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Adalbert Gyrowetz (1763 - 1850)

Der vergessene Komponist – Ruhm ohne Nachruhm

 

Adalbert Mathias Gyrowetz, tschechisch Vojtěch Matyáš Jírovec (1763–1850), gehört zu jenen Komponisten, deren Name heute nur noch am Rand des allgemeinen Musikbewusstseins erscheint, obwohl sie zu ihrer Zeit beträchtliches Ansehen genossen und im europäischen Musikleben durchaus sichtbar waren.

 

 

Er wurde am 20. Februar 1763 in Budweis geboren und am 20. Februar 1763 getauft (natus fuit hodie = er wurde heute geboren). Gesichert ist jedenfalls, dass er am 19. März 1850 in Wien starb. Schon diese kleine Unsicherheit am Beginn der Biographie ist bezeichnend: Gyrowetz gehört nicht zu jenen kanonisierten Gestalten, deren Leben bis ins Kleinste ausgeleuchtet worden ist, sondern zu den historisch bedeutsamen, später aber teilweise aus dem Blick geratenen Musikern der Wiener Klassik und ihrer Nachzeit.

Zur Liste der Werke

 

Gyrowetz entstammte einem musikalischen Elternhaus. Sein Vater Adalbert Gyrowetz senior (1721–1791) war Schulmeister und Chorregent in Budweis und sorgte früh für die musikalische Ausbildung des Sohnes. Dieser erhielt bereits im Kindesalter Unterricht in Gesang, Geigenspiel, Orgel und Generalbass. Damit war Gyrowetz von Anfang an nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch in die Welt der Musik eingebunden. Das erklärt einen wesentlichen Teil seiner späteren Vielseitigkeit: Er war kein einseitig auf eine Gattung festgelegter Komponist, sondern ein Musiker, der sich in Kirchenmusik, Instrumentalmusik und Theater mit bemerkenswerter Natürlichkeit bewegte.

 

Nach dem Besuch des Piaristengymnasiums in Budweis begann Gyrowetz in Prag ein Philosophie- und Jusstudium, trat jedoch noch vor dessen Abschluss als Sekretär und Musiker in die Dienste des  Johann Franz de Paula Graf von Fünfkirchen zu Chlumetz (1745–1807) auf Schloss Chlumetz. Dort trat er mit sechs Symphonien erstmals deutlicher als Komponist hervor; die Aufführungen in Brünn machten seinen Namen in einem weiteren Umkreis bekannt. Schon an diesem frühen Punkt zeigt sich ein Grundzug seiner ganzen Laufbahn: Gyrowetz war ein ausgesprochen praxisnaher Musiker, der nicht für abstrakte Nachruhmphantasien schrieb, sondern für konkrete Aufführungszusammenhänge, für reale Hörer und für ein lebendiges musikalisches Umfeld.

 

Von Brünn führte ihn sein Weg nach Wien. Dort kam er im Kreis von Franz Bernhard Ritter von Keeß  mit den wichtigsten Wiener Musikern seiner Zeit in Berührung, darunter Wolfgang Amadé Mozart (1756–1791), Joseph Haydn (1732–1809), Carl Ditters von Dittersdorf (1739–1799) und Johann Georg Albrechtsberger (1736–1809). Die ältere biographische Literatur formuliert bei der Datierung dieser Wiener Begegnung vorsichtig „1785 ?“; die Bekanntschaft mit Mozart selbst ist also gut bezeugt, auch wenn das genaue Jahr mit einer gewissen Reserve genannt werden sollte. Gerade an diesem Punkt lohnt sich Zurückhaltung: Nicht die Begegnung als solche ist fraglich, wohl aber ihre exakte zeitliche Fixierung.

 

Franz Bernhard von Keeß war einer der bedeutendsten Mäzene Wiens. Da Haydn und Mozart dort regelmäßig verkehrten, ist die Begegnung historisch gesichert. Da Gyrowetz jedoch 1786 bereits nach Italien weiterreiste, bleibt für die erste Wiener Phase nur das schmale Zeitfenster ab Ende 1784 / Anfang 1785.

 

Von Wien aus begab sich Gyrowetz nach Venedig und reiste als Sekretär des Fürsten Francesco Ruspoli, 3. Principe di Cerveteri (1752–1829 nach Rom. Dort entstanden im Winter 1786/87 seine ersten erhalten gebliebenen Streichquartette. In Rom lernte er auch Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) kennen. Anschließend ging er nach Neapel, um seine musikalische Ausbildung bei Nicola Sala (1715–1801) und Giovanni Paisiello (1740–1816) zu vervollkommnen. Diese italienischen Jahre waren für seine Entwicklung von großer Bedeutung. Sie vertieften seine Kenntnis des gesanglichen, melodisch geschmeidigen Tons und stärkten jene Bühnensicherheit, die sein späteres Opernschaffen mitprägen sollte. In Gyrowetz verbinden sich daher die Formklarheit der Wiener Klassik und eine deutliche Offenheit für das italienische Musiktheater.

 

Anfang 1789 zog er weiter nach Mailand und gelangte über Genua, Marseille, Lyon und Paris gegen Ende des Jahres nach London. Dort war er seit 1791 für die Salomon Concerts und für das Pantheon Theatre tätig und traf erneut Haydn. Dass er in diesem internationalen Konzertmilieu Fuß fassen konnte, zeigt deutlich, wie weit sein Wirkungskreis reichte. Gyrowetz war eben nicht nur ein böhmischer oder Wiener Lokalmeister, sondern ein Musiker mit europäischer Beweglichkeit. Zugleich war seine Laufbahn aber auch von Unsicherheiten begleitet: Eine für das Pantheon Theatre bestimmte Oper ging 1792 beim Brand des Theaters zugrunde, noch bevor sie zur Aufführung gelangen konnte. Solche Episoden machen anschaulich, wie sehr selbst erfolgreiche Karrieren jener Zeit von Zufällen, Verlusten und Brüchen abhingen.

 

1793 kehrte Gyrowetz über Brüssel, Paris, Berlin, Dresden und Prag nach Wien zurück. Dort trat er als Legationssekretär in den Staatsdienst ein; zugleich blieb er als Komponist und Konzertveranstalter aktiv. Die Quellen betonen, dass er mehrere Sprachen beherrschte, was seine Eignung für diplomatisch-administrative Aufgaben ebenso erklärt wie seine Beweglichkeit im europäischen Kulturraum. Diese Verbindung von staatlichem Dienst, Konzertleben und Komposition ist für sein Profil äußerst charakteristisch. Gyrowetz war kein weltabgewandter Künstler, sondern ein praktisch denkender, gesellschaftlich beweglicher Musiker, der sich in sehr unterschiedlichen Bereichen behaupten konnte.

