Leonhard Paminger (1495 - 1567)
Passauer Humanist zwischen Renaissancepolyphonie und Reformation
Leonhard Paminger, auch Päminger oder Panninger geschrieben, wurde am 29. März 1495 in Aschach an der Donau in Oberösterreich geboren und starb am 3. Mai 1567 in Passau. Er gehört zu jenen Komponisten des 16. Jahrhunderts, deren Name heute nur noch selten außerhalb spezieller musikgeschichtlicher Zusammenhänge begegnet, obwohl sein überliefertes Werk von erstaunlichem Umfang ist. Paminger war nicht nur Musiker, sondern zugleich Schulmann, Humanist, theologischer Schriftsteller, Übersetzer und eine Gestalt der Reformationszeit, deren Leben exemplarisch zeigt, wie eng Musik, Bildung, Konfession und lateinische Gelehrsamkeit im süddeutsch-österreichischen Raum miteinander verbunden waren. Sein Vater Andreas Paminger war Ratsherr in Aschach und stand vermutlich im Dienst der Grafen von Schaumburg; damit wuchs Leonhard Paminger nicht in höfischem Glanz, aber in einem Milieu auf, das Bildung, Verwaltung und kirchliche Kultur berührte.
Lateinischer Text aus dem Holzschnitt, Nürnberg, 1573:
ISTA LEONARTI PAMINGERI EFFIGIES EST
CORPORE PRAESTANTIS INGENIOQVE VIRI
QUI BENE CHRISTICOLA DE POSTERITATE MERENDO
VESTIIT HARMONICIS DOGMATA SACRA MODIS.
Deutsche Übersetzung:
Dies ist das Bildnis Leonhard Pamingers,
eines Mannes, ausgezeichnet an Gestalt und Geist,
der sich als wahrer Diener Christi um die Nachwelt verdient machte,
indem er die heiligen Lehren in harmonische Weisen kleidete.
Schon als Kind kam Paminger nach Wien. Nach späterer Überlieferung soll er dort eine schwierige und ärmliche Schulzeit erlebt haben, fand aber dennoch Zugang zum musikalischen Leben der Stadt. Besonders wichtig wurde für ihn der Chor von St. Stephan, wo er als Sänger wirkte und wegen seiner tiefen Bassstimme geschätzt wurde. Zugleich erhielt er eine humanistische Ausbildung, lernte Latein und Griechisch und befasste sich mit den Grundlagen der Komposition. Die polnische Musikbibliothek ergänzt, dass er von 1513 bis 1516 an der Universität Wien studierte; das Österreichische Musiklexikon bestätigt seine Immatrikulation im Jahr 1513. Neben dem Gesang soll er auch auf Harfe, Laute und Flöte hervorgetreten sein. Bemerkenswert ist, dass Paminger den Tonsatz offenbar weitgehend autodidaktisch erlernte: Er wurde also nicht einfach als fertiger Musiker ausgebildet, sondern entwickelte seine kompositorische Kunst aus humanistischer Bildung, praktischer Kirchenmusik und eigener theoretischer Arbeit heraus.
Um 1516 oder 1517 kam Paminger nach Passau, wo er an das Augustiner-Chorherrenstift St. Nikola gebunden wurde. Dieses Stift lag vor den Toren der Stadt und bildete für Paminger über Jahrzehnte den Mittelpunkt seines Lebens. Zunächst dürfte er dort als Schulgehilfe oder Schulmeister tätig gewesen sein; um 1529 wurde er Rektor der Schule. In dieser Stellung verbanden sich pädagogische, liturgische und musikalische Aufgaben. Die Schule von St. Nikola war keine große Universitätseinrichtung, sondern ein kirchlich-humanistischer Bildungsort, an dem Latein, Musik, religiöse Unterweisung und Chorgesang zusammengehörten. Paminger blieb dem Stift bis zu seinem Tod verbunden, auch wenn seine konfessionelle Haltung später zu Spannungen führte.
Seine persönliche Lebensgeschichte war eng mit seiner Familie verbunden. 1518 heiratete er Agnes, die 1557 starb. Aus dieser Ehe gingen mehrere Kinder hervor; drei Söhne wurden selbst Musiker: Balthasar Paminger (um 1523–1546), Sophonias Paminger (1526–1603) und Sigismund Paminger (1539–1571). Dass gleich mehrere Söhne kompositorisch tätig wurden, macht die Familie Paminger zu einer kleinen, aber bemerkenswerten Musikerfamilie des 16. Jahrhunderts. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete Leonhard Paminger 1562 eine Witwe namens Barbara, die jedoch bereits 1564 starb. Diese biografischen Daten zeigen zugleich die Fragilität des Lebens in jener Zeit: Ehe, Familie, berufliche Stellung und religiöse Auseinandersetzung standen in einem engen, oft unsicheren Zusammenhang.
Konfessionell stand Paminger der Reformation nahe. Die Neue Deutsche Biographie beschreibt ihn als jemanden, der der neuen Lehre aufgeschlossen gegenüberstand und sich aktiv an den religiösen Debatten seiner Zeit beteiligte. Er unterhielt Kontakte zu Martin Luther (1483–1546) und Philipp Melanchthon (1497–1560); Luther widmete ihm sogar ein Exemplar seines Galaterbrief-Kommentars mit einer persönlichen lateinischen Widmung, in der Paminger als treuer Erzieher der christlichen Jugend und als hervorragender Musiker gerühmt wurde. Die polnische Musikbibliothek formuliert noch deutlicher, Paminger habe nach Annahme der lutherischen Lehre 1557 auf sein Rektorenamt verzichten müssen; das Österreichische Musiklexikon spricht ebenfalls davon, dass er 1557 wegen seiner reformatorischen Haltung seines Amtes enthoben wurde, jedoch bis zu seinem Tod als Sekretär von St. Nikola verbunden blieb. Hier zeigt sich die konfessionelle Spannung besonders deutlich: Paminger lebte und arbeitete in einem katholisch geprägten institutionellen Umfeld, dachte und schrieb aber in einer Weise, die ihn in die Nähe der lutherischen Reformation rückte.
Neben seiner Tätigkeit als Schulmann und Musiker verfasste Paminger theologische Traktate, polemische Schriften und Übersetzungen antiker Komödien für den Schulgebrauch. Die Quellen nennen unter anderem Schriften gegen „Papisten“, Täufer und andere Gegner der von ihm vertretenen Lehre sowie Abhandlungen über das Abendmahl. Er war also nicht bloß ein Komponist, der zufällig in einer bewegten Zeit lebte, sondern ein gebildeter Humanist und Theologe, der sich mit den zentralen Glaubensfragen des 16. Jahrhunderts auseinandersetzte. Diese Verbindung von lateinischer Bildung, Schuldrama, Theologie und Musik ist für sein Profil entscheidend. Paminger steht damit zwischen den Welten: Er gehört noch zur alten, lateinisch geprägten Kirchenmusiktradition, nimmt aber zugleich die konfessionellen und pädagogischen Anliegen der Reformation auf.
Sein kompositorisches Werk ist ungewöhnlich umfangreich. Nach seinem Tod gaben seine Söhne, vor allem Sophonias Paminger (1526–1603) und Sigismund Paminger (1539–1571), zwischen 1573 und 1580 in Nürnberg vier Bände der „Cantiones ecclesiasticae“ heraus. Diese Sammlung bewahrt einen großen Teil seines geistlichen Schaffens. Die Forschung spricht von etwa 700 erhaltenen kirchenmusikalischen Werken, darunter Antiphonen, Responsorien, Hymnen, Motetten, Evangelienvertonungen, biblische Lektionen, Propriengesänge und eine fast vollständige Vertonung des Psalters. Die polnische Musikbibliothek weist darauf hin, dass die Sammlung ursprünglich von Sophonias auf zehn Bände angelegt war und die Gesänge des gesamten Kirchenjahres umfassen sollte. Schon dieser Plan zeigt, dass Pamingers Musik nicht als lose Folge einzelner Stücke gedacht war, sondern als umfassender, liturgisch geordneter Vorrat geistlicher Vokalmusik.
Stilistisch steht Paminger in einer Übergangszone. Einerseits wurzelt seine Musik noch deutlich in der franko-flämischen Polyphonie, besonders in der Nachfolge von Josquin Desprez (um 1450–1521). Andererseits zeigen seine Werke eine eigene Verbindung von kontrapunktischer Kunst, cantus-firmus-Technik, Imitation, kanonischen Verfahren und gelegentlich stärker akkordischer Satzweise. Die Neue Deutsche Biographie betont die Verbindung traditioneller Merkmale nach dem Vorbild Josquins mit fortschrittlicheren Elementen in Hymnen, Antiphonen und Propriumsgesängen. Die polnische Musikbibliothek hebt besonders die niederländische Polyphonie als wichtigsten Einfluss hervor, nennt aber auch freie Kontrapunktik, Imitation, akkordische Satzweise und komplizierte Kanons. In einzelnen Werken begegnen sehr kunstvolle Verfahren, etwa doppelte Kanons, Umkehrungs- oder Krebsformen und zahlensymbolische Konstruktionen. Paminger war also kein bloßer Gebrauchskomponist für den Schul- und Kirchenalltag, sondern ein Musiker mit ausgeprägtem Sinn für gelehrte Satzkunst.
Gerade diese Mischung macht seine Musik interessant. Sie ist nicht in erster Linie auf dramatische Wirkung oder klangliche Pracht angelegt, sondern auf Textbindung, liturgische Ordnung und kontrapunktische Durcharbeitung. Paminger komponierte für eine Welt, in der Musik noch selbstverständlich Teil der gelehrten, kirchlichen und schulischen Bildung war. Seine lateinischen Werke zeigen, dass die Reformation keineswegs einfach einen Bruch mit der älteren Kirchenmusik bedeutete. Vielmehr konnte lutherisch geprägte Frömmigkeit weiterhin lateinische Texte, traditionelle Gattungen und hochentwickelte Polyphonie verwenden. Gerade darin liegt Pamingers historischer Rang: Er verkörpert eine süddeutsch-österreichische Reformationskultur, in der humanistische Gelehrsamkeit, alte liturgische Formen und neue konfessionelle Überzeugungen nicht sauber voneinander zu trennen sind.
Originalgetreue fotografische Reproduktion eines Bildnisses von Heinrich Eduard von Wintter (1788–1829).
Leonhard Paminger starb am 3. Mai 1567 in Passau im Alter von 72 Jahren und wurde bei St. Nikola begraben. Sein Nachruhm blieb lange begrenzt, doch in Passau ist seine Erinnerung nicht völlig verschwunden: Eine Gedenktafel im Eingangsbereich der Universitätskirche St. Nikola und die Leonhard-Paminger-Straße halten seinen Namen fest. Für die Musikgeschichte ist er vor allem als Passauer Komponist, Schulmann und theologischer Humanist von Bedeutung — ein Mann, dessen Werk an der Schwelle zwischen katholischer Überlieferung, lutherischer Reform und gelehrter Renaissancepolyphonie steht. Seine Musik mag heute selten erklingen, doch sie bewahrt ein eindrucksvolles Zeugnis jener Epoche, in der der geistliche Gesang noch ein Ort theologischer Auseinandersetzung, pädagogischer Disziplin und kunstvoller musikalischer Ordnung zugleich war.
Literatur
Albrecht, Hans: Zwei Quellen zur deutschen Musikgeschichte der Reformationszeit. In: Die Musikforschung, Band 1, 1948, S. 253 ff.
Burn, David J.: Analysing Sixteenth-Century Chant-Based Polyphony: Some Methodological Observations, and a Case-Study from Leonhard Paminger. In: Musiktheorie, Jahrgang 27, Heft 2, 2012, S. 144–161.
Christfelsius, Philipp A. (Hrsg.): B. Caroli Christiani Hirschii de vita Pamingerorum commentarius. 1764.
Finscher, Ludwig: Eine wenig beachtete Quelle zu Johann Walters Passions-Turbae. In: Die Musikforschung, Band 11, 1958, S. 192 ff.
Grieb, Manfred H. (Hrsg.): Nürnberger Künstlerlexikon. Bildende Künstler, Kunsthandwerker, Gelehrte, Sammler, Kulturschaffende und Mäzene vom 12. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. K. G. Saur / Walter de Gruyter, München 2007, S. 1112.
Krautwurst, Franz: „Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort“ – Zahlensymbolisches Komponieren bei Johann Walter und Leonhard Paminger. In: Rainer Kleinertz, Christoph Flamm und Wolf Frobenius (Hrsg.): Musik des Mittelalters und der Renaissance. Festschrift Klaus-Jürgen Sachs zum 80. Geburtstag. Georg Olms Verlag, Hildesheim u. a. 2010, S. 435–441.
Lechl, P.: Biographische Notizen zu Leonhard Päminger. Ein Beitrag zur Musikgeschichte der Stadt Passau. In: Ostbairische Grenzmarken, Band 23, 1981, S. 123–132.
Markmiller, Fritz: Paminger, Leonhard. In: Neue Deutsche Biographie, Band 20, Duncker & Humblot, Berlin 2001, S. 26–27.
Meyer, Christian: „Vexilla regis prodeunt“. Un canon énigmatique de Leonhard Paminger. In: A. Beer u. a. (Hrsg.): Festschrift für Christoph-Hellmut Mahling. Tutzing 1997.
Moser, Hans Joachim: Die evangelische Kirchenmusik in Deutschland. Kassel 1951, S. 78 ff.
Päminger, Leonhard. In: Allgemeine Deutsche Biographie, Band 25, Duncker & Humblot, Leipzig 1887, S. 114–115.
Roth, I.: Leonhard Paminger. Ein Beitrag zur deutschen Musikgeschichte des 16. Jahrhunderts. Dissertation, München 1935.
Schmitz, Heinz-Walter: Leonhard Paminger (1495–1567), Passauer Komponist und Theologe. In: Ostbairische Grenzmarken. Passauer Jahrbuch für Geschichte, Kunst und Volkskunde, Band 40, Passau 1998, S. 91–113.
Schmitz, Heinz-Walter: Die Kirchenmusik zur Zeit der Fürstbischöfe. In: Heinz-Walter Schmitz / Gertraud K. Eichhorn u. a.: Passauer Musikgeschichte. Die Kirchenmusik zur Zeit der Fürstbischöfe und in den Klöstern St. Nikola, Vornbach und Fürstenzell. Verlag Karl Stutz, Passau 1999, S. 539–618.
Schmitz, Heinz-Walter: Die Paminger – eine Familie im Spannungsfeld der Konfessionalisierung. In: Egon Boshof (Hrsg.): Ostbairische Lebensbilder, Band 1, Dietmar Klinger Verlag, Passau 2004, S. 59–78.
Schulze, Walter: Die mehrstimmige Messe im frühprotestantischen Gottesdienst. 1940, S. 68 ff.


