten Meer! / Nur mein Herz will nimmer / mit zu Ruhe gehn“) bildet den seelischen Wendepunkt des Liedes. Plötzlich bricht das weite Klangbild zusammen, die Harmonik wird dunkler, der Rhythmus stockt, und das bisher friedvolle Meer verwandelt sich in ein Sinnbild des ruhelosen Herzens. In diesen Takten offenbart sich jene psychologische Tiefe, die Brahms’ Lieder weit über die bloße Naturstimmung hinaushebt: Das Meer schläft – aber der Mensch, der liebt, findet keine Ruhe. Im Schlussabschnitt („In der Liebe Fluten / treibt es her und hin“) erreicht die Komposition ihren emotionalen Höhepunkt. Das Klavier gerät in Bewegung, die harmonischen Farben verdichten sich, und die Melodie steigt zu einem schmerzlichen Aufschwung an, bevor sie in resignativer Müdigkeit verklingt. Der letzte Vers „bis der Nachen sinkt“ endet in einem sanften, aber unerbittlichen Ritardando – ein Gleichnis für das Verlöschen der Hoffnung im endlosen Wellenspiel der Gefühle. Die poetische Schönheit von Müllers Text entfaltet sich bei Brahms mit einer fast impressionistischen Klangempfindung, die ihrer Zeit voraus ist. Die „kühlen Schatten des Abends“, das „Schleiertuch der Luna“, das „schwebende Wasser“ – all diese Bilder setzt er mit einer Raffinesse um, die sowohl Naturdarstellung als auch seelische Spiegelung ist. Man spürt in jeder Wendung die Verwandtschaft zu Schumann, doch zugleich auch Brahms’ unnachahmliche Handschrift: eine kontrollierte Leidenschaft, ein Schmerz, der sich in nobler Zurückhaltung äußert. Der Text "Alle Winde schlafen auf dem Spiegel der Flut; kühle Schatten des Abends decken die Müden zu. Luna hängt sich Schleier über ihr Gesicht, schwebt in dämmernden Träumen über die Wasser hin. Alles, alles stille auf dem weiten Meer! Nur mein Herz will nimmer mit zu Ruhe gehn. In der Liebe Fluten treibt es her und hin, wo die Stürme nicht ruhen bis der Nachen sinkt." Seitenanfang Johannes Brahms Klavierkonzert d-Moll KV 466 Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791): Klavierkonzert d-Moll KV 466 – Mitsuko Uchida (* 1948), Camerata Salzburg (Mozarteum, 2.–4. März 2001, Dirigat und Klavier: Mitsuko Uchida, Veröffentlichung: Deutsche Grammophon 2006) Das Klavierkonzert Nr. 20 in d-Moll KV 466 gehört zu den Werken Mozarts, die einen fast metaphysischen Rang innerhalb seines Schaffens besitzen. 1785 in Wien komponiert und von Mozart selbst am 11. Februar desselben Jahres in der „Mehlgrube“ uraufgeführt, markiert es einen entscheidenden Wendepunkt in der Entwicklung des klassischen Konzerts. Das Werk, eines der wenigen Mollkonzerte Mozarts, ist von dramatischer Intensität, düsterer Energie und harmonischer Kühnheit durchzogen, die in der Musikgeschichte bis zu Beethoven nachhallt. Beethoven schätzte dieses Konzert so sehr, dass er seine eigene Kadenz dazu schrieb – ein Zeichen der tiefen Verehrung, die er für Mozarts tragische Tonwelt empfand. https://www.youtube.com/watch?v=yM8CFR01KwQ Der erste Satz, Allegro, eröffnet mit pochenden Synkopen und dunklem, orchestralem Sturm, der unaufhaltsam vorwärtsdrängt. Hier betritt Mozart das Reich des tragischen Dramas, das eher an die Oper als an ein klassisches Konzert erinnert. Das Klavier tritt nicht als bloß solistischer Gegenpart, sondern als handelnde Stimme in einem seelischen Dialog auf. Mitsuko Uchida gestaltet diesen Beginn mit jener feinen Balance zwischen Klarheit und Leidenschaft, die ihre Mozart-Interpretationen unverwechselbar macht. Ihr Anschlag ist gläsern, durchsichtig, doch von innerer Glut erfüllt. Die linke Hand bleibt stets federnd und lebendig, nie schwer oder vordergründig. Als Dirigentin formt sie das Orchester mit präziser Geste und kluger Ökonomie: die Camerata Salzburg klingt unter ihrer Leitung kammermusikalisch präzise, ohne Härte, die Streicher zeichnen kantige Akzente, das Blech bleibt dezent, die Holzbläser entfalten ihre lyrische Melancholie in feinem Gleichgewicht. Der zweite Satz, Romanze in B-Dur, bildet den emotionalen Gegenpol. In einem fast entrückten, traumartigen Gesang hebt das Klavier an – ein Moment reiner Innigkeit, wie ein Blick in eine friedvolle, private Welt. Uchida spielt hier mit schwebender Zeitlosigkeit, ihr Legato scheint aus einem Atem zu fließen. Der Mittelteil jedoch, in g-Moll, öffnet plötzlich eine dunkle Klage, fast ein Aufschrei des Schmerzes. Diese Rückkehr in Moll ist wie ein Schatten, der den Frieden bedroht, bevor das Hauptthema in verklärtem Glanz wiederkehrt. In Uchidas Händen wirkt dieser Moment wie eine spirituelle Reinigung: der Schmerz wird nicht verdrängt, sondern in Schönheit verwandelt. Im Finale, Allegro assai, entlädt sich die angestaute Energie in einem wilden, stürmischen Rondo. Das Orchester schwingt sich zu dramatischen Akzenten auf, das Klavier antwortet mit schneidender Brillanz. Uchida wahrt auch hier den klaren Kopf einer Architektin, nicht den Gestus einer Virtuosin. Jede Phrase ist geformt, jede dynamische Welle logisch entwickelt. Besonders beeindruckend ist, wie sie das Orchester zu einem lebendigen Atemorgan verschmilzt: kein Gegensatz zwischen Solistin und Ensemble, sondern ein einziger, atmender Körper. Das Finale mündet in den hellen D-Dur-Schluss, der nach der langen Nacht des d-Moll wie eine Apotheose wirkt – kein billiges Happy End, sondern eine schwer errungene Katharsis. Diese 2001 im Salzburger Mozarteum entstandene Aufnahme gehört zu den exemplarischen Deutungen des Konzerts. Uchida verbindet hier die Erfahrung einer Pianistin, die Mozarts Klangsprache von innen her versteht, mit der Souveränität einer Dirigentin, die die strukturellen Spannungen des Werkes zu gestalten weiß. Ihre Lesart ist frei von romantischer Überwucherung, aber erfüllt von emotionaler Wahrhaftigkeit. Die Camerata Salzburg begleitet mit durchsichtiger Textur und federnder Rhythmik, jedes Detail ist klar hörbar, jeder Dialog durchsichtig und belebt. Was diese Interpretation besonders auszeichnet, ist ihr Sinn für Balance: zwischen Licht und Schatten, zwischen analytischer Präzision und menschlicher Wärme. Das d-Moll-Konzert wird hier nicht als theatralische Tragödie gespielt, sondern als seelisches Drama, das seine Wahrheit in der Stille des Hörens findet. Man spürt die Energie einer Musikerin, die nicht zwischen Pianistin und Dirigentin unterscheidet, sondern beide Rollen in einer einzigen geistigen Bewegung vereint. In Mitsuko Uchidas Salzburger Aufnahme offenbart sich Mozart als ein Komponist, der im Leid die Schönheit sucht – und sie findet. Seitenanfang Wolfgang Amadeus Mozart Sinfonia „Il giorno onomastico“ Antonio Salieri (1750–1825) komponierte seine Sinfonia „Il giorno onomastico“ im Jahr 1775, wie die autograph überlieferte Partitur belegt. Sie trägt den aufschlussreichen Vermerk „eseguita in un giardino nel mese d’agosto dell’anno suddetto“ – „aufgeführt in einem Garten im Monat August des genannten Jahres“. Damit ist eindeutig festgehalten, dass es sich um eine im Freien veranstaltete Feier handelte, wahrscheinlich ein sommerliches Fest im aristokratischen Rahmen, das dem Namenstag einer bedeutenden Persönlichkeit gewidmet war. Der Titel „Il giorno onomastico“ – „Der Namenstag“ – verweist auf den festlichen Anlass, während die Tonart D-Dur, die Besetzung mit Trompeten und Pauken sowie der heitere, repräsentative Charakter auf eine Feier von besonderem Rang schließen lassen. In diesem Zusammenhang erscheint die Vermutung überzeugend, dass Salieri die Sinfonie im Auftrag oder zu Ehren einer adeligen Gönnerin schrieb. Als plausible Adressatin gilt Maria Wilhelmine Gräfin von Thun und Hohenstein (1744–1800), eine der herausragenden Mäzeninnen der Wiener Klassik, deren Haus in Wien ein kulturelles Zentrum ersten Ranges war. Die Gräfin stand in enger Verbindung zu Joseph Haydn (1732–1809), Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) und auch zu Antonio Salieri (1750–1825), den sie schätzte und förderte. Ihr Namenstag, das Fest Mariä Himmelfahrt am 15. August, fällt genau in den Zeitraum, den Salieri in seiner Partitur nennt. Ein Gartenkonzert an diesem Tag wäre für ihre musikalischen Zirkel ebenso typisch wie standesgemäß – ein gesellschaftliches Ereignis, bei dem sich Kunst, Repräsentation und private Frömmigkeit verbanden. Dass Salieri auf eine ausdrückliche Widmung verzichtete, erklärt sich durch seine Stellung am Wiener Hof: Als kaiserlicher Komponist verhielt er sich gegenüber adeligen Auftraggebern zurückhaltend und wahrt in seinen Manuskripten eine gewisse formale Distanz. Gleichwohl zeigt der festlich-helle Tonfall der Sinfonie, dass sie mit besonderer Sorgfalt komponiert wurde – möglicherweise als musikalische Huldigung an eine der einflussreichsten Frauen des Wiener Kulturlebens. Eine direkte Widmung wäre in Salieris Position am Hof zwar unüblich gewesen, doch vieles spricht dafür, dass er das Werk als „verdeckte Hommage“ an die Gräfin verstand – ein Akt feiner musikalischer Diplomatie, der persönlichen Dank mit höfischer Etikette verband. CD Antonio Salieri, Symphonies Overtures & Variations, London Mozart Players unter der Leitung von Matthias Bamert, Chandos Records, 2001, Tracks 10 bis 13: https://www.youtube.com/watch?v=Wlng-OJnrpQ&list=OLAK5uy_lazCK62stpBcaZW9s2eWrQhYt7BsXIqV4&index=10 In der Einspielung der London Mozart Players unter Matthias Bamert (* 1942), erschienen 2001 bei Chandos Records, entfaltet dieses Werk seine ganze Eleganz und heitere Noblesse. Bamert, der sich mit seiner Reihe Contemporaries of Mozart um die Wiederentdeckung der Wiener Klassik jenseits Mozarts verdient gemacht hat, lässt die orchestrale Transparenz und die feine Balance zwischen Glanz und Geist besonders plastisch hervortreten. Das Eröffnungs-Allegro spiritoso wirkt wie eine musikalische Begrüßung der Festgesellschaft, das Andante cantabile entfaltet ein lyrisches Arioso von großer Zartheit, und das Presto-Finale schließt mit tänzerischer Brillanz – ganz im Sinne einer Gartenmusik, die zwischen höfischer Würde und geselligem Vergnügen schwebt. In dieser Interpretation wird Salieris Il giorno onomastico zu dem, was es wahrscheinlich immer war: eine klingende Hommage an eine „Maria“ von Rang – vielleicht an Maria Wilhelmine von Thun, vielleicht an Maria Theresia selbst –, jedenfalls ein funkelndes Beispiel für den Glanz der Wiener Musik im Zeitalter der Aufklärung. Alles spricht dafür, dass Antonio Salieri seine Sinfonie als Huldigung für eine hochgestellte aristokratische Persönlichkeit schrieb – mit größter Wahrscheinlichkeit für Maria Wilhelmine Gräfin von Thun und Hohenstein (1744–1800). Die auffällige Kombination von Datierung, der Vermerk einer Aufführung „in un giardino nel mese d’agosto“, die Tonart D-Dur mit festlichem Trompetenklang, der Anlass eines Namenstages und die nachweisliche Nähe Salieris zum Kreis der Gräfin lassen kaum einen anderen Schluss zu. Ihr Namenstag, das Hochfest Mariä Himmelfahrt (15. August), fällt exakt in den genannten Zeitraum und war im gesellschaftlichen Kalender der Wiener Aristokratie ein Ereignis ersten Ranges. Dass Salieri keine ausdrückliche Widmung vermerkte, erklärt sich aus seiner Stellung als kaiserlicher Hofkomponist, der gegenüber adeligen Auftraggebern Diskretion und Zurückhaltung wahren musste. Eine öffentliche Dedikation an eine Gräfin wäre am Hof Maria Theresias († 1780) diplomatisch heikel gewesen, da solche Gesten leicht als parteiliche Gefälligkeit hätten gedeutet werden können. Umso wahrscheinlicher ist, dass Salieri seine Sinfonie als „verdeckte Hommage“ komponierte – ein Werk, das zugleich persönlichen Dank, gesellschaftliche Etikette und musikalische Exzellenz vereinte. Im Licht dieser Indizien erscheint "Il giorno onomastico" nicht als zufällige Festmusik, sondern als klangvolles Porträt einer außergewöhnlichen Mäzenin, deren Salon das geistige Zentrum der Wiener Klassik bildete. Es ist das musikalische Spiegelbild jener Verbindung von Würde, Anmut und innerer Noblesse, die Maria Wilhelmine von Thun auszeichnete – und damit ein stilles, aber sprechendes Zeugnis der Dankbarkeit Antonio Salieris gegenüber seiner aristokratischen Unterstützerin. Seitenanfang Antonio Salieri Am 28. Oktober 1639, starb Stefano Landi Stefano Landi (1587–1639) war einer der bedeutendsten italienischen Komponisten der frühen Barockzeit, ein Meister des Übergangs von der Spätrenaissance zur neuen Ästhetik des stile moderno. Seine Musik verbindet die expressive Klarheit des römischen Frühbarock mit der Eleganz höfischer Tanzformen und einer tiefen, oft melancholischen Spiritualität. Besonders berühmt wurde Landi durch seine Oper "Il Sant’Alessio" (1632), die zu den ersten großen Bühnenwerken mit durchkomponierter Handlung zählt und bereits Züge des musikalischen Dramas trägt, das wenig später von Monteverdi zur Vollendung geführt wurde. Unter seinen geistlichen und weltlichen Werken nimmt die "Passacaglia della Vita" einen besonderen Platz ein – ein Stück von schlichter, aber durchdringender Schönheit, das seit Jahrhunderten immer wieder neu entdeckt wird. Ihr melancholischer Refrain “Bisogna morire” („Man muss sterben“) macht sie zu einem Memento mori von zeitloser Kraft. Über einem sich stetig wiederholenden Bassmotiv entfaltet sich ein gesungener Dialog zwischen Leben und Tod, Ironie und Erkenntnis, Weltlust und Vergänglichkeit. Der gleichförmige Rhythmus der Passacaglia spiegelt den unerbittlichen Lauf des Lebens, während die ornamentierten Gesangslinien einen schwebenden, fast tänzerischen Charakter behalten – als wollte der Komponist sagen, dass selbst im Wissen um den Tod das Leben seine Musik nicht verliert. https://www.youtube.com/watch?v=n-p9fLEHckI In der Interpretation des Ensembles Apollo’s Fire unter der Leitung von Jeannette Sorrell (* 1962) – hier in der Aufnahme “Passacaglia della Vita” aus dem Album “Allure: The Three Amandas” – wird dieses Gleichgewicht zwischen barocker Theatralik und existenzieller Innigkeit meisterhaft getroffen. Die amerikanischen Musiker verbinden historische Spielweise mit sinnlicher Wärme und verleihen der Musik einen fast magischen Glanz. Die Stimmen des Vokalensembles The Three Amandas – von leuchtender Klarheit und doch von sanfter Melancholie durchzogen – lassen die Zeilen nicht als Predigt, sondern als poetische Meditation erklingen. Die "Passacaglia della Vita" ist kein bloßes Lied über den Tod, sondern eine Aufforderung zur Achtsamkeit, ein Spiegel barocker Lebensweisheit. Sie erinnert daran, dass die Zeit verrinnt wie der sich wiederholende Bass, dass aber jeder Ton, jede Silbe, jedes Atemholen ein Teil des Tanzes des Lebens ist – und dass man, solange man noch tanzt, wirklich lebt. Vor 386 Jahren, am 28. Oktober 1639, starb Stefano Landi in Rom. Deutsche Übersetzung des italienischen Textes "O wie gütig bist du, du schöne, sanfte Tod! Nicht mehr grausam scheinst du, sondern anmutig und schön. Sterben muss man, sterben muss man. Wer mag da noch Ja sagen, wer mag da noch Nein sagen? Wer mag da noch Ja sagen, wer mag da noch Nein sagen? Sterben muss man, sterben muss man. Das Leben verrinnt, das Leben verrinnt, das Leben verrinnt – und der Tod naht. Sterben muss man, sterben muss man. Alle müssen sterben, alle müssen sterben, alle müssen wir sterben, die einen früher, die anderen später. Sterben muss man, sterben muss man. Der tapfere Mann, die holde Frau, der Greis und das Kind in der Wiege, der Reiche und der Bettler, der Edle und der Geringe, der Tor und der Weise, der Schöne und der Missgestaltete – sterben muss man, sterben muss man. Und gerade dann, wenn wir’s am wenigsten denken, kommt der Tod und ruft uns – sterben muss man, sterben muss man." Seitenanfang Stefano Landi Joseph-Nicolas-Pancrace Royer „Le Vertigo“ ist eines der brillantesten und zugleich eigenwilligsten Stücke aus dem "Premier livre de pièces de clavecin " (1746), der einzigen veröffentlichten Sammlung des französischen Komponisten Joseph-Nicolas-Pancrace Royer (1703–1755). Schon der Titel deutet auf das hin, was den Hörer erwartet: „Vertigo“ – der Schwindel, das Taumeln, die Bewegung zwischen Ordnung und Kontrollverlust. In dieser Musik spürt man den Atem der Bühne, das theatralische Temperament eines Mannes, der in der Oper ebenso zu Hause war wie am Cembalo. Royer, der in Versailles und Paris wirkte und die Königlichen Opern leitete, überträgt in diesem Werk die Ausdrucksformen des Dramas auf die Tastatur und schafft eine Musik, die gleichermaßen elegant, kühn und modern wirkt. https://www.youtube.com/watch?v=8PxZSN-B6uI „Le Vertigo“ steht am Übergang von der höfisch-galanten Cembalotradition Couperins zu einer neuen, virtuosen und dramatisch aufgeladenen Schreibweise, wie sie später bei Rameau oder Duphly Gestalt annahm. Das Stück entfaltet sich in unaufhaltsamer Bewegung: kräftige, oft wiederholte Akkorde, plötzliche dynamische Kontraste und kaskadenartige Figuren schaffen den Eindruck eines musikalischen Wirbelsturms. Zwischen diesen eruptiven Gesten erscheinen ruhigere Passagen, die das Gleichgewicht kurz wiederherstellen, bevor der Strudel der Klänge den Hörer erneut erfasst. Diese dialektische Spannung zwischen Ruhe und Raserei, zwischen Kontrolle und Überschwang, macht den eigentlichen Reiz des Stücks aus. Es ist keine höfische Tanzsuite mehr, sondern ein Caprice mit programmatischem Charakter – eine musikalische Vision des Taumels, des berauschenden Schwindels, der sich zwischen Leidenschaft und Spiel bewegt. In Marco Mencobonis (* 1961) Interpretation auf dem Cembalo wird dieser innere Gegensatz besonders eindrucksvoll erfahrbar. Sein Zugriff ist theatralisch, aber nie übertrieben: Die eruptiven Akkordblöcke gewinnen durch präzise Artikulation plastische Schärfe, während die ruhigeren Abschnitte mit einer fast gesanglichen Linienführung gespielt werden. Mencoboni nutzt die Register des Instruments, um die klanglichen Schattierungen der Komposition deutlich hervortreten zu lassen, und verwandelt so die Partitur in eine kleine Szene voller dramatischer Bewegung. Gerade in dieser Darbietung wird spürbar, dass Royer weniger an dekorativer Virtuosität interessiert war als an Ausdruck, Bewegung und Gestalt – an jener Musik, die das Gleichgewicht herausfordert, um Schönheit im Moment der Erschütterung zu finden. Royer selbst, ein Zeitgenosse und gelegentlicher Konkurrent Jean-Philippe Rameaus, zählte zu den modernsten Tastenkomponisten seiner Epoche. Seine 1746 gedruckte Sammlung, aus der „Le Vertigo“ stammt, ist zugleich die einzige authentische Quelle seines Cembalowerks – viele andere Kompositionen sind verloren gegangen. Die Druckausgabe zeigt eine ungewöhnlich differenzierte Schreibweise, reich an rhythmischen Feinheiten und klanglichen Effekten. Sie belegt, dass Royer die expressive Kraft des Cembalos in einer Weise auslotete, die ihrer Zeit weit voraus war. Heute gilt „Le Vertigo“ als Musterbeispiel jener französischen Cembalomusik, die nicht mehr im Schatten höfischer Etikette steht, sondern den dramatischen Ausdruck, die Affekte und das Virtuosentum in den Mittelpunkt rückt. Das Werk ist zugleich Tanz und Drama, Technik und Theater, Form und Ekstase. Es fasziniert, weil es die Balance zwischen Kontrolle und Auflösung wagt – ein musikalisches Sinnbild für den Schwindel selbst. In der Interpretation Marco Mencobonis erhält dieses Stück seine ganze magnetische Energie zurück: ein Wirbel aus Klang und Bewegung, der das Ohr fesselt und die Fantasie entzündet – und ein eindrucksvolles Zeugnis dafür, dass Pancrace Royer zu den kühnsten und originellsten Komponisten des französischen Barock gehörte. Seitenanfang Pancrace Royer Solokantate "Filiae Maestae Jerusalem" Antonio Vivaldi (1678–1741): Solokantate "Filiae Maestae Jerusalem", RV 638 – Arie „Sileant Zephyri“ Philippe Jaroussky (Countertenor, * 1978) · Ensemble Artaserse Aus der CD Vivaldi: Pietà. Sacred Works for Alto (Warner Classics/Erato, 2014) https://www.youtube.com/watch?v=zIxXMIie9XI In diesem ergreifenden Werk („Die betrübten Töchter Jerusalems“), das vermutlich in den frühen 1720er Jahren während Vivaldis Tätigkeit am Ospedale della Pietà in Venedig entstand, offenbart sich die ganze Ausdruckskraft des „prete rosso“ als Schöpfer geistlicher Musik von intensiver Affektgestaltung. Filiae Maestae Jerusalem ist eine Solokantate, in der Vivaldi Schmerz, Demut und innige Glaubensinnigkeit zu einem leuchtenden Klanggebilde verschmilzt. Die Arie „Sileant Zephyri“ („Mögen die sanften Westwinde verstummen“ - im poetischen Kontext steht das Bild für das Erstarren der Natur im Angesicht des Leidens Christi: selbst die milden Lüfte sollen schweigen, während die Welt trauert) steht im Zentrum des Werkes: eine Meditation über den Tod Christi, getragen von elegischer Schönheit und einer geradezu metaphysischen Ruhe. Diese Arie ist eine der eindrucksvollsten Eingebungen Vivaldis im Bereich der geistlichen Musik. In einem langsamen, von zarten Streichern getragenen 12/8-Takt entfaltet sich eine Klanglandschaft voll erhabener Trauer und meditativer Stille. Der Komponist lässt Naturbilder – Wind, Wasser, Sonne, Mond – erstarren, um das kosmische Ausmaß des Todes Christi zu verdeutlichen. Das innere Zentrum ist die Frage: „et cor nostrum non frangit vis doloris?“ – „und unser Herz zerbricht nicht unter der Wucht des Schmerzes?“ Philippe Jaroussky gestaltet diese Musik mit vollkommener Ruhe, feinstem Legato und einer spirituellen Intensität, die den Text in reine Klangtranszendenz verwandelt. Die Arie wird so zu einem stillen Gebet, in dem Vivaldis Affektdramatik und Jarousskys ätherische Stimme zu einer fast mystischen Einheit verschmelzen. Das Ensemble Artaserse begleitet mit diskreter Noblesse und sensibler Artikulation; jedes Detail – die ruhigen Streicherfiguren, die fein schwebenden Harmonien – fügt sich in eine Atmosphäre kontemplativer Trauer. Diese Aufnahme zählt zweifellos zu den Höhepunkten moderner Vivaldi-Interpretation, nicht zuletzt wegen der Balance zwischen Virtuosität und Demut, die Jaroussky mustergültig wahrt. Diese Musik entfaltet sich in feierlicher Stille, als stünde die Welt für einen Augenblick still. Vivaldis Linien atmen Wehmut und Andacht, zugleich kündigt sich darin das Licht der Auferstehung an. Jarousskys Interpretation erreicht eine Reinheit, die fast überirdisch wirkt – ein Gebet in Tönen, das dem Schmerz Gestalt und der Hoffnung Klang verleiht. Lateinischer Text "Sileant Zephyri, rigeant prata, unda amata, frondes, flores non satientur. Mortuo flumine, proprio lumine luna et sol etiam priventur. Sed tenebris diffusis obscuratus est sol, scinditur quoque velum, ipsa saxa franguntur, et cor nostrum non frangit vis doloris? At dum satis non possumus dolere, tu nostri, bone Jesu, miserere." Deutsche Übersetzung "Mögen die Zephyre schweigen, mögen die Wiesen erstarren, die geliebten Wasser, Blätter und Blumen sollen nicht mehr erblühen. Da der Strom des Lebens versiegt ist, entbehrt selbst der Mond seines Lichtes, und auch die Sonne soll sich verdunkeln. Doch siehe: in verbreiteter Finsternis wird die Sonne verdunkelt, auch der Tempelvorhang zerreißt, die Felsen selbst zerspringen – und unser Herz sollte nicht brechen unter der Wucht dieses Schmerzes? Doch da wir nicht genug zu leiden vermögen, erbarm dich unser, gütiger Jesus." Seitenanfang Antonio Vivaldi Herr, sei nicht mehr zornig William Byrd (um 1540–1623) war einer der bedeutendsten englischen Komponisten der Renaissance und gilt neben Thomas Tallis (um 1505–1585) als Begründer der englischen Vokalpolyphonie. Als Katholik im protestantischen England Elisabeths I. (1533–1603, Königin von 1558 bis 1603) führte er ein widersprüchliches Leben: Er war zugleich Komponist des Hofes und überzeugter Angehöriger des verfolgten alten Glaubens. Diese Zerrissenheit spiegelt sich in vielen seiner geistlichen Werke wider, insbesondere in den Cantiones sacrae (1589 und 1591), die trotz ihrer lateinischen Sprache und liturgischen Thematik als Ausdruck des inneren Exils und der religiösen Sehnsucht verstanden werden können. Byrds Musik verbindet strenge kontrapunktische Kunst mit einer unvergleichlichen Expressivität, in der jedes dissonante Intervall und jede melodische Wendung seelische Bedeutung gewinnt. Das Werk „Ne irascaris Domine“ ("Herr, sei nicht mehr zornig)" entstammt der Sammlung Cantiones sacrae I von 1589 und zählt zu Byrds ergreifendsten Kompositionen. Der Text stammt aus dem Buch Jesaja (Jes 64,9–10) und wird als ein Gebet des Exils interpretiert. Es ist kaum zu bezweifeln, dass Byrd in den Worten des Propheten die Situation der englischen Katholiken seiner Zeit wiedererkannte: ein Volk, das seines Gottes beraubt scheint, dessen Heiligtümer verwüstet und dessen Glaube verboten sind. Die Musik entfaltet sich in ruhiger, kontemplativer Bewegung, doch unter der Oberfläche brodelt schmerzhafte Spannung. Der erste Teil (Ne irascaris Domine) ist ein eindringlicher Bittgesang um göttliche Nachsicht; der zweite Teil (Civitas sancti tui) steigert sich zu einer Klage über das zerstörte Jerusalem, das Byrd als Symbol der verfolgten Kirche verstand. Das Werk endet in leiser, resignierter Wiederholung des Wortes Jerusalem, als verhallte die Hoffnung in der Ferne. https://www.youtube.com/watch?v=Z-6C46zi0Yg Die Interpretation durch Stile Antico (Harmonia Mundi, 2008) gehört zu den erlesensten Einspielungen dieser Motette. Der Ensembleklang bleibt transparent und atmend, die Stimmen entfalten sich mit fast mystischer Klarheit. Besonders beeindruckend ist die subtile Dynamik, die aus innerer Bewegung entsteht: kein Pathos, sondern kontemplative Trauer – Musik als Gebet im Geheimen. Lateinischer Text Ne irascaris, Domine, satis, et ne ultra memineris iniquitatis nostrae. Ecce, respice, populus tuus omnes nos. Civitas sancti tui facta est deserta. Sion deserta facta est, Jerusalem desolata est. Deutsche Übersetzung Zürne nicht länger, o Herr, und gedenke nicht mehr unserer Missetaten. Sieh her und schau: wir sind allesamt dein Volk. Die Stadt deines Heiligtums ist zur Wüste geworden. Zion ist verwüstet, Jerusalem liegt in Trümmern. Diese Motette