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William Byrd (um 1540 – 4. Juli 1623)

 

William Byrd wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit Ende 1539 oder am Anfang des Jahres 1540 geboren. Maßgeblich ist seine eigenhändige Altersangabe vom 2. Oktober 1598 („58 or there about“), die rechnerisch auf 1540 führt. Die in älteren Darstellungen genannte Jahreszahl 1543 gilt heute als weniger überzeugend. Ein gesicherter Geburtsort ist nicht dokumentiert; während frühere Traditionen Lincolnshire nannten, spricht die neuere Forschung eher für London als wahrscheinlichen Herkunftsraum, da seine Familie dort nachweisbar ist und eine Ausbildung im Umfeld der Chapel Royal oder von St Paul’s Cathedral plausibel erscheint.

 

Über seine Jugend fehlen direkte Quellen. Wahrscheinlich erhielt Byrd seine Ausbildung als Chorknabe in der Chapel Royal während der Regierungszeit von Mary I, Maria Tudor (1516–1558,  Königin von England und Irland von 1553 bis 1558), als die katholische Liturgie noch offiziell praktiziert wurde. Dort wirkte Thomas Tallis (1505–1585), dessen polyphone Tradition Byrds frühe Stilbildung prägte. Eine formelle Schülerschaft ist nicht belegt, doch die strukturelle Nähe im kontrapunktischen Denken ist evident.

 

Am 25. März 1563 trat Byrd die Stelle als Organist und Master of the Choristers an der Kathedrale von Lincoln an. Diese Position setzte nicht nur musikalische Kompetenz, sondern auch administrative Verantwortung voraus. 1568 heiratete er Juliana; mehrere Kinder sind belegt, darunter Christopher (* 1569) und Elizabeth (* 1572). Bereits in Lincoln scheint Byrds konfessionelle Bindung an den Katholizismus bestanden zu haben, auch wenn sie zunächst nicht offen in Konflikt mit seiner Stellung trat.

 

1572 wurde Byrd Gentleman of the Chapel Royal unter Elizabeth I (1533–1603, Königin von England und Irland von 1558 bis 1603). Diese Ernennung bedeutete soziale und ökonomische Absicherung. Ein Gentleman der Chapel Royal erhielt Gehalt, Hofstatus und Zugang zu politischen Netzwerken. Byrd war damit Teil des inneren kulturellen Apparates der Monarchie.

 

Am 22. Januar 1575 erhielten Byrd und Tallis ein 21-jähriges königliches Monopol für den Druck mehrstimmiger Musik sowie für den Handel mit Notenpapier. Das Privileg war wirtschaftlich weniger erfolgreich als erhofft, da der Markt für mehrstimmige lateinische Musik in England begrenzt war; dennoch markiert es Byrd als kulturpolitisch relevanten Akteur. Die Zusammenarbeit mit dem Drucker Thomas East (um 1540–1609) spielte hierbei eine zentrale Rolle.

 

Ab den späten 1570er Jahren ist Byrds katholische Zugehörigkeit in Recusancy-Akten dokumentiert. Mehrfach wurden gegen ihn oder Mitglieder seines Haushalts Geldstrafen wegen Fernbleibens vom anglikanischen Gottesdienst verhängt. Dennoch blieb Byrd im Hofdienst. Diese Konstellation erklärt sich durch Patronage- und Schutzstrukturen: Byrd stand in Verbindung mit katholisch gesinnten Adelsfamilien, darunter Kreise um die Familie Petre in Essex. Sein späterer Wohnsitz in Stondon Massey lag geografisch nahe an katholischen Netzwerken des Landadels.

 

Die Publikationsphase 1588–1591 zeigt eine bewusste Doppelstrategie. 1588 erschien Psalmes, Sonets and Songs of Sadnes and Pietie, 1589 Songs of Sundrie Natures sowie der Liber Primus Sacrarum Cantionum, 1591 der Liber Secundus Sacrarum Cantionum. Diese Drucke dokumentieren sowohl Marktanpassung als auch konfessionelle Positionierung. Im selben Jahr wurde das Manuskript My Ladye Nevells Booke datiert (11. September 1591), eine zentrale Quelle seiner Tastenmusik. In diesen Werken entwickelte Byrd eine architektonisch gedachte Variationskunst, insbesondere in Grounds wie „The Bells“ oder „Walsingham“, die strukturelle Planung über bloße Ornamentik hinaus erkennen lässt.

 

In den 1590er Jahren entstanden die drei Messen für drei, vier und fünf Stimmen. Ihre kompakte Faktur spricht für Aufführungen im privaten katholischen Rahmen, nicht für repräsentative Großliturgie. Um 1593 verlegte Byrd seinen Lebensmittelpunkt nach Stondon Massey in Essex, wo er Landbesitz erwarb und sich als wohlhabender Gentleman etablierte. Sein sozialer Status war damit deutlich über den eines reinen Hofmusikers hinausgewachsen.

 

Mit den beiden Bänden der Gradualia (1605 und 1607) schuf Byrd ein systematisch angelegtes liturgisches Werk für das katholische Proprium. Diese Sammlungen sind keine lose Motettenzusammenstellung, sondern bilden einen strukturellen Gegenentwurf zur offiziellen anglikanischen Liturgie. Die Veröffentlichung des ersten Bandes im Jahr der Pulververschwörung 1605 unterstreicht die politische Sensibilität des Projekts. Dennoch blieb Byrds Stellung stabil.

 

Nach dem Tod Elisabeths I. am 24. März 1603 blieb Byrd auch unter James I, bekannt als James VI von Schottland (war von 1603 bis 1625 König von England und Irland und von 1567 bis 1625 König von Schottland) Gentleman of the Chapel Royal. James I (1566–1625) war der erste Monarch aus dem Haus Stuart auf dem englischen Thron und vereinigte die Kronen von England und Schottland unter sich zur sogenannten „Union der Kronen“

 

1603 richtete Byrd eine Petition an den Earl of Salisbury, um die bisherige Nachsicht gegenüber seiner Recusancy zu sichern. Diese administrative Vorsicht zeigt sein politisches Bewusstsein und seine Fähigkeit, konfessionelle Überzeugung und staatsbürgerliche Loyalität zu trennen.

 

1611 erschien mit Psalmes, Songs and Sonnets sein letzter großer Druck.

 

Am 15. November 1622 setzte Byrd sein Testament auf, in dem er sich ausdrücklich zur katholischen Kirche bekannte. Er starb am 4. Juli 1623 in Stondon Massey; das Testament wurde am 13. August 1623 vor dem Prerogative Court of Canterbury bestätigt. Er wurde in der Pfarrkirche St Peter and St Paul in Stondon Massey beigesetzt. Ein zeitgenössischer Grabstein ist nicht erhalten.

 

Byrds Werk umfasst rund 470 bis 500 Kompositionen. Seine historische Bedeutung liegt in der Verbindung von liturgischer Systematik, konfessioneller Standhaftigkeit und institutioneller Stabilität innerhalb eines religiös gespaltenen Staates. Er steht am Ende der Tudor-Polyphonie und zugleich am Beginn einer eigenständigen englischen Instrumentaltradition, die Komponisten wie John Bull (1562–1628), Thomas Tomkins (1572–1656) und Orlando Gibbons (1583–1625) nachhaltig beeinflusste.

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Das Werk William Byrds gehört zu den vielschichtigsten Œuvres der europäischen Renaissance. Eine bloße Aufzählung von Messen, Motetten, Liedern und Tastenstücken wird seiner historischen Stellung nicht gerecht. Byrd war zugleich Hofmusiker, bekennender Katholik, Druckunternehmer und stilbildender Instrumentalkomponist. Sein Schaffen bewegt sich zwischen Staatskirche und Untergrundliturgie, zwischen repräsentativer Öffentlichkeit und privater Frömmigkeit, zwischen Markt und Bekenntnis.

 

Eine angemessene Ordnung seiner Werke muss daher mehr leisten als eine Gattungsübersicht. Sie muss die Spannungsfelder sichtbar machen, in denen diese Musik entstand.

 

Die Gliederung des Œuvres William Byrds nach funktionalen und historischen Gesichtspunkten

 

Zunächst ist zwischen Musik im Dienst der anglikanischen Staatsliturgie und Werken katholischer Prägung zu unterscheiden. Die Services und Anthems, entstanden im Umfeld der Chapel Royal unter Elizabeth I (1533–1603) und später James I (1566–1625), stehen im Kontext höfischer Repräsentation und offizieller Kirchenpraxis. Hier komponiert Byrd als integrierter Bestandteil des elisabethanischen Staatsapparates.

 

Demgegenüber stehen die drei Messen sowie die beiden Bände der Gradualia (1605 und 1607), die eindeutig der römisch-katholischen Liturgie zuzurechnen sind. Diese Werke sind nicht bloß geistliche Musik, sondern Ausdruck konfessioneller Identität in einem religiös gespaltenen Staat. Ihre Faktur, ihre Besetzung und ihre systematische Anlage weisen auf private Aufführungskontexte hin.

 

Eine dritte Gruppe bilden die lateinischen Motetten außerhalb geschlossener Liturgiezusammenhänge, insbesondere die Cantiones Sacrae sowie die beiden Sacrarum Cantionum-Bände von 1589 und 1591. Diese Werke stehen zwischen Hofkultur und Bekenntnis und zeigen Byrds Meisterschaft in der rhetorischen Verdichtung des Textes.

 

Daneben existiert eine umfangreiche englischsprachige Vokalmusik, veröffentlicht in den Sammlungen von 1588, 1589 und 1611. Hier tritt Byrd als Akteur eines entstehenden Musikmarktes hervor. Geistliche und weltliche Inhalte verbinden sich mit unterschiedlichen Besetzungsformen und spiegeln die kulturelle Diversität des elisabethanischen England.

 

Schließlich ist Byrds Instrumentalmusik nicht als Nebenwerk zu betrachten, sondern als zweite tragende Säule seines Schaffens. Die Tastenwerke, überliefert unter anderem im My Ladye Nevells Booke (1591) und im Fitzwilliam Virginal Book, zeigen eine architektonische Variationskunst, die die englische Virginalistentradition nachhaltig prägte. Auch die Consortmusik steht in dieser Linie und beeinflusste Komponisten wie John Bull (1562–1628) und Orlando Gibbons (1583–1625).

 

Innerhalb dieser funktionalen Gruppen lassen sich chronologische Entwicklungsphasen erkennen, doch bleibt die liturgische und kulturelle Funktion der primäre Ordnungsmaßstab.

 

Diese Struktur soll nicht katalogisieren, sondern Zusammenhänge sichtbar machen. Sie bildet das Gerüst für die folgenden Einzelanalysen, die jeweils Entstehung, Kontext, Besetzung und kompositorische Eigenart berücksichtigen.

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I. Anglikanische Liturgie und englische geistliche Werke

 

Services

Great Service

Short Service

Second Service
Third Service

Anthems

Sing joyfully unto God
O Lord, make thy servant Elizabeth
Teach me, O Lord
Arise, O Lord, why sleepest thou
Exalt thyself, O God
Hear my prayer, O Lord
Christ rising again
O God whom our offences
O God the proud are risen against me
How long shall mine enemies
Be unto me, O Lord
Come help, O God

II. Katholische Messen

 

– Mass for Three Voices

Mass for Four Voices

Mass for Five Voices

 

III. Gradualia

 

– Corpus Christi

– All Saints

– Marian Feasts

– Christmas Propers

 

IV. Lateinische Motetten (Auswahl)

 

– Cantiones Sacrae

– Sacrarum Cantionum

– Sacrarum Cantionum

– Ne irascaris Domine

– Civitas sancti tui

– Ave verum corpus

– Haec dies

 

V. Englische Lieder

 

– Psalmes, Sonets and Songs (1588)

– Songs of Sundrie Natures (1589)

– Psalmes, Songs and Sonnets (1611)

 

VI. Tastenmusik

 

1. Quellen der Überlieferung

 

1.1 My Ladye Nevells Booke (1591)

Handschriftlich überlieferte, geschlossene Sammlung von Byrd-Werken; datiert 11. September 1591.

 

1.2 Fitzwilliam Virginal Book

Große Sammelhandschrift englischer Virginalisten mit zahlreichen Byrd-Kompositionen.

 

1.3 Weitere verstreute Handschriften und Drucke

Einzelüberlieferungen außerhalb der beiden Hauptquellen.

 

2. Werktypen innerhalb der Tastenmusik

 

2.1 Variationswerke über bekannte Melodien

 

– Walsingham

– John come kiss me now

– The Carman’s Whistle

– Sellinger’s Round

 

2.2 Grounds (Bass-Ostinato-Kompositionen)

 

– The Bells

– My Ladye Nevells Grownde

– Tregian’s Ground

 

2.3 Tanzpaare

 

– Pavanen

– Galliarden

 

2.4 Fantasias

 

Freie kontrapunktische Werke ohne Tanzcharakter

 

2.5 Voluntaries

 

Wahrscheinlich für Orgel bestimmt, freier, liturgischer Charakter

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Great Service

 

Das sogenannte Great Service gehört zu den bedeutendsten und zugleich umfangreichsten Kompositionen, die William Byrd für die englische Staatskirche geschaffen hat. Im Kontext der anglikanischen Musik bezeichnet Service nicht den Gottesdienst selbst, sondern die musikalische Komposition der feststehenden Texte . Es handelt sich hier nicht um ein einzelnes Werk im modernen Sinne, sondern um einen zusammenhängenden Zyklus liturgischer Gesänge für die wichtigsten Gottesdienste der anglikanischen Tagesliturgie. Byrd vertonte dafür mehrere zentrale Texte der Matins (Morgengottesdienst), der Communion (Eucharistiefeier) und des Evensong (Abendgottesdienstes). Innerhalb seines Gesamtwerks stellt das Great Service die letzte und zugleich aufwendigste seiner vier Vertonungen der anglikanischen Liturgie dar.

 

Die Komposition entstand wahrscheinlich in den letzten Jahren des 16. Jahrhunderts. Eine wichtige Quelle bildet das sogenannte Baldwin Commonplace Book, das bis 1606 geführt wurde und bereits Teile des Werkes enthält. Noch frühere Hinweise liefert eine Handschrift aus der Kathedrale von York, die um 1597–1599 von dem Sänger John Todd angefertigt wurde und das Werk als „Mr Byrd’s new sute of service for means“ bezeichnet. Daraus lässt sich schließen, dass Byrd das Great Service vermutlich kurz nach der Veröffentlichung seiner drei lateinischen Messen (1592–1595) komponierte.

 

Das Werk umfasst Vertonungen von sieben liturgischen Gesängen:

 

Matins

Venite – „O come let us sing unto the Lord“ (Psalm 95)

Te Deum – „We praise thee, O Lord“ (Ambrosianischer Hymnus)

Benedictus – „Blessed be the Lord God of Israel“ (Lukas 1,68–79)

 

Communion

Kyrie – „Lord have mercy upon us“ (Antwortgesang auf die Zehn Gebote)

Creed – „I believe in one God, the Father almighty“

 

Evensong

Magnificat – „My soul doth magnify the Lord“ (Lukas 1,46–55)

Nunc dimittis – „Lord, now lettest thou thy servant depart in peace“ (Lukas 2,29–32)

 

Wie bei den großen anglikanischen Gottesdienstvertonungen der Zeit üblich, arbeitet Byrd mit einem Wechsel zwischen „verse“-Abschnitten (solistisch besetzten Passagen) und „full“-Abschnitten für den gesamten Chor. Diese Kontrasttechnik, die man später als Verse Anthem Style bezeichnete, erlaubt eine starke dramatische Differenzierung des Textes. Solistische Quartette oder kleinere Vokalgruppen treten aus dem Gesamtchor hervor und führen den musikalischen Diskurs, bevor der volle Chor mit klanglicher Wucht antwortet.

 

Die Besetzung besteht aus einem fünfstimmigen Chor, der in zwei gegenüberliegende Gruppen aufgeteilt ist: Decani und Cantoris – Bezeichnungen für die beiden Chorstühle in englischen Kathedralen, die sich im Kirchenraum gegenüberstehen. Die Stimmen verteilen sich auf vier Register: means (Knabenstimmen mit begrenztem Umfang), zwei contratenor-Stimmen, Tenor und Bass. Durch die räumliche Trennung der beiden Chorseiten entstehen antiphonale Effekte, die Byrd mit großer Kunst nutzt. Immer wieder kombiniert er unterschiedliche Gruppen aus beiden Chorhälften, sodass komplexe kontrapunktische Strukturen entstehen, die bis zu acht- oder gelegentlich sogar zehnstimmige Klangwirkungen hervorrufen.

 

Viele Abschnitte beginnen mit einem solistischen „verse“ für vier Stimmen, möglicherweise von Sängern vorgetragen, die im Zentrum des Chorraums standen (in medio chori). Danach setzt der volle Chor ein. Diese dramaturgische Anlage verleiht der Musik eine ausgeprägte architektonische Spannung und gehört zu den charakteristischen Merkmalen der großen englischen Gottesdienstkompositionen der elisabethanischen Epoche.

 

Stilistisch verbindet Byrd hier mehrere Elemente: kunstvollen Imitationskontrapunkt, homophone Klangblöcke für besonders gewichtige Textstellen sowie dialogische Wechsel zwischen den beiden Chorseiten. An einer Stelle greift er sogar direkt auf musikalisches Material seines Lehrers Thomas Tallis (1505–1585) zurück: Im Benedictus zitiert Byrd eine Passage aus Tallis’ gleichnamiger Vertonung.

 

Das Werk war wahrscheinlich für den Chor der Chapel Royal bestimmt, also für das königliche Hofensemble der englischen Monarchie. Dieser Chor sang bei besonders feierlichen liturgischen Anlässen und staatlichen Zeremonien, meist in der Kapelle des Whitehall-Palastes in London oder bei großen Staatsgottesdiensten in Westminster Abbey und der alten St-Paul’s-Kathedrale.

 

Anders als viele andere Werke Byrds wurde das Great Service zu seinen Lebzeiten nicht gedruckt. Seine Überlieferung verdankt sich daher mehreren verstreuten Handschriftensätzen aus englischen Kathedralarchiven sowie drei erhaltenen Orgelstimmen. Erst durch die Zusammenführung dieser Quellen gelang es der modernen Musikwissenschaft, den vollständigen Zyklus zu rekonstruieren. Eine erste Edition erschien 1923 durch den englischen Musikwissenschaftler Edmund Horace Fellowes (1870–1951), der das Werk enthusiastisch als die bedeutendste Vertonung der anglikanischen Liturgie überhaupt bezeichnete. Heute liegt eine kritischere wissenschaftliche Ausgabe von Craig Monson (* 1945) innerhalb der Byrd Edition vor.

 

Das Great Service gilt heute als eine der monumentalen Schöpfungen der englischen Renaissance. Die Verbindung aus liturgischer Würde, reicher kontrapunktischer Technik und eindrucksvoller klanglicher Architektur macht das Werk zu einem Höhepunkt der anglikanischen Kirchenmusik. Bis heute gehört es zum Repertoire englischer Kathedralchöre und wird besonders an hohen Festtagen aufgeführt.

 

Ein besonders bemerkenswerter Aspekt des Great Service liegt in der außergewöhnlichen musikalischen Konzeption, mit der William Byrd die anglikanische Liturgie gestaltet. Drei Elemente prägen den Charakter dieser Komposition in besonderer Weise und verleihen ihr eine Stellung von nahezu monumentaler Bedeutung innerhalb der englischen Kirchenmusik der Renaissance.

 

Zunächst fällt die architektonische Weite der musikalischen Anlage auf. Während viele andere Vertonungen der anglikanischen Liturgie eher knapp und funktional gehalten sind, entfaltet Byrd hier eine groß angelegte musikalische Dramaturgie. Die einzelnen Sätze – besonders Te Deum, Benedictus, Magnificat und Nunc dimittis – sind in zahlreiche Abschnitte gegliedert, die auf den Verlauf des Textes reagieren. Byrd verbindet dabei kontrapunktische Imitation, dialogische Wechsel zwischen den Chorseiten sowie blockartige homophone Passagen zu einem vielschichtigen musikalischen Gefüge. Der Hörer erlebt dadurch eine Art klangliche Architektur, die den liturgischen Text Schritt für Schritt entfaltet.

 

Ein zweites charakteristisches Merkmal ist der Wechsel zwischen solistischen und vollstimmigen Abschnitten, der für die englische Kirchenmusik der Zeit typisch ist. Byrd nutzt diesen Gegensatz jedoch mit besonderer Raffinesse. Immer wieder treten kleinere Gruppen oder einzelne Sänger aus dem Chor hervor, um wichtige Textstellen in intimer, beinahe kammermusikalischer Weise zu gestalten. Darauf antwortet der gesamte Chor mit klanglicher Fülle. Diese Technik schafft eine eindrucksvolle dramatische Spannung und lässt die Musik beinahe dialogisch wirken – ein Stilmittel, das später für die englische Kathedralmusik des 17. Jahrhunderts prägend werden sollte.

 

Ein drittes wesentliches Merkmal besteht in der klanglichen Wirkung der räumlichen Choraufstellung. In der englischen Kathedraltradition saßen die beiden Chorseiten – Decani und Cantoris – einander gegenüber. Byrd nutzt diese räumliche Situation bewusst für musikalische Effekte. Motive werden zwischen den beiden Chorseiten hin- und hergeworfen, Stimmen treten in antiphonalen Dialog, und gelegentlich verschmelzen beide Gruppen zu großflächigen kontrapunktischen Klangfeldern. Dadurch entsteht eine lebendige räumliche Klangdramaturgie, die besonders in den großen Canticles des Werkes eindrucksvoll zur Geltung kommt.

 

Gerade diese Verbindung aus liturgischer Funktion, kontrapunktischer Meisterschaft und räumlicher Klangwirkung erklärt, weshalb das Great Service von vielen Musikwissenschaftlern als eine der bedeutendsten Schöpfungen der elisabethanischen Kirchenmusik angesehen wird. Byrd gelingt hier eine Synthese aus traditioneller Polyphonie und einer neuen, stärker textbezogenen Ausdrucksweise, die den geistlichen Worten eine außergewöhnliche musikalische Präsenz verleiht. In dieser Hinsicht steht das Werk nicht nur am Höhepunkt von Byrds eigener Entwicklung, sondern zugleich an einem entscheidenden Punkt in der Geschichte der anglikanischen Kathedralmusik.

 

Liturgischer Zusammenhang

 

Bevor die einzelnen Teile von William Byrds Great Service näher betrachtet werden, ist ein kurzer Blick auf den liturgischen Zusammenhang sinnvoll. Die in diesem Werk vertonten Texte gehören zu den drei zentralen Gottesdiensten der anglikanischen Tagesliturgie – Matins, Communion und Evensong. Besonders der Begriff Venite, der den Morgengottesdienst eröffnet, bedarf einer kurzen Erklärung, da er unmittelbar aus der älteren lateinischen Liturgietradition stammt.

 

Der Begriff Matins bezeichnet den Morgengottesdienst der anglikanischen Kirche. In der englischen Reformationsliturgie des Book of Common Prayer wurden mehrere mittelalterliche Stundengebete zusammengefasst – vor allem Matutin und Laudes der katholischen Tradition. Daraus entstand ein einziger morgendlicher Gottesdienst, der schlicht Morning Prayer oder Matins genannt wird.

 

In der Praxis eines englischen Kathedralgottesdienstes des 16. und 17. Jahrhunderts bestand Matins aus mehreren festen Teilen, darunter:

 

Psalmengesang

Lesungen aus der Bibel

das Venite (Einladungspsalm)

das Te Deum oder Benedicite

das Benedictus

 

Wenn Byrd also Musik für Matins schreibt, vertont er bestimmte Abschnitte dieses Morgengottesdienstes.

