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Guillaume Bouzignac (* um 1587 – † nach 1643)

 

Guillaume Bouzignac (* um 1587 – † nach 1643) gehört zu jenen französischen Komponisten, deren Name heute nur noch einem kleineren Kreis von Kennern vertraut ist, die aber in der Musikgeschichte des frühen 17. Jahrhunderts einen weit größeren Rang besitzen, als ihre heutige Bekanntheit vermuten lässt. Er war nicht nur Komponist, sondern auch maître de musique und, nach dem Stand der Quellen, tatsächlich Priester. Geboren wurde er wohl um 1587 im Languedoc, wahrscheinlich in Narbonne oder im nahen Saint-Nazaire-d’Aude. Ein genaues Todesdatum ist nicht bekannt; gesichert ist lediglich, dass er noch 1643 lebt und tätig ist.

Zum Werkbestand Guillaume Bouzignacs

 

Seine Herkunft verweist in den südfranzösischen Raum, und die Familie Bouzignac lässt sich in Saint-Nazaire-d’Aude schon seit dem 16. Jahrhundert nachweisen. Die musikalische Ausbildung erhielt Guillaume Bouzignac an der Kathedrale Saint-Just in Narbonne, also in einer jener kirchlichen Ausbildungsstätten, in denen Chorknaben nicht nur im liturgischen Gesang, sondern auch in Komposition, Aufführungspraxis und kirchlicher Disziplin geschult wurden. Für diese frühe Lebensphase ist eine besonders aufschlussreiche Notiz überliefert: Am Ende des Motetts O mors, ero mors tua findet sich die Angabe, Bouzignac sei „im Alter von 17 Jahren Chorknabe in Narbonne“ gewesen. Auf dieser Grundlage wird seine Geburt gewöhnlich um 1587 angesetzt. 1604 erscheint er dann bereits in einem Vertrag mit dem Kapitel der Kathedrale von Narbonne, offenbar am Ende seiner Ausbildung oder schon im Übergang zu einer verantwortlicheren Tätigkeit innerhalb der Maîtrise.

 

Schon diese ersten greifbaren Daten zeigen, dass Bouzignac kein rein lokaler Musiker blieb. Vielmehr begann er früh eine Laufbahn, die ihn, wie so viele französische Kirchenmusiker seiner Zeit, von Stadt zu Stadt führte. Am 23. März 1607 trat er an der Kathedrale Saint-Pierre in Angoulême als Chorist und sous-maître de musique in Dienst. Aus einer späteren Korrespondenz geht außerdem hervor, dass er zeitweilig im Haushalt des Gabriel de La Charlonye lebte, eines gebildeten und mit Gelehrtenkreisen verbundenen königlichen Richters. Diese Nachricht ist nicht belanglos: Sie lässt erkennen, dass Bouzignac sich zumindest zeitweise auch außerhalb rein institutioneller Kirchenstellen bewegte und in Kreisen bekannt war, die über das gewöhnliche Kapitelmilieu hinausreichten. Sein Aufenthalt in Angoulême dauerte allerdings nicht lange; bereits am 18. Januar 1608 gab er die Stelle wieder auf und kehrte nach Narbonne zurück.

 

Die nächste sichere Station war Grenoble. Dort übernahm Bouzignac am 14. Februar 1609 an der Stiftskirche Saint-André die Aufgabe eines maître des enfants, also des Verantwortlichen für die Chorknaben. Auch dieses Engagement währte nur kurz, denn bereits am 18. Mai desselben Jahres schied er wieder aus. Danach öffnet sich eine längere Lücke in der Überlieferung, die bis 1624 reicht. Gerade in dieser Zeit liegt der biographische Nebel besonders dicht. Verschiedene Hypothesen wurden in der Forschung erwogen, etwa Reisen nach Italien, ein möglicher Aufenthalt in Katalonien oder Tätigkeiten an heute schlecht dokumentierten französischen Kircheninstitutionen. Beweisen lässt sich davon jedoch nichts. Für einen seriösen Lebenslauf ist daher wichtig, diese Jahre nicht mit Vermutungen zu füllen, sondern als das zu benennen, was sie sind: eine quellenarme Phase, in der Bouzignacs Weg derzeit nicht sicher rekonstruiert werden kann.

 

Erst am 23. November 1624 tritt Bouzignac wieder klar aus den Quellen hervor, nun an der Kathedrale Saint-Étienne in Bourges. Dort wurde er zum Musikmeister als Nachfolger des verstorbenen Antoine Hureau berufen. Diese Ernennung ist für seine Biographie von besonderem Gewicht, weil sie nicht nur seine berufliche Stellung dokumentiert, sondern auch unmittelbar mit seinem geistlichen Status zusammenhängt. Die Quelle besagt ausdrücklich, dass er dieses Amt „unter der Bedingung, sich zum Priester ordinieren zu lassen, und nach Ablegung einer Probeprüfung“ übernehmen sollte. Genau dieser Passus ist der entscheidende Beleg dafür, dass Bouzignacs Laufbahn in Bourges an die Priesterweihe gebunden war. Wörtlich heißt es in der französischen Überlieferung: „Bouzignac réapparaît le 23 novembre 1624 quand il est nommé maître de musique à la cathédrale Saint-Étienne de Bourges en remplacement du défunt Antoine Hureau, à condition de se faire ordonner prêtre et après avoir subi un examen probatoire.“ Spätere Akten bezeichnen ihn dann tatsächlich ausdrücklich als „prêtre du diocèse de Narbonne“, also als Priester des Bistums Narbonne. Damit ist der Priesterstatus nicht bloß eine Vermutung aus zweiter Hand, sondern archivalisch gestützt.

 

Auch sonst ist die Bourgeser Zeit recht aufschlussreich. Aus den Archivunterlagen dieser Maîtrise geht hervor, dass Bouzignac im Juni 1625 für einen Monat nach Paris reiste und im selben Jahr, am 11. April, eine Erhöhung seiner Bezüge erhielt. Das zeigt, dass man mit seiner Arbeit offenbar zufrieden war. Umso bemerkenswerter ist es, dass er dennoch nur bis Ende 1626 in Bourges blieb. Schon am 11. Januar 1627 wurde er durch Nicolas Meusnier ersetzt, nach einem kurzen Interim von Claude Forest. Diese relativ kurze Verweildauer fügt sich in das Bild einer insgesamt bewegten Laufbahn, die zwar von Anerkennung, aber auch von wiederholten Ortswechseln geprägt war.

 

Nach Bourges ist Bouzignac am 6. August 1629 in Rodez nachweisbar. Dort trat er als Leiter der Chorknaben in Dienst. Die archivalischen Angaben über sein Gehalt und verschiedene Naturalbezüge zeigen, dass diese Stelle durchaus eine gewisse wirtschaftliche Absicherung bot. Wahrscheinlich blieb er bis etwa 1632 in Rodez, auch wenn die Quellenlage hier nicht in allen Punkten restlos eindeutig ist. Danach folgt erneut eine schwer fassbare Zwischenphase. Gerade für diese Jahre ist in der älteren Literatur manches vermutet worden, doch die solidere neuere Darstellung bleibt vorsichtig und betont zu Recht, dass sichere Belege fehlen.

 

Von großem Interesse ist dann ein Akt vom 3. Dezember 1642. Darin wird Guillaume Bouzignac als „Priester des Bistums Narbonne“ genannt und als künftiger Nutznießer einer frei werdenden Pfründe an der Kathedrale von Montauban in Aussicht gestellt. Diese Nachricht bestätigt den geistlichen Status, der in Bourges noch als Bedingung formuliert worden war, nun ausdrücklich und ohne jede Umschreibung. Sie zeigt zugleich, dass Bouzignac nicht nur musikalisch tätig war, sondern auch in die kirchlichen Pfründenstrukturen seiner Zeit eingebunden war. Ob dies eine tatsächliche dauerhafte Stellung in Montauban bedeutete oder eher einen einkommensbezogenen Anspruch auf eine Benefizialstelle, bleibt offen; die Quelle selbst zwingt nicht zu der Annahme eines längeren Aufenthalts vor Ort.

 

Die letzte sicher bekannte Station seines Lebens ist Clermont-Ferrand. Dort verpflichtete man ihn am 2. Oktober 1643 als „maître des enfants de chœur et expert en l’art musical“. Mehr wissen wir über diese letzte Phase leider kaum. Eine spätere, um 1665 entstandene Erwähnung in einem Traktat über den Kirchengesang nennt ihn noch als Beispiel, doch bedeutet das keineswegs, dass er damals noch gelebt hätte. Solche rückblickenden Nennungen sind in theoretischen Schriften nichts Ungewöhnliches. Deshalb bleibt die nüchterne Feststellung die einzig sichere: Bouzignac lebte 1643 noch, und irgendwann nach diesem Datum verliert sich seine Spur. Dass er vermutlich in Clermont-Ferrand starb, ist eine plausible Annahme, aber keine gesicherte Tatsache.

 

So lückenhaft seine Biographie im Einzelnen auch ist, das Gesamtbild ist dennoch erstaunlich klar. Bouzignac war ein südfranzösisch geprägter Kirchenmusiker, der mehrere bedeutende Kathedral- und Kollegiatkirchenstellen innehatte, als Musikmeister mit der Ausbildung von Chorknaben betraut war und sich zugleich im geistlichen Stand bewegte. Seine Karriere war nicht die eines höfischen Repräsentationskomponisten, sondern die eines hochqualifizierten, offenbar gefragten Kirchenmusikers, der in verschiedenen Städten wirkte und sich innerhalb des französischen Kathedralwesens einen Namen machte. Dass seine Lebensdaten nur bruchstückhaft fassbar sind, ist weniger Ausdruck von Bedeutungslosigkeit als vielmehr ein typisches Problem der Überlieferung: Viele Musiker dieser Zeit sind nicht durch gedruckte Selbstdarstellung, sondern nur durch Kapitelakten, Pfründennachweise und vereinzelte Erwähnungen greifbar.

 

Hinzu kommt, dass Bouzignacs zeitgenössischer Ruf offenbar deutlich größer war, als man heute vermuten würde. Obwohl zu seinen Lebzeiten nichts gedruckt wurde, überschritt seine Bekanntheit doch die Grenzen der Städte, in denen er tätig war. Er wird von Marin Mersenne und Annibal Gantez genannt, also von zwei Autoren, die für das französische Musikleben des 17. Jahrhunderts keineswegs belanglos sind. In der französischen Darstellung heißt es ausdrücklich, er sei zu Lebzeiten als „ein sehr fähiger Meister“ angesehen worden, auf einer Stufe mit Namen wie Antoine Boësset oder Henri Frémart. Das ist ein starkes Indiz dafür, dass Bouzignac im Urteil seiner Zeitgenossen keineswegs als Provinzrandfigur galt.