gehört zu den ergreifendsten Zeugnissen geistlicher Musik der Spätrenaissance. Byrd gelingt es, durch die unaufdringliche Intensität seiner Harmonik und die gedämpfte Bewegung der Stimmen eine Atmosphäre zu schaffen, die zwischen Buße und Hoffnung schwebt. In ihr wird Musik zu einer Form des stillen Widerstands – zu einem Akt des Glaubens, der im Klang weiterlebt, wenn das Wort schon verstummt ist. Seitenanfang William Byrd Beata viscera Die Aufnahme auf dem Label Glossa (2012) unter der Leitung von Hervé Niquet (* 1957) mit dem Ensemble Le Concert Spirituel stellt einen stilistisch sehr gewichtigen Beitrag zur Renaissancemusik dar, in dem die monumentale Messe Missa sopra Ecco sì beato giorno von Striggio das Zentrum bildet. Die CD kombiniert diese zentrale Messe mit weiteren religiösen Werken der Renaissance italienischer Herkunft (u. a. von Orazio Benevolo und Francesco Corteccia) und das ergibt ein Programm, das sowohl stilistisch als auch klanglich reichhaltig ist: Man erlebt kleinere Werke zur Einstimmung (z. B. „Beata viscera“) und steigert sich hin zur spektakulären Großbesetzung mit 40 bzw. sogar 60 Stimmen in Striggio. https://www.youtube.com/watch?v=Buxu0cE4jLI&list=OLAK5uy_l7RI_lIC7GXOcMx9bMjUGhDdW2hronisY&index=1 Diese CD ist ein musikalisches Ereignis, das den Hörer in die prachtvolle Klangwelt der Spätrenaissance führt. Zentrum des Programms bildet Alessandro Striggios (ca. 1536/37 – 1592) monumentale Missa sopra Ecco sì beato giorno, eine Messe, die durch ihre außerordentliche Besetzung – zunächst für 40, im abschließenden Agnus Dei sogar für 60 Stimmen – zu den erstaunlichsten Klangschöpfungen des 16. Jahrhunderts zählt. Um dieses kolossale Werk, das an den Florentiner Hof der Medici gebunden ist und als Symbol höfischer Macht und göttlicher Ordnung gelten darf, gruppiert Niquet Kompositionen anderer Meister der italienischen Hochrenaissance – Werke von Orazio Benevolo (1605–1672), Francesco Corteccia (1502–1571) und einem anonymen Meister. Das Ergebnis ist eine dramatisch aufgebaute geistliche Reise, die mit einem schlichten Mariengesang beginnt, sich über prachtvolle Psalmvertonungen steigert und in Striggios überwältigendem Klangdom gipfelt. Den Auftakt bildet das anonyme Beata viscera, ein kurzes, innig leuchtendes Stück marianischer Frömmigkeit, das gleichsam den Ton des ganzen Programms vorgibt. Der Text, vermutlich aus dem 13. Jahrhundert, lautet: Beata viscera Beata viscera Mariae virginis, quae portaverunt aeterni Patris Filium. Alleluia. Glückselig ist der Schoß Glückselig ist der Schoß der Jungfrau Maria, die den Sohn des ewigen Vaters getragen hat. Halleluja. Es ist eine schlichte, fast mystische Verehrung des weiblichen Schoßes, der das Göttliche in sich trug – eine kontemplative Einführung in das Licht und die Reinheit, die später in Striggios Messe in monumentaler Form wiederkehren. https://www.youtube.com/watch?v=Buxu0cE4jLI&list=OLAK5uy_l7RI_lIC7GXOcMx9bMjUGhDdW2hronisY&index=1 Es folgt Orazio Benevolos Laetatus sum, eine prachtvolle Vertonung des Psalm 121 (122) Laetatus sum in his quae dicta sunt mihi („Ich freute mich, als man mir sagte: Wir ziehen zum Hause des Herrn“). Der Text, aus der Vulgata überliefert, lautet in Auszügen: Laetatus sum Laetatus sum in his quae dicta sunt mihi: in domum Domini ibimus. Stantes erant pedes nostri in atriis tuis, Ierusalem. Ierusalem, quae aedificatur ut civitas, cuius participatio eius in idipsum. Illuc enim ascenderunt tribus, tribus Domini: testimonium Israel ad confitendum nomini Domini. Ich freute mich Ich freute mich über die, die zu mir sagten: Wir ziehen zum Hause des Herrn. Unsere Füße stehen in deinen Toren, Jerusalem, du Stadt, wohlgefügt und fest gefügt, wohin die Stämme des Herrn hinaufziehen, ein Zeugnis Israels, um den Namen des Herrn zu preisen. Benevolo setzt diesen Text mit jener für ihn typischen römischen Pracht um – große Vokalgruppen, festlich im Wechsel, eine Musik, die das Ideal der maestà verkörpert. Die Freude, in das Haus Gottes zu treten, wird zu einem leuchtenden Bild sakraler Gemeinschaft. https://www.youtube.com/watch?v=YTN5ddGLESA&list=OLAK5uy_l7RI_lIC7GXOcMx9bMjUGhDdW2hronisY&index=2 Das anschließende Miserere von demselben Komponisten – Benevolos groß angelegte Bußpsalmvertonung nach Psalm 50 (51) Miserere mei Deus – steht in vollkommenem Kontrast dazu. Hier herrscht keine triumphierende Klangfülle, sondern eine feierliche Demut. Der lateinische Text beginnt: Miserere Miserere mei, Deus, secundum magnam misericordiam tuam: et secundum multitudinem miserationum tuarum dele iniquitatem meam. Amplius lava me ab iniquitate mea, et a peccato meo munda me. Erbarme dich meiner Erbarme dich meiner, o Gott, nach deiner großen Barmherzigkeit; und tilge nach der Fülle deiner Erbarmungen meine Missetat. Wasche mich völlig rein von meiner Schuld und reinige mich von meiner Sünde. Benevolo entfaltet daraus eine Musik, die zwischen persönlicher Reue und sakraler Erhebung schwankt – das Bittgebet des Einzelnen wird durch die Vielstimmigkeit zur Stimme der ganzen Menschheit. https://www.youtube.com/watch?v=TCYEdvOrEvU&list=OLAK5uy_l7RI_lIC7GXOcMx9bMjUGhDdW2hronisY&index=3 Francesco Corteccia, der Kapellmeister der Medici, ist mit zwei prachtvollen Psalmvertonungen vertreten: Bonum est confiteri Domino und Gloria Patri. Beide Werke verbinden kontrapunktische Strenge mit einer sanften Helligkeit, die typisch für den florentinischen Stil der 1540er Jahre ist. Bonum est confiteri Bonum est confiteri Domino, et psallere nomini tuo, Altissime: ad annuntiandum mane misericordiam tuam, et veritatem tuam per noctem. Gut ist es Gut ist es, dem Herrn zu danken und deinem Namen zu singen, du Höchster, am Morgen deine Gnade zu verkünden und in der Nacht deine Treue. In Bonum est confiteri zeigt Corteccia eine helle, klare Polyphonie, die sich im Klang allmählich öffnet – das Lob Gottes als täglicher Rhythmus zwischen Licht und Nacht. https://www.youtube.com/watch?v=BkvJknZjnBU&list=OLAK5uy_l7RI_lIC7GXOcMx9bMjUGhDdW2hronisY&index=4 Gloria Patri Gloria Patri, et Filio, et Spiritui Sancto: sicut erat in principio, et nunc, et semper, et in saecula saeculorum. Amen. Ehre sei Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen. Dieses Gloria Patri wird zu einem reinen Klanggebet, dessen zarte Linien sich wie Lichtfäden verweben. Corteccia erreicht hier eine meditative Ruhe, die später im monumentalen Striggio ihre Erfüllung findet. https://www.youtube.com/watch?v=b9yf2vwKPjs&list=OLAK5uy_l7RI_lIC7GXOcMx9bMjUGhDdW2hronisY&index=5 Dann beginnt das Herzstück der CD: Striggios Missa sopra Ecco sì beato giorno. Der Komponist nimmt als Grundlage ein eigenes Madrigal gleichen Namens, das von einem selig-selbstvergessenen „glücklichen Tag“ handelt, und verwandelt dessen Musik in eine ausgedehnte Messvertonung. Das Kyrie erhebt sich aus zarten Anrufen – zunächst acht Stimmen, die wie von weitem ertönen – und wächst im Gloria zu einer polyphonen Kathedrale aus 40 Stimmen. Jede neue Sektion bringt eine Steigerung der Klangpracht, bis im Agnus Dei III schließlich alle 60 Stimmen gemeinsam erklingen. Diese Musik ist keine bloße Demonstration der technischen Möglichkeiten, sondern eine Vision des Himmels: eine Architektur aus Klang, Licht und Glauben. Striggios Messe ist nicht nur ein Monument der Mehrstimmigkeit, sondern auch ein Meisterwerk architektonischer Klangordnung. Ihre Struktur beruht auf fünf Chören zu je acht Stimmen – SATTB mit Verdopplungen und Varianten –, die Striggio in wechselnder Kombination einsetzt. Diese polychorale Anlage, vermutlich für einen weitläufigen Kirchenraum wie die Florentiner Kathedrale oder eine repräsentative Medici-Kapelle gedacht, lässt die Musik gleichsam kreisen: Klang antwortet auf Klang, Raum auf Raum. Besonders eindrucksvoll ist die Art, wie Striggio den Hörer Schritt für Schritt an die gewaltige Klangfülle heranführt. Im Kyrie wählt er eine zurückhaltende Besetzung – nur ein Teil der Chöre singt –, wodurch der Eindruck eines fernen, sich nähernden Lichtes entsteht. Erst im Gloria und Credo öffnet sich der gesamte klangliche Horizont: Die Chöre treten in Dialog, spiegeln sich in rhythmisch differenzierten Gruppen, und die Harmonie entfaltet sich über einen gewaltigen Ambitus. Der Cantus firmus des Werkes ist eng mit Striggios eigenem Madrigal Ecco sì beato giorno verbunden, das als thematische Grundlage dient. Aus den sanften melodischen Linien des Madrigals entsteht in der Messe ein zyklisches Geflecht, in dem Motive und rhythmische Figuren über die Chöre hinwegwandern. Trotz der immensen Besetzung bleibt die Textverständlichkeit überraschend klar – ein Beweis für Striggios Erfahrung als Theatermusiker und sein untrügliches Gespür für vokale Balance. Der Höhepunkt liegt im Agnus Dei, wo Striggio die Besetzung von 40 auf 60 Stimmen erweitert – fünf Chöre zu je zwölf Stimmen. Diese Verdichtung wirkt nicht als Übertreibung, sondern als Apotheose: Der Klang scheint sich über den Raum hinaus auszudehnen, als wolle er die Grenzen der Akustik sprengen. Davitt Moroney, der das Werk 2005 wiederentdeckte und herausgab, hat gezeigt, dass Striggio eine ungewöhnlich präzise Architektur der Intervalle entwarf, die auf spiralförmigen Tonbewegungen basiert. So entsteht ein musikalischer Aufbau, der an die Ordnung gotischer Kathedralen erinnert – jede Stimme hat ihre Funktion, jede Linie dient der Stabilität des Ganzen. Musikalisch gehört die Messe zur gleichen Ideensphäre wie Thomas Tallis’ Spem in alium, das kurz nach Striggios Aufenthalt in England (1567) entstand. Es gilt als nahezu sicher, dass Tallis Striggios Werk kannte und darauf reagierte. Beide Kompositionen teilen das Prinzip der Mehrchörigkeit, doch während Tallis eine spirituelle Innerlichkeit entfaltet, bleibt Striggio auf majestätische Repräsentation gerichtet – seine Messe ist ein Klangdenkmal des Glaubens und der Macht, zugleich ein Abbild des universalen Kosmos, in dem menschliche Stimme und göttliche Ordnung eins werden. Hervé Niquet lässt sie mit großartiger Transparenz und räumlicher Dimension erblühen, so dass der Hörer die Stimmen wie wandernde Lichter wahrnimmt, die sich in einem imaginären Kirchenraum begegnen. https://www.youtube.com/watch?v=MLjvJC0t2_U&list=OLAK5uy_l7RI_lIC7GXOcMx9bMjUGhDdW2hronisY&index=6 Nach diesem Höhepunkt führt Benevolos Magnificat (Track 10) zurück in das Innere. Der Lobgesang Mariens aus dem Lukasevangelium, hier in lateinischer Fassung, beginnt: Magnificat Magnificat anima mea Dominum, et exsultavit spiritus meus in Deo salutari meo. Quia respexit humilitatem ancillae suae: ecce enim ex hoc beata me dicent omnes generationes. Meine Seele preist Meine Seele preist den Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen; siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Benevolos Musik ist von einer andächtigen Festlichkeit: die Linien sind klar, der Klang weit und friedvoll. Es ist der Gesang der Demut, der nach der überwältigenden Architektur Striggios die menschliche Stimme wieder ins Zentrum stellt. https://www.youtube.com/watch?v=JMO-PCWJv5I&list=OLAK5uy_l7RI_lIC7GXOcMx9bMjUGhDdW2hronisY&index=10 Am Ende der Messe, nach dem dreifachen Agnus Dei und dem abschließenden Friedenswunsch, lässt Hervé Niquet mit Corteccias Tu puer propheta Altissimi und Striggios Motette Ecce beatam lucem das Programm in leuchtender Ruhe ausklingen. Tu puer propheta Tu puer propheta Altissimi vocaberis: praeibis enim ante faciem Domini parare vias eius. Du aber, Kind Du aber, Kind, wirst Prophet des Höchsten genannt werden; denn du wirst vor dem Angesicht des Herrn hergehen, seine Wege zu bereiten. Dieser Satz, der dem Benedictus des Zacharias entstammt, steht für die Verkündigung und Erwartung – ein stilles Vorausleuchten der Gnade. Corteccia formt daraus ein helles, von Diatonik getragenes Klangbild, fast wie eine Renaissance-Vision des kommenden Lichts. https://www.youtube.com/watch?v=2zB9inqiIks&list=OLAK5uy_l7RI_lIC7GXOcMx9bMjUGhDdW2hronisY&index=16 Das abschließende Ecce beatam lucem von Striggio, ursprünglich eigenständige Motette, ist zugleich Epilog und Apotheose des Ganzen: Ecce beatam lucem Ecce beatam lucem; Ecce bonum sempiternum, vos turba electa celebrate Jehovam eiusque natum aequalem Patri deitatis splendorem. Seht das Licht Seht das gesegnete Licht; Seht das ewige Gut; ihr auserwählte Schar, preiset Jehova und seinen Sohn, den dem Vater gleichen Glanz der Gottheit. Diese Motette ist eine Hymne auf das himmlische Licht, die jenseitige Freude und das göttliche Paradies – Striggios Musik wird hier zu einem reinen Abbild der Seligkeit, einer Musik, die nicht mehr an Raum oder Zeit gebunden ist. https://www.youtube.com/watch?v=pzgK1rltFBk&list=OLAK5uy_l7RI_lIC7GXOcMx9bMjUGhDdW2hronisY&index=17 So schließt die CD mit einem Eindruck von leuchtender Ewigkeit. Was mit dem schlichten Beata viscera begann, steigert sich zu einer Erfahrung der transzendenten Klangpracht. Alessandro Striggio, der Diplomat und Klangarchitekt der Medici, Orazio Benevolo, der römische Meister der Mehrchörigkeit, und Francesco Corteccia, der feinsinnige Florentiner Kapellmeister, begegnen sich in dieser Aufnahme wie Glieder einer großen geistigen Familie. Hervé Niquet entfacht aus ihren Stimmen ein Denkmal der Renaissance – majestätisch und erhaben, zugleich durchdrungen von innerem Licht, als würde die Musik selbst das Wort der Schöpfung verkünden: Ecce beatam lucem („Siehe das selige Licht“). Seitenanfang Orazio Benevolo Francesco Corteccia Alessandro Striggio Minsoo Sohn (* 1976 in Südkorea): Goldberg-Variationen, BWV 988 (Erstdruck: 1741) https://www.youtube.com/watch?v=BLElZaqQxE4 Prof. Minsoo Sohns Interpretation der Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach zeigt seine außergewöhnliche Sensibilität und Virtuosität als Pianist. Die Aufnahme beeindruckt durch ihre klare Struktur und die Feinheit der dynamischen Abstufungen. Sohn bringt eine intime und zugleich kraftvolle Lesart dieses monumentalen Werks, das in seiner Bandbreite von Kontrasten und Variationen eine perfekte Symbiose aus technischer Präzision und emotionaler Tiefe bietet. Besonders bemerkenswert ist die Balance zwischen der meditativ ruhigen Musikalität der Arien und der lebhaften, teils verspielten Energie der Variationen. Diese Einspielung ist eine wertvolle Ergänzung für jeden Liebhaber der Goldberg-Variationen und eine hörenswerte Auseinandersetzung mit Bachs Meisterwerk. Wenn ich meine Bewertung abgeben darf, würde ich sagen, dass Minsoo Sons Leistung von Anfang bis Ende eine zurückhaltende Schönheit besitzt, Schönheit, die nicht so einfach zu übertreffen ist. Das Konzert fand am 2. 05. 2022 in der Myeongdong-Kathedrale statt. (Meyondong ist ein Orteil von Seoul.) Die berühmte Einspielung von Glenn Gould (1932 -1982) aus dem Jahr 1955 ist mir zu schnell und die aus dem Jahr 1982 zu langsam. Seitenanfang Johann Sebastian Bach Abendlied Josef Gabriel Rheinbergers (1839–1901) „Abendlied“ gehört zu den edelsten geistlichen Miniaturen der deutschen Romantik. In seiner Schlichtheit und inneren Ruhe entfaltet dieses Werk eine fast überirdische Klangreinheit. Der Text „Bleib bei uns, denn es will Abend werden“ (nach Lukas 24,29 - Worte der Jünger an den auferstandenen Christus auf dem Weg nach Emmaus) ist ein leises Gebet um Trost und Licht in der Dunkelheit – sowohl wörtlich als auch symbolisch verstanden. Das Werk steht in Es-Dur und entfaltet in ruhigen, homophonen Linien eine Atmosphäre tiefen Friedens. Rheinberger schrieb es ursprünglich 1855 im Alter von nur 15 Jahren und überarbeitete es später (Fassung von 1858/59). https://www.youtube.com/watch?v=TGc__HGwdxk In der Interpretation der Cambridge Singers unter John Rutter (* 1945) erreicht das Stück eine besondere Klarheit und Transparenz: Die Stimmen verschmelzen in sanftem Gleichgewicht, jede Phrase atmet, als ob sie selbst ein stilles Gebet wäre. Die zurückhaltende Dynamik, das fast schwerelose Legato und die makellose Intonation verleihen Rheinbergers sechsstimmigem Satz eine entrückte Schönheit, die zugleich tröstlich und zeitlos wirkt. Diese Aufnahme steht exemplarisch für den englischen Chorklang – hell, rein, spirituell – und lässt die Musik in jenem goldenen Abendlicht erstrahlen, das der Komponist in Klang zu verwandeln suchte. Der Text "Bleib bei uns, denn es will Abend werden Und der Tag hat sich geneiget O bleib bei uns, denn es will Abend werden Und der Tag hat sich geneiget O bleib bei uns, denn es will Abend werden" Seitenanfang Josef Gabriel Rheinsberger CD Michael Haydn: Symphonies 18 und 25 – Divertimento Die CD Michael Haydn: Symphonies 18 and 25 – Divertimento, P. 8 (CPO, 2013) präsentiert drei Werke eines Komponisten, der lange im Schatten seines berühmten Bruders Joseph stand und doch eine unverwechselbare eigene Handschrift besaß. Johann Michael Haydn (1737–1806) war ein stiller Meister, ein Künstler ohne große Geste, der seine Musik nicht für Ruhm oder Hofgunst, sondern aus innerem Bedürfnis schrieb. Zeitgenossen berichteten, er habe „die Musik für sich selbst komponiert“ – ein Satz, der seine Haltung treffend beschreibt. In Salzburg, wo er den größten Teil seines Lebens wirkte, entwickelte er einen Stil von feiner Geistigkeit, melodischer Reinheit und tief empfundener Religiosität, der auf Komponisten wie Mozart (1756–1791) und Schubert (1797–1828) nachhaltig wirkte. Die vorliegende Einspielung mit dem Slowakischen Kammerorchester unter Bohdan Warchal (1930–2000) lässt diese Qualitäten auf eindrucksvolle Weise lebendig werden. Warchal, der für seinen warmen, schlanken Streicherklang und sein präzises Gespür für klassische Formverläufe bekannt war, trifft den lyrisch-nachdenklichen Tonfall dieser Musik vollkommen. Die Sinfonie Nr. 18 in C-Dur, P. 13 (MH 252) zeigt Michael Haydn auf dem Höhepunkt seiner klassischen Reife. Schon das eröffnende Allegro strahlt eine frische, natürliche Heiterkeit aus, die an den jungen Mozart erinnert. Das Andante bringt eine liedhafte Innigkeit, fast wie ein instrumentales Gebet, während das abschließende Presto mit seinem transparenten Satz und den spielerisch verschlungenen Themen an eine kleine musikalische Feier erinnert. Hier zeigt sich Haydn als Meister der Balance – leicht, aber niemals oberflächlich. https://www.youtube.com/watch?v=SO--8p3aLsM&list=OLAK5uy_lyqyS1grbQYE6PQMCsqGH3nfe5pH2OI98&index=2 Leider wird auf YouTube nur die Sinfonie Nr. 18 aus der CD präsentiert und Allegro con spirito, der erste Satz der Sinfonie Nr. 25. in G-Dur, P. 16. Die ganzen Aufnahmen der Sinfonie Nr. 25. und das Divertimento in C-Dur, P. 8 aus der CD sind anderseitig zu hören. Die ganze CD ist auf Spotify zu finden. Ganz anders die Sinfonie Nr. 25 in G-Dur, P. 16 (MH 334): Sie ist kraftvoller, kontrastreicher, manchmal sogar dramatisch in der Anlage. Im Eröffnungssatz überrascht ein energischer Duktus, der von kräftigen Akzenten und rhythmischer Spannung lebt. Das Adagio entfaltet eine stille Schönheit, die von Haydns tiefer Religiosität zeugt, während das Finale – ein lebhaftes Presto – mit einer fast tänzerischen Vitalität endet. Hier begegnet man dem Michael Haydn, der trotz Bescheidenheit eine ausgeprägte individuelle Stimme besaß und die klassischen Formen mit einer sehr persönlichen Ausdruckskraft füllte. https://www.youtube.com/watch?v=gpn0t3i74YY Das abschließende Divertimento in C-Dur, P. 8 (MH 27) führt in eine frühere Schaffensphase und zeigt den Komponisten von seiner heiteren Seite. Es ist ein Werk voller Anmut und kammermusikalischer Delikatesse – geschrieben nicht für die großen Säle, sondern für die gepflegte häusliche Musikpflege des 18. Jahrhunderts. Die melodische Erfindung, die feine Instrumentation und die spielerische Leichtigkeit machen dieses Divertimento zu einem wahren Kleinod klassischer Unterhaltungsmusik im besten Sinn des Wortes. https://www.youtube.com/watch?v=vgrMgJDsy9Q Diese Aufnahme erinnert daran, dass Michael Haydn kein Epigone war, sondern ein stiller Erneuerer der klassischen Sinfonie – ein Komponist, der die Klarheit, Innigkeit und geistige Tiefe der Musik als Selbstzweck verstand. Unter Bohdan Warchals feinfühliger Leitung erklingen seine Werke mit jener Transparenz und Wärme, die sie verdienen: unaufdringlich, echt und von bleibender Schönheit. Die ganze CD kann man sich anhören auf Music Apple: https://music.apple.com/us/album/michael-haydn-symphonies-18-and-25-divertimento-p-8/681235954 Seitenanfang Michael Haydn Thomas Tallis Unter der Leitung von Nigel Short (* 1965) entfaltet das Ensemble Tenebrae in Thomas Tallis’ (um 1505–1585) „If Ye Love Me“ eine musikalische Andacht von tiefer innerer Sammlung und fast transparentem Klangbewusstsein. Dieses Werk gehört zu jenen frühen englischen Stücken, die nach der Einführung der Landessprache in der Liturgie unter Edward VI. (1537–1553) entstanden, in einer Zeit, in der die Kirchenmusik Englands ihre Gestalt grundlegend änderte. Unter dem alten, lateinischen Ritus herrschte die feierliche Klangarchitektur der Antiphon „Si diligitis me“, die wie Weihrauch über der Gemeinde schwebte. Mit dem Book of Common Prayer änderte sich das Verständnis liturgischer Musik: Der Text sollte nicht mehr hinter polyphonem Glanz verschwinden, sondern als geistliches Wort in das Ohr und das Bewusstsein der Hörenden dringen. Tallis, der bereits unter Heinrich VIII. (1491–1547) am Hof wirkte, die Rückkehr zu lateinischen Gesängen unter Maria Tudor (1516–1558) erlebte und unter Elisabeth I. (1533–1603) erneut in englischer Sprache komponierte, war nicht nur Zeuge, sondern stiller Gestalter dieser inneren Umwandlung. „If Ye Love Me“ ist die musikalische Antwort auf diese Umbruchsituation: kein prunkvolles Zeremoniell mehr, sondern eine Klangform des geistigen Gesprächs. Die Stimmen setzen zunächst homophon ein, als spreche eine Gemeinde mit geeinter Stimme, und gehen dann in sanfte Imitationen über, die nicht als polyphone Zierde, sondern als geistiges Echo verstanden werden müssen – als innere Bewegung des Wortes im Raum der Seele. Tallis gestaltet diese Musik wie ein Atemgebet: Die Worte verharren nicht in Erregung, sondern ruhen in einer Haltung des Einverständnisses. Die Wiederholung der Zeile „that he may abide with you for ever“ ist nicht bloß musikalische Struktur, sondern geistliche Handlung – der Geist kommt nicht als dramatisches Feuer, sondern als bleibende, stille Gegenwart. Wer hören möchte, wie sich dieses stille Bleiben des Geistes im Klang verkörpert, der möge an dieser Stelle auf die Interpretation des Ensembles Tenebrae unter Nigel Short lauschen – sie steht hier als klingende Entsprechung dessen, was Tallis in Tönen eingeschrieben hat: https://www.youtube.com/watch?v=HI5Y9l2NHIo In dieser Aufnahme wird nichts überhöht oder zugespitzt; die Stimmen gleiten wie ein einziger Atem über den Raum, und jede kleine Verzögerung, jede Zäsur wirkt wie ein inneres Lauschen, als müsse der Geist erst Raum finden, bevor er wohnt. So wird dieses kurze Anthem, geboren im Spannungsfeld von Umsturz und Erneuerung, zu einem stillen Mikrokosmos christlicher Gegenwartserfahrung: nicht laut, nicht triumphierend, sondern bleibend. Deutsche Übersetzung Wenn ihr mich liebt, so bewahrt meine Gebote; Und ich werde den Vater bitten, Und er wird euch einen anderen Tröster geben, Damit er bei euch bleibe in Ewigkeit; Auch den Geist der Wahrheit; Damit er bei euch bleibe in Ewigkeit; Auch den Geist der Wahrheit. Seitenanfang Thomas Tallis „Vedrò con mio diletto“ – Arie des Giustino aus Vivaldis Il Giustino (RV 717) In Antonio Vivaldis (1678 – 1741) Oper Il Giustino (1724), die den wundersamen Aufstieg eines unscheinbaren Bauern zum Herrscher über Byzanz erzählt, erscheint die Arie „Vedrò con mio diletto“ wie ein stiller, innerer Monolog, bevor das äußere Schicksal seinen Lauf nimmt. Giustino steht noch nicht im Licht des Ruhms, sondern am Rand des Geschehens, erfüllt von einem leisen, fast unsicheren Glauben an eine mögliche Erfüllung. Bevor die Handlung in heroische Szenen und politische Konflikte übergeht, hält die Musik inne und öffnet einen Raum des Innehaltens. Hier beginnt die poetische Dimension dieser Oper, und genau an dieser Stelle sollte der Hörer innehalten – so wie Giustino selbst. In der Aufnahme mit Philippe Jaroussky (* 1978) wird dieser Moment mit einer Intensität gestaltet, die nichts mit großer Geste zu tun hat, sondern mit der Kunst des Zurücknehmens. Jaroussky gestaltet die Stimme wie eine innere Erinnerung, kaum greifbar, und doch mit einer Präsenz, die tief unter die Oberfläche dringt. https://youtu.be/9zQX2XqAE8c?t=45 Deutsche Übersetzung Ich werde mit meinem Geliebten schauen, wie meine Seele wieder gestärkt wird, und auf dem vertrauten Antlitz wird immerdar der Friede zurückkehren. Und wenn in seiner Brust meine Treue angenommen wird, ach, wie das Herz zwischen Freude und Zärtlichkeit noch bebend schlägt. In dieser zarten Sprache, die mehr ahnt als bekennt, entfaltet Philippe Jaroussky die ganze innere Spannung dieser Arie. Jeder Ton scheint aus einem Zustand des Lauschens zu kommen. Die Stimme tritt nicht nach außen, sie bleibt nach innen gewendet und schwebt über den sanft pulsierenden Streichern wie ein Atemzug, der sich nur zögerlich in Klang verwandelt. Die Melodielinie wird nicht deklamiert, sondern geführt wie ein Faden, der nicht reißen darf. Die Verzierungen im Da-capo-Teil erscheinen nicht als barocke Zierde, sondern als leise Erinnerung, als Wiederholung dessen, was im Herzen noch einmal, aber nicht auf die gleiche Weise, erlebt wird. So verwandelt sich diese Arie – die in weniger inspirierten Interpretationen leicht zu einer bloßen Belcanto-Betulichkeit werden kann – in einen inneren Zustand der Sehnsucht, fast wie ein Gebet, das nicht ausgesprochen, sondern nur empfunden wird. Seitenanfang Antonio Vivaldi Modest Mussorgski (1839–1881): Boris Godunow – Pimens erste Erzählung („Ночью на развалинах сраженья…“) Mit der Figur des Mönchs Pimen führt Modest Mussorgski in Boris Godunow einen der