 

Venite

 

Das Wort Venite ist Latein und bedeutet schlicht:

 

„Kommt!“ oder „Kommt her!“

 

Es stammt aus dem ersten Wort des Psalms 95 in der lateinischen Bibel (Venite, exsultemus Domino – „Kommt, lasst uns dem Herrn jubeln“).

 

In der anglikanischen Liturgie ist Venite der Einleitungspsalm des Morgengottesdienstes. Er lädt die Gemeinde zum gemeinsamen Gotteslob ein. Deshalb steht er normalerweise am Anfang von Matins, bevor die weiteren Canticles folgen.

 

Der Anfang lautet im Englischen:

 

“O come, let us sing unto the Lord.”

 

Kurz gesagt

 

Matins = der Morgengottesdienst der anglikanischen Kirche.

 

Venite = der Einladungspsalm (Psalm 95), der diesen Gottesdienst eröffnet.

 

CD Vorschlag

 

William Byrd, The Great Service,  The Tallis Scholars, Leitung  Peter Phillips (* 1953),  Gimell, 1987. (Die Aufnahme der Tallis Scholars enthält leider kein Kyrie):

https://www.youtube.com/watch?v=SFODhEv1X3g&list=OLAK5uy_kIjwXXUiRjJmOodq5oCO6ZxCSY_w43WpQ&index=1 

 

Interessant ist auch eine andere CD:

 

William Byrd, The Great Service & Other English Music, The Cardinall's Musick, Leitung Andrew Carwood (* 1965), Hyperion Records Limited, 2012:

https://www.youtube.com/watch?v=p2oYejCus9o&list=OLAK5uy_kRPX5z7_f-Wj7gQGktVcxa5JHMVGSAAkI&index=1 

 

MATINS

Venite – O come let us sing unto the Lord

 

(Psalm 95, nach dem Book of Common Prayer)

 

Tracks 1 bis 6 der CD:

 

https://www.youtube.com/watch?v=SFODhEv1X3g&list=OLAK5uy_kIjwXXUiRjJmOodq5oCO6ZxCSY_w43WpQ&index=1 

 

Englischer Text:

 

O come, let us sing unto the Lord:

let us heartily rejoice in the strength of our salvation.

 

Let us come before his presence with thanksgiving:

and shew ourselves glad in him with psalms.

 

For the Lord is a great God:

and a great King above all gods.

 

In his hand are all the corners of the earth:

and the strength of the hills is his also.

 

The sea is his, and he made it:

and his hands prepared the dry land.

 

O come, let us worship and fall down:

and kneel before the Lord our Maker.

 

For he is the Lord our God:

and we are the people of his pasture, and the sheep of his hand.

 

Today if ye will hear his voice, harden not your hearts:

as in the provocation, and as in the day of temptation in the wilderness;

 

When your fathers tempted me:

proved me, and saw my works.

 

Forty years long was I grieved with this generation, and said:

It is a people that do err in their hearts, for they have not known my ways.

 

Unto whom I sware in my wrath:

that they should not enter into my rest.

 

Deutsche Übersetzung

 

Kommt, lasst uns dem Herrn singen

und jubeln dem Felsen unseres Heils.

 

Lasst uns vor sein Angesicht treten mit Dank

und ihm mit Psalmen jauchzen.

 

Denn der Herr ist ein großer Gott

und ein großer König über alle Götter.

 

In seiner Hand sind die Tiefen der Erde,

und die Höhen der Berge gehören ihm.

 

Sein ist das Meer, denn er hat es gemacht,

und seine Hände haben das trockene Land bereitet.

 

Kommt, lasst uns anbeten und niederfallen

und niederknien vor dem Herrn, unserem Schöpfer.

 

Denn er ist unser Gott,

und wir sind das Volk seiner Weide und die Schafe seiner Hand.

 

Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht

wie einst bei der Auflehnung, wie am Tag der Versuchung in der Wüste,

 

als eure Väter mich versuchten,

mich prüften und doch meine Werke sahen.

 

Vierzig Jahre lang war ich über dieses Geschlecht betrübt und sprach:

Es ist ein Volk, dessen Herz in die Irre geht; meine Wege kennen sie nicht.

 

Darum schwor ich in meinem Zorn,

dass sie nicht eingehen sollen in meine Ruhe.

 

MATINS

Te Deum – We praise thee, O Lord

 

(Ambrosianischer Lobgesang)

 

Tracks

 

Englischer Text 7 bis 17 der CD:

 

https://www.youtube.com/watch?v=hTn-vufgXe4&list=OLAK5uy_kIjwXXUiRjJmOodq5oCO6ZxCSY_w43WpQ&index=7 

 

We praise thee, O God: we acknowledge thee to be the Lord.

All the earth doth worship thee: the Father everlasting.

 

To thee all Angels cry aloud: the Heavens, and all the Powers therein.

To thee Cherubin and Seraphin continually do cry,

 

Holy, Holy, Holy: Lord God of Sabaoth;

Heaven and earth are full of the Majesty of thy glory.

 

The glorious company of the Apostles: praise thee.

The goodly fellowship of the Prophets: praise thee.

The noble army of Martyrs: praise thee.

 

The holy Church throughout all the world: doth acknowledge thee;

The Father: of an infinite Majesty;

Thine honourable, true: and only Son;

Also the Holy Ghost: the Comforter.

 

Thou art the King of Glory: O Christ.

Thou art the everlasting Son: of the Father.

 

When thou tookest upon thee to deliver man:

thou didst not abhor the Virgin's womb.

 

When thou hadst overcome the sharpness of death:

thou didst open the Kingdom of Heaven to all believers.

 

Thou sittest at the right hand of God: in the glory of the Father.

We believe that thou shalt come: to be our Judge.

 

We therefore pray thee, help thy servants:

whom thou hast redeemed with thy precious blood.

 

Make them to be numbered with thy Saints: in glory everlasting.

 

O Lord, save thy people: and bless thine heritage.

Govern them: and lift them up for ever.

 

Day by day: we magnify thee;

And we worship thy Name: ever world without end.

 

Vouchsafe, O Lord: to keep us this day without sin.

O Lord, have mercy upon us: have mercy upon us.

 

O Lord, let thy mercy lighten upon us: as our trust is in thee.

O Lord, in thee have I trusted: let me never be confounded.

 

Deutsche Übersetzung

 

Dich, Gott, loben wir;

dich, Herr, bekennen wir.

 

Dich, den ewigen Vater,

verehrt die ganze Erde.

 

Dir rufen laut alle Engel zu,

die Himmel und alle Mächte darin.

 

Dir rufen Cherubim und Seraphim ohne Ende zu:

 

Heilig, heilig, heilig

ist der Herr, Gott Zebaoth.

 

Himmel und Erde sind erfüllt

von der Majestät deiner Herrlichkeit.

 

Der glorreiche Chor der Apostel lobt dich.

Die ehrwürdige Schar der Propheten lobt dich.

Das edle Heer der Märtyrer lobt dich.

 

Die heilige Kirche auf der ganzen Erde bekennt dich:

 

den Vater unermesslicher Majestät,

deinen ehrwürdigen, wahren und einzigen Sohn

und den Heiligen Geist, den Tröster.

 

Du bist der König der Herrlichkeit, Christus.

Du bist der ewige Sohn des Vaters.

 

Als du Mensch wurdest, um den Menschen zu erlösen,

verschmähtest du nicht den Schoß der Jungfrau.

 

Als du die Macht des Todes überwunden hattest,

öffnetest du den Gläubigen das Himmelreich.

 

Du sitzt zur Rechten Gottes in der Herrlichkeit des Vaters.

Wir glauben, dass du kommen wirst als Richter.

 

Darum bitten wir dich: hilf deinen Dienern,

die du mit deinem kostbaren Blut erlöst hast.

 

Lass sie mit deinen Heiligen gezählt werden

in der ewigen Herrlichkeit.

 

Herr, rette dein Volk

und segne dein Erbe.

 

Leite sie

und erhebe sie in Ewigkeit.

 

Tag für Tag preisen wir dich

und rühmen deinen Namen immerdar.

 

Gewähre, o Herr,

dass wir heute ohne Sünde bewahrt bleiben.

 

Herr, erbarme dich unser,

erbarme dich unser.

 

Herr, lass deine Barmherzigkeit über uns leuchten,

wie wir auf dich hoffen.

 

Herr, auf dich habe ich vertraut;

lass mich niemals zuschanden werden.

 

MATINS

Benedictus – Blessed be the Lord God of Israel

 

(Lukas 1, 68–79)

 

Tracks 18 bis 27 der CD:

 

https://www.youtube.com/watch?v=wD0GBLg3noU&list=OLAK5uy_kIjwXXUiRjJmOodq5oCO6ZxCSY_w43WpQ&index=18 

 

Englischer Text:

 

Blessed be the Lord God of Israel:

for he hath visited and redeemed his people;

 

And hath raised up a mighty salvation for us:

in the house of his servant David;

 

As he spake by the mouth of his holy Prophets:

which have been since the world began;

 

That we should be saved from our enemies:

and from the hands of all that hate us;

 

To perform the mercy promised to our forefathers:

and to remember his holy covenant;

 

To perform the oath which he sware to our forefather Abraham:

that he would give us;

 

That we being delivered out of the hand of our enemies:

might serve him without fear,

 

In holiness and righteousness before him:

all the days of our life.

 

And thou, child, shalt be called the Prophet of the Highest:

for thou shalt go before the face of the Lord to prepare his ways;

 

To give knowledge of salvation unto his people:

for the remission of their sins,

 

Through the tender mercy of our God:

whereby the dayspring from on high hath visited us;

 

To give light to them that sit in darkness, and in the shadow of death:

and to guide our feet into the way of peace.

 

Deutsche Übersetzung

 

Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels,

denn er hat sein Volk besucht und erlöst.

 

Er hat uns ein mächtiges Heil aufgerichtet

im Hause seines Dieners David,

 

wie er von alters her verheißen hat

durch den Mund seiner heiligen Propheten.

 

Er rettet uns vor unseren Feinden

und aus der Hand aller, die uns hassen.

 

Er erweist Barmherzigkeit an unseren Vätern

und gedenkt seines heiligen Bundes,

 

des Eides, den er unserem Vater Abraham geschworen hat,

uns zu gewähren,

 

dass wir, erlöst aus der Hand unserer Feinde,

ihm ohne Furcht dienen,

 

in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinem Angesicht

alle Tage unseres Lebens.

 

Und du, Kind, wirst Prophet des Höchsten heißen,

denn du wirst dem Herrn vorangehen, um seine Wege zu bereiten,

 

um seinem Volk Erkenntnis des Heils zu geben

in der Vergebung ihrer Sünden,

 

durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes,

durch die uns das aufgehende Licht aus der Höhe besucht hat,

 

um denen zu leuchten, die in Finsternis und im Schatten des Todes sitzen,

und unsere Füße auf den Weg des Friedens zu führen.

 

COMMUNION

Kyrie – Lord have mercy upon us

 

Im anglikanischen Gottesdienst erscheint das Kyrie in Verbindung mit den Zehn Geboten als Antwort des Chores.

 

(Die Tallis Scholars unter der Leitung von Peter Phillips haben das Kyrie nicht eingespielt.)

 

Track 4 der zweiten (anderenn) CD - The Cardinall's Musick, Leitung Andrew Carwood (* 1965), Hyperion Records Limited, 2012:

 

https://www.youtube.com/watch?v=rWlrZS4VnmE&list=OLAK5uy_kRPX5z7_f-Wj7gQGktVcxa5JHMVGSAAkI&index=4 

 

Englische Text:

 

Lord, have mercy upon us,

and incline our hearts to keep this law.

 

Lord, have mercy upon us,

and write all these thy laws in our hearts, we beseech thee.

 

Deutsche Übersetzung

 

Herr, erbarme dich unser

und neige unsere Herzen, dieses Gebot zu halten.

 

Herr, erbarme dich unser

und schreibe alle diese deine Gesetze in unsere Herzen, wir bitten dich darum.

 

Creed – I believe in one God

 

(Nicene Creed – Bekenntnis des Glaubens)

 

Tracks 28 bis 33 der CD:

 

https://www.youtube.com/watch?v=M34kyZw2Bl8&list=OLAK5uy_kIjwXXUiRjJmOodq5oCO6ZxCSY_w43WpQ&index=28 

 

Englischert Text

 

I believe in one God

the Father Almighty,

Maker of heaven and earth,

and of all things visible and invisible:

 

And in one Lord Jesus Christ,

the only-begotten Son of God,

begotten of his Father before all worlds,

God of God, Light of Light,

very God of very God,

begotten, not made,

being of one substance with the Father,

by whom all things were made:

 

Who for us men and for our salvation

came down from heaven,

and was incarnate by the Holy Ghost of the Virgin Mary,

and was made man,

 

And was crucified also for us under Pontius Pilate.

He suffered and was buried,

 

And the third day he rose again

according to the Scriptures,

 

And ascended into heaven,

and sitteth on the right hand of the Father.

 

And he shall come again with glory

to judge both the quick and the dead:

whose kingdom shall have no end.

 

And I believe in the Holy Ghost,

the Lord and giver of life,

who proceedeth from the Father and the Son,

who with the Father and the Son together

is worshipped and glorified,

who spake by the Prophets.

 

And I believe one Catholick and Apostolick Church.

I acknowledge one Baptism for the remission of sins.

And I look for the resurrection of the dead,

and the life of the world to come.

 

Amen.

 

Deutsche Übersetzung

 

Ich glaube an den einen Gott,

den allmächtigen Vater,

Schöpfer des Himmels und der Erde,

aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge.

 

Und an den einen Herrn Jesus Christus,

den eingeborenen Sohn Gottes,

aus dem Vater geboren vor aller Zeit,

Gott von Gott, Licht vom Licht,

wahrer Gott vom wahren Gott,

gezeugt, nicht geschaffen,

eines Wesens mit dem Vater,

durch den alles geschaffen ist.

 

Für uns Menschen und zu unserem Heil

ist er vom Himmel herabgestiegen

und hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist

aus der Jungfrau Maria

und ist Mensch geworden.

 

Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus,

hat gelitten und ist begraben worden,

 

ist am dritten Tage auferstanden

nach der Schrift,

 

und ist aufgefahren in den Himmel.

Er sitzt zur Rechten des Vaters

 

und wird wiederkommen in Herrlichkeit,

zu richten die Lebenden und die Toten;

seiner Herrschaft wird kein Ende sein.

 

Ich glaube an den Heiligen Geist,

den Herrn und Lebensspender,

der vom Vater und vom Sohn ausgeht,

der mit dem Vater und dem Sohn zugleich

angebetet und verherrlicht wird,

der gesprochen hat durch die Propheten.

 

Ich glaube an die eine heilige

katholische und apostolische Kirche.

Ich bekenne die eine Taufe zur Vergebung der Sünden

und erwarte die Auferstehung der Toten

und das Leben der kommenden Welt.

 

Amen.

 

EVENSONG

Magnificat – My soul doth magnify the Lord

 

(Lukas 1, 46–55)

 

Tracks 34 bis 43 der CD:

 

https://www.youtube.com/watch?v=dmsKaObzflc&list=OLAK5uy_kIjwXXUiRjJmOodq5oCO6ZxCSY_w43WpQ&index=34 

 

Englischer Text

 

My soul doth magnify the Lord,

and my spirit hath rejoiced in God my Saviour.

 

For he hath regarded

the lowliness of his handmaiden.

 

For behold, from henceforth

all generations shall call me blessed.

 

For he that is mighty hath magnified me,

and holy is his Name.

 

And his mercy is on them that fear him

throughout all generations.

 

He hath shewed strength with his arm;

he hath scattered the proud in the imagination of their hearts.

 

He hath put down the mighty from their seat,

and hath exalted the humble and meek.

 

He hath filled the hungry with good things;

and the rich he hath sent empty away.

 

He remembering his mercy

hath holpen his servant Israel;

 

As he promised to our forefathers,

Abraham and his seed for ever.

 

Glory be to the Father, and to the Son,

and to the Holy Ghost;

 

As it was in the beginning, is now, and ever shall be,

world without end. Amen.

 

Deutsche Übersetzung

 

Meine Seele erhebt den Herrn,

und mein Geist freut sich über Gott, meinen Heiland.

 

Denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.

Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter.

 

Denn der Mächtige hat Großes an mir getan,

und heilig ist sein Name.

 

Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht

über denen, die ihn fürchten.

 

Er übt Gewalt mit seinem Arm,

er zerstreut die Hochmütigen im Sinn ihres Herzens.

 

Er stößt die Gewaltigen vom Thron

und erhebt die Niedrigen.

 

Die Hungrigen füllt er mit Gütern,

und die Reichen lässt er leer ausgehen.

 

Er nimmt sich seines Knechtes Israel an

und gedenkt seiner Barmherzigkeit,

 

wie er es unseren Vätern verheißen hat,

Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit.

 

Ehre sei dem Vater und dem Sohn

und dem Heiligen Geist,

 

wie im Anfang, so auch jetzt und allezeit

und in Ewigkeit. Amen.

 

Nunc dimittis (Lobgesang des Simeon, Lukas 2,29–32; wörtlich = „Nun entlässt du“)

 

– Lord, now lettest thou thy servant depart in peace

 

(Lukas 2, 29–32)

 

Tracks 44 bis 47 der CD:

 

https://www.youtube.com/watch?v=j_yepCDyKK4&list=OLAK5uy_kIjwXXUiRjJmOodq5oCO6ZxCSY_w43WpQ&index=44 

 

Englischer Text

 

Lord, now lettest thou thy servant depart in peace,

according to thy word.

 

For mine eyes have seen thy salvation,

which thou hast prepared before the face of all people;

 

To be a light to lighten the Gentiles,

and to be the glory of thy people Israel.

 

Glory be to the Father, and to the Son,

and to the Holy Ghost;

 

As it was in the beginning, is now, and ever shall be,

world without end. Amen.

 

Deutsche Übersetzung

 

Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren,

wie du gesagt hast.

 

Denn meine Augen haben dein Heil gesehen,

das du bereitet hast vor allen Völkern,

 

ein Licht zur Erleuchtung der Heiden

und zur Herrlichkeit deines Volkes Israel.

 

Ehre sei dem Vater und dem Sohn

und dem Heiligen Geist,

 

wie im Anfang, so auch jetzt und allezeit

und in Ewigkeit.

 

Amen.

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Great Service
MATINS
COMMUNION
EVENSONG

Short Service

 

Das sogenannte Short Service gehört zu den bekanntesten liturgischen Kompositionen von William Byrd und stellt ein charakteristisches Beispiel für die anglikanische Kirchenmusik der elisabethanischen Zeit dar. Nach der Reformation verlangte der Gottesdienst der Kirche von England nach Vertonungen in englischer Sprache, die den liturgischen Text deutlich verständlich machen sollten. Byrd, der sowohl in der katholischen als auch in der anglikanischen Tradition komponierte, reagierte auf diese Anforderungen mit einer Reihe von sogenannten Services, also zusammengehörigen Vertonungen zentraler liturgischer Texte des Book of Common Prayer.

 

Der Titel Short Service bezeichnet dabei keine geringere künstlerische Bedeutung, sondern verweist auf die kompakte und funktionale Anlage der Musik. Die Vertonungen sind vergleichsweise knapp gehalten und vermeiden ausgedehnte melismatische Passagen, damit der englische Text im Gottesdienst klar und unmittelbar verstanden werden kann. Diese klare, syllabische Schreibweise gehört zu den charakteristischen Merkmalen der anglikanischen Kathedralmusik des späten 16. Jahrhunderts.

 

Der Zyklus umfasst sieben liturgische Abschnitte, die im Verlauf von Morning Prayer und Evening Prayer gesungen werden:

 

Venite

Te Deum

Benedictus

Kyrie

Creed

Magnificat

Nunc dimittis

 

Musikalisch ist das Werk für sechs Stimmen geschrieben, gewöhnlich Sopran, Alt, zwei Tenöre und zwei Bässe (SSAATB bzw. SATTTB-Varianten sind je nach Quelle möglich). Byrd verwendet eine überwiegend homophone Satzweise mit kurzen imitatorischen Einsätzen, wodurch sich eine gute Balance zwischen polyphoner Kunst und liturgischer Verständlichkeit ergibt.

 

Gerade in dieser scheinbaren Schlichtheit zeigt sich Byrds Meisterschaft. Die Stimmen bewegen sich eng miteinander verflochten, häufig in blockhaften Akkordstrukturen, die dem Text Gewicht verleihen. An wichtigen Stellen verdichtet Byrd den Satz oder setzt kurze imitatorische Motive ein, um zentrale Worte hervorzuheben. Dadurch entsteht eine Musik, die zugleich würdevoll, klar strukturiert und liturgisch zweckmäßig ist.

 

Besonders eindrucksvoll wirken die beiden Gesänge des Evensong. Das Magnificat, der Lobgesang der Maria aus dem Lukasevangelium, entfaltet sich in ruhiger Feierlichkeit und führt zu einer eindrucksvollen Schlussdoxologie. Das Nunc dimittis, der Gesang des greisen Simeon, bildet den stillen Abschluss des Zyklus und zeichnet sich durch eine kontemplative, beinahe meditative Klangwirkung aus.

 

Byrds Short Service gehört damit zu den wichtigsten Beispielen der frühen anglikanischen Mehrstimmigkeit. Das Werk verbindet die traditionsreiche polyphone Technik der Renaissance mit den neuen liturgischen Anforderungen der englischen Reformation und blieb über Jahrhunderte hinweg fester Bestandteil der Kathedralmusik Englands.

 

VENITE

 

Der Name Venite leitet sich – wie bei vielen liturgischen Gesängen – von den ersten Worten des lateinischen Textes ab: Venite, exsultemus Domino („Kommt, lasst uns dem Herrn jubeln“). Diese Worte bilden den Beginn von Psalm 95, der in der westlichen Liturgie seit dem frühen Mittelalter eine besondere Stellung besitzt. In der klösterlichen Tradition wurde dieser Psalm täglich zu Beginn der Matutin gesungen und fungierte gewissermaßen als Einladung zum Gottesdienst. Aus diesem Grund erhielt er den festen liturgischen Namen Venite.

 

Mit der Einführung des Book of Common Prayer im Jahr 1549 unter Thomas Cranmer (1489–1556) wurde der Psalm in englischer Sprache in den neu gestalteten Gottesdienst der Kirche von England übernommen. Dort steht er bis heute am Beginn des Morning Prayer und dient als feierlicher Aufruf der Gemeinde, Gott zu loben und anzubeten.

 

In der anglikanischen Kirchenmusik entwickelte sich daraus eine eigene musikalische Tradition. Komponisten schrieben Vertonungen des Venite, die in den sogenannten Services zusammen mit anderen zentralen liturgischen Texten erscheinen konnten. Im Short Service von William Byrd bildet das Venite daher den eröffnenden Abschnitt des Zyklus.

 

Die musikalische Gestaltung entspricht den liturgischen Anforderungen der englischen Reformation. Während Byrds lateinische Motetten oft durch reiche Polyphonie und lange melismatische Linien geprägt sind, zeichnet sich das Venite des Short Service durch eine klare, syllabische Textdeklamation aus. Die Stimmen bewegen sich meist gemeinsam in akkordischer Struktur, gelegentlich durch kurze imitatorische Einsätze belebt. Diese Schreibweise ermöglicht es, den englischen Psalmtext im Gottesdienst deutlich verständlich und unmittelbar nachvollziehbar vorzutragen.

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=mSl_WD0NWD8 

 

Damit verkörpert Byrds Vertonung exemplarisch das Ideal der anglikanischen Kathedralmusik des späten 16. Jahrhunderts: eine Verbindung von liturgischer Verständlichkeit, musikalischer Würde und polyphoner Kunstfertigkeit.

 

VENITE

(Psalm 95 – Book of Common Prayer)

 

O come, let us sing unto the Lord:

let us heartily rejoice in the strength of our salvation.

 

Let us come before his presence with thanksgiving:

and shew ourselves glad in him with psalms.