Sacred Vocal Works
Die CD „Paminger: Sacred Vocal Works“ mit dem Ensemble Stimmwerck, erschienen 2010 beim Label Christophorus, ist eine der seltenen Einspielungen, die Leonhard Paminger (1495–1567) nicht nur als musikgeschichtliche Randfigur, sondern als eigenständigen, ernst zu nehmenden Komponisten der Reformationszeit hörbar machen. Die Aufnahme umfasst zwölf geistliche Vokalwerke, darunter Psalmvertonungen, marianische und christologische Stücke, ein Vaterunser, österliche Musik sowie am Ende mit „O Mensch, bewein dein Sünde groß“ ein Werk seines Sohnes Sigismund Paminger (1539–1571). Damit entsteht kein streng liturgisch geschlossener Zyklus, sondern ein sorgfältig zusammengestelltes Porträt: Paminger erscheint als Komponist zwischen humanistischer Gelehrsamkeit, kirchlicher Praxis, lateinischer Frömmigkeit und reformatorischem Geist. Die CD enthält unter anderem „Domine, ne in furore tuo“, „In exitu Israel de Aegypto“, „Ad te, Domine, levavi“, „Dixit Dominus“ und „O Trinitas“; die vollständige Trackliste wird auch bei jpc mit dem Ensemble Stimmwerck, dem Label Christophorus und dem Erscheinungstermin 1. September 2010 nachgewiesen.
Gerade die Auswahl zeigt, wie weit Pamingers geistliche Musik gefasst ist. Neben großen Psalmtexten stehen kontemplative Stücke wie „Pater noster“ oder „Disce crucem“, marianische Texte wie „Virgo prudentissima“ und „Sicut lilium inter spinas“, dazu österliche und trinitarische Gesänge. Man hört hier keinen Komponisten, der auf äußere Wirkung oder dramatische Zuspitzung setzt, sondern einen Meister der geistlichen Ordnung: Die Musik lebt aus der Verbindung von Text, Satzkunst und innerer Sammlung. Paminger kleidet die heiligen Lehren tatsächlich, um die Formulierung des alten Epigramms aufzugreifen, „in harmonische Weisen“. Seine Polyphonie ist nicht prunkvoll im venezianischen Sinn und auch nicht von jener expressiven Zuspitzung geprägt, die man später bei manchen Komponisten der Spätrenaissance findet. Sie wirkt eher durch ruhige Linienführung, klare Stimmbeziehungen, durchdachte Imitation und eine Würde, die aus der geistlichen Funktion der Musik erwächst.
Dabei ist die CD auch deshalb wertvoll, weil Paminger heute fast nur Spezialisten bekannt ist, obwohl sein Schaffen außerordentlich umfangreich war. Die Produktinformation zur Aufnahme weist darauf hin, dass er mit mehr als 700 Werken zu den produktivsten Komponisten des 16. Jahrhunderts gehört; außerdem wird dort seine Studienzeit in Wien, seine spätere Tätigkeit in Passau und seine Verbindung mit dem Augustiner-Chorherrenstift St. Nikola hervorgehoben. Genau dieser Hintergrund ist beim Hören wichtig: Paminger war kein reisender Hofkomponist von europäischem Ruhm, sondern ein Schulmann, Theologe und Kirchenmusiker, dessen Werk aus dem Alltag von Unterricht, Gottesdienst und gelehrter Frömmigkeit hervorging. Seine Musik besitzt daher eine andere Art von Größe: Sie will nicht glänzen, sondern ordnen, deuten und tragen.
Das Ensemble Stimmwerck ist für ein solches Repertoire besonders geeignet, weil es den Satz nicht chorisch schwer macht, sondern die Linien kammermusikalisch durchsichtig hält. In der Besetzung eines kleinen Vokalensembles werden die kontrapunktischen Verflechtungen deutlich, ohne dass die Musik trocken oder akademisch wirkt. Der Klang bleibt schlank, aber nicht kalt; er lässt die einzelnen Stimmen als eigenständige Träger des Textes hervortreten. Gerade bei einem Komponisten wie Paminger ist das entscheidend, weil seine Musik weniger von überwältigender Klangmasse lebt als von der geistigen Durchdringung des Wortes. Eine Pressestimme, die jpc zitiert, beschreibt den Klang der Aufnahme als Mischung aus homogenem Wohlklang und individuellen Timbres und hebt besonders die Leuchtkraft der hohen Stimmen hervor.
So entstand eine CD, die man nicht als bloße "Ausgrabung" hören sollte. Sie zeigt eine geistliche Musikkultur, in der lateinische Tradition, protestantische Frömmigkeit und Renaissancepolyphonie noch eng miteinander verbunden sind. Paminger steht hier nicht als revolutionärer Neuerer vor uns, sondern als gebildeter, tief verwurzelter Komponist an einer historischen Schwelle. Seine Musik blickt zurück auf die kunstvolle Polyphonie des 15. und frühen 16. Jahrhunderts und zugleich hinein in die konfessionell geprägte Welt der Reformationszeit. Gerade darin liegt der besondere Reiz dieser Aufnahme: Sie öffnet ein Fenster zu einer Musik, die nicht laut um Aufmerksamkeit wirbt, aber bei genauerem Hören eine erstaunliche innere Festigkeit, Würde und geistliche Konzentration entfaltet.
Leonhard Paminger, Sacred Vocal Works, Stimmwerck, Christophorus, 2010:
https://www.youtube.com/watch?v=yx3Ym2KRaH8&list=OLAK5uy_nJ7qXQIZS2_RAhYxKxEG8PkdvIEzmGNoM&index=1
Track 1:
Domine, ne in furore tuo
Mit „Domine, ne in furore tuo“ eröffnet die CD „Paminger: Sacred Vocal Works“ mit einem der großen Bußtexte des Psalters. Gemeint ist Psalm 37 der Vulgata, der in moderner Zählung meist als Psalm 38 erscheint. Schon diese doppelte Zählung kann leicht verwirren; entscheidend ist jedoch der lateinische Wortlaut. Der Anfang „Domine, ne in furore tuo arguas me“ findet sich auch in Psalm 6, doch der weitere Verlauf mit „Quoniam sagittae tuae infixae sunt mihi“ bestätigt eindeutig, dass Paminger hier den Bußpsalm Psalm 37/38 verwendet. Die CD-Angabe „Psalm 38“ ist also sachlich richtig, auch wenn der Text aus der lateinischen Vulgata-Tradition stammt.
Das Werk steht im weiteren Umfeld von Pamingers geistlicher Vokalmusik, wie sie in den „Ecclesiasticae cantiones“ beziehungsweise „Ecclesiasticarum cantionum“ überliefert ist. Diese Sammlung erschien erstmals 1563, war in vier Abschnitte beziehungsweise Bände gegliedert und enthielt geistliche Musik in lateinischer und deutscher Sprache. Die Widmung nennt Gotfridus, Graf von Oettingen, sowie Christoph und Friedrich, Agnaten und Freiherren von Limpurg.
Gottfried (Gotfridus) Graf von Oettingen-Oettingen (1554–1622) war ein bedeutender Regent der schwäbischen Grafschaft Oettingen-Oettingen. Er regierte von 1574 bis zu seinem Tod im Jahr 1622 und prägte die Geschichte seines Hauses in einer Zeit konfessioneller Spannungen.
Porträt des Grafen Gottfried von Oettingen (1554–1622)
Christoph (III.) zu Limpurg-Gaildorf (1531–1574) war ein hochrangiger Adliger, der als Reichserbschenk ein wichtiges Ehrenamt am Kaiserhof innehatte. Als überzeugter Protestant festigte er die Reformation in seiner Herrschaft Gaildorf und sicherte durch seine zwei Ehen den Einfluss seiner Familie.
Epitaphien des Christoph III. Schenk von Limpurg-Gaildorf (1531–1574)
Friedrich VI. Schenk von Limpurg-Speckfeld (1536–1596) war ein enger Verwandter (Agnat) von Christoph und regierte die Linie Speckfeld vom Schloss Obersontheim aus. Als diplomatischer Vertreter seiner Familie war er für die Verwaltung des gemeinsamen Erbes verantwortlich und stand in engem Kontakt zu benachbarten Grafenhäusern wie Oettingen.
Lucas Cranach der Jüngere (1515–1586), Miniaturporträt von
Friedrich VI. Schenk von Limpurg-Speckfeld (1536–1596), 1559
Diese Angaben sind mehr als bloße bibliografische Nebensachen: Sie zeigen, dass Paminger seine geistliche Musik nicht als zufällige Einzelstücke verstand, sondern als geordneten Vorrat für kirchliche, schulische und gelehrte Frömmigkeit. Zugleich verweist die Widmung auf ein adelig-humanistisches Umfeld, in dem solche Musik gelesen, gesungen und geschätzt werden konnte. Die Werkseite bei IMSLP nennt zu den „Ecclesiasticae cantiones“ ausdrücklich vier Bände, die Erstausgabe 1563, die Sprachen Latein und Deutsch sowie die genannte Widmung; der Classical Music Index bestätigt diese Grunddaten ebenfalls.
Leonhard Paminger war in diesem Zusammenhang eine besonders interessante Gestalt. Er war nicht nur Komponist, sondern auch Schulmann, Theologe und Humanist; sein Lebensmittelpunkt wurde Passau, wo er mit dem Augustiner-Chorherrenstift St. Nikola verbunden war. Seine Söhne Sophonias Paminger (1526–1603) und Sigismund Paminger (1539–1571) spielten später eine wichtige Rolle bei der Überlieferung und Herausgabe seiner Werke. Gerade bei einer Psalmvertonung wie „Domine, ne in furore tuo“ wird deutlich, was Paminger auszeichnet: Er sucht nicht den äußeren Effekt, sondern eine ernste, textgebundene Durchdringung. Die Musik wirkt gesammelt, dunkel gefärbt und von einer melancholischen Würde getragen. Sie folgt dem Bußtext nicht wie einer dramatischen Szene, sondern wie einem inneren Gebet.
Der Text selbst gehört zu den klassischen Bußpsalmen. Er spricht von göttlichem Zorn, Schuld, Krankheit, Wunden, innerer Zerschlagenheit und der letzten Bitte um Gottes Nähe. Paminger scheint den Psalm nicht vollständig zu vertonen, sondern eine sinnvolle Auswahl zu treffen. Gehört umfasst die Vertonung vor allem die Anfangsverse, in denen der Mensch seine Schuld und seine Verwundung vor Gott ausspricht, dann einen Abschnitt der inneren Erniedrigung und schließlich den Schluss des Psalms: „Ne derelinquas me, Domine Deus meus“ und „Intende in adiutorium meum“. Ausgelassen werden offenbar die längeren Passagen über Freunde, Feinde, Verleumdung und äußere Bedrängnis. Dadurch konzentriert Paminger den Psalm auf den eigentlichen geistlichen Kern: Der Mensch steht nicht zuerst im Streit mit anderen Menschen, sondern in seiner eigenen Not vor Gott.
Gerade diese Kürzung ist musikalisch und theologisch sinnvoll. Die Vertonung beginnt mit der Bitte, nicht im Zorn gerichtet zu werden; sie führt über Bilder der Verwundung, der schweren Schuld und des gebeugten Leibes bis zum erschütterten Herzen, das seine Kraft verloren hat. Am Ende steht keine triumphale Lösung, sondern eine schlichte, dringliche Bitte: Verlass mich nicht, Herr; eile mir zu Hilfe. So gewinnt das Stück seine besondere Kraft. Es ist keine bloße Vertonung eines Psalmtextes, sondern eine konzentrierte Bußmeditation: streng, melancholisch, gesammelt und zugleich von großer innerer Eindringlichkeit.
Vertont sind nicht alle Verse des Psalms, sondern vor allem Psalm 37,1–8 sowie 22–23 der Vulgata; in moderner Zählung entspricht dies Psalm 38,1–8 und 22–23. Dabei ist zu beachten, dass die Verszählung je nach Ausgabe leicht abweichen kann.
Die hier abgedruckten lateinischen Texte beruhen auf der gesungenen Fassung der CD und wurden nach Gehör rekonstruiert.
Lateinischer Text
Psalmus David, in rememorationem de sabbato.
Domine, ne in furore tuo arguas me,
neque in ira tua corripias me.
Quoniam sagittae tuae infixae sunt mihi,
et confirmasti super me manum tuam.
Non est sanitas in carne mea a facie irae tuae;
non est pax ossibus meis a facie peccatorum meorum.
Quoniam iniquitates meae supergressae sunt caput meum,
et sicut onus grave gravatae sunt super me.
Putruerunt et corruptae sunt cicatrices meae,
a facie insipientiae meae.
Miser factus sum et curvatus sum usque in finem;
tota die contristatus ingrediebar.
Afflictus sum et humiliatus sum nimis;
rugiebam a gemitu cordis mei.
Cor meum conturbatum est,
dereliquit me virtus mea,
et lumen oculorum meorum,
et ipsum non est mecum.
Ne derelinquas me, Domine Deus meus;
ne discesseris a me.
Intende in adiutorium meum,
Domine Deus salutis meae.
Deutsche Übersetzung
Ein Psalm Davids, zur Erinnerung an den Sabbat.
Herr, weise mich nicht zurecht in deinem Grimm,
und züchtige mich nicht in deinem Zorn.
Denn deine Pfeile sind in mich eingedrungen,
und schwer hast du deine Hand auf mich gelegt.
Nichts ist heil an meinem Leib vor deinem Zorn;
kein Friede ist in meinen Gebeinen wegen meiner Sünden.
Denn meine Schuld ist mir über das Haupt gewachsen,
und wie eine schwere Last drückt sie mich nieder.
Meine Wunden sind faul geworden und verderbt
durch meine Torheit.
Elend bin ich geworden und gebeugt bis ans Ende;
den ganzen Tag ging ich trauernd einher.
Ich bin geschlagen und über die Maßen erniedrigt;
ich schrie auf vor dem Seufzen meines Herzens.
Mein Herz ist verstört;
meine Kraft hat mich verlassen,
und selbst das Licht meiner Augen
ist nicht mehr bei mir.
Verlass mich nicht, Herr, mein Gott;
bleib nicht fern von mir.
Eile mir zu Hilfe,
Herr, Gott meines Heils.
Track 1. Der CD:
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Track 2:
Descendi in hortum meum
Descendi in hortum meum ist auf der CD „Paminger: Sacred Vocal Works“ der zweite Track und dauert in der Aufnahme von Stimmwerck etwa 4:37 Minuten. Der Text gehört in den Bereich der Hohelied-Mystik: Er geht auf das Canticum canticorum, also das Hohelied, zurück, wird aber in der liturgischen und motettischen Tradition nicht immer exakt im biblischen Vulgata-Wortlaut verwendet. Die Vulgata bietet in Hohelied 6,10/11 die Form „Descendi ad hortum nucum“ beziehungsweise bei BibleGateway „Descendi in hortum nucum“; die für Paminger nachgewiesene Motettenfassung lautet dagegen „Descendi in hortum meum“ und schließt mit „Revertere, revertere Sunamitis, ut intueamur te“. Diese Textfassung ist in einem Konzertprogramm ausdrücklich mit Leonhard Paminger verbunden und entspricht auch dem in der Cantus Database belegten liturgischen Texttyp.