Noch wichtiger als die bruchstückhafte Biographie ist vielleicht das Bild, das sich aus seiner Musik ergibt. Selbst wenn die sichere Zuschreibung vieler Werke problematisch ist, zeigt die überlieferte Musik doch eine Persönlichkeit von eigenem Profil. Bouzignacs Stil wird als dramatisch, beweglich und ausgesprochen textbezogen beschrieben. Doppelchörigkeit, wechselnde Besetzungen, lebendige Dialogstrukturen, rhythmische Zuspitzungen und markante Gegensätze zwischen Soli und Tutti verleihen seinen geistlichen Werken eine szenische Kraft, die weit über routinierte Kathedralmusik hinausweist. In dieser Hinsicht erscheint er als ein Komponist an der Schwelle zwischen älterer polyphoner Tradition und barocker Ausdrucksintensität. Gerade deshalb ist sein Name für die Geschichte der französischen Sakralmusik so interessant: Er steht für eine Entwicklungsphase, in der das Wort in der Musik zunehmend dramatisch ausgedeutet und nicht mehr nur kontrapunktisch umspielt wird.

 

Man darf Guillaume Bouzignac daher mit gutem Recht als einen schwer zu fassenden, aber höchst bemerkenswerten Vertreter der französischen Kirchenmusik in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts ansehen. Sein Leben ist nicht in allen Stationen rekonstruierbar, doch die Konturen sind deutlich genug, um seine Bedeutung zu erkennen: Ausbildung im südfranzösischen Kathedralmilieu, mehrere verantwortliche Ämter als Musikmeister, nachweisbarer Priesterstatus, Anerkennung durch Zeitgenossen und eine Musik, die in ihrer dramatischen und sprachbezogenen Gestaltung auffallend modern wirkt. Gerade weil seine Biographie Lücken aufweist, gewinnt jede gesicherte Nachricht besonderes Gewicht.

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Werkbestand Guillaume Bouzignacs

 

Der überlieferte Werkbestand Guillaume Bouzignacs ist nicht einfach in einer einzigen Liste zu fassen. Jean Duron (* 1952) ist ein bedeutender französischer Musikwissenschaftler, der sich auf die französische Musik des Barock des 17. und 18. Jahrhunderts spezialisiert hat; im Katalog des Centre de musique baroque de Versailles hat er ausdrücklich darauf hingewiesen, dass das Œuvre Bouzignacs zu den umstrittensten Fällen der französischen Musik des frühen 17. Jahrhunderts gehört. Der Grund liegt darin, dass nur ein kleiner Kernbestand den Komponisten in den Quellen ausdrücklich nennt, während zahlreiche weitere Stücke ihm später aus stilistischen Gründen zugeschrieben wurden. Für eine brauchbare und wissenschaftlich saubere Übersicht empfiehlt sich daher eine klare Trennung zwischen gesicherten Werken, Zuschreibungen im Recueil Deslauriers, Zuschreibungen im Manuskript von Tours und anonymen Werken, die später unter seinem Namen veröffentlicht wurden.

 

Der sichere Kern umfasst nach Duron elf Werke. Diese elf Stücke sind die einzige wirklich feste Grundlage für ein authentisches Werkverzeichnis. Darunter befinden sich neun geistliche Kompositionen und zwei weltliche Airs de cour. Gerade diese beiden weltlichen Stücke müssen ausdrücklich mitgenannt werden, da sie in manchen sekundären Zusammenstellungen leicht übersehen werden, im Katalog aber eindeutig zum gesicherten Bestand gehören.

 

I. Gesicherte und weltliche Werke

 

Dieser erste Block enthält die Werke, in denen Bouzignacs Name in den Quellen ausdrücklich erscheint. Er bildet den eigentlichen Kern seines Œuvres und sollte in jeder knappen oder populären Übersicht an erster Stelle stehen.

 

Geistliche Werke:

 

Assumpta est Maria
Dum silentium tenerent omnia
Ecce festivitas amoris
Ego vox clamantis
En flamma divini amoris
Iesu ubertate domus tuae
Noe pastores canticum novum
O mors, ero mors tua
Prima lamentationum Ieremiae prophetae

 

Weltliche Werke / Airs de cour:

 

Que douce est la violence
Quel espoir de guérir

 

Der zweite Block betrifft Zuschreibungen Denise Launays im Recueil Deslauriers. Diese Stücke sind nicht sicher, aber musikhistorisch sehr wichtig, weil sie zeigen, wie stark Bouzignacs Stil auf die Forschung gewirkt hat. Launay unterschied selbst zwischen plausibleren und zweifelhafteren Zuschreibungen; im Katalog sind diese Fälle mit einem oder zwei Sternchen gekennzeichnet. Für ein praktisches Gerüst genügt es jedoch meist, die Werke als „zugeschrieben“ zu führen, ohne die Liste zusätzlich mit editorischen Zeichen zu überladen.

 

II. Zugeschriebene Werke im Recueil Deslauriers

Ad arma fideles keine – Einspielung nich nachweisbar

Adiuva me Domine –  Einspielung nich nachweisbar

Ad nutum Domini – Einspielung nich nachweisbar

Ah plange filiae Ierusalem

Alleluia Deus dixit

Alleluia dicant nunc Iudaei – Einspielung nich nachweisbar

Alleluia fundite rores – Einspielung nich nachweisbar

Alleluia nova sint omnia – Einspielung nich nachweisbar

Ave cujus conceptio – Einspielung nich nachweisbar

Beatus vir qui timet – Einspielung nich nachweisbar

Benedic anima mea Domino – Einspielung nich nachweisbar

Benedicite omnia opera Domini – Einspielung nich nachweisbar

Candens flos multiplicat – Einspielung nich nachweisbar

Cantate Domino o turonenses – Einspielung nich nachweisbar

Clamant clavis clamant spinae – Einspielung nich nachweisbar

De fructu ventris tui – Einspielung nich nachweisbar

Deus dixit Abraham respondit – Einspielung nich nachweisbar

Deus propitius esto – Einspielung nich nachweisbar

Dixit Dominus Domino meo – Einspielung nich nachweisbar

Domine salvum... nunc benediceres te

Ducitur turma nobilis – Einspielung nich nachweisbar

Ecco mirabile ecco Mariae – Einspielung nich nachweisbar

Ego flos campi et lilium convallium – Einspielung nich nachweisbar

Ex ore infantium perfecisti laudem

Fasciculus myrrhae amoris Iesu – Einspielung nich nachweisbar

Gaudeamus omnes in die assumptionis – Einspielung nich nachweisbar

Gloria laus et honor tibi – Einspielung nich nachweisbar

Gloriosa dicta sunt – Einspielung nich nachweisbar

Ignis vibrante lumine – Einspielung nich nachweisbar

Infantium vidimus – Einspielung nich nachweisbar

Invocabo nomen tuum – Einspielung nich nachweisbar

Irruerunt in me fortes – Einspielung nich nachweisbar

Iesus nova fecit omnia – Einspielung nich nachweisbar

Iubilate Deo... servite

Lauda Ierusalem Dominum – Einspielung nich nachweisbar

Lauda Sion salvatorem – Einspielung nich nachweisbar

Magnificat anima mea – Einspielung nich nachweisbar

Miles mirae probitatis – Einspielung nich nachweisbar

Missa duarum vocum – Einspielung nich nachweisbar

Missa quinque vocibus – Einspielung nich nachweisbar

Missa septem vocibus – Einspielung nich nachweisbar

Motet Cantate sur La Rochelle – unvollständig

O quam gloriosus es – Einspielung nich nachweisbar

Omnes gentes... adorate Deum – Einspielung nich nachweisbar

Omnes gentes... subjecit Galliam – Einspielung nich nachweisbar

Osculetur me osculo oris sui – Einspielung nich nachweisbar

Popule meus quid feci tibi – Einspielung nich nachweisbar

Praesulum chorus in translatione – Einspielung nich nachweisbar

Quaeram quem diligit anima mea – Einspielung nich nachweisbar

Quare fremuerunt Iudaei – Einspielung nich nachweisbar

Quomodo sedet sola – Einspielung nich nachweisbar

Regnum mundi et omnem ornatum – Einspielung nich nachweisbar

Rorate caeli desuper – Einspielung nich nachweisbar

Sacrae Caecilides sacram Caeciliam – Einspielung nich nachweisbar

Salve Iesu piissime

Sicut laetantium... habitatio – Einspielung nich nachweisbar

Solem iustitiae regem – Einspielung nich nachweisbar

Spargite flores filii crucis – Einspielung nich nachweisbar

Stirps Iesse virgam produxit – Einspielung nich nachweisbar

Tota pulchra es amica

Vidi turbam magnam – Einspielung nich nachweisbar

Visitat Maria Elisabeth – Einspielung nich nachweisbar

 

Der dritte Block ist von anderer Art. Hier geht es nicht mehr um Handschriftenzuschreibungen, sondern um anonyme Werke, die später unter Bouzignacs Namen veröffentlicht wurden. Duron weist ausdrücklich darauf hin, dass diese Publikationen die gesicherten Werke nicht betreffen und dass viele dieser Zuschreibungen problematisch sind. Für eine streng wissenschaftliche Darstellung ist dieser Abschnitt eher nur ein kritischer Anhang als Teil des eigentlichen Werkverzeichnisses.

 

III. Später unter Bouzignacs Namen veröffentlichte, aber nicht sicher authentische Werke

 

Alleluia! Venite amici
Alleluya! Fundite rores
Ave cujus conceptio
Ave Maria
Beati mortui
Clamant clavi
Ecce aurora
Ecce homo
Ecce, Maria, navis de longe
Ego gaudebo in Domino
Flos in floris tempore
Ha! Plange filia Ierusalem
Heureux séjour de Parthénisse I
Heureux séjour de Parthénisse II
Hodie, cum gaudio
In pace in idipsum
Iubilate Deo
Messe à sept voix
Omnium sanctorum
Quaeram quem diligit
Regina coeli
Ruisseau qui cours...
Salve Iesu piissime
Senex puerum portabat
Stella refulget
Te Deum laudamus
Tota pulchra es
Unus ex vobis
Virgo Dei genitrix
Vulnerasti cor meum

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Zum Werkbestand Guillaume Bouzignacs

Assumpta est Maria 

 

Guillaume Bouzignacs Motette Assumpta est Maria gehört zu den gesicherten Werken des Komponisten und ist im CMBV-Katalog als Motette GBc.7 verzeichnet. Sie ist für das Marienfest bestimmt, ausdrücklich mit der Assumptio verbunden, steht im modalen d und ist als doppelchörige Komposition für zwei vierstimmige Chöre überliefert; eine Generalbassbegleitung ist nur ad libitum vorgesehen. Die erhaltenen Quellen stammen aus dem Umfeld von Notre-Dame-des-Victoires in Paris und sind Abschriften aus der Zeit um 1660–1670.