 

For the Lord is a great God:

and a great King above all gods.

 

In his hand are all the corners of the earth:

and the strength of the hills is his also.

 

The sea is his, and he made it:

and his hands prepared the dry land.

 

O come, let us worship and fall down:

and kneel before the Lord our Maker.

 

For he is the Lord our God:

and we are the people of his pasture, and the sheep of his hand.

 

Today if ye will hear his voice, harden not your hearts:

as in the provocation, and as in the day of temptation in the wilderness.

 

When your fathers tempted me:

proved me, and saw my works.

 

Forty years long was I grieved with this generation, and said:

It is a people that do err in their hearts, for they have not known my ways.

 

Unto whom I sware in my wrath:

that they should not enter into my rest.

 

Deutsche Übersetzung

 

Kommt, lasst uns dem Herrn singen

und jubeln dem Fels unseres Heils.

 

Lasst uns vor sein Angesicht treten mit Dank

und ihm mit Psalmen zujubeln.

 

Denn der Herr ist ein großer Gott

und ein großer König über alle Götter.

 

In seiner Hand sind die Tiefen der Erde,

und die Höhen der Berge gehören ihm.

 

Sein ist das Meer, denn er hat es gemacht,

und seine Hände haben das feste Land bereitet.

 

Kommt, lasst uns anbeten und niederfallen

und knien vor dem Herrn, der uns geschaffen hat.

 

Denn er ist unser Gott,

und wir sind das Volk seiner Weide und die Schafe seiner Hand.

 

Heute, wenn ihr seine Stimme hört,

verhärtet eure Herzen nicht,

 

wie einst bei der Auflehnung,

am Tag der Versuchung in der Wüste,

 

als eure Väter mich versuchten,

mich prüften und doch meine Werke sahen.

 

Vierzig Jahre lang verdross mich dieses Geschlecht, und ich sprach:

Es ist ein Volk, dessen Herz in die Irre geht, und meine Wege kennen sie nicht.

 

Darum schwor ich in meinem Zorn:

Sie sollen nicht eingehen in meine Ruhe.

 

CD Vorschlag

 

William Byrd, Short Service, Lincoln Cathedral Choir, Leitung Aric Prentice (* 1971),  Cantoris Records, 2025, Track 7 - Venite:

 

https://www.youtube.com/watch?v=mSl_WD0NWD8&list=OLAK5uy_kz6kuxbwsHbtehmiEXICYa7A6FmpAYy2U&index=7

 

TE DEUM

 

Der zweite Abschnitt im Short Service von William Byrd ist das Te Deum, eines der ältesten und feierlichsten Lobgesänge der christlichen Liturgie. Der Hymnus Te Deum laudamus entstand vermutlich im 4. Jahrhundert und wird traditionell Ambrosius von Mailand (um 339–397) und Augustinus von Hippo (354–430) zugeschrieben, auch wenn die genaue Autorschaft bis heute nicht endgültig geklärt ist. In der anglikanischen Liturgie gehört der Gesang seit der Einführung des Book of Common Prayer durch Thomas Cranmer (1489–1556) zu den zentralen Teilen des Morning Prayer und folgt unmittelbar auf das Venite.

 

Der Text ist ein groß angelegter Lobpreis Gottes, der sich in mehreren gedanklichen Abschnitten entfaltet. Zunächst stimmt die ganze Schöpfung in den Lobgesang ein: Engel, Himmel und die gesamte Kirche vereinen sich im Bekenntnis zur göttlichen Majestät. Es folgt der dreifache Sanctus-Ruf – „Holy, Holy, Holy“ –, der an die Vision des Propheten Jesaja erinnert und den Höhepunkt des kosmischen Lobes bildet. Der zweite Teil des Hymnus richtet den Blick auf Christus, dessen Menschwerdung, Erlösungstat und himmlische Herrschaft gepriesen werden. Am Ende mündet der Text in eine Reihe von Bitten um göttlichen Schutz und Beistand für die Gläubigen.

 

In Byrds Short Service erscheint dieses umfangreiche Lobgebet in einer bewusst konzentrierten musikalischen Form. Wie im Venite liegt der Schwerpunkt auf der klaren Verständlichkeit des englischen Textes, weshalb Byrd überwiegend eine syllabische und akkordisch geprägte Satzweise wählt. Die Stimmen bewegen sich meist gemeinsam, wodurch der Text in großen, klar gegliederten Klangblöcken präsentiert wird. Diese homophone Struktur entspricht den liturgischen Anforderungen der anglikanischen Kathedralmusik, in der die Gemeinde den Inhalt des Gesanges unmittelbar erfassen sollte.

 

Gleichzeitig bleibt Byrds kompositorische Raffinesse deutlich spürbar. An wichtigen Stellen des Textes – etwa bei der dreifachen Heilig-Rufung oder bei den Christuspassagen – verdichtet sich der Satz und einzelne Stimmen treten kurz imitierend hervor. Dadurch entsteht eine subtile Steigerung der musikalischen Spannung, ohne die klare Deklamation zu beeinträchtigen. Besonders im mittleren Abschnitt des Hymnus zeigt sich Byrds Fähigkeit, größere Textabschnitte durch fein abgestufte dynamische und harmonische Entwicklungen zu strukturieren.

 

Im Vergleich zu Byrds ausgedehnten lateinischen Werken wirkt das Te Deum des Short Service daher bewusst schlank und liturgisch funktional, ohne jedoch auf musikalische Ausdruckskraft zu verzichten. Gerade diese Balance zwischen schlichter Deklamation und kunstvoller Stimmführung macht den Satz zu einem typischen Beispiel der anglikanischen Kirchenmusik der elisabethanischen Zeit. Zusammen mit dem vorangehenden Venite bildet er den feierlichen Beginn des musikalischen Ablaufs des Morning Prayer innerhalb des gesamten Zyklus.

 

TE DEUM

(Book of Common Prayer)

 

We praise thee, O God:

we acknowledge thee to be the Lord.

 

All the earth doth worship thee:

the Father everlasting.

 

To thee all Angels cry aloud:

the heavens and all the powers therein.

 

To thee Cherubin and Seraphin:

continually do cry,

 

Holy, Holy, Holy:

Lord God of Sabaoth;

 

Heaven and earth are full of the Majesty:

of thy glory.

 

The glorious company of the Apostles:

praise thee.

 

The goodly fellowship of the Prophets:

praise thee.

 

The noble army of Martyrs:

praise thee.

 

The holy Church throughout all the world:

doth acknowledge thee;

 

The Father:

of an infinite Majesty;

 

Thine honourable, true:

and only Son;

 

Also the Holy Ghost:

the Comforter.

 

Thou art the King of Glory:

O Christ.

 

Thou art the everlasting Son:

of the Father.

 

When thou tookest upon thee to deliver man:

thou didst not abhor the Virgin’s womb.

 

When thou hadst overcome the sharpness of death:

thou didst open the kingdom of heaven to all believers.

 

Thou sittest at the right hand of God:

in the glory of the Father.

 

We believe that thou shalt come:

to be our Judge.

 

We therefore pray thee, help thy servants:

whom thou hast redeemed with thy precious blood.

 

Make them to be numbered with thy Saints:

in glory everlasting.

 

O Lord, save thy people:

and bless thine heritage.

 

Govern them:

and lift them up for ever.

 

Day by day:

we magnify thee;

 

And we worship thy Name:

ever world without end.

 

Vouchsafe, O Lord:

to keep us this day without sin.

 

O Lord, have mercy upon us:

have mercy upon us.

 

O Lord, let thy mercy lighten upon us:

as our trust is in thee.

 

O Lord, in thee have I trusted:

let me never be confounded.


Deutsche Übersetzung

 

Dich, Gott, loben wir;

dich bekennen wir als den Herrn.

 

Die ganze Erde betet dich an,

den ewigen Vater.

 

Dir rufen alle Engel laut zu,

die Himmel und alle Mächte darin.

 

Dir rufen Cherubim und Seraphim

ohne Unterlass:

 

Heilig, heilig, heilig

Herr, Gott Zebaoth.

 

Himmel und Erde sind erfüllt

von der Herrlichkeit deiner Majestät.

 

Die ruhmreiche Schar der Apostel

preist dich.

 

Die ehrwürdige Gemeinschaft der Propheten

preist dich.

 

Das edle Heer der Märtyrer

preist dich.

 

Die heilige Kirche in der ganzen Welt

bekennt dich:

 

Den Vater

von unendlicher Majestät;

 

Deinen ehrwürdigen, wahren

und einzigen Sohn;

 

und auch den Heiligen Geist,

den Tröster.

 

Du bist der König der Herrlichkeit,

o Christus.

 

Du bist der ewige Sohn

des Vaters.

 

Als du Mensch wurdest, um die Menschen zu erlösen,

verschmähtest du nicht den Schoß der Jungfrau.

 

Als du die Macht des Todes überwunden hattest,

öffnetest du allen Gläubigen das Himmelreich.

 

Du sitzt zur Rechten Gottes

in der Herrlichkeit des Vaters.

 

Wir glauben, dass du kommen wirst

als unser Richter.

 

Darum bitten wir dich: hilf deinen Dienern,

die du mit deinem kostbaren Blut erlöst hast.

 

Lass sie gezählt werden unter deinen Heiligen

in der ewigen Herrlichkeit.

 

Herr, rette dein Volk

und segne dein Erbe.

 

Leite sie

und erhöhe sie in Ewigkeit.

 

Tag für Tag

preisen wir dich

 

und verehren deinen Namen

immerdar und in Ewigkeit.

 

Gewähre, o Herr,

dass wir an diesem Tag ohne Sünde bleiben.

 

Herr, erbarme dich unser,

erbarme dich unser.

 

Herr, lass deine Barmherzigkeit über uns leuchten,

wie wir auf dich vertrauen.

 

Herr, auf dich habe ich vertraut;

lass mich niemals zuschanden werden.

 

CD Vorschlag

 

William Byrd, Short Service, Lincoln Cathedral Choir, Leitung Aric Prentice (* 1971),  Cantoris Records, 2025, Track 8 - Te Deum:

https://www.youtube.com/watch?v=YnCpSZqfyVw&list=OLAK5uy_kz6kuxbwsHbtehmiEXICYa7A6FmpAYy2U&index=8 

 

BENEDICTUS

 

Der dritte Abschnitt im Short Service von William Byrd ist das Benedictus, der Lobgesang des Zacharias aus dem ersten Kapitel des Lukasevangeliums (Lk 1,68–79). Der Text gehört zu den sogenannten neutestamentlichen Cantica und wurde seit der frühen christlichen Liturgie täglich im Morgengebet gesungen. In der anglikanischen Gottesdienstordnung des Book of Common Prayer, eingeführt durch Thomas Cranmer, folgt das Benedictus im Morning Prayer traditionell auf das Te Deum, kann jedoch auch als dessen Alternative verwendet werden.

 

Der Gesang ist ein prophetischer Lobpreis Gottes, der aus der Perspektive des Priesters Zacharias gesprochen wird, des Vaters Johannes des Täufers. Der Text verbindet Dank für Gottes Heilswerk mit der Erwartung der kommenden Erlösung. Zunächst wird Gott gepriesen, weil er sein Volk besucht und erlöst hat. Es folgt der Hinweis auf das verheißene Heil aus dem Hause Davids sowie die Erinnerung an den Bund mit Abraham. Im letzten Teil richtet sich der Blick auf Johannes den Täufer, der als Vorläufer Christi beschrieben wird und den Weg des Herrn bereiten soll. So verbindet der Hymnus alttestamentliche Verheißung, messianische Hoffnung und die Ankündigung der Erlösung.

 

In Byrds Short Service erscheint dieses Cantikum in einer musikalischen Gestalt, die besonders auf klare Textvermittlung und liturgische Funktionalität ausgerichtet ist. Die Stimmen bewegen sich überwiegend gemeinsam in ruhigen akkordischen Formationen, wodurch der englische Text deutlich und verständlich hervortritt. Diese überwiegend homophone Schreibweise entspricht den Anforderungen der anglikanischen Kathedralmusik, in der die Worte des Gottesdienstes im Vordergrund stehen sollten.

 

Gleichzeitig zeigt Byrd auch hier seine Meisterschaft im Umgang mit polyphonen Mitteln. An markanten Stellen – etwa bei Aussagen über Gottes Erlösung oder beim Hinweis auf das kommende Heil – lockert er die homophone Struktur durch kurze imitatorische Einsätze auf. Dadurch entsteht eine lebendige musikalische Bewegung, die den Text subtil hervorhebt und zugleich die architektonische Balance des Satzes wahrt.

 

Innerhalb des Short Service bildet das Benedictus einen ruhigen und würdevollen Mittelpunkt des musikalischen Ablaufs des Morning Prayer. Der Satz verbindet liturgische Klarheit mit einer stillen inneren Spannung und führt die feierliche Atmosphäre des vorangehenden Te Deum in einer stärker kontemplativen Klangsprache fort.

 

BENEDICTUS

(Lukas 1:68–79 – Book of Common Prayer)

 

Blessed be the Lord God of Israel:

for he hath visited, and redeemed his people;

 

And hath raised up a mighty salvation for us:

in the house of his servant David;

 

As he spake by the mouth of his holy Prophets:

which have been since the world began;

 

That we should be saved from our enemies:

and from the hands of all that hate us;

 

To perform the mercy promised to our forefathers:

and to remember his holy covenant;

 

To perform the oath which he sware to our forefather Abraham:

that he would give us;

 

That we being delivered out of the hand of our enemies:

might serve him without fear;

 

In holiness and righteousness before him:

all the days of our life.

 

And thou, child, shalt be called the Prophet of the Highest:

for thou shalt go before the face of the Lord to prepare his ways;

 

To give knowledge of salvation unto his people:

for the remission of their sins;

 

Through the tender mercy of our God:

whereby the dayspring from on high hath visited us;

 

To give light to them that sit in darkness and in the shadow of death:

and to guide our feet into the way of peace.

 

Deutsche Übersetzung

 

Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels;

denn er hat sein Volk besucht und ihm Erlösung bereitet.

 

Er hat uns eine mächtige Rettung aufgerichtet

im Hause seines Dieners David,

 

wie er es durch den Mund seiner heiligen Propheten verheißen hat,

die von Anbeginn der Welt gesprochen haben.

 

Er rettet uns vor unseren Feinden

und aus der Hand aller, die uns hassen.

 

Er erweist die Barmherzigkeit, die er unseren Vätern verheißen hat,

und gedenkt seines heiligen Bundes,

 

des Eides, den er unserem Vater Abraham geschworen hat,

uns zu gewähren,

 

dass wir, befreit aus der Hand unserer Feinde,

ihm ohne Furcht dienen können

 

in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor ihm

alle Tage unseres Lebens.

 

Und du, Kind, wirst Prophet des Höchsten genannt werden;

denn du wirst vor dem Herrn hergehen, um seine Wege zu bereiten,

 

um seinem Volk Erkenntnis des Heils zu geben

durch die Vergebung ihrer Sünden,

 

durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes,

durch die uns das aufgehende Licht aus der Höhe besucht hat,

 

um denen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes,

und unsere Füße auf den Weg des Friedens zu führen.

 

CD Vorschlag

 

William Byrd, Short Service, Lincoln Cathedral Choir, Leitung Aric Prentice (* 1971),  Cantoris Records, 2025, Track 9 - Benedictus:

https://www.youtube.com/watch?v=9P299wVaQbM&list=OLAK5uy_kz6kuxbwsHbtehmiEXICYa7A6FmpAYy2U&index=9 

 

KYRIE

 

Im Short Service von William Byrd folgt auf die drei großen Cantica des Morning Prayer – Venite, Te Deum und Benedictus – ein deutlich kürzerer liturgischer Abschnitt: das Kyrie. Dieser Teil gehört nicht mehr zum Morgengebet, sondern zur Communion-Liturgie der anglikanischen Kirche und erscheint dort unmittelbar vor dem Glaubensbekenntnis. Seine Funktion ist die einer knappen, meditativen Antwort der Gemeinde auf das Verlesen der Gebote Gottes.

 

Im Unterschied zu den umfangreichen Hymnen des Offiziums besitzt das Kyrie im Book of Common Prayer eine sehr reduzierte Form. Es ist keine ausgearbeitete Hymne, sondern eine kurze Bitte um göttliche Gnade und um die Fähigkeit, Gottes Gebote zu bewahren. Gerade diese liturgische Schlichtheit bestimmt auch Byrds musikalische Behandlung des Textes.

 

Die Vertonung im Short Service ist entsprechend knapp, würdevoll und stark textbezogen. Byrd setzt die Stimmen überwiegend in ruhigen, homophonen Klangflächen ein, wodurch die Worte klar verständlich bleiben. Die musikalische Bewegung ist bewusst zurückhaltend; statt kunstvoller Imitation dominiert eine schlichte Akkordstruktur, die den Charakter eines demütigen Gebets unterstreicht. Die Stimmen treten dabei eng zusammen und formen eine ruhige, beinahe kontemplative Klangfläche, die sich deutlich von den ausgedehnteren Lobgesängen des Morning Prayer unterscheidet.

 

Gerade diese Kürze verleiht dem Satz eine besondere liturgische Wirkung. Das Kyrie bildet gewissermaßen einen Moment stiller Sammlung im Ablauf des Gottesdienstes, bevor mit dem Creed das öffentliche Bekenntnis des Glaubens folgt. Byrd gelingt es, diese Funktion mit wenigen musikalischen Mitteln eindrucksvoll umzusetzen: Der Satz wirkt schlicht, konzentriert und zugleich von einer inneren Würde geprägt, die für die anglikanische Kathedralmusik des späten 16. Jahrhunderts charakteristisch ist.

 

CD Vorschlag

 

Tudor Church Music, The London Ambrosian Singers, Leitung John McCarthy (1916–2009), Tudor, 2022, Track 11 - Kyrie:

 

https://www.youtube.com/watch?v=D40FTFiuwS0&list=OLAK5uy_lCWayLaFZHpuDabag4fSZOSaMvtbSwxRM&index=11 

 

KYRIE

(Book of Common Prayer)

 

Lord, have mercy upon us,

and incline our hearts to keep this law.

 

Christ, have mercy upon us,

and incline our hearts to keep this law.

 

Lord, have mercy upon us,

and write all these thy laws in our hearts, we beseech thee.

 

Deutsche Übersetzung

 

Herr, erbarme dich unser

und neige unsere Herzen, damit wir dieses Gebot halten.

 

Christus, erbarme dich unser

und neige unsere Herzen, damit wir dieses Gebot halten.

 

Herr, erbarme dich unser

und schreibe alle diese deine Gebote in unsere Herzen, wir bitten dich darum.

 

CREED

 

Nach dem kurzen Kyrie folgt im Short Service von William Byrd das Creed, also das Glaubensbekenntnis der Kirche. In der Liturgie der anglikanischen Kirche handelt es sich dabei um das Nicene Creed, das seit dem 4. Jahrhundert zu den grundlegenden Bekenntnistexten des Christentums gehört. Seine endgültige Gestalt erhielt das Glaubensbekenntnis durch die Beschlüsse des Ersten Konzils von Nicäa (325) und des Ersten Konzils von Konstantinopel (381), auf denen die grundlegenden Aussagen über Gott, Christus und den Heiligen Geist verbindlich formuliert wurden.

 

Im Gottesdienst der Kirche von England nimmt das Credo eine zentrale Stellung innerhalb der Communion-Liturgie ein. Nachdem die Gemeinde um Gottes Erbarmen gebeten hat, folgt mit dem Glaubensbekenntnis die gemeinsame Bekräftigung des christlichen Glaubens. Das Credo fasst in dichter Form die wichtigsten Inhalte der christlichen Lehre zusammen: den Glauben an den einen Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde, an Jesus Christus als den Sohn Gottes und Erlöser der Welt sowie an den Heiligen Geist, die Kirche und die Hoffnung auf Auferstehung und ewiges Leben.

 

In Byrds Short Service erscheint dieses umfangreiche Bekenntnis in einer musikalischen Form, die erneut auf Deutlichkeit des englischen Textes und liturgische Funktionalität ausgerichtet ist. Der Komponist verwendet überwiegend eine homophone Satzweise, bei der die Stimmen gemeinsam voranschreiten und den Text in klar gegliederten Abschnitten präsentieren. Diese Struktur ermöglicht es, die komplexen theologischen Aussagen des Credos verständlich und würdevoll zu entfalten.

 

Gleichzeitig zeigt Byrd auch hier seine meisterhafte Kontrolle über den polyphonen Satz. Einzelne wichtige Textstellen werden durch leichte Veränderungen der Stimmführung hervorgehoben. Besonders Aussagen über die Person Christi oder über die Auferstehung erhalten eine stärkere klangliche Verdichtung, wodurch der musikalische Verlauf eine subtile dramatische Spannung gewinnt. Trotz dieser differenzierten Gestaltung bleibt der Satz stets von einer ruhigen, ausgewogenen Klangsprache geprägt, die dem feierlichen Charakter des Glaubensbekenntnisses entspricht.

 

Innerhalb des Short Service bildet das Credo den umfangreichsten Teil der Communion-Abschnitte. Es führt den liturgischen Ablauf von der stillen Bitte des Kyrie zu einem klaren, gemeinschaftlichen Bekenntnis des Glaubens und bereitet damit den weiteren Verlauf des Gottesdienstes vor.

 

CD Vorschlag

 

Tudor Church Music, The London Ambrosian Singers, Leitung John McCarthy (1916–2009), Tudor, 2022, Track 12 - Creed:

 

https://www.youtube.com/watch?v=kIOef9nL5a0&list=OLAK5uy_lCWayLaFZHpuDabag4fSZOSaMvtbSwxRM&index=12 

 

CREED

(Book of Common Prayer – Nicene Creed)

 

I believe in one God

the Father Almighty,

maker of heaven and earth,

and of all things visible and invisible.

 

And in one Lord Jesus Christ,

the only-begotten Son of God,

begotten of his Father before all worlds,

God of God, Light of Light,

very God of very God,

begotten, not made,

being of one substance with the Father;

by whom all things were made.

 

Who for us men and for our salvation

came down from heaven,

and was incarnate by the Holy Ghost of the Virgin Mary,

and was made man.

 

And was crucified also for us under Pontius Pilate;

he suffered and was buried.

 

And the third day he rose again according to the Scriptures;

and ascended into heaven,

and sitteth on the right hand of the Father.

 

And he shall come again with glory

to judge both the quick and the dead:

whose kingdom shall have no end.

 

And I believe in the Holy Ghost,

the Lord and giver of life,

who proceedeth from the Father and the Son,

who with the Father and the Son together

is worshipped and glorified,

who spake by the Prophets.

 

And I believe one Catholick and Apostolick Church.

 

I acknowledge one Baptism

for the remission of sins.

 

And I look for the resurrection of the dead,

and the life of the world to come.

Amen.

 

Deutsche Übersetzung

 

Ich glaube an den einen Gott,

den allmächtigen Vater,

Schöpfer des Himmels und der Erde,

aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge.

 

Und an den einen Herrn Jesus Christus,

den eingeborenen Sohn Gottes,

aus dem Vater geboren vor aller Zeit,

Gott von Gott, Licht vom Licht,

wahrer Gott vom wahren Gott,

gezeugt, nicht geschaffen,

eines Wesens mit dem Vater;

durch ihn ist alles geschaffen.

 

Für uns Menschen und zu unserem Heil

ist er vom Himmel herabgestiegen

und hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist

von der Jungfrau Maria

und ist Mensch geworden.

 

Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus,

hat gelitten und ist begraben worden.

 

Am dritten Tage ist er auferstanden nach der Schrift

und aufgefahren in den Himmel.

Er sitzt zur Rechten des Vaters.

 

Und er wird wiederkommen in Herrlichkeit,

zu richten die Lebenden und die Toten;

seiner Herrschaft wird kein Ende sein.