Inhaltlich führt der Text in den Garten als geistlichen Bildraum. Der Sprecher steigt in den Garten hinab, um die Früchte des Tales zu betrachten, zu sehen, ob der Weinberg geblüht und ob die Granatäpfel ausgeschlagen haben. In der Sprache des Hohelieds ist dies zunächst ein Bild der Liebe, der Fruchtbarkeit und der erwachenden Schönheit. In der christlichen Auslegung konnte dieser Garten aber zugleich auf Maria, auf die Kirche oder auf die Seele bezogen werden. Gerade dadurch wird der Text für die geistliche Musik der Renaissance so anziehend: Er verbindet sinnliche Naturbilder mit einer geistlichen Deutung, ohne dass die poetische Zartheit verloren geht.
Paminger behandelt diesen Text nicht als weltliches Liebeslied, sondern als kontemplative Motette. Die Musik scheint den Garten nicht äußerlich zu schildern, sondern ihn als Raum innerer Sammlung zu öffnen. Der Satz wirkt klar, maßvoll und durchsichtig; die Stimmen entfalten sich in ruhiger Polyphonie, ohne dramatische Zuspitzung. Besonders schön ist der Gegensatz zwischen dem ersten Teil, der betrachtend und gleichsam tastend in den Garten hinabführt, und dem Ruf „Revertere, revertere Sunamitis“. Dort erhält die Musik eine stärker anrufende Bewegung: Aus der stillen Betrachtung wird ein Ruf zur Rückkehr, zur Anschauung, vielleicht auch zur geistlichen Wiederbegegnung.
Für Paminger ist diese Motette sehr charakteristisch. Sie zeigt ihn nicht als Komponisten äußerer Pracht, sondern als Meister einer gelehrten, textnahen Frömmigkeit. Die Hohelied-Bilder werden nicht überladen, sondern in eine ruhige musikalische Ordnung gebracht. Gerade die Kürze des Stücks macht seinen Reiz aus: In wenigen Minuten entsteht eine Atmosphäre von Reinheit, Blüte, Erwartung und geistlicher Schönheit. Neben dem ernsten Bußton des vorangehenden „Domine, ne in furore tuo“ wirkt „Descendi in hortum meum“ wie ein hellerer, duftigerer Gegenraum: nicht weniger geistlich, aber von einer anderen Farbe — zarter, marianischer, stärker vom Bild der blühenden Fruchtbarkeit getragen.
Lateinischer Text
Descendi in hortum meum,
ut viderem poma convallium,
et inspicerem si floruisset vinea
et germinassent mala punica.
Revertere, revertere Sunamitis,
ut intueamur te.
Deutsche Übersetzung
Ich stieg hinab in meinen Garten,
um die Früchte der Täler zu sehen
und zu schauen, ob der Weinberg geblüht habe
und ob die Granatäpfel ausgeschlagen hätten.
Kehre zurück, kehre zurück, Sunamitin,
damit wir dich anschauen.
Track 2 der CD:
https://www.youtube.com/watch?v=Yi9dl2JDUyE&list=OLAK5uy_nJ7qXQIZS2_RAhYxKxEG8PkdvIEzmGNoM&index=2
Track 3:
Virgo prudentissima
Bei Virgo prudentissima bewegen wir uns wieder in einem marianischen Textbereich, der eng mit der Bildsprache des Hohelieds und der Liturgie des Marienlobes verbunden ist. Der Text ist kurz, aber dicht: Maria erscheint als die „klügste“ oder „weiseste Jungfrau“, als Tochter Zion, schön wie der Mond und auserwählt wie die Sonne. Die Fassung ist als liturgischer Antiphonentext nachgewiesen; die Cantus Database gibt den Wortlaut: „Virgo prudentissima, quo progrederis quasi aurora valde rutilans? Filia Sion, tota formosa et suavis es, pulchra ut luna, electa ut sol.“ Auch lieder.net führt diese kurze Fassung und weist darauf hin, dass sie aus biblischen Wendungen zusammengesetzt ist.
Paminger behandelt diesen Text vermutlich nicht als breit ausgesponnene Marienhymne, sondern als konzentrierte Motette von feiner, leuchtender Würde. Nach dem ernsten Bußton von „Domine, ne in furore tuo“ und der gartenhaften Hohelied-Mystik von „Descendi in hortum meum“ führt „Virgo prudentissima“ noch stärker in die Sphäre der marianischen Verklärung. Die Musik steht nicht im Zeichen dramatischer Bewegung, sondern der bewundernden Betrachtung. Schon die Frage „quo progrederis?“ — „Wohin schreitest du?“ — verleiht dem Stück eine leichte, aufwärts gerichtete Bewegung: Maria wird nicht statisch beschrieben, sondern in einem feierlichen Fortschreiten gesehen, gleichsam wie die Morgenröte, die in rötlichem Glanz hervortritt.
Die Bilder des Textes sind typisch für die geistliche Deutung des Hohelieds. „Quasi aurora valde rutilans“ verweist auf das Erscheinen der Morgenröte; „tota formosa et suavis“ beschreibt eine vollkommene Schönheit, die nicht bloß äußerlich, sondern geistlich verstanden wird; „pulchra ut luna, electa ut sol“ gehört zu den berühmtesten marianischen Bildformeln der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Liturgie. Maria erscheint hier als die von Gott Erwählte, als lichte Gestalt zwischen Erde und Himmel, als Bild der reinen Kirche und zugleich als Fürsprecherin der Gläubigen. Gerade ein Komponist wie Leonhard Paminger, der zwischen älterer lateinischer Tradition, humanistischer Bildung und reformatorischer Frömmigkeit steht, konnte solche Texte noch ganz selbstverständlich in kunstvolle Polyphonie kleiden.
Musikalisch darf man diese Motette als ein Stück stiller Helligkeit hören. Die Polyphonie wirkt nicht prunkvoll, sondern gesammelt; die Stimmen scheinen den Text nicht auszumalen, sondern in seiner ehrenden Würde zu tragen. Anders als bei den großen Bußpsalmen steht hier nicht die Schwere der Sünde im Zentrum, sondern die lichte Anschauung einer heiligen Gestalt. Dadurch bildet „Virgo prudentissima“ innerhalb der CD einen wichtigen Kontrast: Nach Schmerz, Schuld und innerer Bedrängnis öffnet sich ein Raum marianischer Schönheit, der weniger durch äußere Pracht als durch ruhige, geordnete Leuchtkraft überzeugt.
Lateinischer Text
Virgo prudentissima,
quo progrederis,
quasi aurora valde rutilans?
Filia Sion,
tota formosa et suavis es,
pulchra ut luna,
electa ut sol.
Deutsche Übersetzung
Weiseste Jungfrau,
wohin schreitest du,
leuchtend wie die Morgenröte?
Tochter Zion,
ganz schön und lieblich bist du,
schön wie der Mond,
auserwählt wie die Sonne.
Track 3 der CD:
https://www.youtube.com/watch?v=gQVGNOn5Ocs&list=OLAK5uy_nJ7qXQIZS2_RAhYxKxEG8PkdvIEzmGNoM&index=3
Track 4:
Sicut lilium inter spinas
Sicut lilium inter spinas ist ein kurzer, aber sehr sprechender Hohelied-Text. Er stammt aus dem Canticum canticorum, dem Hohelied Salomos, genauer aus Hohelied 2,2: „Wie eine Lilie unter Dornen, so ist meine Freundin unter den Töchtern.“ Die Cantus Database belegt diesen Wortlaut als Antiphonentext: „Sicut lilium inter spinas, sic amica mea inter filias“. Auch neuere Notenausgaben zu Leonhard Paminger führen „Sicut lilium inter spinas“ als eigenständige Motette; sie gehört also nicht nur allgemein zur Hohelied-Tradition, sondern ist tatsächlich als Paminger-Werk greifbar.
In der biblischen Ursprungsschicht ist dieser Satz ein Bild der Liebe: Die Geliebte erscheint wie eine Lilie, die sich unter Dornen abhebt. In der christlichen Auslegung wurde diese Metapher seit dem Mittelalter sehr häufig auf Maria bezogen. Die Lilie steht dabei für Reinheit, Schönheit und Erwählung; die Dornen bilden den Kontrast der gefährdeten, sündigen oder unvollkommenen Welt. Gerade deshalb eignete sich der Text hervorragend für marianische Musik: Maria erscheint nicht einfach als schöne Frauengestalt, sondern als die Auserwählte, deren Reinheit inmitten der Welt sichtbar wird. Der kurze Text entfaltet eine starke Symbolik, ohne viele Worte zu benötigen.
Paminger dürfte diesen Satz mit besonderer Zurückhaltung behandelt haben. Anders als bei einem großen Psalmtext verlangt „Sicut lilium inter spinas“ keine lange dramatische Entwicklung, sondern eine konzentrierte, fast emblematische Klangrede. Die Musik kann sich ganz auf den Gegensatz zwischen „lilium“ und „spinas“ stützen: hier die reine Blume, dort die Dornen; hier Schönheit und Erwählung, dort Bedrohung und Widerstand. Gerade in einer Renaissancepolyphonie entsteht daraus keine vordergründige Malerei, sondern eine feine geistliche Betrachtung. Die Stimmen umgeben den kurzen Text, wiederholen und beleuchten ihn, als würde das eine Bild von mehreren Seiten angeschaut.
Innerhalb der CD wirkt diese Motette wie eine Schwester zu „Virgo prudentissima“ und „Descendi in hortum meum“. Alle drei Stücke stehen im Umfeld marianischer Hohelied-Frömmigkeit, aber jedes hat eine andere Farbe. „Descendi in hortum meum“ öffnet den geistlichen Gartenraum; „Virgo prudentissima“ richtet den Blick auf die leuchtende, erhöhte Jungfrau; „Sicut lilium inter spinas“ verdichtet die marianische Aussage auf ein einziges Bild. Gerade diese Kürze ist reizvoll: Der Text sagt wenig, aber er enthält sehr viel — Reinheit, Erwählung, Zartheit, Absonderung und geistliche Schönheit.
Musikalisch darf man das Stück deshalb nicht als bloßes Zwischenspiel unterschätzen. Bei Paminger ist die Kunst oft nicht laut, sondern in der Ordnung der Stimmen verborgen. Der kurze Hoheliedvers wird zur kleinen geistlichen Miniatur: nicht prunkvoll, nicht sentimental, sondern klar, gesammelt und von stiller Würde. Nach den schwereren Buß- und Psalmtexten der CD bringt „Sicut lilium inter spinas“ eine hellere, fast kontemplative Farbe hinein. Es ist eine Musik, die das Bild der Lilie nicht ausschmückt, sondern ehrfürchtig umkreist.
Lateinischer Text
Sicut lilium inter spinas,
sic amica mea inter filias.
Deutsche Übersetzung
Wie eine Lilie unter Dornen,
so ist meine Freundin unter den Töchtern.
Track 4 der CD:
https://www.youtube.com/watch?v=pfswzr6mSYY&list=OLAK5uy_nJ7qXQIZS2_RAhYxKxEG8PkdvIEzmGNoM&index=4
Track 5:
Disce crucem – Das Kreuz geduldig tragen
Mit Disce crucem begegnet uns eine der eindringlichsten Motetten auf der CD „Paminger: Sacred Vocal Works“. Leonhard Paminger vertont hier keinen biblischen Psalm und keinen marianisch gedeuteten Hoheliedtext, sondern eine lateinische geistliche Mahndichtung. Ihr Thema ist die crux patienter ferenda, das geduldig zu tragende Kreuz. Schon der erste Vers formuliert den Kern des ganzen Stückes: „Disce crucem“ – „Lerne das Kreuz.“ Gemeint ist nicht nur ein äußeres Erdulden von Leid, sondern eine christliche Lebensschule: Wer nach dem himmlischen Reich verlangt und in Christus leben will, muss lernen, Bedrängnis, Krankheit, Armut, Ungerechtigkeit, Gewalt, Hunger, Kälte, Schmähung und menschliche Härte nicht als sinnlose Zufälle zu betrachten, sondern im Licht der Nachfolge Christi zu tragen.
Der Text besitzt dabei einen deutlich lehrhaften, fast epigrammatischen Charakter. Er spricht den Menschen unmittelbar an und reiht die Mühsale des Lebens in dichter Folge auf: Wind und Wetter, Armut, Krankheit, Schmähungen, Seuchen, Gewalt, Hitze, Kälte, Schläge, Abgaben und Hunger. Auch ungerechte Gesetze, Betrug und die Gewalt der Mächtigen werden genannt. Das ist bemerkenswert, weil der Text das Kreuz nicht sentimental verinnerlicht, sondern sehr konkret benennt: Es besteht nicht nur aus seelischer Traurigkeit, sondern aus den realen Belastungen einer harten Welt. Gerade darin liegt seine geistliche Schärfe. Die christliche Geduld wird nicht als weltfremde Beschwichtigung verstanden, sondern als Standhaftigkeit gegenüber allem, was den Menschen bedrängt.
Zugleich bleibt der Text nicht bei der bloßen Mahnung stehen. Entscheidend ist die Beziehung zu Christus. Alles soll „Christique vocantis amore“, aus Liebe zu dem rufenden Christus, getragen werden, denn Christus selbst hat aus Liebe zu den Menschen alles erlitten. Dadurch erhält die Motette ihren theologischen Mittelpunkt: Das Kreuz ist nicht irgendeine allgemeine Lebensweisheit, sondern gehört zur Nachfolge Christi. Der Mensch trägt nicht allein; er wird auf den Namen Jesu verwiesen, den er immer wieder anrufen soll. Gerade diese Anrufung gibt dem Text seine tröstende Wendung: Christus bleibt gegenwärtig, und das geduldig getragene Kreuz führt nicht in Verzweiflung, sondern zur Seligkeit.
Musikalisch dürfte Paminger diesen Text mit besonderer Ernsthaftigkeit behandelt haben. Anders als in den marianischen Motetten „Descendi in hortum meum“, „Virgo prudentissima“ oder „Sicut lilium inter spinas“ geht es hier nicht um leuchtende Bilder von Garten, Lilie, Morgenröte und Schönheit, sondern um eine geistliche Erziehung zur Festigkeit. Die Polyphonie wirkt deshalb nicht schmückend, sondern mahnend, ordnend und sammelnd. Sie gibt dem Text Würde, ohne seine Strenge zu entschärfen. Gerade das macht den Reiz dieser Motette aus: Paminger predigt nicht grob, sondern verwandelt die Mahnung in eine kunstvolle musikalische Betrachtung.
Besonders wichtig ist der Schluss. Nach der strengen Warnung, wer das Kreuz Christi verachte, habe „tausend schlimme Kreuze“ verdient, endet die Motette nicht hart, sondern tröstlich. Der letzte Gedanke richtet den Blick auf Befreiung und ewiges Leben: Wer das Kreuz geduldig trägt, wird einst von den Übeln gelöst sein und mit Christus in Ewigkeit leben. Damit ist „Disce crucem“ keine düstere Leidensverherrlichung, sondern eine Motette über christliche Standhaftigkeit, Hoffnung und die Kunst, das Sterbliche im Licht des Ewigen zu bestehen. Innerhalb der CD bildet sie einen ernsten, theologischen Mittelpunkt: Aus der Schönheit der marianischen Hoheliedbilder führt sie in die Schule des Kreuzes, aber sie lässt den Hörer dort nicht allein stehen.