 

Das Werk ist besonders interessant, weil es nicht einfach nur den knappen liturgischen Antiphonentext vertont, sondern ihn erweitert. Der traditionelle Kern lautet: „Assumpta est Maria in caelum, gaudent angeli, laudantes benedicunt Dominum“; genau dieser Wortlaut ist als Antiphon zum Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel in der liturgischen Überlieferung belegt. Bouzignac belässt es jedoch nicht dabei, sondern fügt weitere marianisch gedeutete Texte ein, darunter Wendungen wie „Quam pulchra es amica mea“ und „Favus distillans labia tua sponsa“, die aus dem Hohenlied stammen und in der christlichen Tradition seit langem auf Maria bezogen wurden. Dadurch gewinnt die Motette eine deutlich reichere poetische und geistliche Dimension, als es die bloße Antiphon allein hätte.

 

Gerade darin zeigt sich Bouzignacs Eigenart sehr schön. Jean Duron bemerkt ausdrücklich, dass die gesicherten Werke Bouzignacs keineswegs alle denselben Stiltyp vertreten und dass Assumpta est Maria gerade nicht zu jenen Stücken gehört, die man vorschnell nach spektakulären dramatischen Merkmalen definieren würde. Das ist ein wichtiger Hinweis. Die Motette lebt also nicht in erster Linie von szenischer Zuspitzung oder dialogischer Dramatik, sondern von einer feierlichen, marianisch verklärten Klangsprache. Die doppelchörige Anlage deutet dennoch auf räumliche Wirkung, auf klangliche Staffelung und auf eine liturgische Festlichkeit hin, die dem Hochfest Mariä Himmelfahrt vollkommen entspricht.

 

Inhaltlich entfaltet die Komposition ein Bild Mariens, das zwischen Triumph, Schönheit und Liebesmystik schwebt. Der eröffnende Satz „Assumpta est Maria in caelum“ stellt den eigentlichen Festgedanken vor Augen: Maria ist in den Himmel aufgenommen, und die Engel jubeln. Darauf folgen keine nüchternen dogmatischen Aussagen, sondern poetische Bilder. Maria erscheint als makellose Braut, deren Schönheit und Reinheit hervorgehoben werden; ihre Lippen werden mit triefendem Honig verglichen, ein Bild süßer, überströmender Gnade; schließlich erklingt die Sprache der Liebessehnsucht: „quia amore langueo“. Das alles verleiht dem Werk jenen typisch frühbarocken Zug, in dem liturgische Feier, biblische Bildsprache und affektvolle Innerlichkeit miteinander verschmelzen. Die Motette ist damit nicht nur eine Festmusik zur Assumptio, sondern zugleich eine kunstvolle marianische Meditation.

 

Musikalisch darf man sich diese Komposition daher nicht als schwerfälliges repräsentatives Prunkstück vorstellen, sondern eher als ein Werk von leuchtender Feierlichkeit. Die beiden Chöre ermöglichen Kontrast, Echo, Antwort und Verdichtung. Auch ohne hier in ungesicherte Detailbehauptungen über den Notentext auszuweichen, lässt sich sagen, dass die Anlage des Stücks auf klangliche Gliederung und auf eine festlich gegliederte Textausdeutung zielt. Gerade die Wiederkehr des Satzes „Assumpta est Maria in caelum“ dürfte dabei als musikalischer Angelpunkt gewirkt haben: als triumphaler Ruf, als liturgische Bekräftigung und als klangliches Zentrum der ganzen Motette. Die Komposition gehört damit zu den Werken Bouzignacs, in denen die französische geistliche Musik des frühen 17. Jahrhunderts bereits deutlich in Richtung barocker Farbigkeit weist, ohne den liturgischen Ernst preiszugeben. Die Verbindung von Antiphon, Hohenlied-Sprache und doppelchöriger Festlichkeit macht Assumpta est Maria zu einer besonders schönen und charakteristischen Marienmotette ihres Komponisten.

 

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https://www.youtube.com/watch?v=nS6r_9_WpqI 

 

Lateinischer Text

 

Assumpta est Maria in caelum,

gaudent angeli laudantes benedicunt Dominum.

Quam pulchra es amica mea et macula non est in te.

Assumpta est Maria in caelum.

Favus distillans labia tua sponsa,

mel et lac sub lingua tua et macula non est in te.

In te filiae Ierusalem si inveneritis

Dilectum meum ut nuntietis ei quia amore langueo.

Assumpta est Maria in caelum,

laudantes benedicunt Dominum.

 

Deutsche Übersetzung

 

Maria ist in den Himmel aufgenommen worden,

die Engel freuen sich, loben und preisen den Herrn.

Wie schön bist du, meine Freundin, und kein Makel ist an dir.

Maria ist in den Himmel aufgenommen worden.

Honigseim träufeln deine Lippen, Braut,

Honig und Milch sind unter deiner Zunge, und kein Makel ist an dir.

Wenn ihr meinen Geliebten findet, ihr Töchter Jerusalems,

so meldet ihm, dass ich vor Liebe krank bin.

Maria ist in den Himmel aufgenommen worden,

lobend preisen sie den Herrn.

 

Der Vers „In te filiae Ierusalem si inveneritis / Dilectum meum…“ wirkt in dieser Form wie eine textliche Anpassung an die bekannte Hohenlied-Stelle „Adiuro vos, filiae Ierusalem, si inveneritis dilectum meum, ut nuntietis ei quia amore langueo.“ Der Sinn ist aber eindeutig derselbe: die sehnsüchtige Bitte an die Töchter Jerusalems, dem Geliebten eine Botschaft zu bringen.

 

CD Vorschlag

 

Le vœu de Louis XIII, Les Pages & les Chantres du Centre de musique baroque de Versailles, Les Symphonistes, Leitung Olivier Schneebeli (* 1953), Alpha, 2005, Track 1. 

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Assumpta est Maria

Dum silentium tenerent omnia 

 

Guillaume Bouzignacs Dum silentium tenerent omnia gehört zu den gesicherten Werken des Komponisten und wird im Katalog des Centre de musique baroque de Versailles als GBc.03 geführt. Überliefert ist die Motette in zwei wichtigen Handschriften, im Recueil de Tours und im Recueil Deslauriers; in der zweiten Quelle erscheint am Schluss ausdrücklich der Name „G. Bouzignac“. Die Komposition ist für sechs Stimmen gesetzt, also für ein Ensemble mit geteilten Oberstimmen und vier Männerstimmen, und Jean Duron beschreibt sie ausdrücklich als ein dialogisches Motett, in dem dem Chor der Hirten die Stimme des Erzengels Gabriel gegenübersteht.

 

Gerade diese dialogische Anlage macht das Werk besonders reizvoll. Es handelt sich nicht um eine rein kontemplative Weihnachtsmotette, sondern um eine kleine geistliche Szene, fast schon um eine frühe „histoire sacrée“, in der das biblische Geschehen gleichsam lebendig vor den Hörer tritt. Der Engel spricht, die Hirten fragen dazwischen, der Bericht wird von kurzen Ausrufen und Reaktionen unterbrochen, und am Ende weitet sich die Szene zum Lobgesang des himmlischen Heeres. Dadurch entsteht nicht bloß eine Vertonung heiliger Worte, sondern ein musikalisch gestaltetes Geschehen mit dramatischer Bewegung und klarer Rollenverteilung. Genau darin zeigt sich Bouzignacs besondere Begabung: Er denkt nicht nur in kontrapunktischen Linien, sondern in Szenen, Stimmen und Affekten.

 

Der Text ist ein anonymer Cento, also ein aus verschiedenen biblischen und paraphrasierten Elementen zusammengesetzter Text. Der Anfang „Dum silentium tenerent omnia et nox in suo cursu iter haberet“ stammt aus dem Buch der Weisheit 18,14; Jean Duron weist darauf hin, dass dieser Vers liturgisch mit dem Fest der Verkündigung verbunden ist. Die eigentliche Erzählung des Engels an die Hirten folgt dann jedoch dem Lukasevangelium, vor allem Lk 2,1, 2,8, 2,10 sowie 2,13–14, wenn auch in freier, dramatisch zugespitzter Form. Hinzu kommen Schlussrufe, die nicht mehr direkt biblisch sind, sondern vom anonymen Dichter stammen und der Motette einen aktuell-politischen Beiklang geben.

 

Gerade diese Mischung ist charakteristisch. Bouzignac – oder genauer gesagt der Verfasser des Textes, den Bouzignac vertont – verbindet den feierlich-mystischen Anfang mit einer fast theatralischen Weihnachtsverkündigung. Zuerst herrscht nächtliche Stille, dann erscheint Christus gleichsam aus königlichen Höhen, anschließend tritt Gabriel in die Szene, und die Hirten reagieren mit staunenden Fragen: „Wer ist das?“ – „Was?“ – „Welcher?“ – „Wann?“ – „Wo?“. Diese Abfolge kurzer Zurufe verleiht der Motette eine unmittelbare Lebendigkeit. Das ist keine distanzierte Nacherzählung, sondern hörbar gemachtes Erstaunen. Der Zuhörer erlebt die Geburt Christi nicht aus der Perspektive späterer theologischer Reflexion, sondern in der Spannung des Augenblicks.

 

Musikalisch dürfte gerade dieser Wechsel von erzählenden, ausrufenden und antwortenden Abschnitten die Komposition geprägt haben. Jean Duron betont, dass Gabriel und die Hirten einander gegenübergestellt werden können, sogar räumlich getrennt, etwa indem man den Engel auf einer Empore positioniert. Schon diese Bemerkung zeigt, wie sehr das Werk auf klangliche Dramatisierung und szenische Wirkung angelegt ist. Bouzignac gehört überhaupt zu jenen französischen Komponisten des frühen 17. Jahrhunderts, die in der geistlichen Musik neue Ausdrucksformen erproben: nicht nur lineare Polyphonie, sondern sprechende Musik, bewegte Reaktion, lebendige Deklamation. Dum silentium tenerent omnia ist dafür ein besonders schönes Beispiel.

 

Hinzu kommt ein historisch aufschlussreicher Schluss. In der Tours-Handschrift steht die Formel „Pax pro principe Henrico“, die sich nach Duron wahrscheinlich auf Henri II de Montmorency (1595–1632) bezieht, Gouverneur des Languedoc. Die polemische Wendung „Pax hæreticis? Non!“ könnte nach Duron sogar auf die Kämpfe gegen die Protestanten und die Ereignisse von 1621–1622 anspielen. Dadurch erhält die Motette einen deutlich zeitgebundenen Akzent: Der himmlische Friedensgesang wird nicht abstrakt verstanden, sondern in die religiös-politische Wirklichkeit Frankreichs hineingesprochen. In der zweiten Quelle wurde dieser Bezug später verändert; dort steht statt des Prinzen Henri „Pax pro inclito Vitali“, wohl mit Bezug auf Vital de Lestang, den Bischof von Carcassonne. Solche Varianten zeigen, dass die Motette nicht nur liturgisch, sondern auch lokal und aktuell gebraucht wurde.