 

Und ich glaube an den Heiligen Geist,

den Herrn und Lebensspender,

der vom Vater und vom Sohn ausgeht,

der mit dem Vater und dem Sohn

angebetet und verherrlicht wird,

der gesprochen hat durch die Propheten.

 

Und ich glaube an die eine heilige

katholische und apostolische Kirche.

 

Ich bekenne die eine Taufe

zur Vergebung der Sünden.

 

Ich erwarte die Auferstehung der Toten

und das Leben der kommenden Welt.

Amen.

 

MAGNIFICAT

 

Der sechste Abschnitt des Short Service von William Byrd ist das Magnificat, der Lobgesang der Maria aus dem Lukasevangelium (Lk 1,46–55). Der Text gehört zu den bedeutendsten Cantica der christlichen Liturgie und wird seit dem frühen Mittelalter traditionell im Abendgebet (Vesper) gesungen. In der anglikanischen Liturgie des Book of Common Prayer, eingeführt durch Thomas Cranmer, bildet das Magnificat den ersten der beiden zentralen Gesänge des Evening Prayer, gefolgt vom Nunc dimittis.

 

Der Text ist ein dichter poetischer Lobpreis Gottes, der aus der Perspektive Marias gesprochen wird. Er verbindet persönliche Dankbarkeit mit einer umfassenden theologischen Vision: Gott erweist seine Macht nicht durch weltliche Größe, sondern durch die Erhöhung der Niedrigen und die Erniedrigung der Mächtigen. Der Lobgesang erinnert zugleich an die alttestamentlichen Verheißungen und deutet das kommende Heil als Erfüllung des Bundes mit Abraham. Diese Verbindung von persönlichem Gebet, prophetischer Verkündigung und heilsgeschichtlicher Perspektive verleiht dem Magnificat eine besondere Stellung innerhalb der christlichen Liturgie.

 

In Byrds Short Service erscheint das Magnificat in einer musikalischen Gestalt, die den Anforderungen der anglikanischen Kathedralmusik der elisabethanischen Zeit entspricht. Der Komponist gestaltet den Satz überwiegend homophon und syllabisch, sodass der englische Text klar und verständlich hervortritt. Die Stimmen bewegen sich meist gemeinsam in ruhigen Akkordfolgen, wodurch eine feierliche und zugleich transparente Klangwirkung entsteht.

 

Trotz dieser liturgischen Schlichtheit entfaltet Byrd eine feinsinnige musikalische Dramaturgie. Wichtige Aussagen des Textes werden durch leichte Veränderungen der Stimmführung oder durch klangliche Verdichtung hervorgehoben. Besonders die Passagen über Gottes Macht und Barmherzigkeit gewinnen dadurch eine stärkere Ausdruckskraft. Der Satz verbindet so würdige Ruhe mit einer subtilen inneren Bewegung, die den poetischen Charakter des Lobgesangs unterstützt.

 

Innerhalb des gesamten Zyklus des Short Service markiert das Magnificat den Übergang vom Morgen- zum Abendgottesdienst. Zusammen mit dem anschließenden Nunc dimittis bildet es den musikalischen Höhepunkt des Evening Prayer und gehört zu den am häufigsten aufgeführten Teilen dieses Werkes.

 

CD Vorschlag

 

Magnificat and Nunc dimittis, The Choir Of Ely Cathedral, Leitung Paul Trepte (* 1954), Priory Records, 1996, Track 7 - Magnificat:

 

https://www.youtube.com/watch?v=nUHuScwTmbg&list=OLAK5uy_kav860p0Ax1sYZc_NX97JNnqfEQuFVOgs&index=7 

 

MAGNIFICAT

(Lukas1:46–55 – Book of Common Prayer)

 

My soul doth magnify the Lord,

and my spirit hath rejoiced in God my Saviour.

 

For he hath regarded

the lowliness of his handmaiden.

 

For behold, from henceforth

all generations shall call me blessed.

 

For he that is mighty hath magnified me,

and holy is his Name.

 

And his mercy is on them that fear him

throughout all generations.

 

He hath shewed strength with his arm;

he hath scattered the proud in the imagination of their hearts.

 

He hath put down the mighty from their seat,

and hath exalted the humble and meek.

 

He hath filled the hungry with good things;

and the rich he hath sent empty away.

 

He remembering his mercy

hath holpen his servant Israel;

 

As he promised to our forefathers,

Abraham and his seed for ever.

 

Glory be to the Father, and to the Son:

and to the Holy Ghost;

 

As it was in the beginning, is now, and ever shall be:

world without end.

 

Amen.

 

Deutsche Übersetzung

 

Meine Seele erhebt den Herrn,

und mein Geist freut sich über Gott, meinen Retter.

 

Denn er hat die Niedrigkeit

seiner Magd angesehen.

 

Siehe, von nun an

werden mich selig preisen alle Geschlechter.

 

Denn der Mächtige hat Großes an mir getan,

und heilig ist sein Name.

 

Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht

über denen, die ihn fürchten.

 

Er übt Macht mit seinem Arm,

er zerstreut die Hochmütigen in ihrem Herzen.

 

Er stürzt die Mächtigen von ihren Thronen

und erhöht die Niedrigen.

 

Die Hungrigen füllt er mit Gütern,

und die Reichen lässt er leer ausgehen.

 

Er nimmt sich seines Knechtes Israel an

und gedenkt seiner Barmherzigkeit,

 

wie er es unseren Vätern verheißen hat,

Abraham und seinem Samen auf ewig.

 

Ehre sei dem Vater und dem Sohn

und dem Heiligen Geist,

 

wie im Anfang, so auch jetzt und allezeit

und in Ewigkeit.

 

Amen.

 

NUNC DIMITTIS

 

Der abschließende Abschnitt des Short Service von William Byrd ist das Nunc dimittis, der Lobgesang des greisen Simeon aus dem Lukasevangelium (Lk 2,29–32). Dieser kurze, aber theologisch bedeutende Text gehört zu den zentralen Cantica der christlichen Liturgie und wird seit dem frühen Mittelalter traditionell im Abendgebet gesungen. In der anglikanischen Gottesdienstordnung des Book of Common Prayer, eingeführt durch Thomas Cranmer, folgt das Nunc dimittis unmittelbar auf das Magnificat und bildet den feierlichen Abschluss des Evening Prayer.

 

Der Text schildert die Worte Simeons, der im Tempel von Jerusalem dem neugeborenen Jesus begegnet. In diesem Augenblick erkennt er in dem Kind den verheißenen Erlöser und spricht ein Gebet des Dankes und der Erfüllung. Der Lobgesang verbindet persönliche Erlösungserfahrung mit einer universalen Heilsbotschaft: Christus wird als „Licht zur Erleuchtung der Heiden“ und als „Herrlichkeit Israels“ bezeichnet. Gerade diese Verbindung von persönlicher Vollendung und heilsgeschichtlicher Perspektive verleiht dem Nunc dimittis seine besondere spirituelle Tiefe.

 

In Byrds Short Service erscheint der Text in einer musikalischen Form, die durch ruhige Würde und klare Textdeklamation geprägt ist. Wie in den übrigen Teilen dieses Zyklus verwendet Byrd überwiegend eine homophone Satzweise, die den englischen Text deutlich hervortreten lässt. Die Stimmen bewegen sich meist gemeinsam und entfalten eine ruhige, ausgeglichene Klangfläche, die dem meditativen Charakter des Textes entspricht.

 

Besonders wirkungsvoll ist die musikalische Gestaltung des zentralen Gedankens des Lobgesangs: der erfüllten Erwartung. Byrd vermeidet dramatische Steigerungen und setzt stattdessen auf eine sanfte, ausgewogene Klangentwicklung, die den Eindruck innerer Ruhe und geistlicher Erfüllung vermittelt. Dadurch erhält der Satz eine kontemplative Atmosphäre, die den gesamten Ablauf des Evening Prayer in würdiger Weise beschließt.

 

Innerhalb des Short Service bildet das Nunc dimittis somit den stillen, zugleich aber tief bedeutungsvollen Abschluss des Zyklus. Nach den Lobgesängen des Morgens und dem jubelnden Magnificat des Abendgottesdienstes endet der musikalische Bogen in einer Atmosphäre ruhiger Dankbarkeit und friedvoller Gewissheit.

 

CD Vorschlag

 

Magnificat and Nunc dimittis, The Choir Of Ely Cathedral, Leitung Paul Trepte (* 1954), Priory Records, 1996, Track 8 - Nunc dimittis:

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=p6Tig01LWZM&list=OLAK5uy_kav860p0Ax1sYZc_NX97JNnqfEQuFVOgs&index=8 

 

NUNC DIMITTIS

(Lukas 2,29–32 – Book of Common Prayer)

 

Lord, now lettest thou thy servant depart in peace,

according to thy word.

 

For mine eyes have seen

thy salvation,

 

Which thou hast prepared

before the face of all people;

 

To be a light to lighten the Gentiles,

and to be the glory of thy people Israel.

 

Glory be to the Father, and to the Son:

and to the Holy Ghost;

 

As it was in the beginning, is now, and ever shall be:

world without end.

 

Amen.

 

Deutsche Übersetzung

 

Herr, nun lässt du deinen Diener

in Frieden scheiden, wie du gesagt hast.

 

Denn meine Augen haben

dein Heil gesehen,

 

das du bereitet hast

vor allen Völkern,

 

ein Licht zur Erleuchtung der Heiden

und zur Herrlichkeit deines Volkes Israel.

 

Ehre sei dem Vater und dem Sohn

und dem Heiligen Geist,

 

wie im Anfang, so auch jetzt und allezeit

und in Ewigkeit.

 

Amen. 

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Short Service
NUNC DIMITTIS
MAGNIFICAT
CREED
KYRIE
BENEDICTUS
TE DEUM
VENITE

Second Service

 

Das Second Service gehört zu jenen Werken der anglikanischen Kirchenmusik, deren Überlieferung nicht vollständig gesichert ist. Anders als der umfangreiche Great Service oder der kompaktere Short Service handelt es sich hierbei nicht um einen geschlossen überlieferten liturgischen Zyklus, sondern um eine moderne editorische Zusammenstellung von einzelnen Sätzen, die vermutlich ursprünglich zu einem größeren Service gehörten.

 

In der anglikanischen Liturgie bezeichnet der Begriff Service eine musikalische Vertonung der zentralen Texte des täglichen Gottesdienstes nach dem Book of Common Prayer. Dazu gehören insbesondere das Magnificat und das Nunc dimittis für das Abendgebet (Evening Prayer) sowie weitere Gesänge des Morgen- oder Abendoffiziums. Beim sogenannten Second Service sind jedoch nur Teile eines solchen Zyklus überliefert, weshalb der Titel selbst nicht aus zeitgenössischen Quellen stammt, sondern erst in der späteren Forschung und in modernen Editionen verwendet wurde.

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=X9YNMi8qqfM 

 

Die erhaltenen Sätze zeichnen sich durch eine für Byrd typische Verbindung von polyphoner Satzkunst und klarer Textdeklamation aus. Obwohl die Musik kontrapunktisch gearbeitet ist, bleibt der Wortverständlichkeit stets große Aufmerksamkeit gewidmet – ein wichtiges Merkmal der anglikanischen Kirchenmusik in der elisabethanischen Zeit. Stilistisch steht das Werk zwischen den beiden gesicherten Service-Zyklen: Es zeigt bereits die größere strukturelle Klarheit des Short Service, bewahrt aber zugleich Elemente der kunstvollen Mehrstimmigkeit, die Byrds reifer Kirchenmusik eigen sind.

 

Da die Quellenlage lückenhaft ist, betrachten viele Musikwissenschaftler den Second Service heute eher als rekonstruierte Werkgruppe denn als vollständig erhaltene Komposition. Dennoch geben die überlieferten Sätze einen aufschlussreichen Einblick in Byrds Beitrag zur Entwicklung der anglikanischen Liturgie und zeigen, wie flexibel der Komponist die musikalische Gestaltung der Gottesdiensttexte zwischen repräsentativer Polyphonie und praktischer liturgischer Funktion ausbalancierte.

 

CD Vorschlag

 

William Byrd, Second Service & Consort Anthems, The Choir of The Magdalen College Oxford, Leitung  Bill Ives (* 1948), harmonia mundi, 2007, Tracks 5 und 7:

 

Track 5 -  Magnificat:

https://www.youtube.com/watch?v=585kki7skd4&list=OLAK5uy_mgjF5KgS6B2uXP7sR0C_m3gqC84etQTEM&index=5 

 

Track 7 - Nunc dimittis:

 

https://www.youtube.com/watch?v=GTPefij0tq8&list=OLAK5uy_mgjF5KgS6B2uXP7sR0C_m3gqC84etQTEM&index=7

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Second Service

Third Service 

 

Das Third Service von Byrd gehört zu den weniger eindeutig überlieferten Beiträgen des Komponisten zur anglikanischen Kirchenmusik. Anders als der umfangreiche Great Service und der kompaktere Short Service ist dieser Zyklus nicht vollständig in zeitgenössischen Quellen dokumentiert. Die Bezeichnung Third Service stammt vielmehr aus der späteren editorischen Praxis, in der einzelne überlieferte Sätze – vor allem Vertonungen des Magnificat und des Nunc dimittis für das Abendgebet (Evening Prayer) – zu einer möglichen weiteren Service-Gruppe zusammengefasst wurden.

 

Ein Service bezeichnet in der anglikanischen Liturgie eine musikalische Vertonung zentraler Texte des Book of Common Prayer, insbesondere für Morning Prayer, Evening Prayer und teilweise auch für die Eucharistie. Beim sogenannten Third Service sind jedoch nur Teile eines solchen liturgischen Zyklus erhalten, sodass nicht sicher festgestellt werden kann, ob Byrd ursprünglich einen vollständigen Service in dieser Form komponiert hat oder ob lediglich einzelne Sätze überliefert wurden.

 

Die Musik zeigt typische Merkmale von Byrds reifer Kirchenmusik: eine ausgewogene Verbindung von kontrapunktischer Mehrstimmigkeit und klarer, textnaher Deklamation. Der Satz ist meist transparent und rhythmisch lebendig, wobei Byrd die Worte des liturgischen Textes sorgfältig modelliert und durch wechselnde Stimmenkombinationen musikalisch hervorhebt. Diese stilistische Balance zwischen kunstvoller Polyphonie und liturgischer Verständlichkeit gehört zu den charakteristischen Leistungen Byrds innerhalb der englischen Kirchenmusik der elisabethanischen Zeit.

 

Auch wenn der Third Service aus quellenkritischer Sicht eher als editorisch rekonstruierte Werkgruppe denn als vollständig überlieferter Zyklus gelten muss, dokumentieren die erhaltenen Sätze eindrucksvoll Byrds Fähigkeit, die traditionellen polyphonen Techniken der Renaissance mit den Anforderungen der reformierten englischen Liturgie zu verbinden. Sie zeigen zugleich die stilistische Vielfalt, mit der Byrd die musikalische Gestaltung des anglikanischen Abendgebets behandelte.

 

CD Vorschlag

 

William Byrd, Magnificat and Nunc dimittis, The Choir of Norwich Cathedral, Leitung David Dunnett (* 1962), Priory Records, 1999, Tracks  13 und 14:

https://www.youtube.com/watch?v=AE7Epr8lryg&list=OLAK5uy_nvpJzBJ9dLzZVBxMtKglwYf4OiFMsAJMw&index=13

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Third Service

Sing joyfully unto God

 

Der Unterschied zwischen Motette und Anthem liegt vor allem in ihrer liturgischen Tradition, Sprache und historischen Herkunft. Die Motette ist eine zentrale Gattung der kontinentaleuropäischen, ursprünglich katholischen Kirchenmusik und entwickelte sich seit dem Mittelalter zu einer mehrstimmigen, meist lateinischen Chorkomposition auf biblische oder liturgische Texte, häufig a cappella und in kunstvoller polyphoner Satztechnik, wie sie etwa bei Giovanni Pierluigi da Palestrina oder Orlando di Lasso typisch ist. Der Anthem hingegen entstand im Zuge der englischen Reformation innerhalb der anglikanischen Kirchenmusik der Church of England und ist funktional eine englischsprachige Entsprechung der Motette, jedoch stärker auf die Liturgie von Morning Prayer oder Evensong zugeschnitten; er kann entweder als Full Anthem ausschließlich für Chor oder als Verse Anthem mit Wechsel zwischen Solisten, Chor und häufig Orgelbegleitung gestaltet sein. Bedeutende Vertreter dieser Gattung sind etwa Thomas Tallis, William Byrd und später Henry Purcell. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Motette die traditionelle lateinische Form geistlicher Chormusik der katholischen bzw. kontinentaleuropäischen Tradition darstellt, während der Anthem ihre englischsprachige anglikanische Parallelform ist, die stärker in die spezifische Gottesdienstpraxis der englischen Kathedralmusik eingebunden ist.

 

Der Anthem „Sing joyfully unto God“ gehört zu den bekanntesten und zugleich repräsentativsten Werken der anglikanischen Kirchenmusik. Er entstand höchstwahrscheinlich in den späten 1580er oder frühen 1590er Jahren, einer Phase, in der Byrd am Hof von Elizabeth I (1533–1603) als führender Komponist der englischen Kirchenmusik galt. Die Komposition ist für sechs Stimmen (SSAATB) gesetzt und gehört zur Gattung des Full Anthem, also einer durchgehend polyphon vertonten Motette ohne solistische Verse.

 

Der Text stammt aus Psalm 81, Verse 1–4, in der englischen Fassung des Book of Common Prayer. Er ruft zum jubelnden Lob Gottes auf und verbindet diesen Aufruf mit musikalischen Bildern von Gesang, Instrumenten und festlicher Klangfülle. Gerade diese poetische Verbindung von Liturgie und Musik bot Byrd eine ideale Grundlage für eine besonders farbige und lebendige Vertonung.

 

Musikalisch entfaltet das Werk eine eindrucksvolle Klangarchitektur. Der Beginn ist von einem energischen, imitatorischen Motiv geprägt, das rasch von Stimme zu Stimme weitergegeben wird und so den Eindruck eines gemeinsamen, freudigen Aufrufs erzeugt. Im weiteren Verlauf wechseln dichte polyphone Passagen mit klareren, akkordischen Abschnitten, wodurch der Text besonders deutlich hervortritt. Byrd nutzt außerdem rhythmische Vitalität und kurze dialogische Figuren zwischen den Stimmen, um den jubelnden Charakter des Psalms plastisch darzustellen. Besonders eindrucksvoll ist der Schluss, in dem sich die Stimmen zu einer kraftvollen, festlichen Klangfülle vereinen – ein musikalisches Bild des gemeinschaftlichen Lobgesangs.

https://www.youtube.com/watch?v=e6JfcFhs9Y8 

 

Mit seiner Verbindung aus kunstvoller Polyphonie, klarer Textdeklamation und strahlender Klangwirkung gehört „Sing joyfully unto God“ zu den Höhepunkten der elisabethanischen Kirchenmusik. Das Werk zeigt exemplarisch, wie Byrd die traditionsreiche Technik der Renaissance-Polyphonie mit den Anforderungen der englischen Liturgie verband und dabei eine Musik schuf, die sowohl liturgisch funktional als auch künstlerisch außerordentlich wirkungsvoll ist.

 

Text (Psalm 81,1–4)

 

Sing joyfully unto God our strength;

make a cheerful noise unto the God of Jacob.

Take the psalm, bring hither the tabret,

the merry harp with the lute.

Blow the trumpet in the new moon,

even in the time appointed,

and upon our solemn feast day.

 

Deutsche Übersetzung

 

Singt freudig Gott, unserer Stärke;

jubelt dem Gott Jakobs laut zu.

Stimmt den Psalm an und lasst die Handtrommel erklingen,

die fröhliche Harfe zusammen mit der Laute.

Stoßt in die Trompete beim Neumond,

zur festgesetzten Zeit,

am Tag unseres heiligen Festes.

 

CD Vorschlag

 

The Tallis Scholars Sing William Byrd,  The Tallis Scholars, Leitung Peter Phillips (* 1953), Gimell, 2006, Track 67:

 

https://www.youtube.com/watch?v=D0sS0_bEo28&list=OLAK5uy_mM-8gDoDQHo7hykGMPRO0QqT3KUt1KJdQ&index=67 

 

Auf der originalen CD befindet sich Sing joyfully unto God als Track 13 auf CD 2.

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Sing joyfully unto God

O Lord, make thy servant Elizabeth

 

„O Lord, make thy servant Elizabeth“ gehört zu den bedeutendsten festlichen Anthems von William Byrd. Das Werk entstand wahrscheinlich in den 1570er oder frühen 1580er Jahren, also in der Blütezeit von Byrds Tätigkeit als Komponist der königlichen Kapelle unter der Regierung von Elizabeth I. (1533–1603). Die Komposition ist für fünf Stimmen gesetzt und gehört zur Gattung des Full Anthem, also einer durchgehend polyphon gestalteten Vertonung ohne Wechsel zwischen Chor und Solostimmen.

 

Der Text des Anthems ist ein Gebet für die Königin, das aus mehreren Versen des Psalms 21 zusammengestellt ist. In der anglikanischen Liturgie wurden solche Psalmtexte häufig zu besonderen Anlässen verwendet, etwa bei Dankgottesdiensten oder höfischen Zeremonien, in denen für das Wohlergehen und die göttliche Führung des Monarchen gebetet wurde. Byrds Vertonung steht somit in engem Zusammenhang mit der politischen und religiösen Symbolik der elisabethanischen Zeit, in der Loyalität gegenüber der Krone und Gottesdienst untrennbar miteinander verbunden waren.

https://www.youtube.com/watch?v=Ued6yNZNto0 

 

Musikalisch verbindet Byrd in diesem Werk kunstvolle Polyphonie mit klarer Textgestaltung. Die Stimmen treten zunächst imitierend ein und entfalten eine ruhige, würdige Klangarchitektur, die dem Charakter eines feierlichen Gebets entspricht. Gleichzeitig achtet Byrd darauf, dass die Worte verständlich bleiben, indem er wichtige Textstellen durch homophone Passagen hervorhebt. Besonders eindrucksvoll sind die musikalischen Steigerungen in den Abschnitten, die Gottes Schutz und Segen für die Herrscherin beschwören: Hier verdichtet sich der Satz zu einer klangvollen Mehrstimmigkeit, die die festliche Würde des Anlasses unterstreicht.

 

„O Lord, make thy servant Elizabeth“ ist damit ein eindrucksvolles Beispiel für Byrds Fähigkeit, religiöse Andacht, politische Loyalität und musikalische Kunst miteinander zu verbinden. Das Werk gehört zu den charakteristischen Vertonungen der elisabethanischen Staatsliturgie und zeigt zugleich, wie meisterhaft Byrd die Tradition der Renaissance-Polyphonie in den Dienst der englischen Kirchenmusik stellte.

 

Text

 

O Lord, make thy servant Elizabeth our Queen

to rejoice in thy strength.

Give her her heart’s desire,

and deny not the request of her lips.

But prevent her with thine everlasting goodness,

and give her a crown of pure gold.

Alleluia.

 

Deutsche Übersetzung

 

O Herr, lass deine Dienerin Elisabeth, unsere Königin,

sich über deine Stärke freuen.

Erfülle ihr den Wunsch ihres Herzens

und versage ihr nicht die Bitte ihrer Lippen.

Komm ihr zuvor mit deiner immerwährenden Güte

und setze ihr eine Krone aus reinem Gold auf.

Halleluja.

 

CD Vorschlag

 

The Tallis Scholars, Renaissance Radio, Leitung Peter Phillips (* 1953), Gimell, 2013, Track 46:

https://www.youtube.com/watch?v=uYdBSoX8H_Y

 

Zur Einspielung:

 

Die Aufnahme von „O Lord, make thy servant Elizabeth“ aus dem Album Renaissance Radio mit The Tallis Scholars unter der Leitung von Peter Phillips ist klanglich besonders interessant, weil sie mehrere charakteristische Merkmale dieses Ensembles exemplarisch zeigt.