Lateinischer Text
Disce crucem, quicunque cupis coelestia regna.
Qui cupis in Christo vivere, disce crucem:
Ventos, pauperiem, morbos, opprobria, pestes,
vim, solem, frigus, flagra, tributa, famem,
imposturas omnes, omnia fer patiens,
et leges a fraude profectas,
et reges magni, saepe flagella Dei.
Omnia fer patiens Christique vocantis amore,
qui nihil non nostri passus fuit amore.
Hoc facere autem, ut possis,
eius venerabile nomen Iesu saepe voca;
praesens hic tibi semper erit.
Crede mihi, haec hominem constantia firma beatum efficit;
haec est crux, cuique ferenda pio.
Haec Christi crux est; hanc qui contempserit,
is se mille malas statuat commeruisse cruces.
Tuque soluta malis tandem gaudebis, et illic
cum Christo aeterno tempore perpes eris.
Deutsche Übersetzung
Lerne das Kreuz, wer immer nach dem himmlischen Reich verlangt.
Wer in Christus leben will, lerne das Kreuz:
Stürme, Armut, Krankheiten, Schmähungen und Seuchen,
Gewalt, Sonnenglut, Kälte, Schläge, Abgaben und Hunger,
alle Täuschungen, alles ertrage geduldig,
auch Gesetze, die aus Betrug hervorgegangen sind,
und die Mächtigen dieser Welt, oft Geißeln Gottes.
Alles ertrage geduldig aus Liebe zu Christus, der dich ruft,
der aus Liebe zu uns alles gelitten hat.
Damit du dies aber vermagst,
rufe oft seinen verehrungswürdigen Namen Iesu an;
er wird dir hier stets gegenwärtig sein.
Glaube mir: Diese feste Standhaftigkeit macht den Menschen selig;
dies ist das Kreuz, das jeder Fromme tragen muss.
Dies ist das Kreuz Christi; wer es verachtet,
der möge erkennen, dass er tausend schlimme Kreuze verdient hat.
Du aber wirst, von allem Übel befreit, einst Freude finden
und dort mit Christus in Ewigkeit leben.
Track 5 der CD:
https://www.youtube.com/watch?v=efbb6mD5vqM&list=OLAK5uy_nJ7qXQIZS2_RAhYxKxEG8PkdvIEzmGNoM&index=5
Track 6:
In exitu Israel de Aegypto
Mit der Motette In exitu Israel de Aegypto wendet sich Leonhard Paminger einem der bildkräftigsten Psalmtexte der lateinischen Tradition zu. Der Psalm erinnert an den Auszug Israels aus Ägypten, also an den großen Befreiungsakt Gottes: Israel verlässt das fremde Land, das Haus Jakob zieht aus einem Volk heraus, dessen Sprache als „barbarisch“, also fremd und unverständlich, bezeichnet wird. Was dann folgt, ist keine nüchterne Geschichtserzählung, sondern eine poetische Verwandlung der Heilsgeschichte in kosmische Bewegung. Juda wird zum Heiligtum Gottes, Israel zu seinem Herrschaftsbereich; das Meer flieht, der Jordan weicht zurück, die Berge hüpfen wie Widder und die Hügel wie Lämmer. Der ganze Kosmos reagiert auf die Gegenwart Gottes.
Der Text gehört zu jenen Psalmen, in denen Geschichte und Liturgie ineinander übergehen. Der Exodus ist nicht bloß Erinnerung an ein vergangenes Ereignis, sondern ein immer neu gegenwärtiger Glaubensinhalt: Gott führt heraus, befreit, schafft einen neuen Raum und lässt selbst die Naturkräfte vor seiner Macht zurückweichen. In christlicher Deutung konnte dieser Psalm deshalb auch über Israel hinaus verstanden werden: als Bild der Erlösung, als Übergang aus Knechtschaft in Freiheit, aus Tod in Leben, aus der Fremde in den Bereich Gottes. Gerade darum hatte „In exitu Israel“ in der liturgischen Tradition einen hohen Rang und wurde besonders mit österlichen Vorstellungen des Übergangs und der Befreiung verbunden.
Paminger behandelt diesen Psalm in motettischer Form. Anders als bei „Disce crucem“, wo eine geistliche Mahndichtung zur Geduld im Kreuztragen vertont wird, steht hier ein biblischer Text von großer bildlicher Dynamik im Mittelpunkt. Die Musik kann auf starke Gegensätze reagieren: Auszug und Befreiung, Fremde und Heiligung, Meer und Jordan, Berge und Hügel, Bewegung und Gottesfurcht. Dennoch ist bei Paminger nicht mit dramatischem Theater zu rechnen, sondern mit einer geordneten, polyphonen Durchdringung des Wortes. Die Bilder werden nicht äußerlich illustriert, sondern im Geflecht der Stimmen geistlich entfaltet. Gerade der Wechsel zwischen erzählenden Sätzen und fragenden Versen — „Quid est tibi, mare, quod fugisti?“, „Was ist dir, Meer, dass du flohst?“ — gibt dem Stück eine lebendige innere Bewegung.
Besonders reizvoll ist die Art, wie der Psalm die Natur gleichsam personifiziert. Das Meer sieht und flieht; der Jordan kehrt um; die Berge und Hügel springen wie Tiere. Dann fragt der Text diese Elemente direkt: Warum bist du geflohen, Meer? Warum hast du dich zurückgewandt, Jordan? Warum seid ihr gehüpft, Berge und Hügel? Die Antwort liegt nicht in ihnen selbst, sondern in der Gegenwart Gottes: „A facie Domini mota est terra“ — vor dem Angesicht des Herrn erbebte die Erde. Damit erreicht der Psalm seinen theologischen Mittelpunkt. Die Welt ist nicht stumm, sondern reagiert auf ihren Schöpfer; die Geschichte Israels wird als Offenbarung göttlicher Macht gelesen.
Innerhalb der CD bildet „In exitu Israel de Aegypto“ einen wirkungsvollen Kontrast zu den vorausgehenden Stücken. Nach der persönlichen Bußnot von „Domine, ne in furore tuo“, den marianischen Hoheliedbildern und der strengen Kreuzesmahnung von „Disce crucem“ tritt hier ein anderer Ton hervor: der Ton der Befreiung und des göttlichen Handelns in der Geschichte. Paminger zeigt sich nicht nur als Komponist innerer Frömmigkeit, sondern auch als Musiker eines großen biblischen Erinnerungsbildes. Die Motette schaut nicht in erster Linie auf die einzelne Seele, sondern auf das Volk Gottes und auf die Welt, die vor Gottes Gegenwart in Bewegung gerät.
Lateinischer Text
In exitu Israel de Aegypto,
domus Iacob de populo barbaro,
factus est Iuda sanctuarium eius,
Israel potestas eius.
Mare vidit et fugit;
Iordanis conversus est retrorsum.
Montes exsultaverunt ut arietes,
et colles sicut agni ovium.
Quid est tibi, mare, quod fugisti?
Et tu, Iordanis, quia conversus es retrorsum?
Montes, exsultastis sicut arietes?
Et colles, sicut agni ovium?
A facie Domini mota est terra,
a facie Dei Iacob,
qui convertit petram in stagna aquarum,
et rupem in fontes aquarum.
Non nobis, Domine, non nobis,
sed nomini tuo da gloriam,
super misericordia tua
et veritate tua.
Nequando dicant gentes:
Ubi est Deus eorum?
Deus autem noster in caelo;
omnia quaecumque voluit fecit.
Simulacra gentium argentum et aurum,
opera manuum hominum.
Os habent et non loquentur;
oculos habent et non videbunt.
Aures habent et non audient;
nares habent et non odorabunt.
Manus habent et non palpabunt;
pedes habent et non ambulabunt;
non clamabunt in gutture suo.
Similes illis fiant qui faciunt ea,
et omnes qui confidunt in eis.
Deutsche Übersetzung
Als Israel aus Ägypten auszog,
das Haus Jakob aus einem fremden Volk,
da wurde Juda sein Heiligtum,
Israel sein Herrschaftsbereich.
Das Meer sah es und floh;
der Jordan wandte sich zurück.
Die Berge hüpften wie Widder,
und die Hügel wie junge Lämmer.
Was ist dir, Meer, dass du flohst?
Und dir, Jordan, dass du dich zurückwandtest?
Ihr Berge, warum hüpftet ihr wie Widder?
Und ihr Hügel, wie junge Lämmer?
Vor dem Angesicht des Herrn erbebte die Erde,
vor dem Angesicht des Gottes Jakobs,
der den Felsen in Wasserteiche verwandelte
und den Stein in Wasserquellen.
Nicht uns, Herr, nicht uns,
sondern deinem Namen gib die Ehre,
um deiner Barmherzigkeit
und deiner Wahrheit willen.
Damit die Völker nicht sagen:
Wo ist denn ihr Gott?
Unser Gott aber ist im Himmel;
alles, was er wollte, hat er getan.
Die Götzenbilder der Völker sind Silber und Gold,
Werke von Menschenhänden.
Einen Mund haben sie und werden nicht sprechen;
Augen haben sie und werden nicht sehen.
Ohren haben sie und werden nicht hören;
Nasen haben sie und werden nicht riechen.
Hände haben sie und werden nicht greifen;
Füße haben sie und werden nicht gehen;
keinen Laut werden sie in ihrer Kehle hervorbringen.
Ihnen gleich sollen die werden, die sie machen,
und alle, die auf sie vertrauen.
Der Text folgt der auf der CD hörbaren Fassung. Der erste Teil entspricht Psalm 114 nach heutiger Zählung; der anschließende Abschnitt „Non nobis, Domine“ gehört zu Psalm 115. In der lateinischen Tradition der Vulgata sind beide Teile unter Psalm 113 miteinander verbunden
Track 6 der CD:
https://www.youtube.com/watch?v=0JIsAKL37Tg&list=OLAK5uy_nJ7qXQIZS2_RAhYxKxEG8PkdvIEzmGNoM&index=6
Track 7:
Pater noster
Mit Pater noster vertont Leonhard Paminger den zentralsten Gebetstext des Christentums: das Vaterunser, die Oratio Dominica, also das Gebet des Herrn. Nach den Bußpsalmen, den marianischen Hohelied-Motetten und der strengen Kreuzesmahnung „Disce crucem“ steht hier kein erzählender oder bildhafter Text im Mittelpunkt, sondern ein Gebet von äußerster Einfachheit und größter theologischer Dichte. Gerade diese Einfachheit macht die Vertonung anspruchsvoll. Das Vaterunser verlangt keine musikalische Ausschmückung um ihrer selbst willen, sondern eine Haltung der Sammlung: Anrede, Bitte, Vertrauen, Vergebung und Bewahrung müssen in eine klare geistliche Form gebracht werden.
Paminger behandelt den Text als Motette, aber nicht im Sinne äußerer Pracht. Die Musik dürfte vielmehr aus der inneren Ordnung des Gebets entstehen. Der Text beginnt mit der Anrede „Pater noster, qui es in caelis“ — „Vater unser, der du bist im Himmel“ — und führt dann durch die großen Bitten: die Heiligung des Namens, das Kommen des Reiches, die Erfüllung des göttlichen Willens, das tägliche Brot, die Vergebung der Schuld, die Bewahrung vor Versuchung und die Erlösung vom Bösen. In wenigen Sätzen umfasst dieses Gebet das ganze christliche Leben: Gottes Ehre, menschliche Bedürftigkeit, Schuld, Vergebung und Hoffnung.
Gerade in der Reformationszeit besaß das Vaterunser eine besondere Bedeutung. Es gehörte zusammen mit Glaubensbekenntnis und Zehn Geboten zu den Grundtexten christlicher Unterweisung. Für einen Komponisten wie Paminger, der Schulmann, Theologe und Musiker zugleich war, war dieser Text daher nicht bloß liturgisches Material, sondern auch geistliche Lehre in konzentrierter Form. Seine Vertonung steht in jener Welt, in der Musik nicht nur schmückte, sondern den Text einprägte, ordnete und dem Gedächtnis anvertraute. Das Gebet wird so nicht erklärt, sondern durch den mehrstimmigen Satz bedacht.
Innerhalb der CD bildet „Pater noster“ einen stillen Mittelpunkt. Nach der eindringlichen Mahnung des „Disce crucem“ und dem großen Exodus-Psalm „In exitu Israel de Aegypto“ führt Paminger den Hörer in eine vertraute, aber keineswegs einfache Gebetsform zurück. Die Motette wirkt wie eine Verdichtung: Was zuvor in Psalmen, Bildern und Mahnungen entfaltet wurde, sammelt sich nun in der schlichten Bitte des Menschen vor Gott. Gerade die Dauer von rund fünf Minuten zeigt, dass Paminger das Vaterunser nicht bloß kurz durchsetzt, sondern meditativ entfaltet. Die einzelnen Bitten können atmen, ohne dass der Text seine klare Linie verliert.
Die liturgische lateinische Fassung lautet ohne spätere doxologische Erweiterung „Quia tuum est regnum…“; diese Erweiterung gehört nicht zur üblichen lateinisch-katholischen Gebetsfassung und ist auf der CD nach der bisherigen Anlage sehr wahrscheinlich nicht gemeint. Der bekannte lateinische Gebetstext ist etwa bei Radio Maria in dieser Form wiedergegeben.
Lateinischer Text
Pater noster, qui es in caelis,
sanctificetur nomen tuum.
Adveniat regnum tuum.
Fiat voluntas tua,
sicut in caelo et in terra.
Panem nostrum cotidianum
da nobis hodie.
Et dimitte nobis debita nostra,
sicut et nos dimittimus debitoribus nostris.
Et ne nos inducas in tentationem,
sed libera nos a malo.
Amen.
Deutsche Übersetzung
Vater unser, der du bist im Himmel,
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot
gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir unseren Schuldigern vergeben.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Amen.
Track 7 der CD:
https://www.youtube.com/watch?v=THB2htHWR7w&list=OLAK5uy_nJ7qXQIZS2_RAhYxKxEG8PkdvIEzmGNoM&index=7
Track 8:
Ad te, Domine, levavi
Mit Ad te, Domine, levavi wendet sich Leonhard Paminger einem Psalm zu, der ganz aus der Spannung von Vertrauen, Schuld, Bitte und Hoffnung lebt. Der Anfang ist einer der bekanntesten Sätze des Psalters: „Zu dir, Herr, habe ich meine Seele erhoben.“ Dieser erste Vers gibt der ganzen Motette ihre geistliche Richtung. Der Mensch schaut nicht auf sich selbst, nicht auf seine Feinde, nicht auf seine Beschämung, sondern erhebt seine Seele zu Gott. Zugleich ist dieses Erheben keine triumphale Geste, sondern ein Akt der Bedürftigkeit: Wer hier betet, bittet um Führung, um Wahrheit, um Vergebung, um Befreiung aus innerer und äußerer Not.