eindrucksvollsten Basscharaktere der Operngeschichte ein. Pimen ist kein handelnder Akteur im politischen Drama, sondern der ruhende Fixpunkt, ein Chronist der Wahrheit, der die Ereignisse der russischen Geschichte mit fast klösterlicher Nüchternheit protokolliert. Seine erste große Szene erscheint im ersten Akt: In einer spärlich beleuchteten Klosterzelle sitzt er bei Nacht über seinen Aufzeichnungen, wenn der junge Mönch Grigorij (der spätere falsche Dimitri) eintritt. Pimen berichtet von Schlachten, von vergangener Glorie – und schließlich von dem dunklen Wendepunkt, dem Mord am Zarewitsch Dimitri, der später das Reich ins Chaos stürzen wird. Diese Erzählung ist keine Arie im konventionellen italienischen Sinn – es ist vielmehr eine in Klang gefasste Chronik, ein Rezitativ, das sich über lange melodische Linien erhebt, getragen vom schweren Atem der russischen Sprache. Mussorgski komponiert hier eine Musik, die nicht glänzen will, sondern sprechen, mahnen, erinnern. Das Orchester bleibt zurückgenommen, wie eine kalte Ikone im Hintergrund, während die Stimme Pimens wie eine brennende Kerze in der Dunkelheit steht. Diese Szene markiert den geistigen Beginn des Dramas: Nicht der Zar, nicht die Bojaren eröffnen das Spiel der Macht, sondern einer, der nichts besitzt außer der Wahrheit. In dieser Rolle erreichte Boris Christoff (1914–1993) eine seiner größten Verkörperungen. In der Aufnahme von 1951 mit dem Philharmonia Orchestra unter Nicolai Malko (1883–1961), später 1992 remastert, klingt sein Bass wie aus der Tiefe russischer Erde gehoben – dunkel, von metallischer Würde, getragen von der Sprache selbst. Bei Christoff ist kein Ton bloß gesungen, jede Silbe scheint in ikonischer Strenge geformt. Die russische Sprache wird hier nicht nur Medium, sondern Klangkörper: wie Italienisch bei Mozart oder Tschechisch bei Janáček, so ist hier das Russische ein tragendes musikalisches Element, untrennbar verbunden mit dem inneren Atem der Musik. https://www.youtube.com/watch?v=Y8a9oAmuqTE Deutsche Übersetzung (nach dem gehörten Gesang) Noch eine, die letzte Erzählung – dann ist meine Chronik vollendet. Vollendet ist das Werk, das Gott mir, dem Sünder, anvertraut hat. Nicht vergeblich hat der Herr mich so viele Jahre zum Zeugen bestellt. Einst wird ein fleißiger Mönch meine eifrige, namenlose Arbeit finden; er wird, wie ich, seine Lampe entzünden und, den Staub der Jahrhunderte von den Blättern schüttelnd, die wahrhaftigen Erzählungen neu abschreiben, damit die Nachkommen der Orthodoxen das vergangene Geschick des Vaterlandes erkennen. Im Alter durchlebe ich alles von Neuem: Das Vergangene zieht an mir vorüber, aufgewühlt wie Meer und Ozean. Die Geschichte, die Pimen erzählt — Der Zeuge Gottes im Werk Mussorgskis Der alte Mönch Pimen ist kein Held dieser Oper, kein Spieler im Machtkampf um den Zarenthron – er ist der Zeuge, der alles gesehen hat und schweigend niederschreibt, damit die Wahrheit nicht stirbt. Während Russland im Dunkel der Gewalt zittert, sitzt er allein bei einer kleinen klösterlichen Lampe und hält die Feder in der Hand wie ein geistliches Schwert. Sein Blick reicht zurück über Jahre voller Blut und Verrat. In seiner ersten großen Erzählung berichtet er, wie er als Soldat Zeuge der Kämpfe war, wie Männer starben, wie die Erde russisches Blut trank. Nicht in glühender Anklage, sondern in kühler, fast heiliger Nüchternheit schreibt er: Die Geschichte ist kein Lobgesang, sondern ein Buch der Schuld. Er glaubt fest daran, dass jedes Verbrechen, auch das größte, einmal vor Gott benannt werden muss, damit die Seele des Volkes heilen kann. Er sagt nicht: Ich klage an, sondern: Ich bezeuge. Später, im zweiten großen Bericht – der mit den Worten endet: „Boris Godunov…“ – wird sein Wort zur geistigen Anklage. Er spricht von dem Tag, an dem das Reich vom Tod des jungen Zarewitsch erschüttert wurde, jenes Kindes Dimitri, letzter legitimer Erbe des Thrones. Die Chroniken berichten – so sagt Pimen – dass der Knabe im Schlaf erstochen wurde, und dass die Tat im Namen Boris Godunows geschah. Niemand wagte zu sprechen, die Schuld wurde verschwiegen, das Volk betäubt. Nur die Feder des Mönchs rührte sich. Pimen nennt keinen Hass, er schreit nicht – er setzt ein Wort über den anderen, wie ein Mönch Stein über Stein auf ein Grab. Und als der Name „Boris Godunov“ aus seinem Mund fällt, klingt er nicht wie ein politischer Satz – sondern wie ein kirchliches Urteil: „Er war der Mörder des jungen Zarewitsch.“ In diesem Moment wird nicht gebrüllt – es wird aufgeschrieben. Und in Mussorgskis Welt ist das Wort mächtiger als die Krone. Pimen glaubt nicht an Aufstand, nicht an Aufruhr. Er glaubt an das Gedächtnis. Darin liegt das Erschütternde dieser Figur: Er ist kein Rebell, sondern ein Archivar Gottes. Was er schreibt, ist kein Buch – es ist ein spätes Jüngstes Gericht, das eines Tages, wenn alle Stimmen schweigen, geöffnet werden wird. Und wer dann darin steht, wird nicht mehr König oder Mörder genannt – sondern einfach bei seinem wahren Namen. Die zweite Erzählung des Pimen, die einen Wunder am Grab des Zarewitsch Dmitri berichtet, „Einst, zur Abendstunde“ (Однажды, в вечерний час): https://www.youtube.com/watch?v=q5dbbUeQIBM Deutsche Übersetzung nach dem gesungenen Wortlaut (nach Gehör erstellt) Einst, zur Abendstunde, kam eine alte Frau zu mir, unsere Nachbarin, und sprach: „Komm, Vater, wir wollen nach Uglitsch gehen, zum Grab des Zarewitsch Dimitri; dort hat sich ein Wunder ereignet!“ Ich ging mit ihr. Aus allen Richtungen strömte das Volk herbei. Ich sah – auf den Knien, im Staub, lag ein Blinder. Er rief, unter Tränen: „Herr, vergib mir meine Sünden! Erhöre die Stimme des Unwürdigen!“ Und siehe, als die Sänger sangen und der Weihrauch zum Himmel stieg, da schrie er plötzlich auf und, die Augen auftuend, rief er: „Ich sehe das Licht! Ich sehe das heilige Bild!“ Das Volk fiel nieder, alle weinten und priesen den Herrn. Ich aber stand und betete in der Stille. Und da erinnerte ich mich des unschuldigen Leidenden, des ermordeten Knaben – und in meinem Herzen erklang der Name: Boris Godunow. Diese Szene ist das Gewissen der ganzen Oper. Was Pimen hier erzählt, ist kein politischer Bericht, sondern eine geistige Offenbarung. Der Blinde, der durch das Wunder sehend wird, steht für ein ganzes Volk, das endlich die Wahrheit erkennt. Das göttliche Licht fällt nicht nur auf den Heiligen, sondern auf die Schuld: der Name, den Pimen am Ende ausspricht, ist kein Ruf der Anklage – es ist das Läuten des göttlichen Gerichts. Seitenanfang Modest Mussorgski Heinrich Schütz: 440. Geburtstag Heinrich Schütz (1585–1672), dessen Geburtstag wir heute nach gregorianischer Zählung am 18. Oktober 1585 begehen – genau vierhundertvierzig Jahre nach seiner Geburt – hat mit seiner Motette „Selig sind die Toten“, SWV 391, aus der 1648 erschienenen Sammlung Geistliche Chormusik eines jener Werke geschaffen, in denen sich seine ganze geistige Reife und seine innere Haltung zum Thema Tod und Erlösung konzentriert. Diese Komposition, geschrieben für sechs Stimmen – meist in der Besetzung SSATTB, wahlweise mit oder ohne Generalbass – steht stilistisch in einem faszinierenden Spannungsfeld zwischen der strengen, linearen Polyphonie der Renaissance und der auf Textausdruck zielenden geistlichen Musik des frühen Barock. Wer hören möchte, wie diese Musik heute in stiller Tonstrenge und klarer seelischer Haltung klingen kann, dem sei die Interpretation von VOCES8 empfohlen: https://www.youtube.com/watch?v=ulEl9k9bZdc Schütz verstand den Tod nicht als dramatischen Zusammenbruch, sondern als Übergang in eine andere Form von Ruhe, und genau diese Deutung prägt den musikalischen Charakter des Stückes von der ersten Note an. Der Text aus der Offenbarung des Johannes – „Selig sind die Toten, die in dem Herren sterben“ – wird nicht wie ein dogmatischer Lehrsatz verkündet, sondern wie eine intime, würdevoll gesprochene Wahrheit. Die Musik beginnt getragen und ruhig, fast wie ein kollektives Einatmen, als würde der Chor sich über den Text neigen und ihn mit großer Sorgfalt ausbreiten. Die Stimmen setzen zunächst homophon ein, wie eine schlichte Bestätigung des göttlichen Wortes, doch schon nach wenigen Takten lösen sie sich in eine fein gesponnene Imitation auf. Die Bewegung ist ruhig, aber nicht statisch – sie atmet, sie öffnet sich, als wolle sie den Begriff der Seligkeit nicht definieren, sondern erfahrbar machen. Schütz lässt die Worte „die in dem Herren sterben“ in längeren Phrasen ausschwingen, als wolle er den Moment des Übergangs musikalisch dehnen. Hier klingt kein Schrecken, kein Aufruhr – eher eine Art leiser Trost, der nicht laut verkündet werden muss. Wenn die Stimmen dann „Von nun an“ singen, scheint die Zeit selbst kurz stillzustehen. Dieser Einschub ist kein dekoratives Detail, sondern ein Kommentar: Der Gedanke, dass das Sterben im Herrn nicht in eine Leere führt, sondern in eine neue Wirklichkeit, wird wie eine Zäsur gesetzt, fein, aber spürbar. Dann folgt einer der markantesten Momente: „Ja, der Geist spricht.“ Plötzlich wird der Klang dichter, etwas irdischer, beinahe wie eine Bestätigung aus menschlicher Stimme. Schütz markiert diese Stelle mit einer leichten Steigerung, als wolle er hörbar machen, dass hier nicht nur zitiert, sondern bezeugt wird. Die Musik bekommt Gewicht. Sie tritt aus der abstrakten Betrachtung heraus und formuliert eine Gewissheit. Darauf folgt der wohl anrührendste Teil der Komposition: „Sie ruhen von ihrer Arbeit.“ Hier wechseln die Linien in eine weichere, gedehnte Bewegung. Der Satz scheint sich fast zu verlangsamen, als lege sich die Müdigkeit der Welt auf die Stimmen, um sich gleich darauf in Ruhe aufzulösen. Man hört förmlich, wie sich der Atem senkt. In vielen Aufführungen, besonders in jener von VOCES8, entsteht an dieser Stelle ein zarter Moment der Stille im Klang selbst, eine innere Pause, die mehr sagt als jede Betonung. Die Stimmen verweilen auf einzelnen Silben, als wollten sie den Begriff „Ruhen“ nicht nur erklären, sondern verkörpern. Dann aber folgt mit „Und ihre Werke folgen ihnen nach“ ein feiner Wandel. Ohne dramatischen Bruch, aber mit spürbarer Energie beginnen die Stimmen, sich lebhafter zu bewegen. Die Musik wird dichter, der Kontrapunkt gewinnt an innerem Schwung. Damit stellt Schütz musikalisch dar, dass das Leben eines Menschen nicht mit dem Tod verschwindet, sondern nachwirkt, sich fortsetzt als geistige Spur, als Echo, das weiterklingt. Die Werke, also das, was ein Mensch war und tat, werden hier nicht als Bilanz verstanden, sondern als lebendige Bewegung, die über das Individuum hinausreicht. Dieser Gedanke wird im Klang zu einer Art musikalischer Nachschrift des Lebens. Der Schluss führt diese Motive zusammen, ohne Pathos, ohne Triumph. Keine jubelnde Coda, kein monumentaler Abschluss. Schütz beschließt die Motette mit derselben gesammelten Würde, mit der sie begann. Der Chor klingt aus, nicht wie ein Ende, sondern wie ein Hineingleiten in eine andere Stille. In dieser Zurückhaltung liegt Größe. Nichts wird überhöht, nichts sentimentalisiert – und doch, wenn die letzte Stimme verstummt, hat man das Gefühl, dass etwas ausgesprochen wurde, das weder schreiend verkündet noch apologetisch verteidigt werden muss. Wer diese Motette hört, besonders in einer so fein austarierten Interpretation wie jener von VOCES8, erlebt keinen theologischen Vortrag, sondern eine geistige Geste. Schütz führt den Hörer nicht an eine Kanzel, sondern an einen stillen Ort. Er zeigt, dass Musik trösten kann, ohne sentimental zu sein, und dass in der Sprache der Polyphonie ein Raum entsteht, in dem der Tod nicht als Katastrophe, sondern als Verwandlung verstanden werden kann. In dieser Haltung liegt das Vermächtnis Heinrich Schützens – eines Komponisten, der wusste, dass wahre Tiefe nicht in Lautstärke, sondern in innerer Klarheit liegt. Seitenanfang Heinrich Schütz CD Bruno de Sá „Mille affetti“ Es gibt Alben, die nicht nur Musik präsentieren, sondern eine innere Dramaturgie entfalten, die über das Repertoire hinausreicht und ein Konzept spürbar macht. „Mille affetti“ bedeutet „tausend Empfindungen“, und dieses Programm wird von Bruno de Sá (* 1989 in Santo André, Brasilien; lebt in Berlin), einem der wenigen natürlichen männlichen Soprane unserer Zeit, nicht nur gesungen, sondern verkörpert. Seine Stimme, hell, silbrig und von fast unirdischer Leichtigkeit, ist kein falsettartiger Kunstgriff, sondern ein tatsächlich organisch geführter Sopran, der unmittelbar an die Klangwelt einer empfindsamen, rhetorisch geprägten Spätaufklärung erinnert. Begleitet wird er von der Wrocławska Orkiestra Barokowa (Wrocław Baroque Orchestra) unter der Leitung von Jarosław Thiel (geb. in Poznań), die mit feiner stilistischer Klarheit und elegantem Atemfluss agiert. Der Titel des Albums verweist nicht nur auf Luigi Carusos (1754 - 1823) Arie „In mezzo a mille affanni“, sondern auch auf die Idee der Affektenlehre, in der Musik nicht Unterhaltung ist, sondern eine Rede der Seele an die Seele, eine Folge innerer Zustände, die durch Ton, Farbe und Geste erfahrbar gemacht werden. In diesem Spannungsfeld – zwischen empfindsamer Innerlichkeit, dramatischer Geste, geistlicher Sammlung und virtuoser Glut – entfaltet sich das Album wie ein einziger weitergezogener Atem. CD Mille affetti, Bruno de Sá und Wrocławska Orkiestra Barokowa unter der Leitung von Jarosław Thiel (* 1974): https://www.youtube.com/watch?v=MSXuY9lDNMg&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=2 Track 1: Luigi Cherubini (1760–1842), Il Mesenzio, rè d’Etruria, Akt 1: „No, non cercar per ora – La gran vendetta ancora“ (Lauso). Herkunft: frühe Opera seria Cherubinis auf ein Sujet um den Etruskerkönig Mezentius; der junge Held beschwört Zurückhaltung und kündigt große Rache an. Deutsche Übersetzung Nein, forsche jetzt noch nicht Nach dem, was mein Herz verbirgt. Noch ist diese Seele nicht geöffnet, Denn der Schmerz ist tief verschleiert. Schweig, denn zuerst, im Dunkel Meiner heimlichen Qualen, Will ich die Kräfte sammeln Und die Täuschungen ersticken. Die große Rache Ist noch nicht reif. Die Ehre bebt in mir, Doch sie schweigt, Bis das Herz selbst spricht. Nein, suche jetzt nicht Zu ergründen, was mein Herz verbirgt… Track 2: Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791), Mitridate, rè di Ponto, KV 87, Akt 2: „Lungi da te, mio bene“ (Sifare). Herkunft: Serenissima-Arie des edlen Sifare, mit typisch jugendlich-empfindsamem Tonfall der Mailänder Jahre. https://www.youtube.com/watch?v=LtqZd6YHmA0&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=2 Deutsche Übersetzung Fern von dir, mein Lieb, Fern von dir, mein Herz, Finde ich keinen Frieden mehr, Und all meine Kraft verlässt mich. Jegliche Freude ist erloschen, Jedes meiner Begehren erstirbt, Und doch weicht aus meinen Gedanken nicht Der Blick, den du mir einst schenktest. Ach, mein Atem ist zum Weinen geworden, Die Seele klagt in Liebe, Und nur der Tod vermag Meinem Schmerz Ruhe zu schenken. Fern von dir, mein Lieb, Fern von dir, mein Herz… Track 3: Wolfgang Amadeus Mozart: Exsultate, jubilate, KV 165 Satz I: „Exsultate, jubilate“ https://www.youtube.com/watch?v=VJWMh1oniW4&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=3 Deutsche Übersetzung Jauchzet, frohlocket, Ihr seligen Seelen! Singt süße Lieder, Feiert die festlichen Tage, Spielt, musiziert, Spielt, musiziert! Halleluja. Track 4: Wolfgang Amadeus Mozart: Exsultate, jubilate, KV 165,Satz II: „Tandem advenit hora“ (Rezitiv / Accompagnato) https://www.youtube.com/watch?v=mg50e4rA22Y&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=4 Deutsche Übersetzung Endlich ist die Stunde gekommen, Die uns Freude bereitet. Möge die Trauer weichen, mögen klagende Seufzer verstummen, Jauchzet nun, ihr Freuden! Denn der freundliche Tag erstrahlt, Und der Herr hat uns erlöst. Darum lasst uns alle singen Und fröhlich sein in Gott! Track 5 (Einzelnennung): „Tu virginum corona“ – hier als eigenes Track-Highlight geführt; es ist der innige Mittelsatz (Andante) der Motette vor dem finalen Alleluja. https://www.youtube.com/watch?v=u73uDkMwMHA&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=5 Deutsche Übersetzung Du, Krone aller Jungfrauen, Du, schenke uns den Frieden; Du, tröste unsere Gefühle, Von denen das Herz seufzt. Track 6: Alleluia (Finalsatz aus Exsultate, jubilate) https://www.youtube.com/watch?v=eYguveAyXpw&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=6 Track 7: Franz Ignaz Beck (1734–1809), ein Zeitgenosse der frühen Mannheimer Schule, schrieb seine Ouverture zu L’isle déserte im Geist der französischen comédie lyrique, wobei der Titel – „Die verlassene Insel“ – bereits einen affektgeladenen Raum eröffnet: Einsamkeit, Erwartung und dramatische Spannung. https://www.youtube.com/watch?v=4jSFxwI5IvA&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=7 Die Musik beginnt mit einer gespannten, leicht düsteren Klangfläche, in der die Streicher in Atemzügen phrasiert sind – fast wie sprechende Seufzer. Dann folgt ein lebhafter Abschnitt mit deutlichem Theatertemperament: kurze motivische Gesten, ein tänzerischer Mittelteil und ein rascher, elegant geschliffener Schluss, der nicht triumphal, sondern eher mit fein gezügelter Energie endet. Diese Ouverture wirkt wie ein Bühnenvorhang, der sich öffnet – nicht laut, sondern mit gespannter Erwartung. Gerade in diesem Kontext dient sie als idealer Auftakt für ein Album, das „tausend Affekte“ erfahrbar machen möchte. Track 8: (Titelstück-Bezug): Luigi Caruso (1754–1823), Il fanatico per la musica, Akt 1: „In mezzo a mille affanni“. Herkunft: römische dramma-giocoso-Oper (Uraufführung 1781); hier singt Lindoro über tausend Sorgen – „mille affanni“ – was den Albumtitel „Mille affetti“ geistreich spiegelt. https://www.youtube.com/watch?v=FY_YEuGS45Q&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=8 Deutsche Übersetzung Mitten in tausend Sorgen Seufzt das bedrängte Herz Und findet doch in einem einzigen Blick Ein Heilmittel gegen seine Qual. Noch immer sagt mir jener süße Blick: „Hoffe – und schweige.“ Doch vergebens müht sich die Seele, Die Liebe zu ersticken. Ach, wenn die Seele erst gefangen ist, Gibt es keine Vernunft mehr, die genügte; Das Gefühl, das sie bewegt, Wird zum Gesetz ihres Schmerzes. Mitten in tausend Sorgen Seufzt das bedrängte Herz… Track 9: Wolfgang Amadeus Mozart: „Betracht dies Herz und frage mich“ (aus der geistlichen Kantate (Grabmusik) „Die Schuldigkeit des ersten Gebots“ / manchmal auch im Kontext von K. 42/35a überliefert – Bruno de Sá singt die Arie als eigenständige Szene) https://www.youtube.com/watch?v=SfAaij-ccKY&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=9 Original-Text Betracht dies Herz und frage mich, Ob ich dich liebe oder nicht! Soll ich dir’s erst mit Worten sagen? Mein Seufzer, meine stillen Klagen, Sie reden ja, sie sprechen dich Viel deutlicher an als ich. Betracht dies Herz und frage mich, Ob ich dich liebe oder nicht! Track 10: Franz Seydelmann (1748–1806): Il Turco in Italia, Atto I, Arie (Selim): „Girate quel guardo“ https://www.youtube.com/watch?v=Y4HPa1bD-LE&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=10 (Hinweis: Es handelt sich NICHT um Rossinis gleichnamige Oper, sondern um die frühere Vertonung durch den Dresdner Hofkomponisten Franz Seydelmann. Der Text folgt der überlieferten Libretti-Fassung dieser Arie.) Deutsche Übersetzung Wendet diesen Blick ab, Denn er schleudert zu viele Pfeile; Ach, verwundet mich nicht, Wenn ihr mir doch Hoffnung schenkt. Dieses trügerische Lächeln Raubt mir den Frieden, Und durchbohrt mich dann erneut Mit frischem Schmerz. Wendet diesen Blick ab, Der zu heftig wie Pfeile trifft; Ach, lasst mir das Leben, Wenn ihr schon mein Herz raubt, Oder gebt mir mein Herz zurück! Track 11: Johann Friedrich Reichardt: Andromeda, Accompagnato (Perseo): „Voi sacre piante“ (Reichardts Oper wurde 1788 in Berlin uraufgeführt. Der Text folgt der italienischen Librettofassung, die auch in der modernen Aufführungspraxis – etwa wie bei der CD mit Bruno de Sá – verwendet wird.) https://www.youtube.com/watch?v=XJOA4sAlVpQ&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=11 Deutsche Übersetzung (Rezitativ) Ihr heiligen Bäume, Die ihr dem traurigen Herzen mitleidig Schatten spendet, Hört das Gelöbnis dieser leidenden Seele. Dort, wo das Meer sich bricht, Seufzt ein junges Mädchen; Ungerechtes Schicksal! Wenn der Himmel sie nicht schützt, So will ich mit meinem Arm Dem Zorn der Wellen und dem grausamen Sturm trotzen. Ach, erstickt, ihr Götter, Den wilden Schmerz, der meine Seele quält! Track 12: Johann Friedrich Reichardt: Andromeda, Arie (Perseo): „Deh soccori, o padre il figlio“, Rondo https://www.youtube.com/watch?v=kCR0BS25vXY&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=12 Deutsche Übersetzung Ach, hilf, o Vater, dem Sohn, Der ihretwegen dem Schicksal trotzt! Wenn du mir die Hoffnung nimmst, Dann nimm mir auch meinen Schmerz. Doch wenn im Himmel Erbarmen wohnt, Lass das Weinen nicht vergeblich sein. Ach, hilf, o Vater, dem Sohn, Der ihretwegen dem Schicksal trotzt! Track 13: Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) / Simon Sechter (1788–1867): Fuga in g-Moll, KV 154 (385k) Beschreibung (instrumental, kontrapunktisch & affektiv) https://www.youtube.com/watch?v=K0NM42SqYjU&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=13 Die Fuge in g-Moll KV 154 (385k) gehört zu den Fragmenten Mozarts, die erst später durch einen anderen Meister vollendet wurden – in diesem Fall vom Wiener Musiktheoretiker Simon Sechter (1788–1867), der als einer der letzten großen Vertreter streng kontrapunktischer Schulung galt (später Lehrer von Anton Bruckner). Die Musik hebt mit einem kraftvoll kantigen Fugenthema an – streng, aber von innerer Glut getragen. Anders als die heitere Eleganz des Exsultate-Mozart oder die vokale Virtuosität der Arien zeigt sich hier eine ernsthafte, beinahe kämpferische Seite. Der Affekt erinnert an geistige Konzentration, heroisches Ringen, innere Sammlung. Bruno de Sás Stimme schweigt hier – und gerade das ist dramaturgisch bedeutsam: Das Wort verstummt – die reine Struktur spricht. Die Fuge wirkt wie ein Gegengewicht zu den expressiven Vokalszenen: Wo vorher Empfindung und Sinnlichkeit herrschten, erscheint nun strenge Ordnung, geistige Disziplin – eine andere Dimension der „Affekte“, nämlich die Ergriffenheit durch Konstruktion und Kunstverstand. Tracks 14–18: Niccolò Antonio Zingarelli (1752–1837), Salve Regina (fünfsätzig). Zingarellis empfindsam-klassischer Marienklang korrespondiert fein mit de Sás heller Linienführung. Track 14: Salve Regina, I. „Salve Regina“ https://www.youtube.com/watch?v=02tUn4RrX0w&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=14 Deutsche Übersetzung Sei gegrüßt, o Königin, Mutter der Barmherzigkeit; unsere Lebenshoffnung, unsere Süße und Zuversicht, sei gegrüßt. Track 15: Salve Regina, II. „Ad te clamamus“ https://www.youtube.com/watch?v=CBHaMdrZMx0&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=15 Deutsche Übersetzung Zu dir rufen wir, die verbannten Kinder Evas; zu dir seufzen wir, seufzend und weinend in diesem Tal der Tränen. Track 16: Salve Regina, III. „Ad te suspiramus“ Gesungene Fassung (musikalisch gedehnt, mit Koloratur über „sus-pi-ra-mus“ und Ausklingen auf „-mus“, lang gehalten, dann direkt Übergang zu „Eia ergo“ ohne Textzugabe) https://www.youtube.com/watch?v=9qjNBJVkp8k&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=16 Deutsche Übersetzung – nach der gesungenen Struktur Ah... Zu dir seufzen wir, seufzend und weinend in diesem... Tal der Tränen... Zu dir... ah, seufzen wir, stöhnend und weinend, in diesem Tal der Tränen... ah... Zu dir seufzen wir... (verlängert auf dem Wort „seufzen“) in diesem... Tal der Tränen... (lang ausgehalten – dann direkt Übergang zu „Wohlan denn, unsere Fürsprecherin“) Track 17: Salve Regina, IV. „Eia ergo, advocata nostra“ https://www.youtube.com/watch?v=3YtLPV0L1Q8&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=17 Deutsche Übersetzung Wohlan denn, unsere Fürsprecherin, wende deine barmherzigen Augen zu uns hin; und Jesus, die gesegnete Frucht deines Leibes, zeige uns nach diesem Exil. Track 18: Salve Regina, V. „O clemens, o pia“ https://www.youtube.com/watch?v=_5EhI5JzXuY&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=18 Deutsche Übersetzung O gütige, o milde, o süße Jungfrau Maria. Track 19: Josef Mysliveček (1737–1781): Il Tobia: Introduzione Beschreibung (Instrumentalsatz) https://www.youtube.com/watch?v=rgDn2LD5xKk&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=19 Die Introduzione aus „Il Tobia“ des böhmischen Komponisten Josef Mysliveček (1737–1781) eröffnet das geistliche Dramma mit einem typisch neapolitanischen Opernklang: schlanke Streicher, klare thematische Linien und eine Mischung aus höfischer Würde und innerer Erregung. Die Satzsprache bewegt sich zwischen empfindsamer Kantabilität und dramatischer Geste – ein Vorbote der großen emotionalen Szenen, die folgen. Diese Einleitung ist rein instrumental und dient dazu, die Affektspannung aufzubauen – ein musikalisches Atmen vor dem Drama, getragen von zarter Klangrede und subtiler Harmonik. Besonders charakteristisch ist die Atempause zwischen den Phrasen, die fast wie ein Una-voce-Vorspiel für die menschliche Stimme wirkt – ideal für ein Album wie Mille affetti, das sich um die Rhetorik des Gefühls dreht. Track 20: Domenico Cimarosa (1749–1801), Requiem (g-Moll): „Preces meae“. Herkunft: flehentlicher Satz aus Cimarosas vielbeachtetem Requiem; in der Litanei-Bitte „Preces meae“ verbindet sich klangliche Schlichtheit mit gedämpfter Expressivität. https://www.youtube.com/watch?v=DBtKs3EdmEU&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=20 Deutsche Übersetzung Verschmähe meine Bitten nicht, o Herr; sondern neige dich gnädig zu mir und erhöre mich, der ich traurig bin und in Bedrängnis. Track 21: Felice Alessandri (1747–1798), Alessandro