 

Den Höhepunkt seiner Wiener Laufbahn erreichte er 1804, als er Komponist und Kapellmeister der k. k. Hoftheater wurde; diese Stellung behielt er bis 1831. Von nun an verlagerte sich das Schwergewicht seines Schaffens deutlich auf die Bühne. Opern, Singspiele, Ballette und andere weltliche Vokalwerke traten in den Vordergrund. Hier liegt auch der Grund dafür, dass die Angaben über seine Werkzahl schwanken. Je nachdem, ob man nur Opern und Singspiele oder die gesamte Bühnenproduktion zählt, fällt die Zahl unterschiedlich aus. Sicher ist jedoch, dass Gyrowetz in Wien nicht nur als Instrumentalkomponist, sondern ganz wesentlich als Mann des Theaters Erfolg hatte. Seine Tätigkeit an den Hoftheatern macht ihn zu einer zentralen Figur des Wiener Musiklebens der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts.

 

Für das Verständnis seines Werks ist die Unterscheidung zweier Schaffensperioden besonders hilfreich. In der ersten Phase, also ungefähr bis 1800, war Gyrowetz vor allem als Komponist von Symphonien, Konzerten und Kammermusik außerordentlich beliebt; diese Werke stehen im Wesentlichen im Horizont des mittleren und späten Haydn. In der zweiten Phase, besonders seit etwa 1804, traten Opern, andere weltliche Vokalwerke und die Kirchenmusik stärker in den Vordergrund. Stilistisch zeigen sich nun auch Annäherungen an Johann Nepomuk Hummel (1778–1837) und an den jungen Ludwig van Beethoven (1770–1827). Diese Einteilung ist deshalb so nützlich, weil sie nicht nur äußere Lebensstationen ordnet, sondern auch das innere künstlerische Profil Gyrowetz’ klarer erkennen lässt: zuerst der äußerst erfolgreiche Instrumentalkomponist klassischer Prägung, später der vor allem auf Bühne und Vokalmusik konzentrierte Meister einer bereits veränderten musikalischen Epoche.

 

Sein Gesamtwerk war außerordentlich umfangreich. Das Österreichische Musiklexikon spricht von rund 500 Werken verschiedener Gattungen. Dazu zählen Symphonien, Kammermusik, Kirchenmusik, Opern, Ballette und weitere Bühnenwerke. Schon diese Fülle zeigt, dass man Gyrowetz nicht gerecht wird, wenn man ihn auf einige wenige Symphonien oder Quartette reduziert. Er war ein außerordentlich produktiver Komponist mit breiter technischer Beherrschung und großer stilistischer Anpassungsfähigkeit. Gerade darin lag seine zeitgenössische Stärke. Er verstand es, für unterschiedliche Anlässe, Räume und Publikumsschichten wirkungsvoll zu schreiben. Dass ein solcher Musiker später nicht im Zentrum des Kanons blieb, sagt daher weniger über sein damaliges Niveau als über die veränderten Maßstäbe späterer Musikgeschichtsschreibung.

 

Denn Gyrowetz war zwar zu Lebzeiten erfolgreich, doch gehörte er seit den 1820er Jahren bereits zunehmend einer vergangenen Welt an. Das 19. Jahrhundert bevorzugte in seinem Geschichtsbild andere Typen von Komponisten: die heroischen Neuerer, die großen subjektiven Bekenntniskünstler, die stilgeschichtlich eindeutig herausgehobenen Genies. Für einen Musiker wie Gyrowetz, der in hohem Maße von Eleganz, Verständlichkeit, praktischer Theatertauglichkeit und stilistischer Gewandtheit lebte, blieb darin immer weniger Platz. Besonders eindringlich wird das in seiner eigenen bitteren Formulierung von 1846, er sei „geistig gestorben“. In diesem Satz verdichtet sich die Erfahrung eines Komponisten, der ein langes Leben hindurch schöpferisch tätig blieb und doch erleben musste, dass seine eigentliche Zeit bereits unwiderruflich vergangen war.

 

Gleichwohl blieb er bis ins hohe Alter tätig. Das Österreichische Musiklexikon nennt 1844 als Jahr seines letzten Konzerts in Wien; im Alter von 83 Jahren schrieb er noch seine letzte, die neunzehnte Messe, und auch später entstanden noch Lieder, darunter im Revolutionsjahr 1848 das Lied Preßfreiheit. Hinzu kommt seine Selbstbiographie, die er 1846 auf Anregung von Ludwig August Frankl (1810–1894) verfasste. Sie ist für die Forschung von großem Wert, weil sie den Blick nicht nur auf Werkzahlen und äußere Stationen lenkt, sondern auf die Selbstdeutung eines Musikers, der die Welt der Wiener Klassik, der europäischen Reisebewegung und des frühen 19. Jahrhunderts aus eigener Erfahrung überblickte.

Das Grab von Adalbert Gyrowetz im Gräberhain des Währingerparks

Quelle: Deutsche Wikipedia

Zu diesem Lebensbild gehört schließlich auch sein Begräbnisort. Gyrowetz wurde auf dem Allgemeinen Währinger Friedhof bestattet. Nachdem dieser 1923 in eine Parkanlage umgewandelt worden war, blieben ausgewählte Grabstätten in einem besonderen Gräberhain erhalten. Dort befindet sich auch das Grab von Adalbert Gyrowetz. Der heutige Währinger Park im 18. Wiener Gemeindebezirk Währing ist daher nicht nur eine spätere Grünanlage auf historischem Boden, sondern ein Ort bewahrter Erinnerung, in dem noch immer an bedeutende Persönlichkeiten des älteren Wiener Kulturlebens erinnert wird. Dass Gyrowetz dort seine letzte Ruhestätte hat, fügt seiner Biographie einen stillen, beinahe symbolischen Schluss hinzu: Ein Komponist, der einst im europäischen Musikleben weithin tätig und erfolgreich war, ist heute in einem Erinnerungsraum gegenwärtig, den man leicht übersehen könnte und der doch viel von der kulturellen Tiefenschicht Wiens bewahrt.