 

Gerade darin liegt ein großer Teil der Faszination des Werkes. Dum silentium tenerent omnia verbindet mehrere Ebenen auf einmal: den geheimnisvollen nächtlichen Anfang aus dem Buch der Weisheit, die Weihnachtsgeschichte des Lukasevangeliums, das dramatische Fragen der Hirten, den Jubel der Engel und schließlich einen in die Gegenwart hineingesprochenen Friedenswunsch. So entsteht eine Komposition, die zugleich meditativ, festlich und lebendig-szenisch ist. Sie zeigt Bouzignac als Meister einer geistlichen Musik, die nicht bloß fromm illustriert, sondern das Heilsgeschehen gleichsam vor Augen und Ohren stellt. Gerade deswegen gehört diese Motette zu den eindrucksvollsten Zeugnissen seiner Kunst.

https://www.youtube.com/watch?v=c0SurYzXnDU&list=OLAK5uy_kxFI0yu1O-Jl8CstFIDdDULQdzX95GFBM&index=1 

 

Lateinischer Text

 

Dum silentium tenerent omnia

et nox in suo cursu iter haberet;

apparuit Jesus,

a regalibus sedibus venit.

 

Exiit edictum a Cæsare Augusto,

ut describeretur universus orbis.

 

Tunc silentium.

 

Gabriel!

 

Pastores noctis vigilias agentes:

 

Gabriel ad pastores ait:

 

Quis est hoc?

Pastores.

 

Vox clamat de cælo.

 

Pastores.

Quis est hoc?

Nolite timere.

 

O vox dulcis et consolatrix!

 

Annuntio vobis:

Quæ?

Gaudium magnum:

Quale?

Natus est vobis:

Quis?

Salvator:

Quando?

Hodie.

Ubi?

In Bethleem Iudæ civitate David.

 

Facta est cum angelo multitudo cælestis

laudantium et dicentium:

Gloria in altissimis Deo et in terra!

 

Pax pro papa nostro et in terra!

Pax pro rege nostro et in terra!

Pax pro principe Henrico.

Pax hæreticis? Non!

sed hominibus bonæ voluntatis!

 

Deutsche Übersetzung

 

Als tiefes Schweigen über allem lag

und die Nacht ihren Lauf durchmaß,

erschien Jesus;

aus königlichem Thronbereich kam er herab.

 

Es erging ein Befehl des Kaisers Augustus,

dass der ganze Erdkreis gezählt werde.

 

Da war Stille.

 

Gabriel!

 

Die Hirten hielten in der Nacht Wache.

 

Gabriel sprach zu den Hirten:

 

Wer ist das?

Hirten.

 

Eine Stimme ruft vom Himmel.

 

Hirten.

Wer ist das?

Fürchtet euch nicht.

 

O süße und tröstliche Stimme!

 

Ich verkünde euch:

Was?

Eine große Freude:

Welche?

Euch ist geboren:

Wer?

Der Heiland:

Wann?

Heute.

Wo?

In Bethlehem in Judäa, der Stadt Davids.

 

Und sogleich war bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen,

die Gott lobten und sprachen:

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden!

 

Friede für unseren Papst und auf Erden!

Friede für unseren König und auf Erden!

Friede für den Fürsten Henri!

Friede den Häretikern? Nein!

Sondern den Menschen guten Willens!

 

Der überlieferte Text schwankt in Einzelheiten zwischen den Quellen, und einige Wendungen sind keine reine Bibelzitierung, sondern Teil des lateinischen Centos. Gerade diese Mischung aus biblischem Wort, freier Dramatisierung und zeitgebundener Anrufung macht den Text so eigenartig und zugleich so charakteristisch für Bouzignacs geistliche Kunst.

 

CD Vorschkag

 

Guillaume Bouzignac, Motetten, Sächsisches Vocalensemble, Leitung Matthias Jung (* 1964), TACET Musikproduktion (auch als Super Audio CD erhältlich), 2007 / 2020, Track 1:

https://www.youtube.com/watch?v=c0SurYzXnDU&list=OLAK5uy_kxFI0yu1O-Jl8CstFIDdDULQdzX95GFBM&index=1 

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Dum silentium tenerent omnia

Ecce festivitas amoris

 

Guillaume Bouzignacs Ecce festivitas amoris gehört zu den gesicherten Werken des Komponisten und wird im CMBV-Katalog als GBc.4 geführt. Die Motette ist für fünf Stimmen gesetzt (SSATB) und in den beiden Hauptquellen, dem Recueil de Tours und dem Recueil Deslauriers, überliefert. Im Katalog wird sie als Motette zu Marienfesten eingeordnet; zugleich bezeichnet Jean Duron (*1952), der bedeutende französische Musikwissenschaftler und Spezialist für die französische Musik des 17. und 18. Jahrhunderts, das Stück in seiner Werkbeschreibung ausdrücklich als ein „Motet en l’honneur de l’Eucharistie et de la Passion“, also als eine Motette zu Ehren der Eucharistie und der Passion. Gerade diese doppelte Deutungsmöglichkeit macht das Werk besonders interessant.

 

Schon der Text zeigt, dass es sich um eine ungewöhnlich verdichtete geistliche Meditation handelt. Bouzignac vertont hier keinen fortlaufenden Bibelabschnitt, sondern einen knappen, stark rhetorisch gebauten lateinischen Text, der gegensätzliche Empfindungen zusammenführt: Festfreude und Passionserinnerung, Liebe und Schmerz, Süße und Bitterkeit, Staunen und Schweigen. Gerade diese Antithesen machen den inneren Reiz des Werkes aus. Die Motette beginnt mit dem Ausruf „Ecce festivitas amoris“ – „Siehe, das Fest der Liebe“ –, stellt diesem aber sofort die „memoria passionis“, das Gedächtnis des Leidens, zur Seite. Damit ist der geistliche Kern bereits ausgesprochen: Die christliche Feier ist Freude, aber eine Freude, die niemals vom Leiden Christi getrennt werden kann.

 

Inhaltlich bewegt sich die Komposition damit in einem für das frühe 17. Jahrhundert sehr charakteristischen Spannungsfeld. Das Werk betrachtet das Heilsgeschehen nicht rein dogmatisch, sondern affektiv und meditativ. Der Gläubige feiert, erinnert sich aber zugleich an die Passion; er verkostet die Süße der göttlichen Liebe und erschrickt doch vor der Bitterkeit des Leidens. Gerade Wendungen wie „O amor, o dolor“, „O mel dulce“ und „O lactuca amara“ geben dem Text einen fast emblematischen Charakter. Das sind keine nüchternen liturgischen Formeln, sondern kurze, eindringliche Bilder, die wie geistliche Ausrufe wirken. In ihnen zeigt sich Bouzignacs besondere Nähe zu einer Musik, die das Wort nicht bloß schmückt, sondern innerlich zuspitzt.

 

Musikalisch ist Ecce festivitas amoris zwar kleiner dimensioniert als manche großräumigen Dialogmotetten Bouzignacs, aber gerade in der Kürze liegt seine Wirkung. Der Text ist knapp, die Gegensätze sind scharf, und daraus ergibt sich eine konzentrierte, stark rhetorische Anlage. Ein CD-Rezensent hat gerade bei diesem Stück auf den starken Kontrast zwischen den Textteilen hingewiesen, besonders in der Gegenüberstellung von „dies laetitiae“ und den leidensbezogenen Wendungen. Auch ohne jedes Detail der Partitur zu überdehnen, lässt sich sagen: Bouzignac formt hier aus wenigen Worten eine geistliche Miniatur von großer Intensität. Das Werk wirkt nicht wie eine ausgedehnte liturgische Zeremonie, sondern eher wie eine kurze, dichte Betrachtung vor dem Mysterium von Eucharistie und Passion.

 

Besonders schön ist der Schlussgedanke des Textes: „Haec admiratio non parit verbum, sed silentium“ – „Dieses Staunen bringt kein Wort hervor, sondern Schweigen.“ Damit endet die Motette nicht in äußerem Jubel, sondern in einer Art ehrfürchtiger Erstarrung. Genau darin liegt ihre geistliche Qualität. Die Feier der Liebe Christi und die Erinnerung an sein Leiden führen zuletzt nicht zu Redseligkeit, sondern zu einem Schweigen, das mehr sagt als Worte. Dieser Schluss gehört zu den eindrucksvollsten Formulierungen im gesamten sicheren Werkbestand Bouzignacs und macht die Motette zu einem besonders feinen Beispiel seiner geistlichen Ausdruckskunst.

https://www.youtube.com/watch?v=MaDPUBVvwy8 

 

Lateinischer Text

 

Ecce festivitas amoris,

ergo dies laetitiae

et lacrimarum.

 

Datur corpus Christi,

ergo dies laetitiae.

 

Recolimus poenas,

ecce memoria passionis.

 

O amor, o dolor,

pavesco, stupesco.

 

Ecce dies laetitiae,

o mel dulce,

ecce memoria passionis.

 

O lactuca amara.

 

Haec admiratio non parit verbum,

sed silentium.

 

Ecce festivitas amoris,

ecce memoria passionis.

 

Deutsche Übersetzung

 

Siehe, das Fest der Liebe,

also ein Tag der Freude

und der Tränen.

 

Der Leib Christi wird gegeben,

also ein Tag der Freude.

 

Wir gedenken der Leiden,

siehe, das Gedächtnis der Passion.

 

O Liebe, o Schmerz,

ich erschauere, ich erstarre vor Staunen.

 

Siehe, der Tag der Freude,

o süßer Honig,

siehe, das Gedächtnis der Passion.

 

O bitterer Lattich.

 

Dieses Staunen bringt kein Wort hervor,

sondern Schweigen.

 

Siehe, das Fest der Liebe,

siehe, das Gedächtnis der Passion.

 

Die Wendung „o lactuca amara“ wirkt auf den ersten Blick überraschend. Sie gehört gerade zu jenen barocken Bildern, die Süße und Bitterkeit sinnfällig nebeneinanderstellen. Deshalb habe ich „lactuca“ wörtlich mit „Lattich“ wiedergegeben; sinngemäß steht das Bild hier für das Bittere des Leidens im Kontrast zur Süße göttlicher Liebe.

 

Die Wendung „o lactuca amara“ wirkt auf den ersten Blick überraschend. Sie gehört gerade zu jenen barocken Bildern, die Süße und Bitterkeit sinnfällig nebeneinanderstellen. Deshalb habe ich „lactuca“ wörtlich mit „Lattich“ wiedergegeben; sinngemäß steht das Bild hier für das Bittere des Leidens im Kontrast zur Süße göttlicher Liebe.

 

CD Vorschlag

 

Guillaume Bouzignac, Te Deum, Motets, Les Arts Florissants, Les Pages de la Chapelle, Leitung  William Christie (* 1944), harmonia mundi, 2020, Track 1:

 

https://www.youtube.com/watch?v=fVdWcViLy84&list=OLAK5uy_n-QtoiU2MAImsHu0dp58Z5QMxdADaJZ6A&index=1 

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Ecce festivitas amoris

Ego vox clamantis 

 

Ego vox clamantis gehört zu den wenigen Werken Guillaume Bouzignacs, deren Zuschreibung als gesichert gelten kann. Im Katalog des Centre de musique baroque de Versailles wird die Motette von Jean Duron (* 1952), dem bedeutenden französischen Musikwissenschaftler und Spezialisten für die französische Musik des 17. und 18. Jahrhunderts, unter der Nummer GBc.008 geführt. Überliefert ist sie als fünfstimmige Motette in der Pariser Handschrift F-Pn, ms lat. 16830, einer Abschrift aus dem Umfeld von Notre-Dame-des-Victoires aus der Zeit um 1660–1670.