nelle Indie, Akt 1: „Se possono tanto luci vezzose“ (Poro). Herkunft: Opera seria auf das berühmte Metastasio-Libretto; Poro rühmt und fürchtet die Macht bezaubernder Augen. https://www.youtube.com/watch?v=mLsEO5ZoObg&list=OLAK5uy_lK4ZPsBaZ5NWeoaFf0pMPYkOzp-6mzvrs&index=21 Deutsche Übersetzung Wenn anmutige Augen so viel vermögen, Mich mit nur einem Blick erblassen zu lassen, Ach, was soll dann einst geschehen, Wenn sie mir gnädig ihre Liebe schenken? Schon spüre ich in der Brust eine süße Unruhe, Schon erzittert die Seele vor neuem Feuer; Und wenn ich schon jetzt solches Leiden vorausahne, So vermag ich nicht zu fassen, was dann Liebe sein wird. Ein Wort zum Stimmfach: Bruno de Sá ist kein Countertenor im Falsett, sondern ein rarer männlicher Sopran mit natürlicher Höhe und ausgesprochen schlanker, obertonreicher Registeranbindung – genau dadurch gelingt ihm die historisch plausibel leichte, doch durchschlagsfähige Linienführung in Mozart-Koloraturen und im italienischen spätaufklärerischen Repertoire. Seitenanfang CD Bruno de Sá Vo solcando un mar crudele https://www.youtube.com/watch?v=rXmF6h3Yd_A Die Arie Vo solcando un mar crudele stammt aus der Oper Artaserse von Leonardo Vinci (1696–1730) , uraufgeführt 1730 im Teatro delle Dame in Rom. Sie ertönt im ersten Akt, in jenem Moment, in dem die Figur Arbace, zu Unrecht des Königsmordes verdächtigt, sich vollständig vom Schutz der Welt verlassen fühlt und zwischen Loyalität, Liebe und der drohenden Hinrichtung zerrissen ist. Vinci komponierte diese Arie für den legendären Kastraten Farinelli, und sie gilt als ein Inbegriff neapolitanischer Affektdramaturgie: Die Musik entfaltet aus wenigen Verszeilen ein ganzes seelisches Panorama, in dem innere Not und äußeres Schicksal ununterscheidbar werden. Der Text entfaltet eine mächtige Allegorie, in der das Meer nicht nur Kulisse ist, sondern das Bild einer existenziellen Prüfung – Arbace sieht sich als einsamer Steuermann, der ohne Segel und ohne Halt auf einem feindlichen Wasser treibt, während Himmel und Wellen sich verdunkeln und selbst die Kunst der Navigation versagt. Das Meer steht für das Schicksal, die Winde für die unkontrollierbaren Kräfte der Macht, der Verrat und die Intrige, die ihn umgeben. Die fehlenden Segel und Taue sind mehr als nautische Begriffe: Sie symbolisieren den Verlust von Handlungsmacht und Orientierung, das völlige Ausgeliefertsein gegenüber einer höheren Gewalt. Vinci greift diese Bildidee kompositorisch auf – die Koloraturen wirken wie aufschäumende Wellen, die harmonischen Spannungen wie das Dräuen des Sturms. Arbace singt nicht in klagender Resignation, sondern in fiebriger Erregung: Er will leben, doch er weiß, dass sein Leben nicht mehr ihm gehört, sondern dem „voler della fortuna“, dem blinden Willen des Schicksals. Die Schlusszeile Infelice! in questo stato / Son da tutti abbandonat zieht die Allegorie ins Persönliche zurück – nach den großen Naturbildern bleibt der Mensch, nackt, verletzlich und verlassen. Vinci lässt die Musik in diesem Moment nicht verklingen, sondern spannt sie auf wie ein inneres Beben, das die Figur bis in den zweiten Akt hinein begleitet. So wird die Arie nicht nur zu einem Virtuosenstück, sondern zu einem musikalischen Gleichnis über Verlorenheit, Würde und den Versuch, im Sturm des Lebens Haltung zu bewahren. Der Text (italienisch) Vo solcando un mar crudele Senza vele, e senza sarte: Freme l’onda, il ciel s’imbruna Cresce il vento, e manca l’arte; E il voler della fortuna Son costretto a seguitar. Infelice! in questo stato Son da tutti abbandonat Deutsche Übersetzung Ich segle / fahre über ein grausames Meer Ohne Segel und ohne Tauen: Die Welle tobt, der Himmel verdunkelt sich, Der Wind nimmt zu, und die Kunst / Fertigkeit fehlen; Und dem Willen des Schicksals Bin ich gezwungen zu folgen. Unglücklich! In diesem Zustand Bin ich von allen verlassen. Seitenanfang Leonardo Vinci Wolfgang Amadeus Mozart (1756 - 1791): Violinkonzert Nr. 3 in G-Dur, KV 216 (1775) Violine: Hilary Hahn (* 1979) Stuttgart Radio Symphony Orchestra unter der Leitung von Gustavo Dudamel (* 1981) https://www.youtube.com/watch?v=IhQAtkXOK6o Entstehung und Kontext Das Violinkonzert Nr. 3 in G-Dur KV 216 entstand im September 1775, in einer intensiven Schaffensphase Mozarts, in der innerhalb weniger Monate alle fünf vollendeten Violinkonzerte (KV 207, 211, 216, 218 und 219) komponiert wurden. Mozart war zu dieser Zeit Konzertmeister am Hof des Salzburger Erzbischofs Hieronymus Graf Colloredo (1732–1812) und übernahm selbst regelmäßig die Rolle des Solisten. Eine mögliche Widmung oder zumindest intendierte Aufführung deutet auf den Salzburger Geiger Antonio Brunetti (1734–1786) hin, der als Solist der Hofkapelle wirkte und Mozarts Violinkonzerte mit besonderem Erfolg spielte – Mozart selbst war diesbezüglich ambivalent, lobte Brunettis künstlerische Energie, kritisierte aber auch dessen Geschmack und etwas derben Ton. Im Vergleich zu den ersten beiden Konzerten KV 207 und 211 zeigt sich KV 216 stilistisch reifer, mit einer stärkeren Nähe zur Oper, insbesondere zu Mozarts im selben Jahr entstandener Opera buffa "La finta giardiniera" KV 196. Es ist das erste seiner Violinkonzerte, in dem der cantabile Gesangsstil so stark in den Mittelpunkt tritt. Besetzung: Solovioline, Orchester: 2 Oboen (im zweiten Satz durch Flöten ersetzt), 2 Hörner in G, Streicher, Basso continuo war in der Praxis üblich, aber nicht vorgeschrieben. Satzfolge und musikalische Charakteristik I. Allegro (G-Dur, 4/4 – Sonatensatzform) Das Orchester eröffnet mit einem prägnanten, höfisch-edlen Thema, das sofort die klare Gliederung und Anmut des Konzerts erkennen lässt. Die Violine übernimmt und wandelt das Motiv in sängerische Linien um – fast wie eine Arie ohne Worte. Mozart arbeitet mit dialogischem Wechsel zwischen Solist und Orchester, wobei die Solostimme bereits hier große Freiheit, Eleganz und Leichtigkeit zeigt, ohne Virtuosität zur Schau zu stellen. Die Atmosphäre ist leicht, hell und galant. II. Adagio (D-Dur, 3/4 – Liedform mit Variationsansätzen) Dieser Satz gehört zu den innigsten Eingebungen des jungen Mozart. Der Wechsel von Oboen zu zarten Flöten verleiht der Klangfarbe einen sanften, pastoralen Schimmer, über dem die Solovioline mit langgezogenen, atmenden Melodiebögen wie eine Kantilene der italienischen Oper schwebt. Der Ton ist lyrisch, beinahe kontemplativ – ein innerruhiger Dialog zwischen Stimme und Stille. III. Rondeau. Allegro (G-Dur, 6/8 – Rondoform mit französischem Einschlag) Ein tänzerisches, fast volksliedhaftes Rondothema eröffnet den Satz, der von rhythmischer Leichtigkeit und charmantem Witz geprägt ist. Auffällig ist ein kurzer, überraschender Ausflug in einen französisch anmutenden Musette-Abschnitt (mit droneartigen Bassbewegungen), bevor das ursprüngliche Motiv zurückkehrt – typisch für Mozarts spielerischen Humor. Der Satz endet brillant, ohne die Eleganz jemals zu verlieren. Stilistische Bedeutung KV 216 steht an der Schwelle zwischen frühklassischer Konzerttradition und Mozarts eigener reifer Konzertsprache. Zum ersten Mal wird das Solokonzert bei Mozart nicht primär als virtuoses Schaustück, sondern als lyrisches Dialogspiel verstanden – eine Haltung, die später in den Klavierkonzerten ihren Höhepunkt erreichen sollte. Insbesondere der zweite Satz gilt als Vorahnung späterer Höhen wie der langsamen Sätze der Klavierkonzerte KV 467 oder KV 488. Zeitgenössische Hörer beschrieben die Wirkung als „una cantilena tenerissima“ – eine „zarteste Gesangslinie“. Interpretatorische Tradition und Aufnahmen Historisch informierte Interpretationen (z. B. Giuliano Carmignola mit Claudio Abbado, Isabelle Faust mit Il Giardino Armonico) betonen die transparente Eleganz und die sprechende Artikulation, während klassische Interpretationen (Arthur Grumiaux, Itzhak Perlman, Anne-Sophie Mutter) das lyrisch-warme, fast romantisch vorausahnende Moment herausarbeiten. Der Auftritt im Vatikan – Mozart als Klangbild geistiger Klarheit Am 27. Oktober 2012 trat Hilary Hahn (* 1979) gemeinsam mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR unter der Leitung von Gustavo Dudamel (* 1981) im Vatikanischen Audienzsaal Paolo VI auf, um vor Papst Benedikt XVI. (1927–2022) Mozarts Violinkonzert Nr. 3 in G-Dur, KV 216 (1775) aufzuführen. Der Rahmen war kein gewöhnliches Konzert, sondern eine repräsentative Kulturbegegnung zwischen Kirche und Musik, bei der Mozart ausdrücklich als Botschafter geistiger Ordnung und ästhetischer Reinheit präsentiert wurde. Bereits die Wahl des Werks – kein dramatisch aufgeladenes Konzert, sondern ein lichtdurchflutetes, von innerer Balance getragenes Werk – unterstrich die Absicht, Kontemplation und Würde in musikalischer Form erlebbar zu machen. Hilary Hahn spielte mit einer außerordentlich schlanken, klar fokussierten Tongebung, die bewusst auf jede romantisierende Aufladung verzichtete. Ihre Interpretation war diszipliniert, transparent und von einer fast asketischen Eleganz, wodurch Mozarts kantable Linien wie leicht schwebende Gebetsformeln wirkten. Anstelle virtuoser Geste trat ein inneres Leuchten, das sich im großen Raum mit stiller Autorität entfaltete. Gustavo Dudamel, sonst für seine impulsive Energie bekannt, zeigte sich hier von einer ungewohnt zurückgenommenen, präzise kontrollierten Seite. Er formte das Orchester zu einem gleichmäßig atmenden Klangkörper, der nicht fordert, sondern trägt, als seien alle orchestralen Gesten auf Würde und geistige Sammlung ausgerichtet. Das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart spielte mit einer vorbildlichen Klangdisziplin, die der Architektur des Raums und dem Anlass Rechnung trug: keine Schärfe, keine Dramatik, sondern Klang als geordnete Helligkeit. Nach der Aufführung trat Papst Benedikt XVI. (2005–2013) an die Künstler heran, sprach von der „inneren Ordnung und Klarheit“ dieser Musik und bezeichnete Mozarts Tonsprache als eine Form von „lichtvoller Vernunft, die das Herz erhebt, ohne zu überwältigen“. Mit dieser Bemerkung fasste er präzise zusammen, was diese Darbietung auszeichnete: kein Spektakel, keine Virtuosität um ihrer selbst willen, sondern klassische Noblesse im Dienst geistiger Sammlung. Seitenanfang Wolfgang Amadeus Mozart Alonso Lobo (1555–1617), ... ... Schüler von Francisco Guerrero (1528–1599) und später Kapellmeister in Sevilla und Toledo, gehört zu jener seltenen Gattung von Komponisten, deren Musik nicht wie ein Werk bloß gelesen werden will, sondern wie ein Raum betreten werden muss. Seine Motette Versa est in luctum entstand im Jahr 1598 anlässlich der Exequien ( kirchliche Begräbnisfeier) für Philipp II. von Spanien (1527– † 13. September 1598), den asketischen, schweigsamen Monarchen, der mit dem Escorial ein Klosterpalast‐Monument errichten ließ, nicht zur Zierde, sondern als steinernes Bekenntnis einer Weltordnung, in der Glaube, Macht und Tod untrennbar miteinander verbunden waren. https://www.youtube.com/watch?v=DWyG4wqU0Tw Der lateinische Text, den Alonso Lobo mit nahezu ritueller Strenge vertont, lautet vollständig: Versa est in luctum cithara mea, et organum meum in vocem flentium. Parce mihi, Domine, nihil enim sunt dies mei. Deutsche Übersetzung: Zu Trauer ist meine Leier geworden, und meine Orgel zum Klang der Weinenden. Erbarme dich meiner, o Herr, denn nichts sind meine Lebenstage. Dieser Text ist von äußerster Knappheit, und doch entfaltet er in Lobos Vertonung eine spirituelle Schwere, wie sie nur entstehen kann, wenn Musik sich nicht als Ausdruck individueller Empfindung begreift, sondern als sakralen Vollzug. Wenn die Stimmen mit Versa est in luctum cithara mea einsetzen, erklingt nicht die Klage eines Einzelnen, sondern die Verwandlung des höfischen Klangorganismus selbst: Die Musik legt ihr eigenes Zeremoniell ab und taucht sich in Trauer, nicht durch Schmerz, sondern durch Würde. Und wenn die Worte et organum meum in vocem flentium folgen, ist dies nicht das Weinen der Menschen, sondern das Schweigen der Form, die sich selbst verwandelt. Erst am Schluss, bei Parce mihi, Domine, nihil enim sunt dies mei, zieht sich der Klang zusammen, als würde das gesamte polyphone Gebäude für einen Moment in sich ruhen, um nicht den Schmerz, sondern die Endlichkeit zu bekennen. Lobo schreibt hier keine Musik über den Tod, er schafft ein Klangritual, das den Tod selbst als Element der Ordnung hörbar macht. Die Hofkapelle des Escorial, in der Komponisten wie Cristóbal de Morales (um 1500–1553), Francisco Guerrero (1528–1599), Tomás Luis de Victoria (1548–1611), Alonso Lobo (1555–1617) und Manuel Cardoso (1566–1650) wirkten, war kein künstlerisches Ensemble im romantischen Sinn, sondern ein Organ des Glaubens, ein liturgisches Instrument der Monarchie. Musik war hier nicht Gefühl, sondern Zeremonie, nicht Ausdruck, sondern hieratische Geste. Versa est in luctum ist die vollendete klingende Form dieser Haltung. Nach Lobos Tod 1617 wurde die Motette weiterhin bei Begräbnissen hoher Würdenträger in Spanien und Portugal gesungen, nicht als historische Reminiszenz, sondern als lebendige liturgische Realität. Erst der Verlust dieser Ordnung im 19. Jahrhundert ließ sie verstummen. Ihre Wiederentdeckung im 20. und 21. Jahrhundert durch Ensembles wie The Tallis Scholars und Musica Ficta brachte ihre Struktur zurück, doch erst die Interpretation durch Tenebrae unter Nigel Short (* 1965) gab ihr jene klösterliche Gravität, die ihrer inneren Architektur entspricht. Seitenanfang Alonso Lobo

  • Klavierkonzerte | Alte Musik und Klassik

    Klavierkonzert Nr. 1 in e-Moll, op. 11 Als Frédéric Chopin im Frühjahr 1830 sein Klavierkonzert Nr. 1 in e-Moll, op. 11 vollendete, war er gerade einmal zwanzig Jahre alt – ein Komponist an der Schwelle zur eigenen künstlerischen Identität. Obwohl es als „Nr. 1“ erschien, entstand es nach dem f-Moll-Konzert op. 21, das Chopin heute als „Nr. 2“ geführt wird. Die Reihenfolge verdankt sich allein der Veröffentlichung: das e-Moll-Konzert erschien 1833 bei Breitkopf & Härtel in Leipzig, das f-Moll erst 1836. Die Uraufführung des e-Moll-Konzerts fand am 11. Oktober 1830 im Nationaltheater von Warschau statt. Chopin selbst saß am Flügel, begleitet vom Orchester unter Karol Kurpiński (1785–1857). Zeitgenossen berichteten von einem überwältigten Publikum – der junge Komponist stand im Glanz seines Erfolgs. Wenige Wochen später verließ er Polen für immer; im Rückblick wurde das Konzert zu einem klingenden Abschied, gleichsam einem musikalischen Testament seines Warschauer Lebens. Aufbau und Charakter Chopin folgt der klassischen Dreisatzform – Allegro maestoso, Romance (Larghetto), Rondo Vivace – und doch löst er sich rasch von traditionellen Mustern. Schon im ersten Satz verschiebt er die Balance zugunsten des Klaviers, das nicht mehr bloß virtuoser Solist ist, sondern poetischer Erzähler. Der Kritiker James Huneker (1857–1921) schrieb: „It is not the orchestra that frames the piano – it is the piano that illumines the orchestra.“ („Es ist nicht das Orchester, das das Klavier umrahmt – es ist das Klavier, das das Orchester erhellt.“) Das berühmte Larghetto in H-Dur ist der Kern des Konzerts: ein Nocturne im Konzertsaal, zart und von träumerischer Innigkeit. Chopin selbst erklärte, er habe darin „einen geliebten Blick beschreiben wollen“. Die Zeitgenossin Maria Wodzińska (1819–1896), in die Chopin damals verliebt war, wurde von manchen als inspirierende Muse vermutet. Das abschließende Rondo Vivace schlägt mit polnisch tänzerischem Charakter den Bogen von inniger Lyrik zurück zur vitalen Heimat. Orchestrierung und Kritik Oft kritisiert wurde die Orchestrierung, die manchen zu schlicht erschien. Robert Schumann (1810–1856) aber sah darin gerade die Stärke: „Das Orchester begleitet wie ein Hauch, wie ein Schatten – das Klavier bleibt stets der eigentliche Sprecher.“ Der „Vorwurf“ der blassen Begleitung hat Chopin sein Leben lang begleitet; doch er selbst war kein Sinfoniker im herkömmlichen Sinn. Für ihn war das Orchester eine Klangfolie, vor der das Klavier seine intimste Sprache entfalten konnte. Zeitgenössische und spätere Rezeption Bereits die Wiener Erstaufführung im Kärntnertortheater am 11. Oktober 1831 – Chopins erste Präsentation außerhalb Polens – rief geteilte Reaktionen hervor. Die Presse pries seine „funkelnde Brillanz“ und „poetische Zartheit“, bemängelte aber zugleich eine „eigentümliche, unkonventionelle“ Orchesterbehandlung. Die Allgemeine Musikalische Zeitung sprach von „einer unvergesslichen Mischung aus polnischem Kolorit und europäischer Eleganz“. Im 20. Jahrhundert wurde das Konzert zu einem Prüfstein für Chopin-Interpreten. Der Kritiker Harold C. Schonberg (1915–2003) schrieb in der New York Times: „Chopin’s First Concerto is less a contest between piano and orchestra than a monologue of the piano itself – a soliloquy of intimacy in the most public of forms.“ („Chopins Erstes Konzert ist weniger ein Wettstreit zwischen Klavier und Orchester als vielmehr ein Monolog des Klaviers selbst – ein Selbstgespräch der Intimität in der öffentlichsten aller Formen.“) Drei Pianisten – drei Klangwelten Claudio Arrau (1903–1991) Arrau, der große chilenische Meister, näherte sich Chopin stets mit einer ernsten, beinahe philosophischen Haltung. Sein Ton ist reich, dunkel, getragen von einer Gravität, die Chopins Musik aus dem Salon heraushebt und sie auf eine beinahe beethovensche Ebene rückt. Kritiker sprachen von „Tiefe und Würde“, andere jedoch bemängelten, sein Spiel sei bisweilen „schwerfällig“ oder zu ernst für Chopins junge Lyrik. Und doch entfaltet gerade diese Haltung im e-Moll-Konzert eine gewaltige Wirkung: im Larghetto verwandelt Arrau das schwebende Nocturne in ein meditatives Gebet, im Finale wird aus dem Tanz ein feierlicher Reigen. Arrau zwingt den Hörer, Chopin nicht als bloßen Poet des Intimen zu sehen, sondern als Komponisten von existenzieller Größe. Dass seine Interpretation manchen zu schwer, anderen zu erhaben erscheint, gehört zu ihrem Reiz – sie lässt keinen gleichgültig. Frédéric Chopin, Klavierkonzert Nr. 1 (Tracks 1 bis 3): https://www.youtube.com/watch?v=8yhUqqVb118&list=OLAK5uy_mk84Fvd98en8AylFAAqf9SjR6htE7uPpE&index=2 London Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Eliahu Inbal (* 1936 in Jerusalem) Aufnahme: 1971 in der Wembley Town Hall, London. Krystian Zimerman (* 1956) Als Zimerman 1999 sein Doppelalbum mit beiden Chopin-Konzerten veröffentlichte, war es mehr als eine weitere Studioeinspielung: Er hatte eigens das Polish Festival Orchestra gegründet, um Chopins Klangideal aus eigener Hand zu gestalten. Gramophone lobte: „Zimerman achieves the impossible balance: an intimate Chopin whispered to thousands.“ („Zimerman erreicht die unmögliche Balance: ein intimer Chopin, der Tausenden zugeflüstert wird.“) In der Tat wirkt diese Aufnahme wie aus einem Guss: Das Orchester atmet mit dem Solisten, die Tempi sind von unerhörter Natürlichkeit, das Klavier klingt wie ein Erzähler, der selbst die leisesten Nuancen zum Leuchten bringt. Besonders im Larghetto zeigt Zimerman eine fast schwerelose Zartheit, die sich in der großen Kantilene entfaltet – ein Liebeslied, das zu schweben scheint. Im Rondo dagegen funkelt der Tanz, ohne jemals in bloße Bravour zu kippen. Zimermans Deutung ist durchdacht und poetisch zugleich, ein Meilenstein in der Chopin-Diskographie. Frédéric Chopin, Klavierkonzert Nr. 1 (Tracks 1 bis 3): https://www.youtube.com/watch?v=5BLU-CaKIt8&list=OLAK5uy_lYoRMn5PjDGe41z1MoD6sfbEOH3VwkePM&index=2 Polish Festival Orchestra unter der Leitung von Krystian Zimerman Aufnahme: August 1999 Zugabe: https://www.youtube.com/watch?app=desktop&v=anw6ECZOWPU NHK Symphony Orchestra unter der Leitung von Takashi Asahina (1908 – 2001) Aufnahme: 29. September 1978, Konzerthalle „Nippon Hōsō Kyōkai“ (NHK Hall), Tokyo Seong-Jin Cho (* 1994) Der südkoreanische Pianist, Sieger des Chopin-Wettbewerbs 2015, hat sich mit seiner 2016 erschienenen CD bei Deutsche Grammophon früh als ernstzunehmender Chopin-Interpret etabliert. Begleitet vom London Symphony Orchestra unter Gianandrea Noseda (geb. 1964), überzeugt er durch einen Klang von makelloser Eleganz. The Guardian lobte seine Aufführung mit den Worten: „The tenderest passages in the concerto have a touching reticence … confirms a major talent.“ („Die zartesten Passagen des Konzerts besitzen eine berührende Zurückhaltung … es bestätigt ein großes Talent.“) Audiophilia nannte ihn einen „exceptionally refined artist“ („außergewöhnlich kultivierten Künstler“) und rühmte, wie mühelos er das Werk gestalte. Kritische Stimmen – etwa Classical-Music.com – wiesen darauf hin, dass Nosedas Orchesterbegleitung zu „überpolstert“ sei, und manche empfanden in langsameren Passagen eine gewisse Kontrolle, wo mehr Spontaneität wünschenswert gewesen wäre. Doch gerade diese kontrollierte Eleganz gibt Chos Chopin eine eigene Aura: aristokratisch, klar, durchsichtig wie ein Kristall. Sein Larghetto besticht durch Intimität ohne Sentimentalität, sein Finale durch Leichtigkeit ohne Effekthascherei. Er repräsentiert eine jüngere Generation, die Chopin nicht mehr als romantische Pose, sondern als modernen Klassiker liest. Frédéric Chopin, Klavierkonzert Nr. 1 (Tracks 1 bis 3): https://www.youtube.com/watch?v=1bu4cApKW2o&list=OLAK5uy_ngEVW-dSumUeLmcCd7gh90yjibjeSM7Jw&index=2 London Symphony Orchestra unter der Leitung von Gianandrea Noseda (* 1964 in Mailand) Aufnahme: Die Einspielung des Klavierkonzerts Nr. 1 fand im Juni 2016 im berühmten Abbey Road Studios in London statt. Schlussbild Diese drei Aufnahmen – Arrau, Zimerman, Cho – zeigen, wie verschieden Chopins e-Moll-Konzert klingen kann: einmal als philosophische Meditation, einmal als poetisch vollkommenes Gleichgewicht, einmal als moderne Eleganz. Gemeinsam aber beweisen sie, dass dieses Werk weit mehr ist als ein Jugendstück eines Zwanzigjährigen. Es ist ein Schlüssel zu Chopins innerster Sprache – einer Sprache, die jede Generation neu erfindet und doch unverwechselbar bleibt. Seitenanfang Klavierkonzert in f-Moll, op. 21 Chopins Klavierkonzert in f-Moll, op. 21, nimmt in seinem Schaffen eine besondere Stellung ein. Obwohl es als „Nr. 2“ veröffentlicht wurde, entstand es bereits 1829 und ist damit tatsächlich sein erstes Konzert. Der neunzehnjährige Chopin komponierte es noch während seiner Studienzeit in Warschau. Die öffentliche Uraufführung erfolgte am 17. März 1830 im Teatr Narodowy – Chopin selbst als Solist – und wurde begeistert aufgenommen, was seinen ersten großen Erfolg markierte. Die Widmung galt Gräfin Delfina Potocka (1807–1877), einer engen Vertrauten Chopins. Doch im Zentrum des Werks steht eine noch subtilere Inspiration: Das Larghetto in As-Dur wird häufig als musikalisches Spiegelbild von Chopins Schwärmerei für die Sängerin Konstancja Gładkowska (1810–1889) gedeutet. In einem privaten Brief schrieb er: „Ich habe meinen heimlichen Traum in Töne gegossen und habe ihm gesagt, was ich ihr nie sagen konnte.“ Diese Passage erinnert an eine stumme Arie – ein emotionales, wortloses Bekenntnis. Formal folgt das Konzert dem klassischen Dreisatz-Schema, doch Chopin überschreitet schnell die konventionellen Grenzen: Im Maestoso in f-Moll eröffnet das Orchester dramatisch, ehe das Klavier mit funkelnden Läufen und lyrischen Themen die Führung übernimmt. Das Larghetto erscheint wie ein „Nocturne mit Orchester“ – gesungen, intim, ohne Worte. Im Allegro vivace bricht jugendliche Energie aus, und polnische Tanzrhythmen – besonders die Mazurken – führen in ein triumphales F-Dur-Finale. Viele Zeitgenossen hielten die Orchesterbegleitung im Vergleich zu Beethoven oder Schumann für schlicht – doch Chopin wollte genau das: Das Orchester als Kulisse, damit das Klavier als Stimme im Vordergrund leuchtet. Der Pianist Krystian Zimerman (* 1956) brachte diesen Kern treffend auf den Punkt, als er für seine Aufnahme bewusst einen Operndirigenten engagierte – weil Chopins Musik im Grunde „gesungen“ werden müsse. Historische Stimmen und Aufführungsgeschichte Kurz nach der privaten Probe am 3. März 1830, dirigiert von Karol Kurpiński (1785–1857), fand die triumphale Premiere am 17. März im Warschauer Nationaltheater statt. Schon bald erklang das Konzert auch in Wien (Oktober 1830), wo Chopin es mit überwältigendem Erfolg spielte, ehe er in die Emigration nach Paris ging. Dort brachte er es 1832 in der Salle Pleyel zum ersten Mal vor Pariser Publikum – ein Auftritt, der ihn in der Musikwelt der französischen Hauptstadt etablierte. Auch in Leipzig und Berlin folgten bald Aufführungen, die zeigten, dass Chopins Sprache verstanden wurde. Ein Warschauer Kritiker schrieb nach der Uraufführung 1830: „Chopins Klavier klingt wie eine singende Stimme, und das Orchester antwortet ihm wie ein Chor, der lauscht.“ Robert Schumann (1810–1856) jubelte: „Hut ab, meine Herren – ein Genie!“ Franz Liszt (1811–1886) sah im Larghetto „ein Stück, das der Sängerin die Seele leiht, bevor sie überhaupt die Bühne betritt.“ Selbst Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847), sonst oft distanziert, schrieb anerkennend nach einer Aufführung in Leipzig, die Musik sei „zart, eigenartig und mit keinem anderen gleichzusetzen.“ Ausführliche Aufführungsgeschichte im 19. Jahrhundert 3. März 1830, Warschau: Im Konservatorium der polnischen Hauptstadt fand eine erste Probe statt, bei der Chopin das Werk zum ersten Mal in kleinem Rahmen vorführte. Die Leitung hatte Karol Kurpiński (1785–1857), Kapellmeister am Nationaltheater. Schon hier spürte man, dass Chopin eine neue, persönliche Sprache für das Klavier gefunden hatte, die sich deutlich von der gängigen Virtuosenästhetik abhob. 