 

So erscheint Adalbert Mathias Gyrowetz im Rückblick als weit mehr als ein „vergessener Kleinmeister“. Er war ein bedeutender Repräsentant jener musikalischen Zwischenzone zwischen Haydn und Beethoven, zwischen Wiener Klassik, italienischer Opernwelt und frühbiedermeierlicher Theaterpraxis, ohne die das europäische Musikleben um 1800 nicht angemessen verstanden werden kann. Sein Lebensweg führt von Budweis über Prag, Wien, Rom, Neapel, Paris und London wieder zurück nach Wien; sein Werk reicht von der Symphonie bis zur Oper, von der Kammermusik bis zur Messe. Gerade diese Vielseitigkeit, diese Mobilität und diese enge Verbindung von Kunst und Praxis machen ihn historisch so interessant. Wer Gyrowetz ernst nimmt, gewinnt nicht nur das Bild eines einzelnen Komponisten zurück, sondern ein Stück der wirklichen musikalischen Welt seiner Zeit. 

Literatur

 

R. Hirsch, Gal. lebender Tondichter, 1836, S. 41 ff.;

C. F. Pohl, Haydn in London, 1867, S. 46 ff.;

W. H. Riehl, Musikal. Charakterköpfe I, ⁸1899, S. 159 ff.;

K. E. Hrobský, Vojtěch Jírovec, in: Česká hudba VIII, Kuttenberg 1902;

K. Mey, A. G. u. s. neu aufgefundene „Hans Sachs“-Oper, in: Die Musik II/3, 1903, S. 290 ff.;

A. Hnilicka, Portréty starých českých mistrů hudebních, Prag 1922, S. 94 ff.;

Vlastní životopis Vojtěcha Jírovce, přel. F. Bartos, ebd. 1940;

K. Reiber, Volk u. Oper, 1942, S. 103 f.;

A. Němec, Božský šosák, in: Bertramka II/2, Prag 1950, S. 1 ff.;

L. Boháček, Vojtěch Jírovec a dnešek, ebd., S. 4 ff.;

W. J. Murdoch, G., composer or copyist ?, in: Opera and Concert XVI/2, San Francisco 1951, S. 13 ff.;

M. Očadlík, Svět orchestru II, Prag 1953, S. 86 ff.;

H. C. R. Landon, in: MGG V, Sp. 1146-58 (W, L, P);

Riemann.

Wessely, Othmar, "Gyrowetz, Adalbert" in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 363 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119186322.html#ndbcontent  

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Liste der Werke

 

https://www.klassika.info/Komponisten/Gyrowetz/wv_gattung.html 

 

Eingespielte Kompositionen:

 

Sinfonie in C-Dur op. 6 Nr. 1

Sinfonie in Es-Dur op. 6 Nr. 2

Sinfonie in F-Dur op. 6 Nr. 3

Drei Flötenquartette op. 11 Nr. 1–3

Sinfonie in D-Dur op. 12 Nr. 1

Drei Streichquartette op. 29 Nr. 2, op. 13 Nr. 1 und op. 29 Nr. 1

Drei Streichquartette op. 42 Nr. 1–3

Grand Trio concertant op. 43

Drei Streichquartette op. 44

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Liste der Werke

Drei Streichquartette op. 42

 

Mit den drei Streichquartetten op. 42 zeigt sich Adalbert Gyrowetz als Komponist von bemerkenswerter kammermusikalischer Sicherheit. Diese Werke gehören nicht in die Kategorie bloß gefälliger Unterhaltungsmusik, sondern offenbaren einen Musiker, der Formklarheit, melodische Erfindung und feine Ensemblebalance überzeugend zu verbinden weiß. Gerade im Streichquartett, also in einer Gattung, die um 1800 als besonders anspruchsvoll galt, erweist sich Gyrowetz als Meister des ausgewogenen Satzes und des charaktervollen Tons. Die drei Quartette wurden um 1802 veröffentlicht und stehen in den Tonarten F-Dur, D-Dur und c-Moll; schon diese Anlage verrät das Bemühen um Kontrast und innere Geschlossenheit innerhalb des ganzen Opus.

 

Besonders eindrucksvoll ist dabei die Spannweite des Ausdrucks. Das Quartett op. 42 Nr. 3 in c-Moll besitzt den ernstesten und dramatischsten Zug. Mit seiner Satzfolge Allegro moderato – Andante – Allegro assai wirkt es konzentriert, energisch und zielgerichtet. Die Molltonart verleiht dem Werk von Anfang an eine andere Färbung als den beiden Schwesterwerken: weniger heiter, weniger entspannt, dafür gespannter, entschlossener und in der Wirkung gewichtiger. Es ist das Quartett des Opus, das am stärksten nach innen drängt und den Hörer sofort aufmerken lässt. Die Musik wirkt hier nicht gefällig, sondern profiliert; sie sucht nicht den dekorativen Reiz, sondern Ausdruck durch Verdichtung.

https://www.youtube.com/watch?v=vXCV_nkq834 

 

Demgegenüber erscheint op. 42 Nr. 2 in D-Dur als das offenere und lichtvollere Werk. Die Satzfolge Allegro assai – Andantino – Allegretto deutet bereits auf einen beweglicheren, freundlicheren und klassisch ausgeglicheneren Charakter hin. Hier spricht Gyrowetz mit größerer Leichtigkeit, ohne jedoch ins Belanglose abzugleiten. Gerade diese Fähigkeit, Charme und Formdisziplin zusammenzuhalten, gehört zu seinen Stärken. Das Quartett wirkt kommunikativ, durchsichtig und elegant; es entfaltet seinen Reiz weniger aus dramatischer Zuspitzung als aus kluger Proportion, natürlichem Fluss und kultivierter melodischer Arbeit.

https://www.youtube.com/watch?v=MMBbrDEaE7A 

 

Das Quartett op. 42 Nr. 1 in F-Dur bildet schließlich den ruhigeren und gesanglicheren Pol des Zyklus. Seine Sätze Allegro moderato – Adagio non tanto – Allegretto lassen eine Musik erkennen, die Wärme, Ausgeglichenheit und maßvolle Ruhe ausstrahlt. Vor allem der Mittelsatz deutet auf jene innere Gelassenheit, die Gyrowetz besonders dann erreicht, wenn er nicht auf äußeren Effekt zielt, sondern auf klangliche Noblesse und melodische Geschmeidigkeit. Gerade in solchen Momenten zeigt sich, wie sehr seine Kammermusik von stilistischer Reife lebt. Sie will nicht um jeden Preis überraschen, sondern durch Sicherheit des Tons, feinen Geschmack und geschlossene Form überzeugen.