 

Der Text führt unmittelbar in die Welt Johannes des Täufers. Sein Ausgangspunkt ist das biblische Wort „Ego vox clamantis in deserto“ – „Ich bin die Stimme eines Rufenden in der Wüste“. Daran schließt sich eine Folge knapper Fragen und Antworten an: ob Johannes Elias sei, ob er der Prophet sei, wer er überhaupt sei und warum er taufe. Der Text gestaltet sich also nicht als ruhige fortlaufende Erzählung, sondern als eine Reihe von Rede, Gegenrede und Selbstbestimmung. Gerade darin liegt seine geistliche Spannung. Johannes erscheint nicht als Mittelpunkt um seiner selbst willen, sondern ganz aus seiner Sendung heraus: Er ist nicht Christus, nicht Elias, nicht der Prophet, sondern die Stimme, die den Weg für den Kommenden bereitet.

 

Inhaltlich besitzt die Motette eine bemerkenswerte Klarheit. Die Würde des Täufers liegt nicht in einer eigenen Erhöhung, sondern in seiner konsequenten Verweisung auf den, der nach ihm kommt. Er weist jede falsche Zuschreibung zurück und bestimmt sich allein durch seinen Auftrag. So gewinnt der Text eine beinahe asketische Strenge. Alles Nebensächliche fällt weg; zurück bleibt nur der Ruf, den Weg des Herrn zu bereiten. Diese Konzentration verleiht der Motette ihre innere Kraft.

 

Zugleich ist der Text stark rhetorisch gegliedert. Die kurzen Einwürfe „Helias es tu? – Non!“, „Propheta es tu? – Non!“, „Tu quis es? – Non sum Christus!“ schaffen scharfe Einschnitte, die eine musikalische Zuspitzung geradezu nahelegen. Bouzignac behandelt den Text hier nicht als bloßes Material für kontrapunktische Arbeit, sondern als lebendige, in sich bewegte Sprache. Das Werk gehört damit zu jenen Motetten, in denen seine besondere Begabung für prägnante, sprechende und geistlich eindringliche Form sichtbar wird. Diese Wirkung lässt sich aus der überlieferten Frage-Antwort-Struktur und der knappen Textanlage nachvollziehen; sie ist also eine Interpretation, die sich eng an den Text hält.

 

Von besonderem Gewicht ist der Schluss. Der Ruf „Parate viam Domino“ und die Mahnung „Rectas facite semitas Dei nostri, o peccatores“ lenken alles auf Vorbereitung, Umkehr und innere Bereitschaft. Dadurch erhält die Motette einen deutlich adventlichen und bußorientierten Charakter. Johannes ist hier nicht bloß eine historische Gestalt aus dem Evangelium, sondern Prediger an die Gegenwart: Der Weg Gottes soll bereitet, seine Pfade sollen gerade gemacht werden. Gerade diese Verbindung von biblischer Szene und unmittelbarer geistlicher Anrede macht das Werk so eindringlich.

 

So erscheint Ego vox clamantis als eine Motette von großer Konzentration und Klarheit. Sie gehört nicht in den Bereich der Passion, sondern in die Sphäre der Wegbereitung, der Buße und des prophetischen Zeugnisses. In wenigen Worten und scharf gegliederten Redeformen entfaltet sich eine geistliche Aussage, die ebenso schlicht wie eindrucksvoll ist. Gerade weil das Werk auf alles Überflüssige verzichtet, gewinnt es eine besondere Schärfe und Autorität.

 

Lateinischer Text

 

Ego vox clamantis in deserto:

parate viam Domino.

 

Ego vox clamantis in deserto.

 

Helias es tu?

Non!

 

Propheta es tu?

Non!

 

Tu quis es?

Non sum Christus!

 

Quid dicis de te ipso?

Ego vox clamantis in deserto.

 

Quid ergo baptizas,

si tu non es Christus,

neque Helias, neque propheta?

 

Ego vox clamantis in deserto:

parate viam Domino.

 

Rectas facite semitas Dei nostri, o peccatores.

 

Ego vox clamantis in deserto.

 

Deutsche Übersetzung

 

Ich bin die Stimme eines Rufenden in der Wüste:

Bereitet dem Herrn den Weg.

 

Ich bin die Stimme eines Rufenden in der Wüste.

 

Bist du Elias?

Nein!

 

Bist du der Prophet?

Nein!

 

Wer bist du?

Ich bin nicht Christus!

 

Was sagst du von dir selbst?

Ich bin die Stimme eines Rufenden in der Wüste.

 

Warum taufst du also,

wenn du nicht Christus bist,

weder Elias noch der Prophet?

 

Ich bin die Stimme eines Rufenden in der Wüste:

Bereitet dem Herrn den Weg.

 

Macht gerade die Pfade unseres Gottes, o Sünder.

 

Ich bin die Stimme eines Rufenden in der Wüste.

 

Der Kern des Textes beruht klar auf Johannes 1,19–23; die Schlusswendung „Rectas facite semitas Dei nostri, o peccatores“ ist in dieser Form jedoch bereits eine freie geistliche Zuspitzung und nicht einfach ein wörtliches Bibelzitat. Gerade solche Erweiterungen verstärken die pastorale und bußbezogene Wirkung der Motette.

 

Obwohl die Motette Ego vox clamantis als gesichertes Werk Bouzignacs überliefert ist, konnte bisher.

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Ego vox clamantis

En flamma divini amoris

 

En flamma divini amoris gehört zu den gesicherten Werken Guillaume Bouzignacs und wird im Katalog des Centre de musique baroque de Versailles als GBc.02 geführt. Die Motett ist in zwei zentralen Handschriften überliefert, im Recueil de Tours und im Recueil Deslauriers; in der zweiten Quelle steht am Ende ausdrücklich der Name „Bouzignac“, was die Zuschreibung absichert. Liturgisch ist das Werk für die Karwoche bestimmt und für einen sechsstimmigen Chor gesetzt, mit zwei Oberstimmen und vier Männerstimmen.

 

Schon der Titel verdient einen kurzen Hinweis. Im Katalog und in der neueren CMBV-Dokumentation heißt das Werk En flamma divini amoris. Dass im Internet oder in älteren Hinweisen auch die Form „O! flamma divini amoris“ begegnet, ist erklärbar: Jean Duron verweist selbst auf ältere bibliographische Nachweise von Denise Launay unter dieser Form. Das spricht eher für eine spätere oder editorische Titelvariante als für ein anderes Werk. Der überlieferte eigentliche Textbeginn lautet jedoch „En flamma divini amoris“, und unter diesem Incipit wird das Motett heute im CMBV-Katalog geführt.

 

Inhaltlich ist das Stück eine außerordentlich dichte und kunstvolle Passionsmeditation. Jean Duron bezeichnet den Text als einen anonymen Cento, also ein aus verschiedenen Quellen zusammengesetztes Gebilde von freier dichterischer Erfindung. Biblische Wendungen, patristische Anklänge und sogar gelehrte literarische Entlehnungen werden hier zu einem neuen Ganzen verbunden. Das Werk gehört damit nicht zu den schlichten liturgischen Standardmotetten, sondern zu jenen geistlichen Kompositionen, in denen sich Frömmigkeit, Gelehrsamkeit und dramatischer Ausdruck miteinander verbinden.

 

Der geistige Mittelpunkt der Komposition ist die Betrachtung des leidenden Christus unter dem Bild des göttlichen Liebesfeuers. Schon der Eingang „En flamma divini amoris“ macht klar, dass die Passion nicht nur als Leidensgeschichte, sondern als höchster Ausdruck göttlicher Liebe verstanden wird. Der Text fragt erschüttert: „Jesu, quis te vulneravit? quis te crudeliter cædit?“ – „Jesus, wer hat dich verwundet? wer schlägt dich so grausam?“ Zugleich erscheint die Antwort nicht als bloße Anklage gegen die Peiniger, sondern als geistliche Deutung: Christus stirbt „propter iniquos“, um der Schuldigen willen. So verbindet das Stück Klage, Mitleid und theologische Auslegung zu einer einzigen Bewegung.

 

Besonders eindrucksvoll ist die zweite Hälfte der Motette, in der die Mutter Jesu direkt in die Szene einbezogen wird. Der Ruf „Ha! moreris, Jesu! ha! moreris, fili!“ verleiht dem Werk einen fast szenischen Charakter. Maria erscheint nicht als fernes Symbol, sondern als leidende Mutter, deren Schmerz unmittelbar hörbar wird. Gerade hierin zeigt sich eine für Bouzignacs geistliches Umfeld charakteristische Ausdrucksform: Die Passion wird nicht bloß erzählt, sondern in einer Folge von Ausrufen, Fragen und Antworten innerlich durchlebt. Das Werk gehört damit zu jener frühbarocken Religiosität, die das Heilsgeschehen im Modus des Mitleidens und Mitfühlens erschließt.

 

Zugleich besitzt der Text eine bemerkenswerte geistige Raffinesse. Duron weist darauf hin, dass Wendungen wie „Amor est medicina doloris“ oder „Jungamus flammas flammis et ignes ignibus“ aus einem gelehrten literarischen Umfeld stammen und den Text weit über eine bloße Andachtsformel hinausheben. Gerade diese Mischung aus gelehrter Sprache und affektiver Dringlichkeit macht den Reiz der Motette aus. Sie ist nicht schlicht volkstümlich, aber auch nicht abstrakt; vielmehr verbindet sie gebildete poetische Form mit unmittelbarer religiöser Ergriffenheit.

 

Musikalisch lässt die sechsstimmige Anlage auf einen vollen, farbigen Chorklang schließen, der den Wechsel zwischen klagenden Rufen, fragenden Einschnitten und meditativen Verdichtungen besonders wirkungsvoll tragen konnte. Schon die Textgestalt legt eine stark gegliederte, rhetorisch sensible Vertonung nahe. Die wiederkehrende Formel „En flamma divini amoris“ wirkt dabei wie ein geistliches Leitmotiv: Sie fasst das Leiden Christi nicht nur als Schmerz, sondern als brennende Offenbarung göttlicher Liebe zusammen. Gerade dadurch gewinnt die Motette ihre eigentümliche Größe.

https://www.youtube.com/watch?v=yLDG4ZpNE2U&list=OLAK5uy_kxFI0yu1O-Jl8CstFIDdDULQdzX95GFBM&index=20 

 

So erscheint En flamma divini amoris als ein besonders schönes Beispiel für Bouzignacs Kunst: geistlich tief, poetisch anspruchsvoll und von starker innerer Bewegung. Das Werk betrachtet die Passion nicht nur unter dem Gesichtspunkt des Leidens, sondern als Mysterium der Liebe, das Schmerz, Mitgefühl und Erlösung in einem einzigen Bild vereinigt. Es gehört damit zu den eindrucksvollsten Passionsstücken seines gesicherten Werkbestands.