17. März 1830, Warschau: Die offizielle Uraufführung im Teatr Narodowy wurde ein Triumph. Chopin trat als Solist auf, Kurpiński dirigierte. Die Warschauer Presse überschlug sich mit Lob: Man sprach von einem „Paganini des Klaviers“ und hob besonders die neuartige Melodik und den poetischen Ton hervor. Damit hatte Chopin seine erste große öffentliche Anerkennung errungen. Oktober 1830, Wien: Wenige Monate nach der Warschauer Premiere reiste Chopin nach Wien, wo er das Konzert im Kärntnertortheater aufführte. Das Publikum nahm ihn mit Begeisterung auf, die Kritiken schwankten jedoch: Manche lobten den „jugendlichen Genius“ und den „Lyriker am Klavier“, andere mokierten sich über die „eigenartige, blasse“ Orchestrierung, die nicht an Beethoven heranreiche. Chopin selbst war enttäuscht über das zögerliche Verständnis, das man seiner Musik entgegenbrachte – und doch war dies sein erster Schritt auf die internationale Bühne. 26. Februar 1832, Paris: Nach seiner Ankunft in der französischen Hauptstadt gab Chopin in der Salle Pleyel ein Konzert, in dem er beide Konzerte – das e-Moll und das f-Moll – aufführte. Es war sein eigentliches Pariser Debüt und machte ihn auf einen Schlag berühmt. Hector Berlioz saß im Publikum, und Franz Liszt schwärmte, er habe „die zartesten Töne der Welt“ gehört. Paris war fortan Chopins künstlerische Heimat. 1835, Leipzig: In Leipzig führte Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847) das Werk erstmals in Deutschland auf. Mendelssohn, der selbst am Pult stand, würdigte Chopins eigenwillige, poetische Sprache, auch wenn er sie nicht gänzlich teilte. Die Leipziger Aufführung festigte Chopins Ruf als einer der originellsten Komponisten seiner Generation. 1836, London: Schließlich erreichte das Konzert auch England. Zunächst erklang es in privaten Salons, wenig später auch in den Hanover Square Rooms, dem führenden Konzertsaal Londons. Die aristokratische Gesellschaft reagierte mit Staunen auf die fremdartige Mischung aus polnischem Kolorit und italienischem Belcanto. Bald galt Chopin auch in England als „poetischer Virtuose“, der das Klavier zur Sprache erhob. Drei große Interpretationen Arthur Rubinstein (1887–1982) gilt als der wohl bedeutendste Chopin-Interpret seiner Zeit. Das f-Moll-Konzert begleitete ihn sein Leben lang, und er machte es zu einem Schlüsselwerk seiner Laufbahn. Legendär ist sein Abschied im April 1975, als der damals 88-jährige, fast erblindete Pianist in der Fairfield Hall in London auftrat. Gemeinsam mit dem London Symphony Orchestra unter André Previn (1929–2019) spielte er Chopins zweites Klavierkonzert – nicht mehr vor Publikum, sondern als Vermächtnis für die Nachwelt. Es ist eine Aufnahme von schlichter Größe, ohne äußerliche Virtuosität, doch erfüllt von abgeklärter Wärme und innerer Ruhe. Rubinstein selbst bemerkte einmal über Chopin: „Er sprach zu mir wie kein anderer Komponist, und ich wusste, dass ich seine Sprache für immer in mir trage.“ https://youtu.be/B3r4EgwLqMM Eine ganz andere Perspektive bietet Krystian Zimerman (* 1956), der 1975 beim Warschauer Chopin-Wettbewerb berühmt wurde. Bereits seine frühe Aufnahme mit dem Los Angeles Philharmonic unter Carlo Maria Giulini (1914–2005) zeigte eine ideale Balance zwischen analytischer Strenge und poetischer Tiefe. Später gründete Zimerman eigens das Polish Festival Orchestra, um Chopins Konzerte in authentischem Geist zu interpretieren – ein Projekt, das 1999 als Gesamteinspielung erschien und heute vielfach als Referenz gilt. Er verband höchste technische Perfektion mit einer fast vokalen Gestaltungskraft, die das Larghetto in schwebende Gesangsqualität erhob. Track 4 bis 6 https://www.youtube.com/watch?v=JOpajW_dW5k&list=OLAK5uy_lYoRMn5PjDGe41z1MoD6sfbEOH3VwkePM&index=4 Eruptiv und voller Spontaneität hingegen ist die Deutung von Martha Argerich (geb. 1941). Ihre Aufnahme von 1978 mit dem National Symphony Orchestra Washington unter Mstislav Rostropovich (1927–2007) zeigt das Konzert in jugendlicher Glut. Wo Rubinstein Weisheit und innere Ruhe vermittelt und Zimerman Klarheit und Perfektion anstrebt, bringt Argerich eine Vitalität ein, die das Werk auflodern lässt. Kritiker beschrieben ihre Lesart als „atemberaubend, riskant, voller Leben“ – und doch stets mit lyrischem Kern. Track 4 bis 6 https://open.spotify.com/intl-de/album/5wqJPU7PtZnymxX4j1wRys Drei Interpretationen, die kaum gegensätzlicher sein könnten: Rubinstein als zeitloses Vermächtnis, Zimerman als architektonisch klare Referenz, Argerich als feurige Erneuerung. Gemeinsam offenbaren sie, wie wandelbar Chopins f-Moll-Konzert ist und wie viele Stimmen es im Laufe der Geschichte gefunden hat. Heutige Rezeption Noch heute gilt das f-Moll-Konzert als Prüfstein für Pianisten. Der amerikanische Kritiker Harold C. Schonberg (1915–2003) schrieb: „Wer Chopins zweites Konzert spielt, stellt nicht nur Technik, sondern seine ganze Persönlichkeit zur Disposition.“ Der Pianist Maurizio Pollini (1942–2022) nannte das Larghetto einmal „eine der vollkommensten Liebeserklärungen der Musikgeschichte“. Und Krystian Zimerman erklärte, Chopin sei für ihn „kein Virtuose unter vielen, sondern ein Poet, der das Klavier zum Atmen bringt“. Fazit Chopins Klavierkonzert Nr. 2 in f-Moll ist ein Juwel der Jugend – virtuos, empfindsam, national geprägt und in seiner orchestralen Zurückhaltung einzigartig. Es ist kein symphonischer Wettstreit, sondern ein poetischer Monolog, bei dem das Klavier in menschlicher Stimme spricht. Und es spricht bis heute: zu Hörern, zu Interpreten, zu allen, die sich seiner Zartheit öffnen. Seitenanfang

  • Geistliche Werke III | Alte Musik und Klassik

    Geistliche Werke - Magnificats 5 bis 8 The Tallis Scholars unter der Leitung von Peter Phillips (* 1963) Aufnahme: 2001 Teil I. Track 1: Anonymous – Antiphon zur zweiten Vesper, Fronleichnam Den feierlichen Auftakt bildet eine Antiphon eines unbekannten Komponisten für die Zweiten Vespern des Fronleichnamsfestes (Corpus Christi). Diese schlichte, doch ausdrucksvolle Komposition entfaltet sich in ruhiger, modaler Klangsprache, getragen von sanften, sich wiegend bewegenden Linien. Die Stimmen fügen sich in enger, aber unaufdringlicher Imitation zusammen, wodurch ein kontemplativer, fast schwebender Klangteppich entsteht. Der Text, der vermutlich der bekannten Antiphon „O sacrum convivium“ entstammt, fasst das Geheimnis des Fronleichnamsfestes in wenigen, tief empfundenen Worten zusammen: Lateinischer Text: "O sacrum convivium, in quo Christus sumitur; recolitur memoria passionis eius; mens impletur gratia, et futurae gloriae nobis pignus datur." Deutsche Übersetzung: "O heiliges Gastmahl, in dem Christus empfangen wird; das Gedächtnis seines Leidens wird erneuert; die Seele wird mit Gnade erfüllt, und uns wird das Unterpfand der zukünftigen Herrlichkeit gegeben." Die Musik umhüllt diesen Text mit einer schlichten, feierlichen Würde. Keine dramatischen Effekte stören die Andacht – vielmehr zieht die Musik den Hörer in eine Atmosphäre stiller Anbetung hinein, die sowohl die tiefste Demut als auch die große Hoffnung der gläubigen Seele widerspiegelt. So bildet diese Antiphon eine perfekte Einstimmung auf die nachfolgenden Magnificat-Vertonungen Gomberts. Track 2: Nicolas Gombert – Magnificat 5 (Quinti Toni) – 1. Magnificat: Mit dem fünften Magnificat im Quinten Ton (Quinti Toni) entfaltet Nicolas Gombert ein weiteres Meisterwerk seiner polyphonen Kunst. Schon im eröffnenden Abschnitt, dem ersten „Magnificat“, zeigt sich Gomberts charakteristische Dichte des Satzes: Die Stimmen verweben sich in engmaschiger Imitation, ohne dabei an Klarheit zu verlieren. Der Text „Magnificat anima mea Dominum“ („Meine Seele preist den Herrn“) wird nicht bloß verkündet, sondern regelrecht durchwoben von einer feierlichen, fast kontemplativen Klangfülle. Gombert verzichtet auf plakative Effekte; stattdessen entwickelt er eine kontinuierliche melodische Bewegung, in der sich jede Stimme organisch aus der anderen zu entfalten scheint. Die Musik atmet eine stille Majestät, getragen von subtilen rhythmischen Nuancen und einem behutsamen Spiel mit Dissonanzen, die immer kunstvoll eingebunden und aufgelöst werden. Die Modalfärbung des Quinten Tons verleiht dem Werk eine leicht dunkle, edle Klangfarbe, die sich ideal für den feierlichen Lobgesang eignet. In dieser Vertonung spiegelt sich Gomberts reife Meisterschaft wider: Er erreicht eine vollkommene Balance zwischen intensiver polyphoner Dichte und der notwendigen Transparenz, die es erlaubt, den bedeutungsvollen Text trotz aller Stimmverflechtung wahrzunehmen. Track 3: Magnificat 5 (Quinti Toni) – 2. Quia Respexit: Im zweiten Abschnitt des fünften Magnificats widmet sich Gombert den Worten „Quia respexit humilitatem ancillae suae“ („Denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen“). Die Musik atmet hier eine tiefe Demut und stille Innigkeit, die der Aussage des Textes vollkommen entspricht. Gombert gestaltet diesen Abschnitt mit einer feinfühligen, zurückgenommenen Polyphonie, in der sich die Stimmen zart umeinander ranken. Die Imitationen sind noch enger geführt als im eröffnenden Magnificat-Teil, doch bleibt der Fluss der Musik stets ruhig und getragen. Charakteristisch ist die sanfte Bewegung in kleinen Tonschritten, die eine gewisse demütige Gebundenheit ausdrückt. Die Harmonik bleibt modal und weich, ohne scharfe Kontraste, wodurch die Kontemplation des Textes vertieft wird. Besonders beeindruckend ist, wie Gombert es versteht, das Wort „humilitatem“ – die Demut – auch musikalisch nachzuzeichnen: durch dezente Zurückhaltung, sparsame Spannungen und eine Klanglichkeit, die den Zuhörer in eine Atmosphäre leiser Andacht versetzt. Track 4: Nicolas Gombert – Magnificat 5 (Quinti Toni) – 3. Et misericordia: Im dritten Abschnitt des fünften Magnificats vertont Gombert die Worte „Et misericordia eius a progenie in progenies timentibus eum“ („Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die ihn fürchten“). Hier gewinnt die Musik an innerer Bewegung und Wärme: Die Stimmen entfalten sich in lebendiger Polyphonie, wobei Gombert eine subtile Erhöhung der Intensität gestaltet, die den Gedanken der göttlichen Barmherzigkeit spürbar macht. Im Vergleich zu den vorherigen Abschnitten ist das Klangbild hier leicht heller und weiter gespannt. Die Melodien steigen häufiger an und es entstehen kleine Wellen von Aufschwung, die eine Ahnung der tröstlichen und überströmenden Gnade vermitteln. Dennoch bleibt Gomberts Handschrift erkennbar: Die Polyphonie ist dicht und fließend, ohne je in Überladenheit abzugleiten. Gerade in der musikalischen Behandlung der Worte „a progenie in progenies“ – von Generation zu Generation – lässt Gombert die Stimmen in kunstvoll verschobenen Einsätzen kreisen, als wolle er die Zeitlosigkeit der göttlichen Gnade musikalisch darstellen. Track 5: Nicolas Gombert – Magnificat 5 (Quinti Toni) – 4. Deposuit potentes de sede: Mit dem Abschnitt „Deposuit potentes de sede et exaltavit humiles“ („Er hat die Mächtigen vom Thron gestürzt und die Demütigen erhöht“) erreicht Gomberts Vertonung einen Moment kraftvoller Dramatik. Ganz ohne äußere Theatralik entfaltet er die Wucht dieser Worte in einer besonders dichten, drängenden Polyphonie. Die Stimmen greifen energisch ineinander, imitieren einander in enger Folge und erzeugen ein Gefühl des stetigen Vorrückens, fast wie ein musikalisches Heranrollen einer unaufhaltsamen Bewegung. Gombert arbeitet hier mit stärkeren rhythmischen Impulsen und etwas markanteren melodischen Konturen, besonders auf dem Wort „Deposuit“ („er hat gestürzt“), wo fallende Linien den Sturz der Mächtigen bildhaft nachzeichnen. Im anschließenden „et exaltavit humiles“ kehrt sich die Bewegung um: Aufsteigende Linien symbolisieren das Emporheben der Demütigen. Doch alles geschieht mit der für Gombert typischen feinen Zurückhaltung und kunstvollen Stimmverflechtung – eine musikalische Umsetzung voller Innerlichkeit und Tiefe, die dem geistlichen Charakter des Textes vollkommen gerecht wird. Track 6: Nicolas Gombert – Magnificat 5 (Quinti Toni) – 5. Suscepit Israel: Im abschließenden Abschnitt „Suscepit Israel puerum suum, recordatus misericordiae suae“ („Er hat sich seines Knechtes Israel angenommen und seiner Barmherzigkeit gedacht“) führt Gombert sein fünftes Magnificat zu einem stillen, zugleich feierlichen Abschluss. Die Musik atmet hier eine tiefe Ruhe und Geborgenheit. Die Stimmen entfalten sich in sanfter, fast schwebender Polyphonie, die das Bild des behutsamen Erbarmens Gottes wunderbar einfängt. Auffällig ist die besonders enge Textverklammerung: Die Einsätze der Stimmen erfolgen eng aufeinander, die Nachahmung bleibt unmittelbar und intensiv, was der Bitte um göttliches Eingreifen eine drängende Innigkeit verleiht. Im harmonischen Verlauf entstehen warme, milde Klangräume, in denen Dissonanzen behutsam integriert und gelöst werden – ein Spiegel der göttlichen Gnade, die Gombert musikalisch ebenso subtil wie eindrucksvoll darstellt. Mit dem „recordatus misericordiae suae“ klingt das Werk nicht in äußerer Triumphgeste, sondern in einer Stimmung stiller Dankbarkeit und tiefem Vertrauen aus – ganz im Geist der geistlichen Dichtung, die Gombert mit unvergleichlicher Meisterschaft zum Klingen bringt. Track 7: Nicolas Gombert – Magnificat 5 (Quinti Toni) – 6. Gloria Patri: Mit dem abschließenden Gloria Patri („Ehre sei dem Vater“) bringt Gombert sein fünftes Magnificat zu einem festlichen und würdevollen Höhepunkt. Ohne den intimen, dichten Stil der vorangegangenen Abschnitte aufzugeben, verleiht er diesem Lobpreis eine leicht gesteigerte Strahlkraft. Die Stimmen greifen in engmaschiger Imitation ineinander, doch zugleich öffnet sich der Klangraum in einem behutsamen Aufschwung, der den Text von der ewigen Herrlichkeit des Dreieinigen Gottes musikalisch nachzeichnet. Besonders kunstvoll gestaltet Gombert die Steigerung hin zum „et in saecula saeculorum“ („von Ewigkeit zu Ewigkeit“), wo die Musik in sanfter Weise an Breite und Feierlichkeit gewinnt. Die Harmonik bleibt modale und leicht schwebende Klanglichkeit, sodass der Satz nicht in übermäßige Pracht umschlägt, sondern ein feines, strahlendes Leuchten bewahrt. Mit diesem Gloria Patri schließt Gombert sein fünftes Magnificat in einer Atmosphäre voll stiller Größe, die die tiefe Frömmigkeit und die kompositorische Raffinesse des gesamten Werks noch einmal eindrucksvoll zusammenfasst. Track 8: Anonymous – Antiphon for Second Vespers, Corpus Christi (Reprise): Zum Abschluss der Folge von Magnificat und Antiphonen erklingt erneut die Antiphon für die Zweiten Vespern des Fronleichnamsfestes, diesmal in einer feierlichen Wiederaufnahme. Die anonyme Komposition kehrt in leicht veränderter, oft noch gesammelterer Gestalt zurück und rahmt das Magnificat musikalisch ein. Die Wiederholung dieser Antiphon unterstreicht den liturgischen Charakter der Aufführung und ruft die Zuhörer in Erinnerung an das zentrale Thema des Fronleichnamsfestes: die Gegenwart Christi in der Eucharistie. Die Musik bleibt schlicht und würdevoll, mit ruhigen Linien und sanfter, modaler Harmonik, sodass der Eindruck einer stillen, innigen Verehrung bewahrt wird. Durch die Reprise wird ein klanglicher Bogen über das gesamte Werk gespannt, der die spirituelle Geschlossenheit und den meditativen Charakter der Vesperfeier auf eindrucksvolle Weise abrundet. Track 9: Anonymous – Antiphon zur ersten Vesper, Feste der Heiligen Jungfrau Maria: Lateinischer Text: "Ave Maria, gratia plena, Dominus tecum: benedicta tu in mulieribus, et benedictus fructus ventris tui." Deutsche Übersetzung: "Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir; gesegnet bist du unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes." Mit dieser Antiphon für die Ersten Vespern an den Festtagen der seligen Jungfrau Maria öffnet sich ein neuer klanglicher Raum von feierlicher Andacht. Die anonyme Komposition ist schlicht und doch von großer innerer Schönheit: Die Linien der Stimmen sind ruhig geführt, die Melodik bewegt sich in sanften Wellen, und die modale Klangsprache verleiht dem Werk eine zeitlose, innige Würde. Der Text – typisch für marianische Feste – preist die Erwählung und den Schutz Mariens und drückt zugleich das Vertrauen der Gläubigen in ihre Fürsprache aus. Musikalisch spiegelt sich dies in einer Klanggestalt wider, die getragen und weit wirkt, jedoch nie in Schwere verfällt. Die Imitationen sind locker gesetzt, die Stimmen bleiben nah beieinander, sodass ein Eindruck geschlossener Gemeinschaft entsteht. Diese Antiphon bildet einen stillen, anrührenden Auftakt zu den marianischen Festvespern, bei denen sich Freude und Demut auf natürliche Weise miteinander verbinden. Track 10: Nicolas Gombert – Magnificat 6 (Sexti et Primi Toni) – 1. Magnificat: Mit dem ersten Abschnitt seines sechsten Magnificats, das kunstvoll zwischen dem sechsten und dem ersten Ton changiert, führt Nicolas Gombert seine Hörer erneut in die Welt dichter, fein gewebter Polyphonie. Die Vertonung der Worte „Magnificat anima mea Dominum“ („Meine Seele preist den Herrn“) beginnt in zurückhaltender Festlichkeit, getragen von ruhigen, weichen Imitationen zwischen den Stimmen. Gomberts Kompositionsweise entfaltet sich hier in einer beeindruckenden Balance: Trotz der Komplexität der Stimmverflechtungen bleibt der Satz klar und transparent. Die Musik strömt in einem gleichmäßigen, fast unaufhörlichen Fluss dahin, ohne scharfe Zäsuren oder auffällige Kontraste – ganz im Sinne seiner tiefen, meditativen Klangwelt. Besonders bemerkenswert ist, wie Gombert die Übergänge zwischen den Modi gestaltet: Unmerklich gleitet die Musik zwischen der ernsteren Färbung des sechsten Tons und der helleren Klangwelt des ersten Tons, was eine subtile Spannung und Lebendigkeit erzeugt. Dadurch erhält diese Einleitung eine besondere Farbigkeit, die zugleich gesammelt und erhaben wirkt. Track 11: Magnificat 6 (Sexti et Primi Toni) – 2. Quia Respexit: Im zweiten Abschnitt des sechsten Magnificats, bei den Worten „Quia respexit humilitatem ancillae suae“ („Denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen“), wendet sich Gombert einer intimen, stillen Klangsprache zu. Die Musik wirkt hier noch inniger und zurückhaltender als im eröffnenden Magnificat, mit einer eng geführten Polyphonie, die fast wie ein einziges, atmendes Gewebe erscheint. Die Imitation der Stimmen ist besonders fein und engmaschig gestaltet. Gombert legt besonderes Gewicht auf die musikalische Umsetzung des Wortes „humilitatem“ (Demut), indem er fallende Linien und eine ruhig dahinfließende Harmonik einsetzt, die die tiefe Bescheidenheit des Textes nachempfinden lässt. Der Wechsel zwischen den Modi – der sanfte Übergang vom sechsten zum ersten Ton – bleibt subtil spürbar und verleiht der Musik eine zarte Beweglichkeit, ohne die ruhige Grundstimmung zu stören. In dieser Passage zeigt sich Gomberts Kunst, aus dem schlichten Lobpreis eine spirituelle Meditation zu formen, die den Hörer in eine Atmosphäre demütiger Ehrfurcht eintauchen lässt. Track 12: Magnificat 6 (Sexti et Primi Toni) – 3. Et misericordia: Im dritten Abschnitt „Et misericordia eius a progenie in progenies timentibus eum“ („Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die ihn fürchten“) weitet Gombert den musikalischen Raum sacht, ohne die kontemplative Grundhaltung zu verlassen. Die Stimmen entfalten sich in ruhig kreisender Imitation, wobei Gombert die Idee der fortdauernden göttlichen Gnade durch die ununterbrochene Bewegung der Polyphonie eindrucksvoll spiegelt. Charakteristisch für diesen Abschnitt ist die ruhige Intensität: Keine plötzlichen Aufschwünge oder dramatischen Kontraste, sondern ein beständiges Fließen, das sich aus der inneren Bewegung der Stimmen speist. Der Wechsel zwischen sechstem und erstem Ton bleibt dabei ein feines stilistisches Mittel, um den Text musikalisch zum Leben zu erwecken: Die Klangfarben wechseln unmerklich, wie eine Erinnerung daran, dass Gottes Barmherzigkeit in allen Zeiten gegenwärtig ist. Die Dichte der Stimmführung erzeugt ein sanftes, leuchtendes Klangbild, das in sich selbst ruht und den Hörer einlädt, in die tröstliche Botschaft der göttlichen Güte einzutauchen. Track 13: Magnificat 6 (Sexti et Primi Toni) – 4. Deposuit potentes de sede: Mit dem kraftvollen Vers „Deposuit potentes de sede et exaltavit humiles“ („Er hat die Mächtigen vom Thron gestürzt und die Demütigen erhöht“) bringt Gombert einen markanten Kontrast in sein sechstes Magnificat. Ohne die innere Ruhe seiner Tonsprache zu verlieren, gestaltet er hier eine subtil gesteigerte Dramatik: Die Stimmen treten etwas energischer auf, die rhythmische Bewegung wird lebhafter, und die melodischen Linien erhalten eine stärkere Profilierung. Besonders das Wort „Deposuit“ wird musikalisch unterstrichen durch absteigende Figuren, die den Sturz der Mächtigen bildhaft nachvollziehen. Im Gegensatz dazu hebt sich das „exaltavit humiles“ mit aufsteigenden melodischen Linien ab, wodurch Gombert das göttliche Handeln nicht nur textlich, sondern auch klanglich erfahrbar macht. Trotz dieser intensiveren musikalischen Gestaltung bleibt die Atmosphäre von feierlicher Würde geprägt – keine grelle Theatralik, sondern ein Ausdruck tiefer spiritueller Wahrheit, wie sie Gombert mit seiner meisterlichen Stimmkunst zu gestalten versteht. Track 14: Magnificat 6 (Sexti et Primi Toni) – 5. Suscepit Israel: Im Abschnitt „Suscepit Israel puerum suum, recordatus misericordiae suae“ („Er hat sich seines Knechtes Israel angenommen und seiner Barmherzigkeit gedacht“) kehrt Gombert zu einer besonders innigen, fast tröstenden Klangsprache zurück. Die Musik strömt in ruhigem Fluss dahin, die Stimmen umschlingen sich sanft in dichten, aber dennoch transparenten Imitationen. Der Gedanke der göttlichen Fürsorge wird hier nicht in lauten Gesten, sondern in einer zarten, fast wiegenden Polyphonie ausgedrückt. Die Bewegungen der Stimmen sind fließend und weich, kleine motivische Anklänge tauchen auf und vergehen wieder, wie eine musikalische Erinnerung an Gottes unvergessliche Barmherzigkeit. Durch die feine Balance zwischen dem dunkleren Charakter des sechsten Tons und den helleren Anklängen des ersten Tons entsteht eine Atmosphäre, die zugleich von Ernsthaftigkeit und hoffnungsvoller Zuversicht geprägt ist – ein wunderbar stimmiger Höhepunkt des spirituellen Bogens, den Gombert in seinem sechsten Magnificat spannt. Track 15: Magnificat 6 (Sexti et Primi Toni) – 6. Gloria Patri: Mit dem abschließenden „Gloria Patri“ („Ehre sei dem Vater...“) findet Gomberts sechstes Magnificat seinen festlichen, zugleich würdevollen Abschluss. Die Musik strahlt eine stille Größe aus: Ohne äußere Übersteigerung, allein durch die Verdichtung und leise Aufweitung der Polyphonie, verleiht Gombert diesem Schlussjubel seine Kraft. Die Stimmen greifen eng ineinander, die Bewegungen sind belebt, aber nie aufdringlich. Besonders der Übergang zu „et in saecula saeculorum“ („von Ewigkeit zu Ewigkeit“) wird mit einer sanften Steigerung gestaltet, die sich wie ein inneres Aufblühen entfaltet. Hier gelingt es Gombert meisterhaft, den Gedanken der ewigen Ehre und Herrlichkeit nicht in lauter Triumphgestik, sondern in einer tiefgründigen, ruhigen Feierlichkeit auszudrücken. Das „Amen“ am Ende wird in der für Gombert typischen Art in die fließende Polyphonie eingebettet und rundet das Werk in einer Atmosphäre von Frieden und erfüllter Andacht ab – ein würdiger Schlusspunkt eines Magnificats, das in seiner Dichte und Innerlichkeit zu den schönsten Beispielen spätfrühhumanistischer Vokalkunst gehört. Track 16: Anonymous – Antiphon zur Ersten Vesper, Feste der Heiligen Jungfrau Maria, (Reprise): Lateinischer Text (typisch für marianische Vespern) "Ave Maria, gratia plena, Dominus tecum: benedicta tu in mulieribus, et benedictus fructus ventris tui." Deutsche Übersetzung: "Sei gegrüßt, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir; gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes." Zum Abschluss kehrt die Antiphon der Ersten Vespern zu Ehren der seligen Jungfrau Maria noch einmal zurück. Diese Wiederaufnahme rundet den Zyklus auf stille, fast meditative Weise ab. Die schlichte Schönheit der Musik, mit ihrer klaren, ruhigen Linienführung und der modalen Klangsprache, erhält durch die Reprise einen besonders feierlichen Charakter. Die erneute Darbietung wirkt dabei nicht wie eine bloße Wiederholung, sondern wie ein bewusster Rückblick: In der erneuten Begegnung mit dem vertrauten Klang entfaltet sich ein Gefühl von Vollendung und innerem Frieden. Der Lobpreis Mariens, der in dieser Antiphon Ausdruck findet, wird damit in einen größeren, spirituellen Zusammenhang gestellt, der weit über den einzelnen Moment hinausweist. So schließt sich ein musikalischer Bogen, der die Tiefe, Würde und innige Frömmigkeit dieser ganzen Folge von Magnificats und Antiphonen auf eindrucksvolle Weise zusammenfasst. Track 17: Anonymous – Antiphon zur Ersten Vesper, St. Maria Magdalena, 22. Juli: Lateinischer Text: "Maria ergo accepit libram unguenti nardi pretiosi, et unxit pedes Iesu, et extersit capillis suis, et domus impleta est ex odore unguenti." Deutsche Übersetzung: "Maria nahm ein Pfund kostbares Nardenöl, salbte die Füße Jesu und trocknete sie mit ihrem Haar, und das Haus wurde vom Duft des Öls erfüllt." Mit dieser Antiphon für die Ersten Vespern am Fest der heiligen Maria Magdalena (22. Juli) wird ein neuer, feiner Akzent gesetzt. Die anonyme Komposition zeichnet sich durch eine schlichte, zugleich eindringliche Melodik aus, die die Gestalt der Maria Magdalena – Sinnbild für Reue, Hingabe und Erlösung – musikalisch einfängt. Die Musik bewegt sich in ruhigen Bögen, getragen von einer modalen Harmonik, die einen warmen, ernsten Klangraum schafft. Im Gegensatz zu den marianischen Antiphonen, die eher von einer stillen, freudigen Verehrung geprägt sind, liegt hier eine gewisse Schwere in der Musik, die auf die existenzielle Tiefe der Heiligen verweist. Die Stimmen bleiben nah beieinander, ihre Linien verschmelzen zu einem sanften, aber dichten Klanggewebe, das den Text meditativ trägt. Diese Antiphon öffnet somit einen Moment stiller Einkehr und tiefer innerer Bewegung – eine Hommage an eine Heilige, deren Lebensweg von Umkehr und inniger Liebe geprägt war.