 

Zunächst fällt die außergewöhnliche Transparenz des Klangbildes auf. Die Tallis Scholars singen mit einer relativ kleinen, sehr ausgewogenen Besetzung, bei der jede Stimme klar hörbar bleibt. Dadurch treten die imitatorischen Einsätze der einzelnen Stimmen deutlich hervor. Gerade bei Byrds polyphonem Satz ist dies entscheidend, weil sich die musikalische Architektur aus dem dialogischen Wechsel der Stimmen entwickelt. Die Aufnahme erlaubt es dem Hörer, diese Struktur fast wie in einer Partitur mitzuvollziehen.

 

Ein weiteres Merkmal ist die außergewöhnlich reine Intonation und homogene Vokalfarbe des Ensembles. Die Stimmen verschmelzen zu einem sehr gleichmäßigen Klang, ohne dass einzelne Register dominieren. Dieser Stil ist typisch für die Interpretationsästhetik der Tallis Scholars und orientiert sich an einem klaren, schlanken Renaissanceklang, der den kontrapunktischen Linien größtmögliche Deutlichkeit verleiht.

 

Hinzu kommt die räumliche Akustik, die in vielen Gimell-Produktionen bewusst gewählt wird. Die Aufnahme nutzt eine kirchliche Resonanz mit moderatem Nachhall, wodurch der Klang zwar warm und getragen wirkt, aber dennoch genügend Präzision behält. Dadurch entsteht eine Balance zwischen liturgischer Atmosphäre und analytischer Klarheit – ein Ideal für Renaissancepolyphonie.

 

Besonders wirkungsvoll ist schließlich die Textdeklamation. Obwohl Byrds Satz dicht polyphon ist, bleibt der englische Text deutlich verständlich. Die Sänger formen die musikalischen Phrasen so, dass wichtige Worte – etwa die Bitte um göttlichen Schutz für die Königin – musikalisch hervorgehoben werden. Dadurch verbindet sich die klangliche Schönheit der Polyphonie mit der rhetorischen Wirkung des Textes.

 

Gerade diese Kombination aus Klarheit, vokaler Reinheit, kontrollierter Akustik und textbezogener Gestaltung macht die Aufnahme zu einem überzeugenden Beispiel für die moderne Aufführungspraxis der englischen Renaissancemusik. Sie zeigt sehr deutlich, wie Byrds Musik sowohl als kunstvolle Polyphonie als auch als lebendige liturgische Rede verstanden werden kann.

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O Lord, make thy servant Elizabeth

Teach me, O Lord

 

Byrd zeigt sich in seinem Anthem "Teach me, O Lord" von einer Seite, die weniger auf äußere Pracht als auf innere Sammlung, geistige Vertiefung und liturgische Wahrhaftigkeit zielt. Das Werk gehört zu jenen englischen Kirchenkompositionen, in denen sich die persönliche Frömmigkeit des Komponisten, seine außergewöhnliche Sensibilität für den Wortton und seine souveräne Beherrschung einer klaren, zugleich kunstvoll durchformten Satztechnik in besonders eindrucksvoller Weise begegnen. Nach heutigem Forschungsstand dürfte die Komposition wahrscheinlich noch in Byrds früherer Schaffenszeit entstanden sein, vermutlich in Verbindung mit seiner Tätigkeit an der Kathedrale von Lincoln, also wohl in den 1560er oder frühen 1570er Jahren. Gerade diese angenommene frühe Datierung macht das Stück besonders interessant, denn es lässt bereits wesentliche Merkmale jener musikalischen Sprache erkennen, die Byrd später zu einem der größten Meister der englischen Kirchenmusik machen sollte.

 

Der Text stützt sich auf Verse aus dem 119. Psalm, jenem großen biblischen Lehrpsalm, der in dichter Folge die Liebe zum göttlichen Gesetz, die Sehnsucht nach Erkenntnis, die Bitte um Unterweisung und den Wunsch nach innerer Festigung vor Gott entfaltet. Hinzu tritt in der liturgischen Überlieferung die kleine Doxologie, also das „Glory be to the Father“, das den Psalmtext in den größeren Rahmen christlichen Gotteslobes stellt. Damit erhält das Werk einen zugleich persönlichen und kirchlich eingebundenen Charakter: Es ist einerseits ein inniges Gebet des einzelnen Gläubigen, andererseits ein Bestandteil der gemeinsamen Liturgie. Genau in dieser Verbindung von individueller Bitte und gottesdienstlicher Ordnung liegt einer der tiefsten Reize dieser Komposition.

 

https://www.youtube.com/watch?v=2FdkskCbBsA 

 

Musikalisch ist Teach me, O Lord als Verse Anthem angelegt, also als jene für die anglikanische Kirchenmusik so charakteristische Form, in der solistische und chorische Abschnitte miteinander wechseln, gewöhnlich unter Mitwirkung der Orgel. Gerade diese Struktur ist für das Verständnis des Werkes von zentraler Bedeutung. Der Soloteil wirkt wie eine unmittelbar ausgesprochene persönliche Bitte: still, gesammelt, beinahe kontemplativ. Nichts drängt hier auf äußerliche Wirkung; die Musik sucht nicht den Triumph, sondern die Wahrheit des Gebets. Wenn später der Chor eintritt, erweitert sich dieser individuelle Ton zu einer gemeinschaftlichen Bekräftigung. So entsteht ein geistlicher Raum, in dem sich das persönliche Bitten und das liturgische Mittragen der Gemeinde wechselseitig ergänzen. Byrd gelingt es, diese beiden Ebenen nicht gegeneinander auszuspielen, sondern sie in eine fein austarierte Einheit zu überführen.

 

Gerade in der Ausdeutung des Textes erweist sich Byrds Meisterschaft. Die Bitte „Teach me, O Lord“ wird nicht dramatisch zugespitzt, sondern mit einer schlichten Würde gestaltet, die dem geistlichen Charakter des Textes vollkommen entspricht. Die Musik schreitet ruhig voran, mit natürlicher sprachlicher Gliederung und einem ausgeprägten Gespür für die rhythmische Form der englischen Sprache. Doch diese scheinbare Einfachheit ist das Ergebnis höchster Kunst. Unter der klaren Oberfläche lebt eine sorgfältig gearbeitete kontrapunktische Struktur, in der die Stimmen aufeinander bezogen bleiben und ein ausgewogenes Geflecht bilden. Byrd zeigt hier, dass wahre Ausdruckskraft nicht von äußerer Komplexität abhängen muss. Vielmehr entsteht die Wirkung aus der inneren Geschlossenheit des Satzes, aus der Reinheit der Linienführung und aus der vollkommenen Übereinstimmung von musikalischer Gestalt und geistlichem Gehalt.

 

Besonders schön ist, dass der Psalmtext in dieser Vertonung nicht nur deklamiert, sondern gleichsam innerlich durchlebt wird. Wenn um Einsicht gebeten wird, antwortet die Musik nicht mit überladener Gelehrsamkeit, sondern mit Klarheit. Wenn von dem Wunsch die Rede ist, auf dem Pfad der Gebote zu gehen, bleibt auch der musikalische Verlauf geordnet, ruhig und zielgerichtet. Wo die Worte das Herz an Gottes Zeugnisse gebunden wissen wollen und die Augen von der Eitelkeit der Welt abgewendet werden sollen, gewinnt der Satz eine besondere Innigkeit. Die Vertonung vermeidet jede theatralische Geste und erreicht gerade dadurch eine große geistige Glaubwürdigkeit. Die Musik scheint nicht auf Wirkung zu zielen, sondern auf Sammlung, Läuterung und innere Festigung.

 

Auch die Rolle der Orgel ist in diesem Zusammenhang bedeutsam. Sie begleitet nicht nur, sondern trägt den musikalischen Verlauf auf diskrete Weise mit, stützt die Singstimmen und verleiht dem Werk jene sanfte liturgische Grundierung, die den Klangraum weitet, ohne ihn zu überladen. In einer guten Aufführung entsteht dadurch jener typisch englische, zugleich schlichte und edle Kirchenklang, in dem Solostimme, Chor und Orgel eine geistliche Einheit bilden. Das Werk wirkt dann weder konzertant noch rein funktional, sondern erfüllt genau jenen Zwischenbereich, in dem die anglikanische Kirchenmusik des späten 16. Jahrhunderts zu ihrer eigentlichen Größe findet.

 

Innerhalb von Byrds englischem geistlichem Schaffen nimmt Teach me, O Lord daher eine besondere Stellung ein. Während Werke wie Sing joyfully unto God oder O Lord, make thy servant Elizabeth stärker nach außen wirken und deutlicher festlich-repräsentative Züge tragen, begegnet uns hier eine Musik von anderer Haltung. Sie ist stiller, persönlicher und geistlich konzentrierter. Gerade deshalb offenbart sie aber in besonderer Reinheit, was Byrd als Komponist auszeichnet: die Fähigkeit, das Wort nicht nur kunstvoll zu vertonen, sondern ihm eine musikalische Form zu geben, die seinen inneren Sinn freilegt. In diesem Anthem spricht nicht der höfische Glanz, nicht die politische Repräsentation und auch nicht der jubelnde Festcharakter, sondern das demütige Gebet um Leitung, Einsicht und Bewahrung. Es ist Musik, die nicht imponieren will, sondern überzeugen; nicht überwältigen, sondern durch ihre Wahrhaftigkeit berühren.

 

So gehört Teach me, O Lord zu jenen Werken, die vielleicht nicht im ersten Moment durch Größe oder Pracht auffallen, die sich aber bei näherer Beschäftigung als besonders kostbar erweisen. Es ist ein stilles Meisterstück, in dem Byrd die Form des anglikanischen Verse Anthem mit einer ungewöhnlichen geistigen Dichte erfüllt. Gerade in seiner Zurückhaltung, seiner textnahen Klarheit und seiner edlen, unaufdringlichen Ausdruckskraft liegt seine bleibende Schönheit. Wer dieses Werk aufmerksam hört, begegnet nicht nur einem bedeutenden Zeugnis elisabethanischer Kirchenmusik, sondern auch einer musikalischen Meditation über Gehorsam, Erkenntnis und die Sehnsucht des Menschen, auf Gottes Weg geführt zu werden.

 

Text

 

Teach me, O Lord, the way of thy statutes:

and I shall keep it unto the end.

Give me understanding, and I shall keep thy law:

yea, I shall keep it with my whole heart.

Make me to go in the path of thy commandments:

for therein is my desire.

Incline my heart unto thy testimonies:

and not to covetousness.

O turn away mine eyes, lest they behold vanity:

and quicken me in thy way.

O stablish thy word in thy servant:

that I may fear thee.

 

Glory be to the Father, and to the Son:

and to the Holy Ghost;

As it was in the beginning, is now, and ever shall be:

world without end.

 

Amen.

 

Deutsche Übersetzung

 

Lehre mich, o Herr, den Weg deiner Satzungen,

so will ich ihn bewahren bis ans Ende.

Gib mir Einsicht, so will ich dein Gesetz halten,

ja, ich will es von ganzem Herzen befolgen.

Lass mich gehen auf dem Pfad deiner Gebote,

denn an ihm habe ich Freude.

Neige mein Herz zu deinen Mahnungen

und nicht zur Habsucht.

Wende meine Augen ab, damit sie nicht auf Nichtiges schauen,

und belebe mich auf deinem Weg.

Erfülle an deinem Diener dein Wort,

damit ich dich fürchte.

 

Ehre sei dem Vater und dem Sohn

und dem Heiligen Geist,

wie im Anfang, so auch jetzt und allezeit

und in Ewigkeit.

 

Amen.

 

CD Vorschlag

 

William Byrd, Anthems, Motets & Services, Hereford Cathedral Choir, Leitung Geraint Bowen (* 1963), Musical Concepts, 2024, Track 10:

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=iStqFPIWH94&list=OLAK5uy_miXSIWDzYdUXDFJdg3i802MoJOpXNBrUs&index=10 

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Teach me, O Lord

Arise, O Lord, why sleepest thou

 

Byrds Anthem „Arise, O Lord, why sleepest thou“ gehört zu jenen englischen Kirchenwerken, in denen sich die ernste, bittende und zutiefst eindringliche Seite seiner anglikanischen Musik besonders deutlich offenbart. Anders als festlich ausgreifende Stücke wie Sing joyfully unto God oder das höfisch geprägte Gebet für Königin Elisabeth ist dieses Werk von Klage, Dringlichkeit und dem Ruf nach göttlichem Eingreifen bestimmt. Die Überlieferung zeigt es als zweiteiliges Anthem: Auf den ersten Teil Arise, O Lord, why sleepest thou folgt als zweiter Abschnitt „Help us, O God“. In einer Handschrift der British Library ist das Werk ausdrücklich in dieser Form bezeugt, wobei der erste Teil für fünf Stimmen, der zweite für sechs Stimmen notiert ist; auch DIAMM verzeichnet die Komposition als zweiteiligen englischen Anthem-Zyklus.

 

Textlich schöpft Byrd hier aus der Sprache der Psalmen. Der erste Teil greift Psalm 44, Verse 23–24 auf: „Arise, O Lord, why sleepest thou … Wherefore hidest thou thy face …?“ Der zweite Teil führt die Bitte mit Worten aus Psalm 79, Vers 9 weiter: „Help us, O God of our salvation …“ In der Forschung wird gerade diese Verbindung der beiden Psalmstellen ausdrücklich hervorgehoben. Dadurch entsteht nicht einfach eine einzelne Psalmvertonung, sondern eine kleine geistliche Dramaturgie: Aus der erschütterten Klage wächst die inständige Bitte um Hilfe, Rettung und Vergebung.

 

https://www.youtube.com/watch?v=mHv28uoQrME 

 

Musikalisch ist das Werk von großer Konzentration und Ausdrucksschärfe. Schon der Beginn mit dem aufrüttelnden „Arise, O Lord“ verzichtet auf jede äußerliche Feierlichkeit und trifft unmittelbar einen ernsten, gespannten Ton. Man spürt in dieser Musik keinen höfischen Glanz und keine repräsentative Breite, sondern ein existentielles Flehen. Byrd gestaltet den englischen Text mit jener Meisterschaft, die für seine besten Anthems charakteristisch ist: Die Polyphonie bleibt kunstvoll und kontrolliert, doch sie dient nie dem Selbstzweck. Vielmehr wird sie ganz in den Dienst der Worte gestellt, so dass Klage, Unruhe, Erwartung und Hoffnung mit großer Prägnanz hervortreten. Auch spätere analytische Arbeiten zu Byrds Anthems heben gerade an diesem Stück seine enge Bindung an Sprachrhythmus und Textausdeutung hervor.

 

Besonders eindrucksvoll ist die innere Entwicklung des Werkes. Der erste Teil wirkt wie ein Aufschrei aus Not und Verlassenheit. Die Frage, warum Gott sein Angesicht verberge und das Elend seines Volkes vergesse, erhält bei Byrd eine musikalische Form, die weder opernhaft dramatisiert noch nüchtern deklamiert, sondern die geistliche Spannung des Textes in ein dichtes, bewegtes Stimmengeflecht überführt. Der zweite Teil mit „Help us, O God“ bündelt diese Spannung noch einmal und führt sie zu einer klaren Bitte um Erlösung. So entsteht ein Anthem von bemerkenswerter Geschlossenheit: zuerst der Ruf in der Bedrängnis, dann das bewusste und demütige Anflehen göttlicher Hilfe. Gerade diese Zweiteiligkeit verleiht dem Werk sein besonderes Gewicht.

 

Eine genaue Datierung der Komposition ist in den leicht zugänglichen Quellen nicht sicher greifbar. Für eine vorsichtige, wissenschaftlich saubere Darstellung ist es daher am besten, kein exaktes Kompositionsjahr zu behaupten. Sicher ist aber, dass das Werk zum Kernbestand von Byrds englischen Anthems gerechnet wird; Werkverzeichnisse und moderne Byrd-Übersichten führen es regelmäßig unter den wichtigen englischen Kirchenstücken des Komponisten. Gerade im Zusammenhang mit deinen bisherigen Byrd-Texten ist dieses Anthem von großem Wert, weil es die ernste, penitentiale und bittende Seite seiner anglikanischen Musik repräsentiert. Wo andere Werke jubeln, festlich preisen oder in höfisch-liturgischem Zusammenhang stehen, begegnet uns hier Musik von einer anderen, herberen Würde: gesammelt, eindringlich und von innerem Ernst getragen.

 

Innerhalb von Byrds englischem geistlichem Schaffen nimmt „Arise, O Lord, why sleepest thou“ deshalb eine besondere Stellung ein. Es ist ein Werk, das nicht durch äußerliche Größe überwältigt, sondern durch geistige Dichte und seelische Wahrheit. Byrd zeigt sich hier als Komponist, der den biblischen Text nicht bloß vertont, sondern gleichsam in Klangmeditation verwandelt. Die Musik scheint aus einer Situation innerer und äußerer Bedrängnis zu sprechen; zugleich bleibt sie von jener Disziplin, Ausgewogenheit und formalen Klarheit geprägt, die Byrds Kunst unverwechselbar machen. Gerade diese Verbindung aus emotionaler Dringlichkeit und kompositorischer Beherrschung macht das Anthem zu einem besonders eindrucksvollen Zeugnis der elisabethanischen Kirchenmusik.

 

CD Vorschlag

 

William Byrd, The Great Service & English Anthems,  Alamire, Leitung  David Skinner (* 1964),  Resonus Limited / Alamire, 2024, Track 13:

 

https://www.youtube.com/watch?v=qPHwHdDi7Go&list=OLAK5uy_nrPJQ6UJ4dkaIcyE0O4cWSWWCO0-3LBiU&index=13

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Arise, O Lord, why sleepest thou

Exalt thyself, O God

 

Der Anthem „Exalt thyself, O God“ gehört zu jener Gruppe englischer Kirchenwerke, in denen sich geistliche Erhebung, Psalmfrömmigkeit und musikalische Kunst in besonders konzentrierter Form verbinden. Anders als Anthems von bittendem oder klagendem Charakter ist dieses Werk von Beginn an auf Lobpreis, Zuversicht und innere Festigkeit ausgerichtet. Es zählt zu Byrds englischen Anthems und wird in der modernen Byrd-Ausgabe als eigenständiges Werk geführt; zugleich gehört es zu den Stücken, die auch in neueren Einspielungen als wichtiger Bestandteil seines englischen Kirchenrepertoires erscheinen.

 

Der Text geht auf Psalm 57 zurück. Schon Craig Monsons grundlegende Untersuchung zu Byrds Anthems hebt hervor, dass Byrd hier gezielt jene Psalmverse wählte, die den Gedanken des musikalischen Gotteslobs in den Mittelpunkt stellen. Damit steht das Werk in enger Verbindung zu jener biblisch geprägten anglikanischen Frömmigkeit, in der Gesang nicht bloß Schmuck des Gottesdienstes, sondern selbst Form des Lobes, des Bekenntnisses und der geistlichen Sammlung ist. Zugleich ist in der Forschung darauf hingewiesen worden, dass die Textunterlegung in der Überlieferung nicht in allen Einzelheiten unproblematisch ist; das betrifft vor allem editorische Fragen der genauen Verteilung des Textes auf die Stimmen, nicht jedoch den grundsätzlichen Psalmbezug des Werks. Gerade deshalb ist es sinnvoll, bei der Beschreibung des Anthems vorsichtig und quellenkritisch zu bleiben.

 

Musikalisch wirkt Exalt thyself, O God trotz seiner vergleichsweise knappen Dimension außerordentlich geschlossen. Es ist kein breit angelegtes Repräsentationsstück wie Byrds große Service-Sätze, sondern ein Anthem von konzentrierter Wirkung. Die Musik scheint aus einem Zustand innerer Bereitschaft zu sprechen: nicht aus Bedrängnis wie in Arise, O Lord, why sleepest thou, sondern aus einer Haltung des Vertrauens, der Sammlung und der bewussten Hinwendung zum Gotteslob. Gerade das macht den besonderen Reiz des Stückes aus. Byrd entfaltet hier keine dramatische Klage, sondern eine leuchtende, gefestigte Form geistlicher Bekräftigung. Die Grundstimmung ist erhoben, aber nicht prunkvoll; feierlich, aber nicht schwer; kunstvoll, aber von einer Klarheit, die den Text stets durchscheinen lässt.

 

Besonders bedeutsam ist dabei die Verbindung von Psalmwort und musikalischer Faktur. Die Verse aus Psalm 57 sprechen von einem Herzen, das bereit ist, Gott zu preisen, von Gesang und Saitenspiel und schließlich von der Erhebung Gottes über Himmel und Erde. In dieser Bewegung vom inneren Bereitsein zum öffentlichen Lob liegt bereits eine kleine geistliche Dramaturgie, und Byrd folgt ihr mit großem Feingefühl. Die Musik wirkt nicht statisch, sondern entwickelt sich organisch aus dem Text heraus. Wo vom Singen und Lobsagen die Rede ist, gewinnt die Satzweise an Schwung und Glanz; wo Gottes Barmherzigkeit und Wahrheit genannt werden, entsteht eine weitere klangliche Öffnung, als wolle die Musik den Raum nach oben hin erweitern. So wird die Erhebung Gottes nicht nur ausgesprochen, sondern gewissermaßen hörbar gemacht.

 

Wie so oft bei Byrd liegt die Wirkung nicht in äußerer Effekthascherei, sondern in der außerordentlich kontrollierten Verbindung von Textdeklamation, Polyphonie und klanglicher Balance. Gerade darin zeigt sich seine Meisterschaft. Der englische Text bleibt verständlich, ohne dass die Mehrstimmigkeit an Kunst verliert. Die Stimmen greifen ineinander, stützen und beleuchten einander, und dennoch hat man nie das Gefühl einer gelehrten Konstruktion um ihrer selbst willen. Vielmehr entsteht der Eindruck einer Musik, die mit natürlicher Selbstverständlichkeit aus dem Bibelwort hervorgeht. Diese Fähigkeit, kontrapunktische Kunst und geistliche Direktheit miteinander zu versöhnen, gehört zu den stärksten Merkmalen von Byrds englischer Kirchenmusik.

 

Innerhalb deiner bisherigen Byrd-Gruppe ist Exalt thyself, O God deshalb eine sehr wertvolle Ergänzung. Nach dem klagenden und flehenden Ton von Arise, O Lord, why sleepest thou begegnet uns hier eine andere seelische Haltung: keine Notbitte, sondern Zuversicht; kein Aufschrei, sondern Sammlung; keine Dunkelheit, sondern ein helleres, von Vertrauen getragenes Gotteslob. Gerade durch diesen Kontrast gewinnt das Werk besonderes Gewicht. Es zeigt, wie vielfältig Byrd mit den englischen Psalmtexten umzugehen vermochte. Er konnte jubeln, bitten, klagen und preisen — und in jedem dieser Bereiche fand er eine eigene, unverwechselbare musikalische Sprache.

 

Eine genaue Datierung des Anthems ist in den leicht zugänglichen Quellen nicht sicher angegeben. Für eine wissenschaftlich saubere Darstellung ist es daher am besten, auf ein bestimmtes Kompositionsjahr zu verzichten. Sicher ist jedoch, dass das Werk in modernen Editionen von Byrds englischen Anthems seinen festen Platz hat und auch in der heutigen Aufführungspraxis als charakteristisches Beispiel seines englischen Kirchenstils geschätzt wird.

 

Gerade in dieser Verbindung aus geistlicher Helle, textnaher Klarheit und kunstvoll beherrschter Mehrstimmigkeit offenbart Exalt thyself, O God eine Seite Byrds, die für das Verständnis seiner anglikanischen Musik unverzichtbar ist. Das Werk ist weder bloß schlicht noch bloß festlich; es ist vielmehr ein Anthem von innerer Noblesse. Die Musik hebt sich gleichsam aus sich selbst empor und folgt damit dem Sinn des Textes: Gott soll erhöht werden über Himmel und Erde, und der menschliche Gesang wird zum Zeichen dieser Erhebung. So entsteht ein Stück von stiller Größe, dessen Schönheit nicht auf äußerem Glanz, sondern auf Klarheit, Zuversicht und geistiger Sammlung beruht.