 

Lateinischer Text

 

Prima pars

 

En flamma divini amoris.

Iesu, quis te vulneravit? quis te crudeliter cædit?

Flamma.

Iungamus flammas flammis et ignes ignibus.

Hei mi, deficit anima mea.

Moreris Iesu propter iniquos.

En flamma divini amoris.

Ha! moreris, Iesu! ha! moreris, fili!

 

Secunda pars

 

Mater, morior pro filiis.

Quomodo vulneratus?

Amor est medicina doloris.

Jungamus flammas flammis et ignes ignibus.

Ha! moreris, Jesu!

Quid plangis, mater?

Ha! moreris, fili!

Mater cesset lachrymari!

Jungamus flammas flammis et ignes ignibus.

Quis amarum fel et durum acetum dedit?

Flamma divini amoris.

 

Deutsche Übersetzung

 

Erster Teil

 

Siehe, die Flamme der göttlichen Liebe.

Jesus, wer hat dich verwundet? Wer schlägt dich so grausam?

O Flamme!

Vereinen wir Flammen mit Flammen und Feuer mit Feuern.

Wehe mir, meine Seele vergeht.

Du stirbst, Jesus, um der Frevler willen.

Siehe, die Flamme der göttlichen Liebe.

Ach, du stirbst, Jesus! Ach, du stirbst, mein Sohn!

 

Zweiter Teil

 

Mutter, ich sterbe für die Kinder.

Wie bist du verwundet worden?

Die Liebe ist das Heilmittel des Schmerzes.

Vereinen wir Flammen mit Flammen und Feuer mit Feuern.

Ach, du stirbst, Jesus!

Warum klagst du, Mutter?

Ach, du stirbst, mein Sohn!

Die Mutter soll aufhören zu weinen!

Vereinen wir Flammen mit Flammen und Feuer mit Feuern.

Wer hat dir diese bittere Galle und den herben Essig gereicht?

O Flamme der göttlichen Liebe!

 

Die Formel „O flamma divini amoris“ ist als Ausruf im Text selbst durchaus naheliegend, während das eigentliche überlieferte Incipit des Werkes En flamma divini amoris lautet. Darum sollte man für Werkverzeichnis und Überschrift am besten die CMBV-Form En flamma divini amoris verwenden und höchstens ergänzen: ältere Titelvariante: O flamma divini amoris.

 

CD Vorschlag

 

Guillaume Bouzignac, Motetten,  Sächsisches Vocalensemble, Leitung Matthias Jung (* 1964), TACET, 2007 / 2020, Track 20:

 

https://www.youtube.com/watch?v=yLDG4ZpNE2U&list=OLAK5uy_kxFI0yu1O-Jl8CstFIDdDULQdzX95GFBM&index=20 

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En flamma divini amoris

Iesu ubertate domus tuae 

 

Iesu ubertate domus tuae gehört zu den gesicherten Motetten Guillaume Bouzignacs und wird im Katalog des Centre de musique baroque de Versailles als GBc.5 geführt. Die Zuschreibung ist hier besonders interessant, weil das Werk im Recueil Deslauriers sowohl durch den Titel bei Sébastien de Brossard als auch durch den Kopisten am Schluss Bouzignac zugeschrieben wird; zugleich war dort zunächst auch der Name Gaydon notiert und später gestrichen. Jean Duron weist ausdrücklich auf diese doppelte Spur hin, hält das Motett aber in seinem Katalog unter Bouzignacs Namen fest. Überliefert ist es als fünfstimmige Komposition für einen Chor mit einer Knabenstimme und vier Männerstimmen; liturgisch ordnet Duron es der Karwoche zu.

 

Textlich handelt es sich nicht um eine einfache Bibelvertonung, sondern um einen anonymen Cento, also um einen aus verschiedenen geistlichen Formeln zusammengesetzten Text. Duron erklärt ausdrücklich, dass sich das Stück auf Passionslitaneien stützt, mit kleineren Veränderungen wie Umstellungen und Zusätzen; die Anfangswendung sei zudem von Psalm 35,9 inspiriert. Damit steht das Werk in jener frommen Tradition, in der Jesus in einer Reihe von Anrufungen und Ehrenbezeichnungen angerufen wird. Gerade dadurch erhält die Motette einen litaneiartigen, beschwörenden Charakter: Nicht die Erzählung eines Geschehens steht im Mittelpunkt, sondern die immer neue Benennung der Heilswürde Christi.

 

Der geistliche Gedanke der Komposition ist besonders schön. Schon die erste Zeile, „Iesu, ubertate domus tuae omnes sanctos inebrians“, zeichnet Christus als den, der alle Heiligen durch den Überfluss seines Hauses gleichsam berauscht oder erfüllt. Das ist ein Bild großer Fülle und Gnade. Darauf folgen weitere Anrufungen: Christus ist die Freude der Engel, der König der Patriarchen, der Inspirator der Propheten, der Meister der Apostel, der Lehrer der Evangelisten, die Stärke der Märtyrer, das Licht der Bekenner und die Reinheit der Jungfrauen. So entsteht eine geistliche Hierarchie der Heiligen, die in Christus ihren Ursprung und ihre Vollendung hat. Das Werk ist damit keine Passionsklage im engen Sinn, sondern eine feierliche Christuslitanei, in der die ganze Kirche und alle Stände der Heiligkeit auf ihn hingeordnet erscheinen.

 

Gerade in dieser Form liegt die Wirkung der Motette. Die wiederkehrende Bitte „miserere nobis“ gibt dem Stück einen liturgischen Atem, während die dazwischen stehenden Ehrennamen den Text immer weiter ausfalten. Das Werk dürfte daher nicht als dramatische Szene gewirkt haben, sondern eher als eine konzentrierte, feierliche Anrufung von großer innerer Ruhe und Würde. Die musikalische Anlage für fünf Stimmen passt gut zu einem solchen Charakter: nicht monumental im doppelchörigen Sinn, aber reich genug, um den Wechsel zwischen Bitte und Preisung farbig zu gestalten. Diese Deutung ist eine eng am Text orientierte Interpretation; der Katalog selbst beschreibt vor allem Quellenlage, Besetzung und Textbasis.

 

Besonders bemerkenswert ist, dass Bouzignac oder sein Textdichter Christus nicht nur in einzelnen biblischen Bildern anspricht, sondern ihn in Beziehung zur gesamten Heilsgeschichte setzt. Patriarchen, Propheten, Apostel, Evangelisten, Märtyrer, Bekenner und Jungfrauen werden gewissermaßen in einer geistlichen Prozession aufgerufen. Christus ist der Ursprung ihrer Würde, die Kraft ihres Zeugnisses und die Quelle ihrer Reinheit. Dadurch gewinnt das kurze Werk eine große Spannweite: von der himmlischen Welt der Engel bis zur Kirche der Heiligen auf Erden. Gerade diese Weite gibt der Motette ihre schöne, ruhige Größe.

 

So erscheint Jesu ubertate domus tuae als eine dichte und edle Christusmotette, die litaneiartige Andacht mit theologischer Fülle verbindet. Nicht dramatische Zuspitzung, sondern Anrufung, Würde und geordnete geistliche Steigerung bestimmen ihren Charakter. Unter Bouzignacs gesicherten Werken nimmt sie damit eine besondere Stellung ein: Sie zeigt ihn nicht als Komponisten dialogischer Szenen, sondern als Gestalter einer feierlichen, in sich geschlossenen Christusverehrung.

 

Lateinischer Originaltext

 

Iesu, ubertate domus tuæ omnes sanctos inebrians,

miserere nobis.

 

Iesu, o amor, iubilum angelorum, miserere nobis.

 

Rex patriarcharum, inspirator prophetarum, miserere nobis.

 

Magister apostolorum, doctor evangelistarum.

 

Iesu, o amor, fortitudo martyrum, lumen confessorum,

puritas virginum, miserere nobis.

 

Iesu, o amor, omnes sanctos inflammans, miserere nobis.

 

 

Deutsche Übersetzung

 

Jesus, du, der du alle Heiligen durch den Überfluss deines Hauses tränkst und erfüllst,

erbarme dich unser.

 

Jesus, o Liebe, Freude der Engel, erbarme dich unser.

 

König der Patriarchen, Inspirator der Propheten, erbarme dich unser.

 

Meister der Apostel, Lehrer der Evangelisten.

 

Jesus, o Liebe, Stärke der Märtyrer, Licht der Bekenner,

Reinheit der Jungfrauen, erbarme dich unser.

 

Jesus, o Liebe, du, der du alle Heiligen entflammst, erbarme dich unser.

 

Das lateinische „inebrians“ bedeutet wörtlich „berauschend“ oder „trunken machend“; im geistlichen Zusammenhang ist damit natürlich kein irdischer Rausch gemeint, sondern die Überfülle göttlicher Gnade. In der deutschen Übersetzung habe ich deshalb zusätzlich die Sinnrichtung „tränkst und erfüllst“ mitschwingen lassen. Außerdem notiert Duron eine kleine Lesart des Deslauriers-Manuskripts: Dort steht „iubile“ statt „iubilum“.

 

Und zur Einspielung passt hier weiterhin die vorsichtige Feststellung: Eine Einspielung von Jesu ubertate domus tuae ließ sich bislang nicht verlässlich nachweisen.

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Iesu ubertate domus tuae

Noe pastores canticum novum

 

Noe pastores canticum novum gehört zu den gesicherten Werken Guillaume Bouzignacs und wird im Katalog des Centre de musique baroque de Versailles von Jean Duron (*1952), dem bedeutenden französischen Musikwissenschaftler und Spezialisten für die französische Musik des 17. und 18. Jahrhunderts, unter GBc.006 geführt. Überliefert ist das Werk in mehreren Quellen, darunter im Recueil Deslauriers und im Recueil de Tours; besonders wichtig ist, dass im Deslauriers-Manuskript am Schluss ausdrücklich „G. Bouzignac“ steht. Die Motette ist für fünf Stimmen gesetzt und gehört inhaltlich in den Bereich der Weihnacht. Duron vermerkt darüber hinaus noch einen bemerkenswerten Zusatz: Der Text war auch „pour le roi“, also in einer Weise verwendbar, die auf den König bezogen werden konnte.

 

Schon die Anlage des Stücks macht deutlich, dass hier nicht einfach ein gewöhnliches Weihnachtsmotett vorliegt. Der Text ist als Dialog zwischen Gabriel und dem Chor der Hirten gebaut. Das Werk ist zudem offenbar zweiteilig: Eine erste Partiturfassung enthält den Anfang, während eine weitere Quelle in Tours ausdrücklich auf eine „zweite Partie“ verweist. Dadurch gewinnt die Komposition fast den Charakter einer kleinen geistlichen Szene. Die Hirten rufen, Gabriel antwortet, Fragen und Gegenfragen treiben das Geschehen voran, und am Ende mündet alles in ein festliches, fast triumphierendes Noëllied. Gerade in dieser Verbindung von Motette, Dialog und weihnachtlichem Jubel zeigt sich Bouzignacs besondere Begabung für sprechende, szenisch gedachte geistliche Musik.