  • Scherzi | Alte Musik und Klassik

    Die vier Scherzi Einleitung: Vom Scherz zum Drama Das Wort Scherzo bedeutet im Italienischen schlicht „Scherz, Spiel“. In der frühen Musikgeschichte war es noch ein loses Etikett für geistreiche oder tänzerische Stücke. Claudio Monteverdi (1567–1643) veröffentlichte 1607 seine Sammlung Scherzi musicali, die heitere Madrigale enthält – von tiefem Ernst war hier keine Rede. Im 18. Jahrhundert tauchte der Begriff ebenfalls sporadisch auf, doch erst Ludwig van Beethoven (1770–1827) verlieh dem Scherzo Gewicht und Gestalt. Er verdrängte das höfische Menuett aus der Sinfonie und setzte an seine Stelle das Scherzo: schneller, schärfer, energischer. Bei Beethoven war das Scherzo kein geselliger Tanz mehr, sondern ein rhythmisches Spiel mit Überraschungen, oft mit ironischem Unterton und eruptiver Kraft. Im 19. Jahrhundert entdeckte man weitere Facetten: Felix Mendelssohn (1809–1847) schuf in seiner Sommernachtstraum-Musik Scherzi von federleichter, „elfenhafter“ Bewegung; Robert Schumann (1810–1856) füllte den Begriff mit grotesken Maskenspielen und seelischen Brechungen. Doch niemand wagte so radikal wie Frédéric Chopin, das Scherzo aus seinem symphonischen Kontext zu lösen und es zu einem autonomen Klavierwerk zu machen. Seine vier Scherzi sind keine tänzerischen Nebensätze, sondern groß angelegte, dramatische Dichtungen. Schumann war einer der ersten, der die Umkehrung des Begriffs erfasste. Als er 1835 Chopins erstes Scherzo hörte, schrieb er: „Wie soll sich der Ernst kleiden, wenn schon der ›Scherz‹ in dunklen Schleiern geht?“ Damit hatte er den Kern getroffen: Chopins Scherzi sind keine Spiele, sondern Klangdramen, die zwischen furioser Bewegung und lyrischen Inseln oszillieren. Jedes der vier Werke ist eine eigene Welt, und doch bilden sie zusammen eine Art inneren Zyklus – von der finsteren Tragik des h-Moll-Scherzos über die „Frage und Antwort“ des b-Moll, die komprimierte Gewalt des cis-Moll bis zum lichtdurchfluteten E-Dur. Scherzo Nr. 1 in h-Moll, op. 20 (1831–1835) Das erste Scherzo schrieb Chopin in den Jahren 1831 bis 1833, in Wien und in den ersten Pariser Exiljahren. Veröffentlicht wurde es 1835 gleichzeitig in Paris (Maurice Schlesinger, Pl.-Nr. M.S. 1832), Leipzig (Breitkopf & Härtel, Pl.-Nr. 5599) und London (Wessel & Co.). Widmung Das Werk ist Thomas Albrecht gewidmet, einem Diplomaten aus Sachsen, der in den 1830er Jahren als Attaché der sächsischen Gesandtschaft in Paris diente und später Konsul und Handelsagent wurde. Albrecht gehörte zum engeren Freundeskreis Chopins und war 1849 an dessen Sterbebett anwesend – ein Zeichen dafür, dass die Widmung nicht einer Virtuosenfreundschaft galt, sondern einer persönlichen Bindung. Form und Harmonie Der Bau folgt einer erweiterten ABA-Form mit Coda: A-Teil (h-Moll, T. 1–122): harte, unisono geschlagene Akkorde und ein Presto con fuoco von eruptiver Gewalt, harmonisch eng an Dominante und Tonika gebunden. B-Teil (H-Dur, T. 123–170): ein Molto più lento, in dem Chopin das polnische Weihnachtslied „Lulajże, Jezuniu“ zitiert. Ein seltener, fast einzigartiger Fall eines direkten Fremdzitats in Chopins Werk – als Erinnerung an Heimat und Kindheit. A’-Teil (h-Moll, T. 171–239): Rückkehr des Furors, jetzt noch verdichtet. Coda (T. 240–Schluss): Oktavtremoli und Arpeggien, die das Anfangsmotiv bis ins Äußerste zuspitzen. Das Werk endet nicht heroisch in Dur, sondern konsequent im tragischen Moll. Spieltechnik Pianistisch fordert das Werk extreme Kontraste: donnernde Akkorde, Tremolo-Oktaven, synkopische Kaskaden – und dazwischen ein inniger, choraler Mittelteil, der mit una corda und halbem Pedal wie ein Orgelklang gestaltet werden muss. Gerade in der Coda warnte Chopin davor, zu beschleunigen: „Ein Presto wirkt doppelt erschreckend, wenn es im Zeitmaß bleibt.“ Das Stück selbst beginnt mit einem Aufschrei: harte, unisono geschlagene Akkorde, gefolgt von einem fieberhaften Presto con fuoco. Hier hat Chopin das Scherzo ins Tragische verkehrt – Schumanns Satz von den „dunklen Schleiern“ beschreibt genau diese Umkehrung des Begriffs. Im Mittelteil erscheint dann eine poetische Insel: ein Molto più lento in H-Dur, in dem Chopin das polnische Weihnachtslied „Lulajże, Jezuniu“ zitiert. Diese Melodie, ein Wiegenlied für das Jesuskind, war für Chopin ein Erinnerungsstück an seine Heimat – mitten im Exil erklingt sie wie ein inneres Bekenntnis. Danach stürzt die Musik zurück in den Furor der Außenteile; eine Coda von wilder Virtuosität beschließt das Drama. Spieltechnisch verlangt das Werk scharfe Akkordschläge, weite Oktavsätze, Tremoli – und zugleich die Kunst, den Mittelsatz als inniges Choralstück singen zu lassen. Der Londoner Verleger Wessel nannte das Werk reißerisch „Le Banquet Infernal“, doch Chopin hasste solche Fantasienamen. Für ihn war es ein Stück tiefsten Ernstes, kein „Höllenbankett“. Quellen Ein Autograph ist nicht erhalten. Unterschiede zwischen den Erstausgaben betreffen vor allem Dynamik und Artikulation. Der Londoner Verleger Wessel versah das Werk mit dem Fantasietitel „Le Banquet Infernal“, worüber Chopin verärgert spottete – er hasste solche „Verkaufsnamen“. Robert Schumanns Wort von den „dunklen Schleiern“ bleibt dagegen bis heute die treffendste Charakterisierung. Scherzo Nr. 1 in h-Moll, op. 20 – Interpretationen Claudio Arrau (1903–1991) gehört zu jenen Pianisten, die Chopin als großen tragischen Dichter verstanden. In seiner Aufnahme des ersten Scherzos zeigt sich diese Haltung besonders deutlich. Arrau vermeidet jede Hast und jedes vordergründige Bravourspiel. Sein Tempo wirkt getragen, beinahe altmodisch – doch gerade dadurch entfaltet sich eine ungeheure Wucht. Die eröffnenden Akkorde sind keine bloßen Schocks, sondern klingen wie Posaunenrufe eines tragischen Schicksals. Das anschließende Presto con fuoco baut er architektonisch auf, mit Klangmassen, die an Orgel oder Orchester erinnern. Im Molto più lento mit dem Weihnachtslied Lulajże, Jezuniu offenbart Arrau jene Schwere und Wärme, für die er berühmt war. Statt eines einfachen Wiegenlieds erklingt hier ein Bild von Wehmut und innerer Größe – nicht sentimental, sondern erhaben. In der Reprise und besonders in der Coda bleibt er streng im Zeitmaß, erfüllt damit Chopins eigenes Gebot: „Ein Presto wirkt doppelt erschreckend, wenn es im Zeitmaß bleibt.“ Das Ergebnis ist eine Deutung von monumentaler Tragik. Viele Kritiker nannten Arrau den „Mahler unter den Chopin-Interpreten“: dunkel, schwer, aber von innerem Atem getragen. Arthur Rubinstein (1887–1982) steht für eine ganz andere Sichtweise. Seine Aufnahme des ersten Scherzos verbindet dramatische Energie mit Noblesse des Tons. Die einleitenden Akkorde schlägt er mit kraftvoller Eleganz, nie hart, immer rund. Das Presto ist strahlend und motorisch, aber flüssig geführt, ohne gehetzt zu wirken. Kritiker lobten seine Fähigkeit, „niemals zu überinterpretieren“ – er vertraut der Musik selbst und lässt sie sprechen. Im Mittelteil, wenn das polnische Wiegenlied erklingt, singt Rubinstein mit unvergleichlicher Natürlichkeit. Keine Sentimentalität, kein Schwärmen, sondern eine warme, klare Melodie – so, als spräche hier Chopins polnische Seele. Am Ende steigert er das Werk zu einem dramatischen Höhepunkt, ohne den Überblick zu verlieren. Die Energie bleibt geordnet, die Coda zwingend und klar. Rubinsteins Lesart ist klassisch im besten Sinne: ausbalanciert, klangschön, lebendig. Sie zeigt Chopin als tragischen, aber auch menschlich warmen Dichter. Für viele Hörer bleibt gerade diese Verbindung von Pathos und Natürlichkeit ein Musterbeispiel für Chopin-Interpretation. Seong-Jin Cho (*1994 in Seoul), Sieger des Internationalen Chopin-Wettbewerbs 2015, gehört zu den führenden Vertretern einer neuen Generation von Pianisten, die Chopin mit höchster Präzision und poetischer Intelligenz interpretieren. Seine Aufnahme der vier Scherzi (Deutsche Grammophon, 2021) zeigt exemplarisch, wie er die Balance zwischen architektonischer Klarheit und innerer Spannung findet. Im ersten Scherzo h-Moll op. 20 eröffnet Cho mit unerhörter Klarheit. Die harten Anfangsakkorde sind schneidend und präzise, doch ohne Härte im Klang. Das Presto con fuoco entwickelt sich bei ihm nicht als unkontrollierter Ausbruch, sondern als logisch gebautes Drama, in dem jede Stimme durchsichtig bleibt. Kritiker sprachen von einer „staunenswerten Transparenz“, die selbst in größter Wucht die Struktur sichtbar macht. Im Mittelteil, wo Chopin das polnische Weihnachtslied Lulajże, Jezuniu zitiert, findet Cho zu einer Innigkeit, die schlicht und berührend wirkt. Er vermeidet jede Sentimentalität, gestaltet die Melodie fast volksliedhaft klar – ein Moment, der durch seine Schlichtheit besonders ergreift. In der Reprise und Coda wahrt Cho eiserne Disziplin. Die Oktavtremoli bleiben streng im Zeitmaß, was Chopins eigene Forderung erfüllt: „Ein Presto wirkt doppelt erschreckend, wenn es im Zeitmaß bleibt.“ So entsteht eine Spannung, die von innerer Konsequenz lebt. Chos Deutung zeigt Chopin als modernen Klassiker: voller Furor und lyrischer Tiefe, aber immer gebändigt durch Maß und Klarheit. Damit bildet er einen faszinierenden Kontrast zu Arraus monumentaler Tragik und Rubinsteins nobler Eleganz. Seong-Jin Cho (* 1994 in Seoul), Sieger des Internationalen Chopin-Wettbewerbs 2015, gehört zu den führenden Vertretern einer neuen Generation von Pianisten, die Chopin mit höchster Präzision und poetischer Intelligenz interpretieren. Seine Aufnahme der vier Scherzi (Deutsche Grammophon, 2021) zeigt exemplarisch, wie er die Balance zwischen architektonischer Klarheit und innerer Spannung findet. Im ersten Scherzo h-Moll op. 20 eröffnet Cho mit unerhörter Klarheit. Die harten Anfangsakkorde sind schneidend und präzise, doch ohne Härte im Klang. Das Presto con fuoco entwickelt sich bei ihm nicht als unkontrollierter Ausbruch, sondern als logisch gebautes Drama, in dem jede Stimme durchsichtig bleibt. Kritiker sprachen von einer „staunenswerten Transparenz“, die selbst in größter Wucht die Struktur sichtbar macht. Im Mittelteil, wo Chopin das polnische Weihnachtslied Lulajże, Jezuniu zitiert, findet Cho zu einer Innigkeit, die schlicht und berührend wirkt. Er vermeidet jede Sentimentalität, gestaltet die Melodie fast volksliedhaft klar – ein Moment, der durch seine Schlichtheit besonders ergreift. In der Reprise und Coda wahrt Cho eiserne Disziplin. Die Oktavtremoli bleiben streng im Zeitmaß, was Chopins eigene Forderung erfüllt: „Ein Presto wirkt doppelt erschreckend, wenn es im Zeitmaß bleibt.“ So entsteht eine Spannung, die von innerer Konsequenz lebt. Chos Deutung zeigt Chopin als modernen Klassiker: voller Furor und lyrischer Tiefe, aber immer gebändigt durch Maß und Klarheit. Damit bildet er einen faszinierenden Kontrast zu Arraus monumentaler Tragik und Rubinsteins nobler Eleganz. Scherzo Nr. 2 in b-Moll, op. 31 (1835–1837) Das zweite Scherzo entstand 1835–1837 und erschien 1837/38 fast gleichzeitig in Paris, Leipzig und London. Anders als beim Ersten ist hier die Quellenlage besonders reich: Ein Autograph befindet sich in der Bibliothèque nationale de France; zudem existiert eine von Julian Fontana angefertigte Kopie als Stechvorlage, und Chopin selbst korrigierte Schülerexemplare. Widmung. Das Werk ist Gräfin Adèle de Fürstenstein (fl. um 1837) gewidmet, einer jungen Aristokratin und Schülerin Chopins aus dem Kreis der Pariser Emigranten. Von ihrem Leben ist wenig überliefert, doch die Widmung bezeugt Chopins Nähe zu den polnischen und französischen Aristokratie-Salons, die sein künstlerisches Umfeld prägten. Form und Harmonie Die Dramaturgie baut auf Kontrast: A-Teil (b-Moll, T. 1–112): Zwei hauchzarte, arpeggierte Akkorde (Frage), beantwortet von brutalen Fortissimo-Akkorden (Antwort). Wilhelm von Lenz schrieb: „Es war ihm nie fragend genug, nie leise genug – es müsse wie von einer Gruft klingen.“ B-Teil (Des-Dur, T. 113–188): eine ausgedehnte, gesangliche Melodie, die Robert Schumann als „ein byronisches Gedicht, überströmend von Zärtlichkeit, Kühnheit, Liebe und Verachtung“ bezeichnete. A’-Teil (b-Moll, T. 189–248): Rückkehr des Anfangsmaterials, dichter, mit gesteigerter Motorik. Coda (Des-Dur, ab T. 249): strahlende Auflösung in Des-Dur, das das dunkle b-Moll überblendet. Spieltechnik Das Werk verlangt extreme Kontraste: hauchzarte Pianissimo-Akkorde ohne Pedal, dann jähe Oktavschläge im Fortissimo; weit ausgesponnene Kantilenen im Mittelteil, die durch Fingersatzkunst (Fingerwechsel auf gehaltenen Tönen) und feinste Pedalarbeit getragen werden. Der Beginn ist berühmt: zwei leise, arpeggierte Akkorde im Pianissimo, eine Frage, die von einem jähen Fortissimo-Akkord beantwortet wird. Wilhelm von Lenz überlieferte Chopins Worte: „Es war ihm nie fragend genug, nie leise genug – es müsse wie von einer Gruft klingen.“ Dieser Gegensatz von Frage und Antwort durchzieht das Werk. Nach dem b-Moll-Presto weitet sich eine lange, gesangliche Linie in Des-Dur, die Schumann als „byronisches Gedicht, überströmend von Zärtlichkeit, Kühnheit, Liebe und Verachtung“ beschrieb. In der Mitte steht eine kontemplative A-Dur-Passage, bevor am Ende Des-Dur das b-Moll überstrahlt – ein musikalisches Bild des Triumphs über die Dunkelheit. Das Stück verlangt extreme Kontraste: hauchzartes Pianissimo und brutales Fortissimo, zarte Kantilenen und blitzende Oktavpassagen. Wessel versah das Werk in London mit dem Titel „Le Méditation“, was Chopin ebenso wenig gefiel wie die Etikette des Ersten Scherzos – und doch trifft der Begriff einen Kern: Es ist eine leidenschaftliche Meditation über die Extreme der Seele. Quellen Unterschiede zwischen Pariser und Leipziger Ausgabe zeigen sich gleich in den ersten Takten: pp in Paris, ppp in Leipzig. Die Londoner Ausgabe von Wessel gab dem Werk den Titel „Le Méditation“, den Chopin ebenso wenig billigte wie den des Ersten Scherzos. Dennoch spiegelt er die Rezeption: ein Werk zwischen Drama und kontemplativer Innenschau. Scherzo Nr. 2 in b-Moll, op. 31 – Interpretationen Seong-Jin Cho (* 1994), Gewinner des Internationalen Chopin-Wettbewerbs 2015 in Warschau, hat sich in wenigen Jahren als eine der maßgebenden Stimmen seiner Generation etabliert. In seiner Aufnahme des zweiten Scherzos (Deutsche Grammophon, 2021) zeigt er exemplarisch, wie modernes Chopin-Spiel zugleich poetisch und streng, virtuos und kontrolliert klingen kann. Schon der Beginn verrät seine Handschrift: die beiden leisen, arpeggierten Akkorde im äußersten Pianissimo sind bei ihm nicht bloß leise, sondern fast körperlos – wie ein Atem aus der Ferne, eine Frage, die kaum hörbar gestellt wird. Dann die Antwort: ein brutaler Fortissimo-Schlag, der nicht als äußerlicher Effekt erscheint, sondern als innerer Ausbruch. Wilhelm von Lenz überlieferte, Chopin habe gesagt, es müsse „wie von einer Gruft klingen“. Bei Cho ist dieser Gedanke vollkommen eingelöst. Der lange Mittelteil in Des-Dur entfaltet sich bei ihm mit nobler Weite. Sein Legato ist makellos, die Melodie hebt sich klar aus der Begleitung hervor, die linke Hand bleibt durchsichtig. Robert Schumann nannte diese Passage „ein byronisches Gedicht, überströmend von Zärtlichkeit, Kühnheit, Liebe und Verachtung“. Cho spielt sie mit poetischer Innigkeit, aber ohne jede Sentimentalität: der Ton bleibt hell, das Tempo straff, die Linie von schlichter Schönheit. Zurück im b-Moll-Teil steigert Cho die Motorik mit eiserner Disziplin. Er wahrt das Tempo, vermeidet Überhitzung, und gerade daraus entsteht eine Spannung, die den Zuhörer in Bann hält. In der Coda, die triumphierend in Des-Dur endet, entwickelt er eine überwältigende Klangpracht, ohne ins Pathetische zu verfallen. Alles bleibt durchsichtig, streng, von innerer Glut getragen. Chos Deutung gilt vielen Kritikern als eine der bedeutendsten modernen Einspielungen des Werkes. The Classic Review hob „seine überlegte Dramaturgie und klangliche Noblesse“ hervor, Gramophone pries die „Disziplin und Klarheit“, und das BBC Music Magazine sprach von einer „poetischen Intelligenz, die in der heutigen Chopin-Diskographie selten zu finden ist“. Krystian Zimerman (* 1956), der große polnische Pianist, ist Schüler von Andrzej Jasiński (* 1936), einem der bedeutendsten Klavierpädagogen Polens und langjährigen Professor an der Musikakademie in Kattowitz. Unter Jasińskis Leitung gewann Zimerman 1975 den Internationalen Chopin-Wettbewerb in Warschau, was seine internationale Karriere begründete. Zimerman gehört seither zu den stilistisch strengsten und zugleich leidenschaftlichsten Interpreten Chopins – Eigenschaften, die in seiner Einspielung des Scherzo Nr. 2 b-Moll op. 31 (Deutsche Grammophon, 1994) in exemplarischer Weise zum Ausdruck kommen. Der Beginn ist von fast unerträglicher Spannung: die beiden Pianissimo-Akkorde flüstern gespenstisch, kaum hörbar, gefolgt von Fortissimo-Schlägen, die wie Donnerschläge einschlagen. Bei Zimerman gibt es keine verschwommenen Konturen, keine Abschwächungen: alles ist kompromisslos zugespitzt, schwarz-weiß, von schneidender Klarheit. Im Des-Dur-Mittelteil entfaltet er eine kantable Linie von erhabener Größe. Sein Ton ist rein, getragen von einem makellosen Legato, zugleich voller Noblesse, die jedes süßliche Schwelgen vermeidet. Schumann nannte diese Passage „ein byronisches Gedicht, überströmend von Zärtlichkeit, Kühnheit, Liebe und Verachtung“. Bei Zimerman klingt dieses Gedicht dunkel, erhaben, von glühender Leidenschaft erfüllt. Die Rückkehr zum b-Moll steigert er unerbittlich. Der Puls bleibt fest, die Motorik eisern, die Kontrolle unerschütterlich. Die Coda, die das Werk in Des-Dur auflöst, gestaltet er als triumphale Apotheose, doch auch hier bleibt der Klang streng diszipliniert. Alles wirkt klar gebaut, organisch zwingend, ohne jede Spur von äußerlicher Virtuosität. Die Kritik hat Zimermans Scherzo Nr. 2 vielfach hervorgehoben. Gramophone sprach von „einer kompromisslosen Deutung von überwältigender innerer Logik“, während die New York Times schrieb, er habe „ein musikalisches Drama von glühender Intensität geschaffen, streng, architektonisch, und zugleich von leidenschaftlicher Glut durchdrungen“. Arturo Benedetti Michelangeli (1920–1995) gehört zu den rätselhaftesten und faszinierendsten Pianisten des 20. Jahrhunderts. Sein Spiel war geprägt von einer unerhörten Präzision, einer bis ins Äußerste kultivierten Technik und einem Klang, den Zeitgenossen oft als „überirdisch“ beschrieben. Seine Auftritte waren rar, seine Diskographie überschaubar – doch jede Aufnahme trägt den Stempel eines kompromisslosen Perfektionismus. Unter diesen Dokumenten nimmt seine Interpretation von Chopins Scherzo Nr. 2 b-Moll op. 31 eine besondere Stellung ein. Schon die einleitenden Akkorde zeugen von dieser unvergleichlichen Haltung. Die beiden arpeggierten Pianissimo-Akkorde wirken bei ihm wie gemeißelt – kühl, gläsern, makellos in der Ausführung. Die anschließenden Fortissimo-Schläge sind keine eruptiven Explosionen, sondern kontrollierte, majestätische Blitzeinschläge. Hier klingt nichts zufällig, nichts aus dem Moment geboren: es ist ein Drama, das von einer eisernen Hand geformt wird. Im großen Des-Dur-Mittelteil erreicht Michelangeli eine „kristalline Schönheit“, die Kritiker immer wieder hervorhoben. Sein Legato ist von unerschütterlicher Reinheit, die Melodie singt ohne jede Schwäche, frei von Sentimentalität. Wo andere Pianisten Wärme und Schwärmerei zeigen, erschafft er eine Klangwelt von entrückter Noblesse – eine große Arie, die nicht menschlich leidet, sondern erhaben über den Dingen steht. Manche beschrieben diesen Moment als „eine Eisskulptur, die von innen glüht“. Die Rückkehr zum b-Moll-Teil und die anschließende Coda bleiben in derselben unerbittlichen Strenge gehalten. Michelangeli beschleunigt nicht, er jagt nicht, er lässt die Motorik in unerschütterlichem Maß weiterlaufen. So gewinnt die Musik eine unerhörte Spannung: die Gewalt entsteht aus der Klarheit, nicht aus Überhastung. Die Schlussapotheose in Des-Dur bleibt streng, gebändigt, ohne jede Geste des Virtuosen. Diese Lesart ist nicht unumstritten. Vielen Hörern erscheint sie zu kühl, zu distanziert, zu asketisch – fast übermenschlich. Doch gerade darin liegt ihre Einzigartigkeit. Michelangeli verwandelt Chopins Scherzo Nr. 2 in eine Kathedrale aus Klang, in ein Monument der pianistischen Architektur, das nichts dem Zufall überlässt. Es ist eine Deutung, die ihresgleichen sucht – ein Zeugnis radikaler Kontrolle und gläserner Reinheit. Scherzo Nr. 3 in cis-Moll, op. 39 (1839) Das dritte Scherzo entstand im Winter 1838/39 in Valldemossa auf Mallorca, unter widrigsten Umständen. Trotz Krankheit und schwieriger Lebensbedingungen vollendete Chopin dort ein Werk von seltener Dichte. Veröffentlicht wurde es 1840 in Paris (Troupenas), Leipzig (Breitkopf & Härtel) und London (Wessel). Widmung Das Werk ist Adolphe Gutmann (1819–1882) gewidmet, Chopins treuestem Schüler. Gutmann, Sohn eines Frankfurter Bankiers, war eine imposante Erscheinung: hochgewachsen, mit riesigen Händen, die ihn zum idealen Interpreten der großen Oktavpassagen machten. Er war nicht nur Schüler, sondern enger Vertrauter, Kopist und Helfer im Alltag. Seine Abschriften sind für die Quellenlage unverzichtbar. Form und Harmonie Das kürzeste der vier Scherzi ist zugleich das konzentrierteste: A-Teil (cis-Moll, T. 1–112): peitschende Oktavketten, motorisches Presto. B-Teil (Des-Dur, T. 113–176): ein breiter, feierlicher Choral, umrankt von figurierten Girlanden. Der Tritonus-Abstand zu cis-Moll schafft eine „leuchtende Ferne“. A’-Teil (cis-Moll, T. 177–238): Rückkehr des Furors, dichter und schärfer. Coda (T. 239–Schluss, cis-Moll): rasendes Presto, Oktaven, Synkopen – ein Ende von schneidender Konsequenz. Spieltechnik Chopin forderte hier eine „orchestrale“ Wirkung: die Anfangsoktaven wie Trompeten, der Choral wie eine Orgel. Pianistisch bedeutet das: federndes Handgelenk in den motorischen Triolen, una corda und subtile Pedalwechsel im Choral, strenge Tempo-Disziplin in der Coda („kein Beschleunigen“). Das Werk ist das kürzeste, aber vielleicht intensivste der vier. Es beginnt mit peitschenden Oktavketten im Presto con fuoco, die wie ein Orkan über die Tasten jagen. Dann öffnet sich ein Des-Dur-Choral: breit, feierlich, von figurierten Girlanden umrankt – eine Kathedrale im Sturm. Diese Gegenüberstellung von ungestümer Motorik und sakralem Gesang bestimmt das Werk. Am Ende kehrt der Furor zurück, und die Coda wirbelt das Anfangsmotiv mit schneidender Präzision in den Abgrund. Technisch gehört dieses Scherzo zu den schwierigsten: beidhändige Oktaven, extreme Lagenwechsel, große Akkorde im Choral, die in aller Ruhe und Klarheit leuchten müssen. Dass Chopin es Gutmann widmete, war kein Zufall: Er wusste, dass nur ein Pianist mit dessen Kraft und Disziplin dieses Drama mit Noblesse bewältigen konnte. Quellen Eine von Gutmann geschriebene Reinschrift dokumentiert Chopins letzte Korrekturen. Unterschiede zwischen den Erstausgaben betreffen vor allem Dynamik im Choral. Zeitgenössische Rezensenten betonten den „orchestralen“ Klangcharakter – eine Deutung, die Chopin selbst im Unterricht nahelegte. Scherzo Nr. 3 in cis-Moll, op. 39 – Interpretationen Yundi Li (* 1982 in Chongqing, China), Gewinner des Internationalen Chopin-Wettbewerbs 2000 in Warschau, gehört zu den Pianisten, die Chopin mit technischer Brillanz und zugleich mit lyrischer Klarheit interpretieren. In seiner Einspielung des dritten Scherzos (Deutsche Grammophon, 2005) zeigt er exemplarisch, wie sich dämonische Motorik und gesangliche Noblesse verbinden lassen. Schon die eröffnenden Oktavketten im Presto con fuoco sind bei Yundi von schneidender Präzision, federnd im Handgelenk, klanglich durchschlagend, aber niemals hart. Die Motorik entwickelt sich unerbittlich, ohne forciert oder überhetzt zu wirken. Hier spürt man die Disziplin seines Spiels: das Tempo bleibt unter Kontrolle, die Energie entsteht aus Beharrlichkeit, nicht aus Überhastung. Der große Des-Dur-Mittelteil ist ein Musterbeispiel für Yundis kantables Spiel. Der Choral entfaltet sich majestätisch, die Akkorde strahlen in feierlicher Ruhe, während die ornamentierenden Girlanden makellos in die Melodie eingewoben sind. Kritiker nannten diesen Moment bei Yundi „orgelhaft“ und „von majestätischer Klarheit“ – und tatsächlich wirkt dieser Mittelteil wie eine Kathedrale aus Klang. Wenn der Furor zurückkehrt, bleibt Yundi diszipliniert. Die Reprise steigert sich logisch, ohne Übertreibung, und die Coda führt das Werk zu einem Höhepunkt, der nicht chaotisch wirkt, sondern von innerer Konsequenz geprägt ist. So entsteht eine Deutung, die auf Ausgleich zielt: Virtuosität ohne Prunk, Ernst ohne Schwere, Klarheit ohne Kälte. Martha Argerich (* 1941 in Buenos Aires) verkörpert das genaue Gegenteil: Spontaneität, Risiko, elektrisierende Energie. Ihre berühmte Aufnahme des dritten Scherzos (live, Warschau 1965) gilt bis heute als eine der faszinierendsten Interpretationen dieses Werkes. Schon die eröffnenden Oktavketten explodieren bei ihr wie Blitze. Argerich geht Risiken ein, das Tempo ist rasend, die Energie entfesselt – doch im Chaos herrscht Präzision. Sie spielt am Rand des Abgrunds, und gerade das macht den Reiz aus. Der Zuhörer erlebt eine pianistische Eruption, die sich unausweichlich steigert. Im Des-Dur-Mittelteil schlägt ihr Spiel in eine völlig andere Welt um. Hier findet sie zu einer Ruhe von fast überirdischer Schönheit. Die Akkorde sind breit gespannt, die ornamentalen Figuren leuchten in hellem Glanz. Kritiker beschrieben diesen Abschnitt bei ihr als „Tor zur Ewigkeit“ – so stark wirkt der Kontrast zwischen dem dämonischen Anfang und diesem sakralen Choral. In der Reprise und besonders in der Coda steigert Argerich das Stück in eine Ekstase, die atemlos macht. Alles scheint zu lodern, zu taumeln, und doch bleibt die Linie klar. Es ist ein Rausch, aber kein Kontrollverlust. Ihre Interpretation ist damit ein Ereignis: nicht klassisch-ausgeglichen, sondern existentiell, voller Leidenschaft und Risiko. Viele Hörer halten Argerichs Scherzo Nr. 3 für eine der eindrucksvollsten Chopin-Darbietungen überhaupt. Sie zeigt, dass Chopins Musik nicht nur gebaut und diszipliniert sein kann, sondern auch glühen, funkeln, explodieren – und doch von größter künstlerischer Wahrheit erfüllt ist. Sviatoslav Richter (1915–1997) war einer der großen Titanen des Klaviers im 20. Jahrhundert, ein Künstler von unerbittlicher Ernsthaftigkeit, der das Klavier nicht als Instrument der Zierde, sondern als Werkzeug existenzieller Wahrheit verstand. Seine Interpretation von Chopins Scherzo Nr. 3 in cis-Moll op. 39 ist ein erschütterndes Zeugnis dieser Haltung – sie gehört zu den eindrucksvollsten und zugleich radikalsten Deutungen des Werkes. Schon die ersten Oktaven im Presto con fuoco haben bei Richter apokalyptisches Gewicht. Sie sind keine virtuosen Peitschenhiebe, sondern klingen wie Posaunenrufe, von einer Wucht, die fast orchestrale Dimensionen erreicht. Die Motorik wirkt unerbittlich, der Puls eisern – nichts flattert, nichts ist unbestimmt. Kritiker sprachen von einem „Orkan aus Tönen, der das Publikum niederdrückt“. Im Des-Dur-Mittelteil schlägt Richter einen ganz eigenen Ton an. Während andere Pianisten hier lyrisch, sakral oder gar tröstlich klingen, gestaltet er den Choral monumental, streng, fast unnachgiebig. Der Klang hat etwas von Orgelpfeifen: gewaltig, unbeweglich, von einer Größe, die nicht ergreift, sondern überwältigt. Die ornamentalen Girlanden umspielen die Melodie nicht zart, sondern wirken wie lodernde Flammen, die das Monument umgeben. Die Rückkehr zum cis-Moll-Furor und besonders die Coda sind von einer Konsequenz, die kaum ihresgleichen hat. Richter steigert das Tempo nicht unkontrolliert, sondern treibt das Werk mit eiserner Logik in den Abgrund. Am Ende wirkt das Scherzo nicht wie ein brillantes Virtuosenstück, sondern wie ein apokalyptisches Drama, das in Vernichtung mündet. Seine Interpretation polarisiert bis heute. Vielen Hörern erscheint sie zu düster, zu schwer, zu „un-chopinisch“. Doch andere sehen gerade darin ihre Größe: Richter entkleidet Chopin von allem Salonhaften und zeigt ihn als tragischen Propheten, als Schöpfer einer Musik von universaler Wucht. Sein Scherzo Nr. 3 ist kein „schönes“ Chopin-Spiel, sondern ein erschütterndes Erlebnis. Es ist eine Deutung, die nicht beschwichtigt, sondern fordert – und die den Abgrund sichtbar macht, über den diese Musik gebaut ist. Scherzo Nr. 4 in E-Dur, op. 54 (1842–1843) Das letzte Scherzo entstand 1842/43 in Nohant. Veröffentlicht wurde es 1843 in Paris (Schlesinger, Pl.-Nr. M.S. 3959), Leipzig (Breitkopf & Härtel, Pl.-Nr. 7003) und London (Wessel). Widmung Hier findet sich ein Kuriosum: Die Pariser Ausgabe widmet es Clotilde de Caraman (1824–1898), die Leipziger Ausgabe ihrer Schwester Jeanne de Caraman (fl. 1842–1845). Beide gehörten zur belgisch-französischen Adelsfamilie de Riquet de Caraman-Chimay und waren Chopins Schülerinnen. Dass zwei Schwestern gleichzeitig in verschiedenen Ausgaben genannt werden, ist eine editorische Seltenheit – und ein Hinweis auf Chopins Nähe zu den Pariser Aristokratie-Salons. Form und Harmonie Das vierte Scherzo unterscheidet sich von den drei Vorgängern: A-Teil (E-Dur, T. 1–132): ein fließendes Presto voller Arabesken, ein perpetuum mobile von großer Transparenz. B-Teil (cis-Moll, T. 133–246): kontrastierender Mittelteil mit dichterer Polyphonie, fast fugiert, ernst und streng. A’-Teil (E-Dur, T. 247–310): Rückkehr zum Anfang, reicher ausgeschmückt. Coda (E-Dur, ab T. 311): Steigerung zu einer strahlenden Auflösung, kristallin und gläsern. Spieltechnik Hier gilt es, das Klavier zum Leuchten zu bringen: Arabesken ohne Pedalschleier, pianistische Leichtigkeit, klar hervortretende Stimmen im cis-Moll-Mittelteil. Chopin verlangte, dass das Tempo „nicht Geschwindigkeit, sondern Atem“ sei – gerade im Finale. Musikalisch ist dieses Scherzo das hellste und geheimnisvollste. Der Beginn schimmert in E-Dur wie ein perpetuum mobile: perlende Arabesken, leicht und durchscheinend. In der Mitte bricht ein cis-Moll-Abschnitt auf, ernst und polyphon verdichtet, bevor die Helligkeit wieder zurückkehrt. Manche Zeitgenossen fühlten sich an Mendelssohns Feen-Scherzi erinnert, doch Chopin geht weiter: Er komponiert eine freie Form, die an eine Sonatendurchführung denken lässt, ohne gelehrt zu wirken. Es ist Musik von lichtdurchfluteter Transparenz. Für Pianisten ist dieses Werk eine Schule der Leichtigkeit: Arpeggien müssen ohne Pedalschleier perlen, Stimmen klar hervortreten, die Balance zwischen Helligkeit und Ernst gewahrt bleiben. Nach den stürmischen Vorgängern wirkt dieses Scherzo wie eine Befreiung: eine Apotheose des Lichts. Quellen Die Reinschrift Chopins ist erhalten und erlaubt sichere Textbasis. Unterschiede zwischen Pariser und Leipziger Ausgabe betreffen fast ausschließlich die Widmung. Rezensenten betonten die „helle Leichtigkeit“ des Stückes – nach den düsteren Vorgängern wirkte es wie eine Befreiung. Manche nannten es „ein Lächeln nach langen Tränen“. Scherzo Nr. 4 in E-Dur, op. 54 – Interpretationen Seong-Jin Cho (* 1994 in Seoul), Gewinner des Internationalen Chopin-Wettbewerbs 2015, hat in seiner Einspielung aller vier Scherzi (Deutsche Grammophon, 2021) ein besonderes Augenmerk auf das vierte Werk gelegt. Es zeigt ihn von seiner poetischsten Seite: transparent, federnd, leuchtend. Der Beginn mit seinen fließenden Arabesken ist bei Cho von kristalliner Klarheit. Jedes Arpeggio perlt leicht und durchsichtig, nichts verschwimmt, kein Pedalschleier trübt die Linien. Viele Kritiker lobten diese Fähigkeit, „das Licht im Klang sichtbar zu machen“. Das Presto wirkt bei ihm nicht gehetzt, sondern schwebend – wie ein perpetuum mobile, das von innen her strahlt. Im Mittelteil, wenn cis-Moll plötzlich die Helligkeit des E-Dur überschattet, zeigt Cho seine große Stärke: Ernst ohne Schwere. Die Stimmen bleiben klar gezeichnet, polyphon durchsichtig, der Kontrast wirkt markant, aber nie bedrückend. Es ist kein Zusammenbruch, sondern ein kurzer Schatten über einer sonnendurchfluteten Landschaft. Die Rückkehr nach E-Dur bringt eine erneute Leichtigkeit, die Coda funkelt, ohne in äußerliche Virtuosität zu verfallen. Chos Interpretation ist modern im besten Sinn: makellose Technik, gepaart mit poetischer Intelligenz, die aus Transparenz Ausdruck gewinnt. Damit zeigt er das vierte Scherzo als Musik des Lichts – luftig, elegant und dennoch von innerem Ernst getragen. Marc-André Hamelin (* 1961 in Montréal, Kanada), berühmt für seine stupende Technik und sein weites Repertoire, hat mit seiner Interpretation des vierten Scherzos gezeigt, dass er Chopin nicht nur virtuos, sondern auch poetisch durchdringen kann. Die Arabesken des Beginns klingen bei Hamelin wie gläserne Girlanden: federnd, präzise, von makelloser Transparenz. Wo andere Pianisten Gefahr laufen, in verschwommenem Klang zu schwelgen, wahrt er eine klare Struktur: jede Figur ist erkennbar, jede Stimme ausbalanciert. Kritiker sprachen von „einem Spiel wie gemeißeltes Glas – funkelnd und doch fest gefügt“. Im cis-Moll-Mittelteil entfaltet er eine ernste, polyphone Dichte, die jedoch nie schwer wirkt. Hamelin versteht es, den Kontrast auszukosten, ohne den Bogen zu brechen: das Ernsthafte bleibt eingebettet in den leuchtenden Gesamtcharakter des Werkes. So klingt der Abschnitt wie ein ernstes Innehalten, bevor das Licht zurückkehrt. In der Coda schließlich steigert er das Werk zu einer brillanten Apotheose. Doch auch hier meidet er Effekthascherei: die Brillanz leuchtet aus innerer Logik, nicht aus äußerlichem Funkeln. Sein Schluss ist klar, gläsern, strahlend – eine Apotheose der Transparenz. Hamelins Deutung zeigt, dass Chopins viertes Scherzo nicht nur ein brillantes Kabinettstück ist, sondern ein Werk von tiefer poetischer Balance. Technische Perfektion verbindet sich mit geistiger Klarheit – eine Lesart, die im heutigen Diskurs über Chopin höchste Anerkennung findet. Ivan Moravec (1930–2015), der tschechische Pianist, galt unter Kennern als „Pianisten-Pianist“ – ein Künstler von stiller Größe, dessen Chopin-Spiel von tiefem Ernst, feinstem Klangempfinden und einer seltenen Balance von Kopf und Herz geprägt war. Er mied das Rampenlicht, hinterließ aber eine Reihe von Aufnahmen, die von Pianistenkollegen wie auch von Kritikern hoch geschätzt werden. Sein Scherzo Nr. 4 in E-Dur op. 54 ist ein Musterbeispiel für diese Kunst. Schon der Beginn ist bei Moravec von wunderbarer Natürlichkeit. Die Arabesken perlen nicht kühl wie Glas, sondern fließen wie lebendige Linien, atmend, warm und klar. Jede Figur ist sorgfältig ausgehört, doch niemals mechanisch. Sein Ton hat jene legendäre „Glut im Piano“, für die er berühmt war: nicht laut, nicht schwülstig, sondern von innerem Leuchten getragen. Der Mittelteil in cis-Moll entfaltet sich bei ihm als ernstes, kontrapunktisches Geflecht, das von Klarheit und Ruhe lebt. Wo andere Pianisten in Strenge oder Gewicht verfallen, bewahrt Moravec eine fast asketische Einfachheit. Jede Stimme ist hörbar, die Polyphonie transparent, und doch klingt alles von innerer Wärme durchdrungen. Dieser Ernst wirkt nicht erdrückend, sondern würdevoll – ein Moment tiefer Konzentration. In der Rückkehr nach E-Dur blüht sein Spiel auf. Moravec lässt das Licht wiederkehren, doch nicht als grelle Explosion, sondern als mildes, warmes Leuchten. Seine Coda ist kein virtuoses Spektakel, sondern eine organische Steigerung, die sich wie selbstverständlich in den strahlenden Schluss fügt. So wirkt das Werk nicht wie ein Bravourstück, sondern wie ein poetisches Klanggedicht, dessen Botschaft aus innerer Notwendigkeit erwächst. Kritiker haben Moravecs Chopin immer als „ehrlich, unsentimental und von überlegener Klangkultur“ beschrieben. In seinem Scherzo Nr. 4 hört man genau das: keine Pose, keine Show, keine Manieriertheit – nur reine Musik, gespielt mit einem Klang, der Herz und Verstand gleichermaßen anspricht. Schluss Chopins vier Scherzi markieren eine radikale Neuerfindung. Aus dem „Scherz“ wurde ein musikalisches Drama, eine Symphonie für Klavier. Sie sind keine kleinen Spiele, sondern Klanggedichte, die zwischen Furor und Innigkeit, Tragik und Licht oszillieren. Die Widmungen – an einen Diplomaten, eine Aristokratin, einen treuen Schüler, zwei Adlige – spiegeln Chopins persönliches Umfeld wider. Vom düsteren h-Moll-Scherzo über das byronische b-Moll, die komprimierte Gewalt des cis-Moll bis zum strahlenden E-Dur spannt sich ein Bogen, der nicht als Zyklus gemeint war, aber dennoch wie ein inneres Drama wirkt. Schumanns Wort von den „dunklen Schleiern“ steht am Anfang – doch das Ende gehört dem Licht. Gesamtaufnahmen der vier Scherzi Nach der detaillierten Betrachtung der einzelnen Scherzi lohnt es sich, auch die großen Gesamtaufnahmen ins Auge zu fassen. Vier Zyklen ragen in besonderer Weise heraus – sie zeigen verschiedene Generationen, Schulen und ästhetische Ansätze. Gemeinsam zeichnen sie ein Panorama dessen, wie Chopins Scherzi im 20. und 21. Jahrhundert verstanden und interpretiert wurden. *Seong-Jin Cho (1994) – Chopin: Piano Concerto No. 2 & 4 Scherzi (Deutsche Grammophon, 2021) Der südkoreanische Pianist Seong-Jin Cho, Gewinner des Chopin-Wettbewerbs 2015, steht für die junge Generation. Seine Gesamtaufnahme der Scherzi überzeugt durch kristalline Klarheit, makellose Technik und poetische Intelligenz. Kritiker lobten seine „staunenswerte Transparenz“ (Gramophone), während das BBC Music Magazine von einer „Selbstverständlichkeit und Noblesse des Tons“ sprach. Das Drama des h-Moll-Scherzos gestaltet er als kontrollierte Architektur, im b-Moll-Scherzo glänzt seine Fähigkeit zum extremen Pianissimo, im cis-Moll-Scherzo bewältigt er die dämonische Motorik mit eiserner Präzision, und im E-Dur-Scherzo zeigt er eine helle, fließende Leichtigkeit. Damit bietet er eine moderne, exemplarische Deutung, die sowohl junge Hörer anspricht als auch erfahrene Chopin-Liebhaber überzeugt. Claudio Arrau (1903–1991) – Chopin: 4 Scherzi, Polonaise-Fantaisie (Decca, 1985) Claudio Arrau repräsentiert die große Tradition des 20. Jahrhunderts, die Chopin nicht als eleganten Salonkomponisten, sondern als tragischen Dichter von symphonischer Dimension versteht. Seine Aufnahme der vier Scherzi ist schwer, dunkel, monumental. Besonders das h-Moll-Scherzo gestaltet er als tragisches Monument von innerer Wucht, im b-Moll-Scherzo wuchtet er die Extreme in einen existentiellen Rahmen, das cis-Moll-Scherzo wird bei ihm zu einem Orkan mit unerbittlicher Logik, und im E-Dur-Scherzo wirkt das helle Licht nicht heiter, sondern erhaben. Arraus Scherzi sind nicht „schön“ im dekorativen Sinn, sondern gewaltige Klangdramen, die zu den ernstesten und tiefgründigsten Interpretationen gehören. Manche Hörer empfinden sie als „altmodisch“ – doch wer sich einlässt, entdeckt die vielleicht tragischste Dimension von Chopins Kunst. Yundi Li (* 1982) – Chopin: 4 Scherzi & Impromptus (Deutsche Grammophon, 2005) Yundi, der 2000 als erster Chinese den Chopin-Wettbewerb gewann, bietet in seiner DG-Einspielung eine ganz andere Sicht: virtuos, brillant, elegant. Seine Scherzi funkeln, sind voller Leichtigkeit und Energie, nie verkrampft, nie schwer. Kritiker lobten die „brillante Technik“ und „jugendliche Frische“, während manche die Lesart als zu glatt oder oberflächlich empfanden. Besonders das cis-Moll-Scherzo gewinnt bei ihm eine klare Struktur, ohne den Orkancharakter zu verlieren, und das E-Dur-Scherzo strahlt in funkelnder Helligkeit. Yundi ist kein Tragiker wie Arrau, kein Architekt wie Zimerman, sondern ein Pianist, der Chopin hell, klar und mit Eleganz zeigt. Damit spricht er ein breiteres Publikum an, ohne den Respekt vor der Partitur zu verlieren. Adam Harasiewicz (* 1932) – The Four Scherzos (Philips, 1958–62; Reissue 2024) Adam Harasiewicz, Sieger des Chopin-Wettbewerbs 1955, repräsentiert die polnische Schule der 1950er Jahre. Seine Scherzi sind straff, rhythmisch klar, direkt. Keine übermäßigen Rubati, keine romantische Verzuckerung – dafür klare Architektur, dynamische Präzision und polnische Erdung. Manche empfanden seine Lesart als „zu kühl“, doch gerade in dieser Zurückhaltung liegt eine große Ehrlichkeit. Besonders das cis-Moll-Scherzo spielt er mit orchestraler Schärfe, das E-Dur-Scherzo perlt leicht, ohne Sentimentalität. Harasiewicz’ Aufnahme ist historisch bedeutsam und wurde erst kürzlich in neuer Remastering-Qualität wiederveröffentlicht. Sie bleibt ein wichtiges Dokument der polnischen Chopin-Tradition. Zugabe Garrick Ohlsson (* 1948) – Live-Aufnahme (YouTube, kein offizielles Album; 1970, Warschau, im Kontext des 8. Chopin-Wettbewerbs) Als besondere Ergänzung sei Garrick Ohlsson erwähnt, der 1970 den Chopin-Wettbewerb gewann und bis heute als einer der souveränsten Chopin-Interpreten gilt. Zwar gibt es von ihm keine offizielle Gesamtaufnahme der Scherzi im Streaming, doch eine Live-Aufnahme ist auf YouTube erhalten und zeigt ihn in voller Größe. Sein Spiel verbindet Noblesse, Klarheit und Kraft. Anders als Arrau monumental oder Yundi brillant, findet Ohlsson zu einer natürlichen Balance. Sein Chopin ist stets klassisch, nie manieriert, von jener „amerikanischen Gelassenheit“ getragen, die in Verbindung mit seiner tiefen Kenntnis der polnischen Tradition zu einer einzigartigen Mischung führt. Diese Live-Darbietung ist ein wertvolles Zeugnis, das man unbedingt hören sollte – auch wenn es keine Studio-Referenz ist.