Der Psalm ist kein reiner Bußpsalm im engeren Sinn, aber er enthält deutliche Bußgedanken. Besonders eindringlich sind die Bitten: „Delicta iuventutis meae et ignorantias meas ne memineris“ — „Gedenke nicht der Vergehen meiner Jugend und meiner Unwissenheiten“ — und „Propter nomen tuum, Domine, propitiaberis peccato meo; multum est enim“ — „Um deines Namens willen, Herr, vergib meine Sünde, denn sie ist groß.“ Paminger hatte hier also einen Text vor sich, der nicht nur fromme Zuversicht ausdrückt, sondern die ganze geistliche Lage des Menschen: Vertrauen auf Gott, Scham vor den Feinden, Wunsch nach rechter Leitung, Erinnerung an Schuld, Hoffnung auf Barmherzigkeit und Bitte um Erlösung.
Musikalisch ist diese Motette besonders interessant, weil sie offenbar nicht nur als einfache vierstimmige Psalmvertonung angelegt ist. Eine Rezension der CD weist darauf hin, dass in „Ad te, Domine, levavi“ zu den vier Stimmen eine fünfte Stimme, der Quintus, hinzutritt, die einen Text aus Psalm 4 singt: „Mirificavit Dominus …“ Das ist für Paminger sehr charakteristisch: Der Psalm wird nicht bloß linear vertont, sondern durch eine zusätzliche geistliche Textebene vertieft. Der Haupttext spricht vom Vertrauen auf Gott und von der Bitte, nicht beschämt zu werden; der zusätzliche Psalm-4-Gedanke antwortet darauf mit der Gewissheit, dass der Herr den Seinen wunderbar ausgezeichnet hat und ihn erhören wird, wenn er zu ihm ruft.
Dadurch entsteht eine dichte geistliche Architektur. Der Hauptpsalm ist ein Gebet auf dem Weg: „Vias tuas, Domine, demonstra mihi“ — „Zeige mir deine Wege, Herr.“ Die zusätzliche Stimme bringt gleichsam eine Antwort des Vertrauens hinein: Gott hört. Diese Verbindung passt sehr gut zu Paminger, der als Schulmann, Theologe und Komponist dachte. Die Motette wird dadurch nicht nur zu einer Psalmvertonung, sondern zu einer musikalischen Betrachtung über Führung, Barmherzigkeit und Erhörung.
Innerhalb der CD steht „Ad te, Domine, levavi“ an einer wichtigen Stelle. Nach „Pater noster“, dem zentralen christlichen Gebet, folgt hier ein Psalm, der das persönliche Beten weiter ausfaltet: Der Mensch bittet nicht nur um tägliches Brot und Vergebung, sondern auch um Wegweisung, Wahrhaftigkeit, Schutz, Vergebung der alten Schuld und Erlösung aus Bedrängnis. Die Länge der Motette erlaubt Paminger eine breite Entfaltung. Anders als in den kurzen Hohelied-Motetten entsteht hier ein größerer geistlicher Bogen: vom Erheben der Seele über die Bitte um Belehrung bis zur letzten Fürbitte für Israel.
Wenn man das Werk hört, sollte man also nicht nur auf melodische Schönheit achten, sondern auf die innere Struktur des Textes. Fast jeder Abschnitt beginnt mit einer neuen geistlichen Haltung: Vertrauen, Bitte, Erinnerung, Schuldbekenntnis, Gottesfurcht, Einsamkeit, Bedrängnis und zuletzt die Bitte um Erlösung. Paminger verwandelt diesen Weg in eine gelehrte, aber nicht trockene Polyphonie. Die Musik trägt den Psalm wie ein langes Gebet, dessen Kraft gerade darin liegt, dass es nicht schnell zur Ruhe kommt, sondern immer neu ansetzt: Zeige mir deine Wege. Lehre mich. Gedenke deiner Barmherzigkeit. Vergib. Sieh meine Not. Bewahre meine Seele. Erlöse Israel.
Lateinischer Text
In finem. Psalmus David.
Ad te, Domine, levavi animam meam:
Deus meus, in te confido; non erubescam.
Neque irrideant me inimici mei:
etenim universi qui sustinent te, non confundentur.
Confundantur omnes iniqua agentes supervacue.
Vias tuas, Domine, demonstra mihi,
et semitas tuas edoce me.
Dirige me in veritate tua, et doce me:
quia tu es Deus salvator meus,
et te sustinui tota die.
Reminiscere miserationum tuarum, Domine,
et misericordiarum tuarum,
quae a saeculo sunt.
Delicta iuventutis meae
et ignorantias meas ne memineris.
Secundum misericordiam tuam memento mei tu,
propter bonitatem tuam, Domine.
Dulcis et rectus Dominus;
propter hoc legem dabit delinquentibus in via.
Diriget mansuetos in iudicio;
docebit mites vias suas.
Universae viae Domini misericordia et veritas,
requirentibus testamentum eius
et testimonia eius.
Propter nomen tuum, Domine,
propitiaberis peccato meo;
multum est enim.
Quis est homo qui timet Dominum?
Legem statuit ei in via quam elegit.
Anima eius in bonis demorabitur,
et semen eius haereditabit terram.
Firmamentum est Dominus timentibus eum,
et testamentum ipsius ut manifestetur illis.
Oculi mei semper ad Dominum,
quoniam ipse evellet de laqueo pedes meos.
Respice in me, et miserere mei,
quia unicus et pauper sum ego.
Tribulationes cordis mei multiplicatae sunt;
de necessitatibus meis erue me.
Vide humilitatem meam et laborem meum,
et dimitte universa delicta mea.
Respice inimicos meos,
quoniam multiplicati sunt,
et odio iniquo oderunt me.
Custodi animam meam, et erue me;
non erubescam, quoniam speravi in te.
Innocentes et recti adhaeserunt mihi,
quia sustinui te.
Libera, Deus, Israel
ex omnibus tribulationibus suis.
Deutsche Übersetzung
Zum Ende. Ein Psalm Davids.
Zu dir, Herr, habe ich meine Seele erhoben;
mein Gott, auf dich vertraue ich: Lass mich nicht zuschanden werden.
Auch sollen meine Feinde mich nicht verspotten;
denn alle, die auf dich warten, werden nicht beschämt.
Zuschanden werden sollen alle,
die grundlos Unrecht tun.
Zeige mir deine Wege, Herr,
und lehre mich deine Pfade.
Leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich,
denn du bist Gott, mein Retter,
und auf dich habe ich den ganzen Tag gehofft.
Gedenke deiner Erbarmungen, Herr,
und deiner Barmherzigkeiten,
die von Ewigkeit her sind.
Der Vergehen meiner Jugend
und meiner Unwissenheiten gedenke nicht.
Nach deiner Barmherzigkeit gedenke du meiner,
um deiner Güte willen, Herr.
Gütig und gerecht ist der Herr;
darum weist er die Fehlenden auf den Weg.
Er leitet die Sanftmütigen im Gericht;
er lehrt die Demütigen seine Wege.
Alle Wege des Herrn sind Barmherzigkeit und Wahrheit
für jene, die seinen Bund
und seine Zeugnisse bewahren.
Um deines Namens willen, Herr,
wirst du meiner Sünde gnädig sein;
denn sie ist groß.
Wer ist der Mensch, der den Herrn fürchtet?
Ihm setzt er das Gesetz auf dem Weg, den er erwählt hat.
Seine Seele wird im Guten wohnen,
und seine Nachkommenschaft wird das Land erben.
Der Herr ist Halt für jene, die ihn fürchten,
und sein Bund wird ihnen offenbar werden.
Meine Augen sind stets auf den Herrn gerichtet,
denn er wird meine Füße aus der Schlinge ziehen.
Blicke auf mich und erbarme dich meiner,
denn einsam und arm bin ich.
Die Bedrängnisse meines Herzens haben sich vermehrt;
aus meinen Nöten reiße mich heraus.
Sieh meine Erniedrigung und meine Mühsal,
und vergib alle meine Vergehen.
Sieh meine Feinde,
denn sie haben sich vermehrt
und hassen mich mit ungerechtem Hass.
Bewahre meine Seele und rette mich;
lass mich nicht zuschanden werden, denn ich habe auf dich gehofft.
Unschuldige und Rechtschaffene hielten zu mir,
weil ich auf dich gewartet habe.
Erlöse, Gott, Israel
aus all seinen Bedrängnissen.
Track 8 der CD:
https://www.youtube.com/watch?v=jAKJ7MBCN9c&list=OLAK5uy_nJ7qXQIZS2_RAhYxKxEG8PkdvIEzmGNoM&index=8
Track 9:
Agni paschalis
Mit Agni paschalis führt Leonhard Paminger in die österliche Mitte christlicher Frömmigkeit. Der Text blickt auf Christus als das Osterlamm, dessen Hingabe die Gläubigen nährt, schützt und zur Nachfolge ruft. Schon die ersten Worte sind theologisch dicht: Die christlichen Seelen sollen sich durch aufrichtige Lebensführung würdig machen für Speise und Trank des österlichen Lammes. Damit ist nicht ein bloßes Bild gemeint, sondern der ganze Zusammenhang von Kreuz, Opfer, Eucharistie und Auferstehung. Christus erscheint als der summus pontifex, der höchste Priester, der sich selbst Gott als Opfer dargebracht hat.
Der Text verbindet mehrere große biblische Bildschichten miteinander. Zunächst steht der Exodus-Hintergrund im Raum: Wie beim ersten Pascha die Türpfosten mit Blut bezeichnet wurden, so sind nun die christlichen Seelen durch das heilige Blut Christi geschützt. Die Anspielung auf die ägyptische Plage und auf das Rote Meer macht deutlich, dass Ostern nicht nur als Frühlingsfest oder Auferstehungsjubel verstanden wird, sondern als Befreiung aus Knechtschaft, Gefahr und Tod. Die Feinde werden im Roten Meer begraben; die Gläubigen werden bewahrt und auf den Weg des neuen Lebens geführt.
Bemerkenswert ist auch der moralische Ernst des Textes. Die Osterfreude bleibt nicht folgenlos. Wer am Pascha Christi teilhaben will, soll die „Lenden“ zur Keuschheit gürten, die Füße vor den Schlangen schützen und geistliche Stäbe gegen die Hunde in der Hand tragen. Das sind herbe, mittelalterliche Bilder, aber sie sind nicht zufällig: Sie beschreiben das christliche Leben als wachsame Pilgerschaft. Ostern ist hier nicht bloß Triumph, sondern Beginn eines geistlichen Weges, auf dem Reinheit, Standhaftigkeit und Abwehr des Bösen verlangt werden.
Paminger vertont diesen Text als Motette von österlicher Würde. Anders als in „Disce crucem“, wo das geduldig zu tragende Kreuz im Mittelpunkt steht, ist hier der Blick stärker auf das Pascha Christi gerichtet: auf Opfer, Befreiung und neues Leben. Doch beide Motetten gehören innerlich zusammen. Das Kreuz führt zur Auferstehung; das österliche Pascha bleibt mit dem Opfer des Lammes verbunden. Gerade diese Verbindung entspricht Pamingers ernster, theologisch durchdrungener Musiksprache. Er sucht keine oberflächliche Festlichkeit, sondern eine geordnete, geistlich konzentrierte Osterpolyphonie.
Besonders schön ist der Schlussgedanke: Die Welt, mit erneuerten Zierden wieder auflebend, erinnert die Gläubigen daran, dass sie nach dem Tod mit Christus besser leben werden. Hier öffnet sich die Motette von der Pascha-Symbolik in eine umfassende Hoffnungsperspektive. Das österliche Geschehen betrifft nicht nur die Vergangenheit, nicht nur Israel und nicht nur die Liturgie der Osterwoche, sondern das Ziel des menschlichen Lebens selbst: durch Christus nach dem Tod zum wahren Leben zu gelange.
Lateinischer Text
Agni paschalis esu
potuque dignas
moribus sinceris praebeant
omnes se christianae animae,
pro quibus se Deo hostiam obtulit
ipse summus pontifex.
Quarum frons in postis est modum eius illita
sacrosancto cruore
et tuta a clade Canopica;
quarum crudeles hostes
in mari Rubro sunt obruti.
Renes constringant ad pudicitiam,
pedes tutentur adversus viperas,
baculosque spiritales contra canes
iugiter manu baiulent,
ut pascha Iesu mereantur sequi,
quo de barathro victor rediit.
En redivivis mundus ornatibus
Christo consurgens fideles admonet
post mortem melius cum eo victuros.
Deutsche Übersetzung
Des österlichen Lammes Speise
und seines Trankes würdig
sollen sich durch reine Lebensführung
alle christlichen Seelen erweisen,
für die er selbst, der höchste Priester,
sich Gott als Opfer dargebracht hat.
Ihre Stirn ist, nach Art der Türpfosten,
mit seinem hochheiligen Blut bezeichnet
und vor der ägyptischen Plage geschützt;
ihre grausamen Feinde
sind im Roten Meer begraben.
Die Lenden sollen sie zur Keuschheit gürten,
die Füße gegen die Schlangen bewahren,
und geistliche Stäbe gegen die Hunde
beständig in der Hand tragen,
damit sie würdig werden, dem Pascha Iesu zu folgen,
durch das er als Sieger aus der Unterwelt zurückkehrte.
Siehe, die Welt, mit erneuertem Schmuck wieder auflebend,
mahnt die Gläubigen, mit Christus aufzuerstehen
und nach dem Tod besser mit ihm zu leben.
Track 9 der CD:
https://www.youtube.com/watch?v=ZsWUvgiYF08&list=OLAK5uy_nJ7qXQIZS2_RAhYxKxEG8PkdvIEzmGNoM&index=9
Track 10:
Dixit Dominus
Mit Dixit Dominus wendet sich Leonhard Paminger einem der theologisch gewichtigsten Psalmen der christlichen Tradition zu. Der Text beginnt mit dem geheimnisvollen Satz: „Dixit Dominus Domino meo“ — „Der Herr sprach zu meinem Herrn.“ Schon in der frühen christlichen Auslegung wurde dieser Psalm messianisch verstanden: Er spricht von dem Herrn, der zur Rechten Gottes sitzt, von der Macht aus Zion, von der Herrschaft über die Feinde und vor allem von jenem geheimnisvollen Priestertum „secundum ordinem Melchisedech“, „nach der Ordnung Melchisedechs“. Damit verbindet der Psalm Königsherrschaft und Priestertum, Macht und Opfer, Triumph und göttliche Erwählung.
Für einen Komponisten der Renaissance war dieser Text besonders reizvoll, weil er nicht nur betend, sondern geradezu majestätisch spricht. Im Gegensatz zu „Domine, ne in furore tuo“, wo der Mensch in Schuld und Not vor Gott steht, oder zu „Ad te, Domine, levavi“, wo die Seele nach Führung und Erbarmen verlangt, ist „Dixit Dominus“ ein Psalm der Erhöhung und göttlichen Autorität. Der Mensch bittet hier nicht zuerst um Hilfe; vielmehr wird eine göttliche Ordnung verkündet. Der Herr setzt den Erwählten zu seiner Rechten, legt die Feinde unter seine Füße, sendet den Stab seiner Macht aus Zion und bestätigt sein ewiges Priestertum durch einen unwiderruflichen Schwur.