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=-o8N-TBlidc 

 

Als Ganzes erscheint op. 42 daher als ein sorgfältig disponiertes Quartett-Opus, das innerhalb der Wiener Klassik einen sehr achtbaren Platz beanspruchen kann. Die drei Werke ergänzen einander sinnvoll: das c-Moll-Quartett bringt Ernst und Energie ein, das D-Dur-Quartett Helligkeit und Beweglichkeit, das F-Dur-Quartett Ruhe und Ausgleich. Gerade diese innere Abstufung macht den Reiz des Opus aus. Gyrowetz erweist sich hier nicht als radikaler Neuerer, wohl aber als ein Komponist von handwerklicher Autorität und stilistischer Intelligenz, dessen Quartette weit mehr Aufmerksamkeit verdienen, als sie gewöhnlich erhalten.

 

Die Einspielung mit dem Quartetto Oceano macht die Qualitäten dieser Werke sehr schön hörbar. Das Album Gyrowetz: 3 Quatuors Op. 42 erschien 2021 bei OMF und enthält die drei Quartette in einer auf YouTube zunächst etwas überraschenden, tatsächlich aber der Albumfolge entsprechenden Reihenfolge: Zuerst erklingt Nr. 3 in c-Moll, danach Nr. 2 in D-Dur und erst am Schluss Nr. 1 in F-Dur. Es handelt sich also um eine Präsentation in umgekehrter Nummernfolge, die dem Hörer das Opus nicht vom Beginn, sondern von seinem dramatischsten Punkt her erschließt. Gerade darin liegt ein besonderer Reiz dieser Veröffentlichung: Das Album setzt mit dem expressivsten Werk ein und führt dann Schritt für Schritt in hellere, ausgeglichenere Klangbereiche. So entsteht ein klug aufgebauter Spannungsbogen, der die Eigenart der drei Quartette besonders deutlich hervortreten lässt. Interpretiert werden die Werke vom Quartetto Oceano mit Shiho Hiromi und Yuki Oshika (Violinen), Go Tomono (Viola) und Takashi Kaketa (Violoncello). Die Gesamtspielzeit beträgt rund 64 Minuten.

 

CD Vorschlag

 

Adalbert Gyrowetz, Trois Quatuors op. 42, Quartetto Oceano, OMF, 2021:

https://www.youtube.com/watch?v=KqpEq801piQ&list=OLAK5uy_nOJEt-RtOLsr_bHTP7z7SXHMfQL6Vy8V8&index=1 

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Streichquartette op. 42

Sinfonie in C-Dur op. 6 Nr. 1

 

Die Sinfonie in C-Dur op. 6 Nr. 1, um 1790 komponiert, gehört eindeutig in die Welt der reifen Wiener Klassik. Schon die Tonart C-Dur deutet auf Festigkeit, Klarheit und eine gewisse repräsentative Offenheit hin. Das Werk scheint nicht auf exzentrische Originalität zu zielen, sondern auf das, was gute klassische Sinfonik im besten Sinne ausmacht: deutliche formale Gliederung, kontrastreiche Satzcharaktere und ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Energie, Kantabilität und höfisch geprägter Eleganz. Gerade in solcher Musik zeigt sich Gyrowetz als Komponist von sicherem Stilgefühl und handwerklicher Souveränität. Die viersätzige Anlage entspricht dem klassischen Typus, doch die Einzelbezeichnungen verraten bereits, dass innerhalb dieses vertrauten Rahmens auf klangliche Differenzierung und wirkungsvolle Abstufung Wert gelegt wird. Die folgende Charakterisierung ist teilweise aus Tonart, Satzfolge und Tempobezeichnungen interpretierend erschlossen

 

https://www.youtube.com/watch?v=v4vXCaxY9sM 

 

Der erste Satz, Adagio – Allegro molto, beginnt mit einer langsamen Einleitung, wie sie in der klassischen Sinfonik häufig dazu dient, den Raum zu öffnen, Spannung aufzubauen und dem nachfolgenden Hauptsatz größeres Gewicht zu verleihen. Gerade solche Einleitungen haben oft etwas Feierliches oder Erwartungsvolles; sie schaffen einen Moment des Innehaltens, bevor das eigentliche Allegro mit Nachdruck einsetzt. Das anschließende Allegro molto lässt auf einen lebhaften, entschiedenen und energisch konturierten Hauptsatz schließen. In C-Dur dürfte dieser Satz weniger dramatisch verdunkelt als vielmehr von Helligkeit, Vorwärtsdrang und klassischer Entschlossenheit geprägt sein. Man wird hier kaum romantische Innerlichkeit suchen müssen, wohl aber Profil, Bewegung und eine deutliche thematische Arbeit.

 

Besonders interessant ist der zweite Satz, Andante (con sordini). Der Zusatz con sordini – also mit Dämpfern – ist alles andere als nebensächlich. Er weist auf einen bewusst weicheren, gedämpfteren, intimeren Klang hin und lässt vermuten, dass Gyrowetz hier eine verfeinerte, fast kammermusikalische Klangfarbe suchte. Gerade in einer Sinfonie in C-Dur, deren Außensätze eher offen und kraftvoll wirken können, gewinnt ein solcher Mittelsatz besonderes Gewicht: Er schafft einen Bereich der Zurücknahme, der klanglichen Veredelung und des gesanglichen Ausdrucks. Diese Angabe verrät Sinn für Orchesterfarbe und zeigt, dass Gyrowetz nicht nur melodisch, sondern auch klanglich differenziert zu denken wusste.

 

Der dritte Satz, Minuet & Trio, führt wieder in den gesellschaftlich geordneten Raum der klassischen Sinfonie zurück. Das Menuett ist hier nicht bloß konventionelles Pflichtstück, sondern erfüllt die wichtige Funktion des Ausgleichs zwischen dem klanglich verfeinerten langsamen Satz und dem Finale. In solcher Musik liegt der Reiz oft in der Verbindung von rhythmischer Prägnanz und stilvoller Leichtigkeit. Das Trio dürfte – ganz im Geist der Zeit – einen kontrastierenden Mittelteil bieten, wahrscheinlich mit etwas gelockerterer Faktur oder veränderter Klangfarbe, bevor das Menuett zurückkehrt und die Satzsymmetrie wiederherstellt.