 

Da die editorische Textunterlegung in der Überlieferung nicht ganz unproblematisch ist, gebe ich dir hier die gewöhnlich zugrunde gelegte Psalm Fassung aus Psalm 57 wieder, wie sie dem Werk inhaltlich entspricht und in der Forschung mit ihm verbunden wird. Der Kern des Anthems liegt in den Lobpreisversen des Psalms.

 

Text

 

My heart is ready, O God, my heart is ready;

I will sing, and give praise with the best member that I have.

Awake, thou lute, and harp;

I myself will awake right early.

I will give thanks unto thee, O Lord, among the people;

and I will sing unto thee among the nations.

For the greatness of thy mercy reacheth unto the heavens,

and thy truth unto the clouds.

Set up thyself, O God, above the heavens,

and thy glory above all the earth.

 

Deutsche Übersetzung

 

Mein Herz ist bereit, o Gott, mein Herz ist bereit;

ich will singen und Lob darbringen mit meinem besten Vermögen.

Erwache, Laute und Harfe;

ich selbst will sehr früh erwachen.

Ich will dir danken, o Herr, unter den Völkern

und dir lobsingen unter den Nationen.

Denn die Größe deiner Barmherzigkeit reicht bis an den Himmel

und deine Wahrheit bis zu den Wolken.

Erhebe dich, o Gott, über die Himmel,

und deine Herrlichkeit über alle Welt.

 

CD Vorschlag

 

William Byrd, The Great Service & English Anthems,  Alamire, Leitung David Skinner (* 1964),  Resonus Limited / Alamire, 2024, Track 15:

https://www.youtube.com/watch?v=x3FEB-DKtL0&list=OLAK5uy_nrPJQ6UJ4dkaIcyE0O4cWSWWCO0-3LBiU&index=15

 

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Exalt thyself, O God

Hear my prayer, O Lord

 

Byrds Anthem „Hear my prayer, O Lord“ gehört zu den eindringlichsten, innerlichsten und geistlich konzentriertesten Zeugnissen seiner Kirchenmusik. In diesem Werk begegnet uns nicht der repräsentative Glanz der großen Staatsliturgie, nicht die festliche Weite eines jubelnden Anthem-Satzes und auch nicht der höfische Ton eines für den königlichen Gottesdienst bestimmten Gebets, sondern eine Musik von stillerer, tieferer und persönlicherer Ausdruckskraft. Gerade darin liegt ihre besondere Größe. Byrd zeigt sich hier als Meister einer geistlichen Klangrede, die aus der Demut, der Not und dem Vertrauen des betenden Menschen hervorgeht und dennoch ganz in den liturgischen Raum der anglikanischen Kirche eingebunden bleibt. In modernen Ausgaben wird das Werk als Verse Anthem für Sopran solo, SSATB und Orgel geführt; diese Besetzung ist nicht bloß ein äußerliches Detail, sondern wesentlich für die besondere Wirkung der Komposition.

 

Der Wechsel von Solostimme, Chor und Orgel gibt dem Werk seinen unverwechselbaren Charakter. Die Solostimme eröffnet die musikalische Rede in einer Weise, die fast wie ein persönliches Bekenntnis wirkt: nicht öffentlich deklamierend, sondern bittend, gesammelt, nach innen gerichtet. Man hat den Eindruck, als spreche zunächst der einzelne Mensch in seiner Bedrängnis zu Gott. Wenn später der Chor hinzutritt, wird diese individuelle Bitte in den größeren Zusammenhang der gottesdienstlichen Gemeinschaft hineingenommen. Das Gebet bleibt persönlich, gewinnt aber zugleich kirchliche Weite. Genau dies ist einer der tiefsten Reize des englischen Verse Anthem: Die individuelle Frömmigkeit wird nicht von der Liturgie getrennt, sondern in sie aufgenommen und von ihr getragen. Byrd beherrscht diese Kunst in außerordentlicher Vollendung.

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=MH9-QyrcZ-M 

 

Besonders bemerkenswert ist die Überlieferungsgeschichte des Werkes. Der Begleittext zur neueren Signum-Einspielung weist ausdrücklich darauf hin, dass Hear my prayer, O Lord zu jenen englischen Psalmvertonungen Byrds gehört, die nur deshalb erhalten geblieben sind, weil sie für den liturgischen Gebrauch mit Orgelbegleitung adaptiert wurden. Diese Beobachtung ist für das Verständnis des Stückes sehr aufschlussreich. Sie lässt erkennen, dass wir es hier nicht einfach mit einem beliebigen Kirchenstück zu tun haben, sondern mit einem Werk, das seine Weitergabe der praktischen kirchlichen Verwendung verdankt. Man spürt in der Musik tatsächlich jene Verbindung von Schlichtheit, Konzentration und liturgischer Brauchbarkeit, die auf einen konkreten Gebrauch im Gottesdienst verweist. Gerade diese Nähe zur lebendigen Praxis macht das Anthem so kostbar: Es ist nicht nur ein Kunstwerk, sondern ein Werk, das wirklich im Gebet und im kirchlichen Vollzug beheimatet war.

 

Der Text beruht auf Psalm 143 in englischer Sprache. Schon der Incipit „Hear my prayer, O Lord, and consider my desire“ verweist eindeutig auf diesen Psalm, der in der christlichen Tradition seit Jahrhunderten zu den großen Buß- und Bittpsalmen zählt. Er verbindet die demütige Bitte um Erhörung mit dem Eingeständnis menschlicher Ohnmacht, mit der Erfahrung von Verfolgung und innerer Finsternis, zugleich aber auch mit dem Vertrauen auf Gottes Treue, Führung und rettende Barmherzigkeit. Damit gehört der Text zu jenen biblischen Gebeten, die Byrds geistlicher Ausdruckswelt besonders nahe stehen. Es ist ein Psalm, in dem nicht Triumph, sondern Bedürftigkeit spricht; nicht Sicherheit, sondern die Bitte um Leitung; nicht äußerer Glanz, sondern die Hoffnung auf göttliches Erbarmen. Gerade diese Haltung findet in Byrds Musik einen besonders überzeugenden Widerhall.

 

Musikalisch entfaltet das Werk seine Wirkung nicht durch äußere Größe, sondern durch innere Intensität. Die Satzweise bleibt kontrolliert, klar und würdig, doch unter dieser kontrollierten Oberfläche liegt eine starke seelische Spannung. Byrd gestaltet die Bitte des Psalms mit einer Ausdruckskraft, die nie ins Theatralische ausweicht. Gerade darin zeigt sich seine Meisterschaft. Er überhöht den Text nicht künstlich und er dramatisiert ihn nicht opernhaft; vielmehr lässt er die Worte in einer edlen, konzentrierten Klangrede aufleuchten, in der jede Phrase getragen, geprüft und geistig durchformt erscheint. Der englische Text bleibt verständlich, die musikalischen Linien sind rein und klar, und doch entsteht aus dem Zusammenwirken von Solostimme, Chor und Orgel eine dichte Atmosphäre innerer Bewegung. Diese Musik erhebt nicht die Stimme, um zu beeindrucken; sie gewinnt ihre Kraft aus Sammlung, Wahrhaftigkeit und geistlicher Glaubwürdigkeit.

 

Gerade diese Verbindung von persönlicher Innigkeit, liturgischer Form und musikalischer Noblesse macht Hear my prayer, O Lord zu einem der schönsten englischen Kirchenwerke Byrds. Das Stück zeigt, wie tief der Komponist das Verhältnis von Wort und Musik verstand. Er schreibt keine bloße Vertonung, sondern eine geistliche Meditation in Klang. Die Bitte des Psalms wird nicht illustriert, sondern musikalisch bewohnt; sie erhält Gestalt, Atem und innere Dauer. Dadurch berührt das Werk auch heute noch unmittelbar. Es spricht nicht aus äußerer Macht, sondern aus dem Bedürfnis nach Gnade. Eben darin liegt seine bleibende Schönheit.

 

CD Vorschlag

 

In Chains of Gold, Vol. 2, Fretwork, His Majestys Sagbutts & Cornetts und Magdalena Consort, Leitung William Hunt (* 1947), Signum Records, 2020, Track 1:

https://www.youtube.com/watch?v=zSTW4An3z3E 

 

Text

 

Hear my prayer, O Lord, and consider my desire:

hearken unto me for thy truth and righteousness’ sake.

And enter not into judgement with thy servant:

for in thy sight shall no man living be justified.

For the enemy hath persecuted my soul;

he hath smitten my life down to the ground:

he hath laid me in the darkness,

as the men that have been long dead.

Therefore is my spirit vexed within me:

and my heart within me is desolate.

Yet do I remember the time past;

I muse upon all thy works:

yea, I exercise myself in the works of thy hands.

I stretch forth my hands unto thee:

my soul gaspeth unto thee as a thirsty land.

Hear me, O Lord, and that soon,

for my spirit waxeth faint:

hide not thy face from me,

lest I be like unto them that go down into the pit.

O let me hear thy loving-kindness betimes in the morning,

for in thee is my trust:

shew thou me the way that I should walk in,

for I lift up my soul unto thee.

Deliver me, O Lord, from mine enemies:

for I flee unto thee to hide me.

Teach me to do the thing that pleaseth thee,

for thou art my God:

let thy loving Spirit lead me forth

into the land of righteousness.

Quicken me, O Lord, for thy Name’s sake:

and for thy righteousness’ sake

bring my soul out of trouble.

 

Deutsche Übersetzung

 

Erhöre mein Gebet, o Herr, und achte auf mein Flehen;

höre mich um deiner Treue und Gerechtigkeit willen.

Und geh nicht ins Gericht mit deinem Diener;

denn vor dir ist kein Lebender gerecht.

Denn der Feind verfolgt meine Seele;

er hat mein Leben zu Boden geschlagen;

er hat mich in die Finsternis gelegt

wie die längst Verstorbenen.

Darum ist mein Geist in mir gequält,

und mein Herz in meinem Innern ist verstört.

Ich gedenke der vergangenen Tage,

ich sinne nach über all deine Werke;

ja, ich betrachte das Werk deiner Hände.

Ich breite meine Hände zu dir aus;

meine Seele dürstet nach dir wie ein trockenes Land.

Erhöre mich bald, o Herr,

denn mein Geist vergeht;

verbirg dein Angesicht nicht vor mir,

damit ich nicht denen gleiche, die in die Grube hinabfahren.

Lass mich am Morgen deine Güte vernehmen,

denn auf dich vertraue ich;

zeige mir den Weg, den ich gehen soll,

denn zu dir erhebe ich meine Seele.

Errette mich, o Herr, vor meinen Feinden;

denn bei dir suche ich Zuflucht.

Lehre mich zu tun, was dir gefällt,

denn du bist mein Gott;

dein guter Geist führe mich

in das Land der Gerechtigkeit.

Belebe mich, o Herr, um deines Namens willen;

und führe meine Seele um deiner Gerechtigkeit willen

aus der Bedrängnis heraus. 

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Hear my prayer, O Lord

O God whom our offences have displeased

 

Der Anthem „O God whom our offences have displeased“ gehört zu jener ernsten, von Bußgesinnung und Bitte um Erbarmen getragenen Seite der englischen Kirchenmusik, die neben den festlicheren und repräsentativeren Werken oft einen besonders tiefen Eindruck hinterlässt. Das Stück wird in Werkübersichten und Quellen Byrd zugeschrieben und ist in der Handschriftenüberlieferung als englisches Anthem belegt; DIAMM weist es in einer wichtigen Quelle als Werk Byrds aus, und moderne Werklisten führen es unter den englischen Anthems für fünf Stimmen.

 

Gerade textlich ist das Werk besonders interessant. Anders als bei vielen anderen Anthems Byrds liegt hier offenbar kein eindeutig identifizierter Psalmtext oder klar lokalisierbarer Abschnitt des Book of Common Prayer zugrunde. Richard Turbets Forschungsüberblick hebt ausdrücklich hervor, dass es sich um ein eher allgemeines, „allpurpose“ Gebet handelt, dessen genaue Quelle bislang nicht sicher identifiziert worden ist. Das ist für dein Projekt wichtig, weil man hier wissenschaftlich sauber formulieren muss: Das Werk ist gut bezeugt, aber der Text entzieht sich einer so klaren liturgischen Zuordnung wie etwa Sing joyfully unto God oder Hear my prayer, O Lord.

 

Inhaltlich gehört das Anthem in den Bereich der buß- und bittorientierten englischen Kirchenmusik. Ein musikwissenschaftlicher Überblick ordnet O God whom our offences have displeased ausdrücklich zu den „penitential but not personal“ Anthems. Das ist eine sehr treffende Beobachtung. Anders als Stücke, in denen ein individuelles Ich seine Not oder Schuld unmittelbar ausspricht, spricht hier eher die Stimme einer Gemeinschaft: Die Menschen treten als Sünder vor Gott, erkennen seine Missbilligung ihres Fehlverhaltens an und bitten gemeinsam um Erhörung, Mitleid und Abwendung des gerechten Zorns. Dadurch erhält das Werk einen stärker kollektiven, litaneiartigen Charakter.

 

Musikalisch dürfte gerade dieser Textcharakter entscheidend sein. Das Werk gehört offenbar zu den Full Anthems, also zu den durchgehend mehrstimmig angelegten englischen Kirchenstücken ohne solistische Verseinteilung. Eine solche Satzweise passt sehr gut zu der gemeinschaftlichen Haltung des Textes: Nicht die einzelne Stimme steht im Vordergrund, sondern das gemeinsam vor Gott tretende Kollektiv. Für Byrd ist das ein sehr charakteristischer Zugriff. Wo die Bitte allgemein und für die gottesdienstliche Gemeinde formuliert ist, antwortet die Musik mit geschlossener Mehrstimmigkeit, würdiger Klangfülle und jener kontrollierten kontrapunktischen Arbeit, die seine englischen Anthems so unverwechselbar macht.

 

Gerade in der geistlichen Haltung unterscheidet sich dieses Anthem deutlich von Byrds jubelnden Lobgesängen. Hier herrscht keine festliche Ausgelassenheit und kein höfischer Glanz, sondern eine ernste, demütige und mahnende Atmosphäre. Der Text beginnt mit dem Eingeständnis, dass die menschlichen Verfehlungen Gott missfallen haben; daraus folgt die Bitte, auf das Gebet seines Volkes zu hören und die Strafe, die man als verdient anerkennt, in Gnade zu mildern. Diese Mischung aus Schuldbewusstsein und Hoffnung auf göttliche Barmherzigkeit ist für die Frömmigkeit der englischen Spätrenaissance äußerst bezeichnend. Byrd findet dafür eine musikalische Sprache, die weder trocken noch sentimental wirkt, sondern gesammelt, eindringlich und von innerer Würde getragen ist.

 

Eine genaue Datierung des Werkes lässt sich aus den leicht zugänglichen Nachweisen nicht sicher gewinnen. Für eine wissenschaftlich saubere Darstellung ist es deshalb am besten, auf ein konkretes Kompositionsjahr zu verzichten. Sicher ist jedoch, dass das Stück in der englischen Quellen- und Editionsgeschichte präsent blieb; ältere Kataloge und Aufnahmen des englischen Kathedralrepertoires bezeugen seine fortgesetzte Wertschätzung. Das spricht dafür, dass O God whom our offences have displeased nicht als randständiges Kuriosum, sondern als ernstzunehmender Bestandteil des englischen Byrd-Repertoires wahrgenommen wurde.

 

Innerhalb deiner Byrd-Gruppe ist dieses Anthem daher sehr wertvoll, weil es eine weitere, sehr charakteristische Facette seiner anglikanischen Musik sichtbar macht. Neben dem festlichen Sing joyfully unto God, dem höfisch bestimmten O Lord, make thy servant Elizabeth, dem innigen Teach me, O Lord und dem eindringlichen Hear my prayer, O Lord steht hier ein Werk, das die kollektive Bußbitte der Gemeinde verkörpert. Es zeigt Byrd nicht als Komponisten des äußeren Glanzes, sondern als Meister einer geistlich disziplinierten, gemeinschaftlich gedachten Kirchenmusik, in der Schuld, Bitte und Hoffnung in ein ausgewogenes musikalisches Verhältnis treten. Gerade diese ernstere, weniger spektakuläre, aber theologisch und liturgisch gewichtige Haltung verleiht dem Werk seine besondere Würde.

 

Da die genaue Textquelle nach dem derzeit leicht zugänglichen Forschungsstand nicht sicher identifiziert ist, wird der überlieferte Anthem-Text im Folgenden in der gebräuchlichen Form wiedergegeben, wie er in Chorausgaben und in der Aufführungstradition begegnet. Sein Charakter ist eindeutig buß- und bittorientiert, auch wenn seine präzise liturgische Herkunft ungeklärt bleibt.

 

CD Vorschlag

 

William Byrd, The Great Service & English Anthems, Alamire · His Majestys Sagbutts & Cornetts, Leitung David Skinner (* 1964), Resonus Limited / Alamire, 2024, Track 11:

https://www.youtube.com/watch?v=MehZMSrcpeU&list=OLAK5uy_nrPJQ6UJ4dkaIcyE0O4cWSWWCO0-3LBiU&index=11 

 

Text

 

O God, whom our offences have displeased,

accept our prayers and offerings.

And forasmuch as we are not worthy

to ask any thing of thee,

grant us thy help and mercy,

for the only merits and mediation

of Jesus Christ our Lord. Amen.

 

Deutsche Übersetzung

 

O Gott, dem unsere Verfehlungen missfallen haben,

nimm unsere Gebete und Opfergaben an.

Und da wir nicht würdig sind,

dich um irgendetwas zu bitten,

gewähre uns deine Hilfe und Barmherzigkeit

allein um der Verdienste und Fürsprache

Jesu Christi, unseres Herrn, willen. Amen.

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O God whom our offences have displeased

O God, the proud are risen against me

 

Der Anthem „O God, the proud are risen against me“ gehört zu den eindrucksvolleren Kirchenwerken des Repertoires von Byrd und verbindet geistliche Eindringlichkeit mit einer bemerkenswert konzentrierten Form. Das Werk ist in mehreren wichtigen Handschriften als Anthem überliefert und wird dort ausdrücklich Byrd zugeschrieben; DIAMM weist es in mehreren Quellen als Werk Byrds nach.

 

Nach dem Byrd Table ist das Stück für sechs Stimmen und Orgel (SSAATB and Organ) überliefert. Damit gehört es in jenen Bereich der englischen Kirchenmusik, in dem polyphone Chorkunst und liturgische Praxis eng miteinander verbunden sind. Die Besetzung weist auf ein Full Anthem von geschlossener, gemeinschaftlicher Wirkung hin, nicht auf ein Verse Anthem mit Solistenwechseln. Gerade diese durchgehende Mehrstimmigkeit passt sehr gut zum Charakter des Textes, der nicht als privates Gebet einer Einzelstimme erscheint, sondern als gemeinschaftlich getragene Anrufung Gottes.

 

https://www.youtube.com/watch?v=GsfJXi9JeM0 

 

Der Text stammt aus Psalm 86, Verse 14–15. Diese Zuordnung ist sowohl in musikwissenschaftlichen Übersichten als auch in Aufnahmetexten ausdrücklich belegt. Der Psalm stellt der Bedrohung durch „die Stolzen“ und „gewalttätige Menschen“ unmittelbar das Bild Gottes als barmherzig, gnädig, langmütig und reich an Güte und Wahrheit gegenüber. Gerade in dieser scharfen Gegenüberstellung liegt die innere Spannung des Werks: Auf der einen Seite stehen Anmaßung, Gewalt und Gottesvergessenheit, auf der anderen Gottes Geduld, Erbarmen und Treue.

 

Musikalisch scheint Byrd diesen Kontrast mit besonderem Nachdruck gestaltet zu haben. Der Begleittext zur Gimell-Aufnahme des Great Service beschreibt das Anthem ausdrücklich als eine dramatische Verwirklichung seines Textes und verweist besonders auf die Stelle „slow to anger“, an der Byrd das Wort „slow“ in langen Noten setzt, während „anger“ im Kontrast dazu in rascher Bewegung aufleuchtet. Damit wird ein zentrales Merkmal von Byrds englischer Kirchenmusik sichtbar: Die Polyphonie bleibt kunstvoll und kontrolliert, dient aber zugleich der klaren rhetorischen Zuspitzung des Textes.

 

Gerade darin liegt der besondere Reiz dieses Anthems. Es ist keine breit ausladende Festmusik, sondern ein Werk von konzentrierter Energie. Der Text ist kurz, aber von großer inhaltlicher Schärfe. Die Bedrohung des betenden Menschen wird nicht ausführlich entfaltet, sondern in wenigen Worten knapp und eindringlich benannt. Umso gewichtiger wirkt die Antwort des Psalms: Gott ist nicht als ferne Macht gedacht, sondern als Herr, dessen Barmherzigkeit und Güte allem menschlichen Hochmut entgegengesetzt werden. Byrd formt daraus offenbar ein Stück, das weniger klagend als gespannt und charakterstark wirkt. Das Anthem lebt nicht von weicher Innigkeit, sondern von geistlicher Standhaftigkeit.

 

Innerhalb von Byrds englischen Anthems nimmt „O God, the proud are risen against me“ daher eine eigene Stellung ein. Im Vergleich zu Sing joyfully unto God fehlt ihm der jubelnde Festcharakter; im Vergleich zu Teach me, O Lord ist es weniger gesammelt und kontemplativ; im Vergleich zu Hear my prayer, O Lord steht hier nicht so sehr die innere Müdigkeit des Beters im Vordergrund, sondern die Konfrontation mit feindlicher Macht und die bewusste Hinwendung zu Gottes unveränderlichem Wesen. Gerade dadurch erhält das Werk eine markante, fast herbe Würde. Es ist Musik der Bedrängnis, aber nicht der Verzweiflung; Musik der Bitte, aber zugleich des Vertrauens.

 

Eine genaue Datierung des Werks lässt sich aus den hier zugänglichen Quellen nicht sicher gewinnen. Die Quellenlage erlaubt jedoch eine klare Einordnung als Teil von Byrds englischem Anthem-Repertoire. Das Werk ist nicht nur handschriftlich breit bezeugt, sondern auch in modernen Werkübersichten und Aufnahmen präsent. Dadurch erscheint es als fester Bestandteil jener englischen Kirchenmusik, in der Byrd die rhetorische Kraft des biblischen Wortes mit der disziplinierten Schönheit der Renaissance-Polyphonie verbindet.

 

So zeigt „O God, the proud are risen against me“ eine besonders charakteristische Seite von Byrds Kunst: die Fähigkeit, einen knappen Psalmtext in eine musikalische Form zu überführen, die zugleich geistlich ernst, textnah und klanglich eindrucksvoll ist. Das Werk verbindet Bedrängnis und Gottesvertrauen, Klarheit und Ausdruck, Strenge und innere Glut. Gerade in dieser Verbindung liegt seine bleibende Stärke.

 

CD Vorschlag

 

The Tallis Scholars Sing William Byrd, Leitung  Peter Phillips (* 1953), Gimell, 2006, Track 66:

https://www.youtube.com/watch?v=UO1jLFWclKQ&list=OLAK5uy_mM-8gDoDQHo7hykGMPRO0QqT3KUt1KJdQ&index=66 

 

Text

 

O God, the proud are risen against me,

and the assemblies of violent men have sought after my soul,

and have not set thee before their eyes.

But thou, O Lord God, art full of compassion and mercy,

long-suffering, plenteous in goodness and truth.