Paminger behandelt diesen Text als ausgedehnte Motette von fast zehn Minuten Dauer. Das spricht dafür, dass er den Psalm nicht nur kurz anreißt, sondern in seiner ganzen theologischen Spannweite entfaltet. Die Musik dürfte dabei weniger auf äußeren Glanz als auf ernste Würde und klare textliche Ordnung setzen. Gerade Paminger ist kein Komponist des bloßen Effekts. Seine Stärke liegt in der Verbindung von gelehrter Polyphonie, geistlicher Textdurchdringung und einer gewissen strengen Feierlichkeit. Bei „Dixit Dominus“ kommt ihm das besonders entgegen: Der Text verlangt Größe, aber keine leere Pracht; er verlangt Autorität, aber auch innere Sammlung.
Ein besonderer Mittelpunkt des Psalms ist der Vers „Tu es sacerdos in aeternum secundum ordinem Melchisedech“. Hier öffnet sich die christologische Deutung besonders deutlich. Melchisedech, der geheimnisvolle Priesterkönig aus dem Buch Genesis, wurde in der christlichen Tradition als Vorausbild Christi verstanden. Christus erscheint damit nicht nur als König zur Rechten Gottes, sondern auch als ewiger Priester. Für die geistliche Musik des 16. Jahrhunderts war dieser Vers von großer Bedeutung, weil er Königsherrschaft, Opfergedanken und eucharistische Theologie miteinander berührt. Paminger konnte diesen Satz nicht bloß als historischen Psalmvers verstehen, sondern als eine Verdichtung des christlichen Glaubens.
Der spätere Teil des Psalms ist sprachlich härter. Er spricht von Gericht, von zerschlagenen Königen, von den Völkern, von Macht und Kampf. Das wirkt aus heutiger Sicht fremder als die Gebetspsalmen der Bitte und des Trostes. Doch im liturgischen und theologischen Zusammenhang meint dieser Text nicht bloß menschliche Gewalt, sondern die endgültige Durchsetzung göttlicher Herrschaft. Der Schluss „De torrente in via bibet; propterea exaltabit caput“ ist zugleich rätselhaft und eindrucksvoll: Der Erwählte trinkt unterwegs aus dem Bach und erhebt darum sein Haupt. In christlicher Lesart konnte man darin Erniedrigung und Erhöhung zusammendenken — den Weg durch die Tiefe und die anschließende Verherrlichung.
Innerhalb der CD bildet „Dixit Dominus“ einen gewichtigen Gegenpol zu den persönlicheren und kontemplativeren Stücken. Nach Buße, marianischer Betrachtung, Kreuzesmahnung, Exodus-Erinnerung, Vaterunser und persönlicher Bitte tritt hier der große Psalm der göttlichen Herrschaft hervor. Paminger zeigt sich darin als Komponist einer ernsten, theologisch gesättigten Renaissancepolyphonie. Die Motette ist nicht einfach feierlich, sondern trägt eine hohe geistliche Autorität: Sie lässt den Hörer nicht nur beten, sondern auf eine Ordnung schauen, die über dem Menschen steht — auf Christus als Herrn, König und ewigen Priester.
Lateinischer Text
Dixit Dominus Domino meo:
Sede a dextris meis,
donec ponam inimicos tuos
scabellum pedum tuorum.
Virgam virtutis tuae emittet Dominus ex Sion:
dominare in medio inimicorum tuorum.
Tecum principium in die virtutis tuae,
in splendoribus sanctorum:
ex utero ante luciferum
genui te.
Iuravit Dominus,
et non poenitebit eum:
Tu es sacerdos in aeternum
secundum ordinem Melchisedech.
Dominus a dextris tuis;
confregit in die irae suae reges.
Iudicabit in nationibus;
implebit ruinas.
Conquassabit capita
in terra multorum.
De torrente in via bibet;
propterea exaltabit caput.
Deutsche Übersetzung
Der Herr sprach zu meinem Herrn:
Setze dich zu meiner Rechten,
bis ich deine Feinde
zum Schemel deiner Füße mache.
Den Stab deiner Macht wird der Herr aus Zion senden:
Herrsche mitten unter deinen Feinden.
Bei dir ist die Herrschaft am Tag deiner Macht,
im Glanz der Heiligen:
aus dem Schoß, vor dem Morgenstern,
habe ich dich gezeugt.
Der Herr hat geschworen,
und es wird ihn nicht reuen:
Du bist Priester in Ewigkeit
nach der Ordnung Melchisedechs.
Der Herr ist zu deiner Rechten;
er zerschmettert Könige am Tag seines Zorns.
Er wird Gericht halten unter den Völkern;
er wird Trümmer anhäufen.
Er wird Häupter zerschmettern
auf weitem Land.
Aus dem Bach am Weg wird er trinken;
darum wird er das Haupt erheben.
Track 10 der CD:
https://www.youtube.com/watch?v=rnbjmnYfREA&list=OLAK5uy_nJ7qXQIZS2_RAhYxKxEG8PkdvIEzmGNoM&index=10
Track 11:
O Trinitas
Mit der Motette Trinitas“ steht kurz vor dem Ende der CD eine Motette, die den Blick unmittelbar auf das zentrale Geheimnis des christlichen Glaubens richtet: die Dreifaltigkeit Gottes. Nach den Buß-, Psalm-, Oster- und Kreuzestexten der vorangehenden Stücke führt Leonhard Paminger hier in eine Sphäre der reinen Anbetung. Der Text ist kein erzählender Bibelabschnitt und auch keine dramatische Gebetsszene, sondern eine trinitarische Doxologie in motettischer Gestalt: Er ruft die Dreifaltigkeit als unermesslich, die Einheit als untrennbar und die Gottheit als unbegreiflich an. Damit ist sofort der hohe theologische Ton gesetzt.
Die ersten drei Anrufungen bilden eine klare Steigerung: Trinitas, unitas, divinitas. Die Dreifaltigkeit wird nicht als bloße Dreiheit verstanden, sondern zugleich als untrennbare Einheit; und diese Einheit bleibt dem menschlichen Verstand letztlich unbegreiflich. Gerade darin liegt die Würde des Textes: Er will das Geheimnis nicht erklären, sondern es anbetend umkreisen. Paminger, der nicht nur Komponist, sondern auch Schulmann, Humanist und Theologe war, fand hier einen Text, der seiner geistigen Welt besonders entspricht. Die Sprache ist schlicht, aber theologisch dicht; sie eignet sich hervorragend für eine Polyphonie, die nicht illustrieren, sondern ordnen und erheben will.
Der zweite Abschnitt führt von der Anrufung zur liturgischen Haltung: „te veneramur, te laudamus, te glorificamus“ — „dich verehren wir, dich loben wir, dich verherrlichen wir“. Die Wiederholung des „te“ gibt dem Text eine fast litaneiartige Eindringlichkeit. Alles ist auf Gott gerichtet; der Mensch tritt zurück und wird zum Lobenden. Im dritten Abschnitt wird daraus ein Bekenntnis: „In te credimus, in te speramus“ — „An dich glauben wir, auf dich hoffen wir.“ Der Text verbindet also Anbetung, Lob, Glauben, Hoffnung, Dank und Hingabe. Damit entfaltet er in wenigen Zeilen eine vollständige geistliche Haltung.
Musikalisch dürfte Paminger diese Motette nicht als prunkvollen Schlussstein, sondern als ernstes, würdiges Bekenntnis gestaltet haben. Die Worte verlangen keine dramatische Malerei, sondern eine ruhige, tragende Polyphonie. Besonders die wiederholten Formeln „te veneramur“, „te laudamus“, „te glorificamus“ sowie „in te credimus“, „in te speramus“ bieten dem Komponisten Möglichkeiten zu klarer imitatorischer Entfaltung. Der Satz kann sich aus kurzen, prägnanten Anrufungen aufbauen und dadurch eine konzentrierte Feierlichkeit gewinnen.
Der Schluss ist die klassische kleine Doxologie: „Gloria Patri et Filio et Spiritui Sancto“. Damit mündet die Motette in die liturgisch vertraute Formel des Lobpreises an Vater, Sohn und Heiligen Geist. Gerade dieser Schluss macht „O Trinitas“ zu einem passenden vorletzten Stück der CD. Nach den verschiedenen geistlichen Themen des Albums — Buße, Maria, Kreuz, Ostern, Exodus, Vaterunser, persönliche Bitte und messianische Herrschaft — wird alles noch einmal auf Gott selbst zurückgeführt. Die Motette wirkt wie eine theologische Sammlung: nicht laut, nicht äußerlich spektakulär, sondern würdevoll, klar und von ernster Schönheit.
Lateinischer Text
O Trinitas inaestimabilis,
O unitas inseparabilis,
O divinitas incomprehensibilis,
te veneramur,
te laudamus,
te glorificamus,
o beata Trinitas.
In te credimus,
in te speramus,
tibi gratias agimus,
tibi adhaeremus,
o beata Trinitas.
Gloria Patri et Filio
et Spiritui Sancto,
sicut erat in principio
et nunc et semper,
et in saecula saeculorum.
Amen.
Deutsche Übersetzung
O unermessliche Dreifaltigkeit,
o untrennbare Einheit,
o unbegreifliche Gottheit,
dich verehren wir,
dich loben wir,
dich verherrlichen wir,
o selige Dreifaltigkeit.
An dich glauben wir,
auf dich hoffen wir,
dir sagen wir Dank,
dir hängen wir an,
o selige Dreifaltigkeit.
Ehre sei dem Vater und dem Sohn
und dem Heiligen Geist,
wie es war im Anfang,
so auch jetzt und allezeit
und in Ewigkeit.
Amen.
Track 11 der CD:
https://www.youtube.com/watch?v=k2TOkznmOC0&list=OLAK5uy_nJ7qXQIZS2_RAhYxKxEG8PkdvIEzmGNoM&index=11
Track 12:
O Mensch, bewein dein Sünde groß
Mit dem Passionschoral O Mensch, bewein dein Sünde groß endet die CD nicht mit einem weiteren lateinischen Psalm oder einer theologischen Motette Leonhard Pamingers, sondern mit einem deutschsprachigen Passionschoral seines Sohnes Sigismund Paminger (1539–1571). Das ist ein kluger und sehr sprechender Abschluss. Nach den lateinischen Motetten des Vaters — Bußpsalm, Hohelied-Mystik, Kreuzesmahnung, Exodus-Psalm, Vaterunser, Ostertext, messianischer Königspsalm und trinitarisches Lob — tritt am Ende die deutschsprachige geistliche Liedtradition der Reformationszeit hervor. Die CD öffnet damit den Blick von Leonhard Paminger als Einzelgestalt auf die ganze musikalische und konfessionelle Welt seiner Familie.
Der Choral „O Mensch, bewein dein Sünde groß“ gehört zu den bekanntesten deutschen Passionsliedern des 16. Jahrhunderts. Der Text stammt von Sebald Heyden (1499–1561) und wurde 1530 verfasst; die Melodie geht auf Matthias Greitter (um 1495–1550) zurück. Das Lied war ursprünglich wesentlich umfangreicher: Die heute meist gesungenen Strophen bilden nur den Rahmen einer viel längeren Passionsbetrachtung. Inhaltlich fordert die erste Strophe den Menschen zur heilsamen Trauer über die eigene Sünde auf, weil Christus um dieser Sünde willen Mensch geworden ist, geheilt, geholfen und schließlich am Kreuz die schwere Last der menschlichen Schuld getragen hat.
Gerade deshalb passt dieses Stück so gut an das Ende der CD. Der lateinische Beginn der Aufnahme mit „Domine, ne in furore tuo“ führte in die persönliche Bußnot hinein; „Disce crucem“ lehrte das geduldige Tragen des Kreuzes; „Agni paschalis“ blickte auf Christus als Osterlamm; „O Trinitas“ sammelte alles in der Anbetung des dreieinigen Gottes. Der Schlusschoral zieht diese Themen in deutscher Sprache zusammen: Sünde, Menschwerdung, Heilung, Opfer und Kreuz. Das ist keine bloße Zugabe, sondern eine geistliche Zusammenfassung der ganzen CD.
Dass hier Sigismund Paminger erscheint, ist ebenfalls sinnvoll. Er war einer der musikalisch tätigen Söhne Leonhard Pamingers und gehört zur kleinen, aber bemerkenswerten Musikerfamilie Paminger. Eine Rezension der CD weist ausdrücklich darauf hin, dass die Aufnahme mit einer vierstimmigen Vertonung dieses Chorals von Sigismund endet und dass dieses Stück einem der Bände der Paminger-Sammlung hinzugefügt wurde. Damit wird am Schluss nicht nur ein bekanntes deutsches Passionslied präsentiert, sondern auch die familiäre und editorische Überlieferung sichtbar: Der Vater steht im Zentrum der CD, aber der Sohn zeigt, wie diese geistliche Musikkultur in der nächsten Generation weiterklang.
Musikalisch ist der Choral ein bewusster Gegenpol zu den langen lateinischen Motetten. Er ist kürzer, unmittelbarer und textlich für deutschsprachige Hörer sofort verständlich. Nach der gelehrten Polyphonie der lateinischen Stücke wirkt dieser Schluss wie eine Rückführung auf das Wesentliche: Der Mensch soll seine Sünde erkennen, das Leiden Christi betrachten und darin nicht bloß historische Erinnerung, sondern persönliche Anrede hören. So endet die CD nicht mit äußerem Glanz, sondern mit einem ernsten, schlichten und tief protestantisch geprägten Passionsbekenntnis.
Text
O Mensch, bewein dein Sünde groß,
darum Christus seins Vaters Schoß
äußert und kam auf Erden;
von einer Jungfrau rein und zart
für uns er hier geboren ward,
er wollt der Mittler werden.
Den Toten er das Leben gab
und tat dabei all Krankheit ab,
bis sich die Zeit herdrange,
dass er für uns geopfert würd,
trüg unsrer Sünden schwere Bürd
wohl an dem Kreuze lange.
Sinngemäße heutige Übertragung
O Mensch, beweine deine große Sünde,
derentwegen Christus den Schoß seines Vaters verließ
und auf die Erde kam;
von einer reinen, zarten Jungfrau
wurde er für uns geboren,
denn er wollte unser Mittler werden.
Den Toten gab er das Leben
und nahm zugleich alle Krankheit hinweg,
bis die Zeit herankam,
dass er für uns geopfert würde
und die schwere Last unserer Sünden
lange am Kreuz trüge.
Track 12 der CD:
https://www.youtube.com/watch?v=iWxM-n0Yy_k&list=OLAK5uy_nJ7qXQIZS2_RAhYxKxEG8PkdvIEzmGNoM&index=12
Die CD „Paminger: Sacred Vocal Works“ bietet zwar einen seltenen und wertvollen Einblick in das geistliche Schaffen Leonhard Pamingers (1495–1567), erschöpft dieses Repertoire jedoch keineswegs. Neben den hier vorgestellten Werken finden sich auf einschlägigen YouTube-Musikkanälen noch weitere, zum Teil kaum bekannte Kostbarkeiten dieses Komponisten, die das Bild erweitern und zeigen, wie reich und vielgestaltig Pamingers geistliche Vokalmusik tatsächlich ist.