 

Inhaltlich beginnt das Werk mit dem typischen französischen Weihnachtsruf „Noe, noe, noe“, also mit jener Form des Noël, die nicht bloß ein Name, sondern ein jubelnder Festausruf ist. Dann folgt Gabriels Aufforderung an die Hirten, dem Herrn ein neues Lied zu singen. Schon hier verschränken sich liturgische und volkstümlichere Elemente: einerseits die Sprache des lateinischen Motetts, andererseits der unmittelbar festliche Noel-Ruf. Danach wird die nächtliche Stille beschworen: „Dum silentium tenerent omnia“ und „et nox in suo cursu iter abiret“. Diese geheimnisvolle Ruhe der Nacht bildet den Hintergrund für die Engelsbotschaft, die dann in kurzen, dramatischen Schritten entfaltet wird.

 

Gerade die erste Partie ist von großem Reiz. Gabriel verkündet, die Hirten fragen zurück, und so wird die Weihnachtsbotschaft nicht einfach erzählt, sondern im Modus des Erstaunens hörbar gemacht. Auf „Annuntio vobis…“ folgt sofort die Gegenfrage „Quis est hoc?“, auf „gaudium magnum“ das fragende „Quale?“, auf „Natus est vobis…“ die Frage „Quis?“, schließlich auf „Salvator…“ nochmals „Ubi?“. Diese knappen Wechsel verleihen dem Werk eine starke rhetorische Spannung. Die Geburt Christi erscheint hier nicht als feierlich ausgemaltes Bild, sondern als überraschende Botschaft, die in einer Folge kurzer Ausrufe und Reaktionen gleichsam vor den Hörern lebendig wird.

 

Die zweite Partie führt diese dialogische Anlage noch weiter und macht sie fast szenisch. Die Hirten rufen nach Gabriel, fragen, wo „unser Brot“ sei, wo das Kind sein Haupt hinlege, ob es sich im Palast befinde, und Gabriel antwortet jeweils knapp und eindringlich: „In Bethleem“, „Sub fano“, „Non, in stabulo“. Daraus entsteht ein bewusst zugespitzter Kontrast zwischen göttlicher Größe und irdischer Niedrigkeit. Nicht im Palast, sondern im Stall; nicht in königischem Glanz, sondern in Armut. Genau dieser Gegensatz wird dann theologisch ausgelegt: „Cur Deus factus homo? – Ut homo Deus fieret.“ Solche Formeln haben eine fast katechetische Schärfe. Sie verdichten den Sinn der Menschwerdung in kurzen, prägnanten Lehrsätzen.

 

https://www.youtube.com/watch?v=tsUa2yajNvU 

 

Hier liegt die eigentliche Besonderheit der Motette. Sie ist nicht bloß Weihnachtsjubel und nicht bloß Andacht, sondern zugleich dramatische Verkündigung und theologische Deutung. Die Fragen „Cur Deus factus homo?“, „Cur mortalis?“, „Cur humilis?“ führen unmittelbar zum Sinn der Geburt Christi: damit der Mensch vergöttlicht, unsterblich gemacht und erhöht werde. Die Musik dürfte diese dialogische Anlage mit besonderer Eindringlichkeit getragen haben, auch wenn der Katalog natürlich vor allem Text und Quellen beschreibt. Die Formulierung, das Werk sei eine kleine geistliche Szene von außergewöhnlicher Lebendigkeit, ist hier daher eine textnahe Interpretation.

 

Besonders auffällig ist der Schluss. Dort verbindet sich die heilsgeschichtliche Aussage mit einem deutlichen zeitgeschichtlichen Akzent: „Et pro Ludovico nostro, Noe triumphe.“ Das Weihnachtsgeschehen wird also in die Gegenwart des französischen Königtums hineingesprochen. Damit erklärt sich auch Durons Hinweis „Pour le roi“. Das Stück ist nicht nur für das Weihnachtsfest bestimmt, sondern zugleich auf eine politische Gegenwart hin lesbar, in der sich das Lob des neugeborenen Heilands mit Loyalitätsbekundung gegenüber dem König verbindet. Diese Verbindung von Liturgie, Drama und politischer Akzentuierung ist höchst charakteristisch für das französische 17. Jahrhundert.

 

So gehört Noe pastores canticum novum zu den faszinierendsten gesicherten Werken Bouzignacs. Die Motette verbindet Weihnachtsjubel, geheimnisvolle Nachtstimmung, dialogische Lebendigkeit, theologische Prägnanz und einen Schluss von festlicher, fast triumphaler Kraft. Sie zeigt Bouzignac als Komponisten, der geistliche Musik nicht nur als polyphone Form, sondern als lebendige Rede und dramatisches Geschehen versteht. Gerade diese Mischung aus Frömmigkeit, Unmittelbarkeit und rhetorischer Energie verleiht dem Werk seinen besonderen Reiz.

 

Lateinischer Originaltext

 

Prima pars

 

Noe, noe, noe.

Pastores, cantate Dominum canticum novum.

Noe pastores canticum novum.

Dum silentium tenerent omnia,

et nox in suo cursu iter abiret.

Gloria, gloria!

Gabriel ego sum.

Quis est?

Annuntio vobis…

Quis est hoc?

…gaudium magnum.

Quale?

Natus est vobis…

Quis?

Salvator…

Ubi?

In Bethleem JIudae.

Noe pastores canticum novum.

 

Secunda pars

 

Gabriel,

Pastores,

Gabriel,

ecce ego!

Ubi est, Pan noster?

Dixi: in Bethleem!

Ubi reclinat caput?

Sub fano.

Gabriel,

Pastores,

in palatio?

Non, in stabulo.

O bonitas!

O pietas!

Cur Deus factus homo?

Ut homo Deus fieret.

Cur mortalis?

Ut vos immortales redderet.

Cur humilis?

Ut vos elevaret.

Sic contraria contrariis curantur.

Pro sole nascente, Noe triumphe.

Pro aurora ejus, Noe triumphe.

Et pro Ludovico nostro, Noe triumphe.

 

Deutsche Übersetzung

 

Erster Teil

 

Noël, Noël, Noël.

Hirten, singt dem Herrn ein neues Lied.

Noël, Hirten, ein neues Lied.

Als tiefes Schweigen über allem lag

und die Nacht ihren Lauf vollendete,

Ehre, Ehre!

Ich bin Gabriel.

Wer ist da?

Ich verkünde euch…

Was ist das?

…eine große Freude.

Welche?

Euch ist geboren…

Wer?

Der Heiland…

Wo?

In Bethlehem in Judäa.

Noël, Hirten, ein neues Lied.

 

Zweiter Teil

 

Gabriel,

Hirten,

Gabriel,

hier bin ich!

Wo ist unser Brot?

Ich sagte: in Bethlehem!

Wo legt er sein Haupt nieder?

Unter einem Dach.

Gabriel,

Hirten,

im Palast?

Nein, im Stall.

O Güte!

O Erbarmen!

Warum wurde Gott Mensch?

Damit der Mensch Gott werde.

Warum sterblich?

Damit er euch unsterblich mache.

Warum niedrig?

Damit er euch erhöhe.

So werden Gegensätze durch Gegensätze geheilt.

Für die aufgehende Sonne: Noël, Triumph!

Für ihre Morgenröte: Noël, Triumph!

Und für unseren Ludwig: Noël, Triumph!

 

Das Wort „Noe“ ist hier nicht als Eigenname „Noah“ zu verstehen, sondern als Schreibform von „Noël“, also als weihnachtlicher Jubelruf. Ebenso ist die Wendung „Pan noster“ bewusst vieldeutig: Sie kann wörtlich „unser Brot“ bedeuten, lässt sich im weihnachtlich-christologischen Zusammenhang aber zugleich symbolisch auf Christus beziehen.

 

CD Vorschlag

 

Baroque Christmas, Music for the Nativity, Ex Cathedra, Leitung Jeffrey Skidmore (* 1951),  Musical Concepts, 2018, Track 3:

 

https://www.youtube.com/watch?v=3Ee4g4ymLDA&list=OLAK5uy_m0dO5bHFiuOP1Nf83RUiNt_6K5JiEl0mw&index=3 

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Noe pastores canticum novum

O mors, ero mors tua

 

O mors, ero mors tua gehört zu den frühesten und zugleich eindrucksvollsten gesicherten Werken Guillaume Bouzignacs. Im Katalog des Centre de musique baroque de Versailles wird die Motette von Jean Duron (*1952) unter GBc.01 geführt. Die Zuschreibung ist hier besonders wertvoll, weil die einzige Quelle das Werk nicht nur Bouzignac klar zuweist, sondern sogar den berühmten Hinweis enthält, es stamme von „M. Bouzignac / en l’aage de 17 ans / enfant de chœur / à Narbonne“. Genau deshalb besitzt die Motette nicht nur musikalischen, sondern auch biographischen Rang: Sie erscheint wie das früheste deutlich greifbare Zeugnis seines kompositorischen Talents aus der Narbonner Ausbildungszeit.

 

Überliefert ist das Stück im Recueil de Tours, Tours, Bibliothèque municipale, ms 168, Nr. t.19. Die Besetzung ist fünfstimmig und umfasst einen Dessus sowie vier Männerstimmen: haute-contre, taille, basse-taille und basse. Damit gehört die Motette nicht zu Bouzignacs späteren, großräumigeren dialogischen Szenen, sondern zu einer knappen, konzentrierten Form geistlicher Vokalmusik, deren Wirkung gerade aus der Verdichtung erwächst.

 

Der Text der Motette geht auf Osee (Hosea) 13,14 in der lateinischen Vulgata zurück und lautet in seiner ganzen Kürze: „O mors, ero mors tua; morsus tuus ero, inferne.“ Gerade diese extreme Kürze macht die Wirkung des Stücks aus. Es handelt sich nicht um eine weit ausgesponnene Meditation, sondern um ein triumphierendes Wort gegen Tod und Unterwelt. In der christlichen Deutung wurde dieser alttestamentliche Satz seit langem auf den Sieg Christi über Tod und Hölle bezogen. Der Text ist also nicht klagend, sondern kämpferisch und sieghaft. Aus wenigen Worten entsteht eine Aussage von fast monumentaler Größe.