 

Deutsche Übersetzung

 

O Gott, die Stolzen haben sich gegen mich erhoben,

und Scharen gewalttätiger Menschen trachten nach meiner Seele

und haben dich nicht vor Augen.

Du aber, Herr, Gott, bist voll Mitleid und Erbarmen,

langmütig und von reicher Güte und Wahrheit.

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O God, the proud are risen against me

How long shall mine enemies triumph?

 

Byrds Anthem „How long shall mine enemies triumph?“ gehört zu den eindringlichen und eher herben Beispielen seiner Kirchenmusik. Das Werk ist in mehreren Handschriften als Anthem überliefert und wird dort ausdrücklich Byrd zugeschrieben; DIAMM weist es in verschiedenen Quellen nach, darunter Handschriften der British Library, von Christ Church, Oxford, und weiteren Sammlungen. Die Überlieferungslage ist damit deutlich solider als bei manchen problematischen Zuschreibungen des englischen Repertoires.

 

Die Textgrundlage ist Psalm 13, Verse 2b–5. Hyperion nennt diese Psalmstelle ausdrücklich für das Werk und gibt zugleich den vollständigen Textanfang an. Damit gehört das Anthem in die Gruppe jener englischen Psalmvertonungen Byrds, die eine knappe, aber außerordentlich ausdrucksstarke biblische Vorlage musikalisch verdichten. Der Psalm spricht aus einer Lage der Bedrängnis: Der Beter fragt, wie lange der Feind noch über ihn triumphieren solle, bittet Gott um Erhörung und fürchtet das Versinken in Tod und Niederlage. Gerade diese zugespitzte Sprache verleiht dem Stück seine besondere innere Spannung.

 

Die Quellen weisen das Werk überwiegend als fünfstimmiges Anthem aus. Gerade diese Besetzung passt sehr gut zu seinem Charakter. Es handelt sich offenbar nicht um ein Verse Anthem mit solistischen Abschnitten, sondern um ein Full Anthem, also um ein durchgehend mehrstimmiges Kirchenstück. Die geschlossene Satzweise verleiht dem Text eine gemeinschaftliche, von allen Stimmen getragene Dringlichkeit. Das Gebet erscheint nicht als privates Zwiegespräch einer Einzelstimme, sondern als klanglich verdichtete Bitte der ganzen Gemeinde.

 

Musikalisch gehört das Werk zu jener Seite von Byrds englischen Anthems, die eher von Bußcharakter, Spannung und kontrollierter Eindringlichkeit als von festlicher Klangpracht geprägt ist. Der Begleittext der Hyperion-Aufnahme Byrd: The Great Service & other works beschreibt „How long shall mine enemies?“ ausdrücklich als eines der eher austeren penitential psalms, also als ein Werk von ernster, asketischer und zurückhaltend emotionaler Haltung. Gerade das ist für Byrd sehr charakteristisch: Die Musik bleibt beherrscht und diszipliniert, gewinnt aber aus dieser Selbstbegrenzung eine starke geistliche Wirkung.

 

Inhaltlich lebt das Anthem von einem scharf zugespitzten Gegensatz. Auf der einen Seite steht die bedrängende Frage des Psalms: Wie lange soll der Feind noch siegen? Auf der anderen Seite steht die Hoffnung, dass Gott das Dunkel erhellen und den Beter vor dem Tod bewahren möge. Diese Bewegung von Klage zu Bitte verleiht dem Werk seine innere Dramaturgie. Es ist keine ausladende Klagekomposition, sondern ein konzentrierter Psalmruf, in dem Not, Angst und Vertrauen eng ineinander greifen. Gerade in dieser knappen Form zeigt sich Byrds Meisterschaft: Aus wenigen Versen gewinnt er ein geistlich dichtes Stück von starker rhetorischer Wirkung.

 

Innerhalb von Byrds englischen Anthems nimmt „How long shall mine enemies triumph?“ damit eine eigene Stellung ein. Es steht dem ernsten Ton von Arise, O Lord, why sleepest thou näher als dem jubelnden Sing joyfully unto God; zugleich wirkt es noch knapper und konzentrierter. Wo andere Anthems stärker auf Lobpreis, höfische Repräsentation oder beschauliche Sammlung ausgerichtet sind, begegnet hier eine Musik der Bedrängnis und des widerstehenden Glaubens. Gerade diese herbere Würde macht das Werk zu einem wichtigen Bestandteil von Byrds anglikanischem Repertoire.

 

Eine genaue Datierung lässt sich aus den hier zugänglichen Quellen nicht sicher ableiten. Craig Monson bemerkt jedoch in seiner Untersuchung zu Byrds Church Anthems, dass Byrd an „How long shall mine enemies“ wohl vor dem Erscheinen der Tallis/Byrd-Cantiones von 1575 gearbeitet habe. Diese Angabe bleibt vorsichtig zu behandeln, ist aber ein wichtiger Hinweis darauf, dass das Werk zumindest in Byrds früherer bis mittlerer Schaffensphase entstanden sein dürfte. Für eine wissenschaftlich saubere Darstellung empfiehlt es sich dennoch, kein exaktes Kompositionsjahr festzulegen.

 

So erscheint „How long shall mine enemies triumph?“ als ein Anthem von knapper Form, ernster Haltung und großer geistlicher Dichte. Es zeigt Byrd als Komponisten, der den Psalmtext nicht nur vertont, sondern in eine disziplinierte, spannungsvolle Klangrede verwandelt. Die Musik wirkt nicht durch äußeren Glanz, sondern durch ihre Sammlung, ihre Dringlichkeit und ihre innere Wahrhaftigkeit. Gerade darin liegt ihre bleibende Stärke.

 

CD Vorschlag

 

William Byrd, The Great Service & English Anthems, Alamire · His Majestys Sagbutts & Cornetts, Leitung David Skinner (* 1964), Resonus Limited / Alamire, 2024, Track 14:

https://www.youtube.com/watch?v=8JHQv2YGGIA&list=OLAK5uy_nrPJQ6UJ4dkaIcyE0O4cWSWWCO0-3LBiU&index=14 

 

Text

 

How long shall mine enemies triumph over me?

Consider, and hear me, O Lord my God:

lighten mine eyes, that I sleep not in death.

Lest mine enemy say, I have prevailed against him:

for if I be cast down, they that trouble me will rejoice at it.

 

Deutsche Übersetzung

 

Wie lange sollen meine Feinde über mich triumphieren?

Sieh doch her und erhöre mich, o Herr, mein Gott;

erleuchte meine Augen, damit ich nicht im Tod entschlafe.

Damit mein Feind nicht sage: Ich habe ihn überwältigt;

denn wenn ich zu Fall komme, werden die, die mich bedrängen, sich darüber freuen.

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How long shall mine enemies triumph?

Christ rising again

 

Byrds „Christ rising again“ gehört zu den markantesten österlichen Werken seines Kirchenrepertoires. Das Stück ist als zweiteilige Komposition überliefert: auf den ersten Teil „Christ rising again“ folgt „Christ is risen again“ als secunda pars. Diese zweiteilige Anlage ist in mehreren Handschriften bezeugt; DIAMM weist das Werk in verschiedenen Quellen ausdrücklich als Anthem Byrds nach.

 

Der Text ist besonders interessant, weil er nicht einfach einem einzelnen Psalm entnommen ist, sondern auf die österlichen Schrifttexte des Book of Common Prayer zurückgeht. Hyperion nennt als biblische Grundlage Römer 6,9–11 und 1 Korinther 15,20–22 und weist zugleich darauf hin, dass diese Texte für den Ostertag im ersten Prayer Book Edwards VI. zum Singen vorgesehen waren. Damit steht das Werk unmittelbar im Zusammenhang der reformierten englischen Osterliturgie und gehört zu jenen Kompositionen, in denen Byrd die neue anglikanische Textwelt mit seiner eigenen polyphonen Kunst verbindet.

 

Die Überlieferung zeigt, dass das Werk in verschiedenen Fassungen und Besetzungen zirkulierte. Der Byrd Table nennt eine Fassung für SSATTB und Orgel, ausdrücklich „in 2 parts“, und daneben auch eine Version mit Violen; dies verweist auf eine Überlieferungsgeschichte, in der liturgischer Gebrauch und kammermusikalische Praxis einander berühren. Gerade das macht Christ rising again besonders reizvoll: Es steht an einer Schnittstelle zwischen Anthem, geistlichem Konsortsatz und der flexiblen Aufführungspraxis des späten 16. Jahrhunderts.

 

Musikalisch unterscheidet sich das Werk deutlich von Byrds bußbetonten oder klagenden Anthems. Hier herrscht ein österlicher, bekennender und zugleich gefasster Triumph. Der Text verkündet nicht bloß die Auferstehung Christi als vergangenes Ereignis, sondern entfaltet ihre theologische Bedeutung: Christus stirbt nicht mehr, der Tod hat keine Macht mehr über ihn, und in seiner Auferstehung ist zugleich das neue Leben der Gläubigen vorgebildet. Diese gedankliche Bewegung von der historischen Tat Christi zur geistlichen Konsequenz für die Christenheit verleiht dem Werk eine besondere Dichte. Es ist nicht nur Jubelmusik, sondern österliche Lehr- und Bekenntnismusik von hohem Rang.

 

Gerade darin liegt die Eigenart dieses Anthems. Es wirkt nicht so festlich ausgreifend wie ein großer Service-Satz und auch nicht so unmittelbar jubelnd wie Sing joyfully unto God. Die Musik ist vielmehr von einer ernsten österlichen Gewissheit geprägt. Die Auferstehung wird nicht theatralisch ausgemalt, sondern in einer würdigen, klaren und kunstvoll geführten Mehrstimmigkeit verkündet. Das entspricht sehr gut dem Charakter der zugrunde liegenden Texte aus Römer- und Korintherbrief: Sie sprechen von Sieg über den Tod, aber in einer Sprache des Glaubens und der Lehre, nicht in einer rein affektiven Jubelgeste. Byrd findet dafür eine musikalische Form, die Festlichkeit und theologische Klarheit miteinander verbindet.

 

Auch quellen- und gattungsgeschichtlich ist das Werk bemerkenswert. Ein neuerer Forschungsbeitrag bezeichnet „Christ rising again“ ausdrücklich als ein weithin bekanntes frühes Werk, das meist als „consort anthem“ verstanden wird. Das erklärt, warum das Stück sowohl im kirchlichen Chorrepertoire als auch in gemischten vokal-instrumentalen Zusammenhängen seinen Platz finden konnte. Zugleich wurde es in späteren Sammlungen weiterhin tradiert und blieb damit ein lebendiger Bestandteil des englischen geistlichen Repertoires.

 

Eine genaue Datierung ist nicht sicher festzulegen. Allerdings wird in neueren Überblicken darauf hingewiesen, dass das Werk möglicherweise zu Byrds früheren englischen Kirchenkompositionen gehört; ein biographischer Überblick nennt es zusammen mit anderen Werken, die noch in die Nähe seiner frühen Laufbahn gerückt werden. Für eine wissenschaftlich saubere Darstellung ist es dennoch ratsam, kein exaktes Kompositionsjahr zu behaupten. Sicher ist jedoch, dass Christ rising again zu den bekanntesten österlichen englischen Anthems gehört, die mit Byrds Namen verbunden sind, und bis heute regelmäßig aufgenommen und aufgeführt wird.

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=RAabZ0-wwrQ 

 

Innerhalb von Byrds englischer Kirchenmusik nimmt „Christ rising again“ damit eine besondere Stellung ein. Es verbindet liturgische Bindung, biblische Dichte und musikalische Würde in exemplarischer Weise. Wo andere Anthems stärker von Klage, Buße oder persönlicher Bitte ausgehen, steht hier das österliche Geheimnis selbst im Mittelpunkt: die Auferstehung Christi als Sieg über Tod und Sünde und als Grundlage des neuen Lebens der Gläubigen. Gerade diese Verbindung von Festcharakter und geistiger Geschlossenheit macht das Werk zu einem der bedeutendsten österlichen Zeugnisse in Byrds anglikanischem Repertoire.

 

CD Vorschlag

 

In Chains of Gold Vol 2, Magdalena Consort, Fretwork, His Majestys Sagbutts & Cornetts, Leitung William Hunt (* 1951) Signum, 2020, Track 6:

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=zSTW4An3z3E 

 

Text

 

Christ rising agayne from the dead, now dyeth not

Death from henceforth hath no power uppon him

For in that he dy’d, he dy’d but once to put away sinne

But in that he lyveth, he lyveth unto God

In Christ Jesus our Lord.

 

Deutsche Übersetzung

 

Christus, von den Toten auferstanden, stirbt nun nicht mehr.

Der Tod hat fortan keine Macht mehr über ihn.

Denn indem er starb, starb er ein für alle Mal, um die Sünde hinwegzunehmen;

indem er aber lebt, lebt er für Gott

in Christus Jesus, unserem Herrn. 

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Christ rising again

Be unto me, O Lord

 

Das kurze englische geistliche Stück „Be unto me, O Lord“ nimmt innerhalb von Byrds englischem Repertoire eine etwas besondere Stellung ein. Es wird in modernen Werkübersichten der English Anthems geführt und dort als vierstimmiges Stück für SSTB verzeichnet; der Byrd Table nennt ausdrücklich diese Besetzung und eine Dauer von rund zweieinhalb Minuten. Zugleich weist IMSLP darauf hin, dass das Werk 1614 in Sir William Leightons Sammlung The Teares or Lamentacions of a Sorrowfull Soule erschien und dass der Text von William Leighton (um 1565–1622) stammt. Damit ist klar, dass es sich hier nicht um einen Psalm des Book of Common Prayer, sondern um einen später gedruckten, frei gedichteten englischen Andachtstext handelt.

 

Gerade diese Herkunft erklärt den Charakter des Werks. Anders als Byrds große liturgische Anthems ist „Be unto me, O Lord“ kein ausgreifendes Stück kirchlicher Repräsentation, sondern ein knappes, persönliches Andachtslied von schlichter Gebetsform. Der Text bittet Gott, ein „Turm der Stärke“ gegen den sterblichen Feind zu sein und den Beter auf allen Wegen zu schützen. Im Zentrum stehen also nicht öffentliche Liturgie, feierlicher Psalmgesang oder staatskirchliche Funktion, sondern individuelles Gottvertrauen, Schutzbitte und die am Ende folgende freudige Hinwendung zu Gott. Diese Verbindung von Bitte und Zuversicht verleiht dem Werk einen innigen, beinahe privaten Ton.

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=M-Xqof8oK1E 

 

Musikalisch spricht schon die kleine Besetzung für eine konzentrierte, überschaubare Form. Das Stück gehört nicht zu den großen, mehrteiligen Anthems Byrds, sondern wirkt eher wie ein kompaktes geistliches Miniaturbild. Gerade darin kann sein Reiz liegen. Die knappe Faktur lässt vermuten, dass Byrd hier nicht auf große kontrapunktische Ausweitung zielt, sondern auf klare Textverständlichkeit, unmittelbare Andachtswirkung und eine ausgewogene, sangliche Mehrstimmigkeit. Solche Stücke zeigen eine andere Seite des Komponisten: nicht den Meister großräumiger polyphoner Architektur, sondern den Schöpfer kurzer englischer Gebetsmusik von schlichter Würde.

 

Für eine Werkübersicht ist „Be unto me, O Lord“ daher durchaus interessant, allerdings nicht als Kernstück der anglikanischen Staatsliturgie, sondern eher als spätes englisches Andachtsstück im Umkreis der Byrd-Überlieferung. Gerade die Veröffentlichung in Leightons Sammlung von 1614 legt nahe, das Werk mit einer gewissen editorischen und gattungsgeschichtlichen Vorsicht einzuordnen. Es steht näher bei der privaten Frömmigkeit und dem gedruckten englischen Andachtslied als bei den großen kirchlichen Anthems des etablierten Kathedralrepertoires. Dennoch bleibt es ein charakteristisches Beispiel dafür, wie Byrd auch auf kleinem Raum eine Musik von Ernst, Ruhe und innerer Glaubenskraft schaffen konnte.

 

Text

 

Be unto me, O Lord, a tower of strength,

against my mortall foe,

O guard and warde me with thy power,

which way so ever I shall goe.

Then shall my heart and soule rejoyce,

in God my Lord with cheerefull voyce.

 

Deutsche Übersetzung

 

Sei mir, o Herr, ein Turm der Stärke

gegen meinen sterblichen Feind.

O behüte und bewahre mich durch deine Macht,

auf welchem Weg ich auch immer gehen mag.

Dann werden mein Herz und meine Seele sich freuen

in Gott, meinem Herrn, mit froher Stimme.

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Be unto me, O Lord

Come help, O God

 

Das Stück „Come help, O God“ wird in den modernen Werkübersichten der English Anthems als fünfstimmige Komposition für SSATB geführt. Sowohl der Byrd Table als auch die Stainer-Ausgabe der English Anthems nennen diese Besetzung ausdrücklich; die Ausgabe erscheint dort in The Byrd Edition, Volume 11, herausgegeben von Craig Monson. Zugleich wird das Werk in Quellen und Textverzeichnissen mit Sir William Leighton verbunden, dessen Sammlung The Teares or Lamentacions of a Sorrowfull Soule mehrere derartige englische geistliche Texte enthält. Auch hier handelt es sich also nicht um einen klar identifizierten Psalmtext des Book of Common Prayer, sondern um ein frei gedichtetes englisches Andachtsstück.

 

Bereits der Anfang macht den Charakter des Werkes deutlich: „Come help, O God“ ist eine eindringliche Bitte um göttliches Erbarmen, begründet mit dem Leiden Christi. Der Text spricht von Christi „sweet bloudy sweat“, also vom blutigen Schweiß am Ölberg, und verbindet diese Erinnerung an die Passion mit dem Flehen um Liebe, Zucht, Gnade und innere Heilung. Dadurch entsteht ein stark affektgeladener, zugleich aber geistlich disziplinierter Ton. Anders als liturgische Psalmanthems entfaltet das Stück keine öffentliche Kirchenrede, sondern eine persönliche, meditative Frömmigkeit, die stark auf Passionserinnerung, Sündenbewusstsein und die Bitte um Barmherzigkeit ausgerichtet ist.

 

Musikalisch spricht die fünfstimmige Anlage für eine kompakte, geschlossene Mehrstimmigkeit, wie sie Byrd in seinen kleineren englischen geistlichen Werken vielfach meisterhaft beherrscht. Das Werk gehört nach den modernen Ausgaben zum Bereich der englischen Anthems; zugleich deutet seine Textquelle darauf hin, dass es eher im Grenzbereich zwischen geistlichem Lied, Andachtsmotette und kleinem Anthem steht. Gerade diese Zwischenstellung macht es interessant. Es ist weder ein groß angelegtes Kathedralwerk noch ein bloßes Privatlied, sondern ein Stück, in dem sich Byrds Kunst der mehrstimmigen englischen Textvertonung auf engem Raum und in intensivem geistlichem Ton entfaltet.

 

Inhaltlich wirkt „Come help, O God“ ernster und schmerznäher als viele andere kurze englische Stücke Byrds. Der Text kreist um Leid, Sünde, Hilflosigkeit und göttliches Erbarmen; am Schluss steht die Bitte um Heilung und Befreiung von Schmerz. Damit gehört das Werk klar in jenen Bereich spätelisabethanischer bzw. frühjakobäischer englischer Frömmigkeit, in dem persönliche Reue, Meditation über das Leiden Christi und die Sehnsucht nach göttlicher Gnade eng miteinander verbunden sind. Gerade in solcher Musik konnte Byrd eine besonders eindringliche, unspektakuläre, aber geistlich dichte Tonsprache entfalten.

 

Für eine Werkübersicht empfiehlt sich daher auch hier eine präzise Einordnung: „Come help, O God“ ist ein wichtiges englisches geistliches Werk Byrds, aber kein typisches Hauptstück der anglikanischen Staatsliturgie. Es gehört vielmehr zur engeren Sphäre des persönlichen Andachtsgesangs und der geistlichen Paraphrase. Gerade deshalb ergänzt es das Bild von Byrds englischem Schaffen sehr gut: Neben den großen Services und den liturgischen Anthems erscheinen hier die stilleren, stärker auf das individuelle religiöse Erleben gerichteten Werke.

 

CD Vorschlag

 

William Byrd, Mass for four voices, Choral Music, Quink Vocal Ensemble, Etcetera, 1985, Track 9:

https://www.youtube.com/watch?v=C42qF3np5K8&list=OLAK5uy_n38vL3Ys9N8-HZtrUVBxR417uNaVSvtiY&index=9 

 

Text

 

Come help, O God, for Christs sweet bloudy sweat,

I seek thy love and fear thy rod, for mercy I intreat.

My griefes remedilesse,

my sorrowes helplesse,

the woundes of my distressed soule do call for thy redresse.

My sinnes are manifold,

my paines do more and more increase;

grant me, sweet Lord,

my paines and torments to release.

 

Deutsche Übersetzung

 

Komm, hilf, o Gott; um Christi süßen blutigen Schweißes willen

suche ich deine Liebe und fürchte deine Zuchtrute; um Erbarmen flehe ich.

Meine Leiden sind ohne Heilmittel,

meine Schmerzen ohne Hilfe,

die Wunden meiner bedrängten Seele rufen nach deinem Beistand.

Meine Sünden sind zahlreich,

meine Qualen nehmen mehr und mehr zu;

gewähre mir, gütiger Herr,

dass meine Schmerzen und Martern ein Ende finden.

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Come help, O God

Mass for Five Voices 

 

William Byrds Mass for Five Voices gehört zu den vollkommensten Schöpfungen der englischen Renaissance und zugleich zu den persönlichsten Zeugnissen katholischer Kirchenmusik im elisabethanischen England. Sie ist nicht nur eine Vertonung des Messordinariums, sondern ein Werk, in dem sich historische Bedrängnis, geistliche Sammlung und höchste kompositorische Souveränität in ungewöhnlicher Geschlossenheit begegnen.

 

Byrd, seit 1572 Gentleman der Chapel Royal und damit Musiker im unmittelbaren Umfeld der königlichen Hofkapelle, war zugleich ein überzeugter Katholik, der in einem Staat lebte, in dem das Festhalten am alten Glauben politisch verdächtig, sozial riskant und zeitweise existentiell gefährlich war. Seine Sonderstellung zeigt sich besonders deutlich darin, dass Königin Elisabeth I. ihm und Thomas Tallis (1505–1585) am 21. Januar 1575 ein auf einundzwanzig Jahre angelegtes königliches Druckprivileg verlieh, das ihnen das ausschließliche Recht gab, in England mehrstimmige Musik und vorgedrucktes Notenpapier zu drucken und zu verkaufen – ein in dieser Form neuartiger Akt königlicher Gunst und zugleich ein sichtbares Zeichen von Byrds außerordentlichem Rang im englischen Musikleben.

 

Noch im selben Jahr veröffentlichten Tallis und Byrd unter diesem Schutz ihre gemeinsame Sammlung Cantiones sacrae, gedruckt von Thomas Vautrollier. Gerade dieser Umstand macht Byrds Lebenslage so bemerkenswert: Einerseits gehörte er zu den höchstgeachteten Musikern des Reiches und stand unter dem unmittelbaren Patronat der Krone, andererseits blieb seine Bindung an den katholischen Glauben bekannt, und seit den späten 1570er, verstärkt aber in den 1580er Jahren, wurde er wiederholt als Recusant wahrgenommen und mit den Spannungen konfrontiert, die sich aus dieser Konfessionszugehörigkeit ergaben. Dass ein Mann mit einer derart privilegierten öffentlichen Stellung zugleich innerlich und praktisch einem bedrängten religiösen Milieu verbunden blieb, gehört zu den aufschlussreichsten Paradoxien seiner Biographie.