Discumbentibus illis undecim
Discumbentibus illis undecim apostolis ist eine österliche beziehungsweise nachösterliche Motette über den Schluss des Markusevangeliums. Der Text führt in die Szene nach der Auferstehung: Die elf Apostel sitzen zu Tisch, da erscheint ihnen Christus. Er tadelt ihren Unglauben, weil sie jenen nicht geglaubt hatten, die ihn nach seiner Auferstehung gesehen hatten. Doch dieser Tadel bleibt nicht das letzte Wort. Unmittelbar danach folgt der große Missionsauftrag: Die Apostel sollen in die ganze Welt gehen und das Evangelium aller Kreatur verkünden. Damit verbindet der Text drei entscheidende Momente: den Unglauben der Jünger, die Erscheinung des Auferstandenen und die weltweite Sendung der Kirche.
Für Leonhard Paminger st ein solcher Text besonders passend. Er bietet keine stille, betrachtende Frömmigkeit wie manche Hohelied- oder Marienmotetten, sondern eine dramatische geistliche Bewegung: Zuerst steht die Schwäche der Apostel im Vordergrund, dann die Autorität Christi, schließlich die Sendung in die Welt. Die Motette erzählt also nicht nur ein Ereignis, sondern entfaltet eine theologische Dynamik. Aus verunsicherten, zweifelnden Jüngern werden Zeugen; aus der Erscheinung Christi entsteht der Auftrag zur Verkündigung; aus der Erfahrung des Auferstandenen wächst die Kirche als missionarische Gemeinschaft.
Der Text besitzt zudem einen auffallend kräftigen Ton. Christus spricht nicht nur tröstend, sondern auch fordernd: Wer glaubt und getauft wird, wird gerettet; wer nicht glaubt, wird verurteilt werden. Danach folgen die Zeichen, die die Glaubenden begleiten sollen: Dämonen werden ausgetrieben, neue Sprachen gesprochen, Schlangen aufgehoben, tödliches Gift bleibt ohne Schaden, Kranke werden durch Handauflegung geheilt. Diese Sätze gehören zu den markantesten und zugleich schwierigsten Stellen des Markusschlusses. In der geistlichen Musik der Renaissance wurden sie jedoch nicht sensationell, sondern als Zeichen der göttlichen Vollmacht verstanden: Der auferstandene Christus sendet seine Jünger nicht aus eigener Kraft, sondern mit der Macht seines Namens.
Musikalisch lässt sich gut vorstellen, warum Paminger diesen Text gewählt hat. Er enthält erzählende Abschnitte, direkte Rede und feierliche Verkündigung. Besonders die Worte „Ite in universum mundum“ — „Geht in die ganze Welt“ — verlangen eine andere musikalische Haltung als der einleitende Bericht. Hier kann sich der Satz öffnen, weiter werden, gleichsam in die Welt hinausführen. Auch das abschließende Bild ist stark: Der Herr wird in den Himmel aufgenommen und sitzt zur Rechten Gottes; die Jünger aber gehen hinaus und predigen überall, während der Herr mit ihnen wirkt. So steht am Ende keine Abwesenheit Christi, sondern seine verborgene Gegenwart im Wirken der Verkündigung.
https://www.youtube.com/watch?v=k59RuZZIORk
Innerhalb einer erweiterten Beschäftigung mit Paminger ist „Discumbentibus“ deshalb eine wichtige Ergänzung zu den auf der CD enthaltenen Werken. Dort begegnen vor allem Buße, Kreuz, Ostern, Trinität, Psalmgebet und marianische Betrachtung; hier tritt der auferstandene Christus als sendender Herr hervor. Die Motette zeigt Paminger als Komponisten eines großen neutestamentlichen Verkündigungstextes: nicht intim, nicht bloß meditativ, sondern kirchlich, apostolisch und von österlicher Autorität geprägt.
Lateinischer Text
Discumbentibus illis undecim apostolis,
apparuit Iesus, et exprobravit illis,
quod his qui ipsum vidissent resurrexisse non credidissent,
et dicebat illis:
Ite in universum mundum,
et praedicate Evangelium omni creaturae.
Qui crediderit, et baptizatus fuerit,
salvus erit. Alleluia.
Qui vero non crediderit,
condemnabitur.
Signa eos qui in me credunt, haec sequentur:
Per nomen meum daemonia eiicient,
linguis loquentur novis,
serpentes tollent.
Et si quid letale biberint,
non eis nocebit.
Super aegros manus imponent,
et bene habebunt.
Itaque Dominus quidem,
postquam locutus est,
assumptus est in caelum,
et sedet a dextris Dei.
Illi vero egressi praedicaverunt ubique,
Domino cooperante.
Deutsche Übersetzung
Als die elf Apostel zu Tisch lagen,
erschien ihnen Iesus und tadelte sie,
weil sie denen nicht geglaubt hatten,
die ihn nach seiner Auferstehung gesehen hatten.
Und er sprach zu ihnen:
Geht in die ganze Welt
und verkündet das Evangelium aller Kreatur.
Wer glaubt und getauft wird,
wird gerettet werden. Alleluia.
Wer aber nicht glaubt,
wird verurteilt werden.
Diese Zeichen werden denen folgen,
die an mich glauben:
In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben,
sie werden in neuen Sprachen reden,
sie werden Schlangen aufheben.
Und wenn sie etwas Tödliches trinken,
wird es ihnen nicht schaden.
Kranken werden sie die Hände auflegen,
und es wird ihnen gut gehen.
Nachdem der Herr zu ihnen gesprochen hatte,
wurde er in den Himmel aufgenommen
und sitzt zur Rechten Gottes.
Sie aber gingen hinaus
und predigten überall,
wobei der Herr mitwirkte.
In Monte Oliveti
Mit In Monte Oliveti vertont Leonhard Paminger einen der eindringlichsten Passionsmomente des Neuen Testaments: das Gebet Christi am Ölberg. Der Text führt unmittelbar in die Nacht vor der Passion. Iesus hat mit seinen Jüngern das letzte Mahl gehalten, geht nach Gethsemane und ringt dort im Gebet mit dem bevorstehenden Leiden. Die Motette steht damit nicht im Bereich nachösterlicher Verkündigung wie „Discumbentibus illis undecim apostolis“, sondern am dunkelsten Punkt vor Kreuzigung und Tod: Christus weiß, was kommt, und spricht doch sein Ja zum Willen des Vaters.
Der Text ist kurz, aber von äußerster theologischer Dichte. Zunächst erscheint Christus ganz in der Schwäche der menschlichen Natur: „Pater, si fieri potest, transeat a me calix iste“ — „Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber.“ Der Kelch meint das Leiden, das er zu tragen hat. Diese Bitte ist keine Verweigerung, sondern der Ausdruck wirklicher menschlicher Angst und Erschütterung. Gerade darin liegt die Tiefe der Szene: Christus ist nicht unberührt vom Leiden, sondern nimmt es in seiner ganzen Bitterkeit wahr.
Darauf folgt der berühmte Satz „Spiritus quidem promptus est, caro autem infirma“ — „Der Geist zwar ist willig, das Fleisch aber schwach.“ In seinem biblischen Zusammenhang richtet sich dieser Satz an die Jünger, die nicht mit Christus wachen können. In der Motette erhält er zugleich eine allgemeinere geistliche Bedeutung: Der Mensch erkennt das Gute, aber seine Natur bleibt schwach; er will standhalten, aber er ermüdet. Gerade dadurch wird der Ölbergtext zu einem Spiegel menschlicher Gebrechlichkeit.
Der entscheidende Wendepunkt liegt in „Verumtamen non sicut ego volo, sed sicut tu vis“: „Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Hier wird aus der Angst das Gehorsamsgebet. Christus hebt die Bitte um Verschonung nicht einfach auf, sondern ordnet sie dem Willen des Vaters unter. Der Schluss „Pater, fiat voluntas tua“ führt diese Haltung zur letzten Klarheit: „Vater, dein Wille geschehe.“ Damit berührt der Text unmittelbar das Vaterunser, das auf der Paminger-CD ebenfalls einen wichtigen Platz hat. Das Gebet Christi am Ölberg erscheint gleichsam als vollkommen gelebtes „Fiat voluntas tua“.
Musikalisch verlangt dieser Text keine äußere Pracht, sondern Sammlung, Spannung und innere Demut. Paminger dürfte gerade die Gegensätze des Textes genutzt haben: Bitte und Ergebung, Geist und Fleisch, menschlicher Wille und göttlicher Wille. Eine solche Motette lebt weniger von dramatischer Theatralik als von konzentrierter geistlicher Rhetorik. In wenigen Sätzen entsteht ein weiter Bogen: vom Erschrecken vor dem Kelch über die Erkenntnis der Schwäche bis zur vollständigen Hingabe an den Willen Gottes.
https://www.youtube.com/watch?v=aKALxcF3_lA
Innerhalb einer erweiterten Beschäftigung mit Paminger ist „In Monte Oliveti“ besonders wertvoll, weil es seine geistliche Musik von der Passionsseite her zeigt. Neben den Bußpsalmen, Ostertexten und trinitarischen Lobgesängen tritt hier der leidende Christus selbst in den Mittelpunkt. Die Motette ist nicht lang im Text, aber groß im Gehalt: Sie zeigt den Ölberg als Ort der äußersten inneren Prüfung, aber auch als Ort des vollkommenen Gehorsams. Gerade dadurch wird sie zu einer stillen, ernsten und tief bewegenden Passionsbetrachtung.
Lateinischer Text
In monte Oliveti
orabat Iesus dicens:
Pater, si fieri potest,
transeat a me calix iste.
Spiritus quidem promptus est,
caro autem infirma.
Verumtamen non sicut ego volo,
sed sicut tu vis.
Pater, fiat voluntas tua.
Deutsche Übersetzung
Auf dem Ölberg
betete Iesus und sprach:
Vater, wenn es möglich ist,
so gehe dieser Kelch an mir vorüber.
Der Geist zwar ist willig,
das Fleisch aber schwach.
Doch nicht wie ich will,
sondern wie du willst.
Vater, dein Wille geschehe.
Te Deum
Mit Te Deum Patrem ingenitum begegnet bei Leonhard Paminger keine vollständige Vertonung des großen ambrosianischen Lobgesangs „Te Deum laudamus“, sondern eine kurze, konzentrierte trinitarische Akklamation. Der Text richtet sich ausdrücklich an Gott den Vater, den ungezeugten Ursprung, an den eingeborenen Sohn und an den Heiligen Geist, den Parakleten, also den Tröster und Beistand. Damit steht die Motette in unmittelbarer Nähe zu „O Trinitas“: Auch hier wird nicht eine biblische Szene erzählt, sondern das Geheimnis Gottes selbst bekannt und gepriesen.
Der Text ist theologisch sehr klar gebaut. Zuerst werden die drei göttlichen Personen angerufen: Pater ingenitus, der ungezeugte Vater; Filius unigenitus, der eingeborene Sohn; und Spiritus Sanctus Paraclitus, der Heilige Geist als Tröster. Danach werden sie gemeinsam als „sancta et individua Trinitas“ bekannt: als heilige und ungeteilte Dreifaltigkeit. Gerade dieses Wort „individua“ ist wichtig, weil es die Einheit Gottes betont. Der Text spricht also nicht von drei getrennten göttlichen Mächten, sondern von der einen, unteilbaren Dreifaltigkeit.
Besonders schön ist die Formulierung „toto corde et ore confitemur“: „mit ganzem Herzen und mit dem Mund bekennen wir“. Damit verbindet der Text inneren Glauben und äußeres Lob. Was im Herzen geglaubt wird, wird mit dem Mund ausgesprochen; was theologisch bekannt wird, wird zugleich musikalisch gepriesen. Die folgenden Verben „laudamus atque benedicimus“ — „wir loben und preisen“ — geben der Motette ihren eigentlichen Charakter: Sie ist keine bittende, klagende oder betrachtende Musik, sondern ein reiner Lobpreis.
https://www.youtube.com/watch?v=QdW0e99uWTw
Für Paminger ist ein solcher Text sehr bezeichnend. Als Schulmann, Theologe und Komponist stand er in einer Welt, in der Musik nicht bloß schmückendes Beiwerk war, sondern Glaubensbekenntnis, Unterweisung und liturgische Ordnung zugleich. Diese kurze trinitarische Motette zeigt seine Kunst in konzentrierter Form: Wenige Zeilen genügen, um ein ganzes Glaubensbekenntnis zu entfalten. Die Musik muss hier nicht dramatisch werden; sie soll den Text tragen, gliedern und ihm Würde geben. Gerade bei einer solchen Akklamation kann Paminger seine klare, ernste, gelehrte Polyphonie entfalten, ohne dass der Satz überladen wirken muss.
Ein schöner Bezug ergibt sich auch zum Paminger-Ensemble, das solche seltene Musik überhaupt erst wieder ins Bewusstsein bringt. Während die CD mit Stimmwerck einen breiteren Einblick in Pamingers geistliche Vokalmusik gibt, zeigen Aufnahmen und Aufführungen des Paminger-Ensembles, wie reich das noch kaum bekannte Repertoire dieses Komponisten tatsächlich ist. Gerade eine Motette wie „Te Deum Patrem ingenitum“ eignet sich dafür besonders: Sie ist kurz, klar, theologisch dicht und lässt dennoch sofort erkennen, wie selbstverständlich Paminger lateinisches Bekenntnis und polyphone Satzkunst miteinander verbindet. Das Ensemble führt damit nicht nur ein vergessenes Werk auf, sondern macht eine ganze geistliche Klangwelt des 16. Jahrhunderts wieder hörbar.
Der Schluss „Tibi gloria in saecula“ fasst alles in einer einzigen Formel zusammen: „Dir sei Ehre in Ewigkeit.“ Nach der Anrufung der Dreifaltigkeit, dem Bekenntnis mit Herz und Mund und dem Lobpreis bleibt nur noch diese doxologische Wendung. Die Motette wirkt dadurch wie eine kleine, geschlossene liturgische Miniatur: kurz im Umfang, aber groß in ihrer theologischen Klarheit.
Lateinischer Text
Te Deum Patrem ingenitum,
te Filium unigenitum,
te Spiritum Sanctum Paraclitum,
sanctam et individuam Trinitatem,
toto corde et ore confitemur,
laudamus atque benedicimus.
Tibi gloria in saecula.
Deutsche Übersetzung
Dich, Gott, den ungezeugten Vater,
dich, den eingeborenen Sohn,
dich, den Heiligen Geist, den Tröster,
die heilige und ungeteilte Dreifaltigkeit,
bekennen wir mit ganzem Herzen und mit dem Mund,
wir loben und preisen dich.
Dir sei Ehre in Ewigkeit.