 

Das Finale, Allegro ma non troppo, verspricht keinen überhitzten Kehraus, sondern einen lebhaften, doch kontrollierten Abschluss. Gerade der Zusatz ma non troppo ist aufschlussreich: Die Musik soll vorandrängen, aber nicht ins Überstürzte geraten. Das passt sehr gut zu Gyrowetz, dessen Stärke eher in Stilmaß, Eleganz und sauberer Proportion zu liegen scheint als in wilden Effekten. Man darf also mit einem Finale rechnen, das Schwung besitzt, ohne die Form zu sprengen, und das die Sinfonie in hellerer, geordneter und zugleich vitaler Bewegung beschließt. Diese Art des Schlusses ist typisch für eine Ästhetik, die Temperament mit Disziplin verbindet.

 

Als Ganzes dürfte op. 6 Nr. 1 ein sehr charakteristisches Beispiel für Gyrowetz’ frühe Sinfonik sein: klassisch gebaut, klar konturiert und in den Satzcharakteren sorgfältig abgestuft. Besonders der gedämpfte Andante-Satz hebt das Werk über bloße Routine hinaus, weil er einen eigenständigen klanglichen Reiz in die Anlage einführt. So entsteht eine Sinfonie, die nicht durch revolutionäre Kühnheit, wohl aber durch Geschmack, Sicherheit und musikalische Intelligenz überzeugt. Gerade darin liegt ihr Wert: Sie zeigt Gyrowetz als Komponisten, der das klassische Idiom nicht nur beherrscht, sondern innerhalb seiner Grenzen mit feinem Gespür für Farbe und Proportion gestaltet.

 

CD Vorschlag

 

Baroque Bohemia & Beyond Vol. VII, Dittersdorff, Jírovec, Neubauer, Czech Chamber Philharmonic, Leitung Petr Chromčák (* 1957), Musical Concepts, 2015, Tracks 1 bis 4:

https://www.youtube.com/watch?v=RpD3sAyYyGM&list=OLAK5uy_kl2txiw4ofJ2JT4vsvNF5JzQxU9e2Qz8A&index=1

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Sinfonie in C-Dur op. 6 Nr. 1

Sinfonie in Es-Dur op. 6 Nr. 2

 

Die Sinfonie in Es-Dur op. 6 Nr. 2 gehört zu den frühen sinfonischen Werken Adalbert Gyrowetz’ und ist ein sehr gutes Beispiel für jene elegante, publikumswirksame, zugleich aber handwerklich solide Orchestermusik, mit der sich der Komponist im Umkreis der Wiener Klassik behauptete. Die Satzfolge lautet I. Allegro, II. Andante, III. Minuetto: Allegretto, IV. Finale: Presto. Zeitgenössische und neuere Kataloge ordnen die Sinfonie in Gyrowetz’ frühe Schaffensphase ein; im Umfeld der heute verfügbaren Einspielungen wird sie gewöhnlich in die Zeit um 1790 gestellt.

 

Schon die Wahl der Tonart Es-Dur ist bezeichnend. In der klassischen Sinfonik steht sie oft für Fülle, Festigkeit und einen leicht repräsentativen Glanz. Gyrowetz nutzt diese Anlage offenbar nicht für pathetische Überhöhung, sondern für eine Musik, die Helligkeit und Stabilität ausstrahlt. Gerade darin liegt ein wesentlicher Reiz des Werkes: Es will nicht durch revolutionäre Kühnheit überraschen, sondern durch Klarheit des Aufbaus, natürliche Melodik und einen sicheren Sinn für orchestrale Wirkung überzeugen. Dass Kritiker die Sinfonien op. 6 als „typisch klassisch“ und zugleich als besonders ansprechend in ihren hellen Allegros beschrieben haben, passt sehr gut zu diesem Werkcharakter.

https://www.youtube.com/watch?v=9J-xleGlyD8 

 

Der erste Satz, Allegro, eröffnet die Sinfonie ohne langsame Einleitung und setzt damit unmittelbar auf Bewegung und Präsenz. Das spricht für eine klare, zupackende Eröffnung, die weniger auf feierliche Vorbereitung als auf unmittelbare Energie zielt. In einer Es-Dur-Sinfonie dieser Zeit darf man hier mit einem freundlichen, offenen und durchaus selbstbewussten Hauptsatz rechnen. Gyrowetz scheint dabei jene Art von klassischer Geradlinigkeit zu bevorzugen, in der thematische Prägnanz, rhythmischer Schwung und formale Übersicht enger zusammengehören als ein individueller Exzentrizitätsanspruch. Das Werk gewinnt dadurch Profil nicht durch Übermaß, sondern durch Maß.

 

Der zweite Satz, Andante, bildet dazu den notwendigen Gegenpol. Nach dem hellen Auftakt öffnet sich hier ein Raum größerer Ruhe und sanglicher Entfaltung. Gerade in solchen langsamen Sätzen zeigt sich oft, ob ein Komponist bloß routiniert arbeitet oder ob er auch über Sinn für feine Klangabstufung und kantable Linien verfügt. Bei Gyrowetz spricht vieles für Letzteres: Seine Musik lebt nicht von dramatischer Zuspitzung, sondern von kultivierter Linienführung, angenehmer Balance und einer melodischen Sprache, die gefällig ist, ohne banal zu werden. Das Andante dürfte daher weniger Ausdruck tiefer Erschütterung als vielmehr eines noblen, ausgewogenen Innehaltens sein.

 

Mit dem Minuetto: Allegretto kehrt die Sinfonie in den geordneten, gesellschaftlich geprägten Bewegungsraum der klassischen Viersätzigkeit zurück. Das Menuett hat hier vermutlich nicht bloß dekorative Funktion, sondern sorgt für die nötige Mitte zwischen dem langsamen Satz und dem Finale. Der Zusatz Allegretto weist auf ein eher bewegtes, leichtes und nicht schwerfälliges Tempo hin. Man darf also annehmen, dass Gyrowetz auch diesen Satz nicht als derben Tanz, sondern als stilvolle, rhythmisch prägnante und gut proportionierte Zwischenstation konzipiert. Gerade in solchen Menuetten zeigt sich oft, wie souverän ein Komponist das klassische Formvokabular beherrscht.

 

Das Finale: Presto beschließt die Sinfonie mit lebhafter Entschlossenheit. Hier dürfte sich der heitere und zugkräftige Grundton des Werkes noch einmal bündeln. Wenn zeitgenössisch anmutende Charakterisierungen von Gyrowetz’ früher Sinfonik ihre Publikumswirksamkeit hervorheben, dann ist gerade ein solcher Schlusssatz dafür der wahrscheinlichste Ort: schnell, klar gebaut, wirkungsvoll und ohne unnötige Schwere. Das Finale scheint weniger auf tiefgründige Problematisierung als auf glänzende Abrundung und federnde Bewegung angelegt zu sein. Dadurch erhält die ganze Sinfonie einen überzeugenden klassischen Bogen vom frischen Anfang bis zum temperamentvollen Schluss.