 

Um 1593 zog er nach Stondon Massey in Essex, in die Nähe einer katholisch geprägten Adels- und Hauskapellenwelt, und gerade in diesen Jahren entstanden die drei lateinischen Messen, die er in diskreter Form drucken ließ. Auch die Fünfstimmige Messe erschien ohne Titelblatt, ohne Datierung und ohne ausdrückliche Nennung des Druckers; die bibliographische Forschung datiert sie gewöhnlich auf 1594 oder 1595. Schon diese äußere Gestalt ist beredt: Das Werk gehört in keinen öffentlichen liturgischen Prunkraum, sondern in den gefährdeten Innenraum einer verfolgten Frömmigkeit. Es ist Kunst von höchstem Rang, aber es ist zugleich Schutzgut, Bekenntnis und stilles liturgisches Handeln.

 

Gerade diese historische Lage ist für das Verständnis der Messe nicht nebensächlich. Byrd schreibt hier nicht für die staatlich legitimierte Pracht der anglikanischen Hofliturgie, sondern für kleine, wahrscheinlich oft solistisch oder mit sehr wenigen Sängern besetzte Aufführungen im privaten Rahmen. Die fünf Stimmen – Diskant, Alt, zwei Tenöre und Bass – sind dafür ideal. Sie schaffen eine dunklere, weichere und zugleich dichter verwobene Klangwelt als die vierstimmige Satzweise, ohne deshalb schwer oder undurchsichtig zu wirken. Vieles in diesem Werk lebt aus dem Reichtum der Mittelstimmen. Die beiden Tenöre verleihen dem Ganzen eine eigentümliche innere Glut; sie füllen den Satz nicht bloß auf, sondern tragen entscheidend zu seiner seelischen Temperatur bei. So entsteht eine Musik, die weder asketisch im trockenen Sinn noch prachtvoll im äußeren Sinn ist. Sie besitzt Wärme, aber keine Süßlichkeit; sie besitzt Kraft, aber keinen demonstrativen Ton.

 

Das erklärt auch, warum gerade diese Messe auf viele Hörer einen besonders tiefen Eindruck macht: Sie scheint weniger „gesetzt“ als innerlich erwachsen, weniger gebaut als organisch gewachsen. In ihr zeigt sich Byrd als Meister der Konzentration. Anders als viele kontinentale Messen seiner Zeit stützt sie sich nicht auf ein vorgegebenes Cantus-firmus-Modell oder auf die Parodie eines fremden Stückes, sondern ist frei komponiert. Eben das verleiht ihr einen besonderen Eindruck von Unmittelbarkeit. Nichts erscheint aus zweiter Hand; alles wirkt aus dem Augenblick geistiger Notwendigkeit geboren.

 

CD Vorschlag

 

The Tallis Scholars Sing William Byrd, Leitung Peter Phillips (* 1953), Gimell, 2006; Traks 1 bis 11:

https://www.youtube.com/watch?v=WvsmGvXmc_U&list=OLAK5uy_mM-8gDoDQHo7hykGMPRO0QqT3KUt1KJdQ&index=1 

 

Schon das Kyrie macht klar, in welchem Tonfall das Werk sprechen will. Byrd verzichtet auf jede demonstrative Eröffnung. Keine Geste der Machtrepräsentation, kein breit ausgeführter Eingang, kein dekoratives Entfalten von Klang um des Klanges willen. Stattdessen entsteht aus wenigen, eng geführten Linien ein Raum der Bitte. Die Stimmen setzen nacheinander ein, begegnen sich, tragen einander weiter und lassen das Wort eleison nicht als formelhafte Vokabel erscheinen, sondern als innerlich durchdrungene Anrufung. Der Satz ist knapp, doch diese Kürze ist ein Zeichen von Disziplin, nicht von Sparsamkeit. Byrd sagt nur, was notwendig ist, aber er sagt es so, dass jede Wendung Gewicht erhält. Schon hier liegt etwas von jener geistigen Haltung offen, die das ganze Werk prägt: keine aufgesetzte Frömmigkeit, sondern Sammlung; kein Pathos, sondern Ernst; keine rhetorische Überwältigung, sondern Wahrhaftigkeit.

 

Im Gloria beeindruckt die Weise, in der Byrd einen langen und gegliederten Text in stetiger Spannung hält. Gerade in diesem Satz hätte die Gefahr bestanden, dass die Musik in einzelne Abschnitte zerfällt oder sich im Wechsel zwischen Deklamation und Polyphonie erschöpft. Byrd vermeidet beides. Er entfaltet den Satz in ruhiger, kontrollierter Bewegung, mit klarer Sinnrichtung und feinem Gefühl für textliche Schwerpunkte. Die Musik schreitet voran, ohne gehetzt zu wirken; sie ruht an den richtigen Stellen, ohne jemals stillzustehen. Darin zeigt sich die Meisterschaft eines Komponisten, der die liturgische Sprache nicht bloß vertont, sondern ihr Maß und Atem zurückgibt. Die Bitte um Erbarmen, das Lob Gottes, das Bekenntnis zu Christus – all das wird nicht illustrativ „gemalt“, sondern in eine musikalische Ordnung gebracht, die den Text gleichsam von innen her trägt. Es ist eine Kunst des Dienens im höchsten Sinn: Die Musik nimmt den Text ernst, ohne ihm unterwürfig zu werden; sie verleiht ihm Form, ohne ihn je zu erdrücken.

 

Das Credo ist der architektonische Mittelpunkt der Messe und einer der eindrucksvollsten Glaubenssätze der gesamten englischen Chormusik des 16. Jahrhunderts. Hier bewährt sich Byrds Fähigkeit, große Formen aus kleinsten motivischen und kontrapunktischen Einheiten zu errichten. Das Glaubensbekenntnis verlangt nach Übersicht, Gewichtung und innerer Dramaturgie, denn sein Text ist nicht nur lang, sondern auch inhaltlich höchst differenziert. Byrd gelingt das Kunststück, der Gesamtform Geschlossenheit zu geben und doch die einzelnen Sinnabschnitte unverwechselbar hervortreten zu lassen. Das Et incarnatus est erhält sein eigenes Maß der Verinnerlichung, das Crucifixus seine ernste Verdichtung, und das Et resurrexit bricht mit einer Kraft hervor, die umso stärker wirkt, weil sie nicht laut vorbereitet wird. Peter Phillips hat darauf hingewiesen, dass Byrd gerade in der fünftstimmigen Messe den Schlussabschnitt des Credo von Et in Spiritum Sanctum an gegenüber der vierstimmigen Messe ausweitet und das Ganze dadurch auf eine besonders überzeugende Balance bringt; ebenso hebt er die fast trotzige Energie des Et resurrexit hervor. Diese Beobachtung ist wichtig, weil sie zeigt, dass Byrd hier nicht nur schön komponiert, sondern in großen Spannungsbögen denkt. Das Glaubensbekenntnis erscheint nicht als dogmatischer Block, sondern als geistig durchlebter Weg: von der Benennung Gottes über Inkarnation, Leiden und Auferstehung bis zur Erwartung des kommenden Lebens. Gerade in einer Zeit konfessioneller Verhärtung gewinnt das besondere Bedeutung. Byrd schreibt keine polemische Musik, aber eine Musik, die weiß, was auf dem Spiel steht.

 

Im Sanctus verändert sich die Perspektive. Was im Credo noch den Charakter des Bekennens hatte, wird nun stärker zur Betrachtung. Byrd öffnet den Klang, ohne seine Disziplin preiszugeben. Die Musik wird weiter, lichter, feierlicher, aber nie schwerfällig. Man spürt eine Bewegung des Sich-Erhebens, jedoch keine äußerliche Steigerungskunst. Gerade diese Zurückhaltung verleiht dem Satz seine Größe. Das Pleni sunt caeli ist nicht bloß klangliche Fülle, sondern eine in Töne gebrachte Erfahrung der Gegenwart des Heiligen. Das anschließende Benedictus wirkt nicht wie ein Nachsatz, sondern wie die innere Antwort auf das zuvor entfaltete Lob. Hier zeigt sich besonders klar, dass Byrds Polyphonie nicht nur kontrapunktisch vollkommen, sondern geistig disponiert ist. Die Stimmen bilden kein abstraktes Gewebe, sondern einen Raum des Hörens, in dem sich etwas ereignet, das über den rein musikalischen Befund hinausweist.

 

In diesem Sinn besitzt Byrds Messe eine geistige Tiefe, die weit über den rein musikalischen Befund hinausreicht, ohne jemals ins Ungefähre oder Schwärmerische abzugleiten. Ihre Wirkung beruht nicht auf geheimnisvoller Verdunkelung, sondern auf der unbestechlichen Ordnung ihrer musikalischen Sprache. Byrd erreicht Tiefe nicht durch Übersteigerung, sondern durch Maß.

 

Die Linien sind klar, die Proportionen ausgewogen, die Dissonanzen gezielt, die Kadenzen niemals bloß schematisch. Alles ist auf innere Wahrhaftigkeit gerichtet. Gerade dadurch entsteht der Eindruck, dass diese Musik mehr sagt, als sie unmittelbar ausspricht. Sie verweist, ohne zu behaupten; sie öffnet, ohne zu erklären. In einer Zeit, in der der katholische Ritus in England aus dem öffentlichen Raum verdrängt war, konnte eine solche Musik fast zur Form geistiger Beheimatung werden. Sie erschafft einen liturgischen Innenraum, wo der äußere Raum verlorengegangen ist. Vielleicht liegt hier eines der tiefsten Geheimnisse der Byrdschen Messen überhaupt: Sie sind nicht triumphierende Monumente einer gesicherten Kultur, sondern klingende Akte der Beharrlichkeit. Gerade weil sie aus Bedrängnis hervorgegangen sind, besitzen sie jene eigentümliche Mischung aus Ruhe und Intensität, die noch heute so unmittelbar wirkt.

 

Am eindringlichsten bündelt sich dies alles im Agnus Dei. Kaum ein anderer Schluss in Byrds geistlicher Musik verbindet in ähnlicher Weise Demut, Dringlichkeit und inneren Frieden. Die Musik schreitet hier nicht auf einen triumphalen Höhepunkt zu, sondern auf eine Form der Erfüllung, die aus der Bitte selbst erwächst. Gerade das dona nobis pacem hat in dieser Messe eine außerordentliche Wirkung. Es klingt nicht wie eine liturgische Formel, die man aus Höflichkeit mitsingt, sondern wie eine Bitte, die aus geschichtlicher Erfahrung gespeist ist. Für eine bedrängte katholische Minderheit im elisabethanischen England hatte der Friede gewiss eine unmittelbarere Wirklichkeit als für eine ungefährdete Mehrheitskirche.

 

Doch auch ohne jede historische Zuspitzung bleibt dieser Schluss überwältigend. Byrd lässt die Musik nicht in Sentimentalität versinken; er wahrt die Form, und gerade dadurch gewinnt die Bitte ihren Ernst. Der Friede, um den hier gebeten wird, ist kein bequemes Ende, sondern eine schwer errungene Gnade. Darin liegt die eigentliche Größe dieses Satzes. Er rührt nicht, weil er gefällig wäre, sondern weil er wahr wirkt. Der Hörer hat am Ende nicht das Gefühl, einer kunstvollen Schlusswendung beigewohnt zu haben, sondern einer inneren Klärung. Die Musik scheint nicht zu enden, sondern zur Ruhe zu kommen.

 

Man hat Byrds Mass for Five Voices immer wieder als besonders „reif“ empfunden, und dieses Urteil trifft den Kern. Reife bedeutet hier nicht Glätte, sondern Souveränität. Byrd muss nichts mehr beweisen. Er zeigt nirgends kompositorische Virtuosität um ihrer selbst willen, und doch ist das Werk auf jeder Seite das Ergebnis höchster Meisterschaft. Die Imitation ist streng, aber nie pedantisch; die Harmonik ist diszipliniert, aber nie farblos; der Satz ist klar, aber nie arm. Byrd beherrscht die Kunst, aus geringstem Material eine Welt zu schaffen. Genau darin unterscheidet sich große Polyphonie von bloß korrekter Satzkunst. In einer weniger bedeutenden Hand würde dieselbe Beschränkung leicht unerquicklich wirken; bei Byrd wird sie zur Quelle von Konzentration und innerem Glanz. So erklärt sich auch die eigentümliche Zeitlosigkeit des Werkes. Es ist unüberhörbar Kind seiner Epoche, aber es ist nicht an seine Epoche gebunden. Seine Frömmigkeit ist spezifisch katholisch und spätelizabethanisch; seine Wahrheit reicht weit darüber hinaus.

 

Die hier gepostete Aufnahme der Tallis Scholars unter Peter Phillips hat viel dazu beigetragen, gerade diese Eigenschaften mit exemplarischer Deutlichkeit hörbar zu machen. Gimell beschreibt die Zusammenstellung The Tallis Scholars sing William Byrd als Gegenüberstellung von Byrds öffentlicher, protestantischer Kirchenmusik und der „plangent intimacy“ seiner katholischen Messen und Motetten; damit ist ein entscheidender Punkt benannt. 

 

Die Tallis Scholars suchen in Byrd nicht romantische Schwere und auch nicht museale Kühle, sondern Klarheit, Ausgewogenheit und einen Klang, in dem jede Linie ihre Eigenständigkeit behält und dennoch Teil eines vollkommen kontrollierten Ganzen bleibt. Für die in dieser Edition verwendete klassische Einspielung der Messen nennt Hyperion beziehungsweise Gimell Merton College Chapel in Oxford als Aufnahmeort, Steve C. Smith und Peter Phillips als Produzenten sowie Tony Faulkner als Tonmeister. In der 2006 veröffentlichten Download-Ausgabe von The Three Masses wird für die Mass for Five Voices eine Gesamtdauer von 22 Minuten 17 Sekunden angegeben; die spätere Doppelveröffentlichung The Tallis Scholars sing William Byrd von 2007 greift auf diese älteren Aufnahmen zurück. Gimell betont ausdrücklich, dass das Set entirely from existing recordings übernommen wurde.

 

Solche Angaben sind nicht bloß diskographische Nebensache, denn sie helfen zu verstehen, warum diese Interpretation über Jahrzehnte ihren Rang behalten hat: Sie ist nicht Effektaufnahme, sondern Ergebnis eines lange gewachsenen Ensembleideals. Der charakteristische Klang der Tallis Scholars – helle, schlanke Oberstimmen, ein tragfähiges, doch nie dominierendes Fundament und besonders sorgfältig ausgehörte Binnenstimmen – kommt der Struktur dieser Messe außerordentlich entgegen. Man hört bei ihnen nicht nur „schönen Chorklang“, sondern Satz. Gerade in der Fünfstimmigkeit mit ihren beiden Tenören wird das entscheidend. Die Musik bleibt durchsichtig, ohne ihren Ernst zu verlieren; sie behält ihre Wärme, ohne undeutlich zu werden.

 

Darum darf man sagen, dass Byrds Mass for Five Voices zu jenen Werken gehört, deren Schönheit nicht im ersten Zugriff ganz aufgeht. Sie erschließt sich nicht dem oberflächlichen Hören, denn sie wirbt nicht um Bewunderung. Ihr Rang zeigt sich nach und nach, mit jeder erneuten Begegnung tiefer. Je länger man sich ihr aussetzt, desto deutlicher tritt ihre eigentliche Qualität hervor: die seltene Einheit von Formstrenge, klanglicher Noblesse, seelischer Ernsthaftigkeit und geistlicher Innigkeit. Diese Messe trägt nichts Vorläufiges an sich. Sie steht da mit einer Ruhe, die nicht aus Bequemlichkeit stammt, sondern aus innerer Gewissheit. In ihr spricht kein dekorativer Historismus und kein bloßer liturgischer Gebrauchssinn, sondern ein Komponist, der alles Wesentliche in Töne zu fassen vermochte: Demut ohne Schwäche, Glauben ohne Lärm, Leid ohne Pose, Hoffnung ohne Illusion. Eben deshalb berührt dieses Werk nicht nur als Dokument einer bedrängten Epoche, sondern als eine jener seltenen musikalischen Schöpfungen, in denen sich menschliche Endlichkeit und die Ahnung des Ewigen in vollkommenem Gleichgewicht begegnen.

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Mass for Five Voices

Mass for Four Voices

 

Die Mass for Four Voices von William Byrd gehört zu den zentralen Werken der englischen katholischen Kirchenmusik des späten 16. Jahrhunderts und entstand um 1592–1593, also in einer Zeit, in der der katholische Gottesdienst in England unter Elizabeth I nur noch im Verborgenen stattfinden konnte. Veröffentlicht wurde die Messe vermutlich durch Thomas East (* um 1540–1609) in London.

 

Byrd, selbst überzeugter Katholik, komponierte diese Messe nicht für den öffentlichen liturgischen Gebrauch, sondern für kleine, private Zusammenkünfte von Gläubigen, die unter erheblichem politischen und sozialen Druck standen.

 

Die vierstimmige Besetzung (Sopran, Alt, Tenor, Bass) ist bewusst gewählt und entspricht den praktischen Gegebenheiten solcher heimlicher Gottesdienste. Anders als die groß angelegten, repräsentativen Messvertonungen der kontinentaleuropäischen Tradition – etwa bei Giovanni Pierluigi da Palestrina – ist Byrds Messe kompakt, flexibel und auf unmittelbare Verständlichkeit angelegt. Dennoch steht sie kompositorisch auf höchstem Niveau und verbindet englische Klangtradition mit Einflüssen der franko-flämischen Polyphonie.

 

Charakteristisch für das Werk ist die klare, textorientierte Satzweise. Byrd verzichtet weitgehend auf ausgedehnte melismatische Passagen und setzt stattdessen auf eine syllabische, oft homophone Deklamation, die den liturgischen Text deutlich hervortreten lässt. Diese bewusste Reduktion dient nicht nur der Verständlichkeit, sondern spiegelt auch die spirituelle Konzentration der Situation wider: Die Musik wirkt gesammelt, ruhig und innerlich, ohne auf kunstvolle kontrapunktische Techniken zu verzichten.

 

https://www.youtube.com/watch?v=VXeT2HWpwc4 

 

Im Kyrie entfaltet Byrd eine eindringliche, fast meditative Klangsprache. Die Bittrufe „Kyrie eleison“ werden in kurzen, imitatorischen Einsätzen geführt, die sich zu einem dichten, aber nie überladenen Geflecht verbinden. Besonders bemerkenswert ist die ökonomische Gestaltung: Mit wenigen motivischen Mitteln erreicht Byrd eine große Ausdruckstiefe.

 

Das Gloria zeigt eine lebendigere Bewegung, bleibt jedoch stets kontrolliert und ausgewogen. Hier gelingt Byrd eine differenzierte musikalische Gliederung des umfangreichen Textes, wobei einzelne Abschnitte durch Wechsel von Imitation und Homophonie klar voneinander abgesetzt werden. Die Passage „Qui tollis peccata mundi“ erhält eine spürbar zurückgenommene, beinahe klagende Färbung, während das abschließende „Cum Sancto Spiritu“ eine behutsame Steigerung erfährt, ohne in äußerliche Pracht zu verfallen.

 

Im Credo wird die Textverständlichkeit noch stärker in den Mittelpunkt gestellt. Byrd strukturiert den langen Glaubenstext durch klare musikalische Abschnitte und vermeidet jede unnötige Verdichtung. Der zentrale Satz „Et incarnatus est“ ist deutlich ruhiger und introspektiver gestaltet, während „Et resurrexit“ durch eine leichte Belebung des musikalischen Flusses hervorgehoben wird. Die dramatischen Gegensätze bleiben jedoch stets in ein ausgewogenes Ganzes eingebettet.

 

Das Sanctus und das daran anschließende Benedictus zeichnen sich durch eine schwebende, fast entrückte Klanglichkeit aus. Besonders im „Hosanna“ zeigt sich Byrds Fähigkeit, mit begrenzten Mitteln eine eindrucksvolle Steigerung zu erzielen, ohne die Intimität des Gesamtwerks zu gefährden.

 

Das abschließende Agnus Dei bildet den emotionalen Höhepunkt der Messe. Byrd steigert hier die Intensität von Abschnitt zu Abschnitt, wobei die Stimmen zunehmend dichter miteinander verflochten werden. Die wiederholte Bitte „miserere nobis“ gewinnt eine fast existenzielle Dringlichkeit, die im letzten „dona nobis pacem“ in eine ruhige, versöhnliche Klanglösung überführt wird. Gerade dieser Schluss wirkt im historischen Kontext besonders eindrucksvoll: Die Bitte um Frieden erhält angesichts der religiösen Verfolgung eine unmittelbare, reale Bedeutung.

 

Insgesamt zeigt die Mass for Four Voices eine bemerkenswerte Balance zwischen künstlerischer Meisterschaft und funktionaler Schlichtheit. Sie ist kein repräsentatives Werk für große Kathedralen, sondern Musik für den geschützten Raum – konzentriert, durchdacht und von innerer Intensität getragen. Gerade in dieser Zurückhaltung liegt ihre besondere Stärke: Byrd gelingt es, unter den Bedingungen äußerer Einschränkung eine Musik zu schaffen, die bis heute durch Klarheit, Ausdruckskraft und strukturelle Geschlossenheit überzeugt.

 

Ein besonders überzeugendes Klangbild dieser Messe bietet die Einspielung durch die The Tallis Scholars unter der Leitung von Peter Phillips (* 1953), erschienen unter dem Titel The Tallis Scholars Sing William Byrd (Gimell, 2006). Dieses Ensemble, das seit seiner Gründung im Jahr 1973 zu den führenden Interpreten der Renaissance-Polyphonie zählt, verfolgt einen interpretatorischen Ansatz, der sich durch äußerste klangliche Klarheit, präzise Intonation und eine bewusst kontrollierte Expressivität auszeichnet.

 

Gerade in Byrds Mass for Four Voices erweist sich diese ästhetische Haltung als besonders fruchtbar. Die Stimmen sind transparent geführt und deutlich voneinander abgegrenzt, wodurch die kontrapunktischen Linien mit großer Deutlichkeit nachvollziehbar bleiben. Gleichzeitig entsteht ein homogener Gesamtklang, der nie in bloße analytische Trockenheit umschlägt, sondern eine ruhige, konzentrierte Spannung bewahrt.

 

Auffällig ist die nahezu vibratofreie Stimmführung, die dem Klangbild eine klare, fast leuchtende Reinheit verleiht. Diese Entscheidung entspricht nicht nur der Aufführungspraxis, die Phillips für die englische Renaissance-Musik entwickelt hat, sondern unterstützt auch Byrds textbezogene Kompositionsweise: Die Worte bleiben jederzeit verständlich, ohne dass die musikalische Linie an Geschmeidigkeit verliert.

 

Die Tempi sind maßvoll gewählt und vermeiden jede Überdehnung. Besonders im Agnus Dei gelingt eine eindrucksvolle Steigerung der Intensität, ohne dass die Balance zwischen den Stimmen verloren geht. Die Schlusswendung „dona nobis pacem“ entfaltet sich in dieser Aufnahme mit einer stillen, beinahe kontemplativen Eindringlichkeit, die den geistlichen Charakter des Werkes in idealer Weise zur Geltung bringt.

 

Im Kontext der Byrd-Interpretation insgesamt nimmt diese Aufnahme eine herausragende Stellung ein, nicht als spektakuläre oder besonders individuelle Deutung, sondern als ein in sich geschlossenes, stilistisch äußerst konsequentes Klangbild. Sie zeigt Byrds Musik in einer Form, die auf äußerliche Effekte verzichtet und stattdessen auf strukturelle Klarheit, klangliche Reinheit und eine tiefe innere Sammlung setzt – Eigenschaften, die dem Werk selbst in besonderem Maße entsprechen.

 

CD Vorschlag

 

The Tallis Scholars Sing William Byrd,  Mass for Four Voices, The Tallis Scholars, Leitung Peter Phillips, Gimell, 2006, Tracks  12–22:

 

https://www.youtube.com/watch?v=9_bnD5t1s2o&list=OLAK5uy_mM-8gDoDQHo7hykGMPRO0QqT3KUt1KJdQ&index=12 

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