  • Giuseppe Antonio Brescianello | Alte Musik und Klassik

    Giuseppe Antonio Brescianello (um 1690–1758) Giuseppe Antonio Brescianello war einer jener italienischen Musiker, die im 18. Jahrhundert die Klangwelt süddeutscher Höfe entscheidend prägten und dabei den italienischen Konzertstil mit der deutschen Hofkultur verschmolzen. Über seine Herkunft wissen wir wenig; gesicherte Nachrichten setzen erst im zweiten Jahrzehnt des Jahrhunderts ein. 1714 begegnet er in Venedig, im Gefolge der exilierten bayerischen Kurfürstin Therese Kunegunde Sobieska (1676–1730), der Tochter des polnischen Königs Johann III. Sobieski (1629–1696). Ein Jahr später taucht er am Münchner Hof des Kurfürsten Maximilian II. Emanuel (1662–1726) auf, bevor ihn Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg (1676–1733) 1716 nach Stuttgart berief. Dort übernahm er die Leitung der Kammermusik, und schon 1717 wurde er zum Hofkapellmeister ernannt – ein erstaunlich schneller Aufstieg, der von seiner Virtuosität als Geiger und von seiner Fähigkeit zeugt, den Geschmack des Hofes zu treffen.¹ Zu den ersten größeren Kompositionen am neuen Wirkungsort gehört die Oper La Tisbe, eine pastorale Handlung, die 1718 im Auftrag Eberhard Ludwigs entstand. Ob sie auf die Bühne gelangte, ist ungewiss, doch das erhaltene Libretto zeigt, wie stark Brescianello in der Tradition der italienischen Opera seria stand. In den folgenden Jahren war er wiederholt Angriffen ausgesetzt: Der Hamburger Opernmeister Reinhard Keiser (1674–1739) bewarb sich mehrfach um seine Stelle in Stuttgart, doch der Herzog hielt an Brescianello fest. 1731 verlieh er ihm den Titel eines „Raths und Oberkapellmeisters“, womit seine Stellung gefestigt war. Erst die Finanzkrise von 1737, die zur Schließung der Stuttgarter Oper führte, nahm ihm einen wichtigen Teil seines Wirkungsfeldes.² Brescianello reagierte darauf, indem er sich mit ganzer Energie der Instrumentalmusik zuwandte. Um 1738 erschien in Amsterdam sein einziges gedrucktes Werk, die 12 Concerti e sinphonie op. 1. Der Druck bei Michel-Charles Le Cène (†1743) zeigt ihn auf der Höhe seiner Kunst: In den Konzerten folgt er dem venezianischen Ritornell-Prinzip Antonio Vivaldis (1678–1741), doch anstelle reiner Virtuosität setzt er auf sangliche Mittelsätze von großer Innigkeit. Die Sinphonie der Sammlung changieren zwischen Tanzsuite und konzertanter Mehrsatzform; sie beweisen seinen Sinn für orchestrale Balance, für den Wechsel von Tutti und Episoden, für Klarheit und Eleganz.³ Dass ein Exemplar dieses Drucks im legendären „Schrank II“ der Dresdner Hofkapelle aufbewahrt wurde, verweist auf die Wertschätzung, die Brescianellos Musik auch über Württemberg hinaus genoss. Die Dresdner Sammlung enthält überhaupt den größten Teil seiner handschriftlich überlieferten Werke. Mehrere Violinkonzerte – etwa in e-Moll, d-Moll und C-Dur – sind dort ebenso erhalten wie fragmentarische Sinfonien. Diese Werke zeigen einen Komponisten, der das brillante Idiom Vivaldis beherrscht, aber nicht bloß kopiert, sondern eine eigene, oft ernste, mollbetonte Klangsprache pflegt. Besondere Bedeutung haben die zwölf Concerti à 3 für zwei Violinen und Basso continuo, die sich in der Tradition der Triosonate bewegen, zugleich aber konzertante Züge tragen: Themen werden dialogisch zwischen den Violinen geführt, imitatorische Abschnitte wechseln mit kantablen Passagen, wodurch ein intimes und zugleich spannungsvolles Klangbild entsteht.⁴ Ein singuläres Kapitel seines Schaffens bilden die achtzehn Partiten für Mandora, auch gallichone genannt, die vermutlich um 1740 entstanden. Sie sind in Dresden vollständig überliefert und stellen einen Höhepunkt der Lautenliteratur dar. Jede Partita eröffnet mit einem freien Präludium und folgt dann der klassischen Tanzfolge von Allemande, Courante, Sarabande und Gigue, häufig ergänzt durch Menuette oder Rondeaux. Diese Werke zeigen Brescianellos Meisterschaft in der idiomatischen Behandlung des Instruments: fließende Figurationen, kunstvolle Akkordbrechungen, aber auch liedhafte Melodien, die den intimen Charakter der Mandora voll ausschöpfen. Damit hebt er dieses Instrument, das sonst im Schatten der Theorbe stand, zu einer eigenständigen Stimme der höfischen Musik.⁵ Als Herzog Karl Eugen von Württemberg (1728–1793) 1744 die Regierung übernahm, kehrte Brescianello an die Spitze der Hofkapelle zurück. Noch einmal erlebte die Kapelle unter seiner Leitung eine Blütezeit, bis er sich ab 1751 schrittweise in den Ruhestand zurückzog. Bis 1755 erhielt er eine Pension, ehe jüngere Kräfte wie Ignaz Holzbauer (1711–1783) und Niccolò Jommelli (1714–1774) das musikalische Leben in Stuttgart bestimmten. Am 3. oder 4. Oktober 1758 – die Quellen widersprechen sich über Datum und Sterbeort, genannt werden Stuttgart wie auch Ludwigsburg – schloss Giuseppe Antonio Brescianello sein Leben. Sein Rang liegt nicht in der Erneuerung einer Gattung, sondern in der subtilen Verbindung italienischer Brillanz mit süddeutscher Noblesse. Seine Musik ist kantabel, oft ernst gestimmt, klar in der Form und reich an melodischer Schönheit. Dass sie so lange am Rande der Geschichtsschreibung blieb, hängt mit der Überlieferung zusammen: Viele Werke existierten nur in Archiven, verborgen in Handschriften. Erst durch moderne Editionen und Einspielungen – der Concerti à 3, der Mandora-Partiten, des op. 1 – wird deutlich, wie eigenständig, wie anmutig und zugleich wie kraftvoll dieser Komponist war. Brescianello erweist sich heute als ein Künstler von hohem Format, der über Jahrzehnte hinweg das Musikleben in Stuttgart prägte und ein Werk hinterließ, das den Klang der Epoche auf unverwechselbare Weise spiegelt. Quellenüberlieferung Die wichtigste Sammlung befindet sich in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB), im berühmten „Schrank II“. Dort liegen unter anderem die Violinkonzerte in e-Moll (Mus.2423-O-19; RISM 212007197), in d-Moll (Mus.2423-O-21; RISM 212007195) und in C-Dur (Mus.2423-O-23; RISM 212007196), mehrere Sinfonien (Mus.2423-O-24, -25), die Concerti à 3 (Mus.2437-N-1 bis N-12; RISM 212007193) sowie diverse Triosonaten (RISM 212007194). Ebenfalls dort wird das Exemplar des einzigen Drucks, der 12 Concerti e sinphonie op. 1 (Amsterdam, um 1738), aufbewahrt (Mus.2423-O-22; RISM A/I B 4337). Einzigartig ist außerdem die vollständige Sammlung der achtzehn Partiten für Mandora (Mus.2822-O-1 bis O-18; RISM 211011685). In Stuttgart hat sich das Libretto der Oper La Tisbe (1718) in der Württembergischen Landesbibliothek erhalten; das Hauptstaatsarchiv Stuttgart (Bestand A 47, Hofkapelle) bewahrt Personalakten, Besoldungslisten und Korrespondenzen des Komponisten. Literatur Ingeborg Allihn (1930–2009): „Brescianello, Giuseppe Antonio“. In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, 2. Aufl., Personenteil, Bd. 3. Kassel u. a. 1995. Ute van Everdingen (geb. 1965): „Giuseppe Antonio Brescianello. Ein italienischer Komponist am württembergischen Hof“. In: Musik in Baden-Württemberg, Jahrbuch 2004/2005, S. 87–106. Rudolf Gerber (1899–1957): „Die Musik am württembergischen Hofe“. In: Sammelbände der Internationalen Musikgesellschaft 10 (1909), S. 1–48. Wolfgang Hirschmann (geb. 1960, Hg.): Konzert und Sinfonie zwischen Vivaldi und Stamitz. Hildesheim 2001. Michael Talbot (geb. 1943): Vivaldi and His Circle: New Light on the Musical Culture of Eighteenth-Century Venice. Woodbridge 1992. Booklettexte zu modernen Einspielungen, u. a. Adrian Chandler (geb. 1972) / La Serenissima: Concerti e Sinphonie op. 1 (Signum Classics, 2016); Der musikalische Garten: Concerti à 3 (CPO, 2007). ¹ Ute van Everdingen, Giuseppe Antonio Brescianello. Ein italienischer Komponist am württembergischen Hof, in: Musik in Baden-Württemberg, Jahrbuch 2004/2005. ² Rudolf Gerber, Die Musik am württembergischen Hofe, 1909. ³ Michael Talbot, Vivaldi and His Circle, 1992. ⁴ Wolfgang Hirschmann (Hg.), Konzert und Sinfonie zwischen Vivaldi und Stamitz, 2001. ⁵ Handschriften der SLUB Dresden, RISM 211011685. Giuseppe Antonio auf CD – eine klingende Wiederentdeckung Die Wiederentdeckung Giuseppe Antonio Brescianellos verdankt sich fast ausschließlich den modernen Einspielungen. Erst durch sie wurde sichtbar, welch vielfältiger, origineller und stilistisch feinsinniger Komponist sich hinter dem lange vergessenen Namen verbirgt. Heute liegt eine kleine, aber hochkarätige Diskographie vor, die von der Pracht seiner Konzerte über die Intimität seiner Kammermusik bis hin zu seiner Opern- und Lautenkunst reicht. Einen zentralen Platz nimmt Brescianellos einzig gedrucktes Werk, die Concerti e Sinphonie op. 1, ein. Das Ensemble La Serenissima unter Adrian Chandler (* 1972 in Liverpool) hat diese Sammlung in zwei Alben mustergültig eingespielt. Das erste Album Behind Closed Doors (2021) präsentiert die ersten drei Konzerte und die ersten drei Sinfonien. Hier zeigt sich die Verbindung von venezianischem Schwung und süddeutscher Noblesse. Adrian Chandler führt seine Musiker mit rhythmischer Energie und feinem Sinn für Kantabilität. Besonders eindrücklich gelingt das c-Moll-Konzert, in dem sich dramatische Ritornelle und innige Mittelsätze abwechseln – eine Musik, die im besten Sinn zwischen Brillanz und Nachdenklichkeit schwebt. Brescianello hat wie gesagt nur ein einziges gedrucktes Opus veröffentlicht: Giuseppe Antonio Brescianello: Concerti e Sinphonie, op. 1, Augsburg, 1727, erschienen bei Johann Jakob Lotter (1693–1773) Das Werk umfasst 12 Stücke: 6 Concerti (Nr. 1–6) und 6 Sinfonie (Nr. 7–12) Die Nummerierung variiert je nach Quelle etwas, weil in der Druckausgabe die Concerti und Sinfonien nicht strikt getrennt, sondern gemischt erscheinen. Der zweite Teil, Brescianello Unlocked (2023), ergänzt die Sammlung mit den restlichen drei Konzerten, den Sinfonien IV–VI und einer prachtvollen A-Dur-Ouvertüre. Hier tritt die Vielfalt seiner Ausdrucksweise noch klarer hervor: Das A-Dur-Konzert funkelt in heiterer Virtuosität, während die Mollwerke eine tiefe Ernsthaftigkeit entfalten. Besonders beeindruckend ist der Wechsel zwischen kraftvollen Tutti und lyrischen Solopassagen, die Adrian Chandler mit glanzvollem Geigenton zum Strahlen bringt. Mit diesen beiden Alben liegt das gesamte op. 1 erstmals in einer Interpretation vor, die sowohl stilistisch fundiert als auch packend musiziert ist. Die ganze CD: https://www.youtube.com/watch?v=UrEnJohYTWE&list=OLAK5uy_lfZB6ETwDp_RjxPYpmGV8DRuih-drbLPk&index=2 Der zweite Teil ergänzt das Gesamtbild mit den Konzerten IV–VI und den Sinfonien IV–VI sowie einer prachtvollen Ouvertüre in A-Dur. Die Interpretation wirkt noch farbiger, die Artikulation schlanker, und man spürt, wie sicher Brescianello mit Form und Affekt umzugehen wusste. Besonders das A-Dur-Konzert strahlt heitere Virtuosität aus, während die Mollwerke wieder jene Ernsthaftigkeit besitzen, die seine Musik so unverwechselbar macht. 2. Concerti à 3 – Vol. 1 Ensemble Der musikalische Garten – CPO, 2007 Die zwölf Concerti à 3 sind eine faszinierende Mischung aus Triosonate und kleinem Concerto grosso. Zwei Violinen stehen im Dialog, getragen von einem Continuo, gelegentlich verstärkt durch Viola. Schon im ersten Band dieser Einspielung spürt man die Balance zwischen kunstvoller Imitation und tänzerischem Schwung. Das Ensemble Der musikalische Garten musiziert transparent, mit schlanker Klangrede und klarer Artikulation, die den dialogischen Charakter dieser Musik deutlich macht. Besonders die langsamen Sätze entfalten eine stille Kantabilität, die an Corelli erinnert, aber doch sehr individuell wirkt. Der Musitic Garten präsentiert sich als junges, dynamisches Ensemble in klassischer Trio-Sonaten-Besetzung mit zwei Violinen, Violoncello und Cembalo. Für diese Einspielung hat das Ensemble ein bislang unveröffentlichtes Konvolut von zwölf Concerti a tre von Giuseppe Antonio Brescianello ausgewählt – Werke, die möglicherweise noch vor seiner Übersiedlung nach Deutschland entstanden sind. Dort verbrachte Brescianello den Großteil seiner Karriere als virtuoser Geiger, Komponist und später als Kapellmeister am Hof in Stuttgart. Die sechs Stücke dieser Aufnahme – ein zweiter Band wird das vollständige Set ergänzen – orientieren sich im Wesentlichen am Modell der Sonata da chiesa. Gleichzeitig weist der Titel „Concerti“ auf die beträchtlichen spieltechnischen Herausforderungen hin, die den Geigern abverlangt werden, wie auch die begleitenden Booklet-Texte hervorheben. Das Ensemble begegnet diesen Anforderungen souverän: Die beiden Violinen gestalten ihre Partien mit Verve und Charakter, getragen von einem Continuo, das sich unprätentiös, aber stilvoll und tragfähig erweist. Besonders eindrucksvoll zeigt sich Brescianellos Doppelbegabung: Er versteht es, in den langsamen Sätzen dichte, klangvolle Stimmungen zu entfalten, während er in den schnellen Abschnitten kontrapunktische Feinheiten mit spielerischer Leichtigkeit entwickelt. Diese Musik, die bisher im Schatten stand, verdient zweifellos größere Beachtung – und die Musikerinnen und Musiker des Musitic Garten tragen mit ihrer inspirierten Interpretation maßgeblich dazu bei. 2. Concerti à 3 – Vol. 2 Ensemble Der musikalische Garten – CPO, 2009 Das zweite Album setzt die Entdeckung der Concerti à 3 fort und zeigt die ganze Vielfalt dieser Sammlung: energische Kopfsätze, lyrische Mittelteile, brillante Finali. Man hört, wie souverän Brescianello die dialogische Struktur entfaltet – die Violinen antworten einander, manchmal spielerisch, manchmal in fast rhetorischem Ernst. Der musikalische Garten meistert diese Vielschichtigkeit mit klanglicher Eleganz und feiner Phrasierung. Gerade hier wird deutlich, wie nah Brescianello an Corelli anknüpft und doch mit süddeutschem Kolorit einen eigenen Ton findet. Diese Werke stellen eine bemerkenswerte Bereicherung des Repertoires im Bereich der spätbarocken Triosonate dar. In seinem Concerti a tre zeigt Brescianello künstlerisch und fantasievoll die Möglichkeiten des freundschaftlichen Wettbewerbs zwischen den beiden grundsätzlich gleichen Geigenteilen und den Darstellern, die mit schönen langsamen Bewegungen und unbändiger virtuoser Spielfreude entzücken. Alle vier Musiker des Ensembles Der Musikalische Garten studierten historische Aufführungen an der Schola Cantorum Basiliensis und bleiben standhaft auf der Suche nach neuen musikalischen Wegen und unentdeckten Schönheiten. Die Künstler: Germán Exheverri Chamorro (Violine), Karoline Echeverri Klemm (Violine), Annekatrin Beller (Cello) und Daniella Niedhammer (Changeord). Dieser Aufnahme enthält: 1. Concerto Settimo in a-Moll 2. Konzert Ottavo in D-Dur 3. Konzert Nono a-Moll 4. Konzert Decimo in D-Moll 5. Concerto Undecimo in E-Moll 6. Concerto Duodecimo in A Major https://www.youtube.com/watch?v=ykinr71L3j8&list=OLAK5uy_nUY8AWKmcZkBbnKxhm0kf4ptI6G5oYjr0 4. "La Tisbe" (Pastorale, 1718) Barockorchester Stuttgart unter der Leitung von Jörg Halubek (* 1977) – cpo, 2014 "La Tisbe" ist die einzige erhaltene Oper von Giuseppe Antonio Brescianello, komponiert 1718 für den Hof Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg (1676–1733) in Stuttgart. Das Libretto knüpft an die antike Liebesgeschichte von Pyramus und Thisbe an, wie sie Ovid ((* 43 v. Chr. – † 17 n. Ch.) in den Metamorphosen erzählt, Inhaltlich gehört sie zur Tradition der Pastorale: Schäfer und Schäferinnen verhandeln Themen wie Liebe, Treue und Eifersucht, verbunden mit allegorischen Figuren, die das Geschehen ins Mythische erhöhen. Anders als die große Opera seria steht hier nicht das politische Gleichnis im Vordergrund, sondern eine feinsinnige, höfische Allegorie – leicht, elegant und doch voller Affekte. Musikalisch verbindet Brescianello italienische Operntradition mit süddeutschem Geschmack. Seine Rezitative sind klar, schlank und von natürlicher Prosodie; die Arien entfalten sich in Da-Capo-Form, oft mit kantablen Linien, die einen lyrischen, intimen Ton anschlagen. Immer wieder lässt er instrumentale Ritornelle aufblühen, die an Vivaldi erinnern, doch weniger auf Virtuosität als auf Zartheit setzen. Besonders hervorzuheben ist die Farbigkeit des Orchesters, das sich nicht auf bloße Begleitung beschränkt, sondern gleichberechtigt am Ausdruck teilnimmt. Die Stuttgarter Einspielung unter Jörg Halubek ist die erste moderne Gesamteinspielung des Werkes. Mit historisch informierter Aufführungspraxis, schlankem Klangbild und lebendiger Rhetorik macht das Barockorchester Stuttgart deutlich, wie fein Brescianello die Affekte zeichnet: charmant im Liebesdialog, scharf im Streit, innig in den elegischen Momenten. Damit wird "La Tisbe" nicht nur als musikhistorische Kuriosität hörbar, sondern als eigenständige Oper von Rang. https://www.youtube.com/watch?v=5zA5WOJQ9dY&list=OLAK5uy_mpwsXTSfdQM6IPHIA2o78Jm3y1tOThPu0&index=3 Diese Einspielung macht "La Tisbe" hörbar zur zauberhaften Allegorie einer barocken Opernwelt; mit federndem Schwung, textlicher Klarheit und schwebender Emotionalität wird ein Werk zum Leben erweckt, das jahrhundertelang unbeachtet blieb – und heute überzeugend vom Wert Brescianellos als Opernkomponist zeugt. Die Sängerinnen und Sänger – darunter Julia Doyle (* 1975), Nina Bernsteiner (* 1976) und Flavio Ferri-Benedetti (* 1980) – gestalten ihre Rollen mit Klarheit, rhetorischer Präzision und poetischer Intensität. So wird "La Tisbe" aus einem bibliothekarischen Titel zu einer Oper von Rang, die das Musikleben am württembergischen Hof in seiner Vielfalt dokumentiert. 5. Partite e Sinfonie per gallichone solo (um 1740) Davide Rebuffa (* 1981) – Tactus, 2023 https://www.youtube.com/watch?v=5fJoF6M2DfY Die achtzehn Partiten für gallichone (Mandora) bilden eine einzigartige Sammlung innerhalb des europäischen Lautenrepertoires. Anders als viele zeitgenössische Stücke für Laute oder Theorbe handelt es sich nicht um bloße Gelegenheitsmusik, sondern um vollwertige, kunstvoll aufgebaute Zyklen. Jede Partita beginnt mit einem freien Präludium und führt durch die klassische Tanzfolge mit Allemande, Courante, Sarabande und Gigue, ergänzt durch Menuette oder Rondeaux. In dieser Abfolge verbindet Brescianello höfische Eleganz mit intimer Kantabilität. Seine Handschrift zeigt sich im Wechsel von virtuosen Figurationen und liedhaften Melodien. Oft setzt er die Mandora wie eine singende Stimme ein, die über einem warmen harmonischen Fundament schwebt. Gerade in den langsamen Sätzen entfaltet sich eine innige Melancholie, die an französische Lautenmusik erinnert, während die schnellen Tänze eine süddeutsche Leichtigkeit atmen. Damit erweist sich Brescianello als Meister feiner Nuancen – fern vom Glanz des Opernorchesters, aber mit einem höchst persönlichen Ausdruck. Die Aufnahme von Davide Rebuffa, gespielt auf einem originalen Gallichone von 1754, ist die erste, die sich gezielt den Partiten widmet. Sein Spiel ist klar, transparent und poetisch – nie bloß virtuos, sondern stets der Linie und der Farbe verpflichtet. So wird hörbar, dass diese Werke nicht am Rand des Œuvres stehen, sondern zu den eigenständigsten Schöpfungen Brescianellos zählen. Im 18. Jahrhundert suchten viele bayerische Adlige nach Zerstreuung, um ihrem oft eintönigen und wenig aktiven Alltag zu entkommen. Neben beliebten Beschäftigungen wie dem Glücksspiel, dem Tabakrauchen oder dem Lesen spielte auch die Musik eine Rolle. Besonders häufig erwähnt werden dabei zwei Instrumente: die Mandora und das Gallichon (damals oft auch Kli(ch)on genannt). Diese Instrumente waren vereinfachte Formen der Laute. Während die übliche deutsche Barocklaute mit bis zu 13 Chören (Saitenpaaren) sehr anspruchsvoll war und eine lange Ausbildung erforderte, besaßen Mandora und Gallichon in der Regel nur fünf oder sechs Saiten. Dadurch waren sie leichter zu erlernen und wurden bei Angehörigen des deutschen, österreichischen und böhmischen Adels sehr beliebt – auch bei Frauen, die im 18. Jahrhundert sonst kaum Zugang zur professionellen Musikausübung hatten. Eine Sonderform, das größere Gallichon mit acht Chören, war vielseitiger einsetzbar. Es fand vor allem Verwendung als Generalbass-Instrument in Kammermusikensembles oder sogar in Orchestern. Besonders in Klöstern und im kirchlichen Umfeld war es weit verbreitet und erfüllte dort eine wichtige Rolle in der geistlichen Musikpraxis. Ein erhaltenes Originalinstrument, ein Gallichon aus dem Jahr 1754, diente dem heutigen Spezialisten Davide Rebuffa (geb. 1972) als Grundlage für seine Aufführungen. Er hat sich intensiv mit dem historischen Instrumentarium beschäftigt und spielt auf Nachbauten, die auf diesem Original basieren. Damit bringt er die Klangwelt des 18. Jahrhunderts wieder zum Leben. Besonders im Mittelpunkt stehen dabei die Werke von Giuseppe Antonio Brescianello (um 1690–1758), einem italienischen Komponisten und Geiger, der nach 1716 am württembergischen Hof in Stuttgart tätig war. Nach 1737 wirkte er als „Oberkapellmeister“ im Dienst der Herzöge von Württemberg und verbrachte dort den größten Teil seines künstlerischen Lebens. Viele seiner Kompositionen – darunter Sonaten, Konzerte und geistliche Werke – lassen vermuten, dass sie auch für Instrumente wie die Mandora oder das Gallichon bestimmt waren, die im höfischen wie im geistlichen Rahmen geschätzt wurden. 