 

Als Ganzes ist die Sinfonie in Es-Dur, op. 6 Nr. 2 daher kein spektakuläres Experiment, wohl aber ein äußerst respektables Werk der frühen klassischen Orchestermusik. Sie zeigt Gyrowetz als Komponisten mit sicherem Formgefühl, einem feinen Gespür für Satzcharaktere und bemerkenswerter Fähigkeit, Leichtigkeit mit Solidität zu verbinden. Gerade darin liegt ihr Wert: Diese Musik versucht nicht, größer zu erscheinen, als sie ist, sondern überzeugt durch Stil, Natürlichkeit und ein gesundes Maß an Eleganz und Energie. Eine moderne Einspielung liegt mit den London Mozart Players unter Matthias Bamert (* 1942) auf Chandos vor.

 

CD Vorschlag

 

Adalbert Gyrowetz, Symphonies, London Mozart Players, Leitung Matthias Bamert, Chandos, 2000, Tracks 1 bis 4:

https://www.youtube.com/watch?v=EYSMCVP5U9A&list=OLAK5uy_mjO0X83-Qh3r25EFk75ZgHlwdUbLsuaQA&index=1

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Sinfonie in Es-Dur op. 6 Nr. 2

Sinfonie in F-Dur op. 6 Nr. 3

 

Die Sinfonie in F-Dur op. 6 Nr. 3 gehört zu den frühen sinfonischen Werken Adalbert Gyrowetz’. Schon die Tonart F-Dur gibt der Komposition einen eigenen Charakter. In der klassischen Sinfonik steht sie oft für Wärme, Ausgeglichenheit und eine natürliche, unprätentiöse Helligkeit. Gerade bei Gyrowetz scheint das sehr gut zu passen: Diese Musik will nicht durch äußerste Kühnheit überwältigen, sondern durch gute Proportionen, melodische Klarheit und klug gesetzte Kontraste überzeugen. Die Sinfonie erscheint damit als ein Werk klassischer Reife, das seinen Reiz aus stilistischer Sicherheit und aus einer sehr kontrollierten, aber keineswegs trockenen Beweglichkeit gewinnt.

https://www.youtube.com/watch?v=PqyjMjjlUbs 

 

Der erste Satz, Allegro, eröffnet das Werk ohne langsame Einleitung und setzt damit von Anfang an auf unmittelbare Präsenz. Das spricht für einen frischen, zugänglichen und in sich klar gebauten Hauptsatz. In einer F-Dur-Sinfonie dieser Zeit darf man weniger mit dramatischer Verdüsterung rechnen als mit Offenheit, freundlicher Energie und einer gewissen Gelassenheit des Tons. Gyrowetz zeigt sich hier als Komponist, der den klassischen Sonatensatz nicht überlädt, sondern seine Wirkung aus Übersicht, thematischer Prägnanz und natürlichem Fluss entwickelt. Gerade darin liegt eine Qualität, die man leicht unterschätzt: Musik dieser Art wirkt nicht spektakulär, aber sie ist hervorragend disponiert.

 

Der zweite Satz, Andante, bildet den lyrischen Gegenpol. Nach dem belebten ersten Satz eröffnet sich hier ein ruhigerer Raum, in dem Sanglichkeit und klangliche Abrundung in den Vordergrund treten. Bei Gyrowetz sind langsame Sätze oft besonders wichtig, weil sich in ihnen sein Sinn für feine Linienführung und kultivierte Zurücknahme zeigt. Das Andante dieser Sinfonie dürfte daher weniger auf starke Affekte als auf edle Ruhe und melodische Ausgewogenheit zielen. Gerade in solcher Musik offenbart sich ein Komponist, der nicht allein auf äußere Wirkung bedacht ist, sondern das Innere der Form ebenso ernst nimmt wie ihren repräsentativen Rahmen.

 

Mit dem Minuetto. Allegretto kehrt die Sinfonie in den gesellschaftlich geordneten Bewegungsraum der klassischen Viersätzigkeit zurück. Das Tempo weist darauf hin, dass dieser Satz nicht schwer oder grob angelegt ist, sondern mit Leichtigkeit und rhythmischer Kontur geführt wird. Das Menuett erfüllt hier die wichtige Aufgabe, die Ruhe des Andante mit dem Schwung des Finales zu vermitteln. Gerade solche Sätze zeigen, ob ein Komponist Stil besitzt; denn hier entscheidet sich, ob Form zur bloßen Konvention erstarrt oder ob sie lebendig bleibt. Bei Gyrowetz spricht vieles für Letzteres: Seine Musik bewahrt auch in den konventionellsten Formen Eleganz und Beweglichkeit.

 

Das Finale, ein Rondo: Allegro vivace, bringt die Sinfonie zu einem besonders überzeugenden Abschluss. Die Bezeichnung deutet auf einen lebhaften, hellen und wirkungssicheren Schlusssatz hin, dessen Energie nicht aus dramatischer Zuspitzung, sondern aus rhythmischem Elan und wiederkehrender, gut fasslicher Gestalt erwächst. Dass Gyrowetz hier ein Rondo wählt, passt ausgezeichnet zu seiner musikalischen Sprache: Diese Form erlaubt Beweglichkeit, Wiedererkennung und eine gewisse Eleganz des Spiels, ohne dass der Satz an Geschlossenheit verliert. Der Zusatz vivace verstärkt den Eindruck eines Finales, das federnd, brillant und publikumsnah wirkt, dabei aber das klassische Maß nie überschreitet.

 

Als Ganzes ist die Sinfonie in F-Dur, op. 6 Nr. 3 ein sehr charakteristisches Werk Gyrowetz’ früher Orchesterkunst. Sie verbindet Übersichtlichkeit der Form mit feinem melodischem Reiz und einer Tongebung, die zugleich freundlich und selbstbewusst wirkt. Vielleicht ist sie gerade deshalb so gelungen, weil sie gar nicht versucht, mehr zu sein als eine ausgezeichnet gearbeitete klassische Sinfonie. Ihr Wert liegt in der Balance: in der klugen Abstufung der Sätze, in der natürlichen Eleganz des Tons und in jener musikalischen Intelligenz, die auf Übertreibung verzichten kann. Die Einspielung mit den London Mozart Players unter Matthias Bamert macht diese Qualitäten sehr schön hörbar.