 

Gerade darin liegt die besondere Schönheit dieser Motette. Bouzignac braucht keinen umfangreichen Text, um geistliche Wucht zu entfalten. Die direkte Anrede „O mors“ stellt den Tod selbst vor den Hörer wie ein Gegenüber; darauf folgt nicht Bitte oder Furcht, sondern das machtvolle Gegenwort: „Ich werde dein Tod sein.“ Diese Sprache besitzt etwas Herausforderndes, fast Gerichtshaftes. Das Werk wirkt deshalb weniger wie ein kontemplatives Gebet als wie ein kurzer, scharf gezeichneter Ausruf des Glaubens, in dem die Macht des Todes bereits gebrochen erscheint. Diese Deutung ist eine textnahe Interpretation; die Quellen selbst geben vor allem Titel, Besetzung und biblische Herkunft an.

 

Zugleich ist die Motette auch historisch aufschlussreich. Wenn der Vermerk im Tours-Manuskript wirklich das Alter des Komponisten beim Entstehen des Stücks nennt, dann zeigt sich hier schon in jungen Jahren jene Fähigkeit zur rhetorischen Zuspitzung, die Bouzignacs Musik so eigen macht. Das Werk ist klein im Umfang, aber keineswegs klein im Anspruch. Gerade weil es mit minimalem Textmaterial eine so starke geistliche Wirkung anstrebt, darf man es als eine der prägnantesten frühen Äußerungen seines künstlerischen Profils ansehen.

 

So erscheint O mors, ero mors tua als eine konzentrierte, dunkle und zugleich triumphierende Motette von großer Eindringlichkeit. Sie steht ganz in der Tradition einer geistlichen Musik, die das Wort nicht nur vertont, sondern ihm eine fast körperliche Präsenz verleiht. In diesem knappen Satz gegen Tod und Unterwelt wird bereits etwas von jener Ausdruckskraft spürbar, die Bouzignac zu einer so eigenartigen und faszinierenden Gestalt der französischen Musik des frühen 17. Jahrhunderts macht.

 

https://www.youtube.com/watch?v=OauV7ImgZfM 

 

Lateinischer Originaltext

 

O mors, ero mors tua;

morsus tuus ero, inferne.

 

Deutsche Übersetzung

 

O Tod, ich werde dein Tod sein;

dein Stachel werde ich sein, o Unterwelt.

 

Beide Fassungen sind sachlich vertretbar. Das lateinische „morsus“ kann im biblischen und theologischen Zusammenhang sowohl den Gedanken des Stachels als auch den der verwundenden Vernichtung tragen. Für einen flüssigen deutschen Text ist „dein Verderben“ meist schöner; für eine stärker am Wortlaut orientierte Übersetzung ist „dein Stachel“ näher am lateinischen Ausdruck.

 

Ein kleiner philologischer Hinweis ist hier sinnvoll. In liturgischen und musikalischen Quellen begegnet der Satz häufig in leicht wechselnder Zeichensetzung oder mit geringfügigen Varianten der Worttrennung, doch der Kern bleibt derselbe: „O mors, ero mors tua; morsus tuus ero, inferne.“ Für Bouzignacs Motette ist genau diese knappe Form maßgeblich.

 

CD Vorschlag

 

Guillaume Bouzignac, Te Deum, Motets, Les Arts Florissants, Les Pages de la Chapelle, Leitung  William Christie (* 1944), harmonia mundi, 2020, Track 9:

 

https://www.youtube.com/watch?v=KNP0cBJbNWY&list=OLAK5uy_n-QtoiU2MAImsHu0dp58Z5QMxdADaJZ6A&index=9 

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O mors, ero mors tua

Prima lamentationum Ieremiae prophetae

 

Prima lamentationum Ieremiae prophetae gehört zu den gesicherten Werken Guillaume Bouzignacs und wird im Katalog des Centre de musique baroque de Versailles als GBc.09 geführt. Die Zuschreibung ist hier gut abgesichert: Jean Duron vermerkt, dass die spätere Zuschreibung durch Sébastien de Brossard nicht bezweifelt werden müsse, weil der Name Bouzignac auch am Schluss des Stücks von der Hand des Kopisten steht. Überliefert ist das Werk im Recueil Deslauriers in der Pariser Bibliothèque nationale de France, Rés. Vma ms 571, fol. 48v–50. Es handelt sich um ein petit motet für drei Stimmen (C.A.T.) mit später hinzugefügtem, lückenhaftem Generalbass.

 

Textlich gehört das Werk in den Bereich des Officium Tenebrarum, also des Tenebrae-Offiziums der Karwoche. Duron bezeichnet es ausdrücklich als „première leçon aux ténèbres du mercredi saint“, also als die erste Lesung der Karmette zum Mittwoch der Karwoche. Damit steht das Stück in der Tradition jener Lamentationsvertonungen, in denen die Klagelieder des Propheten Jeremia nicht bloß gelesen, sondern in besonders eindringlicher Weise musikalisch meditiert werden. Der Text umfasst die Einleitung „Incipit lamentatio Jeremiae Prophetae“, die hebräischen Buchstaben Aleph, Beth, Ghimel, Daleth, He und die entsprechenden Verse aus dem ersten Kapitel der Klagelieder; am Ende steht der liturgische Ruf „Jerusalem, convertere ad Dominum“.

 

Inhaltlich gehört diese Komposition in einen ganz anderen geistlichen Bereich als die dialogischen Weihnachts- oder Johannes-Motetten Bouzignacs. Hier geht es nicht um Frage und Antwort, nicht um dramatische Szene und auch nicht um jubelnde Verkündigung, sondern um Klage, Verwüstung und Gericht. Die Stadt Jerusalem erscheint verlassen, entvölkert und wie eine Witwe zurückgelassen; ihre Straßen trauern, ihre Freunde haben sie verlassen, ihre Feinde sind stark geworden. Der Text ist von jener dunklen Feierlichkeit erfüllt, die den Tenebrae-Lesungen eigen ist: nicht sentimentale Trauer, sondern große, liturgisch gebundene Klage über Sünde, Strafe und Verlassenheit.

 

Gerade darin liegt die besondere Würde dieser Motette. Bouzignac vertont hier keinen freien geistlichen Cento und keine affektvoll zugespitzte Szene, sondern einen hochtraditionellen liturgischen Text von außerordentlichem Ernst. Die hebräischen Buchstaben gliedern den Text, wie es der Form der Lamentationen entspricht, und die lateinischen Verse entfalten Schritt für Schritt das Bild der verlassenen heiligen Stadt. Dadurch erhält das Werk eine feierliche, fast archaische Strenge. Seine Wirkung dürfte weniger aus äußerer Dramatik als aus innerer Sammlung, klanglicher Verdunkelung und dem Gewicht des Wortes hervorgehen. Diese Charakterisierung ist eine textnahe Deutung; der Katalog selbst nennt vor allem Gattung, liturgische Funktion, Besetzung und Überlieferung.

 

Besonders eindrucksvoll ist die geistliche Bewegung des Textes. Zunächst steht das Bild der Einsamkeit Jerusalems: die einst volkreiche Stadt sitzt nun verlassen. Dann folgen die Bilder nächtlichen Weinens, der verlorenen Freunde, der Knechtschaft Judas und der trauernden Wege Zions. Es ist eine Welt, in der alle äußere Herrlichkeit zusammengebrochen ist. Doch am Ende richtet sich alles auf den Mahnruf „Jerusalem, convertere ad Dominum“. Damit bleibt die Lamentation nicht bei bloßer Verwüstung stehen, sondern mündet in die religiöse Deutung: Klage soll zur Umkehr führen. Eben dieser Schlussruf gibt dem Werk seine liturgische und geistliche Pointe.

 

So erscheint Prima lamentationum Jeremiae prophetae als ein besonders ernstes und konzentriertes Werk innerhalb von Bouzignacs gesichertem Bestand. Die Motette steht ganz in der Tradition der Karwochenliturgie und zeigt den Komponisten nicht als Schöpfer szenischer Zuspitzung, sondern als Gestalter einer feierlichen, wortgebundenen und tief liturgischen Musik. Ihre Schönheit liegt nicht im Glanz, sondern in der Strenge; nicht in äußerer Bewegung, sondern in der klanglich getragenen Klagrede der Kirche.

 

Lateinischer Originaltext

 

Incipit lamentatio Ieremiae Prophetae.

 

ALEPH.

Quomodo sedet sola civitas plena populo? facta est quasi vidua domina gentium; princeps provinciarum facta est sub tributo.

 

BETH.

Plorans ploravit in nocte, et lacrymae ejus in maxillis ejus: non est qui consoletur eam ex omnibus charis ejus. Omnes amici ejus spreverunt eam, et facti sunt ei inimici.

 

GHIMEL.

Migravit Judas propter afflictionem et multitudinem servitutis: habitavit inter gentes, nec invenit requiem. Omnes persecutores ejus apprehenderunt eam inter angustias.

 

DALETH.

Viae Sion lugent, eo quod non sint qui veniant ad solemnitatem; omnes portae ejus destructae, sacerdotes ejus gementes, virgines ejus squalidae, et ipsa oppressa amaritudine.

 

HE.

Facti sunt hostes ejus in capite, inimici ejus locupletati sunt, quia Dominus locutus est super eam propter multitudinem iniquitatum ejus; parvuli ejus ducti sunt in captivitatem ante faciem tribulantis.

 

Ierusalem, convertere ad Dominum Deum tuum.

 

Deutsche Übersetzung

 

Beginn der Klagelieder des Propheten Jeremia

 

ALEPH.

Wie sitzt die volkreiche Stadt so einsam da! Sie ist wie eine Witwe geworden, die Herrin der Völker; die Fürstin der Provinzen ist tributpflichtig geworden.

 

BETH.

Weinend weint sie in der Nacht, und ihre Tränen sind auf ihren Wangen. Unter allen, die ihr lieb waren, ist keiner, der sie tröstet. Alle ihre Freunde haben sie verachtet und sind ihr zu Feinden geworden.

 

GHIMEL.

Juda ist ausgewandert wegen Elend und schwerer Knechtschaft; es wohnt unter den Völkern und findet keine Ruhe. Alle seine Verfolger haben es mitten in der Bedrängnis eingeholt.

 

DALETH.

Die Wege Zions trauern, weil niemand mehr zum Fest kommt; alle seine Tore sind zerstört, seine Priester seufzen, seine Jungfrauen sind voll Gram, und es selbst ist von Bitterkeit bedrückt.

 

HE.

Seine Feinde sind obenauf, seine Gegner reich geworden, denn der Herr hat über es gesprochen wegen der Menge seiner Sünden; seine Kinder wurden vor dem Bedränger her in die Gefangenschaft geführt.

 

Jerusalem, kehre um zum Herrn, deinem Gott.

 

Ein kleiner philologischer Hinweis ist hier sinnvoll. Die Form „Ghimel“ folgt der im CMBV-Katalog wiedergegebenen Schreibweise; in anderen Editionen begegnen auch Varianten wie Gimel. Der Schlussruf „Jerusalem, convertere ad Dominum Deum tuum“ gehört zur liturgischen Form der Tenebrae-Lesungen und rahmt die Klagelieder als Ruf zur Umkehr.

 

Obwohl das Werk als gesichert gilt, ließ sich bislang keine Einspielung nachweisen. 

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Prima lamentationum Ieremiae prophetae
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