6. Concerti, Sinfonie und Ouverture La Cetra Barockorchester Basel – Leitung: David Plantier und Václav Luks – Glossa, Reissue 2016. (Harmonia Mundi 2004) https://www.youtube.com/watch?v=U6J0kqnCxBw&list=OLAK5uy_lWwxEjychD41u_oOSf-iqSlUQuN0TjEjo&index=1 Dieses Album versammelt ein konzentriertes Programm aus Brescianellos Instrumentalrepertoire: sinfonische Miniaturen, Concerti und eine Overtüre. Die Aufnahme bietet einen breit gefächerten Eindruck – von atmosphärischen Sinfonien über virtuose Solobeiträge (z. B. Violine, Oboe, Fagott) bis hin zu einem lebendigen Chaconne. Das Orchester spielt mit plastischer Transparenz und tänzerischem Drive, die Dialoge zwischen Solisten und Ripienogruppe gestalten sich reizvoll und sinnlich. Besonders eindrücklich ist, wie Brescianellos venezianischer Erbschaft spürbar wird – reich an Affekten, aber in klarer Form gehalten. Ein faszinierender Einstieg für jene, die Brescianellos Orchestersprache in komprimierter Form erleben möchten. Das Programm zeigt Werke, in denen Brescianello stilistisch eng an die italienische Konzerttradition angelehnt bleibt – insbesondere sinfonische Spritzigkeit, emotionale Mittelsätze und klangfarbenreiche Solopartien – eindrücklich umgesetzt von Plantier und Luks. Besonders hervorgehoben wird ein fast zwei Minuten langes, improvisationsartiges Violincadenza im g-Moll-Konzert, das die kreative Freiheit und Spielfreude des Interpreten spürbar macht. Brescianello: Partite I–IV per chitarra classica Diese Einspielung ist eine Übertragung der ersten vier Partiten aus der berühmten Sammlung für Mandora (gallichone) auf die moderne klassische Gitarre. Während die Originalhandschriften um 1740 für ein Lauteninstrument konzipiert sind, gelingt es der Bearbeitung, den Geist der Musik in die Sprache der Gitarre zu übertragen: die klaren Tanzformen, die geschmeidigen Linien der Allemanden, die Eleganz der Sarabanden und die rhythmische Vitalität der Giguen bleiben vollständig erhalten. Die Gitarre verleiht dem Werk eine neue, warme Klangfarbe, die einerseits in der Lautentradition verwurzelt ist, andererseits aber auch an romantische Gitarrenmusik denken lässt. Besonders reizvoll sind die liedhaften Melodien, die auf der Gitarre eine ganz eigene Poesie entfalten. Damit öffnet sich Brescianellos Musik einem neuen Publikum, das vielleicht eher die klassische Gitarre kennt als die historische Mandora. Diese Einspielung präsentiert die ersten vier Partiten aus Brescianellos Sammlung für Mandora – stilvoll übertragen auf klassische Gitarre. In dieser Fassung bleiben die architektonische Klarheit der Tanzsätze (Allemande, Sarabande, Gigue etc.) und die melodische Eleganz der Originale stets spürbar. Die klassische Gitarre verleiht diesen barocken Tonfolgen eine warme, kammermusikalische Intimität, die zugleich an romantische Gitarrenliteratur erinnert. Die Bearbeitung zeigt, wie Brescianellos Musik universell „funktioniert“: Sie klingt auf historischen Lauteninstrumenten, auf Barockorchestern und eben auch auf der modernen Gitarre überzeugend. Dadurch öffnet sich sein Werk einem ganz neuen Publikum – und gleichzeitig bleibt der barocke Kern erhalten. https://www.youtube.com/watch?v=jOKPXA62Ahk&list=OLAK5uy_mjD3y45Hick0yCMakcT_-X0ypWBBdB0gA&index=1 Partite V, VIII, X & XIV (18 Stücke, ca. 43 Min., 2025) – Paolo Aragona (Gitarre) Mit dieser Aufnahme eröffnet der italienische Gitarrist Paolo Aragona (* 1984) einen neuen Blick auf Brescianellos Mandora-Partiten. Während die Originale um 1740 für das gallichone konzipiert wurden, überträgt Aragona vier der umfangreicheren Zyklen – die Partiten V, VIII, X und XIV – auf die moderne Konzertgitarre. Damit entsteht ein Werkblock von 18 einzelnen Sätzen, die zusammen über 40 Minuten dauern und fast eine kleine „Suite in vierfacher Spiegelung“ ergeben. Die Bearbeitung ist keine bloße Transkription, sondern eine idiomatische Neubefragung. Brescianellos Tanzsätze – Allemanden, Couranten, Sarabanden, Giguen – behalten ihre architektonische Klarheit, gewinnen aber durch die Gitarrenfarbe eine intime Wärme. Besonders in den Sarabanden gelingt es Aragona, den innigen, fast kontemplativen Charakter der Musik hervorzuheben. In den schnelleren Sätzen wie den Allegros, Menuetten oder Capricci wirkt die Gitarre wiederum leichtfüßig und von funkelnder Virtuosität. Bemerkenswert ist, wie stark die Gitarre das dialogische Element dieser Musik betont: Akkordische Begleitfiguren und melodische Linien verschmelzen zu einem kammermusikalischen Gespräch, das den Hörer in den Bann zieht. So wird deutlich, dass Brescianellos Musik auch auf einem modernen Instrument ihre Kraft entfaltet – nicht als historisches Artefakt, sondern als lebendige Kunst. https://www.youtube.com/watch?v=MkyizIiaiIE&list=OLAK5uy_kriBuPnvHV96yFK_dyAdjlZXJwMHFp55Y&index=1 Partite XI, XII, XIII, XV & XVIII – Paolo Aragona (Gitarre) – 2024 Der italienische Gitarrist Paolo Aragona (* 1984) setzt sich mit dieser Aufnahme vertieft mit Brescianellos Mandora-Zyklus auseinander, diesmal in ausgewählten Partiten: XI, XII, XIII, XV und XVIII. Das Album umfasst 25 Sätze und dauert etwa 56 Minuten – ein beeindruckender Ausschnitt aus den insgesamt 18 Partiten. Warum diese Auswahl besonders hörenswert ist: Partita XI entfaltet sich mit einem fließenden Allegro, gefolgt von einem warmen Andante, einem charmanten Menuet und einem kräftigen Finale Allegro – eine kurze, aber beeindruckende kleine Dramaturgie. Partita XII kombiniert tänzerischen Entrée-Schritt, lebhafte Allegro, elegante Menuette, Gavotta (zart, tanzend) und abschließende Gigue – Formenreichtum in kurzer Folge. Partita XIII erscheint fast sakral: Aria, gefolgt von Menuet Trio, tief emotionalem Cantabile und geradezu barocker Fuga. Partita XV wird monumentaler: ein kraftvolles Allegro, ein ausladender Menuet I mit Trio, eine lebhafte Bourée, ein charmantes Menuet II und eine finale Gigue, die tänzerisch entschwebt. Partita XVIII ist der vielleicht reichste Teil: mit Aria, Bourée, mehreren Menuetts (I–III), einem Rigaudon und einer abschließenden Gigue – fast eine Mini-Suite für sich. Aragona nimmt diese Partiten in einer sensiblen, idiomatischen Gitarrenbearbeitung auf – die Linien bleiben transparent, die Harmonien klar, und die Ritornelle pulsieren leise, mit barocker Eleganz. Die Gitarre fügt Wärme und moderne Klanglichkeit hinzu, ohne den Ursprung zu verleugnen. https://www.youtube.com/watch?v=tA8E2Q4XRP8&list=OLAK5uy_md1J_NxZsQUbP3h6A4bt2INK8IT7i_E6E&index=1 Partita Nr. XVI in d-Moll (Gallichone / Gitarrenfassung) Die Partita Nr. XVI in d-Moll von Giuseppe Antonio Brescianello, ursprünglich für Gallichone (Mandora) komponiert, gilt als eine der berührendsten Stücke seines Mandora-Kreises. Sie umfasst vier Sätze: Entrée, Minuetto, Siciliana und Gigue, und zeichnet sich durch ihre formale Klarheit, expressive Tiefe und eleganten Tanzcharakter aus. Eine moderne Aufführung zeigt Michele Manuguerra auf Gitarre – mit bemerkenswerter Intimität und technischer Präzision. Die Verwandlung auf die Gitarre bewahrt die musikalische Substanz dieser Barock-Partita, unterstreicht aber gleichzeitig deren lyrische Kantilene und tänzerische Feinheit. Im slowenischen Kontext wirkt sein Spiel wie eine filigrane Filigranarbeit: dynamisch, gestochen klar und zugleich tief poetisch. https://www.youtube.com/watch?v=T_N0zK8JDLo Giuseppe Antonio Brescianello gehört zu jener Generation von Komponisten, die im Schatten der großen Namen wie Vivaldi, Händel oder Jommelli standen und deshalb lange unbeachtet blieben. Doch seine Musik verdient es, aus diesem Schatten hervorzutreten. In Stuttgart wirkte er über Jahrzehnte hinweg als Kapellmeister und prägte das höfische Musikleben nachhaltig. Seine Concerti e Sinphonie op. 1 dokumentieren die Aufnahme des italienischen Konzertstils nördlich der Alpen und zeigen, wie sich venezianische Virtuosität mit süddeutscher Ausgewogenheit verband. Die Concerti à 3 erweitern das Repertoire der Triosonate um konzertante Züge, während die Mandora-Partiten eines der bedeutendsten Zeugnisse für dieses seltene Instrument darstellen. Auch seine Oper La Tisbe beweist, dass er über solides dramatisches Talent verfügte und dem Geschmack seiner Zeit gerecht werden konnte. Insgesamt ist Brescianello kein bahnbrechender Neuerer, sondern ein souveräner Meister, der die Formen seiner Epoche auf hohem Niveau beherrschte und ihnen durch melodische Erfindungskraft und harmonische Feinheit eine eigene Note verlieh. Heute erschließt sich sein Rang vor allem durch die wiederentdeckten Handschriften und durch moderne Einspielungen, die sein Werk in seiner ganzen Bandbreite hörbar machen. Er repräsentiert jenen Typus des höfischen Kapellmeisters, der gleichermaßen Dienstleister wie Künstler war – und der in beiden Rollen ein bleibendes musikalisches Erbe hinterließ. Spotify Spotify

  • Frederic Chopin | Alte Musik und Klassik

    Frédéric Chopin (1810–1849) Leben zwischen zwei Welten Frédéric Chopin wurde am 1. März 1810 in Żelazowa Wola geboren, einem kleinen Dorf westlich von Warschau, das damals noch zum Herzogtum Warschau gehörte. Sein Vater Nicolas Chopin (1771–1844), ein aus Lothringen stammender Emigrant, war Französischlehrer am Warschauer Lyzeum. Die Mutter, Justyna Krzyżanowska (1782–1861), entstammte einem verarmten polnischen Landadelsgeschlecht. In diesem Haus, wo die französische Sprache ebenso gepflegt wurde wie die polnische Kultur, wuchs der junge Chopin mit einem feinen Gefühl für Sprache, Musik und nationale Identität auf. Schon als Kind galt er als musikalisches Wunderkind. Mit fünf Jahren begann er zu komponieren, mit sieben trat er öffentlich auf, und mit acht spielte er in Warschau vor einer begeisterten Gesellschaft. Früh wurde ihm nachgesagt, er sei der „kleine Mozart“ aus Polen – doch Chopin selbst war keine Bühnenerscheinung. Er hasste das Brillante, das Laute, das auf Wirkung bedachte. Was er suchte, war Ausdruck, Tiefe, Stille. Zwischen 1826 und 1829 studierte er am Warschauer Konservatorium bei Józef Elsner (1769–1854), einem geachteten Komponisten deutscher Herkunft. Dieser erkannte Chopins außerordentliche Begabung früh und beschrieb ihn später mit den Worten: „Chopin – ein musikalisches Genie.“ Bereits in dieser Phase entstanden frühe Meisterwerke wie das Rondo à la Krakowiak oder das Klavierkonzert in f-Moll, das von seiner Verbindung zur polnischen Tanzmusik ebenso zeugt wie von seiner hoch entwickelten klavieristischen Sprache. 1830, im Alter von nur 20 Jahren, verließ Chopin seine Heimat Polen. Es war keine Flucht, aber ein Abschied auf unbestimmte Zeit. Kurz darauf brach in Warschau der Novemberaufstand gegen die russische Fremdherrschaft aus – ein Schock, der Chopin tief traf. Fortan lebte er im Exil. Zuerst Wien, dann München, schließlich Paris – hier ließ er sich nieder und wurde bald zum gefeierten Mittelpunkt der musikalischen Salons. Polen aber blieb sein innerer Bezugspunkt – in den Mazurken, Polonaisen und in seiner Haltung als exilierter Patriot. Paris war in den 1830er Jahren das Zentrum europäischer Kunst und Literatur. Chopin begegnete Franz Liszt (1811–1886), Hector Berlioz (1803–1869), Eugène Delacroix (1798–1863), Heinrich Heine (1797–1856), aber auch Pauline Viardot (1821–1910) und Frédéric Kalkbrenner (1785–1849). Er wurde verehrt, aber blieb distanziert – nicht aus Arroganz, sondern aus Zurückhaltung. Öffentliche Konzerte mied er, seine Musik war für die Stille des Salons bestimmt, nicht für den lärmenden Applaus der Konzertsäle. Berühmt wurde er als Lehrer und Interpret, vor allem aber durch seine Kompositionen. Fast ausschließlich für Klavier – in einer Zeit, in der die große Sinfonik dominierte. Seine Werke verbanden polnische Tanzformen mit französischer Eleganz, italienischer Kantabilität und einer bis dahin ungehörten Klangsprache. Werke wie die Nocturnes, Balladen, Etüden, Préludes und Scherzi machten ihn unsterblich. Auch wenn Chopin nie eine eigene Schule begründete, so veränderte er das Klavierdenken Europas – leise, aber unwiderruflich. Privat war Chopin ein komplexer Mensch. Schüchtern, ironisch, von zarter Konstitution, stets kränklich. Eine Tuberkulose begleitete ihn jahrzehntelang. 1837 lernte er die Schriftstellerin George Sand (eigentlich: Amantine Lucile Aurore Dupin, 1804–1876) kennen – eine Frau von starkem Willen und intellektuellem Feuer. Die Beziehung hielt fast neun Jahre, darunter zwei Winter auf Mallorca, die zu seinen produktivsten Zeiten gehörten – dort entstanden u. a. die 24 Préludes op. 28. Doch die Verbindung zerbrach an Spannungen, am Eigensinn beider, an Krankheit und Einsamkeit. Nach der Trennung verfiel Chopins Gesundheit rasch. Öffentliche Auftritte wurden seltener. 1848 unternahm er eine letzte Konzertreise nach London und Schottland, doch die Anstrengung überstieg seine Kräfte. Im Herbst 1849 kehrte er nach Paris zurück, schwer gezeichnet. Am 17. Oktober 1849 starb Frédéric Chopin in seiner Pariser Wohnung in der Place Vendôme Nr. 12 – im Beisein einiger Freunde und seiner treuen Schwester Ludwika, die aus Warschau angereist war. Er wurde auf dem Cimetière du Père-Lachaise beigesetzt, sein Herz aber – dem Wunsch entsprechend – in einer Urne nach Warschau überführt. Es ruht bis heute in einer Säule der Heiligkreuzkirche. Ein Symbol für das zerrissene Leben eines Mannes zwischen zwei Welten: Polen und Frankreich, Öffentlichkeit und Innerlichkeit, Leben und Tod. Chopins Musik bleibt ein Ort, an dem das Unaussprechliche seinen Klang findet. Sie ist nie effekthascherisch, nie sentimental, sondern voller Würde, Schwermut, Stolz und Schönheit. Seine Werke sprechen bis heute – leise, aber unwiderstehlich – zu jenen, die bereit sind, wirklich zuzuhören. Wann wurde Fryderyk Chopin geboren? Die Frage nach Fryderyk Chopins (1810–1849) genauem Geburtsdatum hat die Musikwissenschaft seit über 150 Jahren beschäftigt. Obwohl der Komponist zu den bedeutendsten Gestalten der europäischen Romantik gehört, ist das Datum seiner Geburt nicht eindeutig überliefert. Zwei verschiedene Angaben stehen nebeneinander: der 22. Februar und der 1. März 1810. Lange Zeit galt der 22. Februar als Chopins Geburtstag. Dieses Datum wurde von seinem Vater Nicolas Chopin (1771–1844) genannt und erscheint auch in mehreren Dokumenten, die Fryderyk selbst später in Paris unterzeichnete. Auf frühen polnischen Gedenktafeln, in Briefen und Biografien findet sich dieselbe Angabe. Warum ausgerechnet dieses Datum verwendet wurde, lässt sich heute nicht mit Sicherheit feststellen – es könnte sich um einen familiären Erinnerungsirrtum, eine symbolische Wahl oder schlicht um eine gedankliche Konvention innerhalb der Familie gehandelt haben. Die entscheidende Quelle, die diese lange Diskussion auf ein dokumentarisch gesichertes Fundament stellte, ist der Eintrag im Taufregister der Pfarrkirche St. Rochus und Johannes des Täufers in Brochów, zu deren Pfarrei Chopins Geburtsort Żelazowa Wola gehörte. Diese Taufe wurde dort am 23. April 1810 vollzogen, also rund sieben Wochen nach der Geburt. Der lateinische Originaleintrag lautet vollständig: Anno Domini millesimo octingentesimo decimo, die vigesima tertia mensis Aprilis, ego qui supra baptizavi infantem nomine Fridericum Franciscum, natum die prima mensis Martii hujus anni, filium legitimum Nicolai Choppen, natione Galli, et Justinae de Krzyżanowska, conjugum, ex villa Żelazowa Wola paroeciae tute nostrae. Patrini fuere: Franciscus Grembowski, praefectus hortorum, et Anna Skarbek, uxor Josephi Skarbek, possessores terras. Die Übersetzung lautet: „Im Jahre des Herrn 1810, am dreiundzwanzigsten Tag des Monats April, habe ich, der Unterzeichnete, ein Kind mit dem Namen Fridericus Franciscus getauft, geboren am ersten Tag des Monats März dieses Jahres, ehelicher Sohn von Nicolaus Choppen, gebürtig aus Frankreich, und Justina Krzyżanowska, Eheleute, wohnhaft in Żelazowa Wola, Pfarrei unserer Kirche. Taufzeugen waren Franciscus Grembowski, Gartenverwalter, und Anna Skarbek, Ehefrau des Joseph Skarbek, Grundbesitzer.“ Der zentrale Ausdruck "natum die prima mensis Martii hujus anni" ("geboren am ersten Tag des Monats März dieses Jahres") lässt keinen Zweifel: Der Priester hat das Datum der Geburt klar und unmissverständlich als 1. März 1810 angegeben. Da der Eintrag nur wenige Wochen nach dem tatsächlichen Ereignis erfolgte und alle Namen der Eltern und Zeugen präzise nennt, gilt er heute als die verlässlichste Quelle für Chopins Geburtsdatum. Der originale Taufregistereintrag Fryderyk Chopins, wie er im Kirchenbuch der Pfarrkirche St. Rochus und Johannes des Täufers in Brochów (Pfarrei Brochów, Diözese Płock) überliefert ist: Gleichwohl bleibt der 22. Februar in der Chopin-Tradition präsent. Nicolas Chopin schrieb dieses Datum später eigenhändig in mehrere französische Formulare, und auch Fryderyk selbst soll es gelegentlich verwendet haben. Manche Forscher vermuten, dass die Familie das Datum der Namenswahl oder Haussegnung vermerkt haben könnte, das im häuslichen Kreis gefeiert wurde. Doch der kirchliche Taufbucheintrag aus Brochów besitzt eine höhere dokumentarische Autorität, sodass sich heute nahezu alle seriösen Biografien auf den 1. März 1810 berufen. Interessanterweise spiegelt dieser kleine Widerspruch das Bild des Komponisten selbst: ein Mann zwischen zwei Welten, polnisch und französisch, zwischen öffentlicher Legende und innerer Wahrheit. So bleibt selbst in der nüchternen Frage seines Geburtsdatums ein Hauch romantischen Geheimnisses – ganz im Geist des Künstlers, der Musik in Poesie verwandelte. Quellen und Literatur Archiwum Diecezjalne w Płocku Signatur: Księgi metrykalne parafii Brochów, rok 1810 Eintrag vom 23 April 1810, Seite XXV, Nr. 2 ("Aprilis 23"). Barbara Smoleńska-Zielińska – Fryderyk Chopin i jego muzyka – Warszawa 1995 Tadeusz A. Zieliński – Chopin. Sein Leben, sein Werk, seine Zeit – Bergisch Gladbach 1990 Alan Walker – Fryderyk Chopin. A Life and Times – Picador New York 2018 Nicolas Slonimsky – Chopiniana. Some Materials for a Biography – in Music & Letters (1948) JSTOR 739924 Frédéric Chopin – eine verborgene Liebe Zensur, Briefe und die verdrängte Wahrheit eines Nationalhelden Frédéric Chopin (1810–1849) gehört zu jenen Künstlern, die in ihrer Heimat mythische Züge angenommen haben. In Polen gilt er bis heute als Verkörperung der reinen, katholisch-patriotischen polnischen Seele, als Märtyrer der Heimatlosigkeit und Poet am Klavier. Dieses idealisiertes Bild entstand im 19. Jahrhundert und prägte sich durch Schulbücher, Kirche und Denkmalpflege tief ins kulturelle Gedächtnis ein. Dabei wurde eine Dimension von Chopins Persönlichkeit systematisch verdrängt – seine leidenschaftliche Zuneigung zu Männern. Zwischen Freundschaft und Liebe Schon die frühen Briefe an Tytus Woyciechowski (1808–1879) zeugen von einer emotionalen Intensität, die sich nicht mehr in die Konventionen männlicher Freundschaft einordnen lässt. Sie entstanden 1829–1831, in der Zeit von Chopins ersten Konzerten und seinem Aufbruch nach Wien. Die Anrede formuliert sich in einer zärtlichen Sprache: „Najdroższy Tyciu!“ („Mein liebster Tyciu!“) „Najdroższe życie moje!“ („Mein allerliebstes Leben!“) „Tylko Ty jeden wiesz, jak Cię kocham.“ („Nur Du allein weißt, wie ich Dich liebe.“) Und weiter: „Zawsze noszę przy sobie Twoje listy i jaka to radość dla mnie, wyjąć je i przekonać się, że mnie kochasz.“ („Ich trage stets Deine Briefe bei mir und welch Freude ist es, sie hervorzuholen und mich zu vergewissern, dass Du mich liebst.“) Solche Sätze lassen an romantische Liebeserklärungen denken und nicht an platonische Freundschaft. Der berühmteste Brief vom 3. Oktober 1829 enthält die Worte: „You don’t like being kissed. Please allow me to do so today. You have to pay for the dirty dream I had about you last night.“ („Du lässt Dich nicht gern küssen. Erlaube es mir heute. Du musst für den unanständigen Traum bezahlen, den ich vergangene Nacht von Dir hatte.“) Die Originale dieser Briefe befinden sich in der Biblioteka Narodowa und im Narodowy Instytut Fryderyka Chopina (Warschau). In der SRF-Dokumentation sind auf Reproduktionen dieser Briefe rote und graue Markierungen zu sehen – nachträgliche Annotationen, die von Moritz Weber zur Verdeutlichung der zensierten Passagen hinzugefügt wurden. Sie zeigen, wo spätere Herausgeber emotionale oder körperliche Bezüge gestrichen hatten. Das unveränderte Originalautograph ist über die digitale Sammlung des NIFC zugänglich: https://chopin.nifc.pl/en/chopin/list/675_to-tytus-woyciechowski-in-poturzyn?utm_source=chatgpt.com Moritz Weber (* 1976) – ein Schweizer Musikjournalist und Pianist, u.a. tätig bei SRF Kultur, und bekannt für seine Forschung zu Frédéric Chopins Briefen, der die Autographen im Original gesehen hat, erklärte im SRF-Interview (16. 11. 2020): „Auf manchen Originalseiten sieht man rote Striche – und es sind ausgerechnet die Sätze, in denen Chopin von Umarmung und Küssen spricht. Das war den späteren Herausgebern zu viel Gefühl für einen Nationalhelden.“ Der Brief an Jan Matuszyński (1808–1842) Von gleicher Intensität ist der Brief an den Arzt Jan Matuszyński, einen Freund aus Schultagen und späteren Mitbewohner in Paris: „Ale nie tylko dla mego anioła pokoju, bo jak go kocham, (…) Czy nie chorowano? Przypuściłbym łatwo coś podobnego na takim czułym stworzeniu. (…) Uspokój, powiedz, że póki sił starczy… że do śmierci… że po śmierci jeszcze mój popiół będzie się słał pod nogi.“ („Aber nicht nur wegen meines Friedensengels, denn, wie liebe ich ihn … Beruhige dich, sag, dass, solange die Kräfte reichen, bis zum Tod, nach dem Tod noch meine Asche unter seine Füße gestreut werde.“) In den Ausgaben Sydows (1953) und Scharlitts (1911) wurde dies heteronormativ verändert: aus „ihn“ wurde „sie“. Weber und Frick dokumentierten die falschen Pronomen mit roten Korrekturen in den Übersetzungsexemplaren (NIFC 2016). Das System der Zensur Die Editionsgeschichte zeigt ein klares Muster: – 1873 veröffentlichte Marceli Antoni Szulc die erste polnische Briefe-Ausgabe, die emotionale Passagen tilgte. – 1955 brachte Bronisław Edward Sydow die umfangreichste polnische Edition heraus – gründlich, aber weiterhin zensiert. – Erst die kritische Neuausgabe von Zofia Helman, Zbigniew Skowron und Hanna Wróblewska-Straus (2009) stellte die Originalformulierungen wieder her. Parallel existierten Übersetzungen, die den Text absichtlich verweiblichten: David Frick („Chopin’s Polish Letters“, 2016) wies nach, dass englische und französische Versionen mit her/she arbeiteten, wo im Original mój / go („mein / ihn“) stand. Erfundene Romanzen Gleichzeitig wurden durch Fußnoten weibliche Figuren hineineditiert – Konstancja Gładkowska (1810–1889), Maria Wodzińska (1819–1896) – für die keine Belege existieren. Aleksander Laskowski, Sprecher des NIFC, bestätigte 2020: „An K. Gładkowska haben wir eigentlich nichts. Mit Wodzińska haben wir nichts.“ Trotzdem setzten diese Legenden sich durch und prägten Biographien und Schulbücher. Die Zensur der Briefe war Teil einer nationalen Moralpolitik, die einen „reinen“ Patrioten brauchte. Die Männer seines Lebens Chopins emotionales Umfeld bildeten Männer: Woyciechowski, Matuszyński, Julian Fontana (1810–1869) und Antoni Wodziński (1814–1848). Mit Matuszyński und Fontana lebte Chopin in Paris jahrelang zusammen; Fontana wurde sein Kopist und Vertrauter. Sie bilden das soziale und emotionale Netz, das ihn trug. Musikalische Spuren In Chopins Musik schwingt diese Doppeldeutigkeit mit: Die Nocturnes und Mazurken sprechen in einer Sprache von Sehnsucht, die oft zwischen Zurückhaltung und innerem Brennen pendelt – so, wie sein Leben zwischen Selbstverleugnung und Verlangen stand. Die poetische Kraft dieser Werke liegt nicht trotz, sondern wegen dieser verdrängten Erfahrung. Schluss Die Entzifferung von Chopins Briefen bedeutet keine „Sexualisierung“ eines Genies, sondern die Wiederherstellung der Wahrheit. Die sichtbaren roten Streichungen in den Autographen, die Fehlübersetzungen und Fußnotenerfindungen zeigen, wie eine Nation ihren Helden moralisch säuberte. Chopin war kein Heiliger, sondern ein Mensch von zerbrechlicher Sensibilität, dessen Liebe verboten war – und gerade deshalb so tief fühlte. Quellen und Literatur – Moritz Weber: Spätes Outing – Chopin war schwul – und niemand sollte davon erfahren. SRF Kultur, 16. Nov 2020. – Moritz Weber: War Chopin homosexuell? SWR2 Musikstunde, 5.–9. Okt 2020. – Bronisław E. Sydow (Hg.): Korespondencja F. Chopina. Bd. 1. Warszawa 1955. – Marceli A. Szulc: Fryderyk Chopin i jego listy. Poznań 1873. – Zofia Helman / Zbigniew Skowron / Hanna Wróblewska-Straus (Hg.): Korespondencja F. Chopina. Bd. 1 (1816–1831). Warszawa 2009. – David Frick: Chopin’s Polish Letters. NIFC Warszawa 2016. – Antoni Pizà: Love is a Pink Cake. New York 2021. – Alan Walker: Fryderyk Chopin: A Life and Times. New York 2018. – Adam Zamoyski: Chopin: Prince of the Romantics. London 2010. – Barbara Meier: George Sand und Frédéric Chopin – eine Liebesgeschichte? In: Musik & Gender im Diskurs 9 (2011). – Aleksander Laskowski (NIFC): Interview SRF Kultur 2020. – Das digitale Faksimile: https://chopin.nifc.pl/en/chopin/list/675_to-tytus-woyciechowski-in-poturzyn?utm_source=chatgpt.com

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