 

CD Vorschlag

 

Adalbert Gyrowetz, Symphonies, London Mozart Players, Leitung Matthias Bamert, Chandos, 2000, Tracks 5 bis 8:

 

https://www.youtube.com/watch?v=H7C_VzX-ABg&list=OLAK5uy_mjO0X83-Qh3r25EFk75ZgHlwdUbLsuaQA&index=5

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Sinfonie in F-Dur op. 6 Nr. 3

Sinfonie in D-Dur op. 12 Nr. 1

 

Schon der äußere Zuschnitt dieses Werkes verrät ein gewisses Format. Die Sinfonie in D-Dur op. 12 Nr. 1 ist mit einer Dauer von knapp 26 Minuten deutlich großzügiger angelegt als die beiden zuvor besprochenen Sinfonien aus op. 6. Die überlieferte Satzfolge lautet Adagio – Allegro, Andante poco adagio, Minuetto. Allegro und Presto. In der modernen Aufnahme mit den London Mozart Players unter Matthias Bamert (* 1942) ergibt sich daraus eine Sinfonie, die nicht bloß gefällig unterhalten will, sondern in ihren Proportionen bereits einen stärkeren Anspruch erkennen lässt.

 

Was an dieser D-Dur-Sinfonie besonders auffällt, ist ihr Zug ins Repräsentative. D-Dur ist in der Musik des späten 18. Jahrhunderts oft die Tonart des Glanzes, der Offenheit und einer gewissen festlichen Entschiedenheit. Gyrowetz nutzt diese Anlage hier offenbar nicht für oberflächlichen Prunk, sondern für einen breiteren sinfonischen Atem. Man hat den Eindruck, dass das Werk weiter ausgreift, mehr Raum beansprucht und seine Gedanken mit größerer Ruhe entfaltet als die kompakteren Sinfonien des früheren Opus 6. Gerade dadurch gewinnt es ein anderes Gewicht.

https://www.youtube.com/watch?v=hsygnQ4NhK4 

 

Der erste Satz beginnt mit einer langsamen Einleitung, einem Adagio, das dem Werk sofort eine würdigere und nachdrücklichere Haltung verleiht. Eine solche Eröffnung schafft Distanz zum bloßen Konzertbeginn; sie sammelt gleichsam die Kräfte, bevor das Allegro einsetzt. In dieser Verbindung aus Einleitung und Hauptsatz zeigt sich Gyrowetz als Komponist, der den klassischen Formrahmen bewusst zu modellieren weiß. Das Allegro dürfte dann nicht einfach leichtfüßig vorüberziehen, sondern aus der vorbereiteten Spannung seinen Nachdruck beziehen. Gerade in solchen Momenten nähert sich Gyrowetz jener größeren sinfonischen Geste, die den Hörer nicht nur angenehm beschäftigt, sondern ihn in einen musikalischen Verlauf hineinzieht. Die Deutung des Ausdruckscharakters ist hier eine stilistische Einordnung auf Grundlage von Satzfolge, Tonart und Formtyp.

 

Der zweite Satz, Andante poco adagio, lässt bereits in seiner Bezeichnung erkennen, dass hier nicht bloß ein konventioneller Ruhepunkt gemeint ist. Das „poco adagio“ deutet auf ein bewusst etwas stärker getragenes Tempo, also auf eine Musik, die sich Zeit nimmt und nicht nur als höfische Zierde fungiert. Gerade darin könnte ein wesentlicher Reiz dieses Werkes liegen. Gyrowetz war kein Komponist des großen subjektiven Ausbruchs, aber er verstand es sehr wohl, lyrische Räume zu öffnen, in denen sich Melodik, Klangbalance und ruhige Würde verbinden. In einer so angelegten Sinfonie wird der langsame Satz zum inneren Schwerpunkt: nicht pathetisch, aber ernst genug, um dem Werk Tiefe zu geben.

 

Das Menuett, hier mit Allegro überschrieben, scheint ungewöhnlich energisch gedacht zu sein. Schon diese Tempobezeichnung hebt den Satz etwas aus der bloßen Konvention heraus. Man wird also nicht mit einem behäbigen Gesellschaftstanz rechnen müssen, sondern eher mit einer kräftig konturierten, rhythmisch belebten Mittellage der Sinfonie. Das passt gut zu dem insgesamt festeren Zuschnitt des Werkes. Auch hier dürfte Gyrowetz weniger auf Überraschung als auf Durchbildung setzen: Das Menuett ordnet, bündelt und bereitet zugleich den Weg für das Finale. Gerade diese Fähigkeit, innerhalb klassischer Standards lebendige Abstufungen zu schaffen, gehört zu seinen unterschätzten Stärken.

 

Das Presto am Schluss verspricht schließlich keinen bloß höflichen Ausklang, sondern einen zügigen, entschlossenen und wirkungsvollen Abschluss. Nach der breiteren Anlage der vorangehenden Sätze wirkt ein solches Finale fast wie eine notwendige Entladung der aufgebauten Spannung. Die Sinfonie endet also nicht im Nachdenken, sondern in Bewegung. Das ist klassisch gedacht, aber keineswegs mechanisch: Gerade die Verbindung aus breiter Eröffnung, getragenem langsamen Satz, energischem Menuett und schnellem Finale verleiht dem Werk ein überzeugendes dramaturgisches Profil.

 

So erscheint die Sinfonie in D-Dur, op. 12 Nr. 1 als ein Werk, in dem Gyrowetz über die gefällige Frühklassik schon ein gutes Stück hinausgeht. Er bleibt dem Stilideal der Klarheit, Ausgewogenheit und Fasslichkeit treu, denkt aber in größeren Proportionen und mit stärkerem Sinn für sinfonische Wirkung. Das Werk beansprucht mehr Raum, wirkt gewichtiger und besitzt dadurch eine andere Präsenz als manch kürzere Stücke seines frühen Repertoires. Gerade deshalb lohnt es sich, diese Sinfonie nicht nur als Beispiel eines „Mozart-Zeitgenossen“ zu hören, sondern als eigenständigen, sehr respektablen Beitrag zur Orchesterkultur um 1800.