Veni redemptor gentium
Mit „Veni redemptor gentium“ begegnet ein Adventshymnus von außerordentlicher geschichtlicher und theologischer Bedeutung. Der lateinische Text wird Ambrosius von Mailand (um 339–397) zugeschrieben und gehört zu den klassischen Gesängen der frühen abendländischen Kirche. In ihm wird Christus als Erlöser der Völker angerufen; zugleich richtet sich der Blick auf das Geheimnis der Menschwerdung: Nicht menschliche Zeugung, sondern das Wirken des Heiligen Geistes steht am Anfang dieses Kommens. Der Hymnus besingt daher nicht nur die Geburt Christi, sondern die göttliche Herkunft und Sendung des Erlösers.
https://www.youtube.com/watch?v=xDb4wil4ov0
Auf der Aufnahme erklingt nicht der vollständige Hymnus, sondern eine gekürzte liturgische Fassung: die ersten drei Strophen, welche das Geheimnis der jungfräulichen Menschwerdung Christi entfalten, und anschließend eine trinitarische Schlussdoxologie. Diese Kürzung wirkt keineswegs wie ein Mangel, sondern konzentriert den Text auf seinen theologischen Kern: das Kommen des Erlösers, die Fleischwerdung des göttlichen Wortes, die Geburt aus der Jungfrau und den abschließenden Lobpreis des dreieinigen Gottes.
Dass der Gesang nur einstimmig erklingt, gibt ihm eine besondere Wirkung. Zwischen den kunstvollen mehrstimmigen Werken Leonhard Pamingers führt „Veni redemptor gentium“ an den liturgischen Ursprung zurück: an den Hymnus als schlichtes, getragenes Glaubensbekenntnis. Hier steht nicht kontrapunktische Kunst im Vordergrund, sondern das gesungene Wort selbst. Gerade diese Einfachheit verleiht dem Stück Würde. Der alte Adventsgesang erscheint wie ein ruhiger, klarer Lichtpunkt innerhalb des Repertoires: nicht schmückend, sondern wesentlich; nicht äußerlich festlich, sondern von innerer Erwartung erfüllt.
Lateinischer Text
Veni, redemptor gentium,
ostende partum Virginis;
miretur omne saeculum:
talis decet partus Deum.
Non ex virili semine,
sed mystico spiramine,
Verbum Dei factum est caro,
fructusque ventris floruit.
Alvus tumescit Virginis,
claustra pudoris permanent;
vexilla virtutum micant,
versatur in templo Deus.
Deo Patri sit gloria,
eiusque soli Filio,
cum Spiritu Paraclito,
in saeculorum saecula.
Amen.
Deutsche Übersetzung
Komm, Erlöser der Völker,
zeige die Geburt aus der Jungfrau;
staunen soll die ganze Welt:
Eine solche Geburt ziemt Gott.
Nicht aus männlichem Samen,
sondern durch geheimnisvolles Wehen
ist das Wort Gottes Fleisch geworden,
und die Frucht des Leibes erblühte.
Der Schoß der Jungfrau schwillt an,
die Schranken der Keuschheit bleiben bestehen;
die Zeichen göttlicher Kräfte leuchten,
Gott weilt in seinem Tempel.
Gott dem Vater sei Ehre
und seinem einzigen Sohn,
mit dem Geist, dem Tröster,
von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Amen.
Omnis mundus iocundetur / Resonet in laudibus
Mit „Omnis mundus iocundetur / Resonet in laudibus“ begegnet eine festliche Weihnachtskomposition von Leonhard Paminger, die eine deutlich andere Seite seines Schaffens zeigt als die ernsten Buß-, Passions- und Lehrmotetten. Im Mittelpunkt steht nicht die individuelle Klage, nicht das geduldige Tragen des Kreuzes und auch nicht die dogmatische Betrachtung, sondern die Freude über die Geburt Christi. Der Text ruft die ganze Welt zur Freude auf, erinnert an die Verkündigung Gabriels und deutet die Geburt aus Maria als Erfüllung göttlicher Verheißung.
Das Stück ist als Quodlibet angelegt. Damit ist eine Kompositionsweise gemeint, bei der mehrere bekannte Melodien oder Textschichten miteinander verbunden werden. Paminger greift hier auf weihnachtliche Gesänge zurück, die im kirchlichen und volkstümlich geprägten Repertoire des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit verbreitet waren. Besonders wichtig sind die beiden Textschichten „Omnis mundus iocundetur“ und „Resonet in laudibus“. In manchen Quellen wird außerdem „In dulci iubilo“ als weitere Schicht genannt. Die einzelnen Texte sind daher nicht wie in einer einfachen Motette nacheinander zu verstehen, sondern können gleichzeitig, versetzt oder ineinander verschränkt erklingen.
Gerade diese Anlage macht den Reiz der Komposition aus. „Omnis mundus iocundetur“ formuliert den allgemeinen Freudenruf: Die ganze Welt soll sich über den geborenen Erlöser freuen. „Resonet in laudibus“ ergänzt den Gedanken des Lobgesangs: Zion und die Gläubigen sollen mit freudigem Jubel erklingen. Beide Texte kreisen um denselben theologischen Mittelpunkt, die Geburt Christi aus Maria, setzen aber unterschiedliche Akzente. Der eine Text ruft die Welt zur Freude auf, der andere betont das gemeinschaftliche Lob der Gläubigen.
https://www.youtube.com/watch?v=ikuMCXIm8R8
Musikalisch steht das Werk zwischen geistlicher Liedtradition und gelehrter Polyphonie. Die Textgrundlage ist vergleichsweise knapp und eingängig, doch die Verbindung mehrerer Schichten verlangt kontrapunktische Sorgfalt. Paminger zeigt hier nicht die lange, ausgedehnte Form einer Psalmvertonung, sondern die Kunst der konzentrierten Kombination. Das Stück lebt von Wiedererkennung, klarer Festlichkeit und geordneter Mehrstimmigkeit. Es wirkt daher unmittelbar zugänglich, ohne bloß einfach zu sein.
Inhaltlich gehört die Komposition ganz in den Weihnachtskreis. Die Geburt Christi wird nicht als private Andachtsszene betrachtet, sondern als Ereignis von allgemeiner Bedeutung: Die ganze Welt freut sich, Zion singt, die Gläubigen stimmen ein. Maria erscheint als die keusche Mutter, die durch Gabriels Botschaft den Erlöser empfangen hat. Damit verbindet das Werk Weihnachtsjubel, marianische Theologie und gemeinschaftlichen Lobgesang in knapper Form.
Für das Bild Pamingers ist dieses Stück besonders wertvoll, weil es sein Repertoire erweitert. Man begegnet ihm hier nicht nur als Komponisten ernster lateinischer Motetten, sondern auch als Musiker einer festlichen, liednahen Weihnachtsfrömmigkeit. „Omnis mundus iocundetur / Resonet in laudibus“ zeigt, dass seine Kunst nicht nur in schweren theologischen Texten überzeugt, sondern auch in kurzen, hellen und allgemein verständlichen Festgesängen. Gerade diese Verbindung aus einfacher Weihnachtsfreude und polyphoner Gestaltung macht die Komposition zu einer schönen Ergänzung seines geistlichen Œuvres.
Textschichten
Omnis mundus iocundetur
Omnis mundus iocundetur
nato Salvatore,
casta mater quem concepit
Gabrielis ore.
Sonoris vocibus,
sinceris mentibus,
exultemus et laetemur hodie.
Itaque gaudete,
gaudeamus itaque.
Deutsche Übersetzung
Die ganze Welt freue sich
über den geborenen Erlöser,
den die keusche Mutter empfangen hat
durch Gabriels Wort.
Mit klingenden Stimmen,
mit aufrichtigen Herzen
lasst uns heute frohlocken und uns freuen.
Darum freut euch,
lasst uns also froh sein.
Resonet in laudibus
Resonet in laudibus
cum iucundis plausibus
Sion cum fidelibus:
apparuit quem genuit Maria.
Sunt impleta quae praedixit Gabriel.
Eia, eia, Virgo Deum genuit,
quod divina voluit clementia.
Deutsche Übersetzung
Es erklinge im Lobgesang
mit freudigem Jubel
Zion zusammen mit den Gläubigen:
Erschienen ist der, den Maria geboren hat.
Erfüllt ist, was Gabriel vorausgesagt hatte.
Eia, eia, die Jungfrau hat Gott geboren,
wie es die göttliche Barmherzigkeit gewollt hat.
In dulci iubilo
falls diese Schicht in der betreffenden Fassung mitgeführt wird:
In dulci iubilo,
nunc cantemus Domino.
Nostri cordis gaudium
in praesepio.
Deutsche Übersetzung
In süßem Jubel
lasst uns nun dem Herrn singen.
Die Freude unseres Herzens
liegt in der Krippe.
Da es sich um ein Quodlibet handelt, werden die Texte nicht als fortlaufende Abfolge, sondern als miteinander verflochtene Textschichten verstanden. In der hier behandelten Fassung stehen vor allem „Omnis mundus iocundetur“ und „Resonet in laudibus“ im Vordergrund; „In dulci iubilo“ kann je nach Überlieferung beziehungsweise Aufführung als weitere Schicht hinzutreten.
Surrexit Christus hodie
Mit „Surrexit Christus hodie“ begegnet bei Leonhard Paminger ein österlicher Gesang von schlichter, aber unmittelbarer Strahlkraft. Der Text gehört zur alten Tradition lateinischer Osterlieder und verkündet in knapper Form das zentrale Ereignis des christlichen Glaubens: Christus ist auferstanden. Anders als die großen, theologisch ausgreifenden Psalm- oder Lehrmotetten Pamingers steht hier nicht die ausführliche Betrachtung im Vordergrund, sondern der klare Jubelruf. Schon die ersten Worte sagen alles Wesentliche: „Surrexit Christus hodie“ — Christus ist heute auferstanden.
Der Hymnus verbindet Osterfreude mit Erinnerung an die Passion. Christus ist auferstanden, nachdem er am Vortag den Tod erlitten hat; die Frauen kommen zum Grab und bringen wohlriechende Spezereien; der Osterjubel mündet in das Alleluia. Dadurch bleibt die Freude nicht oberflächlich: Sie steht im Licht des Leidens, das überwunden ist. Der Tod ist nicht vergessen, aber er hat nicht das letzte Wort. Gerade diese enge Verbindung von Karfreitag und Ostermorgen gibt dem Text seine geistliche Kraft.
https://www.youtube.com/watch?v=7NB24hGCups
Musikalisch gehört das Stück eher in die Welt des knappen, festlichen Osterliedes als in die einer breit angelegten Motette. Paminger zeigt sich hier nicht als Komponist schwerer kontrapunktischer Meditation, sondern als Bearbeiter eines klaren, liturgisch geprägten Auferstehungsgesangs. Die Musik dürfte den Text nicht dramatisieren, sondern den österlichen Ruf deutlich tragen. Entscheidend ist die Formelhaftigkeit des Gesangs: kurze Zeilen, regelmäßige Alleluia-Rufe, klare Erinnerung an Christus, Tod, Grab und Auferstehung. Gerade diese Einfachheit macht das Stück wirkungsvoll.
Für das Gesamtbild Pamingers ist „Surrexit Christus hodie“ eine schöne Ergänzung. Neben seinen Bußpsalmen, Kreuzes- und Trinitätsmotetten sowie weihnachtlichen Quodlibets erscheint hier der österliche Kern der christlichen Frömmigkeit. Das Stück steht nicht am Rand, sondern berührt den Mittelpunkt: Der Gekreuzigte lebt. In dieser Kürze liegt seine Stärke — eine kleine Osterverkündigung, die nicht erklären muss, sondern bekennt.
Lateinischer Text
Surrexit Christus hodie,
alleluia, alleluia,
humano pro solamine,
alleluia, alleluia.
Mortem qui passus pridie,
alleluia, alleluia,
miserrimo pro homine,
alleluia, alleluia.
Mulieres ad tumulum,
alleluia, alleluia,
portaverunt aromata,
alleluia, alleluia.
Discipulis hoc dicite:
alleluia, alleluia,
surrexit Christus hodie,
alleluia, alleluia.
Deutsche Übersetzung
Christus ist heute auferstanden,
Alleluja, Alleluja,
zum Trost der Menschheit,
Alleluja, Alleluja.
Er, der am Vortag den Tod erlitten hat,
Alleluja, Alleluja,
für den elenden Menschen,
Alleluja, Alleluja.
Die Frauen kamen zum Grab,
Alleluja, Alleluja,
und brachten wohlriechende Spezereien,
Alleluja, Alleluja.
Sagt dies den Jüngern:
Alleluja, Alleluja,
Christus ist heute auferstanden,
Alleluja, Alleluja.
Kaiser Augustus leget an (zugeschrieben)
Mit „Kaiser Augustus leget an“ begegnet ein deutschsprachiges Weihnachtslied in erzählender Strophenform. Der Text folgt dem Beginn der Weihnachtsgeschichte nach Lukas: Kaiser Augustus ordnet die Schätzung an, Ioseph macht sich mit Maria auf den Weg nach Bethlehem, dort wird das Kind geboren und in eine Krippe gelegt, weil in der Herberge kein Raum ist. Anschließend erscheint den Hirten auf dem Feld der Engel und verkündet ihnen die Geburt des Heilands. Die Sprache ist schlicht, bildhaft und unmittelbar verständlich; sie steht ganz im Dienst der Erzählung und verzichtet auf gelehrte Ausschmückung.
Gerade diese Schlichtheit macht den Reiz des Stückes aus. Nach den lateinischen Motetten und kunstvolleren geistlichen Sätzen zeigt sich hier eine andere Seite der Weihnachtsmusik: nicht dogmatische Verdichtung, nicht polyphone Textverflechtung, sondern die klare Nacherzählung des Evangeliums in deutscher Liedform. Der Text gehört damit in den Umkreis älterer Weihnachts- und Christgeburtslieder, wie sie im kirchlichen, schulischen oder häuslichen Zusammenhang gesungen werden konnten. Die Weihnachtsgeschichte wird nicht aus der Ferne betrachtet, sondern in eine einfache, volksnahe Sprache übertragen.
https://www.youtube.com/watch?v=GZX4jF5aTFs
Musikalisch dürfte der Satz knapp und liedhaft angelegt sein. Die Strophenform legt nahe, dass die Melodie und der mehrstimmige Satz vor allem der Verständlichkeit des Textes dienen. Das Stück lebt weniger von großer kontrapunktischer Ausarbeitung als von seiner erzählenden Direktheit. Gerade dadurch bildet es eine schöne Ergänzung zu den gelehrteren Werken aus dem Paminger-Umfeld: Die gleiche Weihnachtsbotschaft, die in lateinischen Hymnen und Motetten theologisch verdichtet erscheint, wird hier in deutscher Sprache schlicht und anschaulich erzählt.
Text
Kaiser Augustus legte an
die erste Schätzung auf jedermann;
da machte sich Joseph auf die Fahrt
mit Maria, der Jungfrau zart.
Von Nazareth ins jüdisch Land,
in sein Stadt, Bethlehem genannt;
als sie nun waren kommen dar,
Maria ihr Söhnlein gebar.
Sie wickelt ihn in Windelein
und legt ihn in ein Krippelein;
kein Raum sonst in der Herberg war,
da diente ihr der Engel Schar.
Die Hirten wachten zu der Zeit
bei ihrem Vieh im Felde weit;
und sieh, der Engel trat zu ihn’,
des Herren Klarheit sie umschien.
„Erschrecket nicht“, der Engel sprach,
„ein große Freud ich euch ansag:
Heut ist der Heiland euch gebor’n,
welcher ist Christ, der Auserkor’n.“