 

CD Vorschlag

 

Adalbert Gyrowetz, Symphonies, London Mozart Players, Leitung Matthias Bamert, Chandos, 2000, Tracks 9 bis 12:

 

https://www.youtube.com/watch?v=J-q9FPTX_yk&list=OLAK5uy_mjO0X83-Qh3r25EFk75ZgHlwdUbLsuaQA&index=9

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Sinfonie in D-Dur op. 12 Nr. 1

Drei Flötenquartette op. 11 Nr. 1–3

 

Mit den drei Flötenquartetten op. 11 Nr. 1–3 betritt Adalbert Gyrowetz ein Feld, das im ausgehenden 18. Jahrhundert besonders beliebt war: die elegante, für den gehobenen privaten Musikkreis bestimmte Kammermusik mit obligater Flöte. Die Sammlung erschien 1795 bei Artaria; spätere Drucke führten dieselben Werke auch als op. 20 bei André beziehungsweise Sieber. Überliefert sind drei Quartette in D-Dur, G-Dur und C-Dur, jeweils für Flöte, Violine, Viola und Violoncello. Schon diese Disposition zeigt, dass Gyrowetz nicht an äußerer Virtuosität allein interessiert war, sondern an einer abwechslungsreichen, klanglich ausgeglichenen und melodisch ansprechenden Form der Haus- und Salonkammermusik.

 

Gerade die Besetzung ist typisch und verräterisch zugleich. Das Flötenquartett ist in dieser Zeit keine kleine Sinfonie im Taschenformat, sondern eine Gattung eigener Art: leichter, intimer und in der Klangrede beweglicher als das Streichquartett, aber doch anspruchsvoll genug, um vom Komponisten echte Balance zu verlangen. Die Flöte bringt Farbe, Helligkeit und gesangliche Beweglichkeit ein; die Streicher sorgen für Fundament, Dialog und harmonische Abrundung. Gyrowetz scheint diese Möglichkeiten sehr bewusst zu nutzen. Die zeitgenössische und moderne Rezeption beschreibt die Aufnahme des Ensemble Agora denn auch als technisch sauber, lebendig und abwechslungsreich; die Stücke selbst werden als klassische Unterhaltungsmusik auf hohem Niveau charakterisiert.

 

Das erste Flötenquartett in D-Dur besitzt mit seiner Satzfolge Allegro – Andantino – Allegretto einen hellen, offenen und klassischen Grundzug. D-Dur ist in dieser Epoche oft die Tonart des Glanzes und der freundlichen Festigkeit. Ein solches Werk eignet sich daher sehr gut als Auftakt der Sammlung: nicht schwer, nicht problematisch, sondern einladend, klar gebaut und von natürlichem Schwung getragen. Schon der Verzicht auf eine überladene Viersätzigkeit zeigt, dass Gyrowetz hier auf Prägnanz und Eleganz setzt. Der Mittelsatz mit seinem Andantino verspricht keine pathetische Tiefe, sondern eine maßvoll ruhige, gesangliche Mitte, während das abschließende Allegretto wohl eher Leichtigkeit und Beweglichkeit als brillantes Virtuosentum betont.

 

Das zweite Flötenquartett in G-Dur wirkt innerhalb des Zyklus besonders ausgeglichen. Die Folge Allegro moderato – Larghetto – Rondo ist bemerkenswert, weil sie eine sehr klassische Mischung aus Bewegtheit, lyrischem Innehalten und heiterem Abschluss bietet. Gerade das Larghetto lässt vermuten, dass Gyrowetz hier dem kantablen, weicheren Flötenton besonders viel Raum gibt. Das abschließende Rondo wiederum verweist auf eine Form, die dem Charme und der Konversationskunst dieser Gattung besonders entgegenkommt: wiederkehrende Gedanken, klare Gliederung, freundliche Übersichtlichkeit. Von allen drei Quartetten dürfte dieses Werk besonders deutlich jene kultivierte Leichtigkeit verkörpern, die Gyrowetz’ Kammermusik so anziehend macht.

https://www.youtube.com/watch?v=B8OHKyCzesQ 

 

Das dritte Flötenquartett in C-Dur rundet die Sammlung mit klassischer Klarheit und Stabilität ab. C-Dur ist in der Musik des 18. Jahrhunderts häufig die Tonart des Geraden, Überschaubaren und Grundlegenden. Auf YouTube ist für dieses Werk die dreisätzige Folge Allegro moderato – Andante – Rondo greifbar, was den Eindruck bestätigt, dass Gyrowetz auch hier auf konzentrierte Form und ausgewogene Proportion setzt. Gerade das Zusammenspiel von gemäßigtem Eröffnungssatz, ruhigem Mittelsatz und leichtem Schluss dürfte den Charakter dieses Werkes bestimmen. C-Dur erscheint hier weniger als repräsentative Festtonart denn als Ausdruck klassischer Ordnung und ungekünstelter Helligkeit.

https://www.youtube.com/watch?v=AJTtlOSPRpM 

 

Als Ganzes zeigen die Flötenquartette op. 11 Gyrowetz von einer sehr liebenswürdigen, aber keineswegs belanglosen Seite. Diese Musik lebt nicht von dramatischer Zuspitzung oder demonstrativer Tiefe, sondern von Proportion, Geschmack und melodischer Gewandtheit. Gerade darin liegt ihr besonderer Wert. Sie führt mitten in jene Musikkultur der 1790er Jahre, in der Kunst und Geselligkeit, handwerkliche Disziplin und elegante Natürlichkeit noch selbstverständlich miteinander verbunden waren. Wer Gyrowetz nur als Randfigur der Wiener Klassik wahrnimmt, kann hier entdecken, wie geschmackvoll und sicher er im Bereich der kleineren Kammermusik zu schreiben verstand.

 

Zur Einspielung lässt sich ergänzen, dass die Flötenquartette op. 11 Nr. 1–3 in einer Aufnahme des Ensemble Agora vorliegen, die bereits 1993 veröffentlicht wurde. Die Albumdaten nennen insgesamt neun Tracks; die Spielzeit beträgt rund 61 Minuten. Damit ist diese Einspielung nicht nur diskographisch wichtig, sondern auch ein sehr brauchbarer Zugang zu einer Werkgruppe, die im Konzertleben heute eher selten begegnet.

 

CD Vorschlag

 

Adalbert Gyrowetz, Three Flute Quartets, Op. 11, Nos. 1-3, Ensemble Agora, Ludger Boeckenhoff Audite Musikproduktion, 1993:

https://www.youtube.com/watch?v=muOmae2GJ1k&list=OLAK5uy_losH2C1iW3ku1FwwbCF3Z-bLSXl0PhRsU&index=1

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Flötenquartetten op. 11 Nr. 1–3
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